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C.-A. Rebaf

'I'-Gene

Roman

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Erde, nördliche Hemisphäre, 1970 – 2060 n.Chr.

Leipzig, 2053 n. Chr.: Eine Drohne stürzt auf Linie 15

Berlin, Grunewald, 2053 n. Chr.: Das Sternentor

Leipzig, 2053 n. Chr.: Einsitzer von Andromeda oder Hera streitet mit Athene

Leipzig, 2053 n.Chr.: Wird Andromeda wieder einmal fündig?

Leipzig, 2053 n.Chr.: Das ‚Hucanoidea-Genom'

Berlin-Grunewald, Macapá, 2054 n. Chr.: Aufzug zu den Sternen

London, 2054 n. Chr.: London Eye

Leipzig, 2054 n.Chr.: Andromeda erleidet einem literarischen Interruptus

Leipzig, Tübingen, 2054 n.Chr.: Thor braucht Hilfe

Berlin-Grunewald, 2054 n.Chr.: Schon wieder ein Investor

Leipzig, Tübingen 2054 n. Chr.: Abriss der 'Artenbarriere'

Berlin-West, 1982 n. Chr.: Mikro-Umgebung

Berlin-West, 1982 n. Chr.: Mikro-Umgebung

Leipzig, London, 2054 n. Chr.: Hund-Mensch lebte in Ägypten

New York, 2054 n. Chr.: Peter und ‘D-DT‘

Berlin-West, 1982 n. Chr.: Das trialistische Prinzip

San Francisco 2055 n. Chr.: Das Marketingkonzept

Berlin-West, 1983 n. Chr.: Steglitz, Radio Rading: der Toshiba Walkman

Cambridge, 2055 n. Chr.: Ideenfindung

Rhön, Pfingsten 1983 n. Chr.: Die Geburt von 'Musik in der Landschaft'

Kreta, 08.10.1983 n. Chr.: Ankunft

Kreta, 9.10.1983 n.Chr.: Der Felix-Traum

Kreta, 15.10.1983 n. Chr.: Felix bei den Aussteigern

Vai, 16.10.1983 n. Chr.: Mahler-Symphonie Nr. 10 am nächtlichen Strand

Leipzig, 2054 n. Chr.: Ausgerechnet Andromeda!

Leipzig, Tübingen, 2055 n. Chr.: Thors neues Ziel

Berlin-West, 1984 n. Chr.: Zwei rotgetigerte Katzen im Interzonenverkehr

Leipzig, 2055 n.Chr.: Das ‚I-Gen‘ und die ‚Taiga-Trommel‘

Leipzig, Tübingen, 2055 n.Chr.: Mikes Arbeitsvertrag

Leipzig, Cambridge, 2055 n. Chr.: Die Einladung

Leipzig, 2055 n.Chr.: Ravel und Debussy

New York, 2055 n. Chr.: Das Energiekonzept

Leipzig, 2058 n. Chr.: Der Nobelpreis

New York, 2058 n.Chr.: Das Ende von 'Paulatim' ?

Leipzig, 2058 n. Chr.: Andromeda und die doppelte Erfüllung

Vorspiel im Weltall, 700.000-125.000 v. Chr.

ρ-ψ, ca. 700.000 v. Chr.: ‚KHKH‘ der Startschuss

KHK ‚ρ-ψ’ ca. 125.000 v. Chr.: Irgendwo im Weltall

KHK ‚ρ-ψ‘, ca. 125.000 v. Chr.: Murrat

Altägypten, 4030 - 3960 v. Chr.

Altägypten, 4005 v. Chr.: Abel verlässt seine Schafherde

‚ρ-ψ’, 4005 v. Chr.: Die Landung auf dem blauen Planeten

Altägypten, 4003 v. Chr.: Eine Überraschung in der Schafherde

‚ρ-ψ’, 3985 v. Chr.: Das Mädchen mit den spitzen Ohren

Altägypten, 3984 v. Chr.: Naama und Abel

‚ρ-ψ’, 3983 v. Chr.: Alina und Ferdinand, eine Liebesgeschichte

Altägypten, 3970 v. Chr.: Eine erste terrestrische Expedition

Altägypten, 3968 v. Chr.: Die Begrüßung der Götter

Altägypten, 3968 v. Chr.: Das Opfer

‚ρ-ψ’, 3967 v. Chr.: Menschen auf ‚ρ-ψ‘

‚ρ-ψ’, 3965 v. Chr.: Not-Start aus dem Sonnensystem

Altägypten, 3963 v. Chr.: Die Geburt Adam und Evas

Altägypten, 3953 v. Chr.: …und die Bibel hat doch recht!

Die ferne und sehr ferne Zukunft (< 2500 n. Chr.)

Erde, Mond ca. 2563 n. Chr.: Die Mondaußenstation

Mond, ca. 2564 n. Chr.: Das erste Mond-Baby

Mond, Mars, ca. 2878 n. Chr.: Vom Mars zu 1950DA

1950DA, ca. 3000 n. Chr.: Der Tunnelröhren-Sozialismus

‚ρ-ψ‘, ca. 24.000 n. Chr.: Oriana oder der Lohn für Hartnäckigkeit

Proxima-Centauri, ca. 25.000 n. Chr.: Rendezvous der Kulturen

Proxima-Centauri (La Réunion), ca. 25.000 n. Chr.: Wohin? Was nun?

'La Réunion', ca. 25.000 n. Chr.: Helios erstrahlt am Himmel

Danksagung

Impressum neobooks

Erde, nördliche Hemisphäre, 1970 – 2060 n.Chr.

Etwaige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen in diesem Roman sind rein zufällig. Alle namentlich genannten Personen sind frei erfunden.

Enthält deutliche Beschreibungen sexueller Handlungen und ist nur für Erwachsene geschrieben.

Umschlagsgrafik: © C.-A. Rebaf

© 2018 alle Rechte liegen bei C.-A. Rebaf

Gewidmet Hans Rosling, den ich leider nur posthum im Internet kennengelernt habe. In Anerkennung seiner Verdienste zur Rettung der Menschheit.

Leipzig, 2053 n. Chr.: Eine Drohne stürzt auf Linie 15

„Das war wieder ein herrlicher Sex mit dir heute Morgen“, sagte Carol und schüttelte ihre kurzen blonden Locken, „und das nach 10 Jahren Beziehung. Wie machst du das immer?“ „Das ist wohl eine rhetorische Fragen oder?“, antwortete Thor. „Du musst schon fragen, wie machen wir das zusammen, oder nicht? Das hängt doch nicht nur von mir alleine ab. Du tust ja auch etwas dafür.“ „Dein Penis fragt meine Vagina immer solche Sachen, das macht mich kribbelig und dann wenn es dir kommt, fällt meinem Teil dann auch eine Antwort ein, eine sehr schöne!“ „Das ist ja wie bei meiner Arbeit: Ich frage Andromeda ständig Dinge, die sie dann in ihren Computer überträgt und zu beantworten versucht. Ungeduldig, wie ich nun einmal bin, bohre ich weiter: Wie ist das jetzt mit der DNA aus dem Knöchelchen vom British Museum. Hast du schon Ergebnisse? Es kommt zurück: Wenn ich mir ganz sicher wäre, hätte ich es dir schon gestern Abend gesagt, aber es ist verzwickt.“

Die Miene seiner Frau fror gerade ein, wie bei einem Film, der hängen bleibt.

Thor wollte diese Wendung nicht akzeptieren und plapperte weiter drauf los: „Stell dir vor, sie haben Übereinstimmungen mit menschlichen Genom-Sequenzen gefunden, aber nur eine geringe Prozentzahl. Der Rest ist Fehlanzeige. Dass diese Bioinformatiker das immer so kompliziert machen müssen!“ Carol verstand diese Details überhaupt nicht, hatte auch keine Lust weiter nachzufragen und heuchelte Interesse, indem sie sich auf die Metaebene begab: „Was heißt hier kompliziert, du in deiner Abteilung, ihr habt doch die Sequenz festgestellt. Andromeda hat nur die Analyse übernommen. Ich denke, ihr habt das Problem verkompliziert!“, nahm sie Andromeda plötzlich aus weiblicher Solidarität in Schutz, obwohl sie die rotbraune Frau überhaupt nicht mochte und ständig eine Eifersucht gegen sie bekämpfen musste und fügt noch hinzu: „Lass uns nicht wegen der Arbeit streiten, sonst wird der Sex am Morgen nicht mehr so gut!“

Er wollte gerade noch etwas zum Projekt hinzufügen, da pupste Carols Smartphone und kündigte eine SMS an. Carol war erleichtert: „Die Last-Drohne vom EDEKA ist unterwegs mit unserem Lebensmitteleinkauf. Bei durchschnittlichem Luftverkehr sollte sie in sieben Minuten ankommen“, las sie vor. Sie hatte am Vorabend noch die Liste mit fehlendem Material vom Kühlschrank mit ihren individuellen Wünschen ergänzt und abgeschickt. „Du wolltest noch etwas sagen?“ fragte sie. „Habe ich vergessen, aber ich muss los wir sehen uns später.“ Thor – der eigentlich Thor-Svante hieß, was aber viel zu lang war und deswegen fiel Svante immer unter den Tisch – Thor also, stand vom Frühstückstisch auf, gab ihr einen Kuss und ging ins Badezimmer zum Zähne putzen. Dann nahm er seinen Laptop und machte sich auf den Weg zur Straßenbahn. Die Linie 15 der LVB fuhr auch noch 2053 in Leipzig zum Deutschen Platz, wo sein Institut stand, ein Bau, der inzwischen auch schon in die Jahre gekommen war und einer dringenden Renovierung bedurfte. Aber immerhin hatte das Institut dank einiger hervorragender Wissenschaftler in der Gründungszeit weltweit einen guten Ruf.

Das Smartphone meldete sich noch einmal, die Drohne mit zwei braunen Packpapiertüten landete gerade vor der Haustüre und Carol entnahm ihren Einkauf, quittierte den Empfang auf dem Touch-Display und räumte die Waren in den Input-Port des Kühlschranks ein, wo sie eingescannt und so registriert wurden.

Kitty, ihre betagte Katzendame, schnurrte ihr zwischen den Beinen und forderte sie lautstark auf, die Morgenmahlzeit zu servieren. Die alte Dame war schon 15 Jahre alt, aber noch immer tigerte sie topfit durch die Wohnung. Carol und Thor hatten sich an sie gewöhnt.

Thor hat sie dressiert, ihn nicht auf der Toilette zu stören! Er spreizte Zeige- und Mittelfinger zu einem ‚V‘-Zeichen und richtete dies mit ausgestrecktem Arm auf die Augen des Pelztieres. Er wusste auch nicht genau warum, aber nach einigen Versuchen klappte es und er musste nur das ‚V‘-Zeichen machen und schon trollte sie von dannen. Irgendwie hatte Thor das Gefühl, dass dieser Angriff auf die Augen dem Tier unangenehm war.

Im Stadtteil Paunsdorf, wo es eine herrliche Sauna-Landschaft gibt, ging im gleichen Moment auch Andromeda ins Bad, vervollständigte ihr Make-up und machte sich auf den Weg mit ihrem kleinen FIAT 500 ‚Refit-Elektro‘ zur Permoserstraße, wo sie im „Institut für Vergleichende Bioinformatik“ arbeitete. Der Verkehr war, wie immer, zäh, aber die vier kleinen Elektromotoren an den Rädern brachten es auf gut 250 PS. Irgendwann um 2020 herum wurde der alte Abarth-Verbrennungsmotor in dieser kleinen Knutschkugel durch Elektroantrieb ersetzt. Das war jetzt auch schon eine Weile her. Aber die neue, immer weiter verbesserte Elektroantriebstechnologie, erlaubten Andromeda jetzt mega-schnelle Überholmanöver und Lücken-Hopping auch im dichtesten Verkehr, weil das Gangschalten jetzt wegfiel. Die Anzugleistung aus dem Stand gefiel Andromeda besonders. Mit keinem Verbrennungsmotor wurde sie beim Beschleunigen so stark in den Sitz gedrückt, zumal ihr Gefährt nur aus einem Sitz mit Akkumulatoren rund herum und den Antriebsmotoren bestand. Andromeda liebte es, besonders schnell zu fahren und kam in Rekord-Zeit am Institut an.

Dort erledigte sie ihre Routine und scrollte dann gezielt durch die Informationsbanken ihres Computers. Sie war sehr streng organisiert. Es gab Freunde, die ihr bescheinigten, dem autistischen Umfeld zugeordnet zu sein; wohl der Grund, warum ihr die Informatik so ans Herz gewachsen war. Sie liebte diese Betätigung, da sie ihren zwanghaften Drang, Ordnung und Struktur zu schaffen, befriedigen konnte. Sie vermied allzu viel menschliche Nähe, weil sie ihr nicht gut tat. Aber sie sehnte sich doch immer danach. Das war der Konflikt ihres Lebens, den sie immer durch ihre hervorragende Arbeit zu kompensieren versuchte. Das spiegelte sich auch in ihren wechselnden Beziehungen zu Männern wieder, die ihr bisheriges Leben durchzogen. Immer dann, wenn sie dachte, bei einem Mann ange-kommen zu sein, wunderte sie sich, dass dieser nicht akzeptieren konnte, dass sie ihre Freiheit - wie sie es nannte - brauchte und die Forderungen der Gegenseite nach mehr und häufiger Nähe und Zweisamkeit schroff ablehnte. Aber sie hatte ja ihre Computerwelt – hier war es ihr besonders wichtig, durch die Herstellung von Verbindungen zwischen den weltweit bestehenden Daten-Clouds, eine neue Informationsqualität zu erzeugen. Die Sehnsucht nach menschlicher Nähe kompensierte sie im übertragenen Sinne dadurch, dass sie Nähe für Datenbanken erzeugte. Dabei spielte es oft keine Rolle, ob die Datenformate kompatibel waren, denn es gab inzwischen ausreichend technische Möglichkeiten diese Kompatibilität zu erzeugen.

