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Charles Dickens
Oliver Twist
Oder Der Weg eines Fürsorgezöglings
Charles Dickens
Oliver Twist
Oder Der Weg eines Fürsorgezöglings
(Oliver Twist; or, The Parish Boy’s Progress)
Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2020
Übersetzung: Gustav Meyrink
Illustrationen: George Cruikshank
EV: Langen, München, 1914
3. Auflage, ISBN 978-3-943466-70-6
www.null-papier.de/dickens

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Inhaltsverzeichnis
Autor und Werk
1 – Schildert den Ort, wo Oliver auf die Welt kam, sowie die seine Geburt begleitenden Umstände.
2 – Wie Oliver Twist aufwuchs, erzogen und verpflegt wurde.
3 – Berichtet, wie Oliver Twist beinahe eine Anstellung bekommen hätte, die nichts weniger als eine Sinekure gewesen wäre.
4 – Oliver erhält eine Stelle und tritt ins öffentliche Leben ein.
5 – Oliver bekommt einen neuen Horizont und wohnt zum ersten Mal einem Leichenbegängnis bei.
6 – Oliver rafft sich, durch Noah gereizt, zu tatkräftigem Handeln auf.
7 – Oliver bleibt verstockt.
8 – Oliver wandert nach London und trifft mit einem sehr seltsamen jungen Gentleman zusammen.
9 – Enthält weitere Einzelheiten über den liebenswürdigen alten Herrn und seine hoffnungsvollen Zöglinge.
10 – Oliver gewinnt Einblick in die Charaktereigenschaften seiner neuen Kollegen, bezahlt aber seine Erfahrung sehr teuer.
11 – Der Polizeikommissär Mr. Fang zeigt sich als außerordentlich tüchtiger Justizbeamter.
12 – Oliver findet eine bessere Pflege als je zuvor, und unsere Geschichte kehrt wieder zu dem menschenfreundlichen Mr. Fagin und seinen jungen Schützlingen zurück.
13 – Einige neue Personen werden vorgestellt.
14 – Eine bemerkenswerte Prophezeiung eines gewissen Mr. Grimwick über Oliver Twist.
15 – Zeigt, wie überaus lieb der alte Jude und Miss Nancy Oliver Twist hatten.
16 – Was aus Oliver wurde, nachdem ihn Nancy mit Beschlag belegt hatte.
17 – Zu Olivers Unglück kommt ein großer Mann nach London.
18 – Wie Oliver seine Zeit in Gesellschaft seiner hochachtbaren Freunde verbrachte.
19 – Es wird ein höchst bemerkenswerter Plan gefasst.
20 – Oliver wird Mr. William Sikes übergeben.
21 – Unterwegs.
22 – Der Einbruch.
23 – Enthält den wesentlichsten Teil einer anmutigen Unterredung zwischen Mr. Bumble und einer Dame und erbringt gleichzeitig den Beweis dafür, dass auch ein Kirchspieldiener in manchen Punkten äußerst empfindlich sein kann.
24 – Handelt von einer sehr armen Person.
25 – Handelt abermals von Mr. Fagin und Konsorten.
26 – Eine höchst geheimnisvolle Person erscheint.
27 – Eine frühere Unhöflichkeit, mit der wir eine Dame im Stiche gelassen, wird wieder gut gemacht.
28 – Olivers weitere Abenteuer.
29 – Handelt von den Bewohnern des Hauses.
30 – Was die Damen und Doktor Losberne von Oliver hielten.
31 – Eine kritische Situation.
32 – Handelt von dem glücklichen Leben, das Oliver bei seinen gütigen Freunden zu führen begann.
33 – Das Glück Olivers und das seiner Freunde erleidet einen plötzlichen Stoß.
34 – Ein junger Herr betritt den Schauplatz, und Oliver erlebt ein neues Abenteuer.
35 – Das Resultat von Olivers Abenteuer und eine Unterredung von ziemlicher Wichtigkeit zwischen Harry und Rose.
36 – Ein kurzes Kapitel, aber immerhin nicht unwichtig, da es das Vorhergehende erörtert und zum Nachfolgenden einen Schlüssel bietet.
37 – Ein Kontrast, der im Ehestande nicht ungewöhnlich ist.
38 – Was sich zwischen Mr. und Mrs. Bumble und Mr. Monks bei ihrer nächtlichen Zusammenkunft begab.
39 – Einige alte Bekannte treten auf, und Fagin und Monks stecken die Köpfe zusammen.
40 – Eine seltsame Unterredung.
41 – Neuerliche Enthüllungen, die den Beweis erbringen, dass Überraschungen wie Unglücksfälle selten allein kommen.
42 – Ein alter Bekannter Olivers reift zu einem öffentlichen Charakter heran.
43 – Der Baldowerer in der Patsche.
44 – Nancy wird verhindert, ihr Versprechen einzulösen.
45 – Noah Claypole wird von Fagin als Spion verwendet.
46 – Nancy erfüllt ihr Versprechen.
47 – Verhängnisvolle Folgen.
48 – Sikes’ Flucht.
49 – Monks und Mr. Brownlow treffen zusammen.
50 – Vergebliche Verfolgung.
51 – Mehr als ein Geheimnis wird aufgedeckt und ein Heiratsantrag wird gemacht, bei dem von Mitgift nicht die Rede ist.
52 – Fagins letzte Nacht.
53 – Was weiter noch zu berichten ist.
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Jürgen Schulze
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Autor und Werk
Charles John Huffam Dickens (als Pseudonym auch Boz; ✳ 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth, England; † 9. Juni 1870 auf Gad’s Hill Place bei Rochester, England) war ein englischer Schriftsteller und Journalist. Er gilt als einer der herausragendsten Autoren seiner Zeit und als einer der ersten, die in realistischen Schilderungen das Leid einer unterprivilegierten Bevölkerung aufzeichneten.
»Oliver Twist oder der Weg des Fürsorgezöglings« ist Dickens’ zweiter Roman und wahrscheinlich sein heute bekanntestes Werk. Der Roman wurde zunächst, wie die meisten von Dickens’ Werken, als monatliche Fortsetzungsgeschichte für einen Schilling konzipiert und später überarbeitet.
Der Roman erzählt die Geschichte des Findelkindes und Waisenjungen Oliver Twist, der im Armenhaus aufwächst, ohne etwas über seine Herkunft zu wissen.
Er gerät in die Fänge des jüdischen Hehlers Fagin, der ihn vor dem sicheren Tod auf der Straße bewahrt, aber für einen hohen Preis. Fagins Schützlinge bilden eine Diebesbande. Der brutale Sikes und die ihm nahestehende Diebin Nancy treten ebenfalls in Olivers Leben. In solcher Gesellschaft lebend und lernend wird Oliver eines Tages auf eine Diebestour mitgenommen, die fatale Folgen für ihn hat. Nachdem ein Opfer bemerkt, dass es bestohlen wurde, wird Oliver fälschlicherweise für den Dieb gehalten.
Olivers Schicksal ist ein ständiges Pendeln zwischen Momenten des Glücks unter guten Menschen und den schlimmen Geschehnissen rund um Fagins Verbrechen.
Der Roman war ein großer Erfolg. Vor allem durch seine zum Teil drastische Schilderung von Kinderarbeit, Verbrechen und Massenarmut zurzeit der englischen Frühindustrialisierung. Er wurde mehrfach für Theater, Kino, Fernsehen und Comic adaptiert.
Diese nur leicht überarbeitete Fassung enthält mehre sehr schöne Originalzeichnungen von George Cruikshank.

1 – Schildert den Ort, wo Oliver auf die Welt kam, sowie die seine Geburt begleitenden Umstände.
Unter anderen öffentlichen Gebäuden in einer gewissen Stadt, die ich nicht nennen, der ich aber auch andrerseits keinen erdichteten Namen beilegen möchte, befand sich eines, wie es wohl die meisten Städte, ob groß oder klein, besitzen, nämlich ein Arbeitshaus; und in diesem wurde eines Tages der kleine Weltbürger geboren, dessen Name dieses Buch trägt.
Lange Zeit, nachdem der Arzt des Kirchspiels ihm zum Eintritt in diese Welt der Mühen und Sorgen geholfen, schien es recht zweifelhaft, ob er lange genug würde am Leben bleiben, um überhaupt einen Namen nötig zu haben.
Obwohl ich nicht behaupten möchte, dass es vielleicht ein glücklicher oder beneidenswerter Umstand wäre, der einem menschlichen Wesen zustoßen könnte, in einem Arbeitshaus geboren zu werden, so schien es doch in diesem besondern Fall für Oliver Twist das Beste, was sich augenblicklich für ihn ereignen konnte. Immerhin war es mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, ihn so weit zu bringen, dass er sich der Aufgabe des Atmens selbst unterzog, und eine Weile lang lag er als kleiner Weltbürger nach Luft schnappend auf einer Wollmatratze, bedenklich hin und her schwankend, ob er sich für diese oder jene Welt entscheiden sollte, wobei sich die Wage beträchtlich mehr für das Jenseits als für das Diesseits neigte. Wäre Oliver in diesem kritischen Zeitabschnitt von besorgten Großmüttern, ängstlichen Tanten, erfahrenen Ammen und Ärzten voll tiefer Weisheit umgeben gewesen, er hätte selbstverständlich die Stunde nicht überlebt. Da jedoch niemand zugegen war als ein armes altes Weib, das überdies infolge des ungewohnten Genusses von Bier sich in ziemlich angeheiterter Stimmung befand, und da auch der Kirchspielarzt die Sache ganz gewohnheitsmäßig behandelte, so focht Oliver seinen Kampf mit der Natur auf eigene Faust aus. Und die Folge davon war, dass er nach kurzem Kampfe atmete, nieste und endlich den Bewohnern des Arbeitshauses die Tatsache kund und zu wissen gab, dass er der Gemeinde eine neue Last aufgebürdet habe – das heißt, entschlossen sei am Leben zu bleiben. Er erhob zu diesem Zweck ein so lautes Geschrei, wie man es von einem Kind männlichen Geschlechtes füglich nur erwarten durfte.
Als Oliver diesen ersten Beweis selbstständiger Tätigkeit gab, bewegte sich eine Flickendecke, die nachlässig über eine eiserne Bettstelle geworfen war, und das bleiche Gesicht einer jungen Frau erhob sich matt von dem harten Kissen, und eine schwache Stimme hauchte mühsam die Worte: »Lassen Sie mich das Kind sehen; dann will ich gern sterben.«
Der Arzt, der, das Gesicht dem Feuer zugewandt, am Kamin saß und sich die Hände wärmte, trat bei diesen Worten der jungen Frau an das Kopfende des Bettes und sagte mit mehr Freundlichkeit im Ton, als man von ihm wohl erwartet hätte: »Sie haben durchaus keinen Grund, ans Sterben zu denken.«
»I Gott bewahre«, mischte sich die Wärterin ein und versenkte in ihrer Tasche eine grüne Flasche, von deren Inhalt sie sich bisher in einer verschwiegenen Ecke mit sichtlichem Behagen gestärkt hatte. »I Gott bewahr, wenn sie erst amal so alt g’worden is wie ich, Herr Doktor, und dreizehn Kinder g’habt hat und ihr erst alle gestorben sein werden wie mir bis auf zwei, die jetzt mit mir zusamm im Arbeitshaus sin, dann wird sie schon auf vernünftigere Gedanken kommen. Gott o Gott, denken Sie sich doch nur was es heißt, Mutter sein von so an hübschen kleinen Buberl; vergessens dös net.«
Ihre tröstlichen Worte schienen indes ihre Wirkung zu verfehlen, denn die Wöchnerin schüttelte den Kopf und streckte nur stumm ihre Arme nach dem Kinde aus. Der Arzt reichte es ihr, sie presste ihre kalten blutleeren Lippen heftig auf die Stirn des Kindes, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, blickte wild umher, schauderte zusammen, sank zurück – und starb. Sie rieben ihr Brust, Hände und Schläfen, aber das Herz hatte für immer zu schlagen aufgehört. Sie sprachen auf sie ein von Hoffnung und Zukunft, aber Hoffnung und Zuversicht waren der Armen seit langem fremd geworden.
»Es ist vorbei mit ihr, Mrs. Thingummy«, sagte der Arzt schließlich.
»Ja, ja die Arme«, sagte die Wärterin und bückte sich nach dem Pfropfen der grünen Flasche, der auf das Kissen gefallen war, als sie sich niedergebeugt, um das Kind aufzunehmen. »Das arme Kleine.«
»Sie brauchen nicht nach mir zu schicken, wenn das Kind schreien sollte«, sagte der Arzt und zog sich mit großer Sorgfalt seine Handschuhe an. »Es wird wahrscheinlich unruhig werden, dann geben Sie ihm etwas Haferschleim.« Damit setzte er seinen Hut auf und fragte, als er auf seinem Weg zur Tür an dem Bett vorüberkam. »Es war eine recht hübsche Person, wo ist sie denn hergekommen?«
»Man hat sie gestern Nacht hergeschafft«, erwiderte die alte Frau, »auf Befehl des Herrn Vorstands. Man hat sie auf der Gasse liegend gefunden. Sie muss hübsch weit hergekommen sein, denn ihre Schuhe waren zerrissen; aber wo sie herkommen ist oder wohin sie hat gehen wollen, weiß niemand.«
Der Arzt beugte sich über die Tote und ergriff ihre linke Hand. »Die alte Geschichte«, murmelte er kopfschüttelnd, »kein Ehering, wie ich sehe. Also gute Nacht.«
Damit ging er zu seinem Abendessen, und die Wärterin setzte sich, nachdem sie noch einmal der grünen Flasche zugesprochen, auf einen Stuhl in der Nähe des Kamins und begann das Kind in Windeln zu wickeln.
Da sah man wieder, wie wahr das Wort ist, dass Kleider Leute machen: bisher in ein Tuch gehüllt und in sonst nichts, hätte Oliver ebenso gut das Kind eines Adeligen wie das eines Bettlers sein können, aber jetzt, wo er in dem alten Kattunsteckkissen untergebracht war, dessen Farbe in langjährigem Dienst zu einem hässlichen Gelb verschossen war, sah man ihm sofort das Waisenkind des Arbeitshauses an, das nur dazu da war, durch die Welt geknufft zu werden, verspottet und verachtet von jedermann und von niemand bemitleidet. Oliver schrie aus vollem Halse. Hätte er gewusst, dass er eine Waise war und nur der Barmherzigkeit von Kirchenvorstehern ausgeliefert, hätte er wahrscheinlich noch viel lauter geschrien.
2 – Wie Oliver Twist aufwuchs, erzogen und verpflegt wurde.
Die nächsten acht bis zehn Monate war Oliver das Opfer systematischer Säuglingsfürsorge. Er wurde mit der Flasche aufgezogen. Von der elenden Lage des kleinen Waisenjungen machte man seitens der Vorstände des Arbeitshauses pflichtgemäß denen des Kirchspiels Meldung, worauf von letzteren in aller Form die Anfrage einlief, ob sich denn nicht im »Hause« eine Frauensperson befände, die in der Lage sei, Oliver seine natürliche Nahrung reichen zu können. Der Vorstand des Armenarbeitshauses erwiderte darauf untertänigst, dass dies leider nicht der Fall sei, worauf die Kirchspielbehörde den hochherzigen Entschluss fasste, Oliver in ein etwa drei Meilen entferntes Zweigarmenhaus bringen zu lassen, wo etwa zwanzig andere kleine Übertreter des Zuständigkeitsgesetzes unter der mütterlichen Aufsicht und ohne allzu sehr mit Nahrung oder Kleidung behelligt zu werden auf dem Stubenfußboden umherkollerten, was mit achteinhalb Pence pro Kopf und Woche in Rechnung gestellt wurde. Mit achteinhalb Pence lässt sich nicht viel bestreiten, aber die würdige Hausdame war eine kluge und erfahrene Frau und wusste, wie leicht sich Kinder überfressen können und was ihnen zuträglich ist; andrerseits aber auch, was ihr selbst zuträglich war. Sie verwendete daher den größeren Teil des Kostgeldes zu ihrem eigenen Wohl und verstand es auf diese Weise, die gesetzliche Grausamkeit noch um ein Beträchtliches zu vertiefen; sie bewies damit, wie weit sie es in der Experimentalphilosophie auf eigene Faust gebracht hatte.
Wohl jeder kennt die Geschichte des bekannten Experimentalphilosophen, der sich vorgenommen hatte, einem Pferde das Fressen abzugewöhnen, und diese Theorie so vorzüglich in die Praxis umsetzte, dass er sein Pferd bis auf einen Strohhalm pro Tag heruntertränierte und zweifelsohne ein außerordentliches, kräftiges, jedem Futter abholdes Tier aus ihm gemacht haben würde, wäre es nicht leider vierundzwanzig Stunden vor dem ersten kompletten Fasttag gestorben. Leider waren die Erfolge der erwähnten trefflichen Kostfrau nicht selten, was die Kirchspielkinder anbelangte, von gleichem Misserfolg gekrönt, indem die Kleinen entweder vor Kälte oder Hunger, oder weil sie sich tödlich verletzten oder verbrannten, frühzeitig starben und zu ihren Vätern, die sie nie gekannt, versammelt wurden.
Stellten wirklich einmal die Vorstände schärfere Nachforschungen als sonst nach dem Verbleib irgend eines Waisenkindes an, oder mischte sich das Gericht hinein und beschwerte sich den Kopf mit überflüssigen Fragen, so schützte das Zeugnis und die Aussage des Arztes und des Kirchspieldieners die Treffliche jedes Mal gegen Ungemach. Jedes Mal hatte der erstere dann die Leichen geöffnet und begreiflicherweise nichts darin gefunden, oder letzterer beschwor rastlos, was dem Kirchspiel passte, und lieferte damit einen Beweis seiner Hingebung und Selbstaufopferung. Besuchte das Vorstandskollegium von Zeit zu Zeit einmal die Zweiganstalt des Arbeitshauses, so versäumte es nie, jedes Mal tags zuvor den Kirchspieldiener vorauszusenden, damit auch alles in Ordnung sei. Und jedes Mal sahen dann die Kleinen reinlich und gut genährt aus -! Was konnte man mehr verlangen.
Dass dieses Pflege- und Ernährungssystem ein allzu kräftiges Gedeihen der Kinder zur Folge gehabt hätte, ließ sich nicht erwarten, und so zeigte sich denn auch Oliver Twist von seinem neunten Geburtstage an als ein schwaches, blässliches, im Wachstum zurückgebliebenes Kind. Dennoch lebte, ob von Natur oder als Erbschaft seiner Vorfahren, in Olivers Brust ein kräftiger energischer Geist, der dank der strengen Diät des Hauses Raum genug hatte, sich noch weiter zu entfalten.
Es war an Olivers neuntem Geburtstage. Während er diese Feier im Kohlenkeller zusammen mit zwei anderen jungen Herrn beging, die sich gleich ihm von einer ordentlichen Tracht Prügel erholten, die ihnen zuteil geworden, weil sie sich erfrecht hatten hungrig gewesen zu sein, wurde Mrs. Mann, die treffliche Pflegefrau, durch das plötzliche Erscheinen Mr. Bumbles, des Kirchspieldieners, der seine Schritte dem Gartenpförtchen zulenkte, in Schrecken gesetzt.
»Du mein Gott, Mr. Bumbles, sind Sie’s wirklich?« rief Mrs. Mann und steckte den Kopf anscheinend hocherfreut aus dem Fenster. »Susanna! Holen Sie gleich den kleinen Oliver herauf und die beiden anderen Lausbuben und waschen Sie sie – ach, Mr. Bumbles, wie ich mich freue, Sie wieder einmal zu sehen!«
Mr. Bumble war nun aber ein wohlbeleibter und ebenso heißblütiger Herr, und daher rüttelte er anstatt auf diese freundliche Bewillkommnung in höflicherweise zu antworten, wütend an der Gartenpforte und stieß mit dem Fuß in einer Weise dagegen, wie sie eben nur ein Kirchspieldiener beherrscht.
»Gott im Himmel«, rief Mrs. Mann aus dem Zimmer stürzend – die drei Jungen hatte man inzwischen weggebracht -, »ich habe ganz vergessen, dass ich der lieben Kleinen wegen das Gattertor von innen verriegelt habe. So spazieren Sie doch weiter, Sir. Bitte, treten Sie ein, Mr. Bumble.«
Ihre Einladung war von einem so freundlichen Lächeln begleitet, dass es sicherlich sogar das Herz eines Kirchenpresbyters erweicht haben würde; dennoch besänftigte es den Kirchspieldiener nicht im mindesten.
»Nennen Sie das einen respektvollen Empfang, Mrs. Mann?« fragte Mr. Bumble und fasste seinen Amtsstab noch fester, »dass Sie die Kirchspielbeamten an Ihrer Türe warten lassen, wenn sie in Parochialangelegenheiten und in betreff der Parochialkinder hierher kommen? Sie wissen doch, Mrs. Mann, dass Sie von der Parochialbehörde angestellt sind und von der Parochialbehörde bezahlt werden!«
»Ich erzählte gerade einem paar der lieben Kleinen, Mr. Bumble, derentwegen Sie so freundlich sind sich herzubemühen, dass Sie kommen würden«, wendete Mrs. Mann mit großer Unterwürfigkeit ein.
Mr. Bumble hatte eine sehr hohe Meinung von seiner Rednergabe und seiner amtlichen Wichtigkeit. Er hatte soeben die eine entfaltet und die andere gewahrt. Er schlug daher einen milderen Ton an.
»Nun, nun, Mrs. Mann«, sagte er, »ich bezweifle das ja gar nicht. Lassen Sie mich aber jetzt hinein, Mrs. Mann. Ich komme in Geschäften und habe Ihnen etwas mitzuteilen.«
Mrs. Mann führte den Kirchspieldiener in ein kleines Sprechzimmer, bot ihm einen Sessel an und legte dienstbeflissen seinen dreieckigen Hut und seinen Amtsstab auf den Tisch. Mr. Bumble wischte sich den Schweiß von der Stirn, blickte wohlgefällig auf seinen Dreispitz und lächelte. Wirklich und wahrhaftig, er lächelte! Aber Kirchspieldiener sind eben auch nur Menschen, daher lächelte Mr. Bumble.
»Sie dürfen jetzt nicht beleidigt sein wegen dem, was ich Ihnen sagen will«, begann Mrs. Mann mit bestrickender Liebenswürdigkeit. »Sie haben einen weiten Weg hinter sich, sonst würde ich gar nicht davon anfangen, aber sagen Sie, wollen Sie nicht ein Gläschen nehmen?«
»Nicht einen Tropfen, nicht einen Tropfen«, wehrte Mr. Bumble ab und schwenkte seine Rechte in würdevoller, aber freundlicherweise.
»Sie werden mir gewiss den Gefallen tun«, beharrte Mrs. Mann auf ihrer Bitte, den Ton, in dem die Weigerung gesprochen worden, aber auch die begleitende Gebärde wohl erfassend. »Nur ein ganz kleines Gläschen mit einem bissel kaltem Wasser und einem Stückchen Zucker?«
Mr. Bumble hüstelte.
»Nur ein ganz kleines Gläschen«, wiederholte Mrs. Mann ihre Bitte in dringendem Ton.
»Was ist es denn?« fragte der Kirchspieldiener.
»Ach Gott, ich muss immer ein bisserl davon hier haben, dass ich den lieben Kleinen eine kleine Herzstärkung geben kann, wenn ihnen nicht recht gut ist, Mr. Bumble«, erwiderte Mrs. Mann, öffnete ein Schränkchen und holte eine Flasche und ein Glas her vor. »Es ist Genevre, ich will Ihnen nichts vormachen, Mr. Bumble, es ist nur Genevre.«
»Geben Sie denn den Kindern Schnaps, Mrs. Mann?« fragte der Kirchspieldiener und verfolgte mit den Blicken den interessanten Prozess der Mischung.
»O mein, ich tue’s halt, so teuer es auch kommen mag«, versetzte die Pflegefrau. »Sie wissen doch, ich könnt die armen Kleinen niemals nicht leiden sehen.«
»Nein, nein«, sagte Mr. Bumble zustimmend, »Sie können es nicht. Sie sind überhaupt eine sehr humane Frau« – dabei setzte sie das Glas vor ihn hin – »ich werde nicht versäumen, bei der nächsten besten Gelegenheit es den Vorständen gegenüber zur Sprache zu bringen, Mrs. Mann«, (dabei zog er das Glas näher zu sich) »Sie fühlen wie eine Mutter«, (dabei ergriff er das Glas) »ich trinke hiermit auf Ihre Gesundheit, Mrs. Mann« (dabei goss er das Glas zur Hälfte hinunter). »So und jetzt wollen wir vom Geschäft reden«, sagte er und holte ein ledernes Taschenbuch hervor. »Der Knabe, der in der Waisentaufe den Namen Oliver Twist bekommen hat, wird heute neun Jahre alt.«
»Gottes Segen über ihn«, warf Mrs. Mann dazwischen und konnte nicht umhin, sich die Augen mit der Schürze zu trocknen.
»Trotz der ausgeschriebenen Belohnung von zehn Pfund, und später sogar von zwanzig Pfund, und trotz der geradezu übernatürlichen Anstrengungen des Kirchspiels«, fuhr Mr. Bumble fort, »sind wir nicht imstande gewesen, seinen Vater zu eruieren oder in Erfahrung zu bringen, wie seine Mutter hieß, was sie war und woher sie stammte.«
Mrs. Mann hob erstaunt die Hände gen Himmel, dachte einen Augenblick nach und fragte: »Wie kommt es denn dann, dass er überhaupt einen Namen hat?«
Der Kirchspieldiener warf sich in die Brust und antwortete: »Den hab ich erfunden.«
»Sie, Mr. Bumble?«
»Jawohl, ich, Mrs. Mann. Wir benennen unsre Zöglinge immer nach dem Alphabet. Zuletzt hielten wir bei S – Swubble, so nannte ich das vorletzte Waisenkind, und der nächste war ein T – Twist; ich habe ebenfalls den Namen erfunden. Wenn wieder einer kommt, wird er Unwin heißen, und der Nächstfolgende Vilkins. Ich habe mir schon eine ganze Reihe von Namen ausgedacht, durchs ganze Alphabet hindurch; und wenn ich bei Z angekommen bin, fange ich beim A wieder an.«
»Ja, ja, Sie sind halt fast ein Dichter«, sagte Mrs. Mann.
