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Die Perelandra-Trilogie

Erster Band

Jenseits des schweigenden Sterns

C. S. Lewis


Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

eISBN 9783865064288

© 2005 für diese Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

Vollständige, ungekürzte Ausgabe. Übersetzung von Walter Brumm

Neubearbeitung von Nicola Volland

© der deutschen Übersetzung: Thienemann Verlag, 1990

OUT OF THE SILENT PLANET previously published in paperback

by Voyager 2000. First published in Great Britain by John Lane

(The Bodley Head) Ltd 1938

Copyright © C. S. Lewis Pte Ltd 1938

Einbandgestaltung: BrendowCreativ, Moers

Titelmotiv: GettyImages, München

Inhalt

Cover

Titelseite

Impressum

Inhalt

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Nachschrift

Ganoven, Gott und Grüne Männchen

Schmuggelgut im Raumschiff

Schachmatt im Autobus

Der Kompass des Weltraum-Missionars

»Mars alarmiert Amerika«

Die neue Saga von den anderen Welten

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Die Chroniken von Narnia

Die Chroniken komplett.

Die Hörbücher

Der Mann, der Narnia schuf

Die Romane

Dienstanweisung für einen Unterteufel

1 _______

Kaum waren die letzten Tropfen des Gewitterschauers gefallen, steckte der Wanderer seine Landkarte in die Tasche, rückte den Rucksack auf den müden Schultern zurecht und trat aus dem Schutz eines mächtigen Kastanienbaums auf die Landstraße hinaus. Im Westen ergoss sich ein schwefelgelber Sonnenuntergang durch einen Wolkenriss, aber vorn über den Hügeln hatte der Himmel die Farbe dunklen Schiefers. Wasser troff von jedem Baum und jedem Grashalm, und die Landstraße glänzte wie ein Fluss. Der Wanderer hielt sich nicht mit der Betrachtung der Landschaft auf, sondern schritt sofort entschlossen aus, wie jemand, der zu spät gemerkt hat, dass er noch einen längeren Weg als geplant vor sich hat. Und so war es auch. Hätte er zurückgeblickt, so hätte er den Kirchturm von Much Nadderby gesehen, und dieser Anblick hätte ihn womöglich dazu verleitet, das ungastliche kleine Hotel zu verwünschen, das ihm, obwohl offensichtlich leer, ein Bett verweigert hatte. Das Haus hatte seit seiner letzten Wanderung durch diese Gegend den Besitzer gewechselt. Der freundliche alte Gastwirt, mit dem er gerechnet hatte, war jemandem gewichen, den die Bedienung »die Herrin« nannte, und diese Herrin war anscheinend eine britische Wirtin jener orthodoxen Schule, die Gäste als lästig erachtet. Seine Hoffnung war jetzt auf Sterk gerichtet, das gut sechs Meilen entfernt hinter der Hügelkette lag. Der Landkarte zufolge gab es in Sterk einen Gasthof. Der Wanderer war erfahren genug, nicht allzu große Hoffnungen auf diese Möglichkeit zu setzen, doch er hatte keine andere Wahl.

Er ging ziemlich schnell und gleichmäßig, ohne viel umherzublicken, als wolle er sich den Weg mit interessanten Überlegungen verkürzen. Er war groß und etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt. Seine Schultern waren leicht gekrümmt und er war mit einer gewissen Schäbigkeit gekleidet, wie dies oft bei Intellektuellen in den Ferien der Fall ist. Auf den ersten Blick hätte man ihn leicht für einen Arzt oder Lehrer halten können, obwohl er weder das weltmännische Auftreten des einen noch die schwer zu beschreibende Forschheit des anderen hatte. Er war Philologe und Dozent an der Universität Cambridge. Sein Name war Ransom.

Als er Nadderby verließ, hatte er gehofft, noch vor Sterk bei irgendwelchen freundlichen Bauern Unterkunft zu finden. Doch das Land diesseits der Hügel schien nahezu unbewohnt. Es war ein ödes, eintöniges Land, auf dem hauptsächlich Kohl und Rüben angebaut wurden, mit kümmerlichen Hecken und vereinzelten Bäumen. Es lockte keine Besucher an wie die abwechslungsreiche Landschaft südlich von Nadderby, und von dem Industriegebiet hinter Sterk war es durch die Hügelkette getrennt. Als die Abenddämmerung hereinbrach und der Gesang der Vögel verstummte, wurde es stiller, als es in einer englischen Landschaft gewöhnlich ist. Das Geräusch seiner Schritte auf der Schotterstraße begann, ihn zu stören.

Er war ungefähr zwei Meilen gewandert, als er in der Ferne ein Licht entdeckte. Er hatte nun den Fuß der Hügel erreicht und es war beinahe dunkel. Er hoffte immer noch darauf, ein Bauernhaus zu finden, bis er recht nah an der Lichtquelle war und sah, dass es ein sehr kleines, hässliches Ziegelhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert war. Als er an der offenen Tür vorbeiging, stürzte eine Frau heraus und prallte fast mit ihm zusammen.

»Bitte entschuldigen Sie, Herr«, sagte sie. »Ich dachte, es wäre mein Harry.«

Ransom fragte sie, ob er irgendwo zwischen hier und Sterk ein Quartier für die Nacht bekommen könnte.

»Nein, Herr«, erwiderte die Frau. »Erst in Sterk. Aber ich glaube, in Nadderby kommen Sie eher unter.«

Ihre Stimme klang unterwürfig und zugleich besorgt, als wäre ihre Aufmerksamkeit von etwas anderem in Anspruch genommen. Ransom erklärte, dass er es in Nadderby bereits versucht habe.

»Dann weiß ich auch nicht, Herr«, antwortete sie. »Bis Sterk gibt es eigentlich nichts, jedenfalls nicht das, was Sie brauchen. Da ist nur ›Haus Aufstieg‹, wo mein Harry arbeitet, und ich habe gedacht, Sie kommen von dort, Herr, und deshalb bin ich herausgekommen, als ich Sie hörte, weil ich gedacht habe, er könnte es sein. Er müsste längst zu Hause sein.«

»Haus Aufstieg«, sagte Ransom. »Was ist das? Ein Hof? Könnte ich dort übernachten?«

»O nein, Herr. Wissen Sie, dort wohnen nur der Professor und der Herr aus London, seit Miss Alice gestorben ist. Die nehmen niemanden auf, Herr. Die haben nicht einmal Dienstboten, nur meinen Harry, der sich um die Feuerung kümmert; aber er schläft nicht im Haus.«

»Wie heißt dieser Professor?«, fragte Ransom mit schwacher Hoffnung.

»Ich weiß nicht, Herr, leider«, sagte die Frau. »Der zweite Herr heißt Devine, und Harry sagt, der andere ist ein Professor. Er versteht nicht viel davon, Herr, er ist ein bisschen einfältig, und darum möchte ich nicht, dass er so spät heimkommt, und die Herren haben gesagt, sie würden ihn immer um sechs nach Haus schicken. Und er arbeitet wirklich genug.«

Die eintönige Stimme der Frau und ihr karger Wortschatz verrieten nicht viel über ihre Gefühle, aber Ransom stand nahe genug, um zu sehen, dass sie zitterte und dem Weinen nahe war. Ihm kam der Gedanke, zu dem geheimnisvollen Professor zu gehen und ihn zu bitten, den Jungen nach Hause zu schicken; und nur den Bruchteil einer Sekunde später fiel ihm ein, dass er, sobald er im Haus und unter Männern seines Berufs wäre, vielleicht aufgefordert würde, die Nacht bei ihnen zu verbringen. Von welcher Art seine Überlegung auch immer gewesen sein mochte, die Vorstellung, in »Haus Aufstieg« vorzusprechen, hatte die Gestalt eines festen Entschlusses angenommen. Er sagte der Frau, was er vorhatte.

»Vielen, vielen Dank, Herr«, sagte sie. »Und wenn Sie so freundlich sein und ihn bis ans Tor und auf die Landstraße bringen würden, bevor Sie weitergehen; Sie verstehen schon, was ich meine, Herr. Er hat solche Angst vor dem Professor, und sobald Sie den Rücken kehren, würde er doch dableiben, wenn die Herren ihn nicht ausdrücklich fortschicken.«

Ransom beruhigte die Frau, so gut er konnte, und verabschiedete sich von ihr, nachdem er sich vergewissert hatte, dass er das Haus nach ungefähr fünf Minuten auf der linken Seite sehen würde. Seine Beine waren während des Stehens steif geworden und nur mit Mühe ging er langsam weiter.

Links von der Landstraße war keinerlei Lichtschein zu sehen, nichts als flaches Feld und eine dunkle Masse, die er für ein Waldstück hielt. Es kam ihm länger als fünf Minuten vor, bis er dorthin gelangte und merkte, dass er sich geirrt hatte. Die Straße war von einer dichten Hecke gesäumt und in die Hecke war ein weißes Tor eingelassen. Die Bäume, die sich über ihm erhoben, als er das Tor untersuchte, waren nicht der Rand eines Wäldchens, sondern nur eine Zeile, durch die der Himmel schimmerte. Er war jetzt überzeugt, dass dies das Tor zu »Haus Aufstieg« war und dass diese Bäume ein Haus und einen Garten umgaben. Er versuchte, das Tor zu öffnen, doch es war verschlossen. Eine Weile stand er unschlüssig, entmutigt von der Stille und der zunehmenden Dunkelheit. Sein erster Gedanke war, trotz seiner Müdigkeit nach Sterk weiterzuwandern; aber er hatte der alten Frau zuliebe eine lästige Pflicht auf sich genommen. Er wusste, dass er sich einen Weg durch die Hecke bahnen konnte, wenn er wirklich wollte. Aber er wollte nicht. Wollte nicht gewaltsam bei einem eigenbrötlerischen Sonderling eindringen – jemandem, der sogar auf dem Land sein Gartentor abschloss. Wie lächerlich würde er dastehen mit seiner albernen Geschichte von einer hysterischen Mutter, die in Tränen aufgelöst war, weil ihr schwachsinniger Junge eine halbe Stunde länger bei der Arbeit festgehalten wurde! Doch es war völlig klar, dass er hineingehen musste, und weil man mit einem Rucksack auf dem Rücken nicht durch eine Hecke kriechen kann, nahm er ihn ab und warf ihn über das Tor. Im selben Augenblick wurde ihm klar, dass er bis jetzt noch nicht wirklich entschlossen gewesen war – jetzt, wo er in den Garten einsteigen musste, zumindest, um seinen Rucksack wiederzuholen. Er ärgerte sich über die Frau und über sich selbst, aber schließlich ging er in die Hocke und zwängte sich durch die Hecke.

