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Charles Dickens

Oliver Twist

Oder Der Weg eines Fürsorgezöglings

Charles Dickens

Oliver Twist

Oder Der Weg eines Fürsorgezöglings

(Oliver Twist; or, The Parish Boy’s Progress)

Veröffentlicht im Null Papier Verlag, 2020

Übersetzung: Gustav Meyrink

Illustrationen: George Cruikshank

EV: Langen, München, 1914

3. Auflage, ISBN 978-3-943466-70-6

www.null-papier.de/dickens


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Inhaltsverzeichnis

Au­tor und Werk

1 – Schil­dert den Ort, wo Oli­ver auf die Welt kam, so­wie die sei­ne Ge­burt be­glei­ten­den Um­stän­de.

2 – Wie Oli­ver Twist auf­wuchs, er­zo­gen und ver­pflegt wur­de.

3 – Be­rich­tet, wie Oli­ver Twist bei­na­he eine An­stel­lung be­kom­men hät­te, die nichts we­ni­ger als eine Si­ne­ku­re ge­we­sen wäre.

4 – Oli­ver er­hält eine Stel­le und tritt ins öf­fent­li­che Le­ben ein.

5 – Oli­ver be­kommt einen neu­en Ho­ri­zont und wohnt zum ers­ten Mal ei­nem Lei­chen­be­gäng­nis bei.

6 – Oli­ver rafft sich, durch Noah ge­reizt, zu tat­kräf­ti­gem Han­deln auf.

7 – Oli­ver bleibt ver­stockt.

8 – Oli­ver wan­dert nach Lon­don und trifft mit ei­nem sehr selt­sa­men jun­gen Gent­le­man zu­sam­men.

9 – Ent­hält wei­te­re Ein­zel­hei­ten über den lie­bens­wür­di­gen al­ten Herrn und sei­ne hoff­nungs­vol­len Zög­lin­ge.

10 – Oli­ver ge­winnt Ein­blick in die Cha­rak­terei­gen­schaf­ten sei­ner neu­en Kol­le­gen, be­zahlt aber sei­ne Er­fah­rung sehr teu­er.

11 – Der Po­li­zei­kom­mis­sär Mr. Fang zeigt sich als au­ßer­or­dent­lich tüch­ti­ger Jus­tiz­be­am­ter.

12 – Oli­ver fin­det eine bes­se­re Pfle­ge als je zu­vor, und un­se­re Ge­schich­te kehrt wie­der zu dem men­schen­freund­li­chen Mr. Fa­gin und sei­nen jun­gen Schütz­lin­gen zu­rück.

13 – Ei­ni­ge neue Per­so­nen wer­den vor­ge­stellt.

14 – Eine be­mer­kens­wer­te Pro­phe­zei­ung ei­nes ge­wis­sen Mr. Grim­wick über Oli­ver Twist.

15 – Zeigt, wie über­aus lieb der alte Jude und Miss Nan­cy Oli­ver Twist hat­ten.

16 – Was aus Oli­ver wur­de, nach­dem ihn Nan­cy mit Be­schlag be­legt hat­te.

17 – Zu Oli­vers Un­glück kommt ein großer Mann nach Lon­don.

18 – Wie Oli­ver sei­ne Zeit in Ge­sell­schaft sei­ner hoch­acht­ba­ren Freun­de ver­brach­te.

19 – Es wird ein höchst be­mer­kens­wer­ter Plan ge­fasst.

20 – Oli­ver wird Mr. Wil­liam Sikes über­ge­ben.

21 – Un­ter­wegs.

22 – Der Ein­bruch.

23 – Ent­hält den we­sent­lichs­ten Teil ei­ner an­mu­ti­gen Un­ter­re­dung zwi­schen Mr. Bum­ble und ei­ner Dame und er­bringt gleich­zei­tig den Be­weis da­für, dass auch ein Kirch­spiel­die­ner in man­chen Punk­ten äu­ßerst emp­find­lich sein kann.

24 – Han­delt von ei­ner sehr ar­men Per­son.

25 – Han­delt aber­mals von Mr. Fa­gin und Kon­sor­ten.

26 – Eine höchst ge­heim­nis­vol­le Per­son er­scheint.

27 – Eine frü­he­re Un­höf­lich­keit, mit der wir eine Dame im Sti­che ge­las­sen, wird wie­der gut ge­macht.

28 – Oli­vers wei­te­re Aben­teu­er.

29 – Han­delt von den Be­woh­nern des Hau­ses.

30 – Was die Da­men und Dok­tor Los­ber­ne von Oli­ver hiel­ten.

31 – Eine kri­ti­sche Si­tua­ti­on.

32 – Han­delt von dem glück­li­chen Le­ben, das Oli­ver bei sei­nen gü­ti­gen Freun­den zu füh­ren be­gann.

33 – Das Glück Oli­vers und das sei­ner Freun­de er­lei­det einen plötz­li­chen Stoß.

34 – Ein jun­ger Herr be­tritt den Schau­platz, und Oli­ver er­lebt ein neu­es Aben­teu­er.

35 – Das Re­sul­tat von Oli­vers Aben­teu­er und eine Un­ter­re­dung von ziem­li­cher Wich­tig­keit zwi­schen Har­ry und Rose.

36 – Ein kur­z­es Ka­pi­tel, aber im­mer­hin nicht un­wich­tig, da es das Vor­her­ge­hen­de er­ör­tert und zum Nach­fol­gen­den einen Schlüs­sel bie­tet.

37 – Ein Kon­trast, der im Ehe­stan­de nicht un­ge­wöhn­lich ist.

38 – Was sich zwi­schen Mr. und Mrs. Bum­ble und Mr. Monks bei ih­rer nächt­li­chen Zu­sam­men­kunft be­gab.

39 – Ei­ni­ge alte Be­kann­te tre­ten auf, und Fa­gin und Monks ste­cken die Köp­fe zu­sam­men.

40 – Eine selt­sa­me Un­ter­re­dung.

41 – Neu­er­li­che Ent­hül­lun­gen, die den Be­weis er­brin­gen, dass Über­ra­schun­gen wie Un­glücks­fäl­le sel­ten al­lein kom­men.

42 – Ein al­ter Be­kann­ter Oli­vers reift zu ei­nem öf­fent­li­chen Cha­rak­ter her­an.

43 – Der Bal­do­we­rer in der Pat­sche.

44 – Nan­cy wird ver­hin­dert, ihr Ver­spre­chen ein­zu­lö­sen.

45 – Noah Clay­po­le wird von Fa­gin als Spi­on ver­wen­det.

46 – Nan­cy er­füllt ihr Ver­spre­chen.

47 – Ver­häng­nis­vol­le Fol­gen.

48 – Sikes’ Flucht.

49 – Monks und Mr. Brow­n­low tref­fen zu­sam­men.

50 – Ver­geb­li­che Ver­fol­gung.

51 – Mehr als ein Ge­heim­nis wird auf­ge­deckt und ein Hei­rats­an­trag wird ge­macht, bei dem von Mit­gift nicht die Rede ist.

52 – Fag­ins letz­te Nacht.

53 – Was wei­ter noch zu be­rich­ten ist.

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Autor und Werk

Charles John Huf­fam Di­ckens (als Pseud­onym auch Boz; ✳ 7. Fe­bru­ar 1812 in Land­port bei Ports­mouth, Eng­land; † 9. Juni 1870 auf Ga­d’s Hill Place bei Ro­che­s­ter, Eng­land) war ein eng­li­scher Schrift­stel­ler und Jour­na­list. Er gilt als ei­ner der her­aus­ra­gends­ten Au­to­ren sei­ner Zeit und als ei­ner der ers­ten, die in rea­lis­ti­schen Schil­de­run­gen das Leid ei­ner un­ter­pri­vi­le­gier­ten Be­völ­ke­rung auf­zeich­ne­ten.

»Oli­ver Twist oder der Weg des Für­sor­ge­zög­lings« ist Di­ckens’ zwei­ter Ro­man und wahr­schein­lich sein heu­te be­kann­tes­tes Werk. Der Ro­man wur­de zu­nächst, wie die meis­ten von Di­ckens’ Wer­ken, als mo­nat­li­che Fort­set­zungs­ge­schich­te für einen Schil­ling kon­zi­piert und spä­ter über­ar­bei­tet.

Der Ro­man er­zählt die Ge­schich­te des Fin­del­kin­des und Wai­sen­jun­gen Oli­ver Twist, der im Ar­men­haus auf­wächst, ohne et­was über sei­ne Her­kunft zu wis­sen.

Er ge­rät in die Fän­ge des jü­di­schen Heh­lers Fa­gin, der ihn vor dem si­che­ren Tod auf der Stra­ße be­wahrt, aber für einen ho­hen Preis. Fag­ins Schütz­lin­ge bil­den eine Die­bes­ban­de. Der bru­ta­le Sikes und die ihm na­he­ste­hen­de Die­bin Nan­cy tre­ten eben­falls in Oli­vers Le­ben. In sol­cher Ge­sell­schaft le­bend und ler­nend wird Oli­ver ei­nes Ta­ges auf eine Die­bes­tour mit­ge­nom­men, die fa­ta­le Fol­gen für ihn hat. Nach­dem ein Op­fer be­merkt, dass es be­stoh­len wur­de, wird Oli­ver fälsch­li­cher­wei­se für den Dieb ge­hal­ten.

Oli­vers Schick­sal ist ein stän­di­ges Pen­deln zwi­schen Mo­men­ten des Glücks un­ter gu­ten Men­schen und den schlim­men Ge­scheh­nis­sen rund um Fag­ins Ver­bre­chen.

Der Ro­man war ein großer Er­folg. Vor al­lem durch sei­ne zum Teil dras­ti­sche Schil­de­rung von Kin­der­ar­beit, Ver­bre­chen und Mas­sen­ar­mut zur­zeit der eng­li­schen Früh­in­dus­tria­li­sie­rung. Er wur­de mehr­fach für Thea­ter, Kino, Fern­se­hen und Co­mic ad­ap­tiert.

Die­se nur leicht über­ar­bei­te­te Fas­sung ent­hält meh­re sehr schö­ne Ori­gi­nal­zeich­nun­gen von Ge­or­ge Cruiks­hank.


1 – Schildert den Ort, wo Oliver auf die Welt kam, sowie die seine Geburt begleitenden Umstände.

Un­ter an­de­ren öf­fent­li­chen Ge­bäu­den in ei­ner ge­wis­sen Stadt, die ich nicht nen­nen, der ich aber auch and­rer­seits kei­nen er­dich­te­ten Na­men bei­le­gen möch­te, be­fand sich ei­nes, wie es wohl die meis­ten Städ­te, ob groß oder klein, be­sit­zen, näm­lich ein Ar­beits­haus; und in die­sem wur­de ei­nes Ta­ges der klei­ne Welt­bür­ger ge­bo­ren, des­sen Name die­ses Buch trägt.

Lan­ge Zeit, nach­dem der Arzt des Kirch­spiels ihm zum Ein­tritt in die­se Welt der Mü­hen und Sor­gen ge­hol­fen, schi­en es recht zwei­fel­haft, ob er lan­ge ge­nug wür­de am Le­ben blei­ben, um über­haupt einen Na­men nö­tig zu ha­ben.

Ob­wohl ich nicht be­haup­ten möch­te, dass es viel­leicht ein glück­li­cher oder be­nei­dens­wer­ter Um­stand wäre, der ei­nem mensch­li­chen We­sen zu­sto­ßen könn­te, in ei­nem Ar­beits­haus ge­bo­ren zu wer­den, so schi­en es doch in die­sem be­son­dern Fall für Oli­ver Twist das Bes­te, was sich au­gen­blick­lich für ihn er­eig­nen konn­te. Im­mer­hin war es mit er­heb­li­chen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den, ihn so weit zu brin­gen, dass er sich der Auf­ga­be des At­mens selbst un­ter­zog, und eine Wei­le lang lag er als klei­ner Welt­bür­ger nach Luft schnap­pend auf ei­ner Woll­ma­trat­ze, be­denk­lich hin und her schwan­kend, ob er sich für die­se oder jene Welt ent­schei­den soll­te, wo­bei sich die Wage be­trächt­lich mehr für das Jen­seits als für das Dies­seits neig­te. Wäre Oli­ver in die­sem kri­ti­schen Zeit­ab­schnitt von be­sorg­ten Groß­müt­tern, ängst­li­chen Tan­ten, er­fah­re­nen Am­men und Ärz­ten voll tiefer Weis­heit um­ge­ben ge­we­sen, er hät­te selbst­ver­ständ­lich die Stun­de nicht über­lebt. Da je­doch nie­mand zu­ge­gen war als ein ar­mes al­tes Weib, das über­dies in­fol­ge des un­ge­wohn­ten Ge­nus­ses von Bier sich in ziem­lich an­ge­hei­ter­ter Stim­mung be­fand, und da auch der Kirch­spie­l­arzt die Sa­che ganz ge­wohn­heits­mä­ßig be­han­del­te, so focht Oli­ver sei­nen Kampf mit der Na­tur auf ei­ge­ne Faust aus. Und die Fol­ge da­von war, dass er nach kur­z­em Kamp­fe at­me­te, nies­te und end­lich den Be­woh­nern des Ar­beits­hau­ses die Tat­sa­che kund und zu wis­sen gab, dass er der Ge­mein­de eine neue Last auf­ge­bür­det habe – das heißt, ent­schlos­sen sei am Le­ben zu blei­ben. Er er­hob zu die­sem Zweck ein so lau­tes Ge­schrei, wie man es von ei­nem Kind männ­li­chen Ge­schlech­tes füg­lich nur er­war­ten durf­te.

Als Oli­ver die­sen ers­ten Be­weis selbst­stän­di­ger Tä­tig­keit gab, be­weg­te sich eine Fli­cken­de­cke, die nach­läs­sig über eine ei­ser­ne Bett­stel­le ge­wor­fen war, und das blei­che Ge­sicht ei­ner jun­gen Frau er­hob sich matt von dem har­ten Kis­sen, und eine schwa­che Stim­me hauch­te müh­sam die Wor­te: »Las­sen Sie mich das Kind se­hen; dann will ich gern ster­ben.«

Der Arzt, der, das Ge­sicht dem Feu­er zu­ge­wandt, am Ka­min saß und sich die Hän­de wärm­te, trat bei die­sen Wor­ten der jun­gen Frau an das Kop­fen­de des Bet­tes und sag­te mit mehr Freund­lich­keit im Ton, als man von ihm wohl er­war­tet hät­te: »Sie ha­ben durch­aus kei­nen Grund, ans Ster­ben zu den­ken.«

»I Gott be­wah­re«, misch­te sich die Wär­te­rin ein und ver­senk­te in ih­rer Ta­sche eine grü­ne Fla­sche, von de­ren In­halt sie sich bis­her in ei­ner ver­schwie­ge­nen Ecke mit sicht­li­chem Be­ha­gen ge­stärkt hat­te. »I Gott be­wahr, wenn sie erst amal so alt g’wor­den is wie ich, Herr Dok­tor, und drei­zehn Kin­der g’habt hat und ihr erst alle ge­stor­ben sein wer­den wie mir bis auf zwei, die jetzt mit mir zu­samm im Ar­beits­haus sin, dann wird sie schon auf ver­nünf­ti­ge­re Ge­dan­ken kom­men. Gott o Gott, den­ken Sie sich doch nur was es heißt, Mut­ter sein von so an hüb­schen klei­nen Bu­berl; ver­ges­sens dös net.«

Ihre tröst­li­chen Wor­te schie­nen in­des ihre Wir­kung zu ver­feh­len, denn die Wöch­ne­rin schüt­tel­te den Kopf und streck­te nur stumm ihre Arme nach dem Kin­de aus. Der Arzt reich­te es ihr, sie press­te ihre kal­ten blut­lee­ren Lip­pen hef­tig auf die Stirn des Kin­des, fuhr sich mit der Hand über das Ge­sicht, blick­te wild um­her, schau­der­te zu­sam­men, sank zu­rück – und starb. Sie rie­ben ihr Brust, Hän­de und Schlä­fen, aber das Herz hat­te für im­mer zu schla­gen auf­ge­hört. Sie spra­chen auf sie ein von Hoff­nung und Zu­kunft, aber Hoff­nung und Zu­ver­sicht wa­ren der Ar­men seit lan­gem fremd ge­wor­den.

»Es ist vor­bei mit ihr, Mrs. Thing­um­my«, sag­te der Arzt schließ­lich.

»Ja, ja die Arme«, sag­te die Wär­te­rin und bück­te sich nach dem Pfrop­fen der grü­nen Fla­sche, der auf das Kis­sen ge­fal­len war, als sie sich nie­der­ge­beugt, um das Kind auf­zu­neh­men. »Das arme Klei­ne.«

»Sie brau­chen nicht nach mir zu schi­cken, wenn das Kind schrei­en soll­te«, sag­te der Arzt und zog sich mit großer Sorg­falt sei­ne Hand­schu­he an. »Es wird wahr­schein­lich un­ru­hig wer­den, dann ge­ben Sie ihm et­was Ha­fer­schleim.« Da­mit setz­te er sei­nen Hut auf und frag­te, als er auf sei­nem Weg zur Tür an dem Bett vor­über­kam. »Es war eine recht hüb­sche Per­son, wo ist sie denn her­ge­kom­men?«

»Man hat sie ges­tern Nacht her­ge­schafft«, er­wi­der­te die alte Frau, »auf Be­fehl des Herrn Vor­stands. Man hat sie auf der Gas­se lie­gend ge­fun­den. Sie muss hübsch weit her­ge­kom­men sein, denn ihre Schu­he wa­ren zer­ris­sen; aber wo sie her­kom­men ist oder wo­hin sie hat ge­hen wol­len, weiß nie­mand.«

Der Arzt beug­te sich über die Tote und er­griff ihre lin­ke Hand. »Die alte Ge­schich­te«, mur­mel­te er kopf­schüt­telnd, »kein Ehe­ring, wie ich sehe. Also gute Nacht.«

Da­mit ging er zu sei­nem Abendes­sen, und die Wär­te­rin setz­te sich, nach­dem sie noch ein­mal der grü­nen Fla­sche zu­ge­spro­chen, auf einen Stuhl in der Nähe des Ka­mins und be­gann das Kind in Win­deln zu wi­ckeln.

Da sah man wie­der, wie wahr das Wort ist, dass Klei­der Leu­te ma­chen: bis­her in ein Tuch gehüllt und in sonst nichts, hät­te Oli­ver eben­so gut das Kind ei­nes Ade­li­gen wie das ei­nes Bett­lers sein kön­nen, aber jetzt, wo er in dem al­ten Kat­tun­steck­kis­sen un­ter­ge­bracht war, des­sen Far­be in lang­jäh­ri­gem Dienst zu ei­nem häss­li­chen Gelb ver­schos­sen war, sah man ihm so­fort das Wai­sen­kind des Ar­beits­hau­ses an, das nur dazu da war, durch die Welt ge­k­nufft zu wer­den, ver­spot­tet und ver­ach­tet von je­der­mann und von nie­mand be­mit­lei­det. Oli­ver schrie aus vol­lem Hal­se. Hät­te er ge­wusst, dass er eine Wai­se war und nur der Barm­her­zig­keit von Kir­chen­vor­ste­hern aus­ge­lie­fert, hät­te er wahr­schein­lich noch viel lau­ter ge­schri­en.

2 – Wie Oliver Twist aufwuchs, erzogen und verpflegt wurde.

Die nächs­ten acht bis zehn Mo­na­te war Oli­ver das Op­fer sys­te­ma­ti­scher Säug­lings­für­sor­ge. Er wur­de mit der Fla­sche auf­ge­zo­gen. Von der elen­den Lage des klei­nen Wai­sen­jun­gen mach­te man sei­tens der Vor­stän­de des Ar­beits­hau­ses pflicht­ge­mäß de­nen des Kirch­spiels Mel­dung, wor­auf von letz­te­ren in al­ler Form die An­fra­ge ein­lief, ob sich denn nicht im »Hau­se« eine Frau­ens­per­son be­fän­de, die in der Lage sei, Oli­ver sei­ne na­tür­li­che Nah­rung rei­chen zu kön­nen. Der Vor­stand des Ar­men­ar­beits­hau­ses er­wi­der­te dar­auf un­ter­tä­nigst, dass dies lei­der nicht der Fall sei, wor­auf die Kirch­spiel­be­hör­de den hoch­her­zi­gen Ent­schluss fass­te, Oli­ver in ein etwa drei Mei­len ent­fern­tes Zweig­ar­men­haus brin­gen zu las­sen, wo etwa zwan­zig an­de­re klei­ne Über­tre­ter des Zu­stän­dig­keits­ge­set­zes un­ter der müt­ter­li­chen Auf­sicht und ohne all­zu sehr mit Nah­rung oder Klei­dung be­hel­ligt zu wer­den auf dem Stu­ben­fuß­bo­den um­her­kol­ler­ten, was mit acht­ein­halb Pence pro Kopf und Wo­che in Rech­nung ge­stellt wur­de. Mit acht­ein­halb Pence lässt sich nicht viel be­strei­ten, aber die wür­di­ge Haus­da­me war eine klu­ge und er­fah­re­ne Frau und wuss­te, wie leicht sich Kin­der über­fres­sen kön­nen und was ih­nen zu­träg­lich ist; and­rer­seits aber auch, was ihr selbst zu­träg­lich war. Sie ver­wen­de­te da­her den grö­ße­ren Teil des Kost­gel­des zu ih­rem ei­ge­nen Wohl und ver­stand es auf die­se Wei­se, die ge­setz­li­che Grau­sam­keit noch um ein Be­trächt­li­ches zu ver­tie­fen; sie be­wies da­mit, wie weit sie es in der Ex­pe­ri­men­tal­phi­lo­so­phie auf ei­ge­ne Faust ge­bracht hat­te.

Wohl je­der kennt die Ge­schich­te des be­kann­ten Ex­pe­ri­men­tal­phi­lo­so­phen, der sich vor­ge­nom­men hat­te, ei­nem Pfer­de das Fres­sen ab­zu­ge­wöh­nen, und die­se Theo­rie so vor­züg­lich in die Pra­xis um­setz­te, dass er sein Pferd bis auf einen Stroh­halm pro Tag her­un­ter­trä­nier­te und zwei­felsoh­ne ein au­ßer­or­dent­li­ches, kräf­ti­ges, je­dem Fut­ter ab­hol­des Tier aus ihm ge­macht ha­ben wür­de, wäre es nicht lei­der vier­und­zwan­zig Stun­den vor dem ers­ten kom­plet­ten Fast­tag ge­stor­ben. Lei­der wa­ren die Er­fol­ge der er­wähn­ten treff­li­chen Kost­frau nicht sel­ten, was die Kirch­spiel­kin­der an­be­lang­te, von glei­chem Mis­ser­folg ge­krönt, in­dem die Klei­nen ent­we­der vor Käl­te oder Hun­ger, oder weil sie sich töd­lich ver­letz­ten oder ver­brann­ten, früh­zei­tig star­ben und zu ih­ren Vä­tern, die sie nie ge­kannt, ver­sam­melt wur­den.

Stell­ten wirk­lich ein­mal die Vor­stän­de schär­fe­re Nach­for­schun­gen als sonst nach dem Ver­bleib ir­gend ei­nes Wai­sen­kin­des an, oder misch­te sich das Ge­richt hin­ein und be­schwer­te sich den Kopf mit über­flüs­si­gen Fra­gen, so schütz­te das Zeug­nis und die Aus­sa­ge des Arz­tes und des Kirch­spiel­die­ners die Treff­li­che je­des Mal ge­gen Un­ge­mach. Je­des Mal hat­te der ers­te­re dann die Lei­chen ge­öff­net und be­greif­li­cher­wei­se nichts dar­in ge­fun­den, oder letz­te­rer be­schwor rast­los, was dem Kirch­spiel pass­te, und lie­fer­te da­mit einen Be­weis sei­ner Hin­ge­bung und Selb­st­auf­op­fe­rung. Be­such­te das Vor­stands­kol­le­gi­um von Zeit zu Zeit ein­mal die Zwei­g­an­stalt des Ar­beits­hau­ses, so ver­säum­te es nie, je­des Mal tags zu­vor den Kirch­spiel­die­ner vor­aus­zu­sen­den, da­mit auch al­les in Ord­nung sei. Und je­des Mal sa­hen dann die Klei­nen rein­lich und gut ge­nährt aus -! Was konn­te man mehr ver­lan­gen.

Dass die­ses Pfle­ge- und Er­näh­rungs­sys­tem ein all­zu kräf­ti­ges Ge­dei­hen der Kin­der zur Fol­ge ge­habt hät­te, ließ sich nicht er­war­ten, und so zeig­te sich denn auch Oli­ver Twist von sei­nem neun­ten Ge­burts­ta­ge an als ein schwa­ches, bläss­li­ches, im Wachs­tum zu­rück­ge­blie­be­nes Kind. Den­noch leb­te, ob von Na­tur oder als Erb­schaft sei­ner Vor­fah­ren, in Oli­vers Brust ein kräf­ti­ger ener­gi­scher Geist, der dank der stren­gen Diät des Hau­ses Raum ge­nug hat­te, sich noch wei­ter zu ent­fal­ten.

Es war an Oli­vers neun­tem Ge­burts­ta­ge. Wäh­rend er die­se Fei­er im Koh­len­kel­ler zu­sam­men mit zwei an­de­ren jun­gen Herrn be­ging, die sich gleich ihm von ei­ner or­dent­li­chen Tracht Prü­gel er­hol­ten, die ih­nen zu­teil ge­wor­den, weil sie sich er­frecht hat­ten hung­rig ge­we­sen zu sein, wur­de Mrs. Mann, die treff­li­che Pfle­ge­frau, durch das plötz­li­che Er­schei­nen Mr. Bum­bles, des Kirch­spiel­die­ners, der sei­ne Schrit­te dem Gar­ten­p­fört­chen zu­lenk­te, in Schre­cken ge­setzt.

»Du mein Gott, Mr. Bum­bles, sind Sie’s wirk­lich?« rief Mrs. Mann und steck­te den Kopf an­schei­nend hoch­er­freut aus dem Fens­ter. »Su­san­na! Ho­len Sie gleich den klei­nen Oli­ver her­auf und die bei­den an­de­ren Laus­bu­ben und wa­schen Sie sie – ach, Mr. Bum­bles, wie ich mich freue, Sie wie­der ein­mal zu se­hen!«

Mr. Bum­ble war nun aber ein wohl­be­leib­ter und eben­so heiß­blü­ti­ger Herr, und da­her rüt­tel­te er an­statt auf die­se freund­li­che Be­will­komm­nung in höf­li­cher­wei­se zu ant­wor­ten, wü­tend an der Gar­ten­pfor­te und stieß mit dem Fuß in ei­ner Wei­se da­ge­gen, wie sie eben nur ein Kirch­spiel­die­ner be­herrscht.

»Gott im Him­mel«, rief Mrs. Mann aus dem Zim­mer stür­zend – die drei Jun­gen hat­te man in­zwi­schen weg­ge­bracht -, »ich habe ganz ver­ges­sen, dass ich der lie­ben Klei­nen we­gen das Gat­ter­tor von in­nen ver­rie­gelt habe. So spa­zie­ren Sie doch wei­ter, Sir. Bit­te, tre­ten Sie ein, Mr. Bum­ble.«

Ihre Ein­la­dung war von ei­nem so freund­li­chen Lä­cheln be­glei­tet, dass es si­cher­lich so­gar das Herz ei­nes Kir­chen­pres­by­ters er­weicht ha­ben wür­de; den­noch be­sänf­tig­te es den Kirch­spiel­die­ner nicht im min­des­ten.

»Nen­nen Sie das einen re­spekt­vol­len Empfang, Mrs. Mann?« frag­te Mr. Bum­ble und fass­te sei­nen Amts­stab noch fes­ter, »dass Sie die Kirch­spiel­be­am­ten an Ih­rer Türe war­ten las­sen, wenn sie in Par­ochi­al­an­ge­le­gen­hei­ten und in be­treff der Par­ochi­al­kin­der hier­her kom­men? Sie wis­sen doch, Mrs. Mann, dass Sie von der Par­ochi­al­be­hör­de an­ge­stellt sind und von der Par­ochi­al­be­hör­de be­zahlt wer­den!«

»Ich er­zähl­te ge­ra­de ei­nem paar der lie­ben Klei­nen, Mr. Bum­ble, de­rent­we­gen Sie so freund­lich sind sich her­zu­be­mü­hen, dass Sie kom­men wür­den«, wen­de­te Mrs. Mann mit großer Un­ter­wür­fig­keit ein.

Mr. Bum­ble hat­te eine sehr hohe Mei­nung von sei­ner Red­ner­ga­be und sei­ner amt­li­chen Wich­tig­keit. Er hat­te so­eben die eine ent­fal­tet und die an­de­re ge­wahrt. Er schlug da­her einen mil­de­ren Ton an.

»Nun, nun, Mrs. Mann«, sag­te er, »ich be­zweifle das ja gar nicht. Las­sen Sie mich aber jetzt hin­ein, Mrs. Mann. Ich kom­me in Ge­schäf­ten und habe Ih­nen et­was mit­zu­tei­len.«

Mrs. Mann führ­te den Kirch­spiel­die­ner in ein klei­nes Sprech­zim­mer, bot ihm einen Ses­sel an und leg­te dienst­be­flis­sen sei­nen drei­e­cki­gen Hut und sei­nen Amts­stab auf den Tisch. Mr. Bum­ble wisch­te sich den Schweiß von der Stirn, blick­te wohl­ge­fäl­lig auf sei­nen Drei­spitz und lä­chel­te. Wirk­lich und wahr­haf­tig, er lä­chel­te! Aber Kirch­spiel­die­ner sind eben auch nur Men­schen, da­her lä­chel­te Mr. Bum­ble.

»Sie dür­fen jetzt nicht be­lei­digt sein we­gen dem, was ich Ih­nen sa­gen will«, be­gann Mrs. Mann mit be­stri­cken­der Lie­bens­wür­dig­keit. »Sie ha­ben einen wei­ten Weg hin­ter sich, sonst wür­de ich gar nicht da­von an­fan­gen, aber sa­gen Sie, wol­len Sie nicht ein Gläs­chen neh­men?«

»Nicht einen Trop­fen, nicht einen Trop­fen«, wehr­te Mr. Bum­ble ab und schwenk­te sei­ne Rech­te in wür­de­vol­ler, aber freund­li­cher­wei­se.

»Sie wer­den mir ge­wiss den Ge­fal­len tun«, be­harr­te Mrs. Mann auf ih­rer Bit­te, den Ton, in dem die Wei­ge­rung ge­spro­chen wor­den, aber auch die be­glei­ten­de Ge­bär­de wohl er­fas­send. »Nur ein ganz klei­nes Gläs­chen mit ei­nem bis­sel kal­tem Was­ser und ei­nem Stück­chen Zu­cker?«

Mr. Bum­ble hüs­tel­te.

»Nur ein ganz klei­nes Gläs­chen«, wie­der­hol­te Mrs. Mann ihre Bit­te in drin­gen­dem Ton.

»Was ist es denn?« frag­te der Kirch­spiel­die­ner.

»Ach Gott, ich muss im­mer ein bis­serl da­von hier ha­ben, dass ich den lie­ben Klei­nen eine klei­ne Herz­stär­kung ge­ben kann, wenn ih­nen nicht recht gut ist, Mr. Bum­ble«, er­wi­der­te Mrs. Mann, öff­ne­te ein Schränk­chen und hol­te eine Fla­sche und ein Glas her vor. »Es ist Ge­ne­vre, ich will Ih­nen nichts vor­ma­chen, Mr. Bum­ble, es ist nur Ge­ne­vre.«

»Ge­ben Sie denn den Kin­dern Schnaps, Mrs. Mann?« frag­te der Kirch­spiel­die­ner und ver­folg­te mit den Bli­cken den in­ter­essan­ten Pro­zess der Mi­schung.

»O mein, ich tu­e’s halt, so teu­er es auch kom­men mag«, ver­setz­te die Pfle­ge­frau. »Sie wis­sen doch, ich könnt die ar­men Klei­nen nie­mals nicht lei­den se­hen.«

»Nein, nein«, sag­te Mr. Bum­ble zu­stim­mend, »Sie kön­nen es nicht. Sie sind über­haupt eine sehr hu­ma­ne Frau« – da­bei setz­te sie das Glas vor ihn hin – »ich wer­de nicht ver­säu­men, bei der nächs­ten bes­ten Ge­le­gen­heit es den Vor­stän­den ge­gen­über zur Spra­che zu brin­gen, Mrs. Mann«, (da­bei zog er das Glas nä­her zu sich) »Sie füh­len wie eine Mut­ter«, (da­bei er­griff er das Glas) »ich trin­ke hier­mit auf Ihre Ge­sund­heit, Mrs. Mann« (da­bei goss er das Glas zur Hälf­te hin­un­ter). »So und jetzt wol­len wir vom Ge­schäft re­den«, sag­te er und hol­te ein le­der­nes Ta­schen­buch her­vor. »Der Kna­be, der in der Wai­sen­tau­fe den Na­men Oli­ver Twist be­kom­men hat, wird heu­te neun Jah­re alt.«

»Got­tes Se­gen über ihn«, warf Mrs. Mann da­zwi­schen und konn­te nicht um­hin, sich die Au­gen mit der Schür­ze zu trock­nen.

»Trotz der aus­ge­schrie­be­nen Be­loh­nung von zehn Pfund, und spä­ter so­gar von zwan­zig Pfund, und trotz der ge­ra­de­zu über­na­tür­li­chen An­stren­gun­gen des Kirch­spiels«, fuhr Mr. Bum­ble fort, »sind wir nicht im­stan­de ge­we­sen, sei­nen Va­ter zu eru­ie­ren oder in Er­fah­rung zu brin­gen, wie sei­ne Mut­ter hieß, was sie war und wo­her sie stamm­te.«

Mrs. Mann hob er­staunt die Hän­de gen Him­mel, dach­te einen Au­gen­blick nach und frag­te: »Wie kommt es denn dann, dass er über­haupt einen Na­men hat?«

Der Kirch­spiel­die­ner warf sich in die Brust und ant­wor­te­te: »Den hab ich er­fun­den.«

»Sie, Mr. Bum­ble?«

»Ja­wohl, ich, Mrs. Mann. Wir be­nen­nen uns­re Zög­lin­ge im­mer nach dem Al­pha­bet. Zu­letzt hiel­ten wir bei S – Swub­ble, so nann­te ich das vor­letz­te Wai­sen­kind, und der nächs­te war ein T – Twist; ich habe eben­falls den Na­men er­fun­den. Wenn wie­der ei­ner kommt, wird er Un­win hei­ßen, und der Nächst­fol­gen­de Vil­kins. Ich habe mir schon eine gan­ze Rei­he von Na­men aus­ge­dacht, durchs gan­ze Al­pha­bet hin­durch; und wenn ich bei Z an­ge­kom­men bin, fan­ge ich beim A wie­der an.«

»Ja, ja, Sie sind halt fast ein Dich­ter«, sag­te Mrs. Mann.

