Читать книгу: «Seewölfe Paket 15»

Шрифт:

Impressum

© 1976/2017 Pabel-Moewig Verlag KG,

Pabel ebook, Rastatt.

eISBN: 978-3-95439-773-0

Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de

Inhalt

Nr. 281

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 282

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Nr. 283

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 284

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 285

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Nr. 286

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 287

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 288

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 289

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 290

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 291

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 292

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 293

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 294

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 295

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 296

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 297

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Nr. 298

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Nr. 299

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Nr. 300

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10


1.

Als Stimmung oder Idylle konnte man das Treiben an Bord der „Pride of Galway“ an diesem Julimorgen nicht bezeichnen.

Die Seewölfe waren zwar alle wieder glücklich zurückgekehrt und hatten sich unbeschadet wiedergetroffen, doch an der guten Laune fehlte etwas.

Der Grund dieser gedrückten Stimmung war der auf recht mysteriöse Art und Weise verschwundene Schiffbaumeister Hesekiel Ramsgate, einer der besten Schiffbauer Englands.

Bei ihm hatten die Arwenacks ihre neue „Isabella IX.“ in Auftrag gegeben, und Ramsgate hatte sie wunschgemäß auf der Werft in Rame Head aufgelegt.

Jetzt war der alte Ramsgate über Nacht verschwunden, vermutlich war er das Opfer einer Entführung geworden. Darauf deuteten auch die Brandanschläge auf den angefangenen Neubau.

Philip Hasard Killigrew hatte eine Belohnung von fünfzig Golddublonen für Hinweise auf den mutmaßlich Entführten ausgesetzt – vergebens, wie sich herausgestellt hatte. Selbst der geldgierige Wirt der „Bloody Mary“, Nathaniel Plymson, einschließlich seiner zahlreichen Spitzel, hatte nichts in Erfahrung bringen können.

So hockte man jetzt auf dem neuen Domizil herum und zermarterte sich das Gehirn, was wohl mit Ramsgate geschehen sein mochte, denn solange er nicht wieder auftauchte, ruhte auch der Weiterbau, und die Arbeit ging nicht voran.

Auf dieser irischen Galeone kochte jetzt wieder der Kutscher wie in alten Zeiten. Lange genug hatten sie seine Küche vermißt, ebenso wie seine ärztlichen Kenntnisse. Aber statt sich auf das bevorstehende Mittagessen zu freuen, dachten sie an ganz was anderes, nämlich an Ramsgate.

So war es kein Wunder, wenn sie sich über Kleinigkeiten aufregten oder ärgerten wie beispielsweise jetzt.

Auf der „Pride of Galway“ gab es Kakerlaken, irische Kakerlaken, versteht sich, denn die Galeone war ein irisches Schiff, mit dem die Gruppe unter Hasard nach Plymouth gesegelt war.

Diese Kakerlaken nun waren gut und gern so lang wie ein Daumen, häßlich und schnellfüßig, und sie glotzten „triefäugig und mit einer gewissen Bosheit“, wie Matt Davies es nannte. Mit der allergrößten Selbstverständlichkeit hatten sie schon seit langem von der „Pride of Galway“ Besitz ergriffen, und ihr boshafter Blick verhieß nichts anderes, als daß die Mannschaft sich doch, verflucht noch mal, zum Teufel scheren möge, denn das Schiff gehöre ihnen ganz allein, einschließlich seiner Vorräte.

Sie konnten gegen diese Brut nichts ausrichten, da halfen auch keine Räucherkräuter oder Schwefelstäbchen. Sobald auch nur eins entzündet wurde, verschwand die Armee spurlos, tauchte danach aber wie selbstverständlich wieder auf, ohne nennenswerte Verluste erlitten zu haben.

Eins dieser boshaften Viecher hatte sich jetzt an Deck verirrt und hockte auf den Planken, wo die Seewölfe es angewidert betrachteten.