Das war schwieriger als erwartet, und mehrere Minuten vergingen, bevor er sich in der nassen Dunkelheit auf der anderen Seite der Hecke aufrichten konnte, zerschunden von Dornen und Brennnesseln. Er tastete sich zum Tor, nahm seinen Rucksack auf und wandte sich dann um, um seine Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen. Auf der Zufahrt war es heller als unter den Bäumen und es fiel ihm nicht schwer, ein großes Steinhaus zu erkennen, von dem er durch eine breite, ungepflegte Rasenfläche getrennt war. Nicht weit von ihm entfernt verzweigte sich die Zufahrt – der rechte Weg führte in einer sanften Kurve zum Haupteingang, der linke verlief geradeaus, offenbar zur Rückseite des Hauses. Ihm fiel auf, dass dieser Weg von tiefen Fahrspuren durchzogen war, in denen jetzt das Wasser stand – so als führen dort regelmäßig schwere Lastwagen. Der andere Weg, den er nun einschlug, war mit Moos überwachsen. Das Haus war völlig dunkel; an einigen Fenstern waren die Läden geschlossen, andere gähnten leer, ohne Läden oder Vorhänge; alle wirkten leblos und ungastlich. Das einzige Zeichen, das auf Bewohner deutete, war eine Rauchsäule, die hinter dem Haus emporstieg und so dicht war, dass man eher an einen Fabrikschornstein oder zumindest an eine Wäscherei dachte als an den Rauchabzug einer Küche. ›Haus Aufstieg‹ war offensichtlich nicht der Ort, wo man Fremde zum Übernachten einladen würde, und Ransom, der bereits einige Zeit mit seiner Betrachtung vertan hatte, hätte sich zweifellos abgewandt und seine unterbrochene Wanderung fortgesetzt, wäre er nicht durch sein unseliges Versprechen gebunden gewesen.

Er stieg die drei Stufen zu der überdachten Veranda hoch, fand die Türglocke, läutete und wartete. Nach einer Weile läutete er wieder und setzte sich auf eine Holzbank, die am Geländer der Veranda entlanglief. Er saß so lange, dass der Schweiß auf seinem Gesicht zu trocknen begann und ihm ein leichtes Frösteln über den Rücken lief, obwohl die Nacht warm und sternenklar war. Er war mittlerweile sehr müde, und vielleicht war das der Grund, weshalb er nicht aufstand und ein drittes Mal läutete. Hinzu kamen die wohltuende Stille des Gartens, die Schönheit des Sommerhimmels und irgendwoher aus der Nachbarschaft der Ruf einer Eule, der die friedvolle Stille ringsum noch zu verstärken schien. Er schien kurz eingenickt zu sein, als er plötzlich aufschreckte und gespannt einem sonderbaren Geräusch lauschte – einem Scharren und Schnaufen, das sich wie ein Handgemenge anhörte. Er stand auf. Das Geräusch war jetzt unverkennbar: Leute in Stiefeln kämpften oder rangen miteinander. Nun wurden auch Stimmen laut. Er konnte nichts verstehen, aber er hörte die abgerissenen, bellenden Rufe von zornigen und atemlosen Männern. Ein Abenteuer war das Letzte, was Ransom jetzt wollte, doch die Überzeugung, dass er der Sache auf den Grund gehen sollte, festigte sich bereits in ihm, als er einen gellenden und deutlichen Schrei vernahm: »Lasst mich los! Lasst mich los!«, und gleich darauf: »Ich will da nicht rein! Lasst mich nach Haus!«

Ransom warf den Rucksack ab, sprang die Stufen hinunter und rannte zur Rückseite des Hauses, so schnell seine steifen und schmerzenden Beine ihn trugen. Die Wagenspuren und Pfützen des schlammigen Wegs führten ihn in eine Art Hof, der von ungewöhnlich vielen Nebengebäuden umgeben war. Sein Blick fiel kurz auf einen hohen Schornstein, eine niedrige Türöffnung, in der ein roter Feuerschein flackerte, sowie eine gewaltige Rundung, die sich schwarz vom Sternhimmel abhob und die er für die Kuppel einer kleinen Sternwarte hielt. Dann wurde seine Aufmerksamkeit von drei Männergestalten in Anspruch genommen, die so nahe vor ihm miteinander rangen, dass er fast mit ihnen zusammengestoßen wäre. Ransom war sofort klar, dass die mittlere Gestalt, die trotz heftigen Widerstandes von den beiden anderen festgehalten wurde, der Sohn der alten Frau war. Am liebsten hätte er die beiden anderen angedonnert: »Was machen Sie mit diesem Jungen?« Doch alles, was er mit ziemlich matter Stimme hervorbrachte, war: »Aber! Ich muss schon sagen …«

Die drei Kämpfer fuhren auseinander, der Junge schluchzte. »Darf ich fragen«, sagte der dickere und größere der beiden Männer, »wer zum Teufel Sie sind und was Sie hier zu suchen haben?« Seine Stimme wies all die Eigenschaften auf, die Ransom so gerne in seine eigene gelegt hätte.

»Ich bin auf einer Wanderung«, sagte Ransom, »und ich habe einer armen Frau versprochen …«

»Zum Teufel mit Ihrer armen Frau«, rief der andere. »Wie sind Sie hier reingekommen?«

»Durch die Hecke«, sagte Ransom, dem jetzt eine gewisse Gereiztheit zu Hilfe kam. »Ich weiß nicht, was Sie mit diesem Jungen machen wollen, aber …«

»Wir sollten hier einen Hund haben«, sagte der Dicke zu seinem Gefährten, ohne Ransom zu beachten.

»Du meinst, wir hätten einen Hund, wenn du nicht darauf bestanden hättest, Tartar für einen Versuch zu benutzen«, sagte der Mann, der bisher geschwiegen hatte. Er war annähernd so groß wie der andere und seine Stimme kam Ransom irgendwie bekannt vor.

»Hören Sie«, fing Ransom wieder an, »ich weiß nicht, was Sie mit diesem Jungen vorhaben, aber seine Arbeitszeit ist längst um und es ist höchste Zeit, dass Sie ihn nach Hause schicken. Ich habe nicht die geringste Lust, mich in Ihre persönlichen Angelegenheiten zu mischen, aber …«

»Wer sind Sie überhaupt?«, fuhr der dicke Mann ihn an.

»Mein Name ist Ransom, wenn Sie das meinen, und …«

»Großer Gott«, rief der Schlanke. »Etwa der Ransom, der in Wedenshaw war?«

»Ich bin in Wedenshaw zur Schule gegangen«, sagte Ransom.

»Ich habe mir gleich gedacht, dass ich dich kenne, als du den Mund aufgemacht hast. Ich bin Devine. Erinnerst du dich an mich?«

»Natürlich erinnere ich mich. Allerdings!«, erwiderte Ransom, als sie einander mit der für solche Zusammentreffen typischen, etwas bemühten Herzlichkeit die Hände schüttelten. Dabei hatte Ransom, soweit er sich erinnerte, von allen Schulgefährten Devine am wenigsten gemocht.

»Rührend, nicht wahr?«, sagte Devine. »So sieht man sich wieder, sogar in der Wildnis von Sterk und Nadderby. Da sitzt einem plötzlich ein Kloß im Hals und man denkt zurück

an die Abendgottesdienste in der guten alten Schulkapelle. Kennst du zufällig Weston?« Devine zeigte auf seinen massigen und lautstarken Gefährten. »Den Weston«, setzte er hinzu. »Du weißt schon, der große Physiker. Schmiert sich zum Frühstück Einstein aufs Brot und trinkt dazu einen halben Liter von Schrödingers Blut. Weston, darf ich dir meinen alten Schulkameraden Ransom vorstellen. Doktor Elwin Ransom. Der Ransom, du weißt schon, der große Philologe. Schmiert sich Jespersen aufs Brot und trinkt dazu einen halben Liter …«

»Kenne ich nicht«, unterbrach Weston, der den unglücklichen Harry noch immer am Kragen hielt. »Und wenn du meinst, ich würde mich freuen, diese Person kennen zu lernen, die da ungefragt in meinen Garten eingedrungen ist, dann muss ich dich enttäuschen. Es ist mir völlig gleichgültig, in welche Schule er gegangen ist oder für welchen unwissenschaftlichen Unfug er Gelder vergeudet, die besser in die Forschung gehen sollten. Ich will wissen, was er hier zu suchen hat; und dann soll er sich fortscheren.«

»Sei kein Esel, Weston«, sagte Devine in ernsthafterem Ton. »Er kommt doch gar nicht ungelegen. Mach dir nichts aus Westons Gepolter, Ransom. Hat ein weiches Herz unter seiner rauen Schale, weißt du. Willst du nicht hereinkommen und etwas mit uns trinken und eine Kleinigkeit essen?«

»Das ist sehr nett von dir«, sagte Ransom. »Aber was den Jungen angeht …«

Devine zog Ransom beiseite. »Schwachsinnig«, sagte er mit gedämpfter Stimme. »Ist fleißig und zuverlässig, kriegt aber immer wieder diese Anfälle. Wir haben nur versucht, ihn für eine Stunde oder so ins Waschhaus zu sperren, damit er sich beruhigt und wieder normal wird. In diesem Zustand konnten wir ihn nicht heimgehen lassen. Alles reine Freundlichkeit. Wenn du willst, kannst du ihn jetzt nach Hause bringen – und dann wiederkommen und hier übernachten.«

Ransom war ziemlich verwirrt. Die ganze Situation bereitete ihm ein solches Unbehagen und kam ihm so verdächtig vor, dass er das Gefühl hatte, auf verbrecherische Machenschaften gestoßen zu sein. Andererseits jedoch hing er der tiefen, irrationalen Überzeugung vieler Leute seines Alters und seiner Klasse an, dass solche Dinge außer in Romanen niemals einem gewöhnlichen Menschen widerfahren und schon gar nicht mit Professoren und alten Schulkameraden in Zusammenhang zu bringen waren. Selbst wenn sie den Jungen misshandelt hatten, sah er kaum eine Möglichkeit, ihn gewaltsam aus ihren Händen zu befreien.

