Читать книгу: «Das lachende Baby»

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Über das Buch

Das lachende Baby erzählt von Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen und zeigt, dass Lachen uns miteinander verbindet, dass es die Hintergrundmusik unserer Erfolge ist, dass es uns tröstet, dass es uns beschwingt.

Das erste Lachen von Babys ist ein magischer Augenblick. Eltern erinnern sich immer daran. Wir wissen, dass ein Baby in den ersten zwei Jahren mehr lacht als in allen folgenden, aber warum sie so viel lachen, ist wenig erforscht. Der Entwicklungspsychologe Caspar Addyman ist diesem Phänomen mit einer großangelegten Studie nachgegangen und kommt zu dem Schluss, dass Lachen evolutionär tief in uns verwurzelt und wichtig für unsere frühe Entwicklung ist. Mit dem Lachen, das ist seine Erkenntnis, teilt uns das Baby seine Erfolge mit, und es lohnt sich, innezuhalten und zu betrachten, wie Babys gedeihen und sich anstrengen, größere Ziele zu erreichen. Addyman berichtet von der vorgeburtlichen Entwicklung, macht deutlich, wie sich gleich nach der Geburt die Bindung zwischen Mutter und Kind aufbaut, dass das erste Lächeln immer authentisch ist und Ausdruck davon, dass das Baby glücklich ist, satt und zufrieden. Er befragt psychoanalytische und philosophische Konzepte, erklärt, wie sich Babys durch einfache Vergnügungen wie Kitzeln und beim Baden mit Wasserspritzen ihres Körpers bewusst werden, was Lächeln im Schlaf bedeutet, wie wichtig Berührungen und Musik sind, und dass das Kuckuck-Spiel, das alle Babys begeistert, die reine soziale Interaktion ist.

Der Autor

Dr. Caspar Addyman ist Dozent für Psychologie und Direktor des InfantLab an der Goldsmiths University of London. Er hat Mathematik und Biologie studiert und an dem renommierten Birkbeck Babylab promoviert. Wie Babys Sprache und Konzepte erwerben und ein Zeitgefühl entwickeln war Gegenstand seiner Forschung. Seit 2012 untersucht er, was Babys zum Lachen bringt und warum. Er lebt in London.

Caspar Addyman

DAS
LACHENDE
BABY

Fröhliche Wissenschaft: Was Babys glücklich macht

Aus dem Englischen von

Ursel Schäfer

Verlag Antje Kunstmann


Für meine Mutter

Mit besonderem Dank an Lindsay Addyman und Imogen Heap für ihre großzügige Unterstützung bei diesem Buch

Inhalt

Einleitung: Was ist so lustig?

Kapitel eins: Eine Zeit vor dem Lächeln

Kapitel zwei: Alles Gute zum Geburtstag

Kapitel drei: Die kleinen Vergnügungen

Kapitel vier: Schlafen!?

Kapitel fünf: Die erste Berührung

Kapitel sechs: Kitzeln, Hinfallen und an den Zehen knabbern

Kapitel sieben: Spielzeugfreuden

Kapitel acht: Überraschung!

Kapitel neun: Lache, und die Welt lacht mit dir

Kapitel zehn: Der Klang des Glücks

Kapitel elf: Fröhliches Geplauder

Kapitel zwölf: Ja, Nein, Maybe Baby

Kapitel dreizehn: Freunde

Nachwort: Lachen ist wichtig

Literaturverzeichnis

Einleitung
Was ist so lustig?

Babys sind so ein schöner Weg, um Menschen zu beginnen.

Don Herold, amerikanischer Humorist (1889–1966)

Welch Meisterwerk ist doch der Mensch, wie groß an Vernunft, wie unbegrenzt an Fähigkeiten, an Gestalt und an Geste wie wunders harmonisch verschmolzen, im Tun wie gleich einem Engel, im Begreifen wie gleich einem Gott: das Schmuckstück der Welt, die Vollendung alles Lebendigen!

William Shakespeare, Hamlet, Zweiter Akt, 2. Szene

Selbst der düstere Prinz von Dänemark muss zugeben, dass Menschen etwas Großartiges sind. Dank Charles Darwin betrachten wir uns nicht mehr allein als den Gipfel der Evolution. Wir sind nur ein kleiner Zweig im Dickicht des Lebens. Wir besetzen eine Nische als soziale, aufrecht gehende Allesfresser. Wenn wir uns auf dem Planeten umschauen, sehen wir, dass wir viele gut angepasste Mitbewohner mit herausragenden Eigenschaften haben, die alle etwas ganz hervorragend können. Adler und Haie sind bessere Jäger als wir. Geparden und sogar Flusspferde können schneller laufen als wir. Grönlandwale leben länger als wir. Pflanzen und Amphibien haben größere Genome. Und Bakterien sind die heimlichen Herrscher der Welt. Aber kein Lebewesen ist so klug, so geschickt, so sozial, so kooperativ und so gefühlvoll wie wir Menschen, von künstlerischem Talent, Sprache und Musikalität ganz zu schweigen. Wir sind als Art beeindruckend, und dennoch kommen wir beinahe vollkommen hilflos zur Welt.

Andererseits: Wenn Menschenbabys nicht so hilflos wären, wären wir nicht so klug. Wenn unsere Babys nicht unsere Hilfe bräuchten, wären wir nicht so sozial. Die Verbindung zu unserem Nachwuchs macht uns sogar musikalisch und künstlerisch kreativ. Für beide sind die ersten beiden Lebensjahre das Trainingsset – für einen Wohlfühlfilm.

Babys sind eine reine Freude, und dieses Buch feiert ihre Leistungen und ihre Begeisterung dabei. Beides hängt eng zusammen. In ihren ersten beiden Lebensjahren arbeiten Babys sehr hart, doch für sie ist es wie Spiel. Sie lernen viel, und sie lachen viel. Neugier und Entzücken treiben sie an. Überraschende Entdeckungen und tägliche Fortschritte sorgen dafür, dass sie immer weitermachen. Von den Eltern kommen Unterstützung und Ermutigung – sie befriedigen die Grundbedürfnisse der Babys und strukturieren ihr Leben. Aber die Babys erklimmen die Berge und stehen triumphierend auf den Gipfeln.

In diesem Buch wird nicht aufgezählt, was man tun und lassen soll, wenn man einen Superhelden großzieht. Es ist kein Elternratgeber voller Empfehlungen und Warnungen. Es geht vielmehr um die Wissenschaft, ein Baby zu sein. Nicht als Vater, sondern als Entwicklungspsychologe interessiere ich mich für die Sicht der Babys. Ich möchte wissen, was sie denken, wie sie lernen und warum sie dabei so viel Spaß haben. Ein Baby zu sein ist ein großes Abenteuer mit vielen Höhen und Tiefen. Elternratgeber helfen Ihnen, die Tiefpunkte zu vermeiden, aber ich glaube, man kann auch von den Höhepunkten viel lernen.

Ich befasse mich seit 2005 wissenschaftlich mit Babys, aber erst 2012 habe ich begonnen, das Lachen der Babys ernst zu nehmen. Meine jüngere Schwester hatte gerade ihr zweites Kind bekommen, und mein jüngerer Bruder trat als Comedian auf. Ich überlegte, was wir alle gemeinsam tun könnten. Und dann hatte ich die Idee! Max konnte das Baby zum Lachen bringen, und ich konnte erklären, war um das funktionierte. Es stellte sich heraus, dass Comedians das Lachen ziemlich ernst nehmen, deshalb fand Max die Aufgabe zu leicht. Aber die Idee blieb in meinem Kopf, und ich überlegte, ob das Lachen von Babys ein angemessener Forschungsgegenstand war.

Wie ich feststellte, gab es bis dahin nur sehr wenig Forschung dazu. Lachen ist etwas Spontanes und deshalb schwierig im Labor zu untersuchen. Das gilt ganz besonders für Babys: Sie lachen zwar oft, es kann uns aber bisweilen Rätsel aufgeben, dass sie über gänzlich unerwartete Dinge lachen. Comedy für Babys ist schwieriger, als man vielleicht denkt. Nur wenige Wissenschaftler hatten die Herausforderung angenommen, das Lachen zu studieren; Lachen galt üblicherweise als Marker für etwas anderes, als eine Möglichkeit, um frühen Humor und Spaß zu verstehen, oder als Hinweis auf das Temperament des Babys und seine gute Laune. Selten betrachtete man Lachen als zentrales Element der Entwicklung.

Lachen kommt im Alltag eines Babys häufig vor und ist für alle Menschen immer faszinierend. Ich spürte, dass es wichtig sein musste. Ich richtete eine Website ein und entwarf eine detaillierte Studie zum Babylachen. Journalisten aus aller Welt berichteten über das Projekt, Tausende Eltern aus Dutzenden von Ländern füllten meinen Fragebogen aus. Hunderte andere schickten mir kurze »Feldstudien« und Videos von dem, was ihre Babys zum Lachen brachte. Ich nahm das Babylachen wirklich sehr ernst.

Inzwischen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mit meiner Intuition im Wesentlichen richtiglag. Lachen ist wichtig für unsere frühe Entwicklung, und die Evolution hat das Lachen tief in uns verwurzelt. Das heißt nicht, dass Babys, die lachen, sich besser entwickeln. Es gibt keine empfohlene Tagesdosis Lachen. Am besten stellt man sich das Lachen als fröhliches Gegengewicht zum Weinen vor. Wenn ein Baby weint, konzentrieren wir uns nicht auf das Weinen an sich: Wir unterbrechen das, was wir gerade tun, und versuchen, das Problem zu lösen, von dem uns das Baby berichtet. Lachen ist das Gegenteil, damit teilt uns das Baby seine Erfolge mit. Ich glaube, es lohnt sich, innezuhalten und diese Triumphe näher zu betrachten. Tatsächlich könnte das der Sinn und Zweck des Lachens sein.

Während ich das Lachen studierte, dehnte sich mein Interesse auf all die Aspekte aus, wie Babys gedeihen und wie sie sich anstrengen, ihre größeren Ziele zu erreichen. Deshalb geht es in diesem Buch um die Gefühle der Babys, um ihre Kontakte, ihr Lernen und ihre Neugier. Es behandelt die ersten beiden Lebensjahre ungefähr in chronologischer Reihenfolge, aber ich habe vermieden, zu viele Meilensteine zu setzen. Meilensteine haben keine besondere Bedeutung. Jedes Baby geht seinen eigenen Weg. Dieses Buch befasst sich mit dem Weg, nicht mit dem Ziel.

Auch jenseits der ersten beiden Lebensjahre haben wir noch viel mit Wachsen und Lernen zu tun. Die Grundlagen, die wir schaffen, sind wichtig. Die Untersuchung unserer Anfänge hilft, uns selbst besser zu verstehen. Glauben Sie ja nicht, dass es in diesem Buch nur um Spaß und Spiele von Babys geht. Es steckt eine Menge ernsthafte wissenschaftliche Forschung darin, und ich werde viele Schlüsselkonzepte erklären, die weit über die Babyzeit hinaus Bedeutung haben. Wir werden uns mit so großen Fragen befassen wie der, wie der Geist arbeitet, wie wir uns entwickeln, was Gefühle sind und was Kunst ist. Dabei werden wir erleben, dass Babys es mit intellektuellen Giganten wie René Descartes, Sigmund Freud, Noam Chomsky und Ludwig Wittgenstein aufnehmen können.

Letzten Endes soll dieses Buch jedoch das Unmögliche leisten und den wunderbaren Klang eines Babylachens noch zauberhafter machen. Wenn mir das nicht gelingt, suchen Sie sich am besten ein Baby und lassen Sie sich von ihm unterhalten.

Eine Anmerkung zu den wissenschaftlichen Quellen

Im gesamten Buch bemühe ich mich, frühere Leistungen zu würdigen. Wissenschaft ist ein kooperatives und kumulatives Unterfangen. Isaac Newton prägte 1675 den berühmten Satz: »Wenn ich weiter geblickt habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe.« Wissenschaftlicher Fortschritt vollzieht sich durch Evolution. Revolutionen in der Wissenschaft verwerfen selten Früheres, sie verfeinern es eher. Wir streiten über die Details, aber wir arbeiten alle am selben großen Bild.

Nur ein kleiner Teil der Forschung in diesem Buch ist meine eigene, und meistens gebe ich nur eine Zusammenfassung. Es ist wichtig, die Personen zu würdigen, die die Arbeit geleistet haben, und darauf hinzuweisen, wo das vollständige Original zu finden ist. Populärwissenschaftliche Bücher verstecken diese Information oft in Fußnoten oder Endnoten oder lassen sie ganz weg. Ich ziehe das Verfahren vor, das psychologische Fachzeitschriften praktizieren: Wenn man eine Studie referiert, nennt man die Namen der Verfasser und das Erscheinungsjahr (Autor und Autor, Jahr). Eine frühe Arbeit über glückliche Babys stammt beispielsweise von Charles Darwin. Seine Schrift »Biografische Skizze eines kleinen Kindes« erschien 1877 in der Zeitschrift Mind, und der Verweis darauf sieht so aus: (Darwin 1877). Natürlich können Sie die Angabe überspringen. Aber immer, wenn Sie einen Verweis sehen, sollten Sie sich bewusst sein, dass diese Personen die wirkliche Arbeit geleistet haben. Der vollständige Titel des Werks und wo es veröffentlicht wurde finden sich im Literaturverzeichnis am Schluss des Buchs.

Auch auf Fußnoten habe ich verzichtet. Wissenschaftler sind ein pedantisches Volk, die immer Ausnahmen, Annäherungen und Alternativen hervorheben. Das ist für alle sehr mühsam, deshalb habe ich es gelassen (ich habe sogar versucht, Klammern zu vermeiden).


Kapitel eins
Eine Zeit vor dem Lächeln

Als das erste Baby zum ersten Mal lachte, zerbrach sein Lachen in tausend Stücke, und die hüpften alle herum, und so nahmen die Elfen ihren Anfang.

J. M. Barrie, Peter Pan, 1904

Das erste Lachen eines Babys ist ein magischer Augenblick. Eltern erinnern sich noch nach Jahren daran. Es passiert irgendwann nach den ersten Wochen bis zum Alter von vier oder fünf Monaten, und das erste Lachen wird sehr wahrscheinlich klein und fein sein, ein leichtes, gehauchtes Glucksen. Ein Baby kann die schnellen Kontraktionen der Zwischenrippenmuskeln noch nicht koordinieren, die nötig sind, um richtig zu lachen, aber der Klang ist trotzdem eindeutig.

Für den griechischen Philosophen Aristoteles ist der Moment, in dem wir zum ersten Mal lachen, der Zeitpunkt, an dem die Seele in den Körper einzieht und wir wirklich zu Menschen werden. Er meinte, das Lachen unterscheide uns von den Tieren. Damit irrte er sich natürlich. Auch Tiere können lachen und tun es, die Grenze zwischen uns und anderen Arten ist graduell, eine Sache von Genen und Kultur. Statt von Seele würden wir heute wohl von »Bewusstsein« sprechen, und wir wissen, dass es langsam entsteht.

Das erste Lachen eines Babys ist ein ganz besonderes Ereignis, das als große Veränderung erlebt wird. Manchmal ist es eine spontane Bekundung des Wohlbefindens und der Zufriedenheit: »Ich habe es warm und bin glücklich und voll mit Muttermilch.« Oder es ist die Reaktion auf etwas, das das Baby sieht, etwa einen Schatten an der Wand. Am allerbesten ist es, wenn das Lachen durch etwas ausgelöst wird, was ein Elternteil macht – ins Zimmer zurückkommen oder dem Baby einen Kitzelkuss geben. Wie flüchtig das erste Lachen auch sein mag, Eltern werden darin erkennen, dass Lachen »ein aufgeplatztes Lächeln« ist. Zum ersten Mal bringt ein Baby sein absolutes Entzücken über die Welt zum Ausdruck.

Die meisten Eltern vergessen diesen Augenblick nie. Als ich 2012 eine weltweite Umfrage zum Babylachen durchführte, machte sich eine Mutter, Mary, die Mühe, mir ausführlich über den »engelsgleichen Ton« zu schreiben, den ihre kleine Tochter von sich gab, als sie ihren Bauch küsste. Das Ereignis lag mittlerweile 42 Jahre zurück, aber für Mary war es immer noch ganz präsent, und der Gedanke dar an ließ sie »lächeln vor GLÜCK«. Viele Geschichten klangen ähnlich. Das ist ziemlich erstaunlich, weil die Erinnerung von Erwachsenen im Allgemeinen sehr vage und unbestimmt ist. Was haben Sie gestern zu Mittag gegessen, was haben Sie an Ihrem letzten Geburtstag gemacht? Nicht viele Ereignisse in unserem Erwachsenenleben prägen sich wirklich gut ein. Selbst Hochzeitstage verschwimmen. Aber das erste Lachen unserer Kinder, ihre ersten Schritte, die ersten Worte bleiben uns im Gedächtnis und bringen uns noch Jahrzehnte später zum Lächeln. Erinnerungen an das erste Lächeln können schlechter fassbar und diffus sein. Eltern fällt es meistens schwer, zu sagen, wann das Kind zum ersten Mal lächelte, und noch schwerer, sich daran zu erinnern. Dabei spielen mehrere Dinge eine Rolle. Ein Lächeln ist nicht nur unmerklicher und flüchtiger, den Eltern wurde auch vielfach beigebracht, an ihrem eigenen Urteil zu zweifeln.

Immer wieder hört man, ein Lächeln vor der sechsten Lebenswoche habe nichts zu bedeuten; es sei nur aufgestaute Luft oder ein Zeichen, dass das Baby gerade in die Windel macht, und nicht wirklich ein Ausdruck von Vergnügen oder Zufriedenheit. Dieser Mythos ist weitverbreitet und hält sich hartnäckig. Ich bin ihm sogar auf Hebammenseiten im Internet begegnet. Ich lehne diese Auffassung radikal ab. Natürlich ziehen Babys komische Gesichter, wenn sie rülpsen oder pupsen. Doch sie lächeln auch aus echter Zufriedenheit. Die Eltern, die ich befragt habe, waren überzeugt, dass sie bei ihrem Baby schon ganz früh echtes Lächeln gesehen hatten, und ich glaube ihnen. Zweifellos sind Eltern ein bisschen voreingenommen, aber sie beobachten ihr Baby auch genauer als jeder andere. Niemand bezweifelt, dass die ersten Schreie und die ersten Tränen echt sind. Wenn ein Baby unglücklich ist, erkennt das jeder. Doch seltsamerweise bestreiten Experten oft, dass frühe positive Gefühle echt sind, und behaupten, das erste Lächeln sei kein »richtiges Lächeln«.

Das macht es noch schlimmer: Frischgebackene Eltern hören von Experten, dass sie sich bei einer so grundlegenden Sache irren. Weil sie ohnehin unsicher sind, ist das nicht gerade hilfreich. Die Schlüsselbotschaft dieses Buchs lautet, dass Eltern und ihre Babys das meiste selbst herausfinden. Niemand ist auf ein Baby perfekt vorbereitet. Aber Eltern wissen mehr, als sie denken, und sie lernen schnell. Für das Baby sind die ersten Lebenswochen sogar noch anstrengender und verwirrender, aber ihr zaghaftes Lachen und Lächeln sind Zeichen, dass sie Fortschritte machen. Niemand sollte ihnen das wegnehmen. Glücklicherweise werden wir feststellen, dass die Eltern recht haben und nicht die Experten, denn Babys können Freude sogar schon vor der Geburt empfinden und ausdrücken.

Ein weiterer Meilenstein für junge Mütter wird oft übersehen. Wann hat das Baby seine Mutter zum ersten Mal zum Lachen gebracht? Das passiert früher, als man gemeinhin denkt. Natürlich kann es ganz am Anfang ein breites Lächeln geben. Vielleicht, wenn die Mutter erstmals vermutet, dass sie schwanger ist. Oder wenn der zweite blaue Strich auf dem Schwangerschaftstest die Vermutung bestätigt? Oder vielleicht ein bisschen später, wenn sie eine andere Mutter mit ihrem neugeborenen Baby sieht und ihre Zukunft dadurch für sie konkreter wird?

Heimliche Freude

Aber ich meine nicht diese Augenblicke. Mir gefällt die Vorstellung, dass ein Baby seine Mutter zum ersten Mal direkt zum Lachen bringt, wenn sie spürt, dass es sich in ihrem Bauch bewegt. Eine gute Freundin hat mir erzählt, dass sie lachen musste, als sie merkte, dass ihre ungeborene Tochter Schluckauf hatte. Doch auch viel harmlosere Dinge bringen eine Mutter zum Lächeln. Oft ist es einfach die Freude über eine greifbare neue Realität.

An Chitra Ramaswamys Buch Expecting über ihre Schwangerschaft gefällt mir eine Passage ganz besonders. Darin schildert sie, wie sie mit Freunden zum Abendessen ausgeht, um ihren Geburtstag zu feiern. Im fünften Monat schwanger, kann sie die exotischen Köstlichkeiten auf der Speisekarte nicht wirklich genießen, und die Bewegungen ihres Babys lenken sie vom Gespräch mit ihren Freunden ab.

Ich nippte am Champagner, der eher wie Apfelmost schmeckte, und tat so, als würde ich der Unterhaltung folgen, während das Baby in meinem Bauch strampelte. Ich erzählte nichts von diesem kurzen Feuerwerk. Ich hatte nicht das Bedürfnis, dar über zu sprechen. Niemand anderer konnte es spüren, niemand anderer konnte es verstehen. Es war mein geheimer Morsecode, der eine Botschaft an mein Inneres sandte. Freude durchströmte mich. Es war einer der glücklichsten Augenblicke in meinem Leben, ich kann ihn zurückrufen, wann immer ich will, und ich tue es oft (Ramaswamy 2016, S. 84f.).

Diese ganz private Freude wurde zu einem der glücklichsten Augenblicke in ihrem Leben. Ramaswamy zitiert dazu auch eine Schlüsselszene aus Tolstois Anna Karenina, einem Meisterwerk des Realismus. Anna ist schwanger mit dem Kind ihres Geliebten Wronski, aber zwischen ihnen stehen hohe Hindernisse, denn sie ist mit einem anderen verheiratet. Sie hat geträumt, dass sie bei der Geburt sterben wird, und erzählt es Wronski, was zu einer weiteren angespannten Diskussion über ihre aussichtslose Affäre führt. Doch plötzlich werden Annas große Ängste von einem Glücksgefühl in den Hintergrund gedrängt, als sie spürt, wie sich das Baby in ihrem Bauch bewegt.

Jahrtausendelang waren die ersten Kindsbewegungen das erste große Ereignis in der Schwangerschaft. Bevor es Schwangerschaftstests und moderne medizinische Methoden gab, konnte eine Frau erst von da ab mit Sicherheit sagen, dass sie schwanger war. Die alten Griechen und Römer glaubten, in dem Augenblick ziehe die Seele in den Körper ein. Sie dachten, die Bewegungen zeigten den Zeitpunkt an, in welchem dem Fötus Leben »eingehaucht« werde – animus und anima sind die lateinischen Wörter für Geist und Seele, und beide haben ihre Wurzeln in einem noch viel älteren proto-indoeuropäischen Wort für Atem oder Atmen.