Gerade kürzlich war es ihr gelungen, Scans von Aufzeichnungen aus dem British Museum aus tiefster Vergangenheit zu digitalisieren und so der Datenwelt zu eröffnen. Das waren handschriftliche Beschreibungen von Ausgrabungen in Ägypten im 19. Jahrhundert; darunter auch kleinste Notizen. Aber es zeigte sich mit fortschreitender Entwicklung, dass solche Beobachtungen aus der Vergangenheit für die moderne Forschung immer wichtiger wurden. Das Daten-Digging in den Archiven der Museen wurde immer wichtiger und Andromeda lieferte dazu entscheidende Beiträge. Nicht nur Dokumente, die in wissenschaftlichen Archiven zu finden waren, sondern vor allem private oder halb-private Aufzeichnungen, die auf skurrilen Wegen die Öffentlichkeit erreichten, gaben besonders viele Hinweise. Vor allem, wenn man diese dann wie Puzzleteile in die Lücken füllte, die die unvollständige Wissenschaft der Vergangenheit hinterließ. Oft waren das Papiere, die auf einem Speicher, in einem englischen Schloss, in Schrank-koffern gefunden und dann über Ebay zum Verkauf angeboten wurden. Andromeda prüfte da gerade wieder einmal eines dieser unzähligen Angebote. Es war sehr schwierig, die Spreu vom Weizen zu trennen und etwaige raffinierte Fälschungen von Authentischem zu unterscheiden. Das ihr gerade neu angebotene Tagebuch soll von einem Diener geschrieben worden sein, der den berühmten Ägyptologen Carter auf seinen Expeditionen im Land der Pharaonen begleitete. Sein Name war John. Er schrieb eigentlich eher aus Langeweile und weil er es seinem Herrn gleichtun wollte. Der Inhalt war eher bescheiden, die Sätze sehr einfach und es gab massenweise Worte aus dem Cockney, die erst mit viel Mühe ins Hochenglische über-tragen werden mussten. War dies geschafft, dann konnte der Text einer vernünftigen Analyse unterzogen werden. Andromeda hatte eine Software geschrieben, die die Fakten – einzelne Puzzlesteine – aus dem Zusammenhang heraus-zog, vereinzelte und in eine Datenbank einspeiste. Diese verglich sie dann mit denen der wissenschaftlichen Literatur. Es war erstaunlich, wie viele Bestätigungen und logisch sinnvolle Ergänzungen zu den Originalarbeiten, etwa von Newton, Darwin oder Lavoisier, zu Tage kamen. Das gesamte Vorgehen entsprach dem Charakter von Andromeda und erfüllte sie mit ungeheurer Befriedigung, wenn sie wieder eine Puzzle-Fehlstelle gefüllt hatte.

Im Lauf des Vormittags checkte sie ihre E-Mails und war gespannt, ob der eBay-Anbieter ihr eine Probe hatte zukommen lassen, wie sie es gefordert hatte. Sie wollte ja keine Katze im Sack kaufen, zumal sie ja dafür Institutsgelder einsetzte und sich entsprechend rechtfertigen musste. Aber da sie bereits erfolgreiche Zukäufe in der Vergangenheit getätigt hatte, vertraute man ihr zunehmend.

Tatsächlich, sie erhielt einen File mit einem kurzen Aus-schnitt aus dem angebotenen Tagebuch. Mit Mühe entzifferte sie die krakelige Handschrift:

kam der Doktor in das Zelt und mein Herr wies mich an, ihnen beiden Tee zu servieren. Die beiden Herren unterhielten sich zunächst über die Hitze und dann beugte sich der Gast über einen Holzkasten, in dem ein wildes Durcheinander von Knochen und Knöchelchen aufgeschüttet war. „Die haben wir auf dem Boden zusammengefegt“, erläuterte mein Herr. „Das erscheint mir nicht sehr professionell dokumentiert“, schmunzelte der Gast. „Wir können uns mit diesem Kleinkram nicht verzetteln,“ entschuldigte sich mein Herr, „wir wollen doch die Mumie finden und uns nicht mit solchen Details verspielen!“ Der Doktor nahm anscheinend zufällig ein Knöchelchen und sagte, das sieht ja eher aus, als ob es von einem Hund stammt“…

Das war alles, und damit sollte Andromeda jetzt eine Entscheidung treffen. Das Gebot stand bereits auf 15.000 NEuro. Nach dem Zusammenbruch des europäischen Währungssystems, wurde der „Nord-Euro“ eingeführt, wie er ausgeschrieben hieß. Inzwischen eine gängige Weltwährung, die neben dem US$ üblich war. Die südlichen Euro-Staaten hatten weiterhin die 'Ur'-Währung, den Euro, beibehalten, der jährlich gegen den NEuro abgewertet wurde. Kein Wunder, hatte sich sogar die Schweiz dazu durchgerungen, dieser Verbundwährung von Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande, Deutschland und Russland beizutreten. Die Schweizer Nationalbank war im Gegenzug maßgeblich bei der Formulierung der Statuten beteiligt gewesen, was dem Erfolg dieser Währung sehr gut tat. Einige Professoren aus St.Gallen hatten die alte SNB sehr gut beraten und die russische Komponente wurde darin hervorragend integriert, vor allem wegen der dortigen noch immer hohen Rohstoffvorkommen. Nach anfänglicher Parität mit dem US$ war nach wenigen Jahren der NEuro etwa 3-4 mal mehr wert und nach der Umstellung des Energiemarktes auf diese neue Währung war es üblich, internationalen Geschäfte auf dieser Basis abzuwickeln.

Irgendetwas sagte Andromeda, dass dies wirklich ein authentisches Dokument war. Ihr Bauchgefühl war inzwischen sehr gut entwickelt. Sie gab sich einen Ruck und gab 50.000 NEuro als Höchstgebot ein und war sicher, damit diese Versteigerung zu gewinnen. Die Restlaufzeit war eh nur noch kurz. „Das gibt wieder viel Arbeit“, dachte sie, „aber zumindest schreibt der Diener einigermaßen lesbar und verständlich. Ich sollte mich dennoch absichern, sicher kann Thor mir bei der Entscheidung helfen.“ Sie ergriff ihr Smartphone, rief ihn an und erwischte ihn in der Straßenbahn. Im Gegensatz zu ihr, liebte er den ÖV. „Hey Thor, ich brauche deine Hilfe!“, platzte sie gleich heraus. „Ich habe wieder einmal ein Dokument, das ich für die Datenbank erwerben will und ich bin mir nicht sehr sicher, ob es so viel Geld wert ist. Ich habe 50.000 NEuro geboten“. Thor pfiff ins Telefon. „Liebes, du verdirbst die Preise“, sagte er lachend. „Nenn mich nicht 'Liebes', wir sind nicht verheiratet! Du weißt, ich mag das nicht! Was soll Carol dazu sagen? Darf ich dir den Probetext schicken?“ „Natürlich, am besten gleich – noch habe ich bei der Fahrt zum Institut hier Zeit.“ Sie schickte eine MMS und er überflog den Text.

Plötzlich gab es einen heftigen Knall, die Straßenbahn bremste abrupt voll ab. Er flog aus seinem Sitz und das Smartphone rutschte über den Boden und zerlegte sich in Einzelteile. Als er sich wieder aufgerappelt hatte – außer einigen blauen Flecken, war ihm wohl nichts passiert – sammelt er die Reste des Smartphones ein. Das Display war dunkel. „Scheiße, es ist hoffentlich nicht kaputtgegangen!“ fluchte er leise und schaute, was los war. Es war das Übliche: Eine überlastete Drohne raste in den Stromabnehmer der Bahn und legte die elektrische Versorgung komplett lahm.

Die Errungenschaften der Zukunft hatten auch noch ihre Schwachstellen! Die Medien diskutierten schon, als Schutz gegen herumirrende Drohnen an allen wichtigen Stellen entsprechende Stahlplatten als Abwehr anzubringen. Die alten Straßenbahnwagen der LVB waren jedoch noch nicht aufgerüstet. Thor war klar, dass er hier nicht weiterkam und schlug sich zu Fuß durch. Er hatte Andromeda völlig vergessen. Diese wiederum machte sich Vorwürfe, Thor so angepöbelt zu haben und sie malte sich aus, wie beleidigt er jetzt war und sich nicht mehr meldete. Sie selbst traute sich deswegen auch nicht, ihn zu kontaktieren.

Thor betrat mit einiger Verspätung das Institut, umrundete das Empfangsrondell und öffnete mit seinem Transponder-Schlüssel die Türen zum innersten Instituts-Heiligtum. Das System war noch das alte und inzwischen völlig veraltet, aber es funktionierte noch immer und war nicht tot zu kriegen.

Er stürmte die Treppen hinauf und erreichte verschwitzt den Meeting-Room 'Neandertal'. Alle Konferenzräume hatte Namen nach bedeutenden Knochen-Fundstätten. Dort angekommen, war die kleine Runde für die montägliche Wochenbesprechung bereits versammelt, er war der letzte. „Sorry, Drohnen-Unfall bei der Linie 15“, entschuldigte er sich und fuhr fort „Was steht heute Morgen an?“ „Wir haben immer noch die ungeklärte Sequenz! Andromeda tappt völlig im Dunkel, aus welchem Genom der Großteil der DNA-Sequenz stammt. Sie hat inzwischen alles Humanoide durch-getestet. Das war schon ein riesiger Aufwand: Neandertaler, A 001, Denisova, Maja, Pygmäen, Aboriginees etc., etc.. Sie erwartet von uns einen Hinweis.“ Björn, ein Mitarbeiter von Thor, beendete damit sein Minireferat. Dieser wirkte ganz geistesabwesend und knallte als Antwort sein Smart-Phone auf den Tisch, das er wieder zusammengesetzt hatte. „Das ging wohl auch kaputt!“, fluchte er. In diesem Moment erwachte das ultraflache Teil aus seinem Tiefschlaf und zeigte ein Vergrößerung des letzten Bildes von Andromedas Dokument. Es war nur zu lesen:

… Knöchelchen und sagte, das sieht ja eher aus, als ob es von einem Hund stammt…

„Was hast du denn, funktioniert doch alles!“, sagte Szophia, die einzige Mikrobiologin in der Runde. „Was steht denn da, ich kann die alte Schrift nicht lesen, heißt das 'Knöchelchen' und 'Hund'? Die Nachricht ist ja von Andromeda!“ ereiferte sie sich. „Ja, sie hatte wieder ein altes Dokument bei eBay aufgetan und mich gefragt, ob sie es ersteigern soll“, erklärte Thor. „Und was war deine Antwort?“ fragte Björn. „Keine, der Drohnen-Unfall kam dazwischen, ich rufe sie sofort an, entschuldigt. Aber unter uns: 'Hund' was soll das?“ murmelte er noch beiläufig, ergriff das Telefon und rief Andromeda an. „Hey Andromeda, wir wurden unterbrochen, wieder einmal eine Drohne in der Oberleitung der Linie 15.“ „Ja, mit meinem Auto wäre das nicht passiert, ich habe den Drohnen-Schutz schon lange montieren lassen“, antwortete sie schnippisch und biss sich auf die Lippen. Das war nun schon der zweite Affront gegen ihn heute und der Tag war noch so jung. „Kaufen“, sagte Thor kurz. „Was kaufen?“, fragte Andromeda verdattert zurück. „Na, das Dokument!“ half er ihr auf die Sprünge. „Welches Dokument?“ „Ja, das von Carters Diener mit der kurzen Unterhaltung wegen der Knöchelchen.“ „Verdammt, das ist mir durch die Lappen gegangen, der Endpunkt der Versteigerung ist verstrichen! Ich schaue gleich nach, ob ich den Zuschlag erhalten habe. Warte bitte einen Moment.“ Nach kurzer Pause, läutete das Telefon im Konferenzraum ‚Neandertal‘ wieder und Andromeda teilt der Runde mit, dass sie überboten wurde. Das Dokument war für die Wissenschaft verloren.

„Na, was soll`s, lass uns die Sache auf den Hund bringen!“, witzelte Szophia, „bevor wir in irgend einen Aktionismus verfallen, soll Andromeda doch anhand weniger einschlägiger Gensequenzen, schauen, ob das Hundegenom ein Ansatz ist.“ „Und dein Vorschlag ist kein Aktionismus? Nur weil das Wort 'Hund' fällt, sollen wir die Forschung darauf ausrichten?“, antwortete Thor sarkastisch. „Hast du eine bessere Idee?“, unterstütze Björn seine Kollegin. Wäre er nicht absolut stockschwul und auch noch ein Vertreter der Weiblichkeit in dieser Kategorie, er hätte sich in die hübsche, kleine, rundliche Frau mit dem rabenschwarzen Bob verlieben können. „Nein, warum nicht Aufwand für einen ersten Genvergleich mit canis vulgaris, oder wie das heißt, einsetzen. Es sollte für Andromeda ohne großen Aufwand zu machen sein. „Wir rufen sie gleich zurück und schlagen ihr das vor“, bemerkte Thor trocken. Schon hatte er das Smartphone in der Hand und rief Andromeda erneut an. „Hey Andromeda, wir meinen, auf Grund der mysteriösen Hinweise heute Morgen, du solltest die unbekannten Gensequenzen des kleinen Knöchelchens versuchsweise mit Sequenzen vom Hund abgleichen. Erst einmal die spezifischen Kernsequenzen. Was meinst du dazu?“ „Ausgerechnet 'Hund', das ist schwierig. Durch die Züchtung von verschiedenen Hunderassen ist eine riesige genetische Vielfalt entstanden. Eine wirklich spezifische Kernsequenz gibt es meines Wissens nicht. Sollte ich mich jetzt mit Kynologie beschäftigen? Es wäre schon wichtig, zu wissen, ob es Pudel oder Mops sein soll“, kam es etwas schnippisch aus der Telefonanlage. Thor hatte inzwischen auf Bild-telefonie umgestellt und alle konnten Andromeda sehen und hören. „Schakal“, sagte Szophia, „der ist nahe am Wolf und vielleicht eine hündische Urform. Für Thor war das alles etwas lächerlich und er stimmte eher aus Langeweile zu. Er wollte die Konferenz jetzt möglich schnell beenden und sich um andere Dinge kümmern. Geduld war nicht seine Stärke, die überließ er gerne seinen Mitarbeitern. „Also gut! Nehmen wir Schakal, das ist eh' eine Schnapsidee“, beschloss Thor, „bis wann hast du Ergebnisse mit deiner Datenmühle?“ Er wollte zum Abschluss witzig sein. „Wenn wir Glück haben, morgen früh. Ich werde alle Mühe haben, richtige Schakal-DNA-Sequenzen zum Vergleich heute im Netz aufzutreiben. Beim Menschen ist das einfacher. Ich mache mich gleich dran“, sagte sie und legte auf. „An die Arbeit!“, trieb Thor seine Leute an und löste das Meeting auf.