»Nun, nun, mag sein«, gab der Kirchspieldiener zu, durch dieses Kompliment sichtlich geschmeichelt; »mag sein, Mrs. Mann.« Damit trank er sein Glas aus und setzte hinzu: »Oliver ist jetzt schon viel zu alt, um noch länger hier bleiben zu dürfen. Deshalb hat die Behörde beschlossen, ihn wieder zurück ins Arbeitshaus zu nehmen. Ich bin selber hergekommen, um ihn abzuholen. Wo steckt er?«
»Ich werde ihn sogleich holen«, sagte Mrs. Mann und ging zur Türe.
Gleich darauf erschien sie wieder mit Oliver, der inzwischen gewaschen, gestriegelt und angekleidet worden war.
»Mach ein Buckerl vor dem Herrn, Oliver«, sagte sie.
Oliver machte einen Kratzfuß, der zur Hälfte dem Kirchspieldiener und zur anderen Hälfte dem Dreispitz auf dem Tische galt.
»Willst du mit mir gehen, Oliver?« fragte Mr. Bumble feierlichst.
Oliver wollte schon antworten, dass er jederzeit aufs bereitwilligste mit wem immer fortzugehen willens sei, blickte aber zufällig dabei Mrs. Mann an, die hinter den Stuhl des Kirchspieldieners getreten war und Oliver mit fürchterlicher Miene mit der Faust drohte. Er begriff sofort, denn er wusste nur zu gut, was diese Faust alles vermochte.
»Kommt sie auch mit?« fragte er schüchtern.
»Nein, sie kann nicht mitkommen«, sagte Mr. Bumble, »aber sie wird dich schon zuweilen besuchen dürfen.«
Das war gewiss kein besonderer Trost für Oliver, aber trotz seiner Jugend hatte er Grütze genug, sich zu stellen, als verließe er das Haus nur ungern, und überdies waren ihm die Tränen infolge des ewigen Hungerleidens und der erst vor kurzem erfahrenen Züchtigung näher als das Lachen. Wiederholt umarmte ihn Mrs. Mann und gab ihm, was er am meisten brauchte, nämlich ein großes Stück Butterbrot, damit er im Arbeitshaus nicht allzu hungrig ankäme. Damit war die Sache abgemacht. Mit dem Stück Brot in der Hand und seiner kleinen Waisenjungenkappe aus braunem Tuch auf dem Kopf, wurde er sogleich von Mr. Bumble aus dem fürchterlichen Heim geführt, wo niemals der Strahl eines freundlichen Blickes die Finsternis seiner ersten Kinderjahre erhellt hatte. Dennoch konnte er Tränen kindlichen Schmerzes nicht zurückdrängen, als sich das Gartentor hinter ihm schloss; verließ er doch seine Leidensgefährten, die einzigen Kameraden, die er je gekannt, und jetzt zum ersten Mal, seit er wusste, was Erinnerung ist, wurde ihm das Gefühl gänzlicher Verlassenheit in der großen weiten Welt bewusst.
Mit schnellen Schritten eilte Mr. Bumble vorwärts, und der kleine Oliver klammerte sich an seine mit Goldborten besetzten Schöße, trottete neben ihm her und fragte, als sie kaum eine Viertelmeile hinter sich hatten, ob sie bald am Ziele wären. Auf diese öfters wiederholten Fragen gab Mr. Bumble jedes Mal nur sehr kurze und brummige Antworten, denn die Milde, die der Genevre mit heißem Wasser gemischt in seinem Gemüt vielleicht erzeugt haben müsste, war längst verflogen, und er fühlte sich wieder Kirchspieldiener vom Scheitel bis zur Sohle.
Oliver war noch nicht eine Viertelstunde innerhalb der Mauern des Arbeitshauses und hatte kaum ein zweites Stückchen Brot verschlungen, als Mr. Bumble, der ihn der Obhut einer alten Frau inzwischen anvertraut, zurückkehrte und ihm erklärte, die Herren Vorstände hätten befohlen, er solle unverzüglich vor ihnen erscheinen.
Oliver, der keine besonders klare Vorstellung von dem hatte, was ein Vorstand alles sein kann, war von dieser überraschenden Mitteilung förmlich betäubt und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Es blieb ihm jedoch keine Zeit über diesen Punkt ins reine zu kommen, denn Mr. Bumble versetzte ihm eins mit dem Stock über den Kopf, um seine Geisteskräfte zu erwecken, und eins über den Rücken, um ihn zur Eile anzuspornen. Dann befahl er, ihm zu folgen, und führte ihn in ein großes weißgetünchtes Zimmer, in dem acht oder zehn wohlbeleibte Herren um einen Tisch herumsaßen. Zu oberst in einem Armstuhl, der ein bisschen höher war als die übrigen, ein ganz besonders wohlbeleibter Herr mit einem kugelrunden roten Kopf.
»Mach’ den Herrn Vorständen deine Verbeugung«, befahl Mr. Bumble.
Oliver wischte sich die Tränen aus den Augen und, da er nicht recht begriff, wer von den Anwesenden die Herren Vorstände sein könnten, machte er instinktiv und aufs Geratewohl einen Kratzfuß.
»Wie heißt du, Junge?« fragte der Herr auf dem hohen Stuhl.
Oliver zitterte am ganzen Leib, denn der Anblick so vieler Gentlemen brachte ihn gänzlich außer Fassung. Mr. Bumble versuchte ihn durch eine kräftige Berührung mit seinem Kirchspieldienerstab zu belehren, und das hatte zur Folge, dass er wiederum anfing zu weinen. Er antwortete daher mit leiser und zaghafter Stimme, und das veranlasste einen Herrn in einer weißen Weste auszurufen, er wäre ein dummer Junge – das beste Mittel, ihm Mut einzuflößen.
»Junge«, begann der Herr in dem hohen Stuhl abermals, »höre jetzt, was ich dir zu sagen habe. Du weißt doch, dass du ein Waisenkind bist?«
»Was ist das, Sir?« fragte der unglückliche Oliver.
»Er ist wirklich ein dummer Junge, ich hab’ mir’s gleich gedacht«, sagte der Herr mit der weißen Weste.
»Du weißt doch«, nahm der erste Herr wieder das Wort, »dass du weder Vater noch Mutter hast und vom Kirchspiel erzogen wirst?«
»Ja«, antwortete Oliver unter Tränen.
»Warum heulst du?« fragte der Herr mit der weißen Weste, denn es war doch höchst auffallend, dass Oliver weinte. Welchen Grund konnte er nur haben?
»Ich hoffe, du betest doch jeden Abend«, fragte ein anderer Gentleman in barschem Ton, »und betest für die, die dir zu essen geben und für dich sorgen, so wie es einem Christenmenschen geziemt.«
»Ja, Sir«, hauchte Oliver. In Wirklichkeit hatte er jedoch nie gebetet, weil es ihn niemand gelehrt hatte.
»Man hat dich hierhergerufen«, fuhr der Präsident fort, »um dich erziehen zu lassen, und damit du ein nützliches Handwerk lernst.« – »Du wirst also morgen früh um sechs Uhr anfangen Werg zu zupfen«, setzte der mürrische Gentleman mit der weißen Weste hinzu.
Zum Dank für die Ankündigung dieser beiden Wohltaten machte Oliver unter Nachhilfe des Kirchspieldieners einen tiefen Kratzfuß vor den »Herren Vorständen« und wurde dann in einen großen Saal gesteckt, wo er sich auf einem harten rauen Bett in den Schlaf weinen durfte.
Der arme Oliver ahnte nicht, wie er so dalag und schlief, dass die Herren Vorstände noch am selben Tage zu einem Entschluss gelangten, der von größtem Einfluss auf sein künftiges Geschick sein sollte.
Die Herren Vorstandsmitglieder waren äußerst kluge Männer von tiefer philosophischer Einsicht, und kaum hatten sie ihre Tätigkeit dem Arbeitshause und was damit zusammenhing zugewendet, so fanden sie auch sofort heraus, was ein gewöhnlicher Sterblicher kaum jemals entdeckt hätte, nämlich: dass es darin den Armen ganz über Gebühr gut gehe. Als wäre das Arbeitshaus nichts als ein öffentliches Vergnügungslokal für die ärmeren Klassen, eine Kneipe, in der man nichts zu bezahlen brauche, ein Ort, an dem man auf Kosten der Gemeinde Frühstück, Mittagessen, Tee und Abendbrot einnehmen könne – ein Elysium aus Ziegelsteinen und Mörtel, in dem gescherzt und gespielt, in Wirklichkeit aber nicht gearbeitet würde. Wir sind die richtigen Männer, um hier Ordnung zu schaffen, sagte sich die Vorstandschaft. Und so ordneten sie denn an, dass alle armen Leute die Wahl haben sollten – von Zwang könne natürlich keine Rede sein -, entweder langsam und nach und nach im Arbeitshaus zu verhungern, oder schnell und plötzlich außerhalb. Von diesem Gesichtspunkte aus schlossen sie mit den Wasserwerken einen Vertrag über Lieferung einer unbegrenzten Menge Trinkwassers und mit einem Getreidehändler einen ebensolchen, was die jeweilige Lieferung von kleinen Quantitäten Hafermehl anbelangte, und gaben täglich drei Portionen Haferschleim aus und außerdem zweimal wöchentlich eine Zwiebel dazu pro Mahlzeit und Sonntags eine halbe Semmel.
Im ersten Halbjahr nach Olivers Ankunft war das System bereits in vollem Gange. Der Raum, in dem die Knaben ihr Essen bekamen, war eine Art Küche, und der Koch, von ein paar Frauenzimmern unterstützt, teilte ihnen aus einem Kupferkessel ihre drei Portionen Hafer zu – einen Napf voll und nicht mehr, ausgenommen, wie gesagt, die Sonn- und Feiertage, wo ein nicht allzu großes Stückchen Brot dazukam. Die Näpfe auszuwaschen war überflüssig, da die Jungen mit ihren Löffeln sowieso so lange darin herumkratzten, bis alles wieder glänzend war. Und wenn sie mit ihrer Tätigkeit fertig waren, was nie allzu lange Zeit in Anspruch nahm, da die Löffel beinahe so groß waren wie die Näpfe selber, – saßen sie da und starrten auf den Kupferkessel mit so gierigen Augen, als ob sie am liebsten sogar die Ziegelsteine, aus denen der Herd aufgebaut war, verschlungen hätten, und saugten dabei an ihren Fingern in der Hoffnung, dort vielleicht noch irgendwo ein verirrtes Tröpfchen Haferschleim aufzulecken. Kinder pflegen nämlich einen vortrefflichen Appetit zu haben.
Drei Monate lang hatten Oliver und seine Kameraden die Qualen langsamen Hungertodes durchgemacht und waren kaum mehr imstande, diesen Zustand länger zu ertragen. Ein für sein Alter sehr großer Junge, dessen Vater Koch gewesen war, gab eines Tages seinen Gefährten zu verstehen, wenn er nicht bald eine Schüssel Haferschleim pro Tag mehr bekomme, so würde er sich nicht helfen können und müsse höchst wahrscheinlich eines Nachts seinen Schlafnachbar auffressen. Dieser Vielfraß hatte ein wildes hungriges Auge, und seine Reden riefen große Angst unter seinen Kameraden hervor. So beratschlagten sie untereinander, und es wurde gelost, wer von ihnen nach dem Abendessen zum Speisemeister gehen und noch um einen Napf bitten solle. Das Los fiel auf Oliver.
Der Abend kam, und die Jungen nahmen ihre Plätze ein. Der Speisemeister stellte sich in seiner weißen Kochschürze an den Kessel, der Haferbrei wurde ausgeteilt und ein langes Tischgebet gesprochen. Als die Mahlzeit vorüber war, flüsterten die Jungen untereinander, gaben Oliver Winke, und die ihm Zunächstsitzenden stießen ihn mit den Ellbogen an. Der Hunger machte ihn alle Rücksichten vergessen. Er stand auf, trat mit Napf und Löffel vor den Koch hin und sagte mit bebender Stimme:
»Ich bitte um Verzeihung, Sir, ich möchte noch um ein wenig bitten.«
Der Koch, ein feister rotbackiger Mann, wurde blass wie der Kalk an der Wand. In maßlosem Staunen starrte er einige Sekunden den kleinen Rebellen an und musste sich am Kessel festhalten, um nicht umzufallen. Die beiden Frauenzimmer waren geradezu gelähmt vor Entsetzen, und auch die Jungen konnten vor Furcht kein Wort hervorbringen.
»Was?« fragte der Koch endlich mit schwacher Stimme.
»Ich bitte, Herr«, wiederholte Oliver, »ich möchte noch etwas haben.«

Der Koch gab ihm eins mit dem Löffel über den Kopf, fasste ihn dann am Arm und schrie laut nach dem Kirchspieldiener.
Die Herren Vorstände saßen gerade zusammen bei einer Beratung, als Mr. Bumble in höchster Erregung ins Zimmer stürzte und dem Herren auf dem hohen Stuhl meldete:
»Mr. Limbkins, ich bitte um Verzeihung, Sir, Oliver Twist hat mehr zu essen verlangt.«
Alles fuhr auf. Entsetzen malte sich auf allen Gesichtern.
»Mehr?« rief Mr. Limbkins. »Kommen Sie zu sich, Bumble! Antworten Sie mir klar und deutlich. Verstehe ich recht? Er hat mehr gefordert als die ihm von der Vorstandschaft festgesetzte Ration?«
»Jawohl, Sir.«
»Der Bursche kommt noch an den Galgen«, ächzte der Gentleman mit der weißen Weste. »Denken Sie an mich, der Bursche kommt noch an den Galgen.«
Niemand widersprach, und es entspann sich eine lebhafte Diskussion. Auf Befehl der Vorstandschaft wurde Oliver augenblicklich eingesperrt, und am nächsten Morgen hing ein Anschlagzettel an der Außenseite des Tores des Arbeitshauses, auf dem eine Belohnung von fünf Pfund ausgesetzt war für jeden, der die Gemeinde der weiteren Fürsorge für Oliver Twist enthöbe; mit anderen Worten: es wurden fünf Pfund jedermann angeboten, der Oliver Twist als Lehrling oder Laufburschen zu sich nähme.
»In meinem ganzen Leben war ich noch von nichts so fest überzeugt«, sagte der Gentleman mit der weißen Weste, als er am nächsten Morgen an das Tor klopfte und den Zettel las, »wie ich jetzt davon überzeugt bin, dass der Bursche noch einmal an den Galgen kommen wird.«
3 – Berichtet, wie Oliver Twist beinahe eine Anstellung bekommen hätte, die nichts weniger als eine Sinekure1 gewesen wäre.
Eine Woche lang blieb Oliver nach seiner Missetat in dem finstern Raum, in den ihn die Herren Vorstände hatten sperren lassen, in Haft. Hätte er den gehörigen Respekt vor der Prophezeiung des Gentlemans mit der weißen Weste gehabt, würde er sich zweifellos vermittels eines Taschentuches an einem Haken in der Mauer aufgehängt haben. Aber dazu fehlte ihm vor allem ein Taschentuch – ein solcher Luxus war strenge verpönt -, und zweitens war er noch zu sehr Kind. Er weinte daher nur Tag und Nacht und bedeckte sich mit seinen kleinen Händen die Augen, um nicht in die Finsternis starren zu müssen, oder er kroch in einen Winkel und versuchte zu schlafen. Aber jedes Mal fuhr er wieder vor Angst und Entsetzen aus seinem unruhigen Schlummer auf und drückte sich noch dichter an die Mauer, als böte ihm selbst ihre harte kalte Fläche noch ein wenig Schutz gegen die Finsternis und Einsamkeit, die ihn rings umgab.
Um gerecht zu sein, dürfen wir nicht verschweigen, dass es ihm andererseits an Bewegung und geistlichem Zuspruch nicht fehlte. Was die Leibesübungen betraf, wurde ihm angesichts des kalten Wetters, das gerade herrschte, die Vergünstigung zuteil, sich jeden Morgen unter der Pumpe in einem gepflasterten Hof waschen zu dürfen, und zwar in Gegenwart Mr. Bumbles, der durch wiederholte Anwendung seines Amtstabes eventuellen Erkältungen vorbeugte und bewirkte, dass von Zeit zu Zeit ein prickelndes Gefühl Olivers Körper durchdrang. Was die Anregung anbelangte, wurde er jeden zweiten Tag in den Saal geführt, wo die Zöglinge ihr Mittagessen verzehrten, und vor ihren Augen als warnendes Beispiel öffentlich ausgepeitscht. Hinsichtlich religiösen Zuspruchs wurde er Abend für Abend zur Gebetstunde mit Fußtritten in denselben Raum befördert und durfte dort zuhören, wie die anderen beteten, dass Gott sie bewahren möge, so sündhaft zu werden wie ein gewisser Oliver Twist. So standen die Sachen.
Da begab es sich eines Morgens, dass der Schornsteinfegermeister Mr. Gamfield auf der Landstraße langsam seines Weges zog. Tief in Gedanken, woher er sich seine Hausmiete, derentwegen er bereits wiederholte Male gemahnt worden, sich beschaffen solle. So sehr sich Mr. Gamfield auch den Kopf zerbrach, immer wieder war das Resultat, dass ihm fünf Pfund fehlten, um die dringende Schuld begleichen zu können. In diesem Augenblick bemerkte er den Zettel, der am Tor des Arbeitshauses hing.
»Höhhh – brrr« – rief Mr. Gamfield seinem Esel zu.
Der Esel war jedoch ebenso wie sein Herr tief in Gedanken versunken und wahrscheinlich mit der Berechnung beschäftigt, ob er einen oder zwei Kohlstrünke bekommen würde, wenn er die beiden Säcke Ruß, mit denen der Karren beladen war, an Ort und Stelle gebracht haben würde, und so trottete er daher, den Zuruf seines Herrn missachtend, weiter.
Mr. Gamfield widmete ihm einen schweren Fluch, rannte hinter ihm her und gab ihm einen Schlag auf den Schädel, wie ihn eben nur ein Eselskopf auszuhalten vermag, führte ihn dann durch einen heftigen Riss am Zügel, der ihm fast den Unterkiefer ausrenkte, zu Gemüt, dass hier niemand andres zu befehlen habe als Mr. Gamfield, und gab ihm schließlich einen zweiten Hieb auf den Kopf zum Zweck, um ihn bis zu seiner Rückkehr in der nötigen Betäubung zu erhalten. Nachdem er diese Vorsichtsmaßregeln getroffen, schritt er auf das Tor zu, um den Anschlagzettel zu lesen. Der Gentleman mit der weißen Weste stand gerade, die Hände auf dem Rücken, vor dem Tor. Er hatte das Zerwürfnis und seine Folgen zwischen Mr. Gamfield und dem Esel beobachtet und lächelte höchst vergnügt, als der Mann nähertrat, um den Zettel zu lesen. Auf den ersten Blick erkannte er, dass Mr. Gamfield der richtige Gebieter für Oliver Twist war. Auch Mr. Gamfield lächelte, als er den Anschlag las, denn fünf Pfund waren gerade die Summe, die er brauchte. Was den Lehrburschen anbetraf, so war Mr. Gamfield hinsichtlich der Beköstigung im Arbeitshaus zu genau unterrichtet, um nicht sofort einzusehen, dass ein Waisenzögling die entsprechend schmächtige Statur haben müsse, die ein Schornsteinfegerjunge braucht. Er buchstabierte den Zettel noch einmal von A bis Z durch, berührte den Rand seiner Pelzmütze und wandte sich an den Gentleman mit der weißen Weste.
»Ist da der Lehrbub herinnen, den wo das Arbeitshaus abzugeben hat?« begann er.
»Wünschen Sie etwas von ihm?« forschte der Gentleman mit der weißen Weste.
»Wenn’s der Gemeinde recht wär, dass er a leichts angenehms Handwerk lernt, dös Schornsteinfegerhandwerk nämlich, so brauchet i’ gerad an Lehrling und könnt ihn glei’ mitnehmen.«
»Treten Sie näher«, rief der Gentleman mit der weißen Weste.
Mr. Gamfield lief zuvörderst noch einmal zurück, um dem Esel einen dritten Schlag auf den Kopf zu geben und ihn am Zügel zu reißen, auf dass er es sich nicht beifallen ließe, in der Abwesenheit seines Herrn durchzugehen. Dann folgte er dem Gentleman mit der weißen Weste in das Zimmer, das Oliver zum ersten Mal betreten hatte.
»Es ist ein etwas schmutziges Handwerk«, sagte Mr. Limbkins, als Mr. Gamfield seinen Wunsch noch einmal wiederholt hatte.
»Es soll schon hie und da ein Junge im Schornstein erstickt sein«, wendete ein anderer Gentleman ein.
»Jetzt dös kummt bloß daderher«, erklärte Mr. Gamfield, »weil ’s a so üblich is, nasses Stroh im Kamin anzuzünden, damit die Buabn runterkommen. Dös gibt mehr Rauch als wie a Flamm. Aber i halt nix von der Method; der Rauch macht nur, dass die Buabn alleweil einschlafen. I zünd lieber glei a frischs Feuer an; dös is des beste Mittel, um ihna auf die Bein zu helfen. Da müassens arbeiten aus Leibeskräften, sunst verbrennens iahna die Haxen.«
Dem Gentleman in der weißen Weste schien diese Schilderung großes Vergnügen zu bereiten, aber seine Heiterkeit wurde durch den strafenden Blick, den ihm Mr. Limbkins zuwarf, im Keim erstickt. Ein paar Minuten berieten die Herren Vorstände miteinander, jedoch in so leisem Ton, dass nur hin und wieder ein paar Worte wie: »Ersparnis« oder »guter Eindruck bei der Abrechnung« hörbar wurden. Endlich stockte die im Flüsterton geführte Unterhaltung und Mr. Limbkins begann, nachdem die Herren mit feierlicher Miene ihre Plätze wieder eingenommen hatten:
»Wir haben Ihren Vorschlag in Erwägung gezogen, können aber nicht darauf eingehen.«
»Unter keinen Umständen«, bekräftigte der Herr in der weißen Weste.
»Nein, unter keinen Umständen«, erklärten die übrigen Herren Vorstände.
Mr. Gamfield war sich bewusst, dass er bei Gericht in Verdacht stand, drei oder vier Lehrjungen im Kamin fahrlässigerweise haben ersticken lassen, und kam daher auf die Vermutung, das Vorstandskollegium könne möglicherweise in ganz unbegreiflicher Laune ein Haar in der Suppe gefunden haben. Da er das alberne Gerücht nicht weiter breitgetreten zu sehen wünschte, drehte er nur wortlos seine Mütze in den Händen und ging langsam zur Türe.
»Sie wolln ihn also net bei mir eintreten lassen?« fragte er, die Hand auf der Klinke.
»Nein«, erwiderte Mr. Limbkins fest. »Zum mindesten müssten Sie mit einer geringeren als der ausgesetzten Summe zufrieden sein, da das Schornsteinfegergewerbe denn doch ein bisschen schmutzig ist.«
Mr. Gamfields Gesicht hellte sich auf. Schnell trat er wieder an den Tisch heran und fragte:
»Also, was wollens denn geben, meine Herrn? Seins doch net so hart gegen an armen Gewerbtreibenden.«
»Ich sollte meinen, drei Pfund zehn Schilling wären mehr als genug«, gab Mr. Limbkins zur Antwort.
»Da sind noch zehn Schillinge zu viel«, warf der Gentleman in der weißen Weste hin.
»Na also«, versetzte Mr. Gamfield, »sagen mer also vier Pfund, meine Herren, und Sie sin ihm los und die Sach is in Ordnung.«
»Drei Pfund zehn Schillinge«, wiederholte Mr. Limbkins fest.
»Kommen S’, teiln mer die Differenz, meine Herrn«, drängte Mr. Gamfield. »Drei Pfund fünfzehn Schillinge.«
»Nicht einen Penny mehr«, war die Antwort.
»Sie sin verdammt hart zu mir, meine Herrn«, sagte Gamfield niedergeschlagen.
»Ach was, Unsinn«, erwiderte der Herr in der weißen Weste. »Sie machen noch ein gutes Geschäft, auch wenn Sie gar kein Geld für ihn bekämen. Seien Sie nicht dumm und nehmen Sie ihn, er ist gerade der Junge, den Sie brauchen. Geben Sie ihm hie und da den Stock zu kosten, das wird ihm nur gut tun; und die Erhaltung wird sich auch nicht sehr teuer stellen. Er ist hier nicht besonders verwöhnt worden – hahaha!«
Mr. Gamfield warf einen scharfen Blick auf die Herren ringsum, und da er sie alle lächeln sah, hellten sich langsam seine Züge auf. Der Handel wurde geschlossen und Mr. Bumble sogleich angewiesen, noch am selben Nachmittag Oliver Twist behufs amtlicher Bestätigung des Lehrvertrags vorzuführen.
Demgemäß wurde Oliver zu seinem größten Erstaunen plötzlich aus der Haft entlassen und bekam den Befehl, ein frisches Hemd anzuziehen. Kaum hatte er diese seltene gymnastische Übung hinter sich, als Mr. Bumble ihm eigenhändig einen Napf Hafergrütze nebst dem sonntäglichen Stück Brot brachte. Bei diesem fürchterlichen Anblick brach Oliver sofort in ein schreckliches Geheul aus, denn er dachte, die Herren Vorstände hätten den Beschluss gefasst, ihn zu irgendeinem gemeinnützigen Zweck schlachten zu lassen. Denn weshalb hätten sie sonst plötzlich angefangen, ihm eine Mastkur angedeihen zu lassen.
»Heul dir nicht die Augen rot, Oliver, sondern iss deine Suppe und sei dankbar«, ermahnte Mr. Bumble in würdevollem Ton. »Du kommst jetzt in die Lehre.«
»In die Lehre?« fragte der Kleine zitternd.
»Jawohl, Oliver. Die gütigen Herrn, von denen dir jeder einzelne deine Eltern ersetzt, da du keine hast, wollen dich in die Lehre geben, damit du einst im Leben auf eigenen Füßen stehen kannst; und sie wollen einen Mann aus dir machen, obgleich es der Gemeinde drei Pfund und zehn Schillinge kostet. – Oliver! Drei Pfund und zehn Schillinge! – Siebzig Schillinge hundertvierzig Sixpence! Und das alles für einen nichtsnutzigen Waisenbuben, den kein Mensch leiden kann.«
Mr. Bumble hielt einen Augenblick in seiner Rede inne, um Atem zu holen. Dem armem Oliver rollten die Tränen über die Wangen, und er schluchzte bitterlich.