In der Rechtsordnung sind die ersten Kindsbewegungen ebenfalls der Zeitpunkt, der Leben von potenziellem Leben trennt. Im englischen Common Law war Abtreibung bis zu diesem Augenblick zulässig, und Angriffe auf eine Frau, die zu einer Fehlgeburt nach den ersten Kindsbewegungen führten, wurden schwerer bestraft. Bis 1869 vertrat sogar die katholische Kirche diese Auffassung; Abtreibungen vor den ersten Kindsbewegungen galten als Vernichtung von potenziellem Leben und nicht von tatsächlichem Leben. Die juristischen Definitionen drehen sich heute darum, ob der Fötus außerhalb des Mutterleibs lebensfähig ist. Das englische Recht geht davon aus, dass ein Fötus ab der vollendeten 24. Woche »lebensfähig geboren werden kann«, und juristisch zur Person wird ein Baby in dem Augenblick, wenn es seinen ersten Atemzug tut, in Deutschland ab Beginn der Geburt.

In der privaten Geschichte einer Schwangerschaft sind die ersten Kindsbewegungen ein großer Meilenstein. Die allerersten Regungen sind greifbare Freude, buchstäblich ein »berührender« Augenblick. Von da an hat die Mutter eine neue Verbindung zu ihrem kleinen Mitbewohner und kann damit beginnen, Mutmaßungen über seine Persönlichkeit anzustellen. Sie vergleicht die Bewegungen im eigenen Leib mit dem, was andere Mütter erleben – wird er oder sie eher spät am Abend munter oder früh am Morgen? Wie reagiert er oder sie auf Musik, auf die Stimmungslage der Mutter, auf Kaffee oder Kuchen?

Eine Frau, die zum ersten Mal Mutter wird, spürt die Bewegungen ihres Kindes üblicherweise zwischen der 16. und der 20. Woche. Beim zweiten Kind werden die Kindsbewegungen bereits einige Wochen früher wahrgenommen, weil die Uteruswände dünner sind. Aber der Fötus bewegt sich schon lange, bevor die Mutter es registriert. Die ersten Bewegungen erfolgen vier bis acht Wochen nach der Empfängnis. Zu dem Zeitpunkt kann die Mutter noch nichts spüren, denn der Fötus ist erst so groß wie eine Linse.

Schon vor Einführung der hormonellen Schwangerschaftstests in den 1970er-Jahren merkten die meisten Frauen die starken Veränderungen in ihrem Körper, wenn ein befruchtetes Ei sich eingenistet hatte. Alles beginnt mit einer Flut von humanem Choriongonado tropin (für Eingeweihte hCG), das freigesetzt wird, wenn sich die Plazenta bildet. Das hCG informiert die Eierstöcke, dass eine Schwangerschaft eintritt, und bringt sie dazu, weiter Progesteron zu produzieren, während die Plazenta die Produktion von Östrogen übernimmt. Die Spiegel dieser beiden wichtigsten weiblichen Hormone steigen die gesamte Schwangerschaft hindurch an. Ein drittes wichtiges Hormon, Oxytocin, kommt später, um die Zeit der Geburt, ins Spiel.

Progesteron erhöht die Körpertemperatur der Mutter und steigert ihren Stoffwechsel, was zusätzliche Energie erfordert – einer der Gründe, warum werdende Mütter dauernd müde sind. Progesteron setzt auch die Muskelspannung herab, was in späteren Stadien der Schwangerschaft nützlich ist, aber am Anfang Auswirkungen auf Magen und Darm haben und Sodbrennen durch den Rückfluss von Magensäure verursachen kann. Das Östrogen verändert Geruchs- und Geschmackssinn, und man vermutet, dass es schuld ist an der Morgenübelkeit mit Erbrechen und Magenkrämpfen. Zu allem Überfluss hat die Frau gerade erst festgestellt, dass sie schwanger ist. Es ist nur nachvollziehbar, wenn sie sich ein bisschen wackelig fühlt und im Dunkeln tappt, und da ist die erste Bewegung des Babys beruhigend.

Im Dunkeln können wir lauschen. Das Leben im Mutterleib abzuhören war 200 Jahre lang ein wichtiger Bestandteil der Geburtshilfe. Das schlichte Stethoskop und sein moderner Verwandter, das Ultraschallgerät, wurden beide von Geburtshelfern erfunden. 1816 entwickelte René Laënnec das Stethoskop. Es war ihm unangenehm, dass er sein Ohr auf den Brustkorb einer Frau legen musste, um ihr Herz abzuhören, und so erfand er ein Hörrohr. Laënnec und seine Kollegen erkannten, dass die neue Erfindung ihnen auch ermöglichte, den Herzschlag eines ungeborenen Kindes abzuhören. Die ersten Berichte über die kindliche Herzschlagfrequenz stammen aus dem Jahr 1821, von Laënnecs Schüler Jean-Alexandre Le Jumeau de Kergaradec (Wulf 1985). Das Y-förmige Stethoskop tauchte 1851 auf und hat sich seither nicht sehr verändert. Damit kann man den Herzschlag eines Babys ab der 22. Schwangerschaftswoche hören, allerdings in Abhängigkeit von der Lage im Mutterleib (und je nachdem, wie laut die Geräusche im Bauch der Mutter sind). Mit einem Stethoskop könnte man sogar feststellen, ob es Zwillinge werden.

Die Messung der fötalen Herzfrequenz und ihrer Variation gibt den Ärzten Aufschluss über den Gesundheitszustand des Fötus. Die Herzfrequenz wird durch zwei komplementäre Systeme geregelt, das sympathische und das parasympathische Nervensystem. Das sym pathische Nervensystem steigert die Herztätigkeit, und das parasympathische hemmt sie. Normalerweise befinden sie sich im Gleichgewicht, und die Herzfrequenz geht mal herauf und dann wieder zurück. Ein sehr schneller oder sehr langsamer Herzschlag oder auch fehlende Variabilität können für Ärzte ein Warnsignal sein.

Der Pionier beim Einsatz von Ultraschall in der Gynäkologie war Ian Donald, Geburtshelfer am Glasgow Royal Maternity Hospital. Er wusste, dass hochfrequente Schallwellen in der Industrie zum Einsatz kamen, um Fehler bei Schweißnähten und Verbindungen zu entdecken, und fragte sich, ob das nicht auch bei Gewebe funktionieren könnte. 1955 besuchte er den Anlagenbauer Babcock & Wilcox in Glasgow. Donald brachte zwei Wagenladungen medizinische Proben mit und stellte fest, dass der industrielle Ultraschall anomale Signale von Tumoren und Zysten aufspüren konnte. Zusammen mit seinen Kollegen baute er ein eigenes Gerät und begann mit dem Einsatz in der Diagnostik. Ihre Erkenntnisse fassten sie 1958 in einem Artikel für die Medizinzeitschrift The Lancet zusammen (Donald, Macvicar und Brown 1958). Damit lösten sie eine Revolution in der medizinischen Diagnostik aus.

Ultraschall und die Aufzeichnung der Herzschlagfrequenz sind die beiden wichtigsten Säulen bei der Überwachung der Entwicklung des Fötus. Entwicklungsforscher wie ich nutzen diese Verfahren, um festzustellen, was Babys im Mutterleib erleben. Dank der Herzfrequenzmessung können wir sagen, wenn ein Fötus durch etwas überrascht wird. Mit dem Ultraschall sehen wir, wie ein Fötus sich als Reaktion auf Geräusche, Bewegungen oder andere Reize bewegt. Zusammen mit dem, was wir über die Biologie des heranwachsenden Fötus wissen, ergibt sich ein Bild, was ein Fötus im Mutterleib lernen kann.

Der Ultraschall zeigt uns, dass der Zellklumpen, der einmal das Herz wird, bereits in der sechsten Woche nach der Empfängnis schlägt. Zu dem Zeitpunkt ist der Embryo so groß wie eine Linse, aber Ohren, Mund und Nase sind bereits zu erkennen. Augen und Nasenlöcher sind nur zwei schwarze Pünktchen, Arme und Beine kleine Stummel, Finger und Zehen durch eine Art Schwimmhäute verbunden. Doch ein sechs Wochen alter Embryo bewegt sich bereits als Reaktion auf Berührungen im Bereich von Mund und Nase. Das sind einfach nur Reflexe, aber sie zeigen, dass das Nervensystem sich langsam ausbildet. Wir bekommen eine Vorstellung, warum Babys die Welt erkunden, indem sie alles in den Mund stecken.

Die Frucht des Leibes

In den nächsten beiden Wochen verdoppelt sich der Embryo bis zur Größe einer Heidelbeere, und dann verdoppelt er sich noch einmal bis zur Größe einer Himbeere (an Früchten und Gemüse orientierte Maßeinheiten scheinen der Standard in allen Babybüchern zu sein, die jemals geschrieben wurden). Um die 10. oder 11. Woche herum hat die kleine Erdbeere regelmäßige Schlaf- und Wachphasen. Die meiste Zeit ist der Mutterleib ein Schlafzimmer. Während der Schwangerschaft verbringt der Fötus über 90 Prozent seiner Zeit schlafend. Die Schlafphasen dauern rund 40 Minuten, es folgen wenige Minuten Aktivität, die im Lauf der Zeit mehr werden. Im Erdbeerstadium sind die Bewegungen minimal, aber eindeutig anstrengend, denn ab der 11. Woche kann man beobachten, dass der Embryo im Mutterleib gähnt (Joseph 2000).

Die 13. Woche ist das Pfirsichstadium, und eine gute Zeit beginnt. Das erste Trimester ist vorbei, ein Drittel der Schwangerschaft geschafft, der Embryo hat sich so weit entwickelt, dass wir ihn von nun an als Fötus bezeichnen. Die ersten willkürlichen Bewegungen kommen um die 16. Woche vor, wenn der Fötus ungefähr 11,5 Zentimeter groß ist, so groß wie eine Avocado. In den Wachphasen macht der Fötus Turnübungen. Jetzt ist er eindeutig als Mensch erkennbar mit einem großen runden Kopf und winzig kleinen Fingern und Zehen.

Die fötale Entwicklung ist nicht einfach nur der Prozess, der von einem heidelbeergroßen Klumpen zu einem munteren Baby führt. Die stetige Verwandlung in dieser Zeit ist nicht weniger dramatisch als die Metamorphose von der Raupe zum Schmetterling. Es teilen und vermehren sich nicht einfach Zellen, sondern ihre Funktionen verändern sich, sie wandern im Körper an unterschiedliche Stellen, wo sie unterschiedliche Rollen erfüllen. Die Heidelbeere hat noch kiemenartige Strukturen, aus denen der Kiefer wird, und einen Schwanz, aus dem das Steißbein wird. Die meisten inneren Organe sind erst in der 20. Woche voll ausgebildet, und Nervenzellen wandern und verbinden sich noch nach der Geburt.

Wie bereits gesagt, wird die werdende Mutter die ersten Regungen irgendwann zwischen der 16. und der 20. Woche spüren (Avocado bis kleine Banane). In der Zeit findet üblicherweise die zweite Basis-Ultraschalluntersuchung statt. Der Arzt oder die Ärztin schaut sich den Fötus genau an, ob sich alles so entwickelt wie erwartet. Auf modernen Ultraschallbildern kann man das Geschlecht des Kindes erkennen, wenn man weiß, wonach man suchen muss. Wahrscheinlich schläft der Fötus während der Untersuchung, aber wenn er sich bewegt, kann es eine hübsche Überraschung geben. Im März 2015 gingen Jen Hazel und ihr Ehemann zur Ultraschalluntersuchung in der 14. Woche zu ihrem Arzt in Olympia im Bundesstaat Washington. Während der Untersuchung klatschte der Fötus – ein Mädchen – in die Hände. Jen schildert die Szene:

Wir kamen zum Ultraschall, und das Baby auf dem Monitor klatschte dreimal in die Hände. Ohne Musik, einfach so. Und mein Arzt sagte: »Singen wir doch mal was.« Mein Mann hielt seine Videokamera bereit, und der Arzt zeigte die Ultraschall aufnahme noch mal mit dem dreimal Klatschen, und wir sangen dazu: »If you’re happy and you know it [clap your hands].«

Sie singen nicht besonders gut – Jen muss zu sehr lachen, und ihr Mann ist offensichtlich nicht textsicher –, aber es ist ein herrliches Video. Nachdem sie es auf YouTube hochgeladen hatten, verbreitete es sich verständlicherweise viral. Bis zu dem Zeitpunkt, da ich das hier schreibe, hat es zwölf Millionen Klicks bekommen.

Kann ein 14 Wochen alter Fötus glücklich sein? Damit sind wir beim Kern dessen, um was es in diesem Kapitel geht. Gibt es eine Zeit vor dem Lächeln? Wann fangen Glücklichsein und Zufriedenheit an? Gibt es beides von Anfang an, oder beginnen die Emotionen erst irgendwann nach der Geburt? Jens Tochter Pip kam ohne Probleme und gesund zur Welt. Sie ist ein glückliches, verspieltes Baby und liebt Musik immer noch. Aber wie sah es aus, als Pip ein zitronengroßer Fötus von 14 Wochen war? War sie glücklich, und wusste sie es? Konnte sie es wissen? Eine einzelne befruchtete Eizelle, eine Zygote, weiß nichts von Glück und kann es nicht zeigen, genauso wenig der kleine Zellklumpen in der Blastozyste oder auch der gähnende erdbeergroße Embryo. Aufgrund vieler Erzählungen von Eltern in meiner Studie zu lachenden Babys glaube ich fest, dass ein erst wenige Wochen altes Baby echte Zufriedenheit zeigen kann. Aber wann geht es los? Wann ist ein Lächeln wirklich ein Lächeln?

Es gibt keine Untersuchungen über Freude bei Föten. Tatsächlich wüsste man nicht, wo man anfangen sollte. Aber Schmerz bei Föten ist ein guter Wegweiser zu Freude. Freude und Schmerz laufen über ähnliche Schaltkreise, und es gibt immer mehr Hinweise, dass ein Fötus am Ende des zweiten Schwangerschaftsdrittels, ungefähr in der 24. oder 25. Woche nach der Empfängnis, rudimentäre Schmerzempfindungen hat. Das Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (RCOG) veröffentlichte 2010 eine detaillierte Studie, in der alle verfügbaren Hinweise diskutiert wurden. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass ein Fötus vor der 24. Woche keinen Schmerz empfinden kann (RCOB 2010).

Damit jemand Schmerz fühlen kann, müssen Nervensignale des unangenehmen Reizes zu einem Kortex gelangen, der sie verarbeiten kann. Wenn das Signal irgendwo aus dem Körper das Gehirn nicht erreicht, spüren wir nur eine dumpfe Empfindung. So funktioniert eine Lokalanästhesie: Sie blockiert die Nervensignale an der Quelle. Wenn die Signale den Hirnstamm und das Zwischenhirn erreichen, aber nicht an den Kortex weitergeleitet werden, spüren wir nichts. So wirkt eine Vollnarkose: Alle Signale vom Hirnstamm an den Kortex werden blockiert.

Vor der 24. Woche kann ein Fötus Schmerz nicht empfinden, weil noch nicht alle Verbindungen im Gehirn ausgebildet sind. Vor allem der Thalamus, eine Art Verbindungsstück zwischen Gehirn und Körper, ist noch nicht richtig mit dem Kortex (dem Teil mit den Falten und Rillen, der denkt) verschaltet. Das ist nicht allzu überraschend, wenn man bedenkt, wie kompliziert das Gehirn ist und wie aufwendig die Verschaltung. Jeder Teil muss mit jedem anderen Teil kommunizieren, und die Verbindungen sind lange, schlauchförmige Fortsätze von Gehirnzellen, die sogenannten Axone. Um eine Stelle mit einer anderen zu verbinden, müssen die Zellen in einem Bereich entstehen und zu dem anderen migrieren, dabei ziehen sie den Fortsatz hinter sich her.

Wie man sich vorstellen kann, ist das kompliziert, und die Verschaltung kann erst stattfinden, wenn es etwas gibt, mit dem sich die Nervenzellen verbinden können. Der Thalamus und der Kortex, ursprünglich die kortikale Platte oder Rindenplatte, wachsen unabhängig voneinander. Eine weitere Gruppe von Zellen entwickelt sich in der sogenannten Subplate unterhalb des Kortex. Von der 12. bis zur 18. Woche gelangen Verbindungen vom Zwischenhirn in die Sub plate und warten dort ab, während die kortikale Platte reift. Um die 24. Schwangerschaftswoche beginnen sie ihre Wanderung, um sich mit allen Bereichen des Kortex zu verbinden, ein Prozess, der bis zur 32. Schwangerschaftswoche weitergeht. Ebenfalls um die 24. Woche migrieren die Nervenzellen der Subplate-Zone selbst in verschiedene Bereiche des Kortex und verbinden diese miteinander. Beide Prozesse sind wichtig für das Schmerzempfinden. Ein 18 Wochen alter Fötus zuckt vor einem Nadelstich zurück und setzt sogar Stresshormone frei, aber er spürt den Schmerz nicht. Die Signale erreichen das Zwischenhirn und möglicherweise die Subplate-Zone, aber weiter kommen sie nicht. Das reflexhafte Zurückzucken und die Hormonfreisetzung gehen vom Hirnstamm aus.

Ab der 24. Woche gelangen Nervensignale allmählich bis zum Kortex. Die Aufzeichnung von Gehirnströmen bei sehr unreifen Frühgeborenen zeigt ab diesem Zeitpunkt koordinierte neuronale Aktivität als Reaktion auf einen Pieks in die Ferse. Das ist die vom RCGO formulierte Untergrenze für das Schmerzempfinden. Aber wie die Ärzte in ihrem Bericht schreiben, ist das zwar das theoretische Mindestalter, in dem Schmerz empfunden werden kann, aber das Bewusstsein dafür kommt womöglich erst später. Die Aktivität im Elektroenzephalogramm (EEG) ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht kontinuierlich wie bei einem Erwachsenen oder einem Neugeborenen. Es ist nicht klar, wann Schmerz wahrgenommen wird und ob die Erfahrung ein Bewusstsein braucht, das erst noch kommen muss.

Ab der 24. Woche beginnt sich das Gehirn ernsthaft zu vernetzen. Der sensorische Input durch Hören, Sehen und Berührung dringt zu den entsprechenden Bereichen des Kortex durch. Wechselseitige Verknüpfungen von Kortex und Hirnstamm entstehen ab der 26. Woche. Feedbackschleifen bilden sich, und die Föten können beginnen, willentliche Kontrolle über ihre kleine Welt im Mutterleib auszuüben. Sie hören, fühlen und sehen sogar Dinge, und sie fangen an zu lernen.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Fötus vor diesem Zeitpunkt etwas wahrnimmt. Aber im dritten Trimester nimmt er erstaunlich viel auf. In Untersuchungen zu Veränderungen der fötalen Herzfrequenz hat man festgestellt, dass ein Fötus ab der 26. Woche auf wiederkehrende Vibrationen reagiert und lernen kann, sie zu ignorieren. Er re agiert auch auf Veränderungen der Beleuchtung außerhalb des Mutterleibs, hört die Stimme der Mutter und spürt ihre Berührung durch die Bauchwand (Marx und Nagy 2015).

Meine liebste Untersuchung dazu ist die von Peter Hepper von der Queen’s University in Belfast (Hepper 1991). Er testete Neugeborene im Alter von zwei bis vier Tagen, um zu sehen, wie sie auf Musik reagierten, die sie im Mutterleib gehört hatten. Dabei machte er sich die Tatsache zunutze, dass viele Mütter Seifenopern anschauten. Die Hälfte seiner Stichprobe waren Fans der Serie Neighbours, die andere Hälfte nicht. Das bedeutete, dass die Hälfte der Babys im Mutterleib viele Male die eingängige Titelmelodie gehört hatte. Als er sie den beiden Gruppen auf der Säuglingsstation vorspielte, nahmen die Bewegungen und der Herzschlag bei den Babys, deren Mütter Neighbours gesehen hatte, im Vergleich zur Kontrollgruppe ab, sie schienen aufmerksam zu lauschen. Um auszuschließen, dass sie nicht einfach auf beliebige Musik reagierten, spielte er ihnen die Titelmelodie von Coronation Street vor, und es gab keine Reaktion. Ein zweites Experiment erbrachte ähnliche Ergebnisse, aber diesmal bekamen die Babys die Melodien noch im Mutterleib zu hören, über Kopfhörer auf dem Bauch der Mütter. Hepper schreibt, den Babys sei nicht nur die Musik vertraut geworden, sondern sie hätten sie auch mit dem ruhigen, entspannten Zustand in Verbindung gebracht, in den die Mutter beim Anschauen der Serie geraten sei.

Eine verblüffende Erkenntnis aus all diesen Studien ist, dass es anscheinend keine Rolle spielt, ob der Fötus aktiv ist oder »schläft«. Wie gesagt, ein Fötus ist nur 10 Prozent der Zeit aktiv, und die Phasen der Aktivität sind ein traumähnlicher Zustand, der kaum mit dem wachen Interesse eines neugeborenen Babys vergleichbar ist. Einige Forscher gehen sogar so weit zu sagen, der Fötus verbringe die gesamte Schwangerschaft in einem tiefen Schlaf. Der Bewusstseinsexperte Christof Koch schrieb in Scientific American:

Ich wette, dass der Fötus in utero nichts wahrnimmt; dass es sich für ihn so anfühlt wie für uns ein tiefer, traumloser Schlaf. Durch die dramatischen Ereignisse bei einer natürlichen (vaginalen) Geburt wacht das Gehirn jedoch abrupt auf. Der Fötus muss seine paradiesische Existenz in der geschützten, wassergefüllten und warmen Umgebung des Mutterleibs verlassen und gelangt in eine feindliche, luftgefüllte und kalte Welt, die seine Sinne mit absolut fremden Tönen, Gerüchen und Anblicken attackiert – ein höchst stressreicher Vorgang (Koch 2009).

Das ist ein sehr lebendiges Bild, aber ich bin nicht der Meinung, dass das Leben im Mutterleib in einem so sedierten Zustand stattfindet. Die Veränderungen der kindlichen Herzfrequenz in unterschied lichen Studien sprechen dafür, dass sie auf Ereignisse um sie herum reagieren, und ich denke, manche Eindrücke können dem Fötus sogar Vergnügen bereiten. Anekdotische Berichte von Babys, die auf Ultraschallbildern lächelten, gibt es seit 2000, seit die Auflösung der Bilder so gut ist, dass man Gesichtsausdrücke erkennen kann. Die Psychologin Nadja Reissland und ihre Kollegen von der University of Durham haben solche Bilder systematisch untersucht und dabei sieben fötale Gesichtsausdrücke unterschieden. Sie bestätigen, dass sowohl Weinen wie Lachen im Mutterleib »geübt« werden (Reissland, Francis, Mason und Lincoln 2011).

