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CARL-CHRISTIAN ELZE
FREU DEN BERG
ROMAN

Wer von uns kennt seinen Bruder? Wer von uns hat seinem Vater ins Herz geblickt? Wer von uns blieb nicht auf ewig gefangen? Wer von uns bleibt nicht für immer ein Fremder und allein?
Thomas Wolfe »Schau heimwärts, Engel«
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
WEITERE TITEL IN DER EDITIONA ZUR
1
Durch die Lüftungsschlitze roch Freudenberg das Meer. Gerd drehte sein breites Gesicht nach hinten, um rückwärts einzuparken. Freudenberg wich seinem Blick aus und schaute aus dem Seitenfenster. Neben der Bordsteinkante lag ein zerquetschter Igel. Der Bordstein schien fast einen Meter hoch zu sein. Es sah so aus, als wäre das Tier von einer Klippe gestürzt und nicht überfahren worden. Freudenberg vertiefte sich in den Anblick. Der Körper war eine einzige graue Masse, nur die kleine Zunge, die aus dem spitzen Kopf herausragte, war noch rot. Freudenberg musste an seine eigene Zunge denken, daran, dass sie ihm lästig war; schon immer. Schon als Kind hatte er instinktiv begriffen: ohne Zunge keine Sprache und ohne Sprache keine falschen Sätze und ohne falsche Sätze keine falschen Gedanken und Gefühle.
Der Motor verstummte und Freudenberg blickte nach vorn. Der Nacken seiner Mutter glänzte ihm weiß und verschwitzt entgegen. Er fühlte, dass seine Hände zu zittern begonnen hatten. Sie waren endgültig angekommen, in Międzyzdroje, Hotel Orion, ulica Kopernika 5.
Seit der Grenze hatte er den Namen des polnischen Ortes ununterbrochen im Mund bewegt und leise geübt – Miezentreue, damit hatte es angefangen, um sich den Namen überhaupt merken zu können, dann Międ-zys-droje und schließlich immer weniger zerdehnt: Międzys-droje, Międzysdroje – jetzt konnte er ihn beliebig oft und fehlerfrei vor sich hin flüstern wie ein Zauberwort.
Gerd öffnete die Wagentür und stieg als Erster aus. Freudenberg war froh, diesen fremdartigen Menschen nicht länger Vater nennen zu müssen. Seit seinem 17. Geburtstag im April hatte Gerd ihm erlaubt, ihn beim Vornamen zu rufen – das schönste Geburtstagsgeschenk überhaupt, dachte Freudenberg noch immer.
Als er die Augen schloss, spürte er seine Erschöpfung – als würde ihn etwas Schweres, etwas, das außerhalb von ihm hing, nach unten ziehen. Die ganze Fahrt über, mindestens vier Stunden lang, hatte er der gut gelaunten Gerd-Stimme zuhören und auch antworten müssen, während die Landschaft vollkommen flach und langweilig an ihm vorbeigezogen war. Nur manchmal hatte es ein wenig Ablenkung gegeben, Windräderhaufen zum Beispiel. Ein Zeitungsbericht über Fuchsfamilien war ihm wieder eingefallen, den er einmal in einer Zeitschrift beim Zahnarzt gelesen hatte: Immer mehr Fuchsfamilien saßen inzwischen nicht mehr im Wald, sondern unter den sich drehenden Klingen der Windräder und warteten darauf, dass ihnen die Krähen, wenn auch nicht gebraten, so doch sauber geköpft, vor die Füße fielen, praktisch ins Maul rein. Vergeblich hatte er nach roten Fellen Ausschau gehalten und sich gewünscht, ein Fuchs zu sein, einer Fuchsfamilie anzugehören.
Seine Mutter musste niesen, Freudenberg riss die Augen auf und sagte »Gesundheit«. Sie sahen beide vom Auto aus zu, wie Gerd die Gartentür öffnete und sich der gelben Fassade des Orion näherte. Dann verschwand er im Hotel, um auch dort die Dinge zu regeln. Gerd regelte die Dinge am liebsten allein und für alle. Als Freudenberg kurz vorm Hauptschulabschluss noch immer nicht hatte sagen können, wie es weitergehen sollte mit ihm und seinem Leben, war es Gerd endgültig zu bunt geworden. Wieder hatte sich Freudenberg ausweichend und zeitschindend verhalten, genauso ausweichend und zeitschindend wie immer, »seit seiner Geburt«, hatte Gerd plötzlich geschrien. Aber jetzt war Schluss damit! Alle Geduld war aufgebraucht! Es gab keinerlei Aufschub mehr – wer den Mund nicht aufmachte, hatte keinen Aufschub verdient: nicht eine Minute, nicht eine Sekunde! Schließlich hatte Gerd alle Dinge von einem Tag auf den anderen selbst geregelt. Metallverarbeitung war dabei herauskommen. Freudenberg war so erstaunt gewesen, dass er nichts zu antworten gewusst hatte, obwohl er eigentlich hätte wissen müssen, dass für Gerd kein Leerlauf, schon gar nicht im Lebenslauf, in Frage kam, und dass, wenn er selbst nichts sagte, Metallverarbeitung herauskommen würde, immer Metallverarbeitung herauskommen musste. Als Gerd damit herausgerückt war, hatte Freudenbergs Halsmuskulatur ihre Spannung verloren, was seinem Kopf den Anschein eines Nickens gegeben hatte. Dann sei ja alles geritzt, hatte Gerd gemeint und Freudenberg auf die Schulter geklopft, so kräftig, wie er konnte. Später beim Abendbrot hatte er es auch der Mutter verkündet, dass der Junge Metaller werde, und gerufen: »Aber vorher machen wir Urlaub, wie wär’s mit Ostsee?« Die Mutter hatte Freudenberg, der bewegungslos vor seinem Schnittenhaufen saß, eine Weile stumm angeschaut, dann aber laut Ja gesagt und genickt, so heftig genickt, als ob sie auch für Freudenberg mitnicken würde, und Gerd war zufrieden gewesen, nahezu glücklich.
Freudenberg ließ die Scheibe zur Gehwegseite herunter und Möwengeschrei schwappte herein. Er blickte schräg nach oben in eine Wolke aus Blättern und Ästen in Camouflage-Optik. Noch nie hatte Freudenberg Platanen gesehen, die so stark beschnitten waren, dass ihre Blätter wie aus Amputationsstümpfen heraushingen – als würden die Hände an den Ellenbogen nachwachsen. Freudenberg rieb sich die Augen, ihm war heiß und er war müde. Gerd hatte darauf bestanden, schon um sechs Uhr morgens loszufahren, um jeden Stau zu vermeiden. Freudenberg musste gähnen. Die Mutter drehte sich zu ihm um und fragte mit halbstündiger Verspätung, ob er die alten Frauen am Waldrand gesehen habe, die mit den vielen Körben. Freudenberg nickte mechanisch. Er hatte nur alte Männer ohne Körbe gesehen, sie hatten im Schatten gesessen und geraucht, vielleicht auch gelacht, zumindest hatten ihre Mundwinkel im Vorbeifahren so ausgesehen. »Die atmen doch den ganzen Tag Abgase ein«, sagte die Mutter, ohne eine Antwort zu erwarten. In diesem Punkt war sie anders als Gerd, mit der Mutter ließ es sich aushalten.