„Ein paar von diesen Triefaugen sind ja ganz gut zu ertragen“, sagte Sam Roskill, „aber das sind entschieden zu viele. Ich glaube, die vermehren sich absichtlich so schnell, um uns zu ärgern. Langsam ekele ich mich vor diesem Mistzeug.“

Im Halbkreis saßen sie da und starrten auf das Biest, das sich wie selbstverständlich die englische Sonne aufs Kreuz scheinen ließ, obwohl die Kakerlaken eher die Dunkelheit und das Feuchtwarme liebten. Diese hier bildete offensichtlich eine Ausnahme.

„Und wie biestig sie uns anglotzt“, sagte Matt Davies. „Habe ich ja vorhin schon gesagt: frech, boshaft und triefäugig. Die meint wohl, wir hätten hier nichts zu melden.“

„Das werden wir ihr gleich zeigen“, sagte Bill, außer den Zwillingen der jüngste Mann an Bord, eben der Rustabout, weil es keine andere Rangbezeichnung für ihn gab.

Er kniete sich auf die Planken, krümmte den Zeigefinger am Daumen und holte zum Schnippen aus.

Das triefäugige Biest blieb herausfordernd sitzen. Der Zeigefinger schnellte vor, und die Kakerlake sauste, wie von einer Treibladung getrieben, über das Deck. Sie flog durch das Speigatt, segelte durch die Luft und landete im Wasser. Dort ersoff sie nach kurzer Zeit.

„Wenigstens können sie nicht schwimmen“, meinte der Profos, der den Vorgang interessiert beobachtet hatte. „Vielleicht sollten wir diesen lausigen Kakerlakenkahn einmal kräftig fluten.“

Er spuckte mißmutig ins Wasser und schüttelte sich, als er kurz darauf eine zweite Kakerlake entdeckte. Auch sie hockte so selbstverständlich da, als halte sie Ausschau nach der ertrunkenen.

„Verflucht noch mal!“ brüllte er angeekelt. „Eines Tages setzen diese verdammten Wanzen noch heimlich die Segel und geigen uns nach Irland zurück.“

Die zweite Kakerlake ging ebenfalls über Bord und soff ab. Danach waren an Deck keine weiteren mehr zu finden.

Anders jedoch in der Kombüse, wo der Kutscher am Werk war. Weiß der Teufel, aber sobald er einen Sack Mehl zur Seite schob oder nur etwas anhob, da rannten sie aufgescheucht davon, verschwanden in den Ritzen oder flitzten die Wände hoch, um dort ein Versteck zu erreichen. Eine elende Plage war das! Jedesmal mußte er peinlichst genau in den Vorräten nachsehen, ob sich da nicht eins dieser Biester verborgen hielt und später in das zubereitete Essen wanderte. Es war wirklich nicht seine Schuld, wenn das einmal geschah, denn der Kutscher war ein sehr auf Reinlichkeit bedachter Mann. Gegen die irische Kakerlakeninvasion war jedoch auch er machtlos.

So passierte schließlich das, was die Gemüter an Bord erhitzte und den Profos Edwin Carberry zur Raserei trieb, denn in der dick aufgekochten Suppe platschte es leicht. Dieses Platschen konnte natürlich von den aufplatzenden Kochblasen stammen, die in dem Kessel gluckerten. Aber trotzdem sah der Kutscher vorsichtshalber noch einmal nach, und er fischte auch mit der großen Kelle im Kessel erfolglos herum. Anschließend deckte er den Topf zu und ließ die Suppe weiterkochen.

Durch das angelehnte Schott drangen die Geräusche der Männer, die sich auf der kleinen Kuhl der Galeone aufhielten.

Natürlich sprachen sie von Ramsgate und zermarterten sich das Gehirn, was ihm wohl zugestoßen sein mochte.

Auch den Kutscher beschäftigte diese merkwürdige Geschichte besonders intensiv. Ramsgate war bei den Arwenacks ein beliebter und geschätzter Mann, und so dachten sie in erster Linie an ihn und dann erst an ihre neue „Isabella“.