Reisslands Team nutzte moderne »4D«-Ultraschallaufnahmen mit hoher räumlicher und Tiefenauflösung in Echtzeit und untersuchte zwei Föten mehrfach zwischen der 24. und der 35. Woche. Jedes Mal zeichneten sie zehn Minuten lang den Gesichtsausdruck auf, und was sie sahen, klassifizierten sie mit einem Standardcodierungssystem, um objektive Aussagen zu erhalten. Gesichtsausdrücke können in ihre Mikro-Bestandteile zerlegt werden (gekräuselte Lippen oder angehobene Backen). Das Codierungsschema für sehr kleine Babys wurde angepasst, sodass man Ausdrücke definieren konnte, die ein »weinendes Gesicht« oder ein »lachendes Gesicht« ergaben. Manche wie eine gekrauste Nase gehörten zu beiden Gesichtern. Andere definierten nur Lachen (herausgestreckte Zunge und zurückgezogene Lippen) oder Weinen (heruntergezogene Oberlippe und gerunzelte Augenbrauen). Bei der Kombination der Daten von beiden Föten (zwei Mädchen) stellten die Wissenschaftler fest, dass der weinende Gesichtsausdruck in der Zeit zwischen der 24. und der 35. Schwangerschaftswoche von 0 Prozent auf 42 Prozent zunahm und der lachende von 0 Prozent auf 35 Prozent. Ein fröhlicher Gesichtsausdruck war genauso häufig wie ein kummervoller, und beide tauchen nach und nach auf, wenn der Fötus immer mehr Bewusstsein erlangt. Aus der Sicht des Babys gibt es keine Zeit vor dem Lächeln.

Deshalb sage ich auf entsprechende Fragen, dass Grimassen und Lächeln von Kindern in utero ab der 25. Woche etwas bedeuten. Ich glaube, da beginnt das fötale Bewusstsein für Freude und Schmerz. Das unterscheidet sich kaum von der Grenze von 24 Wochen im Bericht der britischen Geburtshelfer. Aber ich persönlich ziehe die 25. Woche vor, wenn der Fötus nach der universellen Obst- und Ge müse skala so groß wie eine Aubergine ist.

Eine frühere Freundin von mir, Belinda, sagte immer, die weiche und elastische Haut von Auberginen erinnere sie an die pummeligen Ärmchen, Beinchen und Bäuche von Babys. Im Supermarkt konnte sie nicht widerstehen und musste immer die Auberginen drücken. Als ich meine Arbeit mit Babys begann, fragte sie mich häufig: »Wie geht es den Auberginen?« Es wurde unser geheimes Codewort. Vor ein paar Jahren, als Belinda mit ihrer Tochter Rosie schwanger war, bekam ich eine glückselige SMS von ihr, in der sie mir mitteilte, die Schwangerschafts-App auf ihrem Smartphone habe sie informiert, dass nach 25 Wochen ihre Blaubeere die nächste Stufe erklommen habe und sie nun ihre eigene kleine Aubergine im Bauch trage.


Kapitel zwei
Alles Gute zum Geburtstag

Neugeborene Babys schreien, weil ihre Eltern sich nicht die Mühe gemacht haben, »Happy Birthday« für sie zu singen.

Anonymes Posting im Internet

Sie erinnern sich nicht an Ihren nullten Geburtstag, aber Ihre Mutter erinnert sich ganz sicher daran. In den letzten Monaten der Schwangerschaft brauchte sie keine Smartphone-App, um zu wissen, dass ihr Baby von einer hübschen kleinen Aubergine erst zu einer Honigmelone, dann zu einer Netzmelone und schließlich zu einer verdammten Wassermelone herangewachsen war. Neun Monate lang hatte sie sich diesen Tag ausgemalt. Die Tasche für die Party war schon seit Wochen gepackt. Vielleicht hatte es ein paar Fehlalarme gegeben. Aber dann war es endlich so weit.

Nun, fast so weit: Babys beeilen sich nicht gern bei ihrem großen Auftritt, auch der Körper der Mutter mag das nicht. Bei einer Erstgebärenden dauert eine normale Geburt etwa acht Stunden, und die Vorgänge laufen weitgehend automatisch ab. Das wichtigste Merkmal der Wehen sind regelmäßige, koordinierte Kontraktionen der Uterusmuskulatur, die wie beim Herz von Schrittmacherzellen kontrolliert werden. Häufigkeit und Intensität der Kontraktionen nehmen nach und nach zu, und der Abstand zwischen ihnen verringert sich von zehn Minuten am Anfang auf zwei Minuten am Schluss.

Wenn es keine medizinischen Komplikationen gibt, nimmt die Natur ihren Lauf. Aber die Natur kann Angst einflößend und tödlich sein. Von Philippa Gregory, Autorin historischer Romane, stammt der denkwürdige Satz: »Männer sterben im Krieg, Frauen bei der Geburt.« In der Vergangenheit hatten Mütter ein Risiko von eins zu hundert, bei oder nach der Geburt zu sterben. Und in manchen Teilen der Welt ist es immer noch so schlimm oder sogar schlimmer. Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2015 betrug das Risiko für ein 15-jähriges Mädchen in Afrika, im Lauf ihres Lebens an einem Problem im Zusammenhang mit der Mutterschaft zu sterben, 1 zu 37. In Europa liegt dieses Verhältnis bei 1 zu 3400.

Babys sind noch schlechter dran. Weltweit kommt eines von 45 Kindern tot zur Welt. Und von den übrigen erleben 49 von 1000 ihren ersten Geburtstag nicht. Der Gesundheitsstatistiker Hans Rosling hat darauf hingewiesen, dass Mütter und Kleinkinder die verletzlichsten und am wenigsten sichtbaren Opfer von Kriegen, Hungersnöten und anderen humanitären Krisen sind. Der größte Gewinn für die Gesundheit der Menschheit wäre eine bessere Versorgung junger Mütter und ihrer Babys.

Im Allgemeinen Krankenhaus in Wien gab es in den 1840er-Jahren zwei Abteilungen für Geburtshilfe, die 1. Geburtshilfliche Klinik und die 2. Geburtshilfliche Klinik. Die Frauen wurden tageweise wechselnd in die eine oder andere Klinik aufgenommen. In der 1. Klinik kümmerten sich Medizinstudenten um die Gebärenden, in der 2. Klinik Hebammen. Frauen, die in die 1. Klinik aufgenommen wurden, baten inständig darum, in die 2. Klinik zu kommen, denn nach allgemeiner Auffassung lag auf der 1. Klinik ein Fluch. Die Daten aus den Jahren 1842 bis 1846 zeigten es eindeutig: In der Hebammenklinik war die Zahl der Todesfälle um 60 Prozent geringer. Ein junger Arzt namens Ignaz Semmelweis wurde damit beauftragt, das zu untersuchen. Er stellte keine Unterschiede bei den Kliniken an sich und bei den Entbindungsverfahren fest. Aber er machte den für die damalige Zeit ungewöhnlichen Vorschlag, die Medizinstudenten sollten ihre Hände mit stark gechlortem Wasser waschen. Als sie das taten, ging die Sterblichkeit in der 1. Klinik auf das Niveau der 2. Klinik zurück. Die Medizinstudenten waren oft direkt von Sektionen in ihren Anatomiekursen in die Entbindungsabteilung gekommen. Manchmal wuschen sie sich die Hände, aber nicht immer, und auf jeden Fall desinfizierten sie sie nicht, warum sollten sie? Es gab keinen Grund. Erst Jahrzehnte später bewiesen Louis Pasteur und Joseph Lister die Theorie, dass Krankheiten durch Keime verursacht werden.

Semmelweis informierte seine Vorgesetzten über das, was er her ausgefunden hatte. Er konnte nicht erklären, warum das Händewaschen half, deshalb folgten sie seinen Empfehlungen nicht. Kurz dar auf wurde er entlassen und kehrte in sein Heimatland Ungarn zurück. In den Krankenhäusern, in denen er arbeitete, gab es ähn liche Verbesserungen, doch seine neuen Kollegen wollten seine Methoden ebenfalls nicht übernehmen. Zwanzig Jahre lang führte er eine immer gereiztere Korrespondenz mit dem medizinischen Establishment in Europa, das ihn weitgehend ignorierte. 1865 starb er besiegt und gebrochen in einer Nervenheilanstalt. Im englischen Sprachraum bezeichnet der Begriff »Semmelweis-Reflex« die Ablehnung einer neuen Erkenntnis, wenn sie bestehenden Überzeugungen oder etablierten Paradigmen widerspricht.

Erstaunlicherweise könnte heute im Westen, wo es überall Zugang zu fortschrittlichen medizinischen Dienstleistungen gibt, die Lösung, wie Geburten sicherer werden könnten, ebenfalls in mehr Hebammen und weniger Ärzten bestehen. Diese Empfehlung sprachen zumindest Mary Newburn, Leiterin der politischen Abteilung des National Childbirth Trust, und ihre Kollegen in einem einflussreichen Bericht aus, der im British Medical Journal veröffentlicht wurde (Johanson, Newburn und Macfarlane 2002). Sie argumentierten, die ganze Kultur rund um die Geburt müsse sich so verändern, dass »die Geburt als ein normaler physiologischer Vorgang« wahrgenommen werde, und man müsse ein »Eins-zu-eins-Verhältnis in der Betreuung während der Wehen anstreben«. Dass medizinisches Personal während der Geburt bereitsteht, ist wichtig, aber medizinisches Personal tendiert dazu, alles zu medikalisieren. In Finnland, wo die Geburt als normaler physiologischer Vorgang behandelt wird, erfolgen 11 Prozent der Entbindungen per Kaiserschnitt. In Großbritannien sind es 25 Prozent, in den Vereinigten Staaten 35 Prozent, in Deutschland fast jedes dritte Kind. Die geschätzte medizinische Notwendigkeit liegt bei 5 bis 10 Prozent. Weil die Ärzte Angst vor Prozessen haben und auf Nummer sicher gehen wollen, werden sie immer neue Tests und sogar überflüssige Operationen durchführen. Und das ist noch nicht alles.

Wenn den Müttern die Geburt als ein medizinisches Problem dargestellt wird, das behandelt werden muss, dann verlangen sie logischerweise mehr Behandlung. Sie haben mehr Angst vor der Geburt. Sie wollen mehr Rückenmarksanästhesien und Schmerzmittel. In einem medizinischen Umfeld ordnen sich die Hebammen den Medizinern unter. Selbst die Geburtshelfer sind der Meinung, dass sie viel zu sehr auf medizinische Verfahren setzen. Wenn die Geburt als ein natürlicher physiologischer Vorgang betrachtet wird, sind die Ergebnisse für Mutter und Baby besser und die Mütter haben ein angenehmeres Geburtserlebnis. Der Bericht empfahl, so oft wie möglich sollten Hebammen die Geburt leiten und nicht Ärzte. Sie sollte in einem nicht-medizinischen Rahmen stattfinden, und die Mütter sollten ihre Hebammen vorher kennenlernen und ein Vertrauensverhältnis aufbauen können.

Ich habe mit zwei befreundeten Hebammen über ihre Rolle gesprochen, um einen besseren Eindruck von der Geburt zu bekommen. Corinne ist energiegeladen und resolut, nicht medizinisch orientiert und matronenhaft. Man würde eher erwarten, sie bei einer Demonstration gegen Ungerechtigkeit zu treffen als in einem Krankenhausflur. Womöglich haben wir uns tatsächlich da zum ersten Mal gesehen. Seit zehn Jahren »holt« Corinne Babys. Natalie ist klein, strahlend und wirkt immer noch ein bisschen holländisch, obwohl sie seit fast zwei Jahrzehnten in London lebt. Wir lernten uns vor 16 Jahren am ersten Tag unseres Psychologiestudiums kennen. Ich erinnere mich, dass sie immer als Erste ihre Studienarbeiten ablieferte und all die Praktikumsberichte schrieb, für die ich nie Zeit fand. Natalie lief zum Spaß Marathon, ein Hobby, das ich damals nicht verstand. Aber wahrscheinlich bereitet einen das gut auf die Aufgaben einer Hebamme vor.

Das Wort »Hebamme« kommt vom althochdeutschen »Hevianna« und bezeichnet »die Ahnin, die das Neugeborene hält«. Wie Corinne sagt, ist die Rolle der Hebamme so alt wie die Menschheit. Denn zumindest seit wir aufrecht gehen, brauchen wir Hebammen. Durch den Übergang von vier Beinen auf zwei Beine hat sich unser Becken verändert, der Geburtskanal ist enger geworden. Außerdem wurde das Gehirn immer größer, und so benötigen unsere Babys mit den großen Köpfen Hilfe, wenn sie auf die Welt kommen. Zum Glück war der Grund, warum unsere Gehirne so groß wurden, dass wir eine soziale Spezies sind. So war auch Hilfe für Mütter in den Wehen zur Stelle.

Wenn ich Corinne und Natalie frage, was die wichtigste Aufgabe einer Hebamme ist, fallen ihre Antworten ziemlich ähnlich aus: Hebammen unterstützen die Mütter, damit sie das Geburtserlebnis bekommen, das sie haben wollen. Die moderne Geburtshilfe durch Hebammen ruht auf drei Schlüsselprinzipien: informierte Entscheidung, freie Wahl des Geburtsorts und kontinuierliche Betreuung. Am wichtigsten ist die informierte Entscheidung, und das ist mehr als informierte Zustimmung, denn es bedeutet Stärkung der eigenen Stimme und nicht, dass man sich fügt. Hebammen wollen, dass die Mutter das Gefühl der Kontrolle hat. Natalie sagt, in dem Zusammenhang sei es sehr hilfreich, einen Geburtsplan zu erstellen; dann würden die wichtigen Entscheidungen im Voraus getroffen. Das Letzte, was eine Frau in den Wehen gebrauchen kann, ist ein Schwall von Fragen, die sie beantworten soll. Sie kann auf dem Weg begleitet werden, den sie vorab gewählt hat, und die Hebamme wird ihn ihr erleichtern. Wenn ihre eigene Hebamme im entscheidenden Augenblick nicht verfügbar ist, kann sich eine andere Hebamme nach dem Plan richten.

Corinne erklärt, die meiste Zeit während der Wehen »ist es unsere Aufgabe, zuzuschauen und abzuwarten. Zu beobachten. Da zu sein und nichts zu tun. Auf die Bedürfnisse der Frau zu reagieren.« Manche brauchen eine beruhigende Hand, andere wollen lieber allein gelassen werden. Manche brauchen Eiswürfel, die sie zerbeißen können, oder etwas Süßes, damit sie durchhalten. Wenn die Geburt voranschreitet, schlagen die Hebammen der Mutter Optionen vor, statt Entscheidungen zu verlangen. Bei Komplikationen erklärt die beruhigende Stimme der Hebamme der Frau, was passiert und war um.

Wenn etwas die Ruhe unterbricht, kann das die Wehentätigkeit bremsen. Ina May Gaskin, eine Hebammenpionierin in Amerika, der die Wiedereinführung der natürlichen Geburt in den Vereinigten Staaten zugeschrieben wird, hat festgestellt:

Durch Beobachtung und Erfahrung lernten wir, dass die Anwesenheit einer einzigen Person, die sich nicht gut in die Mutter einfühlen kann, die Wehentätigkeit zum Stillstand bringen kann. Alle Frauen sind sensibel. Manche sind sogar extrem feinfühlig. Anhand der Beobachtung, dass die Wehen schwächer wurden oder aufhörten, wenn jemand das Entbindungszimmer betrat, der nicht achtsam mit den Gefühlen der Mutter war, stellten wir fest, dass wir recht hatten. Wenn der Betreffende das Zimmer wieder verließ, ging die Geburt wieder normal weiter (Gaskin 2017, S. 130).

Dieses Prinzip steht auch hinter Hypnobirthing. Manche Frauen erlernen in den letzten Monaten der Schwangerschaft Entspannungs- und Atemtechniken, die sie während der Wehen anwenden können. Sie lernen, sich selbst zu hypnotisieren, aber nicht, um in eine betäubende Trance zu sinken. Bei meiner Schwester Ishbel hat es funktioniert; sie war bei ihrer ersten Geburt so ruhig, dass man sie erst gar nicht im Krankenhaus aufnehmen wollte. Das Personal glaubte nicht, dass die Geburt schon so weit fortgeschritten war, und wollte sie wieder wegschicken. Auf ihre Empfehlung hin hat es meine Auberginen-Freundin Belinda auch versucht, mit ähnlichem Erfolg. Die Idee dabei ist nicht, Ängste und Schmerz zu blockieren, sondern die Frau soll sich der Gegenwart stärker bewusst werden, damit sie sich in der aktuellen Situation entspannen kann, statt sich Sorgen zu machen, was wohl passieren wird. Ruhig und zuversichtlich in die Geburt zu gehen hilft, dass die natürlichen Vorgänge die Frau so weit tragen, wie es möglich ist. Medikamente können später immer noch dazukommen. Das wichtigste Medikament produziert der Körper selbst – Oxytocin.

Oxytocin

Oxytocin ist der unangefochtene chemische Herrscher bei der Geburt. »Das gute alte Oxytocin«, wie Natalie immer sagt. In den letzten zehn Jahren wurde Oxytocin auch zur »Liebesdroge« und zum »Kuschelhormon« hochgejubelt. Angeblich ist es in großen Mengen vorhanden, wenn Menschen sich verlieben, und in weniger großen Mengen, wenn sie Sex haben oder sich nur umarmen. Bei psychologischen Untersuchungen hat man den Teilnehmern Oxytocin in die Nase gesprüht und dann Aufnahmen ihrer Gehirne gemacht. Die Studien haben ergeben, dass Oxytocin die Empathie steigert, die Introversion reduziert und sogar bei Autismus helfen könnte. Die wissenschaftlichen Grundlagen der meisten derartigen Behauptungen sind bestenfalls »unbewiesen«. Frühere Studien hatten nicht genug Teilnehmer, um verlässliche Aussagen zu machen, oder wurden nicht wiederholt. Es ist noch nicht einmal klar, ob in die Nase gesprühtes Oxytocin überhaupt ins Gehirn gelangt.

Der mütterliche Oxytocinspiegel steigt in der späten Phase einer Schwangerschaft allmählich an und steigert das Gefühl der Zufriedenheit, Ruhe und Sicherheit neben dem Partner. Bei den Wehen wird Oxytocin in noch größeren Mengen freigesetzt und verstärkt die Kontraktionen. Und noch mehr Oxytocin wird produziert, wenn das Baby auf dem Weg durch den Geburtskanal den Muttermund und die Vagina stimuliert, wodurch eine positive Feedbackschleife entsteht. Wenn die Geburt nicht recht vorangeht, kann es sein, dass die Mutter an einen Oxytocintropf gehängt wird.

Oxytocin ist nicht der einzige chemische Stoff, der bei einer natürlichen Geburt ins Spiel kommt. Wenn die Wehen sich ihrem Höhepunkt nähern, arbeitet ein komplexer Cocktail von Hormonen und chemischen Stoffen bei Mutter und Baby zusammen. Relaxin entspannt die Bänder der Mutter, und ein Protein namens Noggin sorgt dafür, dass der kindliche Kopf weich und verformbar wird, damit er besser ausgetrieben werden kann. In einem frühen Stadium können die schnell wirkenden Stresshormone Epinephrin und Norepine phrin bei Gefahr die Wehentätigkeit verlangsamen oder zum Stillstand bringen. Und ganz am Ende der Wehen sorgt eine Flut dieser Stoffe dafür, dass Mutter und Baby nach der Geburt wach und aufmerksam sind.

Auch bei dem langsamer reagierenden Stresshormon Cortisol baut sich während der Geburt ein zehnfach höherer Spiegel als üblich auf. Allem Anschein nach fördert das die Bildung von Rezeptoren für das Stillhormon Prolaktin. Endorphine werden freigesetzt, die es der Mutter erleichtern, Stress und Schmerzen auszuhalten, und eine leichte Bewusstseinsveränderung bewirken. Das führt zu einer Art von Euphorie während der Geburt. Endorphine spielen daneben wohl auch noch die Rolle, die Belohnungszentren im Gehirn von Mutter und Baby vorzubereiten, damit sie beide für Prägung und Bindung gerüstet sind und dafür, zu lernen, wie das Stillen geht. Bei der Mutter stimulieren die Endorphine direkt die Freisetzung von Prolaktin. Prolaktin führt zur Milchproduktion, hat aber noch rund 300 andere Wirkungen im Körper, unter anderem stimuliert es die Synthese von Oxytocin.

Dieses komplexe Gewebe von Einzelwirkungen und sich selbst regulierenden Kreisläufen wird häufig durch medizinische Interventionen bei der Geburt durchbrochen. Zum Beispiel ist ein Problem bei der Epiduralanästhesie, dass ohne Schmerzen der Anstieg von Epinephrin und Norepinephrin ausbleibt. Im Blut der Mutter gibt es weniger von diesen Hormonen, und weniger gehen auf das Baby über, das deshalb nicht gut für die Entbindung vorbereitet ist. Ähnliche Effekte hat man bei Kaiserschnitten festgestellt: Durch Kaiserschnitt geborene Babys haben weniger Stress bei der Geburt, aber sehr viel mehr eine Stunde später. Ein Kaiserschnitt verlangsamt anscheinend den Prozess der Bindung, doch das hängt auch damit zusammen, dass die Mutter sich erst erholen muss. Eine Geburt ist auf jeden Fall ein sehr kompliziertes System, und die meisten Mechanismen hat man bis heute nicht ganz verstanden. In diesen letzten Abschnitten habe ich versucht, Sarah Buckleys 248-Seiten-Werk zu dem Thema zusammenzufassen, in dem sie selbst die Ergebnisse von 1141 Forschungsarbeiten referiert (Buckley 2015).

Corinne sagt mir immer, dass Kinder in einer Art von Starre geboren werden. Sie wachen erst auf, wenn die Nabelschnur durchtrennt ist und ihre Lungen sich mit Sauerstoff füllen. »Bevor das passiert, sind sie anders. Ihre Farbe ist anders. Sie schauen nicht nach außen.« Wenn möglich lassen Hebammen die Nabelschnur drei Minuten pulsieren, damit alles Blut aus der Plazenta herausgezogen wird und in das Baby gelangt. Der erste Atemzug verschließt Löcher im Herzen und verändert den Kreislauf so, dass das Blut nicht mehr durch die Plazenta, sondern durch die Lungen strömt.

Corinne zerstört einen Mythos, bei dem ich mir nie ganz sicher war. Ärzte heben neugeborene Babys nicht an den Füßen hoch, damit ihren Lungen frei werden. Und sie klopfen ihnen auch nicht aufs Gesäß, damit sie zu atmen beginnen.

Nein! Das wäre grausam. Der Vorgang, aus einer Frau herausgepresst zu werden, reicht üblicherweise aus. Wenn nicht, reiben sie das Baby mit einem Krankenhaushandtuch ab oder kitzeln es an den Füßen, um die Atmung in Gang zu bringen. So wie bei anderen Säugetieren die Mutter ihr Neugeborenes ableckt, um es zu stimulieren, dass es die ersten Atemzüge tut.

