Читать книгу: «Dramaturgie des Daseins»
Carl Hegemann, geb. 1949 in Paderborn, studierte 1969–1978 Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaften in Frankfurt am Main. Nach der Promotion unterrichtete er dort zehn Jahre Philosophie und Soziologie. 2004/2005 war er Gastprofessor an der HdK Karlsruhe und 2006–2014 Professor für Dramaturgie an der HMT »Felix Mendelssohn Bartholdy« in Leipzig. Seit 1979 arbeitet Hegemann an zahlreichen Theatern und Opernhäusern, darunter das Tübinger Zimmertheater, das Burgtheater Wien, die Bayreuther Festspiele, die Schauspielhäuser in Freiburg, Bochum, Köln, Zürich und Hamburg, die Staatsopern in Berlin und Hamburg sowie das Opernhaus in Manaus, Brasilien. Nach dem Tod von Heiner Müller war er 1996–1998 Ko-Intendant am Berliner Ensemble. An der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin unter der Leitung von Frank Castorf war er zwischen 1992 und 2017 insgesamt 15 Jahre engagiert, zuletzt 2015–2017 als Chefdramaturg. Dort entstanden auch prägende Arbeitszusammenhänge mit Christoph Schlingensief, René Pollesch, Herbert Fritsch und Bert Neumann. Hegemann unterrichtet u. a. an den Kunstuniversitäten in Wien und Berlin. Zuletzt arbeitete er mit Frank Castorf, Jette Steckel und Christoph Marthaler. 2018 gründete er die dramaturgische Beratungsagentur »Everyday live« (www.everydaylive.de).
Raban Witt, geb. 1988 in Leipzig, studierte Politikwissenschaft in Wien, Philosophie in Oldenburg und Dramaturgie in Hamburg. Nach dem Studium Arbeiten als Teil des Regie-Duos Kaufmann/Witt, als »embedded author« bei Inszenierungen von Dor Aloni, als Produktionsdramaturg sowie als Lehrbeauftragter für Philosophie. 2017 gehörte er in der letzten Spielzeit der Intendanz Castorf zur Dramaturgie der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin. Seit der Spielzeit 2018/19 ist er Dramaturg am Theater Oberhausen. Mit Carl Hegemann hat er bereits an mehreren Büchern gearbeitet: Wie man ein Arschloch wird. Kapitalismus und Kolonisierung, Identität und Selbst-Zerstörung und (als Mitherausgeber) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 1992–2017. Ein Fotoalbum, alle erschienen im Alexander Verlag Berlin.
Carl Hegemann
DRAMATURGIE
DES DASEINS
Everyday live
Herausgegeben von Raban Witt

Für Bonn Park, Vanessa Unzalu Troya, Jette Steckel, Jürgen Kruse und Siegfried Bühr.
© by Alexander Verlag Berlin 2021
Alexander Wewerka, Postfach 19 18 24, 14008 Berlin
info@alexander-verlag.com | www.alexander-verlag.com
Alle Rechte vorbehalten. Jede Form der Vervielfältigung,
auch der auszugsweisen, nur mit Genehmigung des Verlags.
© für die Abbildungen bei den Urhebern.
© für die Texte von Frank Castorf, Diedrich Diederichsen, Christoph Menke und Christoph Schlingensief bei den Autoren.
Redaktion/Lektorat: Marilena Savino
Satz und Layout: Antje Wewerka
Umschlaggestaltung: Antje Wewerka
Umschlagabbildung: »Retablo de día de los muertos« aus einem
Souvenirladen in Mexiko, Foto: Sandra Then
eISBN 978-3-89581-573-7 (eBook)
Inhalt
Einleitung
Von Raban Witt
B-Seite des Lebens
Vorwort für die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten
I. WIE DEN TAG ÜBERSTEHEN?
Glücklich im Unglück
Paradoxien des Genießens
Ich wünsche nur, was ich bereits besitze
Romantische Liebe überleben
Lie to me, I promise I’ll believe
Kann man echte Liebe kaufen?
Flucht in die Familie
Die Keimzelle des Staates gebiert Ungeheuer
Flucht in die Kunst
oder: Der ideale Staat
Anhang: Flucht in den Baumstamm
Zurück zur Allmacht
Die schönste Zeit im Leben
Nichts tun
Zur Metaphysik der Zeitverschwendung
Das Dunkel, das uns blendet
Sind wir Weltraumschrott?
Krieg der Viren
Zusammenfall von Mythos und Geschichte bei Heiner Müller (Kommentar zum Germania 3-Schaubild)
Living in a Ghost Town
Telefongespräch Berlin-New York mit Boris Groys, April
II. WAS GEHT HIER EIGENTLICH VOR?
Leben als Selbstwiderspruch
Hölderlin formuliert den Höhe- und Endpunkt der Philosophie und streicht ihn durch
Erving Goffmans Rahmen-Suppe
Organisation und Desorganisation von Erfahrung
Index zu Erving Goffmans Rahmen-Analyse
Von Michael Gmaj
Vergesst Marx
Einführung in den historischen Materialismus
Schock des Offenen
Das Geheimnis der Negativen Dialektik
Spaß haben, die Welt retten und dabei Geld verdienen
Brechts Theaterrevolution
Nicht Realismus, sondern Realität
Von Frank Castorf
HeART of the City
Bausteine für eine Dramaturgie der Gegenwart
Anhang: Dramaturgie ist der Tod der Autonomie. Von Christoph Schlingensief
Digitale Geschlechtsumwandlung ist toll, reicht aber nicht
Schaubühne als amoralische Anstalt
und Friedrich Schiller als Marketingstratege
So hast du stets dein Spiel mit uns getrieben
Alle Menschen werden Spieler I
Das Können des Nichtkönnens
Die Kunst des Bäckers und die Kunst des Künstlers
Doing Things with Words
Alle Menschen werden Spieler II
Darf man auf der Bühne lügen?
Die Deutsche Bank sucht Dramaturg*innen
Schreiende Laien
Die Süddeutsche Zeitung hat den Blues
Die Liebe zur Geheimagentin
Gespräch mit René Pollesch
Only Tragedies can make me happy
Der amerikanische Traum von der Tragödie
Von Afrika lernen
Parenté à plaisanterie – Wie man sich in Burkina Faso beschimpft
Die Volksbühne der Republik
Theater als Selbstwiderspruch
Kunst und Gefahr
Warum Christoph Schlingensiefs Aktionskunst heute wahrscheinlich keine Chance mehr hätte
III. ERLÖSUNG IST MÖGLICH …
Die Schrecken der Unsterblichkeit
Der fliegende Holländer in Manaus
Confidence Games
Die Johanna-Passion von Walter Braunfels
Ein Dichter unter den 36 Gerechten
Wie Botho Strauß sich beinah verplapperte
Schade, dass ich nicht der Teufel bin, sondern Henry Hübchen
Everyday live
Dasein des Dramaturgen
Von Vegard Vinge
Blick aus dem Jenseits – Mea Culpa
Christoph Schlingensiefs Readymade-Oper am Burgtheater Wien
Mea Culpa. Eine Readymade-Oper
Handlung
Ohne dich kann ich nicht sein
Tannhäuser zwischen Rausch und Traum
Mit dir bin ich auch allein
Der Tannhäuser-Konflikt (Kommentar zum Schaubild)
Anhang: Experiment und Institution. Von Christoph Menke
Ohne Dunkelheit sind wir blind
Die Zauberflöte und das schwarze Herz der Revolution
Das Männliche ist das Vergängliche
Übergang zur Eingeschlechtlichkeit
Fort-Schritt
Die ewige Raststätte
No Service
Gegen die Konsenskultur (Volksbühne 2015/16)
Theater der Apokalypse
Den Leuten nur sagen, was sie schon wissen
Wenn Gott tot ist, darf VW Abgaswerte manipulieren
Anhang: Den Westen ficken
Erobert euer Grab
IV. … ABER NICHT FÜR UNS
Es gibt kein Leben außerhalb meiner Produkte
Gespräch mit Corinne Orlowski über Einar Schleef
S.M.A.S.H. – In Hilfe ersticken
Christoph Schlingensiefs Operndorf-Apokalypse (abgesagt am 1. Juli 2010)
Tod eines Weltstars
Warum Schlingensiefs letzter Film nicht zustande kam und dennoch vorhanden ist
Der Mann, der nicht lügen konnte
Nachruf auf Christoph Schlingensief
Germania – Egomania
Kunst und Nicht-Kunst bei Christoph Schlingensief
Menschenfreund und Wundertäter
Antrag auf Heiligsprechung des katholischen Künstlers C. S.
Wehrlos durchs Leben
Nachruf auf Maria Kwiatkowsky
Nadryw
Nachruf auf Bert Neumann
Der Übergriff als Kunst und Wirklichkeit
Nachruf auf Volker Spengler
ANHANG: DIE NATÜRLICHE ÜBERLEGENHEIT VIERTEILIGER MODELLE
Vier Voraussetzungen jeden Daseyns
Von Friedrich Hölderlin
Vier Dinge braucht die Kunst
Vier Dinge braucht der Mensch
Die Ordnung der Getränke
Von Diedrich Diederichsen
Verzeichnis der Leitmotive
Namenregister
Texte
Bilder
Dank
Einleitung
Von Raban Witt
Um was handelt es sich hier? Um eine philosophische Abhandlung, ein Handbuch für die Theaterpraxis oder einen Ratgeber fürs alltägliche Leben? Dieses Buch ist nichts davon und doch all das zusammen. Carl Hegemanns Denken ist keine graue Theorie, sondern immer auf gelebte Wirklichkeit bezogen, er hält sich an Salomon Maimons Devise »Ich denke von meinen täglichen Verrichtungen her«. Seine Analyse ergibt, dass auch das Theater vom Leben nicht zu trennen ist, weil beide dieselbe Grundlage haben: die Spannung, den Konflikt, das Drama. Und so finden hier Theater und Leben und Theorie durch eine »heilige Kollision« (Wolfram Lotz) zusammen zu einer Dramaturgie des Daseins.
Das Buch versammelt im Wesentlichen Texte, die Carl Hegemann in den letzten fünfzehn Jahren geschrieben hat. Davon werden viele hier zum ersten Mal veröffentlicht (etwa die zentralen theoretischen Grundlagentexte über Hölderlin, Goffman, Marx und Brecht), andere sind vorher schon verstreut in Sammelbänden, Theatermagazinen oder Zeitungsfeuilletons erschienen. Obwohl die einzelnen Beiträge allesamt Gelegenheitsarbeiten sind, aus verschiedenen Anlässen entstanden und mit unterschiedlichen Intentionen verfasst, haben sie sich doch zu einem kohärenten Text zusammenfügen lassen, den man gut von vorn nach hinten lesen kann. Will man ihn sich trotzdem lieber sprunghaft erschließen, kann neben dem Inhaltsverzeichnis das Namensregister helfen, direkt zu den Materialien und Themen zu finden, die einen gerade am meisten interessieren. Als zusätzliche Orientierung haben wir im Verzeichnis der Leitmotive Zitate und Denkfiguren versammelt, die in vielen Texten vorkommen und dort von unterschiedlichen Seiten beleuchtet werden.
Diese Veröffentlichung hat zwei sehr unterschiedliche Vorläufer. Zum einen das Plädoyer für die unglückliche Liebe, ein chronologisch geordneter Sammelband mit Hegemann-Texten von 1980 bis 2005. Zum anderen die Dissertation Identität und Selbst-Zerstörung, die schon 1982 erschienen ist und 2017 wiederveröffentlicht wurde.1 Was er hier als junger Philosoph vor über vierzig Jahren entwickelt hat, ist in seiner Theaterreflexion und -praxis bis heute überall zu finden.
Eine zentrale Pointe lautet: Wir können uns nur selbst bestimmen, wenn wir von außen bestimmt sind. Determiniertheit ist die Voraussetzung von Freiheit wie umgekehrt Freiheit die Voraussetzung der spezifisch menschlichen Form von Determination ist. »Nur der spannungsvolle und spannende Prozess zwischen beiden Extremen, zwischen bestimmendem, tätigem Ich und determinierendem, das Ich jenseits seines bewussten Wollens prägendem Nicht-Ich ermöglicht lebendiges Leben.«2
Dieser Zusammenhang zwischen Ich und Welt wird in der kapitalistischen Gesellschaft zerrissen: Was das Subjekt wesentlich ausmacht, seine Tätigkeit, kann von ihm nicht mehr als etwas erfahren werden, das zu ihm gehört. Diesen Vorgang hat zwar schon Karl Marx beschrieben (er nannte ihn »Entfremdung«), aber ihn ausschließlich mit einer objektiven Analyse des Kapitalismus verbunden. Marx zeigt, wie die Art, in der in der bestehenden Gesellschaft Reichtum vermehrt wird, »zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.«3 Hegemann analysiert darüber hinaus in seiner Doktorarbeit, wie der Kapitalismus »neben der Untergrabung der objektiven Bedingungen jeder gesellschaftlichen Reproduktion auch die subjektiven Voraussetzungen für die gelingende Identitätsbildung der Menschen gefährden und zerstören« kann.
Die Reflexion über diese objektiv und subjektiv zerstörerischen Potenzen des Kapitalismus gehört auch zur Dramaturgie des Daseins. Weil das vielleicht nicht immer offenkundig ist, sei der Hinweis erlaubt: Dieses Buch handelt nicht nur von den Facetten des Dramas, die das Leben und das Theater in allen Gesellschaftsformen bestimmen, sondern immer auch von dieser konkreten Gesellschaft, also von der vermeidbaren »ganzen Scheiße« (Marx), die uns daran hindert, in sinnvoller Weise mit unseren unvermeidbaren Widersprüchen umzugehen.
Ein solch unvermeidbarer Widerspruch erwächst aus dem Problem der Sterblichkeit, das Anfangs- und Endpunkt der Dramaturgie des Daseins ist. Am Tod, als letzter Grenze, scheitern irgendwann all unsere Bemühungen. Deshalb ist alles, was wir versuchen, am Ende vergeblich. Dass unsere Leben endlich sind, heißt aber auch, dass jeder Moment einmalig ist, nicht wiederholbar, unwiederbringlich. Deshalb hat alles, was wir tun oder lassen, eine Konsequenz und daher eine Bedeutung. Aus dem Umstand, dass wir sterben müssen, können wir also zwei vollkommen gegensätzliche Schlüsse ziehen: entweder ist alles sinnvoll oder alles ist sinnlos. Und daraus folgen zwei ebenso gegensätzliche Regeln für unsere Lebenspraxis: »Nutze den Tag!« oder »Verschwende deine Zeit!«
Im Kapitalismus ist, zumindest für die meisten Menschen, beides unmöglich. Wir können den Tag nicht nutzen, weil ein Großteil unserer Lebenszeit für einen sinnlosen Zweck draufgeht, der nichts mit uns zu tun hat: aus Geld mehr Geld zu machen, um noch mehr Geld zu machen und so weiter, in einer end- und sinnlosen tautologischen Bewegung, bei Strafe des Untergangs. Und wir können auch nicht unsere Zeit verschwenden, weil unterm Kapital die Befriedigung noch der persönlichsten Bedürfnisse, und sei es in Form grenzüberschreitender Exzesse, zum Mittel verkümmert, montags wieder arbeiten zu können.
Weil wir weder den Tag nutzen noch unsere Zeit verschwenden können, halten wir es so schwer aus, uns mit unserer Sterblichkeit zu konfrontieren. Eine bessere Gesellschaft würde sich nicht zuletzt dadurch auszeichnen, dass sie eine solche Konfrontation ermöglichen würde. Carl Hegemann bringt das auf den Punkt mit einem Zitat, das er von Heiner Müller übernimmt, der es bei Ilja Ehrenburg gefunden hat: »Wenn der Kommunismus erreicht ist und alle ökonomischen Probleme gelöst sind, dann beginnt die Tragödie des Menschen, dann sind wir endlich so weit, dass wir uns mit der Tragödie beschäftigen können, mit der Tragödie unserer Sterblichkeit.«
Das Ende des gesellschaftlich bedingten Leidens wäre kein paradiesischer Zustand, in dem die »Sonn’ ohn’ Unterlass« scheint, wie es noch in der Internationalen hieß. Aber es wäre doch zumindest eine Situation, in der wir den Tod aus seinem Schattendasein holen könnten. Womöglich könnten wir dann wirklich, wie es in einer der ersten Überschriften dieses Buches heißt, »glücklich im Unglück« werden.
Aus diesem Grund ist die Dramaturgie des Daseins, die auf das Problem der Sterblichkeit zuläuft, nicht nur ein Buch fürs Hier und Jetzt, sondern auch für eine mögliche bessere Gesellschaft der Zukunft. Oder für vernunftbegabte Aliens, denen es vielleicht irgendwo im All gelungen ist, sich menschlicher zu organisieren, als wir Menschen das bisher geschafft haben.
1Vgl. Carl Hegemann: Identität und Selbst-Zerstörung. Grundlagen einer historischen Kritik moderner Lebensbedingungen bei Johann G. Fichte und Karl Marx, Alexander Verlag 2017.
2Ebd., S. 175.
3Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Dietz Verlag 1968, S. 529.
B-Seite des Lebens
Vorwort für die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten
Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.
(Friedrich Hölderlin)
Es gibt neben dem Dichtergenie und neben dem Wahnsinnigen auch einen fast alltäglichen Hölderlin, der mit den Widersprüchen des Daseins kämpft, der sein Leben nicht im Griff hat und in seiner Verzweiflung Dinge zu Papier bringt, die uns in ihrer schlichten, manchmal paradoxen Einfachheit auf eine fast selbstverständliche Weise ansprechen und fesseln. Kein hoher Ton, keine Huldigung an das alte Griechenland und seine Götter und Helden, sondern profanes Leiden, Ratlosigkeit und Überanstrengung sind dann seine Themen, trübe, voller Selbstzweifel und angewidert von den dumpfen Verhältnissen und stumpfen Mitmenschen und der Einsicht, selber auch nicht unbedingt besser zu sein. Auf der B-Seite des Lebens macht Hölderlin zum Beispiel die Erfahrung, dass eine junge Dame es ablehnt, ihn zu heiraten. Er notiert dies sofort auf dem gleichen Blatt, auf dem er gerade noch eine seiner bedeutendsten Hymnen (»Mnemosyne«) entworfen hat: »Und ledig soll ich bleiben«, und schickt gleich eine kleine Drohung an die Unwillige hinterher: »Leicht fanget aber sich / In der Kette, die / Es abgerissen, das Kälblein.«
Oder gegen die ihm nicht unbekannte Euphorie des Dichters, die Gefahr abzuheben und den Boden unter den Füßen zu verlieren, schreibt er: »Man kann auch in die Höhe fallen, so wie in die Tiefe«, nämlich dann, wenn »die Nüchternheit dich verläßt«, die, für jeden unterschiedlich, die »Grenze deiner Begeisterung« markiert. Hölderlins Werk beschäftigt sich intensiv mit profanen Lebensfragen, die ihn ganz persönlich quälten. Er war nicht nur der heroisch leidende Dichter, er war auch einfach eine arme Kreatur, die litt, »weil sich ein Traum mir nicht erfüllte« und die sich fragte, »was ist mir fehlgeschlagen?« Hölderlin wusste, dass seine Oden, seine Hymnen und Gesänge, zwar sehr ernst waren, aber so ernst auch wieder nicht. Das Leben selbst jedenfalls war noch viel ernster, als es etwa sein berühmtes Gedicht »Hälfte des Lebens« zum Ausdruck bringt. Und seine dichterische Hochbegabung war immer nur ein schwacher Trost, zumal wenn Goethe und Schiller mit allerlei unverschämten Invektiven, in konzertierter Aktion versuchten ihn kleinzuhalten, womit sie ihn zwar als ernsthaften Konkurrenten anerkannten, aber auch an seinem gesellschaftlichen und ökonomischen Ruin beteiligt waren, den er allerdings hauptsächlich seiner »sparsamen« Mutter zu verdanken hatte, die ihm von dem ihm eigentlich zustehenden Erbe immer nur Kleinstbeträge auszahlte. Selbst als er nach seinem Rausschmiss aus dem Bankhaus Gontard in Frankfurt und der damit verbundenen Trennung von seiner Geliebten zu seinem besten Freund Isaac von Sinclair nach Bad Homburg zog, musste er feststellen, dass er dessen vermeintlich reine und exklusive Zuneigung, die starke homoerotische Züge trug, mit einem ganzen Haufen »auffallender Gestalten« zu teilen hatte, die Sinclair (Alabanda im Hyperion) ihm lange verschwiegen hatte. »Mir war, wie einer Braut, wenn sie erfährt, daß ihr Geliebter insgeheim mit einer Dirne lebe.«
Die B-Seite des Lebens bringt immer wieder ungeahnte Höhepunkte hervor. Das sieht man in der Musikindustrie, wo die eigentlichen Meisterwerke oft auf der B-Seite zu finden sind und genauso schon bei Hölderlin, der schrieb, zur »wahrsten Wahrheit« gehöre auch der »Irrtum«. Und der auch dem »Inferioren« und sogar dem »Barbarischen« einen legitimen Platz zugestand, zumindest in der Sprache der Poesie, die ihn gleichzeitig anwiderte. »Man schämt sich seiner Sprache. Zum Tone möchte man werden und sich vereinen in Einen Himmelsgesang.«
Im profanen Scheitern, in den kleinen und großen Fehlschlägen, aber auch in Hirn zermarternden Denkanstrengungen, denen kein Paradox fremd ist, bewegen sich »die Sorglosschlafenden, die Frischaufgeblühten« in Christoph Marthalers so betitelter Hölderlininszenierung am Deutschen Schauspielhaus, tapfer, ergeben und verschwindend, übergehend in Töne, in Musik. Sie wirken oft wie Illustrationen der Klagen des Dichters, aber sie sind keine Illustrationen, sie sind einfach. »Freilich ist das Leben arm und einsam. Wir wohnen hier unten wie der Diamant im Schacht.«
Um diese gerade so gegenwärtige Erfahrung der sozialen Distanz und der Abkapselung selbst zu machen, brauchen wir keine coronabedingte Isolation, wir brauchen nur ein bisschen Hölderlin. Oder anders ausgedrückt: Die Coronaregeln formulieren ein Extrem, das für Hölderlin ein ganz unvermeidlicher Teil moderner Tragik ist. »Das ist das tragische bei uns, daß wir ganz stille in irgend einem Behälter eingepakt vom Reiche der Lebendigen hinweggehn, nicht daß wir [wie die tragischen Griechen] in Flammen verzehrt die Flamme büßen, die wir nicht zu bändigen vermochten.«
Ich glaube, Christoph Marthalers freundlicher Sarkasmus und Friedrich Hölderlins »In-die-Höhe-Fallen« passen ganz gut zusammen, und auch ein »zerrissen Saitenspiel« ist zu schönen Tönen fähig.

Das ist das tragische bei uns, daß wir ganz stille in irgend einem Behälter eingepakt vom Reiche der Lebendigen hinweggehn, nicht daß wir in Flammen verzehrt die Flamme büßen, die wir nicht zu bändigen vermochten.
Abb.: Ida Müller, »Torpedo«, Entwurf einer Flammenplastik vor der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin, beidseitig bemalte Holzplatten und Metallgestänge, zwischen den Flammen begehbar, freistehend, abbaubar und transportabel, ca. 3 – 30 x 25 x 25 m (H x B x T), 2020.
I. WIE DEN TAG ÜBERSTEHEN?
Glücklich im Unglück
Paradoxien des Genießens
Das Glück ist eine leichte Dirne,
Und weilt nicht gern am selben Ort;
Sie streicht das Haar dir von der Stirne
Und küßt dich rasch und flattert fort.
Frau Unglück hat im Gegenteile
Dich liebefest an’s Herz gedrückt;
Sie sagt, sie habe keine Eile,
Setzt sich zu dir an’s Bett und strickt.
(Heinrich Heine)
Nicht nur Heine in seiner Matratzengruft, selbst Goethe, das Weltkind und der Liebling der Götter, hielt Glück für einen ausgesprochen flüchtigen Zustand. Die glücklichen Momente in seinem Leben ließen sich an einer Hand abzählen, gab er als alter Mann zu Protokoll, dabei hatte er an »leichten Dirnen« bis ins hohe Alter keinen Mangel. (Es nagte an ihm, weil er seine Leistung für die Menschheit nicht in seinen Dichtungen sah, deren Wert er eher für gering erachtete, sondern in seiner revolutionären Farbenlehre, die aber niemanden interessierte.)