Solange Ramsgate nicht da war, lief nichts. Die Pläne für den Neubau waren ebenfalls verschwunden, und der Schiffszimmermann Ferris Tukker konnte sie verständlicherweise nicht auswendig im Schädel haben, mochte er auch noch so ein erstklassiger Mann sein.

Etwas später schleppte der Kutscher den Kessel an Deck und verteilte das Eßgeschirr. Es gab dicke Linsensuppe mit Schinkenstücken darin.

Jeder packte sich die Kumme randvoll und gab – je nach Geschmack – mehr oder weniger Essig dazu.

Die meisten hatten nach einer Kumme genug, nur Paddy Rogers und der Profos nicht. Paddy war ohnehin leicht verfressen, der Profos nicht minder.

Bei der zweiten Kumme passierte das Mißgeschick, und es passierte ausgerechnet dem Profos. Rogers hätte es vielleicht gar nicht einmal gemerkt, denn der stopfte mit halbgeschlossenen Augen die Linsen pausenlos in sich hinein.

Carberry dagegen aß mit sichtlichem Wohlbehagen, den Blick immer auf die Kumme gerichtet.

Er fischte den faustgroßen Brokken Schinken heraus und wollte hineinbeißen, als sein Blick plötzlich starr wurde. Sekundenlang sah es aus, als leide er unter heftigen Zahnschmerzen.

Auf dem Schinkenstück hockte eine Kakerlake, kein Zweifel. Ein wenig zermatscht und unkenntlich schon, aber mit Sicherheit eins dieser triefäugigen, boshaft blickenden Biester, vor denen sich alle so ekelten, ganz besonders aber der Profos.

Das Ding ähnelte jetzt allerdings auch einer großen zerdrückten Spinne mit ganz kurzen Beinen.

Den Profos würgte es. Sein Gesicht lief grünlich an, und aus seinem Brustkasten drang ein Gluckern, das sich so anhörte, als wollten die Linsen mit aller Gewalt wieder nach oben.

Der Kutscher sah es und wurde bleich. Diese Peinlichkeit ließ ihm fast das Herz in die Hosen rutschen, und als er dann Carberrys Gesicht sah, da wußte er, wo die Glocken hingen. Verdammt, er konnte nichts dafür, aber wie sollte er das dem aufgebraßten Profos beibringen! Dessen Ekel hatte jetzt den obersten Grenzwert erreicht, und seinem Gesicht sah der Kutscher unzweifelhaft an, daß es jetzt – bei aller Freundschaft – eine Tracht Prügel setzen würde, denn in dieser Beziehung war mit dem Profos absolut nicht zu spaßen.

Was tun?

Der Kutscher verzweifelte fast vor diesem Blick, obwohl Ed noch kein einziges Wort gesagt hatte. Ja, er begann sogar leicht zu zittern, denn jetzt schien die Welt unterzugehen.

Wenn der Profos diesen wilden Blick drauf hatte, dann versteckte sogar des Satans Großmutter ihr haariges Gesicht vor Scheu und Angst in der Schürze.

„Du Mistbock, du verdammter!“ brüllte Ed den Kutscher an, und dabei rollte er sogar mit den Augen vor Wut. „Zum Teufel, du wagst es, mir eine Kakerlake ins Essen zu panschen, du Kombüsenwanze!“

Er hob das matschige Ding mit spitzen Fingern hoch und schleuderte es nach dem Kutscher, der immer bleicher wurde.

Die anderen lauschten entsetzt dem wilden Zornausbruch Carberrys, der immer wilder wurde. Sie verstanden ihn ja nur zu gut, aber sie verstanden auch den Kutscher, denn dem war kein Fehler unterlaufen, den hatte einfach das Mißgeschick heimtückisch überrollt, und dafür konnte er nichts.

„Das ist …“, setzte der Kutscher an.