»Ist schon gut, lass nur«, sagte Mr. Bumble, ein bisschen weniger würdevoll, denn die Wirkung, die seine Rede hervorgebracht, befriedigte ihn. »Komm, Oliver, wisch dir die Träne mit dem Ärmel ab und heul dir nicht in die Suppe; das ist eine große Dummheit.« Und das stimmte, denn Wasser war sowieso genug in der Hafergrütze.
Auf dem Weg zum Friedensrichter schärfte Mr. Bumble Oliver aufs dringlichste ein, er müsse sich vor allen Dingen bemühen, recht glücklich auszusehen, und wenn der alte Herr ihn frage, ob er in die Lehre gehen wolle, habe er zu antworten, er freue sich ungemein darauf. Oliver versprach sein Bestes zu tun, umso mehr, als Bumble ihm androhte, dass es ihm sonst schlecht ergehen würde.
Auf dem Amt angelangt, wurde Oliver in ein kleines Zimmer eingesperrt, und Mr. Bumble sagte ihm, er solle hier bleiben, bis er wiederkäme und ihn abholte. Eine ganze halbe Stunde blieb das arme Waisenkind mit klopfendem Herzen allein. Dann steckte Mr. Bumble seinen Kopf herein und sagte laut: »Nun, Oliver, mein Kind, komm jetzt zu dem Herrn.«
Dabei warf er Oliver einen drohenden Blick zu und fügte leise hinzu: »Vergiss nicht, was ich dir gesagt hab, infamer Lausbub.«
Oliver machte bei dieser widerspruchsvollen Anrede ein ziemlich dummes Gesicht. Aber Mr. Bumble kam jeder Frage zuvor und schleppte ihn ohne weitere Umstände ins Amtszimmer. Es war ein ziemlich geräumiges Zimmer mit einem großen Fenster. Hinter einem Pult saßen zwei alte Herren mit gepuderten Perücken, und der eine von ihnen las in der Zeitung, während der andere mit Hilfe einer Schildpattbrille ein kleines Pergamentschriftstück durchstudierte. Mr. Limbkins stand neben dem Pult und Mr. Gamfield, dessen Gesicht stellenweise reingewaschen war, in einiger Entfernung neben ihm, während zwei bis drei roh aussehende Männer in Stulpenstiefeln im Hintergrund warteten.
Der alte Herr mit der Brille nickte langsam über dem Schriftstück ein, und es verstrich eine ziemliche Weile, nachdem Oliver von Mr. Bumble vor das Pult geführt worden war.
»Dies ist der Junge, Euer Gnaden«, sagte Mr. Bumble.
Der alte Herr, der die Zeitung las, hob eine Sekunde den Kopf und zupfte den anderen alten Herrn am Rockärmel, worauf dieser erwachte.
»So, so, das ist der Junge«, murmelte der alte Herr.
»Jawohl, zu dienen, Euer Gnaden«, erwiderte Mr. Bumble. »Mach dem Herrn Friedensrichter eine Verbeugung, mein Kind.«
Oliver gehorchte und machte seinen schönsten Kratzfuß, da ihm die Herren mit den gepuderten Perücken mächtig imponierten.
»Der Junge wünscht also Schornsteinfeger zu werden«, fragte der alte Herr.
»Ja, es ist sein Herzenswunsch«, erklärte Mr. Bumble. »Er würde bestimmt morgen wieder davonlaufen, wenn wir ihn heute in ein andres Geschäft gäben.«
Der Friedensrichter wendete sich an den Schornsteinfegermeister: »Und Sie versprechen, ihn gut zu behandeln, ordentlich zu nähren und zu kleiden usw. usw.«
»Was i amal sag, dös halt i a«, erwiderte Gamfield mürrisch.
»Sie haben eine etwas ungeschliffene Redeweise, lieber Freund, scheinen aber sonst ein ehrlicher gutherziger Mann zu sein«, sagte der alte Herr und richtete seine Brille auf den Schornsteinfegermeister, auf dessen schurkischem Gesicht die Brutalität deutlich zu lesen war. Der alte Herr war halb blind und schon ganz kindisch, und man konnte von ihm daher nicht erwarten, dass er erkenne, was anderen auf den ersten Blick auffallen musste.
»Dös will i hoffen, Herr von Vorstand«, sagte Gamfield grinsend.
»Ich setze nicht den mindesten Zweifel in Ihre Worte, mein Freund«, erwiderte der alte Herr, drückte sich die Brille fester auf die Nase und fahndete nach dem Tintenfass.
Es war ein kritischer Augenblick in Olivers Schicksal: hätte das Tintenfass dort gestanden, wo es der alte Herr vermutete, so würde dieser seine Feder eingetaucht und den Vertrag unterfertigt haben, und Oliver wäre ein für allemal »versorgt« gewesen. Da sich das Tintenfass jedoch dicht vor der Nase des alten Herrn befand, übersah es dieser natürlich, suchte überall auf dem Pult herum, ohne es zu finden, und dabei fiel sein Blick auf das bleiche verstörte Gesicht Oliver Twist’s, der trotz aller Ermahnungen und Püffe Mr. Bumbles das Äußere seines zukünftigen Lehrherren mit einem aus Grauen und Furcht gemischten Ausdruck betrachtete.
Der alte Herr hielt sofort inne, legte die Feder aus der Hand und blickte von Oliver zu Mr. Limbkins, der mit unbefangener heiterer Miene eine Priese Schnupftabak zu nehmen versuchte.
»Liebes Kind!« sagte der alte Herr und lehnte sich über das Pult. Oliver fuhr beim Klang seiner Stimme zusammen, denn die Worte waren in so freundlichem Tone gesprochen, dass sie ihn befremden mussten. Er zitterte heftig und brach in Tränen aus.
»Aber Kind«, rief der alte Herr. »Du siehst ja ganz bleich und verstört aus? Was ist dir denn?«
»Treten Sie ein wenig von ihm weg«, sagte der andere alte Herr, legte sein Schriftstück aus der Hand und beugte sich mit einem Ausdruck tiefer Teilnahme vor.
»Also, mein Kind, sag uns, was dir fehlt. Hab keine Furcht.«
Oliver fiel auf die Knie, erhob seine gefalteten Hände und flehte schluchzend, man möge ihn lieber wieder in das dunkle Zimmer zurückbringen und ihn verhungern lassen, ihn schlagen, ihn totschlagen, alles, nur ihn nicht jenem schrecklichen Mann übergeben.

»Ha«, rief Mr. Bumble, hob feierlich die Hände empor und blickte zur Decke auf. »Von allen verstockten niederträchtigen Waisenjungen, die mir je untergekommen sind, ist dieser der verworfenste von allen.«
»Halten Sie den Mund, Kirchspieldiener«, rief der zweite alte Herr, als Mr. Bumble in seiner Rede innehielt.
»Ich bitte Euer Gnaden um Entschuldigung«, stotterte Bumble, der seinen Ohren nicht traute. »Haben Euer Gnaden zu mir gesprochen?«
»Jawohl! Halten Sie den Mund!«
Mr. Bumble war sprachlos vor Entsetzen. Einem Kirchspieldiener zu befehlen, den Mund zu halten! Das hieß ja aller menschlichen Moral ins Gesicht schlagen!
Der alte Herr mit der Schildpattbrille blickte seinen Kollegen an und nickte bezeichnend.
»Wir verweigern, diesen Kontrakt zu bestätigen«, sagte er dann und schob das Papier zur Seite.
»Ich will doch nicht hoffen«, stammelte Mr. Limbkins, »ich will doch nicht hoffen, dass der hohe Gerichtshof der Meinung ist, der löbliche Arbeitsvorstand könne auf das Zeugnis dieses Kindes hin irgendeiner tadelnswerten Handlung bezichtigt werden?«
»Ich sehe mich als Friedensrichter nicht berufen, darüber irgendeine Meinung abzugeben«, erwiderte der alte Herr. »Nehmen Sie den Knaben wieder mit heim und behandeln Sie ihn gut. Er scheint es sehr nötig zu haben.«
Am selben Abend noch gab der Gentleman mit der weißen Weste nicht nur die positive Versicherung ab, Oliver würde bestimmt noch einmal an den Galgen kommen, sondern er fügte sogar die Prophezeiung hinzu, man werde ihn vorher noch schinden und vierteilen. Auch Mr. Bumble schüttelte geheimnisvoll den Kopf und äußerte den Wunsch, Oliver werde sich dereinst im Leben noch bessern, während Mr. Gamfield bedauerte, ihn nicht in seine Klauen bekommen zu haben. Am nächsten Morgen wurde abermals durch einen Anschlagzettel kundgegeben, dass Oliver Twist »zu haben sei«, und dass jeder, der ihn nehmen wolle, dafür fünf Pfund bekäme.
1 Sinekure (verkürzt zu lateinisch sine cura animarum »ohne Sorge für die Seelen«, d. h. ohne Verpflichtung zur Seelsorge) bezeichnet ein Amt, mit dem Einkünfte, aber keine Amtspflichten verbunden sind. <<<
4 – Oliver erhält eine Stelle und tritt ins öffentliche Leben ein.
Die Herren Vorstände hatten Mr. Bumble beauftragt, sich zu erkundigen, ob nicht vielleicht ein Stromschiffer einen Lehrjungen brauche. Es war im Allgemeinen üblich, Waisenkinder oder solche, die man gern loswerden wollte, zur See zu schicken. Als der Kirchspieldiener zurückkehrte, traf er vor dem Tore zufällig Mr. Sowerberry, den Leichenbestatter des Kirchspiels. Mr. Sowerberry war ein großer hagerer knochiger Mann in einem schwarzen fadenscheinigen Anzug, mit schäbigen Baumwollstrümpfen gleicher Farbe und dementsprechendem Schuhzeug angetan. Schon von Natur aus trugen seine Züge nicht gerade einen lächelnden Ausdruck, aber zufällig befand er sich heute in der heitern Laune, die sein Gewerbe mit sich brachte. Sein Schritt war elastisch, und sein Antlitz zeugte von innerem Frohsinn, wie er so auf Mr. Bumble zuschritt und ihm herzlich die Hand schüttelte.
»Ich habe den beiden Frauen Maß genommen, die wo gestern Nacht gestorben sin, Mr. Bumble«, sagte er.
»Sie werden noch mal ein reicher Mann werden, Mr. Sowerberry«, bemerkte Mr. Bumble und steckte Daumen und Zeigefinger in die hingereichte Schnupftabaksdose des Leichenbestatters, die sinnig ein kleines Modell eines Sarges darstellte. »Ich sags immer, Sie werden noch einmal ein reicher Mann, Mr. Sowerberry«, wiederholte Mr. Bumble und klopfte dem Leichenbestatter vertraulich auf die Schulter.
»Glauben Sie?« fragte der Leichenbestatter in einem Ton, halb zustimmend, halb ablehnend. »Die Kosten, die wo mir die Herren Vorstände bewillichen, sin sehr niedrich.«
»Ihre Särge aber auch«, erwiderte der Kirchspieldiener und verzog sein Gesicht zu einem Lächeln, das seiner hohen Stellung angemessen war.
Mr. Sowerberry fühlte sich durch diese Herablassung nicht wenig geschmeichelt und lachte eine Weile geziemend.
»Nun ja, Mr. Bumble«, sagte er schließlich. »Zu leuchnen ist freilich nich, dass seit Einführung des neuen Systems die Särge niedricher und kürzer geworden sind, als sie sonst waren, aber schließlich muss man sie doch haben, Mr. Bumble. Gutes trocknes Holz ist nich billich und die Beschläge beziehe ich direkt aus den Eisenfabriken in Burmingham.«
»Jawohl, jawohl, ich weiß, ich weiß«, sagte Mr. Bumble. »Jedes Geschäft hat so seine kleinen Kniffe, und das nimmt man auch nicht übel.«
»Natürlich nich, natürlich nich«, stimmte der Leichenbestatter ein. »Wenn auch bei meinem Artikel nich viel zu verdienen is, so muss ich eben schauen, es anderswo wieder hereinzubringen – hihihi.«
»Sehr richtig«, sagte Mr. Bumble. »Übrigens so nebenbei: wissen Sie nicht jemanden, der einen Lehrjungen brauchen könnte; einen Jungen aus dem Arbeitshaus, einen, der uns nicht vom Hals geht, und den wir am Bein haben wie eine Kette. Feine Bedingungen, Mr. Sowerberry! Sehr feine Bedingungen!« dabei deutete Mr. Bumble mit seinem Stock auf den Zettel, der auf dem Tor klebte, und führte drei nachdrückliche Schläge gegen die Worte »fünf Pfund«, die dort mit großen Lettern zu lesen waren.
»Saperment, Saperment«, rief der Leichenbestatter und fasste Mr. Bumble an einem seiner goldnen Knöpfe. »Darüber wollte ich gerade mit Ihnen sprechen. Übrigens alle Achtung, was für ein eleganter Knopf ist das, Mr. Bumble. Den habe ich ja noch nie an Ihnen gesehen.«
»Ja, ja, er ist ganz hübsch«, sagte der Kirchspieldiener und blickte mit Stolz auf seine großen Metallknöpfe. »Und das Wappen des Kirchspiels ist drauf. Sie sehen: der barmherzige Samariter, wie er sich des Kranken annimmt. Die Herren Vorstände verliehen mir das Wappen an jenem Morgen, Mr. Sowerberry, als ein Arbeiter damals infolge Übernachtens in einem Torwege erfroren war.«
»Ja, ja, ich erinnere mich«, sagte der Leichenbestatter. »Die Leichenbeschaukommission fällte damals den Spruch: gestorben infolge Erfrierens und aus Mangel an den gewöhnlichsten Lebensbedürfnissen. Wars nich so?«
Mr. Bumble nickte. »Ja, ja, die Leichenbeschauer«, sagte er und fasste seinen Stock fester, – was er immer tat, wenn er ärgerlich wurde. »Unsre Leichenbeschauer sind ein ganz ungebildetes dummes Pack.«
»Ja, das stimmt«, erwiderte Sowerberry.
Mr. Bumble nahm seinen Dreispitz ab, nahm das darin befindliche Taschentuch und wischte sich den Schweiß von der Stirn, den der Ärger seinem Haupte entlockt, und setzte den Hut wieder auf. Dann wandte er sich mit verändertem Ton an den Leichenbestatter.
»Na also, wie ist’s, was solls mit dem Jungen?«
»Nun, Sie wissen«, erwiderte der Leichenbestatter. »Sie wissen, Mr. Bumble, ich trache eine hübsche Summe mit zu den Armensteuern bei.«
»Hem«, hüstelte Mr. Bumble. »Na und?«
»Na und da dachte ich«, fuhr Sowerberry fort, »wenn ich schon so viel zahle, habe ich vielleicht auch ein Recht, es anderweits irchendwo wieder hereinzubringen, Mr. Bumble. Na und da dachte ich, ich könnte den Jungen vielleicht nehmen.«
Mr. Bumble ergriff ihn am Arm und führte ihn sofort ins Haus. Dann schloss er sich fünf Minuten mit ihm ein, und es wurde zwischen ihnen vereinbart, dass Oliver noch heute Abend zu Mr. Sowerberry kommen sollte – vorderhand nur zur Probe – eine Phrase, die, auf einen Kirchspielwaisenknaben angewendet, weiter nichts zu bedeuten hatte, als dass der Lehrmeister berechtigt war, wenn er nach einer kurzen Probezeit bemerkte, dass der Junge mehr zu arbeiten imstande war, als er Essen brauchte, mit diesem eine bestimmte Zahl von Jahren verfahren konnte, wie es ihm beliebte.
Als der kleine Oliver noch am selben Abend den Herren Vorständen vorgeführt wurde und erfuhr, er solle sogleich zu einem Sargtischler als Laufbursche in die Lehre gegeben oder zur See geschickt werden, falls er sich unterfangen sollte aufzumucken, da legte Oliver so wenig Erregung an den Tag und blieb so stumpf allem gegenüber, was er anhören musste, dass man ihn einstimmig als einen der verstocktesten jungen Galgenvögel erklärte; Mr. Bumble bedeutete ihm, sofort mitzukommen.
Wenn es auch weiter nicht zu verwundern war, dass die Herren Gemeindevorstände darüber in Entrüstung gerieten, dass sich ein junger Mensch, der ihrer Fürsorge anvertraut war, in einem solchen Falle gänzlich empfindungslos zeigte, so beurteilten sie dennoch den Fall ganz falsch. Die Sache lag einfach so, dass Oliver nicht nur nicht empfindungslos war, sondern vielmehr infolge der schlechten Behandlung, die er erfahren, sich auf dem besten Wege befand, für sein ganzes Leben in einen Zustand tierischer Stumpfheit und geistiger Umnachtung zu versinken. Unbeweglich und stumm hörte er die an ihn gerichteten Worte an, scheinbar vollständig gleichgültig gegenüber seinem weiteren Schicksal. Nachdem man ihm sein Bündel, bestehend aus einem kleinen Paket, in die Hand gedrückt, zog er seine Mütze über die Augen und ließ sich widerstandslos von Mr. Bumble hinausführen. Eine Zeit lang schleifte ihn der Kirchspieldiener hinter sich her, ohne ihn eines Blickes oder Wortes zu würdigen. Es war ein windiger Tag, und wenn der Luftzug Mr. Bumbles Rockschöße aufwehte, wobei die langzipflige Kirchspieldienerweste und die Kniehosen aus gelbem Samt sich den Blicken enthüllten, verschwand der kleine Oliver fast ganz hinter den flatternden Kleidungsstücken. Als sie sich knapp vor ihrem Ziel befanden, hielt es Mr. Bumble für an der Zeit, seinen Blick zu senken und sich zu überzeugen, ob der Junge soweit präsentabel sei, um das Wohlgefallen seines neuen Meisters und Herrn erwecken zu können.
»Oliver!« sagte er.
»Ja, Sir?« erwiderte Oliver mit bebender Stimme.
»Schieb dir die Mütze aus der Stirn, Junge, und halte dich gerade.«
Trotzdem Oliver augenblicklich gehorchte und sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen fuhr, schimmerte doch noch eine Träne darin, und wie Mr. Bumble mit Strenge auf ihn herniederblickte, rollte ihm die Träne die Wange hinunter. Eine zweite Träne folgte und noch eine dritte. Der Kleine gab sich alle Mühe, aber es half nichts. Er zog die andere Hand aus Mr. Bumbles Hand, bedeckte sein Gesicht und weinte, bis ihm die Tränen über das Kinn herabtropften und zwischen den magern Fingern hervorquollen.
»Da hört sich doch alles auf«, rief Mr. Bumble, blieb stehen und runzelte wütend die Augenbrauen. »Von all den undankbarsten verdorbensten Waisenbuben, Oliver, die mir je untergekommen sind, bist du doch der schlimmste.«
»Nein, nein, Sir«, schluchzte Oliver und klammerte sich wieder an die Hand, die den wohlbekannten Stock hielt. »Nein, nein, Sir, ich will ja brav sein, wirklich, ich will es. Ich bin ja noch so klein, Sir, und so – so -«
»Was denn – so?« forschte Mr. Bumble erstaunt.
»So einsam und verlassen, Sir, so schrecklich einsam«, schluchzte der Kleine. »Niemand kann mich leiden. Bitte, seien Sie nicht auch noch böse auf mich.«
Dabei drückte er die Hand aufs Herz und blickte seinem Begleiter ins Gesicht, während Tränen tiefsten Schmerzes seine Augen füllten.
Ein paar Sekunden lang betrachtete Mr. Bumble Olivers hilfeflehendes Gesicht voll Erstaunen, dann hüstelte er ein paarmal verlegen, murmelte ein paar Worte über das dumme Wetter und ermahnte ihn, ein guter Junge zu sein. Dann fasste er ihn wieder bei der Hand und ging schweigend mit ihm weiter.
Der Leichenbestatter hatte eben seinen Laden geschlossen und machte gerade beim Schimmer einer Talgkerze ein paar Eintragungen in sein Kontobuch, als Mr. Bumble eintrat.
»Aha«, rief er und blickte von dem Buche auf. »Sie sind es, Bumble.«
»Jawohl, ich bins«, erwiderte der Kirchspieldiener. »Hier ist er. Ich habe Ihnen den Jungen mitgebracht.«
Oliver machte einen Kratzfuß.
»Also das ist der Junge, was?« fragte der Leichenbestatter und hielt die Kerze in die Höhe, um den Kleinen besser besichtigen zu können. »Liebe Frau, sei einmal so gut und komm einen Augenblick her.«
Mrs. Sowerberry tauchte aus einem kleinen Zimmer hinter dem Laden auf, und auf den ersten Blick konnte man erkennen, dass sie eine kleine hagere Person mit zänkischem Gesichtsausdruck war.
»Liebe Frau«, begann Mr. Sowerberry betreten, »das ist der Junge aus dem Armenhaus, von dem ich dir erzählt habe.« – Oliver machte abermals einen Kratzfuß.
»Gott im Himmel«, rief die Frau, »ist der aber klein!«
»Freilich, ein wenig klein ist er«, gab Mr. Bumble zu und sah Oliver mit einem strafenden Blick an, als ob dieser die Schuld daran trage, dass er nicht größer geworden sei. – »Klein ist er, das lässt sich nicht bestreiten. Aber er wird schon noch wachsen, Mrs. Sowerberry.«
»Ja, ja, auf unsre Kosten!« zankte die Frau verdrießlich. »Und bei dem, was bei uns auf den Tisch kommt. Ich kenne schon die Armenhauskinder, die fressen immer mehr, als sie wert sind. Aber die Männer wissen natürlich immer alles am besten. Marsch, die Treppe hinunter, du Häufchen Unglück!« Mit diesen Worten öffnete Mrs. Sowerberry eine kleine Tür und drängte Oliver eine steile Treppe hinab in einen feuchten finstern Keller, der den Vorraum zum Kohlenkeller bildete und die Bezeichnung Küche trug. Dort saß ein schlumpiges Dienstmädchen mit Schuhen mit schiefen Absätzen und blauen Strümpfen voll großer Löcher, die offenbar schon seit langem auf Reparatur warteten.
»Hier, Charlotte«, sagte Mrs. Sowerberry, »gib dem Jungen ein paar von den Resten, die für Trip aufgehoben worden sind. Seit morgens streunt das Biest auf der Gasse herum, da soll es sich mal hungrig zu Bett legen. Hoffentlich ist der Bursche da nicht zu heikel. He, Junge, was sagst du dazu?«
Oliver, dessen Augen, als von Essen die Rede war, aufgeleuchtet hatten, zitterte förmlich vor Gier und beteuerte, dass er durchaus nicht heikel sei; und daraufhin wurde ihm eine Schüssel Speisenabfälle vorgesetzt.
Wenn da nur so ein gewisser sattgefressener Theoretiker mit einem Herzen von Stein zugesehen hätte, wie sich Oliver Twist über das Futter hermachte, das für den Hund bestimmt war, und die Gier, mit der er die Bissen auseinanderriss – halbohnmächtig von Hunger. Noch besser, wenn ein solcher Theoretiker selbst einmal gezwungen wäre, sich über eine derartige Sorte Futter herzumachen …
»Na?« fragte die Frau Leichenbestatterin, als Oliver mit allem gründlich aufgeräumt hatte, stumm vor Entsetzen und böser Ahnung, wie das mit dem Appetit des Lehrjungen in Hinkunft weitergehen würde. »Na, bist du jetzt fertig?«
Da nichts Essbares mehr vorhanden war, antwortete Oliver mit »Ja«.
»Also, dann komm mit«, brummte Mrs. Sowerberry, nahm eine trübbrennende schmutzige Lampe und ging ihm die Treppe voraus hinauf. »Da hier unter dem Ladentisch ist ein Bett. Hoffentlich machst du dir nichts daraus in den Särgen zu schlafen, was? Aber mir kanns gleichgültig sein, ob dir’s etwas ausmacht oder nicht. Kurz und gut: hier ist dein Bett. So, jetzt mach dich fertig, ich hab’ keine Lust, die ganze Nacht hier zu stehen.«
Schüchtern und schweigend gehorchte Oliver.
5 – Oliver bekommt einen neuen Horizont und wohnt zum ersten Mal einem Leichenbegängnis bei.
In der Werkstätte des Sargtischlers sich selbst überlassen, setzte Oliver seine Lampe auf eine Werkbank, von Furcht und Grauen durchschauert. Ein fertiger Sarg auf einem schwarzen Gestell mitten im Laden erinnerte ihn so sehr an den Tod, dass ihn ein kalter Schauer überlief, so oft sich sein Blick hinverirrte, und zuweilen kam es ihm so vor, als müsse jeden Augenblick eine entsetzliche Gestalt langsam ihre Hand erheben und ihn aus dem Sarge heraus anstarren, bis er wahnsinnig vor Furcht würde. Die Wand entlang in regelmäßigen Reihen stand eine Menge Bretter aus Ulmenholz, alle ebenfalls zu Särgen bestimmt. Bei dem trüben Licht sahen sie wie hochschultrige Gespenster aus, die die Hände in die Hosentaschen gesteckt hatten. Sargplatten, Holzspäne, langköpfige Nägel und Stücke Trauerflor lagen auf dem Boden umher. Die Wand hinter dem Ladentisch war mit einem Bild geschmückt, das zwei Leichendiener mit steifen Kragen, die vor dem Portal eines Privathauses ihr Amt versahen, darstellte, während ein Leichenwagen, von vier schwarzen Pferden gezogen, aus der Ferne herangefahren kam. Der Laden war eng und heiß und die ganze Luft gesättigt von dem Geruch von Särgen. Der Verschlag unter dem Ladentisch, wo für Oliver eine Wollmatratze ausgebreitet lag, sah aus wie ein Grab.
Oliver fühlte sich trostlos allein und verlassen, und wenn er auch keinen Schmerz über Trennung von Freunden oder Angehörigen empfand, so war ihm doch das Herz unsäglich schwer. Und wie er in sein enges Bett hineinkroch, wünschte er sich, es möchte sein Sarg sein und man trüge ihn hinaus auf den Kirchhof, wo das hohe stille Gras über ihm im Winde säuselte und das Läuten der alten Kirchturmglocken ihn träumen machte in süßem Schlummer.