Gerd kam mit einem dicken Mann zum Auto zurück, der ununterbrochen grinste. Freudenberg und die Mutter stiegen aus und Gerd stellte ihnen Herrn Dobek vor, der sich verbeugte und der Mutter einen Handkuss gab. Freudenberg konnte sehen, dass es nicht bei einem Luftkuss blieb, sondern dass Dobeks Lippen sekundenlang breit und feucht auf dem Handrücken der Mutter lagen wie zwei Regenwürmer. Dann gab Dobek auch ihm die Hand, sie war schwer und behaart.
»Scheen, dass Sie da sind. Ist ganz scheenes Wetter hier«, sagte Dobek und ging lachend zur Einfahrt hinüber. Man konnte sehen, dass er einen schweren Hüftschaden hatte und beträchtlich schwankte. Bei jedem Schritt geriet sein massives Stammfett mit in Schwingung, sodass Freudenberg befürchtete, er könnte jeden Moment umfallen. Dobek nestelte an einem Vorhängeschloss herum und öffnete die Toreinfahrt zu den Stellplätzen. Freudenberg sah eine kleine Videokamera, die in etwa zwei Meter Höhe an der frisch verputzten Hauswand befestigt war. Auf eine Videokamera hatte Gerd besonderen Wert gelegt, erinnerte sich Freudenberg, denn bei jeder Übernachtungsanfrage hatte er als Erstes wissen wollen, ob es auch bewachte Parkplätze gebe. Letzten Endes hatte er sich für Dobek entschieden, der ihm mehrmals geschworen hatte, dass er die sichersten Parkplätze von ganz Międzyzdroje habe.
Gerd stieg wieder ins Auto ein und ließ den Motor an, während Dobek mit den Armen zu rudern begann und dabei verschiedene Zeichen gab, um Gerd beim Einparken zu helfen. Als Gerd mit dem Wagen durch die Toreinfahrt rollte, war er sofort gefangen. Der Parkschlauch war kaum breiter als der Wagen selbst, links stand unverrückbar die gelbe Hauswand und rechts ein grüner Maschendrahtzaun. Gerd öffnete die vorderen Fenster und klappte hastig die Außenspiegel ein, während Dobek rief: »Bis Ende durch, kommen noch andere deitsche Autos, aber vorsichtig!«
Freudenberg sah, wie Gerd davor zurückscheute und nicht noch tiefer in die Falle gehen wollte, es aber trotzdem tat. Der Mutter wegen. Damit sie sich nicht zu schämen brauchte. Immer müsse sie sich schämen, hatte Freudenberg ihn schon oft zur Mutter sagen hören, und das alles nur, weil sie keinen ausreichenden Willen besäße, auch keinen ausreichenden Willen, Freudenberg zu erziehen.
Obwohl man ihm ansah, dass er schon jetzt die größte Lust hatte, mit Dobek über diese völlig unzureichenden, geradezu beschissenen Stellplätze zu diskutieren, rollte Gerd zwanzig Meter tief in die Parkfalle hinein. Er wollte aussteigen, aber die wenigen Zentimeter zwischen Fahrertür und Hauswand reichten nicht aus. Er versuchte es über die Beifahrertür. Sein Rücken bog sich kräftig durch. Auch der Zaun wurde an der Stelle, wo Gerd sich herausstemmte, durchgebogen. Dobek lächelte anerkennend und rief noch einmal beruhigend: »Alles Video, kann nichts passieren!«
Gerd kroch mit verwüstetem Blick aus dem Auto und kämpfte sich zur Kofferraumklappe vor. Ohne ein Wort zerrte er das Gepäck heraus und starrte wütend auf den Schotterweg. Die Mutter reichte ihm ein Zellstofftaschentuch für die nasse Stirn, aber er wollte es nicht und schüttelte trotzig den Kopf. Schließlich riss er sich zusammen und drückte auf die Fernbedienung am Schlüssel. Das Auto verriegelte sich mit einem Klickklick.
Dobek war schon ins Orion vorausgeschwankt. Als sie eintraten, saß er in einem verglasten Rezeptionskasten und lächelte gutmütig durch eine Scheibe mit Sprechloch. Freudenberg blieb stehen und schaute sich im Foyer um. An den Wänden hingen Stillleben, ausschließlich Früchte, gemalt mit dicken, frohen Farben. Er sah die Halogenstrahler in der abgehängten Decke, die auf die Bilder gerichtet waren, um sie am Abend anzustrahlen. Im Moment schien nur die Mittagssonne herein, auf den gefliesten Boden, der kalt und weiß aufblendete. Als wäre man in einem Schlachthof gelandet, dachte Freudenberg. Er ließ sich in eine Sitzecke fallen und rote Kissen klappten und schwappten auf seine Schenkel wie Fleischstücke. Gleich neben dem Eingang standen verchromte Untertöpfe, aus denen lange, schlauchartige Gewächse wucherten, die ihn an Darmschlingen erinnerten. Freudenberg wandte seinen Blick ab und schaute wieder zur Rezeption, wo Gerd die Zimmerschlüssel von Dobek entgegennahm. Dobeks Hände wirkten im Vergleich zu seinem riesigen Körper viel zu klein, wie Puppenhände, dachte Freudenberg. Gerd drehte sich zu ihm um und gab ihm ein knappes Zeichen. Freudenberg stand auf und griff nach dem Mutterkoffer. Er hatte ihn schon vom Auto zur Rezeption getragen, an der gelb verputzten Hauswand und den Beeten mit dickblättrigen Pflanzen vorbei, sodass es ihm jetzt nur folgerichtig vorkam, ihn auch bis zum bitteren Ende zu tragen, bis in die Zimmerhölle hinein. Gerd ging voraus in Richtung Treppe und Freudenberg folgte ihm. Er trug den Mutterkoffer und seine Reisetasche bis in den zweiten Stock hinauf.
Die Treppe und die Gänge waren mit weichem, rötlichgrauem Teppichboden ausgelegt. Es lief sich wie auf … Freudenberg fiel wieder nur Fleisch ein, Gehacktes: Es gab dieses Durcheinander aus Blut- und Fetttönen in der Faser. Und es roch seltsam in diesem Orion, nicht nach Fleisch, sondern nach chemischen Stoffen, ungezügelten Reinigungskräften. Als ob man in diesem Hotel eine Menge zu reinigen hätte. Gleichzeitig bemerkte Freudenberg eine ungewöhnlich hohe Zahl von Fluchtwegeschildern überall an den Wänden. Aber vielleicht kam ihm die Zahl auch nur so hoch vor, weil er so oft hinschauen musste und immer dieselben Schilder sah, auch das war möglich, dachte er. Der polnische Strichmann unterschied sich kaum von dem deutschen, den er noch aus der Schule kannte – ein weißer Strichmann, der auf einem grünen Hintergrund einer weißen Türfläche entgegenrannte –, aber die Situation hier im Treppenhaus schien gefährlicher zu sein. Wie alle Strichmänner rannte auch der polnische die Wände entlang voller Hoffnung, dass hinter der weißen Tür nicht ein noch größeres Grauen auf ihn wartete, als das, vor dem er gerade davonlief. Doch hier war die Angst spürbarer, bildete sich Freudenberg ein, war das Grauen, das die Verfolgung aufgenommen hatte, greifbarer – obwohl es wie immer unsichtbar blieb.