Wenn man die Flatterhaftigkeit und Vergänglichkeit des Glücks für seine wichtigsten Merkmale hält und trotzdem das Glück in den Mittelpunkt seiner Bestrebungen stellt, kommen etwas triviale Theorien dabei heraus, wie sie vorzugsweise unter Gymnasiasten kursieren: Das Leben ist eine lange dunkle Straße, die nur an wenigen Stellen durch Laternen erleuchtet wird. Und die Aufgabe, die man im Leben hat, ist, möglichst schnell von einer Laterne zur nächsten zu kommen. Das heißt sich immer dann zu verabschieden, wenn Dunkelheit und Kälte drohen, und schnell wieder Licht und Land zu finden.
Solche Vorstellungen sind wahrscheinlich etwas für eher einfachere Gemüter. Überhaupt sehen viele im »Glücksgebimmel« (F.-P. Steckel) nur eine Ablenkung von den wirklich wichtigen Fragen. Komplexere Gemüter wie Karl Heinz Bohrer erklären Glück sogar für prinzipiell inexistent, weil Glück für Lebende nicht erreichbar und für Tote nicht erfahrbar sei. Sie sprechen vom Glück genauso wie Giorgio Agamben von der Erlösung. Sie sei zwar möglich, aber nur, wenn wir sie nicht mehr wollen. Weil Leben und Unerlöstheit untrennbar sind, ist Erlösung nur jenseits des Lebens vorstellbar. Aber wir können diesen Zustand der Erlösung nicht genießen, weil, wie es bei Kleist (im Prinz Friedrich von Homburg) heißt, »das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll«. Deshalb sagt Agamben: »Erlösung ist möglich, aber nicht für uns.« Dauerhaftes Glück wäre so etwas wie Erlösung bei lebendigem Leibe. Diese paradoxe Vorstellung vollkommenen Glücks bei vollem Bewusstsein treibt die Menschheit nach wie vor um, ob sie sich nun in religiös fundamentalistischer Weise auf eine positive Transzendenz bezieht oder ob sie diesseitig liberalistisch oder sozialistisch angestrebt wird. Selbst große und kritische Denker gehen wie selbstverständlich von der Hoffnung auf ein dauerhaftes und allgemeines Glück aus, selbst wenn sie wissen, dass dies noch kein Sterblicher erfahren und keine bekannte gesellschaftliche Organisation ermöglicht hat. Die Denkanstrengungen, die sie unternehmen müssen auf der Suche nach dem Glück, sind in der Regel von anderer Qualität als die des Schönheitschirurgen oder des Genetikers, die ja auch an der Verlängerung oder Verewigung von Glück arbeiten und am »Abschied vom Jammertal«.
Ein radikales Beispiel für ein reflektierteres Glücksmodell findet sich bei Theodor W. Adorno, dessen Kryptoauswirkungen auf die Gegenwart wahrscheinlich gar nicht überschätzt werden können. Adorno hat dem Glücksbegriff, auch wenn er sicher nicht konstitutiv ist für seinen negativen Begriffsapparat, im Sinne der abendländischen Utopie zumindest am Ende seines Lebens einen entscheidenden Wert zugestanden, ohne wie sein Kollege Horkheimer den kritischen Impuls einer altersreligiösen Kehrtwende zu opfern.
In einem seiner letzten Aufsätze, Resignation, in dem Adorno sich 1969 gegen den Vorwurf seiner Studenten wendet, er habe resigniert, findet er das Glück, ja sogar das universelle Glück der Menschheit ausgerechnet im Denken des Unglücks:
Das Glück, das im Auge des Denkenden aufgeht, ist das Glück der Menschheit. Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht. Damit allein reicht Glück ins universale Unglück hinein. Wer es sich nicht verkümmern läßt, der hat nicht resigniert.
Nicht nur reicht Glück ins Unglück hinein, das dich nach Heine »liebefest an’s Herz gedrückt«, das heißt sich umfassend und auf Dauer bei dir einquartiert hat, das Glück wird durch die Anstrengung des Denkens nach Adorno auch selbst umfassend und dauerhaft: Die »leichte Dirne« wird sozusagen zur Ehefrau.
»Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert. Weil der Denkende es sich nicht antun muß, will er es auch den anderen nicht antun.« Die Eiswüste der Abstraktion als Ort eines Glücks, das universal ist und darin besteht, sich nichts vorzumachen. Das ist ein zwiespältiges Modell. Zumindest für Menschen, die nicht im Denken ihren Hauptlebensinhalt sehen, scheint diese Konstruktion vollkommen unbrauchbar. Was macht man als Glück suchender Nichtphilosoph? Vielleicht geht man ins Theater. Ist Philosophie »ihre Zeit in Gedanken erfaßt« (Hegel), so fasst das Theater die Zeit in Bilder und Vorgänge. In der Tragödie bestimmt das Theater das Glück, indem es das Unglück ausspricht, vielleicht noch drastischer und deutlicher als dies im Bereich des reinen Denkens möglich ist. Und für den Regisseur Peter Stein war eine gelungene Tragödie, das Bild notwendigen Scheiterns, das »Glück, das [ihn] im Theater am Leben hält«. Zum Beleg kann die kleine Tragödientheorie aus seiner Goethepreisrede von 1988 dienen, die mich damals sehr beeindruckt hat:
Was man auch tut, was man auch unternimmt, führt grundsätzlich zu nichts Gutem. Diese Vorstellung, daß man im Grunde genommen nichts tun kann, und wenn man etwas tut, man im Verbrechen endet, diese entsetzliche Wahrheit müßte eigentlich zum sofortigen Selbstmord der Menschheit führen, wenn sie ernst genommen würde. Sie wird im Theater so schonungslos und rücksichtslos und so bewegend und so wahr durch Lüge zum Ausdruck gebracht, daß sich in der Tat eine – auch heute kann man so etwas noch herstellen – lähmende Hoffnungslosigkeit über den Zuschauerraum und über die Theatermacher selber herniedersenkt. Und dann gibt es seltsamerweise einen Moment, den kann man organisieren, aber er ist glückhaft, wenn er eintritt, einen Moment, in dem diese Hoffnungslosigkeit seltsamerweise umschlägt in die Bereitschaft, genau dieses Schicksal, diese Dichotomie der menschlichen Existenz auf sich zu nehmen, und zwar freudig und hoffnungsvoll. Das ist das Seltsame, das nennt man, glaube ich, in anderen Theorien Katharsis.
Ich weiß nicht, ob man dieses Bekenntnis als eine theaterbezogene Variante von Adornos Gedanken betrachten kann, aber die Produktion äußerster Vergeblichkeit als Basis eines »glückhaften« Umschlags in Freude und Hoffnung verweist zumindest auf eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen dem Glück der Tragödie bei Peter Stein und dem glücklichen Unglücksbewusstsein bei Adorno.
Dass Erlösung für Sterbliche nicht zu haben ist und Scheitern nicht nur dazugehört, sondern unvermeidlich ist, kann offenbar auch im Theater Glück evozieren.
Dass es etwas gibt, das wir nicht im Griff haben, sondern das uns im Griff hat, ist nicht nur der Grund unseres Unglücks, sondern gleichzeitig ein Grund zu stetiger Freude. Die klassischen Dichotomien, die dahinterstecken, wie »Selbst und Welt«, »Form und Stoff«, »Freiheit und Determination« sind offenbar nicht totzukriegen.
Auch die Dekonstruktivisten, die solche Dualismen als konstitutive Form beseitigen und nur noch Monismen und Vielheiten oder die »différence« untersuchen wollten, kehren in entscheidenden Situationen wieder zu tragödienkonstitutiven Antinomien zurück. Beim späten Derrida zum Beispiel kehrt der Dualismus wieder als Antinomie von Gleichheit und Alterität. Alle Menschen sind gleich und trotzdem ist jeder anders als alle anderen. Derridas ganzes Demokratiemodell basiert auf diesem Gegensatz, den er »tragisch« nennt:
Keine Demokratie ohne Achtung vor der irreduziblen Singularität und Alterität. Aber auch keine Demokratie […] ohne Berechnung und Errechnung der Mehrheiten, ohne identifizierbare, feststellbare, stabilisierbare, vorstellbare, repräsentierbare und untereinander gleiche Subjekte. Diese beiden Gesetze lassen sich nicht aufeinander reduzieren; sie sind in tragischer und immer verletzender Weise unversöhnbar.
Aber Derrida bleibt sich trotz seiner Rückkehr zum Dualismus treu und erweist sich vielleicht gleichzeitig als einer von Adornos konsequentesten Schülern. »Was einmal gedacht ward, kann unterdrückt, vergessen werden, verwehen. Aber es läßt sich nicht ausreden, daß etwas davon überlebt. Denn Denken hat das Moment des Allgemeinen«, schreibt Adorno gegen die Resignation. Und dieses Überleben, das »weder vom Leben noch vom Sterben abgeleitet« ist, ist auch das letzte Thema Derridas. In einem Interview kurz vor seinem Tod führt er Adornos Glücksreflexion auf eine sehr persönliche und doch allgemeine Weise weiter und über sich selbst hinaus. Aus dem Raum des Denkens und des Theaters kommt er zurück zum gewöhnlichen Leben und damit zum Tod:
Nie werde ich derart von der Notwendigkeit zu sterben heimgesucht als in den Augenblicken des Glücks und des Genießens. Genießen und den ungeduldig lauernden Tod beklagen, das ist für mich ein und dasselbe.
Genuss verwandelt sich in Klage. Aber die Klage ist Genuss. Und das Unglück wird als Glück erfahrbar:
Wenn ich mir mein Leben in Erinnerung rufe, bin ich geneigt zu denken, daß ich das Glück und die Chance gehabt habe, selbst die unglücklichen Momente meines Lebens zu lieben und für sie dankbar zu sein (sie zu segnen). Fast alle, von einer Ausnahme abgesehen. Und wenn ich mir die glücklichen Momente in Erinnerung rufe, so bin ich auch für sie dankbar (segne ich natürlich auch sie), gleichzeitig drängen sie mich jedoch dem Gedanken an den Tod, dem Tod entgegen, denn es ist vergangen, vorbei …
Für Derrida ist die Fähigkeit zum Glück, die unglücklichen Momente des Lebens »lieben« zu können, von der Theorie ins tägliche Leben übergegangen, mit »einer Ausnahme«, sonst wäre diese Transformation ein bloßer Automatismus. Nur mit den glücklichen Momenten hat er Probleme: Sie sind nicht wirklich glücklich, weil sie stark an den Tod gekoppelt sind, weil sie als Momente, in denen nichts fehlt, in denen alles eins wird (hen kai pan), auf den Abschied von der Dualität verweisen, die unser Dasein in der Welt ausmacht. Das deutet darauf hin, dass wir mit dem Unglück offenbar ganz gut zurande kommen können. Wir müssen aber noch lernen, mit den glücklichen Momenten umzugehen. »Genießen als Chance«, »Erfolg als Chance«, »Glück als Chance«: So lauten die wahrscheinlich heute subversiveren Parolen. Deshalb heißt es noch gar nicht viel, wenn wir uns Derrida als glücklichen Menschen vorstellen. Glück ist kein Ziel, sondern nur eine Chance, genau wie der Tod, der Abschied allen Abschieds. Von diesem Abschied haben wir keine Ahnung und keine Meinung. Das ist kein öffentliches Thema unserer Kultur. Auch den Tod als Chance zu sehen, fällt schwer, ist aber vielleicht das Beste, was uns bei lebendigem Leibe passieren kann.
Brecht ist einer der wenigen nicht religiösen Dichter, die auch hier noch weiter gedacht haben, wie die folgenden Zeilen aus seiner »Sterbelehre«, dem Badener Lehrstück vom Einverständnis, zeigen: »Habt ihr, die Wahrheit vervollständigend die Menschheit verändert, so verändert die veränderte Menschheit. Gebt sie auf! Marschiert! Ändernd die Welt, verändert euch! Gebt euch auf! Marschiert!« Vorwärts und nicht vergessen: den Tod.
Ich wünsche nur, was ich bereits besitze
Romantische Liebe überleben
Es gibt vielleicht keine größere Liebe als die zwischen einem revolutionären Paar, bei dem beide bereit sind, den andern in jedem Augenblick zu verlassen, wenn es die Revolution erfordert.
(Slavoj Žižek, Isolde rennt)
Zu Shakespeares 450. Geburtstag, im April 2014, hat ein in Deutschland weltberühmter konservativer Theaterkritiker diesen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als den »jüngsten und frischesten aller Jungdramatiker« bejubelt, der »jedem Zeitgeist hohnspricht« und dabei »Phantastisches« geschaffen habe. Aber ein Werk dieses »größten und wunderbarsten Menschentheaterzauberers aller Zeiten« nimmt er aus, und zwar ausgerechnet das berühmteste. »Romeo und Julia ist die unsägliche Kolportage einer Husch-husch-Liebe, samt Dolch und unkonzessioniertem Ausschank giftiger Substanzen.«
Und tatsächlich wirkt der Handlungsrahmen im Vergleich zu anderen Shakespeare-Dramen weder originell noch komplex. Es geht, wie allgemein bekannt, um zwei Liebende, die aus verfeindeten Familien stammen und durch schlimme Verhältnisse, böse Zufälle und phantastisch schiefgehende Rettungsaktionen schon kurz nach der Hochzeitsnacht in den Selbstmord getrieben werden. Aber die Wirkung dieser scheinbar einfachen Tragödie ist bis heute grenzenlos. Was Shakespeare aus dem Stoff gemacht hat, ist so etwas wie die Keimzelle aller romantischen Liebesgeschichten, Muster und Maßstab in der Kunst und im Leben. Die große, alles sprengende Liebe erweist sich bei Romeo und Julia in der Bereitschaft, für die Liebe zu sterben. Ihre Liebe scheitert nicht nur am feindlichen Umfeld, sie braucht es auch. Es geht nicht um die gute Partie, um die kluge Partnerwahl, sonst müsste Julia den Grafen Paris, »ein Kerl wie aus dem Katalog«, heiraten. Es geht um die Liebe, die eigentlich keine Chance hat, die sich durch nichts begründen lässt, die jeder Vernunft spottet und deshalb unbedingt und grundlos ist. Diese Liebe ähnelt der mystischen Erfahrung des Göttlichen, dem Absoluten. Wenn Julia ihre Liebeserfahrung mit den Worten feiert: »Ich wünsche nur, was ich bereits besitze«, verweist das auf diese Erfahrung des Göttlichen, die der Philosoph Baruch de Spinoza hundert Jahre nach Shakespeare nahezu mit den gleichen Worten charakterisiert: »Begehren, was man besitzt, das ist das höchste Gut.«
Im Theater und in der Oper müssen die Liebenden sterben, ob sie nun Romeo und Julia, Tristan und Isolde oder Bonnie und Clyde heißen. Die amour fou fürchtet nicht den Tod, sondern sehnt ihn als größte und endgültige Vereinigung herbei. Die Liebe ist ewig, wenn die Liebenden sterben. Im realen Leben ist das normalerweise keine Option, dort stirbt statt der Liebenden die Liebe und verwandelt sich, meistens nach drei bis sieben Jahren, in irgendetwas Pragmatisches, Lebbares, Vernünftiges, wenn nicht in Hass und Überdruss. Eine Liebe, die niemals aufhört und die Liebenden noch nach 50 Jahren Ehe beim Anblick des Partners in Seligkeit versetzt, ist die absolute Ausnahme, soll aber vorkommen.
»Die Menschen, die sich heute lieben, müssen zusammen sterben, wenn sie vereint sein wollen«, vermutet Albert Camus und er behauptet, das Leben sei für die Liebenden »eine Qual, denn Leben trennt.« Und der Ausweg, den er fand, in den Gerechten, ist nicht sehr vielversprechend:
Aber kann man sich nicht jetzt schon vorstellen, dass zwei Menschen auf alle Freuden verzichten, sich im Schmerz lieben und auf keine andere Begegnung mehr hoffen können als im Schmerz? Kann man sich nicht vorstellen, dass der gleiche Strick diese beiden Menschen vereint?
Das ist eine überraschend christliche Vorstellung, in der sich die Liebenden im Leiden vereinigen, so wie sich Jesus durch den Kreuzestod mit den Sterblichen vereinigt hat. Seitdem dürfen wir Christenmenschen gerade im Leiden die Nähe Gottes erfahren, wenn wir es können. »Das Reale des Christentums« hat hier für den Philosophen Slavoj Žižek seinen Ursprung:
Wir sind nur dann eins mit Gott, wenn dieser nicht mehr eins ist mit sich selbst, sondern sich selbst aufgibt, den radikalen Abstand ›verinnerlicht‹, der uns von ihm trennt. Unsere radikale Erfahrung der Trennung von Gott ist genau jenes Merkmal, das uns auch mit ihm vereint […]. Es ist anmaßend zu glauben, ich könne mich mit der göttlichen Glückseligkeit identifizieren – nur dann, wenn ich den unendlichen Schmerz der Trennung von Gott erlebe, teile ich eine Erfahrung mit Gott selbst, mit Christus am Kreuz.
Derselbe Slavoj Žižek ist es aber auch, der in seiner Auseinandersetzung mit Richard Wagners Oper Tristan und Isolde eine Alternative zum Liebestod entdeckt, die vielleicht nicht weniger romantisch oder spirituell ist, die aber den Liebenden eine gemeinsame und individuelle Lebensgeschichte ermöglicht, ohne den Absolutheitsanspruch ihrer Liebe aufzugeben. Žižeks Lösung besteht überraschenderweise in der Bereitschaft der Liebenden, den Partner jederzeit zu verlassen! Seine Begründung für dieses Paradox ist bemerkenswert. In Isolde rennt schreibt er:
Die wichtigste Lektion für einen liebenden Mann, der wissen will, ob seine Liebe erwidert wird, ist die Einsicht in die Notwendigkeit zu prüfen, ob er in der Lage ist auch ohne das geliebte Wesen zu leben, also ob er in der Lage ist, seinen Beruf oder seine Bestimmung diesem vorzuziehen.
Dabei gäbe es auf den ersten Blick nur die beiden folgenden Antworten: »1. Meine berufliche Karriere ist mir das Wichtigste überhaupt, die Geliebte dient nur zum Amüsement, zur kurzzeitigen Ablenkung.« Dann wäre die Frage mit Ja beantwortet. »2. Die geliebte Frau bedeutet mir alles, ich bin bereit, mich für sie in jeder Hinsicht zu kasteien und meine öffentlichen und beruflichen Verpflichtungen aufzugeben, wenn sie es will.« Das wäre ein klares Nein. Wie man sich denken kann, erklärt Žižek beide Antworten für falsch. Denn »sie führen zur Ablehnung des Mannes durch die Frau«. Was natürlich auch im umgekehrten Falle denkbar ist. Und dann kommt die für Žižek einzig richtige Antwort, die die absolute Liebe bei lebendigem Leibe ermöglicht und den Tod der Liebenden und den Tod der Liebe gleichermaßen vermeidet: »Auch wenn du alles für mich bist, kann ich doch ohne dich leben. Ich bin bereit und in der Lage, dich zu verlassen, wenn meine Aufgabe oder mein Beruf das erfordern.«
Für Julia und alle romantisch Liebenden wäre eine solche Antwort wie eine kalte Dusche. Und auch für Romeo wäre es sicher sehr ernüchternd, wenn Julia, auf den Spuren Žižeks, mit ihrem Geliebten das folgende Experiment anstellen würde:
Wenn eine Frau wissen will, ob ein Mann sie wirklich liebt, ist die beste Art das herauszufinden, ihn im wichtigsten Moment seiner Karriere zu verlassen oder (scheinbar) zu betrügen, etwa vor seinem ersten öffentlichen Konzert, vor einem entscheidenden Examen oder vor einem wichtigen Geschäftsgespräch, das über seine berufliche Zukunft entscheidet. Nur wenn er es schafft, die Prüfung erfolgreich zu bestehen, obwohl er verlassen und erniedrigt ist von der geliebten Frau, wird er sie von seiner Liebe überzeugen und sie kommt zu ihm zurück!
Das klingt wie eine Absage an die bedingungslose Liebe und nach üblem Kalkül. Die Begründung für eine solche Haltung bei Žižek ist aber ganz anders: »Das Paradox, das dieser Erfahrung zugrunde liegt, besteht darin, dass Liebe genauso wie das Absolute nicht als ein direktes Ziel angegangen werden kann – sie sollte eher den Status eines nicht intendierten Effekts haben, der uns wie eine unverdiente Gnade trifft!«
Das heißt: Um der Absolutheit der Liebe willen muss man etwas haben oder fingieren, das wichtiger ist als der Partner, denn sonst wird der oder die Geliebte zu einem bloßen Objekt instrumentalisiert, so wie in der ersten und zweiten Antwort auf Žižeks Ausgangsfrage. Es geht dann nur um die Liebe, aber nicht um den Geliebten. Als besonderer eigenständiger Mensch spielt er dann für uns in Wirklichkeit keine Rolle. Die absolute und dauerhafte Liebe, die Žižek vorschwebt, ist dagegen ein »Effekt«, der uns einfach passiert (oder auch nicht) und uns im äußersten Glücksfall ein Leben lang begleitet (oder eben nicht). Die absolute Liebe kann nicht direkt angestrebt werden, weil das Absolute allumfassend ist und daher kein Objekt sein kann, das mir gegenübersteht.
Vielleicht sollte man mal einige von den wenigen gemeinsam alt gewordenen Liebespaaren fragen, warum sie sich nach 50 Jahren immer noch so leidenschaftlich lieben, warum ihre Liebe in dieser langen Zeit nicht gestorben ist, und warum sie nicht an ihrer Liebe gestorben sind. Vielleicht antworten sie dann: weil jeder von uns bereit war, den anderen jederzeit zu verlassen, wenn seine Aufgabe es erforderte. Oder auch nicht.
Lie to me, I promise I’ll believe
Kann man echte Liebe kaufen?
Wahre Liebe ist jetzt käuflich! – Aber nur für kurze Zeit! (Werbetext für Romeo all’Arrabbiata und Julia Crema di Yogurt & italienische Kräuter, Brunch-Brotaufstrich 2007)
Kann Liebe gleichzeitig echt und bezahlt sein? Diese Frage interessiert offenbar nicht nur Hersteller von Brotaufstrich oder deren Werbeagenturen, sie markiert auch zwei zentrale Problemkomplexe, mit denen René Pollesch sich in seinen Stücken herumschlägt.
Der erste Komplex bezieht sich auf die Ökonomie, von der alles, was wir leben und erleben, letztlich abhängt. Alle unsere Bedürfnisse verweisen auf Geld, weil wir sie ohne Geld nicht befriedigen können. Wer zahlungsunfähig ist, dem sind die Schätze der Natur und der Reichtum der Gesellschaft verschlossen. Neben den Dingen, die wir zum Leben brauchen, gibt es ein abstraktes Ding, das als solches zu nichts zu gebrauchen ist, das aber für alle anderen Dinge tauschbar ist. Dieses Ding, eben das Geld, ist etwas, das in der Natur nicht vorkommt. Auf seine »Naturalform«, das Gold, ist es nicht angewiesen, es kann auch als Stück Papier oder als Zahl im Computer existieren. Diese abstrakte Ware, die selbst wertlos ist, die man aber anscheinend in jeden beliebigen Wert verwandeln kann, ist in unserer Gesellschaftsordnung das Objekt der Begierde schlechthin, etwas, auf das alle scharf sind, und etwas, das uns scharf macht. Selbst ernsthafte Künstler, von denen man annehmen könnte, sie seien nur ihren ästhetischen Obsessionen verpflichtet, neigen dazu, mit Frank Zappa zu sagen »We’re Only in It for the Money«, wenn sie mal ehrlich sein wollen. Wenn wir in erster Linie Geld anstreben, wenn es letztlich immer die Frage ist, ob sich das, was wir tun, als marktgängig und lukrativ erweist, wird es gleichgültig, was wir tun. Daraus resultiert Entfremdung und Verdinglichung, unser eigener Lebensprozess erscheint uns fremd, unsere Verhältnisse zu anderen Menschen erscheinen als Verhältnisse von Dingen. Der Schein, das »Als-ob« tritt an die Stelle wirklicher zwischenmenschlicher Vorgänge. Und damit sind wir, wie Pollesch gerne sagt, »getrennt von unserem Leben« oder, wie Marx gerne sagte, »atomisierte Individuen«. Die Wirtschaftsform, die diese Isolation und Gleichgültigkeit in wachsendem Maße erzeugt, ist gleichzeitig so produktiv wie keine andere in der Geschichte. Die beschriebenen unangenehmen Nebenfolgen kann sie nicht vermeiden, ohne sich selbst in Frage zu stellen. Deshalb sind Versuche, menschliche Beziehungsformen wie Liebe und Solidarität oder religiöse oder nationale Gefühle über den Marktmechanismus zu stellen, eine Bedrohung für das System. Diese Beziehungsformen müssen, um sie kompatibel zu machen mit dieser Wirtschaftsform, in Waren transformiert werden. Es gibt in Zeiten der Globalisierung nur wenig, das dieser Transformation Widerstand leistet, vielleicht die Selbstmordattentate, vielleicht der fundamentalistische Krieg gegen den Terror. Beide Phänomene speisen sich nicht aus ökonomischen, sondern eschatologischen Motiven. Die Absage an den Markt, sieht man an diesen Beispielen, kann heute vielleicht nur noch als Absage an das Leben gedacht werden.