Am nächsten Morgen erweckten ihn laute Fußtritte gegen die Außenseite der Werkstättentüre. Er sprang auf und begann die Vorhängkette zu lösen; da erst ließen die Füße von ihren Tritten ab und eine Stimme rief: »Mach’ die Tür auf, na, wird’s bald!« »Sofort, Sir«, erwiderte Oliver, machte die Kette gänzlich los und drehte den Schlüssel um.
»Du bist wohl der neue Lehrbursch, was?« fragte die Stimme durch das Schlüsselloch.
»Ja, Sir«, antwortete Oliver.
»Wie alt bist du denn?« fragte die Stimme weiter.
»Zehn Jahre, Sir.«
»Dann werd’ ich dich durchprügeln, wenn ich hineinkomme«, prophezeite die Stimme. »Gib nur acht, wenn ich erst drin bin, du Zuchthäusler.«
Nach diesem liebenswürdigen Versprechen schwieg der unsichtbare Mund und begann zu pfeifen.
Oliver hatte schon zu oft das angedrohte Schicksal über sich ergehen lassen, um noch den leisesten Zweifel zu hegen, dass der Besitzer der Stimme, wer er auch sein möge, sein Versprechen halten werde. Mit zitternder Hand schob er den Riegel zurück und öffnete die Türe.
Ein paar Sekunden lang blickte er die Straße auf und ab, im Glauben, der Unbekannte, der ihn durch das Schlüsselloch angeredet, sei ein paar Schritte weitergegangen, um sich zu erwärmen, aber er erblickte niemand als einen Waisenjungen aus dem städtischen Armenhaus, der auf einem Pfosten vor dem Hause saß und ein Butterbrot verzehrte.
»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte Oliver schließlich, da er niemand anders sehen konnte, »haben Sie vielleicht geklopft?«
»Ja, mit die Fieß an die Tür g’stoßen hab i«, erwiderte der fremde Waisenknabe.
»Wünschen Sie vielleicht einen Sarg?« fragte Oliver unschuldig.
»Du wirst bald selber einen brauchen«, war die zornige Antwort, »wenn du dir solche Frechheiten mit deinem Vorgesetzten herausnimmst. Du weißt viel leicht gar nicht, wer ich bin«, fuhr der Waisenknabe fort und erhob sich würdevoll von seinem Sitz.
»Nein, Sir«, gab Oliver zu.
»Ich bin Mr. Noah Claypole«, sagte der Waisenjunge, »und du bist mein Untergebener. Mach’ die Fensterläden auf, junger Hund!« Bei diesen Worten versetzte »Mr.« Claypole Oliver einen Tritt und schritt mit würdevoller Miene in die Werkstätte. Für einen jungen Herrn mit großem Schädel und kleinen Mausaugen, von schlottriger Gestalt und einem Breigesicht ist es nicht leicht, sich ein würdevolles Air zu geben. Aber ganz besonders schwierig ist es, wenn zu diesen persönlichen Vorzügen noch eine rote Nase und gelbe Kniehosen hinzukommen.
Nachdem Oliver die Fensterläden entfernt und bei seinem Bemühen, sie beiseite zu stellen, eine Fensterscheibe zerbrochen hatte, wurde er beim Wegschleppen der übrigen Vorfenster gnädigst von Mr. Noah unterstützt, der ihm dabei als Trost die Versicherung gab, er würde es »mordsmäßig erwischen«. Bald darauf kam Mr. Sowerberry herunter und sogleich erschien auch Mrs. Sowerberry. Und richtig ging Mr. Noahs Prophezeiung in Erfüllung, d.h. Oliver kriegte es wirklich und folgte dann seinem jugendlichen Amtsgenossen die Treppe hinunter zum Frühstück.
»Komm näher zum Feuer«, sagte Charlotte. »Ich hab’ dir ein Stückel Speck aufg’hoben von dem Herrn seinem Frühstück, Oliver, mach’ die Tür zu hinter Mr. Noah und nimm dir die Reste, die ich dir dorthin gestellt hab’. Da hast deinen Tee, nimm dir ihn und scher dich zu der Kisten dort und trink ihn – aber a bissel rasch gefälligst. Du musst nachher auf den Laden achtgeben, verstanden?«
»Verstanden, Zuchthäusler?« wiederholte Noah Claypole.
»Jessas, Jessas, Noah!« rief Charlotte. »Bist du aber heut lustig; lass doch den Bengel in Ruh.«
»In Ruh lassen?« sagte Noah. »Der wird schon sowieso g’nug in Ruh g’lassen. Den lassen sein Vater und seine Mutter schon sowieso in Ruh. Seine ganze Verwandtschaft lasst ihn schon in Ruh. Was, Charlotte? Hihihi!«
Charlotte konnte sich gar nicht halten vor Gelächter, in das Noah kräftig mit einstimmte. Dann setzten sie sich zusammen und warfen von Zeit zu Zeit dem armen Oliver verächtliche Blicke zu, wie er vor Kälte schaudernd auf seiner Kiste im Winkel saß und die schäbigen Reste verzehrte, die für ihn aufgehoben waren.
Noah war ein Zögling aus dem Waisenstift und nicht etwa eine Waise aus dem Arbeits- oder Armenhaus. Er war auch kein Findling und konnte seinen Stammbaum schnurgerade bis zu seinen Eltern hinauf, die dicht daneben wohnten, herleiten. Seine Mutter war eine Waschfrau und sein Vater ein versoffener Soldat mit einem Stelzfuß und einer Tagespension von zweieinhalb Pence. Die Laufburschen in der Nachbarschaft pflegten Noah mit dem Spitznamen »Waisenstiftler« oder »Lederbüchse« zu belegen, und Noah hatte es stillschweigend ertragen müssen. Aber jetzt warf ihm das Schicksal durch einen glücklichen Zufall einen Waisenknaben ohne Namen in den Weg, auf den selbst das verworfenste Geschöpf spöttisch mit dem Finger deuten durfte; an ihm gedachte er jetzt seine ganze lang aufgespeicherte Wut auszulassen. Es bestand derselbe Unterschied zwischen Oliver und ihm wie zwischen einem hochgeborenen Lord und einem schmutzigen Straßenjungen.
Ungefähr drei bis vier Wochen war Oliver bei dem Leichenbestatter gewesen, als Mr. Sowerberry eines Tages seiner Ehehälfte gegenüber auf ihn zu sprechen kam. »Der Junge sieht jetzt prächtig aus, meine Liebe«, sagte er.
»Na, essen tut er wahrhaftig g’nug«, knurrte Mrs. Sowerberry.
»Es liegt ein Ausdruck von Melancholie in seinem Gesicht, meine Liebe, sodass ich glaube, er würde sich vortrefflich als Kerzenträger bei einem Leichenbegängnis eignen.«
Mrs. Sowerberry blickte verwundert auf, und ihr Gatte fuhr eifrig fort:
»Ich meine nicht, wenn ein Erwachsener begraben wird, sondern bei Kinderbestattungen. Es wäre eine ganz neue Idee, und ich glaube, sie müsste sich ganz vortrefflich durchführen lassen.«
Mrs. Sowerberry, die in geschäftlichen Dingen einen großen Scharfblick besaß, erkannte sofort, dass der Gedanke ebenso vorzüglich wie neu war. Da sie sich aber in ihrer Würde nichts vergeben wollte, fragte sie nur spitz, weshalb denn ihr Herr Gemahl eine so naheliegende Idee nicht schon längst gehabt habe. Mr. Sowerberry, der dies ganz richtig als eine Zustimmung zu seinem Vorschlag deutete, ordnete demgemäß an, dass Oliver unverzüglich in die Mysterien des Leichenbestattergeschäfts einzuweihen sei und bereits bei der nächsten Gelegenheit einem Begräbnis beizuwohnen habe.
Die Gelegenheit ließ nicht lange auf sich warten. Bereits am nächsten Morgen, ungefähr eine halbe Stunde nach dem Frühstück, erschien Mr. Bumble im Laden, lehnte seinen Stock gegen die Werkbank, zog ein großes ledernes Notizbuch aus der Tasche, entnahm diesem einen kleinen Zettel und überreichte ihn Mr. Sowerberry.
»Aha«, sagte der Sargtischler mit freudiger Miene. »Eine Bestellung für Särge, wie?«
»Vorläufig nur für einen Sarg«, bestätigte Mr. Bumble, »und außerdem für ein Gemeindebegräbnis.«
»Baiton?« las der Leichenbestatter von dem Zettel ab und blickte Mr. Bumble fragend an. »Den Namen habe ich früher noch niemals gehört.«
Mr. Bumble nickte. »Eine widerspenstige Bande, Mr. Sowerberry, eine sehr widerspenstige Bande. Hochfahrend sag’ ich Ihnen, nicht zu glauben.«
»Hochfahrend, wie?« rief Mr. Sowerberry und grinste. »Aber hören Sie, das ist wirklich stark.«
»Die Gelbsucht könnte man bekommen vor Wut«, rief der Kirchspieldiener, »amoniakalisch kann ich Ihnen sagen, Mr. Sowerberry.«
»Stimmt, stimmt«, pflichtete der Leichenbestatter bei.
»Wir haben erst vorgestern Abend von der Familie erfahren«, berichtete Mr. Bumble, »und auch das nur, weil eine Frau, die mit ihnen im selben Hause wohnte, beim Herrn Vorstand bitten kam, man möge den Armenarzt hinschicken, um nach einer Kranken zu sehen, mit der es sehr schlecht stehe. Der Herr Doktor war gerade beim Mittagessen, aber sein Assistent – ein verdammt schneidiger Bursche, sage ich Ihnen – hat sogleich ein Flasche voll Medizin hingeschickt.«
»Das nenn’ ich mir gewissenhaft im Dienst«, rief der Leichenbestatter bewundernd.
»Ja ja, ist’s auch«, versetzte der Kirchspieldiener. »Aber was glauben Sie, war die Folge? Frech ist die Bande auch noch geworden. Der wertgeschätzte Herr Gemahl von der Kranken hat sagen lassen, die Arzenei passt nicht für seine Frau, und er gibt nicht zu, dass sie so was einnimmt. Ich sag’ Ihnen, eine feine kräftige Medizin, die erst acht Tage vorher zwei irische Taglöhner und ein Kohlenträger mit bestem Erfolg eingenommen haben – und noch dazu in einer Wichsflasche, und der Kerl lässt sagen: seine Frau nimmt so was nicht.« Empört ließ Mr. Bumble seinen Stock auf den Ladentisch niedersausen und wurde rot im Gesicht wie ein Truthahn.
»Nein so was«, rief der Leichenbestatter.
»Jawohl, so was«, schrie Mr. Bumble. »Aber jetzt ist das Frauenzimmer tot, und da heißt’s, sie unter die Erde bringen; und darum handelt sich’s jetzt. Je schneller die Sache in Ordnung ist, desto besser.« Dabei setzte Mr. Bumble seinen Dreispitz fiebernd vor Erregung wieder auf, anfangs verkehrt und erst beim zweiten Male richtig, und stürmte aus dem Laden.
»Er hat sich so gegiftet, Oliver, dass er ganz vergessen hat, nach dir zu fragen«, sagte Mr. Sowerberry und blickte dem Kirchspieldiener nach, wie er die Straße hinunterstampfte.
Dann setzte er seinen Hut auf und brummte: »Je schneller wir das Geschäft abmachen, umso besser. Noah, pass unterdessen auf den Laden auf. Oliver, nimm deine Mütze und komm mit.« Oliver Twist gehorchte und folgte stumm seinem Herrn.
Eine Zeit lang schritten sie durch den belebtesten und bevölkertsten Teil der Stadt. Dann bogen sie in eine enge Gasse ein, die von Schmutz nur so starrte, und blieben stehen, um sich nach dem bezeichneten Hause umzusehen. Die Häuser auf beiden Seiten waren hoch und massig, aber sehr alt, und wurden nur von den allerärmsten Leuten bewohnt, wie man zwar nicht aus ihrem vernachlässigten Aussehen erkannte, wohl aber aus dem schmierigen Äußern der paar Männer und Frauen, die gelegentlich die Mauern entlang schlichen. Ein großer Teil der Häuser hatte Läden nach vorne heraus, aber diese Läden waren fest verschlossen und hingen nur so in den Angeln. Offenbar waren bloß die oberen Stockwerke bewohnt. Bei einzelnen der Bauten, die infolge ihres Alters und ihrer Morschheit gänzlich zu zerfallen drohten, war dem völligen Einsturz durch mächtige gegen die Mauern gelehnte Balken, die fest in den Boden gerammt waren, gewehrt. Aber selbst diese Ruinen schienen von obdachlosem Gesindel als Schlupfwinkel auserlesen zu sein, wie man daraus ersehen konnte, dass viele der Bretter, die die Stelle von Türen und Fenstern vertraten, so auseinandergerissen waren, dass sich ein Zugang bildete, durch den ein Mensch nötigenfalls hindurchschlüpfen konnte. Die Rinnsteine waren verstopft und voll Kot; – selbst die Ratten, die tot in dem Unrat verwesten, machten den Eindruck, als ob sie Hungers gestorben seien.
An der offenen Türe, an der Oliver und sein Herr halt machten, war weder ein Klopfer, noch ein Klingelgriff zu sehen. Vorsichtig tappten sie sich einen dunklen Gang entlang und stiegen zum ersten Stock empor. Oliver ging dabei immer hinter Mr. Sowerberry her, der ihm zuredete, sich nicht zu fürchten, bis er endlich im Gang gegen eine Türe stolperte und anklopfte.
Ein junges Mädchen, ungefähr dreizehn oder vierzehn Jahre alt, öffnete ihnen. Für den Leichenbestatter genügte ein Blick in das Zimmer, um zu wissen, wohin er sich zu begeben habe. Er trat ein, und Oliver folgte ihm.
Vor einem mit kalter Asche gefüllten Kamin kauerte ein Mann, und ein altes Weib hatte auf einem Schemel neben ihm Platz genommen. In einem anderen Winkel hockten ein paar in Lumpen gehüllte Kinder herum, und in einem kleinen Bretterverschlag der Eingangstüre gegenüber lag etwas auf dem Boden, über das ein altes Tuch geworfen war. Oliver schreckte zusammen, als er die Augen dorthin wandte, und unwillkürlich fühlte er, dass das, was unter dem Tuch lag, eine Leiche sein müsste.
Das Gesicht des Mannes am Kamin sah eingefallen und totenblass aus. Bart und Haupthaar waren ergraut und seine Augen blutunterlaufen. Das alte Weib hatte ein Gesicht voll Runzeln, die beiden Zähne, die sie noch besaß, ragten über ihre Unterlippe hervor, aber ihre Augen strahlten hell und durchdringend. Oliver konnte es kaum über sich gewinnen, sie oder den Mann anzublicken, denn beide sahen den toten Ratten, die er draußen bemerkt, grauenhaft ähnlich.
»Niemand soll ihr nahekommen«, rief der Mann und sprang wütend auf, als sich der Leichenbestatter dem Holzverschlag näherte. »Zurück da. Gott verdammt. Zurück da, oder -«
»Unsinn, lieber Freund, Unsinn«, suchte ihn der Leichenbestatter, der mit dem Elend in allen Gestalten wohl vertraut war, zu beruhigen. »Unsinn, sage ich Ihnen, Unsinn.«
»Und ich sage Ihnen«, rief der Mann, ballte die Fäuste und stampfte wie ein Rasender auf den Boden, »ich sage Ihnen: ich will nicht, dass Ihr sie einscharrt. Sie könnte keine Ruhe dort finden. Die Würmer würden sie quälen und plagen – fressen wohl nicht – sie ist nur noch Haut und Knochen.«
Mr. Sowerberry gab weiter keine Antwort, sondern zog ein Band aus seiner Tasche und kniete einen Augenblick neben der Leiche nieder.
»Ja«, rief der alte Mann und brach in Tränen aus, »kniet nur nieder, kniet alle nieder; ich sag Euch, man hat sie hungern lassen, bis sie gestorben ist. Ich hab’ ja nicht geahnt, wie schlimm es mit ihr stand, bis sie das Fieber bekam. Und da stachen ihr auch schon die Knochen durch die Haut. Nicht einmal ein Licht brannte hier, als sie starb. In der Dunkelheit hat sie sterben müssen. Nicht einmal das Gesicht ihrer Kinder hat sie sehen können; nur ihre Namen hat sie stammeln dürfen. Ich hab’ für sie auf der Straße gebettelt, aber da haben sie mich ins Gefängnis gesteckt. Und als ich freikam, lag sie schon im Sterben. Mein Herzblut ist ausgedörrt bis auf den letzten Tropfen. Man hat sie verhungern lassen! Ich schwöre bei Gott, dass es wahr ist. Sie haben sie verhungern lassen!«
Der Mann raufte sich das Haar und sank stöhnend mit stieren Augen und Schaum vor dem Mund zusammen.
Die entsetzten Kinder jammerten und weinten, aber die Alte, die bisher stumm geblieben, als ob sie taub sei gegen alles, was rings um sie her vorging, wies sie zur Ruhe. Dann löste sie dem Mann, der noch immer ausgestreckt auf dem Boden lag, das Halstuch und taumelte auf den Leichenbestatter zu.
»Sie war meine Tochter«, krächzte sie und nickte mit dem Kopf nach der Leiche hin. Das blödsinnige Grinsen, mit dem sie ihre Worte begleitete, wirkte grauenhafter als selbst die Gegenwart des Todes an einem solchen Ort. »Gott, Gott«, ächzte sie, »es ist so merkwürdig, dass ich, ihre Mutter, noch sprechen und lachen kann, während sie hier liegt – kalt und starr. Gott Gott, es ist wie eine Komödie, es ist die reinste Komödie.« Dann kicherte die Arme wieder wie eine Irrsinnige. Der Leichenbestatter wandte sich zum Gehen. »Warten Sie, warten Sie«, rief ihm die Alte nach. »Wird sie morgen begraben oder erst übermorgen oder schon heut abend? Ich hab’ sie doch geboren; da muss ich doch mitgehen; verstehen Sie? Schicken Sie mir doch einen großen Mantel – einen recht warmen Mantel, es ist so kalt hier. Wir müssen auch Kuchen und Wein bekommen, ehe wir gehen. Oder besser: schicken Sie Brot her, einen Laib Brot und einen Krug Wasser. Werden wir auch Brot bekommen, lieber Herr?« fragte sie gierig und klammerte sich an den Leichenbestatter, als dieser zur Türe gehen wollte.
»Gewiss, gewiss«, antwortete Mr. Sowerberry, »natürlich alles, was Sie wollen.« Dann befreite er sich von dem Griff der Alten, zog Oliver hinter sich her und eilte hinaus.
Am nächsten Tag – man hatte die Familie inzwischen mit einem halben Viertellaib Brot und einem Stück Käse gelabt, was alles Mr. Bumble in eigener Person gebracht hatte – kehrte Oliver mit seinem Herrn in die elende Höhle zurück, wo Mr. Bumble bereits angekommen war, von vier Armenhäuslern, die das Amt der Leichenträger besorgen sollten, gefolgt. Ein alter schwarzer Mantel war der Greisin und einer dem Mann über die Schultern geworfen worden; der einfache Sarg wurde zugeschraubt und auf die Straße hinuntergetragen. »Schreiten Sie schnell aus, alte Dame«, flüsterte Sowerberry der Greisin ins Ohr, »wir sind etwas spät daran und dürfen den Herrn Pfarrer nicht warten lassen. Vorwärts, Leute! So schnell wie möglich!«
Ihre Bürde auf den Schultern, trotteten die Träger des Wegs. Die beiden Leidtragenden hielten sich, so gut sie konnten, in ihrer Nähe, und Mr. Bumble und Mr. Sowerberry trabten eilig voraus. Oliver atemlos neben ihnen.
Die Eile war überflüssig gewesen, denn als sie den finstern trübseligen Armenkirchhof erreichten, in dem die Brennesseln nur so wucherten, war der Geistliche noch nicht gekommen, und der Küster in der Sakristei glaubte, dass es noch gut eine Stunde dauern könnte, bevor er erscheinen werde. Die Bahre wurde am Rand des Grabes niedergesetzt, und die beiden Leidtragenden warteten geduldig auf dem feuchten Lehmboden und in dem kalten Regen, der in Schauern herniederfegte, während die zerlumpten Gassenjungen, die das Schauspiel auf den Friedhof gelockt, schreiend und lärmend zwischen den Leichensteinen Verstecken spielten oder zur Abwechslung einmal über den Sarg hin und hersprangen. Mr. Sowerberry und Mr. Bumble, die beide persönliche Freunde des Herrn Küsters waren, setzten sich zu ihm ans Feuer und studierten die Zeitung.
Endlich nach mehr als einer Stunde sah man Mr. Bumble und Mr. Sowerberry zum Grabe laufen, und gleich darauf erschien der Geistliche, sich unterwegs hastig den Talar anziehend. Mr. Bumble prügelte noch rasch ein paar Gassenbuben durch, und dann hielten seine Hochwürden eine Grabrede, die ein paar Minuten dauerte, übergaben dem Küster seinen Talar und verfügten sich wieder nach Hause.
»Also los, Bill«, befahl Mr. Sowerberry dem Totengräber, »losgeschaufelt!«
Das war bald geschehen, denn die Gruft war bereits so voll, dass der Sarg nur wenige Fuß unter der Erdoberfläche zu liegen kam.
Der Totengräber schaufelte die Schollen hinein und stampfte sie oberflächlich mit den Füßen fest.
Die Gassenbuben murrten, dass der Spaß so bald zu Ende war.
»Kommen Sie, lieber Freund«, sagte Mr. Bumble und klopfte dem alten Mann auf den Rücken. »Der Kirchhof wird gleich geschlossen werden.«
Nicht ein einziges Mal hatte sich der Mann, so lange er neben dem Grabe gestanden, gerührt, aber jetzt schreckte er zusammen, stierte den Kirchspieldiener an, taumelte ein paar Schritt vorwärts und sank dann ohnmächtig zu Boden. Die irrsinnige Alte jammerte fortwährend, dass man ihr den Mantel wieder abgenommen habe, und fand gar keine Zeit, sich mit dem Bewusstlosen abzugeben. Man schüttete daher eine Kanne kalten Wassers über ihn, worauf er wieder zum Bewusstsein kam, und dann wurde das Tor verriegelt und jeder ging seines Weges.
»Na, Oliver«, fragte Mr. Sowerberry den Lehrjungen auf dem Heimweg, »wie hat’s dir gefallen?«
»Ich danke, Sir, soweit ganz gut«, antwortete Oliver stockend. »Eigentlich nicht so besonders.«
»Du wirst dich schon dran gewöhnen«, tröstete Sowerberry. »Es wird schon ganz gut gehen, wenn du dich nur erst mal dran gewöhnt hast, Bursche.«
Oliver dachte darüber nach, wie lange es wohl gebraucht haben möchte, bis sich Mr. Sowerberry an dergleichen gewöhnt habe. Er unterdrückte jedoch die Frage und ging stumm in den Laden zurück.
6 – Oliver rafft sich, durch Noah gereizt, zu tatkräftigem Handeln auf.
Als der übliche Probemonat vorüber war, wurde Oliver in aller Form als Lehrling ins Geschäft eingestellt. Es war gerade sozusagen Sterbesaison, und nach Särgen herrschte rege Nachfrage. Die ältesten Einwohner der Stadt konnten sich nicht erinnern, dass jemals die Masern so gewütet hätten, wie es gerade der Fall war. Da Oliver von jetzt an auch bei den meisten Begräbnissen erwachsener Personen im Zuge mitzugehen hatte, um die nötige Gleichgültigkeit in Haltung und Gebärden zu lernen, die einem richtigen Leichenbestatter unbedingt nötig sind, so fand er gar oft Gelegenheit, die bemerkenswerte Standhaftigkeit zu bewundern, mit der gewisse Leute, die sich eines starken Gemüts erfreuten, Verluste an Bekannten, Freunden und Verwandten zu tragen wussten.
Befremdlicherweise wirkten solche Beispiele von Resignation nicht ansteckend auf Oliver Twist; er kam vielmehr nicht aus der Verwunderung heraus. Trotzdem ertrug er geduldig monatelang die schlechte Behandlung von seiten Noah Claypoles, der immer gehässiger gegen ihn wurde, da er sich zurückgesetzt fühlte und kaum mitansehen konnte, wie Oliver, der jüngere Lehrling, tagaus tagein im schwarzen Rock und Flor ausrücken durfte, während er, der Senior, sich mit Pelzkappe und Lederhose begnügen musste. Charlotte behandelte Oliver schlecht, weil Noah ihn schlecht behandelte, und Mrs. Sowerberry war seine ausgesprochene Feindin, weil Mr. Sowerberry eher dazu neigte, ihn freundlich als unfreundlich zu behandeln.
Eines Tages nun zur gewöhnlichen Mittagsstunde waren Oliver und Noah in die Küche hinabgeklettert, um sich an einer knappen Ration Hammelfleisch vom schlechtesten Nackenstück gütlich zu tun, da wurde Charlotte hinaufgerufen und Noah Claypole, hungrig und verbittert, glaubte ihre Abwesenheit nicht besser benützen zu können, als seinen jungen Kollegen zu hänseln.
Als Einleitung legte er die Füße auf das Tischtuch, zupfte Oliver an den Haaren, zwickte ihn in die Ohren und gab der Ansicht Ausdruck, Oliver sei ein »Kriecher«. Des weiteren gab er der Hoffnung Ausdruck, Oliver noch einmal am Galgen baumeln zu sehen, und dass es ihm auch auf den weitesten Weg nicht ankommen werde, falls einmal dieses ersehnte Ereignis eintreten sollte. Da aber alle diese hämischen Versuche, Oliver zum Weinen zu bringen, fehlschlugen, fing Noah Claypole an, immer dicker und dicker aufzutragen.
»Zuchthäusler!« rief er endlich. »Was macht übrigens deine Mutter?«
»Sie ist tot«, sagte Oliver, »sprich nicht von ihr.«
Das Blut stieg ihm in die Wangen, und seine Lippen zuckten seltsam. Noah Claypole hielt das für ein Vorzeichen, dass Oliver gleich in Tränen ausbrechen würde, und machte eine neue Attacke.