„Halt dein Maul!“ schrie Ed. „Was das ist, sehe ich selber! Und das ist, verdammt und kalfatert, eine matschige Kakerlake. Du hast am Herd gepennt, statt aufzupassen, du mickriger Seewurm. Aber diesmal frißt du das Ding, verlaß dich drauf!“

„Ich habe …“, rief der Kutscher verzweifelt, der jetzt sah, daß es verdammt ernst wurde. Ed ließ ihn gar nicht erst aussprechen.

Erst hatte er die Kakerlake als Wurfgeschoß verwendet, jetzt folgte der Schinken, auf dem das Ding gesessen hatte, und als der ebenfalls sein Ziel verfehlte, stürzte der Profos wutentbrannt auf den Kutscher zu, um ihn am Schlafittchen zu packen.

Er war so erbost, wie ihn die Arwenacks seit langem nicht mehr erlebt hatten, und er ließ auch nicht mit sich reden.

Mit einem blitzschnellen Griff hatte er den Kutscher am Hals.

„Das passiert nicht noch einmal!“ röhrte er. „Das wird dir eine verdammte Lehre sein. Deck gefälligst deinen lausigen Topf beim Kochen zu, du Stint. Diese Kakerlake …“

Der Kutscher glaubte schon die mächtige Faust zu spüren, die ihn erbarmungslos durch die Planken bis ins Kielschwein donnern würde, da kam ihm die heldenhafte rettende Idee, geboren in einem Anflug verzweifelter Angst. Er wuchs über sich selbst hinaus, und bevor Ed zuschlagen und seine Wut ablassen konnte, begann der Kutscher schallend zu lachen.

Das wiederum verblüffte Ed dermaßen, daß er die Faust sinken ließ.

„Du lachst noch, du geteerte Kanalratte?“ fragte er ungläubig. „Du hast mir eine Kakerlake …“

„Eine Kakerlake?“ wiederholte der Kutscher eiskalt und völlig ruhig. „Daß ich nicht lache, Mister Carberry. Du solltest deine Augen lieber ein wenig genauer aufsperren.“

Seine Stimme hatte einen überlegenen Tonfall angenommen, als wüßte er es wieder einmal besser.

„Verflucht, das ist eine Kakerlake!“ schrie Ed. „Eine verdammte tiefäugige irische Kakerlake.“

„Was du da eben so verachtungsvoll von dir geschleudert hast“, sagte der Kutscher hoheitsvoll und überlegen, „das sah zwar so ähnlich aus, Mister Carberry. Es beweist mir lediglich, daß du wieder einmal keine Ahnung hast und auch auf der ‚Mercure‘ nicht ein einziges Mal in die Kombüse geblickt hast, sonst würdest du es nämlich wissen.“

„Was würde ich wissen?“ fauchte Ed. „Rede dich nur nicht heraus!“

„Dieses zerquetschte Etwas“, sagte der Kutscher ruhig, „hat nichts, aber absolut nichts mit einer Kakerlake zu tun. Ich muß doch sehr bitten, Mister Carberry, mir nicht solche Dinge zu unterstellen. Das war nämlich eine orientalische Gewürzspinne.“

„Eine – waaas?“ fragte Ed.

„Eine orientalische Gewürzspinne“, wiederholte der Kutscher geduldig. „Lateinisch Spinnus orientalis gewürzikus“, log er eiskalt. Und diese Sprache der Gelehrten, die natürlich vorn und hinten nicht stimmte, ließ den Profos etwas neugierig blicken, und die bedrohliche Faust verschwand. Sie schlug den Kutscher jedenfalls nicht in Grund und Boden.

Ed sah nicht das hinterhältige Grinsen in den Gesichtern der anderen, denen des Kutschers Verteidigungsrede jetzt diabolischen Spaß bereitete. Der nahm den Profos wieder mal auf seine eigene Art gehörig auseinander. Aber sie alle hatten Verständnis dafür, und so grinsten sie mehr oder minder verstohlen.