Gerd war stehen geblieben und schloss die Zimmertür auf, dann betraten sie zu dritt den Raum. Die Mutter löste sich von ihnen und stieß als Erstes ins Bad vor, um dort alles lautlos zu inspizieren. Als sie wieder auftauchte, sah sie erleichtert aus. Anscheinend war alles gerade noch sauber genug gewesen. Freudenberg fühlte sich abgestoßen von ihrem zufriedenen Gesicht und stellte den Koffer neben das rostfarbene Sofa am Fenster. Durch die Gardinen kroch weiches Licht. Das Zimmer gefiel auch Gerd, er spazierte umher und pfiff durch die Zähne. Nach einer Weile blieb er vor Freudenberg stehen, boxte ihm leicht auf die Brust und meinte: »Jetzt besuchen wir dich!« Freudenberg nickte, aber die Mutter schüttelte den Kopf und sagte, sie packe lieber erst aus und komme nach.
Freudenberg machte sofort kehrt und trat zurück in den Flur. Dann lief er zu seinem Zimmer. Der Teppichboden war unverändert Fleischmasse, nur schien sie ihm jetzt noch tiefer, noch massiger zu sein, er kam kaum vorwärts. Als er sich umdrehte, sah er Gerd, der ihm mühelos folgte.
Im Zimmer angekommen, pfiff Gerd erneut durch die Zähne und tigerte umher. Er klopfte auf einen kleinen Fernseher, der an einem Metallgestell an der Wand befestigt war. »Immerhin«, meinte er, »vielleicht gibt es ja einen deutschen Sender.« Freudenberg zuckte mit den Schultern und sah über dem Bett ein Stillleben hängen. Diesmal waren es Blumen mit roten, igelartigen Blütenköpfen, Dahlien. Freudenberg trat näher heran und sah jetzt deutlich den Schriftzug Marianna D. – D. wie Dobek – und rührte sich nicht. Er musste nicht wie seine Mutter zuerst ins Bad stürzen, um zu entscheiden, ob er sich wohlfühlen konnte, er blieb einfach in der Mitte des Raumes stehen und wusste es sofort.
Freudenberg ging langsam zum Fenster, das zur Straße zeigte und zog die Gardinen zurück. Draußen schaukelten die Platanenblätter im Wind, der von der Ostsee herüberstrich, und in großer Höhe wurden Eiswolkenfetzen über den Himmel geschleift. Schließlich trat er auf einen lang gezogenen Balkon, der über die gesamte Straßenseite des Orion aufgespannt war und in den alle Zimmer einmündeten. Er lief ein paar Schritte und sah plötzlich seine Mutter durch die Scheibe. Er konnte nicht genau erkennen, was für ein Gesicht sie gerade machte, wahrscheinlich war es noch immer ein vom Toilettenanblick seliges. Freudenberg tat so, als ob er sie nicht gesehen hätte und lief zügig vorbei.
Liegestühle, Tische und Sonnenschirme aus schmutzigem, weißem Plastik standen herum. Vor jeder Balkontür waren sie angehäuft wie halb verrottete Walknochen. Freudenberg blieb stehen und schaute über das Geländer auf die Straße. Auf einmal stand Gerd hinter ihm und sog lautstark und genießerisch Meerluft in sich hinein. »Na los, atme auch mal richtig ein, herrlich ist das hier«, hörte er ihn sagen. Freudenberg tat ihm den Gefallen und atmete tief ein. Es war wirklich so: Herrlich fühlte es sich an in den Lungenflügeln, fast besser als Zigarettenrauch. Es tat gut, einfach nur hier zu stehen und zu atmen.
Gegenüber standen zwei Holzhäuser, die von der Witterung schon ganz dunkel verfärbt waren und auf deren Dächern Moos lag. Freudenberg musste lächeln, weil sie genauso aussahen, wie er sich als Kind die Hexenhäuser in russischen Volksmärchen vorgestellt hatte: Häuser, die aus ganzen Baumstämmen gebaut waren und auf Hühnerfüßen standen und vor deren Türen sich die Helden, die immergleichen Iwans, versammelten, um die Hexe Baba Jaga zu besiegen. Alles stimmte, sagte sich Freudenberg, bis auf die Hühnerfüße und die fehlenden Helden.
Freudenberg drehte sich um. Er wollte allein sein und rauchen. Auch Gerd hatte früher geraucht, sich dann aber für die Gesundheit entschieden, war zum Nichtraucher geworden, zum militanten. Was sollte er machen, fragte sich Freudenberg, Gerd stand wie angewurzelt da, schaute an ihm vorbei in die Ferne und schien glücklich zu sein. Auch glücklich mit ihm, dachte Freudenberg, was seltsam war und auch ein bisschen unangenehm. Soweit er sein Leben überblicken konnte, soweit seine Erinnerung überhaupt reichte, waren sie beide nie voneinander getrennt gewesen. Gerd war stets in seiner Nähe gewesen, war immer in der Metallverarbeitung gewesen, hatte immer nach Feierabend Zeit für ihn gehabt, den einzigen Sohn. Es war ein lückenloses Zusammenleben gewesen zwischen Gerd, der Mutter und ihm. Gerd war kein schlechter Vater, ganz und gar nicht, er hatte sich bemüht, siebzehn Jahre lang. Irgendetwas aber hatte von Anfang an nicht gepasst, von Anfang an nicht gestimmt.
Freudenberg wurde unruhig. Er wusste sich nicht anders zu helfen, als Gerd zu fragen, ob er ihm Geld geben könne: Er habe schon Hunger und wolle sich was zu essen kaufen, die Beine vertreten. Gerd lächelte und öffnete seine Brieftasche. Er zog zwei Hundert-Złoty-Scheine heraus. Freudenberg bedankte sich und Gerd klatschte ihm väterlich zwischen die Schulterblätter.
Als sie zur Mutter zurückkamen, war sie gerade dabei, die letzten Kleidungsstücke in den Schränken zu verstauen. Gerd meinte, der Junge wolle gleich los, um schon was zu essen, man könne sich ja wieder hier treffen, in genau einer Stunde. Die Mutter war einverstanden und sagte, Freudenberg solle aber vorsichtig sein, noch nicht allein ins Wasser gehen, sie gingen später alle zusammen. Freudenberg nickte. Dann lief er los. Er wollte endlich allein sein und rauchen, endlich tausend polnische Zigaretten rauchen und wie ein Schlot am Meer langziehen.
2
Freudenberg reichte Dobek den Zimmerschlüssel in den Rezeptionskasten und trat ins Freie. Er wandte sich unter den gestutzten Platanen nach links, lief die ulica Kopernika bis zum Ende und bog dann nach rechts in eine breitere Straße ein, die ulica Bohaterów Warszawy hieß. Sofort wurde er von einer halbnackten, lärmenden Menschenmasse erfasst, die ihn wie eine Welle mitriss und nur eine Richtung zu kennen schien. Inmitten der Welle wurde gelacht, gegrölt und krakeelt in einer Sprache, die Freudenberg nicht verstand, was ihm recht war. Sein Blick schwenkte hin und her, grell restaurierte Kurhäuser schabten an seiner Netzhaut vorbei, ein in die Länge gezogener Rummel drang von links mit Bumsmusik und Sirenengeheul in seine Gehörgänge ein, doch nichts davon war unangenehm, im Gegenteil, alles um ihn herum begann zu gleiten. Oder er selbst hatte angefangen zu gleiten, auch das war möglich. Freudenberg schaute an sich herab und sah seine Hände im Kreuzgang locker und gleichmäßig neben seinen Beinen pendeln, alle Muskeln und Knochen arbeiteten lautlos und präzise. Noch nie waren seine Gelenke besser geglitten als jetzt. Er konnte stolz auf seinen Körper sein, dachte Freudenberg plötzlich, es war ein Glücksfall, eindeutig ein Glücksfall, einen gleitenden Körper zu besitzen.