Während Ransom diese Gedanken durch den Kopf gingen, hatte Devine leise auf Weston eingeredet, wie jemand, der in der Gegenwart eines Gastes Fragen der Unterbringung bespricht. Schließlich stimmte Weston grunzend zu. Ransom, zu dessen übrigen Schwierigkeiten nun noch eine gesellschaftliche Verlegenheit kam, wollte eine Bemerkung machen. Doch Weston wandte sich gerade an den Jungen.

»Für heute haben wir genug Ärger mit dir gehabt, Harry«, sagte er. »Und in einem vernünftig regierten Land wüsste ich schon, was ich mit dir machen würde. Halt den Mund und hör auf zu heulen. Du brauchst nicht ins Waschhaus, wenn du nicht willst …«

»Es war nicht das Waschhaus, das wissen Sie genau«, schluchzte der einfältige Junge. »Ich will nicht wieder in dieses Ding da hinein.«

»Er meint das Labor«, unterbrach ihn Devine. »Er ist mal hineingeraten und durch einen unglücklichen Zufall ein paar Stunden darin eingesperrt gewesen. Das hat ihm aus irgendeinem Grund einen Schrecken eingejagt.« Er wandte sich dem Jungen zu. »Hör zu, Harry«, sagte er. »Sobald dieser freundliche Herr sich ein wenig ausgeruht hat, wird er dich nach Hause bringen. Wenn du reinkommst und ruhig in der Halle sitzen bleibst, gebe ich dir etwas, das du magst.« Er machte das Geräusch nach, das beim Entkorken einer Flasche entsteht – Ransom erinnerte sich, dass dies schon in der Schule einer von Devines Tricks gewesen war –, und Harry brach in ein kindliches, wissendes Lachen aus.

»Bring ihn rein«, sagte Weston, wandte sich ab und verschwand im Haus. Ransom zögerte, ihm zu folgen, aber Devine versicherte ihm, dass Weston über seinen Besuch sehr erfreut sei. Das war offensichtlich gelogen, aber Ransoms

Verlangen nach Ruhe und etwas zu trinken war stärker als

seine gesellschaftlichen Skrupel. Er folgte Devine und Harry ins Haus und einige Augenblicke später saß er in einem Sessel und wartete auf Devine, der Erfrischungen holen wollte.

2 _______

Das Zimmer, in das man ihn geführt hatte, wies eine seltsame Mischung aus Luxus und Verwahrlosung auf. Die Fenster hatten keine Vorhänge und waren von außen mit Läden verschlossen; der nackte Boden war mit Kisten, Holzwolle, Zeitungen und Büchern übersät; auf der Tapete hatten die Bilder und Möbel der früheren Bewohner helle Stellen hinterlassen. Die einzigen beiden Sessel dagegen waren höchst wertvoll und in dem Durcheinander auf dem Tisch fanden sich Zigarren, Austernschalen und leere Champagnerflaschen neben Kondensmilchdosen, geöffneten Ölsardinenbüchsen, billigem Geschirr, Brotresten, halb leeren Teetassen und Zigarettenstummeln.

Seine Gastgeber schienen lange auszubleiben und Ransom überließ sich seinen Gedanken an Devine. Er empfand für ihn jene Abneigung, die man jemandem entgegenbringt, den man in seiner Jugend sehr kurze Zeit bewundert und dann als hohl durchschaut hat. Devine hatte einfach etwas früher als andere jene Art von Humor beherrscht, die aus einer ständigen Parodie überlieferter sentimentaler oder idealistischer Klischees besteht. Ein paar Wochen lang hatten seine Anspielungen auf die »gute alte Schule«, »Fairness«, die »Bürde des weißen Mannes« und »Geradlinigkeit« alle, auch Ransom, begeistert. Doch schon bevor Ransom Wedenshaw verließ, hatte er Devine langweilig gefunden; in Cambridge war er ihm aus dem Weg gegangen und hatte sich von ferne gewundert, wie ein so oberflächlicher und letzten Endes alltäglicher Mensch so viel Erfolg haben konnte. Dann war es zu der rätselhaften Berufung Devines an die Universität Leicester gekommen; und sein zunehmender Reichtum war ein nicht minder rätselhaftes Phänomen. Devine war seit Langem nach London übergesiedelt und stellte in der Geschäftswelt vermutlich etwas dar. Hin und wieder fiel sein Name und gewöhnlich schloss der Gesprächspartner mit der Bemerkung, Devine sei »auf seine Art ein verdammt gerissener Bursche«, oder seufzte, »es sei ihm ein Rätsel, wie dieser Mann es so weit habe bringen können«.

Soweit Ransom dem kurzen Gespräch im Hof entnehmen konnte, hatte sein alter Schulkamerad sich kaum geändert.

Die Tür öffnete sich und er wurde in seinem Gedankengang unterbrochen. Devine war allein und brachte ein Tablett mit einer Flasche Whisky, Gläsern und einem Siphon.

»Weston sucht etwas zu essen«, sagte er, setzte das Tablett neben Ransoms Sessel auf dem Boden ab und machte sich daran, die Flasche zu öffnen. Ransom, der inzwischen wirklich brennenden Durst hatte, sah, dass sein Gastgeber zu den irritierenden Leuten gehörte, die beim Sprechen vergessen, ihre Hände zu gebrauchen. Devine hatte angefangen, das Stanniol, das Flaschenhals und Korken umhüllte, mit der Spitze des Korkenziehers aufzuschlitzen. Doch dann ließ er seine Hand sinken und fragte: »Wie kommst du eigentlich in diese gottverlassene Gegend?«

»Ich bin auf einer Wanderung«, sagte Ransom. »Gestern habe ich in Stoke Underwood übernachtet und heute wollte ich in Nadderby einkehren. Dort habe ich aber kein Quartier bekommen und mich also auf den Weg nach Sterk gemacht.«

»Mein Gott!«, rief Devine, den Korkenzieher in der untätigen Hand. »Machst du das für Geld oder ist es purer Masochismus?«

»Vergnügen, natürlich«, sagte Ransom, den Blick unverwandt auf die noch immer ungeöffnete Flasche gerichtet.

»Kann man den Reiz daran einem Uneingeweihten erklären?«, fragte Devine. Er erinnerte sich seines Vorhabens insoweit, dass er ein kleines Stück Stanniol abriss.

»Ich weiß nicht. Zunächst einmal laufe ich einfach gern …«

»Mein Gott! Nun, dann muss es dir beim Militär ja gefallen haben. Links zwo drei vier, eh?«

»Nein, nein. Es ist gerade das Gegenteil vom Militär. Dort läuft alles darauf hinaus, dass man keinen Augenblick allein ist und nie bestimmen kann, wohin man geht. Man kann sich nicht einmal aussuchen, auf welcher Straßenseite man gehen will. Bei einer Wanderung bist du völlig unabhängig. Du rastest, wo du willst, und gehst weiter, wann du willst. Solange du unterwegs bist, brauchst du auf niemanden Rücksicht zu nehmen und niemanden um Rat zu fragen als dich selbst.«

»Bis du eines Abends im Hotel ein Telegramm vorfindest, in dem steht: ›Komm sofort zurück‹, nicht wahr?«, sagte Devine, der endlich das Stanniol ablöste.

»Das kann dir nur passieren, wenn du dumm genug bist, eine Adressenliste zu hinterlassen und dich auch danach zu richten. Das Schlimmste, was mir zustoßen könnte, wäre, dass der Rundfunksprecher sagt: ›Doktor Elwin Ransom, zurzeit auf einer Wanderung durch die Midlands, wird gebeten …‹«

»Verstehe«, sagte Devine und hielt mitten im Korkenziehen inne. »Das könntest du nicht tun, wenn du wie ich im Geschäftsleben stündest. Bist du ein Glückspilz! Aber kannst du wirklich einfach so verschwinden? Hast du keine Frau, keine Kinder, keine alten, ehrwürdigen Eltern oder so?«

»Nur eine verheiratete Schwester in Indien. Und dann bin ich Dozent, verstehst du? In den Sommerferien ist ein Dozent sozusagen inexistent, wie du dich vielleicht erinnerst. Die Universität weiß nicht, wo er steckt, und kümmert sich auch nicht darum, und das gilt erst recht für alle anderen.«

Endlich kam der Korken mit einem herzerquickenden Geräusch aus dem Flaschenhals.

»Sag halt, wenn du genug hast«, sagte Devine, als Ransom ihm sein Glas hinhielt. »Aber irgendwo hat die Sache doch bestimmt einen Haken. Du meinst, niemand weiß, wo du bist, wann du zurückkommst oder wie man dich erreichen kann?«

Ransom nickte und Devine, der jetzt den Siphon in der Hand hatte, fluchte plötzlich. »Das Ding ist leer«, sagte er. »Macht es dir was aus, wenn wir gewöhnliches Wasser nehmen? Ich muss welches aus der Küche holen. Wie viel möchtest du?«

»Mach das Glas bitte voll«, sagte Ransom.

Bald darauf kehrte Devine zurück und endlich konnte Ransom seinen Durst löschen. In einem Zug trank er das

Glas halb aus, stellte es mit einem zufriedenen Seufzer ab und meinte dann, Devines Wohnort sei doch mindestens ebenso sonderbar wie seine eigene Art und Weise, die Ferien zu verbringen.