»Nun, nun, mag sein«, gab der Kirch­spiel­die­ner zu, durch die­ses Kom­pli­ment sicht­lich ge­schmei­chelt; »mag sein, Mrs. Mann.« Da­mit trank er sein Glas aus und setz­te hin­zu: »Oli­ver ist jetzt schon viel zu alt, um noch län­ger hier blei­ben zu dür­fen. Des­halb hat die Be­hör­de be­schlos­sen, ihn wie­der zu­rück ins Ar­beits­haus zu neh­men. Ich bin sel­ber her­ge­kom­men, um ihn ab­zu­ho­len. Wo steckt er?«

»Ich wer­de ihn so­gleich ho­len«, sag­te Mrs. Mann und ging zur Türe.

Gleich dar­auf er­schi­en sie wie­der mit Oli­ver, der in­zwi­schen ge­wa­schen, ge­strie­gelt und an­ge­klei­det wor­den war.

»Mach ein Buckerl vor dem Herrn, Oli­ver«, sag­te sie.

Oli­ver mach­te einen Kratz­fuß, der zur Hälf­te dem Kirch­spiel­die­ner und zur an­de­ren Hälf­te dem Drei­spitz auf dem Ti­sche galt.

»Willst du mit mir ge­hen, Oli­ver?« frag­te Mr. Bum­ble fei­er­lichst.

Oli­ver woll­te schon ant­wor­ten, dass er je­der­zeit aufs be­reit­wil­ligs­te mit wem im­mer fort­zu­ge­hen wil­lens sei, blick­te aber zu­fäl­lig da­bei Mrs. Mann an, die hin­ter den Stuhl des Kirch­spiel­die­ners ge­tre­ten war und Oli­ver mit fürch­ter­li­cher Mie­ne mit der Faust droh­te. Er be­griff so­fort, denn er wuss­te nur zu gut, was die­se Faust al­les ver­moch­te.

»Kommt sie auch mit?« frag­te er schüch­tern.

»Nein, sie kann nicht mit­kom­men«, sag­te Mr. Bum­ble, »aber sie wird dich schon zu­wei­len be­su­chen dür­fen.«

Das war ge­wiss kein be­son­de­rer Trost für Oli­ver, aber trotz sei­ner Ju­gend hat­te er Grüt­ze ge­nug, sich zu stel­len, als ver­lie­ße er das Haus nur un­gern, und über­dies wa­ren ihm die Trä­nen in­fol­ge des ewi­gen Hun­ger­lei­dens und der erst vor kur­z­em er­fah­re­nen Züch­ti­gung nä­her als das La­chen. Wie­der­holt um­arm­te ihn Mrs. Mann und gab ihm, was er am meis­ten brauch­te, näm­lich ein großes Stück But­ter­brot, da­mit er im Ar­beits­haus nicht all­zu hung­rig an­käme. Da­mit war die Sa­che ab­ge­macht. Mit dem Stück Brot in der Hand und sei­ner klei­nen Wai­sen­jun­gen­kap­pe aus brau­nem Tuch auf dem Kopf, wur­de er so­gleich von Mr. Bum­ble aus dem fürch­ter­li­chen Heim ge­führt, wo nie­mals der Strahl ei­nes freund­li­chen Blickes die Fins­ter­nis sei­ner ers­ten Kin­der­jah­re er­hellt hat­te. Den­noch konn­te er Trä­nen kind­li­chen Schmer­zes nicht zu­rück­drän­gen, als sich das Gar­ten­tor hin­ter ihm schloss; ver­ließ er doch sei­ne Lei­dens­ge­fähr­ten, die ein­zi­gen Ka­me­ra­den, die er je ge­kannt, und jetzt zum ers­ten Mal, seit er wuss­te, was Erin­ne­rung ist, wur­de ihm das Ge­fühl gänz­li­cher Ver­las­sen­heit in der großen wei­ten Welt be­wusst.

Mit schnel­len Schrit­ten eil­te Mr. Bum­ble vor­wärts, und der klei­ne Oli­ver klam­mer­te sich an sei­ne mit Gold­b­or­ten be­setz­ten Schö­ße, trot­te­te ne­ben ihm her und frag­te, als sie kaum eine Vier­tel­mei­le hin­ter sich hat­ten, ob sie bald am Zie­le wä­ren. Auf die­se öf­ters wie­der­hol­ten Fra­gen gab Mr. Bum­ble je­des Mal nur sehr kur­ze und brum­mi­ge Ant­wor­ten, denn die Mil­de, die der Ge­ne­vre mit heißem Was­ser ge­mischt in sei­nem Ge­müt viel­leicht er­zeugt ha­ben müss­te, war längst ver­flo­gen, und er fühl­te sich wie­der Kirch­spiel­die­ner vom Schei­tel bis zur Soh­le.

Oli­ver war noch nicht eine Vier­tel­stun­de in­ner­halb der Mau­ern des Ar­beits­hau­ses und hat­te kaum ein zwei­tes Stück­chen Brot ver­schlun­gen, als Mr. Bum­ble, der ihn der Ob­hut ei­ner al­ten Frau in­zwi­schen an­ver­traut, zu­rück­kehr­te und ihm er­klär­te, die Her­ren Vor­stän­de hät­ten be­foh­len, er sol­le un­ver­züg­lich vor ih­nen er­schei­nen.

Oli­ver, der kei­ne be­son­ders kla­re Vor­stel­lung von dem hat­te, was ein Vor­stand al­les sein kann, war von die­ser über­ra­schen­den Mit­tei­lung förm­lich be­täubt und wuss­te nicht, ob er la­chen oder wei­nen soll­te. Es blieb ihm je­doch kei­ne Zeit über die­sen Punkt ins rei­ne zu kom­men, denn Mr. Bum­ble ver­setz­te ihm eins mit dem Stock über den Kopf, um sei­ne Geis­tes­kräf­te zu er­we­cken, und eins über den Rücken, um ihn zur Eile an­zu­spor­nen. Dann be­fahl er, ihm zu fol­gen, und führ­te ihn in ein großes weiß­ge­tünch­tes Zim­mer, in dem acht oder zehn wohl­be­leib­te Her­ren um einen Tisch her­umsa­ßen. Zu oberst in ei­nem Arm­stuhl, der ein biss­chen hö­her war als die üb­ri­gen, ein ganz be­son­ders wohl­be­leib­ter Herr mit ei­nem ku­gel­run­den ro­ten Kopf.

»Mach’ den Herrn Vor­stän­den dei­ne Ver­beu­gung«, be­fahl Mr. Bum­ble.

Oli­ver wisch­te sich die Trä­nen aus den Au­gen und, da er nicht recht be­griff, wer von den An­we­sen­den die Her­ren Vor­stän­de sein könn­ten, mach­te er in­stink­tiv und aufs Ge­ra­te­wohl einen Kratz­fuß.

»Wie heißt du, Jun­ge?« frag­te der Herr auf dem ho­hen Stuhl.

Oli­ver zit­ter­te am gan­zen Leib, denn der An­blick so vie­ler Gent­le­men brach­te ihn gänz­lich au­ßer Fas­sung. Mr. Bum­ble ver­such­te ihn durch eine kräf­ti­ge Berüh­rung mit sei­nem Kirch­spiel­diener­stab zu be­leh­ren, und das hat­te zur Fol­ge, dass er wie­der­um an­fing zu wei­nen. Er ant­wor­te­te da­her mit lei­ser und zag­haf­ter Stim­me, und das ver­an­lass­te einen Herrn in ei­ner wei­ßen Wes­te aus­zu­ru­fen, er wäre ein dum­mer Jun­ge – das bes­te Mit­tel, ihm Mut ein­zu­flö­ßen.

»Jun­ge«, be­gann der Herr in dem ho­hen Stuhl aber­mals, »höre jetzt, was ich dir zu sa­gen habe. Du weißt doch, dass du ein Wai­sen­kind bist?«

»Was ist das, Sir?« frag­te der un­glück­li­che Oli­ver.

»Er ist wirk­lich ein dum­mer Jun­ge, ich hab’ mir’s gleich ge­dacht«, sag­te der Herr mit der wei­ßen Wes­te.

»Du weißt doch«, nahm der ers­te Herr wie­der das Wort, »dass du we­der Va­ter noch Mut­ter hast und vom Kirch­spiel er­zo­gen wirst?«

»Ja«, ant­wor­te­te Oli­ver un­ter Trä­nen.

»Wa­rum heulst du?« frag­te der Herr mit der wei­ßen Wes­te, denn es war doch höchst auf­fal­lend, dass Oli­ver wein­te. Wel­chen Grund konn­te er nur ha­ben?

»Ich hof­fe, du be­test doch je­den Abend«, frag­te ein an­de­rer Gent­le­man in bar­schem Ton, »und be­test für die, die dir zu es­sen ge­ben und für dich sor­gen, so wie es ei­nem Chris­ten­menschen ge­ziemt.«

»Ja, Sir«, hauch­te Oli­ver. In Wirk­lich­keit hat­te er je­doch nie ge­be­tet, weil es ihn nie­mand ge­lehrt hat­te.

»Man hat dich hier­her­ge­ru­fen«, fuhr der Prä­si­dent fort, »um dich er­zie­hen zu las­sen, und da­mit du ein nütz­li­ches Hand­werk lernst.« – »Du wirst also mor­gen früh um sechs Uhr an­fan­gen Werg zu zup­fen«, setz­te der mür­ri­sche Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te hin­zu.

Zum Dank für die An­kün­di­gung die­ser bei­den Wohl­ta­ten mach­te Oli­ver un­ter Nach­hil­fe des Kirch­spiel­die­ners einen tie­fen Kratz­fuß vor den »Her­ren Vor­stän­den« und wur­de dann in einen großen Saal ge­steckt, wo er sich auf ei­nem har­ten rau­en Bett in den Schlaf wei­nen durf­te.

Der arme Oli­ver ahn­te nicht, wie er so dalag und schlief, dass die Her­ren Vor­stän­de noch am sel­ben Tage zu ei­nem Ent­schluss ge­lang­ten, der von größ­tem Ein­fluss auf sein künf­ti­ges Ge­schick sein soll­te.

Die Her­ren Vor­stands­mit­glie­der wa­ren äu­ßerst klu­ge Män­ner von tiefer phi­lo­so­phi­scher Ein­sicht, und kaum hat­ten sie ihre Tä­tig­keit dem Ar­beits­hau­se und was da­mit zu­sam­men­hing zu­ge­wen­det, so fan­den sie auch so­fort her­aus, was ein ge­wöhn­li­cher Sterb­li­cher kaum je­mals ent­deckt hät­te, näm­lich: dass es dar­in den Ar­men ganz über Ge­bühr gut gehe. Als wäre das Ar­beits­haus nichts als ein öf­fent­li­ches Ver­gnü­gungs­lo­kal für die är­me­ren Klas­sen, eine Knei­pe, in der man nichts zu be­zah­len brau­che, ein Ort, an dem man auf Kos­ten der Ge­mein­de Früh­stück, Mit­ta­ges­sen, Tee und Abend­brot ein­neh­men kön­ne – ein Ely­si­um aus Zie­gel­stei­nen und Mör­tel, in dem ge­scherzt und ge­spielt, in Wirk­lich­keit aber nicht ge­ar­bei­tet wür­de. Wir sind die rich­ti­gen Män­ner, um hier Ord­nung zu schaf­fen, sag­te sich die Vor­stand­schaft. Und so ord­ne­ten sie denn an, dass alle ar­men Leu­te die Wahl ha­ben soll­ten – von Zwang kön­ne na­tür­lich kei­ne Rede sein -, ent­we­der lang­sam und nach und nach im Ar­beits­haus zu ver­hun­gern, oder schnell und plötz­lich au­ßer­halb. Von die­sem Ge­sichts­punk­te aus schlos­sen sie mit den Was­ser­wer­ken einen Ver­trag über Lie­fe­rung ei­ner un­be­grenz­ten Men­ge Trink­was­sers und mit ei­nem Ge­trei­de­händ­ler einen eben­sol­chen, was die je­wei­li­ge Lie­fe­rung von klei­nen Quan­ti­tä­ten Ha­fer­mehl an­be­lang­te, und ga­ben täg­lich drei Por­tio­nen Ha­fer­schleim aus und au­ßer­dem zwei­mal wö­chent­lich eine Zwie­bel dazu pro Mahl­zeit und Sonn­tags eine hal­be Sem­mel.

Im ers­ten Halb­jahr nach Oli­vers An­kunft war das Sys­tem be­reits in vol­lem Gan­ge. Der Raum, in dem die Kna­ben ihr Es­sen be­ka­men, war eine Art Kü­che, und der Koch, von ein paar Frau­en­zim­mern un­ter­stützt, teil­te ih­nen aus ei­nem Kup­fer­kes­sel ihre drei Por­tio­nen Ha­fer zu – einen Napf voll und nicht mehr, aus­ge­nom­men, wie ge­sagt, die Sonn- und Fei­er­ta­ge, wo ein nicht all­zu großes Stück­chen Brot da­zu­kam. Die Näp­fe aus­zu­wa­schen war über­flüs­sig, da die Jun­gen mit ih­ren Löf­feln so­wie­so so lan­ge dar­in her­um­kratz­ten, bis al­les wie­der glän­zend war. Und wenn sie mit ih­rer Tä­tig­keit fer­tig wa­ren, was nie all­zu lan­ge Zeit in An­spruch nahm, da die Löf­fel bei­na­he so groß wa­ren wie die Näp­fe sel­ber, – sa­ßen sie da und starr­ten auf den Kup­fer­kes­sel mit so gie­ri­gen Au­gen, als ob sie am liebs­ten so­gar die Zie­gel­stei­ne, aus de­nen der Herd auf­ge­baut war, ver­schlun­gen hät­ten, und saug­ten da­bei an ih­ren Fin­gern in der Hoff­nung, dort viel­leicht noch ir­gend­wo ein ver­irr­tes Tröpf­chen Ha­fer­schleim auf­zu­le­cken. Kin­der pfle­gen näm­lich einen vor­treff­li­chen Ap­pe­tit zu ha­ben.

Drei Mo­na­te lang hat­ten Oli­ver und sei­ne Ka­me­ra­den die Qua­len lang­sa­men Hun­ger­to­des durch­ge­macht und wa­ren kaum mehr im­stan­de, die­sen Zu­stand län­ger zu er­tra­gen. Ein für sein Al­ter sehr großer Jun­ge, des­sen Va­ter Koch ge­we­sen war, gab ei­nes Ta­ges sei­nen Ge­fähr­ten zu ver­ste­hen, wenn er nicht bald eine Schüs­sel Ha­fer­schleim pro Tag mehr be­kom­me, so wür­de er sich nicht hel­fen kön­nen und müs­se höchst wahr­schein­lich ei­nes Nachts sei­nen Schlaf­nach­bar auf­fres­sen. Die­ser Viel­fraß hat­te ein wil­des hung­ri­ges Auge, und sei­ne Re­den rie­fen große Angst un­ter sei­nen Ka­me­ra­den her­vor. So be­rat­schlag­ten sie un­ter­ein­an­der, und es wur­de ge­lost, wer von ih­nen nach dem Abendes­sen zum Spei­se­meis­ter ge­hen und noch um einen Napf bit­ten sol­le. Das Los fiel auf Oli­ver.

Der Abend kam, und die Jun­gen nah­men ihre Plät­ze ein. Der Spei­se­meis­ter stell­te sich in sei­ner wei­ßen Koch­schür­ze an den Kes­sel, der Ha­fer­brei wur­de aus­ge­teilt und ein lan­ges Tisch­ge­bet ge­spro­chen. Als die Mahl­zeit vor­über war, flüs­ter­ten die Jun­gen un­ter­ein­an­der, ga­ben Oli­ver Win­ke, und die ihm Zu­nächst­sit­zen­den stie­ßen ihn mit den Ell­bo­gen an. Der Hun­ger mach­te ihn alle Rück­sich­ten ver­ges­sen. Er stand auf, trat mit Napf und Löf­fel vor den Koch hin und sag­te mit be­ben­der Stim­me:

»Ich bit­te um Ver­zei­hung, Sir, ich möch­te noch um ein we­nig bit­ten.«

Der Koch, ein feis­ter rot­ba­cki­ger Mann, wur­de blass wie der Kalk an der Wand. In maß­lo­sem Stau­nen starr­te er ei­ni­ge Se­kun­den den klei­nen Re­bel­len an und muss­te sich am Kes­sel fest­hal­ten, um nicht um­zu­fal­len. Die bei­den Frau­en­zim­mer wa­ren ge­ra­de­zu ge­lähmt vor Ent­set­zen, und auch die Jun­gen konn­ten vor Furcht kein Wort her­vor­brin­gen.

»Was?« frag­te der Koch end­lich mit schwa­cher Stim­me.

»Ich bit­te, Herr«, wie­der­hol­te Oli­ver, »ich möch­te noch et­was ha­ben.«


Der Koch gab ihm eins mit dem Löf­fel über den Kopf, fass­te ihn dann am Arm und schrie laut nach dem Kirch­spiel­die­ner.

Die Her­ren Vor­stän­de sa­ßen ge­ra­de zu­sam­men bei ei­ner Be­ra­tung, als Mr. Bum­ble in höchs­ter Er­re­gung ins Zim­mer stürz­te und dem Her­ren auf dem ho­hen Stuhl mel­de­te:

»Mr. Limbkins, ich bit­te um Ver­zei­hung, Sir, Oli­ver Twist hat mehr zu es­sen ver­langt.«

Al­les fuhr auf. Ent­set­zen mal­te sich auf al­len Ge­sich­tern.

»Mehr?« rief Mr. Limbkins. »Kom­men Sie zu sich, Bum­ble! Ant­wor­ten Sie mir klar und deut­lich. Ver­ste­he ich recht? Er hat mehr ge­for­dert als die ihm von der Vor­stand­schaft fest­ge­setz­te Ra­ti­on?«

»Ja­wohl, Sir.«

»Der Bur­sche kommt noch an den Gal­gen«, ächz­te der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te. »Den­ken Sie an mich, der Bur­sche kommt noch an den Gal­gen.«

Nie­mand wi­der­sprach, und es ent­spann sich eine leb­haf­te Dis­kus­si­on. Auf Be­fehl der Vor­stand­schaft wur­de Oli­ver au­gen­blick­lich ein­ge­sperrt, und am nächs­ten Mor­gen hing ein An­schlag­zet­tel an der Au­ßen­sei­te des To­res des Ar­beits­hau­ses, auf dem eine Be­loh­nung von fünf Pfund aus­ge­setzt war für je­den, der die Ge­mein­de der wei­te­ren Für­sor­ge für Oli­ver Twist ent­hö­be; mit an­de­ren Wor­ten: es wur­den fünf Pfund je­der­mann an­ge­bo­ten, der Oli­ver Twist als Lehr­ling oder Lauf­bur­schen zu sich näh­me.

»In mei­nem gan­zen Le­ben war ich noch von nichts so fest über­zeugt«, sag­te der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te, als er am nächs­ten Mor­gen an das Tor klopf­te und den Zet­tel las, »wie ich jetzt da­von über­zeugt bin, dass der Bur­sche noch ein­mal an den Gal­gen kom­men wird.«

3 – Berichtet, wie Oliver Twist beinahe eine Anstellung bekommen hätte, die nichts weniger als eine Sinekure1 gewesen wäre.

Eine Wo­che lang blieb Oli­ver nach sei­ner Mis­se­tat in dem fins­tern Raum, in den ihn die Her­ren Vor­stän­de hat­ten sper­ren las­sen, in Haft. Hät­te er den ge­hö­ri­gen Re­spekt vor der Pro­phe­zei­ung des Gent­le­mans mit der wei­ßen Wes­te ge­habt, wür­de er sich zwei­fel­los ver­mit­tels ei­nes Ta­schen­tu­ches an ei­nem Ha­ken in der Mau­er auf­ge­hängt ha­ben. Aber dazu fehl­te ihm vor al­lem ein Ta­schen­tuch – ein sol­cher Lu­xus war stren­ge ver­pönt -, und zwei­tens war er noch zu sehr Kind. Er wein­te da­her nur Tag und Nacht und be­deck­te sich mit sei­nen klei­nen Hän­den die Au­gen, um nicht in die Fins­ter­nis star­ren zu müs­sen, oder er kroch in einen Win­kel und ver­such­te zu schla­fen. Aber je­des Mal fuhr er wie­der vor Angst und Ent­set­zen aus sei­nem un­ru­hi­gen Schlum­mer auf und drück­te sich noch dich­ter an die Mau­er, als böte ihm selbst ihre har­te kal­te Flä­che noch ein we­nig Schutz ge­gen die Fins­ter­nis und Ein­sam­keit, die ihn rings um­gab.

Um ge­recht zu sein, dür­fen wir nicht ver­schwei­gen, dass es ihm an­de­rer­seits an Be­we­gung und geist­li­chem Zu­spruch nicht fehl­te. Was die Lei­bes­übun­gen be­traf, wur­de ihm an­ge­sichts des kal­ten Wet­ters, das ge­ra­de herrsch­te, die Ver­güns­ti­gung zu­teil, sich je­den Mor­gen un­ter der Pum­pe in ei­nem ge­pflas­ter­ten Hof wa­schen zu dür­fen, und zwar in Ge­gen­wart Mr. Bum­bles, der durch wie­der­hol­te An­wen­dung sei­nes Amt­sta­bes even­tu­el­len Er­käl­tun­gen vor­beug­te und be­wirk­te, dass von Zeit zu Zeit ein pri­ckeln­des Ge­fühl Oli­vers Kör­per durch­drang. Was die An­re­gung an­be­lang­te, wur­de er je­den zwei­ten Tag in den Saal ge­führt, wo die Zög­lin­ge ihr Mit­ta­ges­sen ver­zehr­ten, und vor ih­ren Au­gen als war­nen­des Bei­spiel öf­fent­lich aus­ge­peitscht. Hin­sicht­lich re­li­gi­ösen Zu­spruchs wur­de er Abend für Abend zur Ge­bet­stun­de mit Fuß­trit­ten in den­sel­ben Raum be­för­dert und durf­te dort zu­hö­ren, wie die an­de­ren be­te­ten, dass Gott sie be­wah­ren möge, so sünd­haft zu wer­den wie ein ge­wis­ser Oli­ver Twist. So stan­den die Sa­chen.

Da be­gab es sich ei­nes Mor­gens, dass der Schorn­stein­fe­ger­meis­ter Mr. Gam­field auf der Land­stra­ße lang­sam sei­nes We­ges zog. Tief in Ge­dan­ken, wo­her er sich sei­ne Haus­mie­te, de­rent­we­gen er be­reits wie­der­hol­te Male ge­mahnt wor­den, sich be­schaf­fen sol­le. So sehr sich Mr. Gam­field auch den Kopf zer­brach, im­mer wie­der war das Re­sul­tat, dass ihm fünf Pfund fehl­ten, um die drin­gen­de Schuld be­glei­chen zu kön­nen. In die­sem Au­gen­blick be­merk­te er den Zet­tel, der am Tor des Ar­beits­hau­ses hing.

»Höh­hh – brrr« – rief Mr. Gam­field sei­nem Esel zu.

Der Esel war je­doch eben­so wie sein Herr tief in Ge­dan­ken ver­sun­ken und wahr­schein­lich mit der Be­rech­nung be­schäf­tigt, ob er einen oder zwei Kohl­strün­ke be­kom­men wür­de, wenn er die bei­den Sä­cke Ruß, mit de­nen der Kar­ren be­la­den war, an Ort und Stel­le ge­bracht ha­ben wür­de, und so trot­te­te er da­her, den Zu­ruf sei­nes Herrn miss­ach­tend, wei­ter.

Mr. Gam­field wid­me­te ihm einen schwe­ren Fluch, rann­te hin­ter ihm her und gab ihm einen Schlag auf den Schä­del, wie ihn eben nur ein Esels­kopf aus­zu­hal­ten ver­mag, führ­te ihn dann durch einen hef­ti­gen Riss am Zü­gel, der ihm fast den Un­ter­kie­fer aus­renk­te, zu Ge­müt, dass hier nie­mand andres zu be­feh­len habe als Mr. Gam­field, und gab ihm schließ­lich einen zwei­ten Hieb auf den Kopf zum Zweck, um ihn bis zu sei­ner Rück­kehr in der nö­ti­gen Be­täu­bung zu er­hal­ten. Nach­dem er die­se Vor­sichts­maß­re­geln ge­trof­fen, schritt er auf das Tor zu, um den An­schlag­zet­tel zu le­sen. Der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te stand ge­ra­de, die Hän­de auf dem Rücken, vor dem Tor. Er hat­te das Zer­würf­nis und sei­ne Fol­gen zwi­schen Mr. Gam­field und dem Esel be­ob­ach­tet und lä­chel­te höchst ver­gnügt, als der Mann nä­her­trat, um den Zet­tel zu le­sen. Auf den ers­ten Blick er­kann­te er, dass Mr. Gam­field der rich­ti­ge Ge­bie­ter für Oli­ver Twist war. Auch Mr. Gam­field lä­chel­te, als er den An­schlag las, denn fünf Pfund wa­ren ge­ra­de die Sum­me, die er brauch­te. Was den Lehr­bur­schen an­be­traf, so war Mr. Gam­field hin­sicht­lich der Be­kö­s­ti­gung im Ar­beits­haus zu ge­nau un­ter­rich­tet, um nicht so­fort ein­zu­se­hen, dass ein Wai­sen­zög­ling die ent­spre­chend schmäch­ti­ge Sta­tur ha­ben müs­se, die ein Schorn­stein­fe­ger­jun­ge braucht. Er buch­sta­bier­te den Zet­tel noch ein­mal von A bis Z durch, be­rühr­te den Rand sei­ner Pelz­müt­ze und wand­te sich an den Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te.

»Ist da der Lehr­bub he­rin­nen, den wo das Ar­beits­haus ab­zu­ge­ben hat?« be­gann er.

»Wün­schen Sie et­was von ihm?« forsch­te der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te.

»Wenn’s der Ge­mein­de recht wär, dass er a leichts an­ge­nehms Hand­werk lernt, dös Schorn­stein­fe­ger­hand­werk näm­lich, so brau­chet i’ ge­rad an Lehr­ling und könnt ihn glei’ mit­neh­men.«

»Tre­ten Sie nä­her«, rief der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te.

Mr. Gam­field lief zu­vör­derst noch ein­mal zu­rück, um dem Esel einen drit­ten Schlag auf den Kopf zu ge­ben und ihn am Zü­gel zu rei­ßen, auf dass er es sich nicht bei­fal­len lie­ße, in der Ab­we­sen­heit sei­nes Herrn durch­zu­ge­hen. Dann folg­te er dem Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te in das Zim­mer, das Oli­ver zum ers­ten Mal be­tre­ten hat­te.

»Es ist ein et­was schmut­zi­ges Hand­werk«, sag­te Mr. Limbkins, als Mr. Gam­field sei­nen Wunsch noch ein­mal wie­der­holt hat­te.

»Es soll schon hie und da ein Jun­ge im Schorn­stein er­stickt sein«, wen­de­te ein an­de­rer Gent­le­man ein.

»Jetzt dös kummt bloß da­der­her«, er­klär­te Mr. Gam­field, »weil ’s a so üb­lich is, nas­ses Stroh im Ka­min an­zu­zün­den, da­mit die Bu­abn run­ter­kom­men. Dös gibt mehr Rauch als wie a Flamm. Aber i halt nix von der Method; der Rauch macht nur, dass die Bu­abn al­le­weil ein­schla­fen. I zünd lie­ber glei a frischs Feu­er an; dös is des bes­te Mit­tel, um ihna auf die Bein zu hel­fen. Da müas­sens ar­bei­ten aus Lei­bes­kräf­ten, sunst ver­bren­nens iah­na die Ha­xen.«

Dem Gent­le­man in der wei­ßen Wes­te schi­en die­se Schil­de­rung großes Ver­gnü­gen zu be­rei­ten, aber sei­ne Hei­ter­keit wur­de durch den stra­fen­den Blick, den ihm Mr. Limbkins zu­warf, im Keim er­stickt. Ein paar Mi­nu­ten be­rie­ten die Her­ren Vor­stän­de mit­ein­an­der, je­doch in so lei­sem Ton, dass nur hin und wie­der ein paar Wor­te wie: »Er­spar­nis« oder »gu­ter Ein­druck bei der Abrech­nung« hör­bar wur­den. End­lich stock­te die im Flüs­ter­ton ge­führ­te Un­ter­hal­tung und Mr. Limbkins be­gann, nach­dem die Her­ren mit fei­er­li­cher Mie­ne ihre Plät­ze wie­der ein­ge­nom­men hat­ten:

»Wir ha­ben Ihren Vor­schlag in Er­wä­gung ge­zo­gen, kön­nen aber nicht dar­auf ein­ge­hen.«

»Un­ter kei­nen Um­stän­den«, be­kräf­tig­te der Herr in der wei­ßen Wes­te.

»Nein, un­ter kei­nen Um­stän­den«, er­klär­ten die üb­ri­gen Her­ren Vor­stän­de.

Mr. Gam­field war sich be­wusst, dass er bei Ge­richt in Ver­dacht stand, drei oder vier Lehr­jun­gen im Ka­min fahr­läs­si­ger­wei­se ha­ben er­sti­cken las­sen, und kam da­her auf die Ver­mu­tung, das Vor­stands­kol­le­gi­um kön­ne mög­li­cher­wei­se in ganz un­be­greif­li­cher Lau­ne ein Haar in der Sup­pe ge­fun­den ha­ben. Da er das al­ber­ne Gerücht nicht wei­ter breit­ge­tre­ten zu se­hen wünsch­te, dreh­te er nur wort­los sei­ne Müt­ze in den Hän­den und ging lang­sam zur Türe.

»Sie wolln ihn also net bei mir ein­tre­ten las­sen?« frag­te er, die Hand auf der Klin­ke.

»Nein«, er­wi­der­te Mr. Limbkins fest. »Zum min­des­ten müss­ten Sie mit ei­ner ge­rin­ge­ren als der aus­ge­setz­ten Sum­me zu­frie­den sein, da das Schorn­stein­fe­ger­ge­wer­be denn doch ein biss­chen schmut­zig ist.«

Mr. Gam­fields Ge­sicht hell­te sich auf. Schnell trat er wie­der an den Tisch her­an und frag­te:

»Also, was wol­lens denn ge­ben, mei­ne Herrn? Seins doch net so hart ge­gen an ar­men Ge­werb­trei­ben­den.«

»Ich soll­te mei­nen, drei Pfund zehn Schil­ling wä­ren mehr als ge­nug«, gab Mr. Limbkins zur Ant­wort.

»Da sind noch zehn Schil­lin­ge zu viel«, warf der Gent­le­man in der wei­ßen Wes­te hin.

»Na also«, ver­setz­te Mr. Gam­field, »sa­gen mer also vier Pfund, mei­ne Her­ren, und Sie sin ihm los und die Sach is in Ord­nung.«

»Drei Pfund zehn Schil­lin­ge«, wie­der­hol­te Mr. Limbkins fest.

»Kom­men S’, teiln mer die Dif­fe­renz, mei­ne Herrn«, dräng­te Mr. Gam­field. »Drei Pfund fünf­zehn Schil­lin­ge.«

»Nicht einen Pen­ny mehr«, war die Ant­wort.

»Sie sin ver­dammt hart zu mir, mei­ne Herrn«, sag­te Gam­field nie­der­ge­schla­gen.

»Ach was, Un­sinn«, er­wi­der­te der Herr in der wei­ßen Wes­te. »Sie ma­chen noch ein gu­tes Ge­schäft, auch wenn Sie gar kein Geld für ihn be­kämen. Sei­en Sie nicht dumm und neh­men Sie ihn, er ist ge­ra­de der Jun­ge, den Sie brau­chen. Ge­ben Sie ihm hie und da den Stock zu kos­ten, das wird ihm nur gut tun; und die Er­hal­tung wird sich auch nicht sehr teu­er stel­len. Er ist hier nicht be­son­ders ver­wöhnt wor­den – ha­ha­ha!«

Mr. Gam­field warf einen schar­fen Blick auf die Her­ren rings­um, und da er sie alle lä­cheln sah, hell­ten sich lang­sam sei­ne Züge auf. Der Han­del wur­de ge­schlos­sen und Mr. Bum­ble so­gleich an­ge­wie­sen, noch am sel­ben Nach­mit­tag Oli­ver Twist be­hufs amt­li­cher Be­stä­ti­gung des Lehr­ver­trags vor­zu­füh­ren.

Dem­ge­mäß wur­de Oli­ver zu sei­nem größ­ten Er­stau­nen plötz­lich aus der Haft ent­las­sen und be­kam den Be­fehl, ein fri­sches Hemd an­zu­zie­hen. Kaum hat­te er die­se sel­te­ne gym­nas­ti­sche Übung hin­ter sich, als Mr. Bum­ble ihm ei­gen­hän­dig einen Napf Ha­fer­grüt­ze nebst dem sonn­täg­li­chen Stück Brot brach­te. Bei die­sem fürch­ter­li­chen An­blick brach Oli­ver so­fort in ein schreck­li­ches Ge­heul aus, denn er dach­te, die Her­ren Vor­stän­de hät­ten den Be­schluss ge­fasst, ihn zu ir­gend­ei­nem ge­mein­nüt­zi­gen Zweck schlach­ten zu las­sen. Denn wes­halb hät­ten sie sonst plötz­lich an­ge­fan­gen, ihm eine Mast­kur an­ge­dei­hen zu las­sen.

»Heul dir nicht die Au­gen rot, Oli­ver, son­dern iss dei­ne Sup­pe und sei dank­bar«, er­mahn­te Mr. Bum­ble in wür­de­vol­lem Ton. »Du kommst jetzt in die Leh­re.«

»In die Leh­re?« frag­te der Klei­ne zit­ternd.