Selbst der Seewolf konnte nicht ernst bleiben. Der Kutscher ist schon ein geriebenes Schlitzohr, dachte er.

Doch Carberrys Mißtrauen war noch lange nicht aus der Welt, und auch seine Wut war noch nicht verraucht. Jetzt wollte er es genau wissen, und jeder war gespannt, wie sich der Kutscher aus der Affäre ziehen würde.

„Was heißt hier Spinnus Dingsbums?“ forschte er. „Und wozu soll das überhaupt gut sein? Diesmal entwischst du mir nicht so leicht, Kutscher.“

„Damit werden im Orient die Speisen gewürzt, Ed. Bei Linsen werden orientalische Gewürzspinnen immer verwendet – wie heute. Sie geben der Suppe den würzigen und prächtigen Geschmack. Die Tiere sind natürlich tot, wenn man sie dem Essen beigibt, aber sie sind ganz harmlos. Sie ersetzen Pfeffer, Salz, Knoblauch und Paprika.“

„Sie sehen aber verdammt wie Kakerlaken aus“, beharrte Ed.

„Richtig, Ed“, pflichtete der Kutscher höflich bei, „sie sehen so ähnlich aus, aber man verwendet sie in der ganzen Welt.“

„Eine Sauerei ist das, Spinnen in die Suppe zu tun“, motzte der Profos. „Richtig eklig, verflucht noch mal. Aber ich glaube dir nicht“, sagte er lauernd. „Vielleicht willst du dich bloß herausreden.“

„Keine Spur.“ Der Kutscher blieb kühl bis in die Knochen. Auch sein Zittern hörte langsam auf.

„Ich habe noch mehr von den Gewürzspinnen. Ich habe sie mitgenommen und im Gürtel versteckt.“

Das Gesicht des Profos’ verzog sich angewidert.

„Eine Sauerei ist das trotzdem, das mit den Spinnen. Und, verdammt noch mal, ich glaube dir immer noch nicht. Zeig mir die Dinger, aber dalli!“

„Wie du wünschst, Mister Carberry. Du beleidigst mich zwar ständig, aber das bin ich ja bei dir gewohnt. Warte hier, ich hole sie.“

Weg war er, der Kutscher, und verschwand in der Kombüse, während die anderen mit todernsten Gesichtern herumhockten.

Jetzt geriet der Kutscher allerdings ein wenig in Verlegenheit. Bisher hatte er sich ja ganz gut durchgemogelt, doch er hatte wiederum eine rettende Idee.

Blitzschnell sah er sich um, ob der Profos gefolgt war. Aber der stand an Deck und motzte über die angeblichen Gewürzspinnen.

In eine kleine Kruke füllte er etwas Rum und Essig, stellte sie vorsichtig auf die Back und näherte sich dann dem Mehlsack. Mit einem Ruck lüftete er ihn an und stellte ihn schnell zur Seite.

Acht oder zehn „irische Triefaugen“ wollten davonflitzen, doch der Kutscher war schneller, und diesmal war er den verhaßten Kakerlaken sogar ein wenig dankbar. Er griff zu, sammelte eine halbe Handvoll und packte sie in die Kruke.

In der scharfen Brühe soffen die Kakerlaken blitzschnell ab, krümmten sich zusammen und zogen die Beine an den Leib. Auch ihre mißgebildeten, stummelähnlichen Flügel legten sie an den Körper, und so hatten sie nicht mehr viel Ähnlichkeit mit rennenden Schaben.

Der Kutscher schüttelte die Kruke heftig und ging dann auf die Kuhl zurück, wo ihm alle erwartungsvoll entgegenblickten.

„Damit du nicht glaubst, du mußt hier ständig Kakerlaken essen“, sagte er pikiert. „Hier sind die Dinger.“

Er drehte die Kruke um, der durch das Essig-Rum-Gemisch ein lieblicher Duft entströmte, und hielt zwei der zusammengekrümmten und fast unkenntlichen Biester in der Handfläche.