»Durchaus«, sagte Devine. »Aber du kennst Weston nicht, sonst würdest du begreifen, dass es weit weniger lästig ist, dahin zu gehen, wo er will, als darüber zu streiten. Ein ziemlich energischer Kollege.«

»Kollege?«, fragte Ransom.

»In gewissem Sinne schon.« Devine blickte zur Tür, zog seinen Sessel näher und fuhr in vertraulicherem Ton fort: »Trotz allem ist er in Ordnung. Unter uns gesagt, ich habe etwas Geld in einige Experimente gesteckt, die er gerade durchführt. Alles ganz reell – dem Fortschritt und dem Wohl der Menschheit verpflichtet und so weiter, aber es hat auch eine geschäftliche Seite.«

Während Devine redete, wurde Ransom seltsam zu Mute. Zuerst kam es ihm so vor, als ergäben Devines Worte keinen Sinn mehr. Er schien zu sagen, dass er durch und durch Geschäftsmann sei, in London aber keine Möglichkeit finde, die nötigen Experimente durchzuführen. Dann erkannte Ransom, dass Devine nicht unverständlich, sondern unhörbar redete, was nicht weiter überraschend war, da er sich weit entfernt hatte – ungefähr eine Meile. Dabei war er jedoch ganz deutlich zu sehen, wie durch ein umgedrehtes Fernrohr. Aus dieser hellen Ferne, wo er in seinem winzigen Sessel saß, sah er Ransom mit verändertem Gesichtsausdruck an. Es war ein unangenehmer Blick. Ransom versuchte, sich in seinem Sessel zu bewegen, entdeckte aber, dass er alle Gewalt über seinen Körper verloren hatte. Er fühlte sich recht wohl, aber es war, als ob seine Arme und Beine mit Bandagen an den Sessel gebunden wären und sein Kopf in einer Schraubzwinge steckte: einer gut gepolsterten, doch absolut unnachgiebigen Schraubzwinge. Er hatte keine Angst, obwohl er ahnte, dass er allen Grund hatte, sich zu fürchten. Dann schwand der Raum ganz allmählich aus seinem Gesichtsfeld.

Ransom wusste nie genau, ob das, was dann geschah, irgendeine Beziehung zu den in diesem Buch aufgezeichneten Ereignissen hatte oder ob es nur ein unbedeutender Traum war. Es schien ihm, dass er und Weston und Devine in einem kleinen, von Mauern umgebenen Garten standen. Der Garten war hell und sonnig, doch hinter der Mauer war nichts als Finsternis zu sehen. Sie versuchten, über die Mauer zu klettern, und Weston bat sie, ihm hinaufzuhelfen. Ransom redete auf ihn ein, nicht über die Mauer zu steigen, weil es auf der anderen Seite so dunkel sei, aber Weston ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen, und schließlich kletterten sie hinauf. Ransom war der Letzte. Er kam rittlings auf der Mauer zu sitzen und hatte sich wegen der Flaschenscherben, die dort waren, seinen Mantel untergelegt. Die anderen beiden waren auf der Außenseite bereits in die Finsternis gesprungen, aber ehe er ihnen folgte, wurde in der Mauer eine Tür, die keiner von ihnen bisher bemerkt hatte, von außen geöffnet und die seltsamsten Geschöpfe, die er je gesehen hatte, kamen in den Garten und brachten Weston und Devine wieder mit. Sie ließen die beiden im Garten, zogen sich selbst wieder in die Dunkelheit zurück und schlossen die Tür hinter sich ab. Ransom kam nicht mehr von der Mauer herunter. Er blieb oben sitzen, ohne Angst, aber mit einem ziemlich unbehaglichen Gefühl, denn sein rechtes Bein hing nach außen und war so dunkel, und sein linkes so hell. »Mein Bein wird abfallen, wenn es noch dunkler wird«, sagte er. Dann blickte er in die Dunkelheit hinunter und fragte: »Wer seid ihr?«, und die seltsamen Geschöpfe mussten noch da sein, denn sie antworteten alle: »Hu-hu-hu!«, genau wie Eulen.

Er begriff langsam, dass sein Bein weniger dunkel als vielmehr kalt und steif war, weil das andere so lange darauf gelegen hatte; und auch, dass er in einem Sessel in einem erleuchteten Zimmer saß. In seiner Nähe wurde gesprochen und ihm wurde bewusst, dass dieses Gespräch wohl schon einige Zeit dauerte. Sein Kopf war einigermaßen klar. Er merkte, dass man ihn betäubt oder hypnotisiert hatte, oder beides; nach und nach gewann er die Herrschaft über seinen Körper zurück, doch er war immer noch sehr schwach. Er hörte aufmerksam zu, ohne sich zu bewegen.

»Ich habe dieses Hin und Her allmählich satt, Weston«, sagte Devine gerade, »umso mehr, als schließlich mein Geld auf dem Spiel steht. Ich sage dir, er ist genauso gut geeignet wie der Junge, in mancher Hinsicht sogar besser. Aber er wird

jetzt bald wieder zu sich kommen und wir müssen ihn sofort an Bord bringen. Das hätten wir schon vor einer Stunde tun sollen.«

»Der Junge war ideal für uns«, sagte Weston verdrießlich. »Er ist unfähig, der Menschheit zu dienen, und wahrscheinlich wird er nichts Besseres zu tun haben, als seinen Schwachsinn auch noch zu vererben. In einer zivilisierten Gesellschaft würden Burschen wie er automatisch einem staatlichen Labor zu Versuchszwecken überlassen.«

»Schon möglich. Aber hier in England würde sich für einen Burschen wie ihn vielleicht Scotland Yard interessieren. Nach diesem Wichtigtuer dagegen wird monatelang kein Hahn krähen, und selbst dann wird niemand wissen, wo er war, als er verschwand. Er ist allein gekommen. Er hat keine Adresse hinterlassen. Er hat keine Familie. Und schließlich hat er seine Nase von sich aus in diese Angelegenheit gesteckt.«

»Trotzdem, mir gefällt das nicht. Schließlich ist er ein Mensch. Der Junge war im Grunde eher ein – ein Präparat. Allerdings ist auch der hier nur ein Individuum, und wahrscheinlich ein völlig nutzloses. Außerdem riskieren auch wir unser Leben. Für etwas Großes …«

»Um Himmels willen, fang nicht wieder damit an. Dazu haben wir keine Zeit.«

»Ich glaube«, erwiderte Weston, »er wäre einverstanden, wenn man es ihm klar machen könnte.«

»Nimm du seine Beine; ich nehme ihn unter den Armen«, sagte Devine.

»Wenn du wirklich glaubst, dass er zu sich kommt«, sagte Weston, »solltest du ihm lieber noch eine Dosis verpassen. Wir können erst nach Sonnenaufgang starten. Es wäre ziemlich lästig, wenn er drei Stunden lang da drin herumzappeln würde. Mir wäre es lieber, er wachte erst auf, wenn wir unterwegs sind.«

»Richtig. Behalt du ihn im Auge, ich gehe nach oben und hole das Zeug.«

Devine verließ das Zimmer. Durch halb geschlossene Lider sah Ransom, dass Weston über ihm stand. Er wusste nicht, wie sein Körper – wenn überhaupt – auf den Versuch einer plötzlichen Bewegung reagieren würde, aber er begriff, dass er die Gelegenheit nutzen musste. Kaum hatte Devine die Tür geschlossen, als Ransom sich mit aller Macht gegen Westons Beine warf. Der Wissenschaftler fiel auf den Sessel, Ransom stieß ihn mit letzter Kraft von sich und stürzte in die Halle.

Er war sehr schwach und stolperte. Aber das Entsetzen saß ihm im Nacken und innerhalb weniger Sekunden hatte er die Haustür gefunden. Er bemühte sich verzweifelt, die Verriegelung zu öffnen, doch die Dunkelheit und das Zittern seiner Hände waren gegen ihn. Noch bevor er den oberen Riegel aufgestoßen hatte, kamen hinter ihm gestiefelte Füße über den nackten Boden gepoltert. Er wurde bei Schultern und Knien gepackt. Er trat um sich, wand sich, brüllte in der schwachen Hoffnung auf Hilfe aus Leibeskräften und verlängerte schweißbedeckt den Kampf mit einer Heftigkeit, die er sich nie zugetraut hätte. Einen herrlichen Augenblick lang war die Tür offen, die frische Nachtluft streifte sein Gesicht und er sah die tröstlichen Sterne und sogar seinen Rucksack, der auf der überdachten Veranda liegen geblieben war. Dann traf ihn ein schwerer Schlag auf den Kopf. Sein Bewusstsein schwand. Als Letztes spürte er noch, wie kräftige Hände ihn packten und zurück in den dunklen Flur zerrten, und hörte, wie eine Tür ins Schloss fiel.