»Ja­wohl, Oli­ver. Die gü­ti­gen Herrn, von de­nen dir je­der ein­zel­ne dei­ne El­tern er­setzt, da du kei­ne hast, wol­len dich in die Leh­re ge­ben, da­mit du einst im Le­ben auf ei­ge­nen Fü­ßen ste­hen kannst; und sie wol­len einen Mann aus dir ma­chen, ob­gleich es der Ge­mein­de drei Pfund und zehn Schil­lin­ge kos­tet. – Oli­ver! Drei Pfund und zehn Schil­lin­ge! – Sieb­zig Schil­lin­ge hun­dert­vier­zig Six­pence! Und das al­les für einen nichts­nut­zi­gen Wai­sen­bu­ben, den kein Mensch lei­den kann.«

Mr. Bum­ble hielt einen Au­gen­blick in sei­ner Rede inne, um Atem zu ho­len. Dem ar­mem Oli­ver roll­ten die Trä­nen über die Wan­gen, und er schluchz­te bit­ter­lich.

»Ist schon gut, lass nur«, sag­te Mr. Bum­ble, ein biss­chen we­ni­ger wür­de­voll, denn die Wir­kung, die sei­ne Rede her­vor­ge­bracht, be­frie­dig­te ihn. »Komm, Oli­ver, wisch dir die Trä­ne mit dem Är­mel ab und heul dir nicht in die Sup­pe; das ist eine große Dumm­heit.« Und das stimm­te, denn Was­ser war so­wie­so ge­nug in der Ha­fer­grüt­ze.

Auf dem Weg zum Frie­dens­rich­ter schärf­te Mr. Bum­ble Oli­ver aufs dring­lichs­te ein, er müs­se sich vor al­len Din­gen be­mü­hen, recht glück­lich aus­zu­se­hen, und wenn der alte Herr ihn fra­ge, ob er in die Leh­re ge­hen wol­le, habe er zu ant­wor­ten, er freue sich un­ge­mein dar­auf. Oli­ver ver­sprach sein Bes­tes zu tun, umso mehr, als Bum­ble ihm an­droh­te, dass es ihm sonst schlecht er­ge­hen wür­de.

Auf dem Amt an­ge­langt, wur­de Oli­ver in ein klei­nes Zim­mer ein­ge­sperrt, und Mr. Bum­ble sag­te ihm, er sol­le hier blei­ben, bis er wie­der­käme und ihn ab­hol­te. Eine gan­ze hal­be Stun­de blieb das arme Wai­sen­kind mit klop­fen­dem Her­zen al­lein. Dann steck­te Mr. Bum­ble sei­nen Kopf her­ein und sag­te laut: »Nun, Oli­ver, mein Kind, komm jetzt zu dem Herrn.«

Da­bei warf er Oli­ver einen dro­hen­den Blick zu und füg­te lei­se hin­zu: »Ver­giss nicht, was ich dir ge­sagt hab, in­fa­mer Laus­bub.«

Oli­ver mach­te bei die­ser wi­der­spruchs­vol­len An­re­de ein ziem­lich dum­mes Ge­sicht. Aber Mr. Bum­ble kam je­der Fra­ge zu­vor und schlepp­te ihn ohne wei­te­re Um­stän­de ins Amts­zim­mer. Es war ein ziem­lich ge­räu­mi­ges Zim­mer mit ei­nem großen Fens­ter. Hin­ter ei­nem Pult sa­ßen zwei alte Her­ren mit ge­pu­der­ten Perücken, und der eine von ih­nen las in der Zei­tung, wäh­rend der an­de­re mit Hil­fe ei­ner Schild­patt­bril­le ein klei­nes Per­ga­ment­schrift­stück durch­stu­dier­te. Mr. Limbkins stand ne­ben dem Pult und Mr. Gam­field, des­sen Ge­sicht stel­len­wei­se rein­ge­wa­schen war, in ei­ni­ger Ent­fer­nung ne­ben ihm, wäh­rend zwei bis drei roh aus­se­hen­de Män­ner in Stul­pens­tie­feln im Hin­ter­grund war­te­ten.

Der alte Herr mit der Bril­le nick­te lang­sam über dem Schrift­stück ein, und es ver­strich eine ziem­li­che Wei­le, nach­dem Oli­ver von Mr. Bum­ble vor das Pult ge­führt wor­den war.

»Dies ist der Jun­ge, Euer Gna­den«, sag­te Mr. Bum­ble.

Der alte Herr, der die Zei­tung las, hob eine Se­kun­de den Kopf und zupf­te den an­de­ren al­ten Herrn am Rock­är­mel, wor­auf die­ser er­wach­te.

»So, so, das ist der Jun­ge«, mur­mel­te der alte Herr.

»Ja­wohl, zu die­nen, Euer Gna­den«, er­wi­der­te Mr. Bum­ble. »Mach dem Herrn Frie­dens­rich­ter eine Ver­beu­gung, mein Kind.«

Oli­ver ge­horch­te und mach­te sei­nen schöns­ten Kratz­fuß, da ihm die Her­ren mit den ge­pu­der­ten Perücken mäch­tig im­po­nier­ten.

»Der Jun­ge wünscht also Schorn­stein­fe­ger zu wer­den«, frag­te der alte Herr.

»Ja, es ist sein Her­zens­wunsch«, er­klär­te Mr. Bum­ble. »Er wür­de be­stimmt mor­gen wie­der da­von­lau­fen, wenn wir ihn heu­te in ein andres Ge­schäft gä­ben.«

Der Frie­dens­rich­ter wen­de­te sich an den Schorn­stein­fe­ger­meis­ter: »Und Sie ver­spre­chen, ihn gut zu be­han­deln, or­dent­lich zu näh­ren und zu klei­den usw. usw.«

»Was i amal sag, dös halt i a«, er­wi­der­te Gam­field mür­risch.

»Sie ha­ben eine et­was un­ge­schlif­fe­ne Re­de­wei­se, lie­ber Freund, schei­nen aber sonst ein ehr­li­cher gut­her­zi­ger Mann zu sein«, sag­te der alte Herr und rich­te­te sei­ne Bril­le auf den Schorn­stein­fe­ger­meis­ter, auf des­sen schur­ki­schem Ge­sicht die Bru­ta­li­tät deut­lich zu le­sen war. Der alte Herr war halb blind und schon ganz kin­disch, und man konn­te von ihm da­her nicht er­war­ten, dass er er­ken­ne, was an­de­ren auf den ers­ten Blick auf­fal­len muss­te.

»Dös will i hof­fen, Herr von Vor­stand«, sag­te Gam­field grin­send.

»Ich set­ze nicht den min­des­ten Zwei­fel in Ihre Wor­te, mein Freund«, er­wi­der­te der alte Herr, drück­te sich die Bril­le fes­ter auf die Nase und fahn­de­te nach dem Tin­ten­fass.

Es war ein kri­ti­scher Au­gen­blick in Oli­vers Schick­sal: hät­te das Tin­ten­fass dort ge­stan­den, wo es der alte Herr ver­mu­te­te, so wür­de die­ser sei­ne Fe­der ein­ge­taucht und den Ver­trag un­ter­fer­tigt ha­ben, und Oli­ver wäre ein für al­le­mal »ver­sorgt« ge­we­sen. Da sich das Tin­ten­fass je­doch dicht vor der Nase des al­ten Herrn be­fand, über­sah es die­ser na­tür­lich, such­te über­all auf dem Pult her­um, ohne es zu fin­den, und da­bei fiel sein Blick auf das blei­che ver­stör­te Ge­sicht Oli­ver Twist’s, der trotz al­ler Er­mah­nun­gen und Püf­fe Mr. Bum­bles das Äu­ße­re sei­nes zu­künf­ti­gen Lehr­her­ren mit ei­nem aus Grau­en und Furcht ge­misch­ten Aus­druck be­trach­te­te.

Der alte Herr hielt so­fort inne, leg­te die Fe­der aus der Hand und blick­te von Oli­ver zu Mr. Limbkins, der mit un­be­fan­ge­ner hei­te­rer Mie­ne eine Prie­se Schnupf­ta­bak zu neh­men ver­such­te.

»Lie­bes Kind!« sag­te der alte Herr und lehn­te sich über das Pult. Oli­ver fuhr beim Klang sei­ner Stim­me zu­sam­men, denn die Wor­te wa­ren in so freund­li­chem Tone ge­spro­chen, dass sie ihn be­frem­den muss­ten. Er zit­ter­te hef­tig und brach in Trä­nen aus.

»Aber Kind«, rief der alte Herr. »Du siehst ja ganz bleich und ver­stört aus? Was ist dir denn?«

»Tre­ten Sie ein we­nig von ihm weg«, sag­te der an­de­re alte Herr, leg­te sein Schrift­stück aus der Hand und beug­te sich mit ei­nem Aus­druck tiefer Teil­nah­me vor.

»Also, mein Kind, sag uns, was dir fehlt. Hab kei­ne Furcht.«

Oli­ver fiel auf die Knie, er­hob sei­ne ge­fal­te­ten Hän­de und fleh­te schluch­zend, man möge ihn lie­ber wie­der in das dunkle Zim­mer zu­rück­brin­gen und ihn ver­hun­gern las­sen, ihn schla­gen, ihn tot­schla­gen, al­les, nur ihn nicht je­nem schreck­li­chen Mann über­ge­ben.


»Ha«, rief Mr. Bum­ble, hob fei­er­lich die Hän­de em­por und blick­te zur De­cke auf. »Von al­len ver­stock­ten nie­der­träch­ti­gen Wai­sen­jun­gen, die mir je un­ter­ge­kom­men sind, ist die­ser der ver­wor­fens­te von al­len.«

»Hal­ten Sie den Mund, Kirch­spiel­die­ner«, rief der zwei­te alte Herr, als Mr. Bum­ble in sei­ner Rede in­ne­hielt.

»Ich bit­te Euer Gna­den um Ent­schul­di­gung«, stot­ter­te Bum­ble, der sei­nen Ohren nicht trau­te. »Ha­ben Euer Gna­den zu mir ge­spro­chen?«

»Ja­wohl! Hal­ten Sie den Mund!«

Mr. Bum­ble war sprach­los vor Ent­set­zen. Ei­nem Kirch­spiel­die­ner zu be­feh­len, den Mund zu hal­ten! Das hieß ja al­ler mensch­li­chen Moral ins Ge­sicht schla­gen!

Der alte Herr mit der Schild­patt­bril­le blick­te sei­nen Kol­le­gen an und nick­te be­zeich­nend.

»Wir ver­wei­gern, die­sen Kon­trakt zu be­stä­ti­gen«, sag­te er dann und schob das Pa­pier zur Sei­te.

»Ich will doch nicht hof­fen«, stam­mel­te Mr. Limbkins, »ich will doch nicht hof­fen, dass der hohe Ge­richts­hof der Mei­nung ist, der löb­li­che Ar­beits­vor­stand kön­ne auf das Zeug­nis die­ses Kin­des hin ir­gend­ei­ner ta­delns­wer­ten Hand­lung be­zich­tigt wer­den?«

»Ich sehe mich als Frie­dens­rich­ter nicht be­ru­fen, dar­über ir­gend­ei­ne Mei­nung ab­zu­ge­ben«, er­wi­der­te der alte Herr. »Neh­men Sie den Kna­ben wie­der mit heim und be­han­deln Sie ihn gut. Er scheint es sehr nö­tig zu ha­ben.«

Am sel­ben Abend noch gab der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te nicht nur die po­si­ti­ve Ver­si­che­rung ab, Oli­ver wür­de be­stimmt noch ein­mal an den Gal­gen kom­men, son­dern er füg­te so­gar die Pro­phe­zei­ung hin­zu, man wer­de ihn vor­her noch schin­den und vier­tei­len. Auch Mr. Bum­ble schüt­tel­te ge­heim­nis­voll den Kopf und äu­ßer­te den Wunsch, Oli­ver wer­de sich der­einst im Le­ben noch bes­sern, wäh­rend Mr. Gam­field be­dau­er­te, ihn nicht in sei­ne Klau­en be­kom­men zu ha­ben. Am nächs­ten Mor­gen wur­de aber­mals durch einen An­schlag­zet­tel kund­ge­ge­ben, dass Oli­ver Twist »zu ha­ben sei«, und dass je­der, der ihn neh­men wol­le, da­für fünf Pfund be­käme.

1 Si­ne­ku­re (ver­kürzt zu la­tei­nisch sine cura ani­ma­rum »ohne Sor­ge für die See­len«, d. h. ohne Ver­pflich­tung zur Seel­sor­ge) be­zeich­net ein Amt, mit dem Ein­künf­te, aber kei­ne Amts­pflich­ten ver­bun­den sind. <<<

4 – Oliver erhält eine Stelle und tritt ins öffentliche Leben ein.

Die Her­ren Vor­stän­de hat­ten Mr. Bum­ble be­auf­tragt, sich zu er­kun­di­gen, ob nicht viel­leicht ein Strom­schif­fer einen Lehr­jun­gen brau­che. Es war im All­ge­mei­nen üb­lich, Wai­sen­kin­der oder sol­che, die man gern los­wer­den woll­te, zur See zu schi­cken. Als der Kirch­spiel­die­ner zu­rück­kehr­te, traf er vor dem Tore zu­fäl­lig Mr. So­wer­ber­ry, den Lei­chen­be­stat­ter des Kirch­spiels. Mr. So­wer­ber­ry war ein großer ha­ge­rer kno­chi­ger Mann in ei­nem schwar­zen fa­den­schei­ni­gen An­zug, mit schä­bi­gen Baum­woll­st­rümp­fen glei­cher Far­be und dement­spre­chen­dem Schuh­zeug an­ge­tan. Schon von Na­tur aus tru­gen sei­ne Züge nicht ge­ra­de einen lä­cheln­den Aus­druck, aber zu­fäl­lig be­fand er sich heu­te in der hei­tern Lau­ne, die sein Ge­wer­be mit sich brach­te. Sein Schritt war elas­tisch, und sein Ant­litz zeug­te von in­ne­rem Froh­sinn, wie er so auf Mr. Bum­ble zu­schritt und ihm herz­lich die Hand schüt­tel­te.

»Ich habe den bei­den Frau­en Maß ge­nom­men, die wo ges­tern Nacht ge­stor­ben sin, Mr. Bum­ble«, sag­te er.

»Sie wer­den noch mal ein rei­cher Mann wer­den, Mr. So­wer­ber­ry«, be­merk­te Mr. Bum­ble und steck­te Dau­men und Zei­ge­fin­ger in die hin­ge­reich­te Schnupf­ta­baks­do­se des Lei­chen­be­stat­ters, die sin­nig ein klei­nes Mo­dell ei­nes Sar­ges dar­stell­te. »Ich sags im­mer, Sie wer­den noch ein­mal ein rei­cher Mann, Mr. So­wer­ber­ry«, wie­der­hol­te Mr. Bum­ble und klopf­te dem Lei­chen­be­stat­ter ver­trau­lich auf die Schul­ter.

»Glau­ben Sie?« frag­te der Lei­chen­be­stat­ter in ei­nem Ton, halb zu­stim­mend, halb ab­leh­nend. »Die Kos­ten, die wo mir die Her­ren Vor­stän­de be­wil­li­chen, sin sehr nied­rich.«

»Ihre Sär­ge aber auch«, er­wi­der­te der Kirch­spiel­die­ner und ver­zog sein Ge­sicht zu ei­nem Lä­cheln, das sei­ner ho­hen Stel­lung an­ge­mes­sen war.

Mr. So­wer­ber­ry fühl­te sich durch die­se Herab­las­sung nicht we­nig ge­schmei­chelt und lach­te eine Wei­le ge­zie­mend.

»Nun ja, Mr. Bum­ble«, sag­te er schließ­lich. »Zu leuch­nen ist frei­lich nich, dass seit Ein­füh­rung des neu­en Sys­tems die Sär­ge nied­ri­cher und kür­zer ge­wor­den sind, als sie sonst wa­ren, aber schließ­lich muss man sie doch ha­ben, Mr. Bum­ble. Gu­tes trock­nes Holz ist nich bil­lich und die Be­schlä­ge be­zie­he ich di­rekt aus den Ei­sen­fa­bri­ken in Bur­ming­ham.«

»Ja­wohl, ja­wohl, ich weiß, ich weiß«, sag­te Mr. Bum­ble. »Je­des Ge­schäft hat so sei­ne klei­nen Knif­fe, und das nimmt man auch nicht übel.«

»Na­tür­lich nich, na­tür­lich nich«, stimm­te der Lei­chen­be­stat­ter ein. »Wenn auch bei mei­nem Ar­ti­kel nich viel zu ver­die­nen is, so muss ich eben schau­en, es an­ders­wo wie­der her­ein­zu­brin­gen – hi­hi­hi.«

»Sehr rich­tig«, sag­te Mr. Bum­ble. »Üb­ri­gens so ne­ben­bei: wis­sen Sie nicht je­man­den, der einen Lehr­jun­gen brau­chen könn­te; einen Jun­gen aus dem Ar­beits­haus, einen, der uns nicht vom Hals geht, und den wir am Bein ha­ben wie eine Ket­te. Fei­ne Be­din­gun­gen, Mr. So­wer­ber­ry! Sehr fei­ne Be­din­gun­gen!« da­bei deu­te­te Mr. Bum­ble mit sei­nem Stock auf den Zet­tel, der auf dem Tor kleb­te, und führ­te drei nach­drück­li­che Schlä­ge ge­gen die Wor­te »fünf Pfund«, die dort mit großen Let­tern zu le­sen wa­ren.

»Sa­per­ment, Sa­per­ment«, rief der Lei­chen­be­stat­ter und fass­te Mr. Bum­ble an ei­nem sei­ner gold­nen Knöp­fe. »Dar­über woll­te ich ge­ra­de mit Ih­nen spre­chen. Üb­ri­gens alle Ach­tung, was für ein ele­gan­ter Knopf ist das, Mr. Bum­ble. Den habe ich ja noch nie an Ih­nen ge­se­hen.«

»Ja, ja, er ist ganz hübsch«, sag­te der Kirch­spiel­die­ner und blick­te mit Stolz auf sei­ne großen Me­tall­knöp­fe. »Und das Wap­pen des Kirch­spiels ist drauf. Sie se­hen: der barm­her­zi­ge Sa­ma­ri­ter, wie er sich des Kran­ken an­nimmt. Die Her­ren Vor­stän­de ver­lie­hen mir das Wap­pen an je­nem Mor­gen, Mr. So­wer­ber­ry, als ein Ar­bei­ter da­mals in­fol­ge Über­nach­tens in ei­nem Tor­we­ge er­fro­ren war.«

»Ja, ja, ich er­in­ne­re mich«, sag­te der Lei­chen­be­stat­ter. »Die Lei­chen­be­schau­kom­mis­si­on fäll­te da­mals den Spruch: ge­stor­ben in­fol­ge Er­frie­rens und aus Man­gel an den ge­wöhn­lichs­ten Le­bens­be­dürf­nis­sen. Wars nich so?«

Mr. Bum­ble nick­te. »Ja, ja, die Lei­chen­be­schau­er«, sag­te er und fass­te sei­nen Stock fes­ter, – was er im­mer tat, wenn er är­ger­lich wur­de. »Uns­re Lei­chen­be­schau­er sind ein ganz un­ge­bil­de­tes dum­mes Pack.«

»Ja, das stimmt«, er­wi­der­te So­wer­ber­ry.

Mr. Bum­ble nahm sei­nen Drei­spitz ab, nahm das dar­in be­find­li­che Ta­schen­tuch und wisch­te sich den Schweiß von der Stirn, den der Är­ger sei­nem Haup­te ent­lockt, und setz­te den Hut wie­der auf. Dann wand­te er sich mit ver­än­der­tem Ton an den Lei­chen­be­stat­ter.

»Na also, wie ist’s, was solls mit dem Jun­gen?«

»Nun, Sie wis­sen«, er­wi­der­te der Lei­chen­be­stat­ter. »Sie wis­sen, Mr. Bum­ble, ich tra­che eine hüb­sche Sum­me mit zu den Ar­men­steu­ern bei.«

»Hem«, hüs­tel­te Mr. Bum­ble. »Na und?«

»Na und da dach­te ich«, fuhr So­wer­ber­ry fort, »wenn ich schon so viel zah­le, habe ich viel­leicht auch ein Recht, es an­der­weits ir­chend­wo wie­der her­ein­zu­brin­gen, Mr. Bum­ble. Na und da dach­te ich, ich könn­te den Jun­gen viel­leicht neh­men.«

Mr. Bum­ble er­griff ihn am Arm und führ­te ihn so­fort ins Haus. Dann schloss er sich fünf Mi­nu­ten mit ihm ein, und es wur­de zwi­schen ih­nen ver­ein­bart, dass Oli­ver noch heu­te Abend zu Mr. So­wer­ber­ry kom­men soll­te – vor­der­hand nur zur Pro­be – eine Phra­se, die, auf einen Kirch­spiel­wai­sen­kna­ben an­ge­wen­det, wei­ter nichts zu be­deu­ten hat­te, als dass der Lehr­meis­ter be­rech­tigt war, wenn er nach ei­ner kur­z­en Pro­be­zeit be­merk­te, dass der Jun­ge mehr zu ar­bei­ten im­stan­de war, als er Es­sen brauch­te, mit die­sem eine be­stimm­te Zahl von Jah­ren ver­fah­ren konn­te, wie es ihm be­lieb­te.

Als der klei­ne Oli­ver noch am sel­ben Abend den Her­ren Vor­stän­den vor­ge­führt wur­de und er­fuhr, er sol­le so­gleich zu ei­nem Sarg­tisch­ler als Lauf­bur­sche in die Leh­re ge­ge­ben oder zur See ge­schickt wer­den, falls er sich un­ter­fan­gen soll­te auf­zu­mu­cken, da leg­te Oli­ver so we­nig Er­re­gung an den Tag und blieb so stumpf al­lem ge­gen­über, was er an­hö­ren muss­te, dass man ihn ein­stim­mig als einen der ver­stock­tes­ten jun­gen Gal­gen­vö­gel er­klär­te; Mr. Bum­ble be­deu­te­te ihm, so­fort mit­zu­kom­men.

Wenn es auch wei­ter nicht zu ver­wun­dern war, dass die Her­ren Ge­mein­de­vor­stän­de dar­über in Ent­rüs­tung ge­rie­ten, dass sich ein jun­ger Mensch, der ih­rer Für­sor­ge an­ver­traut war, in ei­nem sol­chen Fal­le gänz­lich emp­fin­dungs­los zeig­te, so be­ur­teil­ten sie den­noch den Fall ganz falsch. Die Sa­che lag ein­fach so, dass Oli­ver nicht nur nicht emp­fin­dungs­los war, son­dern viel­mehr in­fol­ge der schlech­ten Be­hand­lung, die er er­fah­ren, sich auf dem bes­ten Wege be­fand, für sein gan­zes Le­ben in einen Zu­stand tie­ri­scher Stumpf­heit und geis­ti­ger Um­nach­tung zu ver­sin­ken. Un­be­weg­lich und stumm hör­te er die an ihn ge­rich­te­ten Wor­te an, schein­bar voll­stän­dig gleich­gül­tig ge­gen­über sei­nem wei­te­ren Schick­sal. Nach­dem man ihm sein Bün­del, be­ste­hend aus ei­nem klei­nen Pa­ket, in die Hand ge­drückt, zog er sei­ne Müt­ze über die Au­gen und ließ sich wi­der­stands­los von Mr. Bum­ble hin­aus­füh­ren. Eine Zeit lang schleif­te ihn der Kirch­spiel­die­ner hin­ter sich her, ohne ihn ei­nes Blickes oder Wor­tes zu wür­di­gen. Es war ein win­di­ger Tag, und wenn der Luft­zug Mr. Bum­bles Rock­schö­ße auf­weh­te, wo­bei die lang­zipf­li­ge Kirch­spiel­die­ner­wes­te und die Knie­ho­sen aus gel­bem Samt sich den Bli­cken ent­hüll­ten, ver­schwand der klei­ne Oli­ver fast ganz hin­ter den flat­tern­den Klei­dungs­stücken. Als sie sich knapp vor ih­rem Ziel be­fan­den, hielt es Mr. Bum­ble für an der Zeit, sei­nen Blick zu sen­ken und sich zu über­zeu­gen, ob der Jun­ge so­weit prä­sen­ta­bel sei, um das Wohl­ge­fal­len sei­nes neu­en Meis­ters und Herrn er­we­cken zu kön­nen.

»Oli­ver!« sag­te er.

»Ja, Sir?« er­wi­der­te Oli­ver mit be­ben­der Stim­me.

»Schieb dir die Müt­ze aus der Stirn, Jun­ge, und hal­te dich ge­ra­de.«

Trotz­dem Oli­ver au­gen­blick­lich ge­horch­te und sich mit dem Han­drücken über die feuch­ten Au­gen fuhr, schim­mer­te doch noch eine Trä­ne dar­in, und wie Mr. Bum­ble mit Stren­ge auf ihn her­nie­der­blick­te, roll­te ihm die Trä­ne die Wan­ge hin­un­ter. Eine zwei­te Trä­ne folg­te und noch eine drit­te. Der Klei­ne gab sich alle Mühe, aber es half nichts. Er zog die an­de­re Hand aus Mr. Bum­bles Hand, be­deck­te sein Ge­sicht und wein­te, bis ihm die Trä­nen über das Kinn her­ab­tropf­ten und zwi­schen den ma­gern Fin­gern her­vor­quol­len.

»Da hört sich doch al­les auf«, rief Mr. Bum­ble, blieb ste­hen und run­zel­te wü­tend die Au­gen­brau­en. »Von all den un­dank­bars­ten ver­dor­bens­ten Wai­sen­bu­ben, Oli­ver, die mir je un­ter­ge­kom­men sind, bist du doch der schlimms­te.«

»Nein, nein, Sir«, schluchz­te Oli­ver und klam­mer­te sich wie­der an die Hand, die den wohl­be­kann­ten Stock hielt. »Nein, nein, Sir, ich will ja brav sein, wirk­lich, ich will es. Ich bin ja noch so klein, Sir, und so – so -«

»Was denn – so?« forsch­te Mr. Bum­ble er­staunt.

»So ein­sam und ver­las­sen, Sir, so schreck­lich ein­sam«, schluchz­te der Klei­ne. »Nie­mand kann mich lei­den. Bit­te, sei­en Sie nicht auch noch böse auf mich.«

Da­bei drück­te er die Hand aufs Herz und blick­te sei­nem Beglei­ter ins Ge­sicht, wäh­rend Trä­nen tiefs­ten Schmer­zes sei­ne Au­gen füll­ten.

Ein paar Se­kun­den lang be­trach­te­te Mr. Bum­ble Oli­vers hil­fe­fle­hen­des Ge­sicht voll Er­stau­nen, dann hüs­tel­te er ein paar­mal ver­le­gen, mur­mel­te ein paar Wor­te über das dum­me Wet­ter und er­mahn­te ihn, ein gu­ter Jun­ge zu sein. Dann fass­te er ihn wie­der bei der Hand und ging schwei­gend mit ihm wei­ter.

Der Lei­chen­be­stat­ter hat­te eben sei­nen La­den ge­schlos­sen und mach­te ge­ra­de beim Schim­mer ei­ner Talg­ker­ze ein paar Ein­tra­gun­gen in sein Kon­to­buch, als Mr. Bum­ble ein­trat.

»Aha«, rief er und blick­te von dem Bu­che auf. »Sie sind es, Bum­ble.«

»Ja­wohl, ich bins«, er­wi­der­te der Kirch­spiel­die­ner. »Hier ist er. Ich habe Ih­nen den Jun­gen mit­ge­bracht.«

Oli­ver mach­te einen Kratz­fuß.

»Also das ist der Jun­ge, was?« frag­te der Lei­chen­be­stat­ter und hielt die Ker­ze in die Höhe, um den Klei­nen bes­ser be­sich­ti­gen zu kön­nen. »Lie­be Frau, sei ein­mal so gut und komm einen Au­gen­blick her.«

Mrs. So­wer­ber­ry tauch­te aus ei­nem klei­nen Zim­mer hin­ter dem La­den auf, und auf den ers­ten Blick konn­te man er­ken­nen, dass sie eine klei­ne ha­ge­re Per­son mit zän­ki­schem Ge­sichts­aus­druck war.

»Lie­be Frau«, be­gann Mr. So­wer­ber­ry be­tre­ten, »das ist der Jun­ge aus dem Ar­men­haus, von dem ich dir er­zählt habe.« – Oli­ver mach­te aber­mals einen Kratz­fuß.

»Gott im Him­mel«, rief die Frau, »ist der aber klein!«

»Frei­lich, ein we­nig klein ist er«, gab Mr. Bum­ble zu und sah Oli­ver mit ei­nem stra­fen­den Blick an, als ob die­ser die Schuld dar­an tra­ge, dass er nicht grö­ßer ge­wor­den sei. – »Klein ist er, das lässt sich nicht be­strei­ten. Aber er wird schon noch wach­sen, Mrs. So­wer­ber­ry.«

»Ja, ja, auf uns­re Kos­ten!« zank­te die Frau ver­drieß­lich. »Und bei dem, was bei uns auf den Tisch kommt. Ich ken­ne schon die Ar­men­haus­kin­der, die fres­sen im­mer mehr, als sie wert sind. Aber die Män­ner wis­sen na­tür­lich im­mer al­les am bes­ten. Marsch, die Trep­pe hin­un­ter, du Häuf­chen Un­glück!« Mit die­sen Wor­ten öff­ne­te Mrs. So­wer­ber­ry eine klei­ne Tür und dräng­te Oli­ver eine stei­le Trep­pe hin­ab in einen feuch­ten fins­tern Kel­ler, der den Vor­raum zum Koh­len­kel­ler bil­de­te und die Be­zeich­nung Kü­che trug. Dort saß ein schlum­pi­ges Dienst­mäd­chen mit Schu­hen mit schie­fen Ab­sät­zen und blau­en St­rümp­fen voll großer Lö­cher, die of­fen­bar schon seit lan­gem auf Re­pa­ra­tur war­te­ten.

»Hier, Char­lot­te«, sag­te Mrs. So­wer­ber­ry, »gib dem Jun­gen ein paar von den Res­ten, die für Trip auf­ge­ho­ben wor­den sind. Seit mor­gens streunt das Biest auf der Gas­se her­um, da soll es sich mal hung­rig zu Bett le­gen. Hof­fent­lich ist der Bur­sche da nicht zu hei­kel. He, Jun­ge, was sagst du dazu?«

Oli­ver, des­sen Au­gen, als von Es­sen die Rede war, auf­ge­leuch­tet hat­ten, zit­ter­te förm­lich vor Gier und be­teu­er­te, dass er durch­aus nicht hei­kel sei; und dar­auf­hin wur­de ihm eine Schüs­sel Spei­sen­ab­fäl­le vor­ge­setzt.

Wenn da nur so ein ge­wis­ser satt­ge­fres­se­ner Theo­re­ti­ker mit ei­nem Her­zen von Stein zu­ge­se­hen hät­te, wie sich Oli­ver Twist über das Fut­ter her­mach­te, das für den Hund be­stimmt war, und die Gier, mit der er die Bis­sen aus­ein­an­der­riss – hal­b­ohn­mäch­tig von Hun­ger. Noch bes­ser, wenn ein sol­cher Theo­re­ti­ker selbst ein­mal ge­zwun­gen wäre, sich über eine der­ar­ti­ge Sor­te Fut­ter herzu­ma­chen …

»Na?« frag­te die Frau Lei­chen­be­stat­te­rin, als Oli­ver mit al­lem gründ­lich auf­ge­räumt hat­te, stumm vor Ent­set­zen und bö­ser Ah­nung, wie das mit dem Ap­pe­tit des Lehr­jun­gen in Hin­kunft wei­ter­ge­hen wür­de. »Na, bist du jetzt fer­tig?«

Da nichts Ess­ba­res mehr vor­han­den war, ant­wor­te­te Oli­ver mit »Ja«.

»Also, dann komm mit«, brumm­te Mrs. So­wer­ber­ry, nahm eine trüb­bren­nen­de schmut­zi­ge Lam­pe und ging ihm die Trep­pe vor­aus hin­auf. »Da hier un­ter dem La­den­tisch ist ein Bett. Hof­fent­lich machst du dir nichts dar­aus in den Sär­gen zu schla­fen, was? Aber mir kanns gleich­gül­tig sein, ob dir’s et­was aus­macht oder nicht. Kurz und gut: hier ist dein Bett. So, jetzt mach dich fer­tig, ich hab’ kei­ne Lust, die gan­ze Nacht hier zu ste­hen.«

Schüch­tern und schwei­gend ge­horch­te Oli­ver.

5 – Oliver bekommt einen neuen Horizont und wohnt zum ersten Mal einem Leichenbegängnis bei.

In der Werk­stät­te des Sarg­tisch­lers sich selbst über­las­sen, setz­te Oli­ver sei­ne Lam­pe auf eine Werk­bank, von Furcht und Grau­en durch­schau­ert. Ein fer­ti­ger Sarg auf ei­nem schwar­zen Ge­stell mit­ten im La­den er­in­ner­te ihn so sehr an den Tod, dass ihn ein kal­ter Schau­er über­lief, so oft sich sein Blick hin­ver­irr­te, und zu­wei­len kam es ihm so vor, als müs­se je­den Au­gen­blick eine ent­setz­li­che Ge­stalt lang­sam ihre Hand er­he­ben und ihn aus dem Sar­ge her­aus an­star­ren, bis er wahn­sin­nig vor Furcht wür­de. Die Wand ent­lang in re­gel­mä­ßi­gen Rei­hen stand eine Men­ge Bret­ter aus Ul­men­holz, alle eben­falls zu Sär­gen be­stimmt. Bei dem trü­ben Licht sa­hen sie wie hoch­schult­ri­ge Ge­s­pens­ter aus, die die Hän­de in die Ho­sen­ta­schen ge­steckt hat­ten. Sarg­plat­ten, Holz­spä­ne, lang­köp­fi­ge Nä­gel und Stücke Trau­er­flor la­gen auf dem Bo­den um­her. Die Wand hin­ter dem La­den­tisch war mit ei­nem Bild ge­schmückt, das zwei Lei­chen­die­ner mit stei­fen Kra­gen, die vor dem Por­tal ei­nes Pri­vat­hau­ses ihr Amt ver­sa­hen, dar­stell­te, wäh­rend ein Lei­chen­wa­gen, von vier schwar­zen Pfer­den ge­zo­gen, aus der Fer­ne her­an­ge­fah­ren kam. Der La­den war eng und heiß und die gan­ze Luft ge­sät­tigt von dem Ge­ruch von Sär­gen. Der Ver­schlag un­ter dem La­den­tisch, wo für Oli­ver eine Woll­ma­trat­ze aus­ge­brei­tet lag, sah aus wie ein Grab.