Freudenberg trieb weiter, bis sich die Strömung an einem größeren Platz verlangsamte und ihm die ersten Leute in die Hacken traten. Es war Mittagszeit. Niemand nahm Freudenberg wahr, niemand richtete ein Wort an ihn. Die Menschenmasse schien nur noch Augen, Ohren und Nasen für all die Köstlichkeiten zu haben, die in den vielen Buden vor sich hinbrutzelten. Sie verhielt sich so, als ob sie einem Schlachtruf zum Essen folgen würde. Auch Freudenberg konnte auf einmal nicht mehr stillhalten. Jetzt sofort müsse er anfangen zu essen, sagte er sich, jetzt sofort! Noch nie in seinem Leben hatte etwas so gut gerochen wie dieser Platz.
Freudenberg bezahlte sechs Złoty für eine Waffel mit Heidelbeeren und einem dicken Dach Schlagsahne, das an den Rändern abzustürzen drohte. Er leckte die Ränder mit der Zunge ab und verschlang die Waffel mit wenigen großen Bissen. Es schmeckte großartig. Als er wieder aufblickte, merkte er, dass er den Leuten im Weg stand. Er kämpfte sich durch das Gedränge, fand eine Bank, auf der noch ein einzelner Platz frei war, und setzte sich.
Neben ihm saßen kauende Polen. Ein kleines Mädchen hockte auf dem Schoß der Mutter und kleckerte ihr das spiralig aufgetürmte Eis auf den Rock, daneben ein Junge, etwas jünger als Freudenberg, dem Gesicht nach zweifellos der Bruder. Beide Kinder sahen aus wie rundbackige, kleine Bären. Freudenberg fühlte das angeschwitzte Fleisch des Jungen wie eine feuchte Wand an seinem Bein, blieb aber dennoch sitzen. Er versuchte, die Übersicht zu gewinnen. Um ihn herum wimmelte es von essenden Körpern. Einzig in der Mitte des Platzes, auf einem gepflegten und niedrig umzäunten Stück Rasen, war niemand. Nur eine kleine Sprenkleranlage, gerade außer Betrieb, stand da wie ein Denkmal. Am liebsten würden all diese Menschen in die Idylle einbrechen, dachte Freudenberg, aber so obrigkeitshörig und verstädtert, wie sie waren, traten sie sich lieber ununterbrochen auf die Füße und beschimpften sich gegenseitig, als verbotenerweise Gras umzuknicken.
Freudenberg schloss die Augen. Er spürte, dass er noch immer Hunger hatte, gleichzeitig fiel ihm auf, dass er das Meer nicht mehr riechen konnte, obwohl er sich sicher war, es gerade noch gerochen zu haben – noch kurz bevor er die Waffel verschlungen hatte –, was seltsam war. Er musste an eine Tiersendung denken, die er einmal vor Jahren nach der Schule gesehen hatte und in der berichtet worden war, wie es einem Wolf erging, der fette Beute gemacht hatte. Ein Wolf, der sich satt gefressen hatte, konnte eine Weile nicht mehr gut riechen, manchmal eine Woche lang nicht, das Fett verstopfte ihm die Nase oder stumpfte sie ab. Das Wild im Wald war dann sicher vor ihm. Aber auch der Wolf war dann sicher: sicher vor sich selbst – sicher vor seiner eigenen Gier, über den Hunger hinaus immer weiter zu raffen. Freudenberg öffnete die Augen. Er stand von der Bank auf und sprang zurück in die Menschenmenge, schwamm ein Stück mit, aber paddelte schon bald wieder heraus, um ein mit Pilzen und Käse überbackenes Baguette zu kaufen, Zapiekanka. Er biss gierig hinein und aß es schnell auf. Danach lief er zu einer anderen Bude, kaufte eine rote Knackwurst vom Grill und eine große Tüte Pommes Frites, und als könnte er nicht mehr aufhören zu schlingen, noch ein Lody und eine zweite Gofry, diesmal mit frischen Erdbeeren und Vanillesoße.
Freudenberg stutzte und ließ die erst halb aufgegessene Waffel fallen. Als hätte sich sein übersättigter Körper plötzlich entschieden zu streiken. Aber so war es nicht. Freudenberg beugte sich nach vorn und tupfte sich den Mund mit einer dünnen, fast durchsichtigen Serviette ab. Es war kein Blut zu sehen, nichts, nur ein paar Krümel, aber alles im Mund schmeckte metallisch: nach Eisen. Als ob er sich ein Stück Zunge abgebissen hätte ohne Schmerz zu empfinden. Freudenberg schluckte mehrmals mit viel Spucke ab. Es half nicht. Er ging zur Seite und versuchte sich im Gebüsch neben einem Kinderspielplatz zu übergeben, ohne Erfolg. Sich selbst den Finger in den Hals zu stecken, kam nicht in Frage, das war ihm schon immer übergriffig vorgekommen, auch wenn es der eigene Finger war. Schließlich lief er zu einem Kiosk und kaufte sich eine Packung Zigaretten, um diesen höllischen Geschmack loszuwerden, diesen Geschmack von Schrottplatz oder Gemetzel, je nachdem.
Als Freudenberg inhalierte, wurde es besser und er beruhigte sich. Vielleicht hatte es auch sein Gutes gehabt, dachte er: Wäre ihm nicht dieser Metallgeschmack in den Mund gefahren, hätte er nie wieder aufhören können zu schlingen; für den Rest seines Lebens hätte er schnappend und schluckend um dieses Rasenstück rennen müssen, immer wieder Waffeln und Fleisch und Zapiekanka verdauend ohne Aussicht auf Erlösung.
Freudenberg zog heftiger an seiner Zigarette und lief in Richtung Seebrücke, die direkt am Platz begann. Der Anfangsteil bestand aus zwei Türmen und einer kleinen Halle, in der es einige Cafés, Restaurants und Geschäfte gab. Als Freudenberg durch die hintere Tür der Halle trat, sah er endlich das Meer. Die Seebrücke reichte hunderte Meter weit in die Ostsee hinein und machte mittendrin einen Knick. Zum Glück waren nicht viele Menschen unterwegs, die meisten aßen noch immer, man kam gut voran. Freudenberg zählte seine Schritte, das Klacken auf dem Beton, 372.