Berlin, Grunewald, 2053 n. Chr.: Das Sternentor

Ein alter Professor der Astronomie saß, wie jeden Tag, über seinen Sternkarten. Er war im Institut in Berlin-Grunewald noch geduldet, hatte einen Schreibtisch im Gruppenraum, zusammen mit den jungen Doktoranden. Alle nannten ihn witzelnd den 'Post-Prof‘, in Anlehnung an 'Post-Doc‘. Mit letzterem werden die Wissenschaftler bezeichnet, die nach ihrer Promotion ihre Forschungsarbeiten weiterführen, was im 'best case‘ zu einer Habilitationsschrift führt und das Sprungbrett in den Olymp der Spitzenforscher darstellt. Die Bezeichnung 'Post-Prof‘ für jemanden, der nach jahrelanger aufreibender Arbeit doch nicht den Nobelpreis erhielt und weiterhin als Wissenschaftler nur aus Mangel an anderen Alternativen auch nach der Emeritierung weiter wurschtelt, ist sehr zynisch. Aber Peter erging es so. Seine hübsche, temperamentvolle Frau war ihm in jungen Jahren davon-gelaufen, weil er seiner Forschung erheblich mehr Zeit widmete als ihr. Mit den Jahren war alles nur noch Routine und er kam aus seinem Hamsterrad bis heute nicht heraus. In den Zeiten, wo nur noch Computer, deren Rechenstärke und Schnelligkeit im Verbund des Internets, eine Rolle spielten, war es schon sehr vermessen, dass er sich ein-bildete, mit Sternkarten und Gedrucktem etwas für die Wissenschaft beitragen zu können. Aber ein Mensch, der sein Leben lang so hart gearbeitet hatte, entwickelt den notwendigen Biss und Durchhaltewillen.

Gerade diskutierten die jungen Doktoranden um ihn herum die neueste Nachricht aus dem Netz. Ein Astronom aus Cambridge hatte eine sensationelle Entdeckung gemacht: Unter Zuhilfenahme einer in der Astronomie zunächst unbekannten Datenbank, betrieben von einer in diesen Fachkreisen unbekannten Bioinformatikerin aus Leipzig, war es gelungen, einen alten syrischen Text neu zu deuten. Das zu Grunde liegende Prinzip war denkbar einfach. Die Wissenschaftlerin zerlegte alle mögliche Informationen in einzelne Pakete und stellte sie in eine gigantische Datenbank, vergleichbar mit Wikipedia der alten Zeit. Danach wandte sie einen von ihr erdachten raffinierten Algorithmus an und verknüpfte die Datenpakete neu. Eigentlich war dieses Vorgehen zum Erlangen von Hintergrundinformationen in der Anthropologie gedacht. Aber in Cambridge hatte ein Kollege ihre für alle zugängliche Datenbank entdeckt und auf Fragestellungen der Astrono-mie angewandt. Nach einigen Fehlversuchen gab er das Stichwort 'Sternentor‘ ein.

Dieser Begriff wurde gleich nach der Jahrtausendwende von Hollywood entdeckt und keiner weiß genau, warum und wieso, mit magischen, kreisrunden Wasserwänden in Verbindung gebracht, durch die Menschen verschwanden und in neue Welten ge-'beamt', sprich: transferiert, wurden. Das eigentliche Problem wurde durch einen kühnen Filmschnitt jeweils übergangen: Wie in aller Welt und unter Berücksichtigung derzeitigen realen physikalischen Wissens, konnte ein 70 bis 120 kg schwerer Körper, mit Army-Ausrüstung, in so kurzer Zeit solche riesigen Entfernungen zurücklegen? Klar, es wurde mit Krümmung der Zeitebene, Wurmlöchern und ähnlichem Einsteinschen Mysterien argumentiert, aber einen vernünftigen Menschen, der mit beiden Beinen auf der Erde steht, überzeugte das nicht. Deshalb blieben alle verfilmten 'Sternentore‘ im Bereich des Phantastischen und der Illusionen des Films.

So sah Peter, der 'Post-Prof‘ und Realist, die Dinge auch. Jedoch – irgend etwas musste an dem Begriff doch daran sein. Peter war überzeugt, dass es tatsächlich ein Synonym für etwas war, was die Urmenschen schon geprägt hatte, aber dessen wirkliche Bedeutung nicht überliefert worden oder aber die Überlieferung im Laufe der langen Zeitspanne bis heute verloren gegangen war.

Peter fielen die Drachen in den überlieferten Sagen und Märchen ein. Er war überzeugt, dass einige wenige Saurier in Höhlen den Meteoriteneinschlag im Golf von Mexiko überlebten und diese Bestien einige Urmenschen noch erschreckt hatten, bevor ein Held, wie Siegfried, ihnen den Garaus machen konnte. Peter war es klar, dass Millionen von Jahren die Menschen vom Einschlag trennte, aber die jüngsten Entwicklungen in der Anthropologie zeigten klar, dass die Menschen schon früher auf der Erde erschienen waren, als noch vor kurzem gedacht. Es war nicht erstaun-lich, dass diese Drachen allesamt in Höhlen wohnten, bevorzugt in China und in Europa.

Das Gute an der Wissenschaft sah Peter ja auch darin, dass zuerst eine – vielleicht auch fantastische Vision – im Kopf eines Forschers war und er dann die nachvollziehbare und logische Erklärung dafür hatte. Er ging in diesem Punkt mit den drei Gesetzen von Arthur C. Clarke komplett einher:

1) Wenn ein angesehener, aber älterer Wissenschaftler behauptet, dass etwas möglich ist, hat er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit recht. Wenn er behauptet, dass es unmöglich ist, hat er höchstwahrscheinlich unrecht.

2) Der einzige Weg, die Grenzen des Möglichen zu finden ist, ein klein wenig über dies hinaus in das Unmögliche vorzustoßen.

3) Jede, hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.

Clarke war ein besonderer Mensch für Peter, besonders seit die Planung für den ersten Weltraumaufzug vor wenigen Monaten gestartet wurde, der von diesem schon lange zuvor in der Sciencefiction-Literatur geschildert wurde. Clarke, sein Held schlechthin, stand in seiner eigenen Walhalla noch vor Einstein.

Gerade war die ESA mit ihrem Projekt 'Space-Elevator 1 (SE1)‘ aktuell in aller Munde. Europa hatte damit die Oberhand in der Weltraumforschung wieder zurück-gewonnen, wenn auch weiterhin in englischer Sprache, die als europäische Amtssprache nach der legendären Abstimmung von 2028 festgelegt wurde. Europa hatte zwar die USA überrundet, aber die Sprache blieb gleich.

Natürlich hatten sich die Europäer erst nach der Integration Russlands in das Projekt auf die Überholspur begeben und die USA hinter sich gelassen. Nach langen Diskussionen stimmte die ESA schon vor Jahren zu, dass der terrestrische Ausgangshafen von SE1 in Baikonur angesiedelte wurde, gefolgt von einer zweiten Einheit in Peenemünde, die dritte war geplant als Ausgangspunkt im Golf von Biskaya, eine Berücksichtigung französisch-englischer Interessen, wobei auch Spanien als externer Südeuropa-Partner mitarbeitete. All diese Planungen mussten schnell überarbeitet werden, da die Physik zwingend forderte, dass ein SE nur direkt auf dem Äquator liegen musste, wie es in allen gängigen Sciencefiction-Romanen, vor allem auch von Clarke, geschildert worden war.

Auch die alte Raketen-Abschuss-Basis in Französisch-Guyana lag zwar nahe, aber nicht direkt auf dem Äquator. Deswegen war man gezwungen, mit Brasilien eine Kooperation ein-zugehen und auch dieses Land am Projekt zu beteiligen. Die kleine Stadt Macapá, im Amazonas-Delta, wurde als Standort erwählt.

Das Halteseil aus Karbon-Röhren, als Herzstück von ES1, ist in Sibirien mit deutsch-schweizerischer Maschinen und Chemieanlagen produziert und der Haltesatellit in der geostationären Umlaufbahn in Frankreich und England, auch mit Hilfe US-Fremdfirmen, erfolgreich entwickelt worden.

England hatte zwar 2016 für einen Brexit gestimmt, trat aber nur wenige Jahre später wieder in die EU ein, um die Talfahrt ihrer Wirtschaft zu stoppen, was dann auch gelang.

Der solarbetriebene Aufzug war eine Kooperation eines Firmenkonsortiums, bei denen Thyssen-Krupp, Schindler, Otis und Liebherr, die treibenden Kräfte stellten. Erstere Firma hatte schon vor langer Zeit einen Versuchstower bei Rottweil in Deutschland gebaut, den man von der A81 gut sehen konnte. Dort perfektionierten sie Linearmotorantriebe für Fahrstühle, wohl wissend, dass dies eine wichtige Zukunftstechnologie werden würde. Das war natürlich auch die Technologie der Wahl. Tatsächlich waren an dem Seil die Linearmotorelemente angebracht, die in einem Loch auf der kreisrunden Aufzugplattform ihre magnetischen Gegenüber fanden. Auf diese Weise benötigte man nur ein Halteseil, und nicht etwa ein zweites, oder eigentlich noch ein drittes, um die Fahrstuhlkabine zu bewegen.

Das Projekt war in vollem Gange und stand vor seiner planmäßigen Vollendung. Immerhin musste das Halteseil ja 35.786 km lang sein, um die Entfernung von der Erde zu einem geostationären Haltesatelliten zu überbrücken.

Eine neue zweite Generation von Projektmanagement (SGPM = second generation project-management) – eine Weiterentwicklung des ersten NASA-Ansatzes – wurde maßgeblich an deutschen Universitäten nach den katastrophalen Misserfolgen der Großprojekte, wie Elb-Philharmonie, Flug-hafen Berlin, Stuttgart 21, sowie dem VW-Abgasskandal, entwickelt und brachte durch seine streng vorgeschriebene Anwendung bei allen Modulen das Projekt ES überhaupt zum Erfolg. Die bekannten Prinzipien der GMP-Richtlinien aus der Pharmabranche wurden in das SGPM integriert und verstärkt auf die Fehler der Vergangenheit hingewiesen, dass alle Anstrengungen für eine solide Planung nie als unnütze Kosten angesehen werden dürfen. In den Jahren nach der Jahrtausendwende hatten alle Controller, aus vermeintlich guter Absicht, die 'Luft aus den Projektkosten zu lassen', den Fehler begangen, diese Planungskosten zu streichen oder zumindest drastisch zu reduzieren, was danach immer wieder zu einem terminlichen und finanziellen Fiasko führte! Notabene, die Controller waren dann zu Projektabschluss, der ja oft 5 bis 10 Jahre in der Zukunft lag, längst über alle Berge und hatten ihre Boni für die erzielten Kostenkürzungen eingestrichen. Aber alle wunderten sich damals, wie solche Projektkatastrophen geschehen konnten.

Peter erwachte aus seinem Tagtraum und hörte den Studenten weiter zu, die von jenem Astronom aus Cambridge erzählten. Dieser glaubte wohl, herausgefunden zu haben, dass 'Sternentor' eine ganz bestimmte, seltene Sternenkonstellation meinte. Es war jedoch noch nicht klar welche konkret damit gemeint war.

Peter blieb in seinen Gedanken an dem Begriff 'selten‘ hängen. Er untersuchte mit seinen Sternkarten das Auftauchen und Verschwinden von Meteoriten, Asteroiden und Kometen. Die Informationen dazu waren spärlich und seine Idee war, gerade aus sehr alten astronomischen Aufzeichnungen, etwas Neues zu lernen. Der Begriff 'selten‘ war sehr gängig; denn wenn man einen Kometen, wie den Halley’schen zum Beispiel, betrachtet, kehrt er nur ca. alle 75 Jahre wieder. Dieser ist ja in seinem Erscheinen noch häufig, aber Peter konnte sich Asteroiden vorstellen, die nur einmal in einem durchschnittlichen Leben am Himmel erschienen, andere sogar nur in jeder zweiten oder dritten Generation. So wie etwa 1950 DA, der 1950 entdeckt wurde und 2880 wieder in Erdnähe erwartet wird. Ganz spannend fand er Aufzeichnungen von Exoplaneten. Das waren Himmels-körper, die, ähnlich wie Asteroiden, unser Sonnensystem nur vorübergehend kreuzten, jedoch anderen Sternensystemen angehörten. Der eindeutige Nachweis dieser Himmelskörper war extrem schwierig. Er träumte so in den Tag und ihm wurde klar, dass die exakten Aufzeichnungen dieser Himmelskörper für ihre Beschreibung essentiell waren. „War das in der Vergangenheit immer gegeben?“ fragte er sich und stellte sich einen keltischen Druiden in Stonehenge vor, der vielleicht ein gutes Wissen und exakte Himmelsbeobachtungen machte, aber keine schriftliche Aufzeichnung kannte und vor seinem Sterben sein Wissen mündlich an einen Nachfolger weiterzugeben versuchte. Vielleicht kam er aber auch zu einem schnellen unnatürlichen Tod und sein Wissen ging verloren. Das musste doch zu lückenhafter Wissensüberlieferung führen.

Außerdem war ihm klar, dass diese kleinen Sternenkörper alle nicht immer planbar waren. Sie konnten Masse verlieren und änderten dann ihre Bahnen. „Was, wenn eine bestimmte Konstellationen von diesen kleinen Himmelskörpern als 'Sternentor‘ bezeichnet wurde?“, schoss es ihm durch den Kopf: „Eine erdnahe Begegnung eines Asteroiden! Aber warum 'Tor‘, wer ging wie durch dieses?“ Er blieb mit seinen Gedanken stecken, entschloss sich jedoch, einen Eintrag im Internet zu machen. Er betrieb da einen Blog, den fast niemand las. Ihm war es in seinem Alter gleich, Urheberrechte mit seinem Namen zwingend verbunden zu wissen. Er sah seine Altersweisheit als menschliches Allgemeingut an und wenn ein junger, ehrgeiziger Wissenschaftler ihm seine Ideen von seinem Blog klaute: 'So what!' Er tätigte daher folgenden Eintrag:

18.10.2053

Bezugnehmend auf die Publikation von Sir Al Meyer, Cambridge, beachten Sie folgendes: Mit 'Sternentor' mag eine seltene Sternenkonstellation gemeint sein, ich Peter O. stelle dazu die Hypothese auf, es geht nicht um eine Sternenkonstellation im Allgemeinen, sondern um eine seltene Konstellation von Kleinhimmelskörpern (KHKs), wie Meteoriten, Asteroiden und Kometen, im Bezug zur Erde im Speziellen, also eine Konstellation, bei der es technisch möglich wäre, einen KHK zu 'entern‘, sprich: zu besiedeln, und mit ihm in das Weltall zu fliegen. Um eine saubere Bezeichnungs-Kultur beizubehalten möchte ich den Terminus 'Kleinhimmelskörper‘ (KHK) als Überbegriff hiermit etablieren. KHKs erreichen bekanntermaßen Geschwindigkeiten von 45.000 km/sec. Das ist weit mehr als die Apollo-Kapseln bei der Mondlandung 1969.