Oli­ver fühl­te sich trost­los al­lein und ver­las­sen, und wenn er auch kei­nen Schmerz über Tren­nung von Freun­den oder An­ge­hö­ri­gen emp­fand, so war ihm doch das Herz un­säg­lich schwer. Und wie er in sein en­ges Bett hin­ein­kroch, wünsch­te er sich, es möch­te sein Sarg sein und man trü­ge ihn hin­aus auf den Kirch­hof, wo das hohe stil­le Gras über ihm im Win­de säu­sel­te und das Läu­ten der al­ten Kirch­turm­glo­cken ihn träu­men mach­te in süßem Schlum­mer.

Am nächs­ten Mor­gen er­weck­ten ihn lau­te Fuß­trit­te ge­gen die Au­ßen­sei­te der Werk­stät­ten­tü­re. Er sprang auf und be­gann die Vor­häng­ket­te zu lö­sen; da erst lie­ßen die Füße von ih­ren Trit­ten ab und eine Stim­me rief: »Mach’ die Tür auf, na, wird’s bald!« »So­fort, Sir«, er­wi­der­te Oli­ver, mach­te die Ket­te gänz­lich los und dreh­te den Schlüs­sel um.

»Du bist wohl der neue Lehr­bursch, was?« frag­te die Stim­me durch das Schlüs­sel­loch.

»Ja, Sir«, ant­wor­te­te Oli­ver.

»Wie alt bist du denn?« frag­te die Stim­me wei­ter.

»Zehn Jah­re, Sir.«

»Dann werd’ ich dich durch­prü­geln, wenn ich hin­ein­kom­me«, pro­phe­zei­te die Stim­me. »Gib nur acht, wenn ich erst drin bin, du Zucht­häus­ler.«

Nach die­sem lie­bens­wür­di­gen Ver­spre­chen schwieg der un­sicht­ba­re Mund und be­gann zu pfei­fen.

Oli­ver hat­te schon zu oft das an­ge­droh­te Schick­sal über sich er­ge­hen las­sen, um noch den lei­ses­ten Zwei­fel zu he­gen, dass der Be­sit­zer der Stim­me, wer er auch sein möge, sein Ver­spre­chen hal­ten wer­de. Mit zit­tern­der Hand schob er den Rie­gel zu­rück und öff­ne­te die Türe.

Ein paar Se­kun­den lang blick­te er die Stra­ße auf und ab, im Glau­ben, der Un­be­kann­te, der ihn durch das Schlüs­sel­loch an­ge­re­det, sei ein paar Schrit­te wei­ter­ge­gan­gen, um sich zu er­wär­men, aber er er­blick­te nie­mand als einen Wai­sen­jun­gen aus dem städ­ti­schen Ar­men­haus, der auf ei­nem Pfos­ten vor dem Hau­se saß und ein But­ter­brot ver­zehr­te.

»Ent­schul­di­gen Sie, Sir«, sag­te Oli­ver schließ­lich, da er nie­mand an­ders se­hen konn­te, »ha­ben Sie viel­leicht ge­klopft?«

»Ja, mit die Fieß an die Tür g’­sto­ßen hab i«, er­wi­der­te der frem­de Wai­sen­kna­be.

»Wün­schen Sie viel­leicht einen Sarg?« frag­te Oli­ver un­schul­dig.

»Du wirst bald sel­ber einen brau­chen«, war die zor­ni­ge Ant­wort, »wenn du dir sol­che Frech­hei­ten mit dei­nem Vor­ge­setz­ten her­aus­nimmst. Du weißt viel leicht gar nicht, wer ich bin«, fuhr der Wai­sen­kna­be fort und er­hob sich wür­de­voll von sei­nem Sitz.

»Nein, Sir«, gab Oli­ver zu.

»Ich bin Mr. Noah Clay­po­le«, sag­te der Wai­sen­jun­ge, »und du bist mein Un­ter­ge­be­ner. Mach’ die Fens­ter­lä­den auf, jun­ger Hund!« Bei die­sen Wor­ten ver­setz­te »Mr.« Clay­po­le Oli­ver einen Tritt und schritt mit wür­de­vol­ler Mie­ne in die Werk­stät­te. Für einen jun­gen Herrn mit großem Schä­del und klei­nen Maus­au­gen, von schlott­ri­ger Ge­stalt und ei­nem Brei­ge­sicht ist es nicht leicht, sich ein wür­de­vol­les Air zu ge­ben. Aber ganz be­son­ders schwie­rig ist es, wenn zu die­sen per­sön­li­chen Vor­zü­gen noch eine rote Nase und gel­be Knie­ho­sen hin­zu­kom­men.

Nach­dem Oli­ver die Fens­ter­lä­den ent­fernt und bei sei­nem Be­mü­hen, sie bei­sei­te zu stel­len, eine Fens­ter­schei­be zer­bro­chen hat­te, wur­de er beim Weg­schlep­pen der üb­ri­gen Vor­fens­ter gnä­digst von Mr. Noah un­ter­stützt, der ihm da­bei als Trost die Ver­si­che­rung gab, er wür­de es »mords­mä­ßig er­wi­schen«. Bald dar­auf kam Mr. So­wer­ber­ry her­un­ter und so­gleich er­schi­en auch Mrs. So­wer­ber­ry. Und rich­tig ging Mr. Noahs Pro­phe­zei­ung in Er­fül­lung, d.h. Oli­ver krieg­te es wirk­lich und folg­te dann sei­nem ju­gend­li­chen Amts­ge­nos­sen die Trep­pe hin­un­ter zum Früh­stück.

»Komm nä­her zum Feu­er«, sag­te Char­lot­te. »Ich hab’ dir ein Stückel Speck auf­g’ho­ben von dem Herrn sei­nem Früh­stück, Oli­ver, mach’ die Tür zu hin­ter Mr. Noah und nimm dir die Res­te, die ich dir dort­hin ge­stellt hab’. Da hast dei­nen Tee, nimm dir ihn und scher dich zu der Kis­ten dort und trink ihn – aber a bis­sel rasch ge­fäl­ligst. Du musst nach­her auf den La­den acht­ge­ben, ver­stan­den?«

»Ver­stan­den, Zucht­häus­ler?« wie­der­hol­te Noah Clay­po­le.

»Jes­sas, Jes­sas, Noah!« rief Char­lot­te. »Bist du aber heut lus­tig; lass doch den Ben­gel in Ruh.«

»In Ruh las­sen?« sag­te Noah. »Der wird schon so­wie­so g’­nug in Ruh g’las­sen. Den las­sen sein Va­ter und sei­ne Mut­ter schon so­wie­so in Ruh. Sei­ne gan­ze Ver­wandt­schaft lasst ihn schon in Ruh. Was, Char­lot­te? Hi­hi­hi!«

Char­lot­te konn­te sich gar nicht hal­ten vor Ge­läch­ter, in das Noah kräf­tig mit ein­stimm­te. Dann setz­ten sie sich zu­sam­men und war­fen von Zeit zu Zeit dem ar­men Oli­ver ver­ächt­li­che Bli­cke zu, wie er vor Käl­te schau­dernd auf sei­ner Kis­te im Win­kel saß und die schä­bi­gen Res­te ver­zehr­te, die für ihn auf­ge­ho­ben wa­ren.

Noah war ein Zög­ling aus dem Wai­sen­stift und nicht etwa eine Wai­se aus dem Ar­beits- oder Ar­men­haus. Er war auch kein Find­ling und konn­te sei­nen Stamm­baum schnur­ge­ra­de bis zu sei­nen El­tern hin­auf, die dicht da­ne­ben wohn­ten, her­lei­ten. Sei­ne Mut­ter war eine Wasch­frau und sein Va­ter ein ver­sof­fe­ner Sol­dat mit ei­nem Stelz­fuß und ei­ner Ta­ge­spen­si­on von zwei­ein­halb Pence. Die Lauf­bur­schen in der Nach­bar­schaft pfleg­ten Noah mit dem Spitz­na­men »Wai­sen­stift­ler« oder »Le­der­büch­se« zu be­le­gen, und Noah hat­te es still­schwei­gend er­tra­gen müs­sen. Aber jetzt warf ihm das Schick­sal durch einen glück­li­chen Zu­fall einen Wai­sen­kna­ben ohne Na­men in den Weg, auf den selbst das ver­wor­fens­te Ge­schöpf spöt­tisch mit dem Fin­ger deu­ten durf­te; an ihm ge­dach­te er jetzt sei­ne gan­ze lang auf­ge­spei­cher­te Wut aus­zu­las­sen. Es be­stand der­sel­be Un­ter­schied zwi­schen Oli­ver und ihm wie zwi­schen ei­nem hoch­ge­bo­re­nen Lord und ei­nem schmut­zi­gen Stra­ßen­jun­gen.

Un­ge­fähr drei bis vier Wo­chen war Oli­ver bei dem Lei­chen­be­stat­ter ge­we­sen, als Mr. So­wer­ber­ry ei­nes Ta­ges sei­ner Ehe­hälf­te ge­gen­über auf ihn zu spre­chen kam. »Der Jun­ge sieht jetzt präch­tig aus, mei­ne Lie­be«, sag­te er.

»Na, es­sen tut er wahr­haf­tig g’­nug«, knurr­te Mrs. So­wer­ber­ry.

»Es liegt ein Aus­druck von Me­lan­cho­lie in sei­nem Ge­sicht, mei­ne Lie­be, so­dass ich glau­be, er wür­de sich vor­treff­lich als Ker­zen­trä­ger bei ei­nem Lei­chen­be­gäng­nis eig­nen.«

Mrs. So­wer­ber­ry blick­te ver­wun­dert auf, und ihr Gat­te fuhr eif­rig fort:

»Ich mei­ne nicht, wenn ein Er­wach­se­ner be­gra­ben wird, son­dern bei Kin­der­be­stat­tun­gen. Es wäre eine ganz neue Idee, und ich glau­be, sie müss­te sich ganz vor­treff­lich durch­füh­ren las­sen.«

Mrs. So­wer­ber­ry, die in ge­schäft­li­chen Din­gen einen großen Scharf­blick be­saß, er­kann­te so­fort, dass der Ge­dan­ke eben­so vor­züg­lich wie neu war. Da sie sich aber in ih­rer Wür­de nichts ver­ge­ben woll­te, frag­te sie nur spitz, wes­halb denn ihr Herr Ge­mahl eine so na­he­lie­gen­de Idee nicht schon längst ge­habt habe. Mr. So­wer­ber­ry, der dies ganz rich­tig als eine Zu­stim­mung zu sei­nem Vor­schlag deu­te­te, ord­ne­te dem­ge­mäß an, dass Oli­ver un­ver­züg­lich in die Mys­te­ri­en des Lei­chen­be­stat­ter­ge­schäfts ein­zu­wei­hen sei und be­reits bei der nächs­ten Ge­le­gen­heit ei­nem Be­gräb­nis bei­zu­woh­nen habe.

Die Ge­le­gen­heit ließ nicht lan­ge auf sich war­ten. Be­reits am nächs­ten Mor­gen, un­ge­fähr eine hal­be Stun­de nach dem Früh­stück, er­schi­en Mr. Bum­ble im La­den, lehn­te sei­nen Stock ge­gen die Werk­bank, zog ein großes le­der­nes No­tiz­buch aus der Ta­sche, ent­nahm die­sem einen klei­nen Zet­tel und über­reich­te ihn Mr. So­wer­ber­ry.

»Aha«, sag­te der Sarg­tisch­ler mit freu­di­ger Mie­ne. »Eine Be­stel­lung für Sär­ge, wie?«

»Vor­läu­fig nur für einen Sarg«, be­stä­tig­te Mr. Bum­ble, »und au­ßer­dem für ein Ge­mein­de­be­gräb­nis.«

»Bai­ton?« las der Lei­chen­be­stat­ter von dem Zet­tel ab und blick­te Mr. Bum­ble fra­gend an. »Den Na­men habe ich frü­her noch nie­mals ge­hört.«

Mr. Bum­ble nick­te. »Eine wi­der­spens­ti­ge Ban­de, Mr. So­wer­ber­ry, eine sehr wi­der­spens­ti­ge Ban­de. Hoch­fah­rend sag’ ich Ih­nen, nicht zu glau­ben.«

»Hoch­fah­rend, wie?« rief Mr. So­wer­ber­ry und grins­te. »Aber hö­ren Sie, das ist wirk­lich stark.«

»Die Gelb­sucht könn­te man be­kom­men vor Wut«, rief der Kirch­spiel­die­ner, »amo­nia­ka­lisch kann ich Ih­nen sa­gen, Mr. So­wer­ber­ry.«

»Stimmt, stimmt«, pflich­te­te der Lei­chen­be­stat­ter bei.

»Wir ha­ben erst vor­ges­tern Abend von der Fa­mi­lie er­fah­ren«, be­rich­te­te Mr. Bum­ble, »und auch das nur, weil eine Frau, die mit ih­nen im sel­ben Hau­se wohn­te, beim Herrn Vor­stand bit­ten kam, man möge den Ar­men­arzt hin­schi­cken, um nach ei­ner Kran­ken zu se­hen, mit der es sehr schlecht ste­he. Der Herr Dok­tor war ge­ra­de beim Mit­ta­ges­sen, aber sein As­sis­tent – ein ver­dammt schnei­di­ger Bur­sche, sage ich Ih­nen – hat so­gleich ein Fla­sche voll Me­di­zin hin­ge­schickt.«

»Das nenn’ ich mir ge­wis­sen­haft im Dienst«, rief der Lei­chen­be­stat­ter be­wun­dernd.

»Ja ja, ist’s auch«, ver­setz­te der Kirch­spiel­die­ner. »Aber was glau­ben Sie, war die Fol­ge? Frech ist die Ban­de auch noch ge­wor­den. Der wert­ge­schätz­te Herr Ge­mahl von der Kran­ken hat sa­gen las­sen, die Ar­ze­nei passt nicht für sei­ne Frau, und er gibt nicht zu, dass sie so was ein­nimmt. Ich sag’ Ih­nen, eine fei­ne kräf­ti­ge Me­di­zin, die erst acht Tage vor­her zwei iri­sche Taglöh­ner und ein Koh­len­trä­ger mit bes­tem Er­folg ein­ge­nom­men ha­ben – und noch dazu in ei­ner Wichs­fla­sche, und der Kerl lässt sa­gen: sei­ne Frau nimmt so was nicht.« Em­pört ließ Mr. Bum­ble sei­nen Stock auf den La­den­tisch nie­der­sau­sen und wur­de rot im Ge­sicht wie ein Trut­hahn.

»Nein so was«, rief der Lei­chen­be­stat­ter.

»Ja­wohl, so was«, schrie Mr. Bum­ble. »Aber jetzt ist das Frau­en­zim­mer tot, und da heißt’s, sie un­ter die Erde brin­gen; und dar­um han­delt sich’s jetzt. Je schnel­ler die Sa­che in Ord­nung ist, de­sto bes­ser.« Da­bei setz­te Mr. Bum­ble sei­nen Drei­spitz fie­bernd vor Er­re­gung wie­der auf, an­fangs ver­kehrt und erst beim zwei­ten Male rich­tig, und stürm­te aus dem La­den.

»Er hat sich so ge­gif­tet, Oli­ver, dass er ganz ver­ges­sen hat, nach dir zu fra­gen«, sag­te Mr. So­wer­ber­ry und blick­te dem Kirch­spiel­die­ner nach, wie er die Stra­ße hin­un­ter­stampf­te.

Dann setz­te er sei­nen Hut auf und brumm­te: »Je schnel­ler wir das Ge­schäft ab­ma­chen, umso bes­ser. Noah, pass un­ter­des­sen auf den La­den auf. Oli­ver, nimm dei­ne Müt­ze und komm mit.« Oli­ver Twist ge­horch­te und folg­te stumm sei­nem Herrn.

Eine Zeit lang schrit­ten sie durch den be­leb­tes­ten und be­völ­kerts­ten Teil der Stadt. Dann bo­gen sie in eine enge Gas­se ein, die von Schmutz nur so starr­te, und blie­ben ste­hen, um sich nach dem be­zeich­ne­ten Hau­se um­zu­se­hen. Die Häu­ser auf bei­den Sei­ten wa­ren hoch und mas­sig, aber sehr alt, und wur­den nur von den al­lerärms­ten Leu­ten be­wohnt, wie man zwar nicht aus ih­rem ver­nach­läs­sig­ten Aus­se­hen er­kann­te, wohl aber aus dem schmie­ri­gen Äu­ßern der paar Män­ner und Frau­en, die ge­le­gent­lich die Mau­ern ent­lang schli­chen. Ein großer Teil der Häu­ser hat­te Lä­den nach vor­ne her­aus, aber die­se Lä­den wa­ren fest ver­schlos­sen und hin­gen nur so in den An­geln. Of­fen­bar wa­ren bloß die obe­ren Stock­wer­ke be­wohnt. Bei ein­zel­nen der Bau­ten, die in­fol­ge ih­res Al­ters und ih­rer Morsch­heit gänz­lich zu zer­fal­len droh­ten, war dem völ­li­gen Ein­sturz durch mäch­ti­ge ge­gen die Mau­ern ge­lehn­te Bal­ken, die fest in den Bo­den ge­rammt wa­ren, ge­wehrt. Aber selbst die­se Rui­nen schie­nen von ob­dach­lo­sem Ge­sin­del als Schlupf­win­kel aus­er­le­sen zu sein, wie man dar­aus er­se­hen konn­te, dass vie­le der Bret­ter, die die Stel­le von Tü­ren und Fens­tern ver­tra­ten, so aus­ein­an­der­ge­ris­sen wa­ren, dass sich ein Zu­gang bil­de­te, durch den ein Mensch nö­ti­gen­falls hin­durch­schlüp­fen konn­te. Die Rinn­stei­ne wa­ren ver­stopft und voll Kot; – selbst die Rat­ten, die tot in dem Un­rat ver­wes­ten, mach­ten den Ein­druck, als ob sie Hun­gers ge­stor­ben sei­en.

An der of­fe­nen Türe, an der Oli­ver und sein Herr halt mach­ten, war we­der ein Klop­fer, noch ein Klin­gel­griff zu se­hen. Vor­sich­tig tapp­ten sie sich einen dunklen Gang ent­lang und stie­gen zum ers­ten Stock em­por. Oli­ver ging da­bei im­mer hin­ter Mr. So­wer­ber­ry her, der ihm zu­re­de­te, sich nicht zu fürch­ten, bis er end­lich im Gang ge­gen eine Türe stol­per­te und an­klopf­te.

Ein jun­ges Mäd­chen, un­ge­fähr drei­zehn oder vier­zehn Jah­re alt, öff­ne­te ih­nen. Für den Lei­chen­be­stat­ter ge­nüg­te ein Blick in das Zim­mer, um zu wis­sen, wo­hin er sich zu be­ge­ben habe. Er trat ein, und Oli­ver folg­te ihm.

Vor ei­nem mit kal­ter Asche ge­füll­ten Ka­min kau­er­te ein Mann, und ein al­tes Weib hat­te auf ei­nem Sche­mel ne­ben ihm Platz ge­nom­men. In ei­nem an­de­ren Win­kel hock­ten ein paar in Lum­pen gehüll­te Kin­der her­um, und in ei­nem klei­nen Bret­ter­ver­schlag der Ein­gang­stü­re ge­gen­über lag et­was auf dem Bo­den, über das ein al­tes Tuch ge­wor­fen war. Oli­ver schreck­te zu­sam­men, als er die Au­gen dort­hin wand­te, und un­will­kür­lich fühl­te er, dass das, was un­ter dem Tuch lag, eine Lei­che sein müss­te.

Das Ge­sicht des Man­nes am Ka­min sah ein­ge­fal­len und to­ten­blass aus. Bart und Haupt­haar wa­ren er­graut und sei­ne Au­gen blut­un­ter­lau­fen. Das alte Weib hat­te ein Ge­sicht voll Run­zeln, die bei­den Zäh­ne, die sie noch be­saß, rag­ten über ihre Un­ter­lip­pe her­vor, aber ihre Au­gen strahl­ten hell und durch­drin­gend. Oli­ver konn­te es kaum über sich ge­win­nen, sie oder den Mann an­zu­bli­cken, denn bei­de sa­hen den to­ten Rat­ten, die er drau­ßen be­merkt, grau­en­haft ähn­lich.

»Nie­mand soll ihr na­he­kom­men«, rief der Mann und sprang wü­tend auf, als sich der Lei­chen­be­stat­ter dem Holz­ver­schlag nä­her­te. »Zu­rück da. Gott ver­dammt. Zu­rück da, oder -«

»Un­sinn, lie­ber Freund, Un­sinn«, such­te ihn der Lei­chen­be­stat­ter, der mit dem Elend in al­len Ge­stal­ten wohl ver­traut war, zu be­ru­hi­gen. »Un­sinn, sage ich Ih­nen, Un­sinn.«

»Und ich sage Ih­nen«, rief der Mann, ball­te die Fäus­te und stampf­te wie ein Ra­sen­der auf den Bo­den, »ich sage Ih­nen: ich will nicht, dass Ihr sie ein­scharrt. Sie könn­te kei­ne Ruhe dort fin­den. Die Wür­mer wür­den sie quä­len und pla­gen – fres­sen wohl nicht – sie ist nur noch Haut und Kno­chen.«

Mr. So­wer­ber­ry gab wei­ter kei­ne Ant­wort, son­dern zog ein Band aus sei­ner Ta­sche und knie­te einen Au­gen­blick ne­ben der Lei­che nie­der.

»Ja«, rief der alte Mann und brach in Trä­nen aus, »kniet nur nie­der, kniet alle nie­der; ich sag Euch, man hat sie hun­gern las­sen, bis sie ge­stor­ben ist. Ich hab’ ja nicht ge­ahnt, wie schlimm es mit ihr stand, bis sie das Fie­ber be­kam. Und da sta­chen ihr auch schon die Kno­chen durch die Haut. Nicht ein­mal ein Licht brann­te hier, als sie starb. In der Dun­kel­heit hat sie ster­ben müs­sen. Nicht ein­mal das Ge­sicht ih­rer Kin­der hat sie se­hen kön­nen; nur ihre Na­men hat sie stam­meln dür­fen. Ich hab’ für sie auf der Stra­ße ge­bet­telt, aber da ha­ben sie mich ins Ge­fäng­nis ge­steckt. Und als ich frei­kam, lag sie schon im Ster­ben. Mein Herz­blut ist aus­ge­dörrt bis auf den letz­ten Trop­fen. Man hat sie ver­hun­gern las­sen! Ich schwö­re bei Gott, dass es wahr ist. Sie ha­ben sie ver­hun­gern las­sen!«

Der Mann rauf­te sich das Haar und sank stöh­nend mit stie­ren Au­gen und Schaum vor dem Mund zu­sam­men.

Die ent­setz­ten Kin­der jam­mer­ten und wein­ten, aber die Alte, die bis­her stumm ge­blie­ben, als ob sie taub sei ge­gen al­les, was rings um sie her vor­ging, wies sie zur Ruhe. Dann lös­te sie dem Mann, der noch im­mer aus­ge­streckt auf dem Bo­den lag, das Hals­tuch und tau­mel­te auf den Lei­chen­be­stat­ter zu.

»Sie war mei­ne Toch­ter«, krächz­te sie und nick­te mit dem Kopf nach der Lei­che hin. Das blöd­sin­ni­ge Grin­sen, mit dem sie ihre Wor­te be­glei­te­te, wirk­te grau­en­haf­ter als selbst die Ge­gen­wart des To­des an ei­nem sol­chen Ort. »Gott, Gott«, ächz­te sie, »es ist so merk­wür­dig, dass ich, ihre Mut­ter, noch spre­chen und la­chen kann, wäh­rend sie hier liegt – kalt und starr. Gott Gott, es ist wie eine Ko­mö­die, es ist die reins­te Ko­mö­die.« Dann ki­cher­te die Arme wie­der wie eine Irr­sin­ni­ge. Der Lei­chen­be­stat­ter wand­te sich zum Ge­hen. »War­ten Sie, war­ten Sie«, rief ihm die Alte nach. »Wird sie mor­gen be­gra­ben oder erst über­mor­gen oder schon heut abend? Ich hab’ sie doch ge­bo­ren; da muss ich doch mit­ge­hen; ver­ste­hen Sie? Schi­cken Sie mir doch einen großen Man­tel – einen recht war­men Man­tel, es ist so kalt hier. Wir müs­sen auch Ku­chen und Wein be­kom­men, ehe wir ge­hen. Oder bes­ser: schi­cken Sie Brot her, einen Laib Brot und einen Krug Was­ser. Wer­den wir auch Brot be­kom­men, lie­ber Herr?« frag­te sie gie­rig und klam­mer­te sich an den Lei­chen­be­stat­ter, als die­ser zur Türe ge­hen woll­te.

»Ge­wiss, ge­wiss«, ant­wor­te­te Mr. So­wer­ber­ry, »na­tür­lich al­les, was Sie wol­len.« Dann be­frei­te er sich von dem Griff der Al­ten, zog Oli­ver hin­ter sich her und eil­te hin­aus.

Am nächs­ten Tag – man hat­te die Fa­mi­lie in­zwi­schen mit ei­nem hal­b­en Vier­tel­laib Brot und ei­nem Stück Käse ge­labt, was al­les Mr. Bum­ble in ei­ge­ner Per­son ge­bracht hat­te – kehr­te Oli­ver mit sei­nem Herrn in die elen­de Höh­le zu­rück, wo Mr. Bum­ble be­reits an­ge­kom­men war, von vier Ar­men­häus­lern, die das Amt der Lei­chen­trä­ger be­sor­gen soll­ten, ge­folgt. Ein al­ter schwar­zer Man­tel war der Grei­sin und ei­ner dem Mann über die Schul­tern ge­wor­fen wor­den; der ein­fa­che Sarg wur­de zu­ge­schraubt und auf die Stra­ße hin­un­ter­ge­tra­gen. »Schrei­ten Sie schnell aus, alte Dame«, flüs­ter­te So­wer­ber­ry der Grei­sin ins Ohr, »wir sind et­was spät dar­an und dür­fen den Herrn Pfar­rer nicht war­ten las­sen. Vor­wärts, Leu­te! So schnell wie mög­lich!«

Ihre Bür­de auf den Schul­tern, trot­te­ten die Trä­ger des Wegs. Die bei­den Leid­tra­gen­den hiel­ten sich, so gut sie konn­ten, in ih­rer Nähe, und Mr. Bum­ble und Mr. So­wer­ber­ry trab­ten ei­lig vor­aus. Oli­ver atem­los ne­ben ih­nen.

Die Eile war über­flüs­sig ge­we­sen, denn als sie den fins­tern trüb­se­li­gen Ar­men­kirch­hof er­reich­ten, in dem die Bren­nes­seln nur so wu­cher­ten, war der Geist­li­che noch nicht ge­kom­men, und der Küs­ter in der Sa­kris­tei glaub­te, dass es noch gut eine Stun­de dau­ern könn­te, be­vor er er­schei­nen wer­de. Die Bah­re wur­de am Rand des Gra­bes nie­der­ge­setzt, und die bei­den Leid­tra­gen­den war­te­ten ge­dul­dig auf dem feuch­ten Lehm­bo­den und in dem kal­ten Re­gen, der in Schau­ern her­nie­der­feg­te, wäh­rend die zer­lump­ten Gas­sen­jun­gen, die das Schau­spiel auf den Fried­hof ge­lockt, schrei­end und lär­mend zwi­schen den Lei­chen­stei­nen Ver­ste­cken spiel­ten oder zur Ab­wechs­lung ein­mal über den Sarg hin und her­spran­gen. Mr. So­wer­ber­ry und Mr. Bum­ble, die bei­de per­sön­li­che Freun­de des Herrn Küs­ters wa­ren, setz­ten sich zu ihm ans Feu­er und stu­dier­ten die Zei­tung.

End­lich nach mehr als ei­ner Stun­de sah man Mr. Bum­ble und Mr. So­wer­ber­ry zum Gra­be lau­fen, und gleich dar­auf er­schi­en der Geist­li­che, sich un­ter­wegs has­tig den Talar an­zie­hend. Mr. Bum­ble prü­gel­te noch rasch ein paar Gas­sen­bu­ben durch, und dann hiel­ten sei­ne Hoch­wür­den eine Grab­re­de, die ein paar Mi­nu­ten dau­er­te, über­ga­ben dem Küs­ter sei­nen Talar und ver­füg­ten sich wie­der nach Hau­se.

»Also los, Bill«, be­fahl Mr. So­wer­ber­ry dem To­ten­grä­ber, »los­ge­schau­felt!«

Das war bald ge­sche­hen, denn die Gruft war be­reits so voll, dass der Sarg nur we­ni­ge Fuß un­ter der Erd­ober­flä­che zu lie­gen kam.

Der To­ten­grä­ber schau­fel­te die Schol­len hin­ein und stampf­te sie ober­fläch­lich mit den Fü­ßen fest.

Die Gas­sen­bu­ben murr­ten, dass der Spaß so bald zu Ende war.

»Kom­men Sie, lie­ber Freund«, sag­te Mr. Bum­ble und klopf­te dem al­ten Mann auf den Rücken. »Der Kirch­hof wird gleich ge­schlos­sen wer­den.«

Nicht ein ein­zi­ges Mal hat­te sich der Mann, so lan­ge er ne­ben dem Gra­be ge­stan­den, ge­rührt, aber jetzt schreck­te er zu­sam­men, stier­te den Kirch­spiel­die­ner an, tau­mel­te ein paar Schritt vor­wärts und sank dann ohn­mäch­tig zu Bo­den. Die irr­sin­ni­ge Alte jam­mer­te fort­wäh­rend, dass man ihr den Man­tel wie­der ab­ge­nom­men habe, und fand gar kei­ne Zeit, sich mit dem Be­wusst­lo­sen ab­zu­ge­ben. Man schüt­te­te da­her eine Kan­ne kal­ten Was­sers über ihn, wor­auf er wie­der zum Be­wusst­sein kam, und dann wur­de das Tor ver­rie­gelt und je­der ging sei­nes We­ges.

»Na, Oli­ver«, frag­te Mr. So­wer­ber­ry den Lehr­jun­gen auf dem Heim­weg, »wie hat’s dir ge­fal­len?«

»Ich dan­ke, Sir, so­weit ganz gut«, ant­wor­te­te Oli­ver sto­ckend. »Ei­gent­lich nicht so be­son­ders.«

»Du wirst dich schon dran ge­wöh­nen«, trös­te­te So­wer­ber­ry. »Es wird schon ganz gut ge­hen, wenn du dich nur erst mal dran ge­wöhnt hast, Bur­sche.«

Oli­ver dach­te dar­über nach, wie lan­ge es wohl ge­braucht ha­ben möch­te, bis sich Mr. So­wer­ber­ry an der­glei­chen ge­wöhnt habe. Er un­ter­drück­te je­doch die Fra­ge und ging stumm in den La­den zu­rück.

6 – Oliver rafft sich, durch Noah gereizt, zu tatkräftigem Handeln auf.

Als der üb­li­che Pro­be­mo­nat vor­über war, wur­de Oli­ver in al­ler Form als Lehr­ling ins Ge­schäft ein­ge­stellt. Es war ge­ra­de so­zu­sa­gen Ster­be­sai­son, und nach Sär­gen herrsch­te rege Nach­fra­ge. Die äl­tes­ten Ein­woh­ner der Stadt konn­ten sich nicht er­in­nern, dass je­mals die Ma­sern so ge­wü­tet hät­ten, wie es ge­ra­de der Fall war. Da Oli­ver von jetzt an auch bei den meis­ten Be­gräb­nis­sen er­wach­se­ner Per­so­nen im Zuge mit­zu­ge­hen hat­te, um die nö­ti­ge Gleich­gül­tig­keit in Hal­tung und Ge­bär­den zu ler­nen, die ei­nem rich­ti­gen Lei­chen­be­stat­ter un­be­dingt nö­tig sind, so fand er gar oft Ge­le­gen­heit, die be­mer­kens­wer­te Stand­haf­tig­keit zu be­wun­dern, mit der ge­wis­se Leu­te, die sich ei­nes star­ken Ge­müts er­freu­ten, Ver­lus­te an Be­kann­ten, Freun­den und Ver­wand­ten zu tra­gen wuss­ten.

Be­fremd­li­cher­wei­se wirk­ten sol­che Bei­spie­le von Re­si­gna­ti­on nicht an­ste­ckend auf Oli­ver Twist; er kam viel­mehr nicht aus der Ver­wun­de­rung her­aus. Trotz­dem er­trug er ge­dul­dig mo­na­te­lang die schlech­te Be­hand­lung von sei­ten Noah Clay­po­les, der im­mer ge­häs­si­ger ge­gen ihn wur­de, da er sich zu­rück­ge­setzt fühl­te und kaum mit­an­se­hen konn­te, wie Oli­ver, der jün­ge­re Lehr­ling, tag­aus tagein im schwar­zen Rock und Flor aus­rücken durf­te, wäh­rend er, der Se­ni­or, sich mit Pelz­kap­pe und Le­der­ho­se be­gnü­gen muss­te. Char­lot­te be­han­del­te Oli­ver schlecht, weil Noah ihn schlecht be­han­del­te, und Mrs. So­wer­ber­ry war sei­ne aus­ge­spro­che­ne Fein­din, weil Mr. So­wer­ber­ry eher dazu neig­te, ihn freund­lich als un­freund­lich zu be­han­deln.

Ei­nes Ta­ges nun zur ge­wöhn­li­chen Mit­tags­stun­de wa­ren Oli­ver und Noah in die Kü­che hin­ab­ge­klet­tert, um sich an ei­ner knap­pen Ra­ti­on Ham­mel­fleisch vom schlech­tes­ten Na­cken­stück güt­lich zu tun, da wur­de Char­lot­te hin­auf­ge­ru­fen und Noah Clay­po­le, hung­rig und ver­bit­tert, glaub­te ihre Ab­we­sen­heit nicht bes­ser be­nüt­zen zu kön­nen, als sei­nen jun­gen Kol­le­gen zu hän­seln.