Der Profos beugte sich vor und starrte sie an. Nein, Kakerlaken waren das ganz gewiß nicht, entschied er, denn die sahen ganz anders aus. Dann stieg ihm der Geruch verführerisch in die Nase.

„Riecht nicht schlecht“, gab er widerwillig zu. „Trotzdem sieht das Zeug widerlich aus.“

„Das will ich nicht abstreiten, Mister Carberry. Gar manches sieht widerlich aus, was man ißt. Krebse oder Langusten auch, und trotzdem munden sie vorzüglich. Diese orientalischen Gewürzspinnen werden getrocknet, damit sie ihr Aroma behalten, und später in Wasser gelegt. Dann geben sie das Aroma wieder ab, und hier ist der Erfolg. Du willst mir ja wohl nun nicht auch noch abstreiten, daß ich ein ganz klein wenig von der allgemeinen Kochkunst verstehe.“

„Nein, das nicht“, sagte der Profos etwas hilflos. Wieder starrte er die gekrümmten Dinger an und schnupperte.

„Riechen bißchen nach Rum und Wein“, meinte er lahm.

„Stimmt. Ich sehe, du beginnst etwas davon zu verstehen. Nun lag ausgerechnet diese Gewürzspinne auf deinem Schinken, was für dich ein Anlaß war, mich körperlich zu bedrohen, ganz abgesehen von den Beleidigungen, die ich ja noch hinnehmen will. Na ja“, sagte der Kutscher entsagungsvoll, „lassen wir das, seien wir generös. Deinem Gesicht sehe ich jedenfalls an, daß du das Zeug in Zukunft auch nicht magst. Oder hast du deine Meinung geändert?“

„Die – die sehen so eklig aus im Essen“, meinte Ed kleinlaut. „Und ausgerechnet ich erwische die Dinger immer.“

Er schnupperte wieder, denn der Geruch der „orientalischen Gewürzspinne“ war tatsächlich nicht übel, und er hätte nie geglaubt, daß solche erbärmlichen Mistviecher ein solches Aroma von sich geben konnten. Aber sie sahen matschig aus, und es ekelte ihn davor. Gewürzspinne hin, Gewürzspinne her, er konnte sich damit nicht anfreunden.

„Bitte“, sagte der Kutscher mit einer großzügigen Handbewegung, „du bist der Profos und für das Deck zuständig sowie für die Ordnung. Ich glaube, ich gehe nicht fehl in der Annahme, daß du auch künftig auf Spinnus orientalis gewürzikus verzichten willst. Und nichts liegt mir näher am Herzen als dein leibliches Wohl, Mister Carberry.“

Bei diesen Worten drehte er lächelnd die Kruke um, die er über die Bordwand hielt, und ließ den Inhalt herausgluckern. Acht oder neun echte irische Kakerlaken, getarnt als orientalische Gewürzspinnen, platschten in den Hafen von Plymouth und sanken auf den Grund.

Damit war der Kutscher aus dem Schneider, und Carberry sah ziemlich betreten drein. In den Gesichtern seiner Kameraden las er nicht gerade Begeisterung. Verdammt, er hatte sich um diese Art von Gewürzen noch nie gekümmert. Vielleicht nahmen die anderen ihm jetzt krumm, daß sie keine mehr hatten.

Sie nahmen es ihm krumm. Am selben Tag noch, gegen Abend, denn der Kutscher wollte jetzt vor Ed nicht sein Gesicht verlieren.

Es gab Kohl mit Fleisch, aber dieser Kohl schmeckte fade, da fehlten die Gewürze, dachte Ed. Er sah auch, daß die anderen mit geradezu verbissenen Gesichtern kräftig nachsalzten oder Pfeffer an den Kohl gaben. Aber er traute sich nicht so recht, ebenfalls nachzuwürzen.