Von Menschenmüttern wird nicht erwartet, dass sie ihre Babys ab lecken, aber seit 2014 befürworten die meisten Geburtshilfeorganisationen, so auch die American Academy of Pediatrics (AAP) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO), explizit frühen Hautkontakt. Früher wurden Babys gleich nach der Geburt weggebracht, um sie zu messen und zu wiegen. Neugeborene blieben auf der Säuglingsstation, und die Mütter bekamen sie nur zum Stillen. Angeblich wollte man damit den Müttern die Erholung von der Geburt erleichtern. Aber inzwischen hat man wiederentdeckt, wie wichtig die Übergangszeit ist. Laut WHO ist »der Prozess der Geburt erst abgeschlossen, wenn das Baby sicher von der Ernährung durch die Plazenta auf die Ernährung durch die Brust umgeschaltet hat«.

Corinne beschreibt das anschaulich: »Nun, wann immer es möglich ist, werden die Babys aus der Mutter heraus auf die Mutter geboren.« Die mütterliche Körpertemperatur steigt um ein bis zwei Grad an, damit das Baby es warm hat, und die Babys bewegen sich instinktiv zur Brust hin und suchen nach der Brustwarze. Sie orientieren sich durch Berührung und Geruch, und manchmal dauert es ein bisschen, bis sie sich auf die Suche machen – sie müssen erst aufwachen. Das ist auch die Gelegenheit, wo das Baby durch die Bakterien der Mutter besiedelt wird, und es hilft der Mutter, sich an die Situation anzupassen. Nach Natalies Erfahrung ist niemand darauf vorbereitet, zum ersten Mal das eigene Baby zu sehen. Es dauert ein bisschen, bis der Eindruck einsinkt, das ist der Beginn der Bindung.

Geburtserfahrungen sind höchst unterschiedlich. Manche Frauen haben ein wunderbares Geburtserlebnis, für andere ist die Geburt ein Albtraum. Ich habe noch niemanden getroffen, der von »Vergnügen« sprach. »Die Freude kommt, wenn man das Baby im Arm hält, das taucht alles in Freude. Aber ich habe noch keine Frau erlebt, die den Vorgang selbst genossen hat«, erzählt Corinne. Wie beim Marathonlaufen kommt auch bei der Geburt die Freude erst, wenn es vorbei ist.

Für Väter oder Partner passieren die größten Veränderungen in der Zeit unmittelbar nach der Geburt. Während der Schwangerschaft war das Baby irgendwie abstrakt, aber jetzt können sie es halten und mit ihm in Kontakt treten. Die Oxytocin- und Prolaktinspiegel der Partner steigen sprunghaft an. Am Ende der ersten Woche kann der Oxytocinspiegel des Vaters genauso hoch sein wie der der Mutter.

Dem emotionalen und hormonellen Hoch, das der Partner erlebt, steht oft ein entsprechender Absturz bei der Mutter gegenüber. Die erste Woche kann sehr schwierig sein. Nach der Geburt gibt es einen hormonellen Einbruch. Die Plazenta signalisiert nicht mehr, dass Schwangerschaftshormone produziert werden sollen, und der Körper versucht, die neunmonatige Schwangerschaft hinter sich zu lassen. In der ersten Woche zu Hause möchte sich der Körper erholen, aber die Mutter bekommt nicht viel Ruhe und Entspannung mit einem Neugeborenen, das sie versorgen und um das sie sich kümmern muss.

Erschöpft und nach einer neunmonatigen Odyssee kann die Rückkehr nach Hause für die Mutter auch enttäuschend sein. Vor allem nach einer schweren Entbindung fühlen sich die Mütter oftmals isoliert. Alles konzentriert sich auf das Baby, und von der Mutter erwartet man, dass sie für alles dankbar ist, während ihre eigene Identität dahinschwindet und sie nicht viel Zeit hat, sich um ihre eigenen Bedürfnisse zu kümmern. Es ist vollkommen normal, sich direkt nach der Geburt überwältigt und sogar deprimiert zu fühlen. Einer aktuellen Studie zufolge haben 81 Prozent der Frauen während oder nach der Schwangerschaft ein seelisches Problem (Royal College of Obstetricians and Gynaecologists 2017). Die tiefe Liebe zu dem Baby stellt sich nicht schlagartig ein, aber darüber können die Mütter nicht so einfach sprechen.

Hinzu kommt, dass eine frischgebackene Mutter oft alleine 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche für das Baby verantwortlich ist. Wenn etwas passiert, wird sie sich immer Vorwürfe machen. Auf meine entsprechende Frage hat Corinne über diese Zeit erzählt: »In meiner zehnjährigen Berufstätigkeit als Hebamme habe ich bei Hausgeburten in der ersten Woche nie Eltern erlebt, die nicht zutiefst erschüttert wirkten.« Alle Eltern werden beim ersten Kind durch irgendeinen Aspekt überwältigt werden, aber es wird leichter, und es ist völlig in Ordnung, um Hilfe zu bitten.

Allein die Tatsache, dass es das neugeborene Baby gibt, ist äußerst seltsam. Auf einmal ist eine neue Person der Mittelpunkt im Leben der Eltern. Als mein Neffe Tycho geboren wurde, hatte meine Schwester Schwierigkeiten, das Zimmer zu verlassen, in dem er lag. Es war schwer für sie, zu begreifen, dass er eine unabhängige Existenz führte, und sie musste immer wieder nach ihm schauen. Die Geburt ist das Gegenteil des Todes, aber manche Gefühle, die sie auslöst, sind gar nicht so anders als Trauer. Sich auf die Anwesenheit oder Abwesenheit einer wichtigen anderen Person einzustellen ist ein Prozess. Bei Müttern kann ein zweites Kind sogar noch zwiespältigere Gefühle auslösen. Es verändert die Beziehung zum ersten Kind, Mutter und Baby Nummer eins sind nicht länger das unzertrennliche Paar. Mütter können Ärger verspüren über das Verlorene. Wieder gilt: Das ist vollkommen normal, aber es kann schwer sein, darüber zu sprechen.

Babys erholen sich schnell von der Geburt. »Babys sind robust«, sagt Corinne. »Ich habe Babys erlebt, die eine wirklich traumatische Geburt hinter sich hatten und sich ziemlich schnell erholten. Ein zusammengequetschter Kopf kann sehr schlimm aussehen. Als ich so etwas zum ersten Mal in meiner Hebammenausbildung gesehen habe, bin ich rausgerannt und habe zwanzig Minuten in der Toilette geweint.«

Es gibt keinen wissenschaftlichen Beleg, dass das Trauma der Geburt einen Menschen durch das ganze Leben begleiten kann. Außer in den seltenen Fällen, dass eindeutige medizinische Komplikationen auftreten, ist eine traumatische Geburt nur ein kleiner Rückschlag. Die Wehen und die Geburt sind nur ein Ereignis in der Entwicklung des Babys. Und nicht ein einzelner Augenblick definiert diese Zeit, alle sind wichtig. Obwohl es sich wie eine Achterbahnfahrt anfühlt, geht die Reise insgesamt nach oben.

Hallo, kleines Äffchen

Manche Babys werden mit dünnen schwarzen Haaren am ganzen Körper geboren. Die Haare verschwinden schnell wieder. Ich war für meine Mutter das erste von drei Kindern, und sie war ziemlich zufrieden mit ihrer Leistung (wie ich im Übrigen auch). Aber ich war ein kleines Felltier. In ihrem Wochenbett machte es ihr großen Spaß, die Säuglingsschwestern damit zu schockieren, dass sie sie bat, ihr »das kleine Äffchen« zu bringen.

»Aber Mrs. Addyman, das können Sie doch nicht sagen! Er ist Ihr kleiner Junge!«

»Ja, aber er sieht aus wie ein Affe!«

»Er ist ein wunderschönes Baby.«

»Ein wunderschöner Affe! Geben Sie mir mein Äffchen!«

Und meine Ohren waren vollkommen eingerollt. Als die Säuglingsschwestern erklärten, sie würden sich entrollen, sobald sie mit Blut gefüllt wären, nickte meine Mutter ganz ruhig und sagte: »Ja genau, wie die Flügel eines Schmetterlings.« Ich denke, sie hatten ihr vielleicht zu viel Lachgas gegeben.

Eine Geburt ist schmerzhaft und gefährlich, und das Baby kann unerwartet schnell oder zermürbend spät kommen. Vielleicht gibt es falschen Alarm, und fast immer geht es langsam voran. Die gute Nachricht ist, dass es auch viel schlimmer sein könnte. Verglichen mit unseren Cousins, den Menschenaffen, werden Menschenbabys (mit einer Tragzeit von 280 Tagen) geboren, bevor sie reif sind. Wenn wir den Entwicklungsstand des Gehirns bei einem neugeborenen Schimpansen (253 Tage Tragzeit), einem Gorilla (270 Tage) und einem Orang-Utan (275 Tage) vergleichen, dann müsste ein Menschenbaby nach 625 Tagen im Mutterleib geboren werden, wie ein Forscher errechnet hat. Für jede Mutter, die schon nach neun Monaten das Gefühl hat, gleich zu platzen, ist das ein furchterregender Gedanke. Es wäre tödlich für die Mutter (und würde nebenbei unser an Früchten orientiertes Maßsystem sprengen).

Auch geboren zu werden ist eine große Sache. Aber genau betrachtet erfolgt der Übergang von drinnen zur Welt draußen so allmählich, wie es nur geht. Irgendwann müssen die Babys herauskommen, und Menschenbabys kommen so spät, wie es im Hinblick auf ihre Mütter möglich ist. Wir müssen die sichere Dauerumarmung des Mutterleibs mit ihrer Fünf-Sterne-Vollversorgung mit perfekt regulierter Temperatur und Schallisolierung verlassen und abrupt gegen die Welt draußen eintauschen. Der 24-Stunden-Zimmerservice, der so luxuriös ist, dass sogar das Atmen für das Baby erledigt wird, muss einmal enden.

Die neunmonatige Schwangerschaft bei Menschen ist ein Kompromiss. Ein Baby würde im Mutterleib bleiben, wenn es könnte, aber es muss fliehen, solange es noch geht: das sogenannte Geburtsdilemma. Der Preis dafür ist, dass die ersten drei Monate draußen sich nicht sehr vom Leben drinnen unterscheiden. Das Baby setzt seine intrauterine Routine aus Schlafen, Essen und Wachsen fort.

Ein Grund, warum Babys so früh zur Welt kommen, ist eine Unzulänglichkeit der Natur. Der amerikanische Comedian Penn Jillette drückt es drastischer aus: »Niemand, der gesehen hat, wie ein Baby geboren wird, glaubt noch eine Sekunde an Gott … Die Natur will uns umbringen.« Die Evolution muss mit dem arbeiten, was da ist, und auf dem aufbauen, was früher war, und das führt zu allerhand Improvisation und Kompromissen. Kein intelligenter Designer würde die Geburt so gefährlich machen und versuchen, Babys mit großen Köpfen durch das starre Korsett des Beckens zu pressen. Die Evolution hat das vor vielen Millionen Jahren so entschieden, und wir müssen damit leben. Bei Vierbeinern mit kleinen Köpfen hat es funktioniert. Sogar unsere engsten Verwandten, die Schimpansen, kommen ziemlich gut damit zurecht.

Die Energie, die eine Mutter für die Schwangerschaft aufbringen muss, ist eine weitere Beschränkung. Immer größer zu werden und ein großes Gehirn zu versorgen sind Vorgänge, die viel Energie verbrauchen. In jüngster Zeit wurde die Theorie aufgestellt, wenn Föten noch größer würden und die Schwangerschaft noch länger dauerte, könnte die Mutter nicht genug Energie für sich selbst und ihr Baby zur Verfügung stellen (Dunsworth, Warrener, Deacon, Ellison und Pontzer 2012). Über das Stillen kann Energie viel effizienter zugeführt werden als über die Plazenta, weil die Kalorien direkt in das Kind gelangen. Es ist sinnvoll, die Kinder zu dem Zeitpunkt zur Welt zu bringen, an dem wir es tun.

Soziale Wesen von Anfang an?

Hilflos und zu früh geboren sind Menschenbabys wie keine andere Spezies von ihren Eltern abhängig. Aber sie haben ein paar Tricks in ihren winzig kleinen Ärmeln, damit es mit der Bindung klappt. In den ersten Stunden nach der Geburt sind Babys wach und können kommunizieren. Sie mögen es, wenn man sie hält und leise mit ihnen spricht. Es scheint sogar, als würden sie das Gesicht ihrer Mutter anschauen, die sie hält. Aus zwei Gründen ist das bemerkenswert. Erstens sehen sie nach der Geburt so unscharf, dass ein Gesicht für sie nicht viel mehr ist als ein Dreieck mit drei schwarzen Flecken für Augen und Nase. Zweitens haben sie nie zuvor ein Gesicht gesehen, trotzdem fasziniert es sie mehr als jeder andere Reiz.

Wissenschaftlich wurde das erstmals in den 1970er-Jahren nachgewiesen (Goren, Sarty und Wu 1975), aber bis 1991 blieb die Erkenntnis unbeachtet. Dann wiederholten zwei britische Forscher das Experiment. Mark Johnson und sein Mitarbeiter John Morton bestätigten das ursprüngliche Ergebnis und lieferten eine Erklärung für das, was da wohl passierte (Johnson, Dziurawiec, Ellis und Morton 1991; Johnson und Morton 1991). Sie glauben, dass es um die Interaktion von zwei Gehirnsystemen geht, einem für Erkennen und einem für Lernen.

Sie hatten die Studie in Angriff genommen, weil Mark Johnson wissen wollte, ob Menschenbabys sich von frisch geschlüpften Küken unterscheiden. Zu Beginn seiner Karriere als Biologe arbeitete Johnson bei Professor Gabriel Horn an der Cambridge University. Gemeinsam untersuchten sie die Gehirnmechanismen, die der Prägung zugrunde liegen, dem Prozess, bei dem kleine Vögel lernen, eine Bindung an ihre Mütter herzustellen. Küken folgen ihrer Mutter oder allem, was entfernt wie ihre Mutter aussieht. Das weiß jeder, der schon mal eine Schar Entenküken beobachtet hat, die der Entenmutter hinterhermarschieren. Erstmals untersucht hat die Prägung Konrad Lorenz in den 1930er-Jahren. Er brachte Gänseküken dazu, ihm hinterherzulaufen, wenn er mit seinen Gummistiefeln vorausging. Dafür bekam er den Nobelpreis. Ich glaube, die nobelpreisgekrönten Gummistiefel sind in dem Museum zu besichtigen, das in seinem ehemaligen Wohnhaus im österreichischen Altenberg eingerichtet wurde. Wie bei Iwan Pawlow und seinem Nobelpreis für das Füttern von Hunden steckte auch hinter Lorenz’ Forschungen mehr, als der erste Blick vermuten lässt.

Lorenz teilte sich 1973 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin mit Niko Tinbergen und Karl von Frisch. Mit dem Preis wurde ihre Rolle als Begründer der Ethologie, der Verhaltensforschung bei Tieren, gewürdigt. Karl von Frisch ist bekannt durch seine Entdeckung des Schwänzeltanzes der Bienen. Niko Tinbergen untersuchte wie Lorenz instinktive Verhaltensweisen und kritische Phasen in der Entwicklung von Tieren. Die Küken, die ihrer Mutter folgten, zeigten, dass bestimmte Verhaltensweisen von Natur aus angelegt sind, aber dass sie auch einem Paar Gummistiefel nachliefen, beweist, dass der Mechanismus flexibel ist. Der entscheidende Punkt bei diesen Forschungen war, dass sie evolutionäre Erklärungen für tierisches Verhalten lieferten, die auf dessen Bedeutung für das Überleben basierten.

Immer wieder werden die Leser in diesem Buch auf die »Nature-Nurture-Debatte« stoßen, auf den Gedanken, dass manche Fähigkeiten angeboren (nature) und andere erlernt sind (nurture). Jeder, der sich mit Entwicklungspsychologie beschäftigt, erkennt an, dass beides eine Rolle spielt, aber dennoch gibt es eine Kluft zwischen denen, die meinen, die Gene seien für das meiste verantwortlich, und den anderen, die den größten Anteil beim Lernen sehen. Die Arbeit von Johnson und Morton war wichtig als Beleg dafür, dass wir immer von »Natur plus Lernen« sprechen sollten.

Was die Fähigkeit von Neugeborenen angeht, Gesichtern zu folgen, hat die Natur zwei Gehirnsysteme ausgewählt: einen Kreislauf tief im Innern des Gehirns, der sich rasch auf Muster ausrichtet, die Gesichtern ähneln, und den allgemeineren, höherrangigen Kortex, der aus allem lernt, was er zu sehen bekommt. Dieses Lernen ist nurture. Weil Babys viele Gesichter sehen, werden sie Experten für Gesichter. Sie lernen, Personen zu unterscheiden und männliche Gesichter von weiblichen. Weil sie ihre Eltern häufiger sehen als alle anderen, erkennen sie sie am schnellsten. Dabei spielen Gene, Umwelt und Verhalten zusammen. Johnson und Morton legten mit ihrer Theorie eine mechanistische Darstellung dieses Zusammenspiels vor. Johnson nennt den Prozess »interaktive Spezialisierung« und entwickelte die Theorie zusammen mit Kollegen in einem sehr einflussreichen Buch mit dem Titel Rethinking Innateness weiter (Elman u. a. 1996).

Dieses Experiment war auch direkt dafür verantwortlich, dass ich mich der Babywissenschaft verschrieb. Aufgrund dieser Forschungen stellte die Birkbeck University in London Mark Johnson 1998 als Professor an und schlug ihm vor, das Centre for Brain and Cognitive Development zu gründen, auch bekannt als Birkbeck Babylab. Als einen der ersten Mitarbeiter rekrutierte er meinen Doktorvater Denis Mareschal, dessen Anfängervorlesungen über die kindliche Entwicklung mich auf das Forschungsgebiet gelockt hatten. Auf Mareschals Empfehlung hin las ich Rethinking Innateness, und von da an wollte ich auch Babyforscher werden.

Ein Witz auf Kosten der Wissenschaftler

In meiner liebsten Studie aus der Zeit, als ich mit meiner Doktorarbeit beschäftigt war, wurde eine ähnliche frühe Fähigkeit von Neugeborenen untersucht. 1977 veröffentlichten Andrew Meltzoff und Keith Moore (Meltzoff und Moore 1977) einen bemerkenswerten kurzen Artikel, in dem es darum ging, dass Neugeborene kleine Witzbolde sind. Ihr Artikel enthielt eine wunderbare Bilderserie, die den Kern des Experiments zum Ausdruck brachte. Die erste Reihe zeigte drei Bilder von Meltzoff, wie er die Zunge herausstreckte, den Mund weit öffnete und die Lippen zurückzog. In der Reihe darunter waren drei Bilder von drei sehr kleinen Kindern zu sehen, die ihn nachahmten. Die Kinder waren zwischen 14 und 17 Tage alt, und alle schienen ein Blitzen in den Augen zu haben. Ich hatte das Bild lange als Hintergrundbild auf meinem Computer. Ein Blick darauf hob unweigerlich meine Laune. Leider hat die Studie den Test der Zeit nicht gut bestanden.

Es schien, als wären Meltzoff und Moore über Johnson und Morton hinausgegangen und hätten gezeigt, dass Babys noch viel erstaunlichere Dinge tun, als ihre Köpfe einem Gesicht zuzuwenden. Die Babys von Meltzoff und Moore ahmten einen Erwachsenen nach. Sie konnten Gesichtsausdrücke imitieren, ohne jemals ihr eigenes Gesicht gesehen zu haben und lange bevor sie aus positivem Feedback etwas gelernt haben konnten. Die ursprüngliche Studie setzte auch ungewöhnliche Gesten mit der Hand ein. Die Babys schienen die Gesten zu imitieren wie kleine Möchtegern-Rapper, die Gang-Symbole zeigen.

Die Ergebnisse waren immer umstritten, weil es um sehr viel mehr ging als nur darum, Gesichter zu erkennen. Die Fähigkeit, auf diese Weise nachzuahmen, erfordert nicht nur einen einfachen Schaltkreis für die Gesichtserkennung, sondern einen Gehirnbereich, der in der Lage ist, mehrere Gesichtsausdrücke oder Gesten zu identifizieren. Und all das müsste dann in den Genen verankert sein. Verschiedene Erklärungen in dieser Richtung wurden vorgetragen, zum Beispiel wurde auf »Spiegelneuronen« verwiesen oder auf ein spezielles Gehirnmodul für soziale Imitation.

Einige Experimente schienen die Ergebnisse zu bestätigen, darunter eines mit neugeborenen Schimpansen. Andere konnten die Effekte nicht reproduzieren. Eine aktuelle Übersicht über alle veröffentlichten Studien zu dem Thema (Oostenbroek, Slaughter, Nielsen und Suddendorf 2013) kam zu dem Schluss, dass sich nur das Herausstrecken der Zunge konstant reproduzieren ließ. Das muss keine Nachahmung sein; möglicherweise strecken Babys ihre Zunge heraus, wenn sie aufgeregt sind, oder es ist einfach ein Reflex, der verschwindet, wenn sie älter werden. Die letzte Erklärung erscheint am ökonomischsten.

Neugeborene haben eine Reihe von einfachen Reflexen. Wir haben bereits über den Suchreflex oder Breast-Crawl-Reflex gesprochen, durch den sie die Brustwarze für ihre erste Mahlzeit finden. Sie haben auch einen Schreitreflex. Wenn man ein Neugeborenes über eine ebene Unterlage hält, machen die Füßchen ein paar winzige Schritte, die an Gehen erinnern. Und sie haben einen Greifreflex. Sie packen zu und lassen nicht mehr los. Dass ein Neugeborenes in der Lage ist, sich an Mamas Fell festzuklammern, ist für Primaten lebenswichtig, damit sie nicht vom Baum fallen. Alle Affenarten können das, und bei Menschenbabys hat sich dieser Reflex erhalten. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, dass ich in Denis Mareschals Kurs im Grundstudium gelernt habe, man könne ein Neugeborenes an der Wäscheleine baumeln lassen, so fest sei sein Griff. Ich habe allerdings noch nie jemanden kennengelernt, der das ausprobiert hat, und ich empfehle es auch nicht. Wenn Babys das Gefühl haben zu fallen, breiten sie die Arme aus und ziehen sie dann wieder eng heran. Damit vermindern sie erst die Gefahr, zu stürzen, und dann sorgen sie dafür, dass sie besser zupacken können. Dieser sogenannte Moro-Reflex, der Menschenbabys nichts nützt, ist ein angeborenes Überbleibsel aus unserer Primatenvergangenheit.

Im Anschluss an ihre kritische Übersicht beschlossen Oosten broek und Kollegen, eine endgültige Studie zu kindlicher Nachahmung durchzuführen, um zu überprüfen, ob es sich ebenfalls um einen Reflex handelte. Sie zeigten Neugeborenen zu unterschiedlichen Zeitpunkten zwischen einer und neun Wochen nach der Geburt elf verschiedene Gesten (Oostenbroek u. a. 2016). Dazu gehörten das Öffnen des Mundes, das Herausstrecken der Zunge, glückliche und traurige Gesichter, einige Fingerbewegungen und ein paar einfache Töne. Die Babys imitierten keine davon. Mit gleich hoher Wahrscheinlichkeit zeigten sie die entsprechenden Gesten oder nicht. Die Forscher stellten fest, dass das Herausstrecken der Zunge, das Öffnen des Mundes, glückliche Gesichtsausdrücke (Lächeln) und »mmm«-Laute häufig vorkamen. Die Analyse zeigte, dass die Muster früherer Experimente reproduziert werden konnten, wenn nicht alle mög lichen Alternativen eingeschlossen wurden. Aber das ist kein Hinweis auf Nachahmung. Zum Beispiel konnte man die Babys am besten zum Lächeln bringen, indem man »mmm«-Laute vormachte, und nicht, indem man sie anlächelte.