»Woran ist sie denn gestorben, Zuchthäusler?« fragte er.
»An gebrochenem Herzen, hörte ich die alte Wärterin sagen«, murmelte Oliver, mehr zu sich selbst sprechend als zu seinem Kollegen. »Ich glaube, ich verstehe, was das heißt.«
»A was, dummes Zeug, Zuchthäusler«, sagte Noah, während eine Träne Oliver über die Wange lief. »Was hat dich denn so plötzlich zum Flennen gebracht?«
»Ach nichts«, erwiderte Oliver, sich schnell die Augen trocknend. »Du brauchst dir nichts darauf einzubilden. Aber schweig jetzt, das rat ich dir.«
»Was? Raten tust du’s mir?« rief Noah. »Ist das eine Frechheit! Na, und deine Mutter, das war auch so die Rechte.« Dabei nickte er hämisch mit dem Kopf und rümpfte seine kleine rote Stülpnase.
»Du tust mir ja leid, du Armenhäusler«, fuhr er, durch Olivers Schweigen kühn gemacht, höhnisch mit erheucheltem Mitleid fort. »Aber es lässt sich mal nicht mehr ändern. Du kannst ja auch nichts dafür und dauerst mich ja von Herzen. Aber deine Mutter war halt – na, du weißt schon was.«
»Was sagst du da!« fuhr Oliver auf.
»Na ja, so eine ganz Schlechte«, erwiderte Noah kaltblütig. »Für dich war es wohl das beste, du Armenhäusler, dass sie rechtzeitig ins Grab gebissen hat, sonst wär sie jetzt im Zuchthaus oder am Galgen. Oder vielleicht nicht?«
Purpurrot vor Wut sprang Oliver auf, packte Noah an der Gurgel und schüttelte ihn, dass ihm die Zähne im Munde klapperten. Dann schlug er ihn mit einem einzigen geschickten Hieb zu Boden.

Noch eine Minute vorher war Oliver das ruhigste sanfteste Geschöpf der Welt gewesen. Aber jetzt hatte die scheußliche Beschimpfung seiner Mutter sein Blut zum Wallen gebracht. Seine Augen blitzten, und er war völlig umgewandelt, wie er auf den feigen Quälgeist, der vor ihm auf dem Boden lag, niederblickte.
»Er will mich ermorden«, heulte Noah. »Charlotte! Mrs. Sowerberry! – Er schlägt mich tot – Hilfe – zu Hilfe! Oliver ist verrückt geworden. Char – lotte!«
Ein lautes Gekreisch aus Charlottens und ein noch lauteres aus Mrs. Sowerberrys Mund war die Antwort, und gleich darauf kam das Dienstmädchen in die Küche hereingestürzt, während die Meisterin wohlweislich auf der Treppe oben stehen blieb, bis sie sich vergewissert, dass nichts für sie auf dem Spiele stände, wenn sie ganz die Treppe herunterkäme.
»O du elendes Ungeheuer«, kreischte Charlotte und packte Oliver mit aller Kraft an der Brust. »Du – klei – ner – mord – gieriger – Schuft.« Und bei jeder Silbe versetzte sie dem armen Oliver zum Ergötzen der Anwesenden einen Hieb.
Ihre Faust war ziemlich gewichtig und hätte Olivers Mordlust, wenn eine solche vorhanden gewesen wäre, sicher gedämpft. So aber kam auch noch Mrs. Sowerberry dazu, stürzte in die Küche, hielt ihn mit einer Hand fest und zerkratzte ihm mit der anderen das Gesicht. Das gab natürlich Noah seinen Mut wieder zurück, er stand auf und begann von rückwärts auf Oliver einzuhauen.
Dieser überstürzte Angriff war doch etwas zu heftig, als dass er hätte lange dauern können. Als sich die drei müde geprügelt hatten und nicht mehr weiter konnten, schleppten sie Oliver, der sich immer noch aus Leibeskräften wehrte und aus vollem Halse schrie, in den Kohlenkeller, wo sie ihn einsperrten. Dann sank Mrs. Sowerberry in einen Stuhl und brach in Tränen aus.
»O Gott, sie stirbt«, jammerte Charlotte. »Ein Glas Wasser, Noah! Wasser! Schnell, schnell!«
»Ach, Charlotte, wir können Gott danken, dass wir nicht längst alle in unsern Betten ermordet worden sind.«
»Ja, ja, es ist eine Gnade des Himmels, Madame«, erwiderte das Dienstmädchen. »Der arme Noah, er war schon halb tot, als ich hereinkam.«
»Der arme, arme Junge«, rief Mrs. Sowerberry mitleidig. Und auch Noah war ganz ergriffen und heuchelte ein paar Tränen.
»Was sollen wir nur tun?« riet Mrs. Sowerberry. »Mein Mann ist nicht zu Hause, niemand ist da, und die Tür wird uns der Mordbube in ein paar Minuten eingetreten haben.« Olivers energische Attacken gegen die Bretterwand des Kohlenkellers ließen ein solches Ereignis allerdings als höchst wahrscheinlich annehmen.
»O Gott, o Gott, ich weiß auch nicht, was wir tun sollen, Mrs. Sowerberry«, jammerte Charlotte. »Sollen wir nicht vielleicht nach der Polizei schicken?«
»Oder nach dem Mülidär«, rief Mr. Claypole.
»Nein, nein«, widersprach Mrs. Sowerberry, sich in diesem Augenblick an Olivers alten Freund erinnernd. »Lauf zu Mr. Bumble, Noah, und sage ihm, er solle doch gleich herkommen. Such erst nicht lang nach deiner Mütze, sondern eil dich. Halt dir beim Laufen eine Messerklinge an deine Beule, da vergeht die Geschwulst am schnellsten.«
Noah ließ sich nicht erst lange Zeit, eine Antwort zu geben, sondern rannte so schnell er konnte, ein Messer an seine Stirn drückend, durch die Straßen ins Gemeindearbeitshaus.
7 – Oliver bleibt verstockt.
Noah Claypole hielt nicht einen Augenblick im Laufen inne und kam atemlos vor dem Tor des Gemeindearbeitshauses an. Einen Augenblick blieb er stehen, um eine möglichst klägliche Miene anzunehmen, klopfte dann laut und zeigte dem alten Armenhäusler, der ihm öffnete, ein so jammervolles Gesicht, dass dieser vor Erstaunen zurückprallte und fragte: »Um Gottes willen, was hast du denn, Junge?«
»Mr. Bumble, Mr. Bumble«, schrie Noah in gut geheuchelter Angst und so laut und gellend, dass Mr. Bumble, der ihn sofort hörte, augenblicklich ohne seinen Dreispitz in die Flur gestürzt kam – ein deutlicher Beweis, dass unter Umständen sogar ein Kirchspieldiener die Besinnung verlieren und alle Würde außer acht lassen kann.
»Mr. Bumble, Mr. Bumble«, keuchte Noah, »Oliver, Mr. Bumble, – Oliver – Oliver ist -«
»Was denn, was ist er denn?« fragte Mr. Bumble, und ein Strahl von Freude leuchtete aus seinen gläsernen Augen. »Doch nicht davongelaufen? So sprich doch, Noah!«
»Nein, Sir, nein, fortgelaufen ist er nicht, Sir. Aber mich, Charlotte und Mrs. Sowerberry hat er ermorden wollen. O Gott, o Gott, Sir, – mein Hals, mein Kopf, meine Brust – ich halts nicht aus vor Schmerzen.«
Sein Jammergeheul lockte den Gentleman mit der weißen Weste herbei.
»Sir!« schrie Bumble. »Hören Sie! Hier ist ein Junge aus dem Waisenstift, der von Oliver Twist beinahe ermordet worden wäre.«
»Sehen Sie, sehen Sie«, rief der Gentleman mit der weißen Weste und blieb erstarrt stehen. »Hab ichs nicht gleich gesagt! Ich habe immer prophezeit: der Bursche wird noch einmal am Galgen enden.«
»Und das Dienstmädchen hat er auch ermorden wollen«, stotterte Mr. Bumble mit aschfahlem Gesicht.
»Und Mrs. Sowerberry auch«, setzte Mr. Claypole hinzu.
»Und seinen Herrn ebenfalls, nicht wahr, Noah?«
»Nein, der war ausgegangen«, erklärte Noah, »sonst hätt er ihn sicher auch ermordet.«
»So? Hat er das angedroht?« fragte der Gentleman in der weißen Weste.
»Ja, Sir«, antwortete Noah. »Und eine Empfehlung von Mrs. Sowerberry, und Sie lässt fragen, ob Mr. Bumble nicht Zeit hat, gleich mitzukommen und ihn durchzuprügeln, da der Herr Meister nicht zu Hause ist.«
»Gewiss, mein Junge, gewiss«, versicherte der Gentleman mit der weißen Weste und lächelte gütig. »Du bist ein braver Junge – ein braver Junge. Hier hast du einen Penny. Bumble, nehmen Sie mal gleich Ihren Stock und gehen Sie hinüber und tun Sie, was Sie können. Schonen Sie den Burschen nicht, Bumble!«
»Nein, gewiss nicht, Sir«, versprach der Kirchspieldiener und rieb das Ende seines Stockes mit Wachs ein, wie es im Kirchspiel üblich war, wenn eine Prügelstrafe vollstreckt werden sollte.
»Sagen Sie auch Sowerberry, dass er ihn ja nicht schont. Ohne Striemen und Beulen tuts der Lausbengel nicht«, ermahnte der Gentleman mit der weißen Weste.
»Ich werde die Sache schon besorgen, Sir«, versprach der Kirchspieldiener und machte sich mit Noah eiligst auf den Weg zum Laden des Sargtischlers.
Hier hatten die Dinge inzwischen keine wesentliche Änderung erfahren. Mr. Sowerberry war noch immer nicht zurück, immer noch schlug und stieß Oliver aus Leibeskräften gegen die Bretterwand. Die Schilderungen, die Mrs. Sowerberry und Charlotte von seiner Wildheit gaben, waren so verblüffender Art, dass Mr. Bumble es für angebracht hielt, vorerst einmal zu parlamentieren, ehe er die Kellertüre aufsperrte. Er legte zu diesem Zweck seinen Mund an das Schlüsselloch und rief mit Bassstimme hinein:
»Oliver.«
»Lassen Sie mich hinaus«, antwortete Oliver von innen.
»Kennst du meine Stimme, Oliver?« forschte Mr. Bumble.
»Ja.«
»Und du fürchtest dich nicht vor mir? Du zitterst nicht?«
»Nein«, versetzte Oliver kühn.
Mr. Bumble war sprachlos vor Erstaunen. »Er muss verrückt geworden sein«, bemerkte Mrs. Sowerberry.
»Nein, das ist nicht Verrücktheit, Madame«, sagte Mr. Bumble, »das macht das Fleisch.«
»Was?« rief Mrs. Sowerberry.
»Ja, ja, das kommt vom Fleischessen, Mrs. Sowerberry. Da haben Sies. Überfüttert haben Sie ihn. Sie haben seinen rebellischen Sinn geweckt. Und das war unrecht gehandelt, wie Ihnen auch die Herren Amtsvorstände, die gewiss erfahrene Männer sind, bestätigen werden. Hätten Sie ihm weiter seinen Haferschleim gegeben, wäre so etwas nie passiert.«
»O Gott im Himmel, Gott im Himmel«, jammerte Mrs. Sowerberry, die Augen fromm zur Decke erhebend. »Das hat man davon, wenn man liberal denkt.«
Wieder fing Oliver an, gegen die Bretterwand zu hämmern, da ging die Türe unten und Mr. Sowerberry kam nach Hause. Nachdem ihm Olivers Missetat haarklein geschildert worden, wobei es an Übertreibungen natürlich nicht fehlte, riegelte er unverzüglich die Kellertüre auf und zog seinen rebellischen Lehrjungen am Kragen heraus.
Olivers Kleider waren infolge der Prügelei total zerrissen. Sein Gesicht war zerkratzt und mit Beulen bedeckt, und das Haar hing ihm wild über die Stirn. Aber immer noch lag die Zornesröte auf seinen Wangen, und wie er herausgezerrt wurde, schoss er einen grimmigen Blick auf Noah.
»Du bist mir ja ein netter Bursche«, schrie Mr. Sowerberry, schüttelte ihn tüchtig durch und gab ihm eine Ohrfeige.
»Er hat meine Mutter beschimpft«, antwortete Oliver.
»Na, was ist denn da weiter dabei, du undankbarer Taugenichts«, gellte Mrs. Sowerberry. »Hat er damit vielleicht nicht recht gehabt.«
»Nein, er hat nicht recht gehabt«, rief Oliver.
»Sie hat es verdient«, schrie Mrs. Sowerberry.
»Das ist eine Lüge«, erklärte Oliver kühn.
Sofort brach Mrs. Sowerberry in eine Flut von Tränen aus, die ihrem Gatten keine Wahl mehr weiter ließ. Wollte er wirklich einen Augenblick zögern, Oliver streng zu bestrafen, so gab es für ihn jetzt keine Entschuldigung mehr; seine Ehehälfte würde ihm die schrecklichsten Predigten gehalten haben. Er züchtigte Oliver daher in einer Weise, die Mr. Bumbles Eingreifen mehr als überflüssig machte. Dann wurde der kleine Missetäter bei Wasser und Brot wieder eingesperrt, und lange noch verhänselten und beschimpften ihn Noah, Charlotte und Mrs. Sowerberry durch die Türe durch, bis auch sie sich endlich schlafen legten.
Erst als es ganz still geworden, konnte Oliver sich seinen Gefühlen überlassen. Allen ihren Sticheleien hatte er nur ein verstocktes Schweigen entgegengesetzt, und ohne ein einziges Mal zu schreien, hatte er die Züchtigung seines Meisters hingenommen. Jetzt aber, wo niemand da war, der ihn sehen konnte, kniete er nieder, verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte – weinte, wie wohl wenige Kinder vor ihm geweint haben mögen.
Es dauerte lange, bis er sich wieder erhob, und die Kerze brannte schon tief im Leuchter, als er aufstand. Vorsichtig spähte er umher und lauschte gespannt. Dann mühte er sich ab, den Riegel zurückzuschieben, was ihm endlich gelang, und lugte hinaus.
Es war eine kalte finstere Nacht, und die Sterne schienen in viel größerer Entfernung von der Erde, als Oliver sie jemals gesehen zu haben sich erinnerte. Kein Lufthauch regte sich. Leise schloss er die Türe wieder, und nachdem er bei dem erlöschenden Kerzenlicht die wenigen Kleidungsstücke, die er sein eigen nannte, in ein Bündel geschnürt, setzte er sich auf eine Bank, um den Anbruch des Morgens zu erwarten.
Mit dem ersten Lichtstrahl, der durch die Ritzen des Ladens schien, erhob er sich, – ein Schauerblick nach rückwärts, ein Moment der Unentschlossenheit, – dann hatte er die Türe hinter sich geschlossen und stand draußen auf der Straße. Er blickte nach rechts und links, ungewiss, wohin er sich wenden solle. Es fiel ihm ein, einmal gesehen zu haben, dass alle Wagen, wenn sie nach der Stadt fuhren, den Hügel hinaufwankten. Er schlug denselben Weg ein. Und als er auf der Landstraße anlangte, schritt er rüstig weiter. Er kam am Arbeitshaus vorüber. Nichts verriet, dass seine Insassen zu so früher Stunde schon auf sein könnten. Oliver blieb stehen und spähte in den Garten. Ein Kind jätete mit dem Spaten in einem kleinen Beet, hob sein blasses Gesicht, und Oliver erkannte die Züge eines früheren Leidensgefährten. Er freute sich, dass er den kleinen Jungen vor seinem Fortgehen noch einmal sah, denn er war ihm, wenn er auch jünger als er war, ein lieber Freund und Spielkamerad gewesen. Sie hatten zusammen gelitten, waren zusammen eingesperrt worden und hatten immer miteinander hungern müssen.
»Heda, Dick«, sagte Oliver, als der Junge zum Geländer gelaufen kam und ihm seinen dünnen Arm zum Willkommen durch die Stäbe reichte. »Ist schon jemand auf?«
»Nur ich.«
»Sag nicht, dass du mich gesehen hast, Dick«, flüsterte Oliver, »ich bin geflohen. Man hat mich geschlagen und misshandelt. Ich gehe und such mir mein Glück wo anders. Wo, weiß ich noch nicht. Wie blass du aussiehst.«
»Der Doktor hat gesagt, ich muss sterben – ich habs gehört«, antwortete der Kleine mit einem schwachen Lächeln. »Ich freue mich, dass ich dich noch einmal sehe, lieber Oliver. Aber halt dich nicht auf, geh rasch fort.«
»Ich will dir nur Lebewohl sagen«, antwortete Oliver. »Ich werde dich schon noch wiedersehen, Dick. Ich weiß es bestimmt, Dick. Es wird dir noch einmal gut gehen und du wirst glücklich werden.«
»Ich will es hoffen«, erwiderte der Kleine. »Aber erst, wenn ich mal gestorben bin; vorher kann’s nicht sein. Der Doktor wird schon recht haben, Oliver; und ich träume so viel vom Himmel und von Engeln mit milden Gesichtern, wie sie hier auf Erden nicht sind. Komm, gib mir einen Kuss«, – der Kleine kletterte auf das niedrige Gittertor und schlang seine Hände um Olivers Hals. »Leb wohl, lieber Freund, und Gottes Segen.«
Der Segenswunsch kam von den Lippen eines kleinen Jungens, aber es war der erste Segen, den Oliver zu hören bekam. In allen Kämpfen, in allen Mühsalen und Leiden, die ihn betrafen, vergaß er ihn nie.
8 – Oliver wandert nach London und trifft mit einem sehr seltsamen jungen Gentleman zusammen.
Erst um die Mittagsstunde machte Oliver auf seiner Wanderung bei einem Meilenstein Halt, auf dem die Entfernung von der Hauptstadt angegeben war.
In London konnte man Oliver nicht finden. Oft hatte er im Arbeitshaus sagen hören: in London brauche niemand, der nur ein bisschen Grütze habe, zu hungern, und in dieser ungeheueren Stadt könne man leben auf eine Weise, von der sich Leute, die auf dem Lande aufgewachsen seien, gar keinen Begriff machten. Es musste der rechte Platz für einen heimatlosen Jungen sein, sagte sich Oliver. Damit sprang er wieder auf die Füße und schritt, so schnell er konnte, vorwärts.
Alles, was er mit hatte, beschränkte sich auf eine Brotrinde, ein grobes Hemd und zwei Paar Strümpfe in seinem Bündel, außerdem auf einen Penny – ein Trinkgeld, das ihm Mr. Sowerberry einmal dafür gegeben hatte, weil er sich bei einem Begräbnis besonders feierlich benommen.
Fast zwanzig Meilen legte Oliver an diesem Tag zurück. Die ganze Zeit kam nichts über seine Lippen als die Brotrinde und ein paar Schluck Wasser. Am Abend legte er sich in einen Heuhaufen schlafen und wanderte am anderen Tag abermals zwölf Meilen, wobei er seinen Penny für Brot ausgab, und übernachtete wieder im Freien, sodass er am dritten Morgen, vor Kälte fast erstarrt, sich kaum von der Stelle bewegen konnte. Am Fuß eines steilen Hügels wartete er, bis die Postkutsche vorbei kam, und sprach die Passagiere, als sie einen Moment ausstiegen, um eine Gabe an. Niemand hörte auf ihn, nur einer der Herren sagte ihm, er wolle ihm einen halben Penny geben, wenn er eine Strecke weit neben dem Wagen mitlaufen würde. Als Oliver bald infolge seiner Ermüdung hinter der Postkutsche zurückblieb, steckte der Gentleman seine Geldmünze wieder ein und erklärte, da sehe man wieder, dass das arme Volk viel zu faul sei, sich einmal etwas zu verdienen.
Und der Wagen rasselte davon und ließ nichts weiter zurück als eine Wolke Staub. Vor manchen Dörfern standen Tafeln errichtet, auf denen jedem Bettler mit der strengsten Strafe gedroht wurde, und furchtsam eilte Oliver weiter, wenn er so etwas las. Wenn er einmal vor einem Gasthaus mit hungrigen Blicken stillstand, befahl man ihm, sich aus dem Staub zu machen, wenn er nicht wolle, dass man die Hunde auf ihn loslasse.
Es würde ihm wohl so ergangen sein wie einst seiner unglücklichen Mutter, hätte sich seiner nicht schließlich ein menschenfreundlicher Schlagbaumwächter und dessen Frau angenommen und ihn mit einem Stück Brot und Käse gelabt. Am siebenten Morgen nach Sonnenaufgang erreichte Oliver endlich mit wunden Füßen die kleine Stadt Varnet. Überall waren noch die Fensterladen geschlossen, und nicht eine Seele ließ sich auf den verödeten Straßen blicken. In ihrer ganzen strahlenden Schönheit ging die Sonne auf, aber ihr Licht führte Oliver nur so recht zu Gemüte, wie elend und verlassen er war. Staubbedeckt kauerte er sich an einer Türschwelle nieder. Allmählich öffneten sich die Laden und überall wurden die Jalousien in die Höhe gezogen und die Menschen begannen hin und her zu gehen. Einige standen still und sahen Oliver ein paar Sekunden lang an und wandten nach ihm den Kopf, und einige nahmen sich sogar die Mühe zu fragen, wie er hierher gekommen sei. Er getraute sich aber nicht sie anzubetteln, sondern blieb still sitzen.
Eine Zeit lang hatte er so auf der Stufe gekauert und sich über die große Anzahl von Wirtshäusern gewundert, denn jedes zweite Gebäude in Varnet war eine Schenke, bald groß, bald klein, als er sich plötzlich bewusst wurde, dass ein junger Bursche, der einige Minuten vorher achtlos an ihm vorübergegangen, zurückgekehrt war und ihn von der anderen Straßenseite drüben unverwandt anstarrte. Zuerst kümmerte er sich nicht darum. Als aber der andere keinen Blick von ihm wandte, hob er schließlich den Kopf und blickte scharf hinüber. Darauf kam der Junge über die Straße, trat dicht an ihn heran und sagte:
»Hallo, Spatz! Auf der Walze?«
Der Junge, der diese Frage stellte, mochte ungefähr im selben Alter sein wie Oliver. Er war ein höchst sonderbarer Kauz, wie Oliver nie einen gesehen, mit einer Stumpfnase und platter Stirn. Er sah höchst ordinär und schmutzig aus, aber seine ganze Haltung und Benehmen glichen denen eines Erwachsenen. Ziemlich klein für sein Alter, hatte er höchst kuriose Beine und kleine scharfblickende Rattenaugen. Der Hut saß ihm so lose auf dem Kopf, dass er jede Minute herunterzufallen drohte, wohl auch schon des öfteren heruntergefallen wäre, wenn sein Herr es nicht vortrefflich verstanden hätte, ihn, wenn er rutschte, mit einem geschickten Ruck mit dem Kopf wieder in die richtige Lage zu bringen. Der Bursche trug einen Rock, der für einen Erwachsenen groß genug gewesen wäre und ihm fast bis an die Knöchel reichte. Die Ärmel trug er bis zur Hälfte aufgekrempelt, um die Hände frei zu haben. Kurz und gut, der Junge sah so seltsam und windig aus, wie wohl je nur ein Bürschchen von vier Fuß, sechs Zoll oder noch weniger in Stulpenstiefeln aussehen konnte.
»Hallo, Spatz, auf der Walze?« fragte der seltsame junge Gentleman Oliver abermals.
»Ich bin furchtbar hungrig und müde«, antwortete Oliver, während ihm die Tränen in die Augen traten. »Ich habe einen langen Marsch hinter mir, einen Marsch von sieben Tagen.«
»Was? Sieben Tag auf der Walze?« rief der junge Gentleman. »Aha, weiß schon. Wir haben was gerochen auf der Polizei, was? Der Balhochem hat was gerochen. Du weißt wohl nich, was ’n Balhochem is, was, du Greenhorn?« setzte er hinzu, als er Olivers verwunderten Blick bemerkte. Oliver verneinte.
»Na ja, du Greenhorn«, rief der junge Gentleman, »’n Balhochem ist doch ’n Poliziste. Mir scheint, du bist noch nie in der Mühle gewesen.«
»In was für einer Mühle?« fragte Oliver.
»In was für ner Mühle? Na, die Mühle, in der die Leute umsonst arbeiten – na, das Gefängnis mein’ ich.« Als er bemerkte, dass Oliver nicht verstand, fuhr er fort: »Aber mir scheint, du hast Hunger, Mesinung hab’ ich zwar selber keins, aber wir werd’ns schon machen. Steh auf und komm.« Hierauf brachte der wackre junge Herr Oliver, nachdem er ihm hatte aufstehen helfen, vor einen Krämerladen, in dem er Brot und Schinken kaufte und Oliver davon essen ließ.
»Nach London?« fragte er, nachdem Oliver sich ein wenig gesättigt.
»Ja.«
»Hast du eine Stranzen?«
»Was ist das?«
»Na, ne Wohnung.«
»Nein.«
»Mesummes?«
Oliver machte ein fragendes Gesicht.
»Geld mein’ ich.«
»Nein.«
Der junge Gentleman versenkte seine Hände in seine Taschen und pfiff durch die Zähne.
»Wohnen Sie in London«, fragte Oliver.
»Ja, wenn ich daheim bin. Aber mir scheint, du weißt gar nicht, wo du heut nacht schlafen willst.«
»Nein«, gab Oliver zu. »Ich hab’ schon seit sieben Nächten kein Dach über dem Kopf gehabt.«
»Mach’ dir keine Sorgen deshalb«, tröstete ihn der junge Herr. »Ich geh’ heut abend auch nach London. Ich kenn’ da einen ehrbaren alten Herrn, der wird dir bald ne gute Stelle verschaffen, – das heißt natürlich, wenn dich ’n Schentlman, wo ihn kennt, einführt bei ihm. Auf mir hält er große Stücke«, setzte der junge Gentleman lächelnd hinzu.