„Schmeckt es dir nicht?“ fragte der Kutscher besorgt. „Du kaust ja mit richtig langen Zähnen. Man sagt immer: ‚Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Korn bitter.‘ Bist du schon satt?“

„Äh – nein, aber ein wenig lau schmeckt es. Da fehlen Gewürze.“

Eds Stimme klang fast kläglich und entschuldigend.

„Tjaa, Gewürze“, murmelte der Kutscher. „Werden wir wohl besorgen müssen, obwohl das hier schwerfällt. Deshalb nahm ich ja auch die Gewürzspinnen mit. Schade drum, aber nicht zu ändern. Aber du wirst dich schon daran gewöhnen, mein Lieber. Ich will nicht als der Mann gelten, der anderen Kakerlaken ins Essen schmuggelt, denn die Dinger sahen wirklich so aus, da muß ich dir recht geben.“

Der Profos räusperte sich verlegen und mampfte weiter.

„Eigentlich bist du ein feiner Kerl, Kutscher“, sagte er dann, was man wohl als so eine Art Entschuldigung auffassen konnte.

Der Kutscher seufzte tief.

„Eigentlich“, sagte er, „bin ich manchmal ein richtiger Sauhund. Aber ich muß das mit Köpfchen wieder ausgleichen, was die anderen mit roher Kraft tun, wenn du verstehst, was ich meine.“

„Ja, ich verstehe“, sagte Ed spontan, obwohl er gar nichts verstand, denn er wußte nicht genau, was der Kutscher überhaupt meinte.

„Äh – entschuldige, wenn ich dich vorhin so angebrüllt habe, Kutscher.“ „Mistbock hast du mich genannt“, sagte der Kutscher schwer. „Entschuldige, alter Junge.“

„Und Kombüsenwanze.“

„War nicht so gemeint, Kutscher.“

„Und mickriger Seewurm.“

„Das sind so meine Ausdrücke“, murmelte Ed.

„Und geteerte Kanalratte.“

„Geteerte Kanalratten gibt’s gar nicht“, sagte Ed. „Das brauchst du nicht auf dich zu beziehen.“

„Jedenfalls war ich ziemlich traurig, als ich das hörte. Dabei habe ich es doch nur gut gemeint“, sagte der Kutscher leicht schluchzend.

Das wiederum rührte den Profos, und sein weiches Herz kam zum Vorschein. Er legte dem Kutscher den Arm um die Schultern und nickte ihm beruhigend zu.

„Nun kotz mal hier keine Knochen“, sagte er burschikos. „Ein Kerl wie du, der nimmt doch mir nichts übel.“

„Dann nimmst du mir auch nichts übel?“

„Kein bißchen“, versicherte Ed. „Und von nun an hast du jede Woche eine Kakerlake bei mir gut. Sollte dir also mal eine ins Essen fallen, dann werde ich nicht einmal husten. Und wirklich, Kutscher: Es ist schade, daß wir diese ägyptischen Gewürzkaker …, äh, -spinnen über Bord gekippt haben.“

Der Kutscher zwinkerte dem Profos zu.

„Ich habe noch ein paar“, sagte er vertraulich. „In der Kombüse sieht noch eine andere Kruke.“

„Dann ist ja alles in Ordnung, du verdammtes Schlitzohr.“

Das mit dem Schlitzohr hörte der Kutscher gern, es ging ihm runter wie Honig mit Milch. Aber ein schlechtes Gewissen hatte er doch, wenn auch nur ein ganz klein wenig.

Aber hätte er sich wegen dieser lausigen, tiefäugigen irischen Kakerlake vom Profos verprügeln lassen sollen? No, Sir! Da mußte man schon ein wenig mit kühler Intelligenz nachhelfen, damit man nicht zu Schaden kam.

Der Profos fragte sich nur beklommen, warum die Kerle alle so merkwürdig starre Gesichter hatten. Bestimmt hatten sie die orientalische Gewürzspinne im Essen vermißt.

Ja, so war das wohl. Zum Glück satte der Kutscher ja noch welche.

2.