Das Hauptargument, warum eine so frühe Fähigkeit zur Nachahmung vielleicht doch nicht existierte, war wohl, dass ein starker Effekt beim Lächeln ausblieb. Wenn Sie Mutter Natur wären und entscheiden müssten, welche gewinnenden Nachahmungseffekte ein neugeborenes Baby zeigen sollte, worauf würde Ihre Wahl wohl fallen? Mit einem Lächeln würden Babys vom ersten Tag an Freunde finden und Menschen für sich einnehmen. Aber die Studien förderten das nicht zutage. Sehr bald nach der Geburt lächelten die Babys und streckten ihre Zungen heraus, jedoch nicht als Reaktion darauf, dass jemand anderer das auch tat.

Ich finde das sehr interessant, weil es dafür spricht, dass das erste Lächeln kein Zeichen von Höflichkeit ist, sondern ein Zeichen von Freude. Babys können schon früh lächeln, aber nur, wenn sie es wollen. Im Übrigen ist das echte Lächeln eines Babys als solches erkennbar. In der Erwachsenenforschung unterscheidet man zwischen Lächeln aus Freude und sozialem Lächeln. In der Psychologie wird das echte Lächeln aus Freude als Duchenne-Lächeln bezeichnet nach dem französischen Wissenschaftler Guillaume-Benjamin Duchenne, der es zuerst beschrieben hat. Beim sozialen Lächeln lächelt der Mund, aber die Augen lächeln nicht mit. Beim Duchenne-Lächeln leuchtet hingegen das ganze Gesicht. Nicht nur der Mund zeigt ein breites Grinsen, sondern ein Muskel rund um die Augenhöhle, der sogenannte Augenringmuskel, sorgt für Fältchen seitlich an den Augen. Das lässt sich schon in den pausbäckigen, verblüfften Gesichtern neugeborener Babys erkennen und auf den Ultraschallbildern von Nadja Reissland.

Wenn man im Internet den Suchbegriff »lächelnde Neugeborene« eingibt, findet man viele hinreißende Beispiele. Ein berühmtes Bild zeigt eine lächelnde Mutter mit ihrem lächelnden Neugeborenen im Arm. Laut Bildunterschrift ist das Baby gerade sieben Sekunden auf der Welt. Ich verwende dieses Bild oft bei meinen Vorträgen. Die Originalquelle habe ich nie gefunden, aber das Lächeln ist unmissverständlich. Und ich habe mich gefreut, von meiner Forscherkollegin Francesca Cornwall zu erfahren, wie kindliches Lachen in der Ausbildung von Betreuungskräften für kleine Kinder helfen könnte. Sie kennt den Unterschied zwischen echtem und sozialem Lächeln. Natürlich hat sie genau hingeschaut, als ihr Sohn mit drei Wochen zum ersten Mal lächelte. Es war ein breites Grinsen mit voller Aktivierung des Augenringmuskels. Als gewissenhafte Wissenschaftlerin machte sie ein Foto.

Obwohl bei einem echten Lächeln zwölf Muskeln beteiligt sind und bei einem sozialen Lächeln nur zehn, ist das echte Lächeln leichter und kommt früher. Ein echtes Lächeln ist spontan und unwillkürlich, es signalisiert echte Freude oder Zufriedenheit. Das soziale Lächeln ist schwieriger, weil es eine absichtliche Handlung darstellt, etwas, zu dem wir uns entschließen müssen. Und die Misserfolge der Untersuchungen zur Nachahmung sprechen dafür, dass neugeborene Babys das noch nicht können.

Das unterstreicht, wie wichtig Lächeln und Lachen sind. Es sind keine sozialen Nettigkeiten. Babys sind von Anfang an sozial, aber der Anfang ist langsam und beginnt mit Authentizität. Das Lächeln, das man auf Bildern aus dem Mutterleib sieht, ist echt. Das erste Lächeln, das Eltern sehen, ist ein echtes Lächeln, es zeigt, dass das Baby glücklich ist. Aber wenn Neugeborene lächeln, weil sie glücklich sind, lautet die nächste Frage: Was macht sie glücklich?


Kapitel drei
Die kleinen Vergnügungen

Ich bin völlig vernarrt in ein Wesen, das nur aus Gefühl und Gedärm besteht.

Anne Enright, Ein Geschenk des Himmels, 2005

Betrunken von Milch

Wenn Sie einmal pure Seligkeit sehen wollen, dann schauen Sie sich ein Baby an, das ganz betrunken von der Milch in den Armen seiner Mutter liegt. Wenn Sie wissen wollen, wo Sie solche Bilder finden, dann gehen sie auf Instagram und scrollen durch den Hashtag #MilkDrunk. Laut dem Blog Milk Drunk Diaries gibt es fast 100.000 solche Bilder, jedes zeigt den unmissverständlichen Zustand schläfriger, glückseliger Zufriedenheit, in den kleine Babys geraten, wenn sie es warm haben und bis zum Platzen voll frischer Milch sind.

Die Begründerin des Blogs, Sophia Walker, hatte maßgeblichen Anteil an der Verbreitung des Hashtags. Aber seinen großen Erfolg verdankt er der Tatsache, dass alle jungen Eltern die Situation erkennen – zumindest wenn sie wissen, was sie bedeutet. Bei Sophia Walker funktionierte das nicht auf Anhieb. Wie sie in einer ihrer Kolumnen schreibt, war die erste Woche zu Hause mit dem Baby ziemlich nervenaufreibend. Sie und ihr Mann googelten jedes Zucken, jedes Schlucken und jeden Laut ihres neugeborenen Sohns, um zu überprüfen, ob alles so war, wie es sein sollte. Und dann passierte es: »Eines Abends, mitten beim Stillen, sackte mein Baby weg und wurde ganz schlaff in meinen Armen. Mein Mann war so alarmiert, dass er den ärztlichen Notdienst rufen wollte, aber Dr. Google kam genau rechtzeitig zu Hilfe und klärte mich auf, was mit meinem Baby los war: Es war betrunken von der Milch!«

Das beschreibt sehr schön einen deutlich erkennbaren Zustand sehr junger Säuglinge. Sie können glückselig betrunken sein, töricht, sabbernd, besinnungslos betrunken, wabbelig oder auch ärgerlich betrunken. Wie Sophia der Presse sagte, als dieses jüngste Babyphänomen über sie hinwegschwappte: »Es gibt nichts Herrlicheres als ein zufriedenes, benommenes Baby mit vollem Bauch und einem Milchbart! Das Bild schlägt so ein, weil alle Eltern das kennen und lieben. Es ist fast so, als gehörte man zu einem besonderen Klub!«

Sophias Geschichte erzählt viel über das Auf und Ab in den ersten Wochen nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus. Für die Eltern wird das Leben nie mehr so sein wie zuvor. Selbst wenn jemand sämtliche Elternratgeber gelesen hat, ist er oder sie auf die Elternrolle nicht vorbereitet. Wie beim Schwimmenlernen bereitet einen die Lektüre eines Buchs nicht auf die praktischen Vorgänge oder den Schock des ersten Mals vor, wenn der Kopf unter Wasser taucht. Und für Eltern geht es die nächsten 18 Jahre so weiter.

Für die Babys sind die ersten Monate außerhalb des Mutterleibs nicht viel anders als das Leben drinnen. Um ein Baby in diesem Stadium zu beruhigen, wickeln wir es ein und wiegen es sanft und versuchen so, die vertraute Umgebung des Mutterleibs wiederherzustellen. Das ist das »vierte Trimester«. Die meiste Zeit geht es um Schlafen, Essen und Wachsen. Aber es geht auch um sogenannte »Rohgefühle« und darum, Nähe zu den Betreuungspersonen aufzubauen. Die Nabelschnur wurde durchtrennt, und an ihre Stelle sind eine neue Abhängigkeit und ein neues Gefühl der Handlungsfähigkeit getreten. Diese beiden Dinge hängen zusammen und sind wichtig, um die ersten Monate zu verstehen. Jetzt, wo das Baby nicht mehr in einem stetigen Strom mit Nahrung versorgt wird, ist die Spannbreite des Erlebens viel größer. Es hat Hunger. Es hat Durst. Es ist ärgerlich. Es erschrickt. Und es lernt, dass es etwas dagegen tun kann. Mit Unterstützung der Betreuungspersonen ist das der Beginn des emotionalen Lebens und des Selbstgefühls und der Beginn des Glücks.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, innerhalb einer Stunde nach der Geburt mit dem Stillen zu beginnen und es so lange wie möglich fortzuführen. Eine große Überblicksstudie mit dem Titel »Stillen im 21. Jahrhundert«, die 2016 in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschien, kam zu dem Ergebnis, dass Stillen für Mutter und Baby das Beste ist. Es schützt die Kinder vor Infektionen, Diabetes und Übergewicht. Die Mütter schützt es vor Brustkrebs, und es kann das Risiko für Diabetes und Eierstockkrebs verringern. Auch das Risiko eines plötzlichen Kindstods wird durch Stillen reduziert, hingegen scheint es keine positive Wirkung hinsichtlich Allergien oder Asthma zu haben (Victora u. a. 2016).

In Ländern mit geringen Einkommen sind die Vorzüge des Stillens seit Langem bekannt. Von 1982 an verfolgten Cesar Victora und Fernando Barros, wie es mehr als 4500 Babys erging, die in ihrer Heimatstadt Pelotas im Süden Brasiliens zur Welt gekommen waren. Sie fanden noch nach 30 Jahren Unterschiede zwischen Babys, die gestillt worden waren, und solchen, die Fertigmilch erhalten hatten; unter anderem hatten die gestillten Babys höhere IQs und höhere Einkommen (Victora u. a. 2015). Ihre Untersuchung belegte zahlreiche Vorzüge des Stillens und trug dazu bei, die Einstellung zum Stillen in Brasilien und in anderen Ländern zu verändern. In den reichen Ländern sind die Vorzüge jedoch womöglich nur gering. Meine Kollegin Sophie von Stumm hat das in Großbritannien in einer großen Studie mit vielen Teilnehmern untersucht und kam zu dem Schluss, »Stillen hat wenig Vorteile für die Intelligenz in den frühen Jahren und das kognitive Wachstum vom Kleinkindalter bis zur Adoleszenz« (Stumm und Plomin 2015).

Die in The Lancet veröffentlichte Untersuchung, eine Zusammenfassung von 28 Überblicksartikeln, plädiert nachdrücklich für das Stillen: Es habe in reichen und armen Ländern gleichermaßen Vorteile. Der Co-Autor Simon Murch, ein britischer Kinderarzt, wird mit der Aussage zitiert: »Muttermilch ist die ultimative personalisierte Medizin für kleine Kinder.«

Saugen = Essen = Wohlbefinden

Das Wichtigste beim Stillen ist jedoch die Zeit und nicht die Nahrung. Stillen bedeutet Wohlbefinden und Sicherheit. Für ein Baby liegt das Glück im Land von Milch und Mami.

Vor allem ganz am Anfang. In ihren ersten Lebenswochen müssen Babys lernen, »Saugen ist Essen, und wenn ich esse, geht’s mir gut«. Dieses Mantra formuliert Penelope Leach in ihrem Buch Die ersten Jahre deines Kindes, einem modernen Klassiker unter den Elternratgebern, von dem über drei Millionen Exemplare verkauft wurden. Wenn Sie einen praktischen Ratgeber von einer Frau lesen wollen, die sich auch in der Wissenschaft auskennt, ist das meine erste Empfehlung. Das Buch erschien ursprünglich 1977 und wurde viele Male überarbeitet und neu aufgelegt, es ist ein würdiger Nachfolger von Dr. Benjamin Spocks Säuglings- und Kinderpflege aus dem Jahr 1946. Penelope Leach trägt Spocks Gedanken weiter, dass entspannte, souveräne Eltern es leichter haben und glückliche Babys aufziehen. Ihre Ratschläge orientieren sich immer am emotionalen Erleben des Kindes.

Ein Grund, warum Mütter das Stillen aufgeben, ist, dass das Baby Zeit braucht, um die Situation zu verstehen. Ein hungriges Baby weiß nicht, dass es Hunger hat oder dehydriert ist. Es kann quengelig oder apathisch sein oder wütend und unkooperativ. Das ist verständlich – auch wir Erwachsene werden manchmal unleidlich, wenn wir eigentlich nur eine Tasse Tee und einen Keks bräuchten. Für ein Baby erfüllt die Muttermilch den gleichen Zweck. Die Vormilch, die beim Stillen zuerst kommt, ist relativ wässrig. Sie löscht rasch den Durst. Die Nachmilch, die danach kommt, ist fettreicher. Sie bewirkt, dass das Baby sich am Ende satt und zufrieden fühlt, auch wenn das Ziel nicht immer einfach zu erreichen ist. Ein sehr aufgeregtes Baby kann nicht saugen. Das regt wiederum die Mutter auf, und die Stresshormone können die Milchproduktion hemmen. Beide müssen ruhig und miteinander verbunden sein, damit es mit dem Stillen klappt. Deshalb schärft Dr. Leach ihren Leserinnen und Lesern eines ein: dass Essen für Babys Gefühl bedeutet. Die kindlichen Gefühle sind so komplex, dass die Mahlzeiten kompliziert werden können.

Mit dem Stillen beginnt die Bindung. Bindung ist mehr als die wachsende Liebe der Eltern zu dem Baby, Bindung geht in beide Richtungen. Professor Ruth Feldman von der israelischen Bar-Ilan-Universität erforscht die Eltern-Kind-Beziehung seit den frühen 1990er-Jahren. Sie sagt, das Herz der Beziehung in den ersten Monaten sei, wie die reifen physiologischen Systeme der Eltern die unreifen Systeme des Kindes bei der Regulierung unterstützen. Und nach Professor Feldmans Ansicht hängt alles am Oxytocin.

Oxytocin ist alt. Es kommt bei vielen Spezies vor, deren letzter gemeinsamer Vorfahr vor 600 Millionen Jahren lebte. Seit damals gibt es Oxytocin, und es hat sich nicht verändert. Daraus können wir folgern, dass es sehr wichtig ist. Bei Menschen hilft es, die frühe Ausbildung der Verbindungen im Gehirn zu koordinieren, es ist zugleich ein Hormon und ein Neurotransmitter. Als Hormon gehört es zum endokrinen System und hat eine allgemeine Wirkung auf viele Organe und Bereiche des Gehirns. Als Neurotransmitter interagiert es mit Dopamin in unserem Belohnungszentrum und spielt eine zentrale Rolle in der Amygdala, dem emotionalen »Herz in unserem Kopf«.

Bei der Mutter sendet Oxytocin nicht nur Signale an die Brust, Milch fließen zu lassen (der sogenannte Let-Down-Reflex), es verändert auch das Gehirn. Direkt nach der Geburt eines Babys ist das Gehirn der Mutter so plastisch und anpassungsfähig wie nie mehr in ihrem Erwachsenenleben. Ein »Babygehirn« existiert tatsächlich und ist nützlich. Eine junge Mutter fühlt sich vielleicht vergesslich und unkonzentriert, aber sie wird empathischer, ist besser in der Lage, Gefühle zu spiegeln und zu regulieren. Oxytocin wirkt auch bei Vätern. Je mehr sie sich an der Betreuung des Kindes beteiligen, desto mehr verändert sich ihr Verhalten (R. Feldman 2012). Der Anstieg des elterlichen Oxytocinspiegels führt dazu, dass auch beim Kind der Spiegel ansteigt; allerdings ist die Wirkung bei Babys schwieriger zu messen, weil es keinen nicht-invasiven Test für Oxytocin gibt. Aber wir wissen, dass eine vorzeitige Geburt und Umgebungsstress den Oxytocinspiegel senken und einfühlsame Pflege ihn steigen lässt. Synchronie spielt bei der Einfühlung eine zentrale Rolle. Professor Feldman hat untersucht, wie Eltern und Babys durch Berührung, Augenkontakt, geteilte Gefühle und die Töne, die jeder macht, aufeinander reagieren. Diese Verbindungen sind am stärksten, wenn ein Baby trinkt. Und dabei spielt es keine Rolle, ob es an der Brust trinkt oder die Flasche bekommt.

Wenn ein Neugeborenes trinkt, wird es eng am Körper gehalten, genau im richtigen Abstand, dass es den Herzschlag der Pflegeperson hört und ihr Gesicht sieht. Die Synchronie zwischen Elternteil und Baby ist eine Feedback-Schleife. Je stärker synchronisiert Elternteil und Baby von Anfang an sind, desto besser wird das Baby in der Lage sein, seinen Teil der Interaktion zu regulieren. Das verbessert die Qualität der Interaktion, und dadurch sind Elternteil und Kind noch stärker im Einklang. Emotionale Stabilität hilft dem Kind, mit der Welt zu interagieren, und die Effekte sind langfristig.

Professor Feldman hat viele Babys ab einem Alter von drei Monaten bis zur Adoleszenz beobachtet. Einige Kinder aus ihren Untersuchungen sind inzwischen 20 Jahre alt. Sie hat festgestellt, dass die aufmerksame Versorgung durch die Eltern in den ersten Jahren bewirkt, dass die Kinder als Teenager und auch später sozialer sind und mehr Empathie zeigen (R. Feldman 2007, 2015). Natürlich kann auch das Gegenteil passieren: Ein schlechter Anfang kann alles noch schwieriger machen. Aber die hoffnungsvolle Botschaft lautet, dass diese Systeme nicht starr sind und graduelle Verbesserungen sich ansammeln. Mehr Aufmerksamkeit heute macht die Dinge morgen leichter, und so weiter.

Gute Brust, böse Brust

Ein bemerkenswerter Punkt in Ruth Feldmans Forschungen ist, dass sie Gedanken in einem neuen Licht erscheinen lassen, die erstmals in der Objektbeziehungstheorie der Psychoanalyse auftauchten. In den 1930er-Jahren vertrat Melanie Klein die Ansicht, die Reaktion eines Babys auf frühe Fütterungsmuster könne darüber entscheiden, ob sie in Zukunft glücklich und beziehungsfähig seien. Wenn ein hungriges Baby gefüttert werde, werde die Mutter zur »guten Brust«. Wenn es keine Nahrung erhalte, sei sie die »böse Brust«. Klein meinte, es führe zu langwierigen Problemen, wenn ein Baby nicht in der Lage sei zu erkennen, dass die gute Brust und die böse Brust in ein und derselben Person nebeneinander existieren.

Ich muss zugeben, dass ich diese Gedanken absurd fand, als ich sie zum ersten Mal hörte. Die blumige Sprache der Psychoanalyse machte es nicht besser. In Beitrag zur Psychogenese der manisch-depressiven Zustände schreibt Melanie Klein:

Das Ich introjiziert von Anfang an sowohl »gute« als auch »böse« Objekte, und für beide stellt die Mutterbrust den Prototyp dar – für die guten Objekte, wenn sie das Kind befriedigt, für die bösen, wenn sie sich ihm versagt. Da das Baby seine eigene Aggression auf diese Objekte projiziert, empfindet es sie als »böse«, und zwar nicht nur insofern, als sie seine Bedürfnisse nicht befriedigen: Das Kind nimmt sie vielmehr als wirkliche Gefahr wahr – als Verfolger, die es verschlingen, sein eigenes Körperinneres ausrauben, es in Stücke schneiden und vergiften, kurz: mit allen Mitteln des Sadismus zerstören wollen (Klein 1996 [1935], S. 35).

Das ist natürlich lächerlich. Babys geraten in Verzweiflung, aber sie fürchten keines der Schreckensbilder, die Melanie Klein malt. Sie sind nicht in der Lage, solche Katastrophenszenarios zu entwickeln. Ihre Probleme sind unmittelbarer. Wenn sie Hunger haben oder sich unwohl fühlen, wollen sie, dass es aufhört. Wenn sie gefüttert werden, sind sie glücklich. Die Forschungen von Ruth Feldman zeigen, dass ihre frühen Interaktionen langfristige Folgen haben, aber nicht so, wie Melanie Klein sich das vorstellte.

Selbst viele Psychoanalytiker waren schockiert von Kleins düsteren Fantasien. Doch ihre Ideen begrüßten sie als eine Weiterentwicklung der Gedanken von Sigmund Freud. Freud interessierte sich nie besonders für Babys als Babys. Die freudsche Psychoanalyse ist eine Form der Gesprächstherapie für Erwachsene, die sich auf Geschichten, Archetypen und Mythen stützt. Geschichten sind in der Therapie menschlicher und nachvollziehbarer, aber für Freud mussten sie vor allem interessant sein. Deshalb war für ihn unser höchst komplexes Unterbewusstsein voll von primitiven Emotionen und ungelösten Konflikten. Nach seiner Sicht werden wir alle mit Fehlern geboren, voller Liebe, Hass, Neid, Angst und Schuld. Tatsächlich ist eine Kindheit nicht so, aber das ließ er nicht gelten, wenn es um eine gute Geschichte ging. Für Freud waren Babys dazu da, dass man ihnen die Fehler der Erwachsenen anlasten konnte, zu denen sie geworden waren.

Freuds jüngste Tochter Anna und ihre Analytikerkollegin Melanie Klein setzten Kinder an die erste Stelle. Sie arbeiteten beide direkt mit Kindern und nahmen das emotionale Erleben von Kindern sehr ernst. Anna Freud veröffentlichte 1927 ihr Buch Einführung in die Technik der Kinderanalyse. Darin knüpfte sie an die Auffassung ihres Vaters an, dass es in unserer Psyche Ich, Es und Über-Ich gibt und wir eine Reihe von genau definierten Stadien der psychosexuellen Entwicklung durchlaufen. Melanie Kleins Buch Die Psychoanalyse des Kindes erschien 1932. Sie hatte richtig erkannt, dass die emotionale Entwicklung sehr viel komplizierter war, als Freuds sauber getrennte Stadien es suggerierten. Aber sie ging noch viel weiter bei der Schilderung von Wut und Angst in der Kindheit.

Nach Freuds Tod 1939 kämpften Anna Freud und Melanie Klein um sein Erbe. 1944 einigten sie sich, dass sie sich nicht einigen konnten, und die Psychoanalyse teilte sich in eine freudianische Schule, eine kleinianische Schule und eine Mittelgruppe, die sich von beiden distanzierte. Das Anna Freud National Centre for Children and Families in London leistet seit mehr als sechs Jahrzehnten wichtige Forschungen zur geistigen Gesundheit von Kindern. In Großbritannien und Lateinamerika sind kleinianische Ideen weiterhin sehr einflussreich. Das vielleicht wichtigste Vermächtnis hat Melanie Klein womöglich in Gestalt zweier Schüler hinterlassen, Donald Winnicott und John Bowlby. Beide waren ausgebildete Ärzte und Psychiater, und beide hatten sehr viel mit Kindern gearbeitet, bevor sie zur psychoanalytischen Ausbildung zu Melanie Klein kamen. Letztlich wandten sich beide von ihrer düsteren und von Krisen bestimmten Sicht der Mutter-Kind-Beziehung ab.