Das Anerbieten war so verlockend, dass Oliver keinen Augenblick zögerte, einzuschlagen. Er wurde bald zutraulicher und erfuhr, dass sein neuer Freund Jack Dawkins heiße und der ausgesprochene Liebling des erwähnten alten Gentlemans sei. Jacks Äußeres freilich sprach nicht zugunsten der Lieblinge des erwähnten alten Ehrenmannes, aber da er sehr großmäulig tat und selbst von sich behauptete, man kenne ihn weit und breit als einen »verdammt gerissenen Baldowerer«, schloss Oliver, der alte Herr spräche in diesem Falle wohl gute Ratschläge in den Wind. Unter diesem Eindruck fasste er heimlich den Entschluss, sich bei dem alten Philantropen so bald wie möglich in ein besseres Licht zu setzen und, falls Jack Dawkins, wie er befürchtete, einer Besserung nicht zugänglich sein sollte, auf die Ehre weiterer Bekanntschaft mit ihm zu verzichten.
Da Jack sich unbedingt weigerte, London vor Einbruch der Nacht zu betreten, schlug es elf Uhr, als sie den Schlagbaum von Islington erreichten. Vom »Engel« aus gingen sie nach St. Jones Road, die kleine Gasse, die bei Sadlers Walls Theater endigt, hinab und gelangten durch Exmouth Street und Coppile Row in den kleinen Hof neben dem Arbeitshaus. Dann schritten sie über den klassischen Grund und Boden, der einstmals den Namen Hockley-in-the-Hole führte, und gelangten nach Little und Great Saffron Hill, von wo aus der kuriose junge Gentleman sich in einen Galopp versetzte, wobei Oliver ihm auf den Fersen folgen musste.
Von dem ungewohnten Anblick einer großen Stadt ganz und gar in Anspruch genommen, musste Oliver sein Möglichstes tun, um seinen Führer nicht aus dem Gesicht zu verlieren. Einen schmutzigeren und verkommeneren Platz hatte Oliver noch nie gesehen. Die Straße war eng und voll Schmutz und die Luft gesättigt von den widerlichsten Gerüchen. Kleine Laden gab es hier in Menge, aber ganze Haufen von Kindern, die jetzt selbst zur Nachtzeit noch bei den Türen aus- und einkrochen oder drinnen in den Häusern quiekten und schrien, schienen der einzige Inhalt der Geschäfte zu sein. Die einzigen Unternehmungen, die wirklich zu gedeihen schienen, waren die Schenken, denn dort prügelte sich irischer Pöbel, was das Zeug halten wollte. Gedeckte Torwege und Höfe, die da und dort von den Hauptstraßen abzweigten, ließen Knäuel von Häusern sehen, wo sich betrunkene Männer und Frauen nur so wälzten. Aus den Torwegen kamen scheublickende Individuen herausgeschlichen und verloren sich gleich darauf wieder im Dunkel. Eben überlegte Oliver noch, ob es nicht am besten sei, wegzulaufen, da gelangte er mit seinem Begleiter vor einer Anhöhe an und wurde von ihm am Ärmel gefasst. Dann stieß Jack eine Haustüre auf, nicht weit von Field Lane, zog Oliver in einen Korridor und schloss gleich darauf das Tor wieder hinter sich zu.
»Wer da?« rief eine Stimme von unten als Antwort auf einen Pfiff, den der junge Herr hatte ertönen lassen.
»Reiner Wind«, war die Antwort. Es schien das eine Art Losungswort zu sein, dass die Luft rein sei. Gleich darauf warf das Licht einer kleinen Kerze seinen Schein auf die Mauer vom rückwärtigen Ende des Ganges aus, und das Gesicht eines Mannes lugte durch eine Spalte einer alten Türe hervor, aus der ein Teil der Füllung herausgebrochen war.
»Da sind ja zwei«, sagte der Mann und beschattete das Licht mit der Hand, um besser sehen zu können. »Wer ist der andere?«
»Ein junges Beindl«, antwortete Jack Dawkins und zeigte auf Oliver.
»Woher?«
»’n Greenhorn. Ist Fagin oben?«
»Sortiert die Riegenlappen. Marsch rauf mit euch.«
Die Kerze erlosch, und das Gesicht verschwand.
Oliver tastete, sich mit einer Hand am Ärmel seines Gefährten haltend, die Wand entlang. Sie stiegen eine dunkle morsche Stiege hinauf, die Jack offenbar genau kannte. Dann öffnete sich eine Tür, und Oliver trat ein.
Wände und Decke der kleinen Stube waren von Alter und Schmutz fast schwarz. Ein Tisch aus Fichtenholz stand vor dem Ofen und darauf eine Kerze, die im Hals einer Bierflasche stak, und daneben ein paar Zinnkrüge, Brot, Butter und ein Teller. In einer Bratpfanne, die mit einem Strick an den Sims des Kamins gebunden über dem Feuer hing, lagen ein paar Würste, und darüber gelehnt, eine große Gabel in der Hand, stand ein uralter vertrockneter Jude, sein schurkisches Gesicht mit den abstoßendsten Zügen von der Welt von rotem Kraushaar beschattet. Der Mann war in einen schmutzigen Flanellkittel gehüllt, der nur seinen Hals freiließ. Seine Aufmerksamkeit schien zwischen der Bratpfanne und einem Kleidergestell zu schwanken, an dem eine große Anzahl von seidenen Taschentüchern hing. Auf dem Boden lagen nebeneinander ein paar grobe Betten aus alter Sackleinwand, und um den Tisch herum saßen vier bis fünf Jungen, keiner älter als Mr. Dawkins, rauchten aus langen Tonpfeifen oder tranken Schnaps wie Erwachsene. Sie scharten sich sogleich um Jack, der dem alten Juden ein paar Worte ins Ohr flüsterte, sich dann umdrehte und Oliver angrinste.
Auch der Jude warf Oliver einen lauernden Blick zu, ohne dabei die Gabel aus der Hand zu legen.
»Hier, Fagin«, sagte Jack Dawkins, »ist mein Freund Oliver Twist.«
Der Jude grinste, machte Oliver eine tiefe Verbeugung, nahm ihn bei der Hand und gab der Hoffnung Ausdruck, der Ehre seiner näheren Bekanntschaft teilhaftig werden zu dürfen. Darauf stellten sich die Jungen mit ihren Tonpfeifen um Oliver und schüttelten ihm sämtlich die Hände, und zwar besonders eifrig die, in der er sein Bündel trug. Einer der jungen Gentleman war bestrebt, ihm die Mütze vom Kopf zu ziehen, und ein anderer geruhte, ihm die Finger in die Taschen zu stecken, offenbar um ihn der Mühe zu entheben, sie vor dem Schlafengehen selbst auszuleeren. Die Jungen hätten ihre Höflichkeiten wahrscheinlich noch weiter ausgedehnt, würde der Jude nicht seine Gabel des öfteren auf die jungen Herren haben herabsausen lassen.

»Mir freien sich außerordentlich, Ihnen zu sehen, Oliver, ganz außerordentlich«, versicherte der Jude. »Baldowerer! nemm die Würscht vom Feier und setz ä Schüssel für Mr. Oliver an den Herd. Ah, Sie sehen sich die Taschentücherlich an, lieber Freind? Ja ja, es sind ihrer ä ganze Menge. Mir haben se eben sortiert, weil se sollen gewaschen werden; das ist alles, Mr. Oliver, weiter nix, hähä.«
Die Rede des alten lustigen Juden wurde von seinen hoffnungsvollen Zöglingen mit einem wiehernden Gelächter begrüßt, und sich noch schüttelnd vor Lachen; machten sie sich an ihr Abendessen.
Oliver aß, was ihm zugeteilt wurde, und nachher braute ihm der Jude ein Glas heißen Grog, den er auf der Stelle austrinken musste, da noch ein anderer Gentleman das Glas brauche. Oliver tat, wie ihm befohlen wurde, und gleich darauf fühlte er, dass er sanft auf einen Strohsack gelegt wurde. Dann verfiel er in tiefen Schlaf.
9 – Enthält weitere Einzelheiten über den liebenswürdigen alten Herrn und seine hoffnungsvollen Zöglinge.
Spät am nächsten Morgen erwachte Oliver nach langem, festem Schlummer. Es war niemand im Zimmer als der alte Jude, der Kaffee zum Frühstück in einer Pfanne kochte und leise vor sich hin pfiff, beständig mit dem Blechlöffel in dem Topf herumrührend. Jedes Mal, wenn auch nur ein leises Geräusch von der Straße heraufdrang, hielt der Jude inne, um zu lauschen, beruhigte sich aber jedes Mal wieder und pfiff und rührte weiter. Oliver war zwar aufgewacht, befand sich aber noch in jenem Zustand zwischen Schlafen und Wachen, wo man mit halboffnen Augen daliegt und, obgleich man alles, was um einen ringsum vorgeht, genau wahrnimmt, doch näher dem Traume ist als wirklichem Wachsein. Mit halbgeschlossenen Augen sah er den Juden, hörte sein leises Pfeifen und das Geräusch, wie er mit dem Löffel in der Pfanne herumkratzte. Als der Kaffee fertig war, schob der Jude den Kessel vom Feuer weg, stand eine Weile unschlüssig da, drehte sich dann nach Oliver um und rief ihn an.
Oliver antwortete nicht, sondern schien allem Anschein nach weiterzuschlafen. Hierauf schlich der Jude leise zur Türe und schloss sie ab. Dann zog er aus einer Falltüre im Boden eine kleine Schatulle hervor, setzte sie sorgfältig auf den Tisch, und seine Augen funkelten, wie er den Deckel aufhob und in das Kästchen hineinblickte. Dann rückte er einen alten Stuhl herbei, setzte sich und holte eine prachtvolle goldene Uhr mit Diamanten besetzt hervor.
»Verdammt pfiffige Hunde«, murmelte er vor sich hin, zog die Schultern in die Höhe und verzerrte die Muskeln seines Gesichts zu einem scheußlichen Grinsen. »Verdammt geschmierte Hunde und verbissen bis zum letzten Atemzug. Nix haben sie dem alten Pfaffen verraten, nix haben se veretzt den alten Fagin, hihi. Worüm hätten se auch sollen? Was hätts ihnen auch geholfen? Das Malheur hätten se doch nix abgehalten; nicht um ä Minute. Famose Burschen, feine Burschen.«
Dann legte er die Uhr wieder in das Kästchen zurück, holte noch mehrere andere ähnliche hervor, dann: Ringe, Armbänder und sonstige Pretiosen, alle so wundervoll gearbeitet, dass Oliver förmlich geblendet war.
Den Schluss bildete ein Schmuckstück, das so klein war, dass der Jude es ganz in seiner Handfläche verbergen konnte. Es schien sich eine sehr kleine, kaum sichtbare Inschrift darauf zu befinden, denn Mr. Fagin legte das Kunstwerk flach auf den Tisch, hielt die Hand darüber und betrachtete es lange und ganz nah und mit scharfem Blick. Dann legte er es, offenbar nicht imstande, die Inschrift zu entziffern, wieder weg, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und murmelte:
»Ist doch ä feine Sache das Hinrichten. Ä Toter bereit nix mehr. Ä Toter kann nix mehr verraten. Haast ä Geschäft. Fünfe aufgehängt hinter enander und keiner mehr da, um den reumütigen zu spielen.«
Plötzlich fielen die funkelnden schwarzen Augen des Juden, der bisher gedankenverloren vor sich hingestarrt, auf Olivers Gesicht und begegneten dessen Blicken, die mit stummer Neugier auf ihn gerichtet waren. Heftig schlug er die Schatulle zu, ergriff das Brotmesser, das auf dem Tische lag, und sprang wütend auf. Er zitterte vor Entsetzen, denn das Messer, das er in der Hand hielt, zuckte in der Luft heftig hin und her, wie Oliver deutlich bemerken konnte.
»Was soll das?« rief der Jude. »Was spionierst de da? Warum bist de plötzlich wach? Was hast de gesehen? Sprich, sag ich dir, wenn dir dein Leben lieb ist.«
»Ich konnte nicht mehr schlafen, Sir«, erwiderte Oliver demütig. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie gestört habe, Sir?«
»Du bist nicht wach gewesen vor einer Stunde?« rief der Jude mit wilden Blicken.
»Nein, wirklich nicht«, beteuerte Oliver.
»Ist das auch sicher wahr?« rief der Jude drohend.
»Ganz gewiss, Sir. Ich bin eben erst aufgewacht.«
»Schon gut, schon gut«, murmelte der Jude, nahm plötzlich sein altes Wesen wieder an und spielte mit dem Messer, um Oliver glauben zu machen, er habe es nur im Scherz genommen. »Ich weiß doch, kleiner Freund, ich hab doch nur gemacht e Scherz, du bist e braver Bursch, e braves Bürschchen, Oliver, hihi.«
Dabei rieb er sich kichernd die Hände, blickte aber immer noch scheu und unsicher auf die Schatulle.
»Hast du gesehen die schönen Sachen drin, Oliver?« fragte er nach einer Pause und legte die Hand auf das Kästchen.
»Ja, Sir.«
»Also, also doch gesehen?« rief der Jude und wurde bleich. »Nu, ja, das ist halt mei kleines Eigentum. Alles, wovon ich hab zu leben auf meine alten Tage. Die Leunte sagen, ich bin e Geizhals, aber lass se reden. Was liegt weiter daran.«
Oliver kam zu dem Schluss, der alte Gentleman müsse offenbar ein schrecklicher Geizhals sein, dass er so viel Taschenuhren besäße und trotzdem in einer so schmutzigen Kammer wohne. Aber er nahm an, dass vielleicht seine Vorliebe für den Baldowerer – den jungen Dawkins – und die anderen Jungen ihn ein hübsches Stück Geld koste, und dass er immerhin ein großer Menschenfreund sein müsse. Er blickte ihn daher nur achtungsvoll an und fragte, ob er aufstehn dürfe.
»Natierlich, mei Junge, natierlich«, erwiderte der alte Herr. »Aber wart mal, dort in der Ecke neben der Tür steht ein Topp mit Wasser. Bring ihn heriwer. Ich will dir geben e Schüssel, dass de dir kannst waschen, Kleiner.«
Oliver stand auf, ging durch die Stube und bückte sich einen Augenblick, um den Krug aufzuheben. Als er sich wieder umdrehte, war die Kassette verschwunden.
Er hatte sich kaum gewaschen und alles wieder in Ordnung gebracht, dem Befehl des Juden gemäß das Waschbecken ausgeschüttet und an seinen Ort zurückgestellt, als der »Baldowerer« – Mr. Dawkins – in Begleitung eines sehr lustigen Jungen, eines von denen, die Oliver am vergangenen Abend hatte rauchen sehen, und der ihm jetzt in aller Form als Charley Bates vorgestellt wurde, eintrat. Und alle vier setzten sich hierauf zum Frühstück, das aus Kaffee und ein paar mit Schinken belegten Brötchen bestand, die der Baldowerer in seinem Hut mitgebracht hatte.
»Na«, sagte der Jude zu dem Baldowerer gewendet und warf dabei einen lustigen Blick auf Oliver. »Was is? Ihr seid doch hoffentlich gewesen heinte frih schon bei der Arbeit, Jungens?«
»Es war eine schwere Arbeit«, murrte der Baldowerer.
»Verdammt hart«, setzte Charley Bates hinzu.
»Brave Burschen, brave Burschen«, lobte der Jude. »Was hast de mitgebracht, Baldowerer?«
»Zwei Taschentücher«, erwiderte der wackre junge Mann.
»Gestickte?« fragte der Jude gierig.
»Na, macht sich«, erwiderte der Baldowerer und zog zwei Taschentücher hervor, ein grünes und ein rotes.
»Nicht so wie mer’s hätt wünschen sollen«, sagte der Jude, nachdem er die entfalteten Tücher sorgfältig geprüft hatte. »Aber e feine Arbeit. E geschickte Hand muss das gewesen sein, was meinen Sie, Oliver?«
»Wahrhaftig, ja«, gab Oliver zu, worauf Charley Bates in ein wieherndes Gelächter ausbrach – zu seiner größten Verwunderung, denn er konnte bei all dem nicht den geringsten Grund zum Lachen sehen.
»Und was hast du mitgebracht, Kleiner?« fragte Fagin Charley Bates.
»Auch Riegerlappen«, erwiderte Master Bates und brachte vier Taschentücher zum Vorschein.
»Hem«, murmelte der Jude und besichtigte sie bei Licht. »Güt, sehr güt, – aber du hast se nicht gut gezeichnet, Charley, mir wollen herauszupfen die Monogramme mit der Nadel und wollen zeigen dem kleinen Oliver, wie er es machen soll. Was meinen Sie, Oliver, was?«
»Wenn Sie die Güte haben wollen«, erwiderte Oliver.
»Du möchtest wohl auch gerne machen können Taschentücher so leicht wie Charley Bates, nicht wahr Kleiner?« fragte der Jude.
»O gewiss, von Herzen gern, wenn Sie es mich lehren wollen, Sir«, bat Oliver.
Charley brach in ein schallendes Gelächter aus, dass er darüber beinahe erstickte. »Gott, ist das ein Greenhorn«, rief er endlich, offenbar, um sich der Gesellschaft gegenüber wegen seines unmanierlichen Betragens zu entschuldigen.
Der Baldowerer sagte nichts, sondern strich Oliver das Haar über die Augen und meinte dann grinsend, er würde es mit der Zeit schon lernen. Der Jude unterbrach ihn, da er sah, dass Oliver blutrot wurde, indem er die Frage stellte ob heute Morgen bei der Hinrichtung viele Leute zugegen gewesen wären. Die beiden Jungen erwiderten, sie seien selbst dort gewesen, und Oliver wunderte sich, woher sie dann in aller Frühe so viel Zeit gehabt haben könnten, noch außerdem Taschentücher zu sticken.
Als das Frühstück abgeräumt war, unterhielten sich der lustige alte Herr und die beiden Jungen mit einem höchst seltsamen und ungewöhnlichen Spiel. Der lustige alte Herr schob nämlich eine Schnupftabaksdose in eine Hosentasche, eine zweite nebst einem Notizbuch in die andere, steckte eine Uhr in die Westentasche, befestigte sich die Kette im Knopfloch, schmückte seine Krawatte mit einer falschen Brillantnadel, knöpfte sich den Rock fest zu und spazierte dann mit dem Stock in der Hand, in der Art, wie alte Herren sich zu allen Tagesstunden auf der Straße zu ergehen pflegen, im Zimmer hin und her. Zuweilen blieb er beim Herde stehen und dann wieder an der Türe und tat, als betrachte er ein Schaufenster. Dabei blickte er sich aber beständig um wie aus Angst vor Taschendieben und betastete immerwährend seine Kleider ob man ihn auch nicht bestohlen habe. Er benahm sich dabei so ungeheuer komisch, dass Olivern vor Lachen die Tränen über die Backen liefen. Die ganze Zeit über blieben die beiden Jungen dem Juden dicht auf den Fersen und entschlüpften ihm, wenn er sich umdrehte, so geschickt, dass es ihm geradezu unmöglich war, sie genau ins Auge zu fassen. Schließlich trat ihm der Baldowerer auf die Zehen oder stolperte ihm scheinbar aus Zufall über die Füße, während Charley Bates sich von hinten an ihn herandrängte und ihm mit außerordentlicher Geschwindigkeit Tabaksdose, Brieftasche, Uhr, Kette, Busennadel und Taschentuch, ja sogar das Brillenfutteral stahl. Dann fing das Spiel von Neuem an.
So hatten sie es ein paarmal getrieben, da traten ein paar junge Damen ein, die die beiden jungen Herren zu sprechen wünschten. Die eine hieß Bet, die andere Nancy. Sie hatten beide sehr reiches Haar, das hinten nicht gerade sehr sorgfältig in einen Knoten gewickelt war, und Schuhe und Strümpfe an, die ebenfalls nicht sehr proper aussahen. Immerhin waren sie recht hübsch, lebhaft gefärbt und drall. Da sie in ihrem Benehmen sehr ungezwungen und freundlich waren, hielt sie Oliver für sehr nette liebenswürdige Mädchen. Was sie ohne Zweifel auch waren.
Ihr Besuch dauerte ziemlich lange. Und als eine der jungen Damen über Kälte klagte, wurde sogleich Schnaps geholt, und die Unterhaltung nahm einen recht angeregten Verlauf. Schließlich sagte Charley Bates, es sei höchste Zeit, sich auf die Socken zu machen. Gleich darauf gingen der Baldowerer, er und die beiden jungen Damen weg, nachdem sie vorher von dem liebenswürdigen alten Juden reichlich mit Kleingeld versehen worden waren, das sie offenbar ganz nach Belieben ausgeben durften.
»Da siehste, mei Jung«, sagte Fagin, »lebt sichs nicht fein bei mir? Den ganzen übrigen Tag haben sie jetzt frei.«
»Sind sie denn schon fertig mit der Arbeit, Sir?« fragte Oliver.
»Gewiss«, sagte der Jude, »das heißt: falls sie nicht zufällig etwas erwischen können. Aber dann werdens sie sichs schon nehmen, Kleiner, verlass dich drauf. Nimm se dir zum Vorbild, mei Jung, nimm se dir zum Vorbild«, wiederholte er gütig und klopfte, um seinen Worten den gehörigen Nachdruck zu geben, mit der Kohlenschaufel auf den Herd. »Tu alles, was se dir raten, und folg ihnen in allen Dingen – besonders, wenn der Baldowerer dir en Rat gibt. Ich sag dir, er wird noch eines Tages ä großer Mann sein und wird auch aus dir en großen Mann machen, wenn de dir an ihm e Beispiel nimmst; – sag mal, hängt mir nich mei Taschentuch zur Tasche eraus, mei Jung?« fragte er, plötzlich das Thema wechselnd.
»Ja, Sir«, erwiderte Oliver.
»Versuch mal, ob de es mir kannst erausziehen, ohne das ich was merk. Du weißt: so wie wir vorhin gespielt haben zusammen.«
Oliver hielt, wie er es vorhin vom Baldowerer gesehen, die Tasche mit der einen Hand fest und zog mit der anderen leise das Taschentuch heraus.
»Ist es schon draußen?« fragte der Jude.
»Hier, Sir«, sagte Oliver und hielt ihm das Tuch hin.
»Gott über de Welt! E so e geschickter kleiner Jung!« sagte der spaßhafte alte Herr und tätschelte Oliver beifällig auf den Kopf. »Noch nie hab ich gesehen e so en geschickten kleinen Jungen. Da is e Shillin für dich. Wenn de ä so weiter machst, wirst de noch der größte Mann deiner Zeit werden. Aber jetzt komm emol her. Ich will dir zeigen, wie mer erausmacht die Monogrammerlich aus den Taschentüchern.«
Oliver zerbrach sich nicht wenig den Kopf, wieso er bloß deswegen, weil es ihm gelungen, einem alten Herrn ein Tuch aus der Tasche zu ziehen, Aussichten haben sollte, der größte Mann seiner Zeit zu werden, aber er nahm an, der Jude müsse, wo er ihm so bedeutend an Jahren überlegen sei, derlei wohl am besten wissen. Er folgte ihm daher an den Arbeitstisch und war bald eifrig in seine neue Beschäftigung vertieft.
10 – Oliver gewinnt Einblick in die Charaktereigenschaften seiner neuen Kollegen, bezahlt aber seine Erfahrung sehr teuer.
Für viele Tage lang blieb Oliver bei dem Juden und zupfte die Monogramme aus Taschentüchern, die in großer Zahl einliefen, und nahm auch zuweilen an dem bereits erwähnten sonderbaren Spiel, das die beiden Jungen und der Jude Tag für Tag wiederholten, teil. Endlich aber konnte er es vor Sehnsucht nach frischer Luft nicht mehr aushalten und bat den menschenfreundlichen alten Gentleman, ihn doch einmal mit den beiden Jungen ausgehen zu lassen.
Eines Morgens wurde ihm die Erlaubnis dazu erteilt, vermutlich weil keine Taschentücher mehr da waren, an denen er hätte arbeiten können. Überdies waren der Baldowerer und Charley Bates bereits des öfteren abends mit leeren Händen nach Hause gekommen, und das hatte jedes Mal den alten Herrn veranlasst, ihnen mit großem Nachdruck das Verwerfliche eines müßigen Lebenswandels vor Augen zu halten. Gelegentlich ging der Jude sogar so weit, die beiden so lange durchzuprügeln, bis sie wieder die Treppe hinunterflohen.
Oliver machte sich also mit seinen beiden Gefährten auf den Weg. Der Baldowerer hatte die Rockärmel wieder aufgekrempelt und balanzierte, wie es seine Gewohnheit war, seinen Hut auf dem Kopf, während Charley Bates, die Hände in den Taschen, langsam mitschlenderte, sodass Oliver zu der Ansicht neigte, die beiden müssten den gütigen alten Herrn offenbar hintergehen und sich von der Arbeit drücken. Überdies hatte der Baldowerer die garstige Angewohnheit, kleinen Jungen die Mützen vom Kopf zu reißen oder sie in den Rinnstein zu stoßen, und auch Charley Bates benahm sich sehr sonderbar und schien besonders sehr eigentümliche Begriffe von Mein und Dein zu haben, denn wo er nur konnte, stibitzte er Äpfel und Zwiebeln in den Höchlerbuden und ließ sie in seinen geräumigen Taschen verschwinden. Das alles missfiel Oliver derart, dass er den beiden schon sagen wollte, es wäre wohl das beste, er ginge wieder allein nach Hause, als er in seinem Vorhaben durch eine plötzliche geheimnisvolle Wandlung, die im Benehmen des Baldowerers vor sich ging, abgelenkt wurde.
Sie traten eben aus einem sehr engen Hof in Clerkenwell, der noch heutzutage seltsamerweise die grüne Wiese heißt, als der Baldowerer plötzlich stehen blieb, den Finger auf die Lippen legte und seine beiden Gefährten vorsichtig zurückdrängte.
»Was gibt es denn?« fragte Oliver.
»Still«, flüsterte der Baldowerer. »Siehst du den alten Schöpfen drüben an der Bücherbude, Charley?«
»Den alten Herrn drüben?« fragte Oliver. »Ja, den sehe ich.«
»Das ist was für uns«, sagte der Baldowerer.
»Das ist der Richtige, prima primissima«, rief Master Charley Bates.
Oliver machte ein verwundertes Gesicht, konnte aber nicht weiter fragen, denn die beiden anderen huschten über die Straße und schlichen sich hinter den alten Herrn. Oliver ging unschlüssig ebenfalls hinüber, blieb dann stehen und sah ihnen stumm und verwundert zu.