Das Ende der Brücke war eine größere Plattform, an der auch Schiffe anlegen konnten. Freudenberg schnippte seine aufgerauchte Zigarette übers Geländer. Gleich darauf landete eine Möwe auf den Wellen und fraß sie auf. Die Möwe blieb schaukelnd auf der Wasseroberfläche sitzen und schaute erwartungsvoll nach oben. Freudenberg beugte sich über das Geländer, an dem ein einzelner orangefarbener Rettungsring mit einer langen Wurfleine befestigt war, und zündete sich eine neue Zigarette an. Wie ein Haustier blickte ihn die Möwe an. Er nickte ihr zu und es kam ihm so vor, als nickte sie zurück. Als er sich wieder aufrichtete und den Kopf drehte, sah er die Küstenlinie grüngelb und steil in der Ferne aufragen. Man sah deutlich die Wellen, die sich langsam, aber keinen Moment zögernd, auf die Küste zubewegten, um sich dort sanft das Genick zu brechen, wie in Zeitlupe.
Freudenberg fühlte sich wohl, die Sonne strahlte ihm warm auf Kopf und Nacken, und er blickte nach vorn, aufs offene Meer hinaus. Er suchte den Horizont nach einem Schiff ab, aber es war kein Schiff zu sehen, kein einziges. Immer sehnten sich die Menschen nach dem Meer, dachte er, weil sie selbst noch immer Meerwasser in sich trugen, in jeder einzelnen Zelle, doch wenn es soweit war, wenn sie endlich am Meer standen, vor dieser Ursuppe, dann war ihnen dieser Anblick auf einmal zu viel. Plötzlich kamen sie sich darin ersäuft vor wie Katzenjunge. Freudenberg wendete sich ruckartig ab und blickte nach unten auf den Betonboden der Brücke. Das war zweifellos konkret, aber auch keine Herausforderung. Er hob wieder den Kopf und schnippte den Filter ins Wasser, sah ihn unter sich schaukeln. Diesmal war keine Möwe zur Stelle, die sich darüber hermachte. Wahrscheinlich hatte es sich schnell herumgesprochen, dass seine Geschenke nicht ohne Nebenwirkungen blieben. Freudenberg musste lächeln bei dem Gedanken, obwohl ihm der Gedanke im Grunde unheimlich war. Schließlich kam er wieder in Gang und lief zurück.
Gerade als er auf den Platz treten wollte, hörte er Motorengeräusche und blieb stehen. Neben der Ausgangstür der Halle stand ein Fahrsimulator, den er beim Reingehen nicht bemerkt hatte. Der Simulator war spottbillig. Freudenberg quetschte sich hinein und steckte mehrere Münzen in den Schlitz. Er fuhr verschiedene Rennstrecken mit einem Ferrari F40 mit Schaltgetriebe. Er hätte es einfacher haben können mit einer Automatikeinstellung und einer automatischen Bremshilfe, aber er wollte selbst schalten und selbst bremsen. Fast ununterbrochen war er in Unfälle verwickelt und wurde dennoch von den vollbesetzten Tribünen fast hysterisch bejubelt. Vielleicht wurde er auch deshalb so bejubelt, schoss es ihm durch den Kopf, weil er so spektakulär starb und gleich darauf wieder auferstand? Er war wie ein Jesus im Ferrari. Ein Ferrari-Jesus, der sogar noch schneller und öfter auferstand als der echte. Alles war so einfach in dieser kleinen Simulatorwelt. Es gab genügend Leben. Ein neues Rennfahrerleben als Jesus kostete nur einen einzigen Złoty.
Im Automaten eingekeilt, bemerkte Freudenberg die bittenden Augen eines Jungen, der ihn von der Seite anstarrte. Er war viel jünger, vielleicht zehn Jahre alt. Freudenberg konnte sich nicht mehr konzentrieren und kletterte aus dem Plastiksitz. Er wollte nicht länger im Weg stehen, wenn es darum ging, auch einmal Siege einzufahren. Das Material, der Ferrari, war mit Sicherheit siegfähig, nur er selbst war es nicht gewesen. Der Junge lächelte übers ganze Gesicht, als er sah, dass Freudenberg ihm eine Fahrt übrig gelassen hatte. Freudenberg spürte, dass er sich mitfreute. Als ob sie miteinander verbunden wären, dachte er auf einmal; als ob in Wirklichkeit alles miteinander verbunden wäre, jeder Plastiksitz und jeder Rücken, jeder Schalter und jede Hand, jedes Ding und jedes Geschöpf.
Als Freudenberg zurück auf den Platz trat, schaute er auf seine Uhr, um zu sehen, ob er schon zurück zum Orion musste. Er hatte noch Zeit. Er umrundete das Rasenstück zur Hälfte, fädelte sich in die ulica Bohaterów Warszawy ein und schwamm wieder wie ein einzelnes Blutkörperchen in der Hauptschlagader von Międzyzdroje mit. Rechts tauchte der Eingang zu einem Wachsfigurenkabinett auf, eine billige Betonkulisse, deren Portal einem griechischen Tempel nachempfunden war, links reihten sich Zelte, Buden und Container aneinander, die bis zum Bersten gefüllt waren mit Strandmode, Strandspielzeug und Muscheln: muschelverklebten Tassen, Tellern und Leuchttürmen. Er selbst bräuchte nur einen Tag in der Sonne liegen, dachte Freudenberg, und schon würde er auch einen Leuchtturm kaufen oder ein Handtuch mit Seepferdchen.
Er ging weiter und kam zu einem weißen, hochgewürfelten Hotelkomplex mit abstehenden Balkonen, die ihn an Hasenställe erinnerten. Über dem Eingang las er den Schriftzug Amber Baltic. Vorrangig schwarze, deutsche Mittelklassefahrzeuge standen vor dem Hotel aufgereiht und glänzten in der Sonne wie Mistkäfer. Freudenberg ging weiter geradeaus, obwohl sich Möglichkeiten der Abschweifung nach rechts, tiefer in den Ort hinein oder nach links in eine kleine Parkanlage anboten, aber er wollte kurvenlos weitergleiten.
Hinter dem Amber Baltic wurde es deutlich ruhiger. Rechts standen noch vereinzelt alte Kurhäuser herum, aber links neben den Sandwegen, die zum Strand führten, starben die Gofry- und Lody-Buden langsam aus. Freudenberg sah einen Moment lang keine Menschen mehr. Am liebsten hätte er die Gangart gewechselt und wäre im Passgang weitergelaufen wie ein Bär, was er gern tat, wenn er allein war. Im Passgang zu laufen war die einfachste Art, kurz zu vergessen, dass man ein Mensch war. Hier traute er sich nicht, er kam sich noch immer beobachtet vor.
Auf der rechten Seite erhoben sich Neubauten, die viel zu hoch schienen für das kleine Międzyzdroje. Ihre Fassaden waren grau und fleckig geworden. Alles an ihnen wirkte infektiös. Freudenberg ging die Treppe zu einem der schmutzigen Eingänge hinauf und sah, dass auf dem riesigen Klingelbrett mindestens fünfzig Namen standen. Der Name Arkadiusz Węgłowski fiel ihm ins Auge und Freudenberg starrte eine Weile darauf, bevor er mit dem Finger einmal vorsichtig über das Klingelschild strich. Er kam sich selbst vor wie ein Węgłowski. Wie einer, der auf dem Weg ist, oder ihn gerade verloren hat.