Als Ein­lei­tung leg­te er die Füße auf das Tisch­tuch, zupf­te Oli­ver an den Haa­ren, zwick­te ihn in die Ohren und gab der An­sicht Aus­druck, Oli­ver sei ein »Krie­cher«. Des wei­te­ren gab er der Hoff­nung Aus­druck, Oli­ver noch ein­mal am Gal­gen bau­meln zu se­hen, und dass es ihm auch auf den wei­tes­ten Weg nicht an­kom­men wer­de, falls ein­mal die­ses er­sehn­te Er­eig­nis ein­tre­ten soll­te. Da aber alle die­se hä­mi­schen Ver­su­che, Oli­ver zum Wei­nen zu brin­gen, fehl­schlu­gen, fing Noah Clay­po­le an, im­mer di­cker und di­cker auf­zu­tra­gen.

»Zucht­häus­ler!« rief er end­lich. »Was macht üb­ri­gens dei­ne Mut­ter?«

»Sie ist tot«, sag­te Oli­ver, »sprich nicht von ihr.«

Das Blut stieg ihm in die Wan­gen, und sei­ne Lip­pen zuck­ten selt­sam. Noah Clay­po­le hielt das für ein Vor­zei­chen, dass Oli­ver gleich in Trä­nen aus­bre­chen wür­de, und mach­te eine neue At­ta­cke.

»Woran ist sie denn ge­stor­ben, Zucht­häus­ler?« frag­te er.

»An ge­bro­che­nem Her­zen, hör­te ich die alte Wär­te­rin sa­gen«, mur­mel­te Oli­ver, mehr zu sich selbst spre­chend als zu sei­nem Kol­le­gen. »Ich glau­be, ich ver­ste­he, was das heißt.«

»A was, dum­mes Zeug, Zucht­häus­ler«, sag­te Noah, wäh­rend eine Trä­ne Oli­ver über die Wan­ge lief. »Was hat dich denn so plötz­lich zum Flen­nen ge­bracht?«

»Ach nichts«, er­wi­der­te Oli­ver, sich schnell die Au­gen trock­nend. »Du brauchst dir nichts dar­auf ein­zu­bil­den. Aber schweig jetzt, das rat ich dir.«

»Was? Ra­ten tust du’s mir?« rief Noah. »Ist das eine Frech­heit! Na, und dei­ne Mut­ter, das war auch so die Rech­te.« Da­bei nick­te er hä­misch mit dem Kopf und rümpf­te sei­ne klei­ne rote Stülp­na­se.

»Du tust mir ja leid, du Ar­men­häus­ler«, fuhr er, durch Oli­vers Schwei­gen kühn ge­macht, höh­nisch mit er­heu­chel­tem Mit­leid fort. »Aber es lässt sich mal nicht mehr än­dern. Du kannst ja auch nichts da­für und dau­erst mich ja von Her­zen. Aber dei­ne Mut­ter war halt – na, du weißt schon was.«

»Was sagst du da!« fuhr Oli­ver auf.

»Na ja, so eine ganz Schlech­te«, er­wi­der­te Noah kalt­blü­tig. »Für dich war es wohl das bes­te, du Ar­men­häus­ler, dass sie recht­zei­tig ins Grab ge­bis­sen hat, sonst wär sie jetzt im Zucht­haus oder am Gal­gen. Oder viel­leicht nicht?«

Pur­pur­rot vor Wut sprang Oli­ver auf, pack­te Noah an der Gur­gel und schüt­tel­te ihn, dass ihm die Zäh­ne im Mun­de klap­per­ten. Dann schlug er ihn mit ei­nem ein­zi­gen ge­schick­ten Hieb zu Bo­den.


Noch eine Mi­nu­te vor­her war Oli­ver das ru­higs­te sanf­tes­te Ge­schöpf der Welt ge­we­sen. Aber jetzt hat­te die scheuß­li­che Be­schimp­fung sei­ner Mut­ter sein Blut zum Wal­len ge­bracht. Sei­ne Au­gen blitz­ten, und er war völ­lig um­ge­wan­delt, wie er auf den fei­gen Quäl­geist, der vor ihm auf dem Bo­den lag, nie­der­blick­te.

»Er will mich er­mor­den«, heul­te Noah. »Char­lot­te! Mrs. So­wer­ber­ry! – Er schlägt mich tot – Hil­fe – zu Hil­fe! Oli­ver ist ver­rückt ge­wor­den. Char – lot­te!«

Ein lau­tes Ge­kreisch aus Char­lot­tens und ein noch lau­te­res aus Mrs. So­wer­ber­rys Mund war die Ant­wort, und gleich dar­auf kam das Dienst­mäd­chen in die Kü­che her­ein­ge­stürzt, wäh­rend die Meis­te­rin wohl­weis­lich auf der Trep­pe oben ste­hen blieb, bis sie sich ver­ge­wis­sert, dass nichts für sie auf dem Spie­le stän­de, wenn sie ganz die Trep­pe her­un­ter­käme.

»O du elen­des Un­ge­heu­er«, kreisch­te Char­lot­te und pack­te Oli­ver mit al­ler Kraft an der Brust. »Du – klei – ner – mord – gie­ri­ger – Schuft.« Und bei je­der Sil­be ver­setz­te sie dem ar­men Oli­ver zum Er­göt­zen der An­we­sen­den einen Hieb.

Ihre Faust war ziem­lich ge­wich­tig und hät­te Oli­vers Mord­lust, wenn eine sol­che vor­han­den ge­we­sen wäre, si­cher ge­dämpft. So aber kam auch noch Mrs. So­wer­ber­ry dazu, stürz­te in die Kü­che, hielt ihn mit ei­ner Hand fest und zer­kratz­te ihm mit der an­de­ren das Ge­sicht. Das gab na­tür­lich Noah sei­nen Mut wie­der zu­rück, er stand auf und be­gann von rück­wärts auf Oli­ver ein­zu­hau­en.

Die­ser über­stürz­te An­griff war doch et­was zu hef­tig, als dass er hät­te lan­ge dau­ern kön­nen. Als sich die drei müde ge­prü­gelt hat­ten und nicht mehr wei­ter konn­ten, schlepp­ten sie Oli­ver, der sich im­mer noch aus Lei­bes­kräf­ten wehr­te und aus vol­lem Hal­se schrie, in den Koh­len­kel­ler, wo sie ihn ein­sperr­ten. Dann sank Mrs. So­wer­ber­ry in einen Stuhl und brach in Trä­nen aus.

»O Gott, sie stirbt«, jam­mer­te Char­lot­te. »Ein Glas Was­ser, Noah! Was­ser! Schnell, schnell!«

»Ach, Char­lot­te, wir kön­nen Gott dan­ken, dass wir nicht längst alle in un­sern Bet­ten er­mor­det wor­den sind.«

»Ja, ja, es ist eine Gna­de des Him­mels, Ma­da­me«, er­wi­der­te das Dienst­mäd­chen. »Der arme Noah, er war schon halb tot, als ich her­ein­kam.«

»Der arme, arme Jun­ge«, rief Mrs. So­wer­ber­ry mit­lei­dig. Und auch Noah war ganz er­grif­fen und heu­chel­te ein paar Trä­nen.

»Was sol­len wir nur tun?« riet Mrs. So­wer­ber­ry. »Mein Mann ist nicht zu Hau­se, nie­mand ist da, und die Tür wird uns der Mord­bu­be in ein paar Mi­nu­ten ein­ge­tre­ten ha­ben.« Oli­vers ener­gi­sche At­ta­cken ge­gen die Bret­ter­wand des Koh­len­kel­lers lie­ßen ein sol­ches Er­eig­nis al­ler­dings als höchst wahr­schein­lich an­neh­men.

»O Gott, o Gott, ich weiß auch nicht, was wir tun sol­len, Mrs. So­wer­ber­ry«, jam­mer­te Char­lot­te. »Sol­len wir nicht viel­leicht nach der Po­li­zei schi­cken?«

»Oder nach dem Mü­li­där«, rief Mr. Clay­po­le.

»Nein, nein«, wi­der­sprach Mrs. So­wer­ber­ry, sich in die­sem Au­gen­blick an Oli­vers al­ten Freund er­in­nernd. »Lauf zu Mr. Bum­ble, Noah, und sage ihm, er sol­le doch gleich her­kom­men. Such erst nicht lang nach dei­ner Müt­ze, son­dern eil dich. Halt dir beim Lau­fen eine Mes­ser­klin­ge an dei­ne Beu­le, da ver­geht die Ge­schwulst am schnells­ten.«

Noah ließ sich nicht erst lan­ge Zeit, eine Ant­wort zu ge­ben, son­dern rann­te so schnell er konn­te, ein Mes­ser an sei­ne Stirn drückend, durch die Stra­ßen ins Ge­mein­de­ar­beits­haus.

7 – Oliver bleibt verstockt.

Noah Clay­po­le hielt nicht einen Au­gen­blick im Lau­fen inne und kam atem­los vor dem Tor des Ge­mein­de­ar­beits­hau­ses an. Ei­nen Au­gen­blick blieb er ste­hen, um eine mög­lichst kläg­li­che Mie­ne an­zu­neh­men, klopf­te dann laut und zeig­te dem al­ten Ar­men­häus­ler, der ihm öff­ne­te, ein so jam­mer­vol­les Ge­sicht, dass die­ser vor Er­stau­nen zu­rück­prall­te und frag­te: »Um Got­tes wil­len, was hast du denn, Jun­ge?«

»Mr. Bum­ble, Mr. Bum­ble«, schrie Noah in gut ge­heu­chel­ter Angst und so laut und gel­lend, dass Mr. Bum­ble, der ihn so­fort hör­te, au­gen­blick­lich ohne sei­nen Drei­spitz in die Flur ge­stürzt kam – ein deut­li­cher Be­weis, dass un­ter Um­stän­den so­gar ein Kirch­spiel­die­ner die Be­sin­nung ver­lie­ren und alle Wür­de au­ßer acht las­sen kann.

»Mr. Bum­ble, Mr. Bum­ble«, keuch­te Noah, »Oli­ver, Mr. Bum­ble, – Oli­ver – Oli­ver ist -«

»Was denn, was ist er denn?« frag­te Mr. Bum­ble, und ein Strahl von Freu­de leuch­te­te aus sei­nen glä­ser­nen Au­gen. »Doch nicht da­von­ge­lau­fen? So sprich doch, Noah!«

»Nein, Sir, nein, fort­ge­lau­fen ist er nicht, Sir. Aber mich, Char­lot­te und Mrs. So­wer­ber­ry hat er er­mor­den wol­len. O Gott, o Gott, Sir, – mein Hals, mein Kopf, mei­ne Brust – ich halts nicht aus vor Schmer­zen.«

Sein Jam­mer­ge­heul lock­te den Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te her­bei.

»Sir!« schrie Bum­ble. »Hö­ren Sie! Hier ist ein Jun­ge aus dem Wai­sen­stift, der von Oli­ver Twist bei­na­he er­mor­det wor­den wäre.«

»Se­hen Sie, se­hen Sie«, rief der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te und blieb er­starrt ste­hen. »Hab ichs nicht gleich ge­sagt! Ich habe im­mer pro­phe­zeit: der Bur­sche wird noch ein­mal am Gal­gen en­den.«

»Und das Dienst­mäd­chen hat er auch er­mor­den wol­len«, stot­ter­te Mr. Bum­ble mit asch­fah­lem Ge­sicht.

»Und Mrs. So­wer­ber­ry auch«, setz­te Mr. Clay­po­le hin­zu.

»Und sei­nen Herrn eben­falls, nicht wahr, Noah?«

»Nein, der war aus­ge­gan­gen«, er­klär­te Noah, »sonst hätt er ihn si­cher auch er­mor­det.«

»So? Hat er das an­ge­droht?« frag­te der Gent­le­man in der wei­ßen Wes­te.

»Ja, Sir«, ant­wor­te­te Noah. »Und eine Emp­feh­lung von Mrs. So­wer­ber­ry, und Sie lässt fra­gen, ob Mr. Bum­ble nicht Zeit hat, gleich mit­zu­kom­men und ihn durch­zu­prü­geln, da der Herr Meis­ter nicht zu Hau­se ist.«

»Ge­wiss, mein Jun­ge, ge­wiss«, ver­si­cher­te der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te und lä­chel­te gü­tig. »Du bist ein bra­ver Jun­ge – ein bra­ver Jun­ge. Hier hast du einen Pen­ny. Bum­ble, neh­men Sie mal gleich Ihren Stock und ge­hen Sie hin­über und tun Sie, was Sie kön­nen. Scho­nen Sie den Bur­schen nicht, Bum­ble!«

»Nein, ge­wiss nicht, Sir«, ver­sprach der Kirch­spiel­die­ner und rieb das Ende sei­nes Stockes mit Wachs ein, wie es im Kirch­spiel üb­lich war, wenn eine Prü­gel­stra­fe voll­streckt wer­den soll­te.

»Sa­gen Sie auch So­wer­ber­ry, dass er ihn ja nicht schont. Ohne Strie­men und Beu­len tuts der Laus­ben­gel nicht«, er­mahn­te der Gent­le­man mit der wei­ßen Wes­te.

»Ich wer­de die Sa­che schon be­sor­gen, Sir«, ver­sprach der Kirch­spiel­die­ner und mach­te sich mit Noah ei­ligst auf den Weg zum La­den des Sarg­tisch­lers.

Hier hat­ten die Din­ge in­zwi­schen kei­ne we­sent­li­che Än­de­rung er­fah­ren. Mr. So­wer­ber­ry war noch im­mer nicht zu­rück, im­mer noch schlug und stieß Oli­ver aus Lei­bes­kräf­ten ge­gen die Bret­ter­wand. Die Schil­de­run­gen, die Mrs. So­wer­ber­ry und Char­lot­te von sei­ner Wild­heit ga­ben, wa­ren so ver­blüf­fen­der Art, dass Mr. Bum­ble es für an­ge­bracht hielt, vor­erst ein­mal zu par­la­men­tie­ren, ehe er die Kel­ler­tü­re auf­sperr­te. Er leg­te zu die­sem Zweck sei­nen Mund an das Schlüs­sel­loch und rief mit Bass­s­tim­me hin­ein:

»Oli­ver.«

»Las­sen Sie mich hin­aus«, ant­wor­te­te Oli­ver von in­nen.

»Kennst du mei­ne Stim­me, Oli­ver?« forsch­te Mr. Bum­ble.

»Ja.«

»Und du fürch­test dich nicht vor mir? Du zit­terst nicht?«

»Nein«, ver­setz­te Oli­ver kühn.

Mr. Bum­ble war sprach­los vor Er­stau­nen. »Er muss ver­rückt ge­wor­den sein«, be­merk­te Mrs. So­wer­ber­ry.

»Nein, das ist nicht Ver­rückt­heit, Ma­da­me«, sag­te Mr. Bum­ble, »das macht das Fleisch.«

»Was?« rief Mrs. So­wer­ber­ry.

»Ja, ja, das kommt vom Flei­sches­sen, Mrs. So­wer­ber­ry. Da ha­ben Sies. Über­füt­tert ha­ben Sie ihn. Sie ha­ben sei­nen re­bel­li­schen Sinn ge­weckt. Und das war un­recht ge­han­delt, wie Ih­nen auch die Her­ren Amts­vor­stän­de, die ge­wiss er­fah­re­ne Män­ner sind, be­stä­ti­gen wer­den. Hät­ten Sie ihm wei­ter sei­nen Ha­fer­schleim ge­ge­ben, wäre so et­was nie pas­siert.«

»O Gott im Him­mel, Gott im Him­mel«, jam­mer­te Mrs. So­wer­ber­ry, die Au­gen fromm zur De­cke er­he­bend. »Das hat man da­von, wenn man li­be­ral denkt.«

Wie­der fing Oli­ver an, ge­gen die Bret­ter­wand zu häm­mern, da ging die Türe un­ten und Mr. So­wer­ber­ry kam nach Hau­se. Nach­dem ihm Oli­vers Mis­se­tat haarklein ge­schil­dert wor­den, wo­bei es an Über­trei­bun­gen na­tür­lich nicht fehl­te, rie­gel­te er un­ver­züg­lich die Kel­ler­tü­re auf und zog sei­nen re­bel­li­schen Lehr­jun­gen am Kra­gen her­aus.

Oli­vers Klei­der wa­ren in­fol­ge der Prü­ge­lei to­tal zer­ris­sen. Sein Ge­sicht war zer­kratzt und mit Beu­len be­deckt, und das Haar hing ihm wild über die Stirn. Aber im­mer noch lag die Zor­nes­rö­te auf sei­nen Wan­gen, und wie er her­aus­ge­zerrt wur­de, schoss er einen grim­mi­gen Blick auf Noah.

»Du bist mir ja ein net­ter Bur­sche«, schrie Mr. So­wer­ber­ry, schüt­tel­te ihn tüch­tig durch und gab ihm eine Ohr­fei­ge.

»Er hat mei­ne Mut­ter be­schimpft«, ant­wor­te­te Oli­ver.

»Na, was ist denn da wei­ter da­bei, du un­dank­ba­rer Tau­ge­nichts«, gell­te Mrs. So­wer­ber­ry. »Hat er da­mit viel­leicht nicht recht ge­habt.«

»Nein, er hat nicht recht ge­habt«, rief Oli­ver.

»Sie hat es ver­dient«, schrie Mrs. So­wer­ber­ry.

»Das ist eine Lüge«, er­klär­te Oli­ver kühn.

So­fort brach Mrs. So­wer­ber­ry in eine Flut von Trä­nen aus, die ih­rem Gat­ten kei­ne Wahl mehr wei­ter ließ. Woll­te er wirk­lich einen Au­gen­blick zö­gern, Oli­ver streng zu be­stra­fen, so gab es für ihn jetzt kei­ne Ent­schul­di­gung mehr; sei­ne Ehe­hälf­te wür­de ihm die schreck­lichs­ten Pre­dig­ten ge­hal­ten ha­ben. Er züch­tig­te Oli­ver da­her in ei­ner Wei­se, die Mr. Bum­bles Ein­grei­fen mehr als über­flüs­sig mach­te. Dann wur­de der klei­ne Mis­se­tä­ter bei Was­ser und Brot wie­der ein­ge­sperrt, und lan­ge noch ver­hän­sel­ten und be­schimpf­ten ihn Noah, Char­lot­te und Mrs. So­wer­ber­ry durch die Türe durch, bis auch sie sich end­lich schla­fen leg­ten.

Erst als es ganz still ge­wor­den, konn­te Oli­ver sich sei­nen Ge­füh­len über­las­sen. Al­len ih­ren Sti­che­lei­en hat­te er nur ein ver­stock­tes Schwei­gen ent­ge­gen­ge­setzt, und ohne ein ein­zi­ges Mal zu schrei­en, hat­te er die Züch­ti­gung sei­nes Meis­ters hin­ge­nom­men. Jetzt aber, wo nie­mand da war, der ihn se­hen konn­te, knie­te er nie­der, ver­barg sein Ge­sicht in den Hän­den und wein­te – wein­te, wie wohl we­ni­ge Kin­der vor ihm ge­weint ha­ben mö­gen.

Es dau­er­te lan­ge, bis er sich wie­der er­hob, und die Ker­ze brann­te schon tief im Leuch­ter, als er auf­stand. Vor­sich­tig späh­te er um­her und lausch­te ge­spannt. Dann müh­te er sich ab, den Rie­gel zu­rück­zu­schie­ben, was ihm end­lich ge­lang, und lug­te hin­aus.

Es war eine kal­te fins­te­re Nacht, und die Ster­ne schie­nen in viel grö­ße­rer Ent­fer­nung von der Erde, als Oli­ver sie je­mals ge­se­hen zu ha­ben sich er­in­ner­te. Kein Luft­hauch reg­te sich. Lei­se schloss er die Türe wie­der, und nach­dem er bei dem er­lö­schen­den Ker­zen­licht die we­ni­gen Klei­dungs­stücke, die er sein ei­gen nann­te, in ein Bün­del ge­schnürt, setz­te er sich auf eine Bank, um den An­bruch des Mor­gens zu er­war­ten.

Mit dem ers­ten Licht­strahl, der durch die Rit­zen des La­dens schi­en, er­hob er sich, – ein Schau­er­blick nach rück­wärts, ein Mo­ment der Un­ent­schlos­sen­heit, – dann hat­te er die Türe hin­ter sich ge­schlos­sen und stand drau­ßen auf der Stra­ße. Er blick­te nach rechts und links, un­ge­wiss, wo­hin er sich wen­den sol­le. Es fiel ihm ein, ein­mal ge­se­hen zu ha­ben, dass alle Wa­gen, wenn sie nach der Stadt fuh­ren, den Hü­gel hin­auf­wank­ten. Er schlug den­sel­ben Weg ein. Und als er auf der Land­stra­ße an­lang­te, schritt er rüs­tig wei­ter. Er kam am Ar­beits­haus vor­über. Nichts ver­riet, dass sei­ne In­sas­sen zu so frü­her Stun­de schon auf sein könn­ten. Oli­ver blieb ste­hen und späh­te in den Gar­ten. Ein Kind jä­te­te mit dem Spa­ten in ei­nem klei­nen Beet, hob sein blas­ses Ge­sicht, und Oli­ver er­kann­te die Züge ei­nes frü­he­ren Lei­dens­ge­fähr­ten. Er freu­te sich, dass er den klei­nen Jun­gen vor sei­nem Fort­ge­hen noch ein­mal sah, denn er war ihm, wenn er auch jün­ger als er war, ein lie­ber Freund und Spiel­ka­me­rad ge­we­sen. Sie hat­ten zu­sam­men ge­lit­ten, wa­ren zu­sam­men ein­ge­sperrt wor­den und hat­ten im­mer mit­ein­an­der hun­gern müs­sen.

»Heda, Dick«, sag­te Oli­ver, als der Jun­ge zum Ge­län­der ge­lau­fen kam und ihm sei­nen dün­nen Arm zum Will­kom­men durch die Stä­be reich­te. »Ist schon je­mand auf?«

»Nur ich.«

»Sag nicht, dass du mich ge­se­hen hast, Dick«, flüs­ter­te Oli­ver, »ich bin ge­flo­hen. Man hat mich ge­schla­gen und miss­han­delt. Ich gehe und such mir mein Glück wo an­ders. Wo, weiß ich noch nicht. Wie blass du aus­siehst.«

»Der Dok­tor hat ge­sagt, ich muss ster­ben – ich habs ge­hört«, ant­wor­te­te der Klei­ne mit ei­nem schwa­chen Lä­cheln. »Ich freue mich, dass ich dich noch ein­mal sehe, lie­ber Oli­ver. Aber halt dich nicht auf, geh rasch fort.«

»Ich will dir nur Le­be­wohl sa­gen«, ant­wor­te­te Oli­ver. »Ich wer­de dich schon noch wie­der­se­hen, Dick. Ich weiß es be­stimmt, Dick. Es wird dir noch ein­mal gut ge­hen und du wirst glück­lich wer­den.«

»Ich will es hof­fen«, er­wi­der­te der Klei­ne. »Aber erst, wenn ich mal ge­stor­ben bin; vor­her kann’s nicht sein. Der Dok­tor wird schon recht ha­ben, Oli­ver; und ich träu­me so viel vom Him­mel und von En­geln mit mil­den Ge­sich­tern, wie sie hier auf Er­den nicht sind. Komm, gib mir einen Kuss«, – der Klei­ne klet­ter­te auf das nied­ri­ge Git­ter­tor und schlang sei­ne Hän­de um Oli­vers Hals. »Leb wohl, lie­ber Freund, und Got­tes Se­gen.«

Der Se­gens­wunsch kam von den Lip­pen ei­nes klei­nen Jun­gens, aber es war der ers­te Se­gen, den Oli­ver zu hö­ren be­kam. In al­len Kämp­fen, in al­len Müh­sa­len und Lei­den, die ihn be­tra­fen, ver­gaß er ihn nie.

8 – Oliver wandert nach London und trifft mit einem sehr seltsamen jungen Gentleman zusammen.

Erst um die Mit­tags­stun­de mach­te Oli­ver auf sei­ner Wan­de­rung bei ei­nem Mei­len­stein Halt, auf dem die Ent­fer­nung von der Haupt­stadt an­ge­ge­ben war.

In Lon­don konn­te man Oli­ver nicht fin­den. Oft hat­te er im Ar­beits­haus sa­gen hö­ren: in Lon­don brau­che nie­mand, der nur ein biss­chen Grüt­ze habe, zu hun­gern, und in die­ser un­ge­heue­ren Stadt kön­ne man le­ben auf eine Wei­se, von der sich Leu­te, die auf dem Lan­de auf­ge­wach­sen sei­en, gar kei­nen Be­griff mach­ten. Es muss­te der rech­te Platz für einen hei­mat­lo­sen Jun­gen sein, sag­te sich Oli­ver. Da­mit sprang er wie­der auf die Füße und schritt, so schnell er konn­te, vor­wärts.

Al­les, was er mit hat­te, be­schränk­te sich auf eine Bro­trin­de, ein gro­bes Hemd und zwei Paar St­rümp­fe in sei­nem Bün­del, au­ßer­dem auf einen Pen­ny – ein Trink­geld, das ihm Mr. So­wer­ber­ry ein­mal da­für ge­ge­ben hat­te, weil er sich bei ei­nem Be­gräb­nis be­son­ders fei­er­lich be­nom­men.

Fast zwan­zig Mei­len leg­te Oli­ver an die­sem Tag zu­rück. Die gan­ze Zeit kam nichts über sei­ne Lip­pen als die Bro­trin­de und ein paar Schluck Was­ser. Am Abend leg­te er sich in einen Heu­hau­fen schla­fen und wan­der­te am an­de­ren Tag aber­mals zwölf Mei­len, wo­bei er sei­nen Pen­ny für Brot aus­gab, und über­nach­te­te wie­der im Frei­en, so­dass er am drit­ten Mor­gen, vor Käl­te fast er­starrt, sich kaum von der Stel­le be­we­gen konn­te. Am Fuß ei­nes stei­len Hü­gels war­te­te er, bis die Post­kut­sche vor­bei kam, und sprach die Pas­sa­gie­re, als sie einen Mo­ment aus­stie­gen, um eine Gabe an. Nie­mand hör­te auf ihn, nur ei­ner der Her­ren sag­te ihm, er wol­le ihm einen hal­b­en Pen­ny ge­ben, wenn er eine Stre­cke weit ne­ben dem Wa­gen mit­lau­fen wür­de. Als Oli­ver bald in­fol­ge sei­ner Er­mü­dung hin­ter der Post­kut­sche zu­rück­b­lieb, steck­te der Gent­le­man sei­ne Geld­mün­ze wie­der ein und er­klär­te, da sehe man wie­der, dass das arme Volk viel zu faul sei, sich ein­mal et­was zu ver­die­nen.

Und der Wa­gen ras­sel­te da­von und ließ nichts wei­ter zu­rück als eine Wol­ke Staub. Vor man­chen Dör­fern stan­den Ta­feln er­rich­tet, auf de­nen je­dem Bett­ler mit der strengs­ten Stra­fe ge­droht wur­de, und furcht­sam eil­te Oli­ver wei­ter, wenn er so et­was las. Wenn er ein­mal vor ei­nem Gast­haus mit hung­ri­gen Bli­cken still­stand, be­fahl man ihm, sich aus dem Staub zu ma­chen, wenn er nicht wol­le, dass man die Hun­de auf ihn los­las­se.

Es wür­de ihm wohl so er­gan­gen sein wie einst sei­ner un­glück­li­chen Mut­ter, hät­te sich sei­ner nicht schließ­lich ein men­schen­freund­li­cher Schlag­baum­wäch­ter und des­sen Frau an­ge­nom­men und ihn mit ei­nem Stück Brot und Käse ge­labt. Am sie­ben­ten Mor­gen nach Son­nen­auf­gang er­reich­te Oli­ver end­lich mit wun­den Fü­ßen die klei­ne Stadt Var­net. Über­all wa­ren noch die Fens­ter­la­den ge­schlos­sen, und nicht eine See­le ließ sich auf den ver­öde­ten Stra­ßen bli­cken. In ih­rer gan­zen strah­len­den Schön­heit ging die Son­ne auf, aber ihr Licht führ­te Oli­ver nur so recht zu Ge­mü­te, wie elend und ver­las­sen er war. Staub­be­deckt kau­er­te er sich an ei­ner Tür­schwel­le nie­der. All­mäh­lich öff­ne­ten sich die La­den und über­all wur­den die Ja­lou­si­en in die Höhe ge­zo­gen und die Men­schen be­gan­nen hin und her zu ge­hen. Ei­ni­ge stan­den still und sa­hen Oli­ver ein paar Se­kun­den lang an und wand­ten nach ihm den Kopf, und ei­ni­ge nah­men sich so­gar die Mühe zu fra­gen, wie er hier­her ge­kom­men sei. Er ge­trau­te sich aber nicht sie an­zu­bet­teln, son­dern blieb still sit­zen.

Eine Zeit lang hat­te er so auf der Stu­fe ge­kau­ert und sich über die große An­zahl von Wirts­häu­sern ge­wun­dert, denn je­des zwei­te Ge­bäu­de in Var­net war eine Schen­ke, bald groß, bald klein, als er sich plötz­lich be­wusst wur­de, dass ein jun­ger Bur­sche, der ei­ni­ge Mi­nu­ten vor­her acht­los an ihm vor­über­ge­gan­gen, zu­rück­ge­kehrt war und ihn von der an­de­ren Stra­ßen­sei­te drü­ben un­ver­wandt an­starr­te. Zu­erst küm­mer­te er sich nicht dar­um. Als aber der an­de­re kei­nen Blick von ihm wand­te, hob er schließ­lich den Kopf und blick­te scharf hin­über. Da­rauf kam der Jun­ge über die Stra­ße, trat dicht an ihn her­an und sag­te:

»Hal­lo, Spatz! Auf der Wal­ze?«

Der Jun­ge, der die­se Fra­ge stell­te, moch­te un­ge­fähr im sel­ben Al­ter sein wie Oli­ver. Er war ein höchst son­der­ba­rer Kauz, wie Oli­ver nie einen ge­se­hen, mit ei­ner Stumpf­na­se und plat­ter Stirn. Er sah höchst or­di­när und schmut­zig aus, aber sei­ne gan­ze Hal­tung und Be­neh­men gli­chen de­nen ei­nes Er­wach­se­nen. Ziem­lich klein für sein Al­ter, hat­te er höchst ku­rio­se Bei­ne und klei­ne scharf­bli­cken­de Rat­ten­au­gen. Der Hut saß ihm so lose auf dem Kopf, dass er jede Mi­nu­te her­un­ter­zu­fal­len droh­te, wohl auch schon des öf­te­ren her­un­ter­ge­fal­len wäre, wenn sein Herr es nicht vor­treff­lich ver­stan­den hät­te, ihn, wenn er rutsch­te, mit ei­nem ge­schick­ten Ruck mit dem Kopf wie­der in die rich­ti­ge Lage zu brin­gen. Der Bur­sche trug einen Rock, der für einen Er­wach­se­nen groß ge­nug ge­we­sen wäre und ihm fast bis an die Knö­chel reich­te. Die Är­mel trug er bis zur Hälf­te auf­ge­krem­pelt, um die Hän­de frei zu ha­ben. Kurz und gut, der Jun­ge sah so selt­sam und win­dig aus, wie wohl je nur ein Bür­sch­chen von vier Fuß, sechs Zoll oder noch we­ni­ger in Stul­pens­tie­feln aus­se­hen konn­te.

»Hal­lo, Spatz, auf der Wal­ze?« frag­te der selt­sa­me jun­ge Gent­le­man Oli­ver aber­mals.

»Ich bin furcht­bar hung­rig und müde«, ant­wor­te­te Oli­ver, wäh­rend ihm die Trä­nen in die Au­gen tra­ten. »Ich habe einen lan­gen Marsch hin­ter mir, einen Marsch von sie­ben Ta­gen.«

»Was? Sie­ben Tag auf der Wal­ze?« rief der jun­ge Gent­le­man. »Aha, weiß schon. Wir ha­ben was ge­ro­chen auf der Po­li­zei, was? Der Bal­ho­ch­em hat was ge­ro­chen. Du weißt wohl nich, was ’n Bal­ho­ch­em is, was, du Green­horn?« setz­te er hin­zu, als er Oli­vers ver­wun­der­ten Blick be­merk­te. Oli­ver ver­nein­te.

»Na ja, du Green­horn«, rief der jun­ge Gent­le­man, »’n Bal­ho­ch­em ist doch ’n Po­li­zis­te. Mir scheint, du bist noch nie in der Müh­le ge­we­sen.«

»In was für ei­ner Müh­le?« frag­te Oli­ver.

»In was für ner Müh­le? Na, die Müh­le, in der die Leu­te um­sonst ar­bei­ten – na, das Ge­fäng­nis mein’ ich.« Als er be­merk­te, dass Oli­ver nicht ver­stand, fuhr er fort: »Aber mir scheint, du hast Hun­ger, Me­si­nung hab’ ich zwar sel­ber keins, aber wir werd’ns schon ma­chen. Steh auf und komm.« Hier­auf brach­te der wack­re jun­ge Herr Oli­ver, nach­dem er ihm hat­te auf­ste­hen hel­fen, vor einen Krä­mer­la­den, in dem er Brot und Schin­ken kauf­te und Oli­ver da­von es­sen ließ.

»Nach Lon­don?« frag­te er, nach­dem Oli­ver sich ein we­nig ge­sät­tigt.

»Ja.«

»Hast du eine Stran­zen?«

»Was ist das?«

»Na, ne Woh­nung.«

»Nein.«

»Me­sum­mes?«

Oli­ver mach­te ein fra­gen­des Ge­sicht.

»Geld mein’ ich.«

»Nein.«

Der jun­ge Gent­le­man ver­senk­te sei­ne Hän­de in sei­ne Ta­schen und pfiff durch die Zäh­ne.

»Woh­nen Sie in Lon­don«, frag­te Oli­ver.

»Ja, wenn ich da­heim bin. Aber mir scheint, du weißt gar nicht, wo du heut nacht schla­fen willst.«

»Nein«, gab Oli­ver zu. »Ich hab’ schon seit sie­ben Näch­ten kein Dach über dem Kopf ge­habt.«

»Mach’ dir kei­ne Sor­gen des­halb«, trös­te­te ihn der jun­ge Herr. »Ich geh’ heut abend auch nach Lon­don. Ich kenn’ da einen ehr­ba­ren al­ten Herrn, der wird dir bald ne gute Stel­le ver­schaf­fen, – das heißt na­tür­lich, wenn dich ’n Schentl­man, wo ihn kennt, ein­führt bei ihm. Auf mir hält er große Stücke«, setz­te der jun­ge Gent­le­man lä­chelnd hin­zu.