So etwas wie ein Baby gibt es nicht

So etwas wie ein Baby gibt es nicht, das heißt, wenn man ein Baby beschreiben will, beschreibt man immer ein Baby und eine andere Person. Ein Baby kann nicht allein existieren, sondern ist immer Teil einer Beziehung.

Donald Winnicott, The Child, the Family and the Outside World, 1964

Winnicott hatte eine sehr viel positivere Botschaft für die Mütter als Melanie Klein: Im Großen und Ganzen haben Mütter eine natürliche Einstellung zur Mutterschaft und besitzen ein instinktives Wissen, wie sie ihre Babys versorgen müssen, denn sie sind selbst einmal Babys gewesen. 1943 hielt Winnicott im BBC-Radio eine Reihe von Vorträgen unter dem Titel »Glückliche Kinder« und entdeckte dabei sein Talent, seine Gedanken mit einfachen Worten auszudrücken. Er wurde danach immer wieder eingeladen, so auch 1945 zu der Reihe »Ihr Baby kennenlernen«; dabei wandte er sich direkt an junge Mütter. Er versicherte den Müttern, sie würden »gut genug« für ihre Babys sein. In den ersten Monaten, in denen es um Halten, Füttern, Aufmerksamkeit für und Einstimmung auf das neue Baby gehe, sei die Mutter für das Baby die Welt.

Nach seiner Auffassung stärkt eine aufmerksame Mutter ihr Baby. Sie registriert, wann es Hunger hat, und wenn sie ihm rasch zu essen gibt, sorgt sie dafür, dass das Baby sich stark, ruhig und zuversichtlich fühlt. Die Mutter verkörpert für das Kind die Welt. Aufmerksamkeit mag als Kleinigkeit erscheinen, aber in der Welt eines Babys hat sie große Bedeutung. Ganz richtig lag Winnicott mit seiner Abneigung gegen »Menschen, die immer Babys auf ihren Knien auf und ab hüpfen lassen, damit sie lachen«. Für ihn war das eine egoistische Handlung, bei der der Erwachsene durch das Baby unterhalten werden will, statt sich auf die Bedürfnisse des Babys in diesem Moment einzustellen.

John Bowlbys Arbeit ähnelt der von Winnicott, ergänzt sie aber auch. Während Winnicott der Objektbeziehungstheorie verhaftet blieb, wurde Bowlby mehr von Biologie, Psychologie und anderen Naturwissenschaften beeinflusst. Konrad Lorenz hatte ihn inspiriert, er korrespondierte mit ihm und anderen Verhaltensforschern. Die Fähigkeit der Mutter, ihr Kind zu versorgen und eine Verbindung zu ihm herzustellen, führte er mehr auf von der Evolution angelegte Instinkte zurück als auf unbewusste Erinnerungen an ihre eigene Kindheit. Seiner Meinung nach waren aus der Sicht des Kindes reale Erfahrungen und Beziehungen wichtiger als Gedanken und Fantasien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Bowlby die Leitung der Kinderabteilung der Tavistock Clinic in London, eines Zentrums für die Erforschung und Behandlung seelischer Probleme, und bezeichnenderweise benannte er sie um in Abteilung für Kinder und Eltern. Während des Krieges hatte Bowlby sich mit gestörten Kindern und aus London evakuierten Kindern befasst. Er führte viele Probleme auf die Tatsache zurück, dass die Kinder lange von ihrer wichtigsten Bezugsperson getrennt gewesen waren. Ein paar Jahre später bildete er ein Team mit der Kanadierin Mary Ainsworth. Sie arbeiteten direkt mit Babys und Müttern und entwickelten das sehr einflussreiche Konzept der »Bindung«.

Intime Bindungen an andere menschliche Wesen sind der Angelpunkt, um den sich das Leben eines Menschen dreht, nicht nur im Säuglings-, Kleinkind- oder Schulalter, sondern auch während der Adoleszenz und der reifen Jahre bis hinein in das Alter (Bowlby 1983 [1969], S. 576).

Ich untersuche das ausführlicher in späteren Kapiteln. An dieser Stelle soll es genügen, Bowlby und Winnicott für das zu würdigen, was sie mit ihrer Arbeit erreicht haben. Sie führten nicht nur die Theorien über die kindliche Entwicklung von den düsteren psychoanalytischen Fantasien Melanie Kleins ein gutes Stück auf den vernünftigeren Weg hin zu Ruth Feldmans Neurobiologie der Liebe, sondern hatten auch großen Einfluss auf das Leben vieler Familien. Dazu zählten jene, denen sie direkt mit ihrer klinischen Arbeit halfen, aber auch viele andere, weil ihre Arbeit die gesellschaftliche Wahrnehmung veränderte, was gute Elternschaft im Großbritannien der Nachkriegszeit bedeutete. Sie halfen Eltern, sich von der Vorstellung zu lösen, eine harte Hand und kühle Distanz seien nötig, um den Charakter des Kindes zu formen und zu große Anhänglichkeit zu verhindern, indem sie sehr klar darlegten, wie wertvoll Nähe, Liebe und Empathie sind. Sie bestärkten Mütter, ihren Instinkten mehr zu vertrauen als Autoritätspersonen. Bowlby und Winnicott hätten sicher als Erste gesagt, dass alle Mütter das meiste ganz allein herausfinden.

Die irische Romanautorin Anne Enright erzählt in ihrem Erfahrungsbuch Ein Geschenk des Himmels von ihren ersten Erlebnissen beim Füttern. Sie sitzt aufrecht in ihrem Krankenhausbett und wundert sich über ihre neugeborene Tochter, einen »weißen Dracula«, immer hungrig nach Milch, mit einem intensiven Blick und vielschichtigen Gefühlen, die sich im Gesicht spiegeln. Sie ist genauso verblüfft darüber, dass sie Milch produzieren kann, wie darüber, dass ihre Tochter sie aufnehmen kann. In den ersten Monaten erstaunen sie die Geheimnisse der Mutterschaft immer wieder. Erst sehr viel später kommt sie zu dem Schluss:

Die Mutterschaft fällt mir leicht. Doch ist es eine hart erkämpfte Leichtigkeit, auf die ich ziemlich stolz bin (Enright 2005, S. 244).

Was ist Vergnügen?

Ein Rätsel im Zusammenhang mit dem milchtrunkenen Baby haben wir noch nicht vollständig gelöst: Was bereitet dem Baby daran so viel Vergnügen? Wir wissen, dass es isst, um zu wachsen, und dass es, wenn es Nahrung zu sich nimmt, auch emotional wächst. Wir wissen, dass ein voller Bauch den Vagusnerv stimuliert, eine ganze Kaskade chemischer Botenstoffe freizusetzen, wodurch sich die Spiegel von Insulin, Ghrelin, Leptin und anderen Hormonen ändern. Wir wissen, dass diese chemischen Veränderungen den Körper darauf vorbereiten, die Mahlzeit zu verdauen und das Baby in einen glücklichen milchtrunkenen Schlaf sinken zu lassen. Aber wir wissen immer noch nicht, was daran Vergnügen bereitet.

Wenn wir Gehirnspezialisten fragen, heißt es manchmal »dopaminbasierte Belohnungskreisläufe«. Als Antwort ist das weitgehend nutzlos. Wenn wir einen Psychoanalytiker fragen, hören wir, dass Wunscherfüllung glücklich mache. Das ist ebenfalls überwiegend nutzlos. Für sich allein sind die Antworten nicht falsch, aber sie tragen nicht viel zu unserem Verständnis bei. Warum bereitet uns Freude, was uns Freude bereitet? Warum lacht das eine Baby, wenn es die Treppe heruntergetragen wird, während ein anderes immer die Giraffe Sophie bei sich haben will? Warum mag ich Iron Maiden und Sie mögen Madonna? Warum liebt jemand die Oper?

Spielt das überhaupt eine Rolle? In den 1890er-Jahren bemerkte der Philosoph William James, es sei unsinnig, Fragen zu stellen wie: »Warum lächeln wir, wenn wir uns freuen, und runzeln nicht die Stirn?« Die meisten Menschen kämen nicht auf die Idee, so etwas zu fragen. Vielleicht lieben wir die Dinge, die wir tun, weil sie nun einmal liebenswert sind. Um es mit den Worten von James auszudrücken: Eine Henne würde es ungeheuerlich finden, wenn irgendein Lebewesen ein Nest mit Eiern nicht für absolut faszinierend und kostbar halten würde.

Ökonomen und Philosophen machen viel Aufhebens um Vergnügen und Lust, aber ich habe den Verdacht, dass das hauptsächlich widerspiegelt, wie langweilig es ist, ein Ökonom oder Philosoph zu sein. Die Ökonomen übersetzen heute die meisten Dinge zuerst in Geld und dann in unverständliche Gleichungen. Nicht umsonst bezeichnen sie die Ökonomie auch als die »trübsinnige Wissenschaft«. Und wenn Sie das Gegenteil von Vergnügen wollen, empfehle ich Ihnen, den Artikel über Vergnügen (pleasure) in der Stanford Encyclopaedia of Philosophy zu lesen (Katz 2016).

Aber wir wollen fair zu den modernen Philosophen und Ökonomen sein: Ihre Ideen sind wahrscheinlich so unklar geworden, weil alle einfachen Gedanken schon formuliert waren. Mit dem Satz »Ich stimme Aristoteles zu« oder durch Abkupfern bei John Maynard Keynes kann man nicht Karriere machen. Aus philosophischer Sicht haben die alten Griechen das meiste bereits gesagt. Plato teilte unsere geläufige Einschätzung, dass Vergnügen die Befriedigung biologischer Begierden und Bedürfnisse ist. Ein hungriges Baby ist nicht mehr hungrig. Ein Erwachsener, dem es zu heiß wird, geht aus der Sonne.

Aristoteles kümmerte sich nicht um solche animalischen Vergnügungen und meinte, Vergnügen rühre von dem Gefühl her, die Welt zu beherrschen. Ein gefüttertes Baby freut sich, dass es ihm gelungen ist, Nahrung zu bekommen. Eine erwachsene Person genießt Kunst, weil sie weiß, was es bedeutet, »gute« Kunst zu machen. Epikur, dessen Name zum Synonym für das Streben nach Daseinslust geworden ist, vertrat die schlichtere Ansicht, Vergnügen sei Freiheit von Schmerz, Furcht und »Unruhe in der Seele«. Ein Baby, das es warm hat und satt ist, ist glücklich, weil es nicht unglücklich ist, so wie eine Katze, die in der Sonne liegt. Epikur sagt, Vergnügen finde man in Erlebtem, nicht in Gedanken. Oft werden seine Ideen so gedeutet, als befürworte er einen unbekümmerten Hedonismus, aber seine Philosophie ist differenzierter: Er drängt uns, die Gegenwart zu genießen, weil der größte Feind des Vergnügens die Angst im Hinblick auf Vergangenheit oder Zukunft ist.

Adam Smith, der Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaft, hatte ebenfalls kluge Dinge über das Vergnügen zu sagen. Smiths Ideen zu Freihandel und Marktwirtschaft fußten auf seinen Gedanken über die Menschen und die Gesellschaft. Seiner Ansicht nach war Epikurs Vorstellung von Vergnügen zu vereinfachend und ichbezogen. Im ersten Satz seines 1851 erschienenen Buchs Theorie der ethischen Gefühle erklärt Smith seine gesamte Philosophie:

Mag man den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in seiner Natur, die ihn dazu bestimmen, an dem Schicksal anderer Anteil zu nehmen, und die ihm selbst die Glückseligkeit dieser anderen zum Bedürfnis machen, obgleich er keinen anderen Vorteil daraus zieht als das Vergnügen, Zeuge davon zu sein (Smith 1977 [1851], S. 5).

Mit anderen Worten: Es bereitet uns Vergnügen, Sinn für das Wohlergehen von anderen zu haben. Mit diesem Prinzip der »gegenseitigen Sympathie« erklärt Smith Freude, Schmerz, Ärger und Kummer. Ziemlich am Anfang seines Buches stellt er das Leid des Kleinkinds, das nur »das Unbehagen des gegenwärtigen Augenblicks« empfinden kann, dem Kummer der Mutter gegenüber, der daraus erwächst, dass sie sich die Hilflosigkeit und Not ihres Kindes vorstellt.

Die Glücksforschung steckt selbst noch in den Kinderschuhen. Die Forscher versuchen, unsere kleinen Freuden zu verstehen, und damit rücken die Babys wieder in den Mittelpunkt. Was Glück betrifft, stimmen die Neurowissenschaftler gern Aristoteles darin zu, dass sich zwei Formen unterscheiden lassen: die Lust des Augenblicks und tiefere Befriedigung oder hedonia und eudaimonia, wie die alten Griechen sagten. Die Forschung hat sich größtenteils auf hedonistische Lust konzentriert und weniger auf eudämonistische Lebenszufriedenheit, weil Sinn und Zufriedenheit schwierig zu fassen sind. Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass Zufriedenheit schwer zu erreichen und noch schwerer festzuhalten ist. Sie ist nicht nur flüchtig, sondern rätselhaft und von einer Person zur anderen komplett verschieden. Außerdem braucht sie Zeit. Etwas ist vielleicht erst rückblickend befriedigend. Deshalb ist es nicht überraschend, dass es bisher noch nicht gelungen ist, Zufriedenheit im Gehirn zu lokalisieren.

Vergnügen ist mehr als nur ein angenehmes Gefühl. Die Neurowissenschaftler Kent Berridge und Morten Kringelbach sprechen von einem »hedonistischen Glanz«, der über bestimmten Erfahrungen liege und sie von anderen unterscheide. Außerdem glauben sie, dass zum Vergnügen drei Bestandteile gehören: Wollen, Mögen und Lernen. Mögen ist die Erfahrung des Vergnügens, Wollen und Lernen passieren vorher und nachher, sie sind die Vorwegnahme und das Nachleuchten (Berridge und Kringelbach 2011).

Der größte Teil der Forschungen zu Vergnügen und Lust dreht sich um die Lust am Essen, nicht zuletzt, weil in Tierexperimenten die Belohnung durch Futter wunderbar funktioniert. Man kann eine Maus oder einen Affen schlecht nach ihren Lieblingssongs fragen, aber bei ihren Essensvorlieben sind sie sehr auskunftsfreudig. Das Gleiche gilt für Babys. Sobald ein Baby anfängt, feste Nahrung zu sich zu nehmen, müssen sich die Eltern auf viele Jahre mit Wutanfällen und Verweigerung einstellen, wenn ihr Kind etwas zu essen bekommt, das es nicht mag. Oder normalerweise schon mag, aber gerade heute nicht, vielen Dank Mami. Für jeden Gesichtsausdruck, der Abscheu vor Essen anzeigt, gibt es ein Pendant, das Entzücken signalisiert. Den Gemüserebellionen steht das Eiscremelächeln gegenüber.

Erstaunlicherweise sind es in unserer erweiterten Affenfamilie immer die gleichen Gesichtsausdrücke, die diese Vorlieben übermitteln. Dieses Wissen verdanken wir einem ungewöhnlichen Experiment, das Berridge und sein Team 2001 unternommen haben (Steiner, Glaser, Hawilo und Berridge 2001). Zuerst gaben sie neugeborenen Babys (mit Saccharose) gesüßtes Wasser und (mit Chinin versetztes) bitteres Wasser und filmten die Gesichter, die sie dabei zogen. Dann wiederholten sie das mit einer bunten Schar unserer Affenverwandten. Sie testeten insgesamt elf andere Arten, darunter alle Menschenaffen (Gorillas, Orang-Utans und Schimpansen) und viele Affen mit fantasievollen Namen wie die Rotkopfmangabe und den Östlichen Graukehl-Nachtaffen. Zur Vervollständigung nahmen sie noch einen Mongozmaki dazu.

Die grundlegende Erkenntnis war nicht allzu überraschend: Alle elf anderen Arten zogen Süßes dem Bitteren vor. Bemerkenswert war, dass sie das mit beinahe identischen Gesichtsausdrücken signalisierten. Menschenbabys und Affenbabys kniffen gleichermaßen die Augen zu und zogen die Nase kraus, wenn sie das bittere Gemisch bekamen, und streckten bei der süßen Limonade die Zunge vor. Und als die Videos noch einmal sorgfältig in Zeitlupe analysiert wurden, breiteten sich die Ausdrücke in genau der gleichen Geschwindigkeit über die Gesichter aus, wenn man die jeweilige Größe berücksichtigte. Bei einem Gorilla breitete sich die Grimasse also langsamer aus als bei einem Goldhandtamarin, aber es war dieselbe Grimasse. Interessanterweise drückten nur Menschen und die anderen Menschenaffen Vergnügen durch Lächeln aus.

Die Schlussfolgerung aus dieser Studie lautet nicht nur, dass alle Affenbabys Limonade mögen, sondern dass unsere hedonistischen Reaktionen Millionen Jahre alt sind. Es ist nicht überraschend, dass die Früchte liebenden Mitglieder der Primatenfamilie allesamt Süßes mögen. Aber unser jüngster gemeinsamer Vorfahr mit den südamerikanischen Affen lebte vor 30–65 Millionen Jahren. Die Lemuren sind sogar noch entferntere Verwandte. Die Ausdrücke auf den Affengesichtern waren nicht alle identisch, aber doch so ähnlich, dass wir zuversichtlich sagen können, dass die Reaktionen gleich waren.

Der Einwand liegt auf der Hand: »Na und? Die einfachen Genüsse von Babys und Affen sind eines, aber über die raffinierten Vergnügungen von Erwachsenen sagt das nicht viel.« Vielleicht doch. Denn selbst die raffiniertesten erwachsenen Gelüste wie die nach gutem Essen, teurem Wein und abstrakter Kunst spiegeln das gleiche grundlegende Vergnügen wider, das wir in dem glücklichen Gesicht eines Seidenäffchen-Babys erkennen.

So sieht es Paul Bloom, ein kanadischer Psychologe, der an der Universität Yale arbeitet. Er ist Experte für Babys und hat drei Bücher über sie und das, was wir von ihnen lernen können, geschrieben. Aber er hat auch sehr viel über andere Themen publiziert, unter anderem über Moral, Empathie und Vergnügen. In seinem Buch Sex und Kunst und Schokolade: Warum wir mögen, was wir mögen (2011) vertritt er die »essenzialistische« Position, dass alle Dinge, die uns Vergnügen bereiten, etwas gemeinsam haben, das sie vergnüglich macht. Zum Beispiel verliert ein Kunstwerk, das einem großen Künstler zugeschrieben wird, den Kunstkenner sehr schätzen, schlagartig an Wert und Faszination, wenn sich herausstellt, dass es eine geniale Fälschung ist, weil nun die Essenz des Meisters nicht mehr da ist.

Bloom spricht in seinem Buch nicht viel über Babys, aber ihre Freuden und Vorlieben sind der Ursprung dessen, was wir mögen und was uns Vergnügen bereitet. Eine meiner liebsten Süßigkeiten als Kind waren Cherry Lips, harte, wie Lippen geformte kirschrote Bonbons, deren Konsistenz und Geschmack an Plastik erinnerten. Meine Mutter aß sie in großen Mengen, als sie mit mir schwanger war. Wahrscheinlich stammte meine Vorliebe daher. (Woher ihre Gier danach stammte, wissen wir nicht.)

Julie Mennella hat untersucht, wie Geschmacksvorlieben von Müttern an ihre Babys weitergegeben werden. Sie arbeitet am Monell Chemical Senses Centre in Philadelphia, und ihre frühesten Forschungen zeigten, wenn Mütter in der Schwangerschaft oder während der Stillzeit viel Karottensaft getrunken hatten, mochten ihre Babys Getreidebrei mit Karottengeschmack, sobald sie mit fester Nahrung begannen (Mennella, Jagnow und Beauchamp 2001). Passenderweise war sie durch frühere Untersuchungen mit Kaninchen zu dieser Studie angeregt worden. 1994 hatten Agnes Bilko und ihr Team festgestellt, dass kleine Kaninchen eine besondere Vorliebe für Wacholderbeeren zeigten, wenn ihre Mütter damit gefüttert worden waren. Diese Vorliebe wurde sogar dann weitergegeben, wenn die Wacholderbeeren den Kaninchenbabys nur im Kot der anderen Kaninchen im Nest begegneten. Natürlich konnte man diesen Versuch nicht mit Menschenbabys wiederholen, aber die Forschung zeigt, dass Vorlieben mit dem zusammenhängen, was Babys im Mutterleib oder durch die Muttermilch kennenlernen.

Mennellas Forschungsteam testete Vanille, Anissamen, Minze und Knoblauch, und alle entsprechenden Vorlieben können von der Mutter an das Baby weitergegeben werden. Unsere landestypischen Essensvorlieben könnten mit der Muttermilch auf uns übergegangen sein. Mennella, die Amerikanerin italienischer Abstammung ist, erklärt auf diese Weise gern ihre Vorliebe für Gerichte mit viel Knoblauch. Doch solche Vorlieben haben Grenzen. Viele grüne Gemüse sind ziemlich bitter, und kleine Kinder nehmen Bitteres intensiver wahr. Kinder dazu zu bringen, dass sie Gemüse essen, übersteigt immer noch die Fähigkeiten der Wissenschaft.

Kot und Kichern

Wird das Kind

vom Töpfchen hochgehoben,

hört es von der Mutter

das erste große Lob:

Drum ist es, wenn wir erwachsen sind,

ein gutes Omen,

den Tag mit einem befriedigenden

Schiss zu beginnen.

W. H. Auden, »The Geography of the House«, in: About the House, 1965

In seinem Buch About the House machte es sich W. H. Auden zur Aufgabe, aus der Perspektive jedes Raums über das Leben nachzudenken. Das Gedicht über die Toilette ist ein besonderer Höhepunkt. Es handelt von der elementaren Lust am Kacken, und Auden kombiniert dabei lustvoll Fäkalhumor mit intellektuellen Reflexionen über Luther, Freud und den heiligen Augustinus. Er erkennt an, welches Vergnügen uns allen ein befriedigender Schiss bereitet, und führt das zurück auf unsere frühesten Tage, als wir für diesen Akt der Selbstkontrolle sehr gelobt wurden. Er geht sogar so weit zu sagen: »Alle Kunst kommt von diesem Ur-Akt des Machens.« Leicht paraphrasierend könnten wir sagen, seiner Meinung nach seien alle Akte künstlerischer Kreativität nur Beispiele, wie ihre Urheber versuchten, die Lust eines guten Schisses zu reproduzieren.

Auden hatte selbst keine Kinder und unterschätzt, wie viel Lob Babys für »gutes Kacken« bekommen, lange bevor sie auf den Topf gesetzt werden. Von der Geburt an hören Babys beifällige Laute von ihren stolzen Eltern, wenn sie zur richtigen Zeit ihre Windel füllen. Und das ist auch gut so, denn Eltern erfahren schnell, dass Neugeborene Freude und Scheiße in großen Mengen produzieren.