3 _______

Als Ransom wieder zu sich kam, schien er in einem dunklen Raum im Bett zu liegen. Er hatte ziemlich starke Kopfschmerzen und verspürte ein allgemeines Schwächegefühl, sodass er sich zunächst nicht dazu aufraffen konnte, aufzustehen und seine Umgebung zu untersuchen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn und merkte, dass er stark schwitzte. Das machte ihm bewusst, dass in dem Raum (wenn es einer war) eine ungewöhnlich hohe Temperatur herrschte. Als er die Arme bewegte, um die Bettdecke abzuwerfen, berührte er die Wand rechts vom Bett; sie war nicht nur warm, sondern heiß. Auf der linken Seite tastete er mit der Hand

ins Leere und stellte fest, dass die Luft dort kühler war; die Hitze schien also von der Wand auszugehen. Er befühlte sein Gesicht und fand eine aufgeschürfte Schwellung über dem linken Auge. Dies erinnerte ihn an den Kampf mit Weston und Devine, und er schloss daraus, dass sie ihn in eines der Nebengebäude hinter ihrem Schmelzofen gesperrt hatten. Im selben Moment blickte er auf und entdeckte die Quelle des trüben Lichts, in dem er, ohne sich dessen bewusst zu sein, die ganze Zeit über die Bewegungen seiner Hände hatte sehen können. Unmittelbar über seinem Kopf befand sich eine Luke – ein viereckiger Ausschnitt des sternenübersäten Nachthimmels. Ransom kam es vor, als habe er noch nie in eine so eisige Nacht hinausgeblickt. Die Sterne schienen in ihrem Glanz wie in unerträglicher Qual oder Lust zu pulsieren, drängten sich dicht und zahllos in ungeordneter Fülle, waren traumhaft klar und strahlend auf dem tiefschwarzen Hintergrund. Sie zogen all seine Aufmerksamkeit auf sich, beunruhigten und erreg-

ten ihn so, dass er sich aufsetzte. Das schmerzhafte Pochen in seinem Kopf wurde stärker und erinnerte ihn daran, dass er niedergeschlagen und betäubt worden war. Während er überlegte, ob das Mittel irgendeine Wirkung auf seine Pupillen gehabt haben mochte und so die unnatürliche Pracht und Fülle des Himmels erklärte, lenkte eine silbrige Lichterscheinung, eine Art blasser und verkleinerter Sonnenaufgang, seinen Blick von Neuem nach oben. Kurze Zeit später schob sich die Scheibe des Vollmonds in sein Gesichtsfeld. Ransom saß still und schaute. Er hatte noch nie einen solchen Mond gesehen – so weiß, so blendend und so groß. Wie ein großer Fußball direkt vor dem Fenster, dachte er, und gleich darauf: nein – noch größer. Er war mittlerweile überzeugt, dass mit seinen Augen etwas nicht stimmte; kein Mond konnte so groß sein wie das Ding, das er dort sah.

Das Licht des riesigen Mondes – wenn es denn ein Mond war – erleuchtete seine Umgebung jetzt beinahe so hell, als ob es Tag wäre. Er befand sich in einem sehr merkwürdigen Raum. Der Boden war so klein, dass das Bett und ein Tisch daneben die gesamte Breite einnahmen. Die Decke schien etwa doppelt so groß zu sein und die Wände wölbten sich nach außen, sodass Ransom das Gefühl hatte, am Boden einer tiefen, engen Schubkarre zu liegen. Das bestärkte ihn in der Annahme, sein Sehvermögen sei entweder vorübergehend oder dauernd geschädigt. Im Übrigen erholte er sich jedoch rasch und verspürte sogar eine unnatürliche Leichtigkeit und eine angenehme Erregung. Die Hitze war noch immer drückend und bevor er aufstand, um den Raum genauer zu untersuchen, streifte er alle Kleider bis auf Hemd und Hose ab. Das Aufstehen hatte verheerende Folgen und er befürchtete, die Nachwirkungen des Betäubungsmittels seien noch stärker als zunächst gedacht. Obgleich er sich keiner ungewöhnlichen Muskelanstrengung bewusst war, sprang er mit solcher Kraft vom Bett auf, dass er mit dem Kopf hart gegen die Luke schlug und von dort jäh zu Boden prallte. Er lag jetzt an der anderen Wand – der Wand, die sich seinem ersten Eindruck zufolge wie die Wandung einer Schubkarre nach außen hätte wölben müssen. Doch das traf nicht zu. Er befühlte und betrachtete sie: Sie stand unverkennbar senkrecht, im rechten Winkel zum Boden. Wieder stand er auf, diesmal vorsichtiger. Er verspürte eine außerordentliche Schwerelosigkeit. Es bereitete ihm sogar Mühe, mit den Füßen am Boden zu bleiben. Zum ersten Mal kam ihm der Verdacht, dass er tot und bereits bei den Engeln sein könnte. Er zitterte, aber seine geistige Disziplin verbot ihm, diese Möglichkeit auch nur in Erwägung zu ziehen. Stattdessen erforschte er sein Gefängnis. Das Ergebnis war eindeutig: Alle Wände sahen aus, als wölbten sie sich nach außen, sodass der Raum an der Decke breiter war als am Boden; trat man jedoch an eine der Wände, so erwies sie sich als völlig senkrecht – nicht nur beim Anblick, sondern auch bei der Berührung, wenn man sich bückte und mit den Fingern den Winkel zwischen Wand und Boden abtastete. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er noch zwei weitere seltsame Tatsachen. Wände und Boden des Raums waren mit Metall ausgekleidet und befanden sich in einem Zustand ständiger, leichter Vibration – einer lautlosen Vibration, die etwas sonderbar Lebendiges und nicht Mechanisches hatte. Doch wenn die Vibration auch lautlos war, so gab es genug andere Geräusche – eine Reihe musikalischer Klopftöne oder Schläge, die in unregelmäßigen Abständen von der Decke zu kommen schienen. Es war, als ob die Metallkammer, in der er steckte, von winzigen, klirrenden Geschossen getroffen würde. Ransom war inzwischen zutiefst verängstigt, doch nicht die prosaische Furcht, die man im Krieg empfindet, erfüllte ihn, sondern eine ungestüme Angst, die sein Herz klopfen ließ und kaum von seiner allgemeinen Erregung zu trennen war: Er befand sich in der Schwebe, auf einer Art Wasserscheide des Gefühls; ihm war, als könne er jeden Augenblick entweder in ekstatische Freude oder in panisches Entsetzen abgleiten. Er wusste jetzt, dass er nicht in einem Haus war, sondern in einer Art Schiff, das sich fortbewegte. Es war offensichtlich kein Unterseeboot und die kaum spürbaren Vibrationen des Metalls schlossen ein Fahrzeug auf Rädern aus. Ein Schiff also, sagte er sich, oder eine Art Luftschiff … Doch alle seine Wahrnehmungen und Empfindungen waren so seltsam, dass sie zu keiner der beiden Annahmen passten. Verwirrt setzte er sich wieder aufs Bett und starrte den ungeheuren Mond an.

Ein Luftschiff, eine Art Flugmaschine … Aber warum sah der Mond so groß aus? Er war noch größer, als Ransom zunächst gedacht hatte. Kein Mond konnte so groß sein; und Ransom begriff jetzt, dass er dies von Anfang an gewusst, das Wissen aber voller Entsetzen unterdrückt hatte. Im selben

Augenblick schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf, der seinen Atem stocken ließ: In dieser Nacht konnte kein Vollmond sein. Er erinnerte sich deutlich, dass er in einer mondlosen Nacht von Nadderby aufgebrochen war. Selbst wenn die dünne Sichel eines Neumonds seiner Aufmerksamkeit entgangen sein sollte, konnte sie in ein paar Stunden nicht zu dem angewachsen sein, was er hier sah. Dies hier war eine größenwahnsinnige Scheibe, bei weitem größer als der Fußball, mit dem er sie anfangs verglichen hatte, eine Scheibe, die beinahe die Hälfte des Himmels einnahm. Und wo war der alte ›Mann im Mond‹ – das vertraute Gesicht, das auf alle Menschengenerationen herabgeblickt hatte? Das Ding war überhaupt nicht der Mond; und Ransom fühlte, wie seine Haare sich sträubten.

In diesem Moment hörte er eine Tür und wandte den Kopf. Er sah ein blendendes Lichtrechteck, das sofort wieder verschwand, als die Tür geschlossen wurde. Im Raum stand die massige Gestalt eines nackten Mannes, in der Ransom schließlich Weston erkannte. Kein Vorwurf, keine Bitte um eine Erklärung kam Ransom über die Lippen oder auch nur in den Sinn; nicht mit dieser monströsen Scheibe über ihren Köpfen. Die bloße Gegenwart eines menschlichen Wesens, das zumindest ein wenig Gesellschaft zu bieten versprach, löste die nervöse Spannung, in der seine Nerven bislang einer bodenlosen Verzweiflung widerstanden hatten. Als er sprach, merkte er, dass er schluchzte.

»Weston! Weston!«, stieß er hervor. »Was ist das? Das ist nicht der Mond – der ist nicht so groß. Er kann es nicht sein, oder?«

»Nein«, erwiderte Weston, »es ist die Erde.«

4 _______

Ransoms Beine gaben nach und er musste aufs Bett zurückgesunken sein, doch wurde er sich dessen erst Minuten später bewusst. Im Augenblick existierte nur seine Angst; alles andere war wie ausgelöscht. Er wusste nicht einmal, wovor er sich fürchtete; die Angst, eine schreckliche, formlose, übermächtige Ahnung beherrschte sein ganzes Bewusstsein. Er verlor nicht die Besinnung, obwohl er sich gern in eine Ohnmacht geflüchtet hätte. Jede Veränderung – Tod oder Schlaf oder am besten ein Erwachen, das all dies als einen Traum erwies – wäre ihm unsäglich willkommen gewesen. Doch nichts davon stellte sich ein. Stattdessen kehrte die lebenslange Selbstbeherrschung eines Mannes in Gesellschaft zurück, dessen Tugenden zur Hälfte Heuchelei sind und dessen Heuchelei eine halbe Tugend ist, und bald antwortete er Weston mit fester Stimme, in der kein beschämendes Beben mehr mitschwang.

»Ist das Ihr Ernst?«, fragte er.

»Gewiss.«

»Aber wo sind wir dann?«

»Etwa fünfundachzigtausend Meilen von der Erde entfernt.«

»Sie meinen, wir sind im – Weltraum?« Ransom brachte das Wort nur mit Mühe über die Lippen, so wie ein ängstliches Kind von Gespenstern spricht oder ein ängstlicher Mensch von Krebs.

Weston nickte.