Das Aner­bie­ten war so ver­lo­ckend, dass Oli­ver kei­nen Au­gen­blick zö­ger­te, ein­zu­schla­gen. Er wur­de bald zu­trau­li­cher und er­fuhr, dass sein neu­er Freund Jack Dawkins hei­ße und der aus­ge­spro­che­ne Lieb­ling des er­wähn­ten al­ten Gent­le­mans sei. Jacks Äu­ße­res frei­lich sprach nicht zu­guns­ten der Lieb­lin­ge des er­wähn­ten al­ten Ehren­man­nes, aber da er sehr groß­mäu­lig tat und selbst von sich be­haup­te­te, man ken­ne ihn weit und breit als einen »ver­dammt ge­ris­se­nen Bal­do­we­rer«, schloss Oli­ver, der alte Herr sprä­che in die­sem Fal­le wohl gute Ratschlä­ge in den Wind. Un­ter die­sem Ein­druck fass­te er heim­lich den Ent­schluss, sich bei dem al­ten Phil­an­tro­pen so bald wie mög­lich in ein bes­se­res Licht zu set­zen und, falls Jack Dawkins, wie er be­fürch­te­te, ei­ner Bes­se­rung nicht zu­gäng­lich sein soll­te, auf die Ehre wei­te­rer Be­kannt­schaft mit ihm zu ver­zich­ten.

Da Jack sich un­be­dingt wei­ger­te, Lon­don vor Ein­bruch der Nacht zu be­tre­ten, schlug es elf Uhr, als sie den Schlag­baum von Is­ling­ton er­reich­ten. Vom »En­gel« aus gin­gen sie nach St. Jo­nes Road, die klei­ne Gas­se, die bei Sad­lers Walls Thea­ter en­digt, hin­ab und ge­lang­ten durch Ex­mouth Street und Cop­pi­le Row in den klei­nen Hof ne­ben dem Ar­beits­haus. Dann schrit­ten sie über den klas­si­schen Grund und Bo­den, der einst­mals den Na­men Hock­ley-in-the-Hole führ­te, und ge­lang­ten nach Litt­le und Gre­at Saf­fron Hill, von wo aus der ku­rio­se jun­ge Gent­le­man sich in einen Ga­lopp ver­setz­te, wo­bei Oli­ver ihm auf den Fer­sen fol­gen muss­te.

Von dem un­ge­wohn­ten An­blick ei­ner großen Stadt ganz und gar in An­spruch ge­nom­men, muss­te Oli­ver sein Mög­lichs­tes tun, um sei­nen Füh­rer nicht aus dem Ge­sicht zu ver­lie­ren. Ei­nen schmut­zi­ge­ren und ver­kom­me­ne­ren Platz hat­te Oli­ver noch nie ge­se­hen. Die Stra­ße war eng und voll Schmutz und die Luft ge­sät­tigt von den wi­der­lichs­ten Gerü­chen. Klei­ne La­den gab es hier in Men­ge, aber gan­ze Hau­fen von Kin­dern, die jetzt selbst zur Nacht­zeit noch bei den Tü­ren aus- und ein­kro­chen oder drin­nen in den Häu­sern quiek­ten und schri­en, schie­nen der ein­zi­ge In­halt der Ge­schäf­te zu sein. Die ein­zi­gen Un­ter­neh­mun­gen, die wirk­lich zu ge­dei­hen schie­nen, wa­ren die Schen­ken, denn dort prü­gel­te sich iri­scher Pö­bel, was das Zeug hal­ten woll­te. Ge­deck­te Tor­we­ge und Höfe, die da und dort von den Haupt­stra­ßen ab­zweig­ten, lie­ßen Knäu­el von Häu­sern se­hen, wo sich be­trun­ke­ne Män­ner und Frau­en nur so wälz­ten. Aus den Tor­we­gen ka­men scheubli­cken­de In­di­vi­du­en her­aus­ge­schli­chen und ver­lo­ren sich gleich dar­auf wie­der im Dun­kel. Eben über­leg­te Oli­ver noch, ob es nicht am bes­ten sei, weg­zu­lau­fen, da ge­lang­te er mit sei­nem Beglei­ter vor ei­ner An­hö­he an und wur­de von ihm am Är­mel ge­fasst. Dann stieß Jack eine Hau­stü­re auf, nicht weit von Field Lane, zog Oli­ver in einen Kor­ri­dor und schloss gleich dar­auf das Tor wie­der hin­ter sich zu.

»Wer da?« rief eine Stim­me von un­ten als Ant­wort auf einen Pfiff, den der jun­ge Herr hat­te er­tö­nen las­sen.

»Rei­ner Wind«, war die Ant­wort. Es schi­en das eine Art Lo­sungs­wort zu sein, dass die Luft rein sei. Gleich dar­auf warf das Licht ei­ner klei­nen Ker­ze sei­nen Schein auf die Mau­er vom rück­wär­ti­gen Ende des Gan­ges aus, und das Ge­sicht ei­nes Man­nes lug­te durch eine Spal­te ei­ner al­ten Türe her­vor, aus der ein Teil der Fül­lung her­aus­ge­bro­chen war.

»Da sind ja zwei«, sag­te der Mann und be­schat­te­te das Licht mit der Hand, um bes­ser se­hen zu kön­nen. »Wer ist der an­de­re?«

»Ein jun­ges Beindl«, ant­wor­te­te Jack Dawkins und zeig­te auf Oli­ver.

»Wo­her?«

»’n Green­horn. Ist Fa­gin oben?«

»Sor­tiert die Rie­gen­lap­pen. Marsch rauf mit euch.«

Die Ker­ze er­losch, und das Ge­sicht ver­schwand.

Oli­ver tas­te­te, sich mit ei­ner Hand am Är­mel sei­nes Ge­fähr­ten hal­tend, die Wand ent­lang. Sie stie­gen eine dunkle mor­sche Stie­ge hin­auf, die Jack of­fen­bar ge­nau kann­te. Dann öff­ne­te sich eine Tür, und Oli­ver trat ein.

Wän­de und De­cke der klei­nen Stu­be wa­ren von Al­ter und Schmutz fast schwarz. Ein Tisch aus Fich­ten­holz stand vor dem Ofen und dar­auf eine Ker­ze, die im Hals ei­ner Bier­fla­sche stak, und da­ne­ben ein paar Zinnkrü­ge, Brot, But­ter und ein Tel­ler. In ei­ner Brat­pfan­ne, die mit ei­nem Strick an den Sims des Ka­mins ge­bun­den über dem Feu­er hing, la­gen ein paar Würs­te, und dar­über ge­lehnt, eine große Ga­bel in der Hand, stand ein ur­al­ter ver­trock­ne­ter Jude, sein schur­ki­sches Ge­sicht mit den ab­sto­ßends­ten Zü­gen von der Welt von ro­tem Kraus­haar be­schat­tet. Der Mann war in einen schmut­zi­gen Fla­nell­kit­tel gehüllt, der nur sei­nen Hals freiließ. Sei­ne Auf­merk­sam­keit schi­en zwi­schen der Brat­pfan­ne und ei­nem Klei­der­ge­stell zu schwan­ken, an dem eine große An­zahl von sei­de­nen Ta­schen­tü­chern hing. Auf dem Bo­den la­gen ne­ben­ein­an­der ein paar gro­be Bet­ten aus al­ter Sack­lein­wand, und um den Tisch her­um sa­ßen vier bis fünf Jun­gen, kei­ner äl­ter als Mr. Dawkins, rauch­ten aus lan­gen Ton­pfei­fen oder tran­ken Schnaps wie Er­wach­se­ne. Sie schar­ten sich so­gleich um Jack, der dem al­ten Ju­den ein paar Wor­te ins Ohr flüs­ter­te, sich dann um­dreh­te und Oli­ver an­grins­te.

Auch der Jude warf Oli­ver einen lau­ern­den Blick zu, ohne da­bei die Ga­bel aus der Hand zu le­gen.

»Hier, Fa­gin«, sag­te Jack Dawkins, »ist mein Freund Oli­ver Twist.«

Der Jude grins­te, mach­te Oli­ver eine tie­fe Ver­beu­gung, nahm ihn bei der Hand und gab der Hoff­nung Aus­druck, der Ehre sei­ner nä­he­ren Be­kannt­schaft teil­haf­tig wer­den zu dür­fen. Da­rauf stell­ten sich die Jun­gen mit ih­ren Ton­pfei­fen um Oli­ver und schüt­tel­ten ihm sämt­lich die Hän­de, und zwar be­son­ders eif­rig die, in der er sein Bün­del trug. Ei­ner der jun­gen Gent­le­man war be­strebt, ihm die Müt­ze vom Kopf zu zie­hen, und ein an­de­rer ge­ruh­te, ihm die Fin­ger in die Ta­schen zu ste­cken, of­fen­bar um ihn der Mühe zu ent­he­ben, sie vor dem Schla­fen­ge­hen selbst aus­zu­lee­ren. Die Jun­gen hät­ten ihre Höf­lich­kei­ten wahr­schein­lich noch wei­ter aus­ge­dehnt, wür­de der Jude nicht sei­ne Ga­bel des öf­te­ren auf die jun­gen Her­ren ha­ben her­ab­sau­sen las­sen.


»Mir frei­en sich au­ßer­or­dent­lich, Ih­nen zu se­hen, Oli­ver, ganz au­ßer­or­dent­lich«, ver­si­cher­te der Jude. »Bal­do­we­rer! nemm die Würscht vom Fei­er und setz ä Schüs­sel für Mr. Oli­ver an den Herd. Ah, Sie se­hen sich die Ta­schen­tü­cher­lich an, lie­ber Freind? Ja ja, es sind ih­rer ä gan­ze Men­ge. Mir ha­ben se eben sor­tiert, weil se sol­len ge­wa­schen wer­den; das ist al­les, Mr. Oli­ver, wei­ter nix, hähä.«

Die Rede des al­ten lus­ti­gen Ju­den wur­de von sei­nen hoff­nungs­vol­len Zög­lin­gen mit ei­nem wie­hern­den Ge­läch­ter be­grüßt, und sich noch schüt­telnd vor La­chen; mach­ten sie sich an ihr Abendes­sen.

Oli­ver aß, was ihm zu­ge­teilt wur­de, und nach­her brau­te ihm der Jude ein Glas hei­ßen Grog, den er auf der Stel­le aus­trin­ken muss­te, da noch ein an­de­rer Gent­le­man das Glas brau­che. Oli­ver tat, wie ihm be­foh­len wur­de, und gleich dar­auf fühl­te er, dass er sanft auf einen Stroh­sack ge­legt wur­de. Dann ver­fiel er in tie­fen Schlaf.

9 – Enthält weitere Einzelheiten über den liebenswürdigen alten Herrn und seine hoffnungsvollen Zöglinge.

Spät am nächs­ten Mor­gen er­wach­te Oli­ver nach lan­gem, fes­tem Schlum­mer. Es war nie­mand im Zim­mer als der alte Jude, der Kaf­fee zum Früh­stück in ei­ner Pfan­ne koch­te und lei­se vor sich hin pfiff, be­stän­dig mit dem Blechlöf­fel in dem Topf her­um­rüh­rend. Je­des Mal, wenn auch nur ein lei­ses Geräusch von der Stra­ße her­auf­drang, hielt der Jude inne, um zu lau­schen, be­ru­hig­te sich aber je­des Mal wie­der und pfiff und rühr­te wei­ter. Oli­ver war zwar auf­ge­wacht, be­fand sich aber noch in je­nem Zu­stand zwi­schen Schla­fen und Wa­chen, wo man mit halb­off­nen Au­gen da­liegt und, ob­gleich man al­les, was um einen rings­um vor­geht, ge­nau wahr­nimmt, doch nä­her dem Trau­me ist als wirk­li­chem Wach­sein. Mit halb­ge­schlos­se­nen Au­gen sah er den Ju­den, hör­te sein lei­ses Pfei­fen und das Geräusch, wie er mit dem Löf­fel in der Pfan­ne her­um­kratz­te. Als der Kaf­fee fer­tig war, schob der Jude den Kes­sel vom Feu­er weg, stand eine Wei­le un­schlüs­sig da, dreh­te sich dann nach Oli­ver um und rief ihn an.

Oli­ver ant­wor­te­te nicht, son­dern schi­en al­lem An­schein nach wei­ter­zu­schla­fen. Hier­auf schlich der Jude lei­se zur Türe und schloss sie ab. Dann zog er aus ei­ner Fall­tü­re im Bo­den eine klei­ne Scha­tul­le her­vor, setz­te sie sorg­fäl­tig auf den Tisch, und sei­ne Au­gen fun­kel­ten, wie er den De­ckel auf­hob und in das Käst­chen hin­ein­blick­te. Dann rück­te er einen al­ten Stuhl her­bei, setz­te sich und hol­te eine pracht­vol­le gol­de­ne Uhr mit Dia­man­ten be­setzt her­vor.

»Ver­dammt pfif­fi­ge Hun­de«, mur­mel­te er vor sich hin, zog die Schul­tern in die Höhe und ver­zerr­te die Mus­keln sei­nes Ge­sichts zu ei­nem scheuß­li­chen Grin­sen. »Ver­dammt ge­schmier­te Hun­de und ver­bis­sen bis zum letz­ten Atem­zug. Nix ha­ben sie dem al­ten Pfaf­fen ver­ra­ten, nix ha­ben se ver­etzt den al­ten Fa­gin, hihi. Wor­üm hät­ten se auch sol­len? Was hätts ih­nen auch ge­hol­fen? Das Mal­heur hät­ten se doch nix ab­ge­hal­ten; nicht um ä Mi­nu­te. Fa­mo­se Bur­schen, fei­ne Bur­schen.«

Dann leg­te er die Uhr wie­der in das Käst­chen zu­rück, hol­te noch meh­re­re an­de­re ähn­li­che her­vor, dann: Rin­ge, Arm­bän­der und sons­ti­ge Pre­tio­sen, alle so wun­der­voll ge­ar­bei­tet, dass Oli­ver förm­lich ge­blen­det war.

Den Schluss bil­de­te ein Schmuck­stück, das so klein war, dass der Jude es ganz in sei­ner Hand­flä­che ver­ber­gen konn­te. Es schi­en sich eine sehr klei­ne, kaum sicht­ba­re In­schrift dar­auf zu be­fin­den, denn Mr. Fa­gin leg­te das Kunst­werk flach auf den Tisch, hielt die Hand dar­über und be­trach­te­te es lan­ge und ganz nah und mit schar­fem Blick. Dann leg­te er es, of­fen­bar nicht im­stan­de, die In­schrift zu ent­zif­fern, wie­der weg, lehn­te sich in sei­nem Stuhl zu­rück und mur­mel­te:

»Ist doch ä fei­ne Sa­che das Hin­rich­ten. Ä To­ter be­reit nix mehr. Ä To­ter kann nix mehr ver­ra­ten. Haast ä Ge­schäft. Fün­fe auf­ge­hängt hin­ter en­an­der und kei­ner mehr da, um den reu­mü­ti­gen zu spie­len.«

Plötz­lich fie­len die fun­keln­den schwar­zen Au­gen des Ju­den, der bis­her ge­dan­ken­ver­lo­ren vor sich hin­ge­st­arrt, auf Oli­vers Ge­sicht und be­geg­ne­ten des­sen Bli­cken, die mit stum­mer Neu­gier auf ihn ge­rich­tet wa­ren. Hef­tig schlug er die Scha­tul­le zu, er­griff das Brot­mes­ser, das auf dem Ti­sche lag, und sprang wü­tend auf. Er zit­ter­te vor Ent­set­zen, denn das Mes­ser, das er in der Hand hielt, zuck­te in der Luft hef­tig hin und her, wie Oli­ver deut­lich be­mer­ken konn­te.

»Was soll das?« rief der Jude. »Was spio­nierst de da? Wa­rum bist de plötz­lich wach? Was hast de ge­se­hen? Sprich, sag ich dir, wenn dir dein Le­ben lieb ist.«

»Ich konn­te nicht mehr schla­fen, Sir«, er­wi­der­te Oli­ver de­mü­tig. »Ver­zei­hen Sie, wenn ich Sie ge­stört habe, Sir?«

»Du bist nicht wach ge­we­sen vor ei­ner Stun­de?« rief der Jude mit wil­den Bli­cken.

»Nein, wirk­lich nicht«, be­teu­er­te Oli­ver.

»Ist das auch si­cher wahr?« rief der Jude dro­hend.

»Ganz ge­wiss, Sir. Ich bin eben erst auf­ge­wacht.«

»Schon gut, schon gut«, mur­mel­te der Jude, nahm plötz­lich sein al­tes We­sen wie­der an und spiel­te mit dem Mes­ser, um Oli­ver glau­ben zu ma­chen, er habe es nur im Scherz ge­nom­men. »Ich weiß doch, klei­ner Freund, ich hab doch nur ge­macht e Scherz, du bist e bra­ver Bursch, e bra­ves Bür­sch­chen, Oli­ver, hihi.«

Da­bei rieb er sich ki­chernd die Hän­de, blick­te aber im­mer noch scheu und un­si­cher auf die Scha­tul­le.

»Hast du ge­se­hen die schö­nen Sa­chen drin, Oli­ver?« frag­te er nach ei­ner Pau­se und leg­te die Hand auf das Käst­chen.

»Ja, Sir.«

»Also, also doch ge­se­hen?« rief der Jude und wur­de bleich. »Nu, ja, das ist halt mei klei­nes Ei­gen­tum. Al­les, wo­von ich hab zu le­ben auf mei­ne al­ten Tage. Die Leun­te sa­gen, ich bin e Geiz­hals, aber lass se re­den. Was liegt wei­ter dar­an.«

Oli­ver kam zu dem Schluss, der alte Gent­le­man müs­se of­fen­bar ein schreck­li­cher Geiz­hals sein, dass er so viel Ta­schen­uh­ren be­sä­ße und trotz­dem in ei­ner so schmut­zi­gen Kam­mer woh­ne. Aber er nahm an, dass viel­leicht sei­ne Vor­lie­be für den Bal­do­we­rer – den jun­gen Dawkins – und die an­de­ren Jun­gen ihn ein hüb­sches Stück Geld kos­te, und dass er im­mer­hin ein großer Men­schen­freund sein müs­se. Er blick­te ihn da­her nur ach­tungs­voll an und frag­te, ob er auf­stehn dür­fe.

»Na­tier­lich, mei Jun­ge, na­tier­lich«, er­wi­der­te der alte Herr. »Aber wart mal, dort in der Ecke ne­ben der Tür steht ein Topp mit Was­ser. Bring ihn he­ri­wer. Ich will dir ge­ben e Schüs­sel, dass de dir kannst wa­schen, Klei­ner.«

Oli­ver stand auf, ging durch die Stu­be und bück­te sich einen Au­gen­blick, um den Krug auf­zu­he­ben. Als er sich wie­der um­dreh­te, war die Kas­set­te ver­schwun­den.

Er hat­te sich kaum ge­wa­schen und al­les wie­der in Ord­nung ge­bracht, dem Be­fehl des Ju­den ge­mäß das Wasch­be­cken aus­ge­schüt­tet und an sei­nen Ort zu­rück­ge­stellt, als der »Bal­do­we­rer« – Mr. Dawkins – in Beglei­tung ei­nes sehr lus­ti­gen Jun­gen, ei­nes von de­nen, die Oli­ver am ver­gan­ge­nen Abend hat­te rau­chen se­hen, und der ihm jetzt in al­ler Form als Char­ley Ba­tes vor­ge­stellt wur­de, ein­trat. Und alle vier setz­ten sich hier­auf zum Früh­stück, das aus Kaf­fee und ein paar mit Schin­ken be­leg­ten Bröt­chen be­stand, die der Bal­do­we­rer in sei­nem Hut mit­ge­bracht hat­te.

»Na«, sag­te der Jude zu dem Bal­do­we­rer ge­wen­det und warf da­bei einen lus­ti­gen Blick auf Oli­ver. »Was is? Ihr seid doch hof­fent­lich ge­we­sen hein­te frih schon bei der Ar­beit, Jun­gens?«

»Es war eine schwe­re Ar­beit«, murr­te der Bal­do­we­rer.

»Ver­dammt hart«, setz­te Char­ley Ba­tes hin­zu.

»Bra­ve Bur­schen, bra­ve Bur­schen«, lob­te der Jude. »Was hast de mit­ge­bracht, Bal­do­we­rer?«

»Zwei Ta­schen­tü­cher«, er­wi­der­te der wack­re jun­ge Mann.

»Ge­stick­te?« frag­te der Jude gie­rig.

»Na, macht sich«, er­wi­der­te der Bal­do­we­rer und zog zwei Ta­schen­tü­cher her­vor, ein grü­nes und ein ro­tes.

»Nicht so wie mer’s hätt wün­schen sol­len«, sag­te der Jude, nach­dem er die ent­fal­te­ten Tü­cher sorg­fäl­tig ge­prüft hat­te. »Aber e fei­ne Ar­beit. E ge­schick­te Hand muss das ge­we­sen sein, was mei­nen Sie, Oli­ver?«

»Wahr­haf­tig, ja«, gab Oli­ver zu, wor­auf Char­ley Ba­tes in ein wie­hern­des Ge­läch­ter aus­brach – zu sei­ner größ­ten Ver­wun­de­rung, denn er konn­te bei all dem nicht den ge­rings­ten Grund zum La­chen se­hen.

»Und was hast du mit­ge­bracht, Klei­ner?« frag­te Fa­gin Char­ley Ba­tes.

»Auch Rie­ger­lap­pen«, er­wi­der­te Mas­ter Ba­tes und brach­te vier Ta­schen­tü­cher zum Vor­schein.

»Hem«, mur­mel­te der Jude und be­sich­tig­te sie bei Licht. »Güt, sehr güt, – aber du hast se nicht gut ge­zeich­net, Char­ley, mir wol­len her­aus­zup­fen die Mo­no­gram­me mit der Na­del und wol­len zei­gen dem klei­nen Oli­ver, wie er es ma­chen soll. Was mei­nen Sie, Oli­ver, was?«

»Wenn Sie die Güte ha­ben wol­len«, er­wi­der­te Oli­ver.

»Du möch­test wohl auch ger­ne ma­chen kön­nen Ta­schen­tü­cher so leicht wie Char­ley Ba­tes, nicht wahr Klei­ner?« frag­te der Jude.

»O ge­wiss, von Her­zen gern, wenn Sie es mich leh­ren wol­len, Sir«, bat Oli­ver.

Char­ley brach in ein schal­len­des Ge­läch­ter aus, dass er dar­über bei­na­he er­stick­te. »Gott, ist das ein Green­horn«, rief er end­lich, of­fen­bar, um sich der Ge­sell­schaft ge­gen­über we­gen sei­nes un­ma­nier­li­chen Be­tra­gens zu ent­schul­di­gen.

Der Bal­do­we­rer sag­te nichts, son­dern strich Oli­ver das Haar über die Au­gen und mein­te dann grin­send, er wür­de es mit der Zeit schon ler­nen. Der Jude un­ter­brach ihn, da er sah, dass Oli­ver blut­rot wur­de, in­dem er die Fra­ge stell­te ob heu­te Mor­gen bei der Hin­rich­tung vie­le Leu­te zu­ge­gen ge­we­sen wä­ren. Die bei­den Jun­gen er­wi­der­ten, sie sei­en selbst dort ge­we­sen, und Oli­ver wun­der­te sich, wo­her sie dann in al­ler Frü­he so viel Zeit ge­habt ha­ben könn­ten, noch au­ßer­dem Ta­schen­tü­cher zu sti­cken.

Als das Früh­stück ab­ge­räumt war, un­ter­hiel­ten sich der lus­ti­ge alte Herr und die bei­den Jun­gen mit ei­nem höchst selt­sa­men und un­ge­wöhn­li­chen Spiel. Der lus­ti­ge alte Herr schob näm­lich eine Schnupf­ta­baks­do­se in eine Ho­sen­ta­sche, eine zwei­te nebst ei­nem No­tiz­buch in die an­de­re, steck­te eine Uhr in die Wes­ten­ta­sche, be­fes­tig­te sich die Ket­te im Knopf­loch, schmück­te sei­ne Kra­wat­te mit ei­ner falschen Bril­lant­na­del, knöpf­te sich den Rock fest zu und spa­zier­te dann mit dem Stock in der Hand, in der Art, wie alte Her­ren sich zu al­len Ta­ge­s­stun­den auf der Stra­ße zu er­ge­hen pfle­gen, im Zim­mer hin und her. Zu­wei­len blieb er beim Her­de ste­hen und dann wie­der an der Türe und tat, als be­trach­te er ein Schau­fens­ter. Da­bei blick­te er sich aber be­stän­dig um wie aus Angst vor Ta­schen­die­ben und be­tas­te­te im­mer­wäh­rend sei­ne Klei­der ob man ihn auch nicht be­stoh­len habe. Er be­nahm sich da­bei so un­ge­heu­er ko­misch, dass Oli­vern vor La­chen die Trä­nen über die Ba­cken lie­fen. Die gan­ze Zeit über blie­ben die bei­den Jun­gen dem Ju­den dicht auf den Fer­sen und ent­schlüpf­ten ihm, wenn er sich um­dreh­te, so ge­schickt, dass es ihm ge­ra­de­zu un­mög­lich war, sie ge­nau ins Auge zu fas­sen. Schließ­lich trat ihm der Bal­do­we­rer auf die Ze­hen oder stol­per­te ihm schein­bar aus Zu­fall über die Füße, wäh­rend Char­ley Ba­tes sich von hin­ten an ihn he­randräng­te und ihm mit au­ßer­or­dent­li­cher Ge­schwin­dig­keit Ta­baks­do­se, Brief­ta­sche, Uhr, Ket­te, Bu­sen­na­del und Ta­schen­tuch, ja so­gar das Bril­len­fut­te­ral stahl. Dann fing das Spiel von Neu­em an.

So hat­ten sie es ein paar­mal ge­trie­ben, da tra­ten ein paar jun­ge Da­men ein, die die bei­den jun­gen Her­ren zu spre­chen wünsch­ten. Die eine hieß Bet, die an­de­re Nan­cy. Sie hat­ten bei­de sehr rei­ches Haar, das hin­ten nicht ge­ra­de sehr sorg­fäl­tig in einen Kno­ten ge­wi­ckelt war, und Schu­he und St­rümp­fe an, die eben­falls nicht sehr pro­per aus­sa­hen. Im­mer­hin wa­ren sie recht hübsch, leb­haft ge­färbt und drall. Da sie in ih­rem Be­neh­men sehr un­ge­zwun­gen und freund­lich wa­ren, hielt sie Oli­ver für sehr net­te lie­bens­wür­di­ge Mäd­chen. Was sie ohne Zwei­fel auch wa­ren.

Ihr Be­such dau­er­te ziem­lich lan­ge. Und als eine der jun­gen Da­men über Käl­te klag­te, wur­de so­gleich Schnaps ge­holt, und die Un­ter­hal­tung nahm einen recht an­ge­reg­ten Ver­lauf. Schließ­lich sag­te Char­ley Ba­tes, es sei höchs­te Zeit, sich auf die So­cken zu ma­chen. Gleich dar­auf gin­gen der Bal­do­we­rer, er und die bei­den jun­gen Da­men weg, nach­dem sie vor­her von dem lie­bens­wür­di­gen al­ten Ju­den reich­lich mit Klein­geld ver­se­hen wor­den wa­ren, das sie of­fen­bar ganz nach Be­lie­ben aus­ge­ben durf­ten.

»Da siehs­te, mei Jung«, sag­te Fa­gin, »lebt sichs nicht fein bei mir? Den gan­zen üb­ri­gen Tag ha­ben sie jetzt frei.«

»Sind sie denn schon fer­tig mit der Ar­beit, Sir?« frag­te Oli­ver.

»Ge­wiss«, sag­te der Jude, »das heißt: falls sie nicht zu­fäl­lig et­was er­wi­schen kön­nen. Aber dann wer­dens sie sichs schon neh­men, Klei­ner, ver­lass dich drauf. Nimm se dir zum Vor­bild, mei Jung, nimm se dir zum Vor­bild«, wie­der­hol­te er gü­tig und klopf­te, um sei­nen Wor­ten den ge­hö­ri­gen Nach­druck zu ge­ben, mit der Koh­len­schau­fel auf den Herd. »Tu al­les, was se dir ra­ten, und folg ih­nen in al­len Din­gen – be­son­ders, wenn der Bal­do­we­rer dir en Rat gibt. Ich sag dir, er wird noch ei­nes Ta­ges ä großer Mann sein und wird auch aus dir en großen Mann ma­chen, wenn de dir an ihm e Bei­spiel nimmst; – sag mal, hängt mir nich mei Ta­schen­tuch zur Ta­sche eraus, mei Jung?« frag­te er, plötz­lich das The­ma wech­selnd.

»Ja, Sir«, er­wi­der­te Oli­ver.

»Ver­such mal, ob de es mir kannst er­aus­zie­hen, ohne das ich was merk. Du weißt: so wie wir vor­hin ge­spielt ha­ben zu­sam­men.«

Oli­ver hielt, wie er es vor­hin vom Bal­do­we­rer ge­se­hen, die Ta­sche mit der einen Hand fest und zog mit der an­de­ren lei­se das Ta­schen­tuch her­aus.

»Ist es schon drau­ßen?« frag­te der Jude.

»Hier, Sir«, sag­te Oli­ver und hielt ihm das Tuch hin.

»Gott über de Welt! E so e ge­schick­ter klei­ner Jung!« sag­te der spaß­haf­te alte Herr und tät­schel­te Oli­ver bei­fäl­lig auf den Kopf. »Noch nie hab ich ge­se­hen e so en ge­schick­ten klei­nen Jun­gen. Da is e Shil­lin für dich. Wenn de ä so wei­ter machst, wirst de noch der größ­te Mann dei­ner Zeit wer­den. Aber jetzt komm emol her. Ich will dir zei­gen, wie mer eraus­macht die Mo­no­gram­mer­lich aus den Ta­schen­tü­chern.«

Oli­ver zer­brach sich nicht we­nig den Kopf, wie­so er bloß des­we­gen, weil es ihm ge­lun­gen, ei­nem al­ten Herrn ein Tuch aus der Ta­sche zu zie­hen, Aus­sich­ten ha­ben soll­te, der größ­te Mann sei­ner Zeit zu wer­den, aber er nahm an, der Jude müs­se, wo er ihm so be­deu­tend an Jah­ren über­le­gen sei, der­lei wohl am bes­ten wis­sen. Er folg­te ihm da­her an den Ar­beit­s­tisch und war bald eif­rig in sei­ne neue Be­schäf­ti­gung ver­tieft.

10 – Oliver gewinnt Einblick in die Charaktereigenschaften seiner neuen Kollegen, bezahlt aber seine Erfahrung sehr teuer.

Für vie­le Tage lang blieb Oli­ver bei dem Ju­den und zupf­te die Mo­no­gram­me aus Ta­schen­tü­chern, die in großer Zahl ein­lie­fen, und nahm auch zu­wei­len an dem be­reits er­wähn­ten son­der­ba­ren Spiel, das die bei­den Jun­gen und der Jude Tag für Tag wie­der­hol­ten, teil. End­lich aber konn­te er es vor Sehn­sucht nach fri­scher Luft nicht mehr aus­hal­ten und bat den men­schen­freund­li­chen al­ten Gent­le­man, ihn doch ein­mal mit den bei­den Jun­gen aus­ge­hen zu las­sen.

Ei­nes Mor­gens wur­de ihm die Er­laub­nis dazu er­teilt, ver­mut­lich weil kei­ne Ta­schen­tü­cher mehr da wa­ren, an de­nen er hät­te ar­bei­ten kön­nen. Über­dies wa­ren der Bal­do­we­rer und Char­ley Ba­tes be­reits des öf­te­ren abends mit lee­ren Hän­den nach Hau­se ge­kom­men, und das hat­te je­des Mal den al­ten Herrn ver­an­lasst, ih­nen mit großem Nach­druck das Ver­werf­li­che ei­nes mü­ßi­gen Le­bens­wan­dels vor Au­gen zu hal­ten. Ge­le­gent­lich ging der Jude so­gar so weit, die bei­den so lan­ge durch­zu­prü­geln, bis sie wie­der die Trep­pe hin­un­ter­flo­hen.

Oli­ver mach­te sich also mit sei­nen bei­den Ge­fähr­ten auf den Weg. Der Bal­do­we­rer hat­te die Rock­är­mel wie­der auf­ge­krem­pelt und ba­lan­zier­te, wie es sei­ne Ge­wohn­heit war, sei­nen Hut auf dem Kopf, wäh­rend Char­ley Ba­tes, die Hän­de in den Ta­schen, lang­sam mit­schlen­der­te, so­dass Oli­ver zu der An­sicht neig­te, die bei­den müss­ten den gü­ti­gen al­ten Herrn of­fen­bar hin­ter­ge­hen und sich von der Ar­beit drücken. Über­dies hat­te der Bal­do­we­rer die gars­ti­ge An­ge­wohn­heit, klei­nen Jun­gen die Müt­zen vom Kopf zu rei­ßen oder sie in den Rinn­stein zu sto­ßen, und auch Char­ley Ba­tes be­nahm sich sehr son­der­bar und schi­en be­son­ders sehr ei­gen­tüm­li­che Be­grif­fe von Mein und Dein zu ha­ben, denn wo er nur konn­te, sti­bitz­te er Äp­fel und Zwie­beln in den Höch­ler­bu­den und ließ sie in sei­nen ge­räu­mi­gen Ta­schen ver­schwin­den. Das al­les miss­fiel Oli­ver der­art, dass er den bei­den schon sa­gen woll­te, es wäre wohl das bes­te, er gin­ge wie­der al­lein nach Hau­se, als er in sei­nem Vor­ha­ben durch eine plötz­li­che ge­heim­nis­vol­le Wand­lung, die im Be­neh­men des Bal­do­we­rers vor sich ging, ab­ge­lenkt wur­de.

Sie tra­ten eben aus ei­nem sehr en­gen Hof in Cler­ken­well, der noch heut­zu­ta­ge selt­sa­mer­wei­se die grü­ne Wie­se heißt, als der Bal­do­we­rer plötz­lich ste­hen blieb, den Fin­ger auf die Lip­pen leg­te und sei­ne bei­den Ge­fähr­ten vor­sich­tig zu­rück­dräng­te.