Wie verhält es sich aber mit der Vermarktung solcher Beziehungsformen wie Liebe und Solidarität? Liebe, so sagt man seit 2000 Jahren (seit Christi Liebestod am Kreuz), ist das Wichtigste im Leben. Nach Liebe gibt es eine unerschöpfliche Nachfrage. Sie ist ein knappes Gut. Denn, wie Adorno sagte, fühlen wir uns alle »ausnahmslos zu wenig geliebt«. Deshalb ist Liebe und nicht nur Sex das große Thema der Werbung. Aber es hat noch nie eine Geschäftsidee gegeben, die Liebe unmittelbar als Ware behandelt. Liebe lässt sich reell nicht unter die Warenstruktur subsumieren. Woran liegt das? Warum lässt sich Liebe nicht wie Sex oder Wellness verkaufen? Und warum ist auch Solidarität nicht käuflich zu erwerben? Natürlich kann ich mir einen Menschen engagieren und ihn als meinen Geliebten vorstellen, oder eine Gruppe, die sich solidarisch mir gegenüber verhält und dafür bezahlt wird, aber jedem ist klar, dass eine Solidarität, die endet, wenn die Zahlungen ausbleiben, genau so wenig Solidarität ist, wie Liebe Liebe ist, wenn für jeden einzelnen »Liebesdienst« oder »Liebesbeweis« gezahlt werden muss. Das ändert sich auch nicht, wenn pauschal bezahlt wird (zum Beispiel in der Ehe). Warum ist das so? Ganz einfach, Phänomene wie Liebe und Solidarität folgen strukturell einer Logik, die nicht die Logik des Marktes sein kann. Schon bei Shakespeare wird dies äußerst klar ausgesprochen, zum Beispiel wenn Julia sagt: »Ich wünsche nur, was ich bereits besitze. So grenzenlos ist meine Liebe, so tief das Meer, je mehr ich gebe, je mehr auch hab ich: beides ist unendlich.« Liebe entzieht sich jedem Kalkül, deshalb lässt sie sich nicht verkaufen. Das ist tragisch für den Markt, dass seine wunderbare Kraft, die Bedürfnisbefriedigung der Menschen dynamisch in ungeahnten Ausmaßen zu fördern, ausgerechnet bei einem der wichtigsten Güter des täglichen Bedarfs versagt: der Liebe. Und beunruhigend ist dabei, dass der Markt, um zu funktionieren, eigentlich keine Ausnahmen dulden darf. Das ist schon sein Problem bei unverkäuflicher Arbeitskraft, die man nicht wie andere unverkäufliche Waren einfach auf den Müll schmeißen kann, weil da ja lebendige Menschen dranhängen. Dass sich das Problem der Arbeitslosigkeit nicht durch das »freie Spiel der Kräfte« lösen lässt, weil man sonst die überflüssigen Arbeitskräfte verhungern lassen müsste, ist ein ruinöses Problem der Marktwirtschaft und der Menschen, die ihr ausgeliefert sind. Und nun, wenn wir feststellen, dass ein so wichtiges Gut wie die Liebe schlechterdings nicht für den Markt geeignet scheint, weil es wesentlich die dort herrschenden Gesetze unterläuft oder überwindet, stehen wir vor einem schweren Dilemma. Und das ökonomische Marktprinzip, dem die Welt den Fortschritt zu verdanken hat und sogar ihre demokratische Ordnung, scheitert ausgerechnet da, wo es für die liebesbedürftigen Menschen wirklich wichtig wird. Die Globalisierung nach innen, das heißt die Tendenz der Marktwirtschaft, sich jeden menschlichen Lebensbereich einzuverleiben, findet hier ihre Grenze.
Die Liebe, nach der wir uns sehnen, ist unvernünftig. Und Unvernunft gefährdet den Markt. Der berühmte Autovermieter und Erfolgsunternehmer Sixt verkündete neulich: »Die oberste Vorraussetzung unserer Wirtschaftsordnung ist, dass die Beteiligten immer rational handeln. Wir wissen alle, dass das nicht stimmt.« Das heißt, die Rationalität des Marktes, das, was Konkurrenz überhaupt erst ermöglicht, dass alle Marktteilnehmer rational auf ihren Vorteil aus sind, lässt sich empirisch nicht bestätigen. Es gibt offenbar viele Handlungsmotive, die nicht marktmäßig kalkulierbar sind.
Dostojewski war vor 150 Jahren wahrscheinlich einer der Ersten, die dieses Leck im rationalen Vorteilsdenken gesehen haben. In seinem Roman Aufzeichnungen aus dem Kellerloch lesen wir etwas, das wie ein Kommentar zu der Einsicht von Sixt klingt:
Nach unserem eigenen, uneingeschränkten und freien Wollen, nach unserer allerausgefallensten Laune zu leben, die zuweilen bis zur Verrücktheit verschroben sein mag? Das, gerade das ist ja jener übersehene allervorteilhafteste Vorteil, der sich nicht klassifizieren lässt, und durch den alle Systeme und ökonomischen Theorien fortwährend zum Teufel gehen.
Dostojewski erlaubt sich in diesem Text, den größten Vorteil ausgerechnet in der Vorteilsablehnung, in der Nicht-Rationalität, im Ignorieren des Kalküls zu finden.
Jemanden nicht zu heiraten, nur weil er eine Erbschaft gemacht hat, jemandem alles zu geben, was man hat, ohne jegliche Gegenleistung: solche Verhaltensweisen – es gibt sie nicht nur bei Dostojewski – sind unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht mehr zu fassen. Und hier wird auch der Widerspruch deutlich, der die Ausgangsfrage von René Pollesch charakterisiert. Liebe echt und bezahlt? Wenn sie bezahlt ist, folgt sie einem Kalkül, ist also von etwas anderem abhängig als ihr selbst, wird instrumentalisiert und damit entwertet. Wenn sie aber außerhalb des Kalküls liegt, widerspricht sie den obersten Voraussetzungen unserer Wirtschaftsordnung und ist nach deren Maßstäben ein gefährlicher Unsinn (Wie kann ein vernünftiger Mensch Julia zustimmen, wenn sie sinngemäß sagt: »Je mehr ich ausgebe, je mehr hab ich im Portemonnaie«?). Liebe auf dem Markt zu kaufen scheitert genauso wie Liebe, die sich jenseits des Marktes verwirklichen will. Die marktkompatible Liebe ist unecht. Die reine Liebe jenseits des Marktes tritt ihre eigenen Überlebensbedingungen mit Füßen. Vielleicht enden deshalb Liebesgeschichten zumindest im Theater gerne tödlich. Man kann nicht sagen, dass wir bis heute eine überzeugende Lösung für dieses Dilemma gefunden hätten. Wer kalkuliert, lebt länger, aber er kann und darf nicht lieben, wenn er konsequent ist. Und ein Leben ohne Liebe ist vielleicht kein Leben. Wer nicht kalkuliert, kann sich zwar, wenn er Glück hat, auf eine wahre Liebe einlassen, aber er gefährdet sein Leben. Wer beides gleichzeitig versucht, landet wieder bei Polleschs Frage: Kann Liebe echt sein und gleichzeitig bezahlt?
Die slowenischen Joseph-Beuys-Schüler von der Rockgruppe Laibach zogen auf ihrer CD Kapital folgende Konsequenz aus diesem Dilemma: »Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll: Jage zwei Tiger!« Das klingt verblüffend: Wir lösen den Widerspruch nicht auf, wir lassen ihn stehen und steigern ihn ins Extrem. Wir müssten ein Höchstmaß an Kalkül mit einem Höchstmaß an Nicht-Kalkül konfrontieren. Unternehmerisch denken und gleichzeitig in Liebesdingen die Bereitschaft entwickeln, jedes Kalkül über den Haufen zu schmeißen. Dann wäre durch die Extreme hindurch vielleicht so etwas wie ein Ausgleich möglich, der nicht bloß ein fauler Kompromiss ist. Der gewissenhafte Unternehmer, der rational handelt, aber für die Liebe jedes Geschäftsinteresse sausen lässt, wäre das ein Beispiel für ein gelingendes Liebesleben? Dieses wackelige Konzept, das doppeltes Scheitern zur Tugend macht, scheitert aber möglicherweise zusätzlich auch an der Ungewissheit, die der unter solchen Bedingungen Geliebte in uns auslöst. Denn ob auch er zwei Tiger jagt und ob wir für ihn bei seinen Bestrebungen der »Kalkültiger« oder der »Liebestiger« sind, lässt sich grundsätzlich nicht mit Sicherheit klären.
René Pollesch versucht in seinen gegenwärtigen Arbeiten, die Enttäuschung, dass Liebe Zwecke verfolgt und instrumentalisiert wird, probeweise zu verarbeiten durch Reinvestition in den Markt, durch Bejahung der Käuflichkeit der Liebe. Mit folgendem Argument: Auch wenn meine Liebe bezahlt ist, kann ich in dieser Scheinliebe zumindest etwas von dem erfahren, was Liebe sein könnte, wenn sie nicht bezahlt wäre. Es muss nur gut gespielt sein. Auch das bloß Vorgespielte, Unechte hat seinen Wert. Das Theater lebt schließlich nicht schlecht vom ästhetischen Schein und vielleicht kann große Nähe und große Zuneigung auch dann angenehm sein, wenn ihr durch finanzielle Gegenleistung nachgeholfen wurde. Es gibt Leute, die sagen, dass Liebe gar nicht anders möglich ist als unter diesem Vorbehalt. Dass das Echte sich sozusagen im Unechten verstecken oder tarnen muss. Hinzu kommt die Vermutung, dass das Geld selbst es ist, das verliebt macht, das eine erotische Qualität besitzt, die über das mit ihm verbundene Kalkül hinausweist. Das behauptete zum Beispiel Andy Warhol, für den Geld explizit zu den Dingen gehörte, die verliebt machen, oder die Pet Shop Boys: »I love you, you pay my rent.« Wir müssten also möglicherweise, wenn wir in Zeiten der Globalisierung unseres Innenlebens so etwas wie Liebe haben wollen, die gelogene Liebe annehmen. Denn wenn wir an die gelogene Liebe glauben, obwohl sie gelogen ist, dann hat sie vielleicht psychische und körperliche Effekte, die fast identisch sind mit denen der echten Liebe, die unter diesen Bedingungen unlebbar und unerreichbar ist. Das führt zu der Frage, ob eine schöne, aber gelogene Liebesbeziehung besser ist als eine echte, aber beschissene. Dahinter steckt die Vermutung, dass in unserer Gesellschaft vielleicht nur aus Berechnung Hingabe und große Liebe möglich werden, dass ohne Berechnung einfach keiner den Willen und den Mut aufbringen würde, große Gefühle zu riskieren. Das würde heißen, dass es Mischformen sind, die wir leben, dass Zweifel dazugehört und dass wir uns angewöhnen müssen, auch Lügen zu glauben. Das gehört zum Spiel und könnte auch gesünder sein als eine radikale, aber illusionäre Liebesvorstellung. Die amerikanische Sängerin Sheryl Crow (ich habe das Gefühl, sie ist nicht die Einzige) kann das anscheinend. In einem ihrer Songs heißt es: »Lie to me, I promise, I’ll believe.«
Vielleicht kann man das Gefühl, das mit echter Liebe verbunden ist, also kaufen. Darüber, wie echt sie wirklich ist, braucht man sich als nicht kalkulierender Liebender nicht den Kopf zu zerbrechen. Und tiefe Gefühle, die überhaupt nicht gefälscht sind, sind für uns schwache Menschen womöglich sowieso viel zu gefährlich. Dies ist keine befriedigende, aber, wie ich fürchte, eine weit verbreitete Lösung in Zeiten intensiver Totalisierung der Märkte.
Es gibt noch eine andere Vorstellung, nach der Liebe nicht an Wahrheit gebunden ist und gerade auch echte Liebe Lügen nicht ausschließt, weil Liebe stärker ist als Wahrheit. Niemand anders als Shakespeare behauptet, dass »Scheinvertraun« das Beste sei, was einem in der Liebe passieren kann. Diese These entfaltet er im Sonett 138. Was hätte Julia dazu gesagt?
Wenn sie mir schwört, sie sei die Wahrheit selbst,
So glaub ich ihr, obgleich ich weiß, sie lügt,
Damit sie in mir einen grünen Jungen sieht,
Der mit der Welt Finessen nicht vertraut.
Indem ich wähn’, dass sie für jung mich hält,
Wiewohl sie weiß, was hinter mir schon liegt,
Glaub’ einfach ihrer falschen Zunge ich:
So leidet schlichte Wahrheit beiderseits.
Warum verhehlt sie aber, dass sie lügt?
Und warum sag ich nicht, wie alt ich bin?
Der Liebe bestes Teil ist Scheinvertraun,
Und Liebe weiß nichts von der Jahre Zahl.
Darum lüg ich sie an und sie mich auch,
Und lügend schmeicheln unsern Fehlern wir.
Flucht in die Familie
Die Keimzelle des Staates gebiert Ungeheuer
Gerade dadurch, dass der Einzelne egoistisch nur seine eigenen Interessen verfolgt, fördert er das Wohl der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. Alle, die jemals vorgaben, ihre Geschäfte dienten dem Wohl der Allgemeinheit, haben ihr niemals etwas Gutes getan.
(Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen)
1.
Das Theater beschäftigt sich seit 2500 Jahren mit der Familie und fast alles, was es zu diesem Thema produziert hat, bestätigt die Statistik von heute: nirgends gibt es so viel Mord und Totschlag wie in der Familie, zwischen Leuten, die sich (zu) gut kennen und die aneinander gebunden sind durch Umstände, die sie nicht selbst gewählt haben. Das Theater beschäftigt sich auch heute, wie zu den Zeiten von Sophokles und Euripides, von Ödipus und Medea mit der Familie als einer gefährlichen Zusammenballung gegenseitiger Abhängigkeiten und abgründiger Konflikte. Schon Goethe wollte den archaischen Zwang der Blutsverwandtschaften durch Wahlverwandtschaften ersetzen und Marx sah mit der Entfaltung des Kapitalismus nicht nur die Auflösung der »Vaterländer«, sondern auch das »Ende der Familien« heraufziehen und zwar als durchaus positive und humane Tendenz. Im Kommunistischen Manifest war die Abschaffung der Familien eine zentrale Forderung. Die Familie hat sich aber trotz steigender Scheidungsrate und sinkender Kinderzahl bis heute gehalten, wenn auch nur in ihrer Schrumpfform. Von der traditionellen Großfamilie, die drei Generationen unter einem Dach zusammenhielt, entwickelte sie sich über die Kleinfamilie zum Alleinerziehenden als kleinstmöglichem Familiengebilde. Dies ist nur folgerichtig in einer sich ausbreitenden Marktwirtschaft, die atomisierte Individuen produziert, die sich nicht direkt aufeinander beziehen, sondern nur indirekt über den Markt. Das isolierte Individuum, das sich alles kauft, was es für ein glückliches Leben braucht, ist Produkt, Legitimationsbasis und Ideal dieser Marktwirtschaft, für die alles Statische und Langfristige eine Behinderung darstellt. Die Protagonisten in Michel Houellebecqs Romanen sind Prototypen dieses Ideals. Der hierarchische Familienverband mit seinen persönlichen Dauerabhängigkeiten und außerökonomischen Verpflichtungen passt nicht in diese Gesellschaft der individualisierten Marktteilnehmer. Seine Aufgaben müsste deshalb entweder der Markt übernehmen oder die Familie müsste sich selbst »fit« machen für den Markt, Kinder müssten als Kapital investiert werden und ihre Aufzucht müsste ein bezahlter Job sein wie jeder andere. Aber Familien, die sich als profitorientierte Unternehmen definieren, sind Geschäfte und keine Familien. Wenn die Kinder, wie schon von Marx beobachtet, zu »bloßen Handelsartikeln und Arbeitsinstrumenten« werden, kann man von Familie nicht mehr sprechen. Die Sicherheit und Geborgenheit der Familie schwindet, aber die Möglichkeit für den Einzelnen, Freiheit und Selbstbestimmung zu erlangen, wächst. Das sinnlose Opfer und die schicksalhafte Ausgeliefertheit, die seit Urzeiten Merkmale der Familie sind, fallen ebenfalls weg. Allerdings ist es, unter ökonomischen Nutzenserwägungen betrachtet, heute offenbar widersinnig, in den sogenannten entwickelten Ländern noch Kinder in die Welt zu setzen. Kinder liefern keinen Gewinn, sie kosten mehr, als sie jemals einbringen, sie sind ökonomisch betrachtet unvertretbare Investitionen, die sich niemals amortisieren.
2.
Das heißt: Familie als auf Dauer angelegtes System gegenseitiger Hilfe und verantwortlicher Kontinuität passt nicht in die Marktwirtschaft und bietet anscheinend niemandem mehr einen rationalen Vorteil. Als eigenständiger Wert ist die Familie schon lange fragwürdig geworden, das lehrt u. a. die Theatergeschichte. Es scheint nun so, als würde, nach dem Ende des kommunistischen Projekts, der Kapitalismus selbst die Auflösung der Familie nicht nur geschehen lassen, sondern auch aktiv betreiben. Fieberhaft scheint die Gesellschaft daran zu arbeiten, die Bedingungen zu schaffen, durch die sie ohne dieses lästige und gefährliche und wirtschaftlich kontraproduktive Gebilde auskommen kann. War es zu Zeiten von Marx und Engels Mode, die Ökonomisierung der Familie anzuprangern, so ist es heute offenbar eher angesagt, ihre ökonomieresistente Seite als Anachronismus und Hemmschuh zu sehen und sich für deren Abschaffung einzusetzen. Zwangsbeziehungen, die man in keinem Fall verlassen darf, auch wenn sie nicht produktiv sind, und Verpflichtungen, die keine vertraglichen Ausstiegsklauseln haben, solche Bestandteile der Familienstruktur kann sich eine liberale Marktwirtschaft nicht leisten. Sie sind nicht zweckrational. Sie torpedieren das System und sind anachronistisch, denn sie widersprechen der Selbstbestimmung der Marktteilnehmer und dem freien Spiel der Kräfte. Soweit sie Voraussetzungen liefern für die Marktteilnahme, zum Beispiel indem sie Kinder auf die Anforderungen des Marktes vorbereiten, hat der Staat die Erfüllung solcher Aufgaben zu übernehmen, weil er für die Bereitstellung und Erhaltung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verantwortlich ist. Soweit sich die traditionellen Leistungen der Familie durch den Markt regulieren lassen, sind sie wie alles andere dem freien Spiel der Kräfte zu unterwerfen. Dies ist, etwas zugespitzt, die Situation, in der wir uns gerade befinden.
3.
Die Familie ist entweder veraltet oder subversiv den Existenzbedingungen unserer Gesellschaftsordnung gegenüber. Sie ist an alte Werte gebunden und gleichzeitig so etwas wie eine antiökonomische Infragestellung der Grundlagen der Gesellschaft. Ihr Verschwinden ist möglicherweise nur eine Frage kurzer Zeit. Sie ist ja schon fast weg. Auch wenn wir dieses Verschwinden als Mangel verspüren und ein sentimentaler Wille zur intakten Familie unsere Sehnsucht und Sinnsuche bestimmt, treten an die Stelle der Familienbande immer häufiger Geschäftsbeziehungen von »Waisenkindern«. Die Funktionen und Bedürfnisse, die früher die Familie erfüllte, muss heute der Markt erfüllen. Tagesmütter, Ganztagsschulen, qualifizierte Kinderbetreuung, alles ist für Geld zu haben und alles kann von sich auf dem Markt anbietenden Fachkräften geleistet und/oder vom Staat produktiv organisiert werden. Für das tägliche Mittagessen und die Wohnungspflege stehen andere Fachkräfte zur Verfügung. Lohn für Hausarbeit ist seit langem eine seriöse, auch feministische Forderung. Die Verantwortung erwachsener Kinder für die Eltern und Großeltern wird durch Pflegeversicherung und spätere Abschiebung nach Mallorca oder in die Dritte Welt ersetzt, wo die zahlungskräftigen Alten die Freiheit haben, sich gleichaltrige Wahlverwandtschaften zu suchen oder Rundumbetreuung im Wellnessaltenheim zu buchen. Schmale Renten können in den armen Ländern kaufkräftiger gemacht werden und dort Arbeitsplätze schaffen. Das Ende der Familie und des Wohlfahrtsstaats lässt nur noch eine einzige Art von legitimer Hilfsleistung zu: Hilfe zur Selbsthilfe. Marktteilnahme von der Wiege bis zum Sterbebett.
4.
Diese Entwicklungen sind so ungeheuer wie ambivalent. Die Familie gilt vielen als beklemmende und anachronistische Institution, als ausgehöhltes Auslaufmodell. Die staatliche und/oder marktgesteuerte Alternative andererseits wirkt bedrohlich und unmenschlich: Sie vereinzelt, macht einsam und verbreitet Kälte. Liebe, Nähe, Zuverlässigkeit, Hilfe und Verantwortung für andere, wenn sie überhaupt zum Gegenstand von Kaufen und Verkaufen gemacht werden können, müssen sehr teuer bezahlt werden und müssen, anders als in der Familie, entsprechend den Marktgesetzen jederzeit ordentlich oder außerordentlich gekündigt werden können. Freiheit und Einsamkeit sind die Resultate dieses Wandels. Freiheit und Einsamkeit treten an die Stelle familiärer Sicherheit und Geborgenheit, aber auch an die Stelle familiärer Enge und familiären Terrors. Sieht so der Konflikt aus? Sind das die Alternativen? Wahrscheinlich nicht ganz, denn Sicherheit ist heute auch innerhalb der Familie nicht unbedingt garantiert. Eltern verweigern die Verantwortung für Kinder, die zu hässlich sind, um bei Deutschland sucht den Superstar aufzutreten, oder die das Gymnasium nicht schaffen. Im Extremfall lassen sie ihre Kinder zu Hause verdursten, während sie selber eine Woche auf Sauftour sind. Die Fähigkeit, Glückshindernisse zu verdrängen und sich momentane Entlastungen zu schaffen, indem eigene Verantwortlichkeit und unvermeidliche Verpflichtungen ausgeblendet werden, scheint zu wachsen. Kinder, die sich nicht rechnen und sich nicht selbst helfen können, haben schlechte Karten. Eltern, deren erwachsene Kinder nicht ausziehen, weil es zu Hause billiger ist, ebenfalls. Manche Eltern vergraben ihre überzähligen Babys lieber in Blumenkästen auf dem Balkon und manche Kinder stehen mit Messern vor der Haustür und erstechen die Eltern ihrer Freundin.
Es spricht einiges dafür, endlich das Ende dieser Verzweiflung produzierenden Institution zu betreiben, aber man sträubt sich trotzdem vehement gegen die Vorstellung, nun auch die Funktionen der Familie dem freien Spiel der Kräfte und der grenzenlosen Konkurrenz zu unterwerfen.
Aber wenn, wie René Pollesch behauptet, Liebe gleichzeitig echt und bezahlt sein kann, lässt sich das vielleicht auch auf die Familienliebe übertragen. Schließlich war die familiäre Bindung da, wo sie in der Vergangenheit funktioniert hat, häufig auch ein gutes Geschäft zum Vorteil für alle Beteiligten und ist es in ärmeren Ländern immer noch. Dort sind viele Kinder immer noch die einzige Lebensversicherung. Aber muss die Familie, wenn diese Vorteile nicht mehr zu sehen sind, nicht gemäß den Gesetzen der Warenproduktion verschwinden und durch ein besseres Modell ersetzt werden?
5.