»Wozu?«, sagte Ransom. »Und weshalb um alles in der Welt haben Sie mich entführt? Und wie haben Sie es gemacht?«

Weston schien zunächst nicht antworten zu wollen; dann, als habe er es sich anders überlegt, setzte er sich neben Ransom aufs Bett und sagte: »Ich nehme an, es erspart uns Ärger, wenn ich sofort auf diese Fragen eingehe und Sie uns während des nächsten Monats nicht unausgesetzt damit in den Ohren liegen. Die Frage, wie wir es machen – vermutlich meinen Sie damit, wie das Raumschiff funktioniert –, ist sinnlos. Sie würden es nicht verstehen, es sei denn, Sie wären einer der vier oder fünf wirklich großen heutigen Physiker. Und wenn Sie etwas davon verstünden, so würde ich es Ihnen nicht sagen. Wenn es Sie glücklich macht, bedeutungslose Worte zu wiederholen – was wissenschaftlich ungebildete Leute nämlich meist wollen, wenn sie um eine Erklärung bitten –, sagen Sie meinetwegen, dass wir mit der Nutzung von weniger bekannten Eigenschaften der Sonnenstrahlung arbeiten. Und warum wir hier sind? Wir sind unterwegs nach Malakandra …«

»Meinen Sie einen Stern, der Malakandra heißt?«

»Selbst Sie können kaum annehmen, dass wir das Sonnensystem verlassen. Malakandra ist viel näher: Wir werden es in ungefähr achtundzwanzig Tagen erreichen.«

»Es gibt keinen Planeten, der Malakandra heißt«, wandte Ransom ein.

»Ich nenne ihn bei seinem richtigen Namen, nicht dem, den die irdischen Astronomen erfunden haben«, sagte Weston.

»Aber das ist doch Unsinn«, entgegnete Ransom. »Wie zum Henker haben Sie den richtigen Namen, wie Sie es nennen, herausgebracht?«

»Von den Bewohnern.«

Ransom brauchte eine Weile, bis er das verdaut hatte. »Wollen Sie damit sagen, Sie wären schon einmal auf diesem Stern oder auf diesem Planeten, oder was immer es ist, gewesen?«

»Ja.«

»Sie können wirklich nicht von mir verlangen, das zu glauben«, sagte Ransom. »Verdammt noch mal, so etwas ist doch nichts Alltägliches. Warum hat niemand davon gehört? Warum hat es nicht in den Zeitungen gestanden?«

»Weil wir keine Idioten sind«, sagte Weston grob.

Nach kurzem Schweigen fing Ransom wieder an. »Welcher Planet ist es nach unserer Terminologie?«, fragte er.

»Ein für alle Mal«, sagte Weston, »ich werde es Ihnen nicht sagen. Wenn Sie es nach unserer Ankunft herausbringen, soll es mir recht sein. Ich glaube nicht, dass wir von Ihren wissenschaftlichen Kenntnissen viel zu befürchten haben. Einstweilen gibt es keinen Grund, dass Sie es erfahren sollten.«

»Und Sie sagen, dieser Ort sei bewohnt?«, sagte Ransom. Weston warf ihm einen eigentümlichen Blick zu, dann nickte er. Ransoms Unbehagen ging rasch in einen tiefsitzenden Zorn über, den er angesichts seiner vielen widerstreitenden Empfindungen schon beinahe vergessen hatte.

»Und was hat das alles mit mir zu tun?«, brach es aus ihm hervor. »Sie sind über mich hergefallen, haben mich betäubt und scheinen mich jetzt in diesem Teufelsding als Gefangenen zu verschleppen. Was habe ich Ihnen getan? Wie wollen Sie Ihr Tun rechtfertigen?«

»Ich könnte mit der Gegenfrage antworten, warum Sie wie ein Dieb in mein Anwesen geschlichen sind. Hätten Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert, wären Sie jetzt nicht hier. Wie die Dinge liegen, gebe ich zu, dass wir in Ihre Rechte eingreifen mussten. Meine einzige Rechtfertigung

ist, dass kleine Ansprüche hinter größeren zurücktreten müssen. Soweit wir wissen, vollbringen wir etwas, das in der Geschichte der Menschheit, vielleicht sogar in der Geschichte des Universums, nie zuvor unternommen worden ist. Wir haben gelernt, uns von dem Klumpen Materie zu lösen, auf dem die Menschheit entstanden ist; die Unendlichkeit und vielleicht die Ewigkeit sind in die Reichweite der menschlichen Rasse gelangt. Sie können nicht so engstirnig sein zu glauben, dass die Rechte oder das Leben eines Individuums oder einer Million Individuen im Vergleich damit auch nur von der geringsten Bedeutung wären.«

»Da bin ich anderer Meinung«, sagte Ransom, »und bin es immer schon gewesen, sogar bei Tierversuchen. Aber Sie haben meine Frage nicht beantwortet. Wozu brauchen Sie mich? Was versprechen Sie sich von meiner Anwesenheit auf diesem – auf Malakandra?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Weston. »Es war nicht unsere Idee. Wir befolgen nur Befehle.«

»Von wem?«

Wieder entstand eine Pause. »Kommen Sie«, sagte Weston schließlich, »es hat wirklich keinen Zweck, mit diesem Kreuzverhör fortzufahren. Sie stellen mir immerfort Fragen, die ich nicht beantworten kann: zum Teil, weil ich die Antworten nicht weiß, zum Teil, weil Sie diese nicht verstehen würden. Unsere Reise wird sich weit angenehmer gestalten, wenn Sie sich mit Ihrem Schicksal abfinden und aufhören, sich und uns zu quälen. Es wäre einfacher, wenn Sie nicht so eine unerträglich enge und individualistische Lebensphilosophie hätten. Ich hatte geglaubt, die Rolle, die Sie spielen sollen, müsste jedermann begeistern. Ich hatte gedacht, dass selbst ein Wurm, wäre er mit Verstand begabt, sich dem Opfer nicht entziehen würde. Ich meine selbstverständlich das Opfer an Zeit und Freiheit und ein gewisses Risiko. Bitte missverstehen Sie mich nicht.«

»Nun«, sagte Ransom, »Sie halten die Trümpfe in der Hand und ich muss das Beste daraus machen. Ich halte Ihre Lebensphilosophie für hellen Wahnsinn. Vermutlich bedeutet all dieses Zeug über Unendlichkeit und Ewigkeit, dass Sie sich für berechtigt halten, hier und jetzt alles zu tun, absolut alles, nur um der schwachen Aussicht willen, dass irgendwelche vom heutigen Menschen abstammenden Geschöpfe ein paar Jahrhunderte länger irgendwo im Weltall umherkriechen können.«

»Ja – zu allem berechtigt«, entgegnete der Wissenschaftler hart. »Und alle wirklich Gebildeten – denn Geisteswissenschaften und Geschichte und solchen Plunder bezeichne ich nicht als Bildung – denken genau wie ich. Es freut mich, dass Sie den Punkt angesprochen haben, und ich rate Ihnen, meine Antwort im Gedächtnis zu behalten. Und jetzt werden wir frühstücken, wenn Sie mir in den Nebenraum folgen wollen. Seien Sie vorsichtig beim Aufstehen; Sie haben hier ein kaum nennenswertes Gewicht im Vergleich zu Ihrem Gewicht auf der Erde.« Ransom erhob sich und Weston öffnete die Tür. Blendend goldenes Licht durchflutete den Raum und brachte das blasse Erdenlicht hinter ihm völlig zum Erlöschen.

»Ich gebe Ihnen gleich eine dunkle Brille«, sagte der Wissenschaftler, als er in den Raum voranging, aus dem das strahlende Licht kam. Ransom hatte den Eindruck, dass Weston zur Türöffnung bergauf ging und plötzlich nach unten verschwand, nachdem er sie passiert hatte. Als er vorsichtig folgte, hatte er das seltsame Gefühl, an den Rand eines Abgrunds zu treten: Der Raum auf der anderen Seite schien auf der Seite zu liegen, sodass die gegenüberliegende Wand beinahe eine Ebene mit dem Boden des Raums bildete, den er gerade verlassen wollte. Doch als er seinen Fuß durch die Öffnung setzte, entdeckte er, dass der Boden auch weiterhin eben verlief, und nachdem er den Nebenraum ganz betreten hatte, richteten die Wände sich auf und die gerundete Decke befand sich über seinem Kopf. Er blickte zurück und jetzt sah die Schlafkammer so aus, als würde sie kippen – die Decke wurde zur Wand und eine der Wände zur Decke.

»Sie werden sich bald daran gewöhnen«, sagte Weston, der seinem Blick gefolgt war. »Das Schiff ist ein Sphäroid, ein kugelförmiger Körper, und da wir nun das Schwerefeld der Erde verlassen haben, empfinden wir den Mittelpunkt unserer kleinen Metallwelt als unten. Das haben wir natürlich vorausgesehen und das Schiff entsprechend konstruiert. Das Innere des Schiffs ist eine Hohlkugel, in der wir unsere Vorräte verwahren, und die Oberfläche dieser Hohlkugel ist der Boden, auf dem wir gehen. Ringsherum sind die Kabinen angeordnet. Deren Wände wiederum tragen eine äußere Kugelschale, die von hier aus gesehen Dach oder Decke ist. Da sich der Mittelpunkt unten befindet, wirkt das Stück Fußboden, auf dem Sie gerade stehen, immer eben oder horizontal und die Wand, an der Sie stehen, immer vertikal. Andererseits ist die Kugel des Fußbodens flächenmäßig so klein, dass Sie stets darüber hinaussehen – hinaus über das, was Ihnen als Horizont erscheinen würde, wenn Sie ein Floh wären –, und dann nehmen Sie Fußboden und Wände der nächsten Kabine in einem anderen Winkel wahr. Genauso verhält es sich im Übrigen auf der Erde, nur sind wir nicht groß genug, um das sehen zu können.«

Nach dieser Erklärung kümmerte Weston sich in seiner knappen, ungefälligen Art um das Wohlergehen seines Gastes oder Gefangenen. Auf seinen Rat hin legte Ransom seine Kleidung ab und ersetzte sie durch einen schmalen Gürtel, der mit schweren Gewichten behangen war, um die ungewohnte Leichtigkeit seines Körpers ein wenig auszugleichen. Dann setzte er eine dunkle Brille auf und folgte Weston an einen kleinen Tisch, auf dem das Frühstück stand. Er war hungrig und durstig und machte sich gierig über die Mahlzeit aus Büchsenfleisch, Zwieback, Butter und Kaffee her.