Über die Promenada Gwiazd, wie die verlängerte ulica Bohaterów Warszawy hieß, gelangte Freudenberg ans Ortsende. Rechts führte eine ulica Campingowa wahrscheinlich zu einem Campingplatz und geradeaus endete eine löchrige Straße direkt auf dem Hafengelände, wo Wellblechdächer in der Ferne aufblitzten. Ein dritter Weg, ein Wanderweg, führte gleich neben der Hafenstraße auf die bewaldete Steilküste hoch, die zum Woliński Park Narodowy gehörte. Freudenberg las die Verhaltensregeln für den Nationalpark auf einem Holzschild, das neben einem Mülleimer in die Erde gerammt war. Er hatte keinen Hund bei sich, den er zu leinen hatte, allerdings Zigaretten, die er nicht zünden durfte. Freudenberg steckte sich eine Zigarette an und nahm den vierten Weg über die Düne. Es war nahezu still.
3
Freudenberg zog seine Schuhe aus und betrat den Strand. Sofort sanken seine Füße ein Stück ein und er fühlte sich haltloser, aber auch leichter, fast schwebend, als wäre er auf einem fremden Planeten gelandet, auf dem es weniger Schwerkraft gab, dafür mehr Strahlung und Ruhe. Er holte mehrmals tief Luft. Dann wurde der Ton eingeschaltet. Ein Piroggenverkäufer brüllte los. Ohne dieses Gebrüll hätte man die öligen, vor sich hin dämmernden Körper wahrscheinlich noch viel länger für feuchtes Gestein halten können, dachte Freudenberg, für extraterrestrischen Rosengranit vielleicht, jetzt aber stemmten sich die fleischigen Batzen der Reihe nach auf, die Glieder knickten ein und streckten sich, überall arbeiteten eifrige Gelenke, Drehgelenke und Kugelgelenke, Scharniergelenke und Sattelgelenke. Die Strandkörper verschoben sich gegeneinander wie einzelne Segmente eines Tausendfüßlers. Hunderte Ärmchen kramten in den Chitintaschen nach Münzen, dass es klimperte.
Freudenberg lief an ihnen vorbei, durchquerte zügig die Sandburgenzone und blieb direkt vorm Meer stehen. Es gab kaum Wind, kaum Brandung, nur kleine Stoßseufzer von Miniaturwellen, die ihm die Füße ableckten wie Schoßhündchen. Alles in allem eine langweilige Badewanne. Freudenberg versuchte sich einen Witz über die polnische Ostsee auszudenken: Was haben Metallverarbeitung und polnische Ostsee gemeinsam? Ihm fiel keine Antwort ein. Er war auch froh darüber, dass ihm keine Antwort einfiel, dass es scheinbar keinen Zusammenhang gab. Mit einem Mal fühlte er sich sicher, angenehm umrauscht von der fremden Sprache, die jetzt aus allen Richtungen kam und aus der man leicht verschiedene Erregungszustände, verschiedene Temperamente heraushören konnte. Gleichzeitig wirkten die Mitglieder dieser fremden Sprachgemeinschaft menschlicher, auch intelligenter als all die Menschen zu Hause, deren Worte man immer verstand. Was sicher ein Trugschluss war. Vermutlich redeten all diese Menschen hier den gleichen Unsinn, den gleichen Schrott wie alle Deutschen an irgendwelchen anderen Stränden, dachte Freudenberg, doch man verstand sie nicht, verstand kein einziges Wort, das war der entscheidende Vorteil. Das war der Eingang zum Paradies.
Freudenberg setzte sich wieder in Bewegung. Als er auf die Uhr schaute, sah er, dass es Zeit war umzukehren, aber jeder Muskel seines Körpers schien sich dagegen zu wehren. Er lief weiter am Wasser entlang und atmete ruhig und tief. Er wollte es nicht eilig haben, nicht jetzt.
Rechts neben ihm erhob sich allmählich die Steilküste. Sie wirkte wie ein schwerfälliges Tier, das sich mit den Vorderpfoten langsam vom Boden löste, um am Ende über einhundert Meter hoch auf den Hinterpfoten zu stehen. Freudenberg drehte sich um. Der Blick zurück Richtung Seebrücke und Amber Baltic war jetzt sand- und rosafarben. Er musste an ein Bild denken, das er in einem Fotoband in der Schulbibliothek gesehen hatte, eine doppelseitige Luftaufnahme von einem ostafrikanischen Natronsee, an dem sich zehntausende rosig-fleischfarbene Flamingos die Beine in den Bauch standen, um mit ihren krummen Schnäbeln Kleinkrebse zu filtrieren. Ein Rausch in Rosa. Aber was man auf solchen Fotos nie erahnen konnte, wusste Freudenberg, war der sagenhafte Lärm und Gestank dieser Tiere, der Gestank ihrer vielleicht hunderttausend, rosafarbenen Kloaken.
Freudenberg drehte sich wieder um und lief weiter nach Osten. Nah am Hang tauchten Baracken und kleine Fischbuden auf, letztere mit Freisitzen, die gut gefüllt waren. Er war genau auf der Höhe des Hafengeländes angekommen. Am Strand standen bunte Fischkutter, die man mit Winden an Land gezogen hatte und die den Eindruck erweckten, als hätten sie gute Laune. Einzig die schwarzen Schiffsschrauben, die aus ihren Hintern herausragten wie Geschwüre, schienen das Gegenteil zu behaupten. Ein gelber Hund sprang von einem der Kutter herunter und kam Freudenberg entgegen. Er strich ihm um die Beine wie ein schmieriger Kater und lief dann weiter zu den Fischern. Freudenberg folgte ihm.
Zwischen den bunten Stahlwänden der Kutter wurde der Fang des Tages aus den Netzen gepult. Freudenberg trat näher heran und betrachtete die ruhigen, wetterharten Hände der Fischer. Er wartete auf ein Knistern ihrer Häute, so trocken pergamentartig kamen sie ihm vor. Aber das Knistern blieb aus. Nur ein leises Schwanzschlagen war zu hören. Die Fische zappelten in den engen Maschen der Netze und wurden Stück für Stück herausgepflückt. Es waren ausschließlich Flachfische: Schollen und Heilbutte. Ihre Kiemendeckel klappten hektisch auf und zu, als ob sie versuchten, noch im letzten Moment davonzufliegen. Freudenberg erinnerte sich an eine Biologiestunde in der 5. Klasse, in der ihnen ihr Lehrer erklärt hatte, was genau mit Kiemen passierte, die keinen Kontakt mehr mit Wasser hatten. Ihre hauchdünnen Atemblättchen trockneten aus; obwohl genügend Sauerstoff in der Luft war, konnte er nicht mehr genutzt werden. Die Fische erstickten in einem Luftmeer von Sauerstoff. Freudenberg blickte auf die zappelnden Körper. Auch die Erhöhung der Atemfrequenz nützte ihnen nichts mehr, es war sinnlos geworden, es war zu spät.
Die Fische wurden nach Größen getrennt in verschiedenfarbige Plastikkisten geworfen, nur die allerkleinsten, so groß wie Neugeborenenhände, flogen zurück in die Brandung. Die Flugbahn betrug nur wenige Meter und nahm ihren Anfang in einer kurzen Zuckung im Handgelenk eines Fischers. Im flachen Brandungswasser glitzerten schon massenhaft Leichen. Kinderleichen, dachte Freudenberg. Nur bei genauerem Hinsehen gab es noch einige Überlebende. Sie paddelten vor sich hin, aber schienen nicht mehr in der Lage zu sein, gegen die lächerliche Brandung anzukämpfen, um zurück ins Tiefwasser zu gelangen. Ihre Kiemen waren schon unumkehrbar geschädigt. Ein Möwenrudel schaukelte um die frischen Kadaver und die noch Sterbenden herum und pickte sie von Zeit zu Zeit auf. Ein perfektes Buffet für diese Arschlochvögel, dachte Freudenberg und spuckte ins Wasser.