Natürlich handelt es sich bei solchen Fragen um Spekulationen und Denkspiele. Ich breite sie hier aus, weil ich denke, dass das Theater, in seiner traditionellen Bezogenheit auf Familienthemen, derartige Spekulationen zulassen muss. Dagegen sträubt sich aber die Institution des Theaters bisher häufig. Im gegenwärtigen Theater – gleichgültig, ob es neue, alte oder ganz alte Stücke spielt – wird fast immer in einer Weise auf die Familie Bezug genommen, als hätte sich seit 2500 Jahren nichts Wesentliches geändert. Ich kenne nur wenige Stücke und Inszenierungen, in denen die hier thematisierten Entwicklungen wahrgenommen und explizit behandelt werden. Der Konflikt zwischen einer aufkommenden »Waisenkindergesellschaft« aus selbstbestimmten, aber einsamen Marktteilnehmern und dem Beharren auf einem nicht marktmäßig organisierten System menschlicher Bindungen und Verpflichtungen ist offenbar im Theater schwer zum Thema zu machen. Vielleicht weil das Theater seine eigenen Voraussetzungen mit den Voraussetzungen der traditionellen Familie analogisiert und sich nicht darüber stellen kann, gerät ihm dieser Konflikt aus dem Blickfeld. Ausnahmen gibt es dennoch einige, etwa Botho Strauß, der in seinem ersten großen Bühnenwerk, nämlich Groß und klein (1978), schon das Ende der Familie und die Probleme der vereinzelten Einzelnen nicht bloß als privates Ausnahmeunglück, sondern nahezu als gesellschaftlichen Normalfall beschrieben hat. Beziehungsunfähige Ich-AGs und Kinder ohne kontinuierliche Bezugspersonen bildeten schon damals das Personal. Auch Heiner Müllers Shakespeare- und Laclos-Adaptionen beschäftigen sich spezifisch mit dem modernen Zwiespalt der Familie. Die Elementarteilchen-Romandramatisierung von Johan Simons ist hier ebenfalls zu nennen. Und viele Stücke von René Pollesch, die alle nach dem Ende der Familie zu spielen scheinen und in denen Kinder, wenn überhaupt, als eigenwillige Aliens mit großem Risiko für den sehnsuchtsvollen Käufer vorkommen. Und gleichzeitig rufen die selbst Kinder gebliebenen Erwachsenen: »Ich will nicht scharf sein, ich will Fürsorge.«
Vielleicht regeln die unsichtbare Hand und das wohlverstandene Eigeninteresse doch nicht alles.
Anmerkung: Melinda Cooper weist in ihrem 2019 erschienenen Buch Family Values (Princeton University Press) auf einen in diesem Text vollkommen übersehenen Aspekt hin. Sie liefert den Nachweis, dass ausgerechnet der Neoliberalismus schon seit den 1970er-Jahren die Notwendigkeit von (auch gleichgeschlechtlicher) Ehe und Familie vehement betont. Um Sozialausgaben zu minimieren und dadurch Steuern zu senken, sollen soziale Versorgungsleistungen privatisiert werden, indem sie zur Aufgabe der Familie statt des Staates erklärt werden. So werden die Ehe für alle und die Solidarität in der Familie zu genuin neoliberalen Forderungen, die den Abbau des Sozialstaats flankieren. – Danke, Helene! (C. H. 2021)
Flucht in die Kunst
oder: Der ideale Staat
Eben mal zwischen Volksbühnenabwicklung, Dernierenmarathon, dem großen Abschiedsfest und der letzten Gastspielreise nach Avignon den idealen Staat entwerfen? Für Theater heute? Mit nicht mehr als 7500 Zeichen? Kein Problem: Dem Dramaturgen in seiner berufsbedingten Vermessenheit ist nichts zu schwer und diese Aufgabe gehört, bei der Vielfalt seiner Tätigkeiten, vielleicht noch zu den leichteren.
Den idealen Staat gibt es nämlich schon. Man findet ihn im Bienenstock oder im Ameisenhaufen. Da läuft’s doch. Alles ist perfekt geregelt und greift ineinander wie in einer gut geölten Maschine. Und alle menschlichen Entwürfe eines idealen Staats laufen auf eine solche maschinelle Konstruktion heraus. Friedrich Hölderlin, der nebenbei auch ein tiefschürfender Staatstheoretiker war, behauptete allerdings, dass man von einer Maschine keine Idee haben kann und vom Staat also genauso wenig. »Nur, was Gegenstand der Freiheit ist, heißt Idee«, schreibt er mit Hegel im Ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus. Und Maschinen, die sich ja grundsätzlich durch Berechenbarkeit definieren und zuverlässig Erwartbares produzieren, schließen genau deshalb jede Freiheit aus. Der ideale Staat ist daher ein Unding oder ein Unfug. Der Staat ist lediglich »die raue Hülse um den Kern des Lebens«, sagt Hölderlin. Und das Gegenteil von Freiheit. Im Systemprogramm wird sein Verschwinden gefordert: »[…] jeder Staat muß freie Menschen als mechanisches Räderwerk behandeln; und das soll er nicht; also soll er aufhören.«
Dass sich ein Staat die Freiheit seiner Angehörigen zum Ziel machen kann, wird hier schlichtweg für unmöglich erklärt. Wenn er es trotzdem tut, ist es vermessen. Denn der Staat »darf nicht fordern, was er nicht erzwingen kann. Was aber die Liebe gibt und der Geist, das läßt sich nicht erzwingen. Das laß er unangetastet, oder man nehme sein Gesetz und schlag es an den Pranger!« Von den Menschheitsbeglückungs- und Veredelungsmaschinen in Tschernyschewskis Was tun?, dem Vorbild Lenins, bis zum digital vernetzten gerade in Kalifornien entstehenden »Homo deus«, der mit Hilfe künstlicher Intelligenz, universeller Überwachung und vollständiger Daten-Feedbackschleife jeden denkbaren Mangel überwinden und selbstverständlich als unsterblich gedacht werden soll, haben alle idealischen Modelle der Gesellschaftsorganisation diesen Haken: Sie wollen die menschliche Freiheit durch Rechnen erzwingen oder ersetzen. Wohin das führt, hat zwei Generationen nach Hölderlin Dostojewski schon gültig beschrieben. In den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch formulierte Dostojewski vielleicht als Erster (noch vor Nietzsche und Bataille), welche Art von Widerstand solche institutionellen und kalkulierten Optimierungsstrategien mit einer gewissen Zwangsläufigkeit auslösen: Wenn eine übergeordnete Institution wie der Staat weiß, was für die Menschen gut ist, und ihre Optimierung nach wissenschaftlichen Berechnungen vorantreibt, wollen die so beglückten Menschen nur noch eins:
beweisen, daß sie keine Drehorgelstifte sind, wenn sie nicht tun, was man von ihnen erwartet, sondern etwas Unsinniges. Darin besteht ihre ganze Kraft. […] Nach unserem eigenen uneingeschränkten und freien Wollen, nach unserer allerausgefallensten Laune zu leben – die zuweilen bis zur Verrücktheit verschroben sein mag? Das, gerade das ist ja jener übersehene allervorteilhafteste Vorteil, der sich nicht klassifizieren läßt und durch den alle Systeme und Theorien fortwährend zum Teufel gehen.
An diesem unvermeidbaren Impuls lebender Organismen, sich der Berechenbarkeit zu entziehen, scheitert regelmäßig, wer »den Staat zur Sittenschule machen« (Hölderlin) und das Glück verordnen will. Er scheitert nicht nur, er bewirkt das Gegenteil.
Deshalb kann es, anders als für Bienen und Ameisen, für Menschen keinen idealen Staat geben. Der Staat kann lediglich Rahmenbedingungen schaffen, die die Handlungsfähigkeit und Entfaltung, aber auch die Kontemplation und Empfindungsfähigkeit seiner Mitglieder möglichst wenig blockieren. Bewährt hat sich dabei im Kleinen das Modell »Republik Castorf« an der Volksbühne, die sich bis zu ihrem Ende nach 25 Jahren als streng hierarchischer und gleichzeitig vollkommen anarchischer Organismus reproduziert hat. Hier machte jeder, was er wollte, und unterwarf sich gleichzeitig dem, was Jonathan Meese als die »Diktatur der Kunst« bezeichnet hat, was nicht nur eine Metapher ist, sondern auch konkrete Herrschaftsverhältnisse zur Folge hat. Dieses Modell freier Selbstentfaltung und Selbstunterwerfung war aber nur möglich, weil es ein Außen hatte: Man konnte es jederzeit ohne allzu große Friktionen verlassen. Man arbeitete freiwillig an diesem Ort.
Den Staat im Großen, als das umfassende System, kann man aber nicht so ohne Weiteres verlassen, wenn er einem nicht mehr gefällt. Außer der kompletten Isolation, und die ist für Menschen nicht geeignet, findet sich auf der ganzen Welt keine Alternative zum Staat. Man findet nur unterschiedliche Staatsformen, aber keine entgeht dem Hölderlinschen Räderwerk-Verdikt, nicht mal die Demokratie. Und die Welt, wenn sie einem nicht mehr gefällt, kann man bei lebendigem Leibe überhaupt nicht verlassen. Insofern ist sie das ausbruchsicherste Gefängnis überhaupt. Das Recht auf Flucht, das die Volksbühne als frei produzierende Zwangsgemeinschaft überhaupt erst möglich gemacht hat, müsste eigentlich jeder Staat per Verfassung dekretieren, nur so wäre die Freiwilligkeit der Staatsangehörigkeit garantiert. Dieses Recht ist aber schwer zu realisieren, weil man nicht weiß, wohin man fliehen soll. Aus einem Staat kann man nur in einen anderen Staat fliehen, während man aus dem Theater fliehen kann, ohne zwangsläufig in einem anderen Theater zu landen. Das ist der Unterschied. Und deshalb kann man den Castorf-Staat nicht zum allgemeinen Modell machen. Es sei denn, man nähme das Theater als Heterotopie wirklich ernst, als einen Ort jenseits der staatlichen Ordnung, als einen Ort, an den man dem Staat entfliehen kann. Das »Recht auf Flucht«, das Alexander Karschnia im Geiste von Schlingensiefs Chance 2000 gerne in die Verfassung aufnehmen würde, ließe sich dann als Recht auf Flucht in das Theater (oder die Kunst) konkretisieren. Wer den Staat nicht aushält, flüchtet in die Kunst, und wer die Härten der Kunst nicht aushält, flüchtet aus der Kunst in den Staat. Das wäre eine glorreiche Perspektive, die auf einen Schlag die Alternativlosigkeit, die unser politisches Handeln seit einigen Jahrzehnten lähmt, in einen spannungsvollen und dynamischen Prozess verwandeln könnte. Man könnte nicht nur aus dem Theater flüchten, sondern auch ins Theater. Diese Möglichkeit des »Switchens« zwischen Kunst und Demokratie käme der tragischen menschlichen Verfasstheit, die sich in der Spannung zwischen Realität und Traum bewegt, sehr entgegen. Slavoj Žižek hat diese Spannung mit der ihm eigenen Konsequenz schon vor Jahren auf den Punkt gebracht (in seinem Buch Ärger im Paradies – Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus):
Wir flüchten uns in die Träume, um einen Zusammenbruch im wirklichen Leben zu vermeiden, aber dann ist das, was uns im Traum begegnet, noch schlimmer, sodass wir am Ende buchstäblich aus dem Traum zurück in die Realität entkommen. Es fängt damit an, dass Träume für die Leute da sind, die für die Realität nicht stark genug sind, es endet damit, dass die Realität für die existiert, die ihre Träume nicht aushalten.
Anhang:
Flucht in den Baumstamm
»In unserer Gesellschaft riskiert jeder, der bei der Beerdigung seiner Mutter nicht weint, die Todesstrafe.« Dieser Satz ist für Camus die Quintessenz seines Romans Der Fremde. Und auch wenn zumindest hierzulande die Todesstrafe einstweilen abgeschafft und der Verhaltenskodex bei Beerdigungen naher Familienangehöriger liberaler geworden ist, haben Gedanken wie dieser nichts von ihrer beunruhigenden Wirkung verloren. Camus vergleicht seinen Antihelden Meursault mit Jesus. Und er behauptet, Meursault sterbe wie Jesus für die Wahrheit. Der Welt der verlogenen Konventionen setze er das nicht immer erfreuliche, aber wahrhaftige Bild eines Menschen entgegen, der seinen Impulsen folgt. Und Dinge sagt, die man zwar vielleicht denken mag, aber nicht aussprechen sollte: »Alle vernünftigen Menschen haben mehr oder weniger den Tod derer gewünscht, die sie liebten.« Heute erscheint dieser vermeintliche Wahrheitsrigorismus des amoralischen Individuums selbst schon wieder als Konvention, als »Style«, der zur Schau getragen wird, wenn man genug davon hat, angepasste und berechenbare Standardspiele zu spielen. Deshalb liegt der Reiz des Romans heute eher in den Lebensstrategien, die er offeriert, als in der Suche nach Wahrheit. Die existentielle Frage lautet: Wie kann ich auch gegenüber dem Schlimmsten, was mir zustoßen könnte, einen klaren Kopf bewahren und die gute Laune nicht verlieren? Meursault sagt sich: »Wenn man mich in einem verdorrten Baumstamm leben lassen würde, mit keiner anderen Beschäftigung, als die Oberfläche des Himmels über meinem Kopf anzusehen, würde ich mich allmählich daran gewöhnen.« Am Ende ist er so weit, dass er selbst die Aussicht auf seine Hinrichtung vor einem Publikum, das ihn »mit Schreien von Hass« empfängt, als Glück genießen kann. In der Tat: Wer seine eigene Hinrichtung als Glück empfindet, dem kann nichts Schlimmes mehr passieren. Und sein Autor bekommt den Nobelpreis. Da wir alle zum Tode verurteilt sind, selbst wenn wir nichts Böses getan haben, ist es vielleicht für niemanden ein Fehler schon mal zu üben, wie man damit umgeht, wenn eines Tages alle Gnadengesuche abgelehnt sind.
Zurück zur Allmacht
Die schönste Zeit im Leben
»Allmacht« ist ein zu blasses Wort, um dem Ideal des Königtums voll gerecht zu werden. Es vermittelt nicht genug von dem traumhaften, poetischen Lebensgefühl, dem keinerlei Grenzen und Restriktionen gesetzt waren, von dem Bewusstsein in einer Welt zu leben, in der es keine Gesetze der Moral oder gegen Inzest gab, nicht einmal ein Schwerkraftgesetz, in der zwischen Wunsch und Tat kein Schatten bestand, in der es keine Mäßigung und kein Maß gab, kein »Realitätsprinzip«, eine Welt, in der der eigene Wunsch für jeden anderen Befehl ist und in der man sich über die Realität erheben kann. Alle Frauen der Welt – mit einer einzigen Ausnahme – sind Freiwild für den sexuellen Appetit, ein Kopfnicken und jeder andere muss sterben. Nichts ist verboten. Den heftigsten Wutausbrüchen folgen freigebige Beweise der Großzügigkeit.
(Eli Sagan, Tyrannei und Herrschaft)
1.
Was ist die schönste Zeit im Leben eines Menschen? Margaret Mahler, eine der Begründerinnen der psychoanalytischen Entwicklungstheorie, behauptet, dass diese schönste Zeit schon sehr früh beginnt, ungefähr im zehnten Lebensmonat, und spätestens nach acht Monaten schon wieder unwiederbringlich vorbei ist. »Während dieser kostbaren 6 bis 8 Monate«, berichtet Mahler, »gehört dem Kleinkind die Welt, […] und das Kind scheint von seinen Fähigkeiten und der Größe seiner Welt wie berauscht.« In dieser kurzen »Allmachtsphase« wird dem Kind noch jeder Wunsch erfüllt, es braucht nur zu schreien. So kann es gar nicht anders, als sich wie der Mittelpunkt der Welt vorzukommen. Leider oder auch Gott sei Dank kann diese Phase vermeintlicher Allmacht nur von kurzer Dauer sein. Noch vor dem Ende des zweiten Lebensjahres muss das Kleinkind erkennen, dass es nur ein Wesen unter vielen anderen ist, dass andere Leute auch Wünsche haben und dass es im Vergleich zu anderen, auch und gerade zu seinen Eltern, eine sehr schwache und hilflose Existenz ist. Kaum hat es sich in seiner Allmacht eingerichtet, ist es auch schon wieder vorbei mit ihr, und es beginnt die Disziplinierung, das schmerzhafte Lernen von Ein- und Unterordnung. Die schreckliche Erfahrung, dass es eben nicht allmächtig, sondern ohnmächtig ist, können dem Kind auch die liebevollsten Eltern nicht ersparen. Der ganze Sozialisationsprozess ist Einübung in diese Ohnmacht, Anpassung an ein übergeordnetes System, an ein Leben in der Beschränkung unter der Fuchtel jener, die die Macht haben. Dieser Verlust der Allmacht in der frühen Kindheit bleibt, zumindest in Mahlers Erzählung, als lebenslanges Trauma bestehen, als vage Erinnerung an eine Zeit umfassender und radikaler Bedürfnisbefriedigung ohne Triebaufschub, als Sehnsucht nach einer Zeit, in der man jeden Morgen begeistert und sorglos aufwachte, an die Zeit, bevor sich das Omnipotenzgefühl in Angst verwandelte und das Kind in der Wiederannäherungsphase oder -krise seine Abhängigkeit und Ausgeliefertheit gegenüber seinen Bezugspersonen begreift.
2.
Eli Sagan glaubt in seinem Standardwerk Tyrannei und Herrschaft herausgefunden zu haben, dass es einige privilegierte Menschen gab, bei denen es anders lief – Menschen, die die glückliche Allmachtsphase nie verlassen mussten, weil sie ihr Leben lang wie ein Kleinkind behandelt wurden. Sie wurden nicht unsanft herausgerissen aus diesem Zustand, sondern immer weiter darin bestärkt, sie seien alles und die Welt sei nichts ohne sie, während die gegenläufige Erfahrung, dass die Welt alles und sie selber nichts sind, sich außerhalb ihres Horizonts befand. Die Könige in sogenannten komplexen Stammesgesellschaften, die den archaischen Sippenverbänden folgten, werden in Sagans Untersuchung als Personen dargestellt, die in der Allmachtsphase stecken geblieben sind oder festgehalten werden, und die sich mit Zustimmung ihrer Umwelt alles erlauben dürfen, genau wie das Kleinkind auf dem Höhepunkt seines Narzissmus – und zwar mit der Gewissheit, dass ihnen das nicht nur erlaubt ist, sondern sogar von ihnen erwartet wird. Alles ist für sie da, sie dürfen rücksichtslos und unbefangen alle subjektiven Wahrheiten aussprechen, ihre Mitmenschen quälen und beleidigen, sie brauchen nur mit dem Finger zu schnipsen und jeder ihrer Wünsche wird erfüllt, sie dürfen mit jedem Menschen schlafen, wenn ihnen danach ist, sogar mit der eigenen Schwester (nur mit der Mutter nicht). Das Wichtigste ist in den Augen ihres Volkes, dass sie töten dürfen, wen sie wollen und wann sie wollen. »Er allein hat das Recht, uns die Augen auszustechen«, erklären die Anhänger des Königs dem Forscher. Und wenn ein König nicht mehr tötet, machen sich seine Untertanen Sorgen …
Für Sagan gibt es »zwei Indizien, die darauf hindeuten, dass der Drang nach Allmacht in der frühen Kindheit entstanden ist: Man verwöhnte diese Könige unmäßig und erlaubte ihnen die zügellosesten Wutanfälle«. Und das setzte sich im erwachsenen Leben der Könige fort.
Zum königlichen Hofstaat gehörten zahlreiche persönliche Diener des Königs, die streng auf die Befriedigung auch der kleinsten seiner Bedürfnisse achteten. Die Nahrung des Königs, der Tabak des Königs, die Milch des Königs, der Nachttopf des Königs, der Speer des Königs – für alle diese Utensilien sorgte ein besonders beauftragter Beamter. Manche Könige wurden sogar im Schlaf überwacht; anderen war es nicht erlaubt, selbst zu essen; sie mussten von Dienern gefüttert werden. […] Auch in sexuellen Dingen musste der König sich – anders als Erwachsene – nicht übermäßig anstrengen, um seine Bedürfnisse zu befriedigen. Er brauchte nur einen kleinen Finger zu heben und zu verkünden »Ich will«.
Sagan identifiziert dieses Phänomen mit der »Phantasie des Kleinkindes von der uneingeschränkt nachgiebigen Mutter« und ergänzt: »Die Wutausbrüche des einundzwanzig Monate alten Kleinkinds waren für die Könige der komplexen Gesellschaft ein Gebot strenger Etikette. Wenn du nicht bekommst, was du haben willst, dann schlage wild um dich.« Sagan zeigt aber nicht nur, dass die angehenden Könige auf ihr Amt vorbereitet wurden, indem man sie im Sozialisationsprozess nicht aus der Allmachtsphase entließ, sondern auch, dass sie die Sehnsucht derer verkörpern, die diese Zeit der glücklichen Allmacht schon lange hinter sich haben. »Ein großer Teil der himmelschreienden, sadistischen Grausamkeiten in komplexen Gesellschaften war das Ergebnis der Tatsache, dass es dem König nicht nur erlaubt war, Wutausbrüche zu haben, sondern dass man dies sogar von ihm erwartete.« Vom Volk unterstützt war es ihm also aufgegeben, seine Macht fortwährend im höchsten Maße zu missbrauchen. Solche allmächtigen Könige, die nur solange gute Herrscher waren, wie sie sich asozial und gewalttätig verhielten, und die in den Teppich bissen, wenn sie ihren Willen nicht bekamen, sind heute offenbar – bis auf wenige Ausnahmen, die sich möglicherweise in Nordkorea und in den USA als Karikaturen finden lassen – ausgestorben. An ihre Stelle sind kultivierte Sozialbürokraten getreten, die sich im Rahmen strenger Etikette zur Höflichkeit und Tugend verpflichtet fühlen. Jeden irrationalen Eigenwillen versuchen sie zu unterdrücken, sie leben solche etwaigen Seiten nicht öffentlich, sondern höchstens privat und im Geheimen aus. Es gibt in unserer Gesellschaft niemanden mehr, der unsere Sehnsucht nach der »schönsten Zeit« stellvertretend für uns ausleben könnte. Und es gibt für Menschen, bei denen die Überwindung der Allmachtsphase nicht geglückt ist – weil Elternteile zum Beispiel ihrerseits in der Symbiose mit dem Kind stecken blieben –, keinen Ort, wo sie ihre tyrannischen und narzisstischen Tendenzen nutzbringend einsetzen könnten. Denn selbst die größten Chefs und die reichsten Milliardäre müssen sich an die Gesetze und sozialen Konventionen halten und dürfen niemals öffentlich demonstrieren, dass sie über ihnen stehen.
3.
Mit dem Ende der allmächtigen Herrscher scheint der Traum von der Allmacht ausgeträumt – in Europa spätestens mit der Französischen Revolution. Die Enthauptung Ludwigs XVI. im Januar 1793 markiert drastisch das Ende der verlängerten Allmachtsphase als Herrschaftsform. Die nachfolgenden Diktatoren und Alleinherrscher widerlegen das nicht, sondern bestätigen es eher, denn sie können sich nicht mehr auf ihre Gottgleichheit berufen, sondern müssen ihre Herrschaft mittels großer Ideale legitimieren, die beispielsweise nationalistisch oder sozialistisch (oder beides) sein können. Die Anfälligkeit der Menschen für totalitäre Herrschaft ist deshalb allerdings keineswegs aus der Welt – und die Trauer über den Verlust der Allmacht offenbar immer noch nicht überwunden. Vielleicht ist ein Ende der Trauer auch gar nicht möglich, solange die Menschen ihre schönste Zeit zwischen dem ersten und zweiten Lebensjahr verbringen.
Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang die Aufwertung, die das Ästhetische und die Kunst nach dem Ende des absoluten Königtums erfahren haben. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Friedrich Schiller 1795, also zwei Jahre nach dem Tod des Königs auf der Guillotine, in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen den Versuch gemacht hat, den Traum von der Allmacht zu retten, und zwar in der Kunst und durch die Kunst, die nach der Revolution und im Zuge der Aufklärung nicht mehr als Repräsentation von weltlicher und göttlicher Macht betrachtet wurde, sondern, wie es bei Schiller heißt, als »eine Tochter der Freiheit«. Mitten in der Welt der physischen Zwänge, die wir nicht beseitigen können, und der menschlichen Gesetze, die wir uns zwar selbst gegeben haben, die uns aber ebenfalls streng beschränken, forderte er ein »drittes, fröhliches Reich«, das der »ästhetische Bildungstrieb«, den er gerne auch »Spieltrieb« nannte, hervorbringen sollte, ein Reich, in dem den Menschen »die Fesseln aller Verhältnisse« abgenommen und sie »von allem, was Zwang heißt, sowohl im Physischen als im Moralischen« entbunden sind. Das klingt nach Allmachtsanspruch und nicht nach der »moralischen Anstalt«, die man mit Schiller gerne verbindet. Schiller fordert eine Freiheit für die Kunst, die sich durch nichts beschränken lassen muss. Dieser Gedanke ist bis heute entscheidend für die Kunstpraxis geblieben: »Kunst zu machen bedeutet zu verfügen, dass die Dinge so und nicht anders sein sollen – und zwar ohne jede ›objektive‹ Begründung«, schreibt Boris Groys in seinem Kommunistischen Postskriptum. Was Schiller wie Groys für die Kunst einfordert, scheint exakt »dem traumhaften, poetischen Lebensgefühl, dem keinerlei Grenzen und Restriktionen gesetzt waren«, zu entsprechen, das Sagan bei den frühen Königen gefunden hat – allerdings mit einem wichtigen Unterschied.