Wie nicht anders zu erwarten, unterstützen Windelhersteller diese Begeisterung. Mamia und Pampers haben Werbefilme mit »Kackgesichtern« produziert. Sie zeigen eine Reihe von Babys, die eindeutige Gesichter ziehen, während sie glücklich ihre Windeln vollmachen. Beide Filme – gedreht in großartiger Zeitlupe und unterlegt mit bewegender klassischer Musik – haben Branchenpreise gewonnen. Das ist vollkommen einleuchtend, sobald man sich nicht mehr fragt, wie sie diese emotionsgeladenen Darmbewegungen eingefangen haben.

Eltern sind gut beraten, wenn sie im Umgang mit Kot die gleiche fröhliche Haltung einnehmen. Es gibt kein Entkommen. Bei einem durchschnittlichen Baby in einem westlichen Land werden sechs- bis zwölfmal am Tag die Windeln gewechselt, was sich auf bis zu 3000 Windelwechsel allein im ersten Jahr summieren kann. Das ist viel Kacka und Pipi, und nicht alles landet in der Windel. Kot gelangt wundersamerweise überallhin – auf das Baby, auf die Babykleidung, in die Badewanne, auf Möbel, auf Haustiere, auf alles und jedes. Und selbst wenn kein Kot vorhanden ist, verwenden die Eltern viel Zeit darauf, über Menge und Konsistenz zu sprechen und an dem Baby zu schnuppern, ob der nächste Windelwechsel fällig ist.

Es ist erstaunlich, wie zuverlässig kleine Jungen pinkeln, sobald man sie zum Windelwechseln ausgepackt hat. Als ich ganz frisch auf der Welt war, nannten meine Eltern mich »Fontänen-Addy«, weil meine Wasserspiele beim Windelwechseln es mit einer lokalen touristischen Sehenswürdigkeit namens Fountains Abbey aufnehmen konnten. Ein strahlender Sechsjähriger erzählte mir einmal: »Ich habe einen kleinen Bruder bekommen, und er lächelt nur, wenn er pinkelt.« Der freudige Ausdruck auf seinem Gesicht ließ vermuten, dass das womöglich das Beste daran war, einen kleinen Bruder zu haben.

Anne Enright schreibt in Ein Geschenk des Himmels: »Babys sind auf unser Lächeln angewiesen, beim Füttern und auch – noch dringender – wenn es am anderen Ende wieder herauskommt.« Freud dachte ähnlich. Ein berühmter Aspekt seiner Theorie der psycho sexuellen Entwicklung ist das Konzept der anal-retentiven Persönlichkeit. Freud zufolge entwickeln sich Babys von der Phase der oralen Fixierung im ersten Jahr, in der sich alles um die Brust und die Nahrung dreht, weiter zum analen Stadium mit 18 bis 36 Monaten, in dem es um die Verdauung und den Stuhlgang geht. Er meinte, wenn Eltern ein zu rigides Toilettentraining praktizierten, werde ein Kind beim Heranwachsen zu unflexibel und zu sehr auf Sauberkeit und das Befolgen von Regeln bedacht sein.

Freud hatte recht und unrecht zugleich. Seine Beschreibung der anal-retentiven Persönlichkeit gab die Grundlage für das ab, was Psychologen heute als zwanghafte oder anankastische Persönlichkeitsstörung bezeichnen, ein psychisches Problem, von dem zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Aber weder diese Störung noch die damit eng verbundene Zwangsstörung, eine Angsterkrankung, hat etwas mit dem Toilettentraining zu tun. Ich will mich nicht weiter in Freuds Theorien vertiefen, weil sie nicht wissenschaftlich sind und keine Erkenntnisse über Babys liefern. Wann immer Freud über die frühe Kindheit sprach, wollte er eine Vorstellung illustrieren, die er über das Erwachsenendasein hatte. Die Terminologie und Mythologie der Psychoanalyse sind ein Versuch, die Komplexität des ganzen Menschen zu erfassen. Die Psychoanalyse ist bestrebt, eine Geschichte zu finden, die Patient und Therapeut nutzen können, damit der Patient mit der Gegenwart besser zurechtkommt. Ob die Theorie wahr ist, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Kurioserweise betrachtete Freud das Lachen wie das Kacken als »Triebabfuhr«. Der Gedanke geht zurück auf einen Aufsatz über die Physiologie des Lachens von Herbert Spencer aus dem Jahr 1859. Spencer war Philosoph, Anthropologe, Soziologe und politischer Theoretiker. Er ist heute ziemlich unbekannt, aber im 19. Jahrhundert war er ein philosophischer Superstar: ein produktiver Autor und der bekannteste Intellektuelle in Europa, so etwas wie der Bertrand Russel oder Stephen Hawking der damaligen Zeit.

Spencer hatte großen Einfluss auf Freud. Seine Theorie des Lachens lässt sich perfekt in den Satz fassen: »Lachen ist ein aufgeplatztes Lächeln.« Er glaubte, dass Gefühle, die eine bestimmte Intensität überschritten haben, körperlich zum Ausdruck gebracht werden müssen. Dieses hydraulische Modell von Emotionen, die sich aufstauen und dann abgeführt werden müssen, wurde zentral für Freuds Theorien. Aber während es passend ist für Kot, der sich sammelt und erfolgreich ausgeschieden wird, ist es eine schiefe Metapher für unsere Gefühle.


Kapitel vier
Schlafen!?

Das Lächeln, das auf des Kindleins Lippen flackert, wenn es schläft – weiß jemand, wo das geboren ward? Ja, es geht ein Gerücht, daß ein junger, blasser Strahl des zunehmenden Mondes den Saum einer schwindenden Herbstwolke berührte, und da wurde das Lächeln zuerst geboren in dem Traum eines taugebadeten Morgens – das Lächeln, das auf des Kindleins Lippen spielt, wenn es schläft.

Rabindranath Tagore, »Der Ursprung«, aus: Der zunehmende Mond, 1913

Eine überraschende Entdeckung junger Eltern ist, dass Babys oft im Schlaf lächeln oder sogar lachen. Der bengalische Dichter und Universalgelehrte Rabindranath Tagore hatte eindeutig diese Erfahrung gemacht und beschreibt sie in seinem Gedicht »Der Ursprung«. Es steht ziemlich am Anfang von Der zunehmende Mond, der Sammlung von Gedichten über Kinder und die Kindheit, die in englischer und deutscher Übersetzung 1913 veröffentlicht wurde, im selben Jahr, in dem er den Nobelpreis für Literatur erhielt. In typisch lyrischer Form schildert Tagore die magischen Augenblicke im Alltag, die andere übersehen. In einem weiteren Gedicht, »Kindchens Welt«, staunt er darüber, wie anders die Welt für Babys aussieht. In »Der Ursprung« hält sich Tagore nur kurz bei der Frage auf, ob das Baby lächeln im Schlaf einen Hinweis auf kindliche Träume gibt, bevor er mit eigener kindlicher Begeisterung anderen Ideen nachjagt.

Eine ähnliche Szene taucht ein paar Seiten weiter in einem Gedicht mit dem Titel »Die Schlafdiebin« noch einmal auf. Tagore beschreibt eine Mutter, die ihr Baby für den Mittagsschlaf hinlegt und mit ihrer Hausarbeit weitermacht. Wenig später geht sie zurück und findet das Baby hellwach vor, wie es über den Boden krabbelt. »Wer hat denn den Schlaf von Kindchens Augen gestohlen?«, fragt sie und klagt über den neuerlichen Besuch der Schlafdiebin. Denn was für eine andere Erklärung könnte es sonst geben, dass dieses Baby, das müde sein müsste, eindeutig hellwach ist? Das Gedicht entwickelt die Fantasie, das Nest der Schlafdiebin zu suchen und den ganzen fehlenden Schlaf zurückzuholen.

Tagore hatte fünf Kinder, aber man bekommt den Eindruck, dass sich in der Regel eine andere Person um sie kümmerte. Im Unterschied zu den meisten Eltern ist Tagore amüsiert über das hellwache Baby. Er findet es lustig, Frustration ist eher nicht zu spüren. Oder Erschöpfung: Vom gestohlenen Schlaf der Mutter oder gar von seinem eigenen ist nicht die Rede.

Um ehrlich zu sein, mir ging es sehr oft genauso wie Tagore. Ich finde Babys faszinierend und frage mich dauernd, was in ihren kleinen Köpfen wohl vorgeht. Ich verbringe viel Zeit damit, sie genau zu beobachten. Weil ich selbst keine Kinder habe, ist es meist eine intellektuelle Beschäftigung, besonders wenn es um das Schlafen geht. Ich frage mich, was Babys träumen. Ich weiß, dass sie oft aufwachen, und ich frage mich warum. Aber alle Babys, die in unsere Labors kommen, sind hellwach oder wachen gerade auf. Wir legen die Termine entsprechend fest. Wir wollen, dass die Babys ihre wachste Phase haben, wenn sie bei uns sind, damit sie bei unseren Tests ihr Bestes geben können; weil wir Schlaf normalerweise nicht untersuchen, taucht das Thema nicht immer auf. Die Eltern wirken oft müde, aber sind zu höflich, um Aufhebens darum zu machen.

Wie wichtig die Schlafmuster von Babys für die Eltern sind, stellte ich erst in Brasilien fest. Ich saß in dem engen Wohnzimmer von Ana Luiza, einer vierzigjährigen Mutter von drei Kindern. Wir befanden uns im zehnten Stock eines gepflegten Hochhauses in Vila Moraes, einem Stadtviertel von São Paulo. Die Wohnung war klein, einfach und blitzsauber, aber trotzdem gemütlich. Die beiden älteren Töchter, acht und vier, hatten ein gemeinsames Zimmer, in dem ihre beiden kleinen Betten gerade Platz fanden. Das jüngste Kind, ebenfalls ein Mädchen, ein Jahr alt, schlief in einer Wiege am Fuß des Bettes ihrer Eltern. Eine Stunde lang hatte ich Ana Luiza zugehört, wie sie über den Schlaf ihrer jüngsten Tochter erzählte. Weil ich damals nur wenig Portugiesisch sprach, verstand ich höchstens ein Fünftel davon. Aber die Kernbotschaft drang laut und deutlich zu mir durch: Der Schlaf des Babys beschäftigt die Eltern sehr. Genau deshalb war ich nach Brasilien gekommen.

Ich war zusammen mit Cinthia Oliveira von Pampers und Luciana Martins von Ketchum, der Kommunikationsberatung von Pampers, unterwegs. Ana Luiza war die sechste Mutter, die wir besuchten. Wir waren bei Yasmin und Baby Felipe gewesen, das in einer Wiege schlief, die mit Hunderten kleiner Totenkopfsticker dekoriert war. Wir hatten Gabriella und Baby Giovanna kennengelernt, die beide viel Rosa trugen. Wir hatten die supergesprächige Helena und ihr superlächelndes Baby João besucht. Jedes Mal hatten die Mütter die Stunde, die uns zur Verfügung stand, mühelos mit Erzählungen über das Schlafen, Einschlafrituale und Windeln ausgefüllt.

Zu den schönen Dingen, wenn man sich mit der Erforschung von Babylachen beschäftigt, gehört, dass man dabei immer wieder in reizvolle, überraschende Richtungen geführt wird. Zwei Monate in São Paulo leben und arbeiten zu dürfen ist in dieser Hinsicht sicher ein Highlight, obwohl ich, als ich zum ersten Mal von dem Projekt hörte, noch dachte, es sei ein Witz. Im Februar 2015 erhielt ich aus heiterem Himmel einen Anruf von Luciana. Sie stellte sich vor und sagte, Pampers Brazil wolle mithilfe der Wissenschaft beweisen, dass Babys lachend aufwachen. Zuerst lachte ich selber, denn normalerweise funktioniert Wissenschaft nicht so. Aber es stellte sich heraus, dass sie es ganz ernst meinte.

Weltweit lief bereits Pampers-Werbung zum Thema »glucksendes Aufwachen«. Die Filme zeigten glückliche Babys, die in ihren Kinderbetten auf und ab hüpften. Die Werbung behauptete, Babys, die in Windeln von Pampers aufwachten, könnten nicht unglücklich sein, weil sie sich nicht unwohl fühlten und nicht nass seien. Das Pampers-Team in Brasilien wollte noch einen Schritt weiter gehen. Sie wollten mit mir zusammenarbeiten, um diese Aussage wissenschaftlich zu testen.

Als jemand, der die Unternehmenswelt verlassen hatte, um seine Zeit mit Babys zu verbringen, hatte ich meine Zweifel, das gebe ich zu. Doch dann sah ich mir noch ein paar kurze Informationsfilme von Pampers für junge Mütter an. Ich war beeindruckt. Die Filme waren klar und wissenschaftlich solide. Als Nächstes sprach ich mit meiner Kollegin Professor Annette Karmiloff-Smith, die früher schon einmal mit Pampers zusammengearbeitet hatte. Annette ist auf unserem Forschungsgebiet eine Legende. Sie war die letzte Doktorandin von Jean Piaget, dem genialen Begründer der Entwicklungspsychologie, und hat selbst zahlreiche unglaublich einflussreiche Bücher und Aufsätze geschrieben. Als wir uns unterhielten, war sie 76 und arbeitete immer noch sehr viel. Leider starb sie ein Jahr später.

Annette erzählte mir, sie habe bei mehreren Projekten zum Thema Babyschlaf erfolgreich mit Pampers kooperiert. Sie brachte mich mit Dr. Frank Wiesemann zusammen, dem Leiter des Babypflege-Forschungsteams bei Procter & Gamble. Wir telefonierten, und dabei wuchs meine Zuversicht für das Projekt. Frank ist fröhlich, pragmatisch und direkt mit einem typisch deutschen Sinn für trockenen Humor. Er lachte ebenfalls über den übertriebenen Enthusiasmus seiner brasilianischen Kollegen, die »mit Wissenschaft« beweisen wollten, dass Babys lachend aufwachen. In unserem Gespräch stellten wir fest, dass es nur sehr wenig Forschung dazu gibt, wie die Schlafqualität von Babys ihre Stimmung am Morgen beeinflusst. Also buchte ich meinen Flug nach Brasilien.

Die »Experten«?

Bei der Vorbereitung unserer Studie beschäftigte ich mich zum ersten Mal richtig mit dem Schlaf von Babys. Es stellte sich heraus, dass die Experten und Wissenschaftler den Schlaf ganz anders betrachten als die Eltern. Eltern werden genau wie andere Opfer von Schlafentzug mit allem einverstanden sein, was ihnen zu einer ruhigen Nacht verhilft. Die Experten nehmen sich dieser Verzweiflung an, versprechen die magische Formel für ein Baby, das sich an feste Schlafzeiten hält, oder ein absolut zuverlässiges Schlaftraining. Unterdessen befassen sich die Wissenschaftler immer noch mit der Frage, warum wir überhaupt schlafen. Der Zweck des Schlafs ist nach wie vor ein Rätsel für uns.

In Großbritannien ist Gina Ford eine besonders berüchtigte Babyexpertin. Die ehemalige Kinderkrankenschwester hat zahllose Bücher verkauft, die allen Eltern ein zufriedenes Baby versprechen, wenn sie sich an ihre strikten Zeitpläne für Essen und Schlafen halten. Eine typische Regel in ihrem Buch lautet, ein drei Monate altes Baby müsse zweieinviertel Stunden nach dem Hinlegen wieder wach sein, egal, wie lange es insgesamt schläft (Ford 2010 [2004]). Diese doktrinäre Haltung spaltet die Eltern. Viele schwören darauf, dass ihre Routinen Wunder wirken. Für andere ist Gina Ford eine Provokation. Kommentatoren empörten sich insbesondere über Ratschläge wie den, Babys sollten sich ruhig in den Schlaf weinen.

Fords Insistieren, alles müsse einem minutengenauen Zeitplan folgen, hat monomanische Züge. Nach ihrem Buch enthält der täg liche Zeitplan für Eltern mit einem sechs bis acht Wochen alten Neugeborenen 52 Punkte, die sie in 24 Stunden abarbeiten müssen. Und wie es aussieht, dürfen weder die Eltern noch das Baby im ersten Jahr auch nur ein einziges Mal ausschlafen. Nicht einmal am Wochen ende. Jeden Tag beginnt der Zeitplan mit dem Eintrag »Spätestens um sieben sollte das Baby wach sein, mit frischer Windel und gefüttert«. Für viele Eltern mit Babys, die scheinbar niemals schlafen, gibt es in Fords Büchern viele hoffnungsvolle Voraussagen, an die sie sich klammern. Aber ihre Ratschläge gründen offenbar auf keinerlei Forschung jenseits ihrer persönlichen Erfahrung als Ratgeberin für Eltern. Es ist schon aufschlussreich, dass zwölf von 21 »Leseempfehlungen« in Das zufriedene Baby andere Titel von Gina Ford sind.

Die strikte Routine von Anfang an widerspricht der Auffassung von Dr. Richard Ferber, dem Mann, dessen Name zum Synonym für ein bestimmtes Schlaftraining geworden ist. Für alle Zeiten heißt die Methode »schreien lassen« bei amerikanischen Lesern Ferberisation, obwohl Ferber diese Formulierung nie verwendet hat und von Eltern keineswegs eine so strikte Routine verlangt wie Gina Ford.

Dr. Ferber gründete 1979 das Zentrum für kindliche Schlafstörungen am Kinderkrankenhaus von Boston. In seinem Buch Schlaf, Kindlein, schlaf aus dem Jahr 1985 (deutsche Ausgabe 1996) empfahl er als Erster eine Schlafroutine, bei der die Eltern das Baby ins Bett legen sollen, solange es noch wach ist, es schreien lassen und die Zeitabstände, in denen sie nach dem Baby sehen, jeden Abend ein bisschen verlängern. Nach dieser Theorie sollen die Kinder nach und nach lernen, auch ohne die Anwesenheit eines Elternteils selbst in den Schlaf zu finden. Kritiker sagen, seine Methode werde nicht dazu führen, dass die Babys nicht mehr verzweifelt seien, sie würden nur lernen, es nicht zu zeigen.

Über die Jahre wurde Ferber von Anhängern und Kritikern gleichermaßen falsch zitiert. Zum einen empfahl er seine Methode nur Eltern, die große Probleme haben, ihre Kinder zur Ruhe zu bringen. Wenn ein Baby die meiste Zeit gut schläft, hat das Schlaftraining nach seiner Ansicht keine Vorteile. Zweitens funktioniert es nicht bei Babys unter sechs Monaten. Sie müssen nachts aufwachen, um zu trinken, und für diese Altersgruppe empfiehlt Ferber das Schlaftraining nicht. Außerdem sieht er keine strenge Routine für den Rest des Tages vor.

Mein liebster Experte ist Dr. Harvey Karp. Dr. Karp würde Ferbers Aussage zustimmen, »die Bedürfnisse eines Babys werden am besten erfüllt, wenn alle gut schlafen«. In seinem Buch Das glücklichste Baby der Welt (Karp 2011) geht es hauptsächlich darum, wie ein Baby gut schläft. Aber Karp nimmt die entgegengesetzte Position zu Ford und Ferber ein. Nach seiner Ansicht ist es am wichtigsten, nach dem Baby zu sehen und es rasch zu beruhigen.

Dr. Karp empfiehlt eine Abfolge von »fünf S«, um ein Baby zu beruhigen, das nicht in den Schlaf findet. Das erste S ist »strammes Einwickeln«. Wenn das Baby nicht mehr strampeln kann, wird es ruhig. Zweitens sollen die Eltern das Kind eine Zeit lang in Seiten- oder Bauchlage bringen. Drittens wirkt ein weißes Rauschen aus Schhhh-Lauten besänftigend. In gewisser Weise ist das die akustische Entsprechung zum strammen Wickeln. Der vierte Punkt ist Schaukeln. Am Anfang sollte es ziemlich heftig sein und dann nach und nach in rhythmische, eintönige Bewegungen übergehen. Das fünfte S ist Saugen – an der Brust, an einem Finger oder einem Schnuller.

Die gute Nachricht lautet, dass die meisten Methoden bis zu einem gewissen Grad zu helfen scheinen. Jodi Mindell und ihr Team (Mindell u. a. 2006) fanden in einer großen Überblicksstudie zu 52 unterschiedlichen Schlafinterventionen heraus, dass Schlaftraining zu verbessertem Schlaf führte. Es funktionierte auch, wenn die Eltern im Zimmer blieben, aber das Baby ignorierten. Das Gleiche galt für eine Schlafroutine, zu der feste Bettzeiten gehörten, die Eltern aber das Baby erst hinlegten, wenn es müde wirkte. Sogar so seltsame Methoden wie »gezieltes Aufwecken« hatten Erfolg. Dabei sollen sich die Eltern die Zeiten merken, wann das Baby meistens weinend aufwacht, und es gezielt 20 Minuten vorher wecken und trösten. Das »Aufwecken« wird dann nach und nach reduziert.

All diese Studien stützten sich auf die Berichte von Eltern, die immer subjektiv sind. Möglicherweise trainieren sie die Eltern einfach, weniger Probleme wahrzunehmen. Zwei aktuellere Studien untersuchten die Methode kontrolliertes Schreien im Sinne von Ferber mittels Aktigrafie. Dabei zeichnet ein Gerät ähnlich wie ein Fitnessarmband alle Bewegungen des Babys in der Nacht auf. In beiden Studien berichteten die Eltern in der Gruppe, die die Babys kontrolliert schreien ließ, über mehr Verbesserungen. Aber noch wichtiger ist eine andere Feststellung: Die objektiven Daten aus den Aufzeichnungen zeigten, dass der Schlaf mit Schlaftraining nicht besser war als in der Kontrollgruppe ohne Schlaftraining (Gradisar u. a. 2016; Hall u. a. 2015).

Wir wissen, dass beim Schreien Puls, Blutdruck und der Cortisolspiegel des Babys ansteigen, was das Einschlafen sicher nicht befördert. Wir wissen nicht, ob es langfristige Wirkungen hat, und wenn ja welche, wenn Babys sich selbst überlassen bleiben. Es gibt bisher keine gut kontrollierte Studie zu den langfristigen Wirkungen von Schlaftraining. Dr. Tracy Cassels, die den Blog Evolutionary Parenting betreibt, schreibt, ohne überzeugende Belege, dass kontrolliertes Schreien hilft, sollten Eltern auf Schlaftraining verzichten. Ich bin ebenfalls der Meinung, dass aufmerksame Fürsorge besser ist.

Warum schlafen wir überhaupt?

Eltern, die sich fragen, warum ihr Baby nicht schläft, können eine zweifelhafte Befriedigung aus der Tatsache ziehen, dass nicht einmal die besten Schlafexperten der Welt genau wissen, warum wir überhaupt Schlaf brauchen. Trotz all unserer Bemühungen haben wir keine umfassende Theorie des Schlafes. Wir verstehen nicht genau, was Schlaf bei Erwachsenen bewirkt, und bei Babys wissen wir es schon gar nicht. Ein Grund, warum die meisten Psychologen sich aus diesen Diskussionen heraushalten, ist, dass durch Schlafmangel erschöpfte Eltern den Satz »Es ist kompliziert« nicht hören wollen.