Der alte Herr sah ungemein ehrwürdig aus, trug eine Perücke, goldene Brille, einen flaschengrünen Rock mit schwarzem Samtkragen, weiße Hosen und ein schickes Bambusstäbchen unter dem Arm. Er hatte gerade ein Buch zur Hand genommen und las eifrig darin. Er schien für nichts anderes einen Blick zu haben und blätterte vertieft in dem Buch. Entsetzt bemerkte Oliver plötzlich, dass der Baldowerer seine Hand in der Tasche des alten Herrn verschwinden ließ und sie gleich darauf mit einem Taschentuch wieder herauszog, das er dann Charley übergab, worauf beide um die Ecke herum Reißaus nahmen. Im Nu war ihm das Geheimnis klar, von wo die Taschentücher, Uhren und Pretiosen des Juden kamen. Eine Sekunde lang stand er wie gelähmt da. Dann lief er erschreckt davon, so schnell ihn seine Füße tragen wollten.

Das alles dauerte kaum eine Minute. Im selben Augenblick, als Oliver zu laufen anfing, griff der alte Herr in seine Tasche und drehte sich, da er sein Schnupftuch vermisste, um. Er sah Oliver davonlaufen, hielt ihn natürlich für den Dieb und schrie: »Haltet den Dieb« und lief ihm mit dem Buch in der Hand nach. Kaum hörten der Baldowerer und Charley Bates seinen Ruf, als auch sie aus ihrer Ecke wieder hervorkamen und, um den Verdacht von sich abzulenken, laut in das bereits allgemein werdende Geschrei der Straße: »Haltet den Dieb« einstimmten. So ein Ruf »Haltet den Dieb, haltet den Dieb« hat eine magische Wirkung. Der Kaufmann springt hinter dem Ladentisch hervor, der Fuhrmann vom Wagen herunter, der Fleischer wirft seine Mulde weg und der Bäcker seinen Brotkorb, der Milchmann lässt seinen Eimer stehen, der Laufbursche verliert sein Paket. Jeder wirft weg, was ihn am Laufen hindert. Der Schuljunge seine Marmeln, der Maurer seine Kelle, das Kind seinen Gummiball, und tobend, kreischend und brüllend geht die wilde Jagd um die Ecke. Die Hunde bellen und jagen einher und verscheuchen die Hühner, und Straßen und Plätze und Höfe widerhallen von dem Ruf: »Haltet den Dieb, haltet den Dieb.« Bei jeder Straßenbiegung wächst die Menge an. Dahin laufen sie und patschen durch Pfützen und Rinnsteine. Fenster fliegen auf, und vorwärts, immer vorwärts stürzt der Knäuel. Alles kreischt vor Freude: »Haltet den Dieb.« Wenn sie den Armen endlich haben, zu Boden geworfen liegt er da, und die Menge umdrängt ihn. Und jeder trachtet, ihm noch einen Hieb zu versetzen. Weg da, Platz da! Wo ist der Herr? Da kommt er jetzt die Straße herunter, Platz für den Herrn. »Ist das der Dieb, Sir?«
»Ja.«
Von Schmutz bedeckt und blutüberströmt lag Oliver da und starrte in den Haufen der ihn umringenden Gesichter. Da drängte man den alten Herrn vor ihn hin.
»Ja«, sagte der Herr, »ich fürchte, es ist der Junge.«
»Warum denn – fürchten«, murmelten einige. »Um den ist nicht schade.«
»Armer Junge«, sagte der Herr, »er hat sich wohl weh getan?«
»Ich hab’ ihm eine versetzt«, meldete sich ein baumlanger Strolch, »i bin ihm mit der Faust übers Maul g’fahren; i war’s, der wo ihn aufg’halten hat, Herr.«
Und grinsend griff der Lümmel an seinen Hut, ein Trinkgeld erwartend. Aber der alte Herr warf ihm nur einen bitterbösen Blick zu und sah sich ängstlich um, als liefe er selbst am liebsten davon, und er würde es wahrscheinlich auch getan und dadurch eine neue Hetzjagd veranlasst haben, wenn sich nicht ein Polizeimann – wie immer in solchen Fällen – als allerletzter eingefunden und Oliver am Kragen gepackt hätte.
»Heda, aufgestanden«, sagte der Polizist grob.
»Ich bin es doch nicht gewesen, Sir; wirklich, ich war es nicht. Es waren zwei andere Jungens«, rief Oliver entsetzt, die Hände faltend und verstört um sich blickend. »Irgendwo hier herum müssen sie sich versteckt haben.«
»Na, hier herum g’wiss nicht«, sagte der Polizeimann, und wenn er seine Worte auch ironisch meinte, so hatte er doch im Allgemeinen recht, denn der Baldowerer sowie Charley Bates hatten sich längst absentiert. »Aufgestanden jetzt!«
»Tun Sie ihm nichts zu leide«, sagte der alte Herr mitleidig.
»Na na, davon kann ka Red sein«, antwortete der Polizeimann und riss Oliver fast die Jacke vom Leib. »Marsch vorwärts, dich kenn’ ich schon. Wirst gleich aufstehen, Diebslümmel.«
Mühsam erhob sich Oliver vom Boden und wurde am Kragen im schnellsten Tempo durch die Straße geschleift. Der alte Herr ging neben dem Polizisten her, und jubelnd begleitete sie die Gassenjugend zum Kommissariat.
11 – Der Polizeikommissär Mr. Fang zeigt sich als außerordentlich tüchtiger Justizbeamter.
Als der Zug auf der Wache anlangte, wurde Oliver vorläufig in eine Art Keller eingesperrt, der nur so starrte vor Schmutz. Ein vierschrötiger Kerl mit einem Backenbart und einem Bündel Schlüssel in der Hand trat vor. »Was gibt’s denn schon wieder?« fragte er mürrisch.
»Ein junger Taschendieb«, antwortete der Polizist, der Oliver am Kragen hielt.
»Sind Sie der Bestohlene, Sir?« fragte der Mann mit den Schlüsseln.
»Ja«, sagte der alte Herr. »Aber ich kann nicht genau angeben, ob es auch wirklich der Junge war, der mir das Taschentuch gestohlen hat. Ich – hm – möchte am liebsten den Fall nicht weiter verfolgen.«
»Dös müssen S’ dem Herrn Kommissär sagen«, brummte der Mann. »Der Herr Kommissär wird gleich frei sein. Na, kumm amal her, kleiner Galgenvogel.«
Damit packte der Mann Oliver am Kragen und sperrte ihn in den erwähnten Keller. Es war dies eine Art Schacht, der nur so strotzte von Unrat und Schmutz.
Der alte Herr sah ebenso bekümmert aus wie Oliver selbst, als der Schlüssel im Schlosse kreischte, und warf mit einem Seufzer einen Blick auf das Buch, das die unschuldige Veranlassung zu dem ganzen Unheil gewesen war.
»Es liegt etwas in dem Gesicht des Jungen«, murmelte der alte Herr und rieb sich nachdenklich mit dem Buchdeckel das Kinn, »etwas, was mich tief ergreift und rührt. Er ist vielleicht ganz unschuldig. Aussehen tut er danach. – Übrigens«, rief der alte Herr plötzlich und sah nachdenklich zum Himmel empor, »an wen erinnern mich doch nur seine Züge?«
Eine Berührung an der Schulter weckte ihn aus seinen Betrachtungen. Gleich darauf ersuchte ihn der Mann mit den Schlüsseln ihm in die Wachtstube zu folgen. Hastig klappte der alte Herr das Buch zu und stand in der nächsten Minute vor dem berühmten Polizeikommissär Mr. Fang. »Hier mein Name und meine Adresse, Sir«, sagte er, verbeugte sich höflich und überreichte dem Gewaltigen seine Karte. Ärgerlich über die Störung blickte Mr. Fang, der soeben eine Zeitung studiert hatte, auf und fragte: »Wer sind Sie?«
Einigermaßen überrascht deutete der alte Herr auf seine Karte.
Verächtlich stieß der Kommissär die Karte zurück. »Gerichtsdiener, lesen Sie, wer dieser Mensch ist.«
»Ich heiße Brownlow«, fiel der alte Herr mit einer Höflichkeit, die stark von der Grobheit des Polizeibeamten abstach, ein, »Sie werden wohl gestatten, dass ich mich nach dem Namen des Gerichtsbeamten erkundige, der einem achtbaren Bürger ohne jede Veranlassung in diesem Lokal Beleidigungen ins Gesicht wirft.«
»Gerichtsdiener«, rief Mr. Fang und legte seine Zeitung weg, »was liegt gegen den Menschen vor?«
»Gegen ihn nichts, Euer Gnaden«, erwiderte der Diener. »Er ist der Ankläger dieses Jungen.«
»So, dieses Jungen, so«, sagte Mr. Fang und musterte Mr. Brownlow von Kopf bis zu Füßen verächtlich. »Beeidigen Sie ihn.«
»Ehe man mich vereidigt, muss ich bitten, die Sache erklären zu dürfen«, protestierte Mr. Brownlow. »Ich würde niemals geglaubt haben, wenn es mir nicht selbst widerfahren wäre, dass -«
»Halten Sie den Mund«, rief Mr. Fang gebieterisch.
»Das werde ich nicht tun, Sir«, opponierte der alte Herr.
»Sie schweigen augenblicklich, oder ich lasse Sie hinauswerfen«, schrie Mr. Fang. »Sie sind ein unverschämter frecher Kerl. Wie können Sie sich erdreisten, in dieser Weise mit mir zu sprechen!«
»Was!« rief der alte Herr, vor Zorn errötend.
»Vereidigen Sie den Kerl!« befahl Mr. Fang. »Ich will weiter nichts hören.«
Mr. Brownlow war aufs äußerste entrüstet, überlegte sich aber, dass er Oliver nur schaden müsse, wenn er weiter so energisch auftrete, unterdrückte daher seinen Ärger und ließ sich ruhig vereidigen.
»Nun«, fragte Mr. Fang, »was liegt gegen den Burschen vor? Was haben Sie vorzubringen, Sir?«
»Ich stand vor einem Bücherladen«, begann Mr. Brownlow.
»Halten Sie den Mund«, rief Mr. Fang. »Wo ist der Wachmann? So. Hier. Beeidigen Sie den Wachmann. Also, Wachmann, was hat’s gegeben?«
Der Polizeimann berichtete mit gebührender Unterwürfigkeit, wie er Oliver verhaftet, durchsucht, aber nichts bei ihm gefunden habe, und wie alles weiter gekommen sei.
»Sind Zeugen da?« fragte Mr. Fang.
»Nein, Euer Gnaden.«
Einige Minuten saß der Kommissär schweigend da, dann wandte er sich zu Mr. Brownlow und sagte mit steigendem Ärger:
»Wollen Sie jetzt hier aussagen, was Sie gegen den Jungen vorzubringen haben, oder wollen Sie es nicht? Man hat Sie vereidigt. Wenn Sie Ihre Aussage verweigern sollten, lasse ich Sie wegen Irreführung der Behörden bestrafen, verlassen Sie sich darauf – ich schwör’s bei -«
Bei was oder bei wem er es beschwören wollte, kam nicht heraus, denn im richtigen Moment husteten der Schreiber und Schließer so laut sie konnten, und außerdem ließ ersterer ein schweres Buch zu Boden fallen und verhinderte, dass man den Fluch verstehen konnte.
Des öfteren unterbrochen und wiederholt beschimpft, konnte Mr. Brownlow endlich die nötigen Angaben machen und schloss mit dem Bemerken, er sei im ersten Augenblick dem Jungen nachgelaufen, nur weil er ihn habe fliehen sehen. Dann gab er der Hoffnung Ausdruck, man möge mit Oliver so gelinde verfahren, wie es das Gesetz nur irgend zuließe, falls es sich herausstellte, dass Oliver nicht selbst der Dieb sei, sondern nur mit Dieben in Verbindung stünde.
»Er hat sich bereits ernstlich beschädigt«, schloss der alte Herr, »und ich fürchte, glauben zu dürfen, dass ihm nicht sehr wohl zumute ist.«
»Das können Sie freilich glauben«, rief Mr. Fang grinsend. »Hallo, lass jetzt den Firlefanz, Bursche, es nützt dir hier nichts. Wie heißt du?«
Oliver wollte antworten, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Er war leichenblass, und alles drehte sich um ihn.
»Wie heißt du, Schuft, erbärmlicher?« fragte Mr. Fang. »Polizeidiener, wie heißt der Bursche?«
Der Angeredete, ein dicker alter Mann mit einer gestreiften Weste, beugte sich über Oliver und wiederholte die Frage. Da er aber merkte, dass der arme Junge vor Entsetzen die Frage kaum verstand, und er fürchtete, der Kommissär würde nur umso wütender werden, wenn er nicht bald eine Antwort bekäme, erging er sich in allerlei Mutmaßungen.
»Er sagt, er heiße Tom White, Euer Gnaden«, sagte er endlich.
»Er kann wohl nicht deutlich genug sprechen, dass man’s hören kann, was?« rief Mr. Fang. »Also gut, wo wohnt er?«
»Wo er gerade kann, Euer Gnaden«, antwortete der Diener, trotzdem Oliver kein Wort gesprochen hatte.
»Hat er Eltern?«
»Er sagt, sie wären gestorben, wie er noch klein war, Euer Gnaden«, antwortete der Mann mit der gestreiften Weste, indem er sich auch diese Worte wieder erfand.
Als das Verhör einen Moment stockte, hob Oliver mit flehendem Blick den Kopf und bat matt um einen Schluck Wasser.
»Unsinn«, rief Mr. Fang. »Dass du dich nicht etwa unterstehst, mir da Lügen vorzureden.«
»Ich glaube wirklich, er ist krank, Euer Gnaden«, wendete der Gerichtsdiener ein.
»Das weiß ich besser, schweigen Sie«, sagte Mr. Fang.
»Geben Sie acht auf ihn, Gerichtsdiener«, warnte der alte Herr, »er wird gleich umfallen.«
»Weg da, Gerichtsdiener«, schrie der Kommissär. »Soll der Bursche nur umfallen, wenn’s ihm Spaß macht.«
Oliver jedoch machte von dieser freundlichen Erlaubnis wirklich Gebrauch und fiel sofort ohnmächtig zu Boden. Die in der Amtsstube befindlichen Unterbeamten sahen einander an, aber keiner wagte die Hand zu rühren.
»Ich habs gleich gesehen, dass er sich verstellt«, triumphierte der Kommissär, als ob er jetzt einen unbestreitbaren Beweis in der Hand hätte. »Lasst ihn nur liegen, er wirds schon satt kriegen.«
»Wie gedenken Sie in diesem Fall zu verfahren?« fragte der Schreiber mit leiser Stimme.
»Summarisch, ganz summarisch«, entgegnete der Kommissär. »Drei Monate Zwangsarbeit. Hinaus mit ihm.«
Die Türe wurde geöffnet, und man schickte sich bereits an, den bewusstlosen Oliver in seine Zelle zu tragen, als ein ältlicher Herr von anständigem, wenn auch ärmlichem Äußern in einem abgenützten schwarzen Anzug hastig in die Polizeistube stürzte und zum Pult des Kommissärs eilte.
»Warten Sie, bitte, warten Sie, führen Sie ihn nicht ab, um Gottes willen, warten Sie einen Augenblick«, rief der neuangekommene Herr vor Eile noch ganz atemlos.
Der Kommissär war nicht wenig empört, schon wieder einen ungebetenen Gast und noch dazu in so unehrerbietiger Weise eintreten zu sehen.
»Was soll das heißen?« rief er. »Werft den Kerl hinaus. Ich will hier meine Ruhe haben.«
»Ich will aber sprechen«, rief der Mann, »und lasse mich nicht abweisen. Ich habe alles mitangesehen. Ich bin der Besitzer des Buchladens. Ich bitte mich zu vereidigen. Ich muss hier sprechen. Mr. Fang, Sie müssen mich anhören. Sie dürfen mir die Aussage nicht verweigern, Mr. Fang.«
Der Buchhändler war vollständig im Recht, und sein Begehren konnte nicht abgeschlagen werden. Die Sache fing an, zu ernsthaft zu scheinen, um einfach übers Knie gebrochen zu werden.
»Also vereidigen Sie den Menschen«, brummte der Kommissär ungnädig. »Nun, was haben Sie vorzubringen?«
»Folgendes«, begann der Buchhändler. »Also ich sah drei Jungen, zwei andere und diesen hier, und sie schlenderten meinem Laden gegenüber auf der anderen Seite der Straße entlang, während dieser Gentleman hier ein Buch durchblätterte. Die beiden anderen Burschen haben den Diebstahl begangen. Ich habe gesehen, wie sie ihn ausführten, und habe auch bemerkt, dass dieser Junge hier darüber ganz entsetzt war.«
»Warum sind Sie nicht früher hergekommen?« fragte der Kommissär nach einer Pause.
»Ich hatte niemand, der inzwischen auf meinen Laden aufgepasst hätte«, entschuldigte sich der Buchhändler. »Alle Leute sind doch wie besessen diesem Jungen hier nachgelaufen, um ihn einzufangen. Erst vor fünf Minuten konnt ich jemand auftreiben, und den ganzen Weg bis hierher bin ich in einemfort gelaufen.«
»Dieser Herr hier las in einem Buch, nicht wahr?« fragte Mr. Fang nach einer zweiten Pause.
»Ja«, erwiderte der Buchhändler, »in demselben, das er jetzt hier in der Hand hat.«
»Was? In dem Buch?« fragte der Kommissär. »Ist das Buch schon bezahlt?«
»Nein, noch nicht«, antwortete der Buchhändler lächelnd.
»O Gott, das hab ich ja ganz und gar vergessen«, rief der alte Herr harmlos.
»Ein netter Mensch, der einen armen Jungen des Diebstahls anklagt«, sagte Mr. Fang und bemühte sich, höhnisch ein menschenfreundliches Gesicht aufzusetzen. »Ich neige der Ansicht zu, Sir, Sie haben unter höchst verdächtigen Umständen sich dieses Buch angeeignet. Seien Sie froh, dass der Eigentümer desselben nicht gegen Sie Anklage erhebt. Schreiben Sie sich das hinter die Ohren, mein Lieber, sonst kanns Ihnen das nächste Mal schlimm gehen. Der Junge ist freigesprochen. Gerichtsdiener, räumen Sie die Kanzlei.«
»Ja zum Teufel noch mal«, rief der alte Herr, dessen lang unterdrückter Zorn jetzt hervorbrach. »Donner und Doria, ich will Ihnen -«
»Räumen Sie die Kanzlei«, rief der Kommissär. »Gerichtsdiener, die Kanzlei geräumt.«
Ehe noch Mr. Brownlow etwas sagen konnte, wurde er, das Buch in der einen, das Bambusstöckchen in der anderen Hand und ganz außer sich vor Empörung, hinausgeschoben. Draußen im Hof jedoch verflog sein Zorn im Nu: der kleine Oliver Twist lag mit dem Rücken auf dem Pflaster, man hatte ihm das Hemd aufgeknöpft und beide Schläfen mit Wasser begossen. Sein Gesicht war totenblass, und ein kalter Schauder schüttelte seinen ganzen Körper.
»Armer Junge, armer Junge«, rief Mr. Brownlow und neigte sich über ihn. »Bitte, holen Sie doch eine Droschke, bitte, bitte gleich.«
Im Augenblick fuhr ein Wagen vor, und nachdem man Oliver sorgsam auf den Rücksitz gelegt, stieg der alte Herr ein und setzte sich ihm gegenüber.
»Darf ich Sie begleiten?« fragte der Buchhändler mit einem Blick in den Wagen.
»Selbstverständlich, lieber Herr«, sagte Mr. Brownlow. »Ich habe ganz auf Sie vergessen. O Gott, o Gott, immer noch habe ich das unglückselige Buch in der Hand. So steigen Sie doch ein! Der arme Junge, der arme Junge, wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Der Buchhändler stieg in den Wagen, und die Droschke fuhr davon.
12 – Oliver findet eine bessere Pflege als je zuvor, und unsere Geschichte kehrt wieder zu dem menschenfreundlichen Mr. Fagin und seinen jungen Schützlingen zurück.
Der Wagen rasselte davon, fast auf demselben Weg, den Oliver durchwandert hatte, als er in der Gesellschaft des Baldowerers zum ersten Mal London betreten, erreichte dann den »Engel« in Islington und hielt schließlich vor einem hübschen saubern Haus in einer stillen schattigen Straße in der Nähe von Pentonville. Hier brachte Mr. Brownlow seinen jungen Schützling sofort zu Bett und ließ ihm eine Pflege und Behandlung angedeihen, – so liebvoll, wie dieser sie noch nie im Leben gehabt hatte.
Eine ganze Woche verging, und immer noch lag Oliver fiebernd und fantasierend auf seinem Lager. Schwach, abgemagert und bleich erwachte er endlich aus einem Schlaf, der ein langer quälender Traum gewesen zu sein schien. Matt erhob er sich in seinem Bett und sah sich ängstlich um.
»Wo bin ich? Wo hat man mich hingebracht?« fragte er. »Das ist doch nicht der Ort, wo ich umgefallen bin.«
Eilig wurde der Vorhang am Kopfende des Bettes zurückgezogen, und eine mütterlich aussehende alte Dame stand auf und beugte sich über ihn.
»Still, still, Kind«, flüsterte sie. »Du musst dich ruhig verhalten, sonst wirst du wieder krank. Du warst schon nahe am Tode, denk bloß. Leg dich nur wieder hin – komm, sei ein liebes Kind.«
Mit diesen Worten legte die alte Dame Olivers Kopf zurück, strich ihm das Haar aus der Stirn und sah ihm so menschenfreundlich ins Gesicht, dass er seine abgezehrte Hand in die ihre legen und ihren Arm um seinen Hals schlingen musste.
»O du lieber Himmel«, rief die alte Dame mit tränenden Augen, »was das für ein dankbares kleines Wesen ist. Was würde wohl seine Mutter fühlen, wenn sie so neben ihm säße, wie ich jetzt, und ihn sehen könnte.«
»Vielleicht sieht sie mich«, hauchte Oliver die Hände faltend. »Vielleicht hat sie bei mir gesessen die ganze Zeit über. Ich glaube wirklich, es war so.«
»Du hast gefiebert, Kind«, sagte die alte Dame milde.
»Ich glaube auch, ich habe gefiebert«, antwortete Oliver. »Der Himmel ist doch so weit weg, und sie sind so glücklich dort, – viel zu glücklich, um an das Bett eines armen Jungen zu kommen. Aber wenn sie gewusst hat, dass ich krank war, so muss es ihr sehr nahe gegangen sein, denn sie war ja auch sehr krank, ehe sie starb. Aber sie kann doch nicht gut etwas von mir wissen«, setzte er nach einer Weile hinzu. »Hätte sie gesehen, was man mir angetan hat, so wäre sie betrübt darüber gewesen. Und sie hat doch so glücklich ausgesehen, so oft ich von ihr träumte.«
Die alte Dame gab keine Antwort, wischte sich nur die Augen und dann die Brille ab, die sie auf die Bettdecke gelegt hatte – ganz so, als ob die Brille und ihre Augen unbedingt zusammengehörten -, dann brachte sie Oliver ein beruhigendes Getränk, tätschelte ihm die Wange und sagte ihm, er müsse sehr ruhig liegen, damit er nicht wieder krank werde.
Oliver gehorchte sofort, teils, weil er um alles in der Welt die gute alte Dame nicht gekränkt hätte, und dann auch, weil ihn die wenigen Worte, die er gesprochen, wirklich vollständig erschöpft hatten. Er verfiel bald in eine Art Halbschlummer, aus dem er erst durch den Schein einer Kerze geweckt wurde, die ihm, in die Nähe des Bettes gebracht, einen Herrn zeigte, der in der einen Hand eine Uhr hielt und mit der anderen seinen Puls befühlte und dann behauptete, dass es ihm schon weit besser ginge.
»Es geht dir doch auch besser, nicht wahr, Kind?« fragte der Herr.
»Ja, ich danke, Sir«, erwiderte Oliver.
»Natürlich, ich weiß doch, dass es dir besser geht«, sagte der Doktor. »Du bist auch selbstverständlich hungrig.«
»Nein, Sir«, antwortete Oliver.
»Hm«, flüsterte der Arzt. »Nein? Natürlich ja; ich weiß doch, dass du gar nicht hungrig bist. Er ist nicht hungrig, Mrs. Bedwin«, sagte er dann und legte seine Stirn in tiefe Weisheitsfalten.
Die alte Dame machte eine achtungsvolle Verbeugung, die besagen sollte, dass sie den Doktor für einen ungemein gescheiten Herrn halte. Der Doktor schien von sich selbstverständlich die gleiche Ansicht zu haben.
»Du bist also schläfrig, nicht wahr, Kind?« fragte er weiter.
»Nein«, antwortete Oliver.
»Nein«, sagte der Doktor mit pfiffiger Miene, »du bist nicht schläfrig. Auch nicht durstig natürlich, wie?«
»Doch, Sir, ziemlich durstig«, antwortete Oliver.
»Ganz wie ich erwartete, Mrs. Bedwin«, sagte der Arzt, »selbstverständlich muss er durstig sein. Sie können ihm ein wenig Tee geben, liebe Mrs. Bedwin, und etwas trocknes Brot, aber ja keine Butter. Halten Sie ihn nicht zu warm, Mrs. Bedwin, geben Sie aber auch acht, dass er nicht friert. Werden Sie sich das alles merken?«
Die Dame knixte. Der Arzt kostete das kühlende Getränk, sprach seine Billigung darüber aus und schritt von dannen. Seine Stiefel knarrten, wie er die Treppe hinunterstieg, sehr laut und verrieten, was für eine hochwichtige Person in ihnen stack.
Oliver schlummerte wieder ein, und als er erwachte, war es beinahe zwölf Uhr. Zärtlich sagte ihm die alte Dame Gute Nacht und übergab ihn der Obhut einer dicken alten Frau, die eben eingetreten war mit einem kleinen Bündel und darin einem dünnen Gebetbuch und einer bauschigen Nachtmütze. Als sie letztere auf den Kopf gesetzt und ersteres neben sich auf den Tisch gelegt, erzählte sie Oliver, sie sei hergekommen, um bei ihm zu wachen. Dann zog sie ihren Stuhl an den Kamin und schlief ein. Wachte auch nicht mehr auf, höchstens für eine Sekunde, wenn sie vor Schnarchen beinahe erstickte. Aber jedes Mal rieb sie sich dann tüchtig die Nase und schien weiter keinen Schaden genommen zu haben.