Meine Verehrung an die Bioinformatik in Leipzig, die einen so hervorragenden Gedankenanstoß in die von dieser Biowissenschaft soweit abgelegene Astronomie schickte.

mir ein nettes, neues Spiel für uns beide: Jeder von uns lädt zwei Menschen ein und wir schauen dann, ob es ein guter Abend wird. Außerdem sollen die Eingeladenen zwischen uns geheim bleiben, damit erhöht sich die Spannung!“ Carol war begeistert von ihrer Idee. Thor gab ihr einen Kuss und sagte: „Du übertriffst dich, das gefällt mir! So machen wir das“. In seinem Kopf war klar, er würde Björn und Andromeda einladen. Wen sonst?

Carol war eine hübsche Frau, nicht besonders mager und nicht vollschlank, eben ein gutes Mittelmaß, jedoch mit zwei wunderschönen, straffen, großen Brüsten, die Thor immer wieder bewunderte. Alles andere als Mittelmaß!

Sie gab sich große Mühe, sich besonders weiblich zu kleiden und bevorzugte Röcke mit Pullover, die sie mit ihrem hervorragenden Farbempfinden gekonnt mit einer Palette von farbigen Strumpfhosen kombinierte. Ihr mittelbraunes glattes Haar trug sie halblang, zuweilen offen und wenn sie dachte, die Haare wären zu schmutzig, auch als Ross-Schwanz.

Thor hatte sich daran gewöhnt, dass er ihr Zeit lassen musste, wenn sie mit ihrem Outfit nicht mehr weiter wusste. Sie konnte ihren halben Kleiderschrank dann ausräumen und probierte etliche Kombinationen an, die er dann mit Kennerblick begutachtete. Eigentlich war er im tiefsten Inneren kein Karl Lagerfeld, aber er gab sich große Mühe, ihr das nicht zu zeigen und fand immer die richtigen verbalen Beschreibungen für ihre Kombinationen. Das war seine Stärke. Gelegentlich amüsierte er sich über die Modenschau im Schlafzimmer und beamte sich in eine Metaebene an die Schlafzimmerdecke, um besser beobachten zu können. Dann sah er aus dieser Perspektive sie und sich von oben, wenn sie zwischen dem großen Bett und Schrank hin und her schwänzelte, mal angezogen, mal halb nackt, er sich dagegen auf dem Bett räkelte und ihr vergnügt zu schaute. Die kleinen Freuden einer langen Ehe. Thor nannte sei Frau im Geheimen 'Frau Bademantel'. Ihr halbes Leben verbrachte Carol in diesem weißen Kleidungsstück. Die Hausarbeit am Morgen, wie das Aus- und Einräumen des Geschirrspülers, Staub wischen und saugen, Katzenklo säubern, Kochen, alles erledigte sie in diesem Aufzug. Ja, sogar den GeVau mit ihrem Mann verrichtete sie in diesem Gewandt. Er bemerkte dann trocken: „Frau Bademantel poppt sogar im weißen Bademantel.“

Carol pflegte ein ausschweifendes Eheleben und betrieb es aktiv, wann immer sie Lust dazu hatte. Das konnte auch schon einmal nachts um 3 Uhr sein, natürlich in den üblichen Stoßzeiten 7-11 Uhr, aber auch die literarisch beschriebene 'Liebe am Nachmittag', vor und nach dem Fünf-Uhr-Tee, war ihr nicht fremd.

Ihre Umgebung hätte ihr das nicht zugetraut; sie war von außen eine normale, gepflegte Durchschnittsfrau mit einem weiblichen Beruf im sozialen Umfeld.

Eine ihrer Spezialitäten war der Ge-Vau in Sportsocken. Nur wenn ihr Körper auf Betriebstemperatur war, brachte sie die Energie und Geschmeidigkeit sogar für einen TWIN auf. Danach schnurrte sie wie ihre Katze Kitty und schlief ein.

Ge-Vau mit Musik und Bademantel liebte sie auch. Am liebsten zu Bolero von Ravel. Es gelang ihr aber selten bis nie ihren Orgasmus mit der Länge des Musikstückes zu synchronisieren und den orgiastisch-musikalischen Höhepunkt der Musik am Ende erlebte sie meist bereits schlafend.

Am nächsten Morgen bekam Thor überraschend Besuch im Büro. Nico, ein uralter Bekannter, schneite einfach so herein. Der doch immer so resolute Empfang am Institutseingang konnte ihn nicht abwimmeln. „Hey, Thor, wie geht es Dir?“, startete Nico einen langen Redeschwall. Thor war einerseits etwas verärgert über die Störung, hätte er doch lieber mit Andromeda geredet, was ihre Recherche ergab. Andererseits setzte er sich sehr gerne mit Nico auseinander. Das ergab für ihn immer neue Horizonte, da sein Freund in die Kategorie extremer Querdenker einzuordnen ist. Es war so ein Ritual, dass sie zu Beginn eines Treffens sich kurz über ihre aktuellen Probleme austauschten. Nico war von Hause aus Molekularbiologe, betrieb ein kleines eigenständiges Privatlabor und musste nicht für seinen Lebensunterhalt sorgen, da er Mitglied einer Familie war, der ein großer Weltkonzern gehörte. Die Gewinne der Firma wurden nach einem vererbten Schlüssel an die Familienmitglieder verteilt und waren für Nico so hoch, dass er den größten Teil wieder auf sein Konto bei der firmeneigenen Hausbank zurückzahlte, weil er ein bescheidenes Leben führte und ihn Dinge, wie einen Ferrari, eine Finka auf Malle oder eine Villa am Rodeo-Drive, nicht reizte. War er doch mit seiner Eigentumswohnung in Berlin-Neukölln zufrieden und genoss die Buntheit der Stadt..

„Weißt du, ich habe gerade ein spannendes aber uraltes Kapitel in der Biologie entdeckt 'Die Arten‘ “, platzte Nico heraus. „Das ist gerade kein Ruhmesblatt, mit dem sich die Biologie schmücken kann! Ich verstehe ja noch, dass es in der Natur des Menschen liegt, die Phänomene, die man beobachtet, kategorisieren zu wollen, ja geradezu zu müssen. Also fing man früh an: Der alte Linné hatte schon im 18. Jahrhundert mit seiner Taxonomie begonnen, alles Leben in Schubladen zu packen: 'Fagus‘ die Buche, da es aber viele verschiedene Buchenarten gibt 'Fagus sylvatica‘ die Rotbuche, eine genauere Schublade. Also 'Gattung' und 'Art'. 'Panthera‘ alle pantherartigen, dann 'Pantheraleo‘, der Löwe. Dieses morphologische Artenkonzept ist schön und gut, kommt aber sofort an seine Grenzen, wenn man die Fortpflanzung mit berücksichtigt. Ein Pferd und ein Esel lassen sich morphologisch abgrenzen, aber, siehe da sie paaren sich und ergeben unfruchtbare Hybride: Muli. Tiger und Löwe lassen sich im Zoo sehr wohl kreuzen, aber solch ein Hybrid wird in der Natur nie gefunden. Natürlich, weil Löwen in der Steppe und Tiger im Urwald leben und die Schnittmenge Urwald am Rand der Steppe sehr klein ist.“ Nico dozierte wie ein Professor und fuhr erbarmungslos fort: „Aber jetzt kommt der Hammer! Neueste Studien mit Arabidopsis-Pflanzen haben folgendes ergeben: Es wurden nach der klassischen Taxonomie 280 Arabidopsis-Pflanzen aus unterschiedlichen Regionen untereinander gekreuzt und in 2 % der Resultate, also bei 20 Pflanzen, wurden Mickerling, eine sogenannte Hybrid-Nekrose, gefunden, die nicht richtig wuchsen! Das ist doch die Höhe! Man sollte doch erwarten, dass die Natur sich an die Regeln hält, oder? Arabidopsis und Arabidopsis haben gefälligst immer stabilen Nachwuchs zu haben! Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder macht, was er will?“, witzelte Nico. Das war seine Art von Humor. „Weiß man denn die Ursachen der Nekrosen?“, fragte Thor, der über diese Ausführungen erstaunt war und immer interessierter wurde. „Natürlich …“, ereiferte sich Nico, „…deine Berufs-Spezies, die 'Next-Generation-Sequencer‘ haben es an den Tag gebracht. Die Kombination zweier Gene, die für die Immunabwehr der Pflanzen zuständig sind, ergeben eine so hervorragende Immunabwehr in den Nachkommen, dass auch ganz normale Pflanzenzellen als Fremdkörper erkannt werden und zum Absterben gebracht werden. Diese Über-Immunabwehr überleben die kleinen Pflänzchen nicht. Was sagst du dazu? Was lernen wir daraus für die Fortpflanzung? Ist sie Arten übergreifend oder nicht?“ „Naja, wir haben beim Menschen ja auch das Phänomen 'Rhesus-Faktor', bei dem das erste Kind davon-kommt, alle anderen jedoch ohne Blutwäsche keine Chancen haben, wie die Familie Goethe in Weimar ja im 19. Jahr-hundert leidvoll erfahren musste. Das passt doch in diese Kategorie“, ergänzte Thor, um mit seinem Wissen auch etwas glänzen zu können. „Guter Punkt“, fügte Nico kurz hinzu, und was machst du gerade so? „Nico, ich will nicht unhöflich sein, aber ich habe gerade ganz limitierte Zeitressourcen. Ich schlage deshalb folgendes vor: Ich lade dich zu unserer intimen Party heute Abend zu uns nach Hause ein, da sind einige interessante Leute, die dir sicher gefallen werden und dann diskutieren wir mein Thema zusammen. Passt das?“ Thor war froh, noch einmal eine Kurve gekratzt zu haben. „Na gut, machen wir so“, brummte Nico und schon stand er auf und trollte von dannen.

Da Thor schon Björn und Andromeda eingeladen hatte, wartete er jetzt mit drei Gästen auf. Vielleicht hatte Carol eine Absage?

Leipzig, 2053 n. Chr.: Einsitzer von Andromeda oder Hera streitet mit Athene

Andromeda hatte eine eigene Internet-Suchmaschine programmiert, die mit Schwerpunkt im Bio-Umfeld, für sie relevante Informationen im Netz aufspürte. Alle relevanten Daten wurden automatisch in ihre Datenbank integriert. Informationen aus anderen Wissenschaften wurden nach einem Zufallsprinzip berücksichtigt und mussten von ihr erst manuell ausgewertet und für 'brauchbar' oder 'nicht brauchbar' bewertet werden. Die Informationsflut war so groß, dass sie keine andere Möglichkeit sah, diese vernünftig zu bewältigen. Natürlich hatte sie auch eine Suche nach ‚Keywords‘ bzw. ‚Selektoren‘ ständig am Laufen. Darunter waren auch ‚Bioinformatik‘ in Zusammenhang mit ‚Leipzig‘. Es schmeichelte ihrem Ego, wenn sie dabei entsprechendes Feedback für ihre Arbeit las. Sie hatte inzwischen gelernt, dass die Archäologie dabei immer gut für Daten waren, die Thor gebrauchen konnte. Wie wunderte sie sich allerdings, dass ein Peter O., ein Astronom, in seinem Blog zwar wenige, aber lobende Worte über ihre Arbeit verlor. Was in aller Welt hatte die Astronomie mit Ihrer Arbeit zu tun? Sie stöberte weiter und lernte, dass dieser Peter sich mit Asteroiden beschäftigte. Sie wusste nicht einmal den Unterschied zwischen Meteorit, Asteroid oder Komet und googelte diese Begriffe, weil es ihre Art war, den Dingen gründlich auf den Grund zu gehen. Sie las, dass 'Meteorit' die Bezeichnung für Gesteinsbrocken waren, die aus dem Weltall kamen, durch die Atmosphäre rasten und schließlich auf dem Erdboden aufschlugen; dass ein Asteroid ein Kleinplanet ist, der am Rand des Sonnensystems, in einem sogenannten Asteroiden-Gürtel, in einer weiten, meist elliptischen, Bahn um die Sonne kreist und inzwischen sogar die meisten mit Namen versehen wurden, dass ein Komet, kurz gesagt, eine Art Asteroid ist, der ständig Material verliert, das er leuchtend hinter sich herzieht, aber auch außerhalb des Sonnensystems kommen kann.

Das reichte ihr und sie schüttelte den Kopf über eine Wissenschaft, die für sie so nicht-konkret und diffus über die Jahrtausende schwebte und eine ungeheure, nicht vorstellbare Entfernung von 9 Billiarden Kilometern mit der lyrischen Bezeichnung 'ein Lichtjahr‘ versah.

Sie riss sich aus den Tagträumen und erkannte, dass sie sich längst auf den Weg machen musste, um rechtzeitig zu Carol und Thors Abendeinladung zu kommen, bestieg ihren Flitzer und bretterte los.

Mit ihren langen schlanken Beinen hatte sie Mühe, in das kleine Auto zu steigen und hatte sich deswegen den Fahrersitz als Sonderanfertigung weiter nach hinten versetzen lassen. Die Rückbank musste dafür entfernt werden, den Beifahrersitz hatte sie auch entfernt, so dass sie eigentlich nur einen Einsitzer fuhr. Sie hasste es, mit Menschen auf engsten Raum zusammen zu sein, und ihr Auto war mehr als sehr eng.

Mit ihren 1,75 m war sie mittelgroß, aber als Frau mit einer schlanken Figur fiel sie dennoch immer auf und überragte durch ihre gerade Haltung ihre Mitmenschen. Sie trug gerne existentialistenschwarz, einen dünnen, eng anliegenden Pullover, ohne Ausschnitt vorne, aber mit einem Hautfenster hinten. Dazu trug sie meistens eine knallenge Hose, natürlich in schwarz, manchmal auch aus feinem Leder und hochhackige Schuhe, so dass ihr Apfelpo sich hervorragend in Szene setzte. Ihre kleinen, kugeligen Brüste wurden durch die Pullover plastisch hervorgehoben.

Ihr schwarzer, gebrushter Lidstrich war vom Typ 'Kleopatra', d. h. wie Elisabeth Taylor, in dem gleichnamigen Film am Ende des 20. Jahrhunderts. Thor nannte diese Hautgrafik immer 'Aida-Lidstrich'. Vielleicht hatte er die Oper in der Arena von Verona mit einer entsprechend geschminkten Hauptdarstellerin einmal gesehen und kannte den Film nicht? Jedenfalls ist ein, in Richtung Ohr auslaufender Schwung, damit gemeint.

Das rabenschwarze Haar, mit einem Stich ins Tiefblau heute, war eine Perücke, die sie gerne trug, lang und glatt. Gerne hatte sie es auch zu einem Zopf geflochten, der lustig um ihren Hals baumelte. Diese Frisur gab ihr ein sehr dominantes Aussehen. Dies stand in krassem Gegensatz zu ihrer gesamt Erscheinung, die zuweilen der Kindfrau vom Typ 'Audrey Hepburn' entsprach und einem Rehkitz ähnelte. Ihre natürliche Haarfarbe mochte sie nicht.