Wollte Schiller den allmächtigen Herrscher mittels Kunstpraxis wieder einführen? Haben Hitler und Stalin Schiller so verstanden? Der Staat als Kunstwerk? Ist Schiller der Vorläufer und Ideengeber für die totalitären Verhängnisse des letzten Jahrhunderts? Es gibt Leute, die seine Briefe tatsächlich so verstehen wollen (zum Beispiel Paul de Man). Dazu muss man den Staat nur als Kunstwerk und den oder die Herrschenden als Künstler betrachten. Aber einen solchen Ansatz zur Legitimation von totalitärer Herrschaft gibt es in Schillers Vorstoß zu einer freien Kunst gerade nicht (und bei Groys auch nicht). Denn in demselben Brief, dem 27. und letzten, in dem Schiller diese Freiheit von allen physischen und moralischen Zwängen, von der Schwerkraft und von jeder allgemeinen Gesetzgebung fordert, macht er auch klar, dass dieses Reich der Kunst das Physische und das Sittliche nicht vereinigen oder ersetzen kann und soll. Die Auflösung des Widerspruchs und die totale Freiheit sollen nur als ästhetische stattfinden, und zwar in einer Schein- und Spielwelt, die von den Künstlern und den Rezipienten auch als solche wahrgenommen wird. Das ist der Unterschied zur Allmacht der Könige.
Was Schiller vorschwebt, könnte man als Musterbeispiel für eine Heterotopie ansehen, wie sie Foucault später beschrieben hat: als abgeschlossenen Ort, der zwar ein Teil der Welt ist, an dem aber all das erlaubt und möglich ist, was in der Welt sonst verboten und unmöglich ist, also als einen Ort, wo dieses sonst Verbotene oder Unmögliche sich autonom entfalten kann. Die Autonomie der Kunst ist auf diesen Ort beschränkt, nur dort kann sie sich als »Spiel« realisieren – in einer Sphäre des »ästhetischen Scheins«. Sie darf sich nicht mit der wirklichen oder wirkenden Welt verwechseln oder mit ihr verwechselt werden. Das Verbotene wird nur gespielt, die Allmacht der Künstler ist nur ästhetischer Schein, und alle, die daran teilnehmen, der Stab und die Schauspieler, aber auch die Zuschauer, wissen wie Schiller, dass das Menschenleben beschränkt und ohnmächtig ist und dass wir, solange wir leben, keine ganzen Menschen sein werden. Wenn Schiller also behauptet, »der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt«, dann heißt das, dass es die vollständige Realisierung seines Wesens in der wirklichen physischen Welt sterblicher Menschen nicht geben kann, sondern nur im Spiel, nur als ästhetisches Ereignis. Das ist die Tragik der Kunst und speziell des Theaters, seine offensiv vertretene Nutzlosigkeit und Zweckfreiheit haben hier ihren Grund. Nichts, was auf der Bühne passiert, nichts, was ein Künstler als Kunst generiert, greift funktional in die Prozesse des täglichen Lebens ein. Schiller wird nicht müde zu betonen, dass der ästhetische Schein in der wirklichen Welt nichts zu suchen hat und dass die wirkliche Welt als Funktionssystem nichts in der Kunst zu suchen hat. Die ästhetischen Freiheiten des schönen Scheins zum politischen Programm zu erklären, um die Welt nach ästhetischen Kategorien zu perfektionieren, ist kein Weg zur Befreiung, sondern markiert den Beginn totalitärer Gewalt.
Gerade im Theater herrscht deshalb ein verschärftes Gewaltverbot. Weil man sich im Spiel auf menschliche Abgründe, auf ungebändigte Natur, auf unwahrscheinliche Sensationen einlässt und das, was einem sonst einfach passiert, autonom produziert, bedarf es großer Sachlichkeit und Nüchternheit bei der Herstellung dieser Kunstwerke. Gewaltexzesse und Psychoterror, Intimität und Verrat auf die Bühne zu bringen, ist leichter, wenn außerhalb der Bühne und bei der Herstellung des Kunstwerks (bei den Proben) Vorsicht und Rücksicht herrschen, auch wenn sich Parallelen zwischen Kunst und Leben nicht immer fein säuberlich trennen lassen. Die Exzesse der Kunst und speziell des Theaters lassen sich nur diszipliniert und möglichst unabhängig von der eigenen Triebstruktur realisieren, das unterscheidet sie strukturell von den Exzessen der Könige, die Sagan beschreibt. Die Auseinandersetzung mit dem Unbekannten, das man selbst ist, ist für die Akteure des Ästhetischen eine große Herausforderung und führt zu starken physischen und psychischen Belastungen, die als solche normalerweise nicht Teil des Kunstwerks sind. Ein Regisseur, der Unwahrscheinliches produziert, kann häufig nicht erklären und begründen, was er auf der Bühne oder vor der Kamera sehen will – und erst recht nicht, warum er es sehen will. Das muss keine Unfähigkeit sein, sondern mag gerade an der Fähigkeit des Künstlers liegen, etwas zu können, was sonst keiner kann. Das »Können des Nicht-Könnens«, wie Christoph Menke in seiner Theorie ästhetischen Handelns deutlich macht, das, wofür es (noch) keine Gebrauchsanweisung und -begründung gibt, dieses Segeln im Unbekannten, macht die Arbeit in der Kunst so reizvoll und gefährlich. Sie für den persönlichen Machterwerb in der wirklichen Welt auszunutzen, ist arm und kunstfeindlich. (Und – ist es wirklich nötig, das zu sagen? – niemand sollte sich das gefallen lassen, so sehr er auch bereit ist, sich auf der Bühne und in der Kunst in Ausnahmezustände und psychische wie physische Gefährdungen zu begeben.)
Die lebendige Kraft, die jenseits von Gut und Böse ist, die einfach ohne unser Zutun da ist, noch vor jeder Bestimmung – das Vorsubjektive, das Nicht-Identische, das Reale, das Dunkle oder wie man sie auch nennen will –, können wir in den Spiel- und Scheinwelten der Kunst ans Licht bringen, und dies ist wiederum nur dann möglich, wenn die Rahmenbedingungen rational geregelt sind und nicht mit dem Produkt verwechselt werden. Exzess und Disziplin bedingen einander. Das wusste schon Hölderlin: »Da wo die Nüchternheit dich verlässt, da ist die Grenze deiner Begeisterung.« Wer sich im Theater und in der Kunst auf seine Abgründe einlässt, braucht eine Verankerung, die es ihm ermöglicht, auch wieder herauszukommen. Je stärker diese Verankerung ist, desto tiefer kann er sich auf die Abgründe einlassen. Riskant bleibt es trotzdem, Kunst zu machen oder sich zum Material der Kunstpraxis eines anderen zu machen. Denn auch ein Regisseur, der kein Despot ist, muss im Umgang mit dem Material möglichst unbeschränkt sein können. Man erwartet von ihm, dass er tut, was er will – sogar ohne Begründung –, aber auch, dass er diese Freiheit auf das Spiel beschränkt. Letzteres bedeutet allerdings nicht, dass dadurch die Probebühne zum safe space würde. Die Herausforderungen der ästhetischen Praxis, die sich mit dem Leben beschäftigt, auch mit dem eigenen, können auch ohne Übergriffigkeiten und Machtmissbrauch tiefgehende seelische und körperliche Belastungen hervorrufen.
4.
Die dunklen lebendigen Kräfte, die unbestimmt und unerwartet und unbegründet aus uns hervorbrechen, bedürfen sozialer praktischer Vermögen, die sie einschränken und konterkarieren, wie Christoph Menke in seinen beiden Büchern über den ästhetischen Kraft-Begriff gezeigt hat (Die Kraft der Kunst und Kraft: Ein Grundbegriff ästhetischer Anthropologie). Für Menke befinden sich lebendige Kraft und soziales Vermögen in einem Verhältnis wechselseitiger Negativität, und nur in dieser wechselseitigen Verneinung gelangen sie zu ihrer positiven Existenz. Die unbestimmte Kraft, die uns bestimmt, und die bestimmenden Vermögen, die der Kraft eine Form geben, sind wechselseitig voneinander abhängig und einander entgegengesetzt. Das führt bei Menke zu der »Einsicht, dass das, was das Vermögen ermöglicht, [nämlich das Spiel dunkler Kräfte], es zugleich unmöglich macht«. So befinden sich Kräfte und Vermögen permanent in einem nicht beendbaren Konflikt. Nur in der Kunst können sie ihn abstellen und eine widerspruchslose Einheit bilden, aber die ist als solche immer fiktiv: ästhetischer Schein.
In dieser in ihren Grundzügen auch bei Fichte, Hölderlin und Schiller zu findenden Konstruktion ist eine Absage an die Möglichkeit menschlicher Allmacht genauso enthalten wie die Absage an jede Art von Erlösung bei lebendigem Leibe. Wir können weder in den Mutterleib noch in die kindliche Allmachtsphase zurück, wir sind auf die Beschränktheit angewiesen; selbst die ästhetische Schönheit, die wir erfahren und sogar herstellen können, ist abhängig von unserer Beschränktheit, von Grenzen, die wir erweitern, aber nicht überwinden können. Hölderlin hat das zur gleichen Zeit wie Schiller in einem paradoxen Satz zum Ausdruck gebracht: »Am Tage, da die schöne Welt für uns begann, begann für uns die Dürftigkeit des Lebens.« So sieht es aus. Schönheit und Vollkommenheit sind an Armut und Mangel gebunden. Die Wahrheit des unbeschränkten Subjekts, seine grenzenlose Freiheit, ist immer nur eine Fiktion, nur im Schein können wir zu ganzen Menschen werden, als lebendige Wesen sind wir konstitutiv auf unsere Unfertigkeit und Schwäche angewiesen: letztlich auf unsere Sterblichkeit. Den ästhetischen Schein durch Anleihen an die Wirklichkeit verstärken zu wollen, ist genauso aussichtslos wie der Versuch, die Wirklichkeit durch den Schein zu verbessern. Deshalb lehnt Schiller alle Versuche ab, ästhetischen Schein durch »logischen Schein« zu ersetzen. Er bezeichnet solche Versuche als »Betrug«. Die Freiheit der Kunst auf das Leben in der Welt zu übertragen, ist nicht nur ein Fehler, sondern auch dauerhaft gar nicht möglich, denn eine Wirklichkeit, die auf Schein, das heißt auf Lügen gebaut ist, fällt früher oder später in sich zusammen wie die Blasen in der Finanzindustrie. Künstler, Regisseure, Intendanten, die meinen, sie könnten von den unbegrenzten Möglichkeiten der Kunstfreiheit persönlich profitieren und die Unbeschränktheit, die ihnen in der Kunstpraxis erlaubt ist, auch zur Ausweitung ihrer Möglichkeiten in ihrer eigenen Lebenswelt benutzen, verwandeln das »interesselose Wohlgefallen« (Kant) an der Kunst in profane Machtausübung. Das ist Missbrauch der Kunst. Das verwandelt ästhetische Allmacht in ein schmutziges Geschäft. Es schadet nicht nur der Kunst und den Opfern dieses Handelns, sondern auch denen, die diesen Machtmissbrauch praktizieren. Diese landen in einer Sackgasse, denn ihre vermeintlich berufsbedingte Allmacht ist ein Zwangszusammenhang. Man kann das sicher als sozialisationsbedingt erklären – sie sind in der narzisstischen Allmachtsphase stecken geblieben, die unendlich nachgiebige Mutter ist schuld usw. –, aber nicht als künstlerische Notwendigkeit rechtfertigen.
5.
Einen Ort scheint es also noch zu geben, wo Omnipotenz und unbegrenzte Freiheit ihren Platz haben, aber dieser Ort ist eine klar begrenzte Heterotopie. In der Kunst als Kunst gibt es keine Verbote, was auf der Bühne der Kunst und des Theaters geschehen darf, ist nur durch die Phantasie begrenzt. Außerhalb der Bühne, des Kunstortes, ist der Künstler allerdings den Einschränkungen genauso unterworfen wie jeder andere.
Christoph Menke hat die außermoralischen lebendigen Kräfte, die uns als Menschen bestimmen, die einfach da sind und die wir nicht selbst gemacht haben, in ihrer Unbestimmtheit ebenso als Bedingungen eines »guten Lebens« analysiert wie die sozialen Kompetenzen und Vermögen, mit diesen lebendigen »vorsubjektiven« Kräften selbstbewusst umzugehen. Die Freiheit sieht er weder in der umstandslosen Hingabe an diese Kräfte, Triebregungen und Obsessionen noch in der Freiheit von ihnen, die nach Kant nur in der Befolgung des moralischen Gesetzes liegen kann. Die einzige Freiheit des Individuums resultiert aus seiner Fähigkeit, zwischen beiden zu unterscheiden und zu entscheiden. Weder die durch das Sittengesetz begründete Freiheit von den Trieben noch das freie Ausleben der Triebe ist Freiheit im emphatischen Sinn. Emphatisch ist nur die Realisierung beider Freiheiten, das heißt die Freiheit, zwischen diesen beiden Freiheiten zu wählen, das eine statt des andern tun zu können und das eine nicht ohne das andere. Das Resultat dieser doppelten Konstitution menschlichen Lebens ist die »Treue zum Gegensatz in sich selbst« (Christoph Menke). Die lebendigen vorsubjektiven Kräfte, die bei Schiller den Stofftrieb ausmachen, und ihre zivilisatorische Formung, der Formtrieb also, gibt es nur zusammen oder gar nicht, der Mensch ist gegensätzlich strukturiert; frei ist er nur im selbstbestimmten Umgang mit diesem Gegensatz, der sich nach keiner Seite hin auflösen lässt.
Nur im Spiel der Kunst verschwindet der Gegensatz, aber eben nur zum Schein. Die Allmacht der Kunst unterscheidet sich also von jener der frühen Könige darin, dass sie scheinhaft ist, dass sie nur gespielt ist und keine unmittelbaren Folgen für das wirkliche Leben haben darf. In dem Moment, wo die Kunst mehr sein will als Schein, verlässt sie den Raum der Kunst und wird entweder zur Straftat, die juristisch geahndet werden kann, oder sie entledigt sich ihrer scheinbaren Allmacht und wird ein Teil der Gesellschaft, indem sie sich deren Funktionalität, Kalkül und Normen beugt. Diese Kunst hat dann ihre autonome Sonderstellung als Heterotopie verloren, verwandelt sich in Unterhaltung, Kunstgewerbe oder Agitation, nutzt ästhetische Elemente für Zwecke oder als pure Effekte, wird zum Serviceunternehmen, ist aber keine Kunst mehr, auch und gerade dann nicht, wenn die Zwecke, denen sie sich unterwirft, integer sind. Dass die Kunst öfters und wahrscheinlich zunehmend in die Gefahr kommt, ihren Bereich zu verlassen, hat meist äußere – etwa ökonomische – Gründe. Weil sich Kunst aber auf Nicht-Kunst beziehen muss, um die notwendige Unwahrscheinlichkeit ihres Zustandekommens zu realisieren, hat sie auch eine immanente Tendenz, ihren Rahmen zu sprengen.
6.
Ein alter und kränkelnder Monarch war ein schreckliches Problem für eine Gesellschaft, die von den Symbolen der absoluten Macht abhängig war. In ostafrikanischen Ländern wie Ankole und Bunyoro wurden solche hinfälligen Inhaber der Allmacht vergiftet oder erdrosselt, und woanders vermutlich auch. […]
Der Tod ist die große, unwiderrufliche Trennung, und der Tod ist auch die Antithese des Traums von der Allmacht, welche die Unvermeidlichkeit von Trennungen leugnet. Wie nah der kabaka [König] auch an die Ausübung absoluter Macht herankommen mochte, so reichte diese Macht jedoch nie aus, den Tod zu überwinden. Es mag sein, dass die Menschen sich später den Göttern und nicht mehr den Königen zuwandten, um ihre Sehnsucht nach Allmacht zu befriedigen, und zwar zum Teil deshalb, weil Götter nicht sterben.
(Eli Sagan)
Dass die Kunst unsere vergeblichen Allmachtsträume und unsere negativen Bestrebungen sublimiert und ihnen zugleich einen Ort gibt, wo sie sich entfalten können, ist eine bedeutende und elegante zivilisatorische Leistung und seit der attischen Polis wohl auch ein Eckpfeiler der Demokratie. Die gegenwärtige Erosion der Demokratie verhindert sie leider nicht. Und umso weniger, je funktionaler sie sich der »marktaffinen« Demokratie anheimgibt. Ich sehe diese Erosion nicht so sehr in der Kunstferne von Staatschefs, die sich wie Sagans frühe Könige verhalten und ihre infantilen Regungen nicht unter Kontrolle haben (»Mein Atomknopf ist größer als deiner!«). Ich meine die Allmachtsträume, die mit der digitalen Revolution und der Entwicklung der Gen- und Biotechnologie aufkommen und die Demokratie aus technologischen Gründen für überflüssig oder lästig erklären. Durch Verarbeitung ungeheurer Datenmengen und die komplette Durchleuchtung tendenziell aller Menschen, mit Hilfe einer exponentiell wachsenden selbstlernenden künstlichen Intelligenz, die unserer eigenen in rasendem Tempo immer überlegener wird, soll es in nicht allzu langer Zeit möglich werden, Menschen so zu vervollkommnen, dass sie tendenziell selbst zu unsterblichen und allmächtigen Göttern werden. Unter Umgehung demokratischer Kontrollmechanismen arbeitet man fieberhaft daran, einen neuen Menschen zu kreieren, der den Homo sapiens ablöst und den schönen Namen »Homo deus« trägt, wie man dem gleichnamigen Bestseller des Historikers Yuval Noah Harari entnehmen kann. Nicht weniger als Omnipotenz, Allgegenwärtigkeit und Unsterblichkeit sollen die neuen Technologien ermöglichen, also alle Qualitäten Gottes. Arbeit und Leiden jeder Art sollen verschwinden, die ewige Allmachtsphase für alle soll im besten Fall dabei herauskommen. Alles, was wir uns vorstellen können, soll durch bloßes Fingerschnipsen augenblicklich erledigt werden. Die künstliche Intelligenz ermöglicht uns also angeblich, die Bedingtheit hinter uns zu lassen und zu absoluten Wesen zu werden – und das schon sehr bald. Wahrscheinlich gilt das aber eher nicht für alle, sondern nur für einige wenige Menschen. Auf die anderen wartet bestenfalls eine auf unzähligen Daten basierende Planwirtschaft, eine digitale Erziehungsdiktatur mit Feedback, die jeden zwingt, immer nur zu tun, was am besten für ihn ist, was als sein größtmöglicher persönlicher Vorteil errechnet wurde.
Was früher die Sozialrevolutionäre durch die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse erreichen wollten, soll jetzt durch die revolutionäre Veränderung der technologischen Möglichkeiten herbeigeführt werden. Dabei wird vergessen oder verdrängt, dass der ganze menschliche Apparat und sogar die Schönheit nicht ohne Dürftigkeit und Mangel und Endlichkeit zu haben sind, dass ohne das innere Drama, in dem sich Menschen spätestens seit dem Ende ihrer Allmachtsphase befinden, die Welt und die Erfahrungsfähigkeit, die Möglichkeit, bewusst zu handeln und zu fühlen, verschwindet, weil wir dafür auf Reibung, Gegensatz und Konflikt angewiesen sind: auf Negativität. Die künstliche Intelligenz ist auf diese Negativität nicht angewiesen, solange sie weder fühlt noch bewusst handelt. Harari berichtet allerdings von Neurowissenschaftlern, die Bewusstsein für das »biologisch nutzlose Nebenprodukt bestimmter Gehirnprozesse« halten, für eine Art »geistiger Luftverschmutzung«, die mit dem Lärm von Düsentriebwerken vergleichbar ist, der für die Schubkraft des Aggregats keine Bedeutung hat. Damit wollen sie offenbar sagen, dass für die Entwicklung der Intelligenz Bewusstsein nicht nötig und vielleicht sogar störend ist …
Die Kreativen, Ingenieure und Spezialisten, die an der Gottwerdung des Menschen und der Vermenschlichung künstlicher Intelligenz arbeiten, sollten mal kurz ihre Arbeit unterbrechen und sich bei Kant, Schiller und Menke über die Konstitutionsbedingungen menschlichen Lebens und Bewusstseins informieren, bevor sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Aber wer weiß? Vielleicht hat ja künstliche Intelligenz das alles schon längst für sie erledigt.
Nichts tun
Zur Metaphysik der Zeitverschwendung
Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus. Zu keiner Zeit haben die Tätigen, das heißt die Ruhelosen, mehr gegolten. Es gehört deshalb zu den notwendigen Korrekturen, welche man am Charakter der Menschheit vornehmen muss, das beschauliche Element in großem Maße zu verstärken. (Friedrich Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Julian Pörksen hat im Sommer 2011 einen kurzen Spielfilm gedreht, mit dem stutzig machenden Titel Sometimes we sit and think and sometimes we just sit. Der Film lief dann im Februar 2012 bei der Berlinale in der Sektion »Perspektive Deutsches Kino«. Damals war er noch Student der Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Der Film war das Ergebnis eines selbst organisierten Praktikums im Rahmen des Studiums. Das kleine Buch mit dem Titel Verschwende deine Zeit ist eine überarbeitete Version seiner Abschlussarbeit vom Sommer 2012 und liefert sozusagen die Theorie zu diesem Film.
Das unvermeidbare Problem, dass auch ein Plädoyer für das Nichtstun, für die Ereignislosigkeit oder für die nutzlos verschwendete Zeit selbst viel Arbeit und Disziplin erfordert, wenn es überzeugen soll, war Pörksen von Anfang an klar und vielleicht ist das gerade der Witz des ganzen Unternehmens. In einem Programmheft zum Kirschgarten (in einer fast ereignislosen Inszenierung von Luk Perceval am Hamburger Thalia Theater) hat Pörksen über seine Filmarbeit berichtet und am Ende festgestellt: »Eine schöne Paradoxie an dieser Arbeit war, wie viel Planung und Aktivität notwendig war, um einen Untätigen ins Zentrum eines Films zu setzen, wie viel Anstrengungen es bedarf, um der Unterlassung künstlerisch etwas abzugewinnen und ihr im Bewusstsein des Zuschauers Raum zu verschaffen.« Pörksen berichtet dort auch, was ihn überhaupt dazu gebracht hat, sich dermaßen konzentriert und ausdauernd mit dem Thema Nichtstun und Nichtsnutzigkeit zu befassen:
Das Glück winkt denen, die aktiv sind. Freiwillige Untätigkeit hingegen ist mit einem Verbot belegt, sich für Ereignisarmut zu entscheiden, keine Option. Vergangenes Jahr habe ich mir im Theater ein Stück mit dem Schauspieler Peter René Lüdicke angesehen, der mit genau diesem Verbot gespielt hat, indem er eine virtuose halbe Stunde auf der Bühne nichts gemacht hat. Ein Unterlassungskünstler. Für ihn habe ich ein Drehbuch geschrieben, und wir haben gemeinsam einen Film gedreht, der um diese Gedanken kreist: Peter, ein 50-jähriger Mann, reich und aus intakter Familie, zieht in ein Altenheim, um dort für den Rest seiner Tage zu leben. Er ist ein ›freiwilliger Senior‹, der sich in eine Institution begeben hat, die in der öffentlichen Wahrnehmung so etwas wie eine vorletzte Ruhestätte ist, ein Ort zum Sterben, nicht zum Leben. Peter jedoch sitzt, heiter und unproduktiv, bei geschlossenen Vorhängen in seinem Zimmer und macht den ganzen Film über keinerlei Veränderung durch. Stattdessen delegiert er, als Held der Passivität, die Aufgabe einer dramatischen Entwicklung an die Nebenfiguren, die mit seiner Entscheidung und seinem Dasein hadern und sich an immer neuen Deutungen versuchen. Während der Arzt in seinem Verhalten Züge einer Depression zu erkennen glaubt und meint, ihm helfen zu müssen, sieht sein Pfleger in ihm ein Vorbild, einen Aussteiger aus der ermüdeten Gesellschaft. Sein Sohn hingegen sieht darin eine Flucht in die Untätigkeit, die letztendlich einem Suizidversuch gleichkommt, und will ihn retten, ihn zurückholen zur Familie. Eine alte Bewohnerin des Heims verliebt sich schließlich in seine mangelnde Anteilnahme, indem sie genau darin einen Freiraum erkennt, eine wertfreie Zone …
Zu ergänzen wäre vielleicht noch, dass der einzige zusätzliche »Luxus«, den sich der Held dieses Films mit in seine vorletzte Ruhestätte genommen hat, jene »Ultimate Machine« ist, die Pörksen in seinem Buch am Beginn des zweiten Kapitels beschreibt und die keine andere Funktion hat, als sich, wenn man sie einschaltet, sofort wieder auszuschalten. Dieser Vorgang ist grundlegend für die Metaphysik der Zeitverschwendung.