Schlaf ist nicht mein zentrales Forschungsthema, und um mehr zu erfahren, ging ich deshalb den Flur hinunter zu der Schlafexpertin an der Goldsmiths University, Professor Alice Gregory. Auf den ersten Blick wirkt Alice zu jung und zu witzig, um Professorin zu sein. Aber wenn man sich ihre imposante Liste von über 100 wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Schlaf anschaut, wird klar, dass Alice eine internationale Koryphäe ist und Schlaf in der Tat eine komplizierte Sache.

Wie es der Zufall wollte, hatte Alice gerade Nodding Off abgeschlossen, ein populärwissenschaftliches Buch über den Schlaf. Der Untertitel lautet »Schlaf verstehen von der Wiege bis zum Grab«. Damit war sie die perfekte Person, um mir den Schlaf zu erklären. Ich begann mit der ganz großen Frage: Wozu dient Schlaf? Und sie antwortete, das sei die falsche Frage. »Manche Wissenschaftler sagen, zu fragen, warum wir schlafen, sei genauso lächerlich wie zu fragen, war um wir wach sind. Die Forscher diskutieren nicht mehr über die Aufgabe des Schlafs. Sie sind sich mittlerweile einig, dass er vielfältige Aufgaben hat.« Die vier wichtigsten sind Regeneration, Stoffwechsel, Lernen und etwas, das man mangels einer besseren Bezeichnung Therapie nennen könnte.

Die Regenerationshypothese wurde in den 1960er- und 1970er-Jahren von dem Forscherehepaar Ian Oswald und Kristine Adam von der Universität Edinburgh vertreten (Adam und Oswald 1983). In ihrer ursprünglichen Form ist sie ganz einfach. Sie besagt, dass Schlaf den Menschen körperlich und Träumen ihn seelisch wiederherstellt. Regeneration ist nicht einfach »Ausruhen«. Schlaf ist gar nicht so geruhsam. Tatsächlich verbrennt ein Mensch beim Schlafen 12 Prozent mehr Kalorien, als wenn er vor dem Fernseher sitzt. Schlafen ist eine aktive Zeit. Beim Schlafen geht es nicht darum, durch Inaktivität Energie zu sparen, und wohl auch nicht einfach nur um physische Erholung. Laufen Sie einmal einen doppelten Marathon (ich warte solange hier). Ein paar Tage lang werden Sie danach ein bisschen tiefer und ein bisschen länger schlafen, und dann wird sich Ihr normaler Schlaf wieder einstellen (Shapiro u. a. 1981).

Ein wesentlicher Punkt bei der Regenerationshypothese ist die Unterscheidung von verschiedenen Schlafphasen. Schlaf läuft in Zyklen von 90 Minuten ab: Erst durchlaufen wir vier Stadien, in denen der Schlaf immer tiefer wird, dann erfolgt der Übergang in eine Phase des Traumschlafs. Dieser Zyklus wiederholt sich immer wieder bis zum Morgen. Der Traumschlaf ist auch bekannt als REM-Schlaf (Rapid Eye Movement, Schlaf mit schnellen Augenbewegungen) oder paradoxer Schlaf. Er heißt REM-Schlaf, weil sich die Augäpfel unter den Augenlidern schnell hin- und herbewegen. Und es ist paradoxer Schlaf, weil das Gehirn genauso aktiv ist wie im Wachzustand. Zum Träumen komme ich gleich, zunächst steigen wir noch etwas tiefer in den tiefen Schlaf ein.

Nur Vögel und Säugetiere träumen, aber alle Tiere müssen schlafen. Reptilien, Amphibien, Fische, Insekten und sogar kleine Fadenwürmer – alle schlafen. Der Schlaf scheint bei allen tierischen Lebewesen Standard zu sein, trotzdem ist es seltsam, weil Schlaf ein so verwundbarer Zustand ist. Wäre es aus evolutionärer Sicht nicht besser, sich einfach im Wachzustand auszuruhen und zu regenerieren? Aber so ist es nicht, und das muss gute evolutionäre Gründe haben.

Einen Hinweis gibt die Tatsache, dass man ohne Schlaf stirbt. Allan Rechtschaffen und Bernard Bergmann von der Universität Chicago haben das mit einigen gruseligen Experimenten in den 1980er-Jahren bewiesen, zumindest für Ratten. In einem erlesen sadistischen Experiment bauten die Forscher eine runde Kammer mit einer horizontalen Drehscheibe im Zentrum, die über flachem Wasser aufgehängt war. Die Kammer war durch eine senkrechte Wand in der Mitte in zwei Bereiche unterteilt. Auf jeder Hälfte der Plattform saß eine Ratte. Die Gehirnströme einer Ratte wurden aufgezeichnet, und immer, wenn sie im Begriff war einzuschlafen, begann die Scheibe zu rotieren. So waren beide Ratten gezwungen, zu laufen, weil sie sonst ins Wasser gefallen wären. Auf diese Weise konnte die überwachte Ratte niemals schlafen. Die zweite Ratte musste sich auch bewegen, wenn die Scheibe rotierte, konnte aber schlafen, wenn die erste Ratte wach und aktiv war. Beide Ratten hatten die gleiche Umgebung, aber nur eine Ratte wurde gezielt am Schlafen gehindert. Und welche Ratte starb? Im Studienprotokoll heißt es: »Die Versuchsratten erkrankten schwer und starben; die Kontrollratten nicht« (Rechtschaffen u. a. 1983, S. 182).

Nach fünf bis 33 Tagen Schlafentzug starben alle acht Ratten, die die Forscher aktiv am Schlafen gehindert hatten, oder mussten eingeschläfert werden. In ihren letzten Stunden hatten die Ratten Wunden, geschwollene Pfoten, Gleichgewichts- und Muskelprobleme und zeigten abgeschwächte Gehirnströme. Nach ihrem Tod fanden die Forscher Geschwüre, Blutungen und Lungenprobleme. Die Kontrollratten waren erschöpft, aber ansonsten ging es ihnen gut. Allerdings wurden auch sie getötet, wenn die jeweiligen Partnerratten starben, damit die Forscher vergleichende Autopsien durchführen konnten. (Für Laborratten geht es nie gut aus, egal, wie die Versuchsanordnung aussieht.)

Zweifellos würde Ähnliches bei Menschen passieren, obwohl ich nur von einem dokumentierten Todesfall weiß. 2012 starb der chinesische Fußballfan Jiang Xiaoshan, nachdem er angeblich elf Nächte hintereinander nicht geschlafen hatte, weil er die Übertragungen der Fußballeuropameisterschaft anschauen wollte. 1964 stellte der 15-jährige Randy Gardner mit elf Tagen und 25 Minuten ohne Schlaf einen Weltrekord auf. Randy schien nicht sehr unter negativen Auswirkungen zu leiden, aber andere, die Ähnliches versuchten, wurden sehr aufgeregt und fantasierten. Wenig später nahm Guinness diesen Rekord nicht mehr auf, weil der Versuch, ihn zu überbieten, gefährlich werden konnte.

In der Wissenschaft setzt sich die Ansicht durch, dass bestimmte physiologische Prozesse verlangen, dass wir schlafen. Wenn der Schlaf unterbrochen wird, stoppen diese Prozesse, mit verheerenden Konsequenzen. Die Gründe sind tief in der Evolution verwurzelt. Wir wissen nicht, wie und wann das Leben begann, aber seit es komplexes Leben gibt, gibt es auch Zyklen von Tag und Nacht; deshalb ist der Schlaf fest in unserem Stoffwechsel verankert.

In der Biologie geht es um Stoffwechselzyklen, und sie bestehen immer aus zwei Teilen. Beim Anabolismus werden aus kleineren Molekülen größere gebildet, ein Vorgang, der üblicherweise Energie verbraucht; beim Katabolismus werden größere Moleküle zu kleineren abgebaut, was üblicherweise Energie freisetzt. Im Grunde ist das Leben ein unendlicher Kampf darum, diesen Kreislauf zu erhalten. Die metabolische Theorie des Schlafs besagt, dass der effizienteste Weg, das zu erreichen, darin besteht, zwei getrennte Vorgänge daraus zu machen: Aktivität im Wachzustand und Regeneration im Schlaf. Der Neurologe Markus Schmidt spricht vom »Laufen der Maschine« und von der »Wartung der Maschine« (Schmidt 2014, S. 126).

Natürlich erklärt das allein noch nicht den Schlaf. Aber der Zyklus von Nacht und Tag organisiert die Chemie des Lebens schon ziemlich lange nach einem zirkadianen Rhythmus. Einige der frühesten Lebensformen, alte Pflanzen und Algen, haben es bereits so gemacht: Fotosynthese funktioniert nachts nicht. Tiere sind nicht so eingeschränkt, aber es ist sehr sinnvoll, sich als nachtaktives oder tagaktives Tier zu spezialisieren. Sonst hat man einen evolutionären Nachteil gegenüber anderen entsprechend spezialisierten Tieren. Die ersten Landtiere waren wahrscheinlich alle tagaktiv: wach am Tag, und in der Nacht schliefen sie. Sie waren Kaltblüter und brauchten wie die heutigen Reptilien die Sonne, die sie auf Betriebstemperatur aufwärmte. Ihnen blieb gar nichts anderes übrig, als nachts zu schlafen. Aber dadurch entstand in der Nacht eine Nische, die sich nutzen ließ. Unsere weit entfernten Vorfahren sind womöglich Warmblüter geworden, um nachtaktiv sein zu können. (Als Warmblüter hat man die Wahl.)

Markus Schmidts Stoffwechselhypothese erklärt auch, warum unser Schlaf zyklisch verläuft. Er stimmt mit Oswald und Adam darin überein, dass der Schlaf der physischen Regeneration dient und der REM-Schlaf der mentalen. Überraschend ist, dass der REM-Schlaf noch mehr Energie verbraucht. Beim Träumen schalten warmblütige Lebewesen ihre Thermoregulation ab, damit sie mehr Energie für den Umbau des Gehirns aufwenden können; deshalb steigt unsere Kerntemperatur, während wir träumen. Wenn das zu lange ginge, würden wir überhitzen, deshalb fallen wir zurück in den tiefen Schlaf, in dem wir wieder abkühlen. Kleinere Säugetiere können Wärme schneller ansammeln und abgeben und müssen die Zyklen deshalb schneller durchlaufen. Mäuse haben mehr Schlafzyklen als Elefanten und träumen weniger. Menschen haben längere Schlafzyklen, wenn es kalt ist. 1983 stellte man in einer Untersuchung fest, dass ein durchschnittlicher Schlafzyklus bei uns 109 Minuten dauert, wenn die Umgebungstemperatur bei 13 Grad liegt, aber nur 85 Minuten bei einer Temperatur von 25 Grad. In einem kühlen Schlafzimmer schläft man besser.

Eine weitere Funktion unserer nächtlichen Auszeit scheint eine Art neuronaler Hausputz zu sein. Der Biochemiker Robert Cantor sieht den Schlaf als »unvermeidliche Konsequenz« der Art und Weise, wie unsere Gehirne Neurotransmitter einsetzen (Cantor 2015). Jedes Mal, wenn eine Gehirnzelle feuert, schwappen chemische Botenstoffe, die Neurotransmitter, über den synaptischen Spalt zwischen zwei Zellen. Die meisten docken auf der anderen Seite an, aber im Lauf der Zeit konzentrieren sie sich in der Gehirnflüssigkeit und den Fettschichten rund um die Zellen. Das hindert die Zellen daran, effizient zu funktionieren, und deshalb muss das Gehirn herunterfahren, um die überschüssigen Botenstoffe zu beseitigen. Erstaunlicherweise wurde dieses Entsorgungssystem für Abfallstoffe, das sogenannte glymphatische System, erst 2013 entdeckt (Xie u. a. 2013).

Auch die Synapsen brauchen Aufmerksamkeit. Die Synapsen machen unser Gedächtnis aus und repräsentieren unsere Erfahrungen. Sie sind die Verbindungen zwischen den Gehirnzellen, und den ganzen Tag über bilden wir neue. Giulio Tononi und seine Kollegin Chiara Cirelli (2014) haben die Vermutung aufgestellt, dass der Schlaf die Synapsen zurechtstutzt; ihre Hypothese belegen sie mit einer großen Studie an Mäusegehirnen. Tononi schreibt, auf funktionaler Ebene sei »Schlaf der Preis, den wir für das Lernen zahlen«. Wahrscheinlich könnte das nicht funktionieren, während die Schaltkreise benutzt werden, aber die Details sind immer noch einigermaßen mysteriös. Woher weiß das Gehirn, welche Verbindung es stutzen soll und welche nicht? Ein Teil der Antwort liegt in unseren Träumen.

Lebe deine Träume

Haben Sie schon einmal Tetris gespielt? Richtig gespielt? Stundenlang? Dem frustrierenden Suchtpotenzial nachgegeben und »nur noch ein Spiel« gemacht, wieder und wieder? Und dann von stürzenden Rechtecken und eckigen Ss und Zs geträumt? Was war mit Ihren Träumen, als Sie Skifahren, Surfen oder Salsa tanzen gelernt haben? Oder in der ersten Woche in einem neuen Job, einer neuen Stadt oder einem neuen Land? In neuen Situationen sind die Träume immer besonders lebhaft.

Wissenschaftler wissen seit jeher, dass Träume den Tag Revue passieren lassen. Aber wozu sie genau dienen, ist immer noch ein Rätsel. Wenn ich Alice Gregory nach Träumen frage, schüttelt sie bedauernd den Kopf. »Ich habe immer einen Bogen um die Traumforschung gemacht. Träume sind nur schwer wissenschaftlich zu untersuchen.« Das ist verständlich, denn wie will man diese höchst subjektive Erfahrung objektiv untersuchen?

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: die schnellen Augenbewegungen, die dem REM-Schlaf seinen Namen gegeben haben. Forscher vermuten, dass unsere Augenbewegungen damit zusammenhängen, was wir in unseren Träumen sehen, aber sie konnten das nie beweisen. Am weitesten kam ein Team aus Paris, das Menschen mit einer Schlafstörung untersuchte, die bewirkt, dass man während des REM-Schlafs nicht vollständig bewegungsunfähig ist. Die Muskeln der Betroffenen agieren teilweise ihre Träume aus. Die Forscher fanden eine starke Korrelation zwischen ihren Aktionen und ihren Augenbewegungen. Zum Beispiel »schauten« ihre Augen auf ihre Hand, wenn sie nach etwas griffen, und gingen rauf und runter, wenn sie scheinbar kletterten (Leclair-Visonneau u. a. 2010). Aber als Beweis für Trauminhalte ist das bestenfalls dürftig, wie andere Forscher dargelegt haben.

Trotzdem wollen die Wissenschaftler nach wie vor das Geheimnis der Träume ergründen. Wenn der Schlaf so alt ist wie das Leben, könnte das Träumen vor 220 Millionen Jahren begonnen haben. Alle warmblütigen Lebewesen träumen, ausgenommen Wale und Delfine, die immer nur mit einer Gehirnhälfte schlafen, damit sie nicht ertrinken. Während des REM-Schlafs ist der Körper bewegungsunfähig und der Träumer darum extrem verwundbar. Deshalb schlafen Raubtiere mehr als Beutetiere, und viele große Vierbeiner kommen mit ganz wenigen Stunden Schlaf aus. Pferde, die 98 Prozent der Zeit stehend verbringen, schlafen sehr wenig, und Giraffen können bis zu einer Woche ganz ohne Schlaf auskommen.

Unter den Primaten sind wir Menschen insofern ungewöhnlich, als wir kürzer und tiefer schlafen und mehr träumen. Menschen in Gesellschaften von Jägern und Sammlern schlafen im Durchschnitt offenbar sechseinhalb Stunden pro Nacht. Hingegen kommt ein Schimpanse auf elf Stunden und unser Freund, der Graukehl-Nachtaffe, auf 17 Stunden. Menschen verbringen 25 Prozent ihrer Schlafzeit im REM-Schlaf. Bei den anderen Primaten sind es rund 10 Prozent und bei Schimpansen 18 Prozent (Samson und Nunn 2015). Bei Menschenbabys entfallen bis zu 45 Prozent ihrer Schlafzeit auf REM-Schlaf, und da sie 18 Stunden pro Tag schlafen, bedeutet das acht Stunden Träumen. Aus dieser Sicht ist Träumen für alle Tiere wichtig, aber am wichtigsten für Menschenbabys.

Die beiden Nutzen des Träumens scheinen Lernen und Glück zu sein. Es gibt eine Fülle von Hinweisen, dass der Schlaf Gelerntes festigt und das Gedächtnis stärkt sowie bei der Regulierung unserer Emotionen hilft. Träumen scheint der Trick zu sein, neue Erfahrungen in unser Modell der Welt zu integrieren und uns auf eine unbekannte Zukunft vorzubereiten. Es hilft uns auch, mit allem fertigzuwerden, was uns ängstigt. Zahllose Studien mit Erwachsenen, Tieren und Babys haben gezeigt, dass Schlafen das Lernen verbessert. Aber Lernen ist ein vielfach missverstandenes Konzept. Der größte Teil des Lernens ist nicht so wie in der Schule. Es ist keine Parade aufbereiteter Fakten, die zusammengepackt und dann als Ganzes geschluckt werden. Lernen funktioniert mehr wie bei einer Ratte, die durch ein Labyrinth läuft, oder einem Teenager, der Videospiele spielt, oder wie bei einem Baby, das einfach nur ein Baby ist. Es gibt keinen Lehrer, und zunächst hat man keine Vorstellung, was man tun soll. Aber durch Erforschung und Versuch und Irrtum werden wir immer besser.

Eines der größten Probleme mit der Welt ist, dass sie meistens nicht sehr viel Sinn ergibt. Das gilt für Ratten, Babys und sogar für Erwachsene. Die meisten Dinge, die uns begegnen, sind unwichtig, unverständlich oder vielleicht einfach nur uninteressant. In späteren Kapiteln werden wir sehen, was für eine Herausforderung das für Babys ist und wie sie diese Probleme lösen, wenn sie wach sind. Aber an dieser Stelle interessieren wir uns dafür, welchen Beitrag der Schlaf und die Träume dazu leisten.

Erinnerung und Lernen sind überlebenswichtig: Wir erinnern uns an die Vergangenheit, damit wir mit der Zukunft besser zurechtkommen. Lernen ist die Fähigkeit zu generalisieren, zu wissen, wie man vergangene Erfahrungen auf gegenwärtige Probleme anwendet. Das kann nicht geschehen, während wir wach sind, weil wir da schon genug zu tun haben, etwa Nahrung finden, Raubtieren aus dem Weg gehen, mit unserem Spielzeug spielen, stehen lernen, sprechen lernen. Aber im Schlaf kann Altes und Neues abgeglichen werden. Und da kommen die Träume ins Spiel. Sie mischen Eindrücke von gestern mit dem, was davor passiert ist, und versuchen, alles zusammenzu fügen.

Ein Gehirnbereich namens Hippocampus koordiniert diesen Prozess. Der Hippocampus scheint der Sitz der Erinnerung zu sein; wie ein Bibliothekar katalogisiert er alles, was in unserem Leben geschieht. Die Erinnerungen verteilen sich über das gesamte Gehirn, und der Hippocampus weiß, wo was zu finden ist – oft ganz wortwörtlich, weil unsere mentalen Landkarten ebenfalls im Hippocampus liegen. Er ist aktiv, wenn wir herumlaufen, und ganz besonders aktiv, wenn wir träumen. Vielleicht ist deshalb ein so großer Teil unserer Traumbilder so geografisch und so episodisch.

Warum sind Träume so verrückt? In erster Linie deshalb, weil es nicht ihre Aufgabe ist, einen Sinn zu ergeben. Träume sind wie das Anprobieren eines Kleidungsstücks, um zu sehen, ob die Größe richtig ist. Unsere Psyche betreibt Brainstorming, ohne zu urteilen, nur für den Fall, dass ein paar interessante Verbindungen auftauchen. Mit diesen Hirngespinsten versuchen wir, das Neue mit dem Alten so zu verknüpfen, dass etwas Nützliches herauskommt. Die klinische Psychologin Magdalena Fosse und ihr Team baten 29 Personen, zwei Wochen lang genau über ihre täglichen Aktivitäten und ihre Träume Tagebuch zu führen. Sie stellten fest, dass 65 Prozent der Träume Aktivität widerspiegelten, aber nur ein Prozent tatsächliche Ereignisse wiedergaben (Fosse u. a. 2003). Die Einzelheiten, wie ein Tag abläuft, sind nicht wichtig, die Konzepte schon.

Eine aktuelle Untersuchung hat das illustriert, indem sie zeigte, dass der Schlaf Erinnerungen verstärkt, von denen das Gehirn annimmt, dass sie in der Zukunft nützlich sein könnten. Ines Wilhelm und ihr Team (2011) baten die Teilnehmer ihrer Studie, Wörter oder bestimmte Fingerbewegungen zu lernen oder sich die Orte bestimmter Gegenstände zu merken. Wenn sie nach der Aufgabe schlafen konnten, verbesserte sich ihre Leistung, aber nur, wenn die Teilnehmer damit rechneten, dass sie sich anschließend erinnern sollten. Wenn sie wussten, dass sie nicht getestet werden würden, spielte es keine Rolle, ob sie schliefen oder wach blieben.

Die Lehre daraus lautet: Wenn Sie etwas lernen wollen, schlafen Sie darüber. Während ich an diesem Kapitel arbeitete, fuhr ich durch Kalifornien. Der erste Tag auf amerikanischen Straßen mit den ungewohnten Regeln und einem Auto mit einer nicht vertrauten Linkslenkung war ziemlich beängstigend. Jeder Fahrbahnwechsel drohte schiefzugehen, jede Kreuzung brachte mich in Schwierigkeiten. Ich schlief ziemlich unruhig und träumte viel. Der nächste Tag war nicht annähernd so schlimm, und am übernächsten machte mir die Sache fast schon Spaß. Meine Fahrkünste waren über Nacht besser ge worden.

In diesem Zusammenhang ergeben Albträume sehr viel mehr Sinn. Sie sind eine Art Planung für den Katastrophenfall, ein ganzes Arsenal von Worst-Case-Szenarien, und trainieren uns für Situationen, sodass wir womöglich Raubtiere und Rivalen überlisten können. Daran ist nichts Gezieltes oder Rationales. Unser Gehirn schaltet in den Schnellgang und kombiniert die Ereignisse auf neue, interessante Weise, bei der wir womöglich zu Schaden kommen, damit genau das am Tag hoffentlich nicht passiert. Kein Wunder, dass Träume so emotional sind. Wären sie das nicht, sie wären nicht annähernd so hilfreich. Im Lauf des Heranwachsens nehmen unsere ursprüng lichen Ängste vor dem Unbekannten ab, aber mit genug Fantasie führen uns unsere Albträume wieder in die alten Zeiten zurück. Ich wette, dass sogar Tiger Albträume haben. Wir träumen von Geistern, Aliens, Zombies und Vampiren, weil wir nie wissen, was auf uns lauert. Womöglich herabfallende Felsbrocken. Und Albträume sind nicht nur gut für unser Überleben, sie sind auch gut für unsere Gesundheit.

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