Man sah ihr durchaus an, dass sie zweimal in der Woche zum Body-Shaping-Training ins Fitnessstudio ging. Ihre unauf-fälligen Muskeln betonten wiederum das Rehhafte an ihr.

Sie kam an und alle waren schon da, sie war die Letzte. Alle Blicke vereinigten sich auf ihr. Die Gespräche rissen ab.

Ein Gastgeschenk hatte sie schon mit einer Drohne einfliegen lassen: Blumen für Carol und einen wirklich guten Rotwein für Thor.

Neben den bekannten Kollegen, wie Björn und Szophia, die sich heute ganz besonders in Schale geworfen hatte. Dann war da noch ein Nico, den sie nicht kannte, der sich aber gerne reden hörte. Andromeda hörte nur mit halben Ohr hin und hörte, dass er sich mit Thor über eine 'Artenbarriere‘ unterhielt. Das war wohl eine biologische Bezeichnung dafür, dass sich nicht alle Arten untereinander paaren konnten. Nico erläuterte gerade, dass er der Überzeugung war, dass diese Artenbarriere sicher durch ein bestimmtes Gen oder mehreren Genen bewirkt wurde. „Wenn jetzt schon Gene für Homosexualität gefunden wurden, würde es mich nicht wundern, wenn auch diese Artenbarriere genetisch gesteuert wird“, Nico sagte das im Brustton der Überzeugung. „Willst du mich auf den Arm nehmen?“, Thor prostete ihm zu und lachte herzlich.

Carol hatte auch zwei Freundinnen eingeladen: Marlies und Annette. Erstere kannte Carol wohl schon sehr lange und sie hatten in ihrer Jugend zusammen musiziert. Tatsächlich spielten die beiden noch kurz vor dem Essen ein Stück für Altflöte und Klavier, von einem Anonymus, einem Kompo-nisten oder einer Komponistin, der bzw. die sich nicht outen wollte. Es klang sehr schön und Andromeda ärgerte sich, dass sie das Klavierspielen, das sie in ihrer Kindheit gelernt hatte, so einfach aufgegeben hatte. Dann war ihr schlagartig klar, dass beim gemeinsamen Musik machen viel zu viel Nähe für sie entstehen würde. Sie stand auf und ging auf die Terrasse. Dort fand sie Björn, der wie immer beim Rauchen war! „Hast du das gewusst mit den identifizierten Genen für die Homosexualität?“, fragte sie. „Ja, habe ich in einem Journal gelesen. Ich habe sogar heimlich eine Sequenzierung von meinem Genom gemacht. Es stimmt! Ich trage die beschriebenen Sequenzen!“, sagte er stolz und zog kräftig an seiner Zigarette. „Ob es auch ein Gen für das 'Alleinsein' gibt?“, fragte sie sich im Stillen, sagte aber nichts und nahm einen großen Schluck Rotwein: „von diesen hätte ich sicher viele Sequenzen…“

Carol rief alle zu Tisch, sie hatte vom Inder ein riesiges Menü mit verschiedenen Fisch-, Fleisch- und Geflügelgerichten, jeweils mit Gemüsen und teilweise scharfen Saucen, dazu Reis und Fladenbrot. Carol hatte Jasmin-Tee gekocht, Andromeda schlug sich allerdings auf die Seite der Rotweinfraktion der Herren, allen voran Thor und Nico. Björn und Szophia bevorzugten den Tee.

Nach dem Essen mussten sich alle Frauen, außer Andromeda, schnell verabschieden, da sie alle noch weitere Verabredungen hatten. Jetzt war auch klar, warum Szophia so schick war: sie hatte noch etwas vor!

Carol räumte das schmutzige Geschirr in die Küche und Andromeda bot sich an, ihr beim Abwasch zu helfen. Die beiden Frauen räumten zunächst den Geschirrspüler aus, um ausreichend Platz zu haben. Carol begann mit dem Einstellen der Teller. „Schau, das wird so nicht sauber“, korrigierte Andromeda und platzierte das Porzellan um. „Man muss immer sehen, dass der Rotor unten alles voll anspritzen kann.“ „Danke für die Belehrung!“, bemerkte Carol spitz, überließ Andromeda die restlichen Teller und räumt das Besteck ein. „Das musst du auf dem oberen Tablar ausbreiten, da es sonst ganz fleckig wird!“ Andromeda nahm es wieder aus dem Korb und breitete es oben aus. Carol war jetzt stinksauer! Was bildet sich diese Schnepfe ein! Sie versorgte schließlich schon Jahre ihren Haushalt. Jetzt bekam sie auch noch Nachhilfestunden im Geschirrspüler-einräumen. Sie ließ Andromeda stehen und ging zu Thor. „Gib mir einen großen Wodka!“, fuhr sie ihren armen Mann an, der nicht bemerkt hatte, was geschah. Er schenkte ihr an der Bar ihren Wunsch ein. Gerade kam Andromeda wieder ins Wohnzimmer zu den anderen, als Carol einen Toast aufbrachte: „Trinken wir auf Andromeda, der Weltmeisterin im Geschirrspülereinräumen!“ „Was habe ich dir nur getan? Ich wollte doch nur alles optimieren!“ „Optimieren und beleidigen! Thor noch einen Wodka!“ Carols Augen blitzten. Andromeda war auf einmal ganz erschrocken und merkte, dass ihr redlicher Versuch der Optimierung nach hinten losgegangen war. Sie fühlte sich nicht mehr wohl in der Runde und wollte lieber alleine sein. „Thor, ich werde dann auch gehen!“, sagte sie etwas geknickt. „Ist auch besser so!“, hörte sie aus dem Off der Wohnung von Carol. Wütend flitzte sie mit ihrer herzigen Knutschkugel wieder nach Hause. „Carol, diese blöde Kuh! Was Thor nur an ihr findet!“

Leipzig, 2053 n.Chr.: Wird Andromeda wieder einmal fündig?

Eines Tages stöberte Andromeda wieder einmal bei eBay nach gespeicherten alten Daten. Inzwischen war das eine große Leidenschaft von ihr und sie bot auch schon einmal auf Offerten, die sie nicht für ihren Job, sondern privat interessierte. Inzwischen hatte sie in ihrer Wohnung schon kleine Häufchen mit Datenträgern verteilt. Das Prinzip ihrer Ordnung war dabei ihr Geheimnis. Da fiel ihr ein besonders günstiges Einstiegsangebot auf, das gleich eine ganze Kiste voll mit Datenträgern vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts versprach. Folgender Text beschrieb das angebotene Produkt:

‚Ich habe auf meinem alten Speicher zwei Schuhschachteln von „Salamander“ und „Rieker“ mit Disketten und gold-silbrig schimmernden CDs gefunden. Aus der Beschriftung geht hervor, sie stammen aus der Zeit ca. 1970 – 1990. Ich verkaufe die Ware als 'defekt', da ich nicht weiß, wie gut die Datenträger zu lesen sind und ob sie die heute gängige Formate enhalten. ‘

„Wie konnte das sein? Computer oder PC gab es doch erst in den 1980er Jahren oder?“ Sie wurde jetzt besonders neugierig und konnte sich nicht zurückhalten. Da niemand anderer darauf mithielt, erhielt sie den Zuschlag für kleines Geld.

Schon fragte sie sich: „Was habe ich da schon wieder gemacht? Was soll ich eigentlich damit? Das gibt ja sicher wieder unzählige neue Häufchen in meiner Wohnung!“, dachte sie vor sich hin und schaltete frustriert den PC aus. Dann hatte sie alles schnell verdrängt. Erst als sie nach einigen Tagen eine patzige Mahnung bei ihren E-Mails sah, bezahlte sie und nahm sich vor, am besten alles sofort zu entsorgen.

Wieder ein paar Tage später kam das Paket mit einer Post-Drohne. Liebevoll waren die beiden Schuhkartons verpackt, deren alte Etiketten ‚Kinderschuhe mit Fußbettchen‘ anpriesen: Einmal Winterstiefel und einmal Sandalen. Es war ein Zettel beigelegt: ‚Viel Spaß mit ihrem ersteigerten Produkt! ‘

Andromeda begann sogleich mit der Sortierung. Es gab große Disketten, mit 5 ¼ Zoll, kleine Disketten, im 3 ½ Zoll Format, mit 750 kB oder 1,44 MB, CDs mit 720 MB und einige wenige DVDs, mit 4,7 GB. „Also fünf Stapel insgesamt!“, dachte sie für sich.

Ihr Notepad hatte nur USB-Schnittstellen und keine Laufwerke mehr. Sie erinnerte sich allerdings, dass im Magazin ihres Instituts noch externe Laufwerke zu finden sein sollten, die diese uralten Formate vielleicht lesen könnten und die sich über USB an ihr Notepad anschließen ließen. Sie wollte in den nächsten Tagen diese Geräte ausleihen und für ihre einsamen Abende mit nach Hause nehmen. Es waren wirklich viele Daten und sie wurde neugierig. „Welche Art von Daten wurden hier konserviert? Wer hat sie erzeugt?“, überlegte sie.

Tage später schloss sie die Peripheriegeräte an und mit viel Mühe gelang es ihr dann, die alten Formate zu knacken.

Sie fand Textfiles und zu ihrer Überraschung auch Dokumente aus einer Zeit vor den PCs. Dies waren wohl die ältesten und interessantesten Daten. Sie stammten wohl aus den sechziger Jahren. Es waren Blätter, die mit einer alten Schreibmaschine mit einer Schrift der 1920er Jahren geschrieben waren. Sie wurden wohl später gescannt und sorgfältig als Grafikfiles elektronisch konserviert.

„Aha, das ist des Rätsels Lösung! Gescannte Dokumente aus den 1960ern, geschrieben auf einer Maschine der 1920er!“ Andromeda dachte jetzt überhaupt nicht mehr daran, die Daten zu entsorgen. Teilweise fand sie auch Kohlepapierkopien-Scans von Briefen, deren Originale in die Welt hinaus gingen und sicher dort verschollen sind.

Ganz anders war es mit den großen 5 ¼ Zoll-Disketten. Sie konnte den Inhalt nur mit einem speziellen Laufwerk lesen, aber das dann zum Vorschein kommende Datenformat war ihr völlig unbekannt. Auf dem Außenetikett der Diskette stand: 'Start mit dem Befehl: 'brun.teditor''. War das ein Format weit vor der Microsoft-Windows-Ära? Andromeda recherchierte im Netz und fand, dass hier Files vorlagen, die mit einem Apple IIe erzeugt wurden. Nur mit großem Aufwand konnte sie diese entziffern. Aber immerhin waren die Datenträger alle noch lesbar!

Nach der Aneinanderreihung der Files hatte Andromeda das unbestimmte Gefühl, eine Beschreibung einer seltsamen Freundschaft auf ihrem Bildschirm zu sehen.

Beim flüchtigen Drüberschauen fielen Andromeda immer wieder Namen auf: „Felix, Al, Walt und Geraldine. Es scheint, dass die Personen oft ineinander übergehen. Welche Personen stehen hinter diesen Namen? Wer waren Sie? Was war ihr Geheimnis?“

Mit zunehmender Beschäftigung damit fühlte sie, einen Teil der Geschichte zu werden. Ja, sie wurde geradezu in das Beziehungsgeflecht hineingezogen. „Ich will das gar nicht! Welche geheimnisvolle Macht schubst mich immer wieder hinein?“, fragte sie sich. Ab einem bestimmten Zeitpunkt sprang die Geschichte in ihre Gegenwart und wurde ein Teil von ihr.

Andromeda las den ersten entzifferten File auf ihrem Notepad und fand sich in einer unbekannten Vergangenheit mit diesem alten Dokument wieder:

Geraldine

Wir befinden uns in einer frühen Phase und es wird Zeit, eine Frau vorzustellen, die ich Geraldine nenne. Sie war klein. Diese einfache Tatsache – eigentlich völlig harmlos – wurde ihr oft zum Spott. Sogar ihr Freund litt anfangs mit ihr unter ihrem ‚Kleinsein‘, doch dann wurde ihm die Erotik des Kleinseins klar, so dass er von nun an nur mit einer kleinen Frau zusammenleben wollte. Überhöhte sie in ihrer Kleinheit sein eigenes Selbst und brauchte er dies? Ihr Haar trug sie sehr oft anders. Wer ahnte damals, dass sie hiermit ihr Problem mit ihrer Weiblichkeit offen legte. Langes Haar gab ihr ein melancholisches, verspieltes Aussehen, besonders, da ihr Haar dann in langen Locken lag. In Verbindung mit ihren rehbraunen Augen hatten diese rotblonden Locken etwas Engelhaftes. Ihr Haar, wie ein Theatervorhang, lichtete sich ab und zu, um romantisch vertiefte Blicke ihrer Augen freizugeben. War das ihre weibliche Seite? Sonja Kirchberger spielte diese Rolle in dem Film 'Die Venusfalle' , von R. Ackern, sehr viel später. Aber es gab auch die männliche Frau in Geraldine, mit extrem kurzem Haar, was ihrem Typ einen sehr kessen Anstrich gab, aber auch einen harten. Auch dieser Typus Frau wird bei Ackeren in besagtem Film als Kontrast gezeigt, dargestellt von einer dann schnell in der Versenkung verschwindende Schauspielerin, mit Namen Myriam Roussel. In dieser Metamorphose erschien sie ihm immer etwas älter. Das Rotblond ihrer Haare wurde dann auch brünett, zuweilen im Winter auch braun. War dies ein Hinweis, dass sie doch lieber mit Frauen den männlichen Part leben sollte? Konnte sie sich das eingestehen?

Auch ihre Ohren waren klein und meist von Haar bedeckt. Ihren Augen konnte kein Mann widerstehen. Weder Felix noch Walt. Selbst ich war oft in Gefahr von ihnen verführt zu werden. Manchmal waren ihre Augen 'comme la biche', wie es ein Chorlied von Debussy am besten beschreibt. Die deutsche Übersetzung: 'wie eine Hirschkuh' klingt blöd! Nur das Französische gibt die geheimnisvolle Stimmung im Wald wieder, voll Angst und Umsicht, die Bäume widerspiegelnd. Wenn sie ganz glücklich war, schlossen sich ihre Augen, um alles für sich zu behalten. Ihre Augen hätten sie sonst zu sehr verraten.

Ihre Nase war eigenartig: Ihr Nasenrücken war kantig und bildete in der Mitte eine kleine fast waagrechte Plattform, verengte sich, um dann am Ende wieder auseinander zu gehen. Ihr Mund war von der Seite wie ein rotes Löwenmäulchen mit elfenbeinernen Staubblättern. Sie liebte sie sehr, seine innigen Küsse auf ihren Hals und ihren hervorstehenden Schlüsselbeinen. Ihr Rücken war stets dankbar für alle Arten von streichelnden Liebkosungen.