Die Fischerfrauen liefen mit immer neuen Kisten voller Flachfische zum Hafengelände und kamen mit leeren Kisten zurück. Der gelbe Hund war auf einen grünen Kutter gesprungen und schaute jetzt schwanzwedelnd über die Reling. Um ihn herum standen weiße Stangen mit roten Fähnchen. Freudenberg ging näher an den Kutter heran und stellte sich auf die Zehenspitzen. Auf Deck standen dutzende Bojen, alte Plastikfässer, mit denen die Stangen nach unten abschlossen. Der Hund hörte auf, mit dem Schwanz zu wedeln, und begann zu knurren, dann zu bellen. Die Fischer blickten auf. Einer von ihnen schrie etwas in Freudenbergs Richtung. Der Hund verstummte sofort und verschwand in der Kajüte. Freudenberg entfernte sich von dem Kutter. Er zündete sich eine Zigarette an und ging zurück zu den Netzen.
Auch wenn die Fische keinen Lidschlag hatten, keine Mimik beim Sterben, so erschütterte ihn ihr Anblick doch zunehmend: Das Schlagen der Flossen, das hektische Herumwerfen des ganzen Körpers, alles schien verzweifeltes Bewusstsein, unverstellte Panik. Darüber das völlige Desinteresse des größeren und stärkeren Tieres. Obwohl es der Tod war, der sich direkt vor seinem Auge abspielte, zeigte sich die unerschütterbare Routine des Jägers. Es war der Tod der anderen, immer der Tod der anderen, aber nur so lange, bis er einen selbst irgendwann holt, dachte Freudenberg, dann stoppt jede Routine.
Das Krampfen der Leiber hatte aufgehört und die Kiemendeckel klappten nur noch langsam und unentschieden auf und zu. Warum half man diesen Wesen, diesen Seelen dachte Freudenberg, nicht wenigstens dabei, schneller zu sterben, weniger qualvoll? Aber auch hier gab es nur eine einzige Antwort: weil es allen egal war. Die Fischer lachten und rauchten, lösten die verhaspelten kleinen Flossen und Schwänze wie nebenbei aus den Netzen und warfen sie in die Plastikkisten oder in die Brandung. Die weißgrauen Möwenleiber schaukelten und pickten unermüdlich in den Wellen. Auf einmal sah Freudenberg die Vögel in einem anderen Licht. Dieses Möwenschlaraffenland war auch ein Fischseelenerlösungsland. Zumindest die kleineren unter ihnen wurden schneller erlöst. Die größeren dagegen blieben erbarmungslos allein, möwenlos allein. All die stämmigen, gefühllosen Weiber trugen sie in die dunklen Baracken und ließen sie einfach dort stehen, bis sie in Zeitlupe erstickt waren. Freudenberg steigerte sich mit einem Mal in eine Wut hinein und wurde knallrot im Gesicht, aber weder die Fischer noch ihre Frauen nahmen ihn und seine aufflackernde Wut überhaupt wahr. Vielleicht war es auch gut so, dass sie nichts merkten, dachte Freudenberg, der genauso schnell wieder abkühlte, wie er in Brand geraten war: Es war vorbei, alle Fische waren tot. In wenigen Stunden würde man sie verspeisen, noch etwas später dann ausscheißen. Es würde sein, als hätten sie nie existiert, keine Fotos und keine Gedenkfeiern, nichts. Er blickte den Männern ins Gesicht und erkannte auf einmal, wie schrecklich müde sie waren: müde vom Fangen und Sterbenlassen. Dann blickte er auf den Boden. Überall waren Schleifspuren im Sand zu sehen von den Schiffsrümpfen, den Särgen. Plötzlich hatte Freudenberg Bilder vor Augen: Er sah die Kutter, die lange vor Sonnenaufgang ins schwarze Wasser eintauchten und davonglitten, er sah das Auswerfen der Netze, die schaukelnden roten Fähnchen auf den weißen Plastikfässern, das Anlocken und Fangen der Flachfische, und schließlich gegen Mittag die Rückkehr der Männer, der Strand westwärts schon voller Menschenfleisch, und auch das Schiffsdeck jetzt voller Fleisch, grau und kalt, zappelnd und kämpfend, sinnlos zwar, aber immer noch kämpfend, das frische, kalte Meerfleisch für das hungrige, heiße Strandfleisch. Freudenberg schnippte seine aufgerauchte Zigarette zwischen die geifernden Möwenschädel, aber keine schnappte danach, keine hatte es nötig. Die Frauen brachten jetzt Schnaps und die Männer johlten. Die letzten Fische wurden nur noch nachlässig aus den Netzen gepflückt. Der gelbe Hund war vom Kutter gesprungen und hatte sich in den Schatten einer Schiffsschraube gelegt.
Freudenberg schaute auf die Uhr, es war kurz nach eins, eine halbe Stunde über der vereinbarten Zeit, es war ihm egal. Ein Telefon hatte er nicht, zum Glück. Er setzte sich wieder in Bewegung und lief weiter nach Osten, folgte der leicht schlängelnden Küstenlinie. Erst jetzt im Laufen bemerkte er, wie stark die Sonne inzwischen brannte und wie pochend heiß sich seine rechte Schläfe anfühlte. Man konnte noch so nah am Hang entlanglaufen, die Sonne stand schon zu hoch über der Steilküste und erwischte einen überall. Er musste erneut an die Fischer denken, die ihn, nachdem sie miteinander angestoßen hatten, plötzlich wie einen Geist angeschaut hatten, der ihnen vorher nicht aufgefallen war. Sie hatten ihm irgendwas hinterhergerufen und dabei gelacht, was dreckig geklungen hatte, wie Möwengelächter. Auch das war jetzt egal, dachte Freudenberg und lief weiter. Er wollte sein T-Shirt ausziehen, es sich um den Kopf binden wegen der Sonne, aber tat es dann doch nicht, als ob es ihm jemand verbieten würde. Aber wer sollte das sein? Keine Menschenseele war mehr da, um ihm noch irgendwas zu verbieten.
Er ging an einer Holztafel mit der Aufschrift Woliński Park Narodowy vorbei und zündete sich eine neue Zigarette an. Nach einer Weile begann er ein Spiel mit der Brandung, so wie er es als Kind immer geliebt hatte. Er rannte im Geradeauslauf leicht nach links in die sich zurückziehende, trocknende Meerfläche hinein, aber sobald eine neue Welle kam und sich die Wasserzunge ausrollte, um ihn zu berühren, lief er schnell vor ihr weg, knapp und kontrolliert, aber nur so lange, bis sie sich erneut zurückzog, dann rannte er ihr gleich wieder hinterher. Genau das richtige Tempo zu finden, der Wechsel von Flucht und Verfolgung, die exakte oszillierende Bewegung des eigenen Muskelapparates, all das machte ihn glücklich, fast so glücklich wie früher.