Ein nutzloser Film über das Nichtstun und die Dynamik, die dieses Nichtstun in seiner Umgebung erzeugt. Und jetzt ein kleines, klug kalkuliertes und solide gearbeitetes Buch über die Freuden der Zeitverschwendung und das Ignorieren ökonomischer Selbstverständlichkeiten. Die Lektüre macht Freude, zumindest mir, und lässt einen mit dem beglückenden Gefühl zurück, man wäre Zeuge eines überfälligen Befreiungsprozesses. Pörksen erlaubt sich ein paar einfache Wahrheiten auszusprechen, die immer noch tabuisiert sind, obwohl die meisten Menschen, wenn auch mit schlechtem Gewissen, zumindest gelegentlich danach handeln. Neu sind sie nicht, und es besteht wahrscheinlich auch keine Gefahr, dass sie eines Tages endgültig in Vergessenheit geraten. Aber sie passen als positive Maximen nicht in die Logik der politischen Ökonomie der kreativen Marktgesellschaft, in der rationales Nützlichkeits- und Vorteilsdenken respektive der Privategoismus die Triebfedern allen Handelns sein sollen.
Zeit und Geld sind in dieser Markt- und Leistungsgesellschaft bekanntlich Synonyme, beides darf man nicht verschwenden. Denn an der Zeit bemisst sich die Rationalität jeder ökonomischen Praxis. Die in Relation zum Ergebnis aufgewendete Zeit gibt Aufschluss darüber, ob eine Tätigkeit sinnvoll ist oder nicht. Sie ist nach ökonomischer Auffassung natürlich nur sinnvoll, wenn sie sich rechnet, wenn nicht sofort, dann wenigstens später. Julian Pörksen macht diese scheinbar selbstverständliche Rechnung nicht mit. Er macht die Gegenrechnung auf und versucht, die Notwendigkeit der anderen, dunklen Seite der Ökonomie, die jeder instrumentellen und zweckgerichteten Tätigkeit widersteht, zu erklären. Diese Seite gibt es als negative, als zu überwindende natürlich schon immer, denn wenn es keinen Hang zur Nichtrationalität, zur Verschwendung, zum Exzess und zum Asozialen gäbe, würde jedes zweckmäßige Handeln, jede Selbstdisziplinierung überflüssig sein und ins Leere zielen. Das heißt: All diese schönen Tugenden wie Disziplin, Selbstbestimmung, Optimierung sind nur solange sinnvoll postulierbar, wie es entgegengesetzte Tendenzen gibt, die eingedämmt und in Schach gehalten werden müssen. Wenn Disziplinlosigkeit und Lethargie endgültig abgeschafft wären, wären im selben Augenblick auch ihre Gegenbegriffe sinnlos geworden.
Aber in dem Diskurs, in dem Pörksen sich bewegt, geht es nicht primär um diese Wechselbegrifflichkeit, sondern um eine irritierende Umwertung des Nutzlosen. Die normalerweise nur kritisch gebrauchten Termini werden positiv gewendet. Zeitverschwendung soll nun etwas Wichtiges und Gutes sein. Das erinnert an Kants ästhetische Urteilskraft: Das »interesselose Wohlgefallen« am Schönen, also die Freude an etwas, das für nichts zu gebrauchen ist – eine Freude, die Kant allein der ästhetischen Betrachtung vorbehält. Auch Schiller hat dem »ästhetischen Bildungstrieb«, der uns »von allem, was Zwang heißt, sowohl im Physischen als im Moralischen entbindet«, ein eigenes »fröhliches Reich« zugewiesen, in dem er sich spielerisch jenseits aller Zwecke äußern darf, solange er den Scheincharakter seines Tuns nicht leugnet. Für Pörksen sind Zeitverschwendung, Nutzlosigkeit und Nichtstun jedoch nicht nur ästhetische, sondern auch im täglichen Leben wünschenswerte Positionen.
Ästhetische Positionen außerhalb der Kunst geltend zu machen, gilt aber grundsätzlich als suspekt. Einer der Ersten, die das erfahren mussten, war Dostojewski, der mit der sogenannten Zweckrationalität der politischen Ökonomie explizit auf Kriegsfuß stand und den »Unsinn« dagegensetzte. In den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch beschrieb er die Mechanik einer ständigen Vervollkommnung der Menschheit durch konsequenten Vernunftgebrauch als abstoßend und anrüchig. Für den Mann im Kellerloch war die Vorstellung ein Alptraum, alles menschliche Verhalten ließe sich durch rationale Höherentwicklung zwingend und gültig festlegen. Der eigene Vorteil als unbestreitbare Richtschnur allen Handelns erschien ihm als Sackgasse, das Handeln im »wohlverstandenen Eigeninteresse« und die Maxime, sich selbst niemals zu schaden, fand er empirisch falsch und unmenschlich. Solche Maximen hätten langfristig das Ende jeder Art von Überraschung und Unberechenbarkeit zur Folge, also gerade dessen, was menschliche Lebewesen im Unterschied zu Maschinen ausmache. Durch das ökonomische Vorteilsdenken würden die Menschen zu »Drehorgelstiften«, die nichts anderes tun, als zu funktionieren. Es gäbe keine Wahlmöglichkeiten mehr und keine Freiheit, wenn im Fortschreiten der Vernunft ein für alle Mal geklärt würde, was in jeder denkbaren Situation das Vorteilhafteste für uns wäre. Dostojewski war vor 150 Jahren wahrscheinlich einer der Ersten, die diese logische Kehrseite des rationalen Vorteilsdenkens, des planenden Kalküls, beschrieben haben. Er zog dann sozusagen die Notbremse, indem er den größten Vorteil ausgerechnet in der Nicht-Rationalität, im Ignorieren des Kalküls, im Unsinn zu finden meinte:
Nach unserem eigenen, uneingeschränkten und freien Wollen, nach unserer allerausgefallensten Laune zu leben, die zuweilen bis zur Verrücktheit verschroben sein mag? Das, gerade das ist ja jener übersehene allervorteilhafteste Vorteil, der sich nicht klassifizieren läßt, und durch den alle Systeme und ökonomischen Theorien fortwährend zum Teufel gehen.
Dostojewskis These, dass Menschen nur dann beweisen können, »dass sie keine Drehorgelstifte sind, wenn sie nicht tun, was man von ihnen erwartet, sondern etwas Unsinniges«, und dass darin ihre ganze Kraft besteht, würde, wenn man sie ernst nimmt, die gesamte politische Ökonomie torpedieren, die bis heute bei den Marktteilnehmern Nützlichkeit und Effektivität des Handeln als oberste Maximen unterstellen muss.
Hier, im St. Petersburger Kellerloch, kommt ein Gedanke zur Welt, der Nietzsche so begeisterte, dass er Dostojewski »zum Glücksfall seines Lebens« erklärte. Und in dieser Tradition bewegt sich natürlich auch Batailles Theorie der Verschwendung.
Vor diesem Hintergrund stellt Julian Pörksen zwei Modelle der Subjektkonstitution, also dessen, was uns zu Menschen macht, gegenüber: das bei uns immer noch vorrangig geltende »zeitökonomische Modell«, das unsere Autonomie betont und davon ausgeht, dass wir durch gegenständliche Tätigkeit die Welt nach unserem Willen gestalten und dadurch so etwas wie eine Identität erlangen. Das heißt, Selbstbewusstsein konstituiert sich als Bewusstsein unserer Wirksamkeit in der Welt. »Das Wesen des Ich besteht in seiner Tätigkeit.« (Johann Gottlieb Fichte) Und das entgegengesetzte Modell, das Pörksen bei Bataille findet, dass wir uns erst dann selber als selbstbewusste Wesen begreifen können, wenn wir auf gegenständliche Tätigkeit verzichten, wenn wir uns der Weltaneignung entziehen, wenn wir uns und anderes nicht bestimmen, sondern uns bestimmen lassen. Batailles Konsequenz (in Die Aufhebung der Ökonomie): »Selbstbewußtsein […] heißt ein Bewußtsein, das nichts mehr zum Gegenstand hat.«
Pörksen macht das zweite Modell stark, er setzt es mit Bataille gegen die Produktionslogik der »vita activa« und entwickelt einen qualitativen Zeitbegriff, mit dem sich zumindest temporär ein anderer Lebensmodus realisieren lässt: Faulheit, Nichtstun, Trödeln, Schwänzen, Flanieren, Warten auf nichts Bestimmtes – alles, was zur Zeitverschwendung geeignet ist, alles Unproduktive schafft Identität. Der Zustand der ästhetischen Kontemplation, der nicht auf das Reich des ästhetischen Scheins beschränkt bleibt, ist entscheidend: Passivität wird als Bedingung der Subjektidentität und nicht, wie im ersten Modell, als deren Verhinderung gesehen.
Der einzige lebende Philosoph, der etwas Ähnliches vertritt, ist Boris Groys, der wie Dostojewski aus St. Petersburg stammt und schon vor Jahren bei einem Gespräch über Dostojewski, Bachtin und Bulgakow folgendes Subjekt- oder Seelenmodell vorstellte (abgedruckt in Einbruch der Realität – Politik und Verbrechen):
Ich würde sagen, dass die Seele allgemein ein ruhiges Element ist. Das Einzige, was der Mensch tun möchte, ist sich entspannen, sonst nichts. […] Man muss sich ein Seelenmodell wie das folgende vorstellen: Man befindet sich ursprünglich im Gleichgewicht, wird aus diesem Gleichgewicht hinausgeworfen, tut etwas, um es wiederherzustellen – und dieses Ritual wiederholt sich ständig. Das ganze Leben ist mehr Inszenierung dieser Anstrengung als die Anstrengung selbst.
Ob das, was hier beschrieben wird, ein Modell der »russischen Seele« ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall widerspricht es zutiefst der Produktionslogik westlichen Denkens, in der die Seele ein unruhiges Element ist, das nur zur Wiederherstellung der Unruhe oder zur Regeneration der Arbeitskraft gelegentlich eine Pause einlegen muss. Auffällig ist, dass weder Boris Groys noch Julian Pörksen selber diesen von ihnen propagierten Gegenmodellen zu folgen scheinen. Groys ist als unruhiger Künstler, Denker, Schriftsteller und Kurator ein höchst produktiver intellektueller Arbeiter, und Julian Pörksen habe ich als gut organisierten, zuverlässigen persönlichen Mitarbeiter von Christoph Schlingensief kennengelernt, bevor er sein Studium in Leipzig begann. Von einem besonderen Hang zur Zeitverschwendung haben die Lehrenden, ich war einer von ihnen, während seines Studiums nichts bemerkt.
Pörksen und Groys scheinen selbst ein anderes Subjekt- oder Lebensmodell zu verfolgen als das von ihnen vertretene und propagierte. Es ist aber auch nicht das ökonomische Autonomiemodell. De facto vertreten sie beide Modelle gleichzeitig, obwohl diese sich gegenseitig ausschließen. Sie wollen gleichermaßen passiv und aktiv sein. Das ist ein Widerspruch, aber vielleicht ein unvermeidbarer. Denn wenn sich überhaupt so etwas wie ein Subjekt, ein lebendiges selbstbewusstes Wesen konstituieren soll, ist dies nur im Konflikt, im Widerspruch zwischen diesen beiden Modellen möglich, weil erstens Autonomie und Determination Wechselbegriffe sind, die darauf verweisen, dass das eine nicht ohne das andere möglich ist, und dadurch zweitens beide Subjektmodelle interdependent und somit nicht substituierbar sind. Oder einfacher gesagt: Selber bestimmen und sich bestimmen lassen sind zwei gegensätzliche Arten des Weltbezugs, die sich gegenseitig bedingen. Keins geht ohne das andere. Das Subjekt konstituiert sich im notwendigen Selbstwiderspruch.
Dass beide Seiten notwendig sind, wissen auch Groys und Pörksen, sonst würden beide nicht so viel arbeiten. Warum setzen sie sich dann so vehement für Faulheit und Verschwendung ein, und warum wirkt das so befreiend? Ganz einfach: Unsere Gesellschaft hat die eine Seite hypertrophiert und versucht, der anderen Seite die Berechtigung zu nehmen. Es handelt sich bei ihren Aufrufen zur Zeitverschwendung oder zum Nichtstun um eine strategische Intervention zugunsten dessen, was die Leistungs- und Kreativitätsgesellschaft sträflich vernachlässigt. Für Pörksen wäre das Theater für solche Strategien der ideale Ort, denn es ist eine der Zeitverschwendung gewidmete Institution, hier wird mit großem Einsatz jenseits aller rationalen Zeitökonomie etwas hergestellt, das kein vorgängiges Interesse bedient und keinen Nutzen kalkulieren muss, und die Zuschauer gucken sich das an, ohne einen bestimmten Nutzen davon zu erwarten.
Boris Groys antwortete auf die Frage, ob sein Modell nicht ein bisschen einseitig die Kontemplation ins Zentrum stelle: »Da stimme ich zu. Aber man kann sicher sein, dass andere aktiv sind – und mit der Zeit noch aktiver werden. Auf Aktivität und Kreativität ist immer Verlass.«
Wir haben es also hier gar nicht nötig, uns an Karl Marx’ schwer zu bestreitende Einsicht zu erinnern, dass eine Nation, die auch nur wenige Wochen die Arbeit einstellen und sich der Faulheit ergeben würde, eine tote Nation wäre. Dass so etwas wirklich passiert, ist in der westlichen Zivilisation nicht zu erwarten. Und deshalb, so Groys weiter, »kann man sich auch entspannen in Bezug auf seine eigene Positionierung in der Welt. Die anderen werden dich schon positionieren, auch wenn du das nicht willst. Also, man braucht sich darum nicht zu kümmern.« Vor diesem Hintergrund kann man dann auch die folgenden Äußerungen von Groys nachvollziehen, die ich gerne vollständig wiedergeben möchte:
Wir müssen uns nicht sorgen, dass nichts mehr kreiert wird, die ganze Menschheit kreiert, alle sind vital, alle sind voller Kraft. Wir müssen daran arbeiten, keine Kraft zu haben, nichts zu tun, nichts zu produzieren, […] um eine Position zu bewahren, die zentral für eine Zivilisation und Kultur bleibt, in der nur eines gefordert wird: aktiv zu sein. Diese unglaubliche Aktivität, dass alle Menschen sich zeigen wollen und permanent etwas tun wollen, warum geschieht das? Weil die Menschen denken, dass jemand sie beobachtet und das, was sie tun, gut findet. Lange Zeit war das Gott. Er saß im Himmel und schaute sie an, und dieses Gefühl hat sie vorangebracht, deswegen haben sie sich so angestrengt. Jetzt ist der Gott tot. Was tun? Jetzt müssen wir diese kontemplative Position selbst produzieren, damit die Aktivität weitergeht. Die Aktivität geht weiter, weil Duchamp, Warhol und Schlingensief die Menschen beobachten – anstelle Gottes. Wenn das nicht so wäre, würde niemand etwas tun. Sie vertreten den unbewegten Gott, der alles bewegt.
Dieser metaphysische Aufruf, der Künstler und kontemplative Nichtstuer zu »unbewegten Bewegern« erklärt, die an die Stelle Gottes treten sollen, begreift sich als Rettungsversuch der Aktivität. Pörksens Film über das reine Nichtstun illustriert das ganz gut: Wenn einer sich hinsetzt und nichts mehr tut, beginnen alle anderen, wie verrückt aktiv zu werden, wir brauchen uns um die Aktivität keine Sorgen zu machen. Könnte das aber auch heißen: Zeitverschwendung, Nichtstun bis hin zur Asozialität sind temporär notwendige Zustände, auf die sich das Subjekt selbstbewusst und angstfrei einlassen sollte, wenn es nicht verkümmern will? Es sieht ganz so aus. Aber diese außerökonomischen Erfahrungsweisen der Kontemplation gedeihen nur, wenn sie nicht ihrerseits funktionalisiert und in den ökonomischen Prozess eingespeist werden. Der Zwang zur Selbstoptimierung, das heißt zur Durchökonomisierung der gesamten Lebenszeit, ist eine Sackgasse, selbst für die Ökonomie.
Das Dunkel, das uns blendet
Sind wir Weltraumschrott?
Theodor Mommsen war es unmöglich den vierten Band seiner Römischen Geschichte über die Kaiserzeit zu schreiben. In diesem rätselhaften Versagen des großen Historikers spiegelte Heiner Müller nach dem Fall der Mauer seine eigene Schreibblockade: die Unmöglichkeit nach dem vermeintlichen Ende des Systemkonflikts zwischen Ost und West noch Stücke zu schreiben.
Nach seiner eigenen Einschätzung war das Verschwinden dramatischer und erst recht tragischer Konflikte aus der Geschichte, die Nivellierung ihrer vormals unauflöslich erscheinenden Widersprüche der Grund für diese Blockade – und für seine Krankheit.
»Tragödien schreiben: heilige Einfalt«. Die großen unauflösbaren Widersprüche, die das Drama generieren, werden unsichtbar, der Sieg des Marktes über die Ideen und Werte, die er in seinen Dienst nimmt, setzt eine Fortschrittslogik in Gang, die nur eine Richtung kennt: Erfolg, der sich in Geld messen lässt. Müller: »Mittlerweile ist Geld der einzige Wert, auf den hin Orientierung realistisch oder sogar möglich ist. Der Ideenhimmel ist verbraucht. Es gibt nur noch Märkte, und dadurch entsteht eine ungeheure Leere.« Und er fügte hinzu: »Die Frage ist, ob der Mensch das aushält.«
An die Stelle des Gegensatzes zwischen einem immer gefährdeten Kapitalismus und einem an Dirigismus und Bürokratie leidenden »real existierenden Sozialismus« trat der alternativlos scheinende Monolith des globalisierten Kapitals. Dadurch schien auch Müllers Werk obsolet zu werden. (Als Müller das schrieb, gab es noch keine Finanzkrise, die heute auch die Orientierung am Geld unrealistisch und vielleicht sogar unmöglich erscheinen lässt und – wer weiß? – die Tragödienmaschine vielleicht wieder in Gang setzen könnte.)
Ein letztes Stück, das Heiner Müller sich dann doch noch abringen konnte, Germania 3. Gespenster am Toten Mann, endet mit einem Zitat des Kosmonauten Juri Gagarin: »Dunkel Genossen ist der Weltraum sehr dunkel.«
Auch der Planet Erde befindet sich im Weltraum. Wolfram Lotz, einer der wenigen neuen Dramatiker, die definitiv nicht hinter Müllers Einsichten zurückgefallen sind, hat diese »auf blinde Aktion und Kapitalbewegung« reduzierte Erde und ihre Bewohner als »Weltraumschrott« bezeichnet. »Wir sind Weltraumschrott.« Der Satz trifft die zusammenhanglose Existenz von uns heutigen Marktteilnehmern vielleicht ganz gut. Atomisierte Individuen rasen durch einen leeren Raum voller Schrott, sie vertreiben sich die tote Zeit mit Witzen, träumen haltlos und sind ansonsten auf ihre unmittelbaren Lebensfunktionen zurückgeworfen, letztlich auf das Atmen. »Was tun sie da? Ich atme! Es ist ja zunehmend eine Leistung zu atmen, das kann man durchaus ausstellen. Da ist einer, der atmet, mitten in der Stadt, das ist schon fast ein Kunstwerk.«
Disparate Assoziationsreihen und Bruchstücke treten an die Stelle des kohärenten Dramas, wenn das Leben draußen nur noch von Markt und Geld bestimmt wird.
Auch die Texte aus dem Spätwerk Heiner Müllers und Referenztexte aus einigen früheren Arbeiten, die Dimiter Gotscheff und das Ensemble seiner Inszenierung am Thalia Theater unter dem Titel Leeres Theater zusammengestellt haben, spiegeln diesen Prozess der Fragmentierung. Sie wenden sich gegen die »Lebenslüge des Zusammenhangs« und schweißen doch gleichzeitig zusammen. Die Erfahrung, dass es guttut, sich wieder mit Heiner Müller auseinanderzusetzen, ist für einige der Beteiligten überraschend. Es geht zwar um nichts oder um das Nichts, wie bei Beckett, es geht tatsächlich um so etwas wie das Verschwinden im unendlichen Raum, aber Müller sucht auch nach einem Halt, nach einer Perspektive, die nicht dem Verschwinden ausgeliefert ist, und der Anker, den er findet, ist erstaunlicherweise genau dieses Verschwinden selbst: der Tod, das Sterben – und die Angst davor. Das verschwindet nicht.
In einem Gespräch mit Alexander Kluge formuliert es Heiner Müller so:
Das Wesentliche am Theater ist die Verwandlung. Das Sterben. Und die Angst vor dieser letzten Verwandlung ist allgemein, auf die kann man sich verlassen, auf die kann man bauen. Das ist auch die Angst des Schauspielers und die Angst des Zuschauers. Und das Spezifische am Theater ist eben nicht die Präsenz des lebenden Schauspielers oder des lebenden Zuschauers, sondern die Präsenz des potentiell Sterbenden.
Die fundamentale Verwandlung, die alle Lebenden noch vor sich haben, die Verwandlung »in unbedrohbaren Staub« (Brecht), ist zu einem fast exklusiven Thema der Kunst geworden. Denn Marktwirtschaft funktioniert nur, wenn sie diese Verwandlung verdrängt. Müller: »Die Hauptfunktion der bürgerlichen Gesellschaft: die Verdrängung des Todes.« Die Kunst und speziell das Theater scheinen dagegen vom Tod zu leben, von seiner überwältigenden Problematik. Und darin besteht vielleicht ihre utopische Kraft. Das Thema der Marktwirtschaft ist der Erfolg, das Thema des Theaters ist der Misserfolg, den die Marktwirtschaft verdrängen muss. Der Tod ist der Misserfolg schlechthin, allerdings ein Misserfolg, den man zwar verdrängen, aber nicht verhindern kann. Dass sie auch den größten Misserfolg nicht zu verdrängen braucht, macht die Kunst überlegen – und eines Tages vielleicht auch wieder den Kommunismus, zumindest dann, wenn man bereit ist, die beiden von Heiner Müller zitierten »schönen Bemerkungen« von Ilja Ehrenburg und Ernst Bloch zu verstehen, die die Tragödie mit dem Kommunismus nicht beenden, sondern beginnen lassen wollten: »Wenn der Kommunismus gesiegt hat und alle ökonomischen Probleme gelöst sind, beginnt die Tragödie des Menschen. Die Tragödie seiner Sterblichkeit.« Und: »Der Kommunismus hat für den Einzelnen keine Hoffnung. Aber das ganze System der Marktwirtschaft beruht darauf, dem Einzelnen zu suggerieren, dass gerade er eine Hoffnung hat.«
Wenn es dem Theater gelänge, das Schweigen wieder hörbar zu machen, »das der Grund seiner Sprache ist«, und das »Dunkel, das uns blendet« auf der Bühne sichtbar zu machen, bräuchten wir uns augenblicklich nicht mehr wie Weltraumschrott zu fühlen.