Ihre Haut war ein süßes Geheimnis. Wenn er sie berührte, verfiel er in einen romantischen Traum: In einem lichten Waldhain, in den die Sonnenstrahlen mild durch die Blätter rieseln und so alles in zartes Grün hüllen, lockten ihn tausend kleine nackte Nixen mit holden Stimmen zu einem ganz bestimmten Ort, auf den sie mit ihren zierlichen Händen deuten. Ihre kleinen, weißen Brüste erschienen unter dem Blattwerkfilter wie von einem verführerischen grünen Schleier umwoben. Mit zarten Stimmen riefen sie: "Komm, süßer Knabe, komm, folge uns. Wir führen dich zum Glück!" Parsifal... Ein prickelndes Gefühl von Abenteuer, Begierde, Leidenschaft und Lust überfiel ihn dann und ließ ihn folgen. Der Wald wurde dichter, es ging bergan. Plötzlich eröffnete eine mächtige Buche, die durch ein Unwetter besiegt, zerbrochen am Boden lag, ein gleißendes Lichtloch, durch das das grelle Tageslicht in den dämmrigen Waldschatten fiel. Er blickte hindurch und entdeckte eine zauberhafte Landschaft mit tropischen, üppig wuchernden Pflanzen und Blüten. Daraus erhoben sich zwei kleine, kreideweiße Hügel, die grell in der Sonne standen und von Nymphen umtanzt wurden. Auf ihrem Gipfel blühen fleischfarbene Rosen. Felix, wie ich sehr viel später erfuhr, war von diesem Bild so angetan, dass er die Nixen um sich völlig vergaß und gar nicht merkte, wie sie ihn am Ärmel zupften. Er mochte sich am liebsten bücken, um eine Rose zu pflücken. Er konnte sich gar nicht von dem Anblick trennen. Er ging dann immer tiefer in den Wald hinein. Zauberblumen standen am Wege und erglühen in den prächtigsten Farben. Üppig laden sich ihre Blütenblätter aus. Die Nixen bahnen seinen Weg durch all diese Ranken. Plötzlich war er vor einem geheimnisvollen Höhleneingang. Die Begleiterinnen bogen den rankenden Efeu von der Öffnung und ließen ihn eintreten. Am Ende der dunklen Höhle sah er ein Licht. Er hielt darauf zu und erkannte einen lieblichen Quell. Er trank von dem Wasser und fühlte sich erleichtert, berauscht, glücklich, abgeklärt und unsagbar müde. Felix erwachte und sah nur, dass er seine Hand auf ihre Haut gelegt hatte. Ihre Haut, die ein Geheimnis war. Das Geheimnis des rotblonden Quell.

Andromeda war fasziniert und konnte nicht aufhören zu lesen. „Was waren das für Namen?“ fragte sie sich in Gedanken. Irgendwie fühlte sie sich stark angesprochen. War nicht sie selbst diese Geraldine? Wie konnte das sein?

Leipzig, 2053 n.Chr.: Das ‚Hucanoidea-Genom'

Es fiel sogar schon Thor auf, dass sich Andromeda völlig zurückgezogen hatte. Er dachte natürlich, dass es mit der Auseinandersetzung in der Küche mit Carol bei der Hausparty zusammenhing.

Sie versuchte, ihre Arbeitstage so kurz wie möglich zu gestalten, um dann am Abend in ihre Daten eintauchen zu dürfen. Dort fand sie folgendes:

Selbständige politische Einheit Berlin-West:

Sex und Bruckner am Leopoldplatz

Gaby, meine blonde Vermieterin aus dem West-Berliner Wedding, gehörte zu den Frauen, die erst mit einem Mann schlafen und ihn danach küssen. Sie war knabenhaft klein, hatte aber alles andere als Chinesinnen-Brüstlein und ihre Brustwarzen zeigten immer zur Sonne. Wie ich es schon geahnt hatte, war Gaby eine Expertin in Sachen Sex. Mit der richtigen Anzahl an Lebensjahren hatte sie schon einige Mieterwechsel für die Studentenbude hinter sich, die sie zu vermieten pflegte. Wusste sie von ihren literarischen Vorbildern, etwa der Demoiselle Vischer aus Stuttgart, die einst an einen gewissen Schiller vermietete und ihm neben einer Bude noch etwas darüber hinaus gab?

Hatte ich doch Gabys 'magic numbers' nie von ihr erfahren, nämlich ihr Alter und die Anzahl von Untermieter vor mir.

Ich hörte sie sehr kompetent reden über juristische Staatsexamina, versicherungsmathematische Statistik-Übungen, literarische Seminararbeiten, medizinische Multiple-Choice-Fragen über Nerven, Knochen, Muskeln und schloss daraus, dass zumindest ein Jurist, ein Mathematiker, ein Germanist und ein Mediziner zuvor in meinem Zimmer gewohnt haben musste.

Sie, die selbst als Laborantin in einer kleinen Weltfirma in Tempelhof arbeitete, hatte ein phänomenales Gedächtnis für den Wissensstoff ihrer Untermieter. Sehr gerne redete sie auch über Bruckner, ja reden ist kein Ausdruck, sie dozierte geradezu. Zählte etwa auch ein hoch semestriger Musikwissenschaftler zu ihren Verflossenen? Ich konnte es nur aus verschiedenen Andeutungen ableiten, war mir aber nach einiger Zeit sicher, dass dessen Thema ganz im Stile der Zeit der Post-68er „Das bivalente Verhältnis von Sex und Bruckner unter spezieller Berücksichtigung seiner eruptiven Musik und unglücklichen Frauenbekanntschaften“ gelautet haben muss oder zumindest so ähnlich. Hatte der Student doch erreicht, dass die Musik Bruckners Einzug in Gabys Schlafzimmer hielt, wo sie, für die damalige Zeit sehr ungewöhnlich, eine veritable HIFI-Stereoanlage, mit mächtigen Lautsprechern, stehen hatte. Immer wenn die Sterne im zweiten langsamen Satz der 7. Sinfonie aufgehen, wusste ich, dass es eine günstige Zeit, ja mehr, regelrecht eine Aufforderung für mich war, sachte an ihr Schlafzimmer anzuklopfen.

„Was war das für ein Text?“, fragte sich Andromeda in Gedanken. „Ein erotisches Tagebuch? Wer war dieses 'Ich'. Ein Student? Offensichtlich! Warum schreibt er diese Zeilen? Der Stil gefällt mir, der Text macht mich an und rührt mich! Ich bin froh, dass ich das Dokument gesteigert habe!“ Damit stand ihr erstes Urteil fest und sie las weiter:

Ich kannte diese Musik bisher nur von einem Besuch im Deutschen Museum in München, wo sie im Planetarium dann gespielt wurde, wenn theatralisch im Westen am blutroten Horizont die Sonne unterging und man nach langsamem Verdunkeln die Sterne leuchten sah. Einen zweiten Satz als Vorspiel für ein spezielles Duett zwischen Frau und Mann zu missbrauchen war neu für mich. Allerdings gewöhnte ich mich schnell an dieses Ritual, zumal wie im Planetarium in ihrem Schlafzimmer immer ein rot-dämmriges Licht brannte, wenn ich zu bekannten Tubenchorälen eintrat. Noch war es für mich zu früh, einen Zusammenhang zu sehen von ihrem/ meinem Leben und der Widmung dieses Werkes von Bruckner, die Gaby immer nach einem besonders intensiven Orgasmus zitierte: „Seiner Majestät, dem König Ludwig II. von Bayern, in tiefster Ehrfurcht gewidmet“, pflegte sie dann schnurrend zu hauchen. Hatte Bruckner seiner E-Dur-Symphonie tatsächlich diese Widmung gegeben? Sollte ich in meinem späteren Leben tatsächlich Bezüge zum Bayerischen bekommen?

„Wow, nicht schlecht, Frau Specht!“, rief Andromeda aus und las begierig in diesem West-Berliner Tagebuch eines jungen Studenten weiter:

Unvergessen sind auch Weddinger Nächte mit Gaby und dem Scherzo-Satz dieser Symphonie. Sie, die Frau, die dominant genug war, die Frau-oben-Stellung zu beherrschen und sich dabei weiblich genug zeigte, um ihren Körper so geschmeidig nach hinten zu beugen, um gleichzeitig zum Hüpfen im Rhythmus der Musik meine Hoden kräftig zu bearbeiten. Diese Behandlung, die eine perfekte Körperbeherrschung voraussetzte – nie kam Gaby aus dem Gleichgewicht – zusammen mit den hopsenden Trompetenstößen, in reinem C- Dur, feuerten meine Männlichkeit ungeheuer an. Das gefiel ihr und dankbar ließ sie es sich zurückgeben. Nie wieder sollte ich den Kontakt in einer Frau so intensiv empfinden.

Andromeda konnte sich an dieser Stelle nicht mehr halten. Sie lud sich diese Symphonie von Anton Bruckner in einer altehrwürdigen Interpretation mit den Bamberger Symphonikern, unter ihrem damaligen Dirigenten Eugen Jochum, von You Tube herunter. Kaum hörte sie die ersten Takte des langsamen Satzes spürte sie ein Ziehen zwischen ihren Beinen, stand vom Computerschreibtisch auf und ging in ihr Schlafzimmer. Sie zog ihre Hose, mit Slip zusammen, aus und legte sich bäuchlings auf ihr Bett. Dann fuhr sie mit ihrer Hand zwischen ihre rotblonden Schamhaare und streichelte sanft ihr haariges „Y“. Andromeda hielt nichts von all den Rasur-Künsten und beließ ihre ‚Bärin‘ in Wildwuchs. Durch den Druck, den sie durch die Bauchlage auf ihren Kitzler ausüben konnte, kam sie wie eine Rakete und stöhnte laut. Kaum steigerte sich die Musik wieder zu einem nächsten Höhepunkt, schaffte sie es wieder. Nach diesem „Twin-Peak“, wie sie das Erlebte für sich bezeichnete, schlief sie erschöpft ein.

Auf ihrem Bildschirm war immer noch der restliche Text zu lesen:

Wie schlimm war es für mich, zu erfahren, dass diese Weddinger Nächte von dem Zeitpunkt an nicht mehr wiederholbar waren, als ich der blonden Gaby leichtsinnigerweise etwas von einer braunhaarigen Freia in der Kurpfalz, Kurpfalz-BRD, erzählte. Ich machte den typischen Fehler eines jeden Jungmannes und beachtete nicht den wichtigen Grundsatz: Wenn schon betrügen, dann richtig und im Geheimen, so dass der Betrug ein echter ist! Seitensprünge wie ein Weichei durch Offenheit legitimieren zu wollen, ist eine Todsünde in der Liebe! Warum hatte ich solch klare Worte bisher in keiner literarischen Lebensvorlage gefunden?

Also merkt Euch all ihr Männer, die ihr das hier lest: Anders geht es nicht! Wenn betrügen, dann richtig und mit schlechtem Gewissen, aber ohne Offenheit!

Alle Spielregeln diktierte Gaby dann plötzlich: „Du packst sofort Deine Koffer in der Kurpfalz-BRD und kommst für immer zu mir, nach der selbständigen politischen Einheit Berlin-West, oder ich lasse dich fallen, wie eine heiße Kartoffel!“, befahl sie ihm barsch. Ich verkannte hingegen die Situation, wollte da nicht mitspielen und versuchte mit ihr weiter mein Spiel zu treiben: Freia, nicht exklusiv, aber ab und zu sehr intensiv in der Kurpfalz-BRD und Gaby als Sahnehäubchen in Wedding, selbständige politische Einheit Berlin-West! Für mich war das perfekt!

Aber es ging schief! Ich hörte keine Sternenmusik mehr im Schlafzimmer meiner Wirtin und musste mir eine andere Bude suchen. Frustriert zog ich mich nicht nur vom Leopoldplatz sondern gleich ganz von Berlin-West zurück und wechselte nach Tübingen, wo ich in mehreren Selbsterfahrungsgruppen gesehen wurde, die langsam in Mode kamen, damals.

Plötzlich meldete sich Andromedas Smartphone. Sie wurde aus dem Schlaf gerissen und brauchte einige Zeit, um in der Gegenwart anzukommen.

„Hey, Andromeda, bist du da? Was machst du gerade? Sitzt du gut?“, Thor überfiel sie gnadenlos. Sie hasste das! „Ich war gerade etwas weggetreten. Was gibt es denn? Ich sitze übrigens an meinem Rechner“, berichtete sie abwesend. „Wir haben die Ergebnisse der Sequenzierungen aus dem Material des kleinen Hundeknochens. Du hattest uns auf die richtige Spur gesetzt, es ist eine verblüffende Mischung von Gensequenzen aus human und canoidea, also hundeartigen Wesen.“ Thor war schnell dabei, einen neuen Terminus zu kreieren und benutzte das Wort ‚hucaniodea‘ eine Zusammensetzung auf ‚human‘ also menschlich und ‚canoidea‘ also hundeartig.

„Diese Publikation wird eine Sensation!“, fuhr er begeistert fort, „Du lagst mit Deinem Verdacht aus dem Bericht des Dieners goldrichtig. Ich hoffe, du hast nichts dagegen, wenn wir dich mit auf das Paper nehmen! Allerdings…“ „Also, wo ist der Haken?“, fragte sie kalt. Sie kannte Thor mit seinem Überschwang sehr gut! „Ja, da ist noch ein dunkler Fleck. Es gibt noch einen längeren Teil des Genoms, der weder ‚Mensch‘ noch ‚Hund‘ ist. Außerdem ist die Übereinstimmung mit dem humanen Genom nicht so ganz eindeutig. Wir fanden Raten um die 40 – 60 % Übereinstimmung. Kannst du dir dies noch einmal mit deiner Biosoftware genauer anschauen?“

„Machen wir, schick mit die Daten, ich schaue es mir an!“, war alles, was sie dazu hervorbrachte.

„Hast du noch einen Tipp, woher dieses Hundeknöchelchen stammen könnte?“, bohrte Thor weiter. „Nö, ich kann Dir doch nicht die ganze Arbeit abnehmen!“, frotzelte sie und legte auf. „Ein Hybrid-Wesen aus Hund und Mensch. Na so was! Wie hieß doch der ägyptische Gott?“ Sie war hundemüde, bemühte allerdings dennoch ihre Suchmaschine und fand den Namen der Gottheit, die sie suchte: 'Anubis', der Gott mit der Gestalt eines Menschen und dem Kopf eines Hundes.

Dann fiel ihr Blick wieder auf den Text des Bildschirms. Was war das für eine Zeit, mit so viel 'BRD' und was hatte es mit diesem Begriff 'selbständige politische Einheit Berlin-West' auf sich? Sie merkte plötzlich, dass die unmittelbar zurückliegende Vergangenheit ihr überhaupt nicht geläufig war.