Doch all dies hatte er fast mechanisch ausgeführt. Beinahe automatisch zog er sich aus, aß und trank, und alles, was ihm von seiner ersten Mahlzeit an Bord des Raumschiffs im Gedächtnis blieb, war die alles beherrschende Intensität von Hitze und Licht. Beide hatten ein Ausmaß, das auf der Erde unerträglich gewesen wäre, waren aber von neuartiger Qualität. Das Licht war blasser als jedes ähnlich starke Licht, das er je gesehen hatte; es war nicht rein weiß, sondern von äußerst blassem Gold und warf ebenso scharfe Schatten wie Flutlicht. Die sehr trockene Hitze schien wie ein riesiger Masseur über die Haut zu streichen und sie zu kneten; sie machte keineswegs schläfrig, sondern höchst munter. Ransoms Kopfschmerzen waren vergangen; er fühlte sich so aufmerksam, mutig und großmütig wie kaum je auf der Erde. Nach einiger Zeit wagte er, zu der Deckenluke aufzublicken. Bis auf einen schmalen gläsernen Spalt war sie mit stählernen Schiebern verschlossen, und selbst dieser Spalt war mit einer Blende aus schwerem, dunklem Material abgedeckt; dennoch war es so hell, dass man nicht lange hineinsehen konnte.

»Ich dachte immer, der Weltraum sei dunkel und kalt«, sagte er unsicher.

»Und die Sonne?«, merkte Weston verächtlich an.

Ransom aß schweigend weiter. Nach einer Weile begann er von Neuem: »Wenn es schon am frühen Morgen so ist …« Doch gewarnt von Westons Gesichtsausdruck brach er ab.

Natürlich, dachte er ehrfürchtig, hier gibt es keinen Morgen, keinen Abend und keine Nacht – nichts als immergleichen helllichten Tag, der jenseits aller Geschichte seit Urzeiten Milliarden von Kubikmeilen erfüllt. Er blickte wieder zu Weston, doch dieser hob die Hand.

»Reden Sie nicht so viel«, sagte er. »Wir haben alles Nötige besprochen. Im Schiff gibt es nicht genug Sauerstoff für irgendwelche überflüssigen Anstrengungen; auch nicht für Gespräche.«

Kurz danach stand er auf, ohne den anderen aufzufordern, es ihm gleichzutun, und verließ den Raum durch eine der vielen Türen, die Ransom bis dahin kaum wahrgenommen hatte.

5 _______

Die Reise im Raumschiff hätte für Ransom eine Zeit voller Furcht und Schrecken sein können. Eine astronomische Entfernung trennte ihn von allen menschlichen Geschöpfen bis auf zwei, denen er mit gutem Grund misstraute. Er fuhr einem unbekannten Ziel entgegen und seine Entführer weigerten sich beharrlich, ihm zu verraten, zu welchem Zweck er dorthin gebracht wurde.

Devine und Weston lösten einander regelmäßig bei der Wache in einem Raum ab, den Ransom nicht betreten durfte und wo er die Steueranlagen des Schiffs vermutete. Weston blieb während seiner Freiwachen meist schweigsam. Devine war gesprächger, plauderte und lachte häufig mit dem Gefangenen, bis Weston an die Wand des Kontrollraumes klopfte und davor warnte, die Luft zu vergeuden. Doch in bestimmten Punkten zeigte sich auch Devine verschlossen. Er war stets bereit, sich über Westons feierlichen wissenschaftlichen Idealismus lustig zu machen. Er gebe keinen Pfifferling, sagte er, für die Zukunft des Menschengeschlechts oder die Begegnung zweier Welten.

»Malakandra ist mehr als das«, meinte er oft augenzwinkernd. Doch wenn Ransom ihn fragte, worin dieses »Mehr« bestehe, verfiel er in einen satirischen Ton und machte ironische Bemerkungen über die Bürde des weißen Mannes und die Segnungen der Zivilisation.

»Dann ist der Planet also bewohnt?«, bohrte Ransom.

»Ach – bei solchen Dingen gibt es immer das Problem der Eingeborenen«, antwortete Devine dann. Meistens aber sprach er über das, was er nach seiner Rückkehr zur Erde tun wollte. Hochseejachten, kostspielige Frauen und ein großes Landhaus an der Riviera spielten in diesen Plänen eine große Rolle. »Ich nehme alle diese Risiken nicht zum Spaß auf mich.«

Direkte Fragen nach Ransoms eigener Rolle stießen gewöhnlich auf Schweigen. Nur einmal, als er nach Ransoms Einschätzung alles andere als nüchtern war, gab Devine auf eine solche Frage zu, dass sie ihm »noch allerhand aufhalsen« würden.

»Aber ich bin sicher«, ergänzte er, »dass du dich des alten Schulschlipses würdig erweisen wirst.«

Wie ich bereits gesagt habe, war all dies ziemlich besorgniserregend. Seltsamerweise jedoch beunruhigte es ihn nicht sehr. Es ist schwierig, trüben Gedanken über die Zukunft nachzuhängen, wenn man sich so ausgezeichnet fühlt wie Ransom jetzt. Auf der einen Seite des Schiffs herrschte endlose Nacht, auf der anderen endloser Tag; beides war großartig, und er genoss es, nach Lust und Laune von der einen Seite zur anderen zu gehen. In den Nächten, die er sich verschaffen konnte, indem er einen Türgriff drehte, lag er oft stundenlang da und starrte durch die Deckenluke. Die Erdscheibe war nun nicht mehr zu sehen; die Sterne, dicht gesät wie Gänseblümchen auf einem ungemähten Rasen, beherrschten das Blickfeld und keine Wolken, kein Mond oder Sonnenaufgang beeinträchtigten ihren Zauber. Da gab es geradezu majestätische Planeten, nie gesehene Sternbilder, es gab himmlische Saphire, Rubine, Smaragde und Schmucknadeln aus brennendem Gold; in weiter Ferne zur Linken hing ein winziger, entrückter Komet; und zwischen und hinter allem, bei Weitem eindringlicher und spürbarer als auf der Erde, die unauslotbare, rätselhafte Schwärze. Die Lichter zitterten: Sie schienen an Helligkeit zuzunehmen, je länger er sie betrachtete. Wie eine zweite Danae nackt auf seinem Bett ausgestreckt, fiel es ihm von Nacht zu Nacht schwerer, an der alten Astrologie zu zweifeln. Er stellte sich vor, spürte beinahe, wie ›süße Einflüsse‹ von den Sternen in seinen dargebotenen Körper strömten oder ihn gar durchbohrten. Alles war still bis auf die unregelmäßigen, klirrenden Geräusche, von denen er nun wusste, dass sie von Meteoriten herrührten, kleinen Materieteilchen, die ständig gegen die hohle Stahltrommel schlugen. Oft beschäftigte ihn die Überlegung, dass sie jeden Augenblick mit etwas zusammenstoßen könnten, das groß genug wäre, Schiff und Insassen in Meteoriten zu verwandeln. Aber er konnte sich nicht fürchten. Das Abenteuer war zu erhaben, die Umstände, unter denen es sich vollzog, waren zu feierlich, als dass andere Gefühle als eine ernste Freude möglich gewesen wären. Aber die Tage – oder besser die Stunden –, die er auf der sonnigen Seite ihrer kleinen Welt verbrachte, waren die schönsten von allen. Oft stand er nach nur wenigen Stunden Schlaf wieder auf, denn unwiderstehlich zog es ihn in die Regionen des Lichts; er konnte nicht aufhören, über den helllichten Tag zu staunen, der ihn dort erwartete, ganz gleich, zu welcher Zeit er kam. Dann lag er lang ausgestreckt und mit halb geschlossenen Augen in ein Bad reiner, ätherischer Farben und unerbittlicher, doch nicht schmerzhafter Helligkeit getaucht, während das seltsame Gefährt ihn mit leisem Vibrieren durch die Tiefen nachtentrückter Stille trug. In solchen Momenten spürte er, wie Leib und Seele jeden Tag aufs Neue gereinigt und mit frischer Lebenskraft erfüllt wurden. In einer seiner wortkargen, widerwilligen Antworten räumte Weston ein, dass es für diese Empfindungen eine wissenschaftliche Erklärung gab: Sie empfingen, sagte er, viele Strahlungen, die nie durch die Erdatmosphäre drangen.

Doch mit der Zeit entdeckte Ransom einen weiteren und eher geistigen Grund für sein zunehmendes Glücksgefühl. Ein Albtraum, ein Mythos, dem der moderne, von der Wissenschaft geprägte Mensch anhing, wich allmählich von ihm. Er hatte über den Weltraum gelesen und seit vielen Jahren rief der Begriff in seiner Vorstellung das düstere Bild einer schwarzen, kalten Leere hervor, einer absoluten Leblosigkeit zwischen den Welten. Es war ihm bis jetzt nicht bewusst gewesen, wie sehr er dieser Vorstellung verhaftet war – jetzt, da ihm das bloße Wort »Weltraum« schon als Blasphemie erschien, als Verleumdung dieses himmlischen Strahlenozeans, in dem sie schwammen. Er war nicht leblos; Ransom fühlte, wie in jedem Augenblick Leben aus diesem Ozean in ihn strömte. Wie konnte es auch anders sein, da alle Welten und ihr Leben diesem Ozean entsprungen waren? Er hatte ihn für unfruchtbar gehalten; jetzt aber erkannte er, dass er der Mutterschoß der Welten war, dessen unzählige Sprösslinge allnächtlich mit feurigen Augen auf die Erde hinabschauten – und wie viele mehr waren es hier! Nein, Weltraum war der falsche Ausdruck. Die Denker vergangener Zeiten hatten mehr Weisheit bezeugt, als sie vom Himmel sprachen – dem Himmel, der des Ewigen Ehre rühmt –, der

»holden Glückseligkeit lächelndes Bild,

wo Nacht des Tages Auge nie verhüllt,

hoch droben im weiten Himmelsgefild«.