Krieg der Viren
Zusammenfall von Mythos und Geschichte bei Heiner Müller (Kommentar zum Germania 3-Schaubild)
Das Schaubild (siehe folgende Seite) habe ich anlässlich der Aufführung von Heiner Müllers Germania 3 – Gespenster am toten Mann am Berliner Ensemble (BE) im Anschluss an die Generalprobe 1996 auf den Berliner U-Bahn-Plan gezeichnet. Es ist ein Versuch zu rekonstruieren, wie sich Heiner Müller die Verbindung von Deutschem Mythos und Geschichte vorstellte. Im Mittelpunkt steht Rosa Luxemburg, in Müllers Privatmythologie eine Verwandte Kriemhilds aus dem Nibelungenlied, deren Ermordung das Scheitern des Sozialismus bereits früh besiegelte und deren Rache der Zweite Weltkrieg war. Das Bild ist selbsterklärend, wenn man sich die »Legende« oben rechts und die »Zeichenerklärung« unten links ansieht. Für Heiner Müller stellen sich nicht nur der Kessel von Stalingrad, sondern auch die Berliner Mauer und sogar das BE als historische Wiederholungen oder Verwandlungen der Ereignisse in König Etzels mythischem Hofsaal dar, dem Ort von Kriemhilds Rache. Das Bild skizziert zudem Heiner Müllers Genealogie einer dumpfen Teleologie der Naturgeschichte von den Dinosauriern (»nicht von Spielberg«) über Goyas Riesen bis zum »Krieg der Viren«, dem die letzte Szene von Germania 3 gewidmet war (nicht in der Druckfassung, aber in Mark Lammerts Arbeitsbuch, BE Drucksache 20). »Gott ist vielleicht ein Virus« sagt dort der Autor zum Regisseur (»beide betrunken«), ein »leeres Theater« ist der Schauplatz dieses Dialogs, der sarkastisch die Viren als Mittel zur marktkonformen Bekämpfung der, wie man damals sagte, »Bevölkerungsexplosion« feiert.
AUTOR
Tödlich der Menschheit ihre zu rasche Vermehrung
Jede Geburt ein Tod zu wenig Mord ein Geschenk
Jeder Taifun / Erdbeben eine Hoffnung / Hoffnung der Welt Lob den
Vulkanen
Nicht Jesus Herodes kannte die Wege der Welt
Die Massaker sind Investitionen in die Zukunft
Gott ist kein Mann keine Frau ist ein Virus
Du hörst mir nicht zu.
REGISSEUR
Stimmt. Warum sollte ich. Wir sind im Theater.
Das Bild entstand am Tag der Generalprobe am 26. Juni 1996 und ist nicht ganz fertig geworden.

Abb.: Carl Hegemann, »Deutschland spielt immer noch die Nibelungen«, Filzstift auf Berliner U-Bahnplan, 360 x 250 cm, anlässlich der Uraufführung von Heiner Müllers Germania 3 – Gespenster am toten Mann, Berliner Ensemble, 19. 6. 1996.
Living in a Ghost Town
Telefongespräch Berlin-New York mit Boris Groys, April 2020
Carl Hegemann: Du unterrichtest jetzt seit elf Jahren in New York an der Universität. Und auf einmal ist New York das Epizentrum einer neuen globalen Seuche, gegen die es noch kein Mittel gibt und die unser Leben stark verändert. Was bedeutet das für deinen Alltag in Manhattan? Gehst du schon wieder raus?
Boris Groys: Nein. Ich gehe nicht raus, empfange auch keinen Besuch, ich habe keinen Kontakt nach außen, ich habe seit fast zwei Monaten niemanden getroffen. Ich sehe überhaupt niemanden.
Hegemann: Hier sagen viele, das Ganze sei nur ein Vorwand für die Beschneidung individueller Freiheitsrechte, Corona sei nicht mehr als ein gewöhnliches Grippevirus. Auf Demonstrationen fordern sie die Rücknahme sämtlicher Einschränkungen …
Groys: Das ist vollkommen absurd. Die Sache ist klar; alle wissen, dass es absurd ist, die Gefährlichkeit des Virus zu leugnen. Aber auf der anderen Seite muss man dann trotzdem solche Absurditäten behaupten, weil man befürchtet, dass die Wirtschaft zusammenbricht. Man nimmt in Kauf, dass ein gewisser Prozentsatz der Menschen stirbt, weil sonst alles kollabiert. Gut, das verstehe ich, aber ich möchte nicht ein Teil davon sein, und deswegen bleibe ich zu Hause.
Hegemann: Viele fürchten, ein Ausnahmezustand von solcher Länge würde zu einem irreversiblen Niedergang unseres Wirtschafts- und Sozialsystems führen.
Groys: Nein, der findet ohnehin schon statt. Durch Corona wird nur eine Entwicklung beschleunigt, die wir schon in den letzten 20 Jahren beobachten konnten: der Niedergang der klassischen Wirtschaft, also der Wirtschaft, wie sie sich formiert hat zum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. In Deutschland spürt man es vielleicht nicht so deutlich, aber in Amerika ist dieser Untergang unübersehbar. Ein Unternehmen nach dem anderen wurde geschlossen oder es wurde nach China verlagert oder wohin auch immer. Schon vor dem Virus war die traditionelle Wirtschaft halbtot. Genauso übrigens wie die Universitäten, die meistens verschuldet sind und deren Studenten auch alle verschuldet sind, oder wie die Museen, die zuletzt vor allem Ausstellungen gemacht haben über Mode oder Fußball. Und jetzt wird dieser Prozess einfach weitergehen, nur schneller.
Das letzte Jahrzehnt hat die größte Verlagerung des Eigentums und des Reichtums in der Geschichte der Menschheit hervorgebracht, die Verlagerung von der alten Ökonomie zu den sogenannten Tech Corporations, zur neuen Ökonomie, zu Firmen wie Apple, Facebook und Microsoft.
Hegemann: Also zu der digitalen Social-Media-Technologie, die es dir zum Beispiel ermöglicht, deine Seminare auch in Zeiten der Coronaviren abzuhalten. Als international gut vernetzter Akteur profitierst du doch von dieser neuen Ökonomie.
Groys: Ja, vielleicht, ich war aber auch schon vor der digitalen Wende bekannt. Du kannst bei Google nur nach dem fragen, was dir schon bekannt ist. Alles wird tautologisch. Das Ende der traditionellen Wirtschaft ist auch das Ende der traditionellen Kultur. Stattdessen haben wir jetzt eine neue Kultur, die Online-Kultur, die Kultur der Verbreitung dessen, was immer schon da war.
Hegemann: Die körperliche Distanz, die das Virus erzwingt, wirkt jedenfalls wie eine riesige Marketingveranstaltung für das Internet.
Groys: Ja. Aber es ist noch mehr. Das Virus ist ja genau das, was diese Internetkultur immer als ein Ideal betrachtet hat. Wenn man kunstinteressierte Leute fragte, was sie tun wollen, dann haben sie immer gesagt: viral gehen, ein virales Video machen, einen viralen Text schreiben. Für die neue Internetkultur bezeichnet das Wort Virus ein kulturelles Ideal, und dieses Ideal gibt es schon, seit man in der Moderne begann, wie Tolstoi oder Malewitsch Kunst und Kultur als Formen von bakterieller Infektion zu verstehen. Und nun kommt das Coronavirus als Apotheose der Viralität. Es kommt hier tatsächlich zu einer intimen Einheit, Kollaboration und Symbiose von Internet und Virus. Corona ist wirklich das Königsvirus. Es trägt die Krone im Namen. Das Virus ist viral geworden. Keiner spricht mehr über Lady Gaga, wir sprechen nur über das Virus, es ist der Star unserer Internetkultur geworden. Weil es unseren Körper krank machen kann, halten wir uns das Virus vom Leibe und verlegen unsere Kontakte ins Internet, aber im Internet gibt es nur ein zentrales Thema: das Virus. Wir schützen unseren Körper vor dem Virus, und das hat zur Folge, dass uns das Virus auf der Ebene des Geistes total infiziert. Das ist die Realität.
Hegemann: Oder das Ende der Realität?
Groys: Wenn ich sage, ich kann meine Hand nicht ins Feuer legen, ohne dass ich mich verbrenne, beziehe ich mich auf eine äußere Realität, die mich begrenzt. Realität ist immer Begrenzung, real ist das, worüber wir keine Macht haben. Das Coronavirus ist real, solange es uns begrenzt. Indem wir diese Begrenzung anerkennen, erkennen wir die Realität an. So jedenfalls hat Realität bis jetzt für uns funktioniert. Aber nun ist unser Denken und auch unser Fühlen von der Internetverbreitung infiziert. Und wir erleben eine Verlagerung des Virus vom Körperlichen zum Geistigen, von der physischen Realität zur digital vermittelten Spiritualität. Das Spirituelle begreift sich aber traditionell, anders als das Physische, nicht als begrenzt, sondern als unbegrenzt.
Das Virale war der Weg, durch den sich unsere Zukunftsträume und Wünsche erfüllen sollten. Das heißt, das Virus, mit dem wir es jetzt zu tun haben, ist eigentlich die Einlösung unserer Utopien. Das Virus sorgt für den totalen Umweltschutz, weil es die klassische Industrie, die die Welt verpestet mit Flugzeugen, Autos, Kreuzfahrtschiffen, zum Stillstand gebracht hat. Das Öl kostet nichts mehr, niemand benutzt es. Das Virus hat erreicht, was Greta Thunberg nicht erreicht hat: die Stilllegung der traditionellen Wirtschaft und den globalen Umweltschutz. Das Virus ist die größte Umweltschutzmaßnahme, die es je gegeben hat. Aber immer, wenn Menschen sehen, dass ihre Wünsche und utopischen Vorstellungen realisiert werden, dann sind sie schockiert und werden sehr schnell unzufrieden. Und klammern sich an das, was sie vorher bekämpft haben. Aber das ist normal, das passiert immer in solchen Situationen.
Hegemann: »Der Beginn alles Neuen ist der Schrecken.«
Groys: Ja, es beginnt ein neues utopisches Zeitalter. Wir stehen am Anfang einer neuen Spiritualisierung oder, besser gesagt, einer Quasi-Spiritualisierung, die vergisst, dass Geist in diesem Fall mit Elektrizität koinzidiert und dass es mit der Spiritualität vorbei ist, wenn man seine Stromrechnung nicht bezahlt.
Auch der unaufhaltsame Zerfall der traditionellen Wirtschaft und das Fortschreiten der Künstlichen Intelligenz sind Triebfedern für diese digitale Spiritualisierung. Und das Spirituelle, der Geist oder der Intellekt oder was auch immer, wird nun als Algorithmus verstanden.
Hegemann: Immerhin macht es so ein spiritueller Algorithmus möglich, zumindest virtuell die uns begrenzende Realität zu überwinden, also zum Beispiel, die Hand ins Feuer zu legen, ohne sich die Finger zu verbrennen.
Groys: Wenn man sich auf das Internet einlässt, verbrennt man sich schon die Finger, weil sich Feuer oder Viren schneller verbreiten als die eigenen Gedanken. Der Horizont der Verbreitung scheint unbegrenzt zu sein, aber wir nehmen an der Konkurrenz der Verbreitung teil. Und diese Konkurrenz erzeugt den Effekt der Realität: unsere Verbreitung wird durch die Verbreitung der anderen und des anderen begrenzt. In der traditionellen Kultur gab es zunächst die Konkurrenz um die Qualität und dann die Konkurrenz um die Innovation. Jetzt herrscht aber die Konkurrenz um die Verbreitung: wer hat mehr Likes, was für ein Bild oder Text hat mehr Klicks et cetera. Und wir haben sehr gute Chancen, diesen Wettbewerb zu verlieren. Ich meine: wir als Menschen, denn die meisten Likes kriegen die Videos mit Katzen und Hunden sowie mit Wetterkatastrophen, Flugzeugabstürzen und so weiter.
Hegemann: Mittels Künstlicher Intelligenz und Algorithmen verbreitet sich auch die privat und staatlich betriebene, potentiell unbegrenzte Überwachung nahezu aller Menschen, die irgendeine Art von Netzzugang haben. Gibt es einen Zusammenhang zwischen den neuen Formen der Überwachung und der Spiritualisierungstendenz, die du gerade beschrieben hast?
Groys: Die globale Wirtschaft basiert heute auf dem Internet beziehungsweise den großen Internetgesellschaften wie Facebook oder Google, während die Nationalstaaten und ihre Politik noch auf der traditionellen Ökonomie des letzten Jahrhunderts basieren. Jetzt, wo die traditionelle Ökonomie kollabiert, wird sich der Konflikt zwischen der nationalen Politik auf der einen Seite und der transnationalen Internetwirtschaft auf der anderen Seite verschärfen. Und ich denke, dass in der jetzigen Situation die regionale Politik, das heißt der Nationalismus, bessere Chancen hat, diesen Konflikt für sich zu entscheiden, als die global vernetzte Wirtschaft.
Hegemann: Das heißt, dass nationalistische Politik, wie sie Trump und viele andere ja schon länger praktizieren, angesichts der Erfahrungen mit der Corona-Krise zum allgemeinen Modell werden könnte? Schließung der Grenzen und nationale Interessenpolitik, Protektion statt Globalisierung?
Groys: Historisch wurde die Globalisierung immer wieder als eine Art Infektion, die die nationalen Immunsysteme durchbricht, als dekadent und krank empfunden. Man wollte deshalb diese Immunsysteme stärken und das Volk gesund halten. Dieser Gegensatz gesund/infiziert durchzieht das Denken der Moderne – und das gegenwärtige Denken erst recht.
Die Nationalstaaten versuchen, diese globale Infektion unter ihre lokale Kontrolle zu bringen. Die rechten Tendenzen, die wir in vielen Staaten schon länger beobachten können, dürften durch die neue Situation verstärkt werden.
Hegemann: Statt grenzensprengender Solidarität angesichts einer globalen Katastrophe also blinder Glaube an die Kraft der Nation und der nationalen Führer?
Groys: Ja. Diese Entsolidarisierung kommt auch daher, dass der Einzelne glaubt, dass er schneller und besser allein vorankommt als gemeinsam mit anderen, die er aus Pflichtgefühl mitschleppen muss. Das individuelle Konkurrenzdenken wird als wirkungsvoller empfunden. Und genauso werden auch viele Nationen denken: Wir schaffen es besser alleine als mit den anderen. Es gibt eine satirische, aber sehr präzise Beschreibung des indischen Schriftstellers Aravind Adiga in Der weiße Tiger. Der Held hat große Probleme. Er weiß nicht, wie er vorankommen soll, nichts klappt. Aber dann lässt er es zu, dass seine ganze Familie abgeschlachtet wird. Und nachdem er sie losgeworden ist, kommt er sehr schnell zu großem Reichtum, Einfluss und Erfolg. Also: Wichtig ist, allein zu bleiben. Allein kommt man besser voran.
Das heutige Indien, wie es der Autor beschreibt, ist ein halb-feudales Land. Dort ist es üblich, jemandem, der nicht spuren will und dem System und den herrschenden Mächten Schwierigkeiten macht, als ultima ratio mit der Ermordung seiner ganzen Familie zu drohen. Gegen diese extreme Art von Erpressung kann man sich nur wehren, wenn man sich entscheidet, seine gesamte Familie zu opfern oder ihren Tod zumindest zu riskieren. Und die Familie ist groß, in diesem Fall besteht sie aus etwa zwanzig Personen. Solange man erpressbar ist, weil man auf andere Rücksicht nimmt oder seine Angehörigen schützen will, kommt man nicht voran. Ich glaube, das ist die eigentliche Utopie unserer Zeit: alles allein zu machen.
Hegemann: Solidarität ist Selbstmord hieß schon vor vielen Jahren ein Stück von René Pollesch. Ist diese Einsicht nicht längst herrschende Ideologie?
Groys: Das ist nicht nur Ideologie, das ist Realität. Wir sind eine Konkurrenzgesellschaft, überall, nicht nur am Markt. Und wer diese Konkurrenz nicht durchsteht, hat verloren.
Hegemann: Am Anfang der Krise sah es so aus, als würden auf einmal längst vergessene Tugenden aktiviert werden: gegenseitige Hilfe, Rücksicht auf Schwächere, Einschränkungen persönlicher Freiheit. Plötzlich schien Solidarität möglich. Die Firma Adidas zum Beispiel bekam einen Shitstorm, weil sie sich diesen Tugenden verweigerte.
Groys: Das galt nur für kurze Zeit. Die jungen Leute fragten sich sehr bald, warum sie in ihrer Freiheit und ihren Bedürfnissen eingeschränkt werden, obwohl ihr eigenes Risiko sehr gering ist. Dass es geschieht, damit alte Menschen, die keiner mehr braucht, noch ein bisschen länger überleben können, scheint ihnen an den Haaren herbeigezogen. Ich fürchte, dass es diese Solidarität nicht wirklich gibt. Die meisten Menschen akzeptieren in dieser Situation die staatlichen Maßnahmen und tun, was von ihnen verlangt wird, aber nicht aus Solidarität und Menschlichkeit, sondern weil sie das Chaos fürchten, das kommt, wenn der Staat wackelt. Und zwar zu Recht.
Hegemann: Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass auch viele, gerade junge Leute, wirklich Angst hatten, anderen zu schaden, wenn sie nicht aufpassen. Sie wollten nicht schuld sein, dass jemand stirbt, weil sie die Abstandsregeln nicht eingehalten haben. Fürsorglichkeit und Aufmerksamkeit für andere gab es und gibt es auch immer noch.
Groys: Ich spreche nicht darüber, wie die Menschen sind, sie sind meistens nett. Ich spreche über die Mechanismen der ökonomischen und politischen Selektion, die Menschen ganz unabhängig von ihren persönlichen Eigenschaften nach oben spülen oder fallen lassen. Ich spreche darüber, wie die ökonomische und politische Logik sich entwickelt und nicht über die einzelnen Menschen und auch nicht über die Menschheit. Die Menschheit insgesamt ist sicher viel besser als das System, unter dem diese Menschheit leben muss.
Individualismus und Nationalismus
Hegemann: Der Glaube an den Erfolg sozialer oder sozialistischer Bewegungen scheint dir ziemlich abhandengekommen zu sein.
Groys: Wenn man sich die politischen Entwicklungen ansieht, stellt man fest, dass sich alle Parteien, die sich für Solidarität, Kollektivität und Teilen eingesetzt haben, also kommunistische Parteien, sozialistische Parteien, sogar linksliberale Parteien, im Niedergang befinden. Die Funktionsmechanismen des politischen und ökonomischen Systems führen dazu, dass spätestens nach dem Ende der Sowjetunion alles, was nach Solidarität und globaler Verantwortung roch, ganz schnell verschwunden ist, während Parteien, die auf nationale Interessen setzen, stark anwachsen. Dieser Prozess kann nicht moralisch oder psychologisch erklärt werden. Es sind außerpsychologische Mechanismen, die hier wirken.
Hegemann: Es sind ökonomische Zwänge, gegen die kein guter Wille hilft. Dass Bernie Sanders wieder nicht Präsidentschaftskandidat der Demokraten geworden ist, hängt sicher auch mit diesen Mechanismen zusammen.
Groys: Die Amerikaner waren immer ziemlich immun gegen sozialistische und sozialdemokratische Ideen. Schon dass Bernie Sanders überhaupt irgendwelche Unterstützung gefunden hat, ist ein Wunder. Und dieses Wunder hat natürlich damit zu tun, dass in Amerika der sich schon lange abzeichnende Untergang der Mittelschicht immer schneller voranschreitet. Sanders’ Erfolg resultiert im Wesentlichen daraus, dass akademisch gebildete Leute plötzlich bemerkt haben, dass sie ihre medizinische Versorgung nicht bezahlen können, dass sie den Unterricht ihrer Kinder nicht bezahlen können, das College und ihre Wohnungen nicht bezahlen können. Es ist diese Minderheit, die Sanders überhaupt eine Chance gegeben hat. Sie wollen zu den linken Ideen zurück, von denen sie an der Uni gehört haben. Sie haben riesige Schulden und hohe Ansprüche. Der koreanische Film Parasite, der jetzt vier Oscars gewonnen hat, war 2019 der erfolgreichste nicht-englischsprachige Film in den USA. Warum? Unter anderem deshalb, weil der Film das Problem der neuen Klasse der Armen zeigt: Sie sind gebildet, aber trotzdem pleite.
Hegemann: Wenn die, wie man immer sagt, kulturtragende Mittelschicht kein Geld mehr hat und für den Markt uninteressant wird, wenn es nur noch eine sehr kleine Oberschicht gibt und ansonsten viele verschuldete Arbeitslose und prekarisierte Dienstleister mit Minimallöhnen, wie kann dann der Markt noch wachsen oder überhaupt existieren? Die Kaufkraft tendiert doch dann gegen null?
Groys: Ich denke, wir kommen zurück zu feudalen Verhältnissen. Ich habe dir vielleicht schon erzählt, dass ich so eine Art Vision hatte, als ich im Taxi von Dubai nach Abu Dhabi gefahren bin. Auf der rechten Seite des Highways ist ein Streifen grüne bebaute Landschaft und dahinter der Ozean und auf der anderen Seite der Straße ist sozusagen Arabien. Auf der einen Seite leben alle Reichen, auch viele Ausländer, auf der anderen Seite leben alle anderen. Nur die auf der Ozeanseite haben Rechte. Die Menschen auf der anderen Seite brauchen eine spezielle Erlaubnis, sonst dürfen sie die Straße nicht überqueren. Sie sind völlig abhängig von den Entscheidungen, die auf der anderen Seite getroffen werden. Sie haben de facto keine einklagbaren Rechte. Da habe ich gedacht, das ist die Gesellschaft der Zukunft. Auch deshalb, weil ethnische und religiöse Faktoren in diesem Modell gar keine Rolle spielen. Die Leute, die reich sind, seien sie Spezialisten oder Unternehmer oder Touristen, mischen sich mit der feudalen Aristokratie der arabischen Staaten. Wenn man auf die andere Seite sieht, leben da auch viele Ausländer, die in den Emiraten Geld verdienen. Also alle Armen sind total gemischt und alle Reichen sind total gemischt. Die Grenze zwischen ihnen entsteht aus der Kombination von Spätkapitalismus und Feudalismus. Als ich das gesehen habe, wurde mir klar, dass populäre Filme wie Star Wars oder Game of Thrones nach diesem Muster aufgebaut sind. Diese Filme spielen alle mit einer Kombination aus kapitalistischen Technologien und feudalen Verhältnissen. Sie sind das imaginäre Abbild dieser Straße.
Hegemann: Das Entstehen eines technisch hochgerüsteten Feudalismus, der Internationales und Lokales verbindet, ist für dich wahrscheinlicher als die Entwicklung zu einer digitalen Planwirtschaft, mit umfassender Überwachung auf globaler Ebene, deren dynamische Entwicklung wir in China und Kalifornien gleichermaßen sehen können? Siehst du keine totalitären Tendenzen?
Groys: Ich denke, es kommt ein neuer Feudalismus. Totalitarismus hat etwas mit Totalität zu tun, aber Totalität interessiert keinen. Abkapselung und Vereinzelung ist die Tendenz, politisch und privat.
Hegemann: Aber ein feudalistisches System mit einer geregelten Verteilung der Verantwortung für das Gemeinwesen, das letztlich nach dem Modell einer Familie funktioniert, widerspricht deinem Modell von den rücksichtslosen Einzelkämpfern, die glauben, sich allein am besten durchsetzen zu können.
Groys: Auch das Individuum in der feudalen Oberschicht lebte in einem Gewaltzusammenhang und konnte sich letztlich nur mit Gewalt durchsetzen. Ein Königssohn begann nicht selten seine Laufbahn als Herrscher damit, dass er erst seinen Vater und dann seine Brüder umbrachte.
Hegemann: Dadurch qualifizierte er sich überhaupt erst als Despot. Aber das war kein marktgesteuerter Konkurrenzkampf, sondern Gewaltkonkurrenz nach dem Recht des Stärkeren.
Groys: Der weitaus größte Teil der Bevölkerung war nicht in diesen Kampf involviert, weil er keine Chance gehabt hätte. Das ist richtig. Er hatte keine Chance, aus seiner rechtlosen und ausgelieferten Position herauszukommen. Aber dass eine Minderheit die Chance für sich sieht, nach Ruhm, Geld und Macht zu greifen, ist nie auszuschließen. Und wenn es passiert, bleibt dem großen Rest der Bevölkerung nichts anderes übrig, als sich den starken Persönlichkeiten anzuschließen. Parteien spielen keine Rolle mehr, man fixiert sich auf Individuen, auf Führer, auf Leader, die erfolgsversprechend sind, wie Trump, Bolsonaro oder Johnson, und wahrscheinlich auch Macron.
Hegemann: Was macht man angesichts dieser nicht sehr vielversprechenden Weltlage? Du hast vor Jahren, als wir über Christoph Schlingensief gesprochen haben, eine alte Kulturtechnik empfohlen, nämlich alles, was passiert, wohlwollend zu betrachten und zu sagen: Alles ist gut, ein guter Tag ist gut, aber ein schlechter Tag ist auch ein guter Tag. Du sahst diese Haltung bei Jesus und Duchamp und sogar auch bei Christoph.
Groys: Ja, die Haltung habe ich nach wie vor.