Berlin-Grunewald, Macapá, 2054 n. Chr.: Aufzug zu den Sternen

Peter O. las es in der Tageszeitung: 'Der Space-Elevator 'ES' in Macapá soweit einsatzbereit. Erste unbemannte Test-Transporte werden durchgeführt.'

Die ersten Materialien, zunächst noch mit einer kleinen Maximallast von 50 Kilo, rollten gemütlich in den Himmel und dann in den Weltraum. Die Geschwindigkeit war zunächst, mit 25 Stundenkilometer, ja sehr bescheiden! Die weite Entfernung wurde in jeweils 10 km lange Teilabschnitte gegliedert, die mit sogenannten Transfer-Stationen verbunden wurden. Immerhin waren das insgesamt 3358 Stück! Der erste Versuchstransport dauerte immerhin beinahe zwei Monate! Es war jedoch geplant, das Tempo allmählich auf 250 – 400 km/h zu steigern, so dass ein Transport auf unter vier Tage reduzieren würde. Außer-dem war geplant, parallel Mehrfach-Shuttles an einem Seil einsetzen zu können. Das Projekt ergab nach Abschluss die Möglichkeit, große Mengen an Material auf kostengünstige Weise in den Weltraum zu transportieren.

Es wurde schon diskutiert, dass, eine Reihe von Außen-stationen ähnlich, aber natürlich sehr viel größer, als die alte 'ISS' gebaut werden sollten. Angedacht wurden riesige Röhren-Räder mit Speichen, die sich, wie im Film 'Odyssee 2001 im Weltraum', zu Walzerklängen drehten, um eine Schwerkraft für die Bewohner im Inneren zu erzeugen.

Peter schlug sorgfältig die Zeitung im Café 'Bristol' am Ku' damm zusammen; er hasste es, wenn die Zeitung von einem Vorgänger völlig zerknüllt war und wollte es dem nicht antun, der nach ihm das Journal las. Oft saß er in dem etwas verstaubten Lokal am Ku'damm und sah sich schon als Teil des Interieurs dort an. Als pensionierter ‚Post-Prof‘ hatte er eh' ausreichend Zeit. Dann nahm er den 249er Bus in den Grunewald und ging in sein Büro.

Dort nahm er seine Sternkarten, wie jeden Morgen, hervor. Er rechnete, beschrieb ganze Excel-Seiten voll mit komplizierten Formeln und plötzlich fing sein faltiges Gesicht zu lächeln an. „Ja, das sollte so gehen!“, sagte er ganz stolz zu sich. Alte Menschen reden gerne mit sich selbst, weil viele in ihrem Umfeld weggestorben sind und sie nur noch wenige haben, mit denen sie kommunizieren können. Dann loggte er sich in seinen Blog ein und schrieb:

17.04.2054

Das ‚Sternentor‘ öffnet sich am 16. März 2880.

Eine in diesem Jahrtausend nicht wiederkehrende Chance bietet sich der Menschheit:

1950 DA, ein Asteroid mit einer Umlaufzeit von 930 Jahren, nähert sich der Erde, so dass auf diesem Himmelskörper eine fliegende, 'bemenschte' Raumstation errichtet werden könnte. Das sollte von einer entsprechend zu errichtenden Mondaußen-station erfolgen. Der zügige Ausbau des ‚ES’ und die konsequente Anwendung aller ‚SPGM‘-Regeln sind dafür unumstößliche Voraussetzungen.

Damit könnte der Startschuss für die Besiedelung des Weltalls durch die Menschheit starten.

Wir haben nur noch 826 Jahre für die Vorbereitung! Die große Frage ist: Wie lösen wir das Energie-Problem?

Peter O. war höchst befriedigt, in seinem jetzt schon so langen Leben den – wie er es empfand – wichtigsten Beitrag geleistet zu haben. Er war noch so klar im Kopf, dass ihm bewusst war, dass noch nie ein Projekt über einen Zeitraum von 826 Jahren gestartet wurde. Aber er war sich auch sicher, dass die Überwindung der Ignoranz seiner Mitbewohner das größte Hindernis sein und die meiste Zeit verschlingen wird.

„War es nicht vor ziemlich genau 100 Jahren auch so, als die USA die Entwicklung ihrer Raketentechnik völlig verschlafen hatten und nur durch die Konkurrenz der Russen die Ignoranz endlich in den Sechzigern überwunden wurde?“ dachte Peter O. und schmunzelte, „vielleicht kann ich ja aus der Geschichte lernen. Sollte ich von vorne herein zwei sich streitende Gruppen initiieren? Ausgerechnet mir, dem alten 'Post-Prof', wird eine immer stärker in sich selbst verliebte Jugend keine Gefolgschaft leisten. Eine junge Generation, die die Achtung vor dem Wissen der Alten verloren hat, weil Wiki alles besser weiß! Die Alten hatten sich da selbst ein Kuckucksei gelegt. Schließlich hatten doch alle die 'Post-Profs' und emeritierten Experten das in Wiki niedergelegt, was sie wussten. Jetzt fiel es wie ein Totschläger auf sie zurück! Keiner der Jungen befragt die Alten mehr! Alle fragen Wiki!“ Peter schlief über diesem Gedanken, auf seinem Schreibtisch gebeugt, ein.

Ein Piepsen seines Computers weckte ihn wieder auf und zeigte den Eingang einer Antwort in seinem Blog an. Es meldete sich ein unbekannter Volkswirtschaftler, der sich Karl-Eugen Marx nannte. Peter O. fragte sich, ob dieser Name wohl ein Pseudonym sei und las:

17.04.2054

Der Kapitalismus ist gerettet!

Falls die Menschheit in der Lage sein wird am16. März 2880 das vorhergesagte Sternentor zu nutzen und in das Weltall vordringen sollte, wird das Dilemma des Kapitalismus Vergangenheit sein! Die Grenzen des Wachstums auf der Erde als Antriebskraft dafür gehen immer stärker zur Neige. Aber im Weltall wird die Menschheit unendliche Quellen für weiteres Wachstum finden!

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist jede Anstrengung das Sternentor zu nutzen voll und ganz zu unterstützen. Ja, ich gehe noch weiter, zu behaupten, dass sogar der Fortbestand des Kapitalismus und somit der ganzen Menschheit von einem gelungen Start ins Weltall abhängt!

Peter O. war ein Astronom. Er hatte nur in der Schule von den Erkenntnissen von Karl Marx zum Kapitalismus gehört. Auch hatte ihn auch ein kleines Büchlein damals beschäftigt mit dem Titel: 'Die Grenzen des Wachstums'.

Aber das Argument von Karl-Eugen M. schien für ihn folgerichtig.

London, 2054 n. Chr.: London Eye

„Björn, Björn, wo bist Du nur?“, rief Thor laut durch seine Abteilung, „ist der Kerl etwa immer noch nicht da? Immer diese unzuverlässigen Mitarbeiter!“ Björn kam gerade aus der Toilette, als sein Boss ihn fast umrannte. „Darf man denn hier nicht einmal zum Pinkeln?“, fragte der Mitarbeiter scharf. Etwas verdattert, aber schlagfertig, legte Thor seinen Arm um ihn und schob ihn in sein Büro. Der Chef wusste genau, dass sein Mitarbeiter mit Berührungen am ehesten zu beruhigen war. „Björn, hör zu! Setze dich bitte in den nächsten Flieger nach London und kontaktiere Mr. Fitzgerald im British Museum. Ich habe ihn schon per E-Mail verständigt, er erwartet dich. Du musst mit ihm – ich weiß er ist der beste Spezialist dafür – Du musst mit ihm heraus-finden, was es mit dem kleinen Hundeknöchelchen auf sich hat! Woher kommt das? Gibt es noch mehr Material für unsere Sequenzierungen?“ „Chef, was ist das für ein Kamikaze-Auftrag! Glauben Sie wirklich, ich kann da etwas erreichen? Das gibt doch nur eine nette Sightseeing-Tour!“ „Wenn du die Sache so angehst, natürlich! Hey Junge, ich erwarte etwas mehr Biss“, konterte der Chef. „Ich bin doch kein Vampir!“, gab Björn sehr schlagfertig zurück. „Du hockst so schnell als möglich im Flieger und siehst, was du erreichen kannst! Hugh! Ich habe gesprochen!“ Immer wenn Thor diese Floskel frei nach Karl May deklamierte, wussten seine Mitarbeiter, dass alle Diskussion vergeblich war.

Noch am gleichen Tag gegen Abend saß Björn in einem Billig-Flieger nach Stansted. Er nahm den Express-Bus nach Kings Cross und lief zu einem nahegelegenen Hostel, wo er ein Zimmer gebucht hatte. Er wollte das Reisebudget des Instituts nicht allzu sehr mit seiner Vergnügungsreise belasten und war immer noch nicht überzeugt, dass er die kleinste Chance auf einen Erfolg haben würde. Am nächsten Tag frühstückte er Toast, Margarine mit Buttergeschmack und Jam, im Keller des Hostels zu einem dünnen Kaffee und nahm ein Taxi von Kings Cross, wohl wissend, dass es nach Holborn zum Museum nicht weit war. Noch immer hatte er den muffigen, ungelüfteten Geruch der Kissen und Decken des Hostels in der Nase. Pünktlich um 10 Uhr war er da und Mr. Fitzgerald empfing ihn, wie verabredet, am Haupteingang. „Welcome Björn! I am Patrick!“, sagte Fitzgerald, gab ihm die Hand und umfasste mit seiner anderen Björns Unterarm. Dieser fragte sich sofort, ob wohl Patrick so wie er gepolt war? Auszuschließen war es nicht! Nachdem beide gemerkt hatten, dass Björns Englisch etwas holprig war, schwenkte Patrick in eine Art Schwyzerdütsch um. „Du musst wissen, ich habe eine Weile in Bern gelebt“, erklärte er. Björn war erleichtert und Patrick kam mit seinem Leipziger Dialekt gut zurecht.

Patrick zeigte ihm in einem kurzen Schnelldurchgang das Wichtigste des Museums und dann verzogen sie sich in das riesige Asservaten-Lager. „Thor hat mir schon von seiner bahnbrechenden Entdeckung berichtet.“ Patrick zog eine Schublade auf und Björn sah etwa 200 Knöchelchen dort liegen. Alle sorgfältig nummeriert. „Hier, Nummer '192837', müsste euer Goldstückchen sein. Siehst du, hier wurde die kleine Probe für Eure Sequenzierung entnommen.“ Björn war verblüfft, dass sich das alles so geordnet anließ. „Was sind das andere für Knochen?“, fragte Björn. „Nun, das müssten zunächst alle sein, die damals von Carter gefunden wurden. Ich habe das Dokument von Carters 'Servant' gelesen, das mir Andromeda von euch in Leipzig geschickt hatte. Sie hat wirklich einen tollen Fund gemacht.“ Manchmal fiel Patrick das deutsche Wort nicht ein und er beließ es beim Englischen. „Das heißt, dass wir alle diese 200 Proben sequenzieren müssten, um zuordnen zu können, welche Knochen zusammen gehören!“ Björn trat der Schweiß auf die Stirn. Er sah schon, dass diese Arbeit an ihm hängen blieb. „Das ist doch nicht alles! Hier, die nächsten Schubladen beinhalten auch Knochen aus der Ausgrabungskampagne von Carter. Diesmal waren allerdings große Ober- und Unterschenkelknochen dabei, die Björn eindeutig als ‚human‘ einordnete. „Diese kommen wohl nicht in Frage, die sind doch nicht vom Hund, oder?“, stellte er fest. „Wohl kaum!“, bestätigte Patrick.

„Habt ihr denn eine Ahnung, von welchem Körperteil dieses Hundeknöchelchen sein könnte?“, fragte Björn. „Nein, nicht wirklich!“ erwiderte Patrick enttäuscht. Sie schauten sich alle Fundstücke genau an und wurden immer ratloser. Die Zeit verflog wie im Fluge.

Schließlich schob Patrick alle Schubladen wieder zurück und sagte zu Björn: „Ich sehe, wir kommen nicht weiter! Wir brauchen eine Luftveränderung! Ich habe da eine Idee, komm mit!“ Patrick nahm Björn am Arm, sie verließen das Museum und stiegen ins nächste Londoner Taxi. „To London Eye please“, gab Patrick dem Driver Anweisung und kurz darauf fand sich Björn in einer Glasgondel des Londoner Riesenrads wieder. Patrick wusste natürlich nicht, dass Björn extreme Höhenangst hatte. Dieser hielt sich schon gleich zu Anfang auf der hölzernen Sitzbank fest und vermied es, nach unten zu schauen. „Na, habe ich dir zu viel versprochen? Das ist doch eine echte Luftveränderung! Wir werden 135 m über der Stadt kreisen! Da ist die Luft viel besser!", triumphierte Patrick. „Wenn du meinst“, erwiderte Björn kleinlaut. Als sie ganz oben angelangt waren, konnte sich Patrick nicht mehr halten und zog Björn am Arm von der Mitte an die Glaswand. Björn schrie nur: „Nein! Nein! Ich habe extreme Höhenangst!“ Er wurde ganz panisch und Patrick schlang seine Arme wie zum Schutz um ihn. Dabei kam seine Hand an Björns Schlüsselbein, das ziemlich heraus stand. Björn stürmte zurück auf die Holzbank, schloss die Augen und setzte sich. „Das ist es: 'Schlüsselbein'! Das ist die Lösung! Ich bin sicher, der kleine Knochen ist ein Teil eines Hunde-schlüsselbeins.“ Björn verstand gar nichts mehr und wollte in seiner Panik nur raus. Patrick hatte alle Mühe, ihn davon abzuhalten, den 'Not-Aus-Knopf' zu drücken. „Sorry, Patrick, aber ich muss mich jetzt etwas erholen. Das war zu viel für mich! Außerdem geht mein Rückflug in vier Stunden. Ich sollte mich auf die Socken machen.“ Er ließ Patrick wie einen begossenen Pudel mit einem Hundeschlüsselbein stehen.