»Was gibt es denn?« frag­te Oli­ver.

»Still«, flüs­ter­te der Bal­do­we­rer. »Siehst du den al­ten Schöp­fen drü­ben an der Bü­cher­bu­de, Char­ley?«

»Den al­ten Herrn drü­ben?« frag­te Oli­ver. »Ja, den sehe ich.«

»Das ist was für uns«, sag­te der Bal­do­we­rer.

»Das ist der Rich­ti­ge, pri­ma pri­mis­si­ma«, rief Mas­ter Char­ley Ba­tes.

Oli­ver mach­te ein ver­wun­der­tes Ge­sicht, konn­te aber nicht wei­ter fra­gen, denn die bei­den an­de­ren husch­ten über die Stra­ße und schli­chen sich hin­ter den al­ten Herrn. Oli­ver ging un­schlüs­sig eben­falls hin­über, blieb dann ste­hen und sah ih­nen stumm und ver­wun­dert zu.

Der alte Herr sah un­ge­mein ehr­wür­dig aus, trug eine Perücke, gol­de­ne Bril­le, einen fla­schen­grü­nen Rock mit schwar­zem Samt­kra­gen, wei­ße Ho­sen und ein schickes Bam­bus­stäb­chen un­ter dem Arm. Er hat­te ge­ra­de ein Buch zur Hand ge­nom­men und las eif­rig dar­in. Er schi­en für nichts an­de­res einen Blick zu ha­ben und blät­ter­te ver­tieft in dem Buch. Ent­setzt be­merk­te Oli­ver plötz­lich, dass der Bal­do­we­rer sei­ne Hand in der Ta­sche des al­ten Herrn ver­schwin­den ließ und sie gleich dar­auf mit ei­nem Ta­schen­tuch wie­der her­aus­zog, das er dann Char­ley übergab, wor­auf bei­de um die Ecke her­um Reiß­aus nah­men. Im Nu war ihm das Ge­heim­nis klar, von wo die Ta­schen­tü­cher, Uhren und Pre­tio­sen des Ju­den ka­men. Eine Se­kun­de lang stand er wie ge­lähmt da. Dann lief er er­schreckt da­von, so schnell ihn sei­ne Füße tra­gen woll­ten.


Das al­les dau­er­te kaum eine Mi­nu­te. Im sel­ben Au­gen­blick, als Oli­ver zu lau­fen an­fing, griff der alte Herr in sei­ne Ta­sche und dreh­te sich, da er sein Schnupf­tuch ver­miss­te, um. Er sah Oli­ver da­von­lau­fen, hielt ihn na­tür­lich für den Dieb und schrie: »Hal­tet den Dieb« und lief ihm mit dem Buch in der Hand nach. Kaum hör­ten der Bal­do­we­rer und Char­ley Ba­tes sei­nen Ruf, als auch sie aus ih­rer Ecke wie­der her­vor­ka­men und, um den Ver­dacht von sich ab­zu­len­ken, laut in das be­reits all­ge­mein wer­den­de Ge­schrei der Stra­ße: »Hal­tet den Dieb« ein­stimm­ten. So ein Ruf »Hal­tet den Dieb, hal­tet den Dieb« hat eine ma­gi­sche Wir­kung. Der Kauf­mann springt hin­ter dem La­den­tisch her­vor, der Fuhr­mann vom Wa­gen her­un­ter, der Flei­scher wirft sei­ne Mul­de weg und der Bä­cker sei­nen Brot­korb, der Milch­mann lässt sei­nen Ei­mer ste­hen, der Lauf­bur­sche ver­liert sein Pa­ket. Je­der wirft weg, was ihn am Lau­fen hin­dert. Der Schul­jun­ge sei­ne Mar­meln, der Mau­rer sei­ne Kel­le, das Kind sei­nen Gum­mi­ball, und to­bend, krei­schend und brül­lend geht die wil­de Jagd um die Ecke. Die Hun­de bel­len und ja­gen ein­her und ver­scheu­chen die Hüh­ner, und Stra­ßen und Plät­ze und Höfe wi­der­hal­len von dem Ruf: »Hal­tet den Dieb, hal­tet den Dieb.« Bei je­der Stra­ßen­bie­gung wächst die Men­ge an. Da­hin lau­fen sie und pat­schen durch Pfüt­zen und Rinn­stei­ne. Fens­ter flie­gen auf, und vor­wärts, im­mer vor­wärts stürzt der Knäu­el. Al­les kreischt vor Freu­de: »Hal­tet den Dieb.« Wenn sie den Ar­men end­lich ha­ben, zu Bo­den ge­wor­fen liegt er da, und die Men­ge um­drängt ihn. Und je­der trach­tet, ihm noch einen Hieb zu ver­set­zen. Weg da, Platz da! Wo ist der Herr? Da kommt er jetzt die Stra­ße her­un­ter, Platz für den Herrn. »Ist das der Dieb, Sir?«

»Ja.«

Von Schmutz be­deckt und blut­über­strömt lag Oli­ver da und starr­te in den Hau­fen der ihn um­rin­gen­den Ge­sich­ter. Da dräng­te man den al­ten Herrn vor ihn hin.

»Ja«, sag­te der Herr, »ich fürch­te, es ist der Jun­ge.«

»Wa­rum denn – fürch­ten«, mur­mel­ten ei­ni­ge. »Um den ist nicht scha­de.«

»Ar­mer Jun­ge«, sag­te der Herr, »er hat sich wohl weh ge­tan?«

»Ich hab’ ihm eine ver­setzt«, mel­de­te sich ein baum­lan­ger Strolch, »i bin ihm mit der Faust übers Maul g’fah­ren; i war’s, der wo ihn auf­g’hal­ten hat, Herr.«

Und grin­send griff der Lüm­mel an sei­nen Hut, ein Trink­geld er­war­tend. Aber der alte Herr warf ihm nur einen bit­ter­bö­sen Blick zu und sah sich ängst­lich um, als lie­fe er selbst am liebs­ten da­von, und er wür­de es wahr­schein­lich auch ge­tan und da­durch eine neue Hetz­jagd ver­an­lasst ha­ben, wenn sich nicht ein Po­li­zei­mann – wie im­mer in sol­chen Fäl­len – als al­ler­letz­ter ein­ge­fun­den und Oli­ver am Kra­gen ge­packt hät­te.

»Heda, auf­ge­stan­den«, sag­te der Po­li­zist grob.

»Ich bin es doch nicht ge­we­sen, Sir; wirk­lich, ich war es nicht. Es wa­ren zwei an­de­re Jun­gens«, rief Oli­ver ent­setzt, die Hän­de fal­tend und ver­stört um sich bli­ckend. »Ir­gend­wo hier her­um müs­sen sie sich ver­steckt ha­ben.«

»Na, hier her­um g’wiss nicht«, sag­te der Po­li­zei­mann, und wenn er sei­ne Wor­te auch iro­nisch mein­te, so hat­te er doch im All­ge­mei­nen recht, denn der Bal­do­we­rer so­wie Char­ley Ba­tes hat­ten sich längst ab­sen­tiert. »Auf­ge­stan­den jetzt!«

»Tun Sie ihm nichts zu lei­de«, sag­te der alte Herr mit­lei­dig.

»Na na, da­von kann ka Red sein«, ant­wor­te­te der Po­li­zei­mann und riss Oli­ver fast die Ja­cke vom Leib. »Marsch vor­wärts, dich kenn’ ich schon. Wirst gleich auf­ste­hen, Diebs­lüm­mel.«

Müh­sam er­hob sich Oli­ver vom Bo­den und wur­de am Kra­gen im schnells­ten Tem­po durch die Stra­ße ge­schleift. Der alte Herr ging ne­ben dem Po­li­zis­ten her, und ju­belnd be­glei­te­te sie die Gas­sen­ju­gend zum Kom­missa­ri­at.

11 – Der Polizeikommissär Mr. Fang zeigt sich als außerordentlich tüchtiger Justizbeamter.

Als der Zug auf der Wa­che an­lang­te, wur­de Oli­ver vor­läu­fig in eine Art Kel­ler ein­ge­sperrt, der nur so starr­te vor Schmutz. Ein vier­schrö­ti­ger Kerl mit ei­nem Ba­cken­bart und ei­nem Bün­del Schlüs­sel in der Hand trat vor. »Was gib­t’s denn schon wie­der?« frag­te er mür­risch.

»Ein jun­ger Ta­schen­dieb«, ant­wor­te­te der Po­li­zist, der Oli­ver am Kra­gen hielt.

»Sind Sie der Be­stoh­le­ne, Sir?« frag­te der Mann mit den Schlüs­seln.

»Ja«, sag­te der alte Herr. »Aber ich kann nicht ge­nau an­ge­ben, ob es auch wirk­lich der Jun­ge war, der mir das Ta­schen­tuch ge­stoh­len hat. Ich – hm – möch­te am liebs­ten den Fall nicht wei­ter ver­fol­gen.«

»Dös müs­sen S’ dem Herrn Kom­mis­sär sa­gen«, brumm­te der Mann. »Der Herr Kom­mis­sär wird gleich frei sein. Na, kumm amal her, klei­ner Gal­gen­vo­gel.«

Da­mit pack­te der Mann Oli­ver am Kra­gen und sperr­te ihn in den er­wähn­ten Kel­ler. Es war dies eine Art Schacht, der nur so strotz­te von Un­rat und Schmutz.

Der alte Herr sah eben­so be­küm­mert aus wie Oli­ver selbst, als der Schlüs­sel im Schlos­se kreisch­te, und warf mit ei­nem Seuf­zer einen Blick auf das Buch, das die un­schul­di­ge Ver­an­las­sung zu dem gan­zen Un­heil ge­we­sen war.

»Es liegt et­was in dem Ge­sicht des Jun­gen«, mur­mel­te der alte Herr und rieb sich nach­denk­lich mit dem Buch­de­ckel das Kinn, »et­was, was mich tief er­greift und rührt. Er ist viel­leicht ganz un­schul­dig. Aus­se­hen tut er da­nach. – Üb­ri­gens«, rief der alte Herr plötz­lich und sah nach­denk­lich zum Him­mel em­por, »an wen er­in­nern mich doch nur sei­ne Züge?«

Eine Berüh­rung an der Schul­ter weck­te ihn aus sei­nen Be­trach­tun­gen. Gleich dar­auf er­such­te ihn der Mann mit den Schlüs­seln ihm in die Wacht­stu­be zu fol­gen. Has­tig klapp­te der alte Herr das Buch zu und stand in der nächs­ten Mi­nu­te vor dem be­rühm­ten Po­li­zei­kom­mis­sär Mr. Fang. »Hier mein Name und mei­ne Adres­se, Sir«, sag­te er, ver­beug­te sich höf­lich und über­reich­te dem Ge­wal­ti­gen sei­ne Kar­te. Är­ger­lich über die Stö­rung blick­te Mr. Fang, der so­eben eine Zei­tung stu­diert hat­te, auf und frag­te: »Wer sind Sie?«

Ei­ni­ger­ma­ßen über­rascht deu­te­te der alte Herr auf sei­ne Kar­te.

Verächt­lich stieß der Kom­mis­sär die Kar­te zu­rück. »Ge­richts­die­ner, le­sen Sie, wer die­ser Mensch ist.«

»Ich hei­ße Brow­n­low«, fiel der alte Herr mit ei­ner Höf­lich­keit, die stark von der Grob­heit des Po­li­zei­be­am­ten ab­stach, ein, »Sie wer­den wohl ge­stat­ten, dass ich mich nach dem Na­men des Ge­richts­be­am­ten er­kun­di­ge, der ei­nem acht­ba­ren Bür­ger ohne jede Ver­an­las­sung in die­sem Lo­kal Be­lei­di­gun­gen ins Ge­sicht wirft.«

»Ge­richts­die­ner«, rief Mr. Fang und leg­te sei­ne Zei­tung weg, »was liegt ge­gen den Men­schen vor?«

»Ge­gen ihn nichts, Euer Gna­den«, er­wi­der­te der Die­ner. »Er ist der An­klä­ger die­ses Jun­gen.«

»So, die­ses Jun­gen, so«, sag­te Mr. Fang und mus­ter­te Mr. Brow­n­low von Kopf bis zu Fü­ßen ver­ächt­lich. »Be­ei­di­gen Sie ihn.«

»Ehe man mich ver­ei­digt, muss ich bit­ten, die Sa­che er­klä­ren zu dür­fen«, pro­tes­tier­te Mr. Brow­n­low. »Ich wür­de nie­mals ge­glaubt ha­ben, wenn es mir nicht selbst wi­der­fah­ren wäre, dass -«

»Hal­ten Sie den Mund«, rief Mr. Fang ge­bie­te­risch.

»Das wer­de ich nicht tun, Sir«, op­po­nier­te der alte Herr.

»Sie schwei­gen au­gen­blick­lich, oder ich las­se Sie hin­aus­wer­fen«, schrie Mr. Fang. »Sie sind ein un­ver­schäm­ter fre­cher Kerl. Wie kön­nen Sie sich er­dreis­ten, in die­ser Wei­se mit mir zu spre­chen!«

»Was!« rief der alte Herr, vor Zorn er­rö­tend.

»Ve­rei­di­gen Sie den Kerl!« be­fahl Mr. Fang. »Ich will wei­ter nichts hö­ren.«

Mr. Brow­n­low war aufs äu­ßers­te ent­rüs­tet, über­leg­te sich aber, dass er Oli­ver nur scha­den müs­se, wenn er wei­ter so ener­gisch auf­tre­te, un­ter­drück­te da­her sei­nen Är­ger und ließ sich ru­hig ver­ei­di­gen.

»Nun«, frag­te Mr. Fang, »was liegt ge­gen den Bur­schen vor? Was ha­ben Sie vor­zu­brin­gen, Sir?«

»Ich stand vor ei­nem Bü­cher­la­den«, be­gann Mr. Brow­n­low.

»Hal­ten Sie den Mund«, rief Mr. Fang. »Wo ist der Wach­mann? So. Hier. Be­ei­di­gen Sie den Wach­mann. Also, Wach­mann, was hat’s ge­ge­ben?«

Der Po­li­zei­mann be­rich­te­te mit ge­büh­ren­der Un­ter­wür­fig­keit, wie er Oli­ver ver­haf­tet, durch­sucht, aber nichts bei ihm ge­fun­den habe, und wie al­les wei­ter ge­kom­men sei.

»Sind Zeu­gen da?« frag­te Mr. Fang.

»Nein, Euer Gna­den.«

Ei­ni­ge Mi­nu­ten saß der Kom­mis­sär schwei­gend da, dann wand­te er sich zu Mr. Brow­n­low und sag­te mit stei­gen­dem Är­ger:

»Wol­len Sie jetzt hier aus­sa­gen, was Sie ge­gen den Jun­gen vor­zu­brin­gen ha­ben, oder wol­len Sie es nicht? Man hat Sie ver­ei­digt. Wenn Sie Ihre Aus­sa­ge ver­wei­gern soll­ten, las­se ich Sie we­gen Ir­re­füh­rung der Be­hör­den be­stra­fen, ver­las­sen Sie sich dar­auf – ich schwör’s bei -«

Bei was oder bei wem er es be­schwö­ren woll­te, kam nicht her­aus, denn im rich­ti­gen Mo­ment hus­te­ten der Schrei­ber und Schlie­ßer so laut sie konn­ten, und au­ßer­dem ließ ers­te­rer ein schwe­res Buch zu Bo­den fal­len und ver­hin­der­te, dass man den Fluch ver­ste­hen konn­te.

Des öf­te­ren un­ter­bro­chen und wie­der­holt be­schimpft, konn­te Mr. Brow­n­low end­lich die nö­ti­gen An­ga­ben ma­chen und schloss mit dem Be­mer­ken, er sei im ers­ten Au­gen­blick dem Jun­gen nach­ge­lau­fen, nur weil er ihn habe flie­hen se­hen. Dann gab er der Hoff­nung Aus­druck, man möge mit Oli­ver so ge­lin­de ver­fah­ren, wie es das Ge­setz nur ir­gend zulie­ße, falls es sich her­aus­stell­te, dass Oli­ver nicht selbst der Dieb sei, son­dern nur mit Die­ben in Ver­bin­dung stün­de.

»Er hat sich be­reits ernst­lich be­schä­digt«, schloss der alte Herr, »und ich fürch­te, glau­ben zu dür­fen, dass ihm nicht sehr wohl zu­mu­te ist.«

»Das kön­nen Sie frei­lich glau­ben«, rief Mr. Fang grin­send. »Hal­lo, lass jetzt den Fir­le­fanz, Bur­sche, es nützt dir hier nichts. Wie heißt du?«

Oli­ver woll­te ant­wor­ten, aber die Keh­le war ihm wie zu­ge­schnürt. Er war lei­chen­blass, und al­les dreh­te sich um ihn.

»Wie heißt du, Schuft, er­bärm­li­cher?« frag­te Mr. Fang. »Po­li­zei­die­ner, wie heißt der Bur­sche?«

Der An­ge­re­de­te, ein di­cker al­ter Mann mit ei­ner ge­streif­ten Wes­te, beug­te sich über Oli­ver und wie­der­hol­te die Fra­ge. Da er aber merk­te, dass der arme Jun­ge vor Ent­set­zen die Fra­ge kaum ver­stand, und er fürch­te­te, der Kom­mis­sär wür­de nur umso wü­ten­der wer­den, wenn er nicht bald eine Ant­wort be­käme, er­ging er sich in al­ler­lei Mut­ma­ßun­gen.

»Er sagt, er hei­ße Tom Whi­te, Euer Gna­den«, sag­te er end­lich.

»Er kann wohl nicht deut­lich ge­nug spre­chen, dass man’s hö­ren kann, was?« rief Mr. Fang. »Also gut, wo wohnt er?«

»Wo er ge­ra­de kann, Euer Gna­den«, ant­wor­te­te der Die­ner, trotz­dem Oli­ver kein Wort ge­spro­chen hat­te.

»Hat er El­tern?«

»Er sagt, sie wä­ren ge­stor­ben, wie er noch klein war, Euer Gna­den«, ant­wor­te­te der Mann mit der ge­streif­ten Wes­te, in­dem er sich auch die­se Wor­te wie­der er­fand.

Als das Ver­hör einen Mo­ment stock­te, hob Oli­ver mit fle­hen­dem Blick den Kopf und bat matt um einen Schluck Was­ser.

»Un­sinn«, rief Mr. Fang. »Dass du dich nicht etwa un­ter­stehst, mir da Lü­gen vor­zu­re­den.«

»Ich glau­be wirk­lich, er ist krank, Euer Gna­den«, wen­de­te der Ge­richts­die­ner ein.

»Das weiß ich bes­ser, schwei­gen Sie«, sag­te Mr. Fang.

»Ge­ben Sie acht auf ihn, Ge­richts­die­ner«, warn­te der alte Herr, »er wird gleich um­fal­len.«

»Weg da, Ge­richts­die­ner«, schrie der Kom­mis­sär. »Soll der Bur­sche nur um­fal­len, wenn’s ihm Spaß macht.«

Oli­ver je­doch mach­te von die­ser freund­li­chen Er­laub­nis wirk­lich Ge­brauch und fiel so­fort ohn­mäch­tig zu Bo­den. Die in der Amts­stu­be be­find­li­chen Un­ter­be­am­ten sa­hen ein­an­der an, aber kei­ner wag­te die Hand zu rüh­ren.

»Ich habs gleich ge­se­hen, dass er sich ver­stellt«, tri­um­phier­te der Kom­mis­sär, als ob er jetzt einen un­be­streit­ba­ren Be­weis in der Hand hät­te. »Lasst ihn nur lie­gen, er wirds schon satt krie­gen.«

»Wie ge­den­ken Sie in die­sem Fall zu ver­fah­ren?« frag­te der Schrei­ber mit lei­ser Stim­me.

»Sum­ma­risch, ganz sum­ma­risch«, ent­geg­ne­te der Kom­mis­sär. »Drei Mo­na­te Zwangs­ar­beit. Hin­aus mit ihm.«

Die Türe wur­de ge­öff­net, und man schick­te sich be­reits an, den be­wusst­lo­sen Oli­ver in sei­ne Zel­le zu tra­gen, als ein ält­li­cher Herr von an­stän­di­gem, wenn auch ärm­li­chem Äu­ßern in ei­nem ab­ge­nütz­ten schwar­zen An­zug has­tig in die Po­li­zei­stu­be stürz­te und zum Pult des Kom­mis­särs eil­te.

»War­ten Sie, bit­te, war­ten Sie, füh­ren Sie ihn nicht ab, um Got­tes wil­len, war­ten Sie einen Au­gen­blick«, rief der neu­an­ge­kom­me­ne Herr vor Eile noch ganz atem­los.

Der Kom­mis­sär war nicht we­nig em­pört, schon wie­der einen un­ge­be­te­nen Gast und noch dazu in so un­ehr­er­bie­ti­ger Wei­se ein­tre­ten zu se­hen.

»Was soll das hei­ßen?« rief er. »Werft den Kerl hin­aus. Ich will hier mei­ne Ruhe ha­ben.«

»Ich will aber spre­chen«, rief der Mann, »und las­se mich nicht ab­wei­sen. Ich habe al­les mit­an­ge­se­hen. Ich bin der Be­sit­zer des Buch­la­dens. Ich bit­te mich zu ver­ei­di­gen. Ich muss hier spre­chen. Mr. Fang, Sie müs­sen mich an­hö­ren. Sie dür­fen mir die Aus­sa­ge nicht ver­wei­gern, Mr. Fang.«

Der Buch­händ­ler war voll­stän­dig im Recht, und sein Be­geh­ren konn­te nicht ab­ge­schla­gen wer­den. Die Sa­che fing an, zu ernst­haft zu schei­nen, um ein­fach übers Knie ge­bro­chen zu wer­den.

»Also ver­ei­di­gen Sie den Men­schen«, brumm­te der Kom­mis­sär un­gnä­dig. »Nun, was ha­ben Sie vor­zu­brin­gen?«

»Fol­gen­des«, be­gann der Buch­händ­ler. »Also ich sah drei Jun­gen, zwei an­de­re und die­sen hier, und sie schlen­der­ten mei­nem La­den ge­gen­über auf der an­de­ren Sei­te der Stra­ße ent­lang, wäh­rend die­ser Gent­le­man hier ein Buch durch­blät­ter­te. Die bei­den an­de­ren Bur­schen ha­ben den Dieb­stahl be­gan­gen. Ich habe ge­se­hen, wie sie ihn aus­führ­ten, und habe auch be­merkt, dass die­ser Jun­ge hier dar­über ganz ent­setzt war.«

»Wa­rum sind Sie nicht frü­her her­ge­kom­men?« frag­te der Kom­mis­sär nach ei­ner Pau­se.

»Ich hat­te nie­mand, der in­zwi­schen auf mei­nen La­den auf­ge­passt hät­te«, ent­schul­dig­te sich der Buch­händ­ler. »Alle Leu­te sind doch wie be­ses­sen die­sem Jun­gen hier nach­ge­lau­fen, um ihn ein­zu­fan­gen. Erst vor fünf Mi­nu­ten konnt ich je­mand auf­trei­ben, und den gan­zen Weg bis hier­her bin ich in ei­nem­fort ge­lau­fen.«

»Die­ser Herr hier las in ei­nem Buch, nicht wahr?« frag­te Mr. Fang nach ei­ner zwei­ten Pau­se.

»Ja«, er­wi­der­te der Buch­händ­ler, »in dem­sel­ben, das er jetzt hier in der Hand hat.«

»Was? In dem Buch?« frag­te der Kom­mis­sär. »Ist das Buch schon be­zahlt?«

»Nein, noch nicht«, ant­wor­te­te der Buch­händ­ler lä­chelnd.

»O Gott, das hab ich ja ganz und gar ver­ges­sen«, rief der alte Herr harm­los.

»Ein net­ter Mensch, der einen ar­men Jun­gen des Dieb­stahls an­klagt«, sag­te Mr. Fang und be­müh­te sich, höh­nisch ein men­schen­freund­li­ches Ge­sicht auf­zu­set­zen. »Ich nei­ge der An­sicht zu, Sir, Sie ha­ben un­ter höchst ver­däch­ti­gen Um­stän­den sich die­ses Buch an­ge­eig­net. Sei­en Sie froh, dass der Ei­gen­tü­mer des­sel­ben nicht ge­gen Sie An­kla­ge er­hebt. Schrei­ben Sie sich das hin­ter die Ohren, mein Lie­ber, sonst kanns Ih­nen das nächs­te Mal schlimm ge­hen. Der Jun­ge ist frei­ge­spro­chen. Ge­richts­die­ner, räu­men Sie die Kanz­lei.«

»Ja zum Teu­fel noch mal«, rief der alte Herr, des­sen lang un­ter­drück­ter Zorn jetzt her­vor­brach. »Don­ner und Do­ria, ich will Ih­nen -«

»Räu­men Sie die Kanz­lei«, rief der Kom­mis­sär. »Ge­richts­die­ner, die Kanz­lei ge­räumt.«

Ehe noch Mr. Brow­n­low et­was sa­gen konn­te, wur­de er, das Buch in der einen, das Bam­bus­stöck­chen in der an­de­ren Hand und ganz au­ßer sich vor Em­pö­rung, hin­aus­ge­scho­ben. Drau­ßen im Hof je­doch ver­flog sein Zorn im Nu: der klei­ne Oli­ver Twist lag mit dem Rücken auf dem Pflas­ter, man hat­te ihm das Hemd auf­ge­knöpft und bei­de Schlä­fen mit Was­ser be­gos­sen. Sein Ge­sicht war to­ten­blass, und ein kal­ter Schau­der schüt­tel­te sei­nen gan­zen Kör­per.

»Ar­mer Jun­ge, ar­mer Jun­ge«, rief Mr. Brow­n­low und neig­te sich über ihn. »Bit­te, ho­len Sie doch eine Drosch­ke, bit­te, bit­te gleich.«

Im Au­gen­blick fuhr ein Wa­gen vor, und nach­dem man Oli­ver sorg­sam auf den Rück­sitz ge­legt, stieg der alte Herr ein und setz­te sich ihm ge­gen­über.

»Darf ich Sie be­glei­ten?« frag­te der Buch­händ­ler mit ei­nem Blick in den Wa­gen.

»Selbst­ver­ständ­lich, lie­ber Herr«, sag­te Mr. Brow­n­low. »Ich habe ganz auf Sie ver­ges­sen. O Gott, o Gott, im­mer noch habe ich das un­glück­se­li­ge Buch in der Hand. So stei­gen Sie doch ein! Der arme Jun­ge, der arme Jun­ge, wir dür­fen kei­ne Zeit ver­lie­ren.«

Der Buch­händ­ler stieg in den Wa­gen, und die Drosch­ke fuhr da­von.

12 – Oliver findet eine bessere Pflege als je zuvor, und unsere Geschichte kehrt wieder zu dem menschenfreundlichen Mr. Fagin und seinen jungen Schützlingen zurück.

Der Wa­gen ras­sel­te da­von, fast auf dem­sel­ben Weg, den Oli­ver durch­wan­dert hat­te, als er in der Ge­sell­schaft des Bal­do­we­rers zum ers­ten Mal Lon­don be­tre­ten, er­reich­te dann den »En­gel« in Is­ling­ton und hielt schließ­lich vor ei­nem hüb­schen sau­bern Haus in ei­ner stil­len schat­ti­gen Stra­ße in der Nähe von Pen­ton­ville. Hier brach­te Mr. Brow­n­low sei­nen jun­gen Schütz­ling so­fort zu Bett und ließ ihm eine Pfle­ge und Be­hand­lung an­ge­dei­hen, – so lieb­voll, wie die­ser sie noch nie im Le­ben ge­habt hat­te.

Eine gan­ze Wo­che ver­ging, und im­mer noch lag Oli­ver fie­bernd und fan­ta­sie­rend auf sei­nem La­ger. Schwach, ab­ge­ma­gert und bleich er­wach­te er end­lich aus ei­nem Schlaf, der ein lan­ger quä­len­der Traum ge­we­sen zu sein schi­en. Matt er­hob er sich in sei­nem Bett und sah sich ängst­lich um.

»Wo bin ich? Wo hat man mich hin­ge­bracht?« frag­te er. »Das ist doch nicht der Ort, wo ich um­ge­fal­len bin.«

Ei­lig wur­de der Vor­hang am Kop­fen­de des Bet­tes zu­rück­ge­zo­gen, und eine müt­ter­lich aus­se­hen­de alte Dame stand auf und beug­te sich über ihn.

»Still, still, Kind«, flüs­ter­te sie. »Du musst dich ru­hig ver­hal­ten, sonst wirst du wie­der krank. Du warst schon nahe am Tode, denk bloß. Leg dich nur wie­der hin – komm, sei ein lie­bes Kind.«

Mit die­sen Wor­ten leg­te die alte Dame Oli­vers Kopf zu­rück, strich ihm das Haar aus der Stirn und sah ihm so men­schen­freund­lich ins Ge­sicht, dass er sei­ne ab­ge­zehr­te Hand in die ihre le­gen und ih­ren Arm um sei­nen Hals schlin­gen muss­te.

»O du lie­ber Him­mel«, rief die alte Dame mit trä­nen­den Au­gen, »was das für ein dank­ba­res klei­nes We­sen ist. Was wür­de wohl sei­ne Mut­ter füh­len, wenn sie so ne­ben ihm säße, wie ich jetzt, und ihn se­hen könn­te.«

»Vi­el­leicht sieht sie mich«, hauch­te Oli­ver die Hän­de fal­tend. »Vi­el­leicht hat sie bei mir ge­ses­sen die gan­ze Zeit über. Ich glau­be wirk­lich, es war so.«

»Du hast ge­fie­bert, Kind«, sag­te die alte Dame mil­de.

»Ich glau­be auch, ich habe ge­fie­bert«, ant­wor­te­te Oli­ver. »Der Him­mel ist doch so weit weg, und sie sind so glück­lich dort, – viel zu glück­lich, um an das Bett ei­nes ar­men Jun­gen zu kom­men. Aber wenn sie ge­wusst hat, dass ich krank war, so muss es ihr sehr nahe ge­gan­gen sein, denn sie war ja auch sehr krank, ehe sie starb. Aber sie kann doch nicht gut et­was von mir wis­sen«, setz­te er nach ei­ner Wei­le hin­zu. »Hät­te sie ge­se­hen, was man mir an­ge­tan hat, so wäre sie be­trübt dar­über ge­we­sen. Und sie hat doch so glück­lich aus­ge­se­hen, so oft ich von ihr träum­te.«

Die alte Dame gab kei­ne Ant­wort, wisch­te sich nur die Au­gen und dann die Bril­le ab, die sie auf die Bett­de­cke ge­legt hat­te – ganz so, als ob die Bril­le und ihre Au­gen un­be­dingt zu­sam­men­ge­hör­ten -, dann brach­te sie Oli­ver ein be­ru­hi­gen­des Ge­tränk, tät­schel­te ihm die Wan­ge und sag­te ihm, er müs­se sehr ru­hig lie­gen, da­mit er nicht wie­der krank wer­de.

Oli­ver ge­horch­te so­fort, teils, weil er um al­les in der Welt die gute alte Dame nicht ge­kränkt hät­te, und dann auch, weil ihn die we­ni­gen Wor­te, die er ge­spro­chen, wirk­lich voll­stän­dig er­schöpft hat­ten. Er ver­fiel bald in eine Art Halb­schlum­mer, aus dem er erst durch den Schein ei­ner Ker­ze ge­weckt wur­de, die ihm, in die Nähe des Bet­tes ge­bracht, einen Herrn zeig­te, der in der einen Hand eine Uhr hielt und mit der an­de­ren sei­nen Puls be­fühl­te und dann be­haup­te­te, dass es ihm schon weit bes­ser gin­ge.

»Es geht dir doch auch bes­ser, nicht wahr, Kind?« frag­te der Herr.

»Ja, ich dan­ke, Sir«, er­wi­der­te Oli­ver.

»Na­tür­lich, ich weiß doch, dass es dir bes­ser geht«, sag­te der Dok­tor. »Du bist auch selbst­ver­ständ­lich hung­rig.«

»Nein, Sir«, ant­wor­te­te Oli­ver.

»Hm«, flüs­ter­te der Arzt. »Nein? Na­tür­lich ja; ich weiß doch, dass du gar nicht hung­rig bist. Er ist nicht hung­rig, Mrs. Bed­win«, sag­te er dann und leg­te sei­ne Stirn in tie­fe Weis­heits­fal­ten.

Die alte Dame mach­te eine ach­tungs­vol­le Ver­beu­gung, die be­sa­gen soll­te, dass sie den Dok­tor für einen un­ge­mein ge­schei­ten Herrn hal­te. Der Dok­tor schi­en von sich selbst­ver­ständ­lich die glei­che An­sicht zu ha­ben.

»Du bist also schläf­rig, nicht wahr, Kind?« frag­te er wei­ter.

»Nein«, ant­wor­te­te Oli­ver.

»Nein«, sag­te der Dok­tor mit pfif­fi­ger Mie­ne, »du bist nicht schläf­rig. Auch nicht durs­tig na­tür­lich, wie?«

»Doch, Sir, ziem­lich durs­tig«, ant­wor­te­te Oli­ver.

»Ganz wie ich er­war­te­te, Mrs. Bed­win«, sag­te der Arzt, »selbst­ver­ständ­lich muss er durs­tig sein. Sie kön­nen ihm ein we­nig Tee ge­ben, lie­be Mrs. Bed­win, und et­was trock­nes Brot, aber ja kei­ne But­ter. Hal­ten Sie ihn nicht zu warm, Mrs. Bed­win, ge­ben Sie aber auch acht, dass er nicht friert. Wer­den Sie sich das al­les mer­ken?«

Die Dame knix­te. Der Arzt kos­te­te das küh­len­de Ge­tränk, sprach sei­ne Bil­li­gung dar­über aus und schritt von dan­nen. Sei­ne Stie­fel knarr­ten, wie er die Trep­pe hin­un­ter­stieg, sehr laut und ver­rie­ten, was für eine hoch­wich­ti­ge Per­son in ih­nen stack.