Hegemann: Wenn man in der Lage ist, alles gut zu finden, dann befindet man sich in einem Zustand der Indifferenz, ja fast schon in einer mystischen Dimension, die eigentlich den Tod vorwegnimmt. Diese kontemplative Haltung erschien mir damals als Korrektiv zur grassierenden Selbstvermarktung, ja sogar wie eine Voraussetzung für sinnvolles Handeln. Siehst du gesellschaftliche Tendenzen in diese Richtung?
Das Notebook als Hausaltar
Groys: Das nicht, aber ich beobachte schon das Aufkommen einer anderen Haltung. Ich sehe, dass die Menschen das Internet nicht nur zum Konsum und als Mittel im Konkurrenzkampf nutzen, sondern auch als Mittel des Bekenntnisses. So wie in der Kirche beim Beichten. Früher haben die Menschen Tagebücher geschrieben und jetzt machen sie etwas Ähnliches massenweise im Internet, sie sprechen mit Gott.
Hegemann: Das Notebook als Hausaltar?
Groys: Sie stellen ihre Fotos ins Netz, kommentieren sie auf ihren Pages, sie posten Unmengen an Informationen über sich, die niemanden interessieren. Aber das wiederum ist sehr interessant, denn die einzige Person, die sich wirklich für diese Fotos interessieren könnte, ist Gott. Denn Gott liebt alle und er interessiert sich für alle Fotos und alle meine Gedanken.
Hegemann: Alles, was wir tun, tun wir für einen unbekannten Betrachter, der wohlwollend auf uns blickt, sagtest du damals, und auch, dass diese Aufgabe, nach dem Tod Gottes, eigentlich Künstler übernehmen müssten. Aber heute dürfte man den unbekannten Betrachter wohl eher kurzschließen mit den KI-basierten Datensammlern in Kalifornien, die von allen Menschen auf der Welt mehr Daten speichern und vernetzen können als jedes noch so informierte Individuum.
Groys: Diese Daten werden nur gespeichert, um sie zu verkaufen an Firmen, die etwas verkaufen, oder an Institutionen, die uns überwachen oder politisch beeinflussen wollen. Aber es gibt in diesen Internetkonfessionen etwas, das nur für Gott lesbar ist, etwas, das über das profane Interesse hinausgeht. Die User vermissen jemanden, der sich für sie interessiert, und deshalb verhalten sie sich religiös.
Hegemann: Und die anderen User, die Kollegen, Freunde und Vorgesetzten, sind die Gemeinde?
Groys: Nein, nein, das sind all diejenigen, die man transzendieren will, von denen man ganz genau weiß, dass sie sich eigentlich nicht für einen interessieren.
Hegemann: Weil das in einer Konkurrenzgesellschaft nicht vorgesehen ist, man selbst interessiert sich ja auch für keinen.
Groys: Deshalb weiß man ja, dass sich die Anderen nicht für einen interessieren. Aber die Suche nach einem Interessenten, die Suche nach dem Gott bleibt, und diese Suche ist das, was uns immer noch in Bewegung versetzt und antreibt.
Hegemann: Das heißt, das Bedürfnis, dass andere sich für einen interessieren und dass man sich auch selbst für andere interessiert, ist nicht totzukriegen.
Groys: Es ist nicht totzukriegen. Du siehst, dass viele Leute ungeduldig werden, wenn man immer nur über das Virus spricht. Es gibt da einen regelrechten Neid, weshalb viele sagen, es handle sich nur um ein gewöhnliches Grippevirus und die Schutzmaßnahmen seien überzogen usw. Das ist auch ein Zeichen dafür, dass die Leute nicht wollen, dass man über das Virus spricht, sie wollen, dass man über sie spricht. Aber niemand spricht über sie, alle sprechen nur über das Virus. Dadurch fühlen sie sich beleidigt.
II. WAS GEHT HIER EIGENTLICH VOR?
Leben als Selbstwiderspruch
Hölderlin formuliert den Höhe- und Endpunkt der Philosophie und streicht ihn durch
Am Tage, da die schöne Welt für uns
Begann, begann für uns die Dürftigkeit
Des Lebens und wir tauschten das Bewußtsein
Für unsre Reinigkeit und Freiheit ein. –
Der reine leidensfreie Geist befaßt
Sich mit dem Stoffe nicht, ist aber auch
Sich keines Dings und seiner nicht bewußt,
Für ihn ist keine Welt, denn außer ihm
Ist nichts. – Doch, was ich sag’, ist nur Gedanke. –
Nun fülen wir die Schranken unsers Wesens
Und die gehemmte Kraft sträubt ungeduldig
Sich gegen ihre Fesseln, und es sehnt der Geist
Zum ungetrübten Aether sich zurück.
Doch ist in uns auch wieder etwas, das
Die Fesseln gern behält, denn würd in uns
Das Göttliche von keinem Widerstande
Beschränkt – wir fühlten uns und andre nicht.
Sich aber nicht zu fühlen, ist der Tod,
Von nichts zu wissen, und vernichtet seyn
Ist Eins für uns. – Wie sollten wir den Trieb
Unendlich fortzuschreiten, uns zu läutern,
Uns zu veredlen, zu befrein, verläugnen?
Das wäre thierisch. Doch wir sollten auch
Des Triebs, beschränkt zu werden, zu empfangen,
Nicht stolz uns überheben, denn es wäre
Nicht menschlich, und wir tödteten uns selbst.
Den Widerstreit der Triebe, deren keiner
Entbehrlich ist, vereiniget die Liebe.
Das ist ein Teil aus der Fragment gebliebenen, metrischen Fassung des Hyperion aus dem Jahre 1795. Hölderlin entwickelt hier unter dem Eindruck von Fichtes Vorlesungen in Jena die spekulative Grundlage seines ganzen poetischen Schaffens, die vielleicht auch der Kulminationspunkt der gesamten klassischen deutschen Philosophie ist. Schiller hat ihm später geraten, er solle in seinem Roman alles Philosophische weglassen, es ginge in der Poesie um das Konkrete und nicht um solche abstrakten Überlegungen. Diese Stellen sind dann auch tatsächlich in der endgültigen Fassung des Hyperion nicht mehr vorgekommen. Auch in allen Vorwörtern, die Hölderlin geschrieben hat, um das Prinzip seines Hyperion zu erklären, hat er unter dem Einfluss von Schiller und Goethe die theoretischen Erklärungen größtenteils weggestrichen. Und dann hat Schiller für seine Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen genau die theoretischen Überlegungen verwendet, von deren Veröffentlichung er Hölderlin vorher selbst abgeraten hatte. Hölderlin muss das ziemlich aufgeregt haben. Er kündigte an, im Gegenzug Neue Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen unter seinem Namen veröffentlichen zu wollen. Das wurde aber allgemein als Arroganz oder Konkurrenzverhalten vonseiten des Jüngeren empfunden, keiner hat sich dafür interessiert. Nach 150 Jahren ist die Forschung so weit, dass Hölderlin als die entscheidende Figur für diesen Kulminationspunkt der Geistesgeschichte gilt – wie man zum Beispiel bei Violetta Waibel nachlesen kann (in Hölderlin und Fichte 1794–1800).
Im Grunde genommen steht alles schon im ersten Satz. »Am Tage, da die schöne Welt für uns begann« – für uns begann! Die Welt hat also schon vorher begonnen, aber irgendwann haben wir die Augen aufgeschlagen und die Welt wahrgenommen. Und zwar nicht irgendeine Welt, sondern die schöne, also gerade nicht-dürftige Welt. Trotzdem begann an eben diesem Tag »für uns die Dürftigkeit des Lebens«, zack, da haben wir schon den ganzen Schlamassel. Schönheit heißt begriffslose Vollkommenheit – also dass man etwas wahrnimmt oder etwas kreiert, von dem man sich nicht vorstellen kann, dass man es noch besser machen könnte. Und dieses Vollkommene ist schon im ersten Satz unmittelbar verknüpft mit der Dürftigkeit, also mit dem Mangel. In dem Moment, wo die Welt für uns begann, wo wir aus dem Paradies vertrieben wurden, kamen wir zum Bewusstsein und die ganze Reinheit, Harmonie und Freiheit des paradiesischen Zustands gingen flöten. Das kann man in den nächsten Zeilen auch bestätigt finden.
»Der reine leidensfreie Geist befaßt sich mit dem Stoffe nicht, ist aber auch sich keines Dings und seiner nicht bewußt.« Leidensfreiheit, Nichtdürftigkeit, Reinheit gibt es nur bewusstlos. Auch Kleists Prinz von Homburg spricht von dem schönen Jenseits, von dem behauptet wird, dass auch dort eine Sonne scheint »Und über buntre Felder noch, als hier«. Und dann sagt er diesen Satz: »Ich glaubs; nur schade, daß das Auge modert, das diese Herrlichkeit erblicken soll.« Diese Herrlichkeit des Jenseits ist leider für uns nicht erfahrbar. Erlösung ist möglich, sagt Giorgio Agamben, aber nicht für uns. Denn die Erlösung gibt es zwar im Tod, aber wir selbst haben nichts mehr davon. Denn wir sind dort nicht nur von allen Leiden, sondern auch von uns selbst erlöst. Das ist – auch wenn das erstmal so platt klingt wie in einem Kitschroman – die Tragik des Lebens. Und das ist die Grundlage der deutschen Philosophie nach der Französischen Revolution – da, wo sie sich wirklich entfaltet hat und nicht von Hegel schon wieder in Richtung eines absoluten Idealismus glattgebügelt worden ist, der am Ende beim absoluten Begriff landet und mit der Identität von Identität und Nichtidentität zum Stillstand eines geschlossenen Systems führt. Diese Absolutheit gibt es bei Hölderlin gerade nicht. Wir können die Schönheit erfahren nur in Verbindung mit Dürftigkeit, mit Mangel, mit Schrecken, weil wir ohne Dürftigkeit bewusstlos wären. »Der reine leidensfreie Geist befaßt sich mit dem Stoffe nicht. […] Für ihn ist keine Welt, denn außer ihm ist nichts.« Der leidensfreie Geist ist eins mit allem, deshalb gibt es in ihm nichts zu unterscheiden.
Und dann kommt gleich dieser kleine wichtige Satz: »Doch, was ich sag’, ist nur Gedanke«. Das verweist darauf, dass alles, was Hölderlin bis hierhin gemacht hat, ein Gedankenspiel ist, jenseits unserer gewöhnlichen Erfahrung. Diese philosophische Spekulation ermöglicht uns aber zu verstehen, was jetzt im weiteren Text entwickelt wird: die Beschreibung unserer Lebensbedingungen als Künstler und Menschen. In dieser Beschreibung finden wir den Kern der spekulativen Philosophie und ihrer transzendentalen Fragestellungen: Wie ist der Mensch strukturell verfasst? Was ist an ihm spezifisch menschlich? Welche Bedingungen oder Voraussetzungen sind nötig, damit wir uns als menschliche Wesen begreifen oder, wie die Philosophen sagen, überhaupt erst als Subjekte konstituieren können? Das sind im Grunde die Fragen Kants, und auch Kant hatte schon ähnliche Vorstellungen: Die Menschwerdung des Affen, die Vertreibung aus dem Paradies beginnt mit der Erfahrung von Mangel, weil wir einer äußeren Welt gegenüberstehen und nicht mehr mit ihr identisch sind. Dieser Prozess der Trennung von Mensch und Welt ist der Zivilisations- und Kulturprozess. Kant hatte, das will ich noch kurz in Parenthese anmerken, einen Gegenspieler in Polen, den Philosophen Salomon Maimon. Dessen Polemik gegen Kant kulminierte in dem Satz: »Ich denke von meinen täglichen Verrichtungen her.« Und dieses anschlussfähige Denken vermisste er bei Kant, für den Philosophie eine autonome und abgehobene Sportart zu sein schien.
Also, spekulative Philosophie ist schön und gut, aber solange wir mit unseren philosophischen Abstraktionen nicht an unserem konkreten Alltag andocken können, kann uns die ganze Philosophie gestohlen bleiben.
Diese Beziehung auf die täglichen Verrichtungen gelingt Hölderlin im Fortgang der metrischen Fassung des Hyperion aber, anders als Kant, exemplarisch: »Nun fülen wir die Schranken unsers Wesens und die gehemmte Kraft sträubt ungeduldig sich gegen ihre Fesseln.« Wir wollen ins Paradies zurück. Wir wollen diese Beschränkung und diese Dürftigkeit beseitigen. Und das geschieht normalerweise durch Arbeit, mit der man die verlorengegangene Harmonie mit der Welt wiederherzustellen trachtet – und sei es noch so partiell. Arbeit ist das Medium zum Überwinden von Schranken, Fesseln und Hemmnissen. Das weiß jeder aus seinem Alltag, es zeigt sich direkt oder indirekt in so gut wie allem, was wir tun.
Denn: »Es sehnt der Geist zum ungetrübten Aether sich zurück«. Man mag sich darüber im Klaren sein oder nicht, wenn man überhaupt arbeitet, will man Probleme, will man Dürftigkeit beseitigen und damit zielt man natürlich – wie seltsam sich das auch anhört – auf die Abschaffung der Welt. Denn die gibt es ja, wie die Philosophie lehrt, für uns nur als dürftige, das heißt als uns nicht wirklich entsprechende, als widerständige. Der »ungetrübte Aether«, also die unterschiedslose Einheit von Ich und Welt, ist für uns nicht erfahrbar.
Deshalb kommt jetzt die Gegenthese: »Doch ist in uns auch wieder etwas, das die Fesseln gern behält, denn würd in uns das Göttliche« (das All-Eine, das Vollkommene …) »von keinem Widerstande beschränkt – wir fühlten uns und andre nicht. Sich aber nicht zu fühlen, ist der Tod, von nichts zu wissen, und vernichtet seyn ist Eins für uns.« Das ist schon die ganze zentrale und folgenreiche These. Und damit tut sich der konstitutive Selbstwiderspruch unserer Erfahrungswelt auf, der sogar den gewöhnlichen Alltag durchzieht. Wir streben zum einen danach, durch Arbeit, durch Verbesserung der Verhältnisse die Widersprüche aufzulösen, um nicht mehr zu leiden und uns nicht mehr durch die äußere Welt bestimmen zu lassen. Zum anderen stürzen wir uns in den Widerspruch und akzeptieren den Mangel und die Fesseln und behalten sie sogar »gern«, lassen uns also bestimmen und genießen das auch noch. Es gibt einen Selbstwiderspruch, den man nicht beseitigen kann, ohne unsere Welt oder die Welt für uns zu beseitigen, zumindest wenn man dieses theorische Modell ernst nimmt. Das ist nicht trivial, wie meistens beispielsweise die Selbstverständigungsprozesse in der analytischen Philosophie, sondern das hat weitreichende Konsequenzen und ist auch heute noch alles andere als selbstverständlich: Oder ist es etwa selbstverständlich, dass wir an der erfolgreichen Realisierung unserer Pläne arbeiten und sie dann gleichzeitig wieder durchkreuzen? Aber wenn diese Pläne wirklich durchschlagenden und dauerhaften Erfolg hätten, dann würden wir in den Bereich der Gegenstandslosigkeit, der Bewusstlosigkeit kommen, schneller als wir es uns vorstellen könnten. Und diese Behauptung betrifft eben nicht einen theoretischen Ansatz, sondern unmittelbar unsere Lebenspraxis.
Und jetzt kommt die Synthese: »Wie sollten wir den Trieb unendlich fortzuschreiten, uns zu läutern, uns zu veredlen, zu befrein, verläugnen? Das wäre thierisch.« Rückfall ins Tierreich: Wenn wir nicht daran arbeiten würden, unsere Verhältnisse zu verbessern, wäre das Regression. Dieser Trieb markiert also die Seite des Fortschritts.
»Doch wir sollten auch des Triebs, beschränkt zu werden, zu empfangen, nicht stolz uns überheben, denn es wäre nicht menschlich, und wir tödteten uns selbst.« In diesem Satz, der dem vorherigen entgegengesetzt ist, haben wir tatsächlich etwas, wovon man jetzt platt sagen könnte: Das haben liberale und marxistische Theorien übersehen. Wir sind eben nicht nur die Menschen, die den Fortschritt herbeiführen, sondern auch die, die im Sinne einer christlichen Metanoia den Wechsel zulassen. Das heißt, wir bestimmen nicht nur, wir sind nicht nur autonome Wesen. Wir müssen auch akzeptieren, dass wir bestimmt werden durch irgendetwas, das wir nicht im Griff haben. Das ist ja die ursprüngliche Bedeutung von Leiden, sich als von außen bestimmt zu erfahren, als passiv. Es gibt eine Instanz, die stärker ist als wir. Und wenn meine StudentInnen das nicht glauben wollen, wenn sie sagen, wieso, wir haben doch die Naturwissenschaft, wir haben doch alles durchschaut, dann antworte ich: Solange man über seine Geburt nicht bestimmen kann, ist man fremdbestimmt. Damit verwandelt sich das empirische Problem, dass wir nie alles im Griff haben können, auch gleich in ein logisches – in eine strukturelle Lebensnotwendigkeit.
Und jetzt kommt die umstrittene nächste Wendung in dieser Geschichte. Es gibt nämlich doch eine Auflösung dieses konstitutiven Selbstwiderspruchs, die wir bei lebendigem Leibe erfahren können. Das wird am Ende dieser Hyperion-Passage mit folgender Behauptung ausgesprochen: »Den Widerstreit der Triebe, deren keiner entbehrlich ist, vereiniget die Liebe.« Es soll also einen Zustand geben, Hölderlin nennt ihn hier Liebe, in dem sich der konstitutive Widerspruch unseres Daseins auflöst. Man kann sich das vielleicht an der Liebe von Romeo und Julia klar machen, wenn Julia staunend über ihre Liebe sagt: »Je mehr ich gebe, je mehr auch hab ich.« Oder: »Ich wünsche nur, was ich bereits besitze. So grenzenlos ist meine Liebe«. In der Liebe (oder vielleicht eher im Liebesakt) hat man offenbar – und sei es auch nur für Augenblicke – die Empfindung, dass dieser Selbstwiderspruch auf einmal stillgestellt ist, weil kein Unterschied zwischen Fessel und Freiheit, zwischen Mangel und Überfluss mehr da zu sein scheint. Allerdings ist es für manche Interpreten nicht nachvollziehbar, dass Hölderlin der Liebe, die sich ja wesentlich auch als Sehnsucht und Zweifel äußert, diese Auflösung allen Widerstreits zutraut. Müsste man da nicht eher Schönheit hinschreiben, fragen sie und verweisen auf den »ästhetischen Schein«, in dem wir das Widersprüchliche spielerisch auflösen können. Schiller hat genau das in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen behauptet. Und auch Hölderlin hat es an anderer Stelle, in einem ebenfalls verworfenen Vorwort zur vorletzten Fassung des Hyperion, so gesehen:
Weder unser Wissen noch unser Handeln gelangt in irgendeiner Periode des Daseins dahin, wo aller Widerstreit aufhört, wo alles eins ist; die bestimmte Linie vereinigt sich mit der unbestimmten nur in unendlicher Annäherung. Wir hätten auch keine Ahnung von jenem unendlichen Frieden, von jenem Sein, im einzigen Sinne des Worts, wir strebten gar nicht, die Natur mit uns zu vereinigen, wir dächten und wir handelten nicht, es wäre überhaupt gar nichts (für uns), wir wären selbst nichts (für uns), wenn nicht dennoch jene unendliche Vereinigung, jenes Sein, im einzigen Sinne des Worts vorhanden wäre. Es ist vorhanden – als Schönheit.
Die Schönheit ist das für uns erfahrbare Vollkommene, das wir, wie Schiller dann sagt, als »schönen Schein«, also als nur Gespieltes erfahren können. Und wenn wir diese Erfahrung der Schönheit im Spiel nicht hätten, dann würden wir, so das Argument, auch gar nicht danach streben, so etwas wie vollkommene Vereinigung zu erreichen. Wenn wir nicht irgendein Restgefühl von Vollkommenheit hätten, dann würden wir überhaupt nicht arbeiten, um Dinge zu verbessern. Wir würden uns einfach mit den schrecklichen Verhältnissen zufriedengeben, weil wir die Vorstellung einer Alternative gar nicht entwickeln könnten.
Was wir hier bei Hölderlin vor uns haben, ist so etwas wie die Vollendung der Erkenntnistheorie in ihrem unvermeidlichen Übergang zur widersprüchlichen ästhetischen Praxis. Es ist das Grundmodell einer sich selbst überschreitenden Theorie, deren Entwicklung man dann mindestens bis zu Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik verfolgen kann, wo sie als dionysisch/apollinisches Tragödienmodell wieder neue Facetten entwickelt. Man kann jetzt begriffsgeschichtlich verfolgen, was aus diesen beiden Trieben wird. Schon bei Fichte, Hölderlins Lehrer in Jena, findet man sie in der Dialektik von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung: »Das Ich setzt sich als bestimmt durch das Nicht-Ich«, und »das Ich setzt sich als bestimmend das Nicht-Ich«. Beide Seiten sind notwendig interdependent und gegensätzlich, ihr Widerspruch kann theoretisch nicht aufgelöst werden. Auch bei Schiller gibt es natürlich eine Fußnote in seinen Briefen Über die ästhetische Erziehung des Menschen, wo er zugibt, dass er das alles aus Fichtes Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre (1794/95) hat. Bei ihm taucht dieser Gegensatz in der Differenz von »Formtrieb« und »Stofftrieb« wieder auf. Der Stofftrieb ist der Trieb, sich bestimmen zu lassen von etwas, über das man keine Macht hat. Und der Formtrieb zielt umgekehrt darauf ab, das Material nach den eigenen Vorstellungen zu modeln, es eben zu formen. Die Form wird übrigens oft und auch schon bei Schiller mit dem Tod in Verbindung gebracht, weil alles Geformte festgelegt und nicht mehr lebendig ist. Der Formtrieb generiert die ein für alle Mal gültige Idee, nach der ich die Dinge umgestalte, etwas, das als Realisiertes aber nur mit Tod enden kann. Der Stofftrieb hingegen wird mit der Lebendigkeit assoziiert, also mit etwas, das sich einfach so, spontan entfaltet. Das ist ganz wichtig nicht nur für die ästhetische Theoriebildung, sondern auch für das Leben. Man kann sich mit diesem Modell nicht nur erklären, wie sich Bewusstsein im Widerspruch konstituiert, sondern auch, wie diese merkwürdige Widersprüchlichkeit in unserem alltäglichen Verhalten zustande kommt. Ein permanenter und unauflösbarer performativer Selbstwiderspruch erweist sich als konstitutiv für die Erfahrungs- und Handlungsfähigkeit lebendiger Menschen. Die paradoxe Aufgabe, die uns am Leben hält, lautet, dass wir in zwei verschiedene Richtungen arbeiten müssen, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen. Man könnte sagen, der Fehler jeder Kunst- und Lebenspraxis, die scheitert, ist, dass sie entweder nur in die eine Richtung geht oder nur in die andere. Der dionysische Barbar bei Nietzsche ergibt sich einfach dem Rausch, also ausschließlich dem Stofftrieb, und ist dann nicht mehr in der Lage, eigenständig zu gestalten, auch wenn er die Einheit oder Vereinigung, von der oben die Rede war, vielleicht sogar auf krude Art erreicht – nämlich im Vollsuff, vollkommen glücklich in einer Pfütze liegend. Umgekehrt merkt der, der ausschließlich vom Trieb ausgeht zu formen und zu gestalten und dadurch dem Paradies näher zu kommen, vielleicht irgendwann, dass er seine eigene Lebendigkeit eingebüßt hat und stattdessen in einem formalistischen toten Normensystem krepiert, dass er seine lebendigen Impulse, die nicht selbstbestimmt sind, die keine Form sind, unterdrückt hat und sich dadurch von dem Leben als Stofftrieb, als Entfaltung der unabhängig von ihm vorhandenen Lebendigkeit abgelöst hat. Das sind, grob gesagt, die beiden Alternativen verfehlten Daseins (wenn es nicht noch eine dritte gibt, die man vielleicht als Indifferenz bezeichnen könnte). Dabei scheint es keine Frage zu sein, dass es in unserer Gegenwart der Stofftrieb ist, der zu kurz kommt. Das Ungeformte, das uns lebendig macht, wird bedroht von der toten Form. Das Rationale vergisst, dass es auf »Stoff« angewiesen ist, ohne den es leerläuft. »Denn das ist das tragische bei uns, daß wir ganz stille in irgend einem Behälter eingepakt vom Reiche der Lebendigen hinweggehn, nicht daß wir in Flammen verzehrt die Flamme büßen, die wir nicht zu bändigen vermochten«, schrieb Hölderlin bereits vor 220 Jahren an seinen Freund Casimir Ulrich Boehlendorff.
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