Am nächsten Tag hatte Thor großspurig ein Gruppenseminar mit dem Titel ‚Björn berichtet über die Recherche-Ergebnisse im British Museum‘ angekündigt. Auch Andromeda wurde eingeladen. Björn schwante schon zu Anfang, dass dies sein Waterloo bedeuten würde. Alle saßen gebannt im Seminarraum und der Beamer summte. Björn kam mit hochrotem Kopf herein und stellte sich an das Rednerpult. "Ja, Herrschaften…“ stotterte er. „Ergebnisse wollt ihr hören …“, er räusperte sich erneut. Dann deklamierte Björn mit einem vielsagenden Lächeln: „Patrick hat mir im London Eye ganz oben an mein Schlüsselbein gefasst und meinte, das Knöchelchen sei ein Teil eines Hundeschlüsselbeins. Keine Ahnung, wie er dazu kommt! Das war's!“ „Was? Das war's?“, empörte sich Thor. „Ja“, Björn schaltete den Beamer aus und fragte: „Sonst noch Fragen?“ Da meldete sich Andromeda: „In dem Bericht von Carters Diener ist die Rede von einer ganzen Reihe von Knochen, die zusammen gefunden wurden. Wie viele sind das denn und sind die alle erfasst und katalogisiert?“ „Gute Frage, Andromeda!“, heuchelte Björn. Er wollte dieses Thema eigentlich vermeiden. „Ja, es sind etwa 250 Knochen, aber auch viele eindeutig humanen Ursprungs, Oberschenkel, Ellen, Speichen, Rippen.“ „Na, das ist doch etwas! Ran an den Speck! Fitzgerald soll Proben nehmen, wir sequenzieren alle, zumindest einige wichtigen Gene von jeder Probe zur Eingruppierung!“ Björn wurde bleich. Das war Arbeit für ein Jahr! „Wenn sie meinen Chef“, sagte er kleinlaut.

Björn war nur noch am Sequenzieren. Er hatte mit den kleinen Knochen begonnen, weil er dachte, dass er bei denen eher eine Chance hätte, ein Canoidea-Gen zu finden. Aber sie waren alle von humanem Ursprung. Als letztes nahm er sich die Probe Patricks von dem großen Oberschenkelknochen vor. Er war völlig demotiviert und wollte schon kündigen. Da geschah es: er fand eine Übereinstimmung von 99,8%. Das Hundeschlüsselbein und der Menschenoberschenkelknochen waren eindeutig von ein und demselben Individuum! Wie konnte das sein?

Thor erzählte Andromeda von den Ergebnissen und die sagte nur kurz: „Ich hatte gleich an 'Anubis' gedacht, als ihr dieses 'Hucanoidea-Genom' beschrieben hattet.“ „Können wir es wagen, eine solche These ernsthaft in einem seriösen wissenschaftlichen Journal zu publizieren?“ Thor war das erste Mal in seinem Leben ratlos.

Leipzig, 2054 n.Chr.: Andromeda erleidet einem literarischen Interruptus

Sie sehnte sich im Stillen einen Orgasmus herbei und scrollte in dem bei eBay gekauften Dokument, um wieder eine ‚scharfe‘ Stelle zu finden. Der Zusammenhang an sich interessierte sie zunächst weniger. Der erschien ihr in dem gefundenen ‚Werk‘ eh sehr wirr. Ihre Augen stolperten über einen Begriff als Überschrift, der sie neugierig machte:

‚Schwefelgasig‘

Wir sehen ein vertrautes Bild: Ich sitze arbeitend im Zug. Ich, Walt, der Mann, der benannt ist nach Walter Faber, nein bitte noch einmal, aber mit englischer Aussprache: Walter Faber, der ja gerade in New York wohnt und mit Ivy Schluss machen will. Eben gerade jener Walter Faber, der Held aus Max Frischs Roman HOMO FABER.

In welcher Zeit befinden wir uns? Sitzen wir hier einer fast vergessenen Romanfigur der fünfziger Jahre gegenüber, der hageren Gestalt eines Sam Shepard, aber einem Gesicht wie Robert Redford, angezogen mit einem weiten, fast zu großen Jackett? Seinen breitkrempigen Hut hat er auf den Tisch neben sein Notebook gelegt, auf dem er gerade konzentriert tippt. Sein blondes Haar hat er wild ohne Scheitel nach hinten gekämmt. Er fährt in einem ICE der 3. Generation mit Neigetechnik, den Zügen, die die Steckdosen für Notebooks unter jedem Sitz haben. Er reist oft mit dem Zug, aber auch mit dem Flugzeug, nur selten mit dem Auto, jedoch fast immer, um seinen Geschäften nachzugehen, wie einst der Walter Faber, der Macher, der HOMO FABER, der Mensch als Handwerker.

Nein, der echte Walter Faber kann ich wirklich nicht sein. Ich reise zwar auch viel, wie er, und tippe dabei, wie er. Aber ich benutze keine schlanke, leichte 'HERMES Baby', die elegante, mechanische schweizerische Reiseschreibmaschine, die keine Energie aus Steckdosen benötigte, damals. Nein, ich benutze heute ein Notebook unter Windows.

Dennoch ist die Ähnlichkeit von mir mit Walter Faber frappierend! Handelt es sich hier etwa um eine Wiedergeburt, ein Baumscher Klon? Oder nur um einen Menschen, der die Romanfigur nach lebt? Jedenfalls benimmt er sich gerade eben wie sein literarisches Vorbild, einen Liebesbrief an seine Freundin tippend. Einen Liebesbrief in exakt gedruckten Lettern, die Ausdrucksform des Technokraten. Genauso übernahm Walt es von seinem Idol und hielt es sein Leben lang auch durch: In jungen Jahren schrieb er Liebesbriefe mit seiner Schreibmaschine, einer alten somnambulen AEG, die noch dieses typische runde Schriftbild der 20er Jahre hatte. Auf diese, meine AEG war ich stolz, damals und identifizierte mich mit ihr, die ich noch zu Schulzeiten von einem Händler gebraucht, jedoch generalüberholt, gekauft hatte. Sie war in ihrer Wuchtigkeit ein echtes Bollwerk und symbolisierte die Schwere meiner zögerlichen literarischen Anfänge. Aber ich trotzte ihr dennoch einige Texte ab – damals.

Wie so ganz anders war dagegen die schlanke 'HERMES Baby' meines Vorbilds. Wie scheinbar leicht und elegant schien der Held meines Lieblingsromans mit dieser Maschine Sätze zu formulieren. In meiner Fantasie verschmolz ich immer völlig mit dem Autor. Eine 'HERMES Baby' war damals etwas vom Feinsten, Schweizer Hightech, für eine solche Maschine war unser junger Walt nicht reif und außerdem konnte er sie sich nicht leisten, damals. Er, der er lediglich auf seiner gebrauchten alten AEG die ersten Buchstaben sammelte, seine eigene Handschrift verachtend, die Klarheit der Maschinenschrift bevorzugend.

Wie anders ist alles jetzt im Hier und Heute: Ich habe es geschafft und jette durch die Welt, genau wie er, Walter Faber: Jetzt, im ICE 'Clara Schumann', auf dem Weg von Weimar nach Frankfurt, tippe ich auf meinem Notebook mit dem triumphalen Gefühl, eine riesige technologische Überle-genheit über Walter Fabers 'HERMES Baby' zu benutzen, wenn ich ausreichend Energie habe. Höre ich doch auch noch gleichzeitig ein Chopin-Klavierkonzert aus dieser Maschine über Kopfhörer. Der Pentium-Prozessor im Notebook erledigt das alles mit links. Die MP3-Technologie komprimiert Musik in höchster Qualität, so dass meine Festplatte keinerlei Speicherplatzprobleme hat. In welcher Steinzeit lebte dagegen Walter Faber in den fünfziger Jahren?

Etwas enttäuscht, hier keinen erotischen Text zu finden, den sie als Onanier-Vorlage missbrauchen könnte, versuchte Andromeda diesen Text einzuordnen. Sie schloss, dass er sehr viel später als der letzte geschrieben sein musste. Das 'Ich' hatte jetzt sogar einen Namen und war kein Student mehr, sondern ein 'Macher' und er gestand, dass er sich nebenbei als Schriftsteller betätigte und als solcher fühlte.

Ob 'Walt' wirklich sein Name war, oder nur eine literarische Fantasie, ging nicht aus dem Text hervor.

Ich, Walt, höre gerade den zweiten langsamen Satz des Konzerts und träume vor mich hin. Fließen Gefühle aus der Musik in meinen Liebesbrief? Beende ich ihn mit einem Hauch Chopinscher Sehnsucht?

Zwischen den Sitzen schauen mich zwei Mascara-Augen in dunklem Braun an. Eine Frau vom Typ, wie sie Modigliani gemalt hat. Aber ich bin noch im Banne meiner Freundin, an die der Liebesbrief gerichtet war. Deswegen bin ich nicht in Stimmung für einen Flirt. Ich kann heute nicht so schnell von einer zur anderen weiblichen Aura wechseln.

Andromeda war wiederum enttäuscht. Sie hatte sich jetzt etwas anderes erhofft. Aber ihr Frustrationspegel war noch nicht so hoch, um ihre Lesung abzubrechen.

Passen Walts geflickte Jeans, die wir auf den ersten Blick unter dem Jackett wohl übersehen haben, zu ihm und seinem aus der Literatur entliehenen Erscheinungsbild? Stammen die Hosen noch aus Zeiten seines Studiums? Oder war es irgendein anderer Chemieunfall mit Batteriesäure, H2SO4-verdünnt, als er wieder einmal das obligatorische 'Basisexperiment' eines jeden Chemiestudenten in den ersten Semestern wiederholte? Diese Chemikalie verträgt sich nämlich nicht mit dem auch noch so groben Baumwolljeansstoff. Kleinste Spuren, die wie auch immer auf den Stoff gelangen, ergeben beim nächsten Waschen ein Loch. Walts Studienzeit liegt jetzt schon einige Zeit zurück, er ist inzwischen Geschäftsführer und auf dem Wege zum Notar, um dort verbrieft sogar Vorstandsvorsitzender der vom ihm mitgegründeten Aktiengesellschaft zu werden. Ein interessantes Leben: Mit Höhen, gerade heute, und Tiefen, im letzten Quartal, wo alles einzubrechen drohte und er sich wie Herkules vorkam, alleine das Firmenfirmament stützend. Die Steuerungssoftware für den Roboter eine ‚nightmare‘! Konzept falsch, Berater falsch, kein Geld. Ein übler Sumpf? Wo war der Halt, an den er sich klammern und sich und seine Mitarbeiter herausziehen konnte? Es war schließlich sein Netzwerk! Seine Kontakte brachten eine Lösung. Dieses Beispiel zeigte, dass Walt sich mit einer von außen, vielleicht als Fatalismus zu bezeichnenden Haltung, in problematische Situationen stürzte. In Wirklichkeit war es nicht Fatalismus sondern die feste Gewissheit, immer eine Lösung zu finden.

Gleich wird sich Walt seiner neuen Lektüre widmen: Günter Grass, das weite Feld der Wiedervereinigung beschreibend. Eine interessante Konstruktion, diese zwei oder sogar drei Engel über Berlin: Fonty, Hoftaller und sein britisch-schottisches Engelspiegelbild Tallhover. Einer, in der Beschreibungen Fontys mit Schnauzbart, trägt die Gesichtszüge des Autors.

Der Koch des Speisewagens, mit österreichischem Akzent, öffnet die Abteiltür und bietet charmant Kaffee an. Nein, kurz vor 8 Uhr abends ist es Walt zu spät für dieses Genussgift. Er hat heute über Tage sowieso zu sehr gesündigt: drei Tassen mit Koffein! Das ist sehr viel für ihn und putscht ihn jetzt am Abend auf. Deshalb ist er jetzt noch so fit.

Walt wird heute den Flachmann einweihen, den er an Weihnachten von Geraldine geschenkt bekam. Dieses Geschenk war für ihn völlig unverständlich, denn sie stänkerte immer gegen seinen Alkoholgenuss, den sie als 'Sucht', er dagegen als 'Genuss' bewertete. Aber dann schenkt sie ihm doch diesen Flachmann. Aber so unlogisch sind nun einmal Frauen. Walt erinnert das silbrig-edelmetallene Gefäß immer an Jack Nicolson, in 'Easy Rider', mit seinem Arme-wie-Flügel-Schlagen und 'nick-nick' Deklamieren, wenn er einen Schluck nimmt.

Walt hatte das Gefäß zu Hause mit Eigenmarke „Haunshofer Affenschaukel“, dem Gemeinschaftsprojekt von seinem Vater und ihm befüllt: Walt hatte die Zwetschgen geerntet, Maische in Oberbayern hergestellt und sein Vater hatte im Auto alles an die Bergstraße zum Brennen gebracht. 24 Liter Zwetschgenschnaps, Jahrgang 1997, die Hälfte ließ er seinem Vater zurück, an der Bergstraße, den Rest genießt er 2001 immer noch.

Er scheut sich, den Alkoholiker hier öffentlich zu mimen. Wird er sich trauen und den Flachmann auch nach USA mitnehmen? In das Land der Antialkoholiker, oder besser, das Land aller heimlichen Alkoholiker? Dort wo das Trinken von Alkohol in der Öffentlichkeit sogar unter Strafe steht?

Sein Flug geht in vier Tagen: Frankfurt, über LA nach Palm Springs und zurück über Denver, Philadelphia, Washington und New York. Er freut sich auf New York besonders, das letzte Mal war er vor zwanzig Jahren dort.

Walt liest weiter in seinem Buch 'über die weiten Felder' und stolpert über eine interessante Stelle. Grass fällt das Folgende auch auf. „...immerhin ist der Arbeiter und Bauernstaat mit dieser oft minderwertigen Kohle beheizt worden und entsprechend gasig roch es landauf und landab, falls einem Staatswesen ein solch eigenständiger Geruch nachgesagt werden kann“. Schön formuliert, 'gasig' ist ein wunderbares Wort, aber Walt mit seinem Chemiker-Hintergrund hätte wohl doch etwas präziser 'schwefelig' oder noch besser 'schwefelgasig' formulieren wollen. Er weiß sehr gut, was der spätere Nobelpreisträger gemeint hatte, und Erinnerungen an die Berliner Winterinversionswetterlagen steigen in ihm auf. Dann konnte auch die selbständige politische Einheit Berlin-West nicht einen frischen, freiheitlichen Geruch erzeugen und musste die DDR-Kohle in den abertausend Kachelöfen der Altbauwohnungen des damaligen letzten weißen Kreises verheizen.

Andromeda glaubte jetzt mehr zu wissen. Der 'Ich' genannte, Walt, war ein kreativer Chemiker, der sein Berufsleben literarisch verarbeitete.

Dennoch fühlte sie sich frustriert, wie bei einem 'schwefelgasigen Interruptus', und eine erhoffte sexuelle Erfüllung hatte sie diesmal nicht bekommen. War das nicht bei Bruckner auch manchmal so?

Um ihr sexuelles Gleichgewicht zurück zu gewinnen, rief sie mit dem Smartphone Mike an, ihren Call-Boy. Dieser verstand es auf einfühlsame Weise, sie doch noch zu einem Superorgasmus zu bringen, so dass sie danach selig einschlafen konnte. Wie würde sie nur ihr trostloses Singledasein ohne ihn durchstehen?

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9783742733757
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