So verging langsam die Nacht. Eine Zeit lag Oliver wach, dann fing er an, die kleinen Lichtkreise zu zählen die der Lampenschirm auf die Decke warf, oder verfolgte mit müdem Blick das verworrene Tapetenmuster. Bei dem Düster und der feierlichen Stille, die in der Stube herrschten, drängten sich ihm die Gedanken auf, wie viel Tage und Nächte der Tod hier gespuckt haben mochte, und dass er vielleicht jetzt noch das Zimmer mit der ganzen Schwermut seiner furchtbaren Gegenwart erfülle. Und er drückte sein Gesicht in die Kissen und betete inbrünstig zu Gott.
Allmählich verfiel er in einen tiefen ruhigen Schlummer, den nur das Gefühl, schweres Leid hinter sich zu haben, verleiht; – jene friedliche Ruhe, aus der zu erwachen Schmerz bedeutet. Wäre sie der Tod, wer würde gern daraus wiedererwachen zu all den Kämpfen und Mühsalen des Lebens und zu der Bangigkeit vor der Zukunft, zu all den trüben Erinnerungen, die aus der Vergangenheit wieder auferstehen!
Es war schon lange heller Tag, als Oliver die Augen aufschlug, und er fühlte sich froh und zufrieden, war doch die Krisis glücklich überstanden, und er gehörte wieder der Welt an.
Nach drei Tagen war er wieder fähig, in einem Lehnstuhl zu sitzen, den man ihm gut mit Kissen ausgestopft hatte und den Mrs. Bedwin selbst die Treppen hinunterschleppte in das kleine Haushälterinnenstübchen, das sie bewohnte. Dort saß nun Oliver neben dem Ofen, und die gute alte Dame setzte sich zu ihm und fing vor Freude, ihn wieder so wohl zu sehen, laut an zu weinen.

»Achte nicht auf mich, liebes Kind«, sagte sie, »ich weine mich nur gern von Zeit zu Zeit ein bisschen aus; jetzt ist es schon vorüber, und ich bin wieder ganz froh und vergnügt.«
»Sie sind so freundlich gegen mich«, sagte Oliver.
»Denke nicht darüber nach, mein Kind«, wehrte ihm die alte Dame. »Denke lieber an deine Suppe, denn es ist höchste Zeit, dass du wieder einmal etwas isst. Der Herr Doktor hat gesagt, Mr. Brownlow könne heute früh vorsprechen und dich besuchen, und da musst du ihm ein glückliches und zufriedenes Gesicht zeigen, damit er sich darüber freut.« Dann wärmte die alte Dame in einem Kessel ein wenig Fleischbrühe, die nach Olivers Ansichten an Kraft für mindestens dreihundertfünfzig Armenhäusler – gering geschätzt – ausgereicht hätte.
»Siehst du gerne Bilder, mein Kind?« fragte die alte Dame, als sie sah, wie Oliver gespannt auf ein Porträt blickte, das ihm gegenüber an der Wand hing.
»Ich weiß es nicht, Mrs. Bedwin«, sagte Oliver, ohne die Augen von dem Bild wegzuwenden. »Ich habe so wenig gesehen, dass ich es kaum zu sagen weiß. Was für ein schönes freundliches Gesicht die Dame dort hat.«
»Ach«, seufzte die alte Frau, »die Maler machen doch die Damen immer viel hübscher, als sie wirklich sind. Na ja, sonst würde sich auch niemand malen lassen, mein Kind. Der Mann, der den Apparat erfunden hat, mit dem man jede Ähnlichkeit hervorbringt, hätte wissen müssen, dass er damit kein Geschäft machen kann. Es ist ein viel zu ehrliches Handwerk. Viel zu ehrlich«, wiederholte die alte Dame und lachte herzlich über ihren Scharfsinn.
»Ist das – das Bild ähnlich, Mrs. Bedwin?« fragte Oliver.
»Ja«, sagte die alte Dame und blickte einen Augenblick von der Suppe auf. »Es ist doch ein Porträt.«
»Von wem?«
»Das kann ich dir wirklich nicht sagen, Kind«, antwortete die alte Dame gut gelaunt. »Es hat wohl mit niemand Ähnlichkeit, den ich oder du kennen. Es scheint dich zu interessieren, Kleiner?«
»Es ist so wunderschön.«
»Du fürchtest dich doch nicht am Ende davor?« fragte die alte Dame, als sie bemerkte, dass etwas wie Leid oder Schmerz im Blick Olivers lag.
»O, nein, nein«, beteuerte Oliver rasch. »Aber ihre Augen sehen so betrübt drein, und wo immer ich hinschaue, immer scheinen sie auf mich gerichtet zu sein. Das Herz schlägt mir dabei«, setzte er mit leiser Stimme hinzu. »Gerade, als ob die Dame noch am Leben wäre und mit mir sprechen wollte, aber nicht könnte.«
»Gott im Himmel«, rief die alte Dame erstaunt, »was sprichst du denn da, Kind? Du bist noch sehr angegriffen von deiner Krankheit. Ich will dir den Stuhl auf die andere Seite rollen, dann siehst du es nicht immer. – So«, sagte sie und ließ ihren Worten die Tat folgen, »jetzt kannst dus nicht mehr sehen.«
Aber immer noch sah Oliver im Geiste das Bild vor sich, schwieg jedoch darüber, um der alten Dame keinen Kummer zu bereiten, sondern machte ein freundliches glückliches Gesicht. Mrs. Bedwin, die sich darüber sehr freute, schüttete in die Suppe Salz, brockte geröstete Semmelschnitten hinein und reichte sie dann Oliver, der sie heißhungrig verschlang. Er hatte kaum den letzten Löffel geschlürft, als es leise an die Türe klopfte und Mr. Brownlow eintrat.
Wie gewöhnlich hatte der alte Herr die Brille auf die Stirn geschoben und die Hände in den Schößen seines Schlafrockes verborgen. Er warf jetzt einen bedächtigen langen Blick auf Oliver und machte sofort ein höchst bestürztes Gesicht, denn Oliver sah eher aus wie ein Schatten, als wie ein lebender Junge, und bei seinem Versuch, seinen Wohltäter zu begrüßen, sank er vor Schwäche wieder in seinen Stuhl zurück. Mr. Brownlow, dessen Herz so weit war, dass es für mindestens sechs alte philanthropisch gesinnte Herren ausgereicht hätte, traten sofort die Tränen in die Augen.
»Armer Junge, armer Junge«, murmelte er und räusperte sich, um seine Rührung zu verbergen. »Ich bin wieder schrecklich heiser heute Morgen, Mrs. Bedwin. Ich fürchte, ich habe mich erkältet.«
»Ich will doch nicht hoffen, Sir«, sagte Mrs. Bedwin. »Ich habe mich selbst überzeugt, dass Ihre Kleider, bevor Sie sie anzogen, ganz trocken waren.«
»Ich weiß, ich weiß, Mrs. Bedwin«, beschwichtigte Mr. Brownlow. »Aber ich fürchte, die Serviette gestern Mittag muss ein wenig feucht gewesen. Doch lassen wir das. Wie geht es dir, Kleiner?«
»O, ich bin so glücklich, Sir«, antwortete Oliver, »und bin Ihnen so von Herzen dankbar für all das Gute, das Sie mir erwiesen haben, Sir.«
»Braver Junge«, sagte Mr. Brownlow stolz und würdig. »Haben Sie ihm denn auch etwas Gutes zu essen gegeben, Mrs. Bedwin? Doch nicht etwa Wassersuppe?«
»Soeben einen Teller schöne kräftige Fleischbrühe, Sir«, antwortete Mrs. Bedwin ein wenig gekränkt, dass man ihr zumutete, sie werde dem Patienten Wassersuppe reichen.
»Brrrr«, sagte Mr. Brownlow mit einem leichten Schauder, »ein paar Gläser Portwein wären noch viel besser gewesen, was meinst du, Tom White?«
»Ich heiße Oliver, Sir«, antwortete der kleine Patient und sah Mr. Brownlow erstaunt an.
»Oliver?« wiederholte Mr. Brownlow. »Oliver? Oliver White also.«
»Nein, Sir. Twist, Oliver Twist.«
»Kurioser Name«, rief der alte Herr. »Weshalb hast du denn dem Kommissär gesagt, du hießest White?«
»Das habe ich ihm nicht gesagt, Sir«, antwortete Oliver erstaunt.
Das klang so offenkundig wie eine Lüge, dass der alte Herr Oliver erstaunt anblickte, aber das Gesicht des kleinen Patienten trug so offen den Stempel der Wahrheit, dass Mr. Brownlow sofort jeden Zweifel fallen ließ.
»Also ein Irrtum«, brummte er. Dann plötzlich sah er den Kleinen wieder starr an, der Gedanke an eine Ähnlichkeit mit einem Gesicht, das er irgendwo gesehen, drängte sich ihm übermächtig auf.
»Sie sind doch nicht böse auf mich, Sir?« fragte Oliver schüchtern?
»Nein, nein«, rief der alte Herr schnell. »Gott, was sehe ich«, setzte er schnell hinzu. »Bedwin, schauen Sie doch nur!«
Dabei deutete er hastig auf das Porträt, das über Olivers Kopf hing, dann auf dessen Gesicht. Eins war die Kopie des anderen: Augen, Kopf, Mund, kurz jeder Zug: derselbe. Die Ähnlichkeit war so frappant, dass man wirklich verdutzt sein musste.
Oliver konnte sich den Grund der plötzlichen Erregung des alten Herrn nicht erklären, es brauste ihm vor den Ohren, alles drehte sich um ihn, und schwach, wie er von der überstandenen Krankheit war, sank er plötzlich in Ohnmacht.
*
Als der Baldowerer und Master Charley Bates sich unter dem Ruf »Haltet den Dieb« sich der Hetzjagd angeschlossen, bogen sie plötzlich in ein Gewirr von engen Gassen und Höfen ab und blieben schließlich atemlos in einer niedrigen finsteren Torflur stehen. Dann platzte Charley Bates mit einem brüllenden Gelächter heraus, ließ sich auf eine Türstufe fallen und wälzte sich außer sich vor Vergnügen hin und her.
»So hör doch schon auf, dummes Luder«, brummte der Baldowerer und blickte sich scheu um.
»Ich kann mich nicht halten, hohoho«, brüllte Charley. »Wie er so dahingesaust ist und alle Augenblicke angeprallt ist gegen einen Laternenpfahl, grad als ob er auch aus Eisen wär – hohoho – und ich mit dem Riegerlappen im Sack – hohoho -« und wieder wälzte sich Master Bates vor Lachen auf der Türschwelle.
»Was meinst du wohl, was wird Fagin sagen?« fragte der Baldowerer.
»Na, was soll er denn sagen?«
»Ja eben, das ists doch.«
»Meinst du, er wird was sagen?« fragte Master Charley und hielt in seiner Heiterkeit plötzlich inne, denn das Benehmen seines Kollegen wirkte beängstigend auf ihn.
Mr. Dawkins pfiff ein paar Sekunden durch die Zähne, dann nahm er den Hut vom Schädel, kratzte sich und nickte bedenklich.
»Na, so sag, was du meinst«, drängte Master Charley.
»Ach was, kann mir schließlich auch wurst sein«, brummte der Baldowerer, und ein flüchtiges Grinsen überflog sein listiges Gesicht. Dann nahm er die Schöße seines langen Rocks unter dem Arm zusammen, schlug sich ein paarmal bedeutungsvoll auf die Nase, drehte sich auf dem Absatz um und schlich, von Charley Bates gefolgt, stumm durch den Hof davon. Nicht lange darauf schritten beide die knarrenden Stufen zu dem alten Philanthropen empor, der gerade über seinen Herd gebeugt, ein kleines Stück Brot und ein Würstchen in der Linken und ein Taschenmesser in der Rechten, vor sich auf einem Schemel einen zinnernen Krug dasaß, während ein schurkiges Lächeln sein fahles Gesicht überzog. Gespannt horchte er bei dem Geräusch auf und zog seine dichten roten Augenbrauen zusammen.
»Hallo, was ist das«, murmelte er und wurde totenblass. »Nur zwei? Was soll das heißen? Soll da was faul sein?«
Die Fußtritte kamen immer näher, erreichten die Schwelle, die Türe ging leise auf, und der Baldowerer und Charley Bates traten ein.
13 – Einige neue Personen werden vorgestellt.
»Wo ist Oliver?« rief der Jude und stand mit drohender Miene auf. »Wo ist der Lausbub?«
Die beiden jungen Taschendiebe blickten ihren Lehrmeister betreten an, warfen sich dann einen unsichern Blick zu und schwiegen.
»Also, was is geworden aus dem Jüngel?« fragte der Jude und packte den Baldowerer wütend beim Kragen. »Eraus damit oder ich erdrossel euch.«
Es schien ihm mit seiner Drohung fürchterlich ernst zu sein, und Charley Bates reterierte an die Wand, sank dann in die Knie und erhob ein lautes langandauerndes Geheul.
»Also eraus damit«, kreischte der Jude und schüttelte den armen Baldowerer derart, dass er fast aus seinem Rock herausgeschleudert wurde.
»No, zum Teufel, erwischt haben sie ihn halt«, sagte der Baldowerer mürrisch. »Aber jetzt lassen Sie mich endlich los.« Dabei riss er sich mit einem Ruck aus seinem weiten Kittel, den der Jude in den Händen behielt, erfasste die Röstgabel und machte einen heftigen Ausfall auf die Weste des alten Philanthropen, der, wenn er nicht glücklicherweise daneben gegangen wäre, böse Folgen hätte nach sich ziehen können.
Mit einer Behändigkeit, die man ihm nicht zugetraut haben würde, fuhr der alte Jude zurück, packte einen Krug und wollte ihn gerade dem Baldowerer an den Kopf werfen, als eine tiefe Stimme rief:
»Ja, Himmel Herrgott Donnerwetter, was ist denn heut hier los! Wer schmeißt denn da nach mir?« – der Krug hatte nämlich einen vierschrötigen, ungefähr fünfunddreißig Jahre alten Mann in einem Samtrock mit weiten grauen Hosen, halblangen Schnürstiefeln und grauen Baumwollstrümpfen, der eben hereingetreten war, vor die Brust getroffen. Der Mann besaß ein paar wuchtige Beine, die den unbestimmten Eindruck auf den unbefangenen Zuschauer machten, als fehlte irgendein Schmuck daran, vielleicht eine Art Garnitur von Gefängnisketten oder Zuchthausfesseln. Auf dem Kopf trug er einen braunen Hut und um den Hals ein schmutziges buntseidenes Tuch, mit dessen langen ausgefransten Zipfeln er sich während seiner Worte das Bier, das aus dem Krug ihm ins Gesicht gespritzt war, abwischte. Als er damit fertig war, kam ein breites plumpes Gesicht zum Vorschein mit ein paar wilden Augen, von denen das eine wahrscheinlich von einem jüngst erlittenen Schlag gelb und blau war.
»Herein mit dir, verdammte Bestie«, brummte dieser liebenswürdige Gentleman über die Schulter, und gleich darauf schlich sich ein weißer zottiger Köter mit Bissnarben am ganzen Körper in die Stube. »Bischen dalli, ja? verdammtes Vieh; wirst wohl langsam zu stolz, um deinen Herrn zu respektieren? Kusch dir.«
Der Befehl wurde von einem Fußtritt begleitet, der den Hund bis ans andere Stubeneck beförderte, woraus sich dieser aber sich nicht viel zu machen schien, denn er zwickerte nur grimmig mit seinen bös dreinblickenden Augen und fing an, das Zimmer zu beschnuffeln.
»Also, was ist mit dir los? Behandelst wohl deine Jungens schlecht, alter Filz?« brummte der Mann und setzte sich bedachtsam nieder. »Wundert mir bloß, dass sie dir nicht längst totjeschlagen haben. Ick an ihrer Stelle hätt es längst jetan. Allerdings, verkaufen hätte ich deine schäbigen Überbleibsel nich können, höchstens dass se dir uf der Anatomie deiner Schönheit wegen in Spiritus jesetzt hätten.«
»Still, still, Mr. Sikes«, sagte der Jude zitternd, »sprechen Sie nicht so laut.«
»Ach was ›Mr.‹ – hier wird nicht gemistert«, knurrte der Strolch. »Du hast immer ne besondere Jemeinheit vor, wenn du anfängst, den Menschen zu bemistern. Du kennst doch meinen Namen; also keine langen Schmonzes.«
»Na, also gut: Bill Sikes«, sagte der Jude demütig, »Sie scheinen heite nicht gut gelaunt zu sein, Bill.«
»Kommt mir auch so vor«, brummte Sikes. »Sie scheinen übrigens auch nicht bester Laune zu sein; wenigstens wüsste ich nicht, weshalb da sonst hier Bierkrüge rumfliegen. Sie tun ja rein, als ob schon alles ans Licht gekommen wäre.«
»Sind Sie toll!« fuhr der Jude auf, packte Sikes am Ärmel und deutete auf die beiden Jungen.
Der Strolch begnügte sich damit, sich pantomimisch einen Strick um den Hals zu legen – ein Gebärdenspiel, das der Jude genau zu verstehen schien -, und verlangte dann höchst nachdrücklich in unverständlicher Gaunersprache, man solle ihm ein Glas Schnaps kredenzen.
»Aber gefälligst kein Gift einschütten«, setzte er hinzu und legte seinen Hut auf den Tisch.
Er schien im Scherz gesprochen zu haben; hätte er aber den bösen Blick gesehen, den der Jude ihm zuwarf, wie er sich an seinem Schranke umdrehte, würde er seine Warnung gewiss nicht für ganz unnötig gehalten haben. Nachdem er sodann ein paar Gläser Schnaps in der Eile hinter die Binde gegossen, fing er an, von den beiden junge Gentlemen näher Notiz zu nehmen, und ließ sich von ihnen den Verlauf von Olivers Verhaftung umständlich erklären.
»Ich fürchte«, jammerte der Jude, »er wird da Sachen erausplauschen, die uns in das größte Schlammassel bringen können.«
»Sie scheinen ja eine Mordsangst zu haben«, höhnte Sikes mit boshaftem Grinsen. »Sie sind ja schon halb tot vor Angst, Fagin.«
»Sehen Sie, ich wieder nicht«, erwiderte der Jude, »ich fürcht bloß, dass noch ganz andere Leinte als ich in den Saft ereinkommen, lieber Freind.«
Der Strolch stutzte und fuhr auf. Der alte Herr hatte jedoch seine Schultern bis zu den Ohren heraufgeschoben, spielte sich auf den Zerstreuten und blickte nur starr an die Wand.
Es trat eine lange Pause ein. Jeder einzelne saß tief in Betrachtungen versunken – sogar der Hund, der sich boshaft, seine Schnauzhaare leckend, nachzugrübeln schien, wem er wohl zuerst an die Beine fahren dürfte. »Wir müssen erausbaldowern, was bei der Polizei vorgegangen ist«, sagte Mr. Sikes viel leiser, als er bisher gesprochen.
Der Jude nickte beistimmend. »Wenn er nicht geschwätzt hat und eingesperrt ist, ists weiter nicht gefährlich, bis er wieder draußen ist«, sagte Mr. Sikes, »aber dann müssen wir ihn sofort zu packen kriegen. So oder so.«
Der Jude nickte.
Der Rat war offenbar gut, nur die Ausführung schien schwierig, da sie alle vier eine unüberwindliche Abneigung an den Tag legten, sich in die Nähe der Polizeiwachstube zu begeben. Verlegen blickten sie einander an, da traten die beiden jungen Damen ein, deren Bekanntschaft Oliver vor einigen Tagen gemacht hatte. »Nu also da hamersch ja«, sagte der Jude. »Betsey wird hingehn. Was meinen Sie dazu, Betsey?«
»Wo denn hin?« fragte die junge Dame.
»Ihnen gesagt, bloß ä bissel auf der Polizei«, schmeichelte der Jude.
Die junge Dame war zu feinfühlend, um die Bitte direkt abzuschlagen, sondern brummte nur, sie wolle lieber verdammt sein, als so einen Blödsinn zu begehen.
Der Jude ließ den Kopf hängen, dann wendete er sich zu der anderen jungen Dame, die sehr flott, um nicht zu sagen auffällig angezogen war und einen roten Rock und grüne Stiefel, sowie gelbe falsche Locken trug.
»Nancyleben«, sagte er eindringlich, »nu was is, was meinen Sie dazu?«
»Es jeht einfach nich, es ist dummes Zeug; wozu lange rumquatschen, Fagin«, antwortet Nancy.
»Was soll das heißen«, fragte Mr. Sikes und blickte mürrisch auf.
»Genau was ich sage, Bill«, erwiderte die junge Dame gefasst.
»Gerade du könntest so was am besten machen«, hielt ihr Mr. Sikes vor, »gerade hier im Distrikt kennt dich kein Mensch.«
»Gerade deswegen, weil mir niemand kennt, hab ik keene Lust, mir durchsichtig zu machen«, antwortete Nancy charakterstark. »Wenn ik mal sage: ›ne‹, kannst de dir drauf verlassen, dass ik bei dieser Meinung bleibe, Bill.«
»Sie wird gehen, Fagin«, sagte Mr. Sikes kühn.
»Ne – wird se nich, Fagin«, sagte Nancy.
»Jawohl, sie wird gehen, Fagin«, beharrte Sikes auf seiner Ansicht.
Und Mr. Sikes behielt recht. Durch Drohungen, allerlei Versprechungen und Geld wurde schließlich die junge Dame überredet, den Auftrag zu übernehmen; allerdings lief sie weniger Gefahr als ihre liebreizende Kollegin, denn sie war erst vor kurzem nach der ein wenig abgelegnen, aber nichtsdestoweniger vornehmen Vorstadt Ratcliffe in der Nähe von Field Lane übersiedelt und brauchte daher nicht zu befürchten, irgendeinem unliebsamen Bekannten zu begegnen.
Nachdem sie sich eine weiße Schürze über ihr Kleid gebunden und die falschen Locken unter einem Strohhut glücklich verstaut hatte – zwei Garderobestücke, mit denen sie sich aus der unerschöpflichen Schatzkammer des Juden versorgte -, traf sie Anstalten, den übernommenen Auftrag auszuführen.
»Warten Se noch e bissel«, sagte der Jude und brachte einen kleinen Deckelkorb herbeigeschleppt, »tragen se das da in der Hand, es sieht anständiger aus, mein Kind.«
»Einen Hausschlüssel könnten Sie ihr auch noch geben, – den kann sie in der anderen Hand halten«, riet Sikes, »so was macht sich ungemein solid.«
»Ich soll so leben«, rief der Jude entzückt und hing der jungen Dame rasch einen Hausschlüssel an den Zeigefinger. »Gott, wie Ihnen das fein steht, mein Kind«, jubelte er und rieb sich begeistert die Hände.
»O Gott, o Gott, mein armer süßer kleiner Bruder«, rief Nancy, brach sofort in Tränen aus und umkrampfte den kleinen Deckelkorb und den Hausschlüssel mit den Händen. »Wo ist er nur hingekommen, wo haben Sie ihn hingebracht, ach, haben Sie doch Mitleid und sagen Sie mir, Euer Gnaden, was Sie mit dem armen Jungen gemacht haben, bitte, bitte.«
Nachdem Nancy zum größten Entzücken den Anwesenden diese Rolle tiefsten inneren Wehs vorgemimt, nickte sie den Herren lächelnd zu und lief hinaus.
»Hihihi«, lachte der Jude, »is das e gescheite Schickse.« Dann wendete er sich seinen jungen Freunden zu, schüttelte gewichtig das Haupt und ermahnte sie stumm, dieses leuchtenden Beispiels eingedenk zu sein.
»Sie ist eine Ehre ihres Geschlechtes«, sagte Mr. Sikes, füllte sein Glas und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Auf ihr Wohl. Ich wollte, sie wären alle so wie die.«
Inzwischen hatte die junge Dame bereits ein hübsches Stück Wegs zum Polizeiamt zurückgelegt und langte bald darauf, allerdings mit einer gewissen natürlichen Befangenheit, die sich aus dem Umstande erklärte, dass sie allein und schutzlos durch die Straßen gegangen, an ihrem Ziele an. Durch das Hintertor eintretend, klopfte sie leise mit ihrem Hausschlüssel an eine Zellentür und horchte. Als sich nichts hören ließ, hüstelte sie und lauschte dann wieder. Da immer noch keine Antwort erfolgte, rief sie endlich:
»Nolly, lieber Klener, Nolly, hörst de nich?«
Es war aber niemand drin als ein armer Strolch ohne Schuhe, den man verhaftet hatte, weil er öffentlich die Flöte geblasen und jetzt von Mr. Fang wegen dieses Verstoßes gegen die öffentliche Ordnung zu einem vierwöchentlichen Aufenthalt in der Besserungsanstalt gewonnen worden war. Der Treffliche hatte bei Fällung des Urteilsspruches den belehrenden Ausspruch getan, der Kerl könne, wenn er so viel Atem habe, seine Kräfte am besten in der Tretmühle verwenden. Der Strolch war jetzt innerlich damit beschäftigt, den Verlust seiner Flöte zu beklagen, die man zugunsten des Kriminalmuseums mit Beschlag belegt hatte. Nancy ging zur nächsten Zelle und klopfte dort.
»Ja? Was ist?« rief eine schwache Stimme.
»Is ’n klener Junge drin?« fragte Nancy mit einem einleitenden Seufzer.
»I wo«, antwortete die Stimme, »Jott bewahre.«
Sie gehörte einem Landstreicher von ungefähr fünfundvierzig Jahren an, den man ins Gefängnis gesteckt hatte, wahrscheinlich, weil er nicht die Flöte geblasen und überhaupt alles versäumt hatte, was zur Erwerbung seines Lebensunterhalts von Vorteil gewesen wäre. In der Zelle nebenan saß wieder ein Mensch, der ebenfalls eingesperrt werden sollte, weil er ohne Hausierschein mit Blechpfannen hausiert hatte, also doch etwas zur Erwerbung seines Lebensunterhaltes getan hatte, allerdings ohne die Steuerbehörde dabei genügend zu berücksichtigen.
Бесплатный фрагмент закончился.