Er sprach Miltons Verse liebevoll und nicht nur einmal vor sich hin.

Natürlich lag er nicht die ganze Zeit herum und träumte. Er erforschte das Schiff (soweit es ihm erlaubt war) und ging von Raum zu Raum mit jenen langsamen Bewegungen, die Weston ihnen auferlegte, da größere körperliche Anstrengungen den Sauerstoffvorrat zu sehr belasteten. Das Raumschiff hatte mehr Kabinen, als derzeit benötigt wurden; vielleicht, weil es eine bestimmte Form haben musste, vielleicht aber auch, weil, wie Ransom vermutete, die Eigner – zumindest aber Devine – auf der Rückreise irgendeine Ladung mitnehmen wollten. Außerdem wurde er, ohne recht zu wissen wie, zum Steward und Koch der kleinen Gemeinschaft; zum einen war es für ihn selbstverständlich, sich an den einzigen Arbeiten zu beteiligen, die er tun konnte – denn den Kontrollraum durfte er nie betreten; zum anderen wollte er Westons Tendenz, ihn zum Diener zu machen, zuvorkommen. Er arbeitete lieber freiwillig statt in eingestandener Sklaverei; außerdem schmeckten ihm seine eigenen Gerichte viel besser als die seiner Gefährten.

Ebendiese Aufgaben machten ihn zum zunächst unfreiwilligen und dann höchst beunruhigten Mithörer eines Gesprächs, das seiner Einschätzung nach ungefähr zwei Wochen nach Antritt ihrer Reise stattfand. Er hatte nach dem Abendessen das Geschirr abgewaschen, ein Sonnenbad genommen, mit Devine geplaudert – der ein angenehmerer Gesellschafter war als Weston, aber in Ransoms Augen der bei Weitem unsympathischere der beiden – und war zur gewohnten Zeit zu Bett gegangen. Er konnte nicht einschlafen und nach etwa einer Stunde fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, in der Kombüse ein paar kleine Vorbereitungen zu treffen, die seine Arbeit am nächsten Morgen erleichtern würden. Man betrat die Kombüse durch den Salon oder Tagesraum und ihre Tür lag neben der zum Kontrollraum. Er stand auf und ging sofort hinüber, barfuß und nackt wie er war.

Obwohl die Kombüse auf der Nachtseite des Schiffs lag, schaltete Ransom das Licht nicht ein. Er brauchte nur die Tür einen Spalt offen zu lassen, sodass ein Streifen strahlendes Sonnenlicht in den Raum fiel. Jeder, der selbst einen Haushalt geführt hat, wird verstehen, dass seine Vorbereitungen für den Morgen noch unzureichender waren, als er gedacht hatte. Er war geübt und erledigte die Arbeit schnell und leise. Als er gerade fertig war und sich die Hände an dem Rollhandtuch hinter der Kombüsentür abtrocknete, hörte er, wie die Tür des Kontrollraums aufging. Durch den Spalt sah er die Silhouette eines Mannes vor der Kombüse stehen; es war Devine. Dieser ging nicht in den Salon, sondern blieb stehen und redete weiter – offensichtlich in den Kontrollraum hinein, denn Ransom konnte zwar deutlich hören, was Devine sagte, doch Westons Antworten verstand er nicht oder nur bruchstückhaft.

»Ich glaube, das wäre verdammt unklug«, sagte Devine. »Wenn wir sicher sein könnten, dass wir gleich nach der Landung auf die Scheusale stoßen, dann hätte der Gedanke etwas für sich. Aber angenommen, wir müssen ein Stück laufen? Dann müssten wir nach deinem Plan einen bewusstlosen Mann mitsamt seinem Gepäck schleppen, anstatt ihn selbst gehen und seinen Teil der Arbeit tun zu lassen.«

Offenbar entgegnete Weston etwas.

»Aber er kann es unmöglich rauskriegen«, versetzte Devine. »Es sei denn, einer von uns ist so dumm und erzählt es ihm. Und selbst wenn er Verdacht schöpft: Glaubst du, jemand wie er hat den Mut, auf einem fremden Planeten wegzulaufen? Ohne Nahrung? Ohne Waffen? Du wirst sehen, sobald er den ersten Sorn zu Gesicht bekommt, frisst er uns aus der Hand.«

Wieder hörte Ransom undeutlich Westons Stimme.

»Woher soll ich das wissen?«, sagte Devine. »Vielleicht eine Art Häuptling. Aber wahrscheinlich eher irgendein Hokuspokus.«

Diesmal kam eine sehr kurze Äußerung aus dem Kontrollraum, anscheinend eine Frage. Devine antwortete sofort.

»Das würde erklären, warum sie ihn haben wollen.«

Weston stellte eine weitere Frage.

»Menschenopfer, würde ich sagen. Von ihrem Standpunkt aus natürlich nicht; du weißt schon, was ich meine.«

Diesmal hatte Weston eine ganze Menge zu sagen und Devine lachte in seiner typischen Art leise vor sich hin.

»Klar«, sagte er. »Versteht sich, dass du alles aus den erhabensten Motiven tust. Solange sie zu den gleichen Ergebnissen führen wie meine Motive, seien sie dir von Herzen gegönnt.«

Weston sprach weiter und diesmal schien Devine ihn zu unterbrechen.

»Du wirst dich doch nicht etwa aufregen?«, sagte er. Dann schwieg er eine ganze Weile und schien zuzuhören.

»Wenn du die Scheusale so gern hast«, erwiderte er schließlich, »kannst du ja bleiben und dich mit ihnen paaren – falls es bei ihnen Geschlechtsunterschiede gibt, was wir noch nicht wissen. Aber keine Bange, wenn es Zeit ist, dort aufzuräumen, werden wir einen oder zwei für dich übrig lassen, und die kannst du dann als Schoßtiere halten oder Versuche mit ihnen anstellen oder mit ihnen schlafen oder alles zusammen – was immer du willst … Ja, ich weiß. Einfach abscheulich. War auch nur ein Scherz. Gute Nacht.«

Einen Augenblick später schloss Devine die Tür zum Kontrollraum und ging durch den Salon in seine eigene Kabine. Ransom hörte, wie er die Tür verriegelte, was er aus unerfindlichen Gründen immer tat. Die Spannung, mit der er dem Gespräch zugehört hatte, ließ nach. Er hatte die Luft angehalten und atmete nun mehrere Male tief durch. Dann betrat er vorsichtig den Tagesraum.

Obwohl er wusste, dass er gut daran täte, so schnell wie möglich wieder ins Bett zu gehen, blieb er in dem inzwischen so vertrauten strahlenden Licht stehen und betrachtete es mit einem neuen, beinahe schmerzlichen Gefühl. Aus diesem Himmel, diesen Gefilden des Glücks sollten sie nun bald hinabsteigen – und wohin? Zu Sornen, Menschenopfern, abscheulichen, geschlechtslosen Ungeheuern. Was war wohl ein Sorn? Seine eigene Rolle bei der ganzen Sache war jetzt hinlänglich klar. Jemand oder etwas hatte ihn angefordert. Die Anforderung konnte kaum ihm persönlich gelten. Der Jemand wollte offenbar ein Opfer von der Erde, irgendein Opfer. Die Wahl war auf ihn gefallen, weil Devine sie getroffen hatte; er musste feststellen – eine späte und in jeder Beziehung erschreckende Entdeckung –, dass Devine ihn all diese Jahre genauso von Herzen gehasst hatte, wie er selbst Devine hasste. Aber was war ein Sorn? Sobald er einen sähe, würde er Weston aus der Hand fressen. In seinem Kopf – wie in den Köpfen so vieler seiner Zeitgenossen – spukten eine ganze Reihe von Schreckgespenstern herum. Er hatte H. G. Wells und andere Autoren gelesen. Sein Universum war von Ungeheuern bevölkert, mit denen die antike oder mittelalterliche Mythologie kaum Schritt halten konnte. Insektenähnliche, wurmförmige oder krustentierartige Scheusale mit zuckenden Fühlern, kratzenden Flügeln, schleimigen Windungen, tastenden Fangarmen – solche und andere monströse Verbindungen von übermenschlicher Intelligenz und unersättlicher Grausamkeit schienen ihm in einer fremden Welt etwas nur allzu Wahrscheinliches zu sein. Die Sorne waren vermutlich … waren sicherlich … Er wagte nicht, sich auszumalen, wie die Sorne waren. Und er sollte ihnen ausgeliefert werden. Irgendwie erschien ihm dies schrecklicher als die Vorstellung, von ihnen gefangen zu werden. Überreicht, ausgehändigt, dargeboten. Seine Fantasie spiegelte ihm verschiedene Scheußlichkeiten ohne jeden Zusammenhang vor – hervorquellende Augen, gähnende Mäuler, Hörner, Stacheln, Kieferzangen. Der Abscheu vor Insekten, vor Schlangen, vor allem, was schleimig und gallertartig war, spielte eine grausige Symphonie auf seinen Nerven. Und die Wirklichkeit würde noch schlimmer sein: etwas Außerirdisches, Andersartiges – etwas, woran man nie gedacht hatte, nie auch nur hätte denken können. In diesem Augenblick fasste Ransom einen Entschluss. Er konnte dem Tod ins Auge sehen, nicht aber den Sornen. Wenn es irgendeine Möglichkeit gab, musste er fliehen, sobald sie auf Malakandra gelandet waren. Der Hungertod oder sogar die Aussicht, von Sornen gejagt zu werden, waren immer noch besser als eine Auslieferung. War eine Flucht unmöglich, musste er Selbstmord begehen. Ransom war ein frommer Mensch. Er hoffte auf göttliche Vergebung. Er sah keine andere Möglichkeit mehr. Ohne zu zögern, stahl er sich zurück in die Kombüse und sicherte sich das schärfste Messer. Um keinen Preis würde er es mehr hergeben.

Auf den Schrecken folgte eine große Erschöpfung, und sobald er in seinem Bett lag, fiel er in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
251 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783865064288
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