Erst als Freudenberg außer Atem war, blieb er stehen und ließ sich fangen. Seine Schuhe und Strümpfe wurden nass, aber es war nicht schlimm, im Gegenteil, es fühlte sich an, als ob seine brennenden Füße endlich gelöscht würden. Dann tapste er aus der Brandung heraus, begann im Passgang zu laufen und verwandelte sich für eine Weile in einen schmächtigen Bären, noch immer scheu, doch zufrieden.
Je weiter Freudenberg lief, desto stärker veränderte sich die Steilküste, desto wilder erschien sie ihm. Die Hänge sahen jetzt aus wie unregelmäßige Schnittflächen in einem gewaltigen Körper. Entrindete Stämme ragten heraus wie einzelne Rippen oder Zähne, dazwischen verkrüppelte Büsche, die bis zum Strand herunterreichten, und ganz oben auf der Kammlinie ein Grün wie Echsenhaut. Alles hier wirkte berauschend. Den Kopf im Nacken sah Freudenberg, dass sich auch der Himmel zu verändern begann: In einer weiten Wölbung rutschte ein gleichförmiges Blau aus Richtung Międzyzdroje unter eine grauweiße Milchglasscheibe, die sich aus entgegengesetzter Richtung näherte. Das Blau verschwand allmählich, wurde langsam verschluckt und die Sonne drückte nicht länger mitten ins Gehirn.
Freudenberg lief weiter und durchquerte Strandabschnitte, die fast völlig von Geröllmassen bedeckt waren. Auf einmal sah er einen Körper, der isoliert, aber dennoch touristisch, auf einem Badehandtuch lag. Der nackte Körper war schlafend oder Schlaf vortäuschend zwischen rötlich geäderten Steinen ausgestreckt. Ein Kleiderberg lag daneben wie eine bunte, abgestreifte Haut. Freudenberg sah im Vorübergehen das Glied des Touristen, das halb aufgerichtet war, und beeilte sich vorbeizukommen.
Die Küstenlinie machte eine leichte Biegung nach rechts und Freudenberg folgte ihr. Im Gehen blickte er zurück und sah, dass Seebrücke und Fischkutter verschwunden waren. Als ob sich ein Kiefer aus Sand und Stein vorgeschoben hätte, ein mächtiges Gebiss, das den Weg zurück zu den Menschen versperrte. Aber es war nicht schlimm, fühlte Freudenberg, es beunruhigte ihn nicht. Er lief weiter. Überall lagen Gesteinsbrocken herum: grau im Sand oder schwarz, scharfkantig im Wasser. Das Meer klatschte, trommelte und zischte. Der ganze Strand war ein Dschungel. Doch statt lebendiger Bäume bot dieser Dschungel nur Totholz, blank gescheuerte Stämme und Wurzelstümpfe mit bizarren, dann wieder deutlich menschlichen Formen: Schulterblätter und Darmbeinschaufeln, Kreuzbeine und Wirbelsäulen.
Freudenberg blieb stehen, weil am Boden etwas glitzerte. Er kniete sich hin und betrachtete die fein geschwungenen, silbrigen Linien, die zu Tausenden ein Muster im Sand bildeten. Es wirkte nicht weniger komplex als ein nächtlicher Sternenhimmel. Freudenberg zog seinen rechten Zeigefinger vorsichtig an einer der Linien entlang und leckte ihn ab. Es schmeckte salzig. Aber anders als Speisesalz. Die feinen silbrigen Linien hatten noch einen Beigeschmack von Fäulnis.
Erst als Freudenberg wieder aufblickte, nahm er einen halb versunkenen Betonwürfel wahr, eine Art Bunker, der in der Brandung stand, nur etwa dreißig Meter vom Ufer entfernt. Wie hatte er ihn übersehen können, fragte er sich, es war ein gewaltiges Teil. Er setzte sich hin und starrte auf den Bunker. Die Sonne drückte von Neuem ins Gehirn, obwohl sie nicht mehr blendete. Plötzlich streifte ihn etwas, von innen oder von außen, das ließ sich nicht genau sagen. Freudenberg erschrak nicht darüber. Langsam zog er seine Sachen aus, auch seine Unterhose, und legte alles ordentlich zusammen. Dann lief er ins Wasser. Es kam ihm vor, als ob er gezogen würde.
Die vorherige Grelle bewirkte, dass er nahezu blind wurde, als er den fensterlosen Würfel betrat. Das Wasser im Inneren ging ihm bis zur Hüfte. Es klatschte und schmatzte die ganze Zeit von außen in den Bunker hinein. Freudenberg stand reglos da und fühlte, dass sich die Wasserscheibe um seine Hüften bei jedem Klatschen an die Außenwand leicht mitbewegte. Erste Schemen tauchten auf: unregelmäßige Grautöne. Freudenberg streckte seinen rechten Arm aus und berührte die Wand mit der ganzen Handfläche. Es fühlte sich weich und warm an, als ob man etwas Lebendiges streichelte. Er griff tiefer in die Algenmasse hinein und erreichte mit den Fingerspitzen die Betonoberfläche. Noch immer war alles angenehm warm und feucht. Freudenberg fing an mit den Fingern zu kreisen und spürte, dass sich sein Glied dabei versteifte. Er kreiste schneller. Auf einmal stieß er auf etwas anderes, etwas Vorgewölbtes, Kaltes, und hielt mitten in der Bewegung inne. Er ging mit dem Gesicht näher an die Wand heran und begann zu tasten. Sehr vorsichtig und konzentriert, als suchte er im Fell eines Tieres nach Parasiten oder einem Geschwür. Er konnte der fremdartigen Struktur wie einem Band folgen, das Geschwür wurde länger. Freudenberg drückte die Algenmasse stärker zur Seite und sah etwas Metallisches aufblitzen. Sein Herz machte einen Sprung und seine Handbewegungen wurden hektischer. Er riss Algen von der Wand. Zwei weitere Bänder kamen zum Vorschein: In Hals-, Brust- und Hüfthöhe waren Stahlbänder in die Betonwand eingelassen. Freudenberg erstarrte. Das Klatschen des Wassers, ein Schlagen von außen an die Wand, dann in den Schädel hinein, wurde härter. Schließlich ein Blitz, der in seine Stirn einschlug.
Als Freudenberg die Augen wieder öffnete, sah er die Wasserscheibe, die sich zitternd um seinen Hals bewegte. Er kam langsam aus der Hocke hoch und begann zu begreifen. Er war noch immer im Bunker. Die Wand hatte ihn aufgefangen, aber im Mund war etwas eingerissen, es schmeckte nach Eisen. Er spuckte aus und lehnte seinen Kopf an die Betonwand. Durch einen schmalen Spalt war ein Ausschnitt des Strandes zu sehen. Er sah geäderte Schottermassen, gelbe und braune Schattierungen, Sand und Wurzelwerk. Wie ein Gemälde, ein Stillleben, dachte Freudenberg seltsam erleichtert und befahl sich selbst, ruhiger zu atmen. Es gelang nicht. Etwas stimmte nicht mit seiner Atmung, sie flackerte ängstlich weiter. Erst als er länger hinschaute, verstand er, warum. Er konnte ihn jetzt deutlich erkennen: einen ausgestreckten Arm am oberen Bildrand mit einer Hand, die auf ihn zeigte – genau auf ihn.
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