Oli­ver schlum­mer­te wie­der ein, und als er er­wach­te, war es bei­na­he zwölf Uhr. Zärt­lich sag­te ihm die alte Dame Gute Nacht und übergab ihn der Ob­hut ei­ner di­cken al­ten Frau, die eben ein­ge­tre­ten war mit ei­nem klei­nen Bün­del und dar­in ei­nem dün­nen Ge­bet­buch und ei­ner bau­schi­gen Nacht­müt­ze. Als sie letz­te­re auf den Kopf ge­setzt und ers­te­res ne­ben sich auf den Tisch ge­legt, er­zähl­te sie Oli­ver, sie sei her­ge­kom­men, um bei ihm zu wa­chen. Dann zog sie ih­ren Stuhl an den Ka­min und schlief ein. Wach­te auch nicht mehr auf, höchs­tens für eine Se­kun­de, wenn sie vor Schnar­chen bei­na­he er­stick­te. Aber je­des Mal rieb sie sich dann tüch­tig die Nase und schi­en wei­ter kei­nen Scha­den ge­nom­men zu ha­ben.

So ver­ging lang­sam die Nacht. Eine Zeit lag Oli­ver wach, dann fing er an, die klei­nen Licht­krei­se zu zäh­len die der Lam­pen­schirm auf die De­cke warf, oder ver­folg­te mit mü­dem Blick das ver­wor­re­ne Ta­pe­ten­mus­ter. Bei dem Düs­ter und der fei­er­li­chen Stil­le, die in der Stu­be herrsch­ten, dräng­ten sich ihm die Ge­dan­ken auf, wie viel Tage und Näch­te der Tod hier ge­spuckt ha­ben moch­te, und dass er viel­leicht jetzt noch das Zim­mer mit der gan­zen Schwer­mut sei­ner furcht­ba­ren Ge­gen­wart er­fül­le. Und er drück­te sein Ge­sicht in die Kis­sen und be­te­te in­brüns­tig zu Gott.

All­mäh­lich ver­fiel er in einen tie­fen ru­hi­gen Schlum­mer, den nur das Ge­fühl, schwe­res Leid hin­ter sich zu ha­ben, ver­leiht; – jene fried­li­che Ruhe, aus der zu er­wa­chen Schmerz be­deu­tet. Wäre sie der Tod, wer wür­de gern dar­aus wie­der­er­wa­chen zu all den Kämp­fen und Müh­sa­len des Le­bens und zu der Ban­gig­keit vor der Zu­kunft, zu all den trü­ben Erin­ne­run­gen, die aus der Ver­gan­gen­heit wie­der auf­er­ste­hen!

Es war schon lan­ge hel­ler Tag, als Oli­ver die Au­gen auf­schlug, und er fühl­te sich froh und zu­frie­den, war doch die Kri­sis glück­lich über­stan­den, und er ge­hör­te wie­der der Welt an.

Nach drei Ta­gen war er wie­der fä­hig, in ei­nem Lehn­stuhl zu sit­zen, den man ihm gut mit Kis­sen aus­ge­stopft hat­te und den Mrs. Bed­win selbst die Trep­pen hin­un­ter­schlepp­te in das klei­ne Haus­häl­te­rin­nen­stüb­chen, das sie be­wohn­te. Dort saß nun Oli­ver ne­ben dem Ofen, und die gute alte Dame setz­te sich zu ihm und fing vor Freu­de, ihn wie­der so wohl zu se­hen, laut an zu wei­nen.


»Ach­te nicht auf mich, lie­bes Kind«, sag­te sie, »ich wei­ne mich nur gern von Zeit zu Zeit ein biss­chen aus; jetzt ist es schon vor­über, und ich bin wie­der ganz froh und ver­gnügt.«

»Sie sind so freund­lich ge­gen mich«, sag­te Oli­ver.

»Den­ke nicht dar­über nach, mein Kind«, wehr­te ihm die alte Dame. »Den­ke lie­ber an dei­ne Sup­pe, denn es ist höchs­te Zeit, dass du wie­der ein­mal et­was isst. Der Herr Dok­tor hat ge­sagt, Mr. Brow­n­low kön­ne heu­te früh vor­spre­chen und dich be­su­chen, und da musst du ihm ein glück­li­ches und zu­frie­de­nes Ge­sicht zei­gen, da­mit er sich dar­über freut.« Dann wärm­te die alte Dame in ei­nem Kes­sel ein we­nig Fleisch­brü­he, die nach Oli­vers An­sich­ten an Kraft für min­des­tens drei­hun­dert­fünf­zig Ar­men­häus­ler – ge­ring ge­schätzt – aus­ge­reicht hät­te.

»Siehst du ger­ne Bil­der, mein Kind?« frag­te die alte Dame, als sie sah, wie Oli­ver ge­spannt auf ein Por­trät blick­te, das ihm ge­gen­über an der Wand hing.

»Ich weiß es nicht, Mrs. Bed­win«, sag­te Oli­ver, ohne die Au­gen von dem Bild weg­zu­wen­den. »Ich habe so we­nig ge­se­hen, dass ich es kaum zu sa­gen weiß. Was für ein schö­nes freund­li­ches Ge­sicht die Dame dort hat.«

»Ach«, seufz­te die alte Frau, »die Ma­ler ma­chen doch die Da­men im­mer viel hüb­scher, als sie wirk­lich sind. Na ja, sonst wür­de sich auch nie­mand ma­len las­sen, mein Kind. Der Mann, der den Ap­pa­rat er­fun­den hat, mit dem man jede Ähn­lich­keit her­vor­bringt, hät­te wis­sen müs­sen, dass er da­mit kein Ge­schäft ma­chen kann. Es ist ein viel zu ehr­li­ches Hand­werk. Viel zu ehr­lich«, wie­der­hol­te die alte Dame und lach­te herz­lich über ih­ren Scharf­sinn.

»Ist das – das Bild ähn­lich, Mrs. Bed­win?« frag­te Oli­ver.

»Ja«, sag­te die alte Dame und blick­te einen Au­gen­blick von der Sup­pe auf. »Es ist doch ein Por­trät.«

»Von wem?«

»Das kann ich dir wirk­lich nicht sa­gen, Kind«, ant­wor­te­te die alte Dame gut ge­launt. »Es hat wohl mit nie­mand Ähn­lich­keit, den ich oder du ken­nen. Es scheint dich zu in­ter­es­sie­ren, Klei­ner?«

»Es ist so wun­der­schön.«

»Du fürch­test dich doch nicht am Ende da­vor?« frag­te die alte Dame, als sie be­merk­te, dass et­was wie Leid oder Schmerz im Blick Oli­vers lag.

»O, nein, nein«, be­teu­er­te Oli­ver rasch. »Aber ihre Au­gen se­hen so be­trübt drein, und wo im­mer ich hin­schaue, im­mer schei­nen sie auf mich ge­rich­tet zu sein. Das Herz schlägt mir da­bei«, setz­te er mit lei­ser Stim­me hin­zu. »Gera­de, als ob die Dame noch am Le­ben wäre und mit mir spre­chen woll­te, aber nicht könn­te.«

»Gott im Him­mel«, rief die alte Dame er­staunt, »was sprichst du denn da, Kind? Du bist noch sehr an­ge­grif­fen von dei­ner Krank­heit. Ich will dir den Stuhl auf die an­de­re Sei­te rol­len, dann siehst du es nicht im­mer. – So«, sag­te sie und ließ ih­ren Wor­ten die Tat fol­gen, »jetzt kannst dus nicht mehr se­hen.«

Aber im­mer noch sah Oli­ver im Geis­te das Bild vor sich, schwieg je­doch dar­über, um der al­ten Dame kei­nen Kum­mer zu be­rei­ten, son­dern mach­te ein freund­li­ches glück­li­ches Ge­sicht. Mrs. Bed­win, die sich dar­über sehr freu­te, schüt­te­te in die Sup­pe Salz, brock­te ge­rös­te­te Sem­mel­schnit­ten hin­ein und reich­te sie dann Oli­ver, der sie heiß­hung­rig ver­schlang. Er hat­te kaum den letz­ten Löf­fel ge­schlürft, als es lei­se an die Türe klopf­te und Mr. Brow­n­low ein­trat.

Wie ge­wöhn­lich hat­te der alte Herr die Bril­le auf die Stirn ge­scho­ben und die Hän­de in den Schö­ßen sei­nes Schlafrockes ver­bor­gen. Er warf jetzt einen be­däch­ti­gen lan­gen Blick auf Oli­ver und mach­te so­fort ein höchst be­stürz­tes Ge­sicht, denn Oli­ver sah eher aus wie ein Schat­ten, als wie ein le­ben­der Jun­ge, und bei sei­nem Ver­such, sei­nen Wohl­tä­ter zu be­grü­ßen, sank er vor Schwä­che wie­der in sei­nen Stuhl zu­rück. Mr. Brow­n­low, des­sen Herz so weit war, dass es für min­des­tens sechs alte phil­an­thro­pisch ge­sinn­te Her­ren aus­ge­reicht hät­te, tra­ten so­fort die Trä­nen in die Au­gen.

»Ar­mer Jun­ge, ar­mer Jun­ge«, mur­mel­te er und räus­per­te sich, um sei­ne Rüh­rung zu ver­ber­gen. »Ich bin wie­der schreck­lich hei­ser heu­te Mor­gen, Mrs. Bed­win. Ich fürch­te, ich habe mich er­käl­tet.«

»Ich will doch nicht hof­fen, Sir«, sag­te Mrs. Bed­win. »Ich habe mich selbst über­zeugt, dass Ihre Klei­der, be­vor Sie sie an­zo­gen, ganz tro­cken wa­ren.«

»Ich weiß, ich weiß, Mrs. Bed­win«, be­schwich­tig­te Mr. Brow­n­low. »Aber ich fürch­te, die Ser­vi­et­te ges­tern Mit­tag muss ein we­nig feucht ge­we­sen. Doch las­sen wir das. Wie geht es dir, Klei­ner?«

»O, ich bin so glück­lich, Sir«, ant­wor­te­te Oli­ver, »und bin Ih­nen so von Her­zen dank­bar für all das Gute, das Sie mir er­wie­sen ha­ben, Sir.«

»Bra­ver Jun­ge«, sag­te Mr. Brow­n­low stolz und wür­dig. »Ha­ben Sie ihm denn auch et­was Gu­tes zu es­sen ge­ge­ben, Mrs. Bed­win? Doch nicht etwa Was­ser­sup­pe?«

»So­eben einen Tel­ler schö­ne kräf­ti­ge Fleisch­brü­he, Sir«, ant­wor­te­te Mrs. Bed­win ein we­nig ge­kränkt, dass man ihr zu­mu­te­te, sie wer­de dem Pa­ti­en­ten Was­ser­sup­pe rei­chen.

»Brrrr«, sag­te Mr. Brow­n­low mit ei­nem leich­ten Schau­der, »ein paar Glä­ser Port­wein wä­ren noch viel bes­ser ge­we­sen, was meinst du, Tom Whi­te?«

»Ich hei­ße Oli­ver, Sir«, ant­wor­te­te der klei­ne Pa­ti­ent und sah Mr. Brow­n­low er­staunt an.

»Oli­ver?« wie­der­hol­te Mr. Brow­n­low. »Oli­ver? Oli­ver Whi­te also.«

»Nein, Sir. Twist, Oli­ver Twist.«

»Ku­rio­ser Name«, rief der alte Herr. »Wes­halb hast du denn dem Kom­mis­sär ge­sagt, du hießest Whi­te?«

»Das habe ich ihm nicht ge­sagt, Sir«, ant­wor­te­te Oli­ver er­staunt.

Das klang so of­fen­kun­dig wie eine Lüge, dass der alte Herr Oli­ver er­staunt an­blick­te, aber das Ge­sicht des klei­nen Pa­ti­en­ten trug so of­fen den Stem­pel der Wahr­heit, dass Mr. Brow­n­low so­fort je­den Zwei­fel fal­len ließ.

»Also ein Irr­tum«, brumm­te er. Dann plötz­lich sah er den Klei­nen wie­der starr an, der Ge­dan­ke an eine Ähn­lich­keit mit ei­nem Ge­sicht, das er ir­gend­wo ge­se­hen, dräng­te sich ihm über­mäch­tig auf.

»Sie sind doch nicht böse auf mich, Sir?« frag­te Oli­ver schüch­tern?

»Nein, nein«, rief der alte Herr schnell. »Gott, was sehe ich«, setz­te er schnell hin­zu. »Bed­win, schau­en Sie doch nur!«

Da­bei deu­te­te er has­tig auf das Por­trät, das über Oli­vers Kopf hing, dann auf des­sen Ge­sicht. Eins war die Ko­pie des an­de­ren: Au­gen, Kopf, Mund, kurz je­der Zug: der­sel­be. Die Ähn­lich­keit war so frap­pant, dass man wirk­lich ver­dutzt sein muss­te.

Oli­ver konn­te sich den Grund der plötz­li­chen Er­re­gung des al­ten Herrn nicht er­klä­ren, es braus­te ihm vor den Ohren, al­les dreh­te sich um ihn, und schwach, wie er von der über­stan­de­nen Krank­heit war, sank er plötz­lich in Ohn­macht.

*

Als der Bal­do­we­rer und Mas­ter Char­ley Ba­tes sich un­ter dem Ruf »Hal­tet den Dieb« sich der Hetz­jagd an­ge­schlos­sen, bo­gen sie plötz­lich in ein Ge­wirr von en­gen Gas­sen und Hö­fen ab und blie­ben schließ­lich atem­los in ei­ner nied­ri­gen fins­te­ren Tor­flur ste­hen. Dann platz­te Char­ley Ba­tes mit ei­nem brül­len­den Ge­läch­ter her­aus, ließ sich auf eine Tür­stu­fe fal­len und wälz­te sich au­ßer sich vor Ver­gnü­gen hin und her.

»So hör doch schon auf, dum­mes Lu­der«, brumm­te der Bal­do­we­rer und blick­te sich scheu um.

»Ich kann mich nicht hal­ten, ho­ho­ho«, brüll­te Char­ley. »Wie er so da­hin­ges­aust ist und alle Au­gen­bli­cke an­ge­prallt ist ge­gen einen La­ter­nen­pfahl, grad als ob er auch aus Ei­sen wär – ho­ho­ho – und ich mit dem Rie­ger­lap­pen im Sack – ho­ho­ho -« und wie­der wälz­te sich Mas­ter Ba­tes vor La­chen auf der Tür­schwel­le.

»Was meinst du wohl, was wird Fa­gin sa­gen?« frag­te der Bal­do­we­rer.

»Na, was soll er denn sa­gen?«

»Ja eben, das ists doch.«

»Meinst du, er wird was sa­gen?« frag­te Mas­ter Char­ley und hielt in sei­ner Hei­ter­keit plötz­lich inne, denn das Be­neh­men sei­nes Kol­le­gen wirk­te be­ängs­ti­gend auf ihn.

Mr. Dawkins pfiff ein paar Se­kun­den durch die Zäh­ne, dann nahm er den Hut vom Schä­del, kratz­te sich und nick­te be­denk­lich.

»Na, so sag, was du meinst«, dräng­te Mas­ter Char­ley.

»Ach was, kann mir schließ­lich auch wurst sein«, brumm­te der Bal­do­we­rer, und ein flüch­ti­ges Grin­sen über­flog sein lis­ti­ges Ge­sicht. Dann nahm er die Schö­ße sei­nes lan­gen Rocks un­ter dem Arm zu­sam­men, schlug sich ein paar­mal be­deu­tungs­voll auf die Nase, dreh­te sich auf dem Ab­satz um und schlich, von Char­ley Ba­tes ge­folgt, stumm durch den Hof da­von. Nicht lan­ge dar­auf schrit­ten bei­de die knar­ren­den Stu­fen zu dem al­ten Phil­an­thro­pen em­por, der ge­ra­de über sei­nen Herd ge­beugt, ein klei­nes Stück Brot und ein Würst­chen in der Lin­ken und ein Ta­schen­mes­ser in der Rech­ten, vor sich auf ei­nem Sche­mel einen zin­ner­nen Krug da­saß, wäh­rend ein schur­ki­ges Lä­cheln sein fah­les Ge­sicht über­zog. Ge­spannt horch­te er bei dem Geräusch auf und zog sei­ne dich­ten ro­ten Au­gen­brau­en zu­sam­men.

»Hal­lo, was ist das«, mur­mel­te er und wur­de to­ten­blass. »Nur zwei? Was soll das hei­ßen? Soll da was faul sein?«

Die Fuß­trit­te ka­men im­mer nä­her, er­reich­ten die Schwel­le, die Türe ging lei­se auf, und der Bal­do­we­rer und Char­ley Ba­tes tra­ten ein.

13 – Einige neue Personen werden vorgestellt.

»Wo ist Oli­ver?« rief der Jude und stand mit dro­hen­der Mie­ne auf. »Wo ist der Laus­bub?«

Die bei­den jun­gen Ta­schen­die­be blick­ten ih­ren Lehr­meis­ter be­tre­ten an, war­fen sich dann einen un­si­chern Blick zu und schwie­gen.

»Also, was is ge­wor­den aus dem Jün­gel?« frag­te der Jude und pack­te den Bal­do­we­rer wü­tend beim Kra­gen. »Eraus da­mit oder ich er­dros­sel euch.«

Es schi­en ihm mit sei­ner Dro­hung fürch­ter­lich ernst zu sein, und Char­ley Ba­tes re­te­rier­te an die Wand, sank dann in die Knie und er­hob ein lau­tes lan­gan­dau­ern­des Ge­heul.

»Also eraus da­mit«, kreisch­te der Jude und schüt­tel­te den ar­men Bal­do­we­rer der­art, dass er fast aus sei­nem Rock her­aus­ge­schleu­dert wur­de.

»No, zum Teu­fel, er­wi­scht ha­ben sie ihn halt«, sag­te der Bal­do­we­rer mür­risch. »Aber jetzt las­sen Sie mich end­lich los.« Da­bei riss er sich mit ei­nem Ruck aus sei­nem wei­ten Kit­tel, den der Jude in den Hän­den be­hielt, er­fass­te die Röst­ga­bel und mach­te einen hef­ti­gen Aus­fall auf die Wes­te des al­ten Phil­an­thro­pen, der, wenn er nicht glück­li­cher­wei­se da­ne­ben ge­gan­gen wäre, böse Fol­gen hät­te nach sich zie­hen kön­nen.

Mit ei­ner Be­hän­dig­keit, die man ihm nicht zu­ge­traut ha­ben wür­de, fuhr der alte Jude zu­rück, pack­te einen Krug und woll­te ihn ge­ra­de dem Bal­do­we­rer an den Kopf wer­fen, als eine tie­fe Stim­me rief:

»Ja, Him­mel Herr­gott Don­ner­wet­ter, was ist denn heut hier los! Wer schmeißt denn da nach mir?« – der Krug hat­te näm­lich einen vier­schrö­ti­gen, un­ge­fähr fünf­und­drei­ßig Jah­re al­ten Mann in ei­nem Sam­t­rock mit wei­ten grau­en Ho­sen, halb­lan­gen Schnürs­tie­feln und grau­en Baum­woll­st­rümp­fen, der eben her­ein­ge­tre­ten war, vor die Brust ge­trof­fen. Der Mann be­saß ein paar wuch­ti­ge Bei­ne, die den un­be­stimm­ten Ein­druck auf den un­be­fan­ge­nen Zuschau­er mach­ten, als fehl­te ir­gend­ein Schmuck dar­an, viel­leicht eine Art Gar­ni­tur von Ge­fäng­nis­ket­ten oder Zucht­haus­fes­seln. Auf dem Kopf trug er einen brau­nen Hut und um den Hals ein schmut­zi­ges bunt­sei­de­nes Tuch, mit des­sen lan­gen aus­ge­fran­s­ten Zip­feln er sich wäh­rend sei­ner Wor­te das Bier, das aus dem Krug ihm ins Ge­sicht ge­spritzt war, ab­wisch­te. Als er da­mit fer­tig war, kam ein brei­tes plum­pes Ge­sicht zum Vor­schein mit ein paar wil­den Au­gen, von de­nen das eine wahr­schein­lich von ei­nem jüngst er­lit­te­nen Schlag gelb und blau war.

»He­rein mit dir, ver­damm­te Bes­tie«, brumm­te die­ser lie­bens­wür­di­ge Gent­le­man über die Schul­ter, und gleich dar­auf schlich sich ein wei­ßer zot­ti­ger Kö­ter mit Biss­nar­ben am gan­zen Kör­per in die Stu­be. »Bi­schen dal­li, ja? ver­damm­tes Vieh; wirst wohl lang­sam zu stolz, um dei­nen Herrn zu re­spek­tie­ren? Kusch dir.«

Der Be­fehl wur­de von ei­nem Fuß­tritt be­glei­tet, der den Hund bis ans an­de­re Stu­ben­eck be­för­der­te, wor­aus sich die­ser aber sich nicht viel zu ma­chen schi­en, denn er zwi­cker­te nur grim­mig mit sei­nen bös drein­bli­cken­den Au­gen und fing an, das Zim­mer zu be­sch­nuf­feln.

»Also, was ist mit dir los? Be­han­delst wohl dei­ne Jun­gens schlecht, al­ter Filz?« brumm­te der Mann und setz­te sich be­dacht­sam nie­der. »Wun­dert mir bloß, dass sie dir nicht längst tot­je­schla­gen ha­ben. Ick an ih­rer Stel­le hätt es längst je­tan. Al­ler­dings, ver­kau­fen hät­te ich dei­ne schä­bi­gen Über­bleib­sel nich kön­nen, höchs­tens dass se dir uf der Ana­to­mie dei­ner Schön­heit we­gen in Spi­ri­tus je­setzt hät­ten.«

»Still, still, Mr. Sikes«, sag­te der Jude zit­ternd, »spre­chen Sie nicht so laut.«

»Ach was ›Mr.‹ – hier wird nicht ge­mis­tert«, knurr­te der Strolch. »Du hast im­mer ne be­son­de­re Je­mein­heit vor, wenn du an­fängst, den Men­schen zu be­mis­tern. Du kennst doch mei­nen Na­men; also kei­ne lan­gen Schmon­zes.«

»Na, also gut: Bill Sikes«, sag­te der Jude de­mü­tig, »Sie schei­nen hei­te nicht gut ge­launt zu sein, Bill.«

»Kommt mir auch so vor«, brumm­te Sikes. »Sie schei­nen üb­ri­gens auch nicht bes­ter Lau­ne zu sein; we­nigs­tens wüss­te ich nicht, wes­halb da sonst hier Bier­krü­ge rum­flie­gen. Sie tun ja rein, als ob schon al­les ans Licht ge­kom­men wäre.«

»Sind Sie toll!« fuhr der Jude auf, pack­te Sikes am Är­mel und deu­te­te auf die bei­den Jun­gen.

Der Strolch be­gnüg­te sich da­mit, sich pan­to­mi­misch einen Strick um den Hals zu le­gen – ein Ge­bär­den­spiel, das der Jude ge­nau zu ver­ste­hen schi­en -, und ver­lang­te dann höchst nach­drück­lich in un­ver­ständ­li­cher Gau­ner­spra­che, man sol­le ihm ein Glas Schnaps kre­den­zen.

»Aber ge­fäl­ligst kein Gift ein­schüt­ten«, setz­te er hin­zu und leg­te sei­nen Hut auf den Tisch.

Er schi­en im Scherz ge­spro­chen zu ha­ben; hät­te er aber den bö­sen Blick ge­se­hen, den der Jude ihm zu­warf, wie er sich an sei­nem Schran­ke um­dreh­te, wür­de er sei­ne War­nung ge­wiss nicht für ganz un­nö­tig ge­hal­ten ha­ben. Nach­dem er so­dann ein paar Glä­ser Schnaps in der Eile hin­ter die Bin­de ge­gos­sen, fing er an, von den bei­den jun­ge Gent­le­men nä­her No­tiz zu neh­men, und ließ sich von ih­nen den Ver­lauf von Oli­vers Ver­haf­tung um­ständ­lich er­klä­ren.

»Ich fürch­te«, jam­mer­te der Jude, »er wird da Sa­chen eraus­plau­schen, die uns in das größ­te Schlam­mas­sel brin­gen kön­nen.«

»Sie schei­nen ja eine Mordsangst zu ha­ben«, höhn­te Sikes mit bos­haf­tem Grin­sen. »Sie sind ja schon halb tot vor Angst, Fa­gin.«

»Se­hen Sie, ich wie­der nicht«, er­wi­der­te der Jude, »ich fürcht bloß, dass noch ganz an­de­re Lein­te als ich in den Saft er­ein­kom­men, lie­ber Freind.«

Der Strolch stutz­te und fuhr auf. Der alte Herr hat­te je­doch sei­ne Schul­tern bis zu den Ohren her­auf­ge­scho­ben, spiel­te sich auf den Zer­streu­ten und blick­te nur starr an die Wand.

Es trat eine lan­ge Pau­se ein. Je­der ein­zel­ne saß tief in Be­trach­tun­gen ver­sun­ken – so­gar der Hund, der sich bos­haft, sei­ne Schnauz­haa­re le­ckend, nach­zu­grü­beln schi­en, wem er wohl zu­erst an die Bei­ne fah­ren dürf­te. »Wir müs­sen er­aus­bal­do­wern, was bei der Po­li­zei vor­ge­gan­gen ist«, sag­te Mr. Sikes viel lei­ser, als er bis­her ge­spro­chen.

Der Jude nick­te bei­stim­mend. »Wenn er nicht ge­schwätzt hat und ein­ge­sperrt ist, ists wei­ter nicht ge­fähr­lich, bis er wie­der drau­ßen ist«, sag­te Mr. Sikes, »aber dann müs­sen wir ihn so­fort zu pa­cken krie­gen. So oder so.«

Der Jude nick­te.

Der Rat war of­fen­bar gut, nur die Aus­füh­rung schi­en schwie­rig, da sie alle vier eine un­über­wind­li­che Ab­nei­gung an den Tag leg­ten, sich in die Nähe der Po­li­zei­wach­stu­be zu be­ge­ben. Ver­le­gen blick­ten sie ein­an­der an, da tra­ten die bei­den jun­gen Da­men ein, de­ren Be­kannt­schaft Oli­ver vor ei­ni­gen Ta­gen ge­macht hat­te. »Nu also da ha­mersch ja«, sag­te der Jude. »Betsey wird hin­gehn. Was mei­nen Sie dazu, Betsey?«

»Wo denn hin?« frag­te die jun­ge Dame.

»Ih­nen ge­sagt, bloß ä bis­sel auf der Po­li­zei«, schmei­chel­te der Jude.

Die jun­ge Dame war zu fein­füh­lend, um die Bit­te di­rekt ab­zu­schla­gen, son­dern brumm­te nur, sie wol­le lie­ber ver­dammt sein, als so einen Blöd­sinn zu be­ge­hen.

Der Jude ließ den Kopf hän­gen, dann wen­de­te er sich zu der an­de­ren jun­gen Dame, die sehr flott, um nicht zu sa­gen auf­fäl­lig an­ge­zo­gen war und einen ro­ten Rock und grü­ne Stie­fel, so­wie gel­be falsche Lo­cken trug.

»Nan­cy­le­ben«, sag­te er ein­dring­lich, »nu was is, was mei­nen Sie dazu?«

»Es jeht ein­fach nich, es ist dum­mes Zeug; wozu lan­ge rum­quat­schen, Fa­gin«, ant­wor­tet Nan­cy.

»Was soll das hei­ßen«, frag­te Mr. Sikes und blick­te mür­risch auf.

»Genau was ich sage, Bill«, er­wi­der­te die jun­ge Dame ge­fasst.

»Gera­de du könn­test so was am bes­ten ma­chen«, hielt ihr Mr. Sikes vor, »ge­ra­de hier im Distrikt kennt dich kein Mensch.«

»Gera­de des­we­gen, weil mir nie­mand kennt, hab ik kee­ne Lust, mir durch­sich­tig zu ma­chen«, ant­wor­te­te Nan­cy cha­rak­ter­stark. »Wenn ik mal sage: ›ne‹, kannst de dir drauf ver­las­sen, dass ik bei die­ser Mei­nung blei­be, Bill.«

»Sie wird ge­hen, Fa­gin«, sag­te Mr. Sikes kühn.

»Ne – wird se nich, Fa­gin«, sag­te Nan­cy.

»Ja­wohl, sie wird ge­hen, Fa­gin«, be­harr­te Sikes auf sei­ner An­sicht.

Und Mr. Sikes be­hielt recht. Durch Dro­hun­gen, al­ler­lei Ver­spre­chun­gen und Geld wur­de schließ­lich die jun­ge Dame über­re­det, den Auf­trag zu über­neh­men; al­ler­dings lief sie we­ni­ger Ge­fahr als ihre lieb­rei­zen­de Kol­le­gin, denn sie war erst vor kur­z­em nach der ein we­nig ab­ge­leg­nen, aber nichts­de­sto­we­ni­ger vor­neh­men Vor­stadt Rat­clif­fe in der Nähe von Field Lane über­sie­delt und brauch­te da­her nicht zu be­fürch­ten, ir­gend­ei­nem un­lieb­sa­men Be­kann­ten zu be­geg­nen.

Nach­dem sie sich eine wei­ße Schür­ze über ihr Kleid ge­bun­den und die falschen Lo­cken un­ter ei­nem Stroh­hut glück­lich ver­staut hat­te – zwei Gar­de­ro­be­stücke, mit de­nen sie sich aus der un­er­schöpf­li­chen Schatz­kam­mer des Ju­den ver­sorg­te -, traf sie An­stal­ten, den über­nom­me­nen Auf­trag aus­zu­füh­ren.

»War­ten Se noch e bis­sel«, sag­te der Jude und brach­te einen klei­nen De­ckel­korb her­bei­ge­schleppt, »tra­gen se das da in der Hand, es sieht an­stän­di­ger aus, mein Kind.«

»Ei­nen Haus­schlüs­sel könn­ten Sie ihr auch noch ge­ben, – den kann sie in der an­de­ren Hand hal­ten«, riet Sikes, »so was macht sich un­ge­mein so­lid.«

»Ich soll so le­ben«, rief der Jude ent­zückt und hing der jun­gen Dame rasch einen Haus­schlüs­sel an den Zei­ge­fin­ger. »Gott, wie Ih­nen das fein steht, mein Kind«, ju­bel­te er und rieb sich be­geis­tert die Hän­de.

»O Gott, o Gott, mein ar­mer sü­ßer klei­ner Bru­der«, rief Nan­cy, brach so­fort in Trä­nen aus und um­krampf­te den klei­nen De­ckel­korb und den Haus­schlüs­sel mit den Hän­den. »Wo ist er nur hin­ge­kom­men, wo ha­ben Sie ihn hin­ge­bracht, ach, ha­ben Sie doch Mit­leid und sa­gen Sie mir, Euer Gna­den, was Sie mit dem ar­men Jun­gen ge­macht ha­ben, bit­te, bit­te.«

Nach­dem Nan­cy zum größ­ten Ent­zücken den An­we­sen­den die­se Rol­le tiefs­ten in­ne­ren Wehs vor­ge­mimt, nick­te sie den Her­ren lä­chelnd zu und lief hin­aus.

»Hi­hi­hi«, lach­te der Jude, »is das e ge­schei­te Schick­se.« Dann wen­de­te er sich sei­nen jun­gen Freun­den zu, schüt­tel­te ge­wich­tig das Haupt und er­mahn­te sie stumm, die­ses leuch­ten­den Bei­spiels ein­ge­denk zu sein.

»Sie ist eine Ehre ih­res Ge­schlech­tes«, sag­te Mr. Sikes, füll­te sein Glas und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Auf ihr Wohl. Ich woll­te, sie wä­ren alle so wie die.«

In­zwi­schen hat­te die jun­ge Dame be­reits ein hüb­sches Stück Wegs zum Po­li­zei­amt zu­rück­ge­legt und lang­te bald dar­auf, al­ler­dings mit ei­ner ge­wis­sen na­tür­li­chen Be­fan­gen­heit, die sich aus dem Um­stan­de er­klär­te, dass sie al­lein und schutz­los durch die Stra­ßen ge­gan­gen, an ih­rem Zie­le an. Durch das Hin­ter­tor ein­tre­tend, klopf­te sie lei­se mit ih­rem Haus­schlüs­sel an eine Zel­len­tür und horch­te. Als sich nichts hö­ren ließ, hüs­tel­te sie und lausch­te dann wie­der. Da im­mer noch kei­ne Ant­wort er­folg­te, rief sie end­lich:

»Nol­ly, lie­ber Kle­ner, Nol­ly, hörst de nich?«

Es war aber nie­mand drin als ein ar­mer Strolch ohne Schu­he, den man ver­haf­tet hat­te, weil er öf­fent­lich die Flö­te ge­bla­sen und jetzt von Mr. Fang we­gen die­ses Ver­sto­ßes ge­gen die öf­fent­li­che Ord­nung zu ei­nem vier­wö­chent­li­chen Auf­ent­halt in der Bes­se­rungs­an­stalt ge­won­nen wor­den war. Der Treff­li­che hat­te bei Fäl­lung des Ur­teilss­pru­ches den be­leh­ren­den Auss­pruch ge­tan, der Kerl kön­ne, wenn er so viel Atem habe, sei­ne Kräf­te am bes­ten in der Tret­müh­le ver­wen­den. Der Strolch war jetzt in­ner­lich da­mit be­schäf­tigt, den Ver­lust sei­ner Flö­te zu be­kla­gen, die man zu­guns­ten des Kri­mi­nal­mu­se­ums mit Be­schlag be­legt hat­te. Nan­cy ging zur nächs­ten Zel­le und klopf­te dort.

»Ja? Was ist?« rief eine schwa­che Stim­me.

»Is ’n kle­ner Jun­ge drin?« frag­te Nan­cy mit ei­nem ein­lei­ten­den Seuf­zer.

»I wo«, ant­wor­te­te die Stim­me, »Jott be­wah­re.«

Sie ge­hör­te ei­nem Land­strei­cher von un­ge­fähr fünf­und­vier­zig Jah­ren an, den man ins Ge­fäng­nis ge­steckt hat­te, wahr­schein­lich, weil er nicht die Flö­te ge­bla­sen und über­haupt al­les ver­säumt hat­te, was zur Er­wer­bung sei­nes Le­bens­un­ter­halts von Vor­teil ge­we­sen wäre. In der Zel­le ne­ben­an saß wie­der ein Mensch, der eben­falls ein­ge­sperrt wer­den soll­te, weil er ohne Hau­sier­schein mit Blech­pfan­nen hau­siert hat­te, also doch et­was zur Er­wer­bung sei­nes Le­bens­un­ter­hal­tes ge­tan hat­te, al­ler­dings ohne die Steu­er­be­hör­de da­bei ge­nü­gend zu be­rück­sich­ti­gen.

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9783943466706
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