Auf dem staubigen Absackboden der alten Mühle, weit draußen vor der Stadt herrschte stickige, dumpfe Hitze. Die Sonne heizte die alte Mühle wie einen Backofen auf.

Hesekiel Ramsgate lag auf dem Absackboden, in Schweiß gebadet, nach Luft schnappend.

Der alte Schiffbaumeister war zäh, hart und ausgemergelt, und in seinen langen Jahren hatte er so manches erdulden müssen. Aber das hier schaffte ihn fast. Die staubige Hitze, der Durst, der Hunger und dann die vielen Schläge und Tritte der üblen Kerle, die es darauf anlegten, die Pläne der neuen „Isabella“ in ihren Besitz zu bringen.

Die Mühle war nicht mehr in Betrieb, schon lange nicht mehr. Innen hatten sich Schaben und Mäuse eingenistet und fraßen die letzten Reste Kleie aus den Ritzen. In einer der Schütten raschelte es wieder, obwohl da kaum noch etwas zu holen war.

Ramsgate war an einen Eichenbalken gekettet und konnte sich nur ein wenig bewegen.

Immer wieder sah er sich in seinem Gefängnis um, obwohl er es nun schon zur Genüge kannte. Er war noch nie hier gewesen, auch dann nicht, als die Mühle noch in Betrieb war. Weil ihn die Langeweile plagte, sah er sich jedoch immer wieder um. Staub, Spreu und verpappte Kleie bedeckten den Absackboden bis zur Schroterei. Die geriffelten Schrotwalzen waren verkleistert. Der Sichter war zusammengebrochen oder zerstört worden, und auch der Teil, wo der Grieß einstmals durch die Glattwalzen gelaufen war, war nur noch Schrott.

Sein Blick wanderte weiter über den Absackboden zur Sichterei und Putzerei mit dem Separator, wo Dreck und Spreu entfernt worden waren, wenn das Getreide hier eintraf. Nein, nirgendwo lag etwas herum, womit er sich aus seiner üblen Lage befreien konnte. Schon gar nicht in seiner Nähe.

Er lehnte sich wieder zurück und schloß die Augen. Durch das Binsendach fiel Sonnenlicht herein. Mäuse raschelten, und ein leichter Wind ließ die alte Mühle leise ächzen und stöhnen, als besänne sie sich auf alte, bessere Zeiten, wo sich das Mühlrad noch im Wind gedreht und die schweren Mahlsteine in Bewegung gesetzt hatte. Mitunter knarrte auch das alte Holz, dann hörten die Mäuse auf zu rascheln, und minutenlang kehrte absolute Stille ein.

Nach einer endlos langen Zeit hörte er ferne Stimmen und schrak hoch.

Die Halunken kehrten wieder zurück, um ihn zu piesacken, um ihn auszuhorchen, denn bisher hatte er sein Geheimnis noch nicht preisgegeben. Er schätzte den Seewolf und seine Männer und wollte nicht, daß ihnen Schaden entstand. Es war schon bedauerlich genug, daß die Arbeiten an dem neuen Schiff nicht vorangingen.

Er versuchte, auch die Stimmen zu unterscheiden, doch er vernahm nichts weiter als ein undeutliches Murmeln und Raunen, das aus allen Ecken zu ertönen schien.

Draußen unterhielten sich tatsächlich zwei Männer. Sie hatten sich lange und ausgiebig umgesehen, ob ihnen auch niemand gefolgt war.

Der eine der beiden Kerle war Samuel Taylor Burton, ein Todfeind des Seewolfs, der vor zwölf Jahren einen Schlaganfall erlitten hatte. Burton war ehemals Friedensrichter von Plymouth gewesen, bis Hasard seine Machenschaften aufgedeckt hatte. Er hatte sich an dem Kronschatz bereichern wollen, an der unermeßlichen Beute der Seewölfe, und war gescheitert. Lange Jahre siechte er dahin, doch er genas wieder, ging nach Plymouth zurück und nahm ein undurchsichtiges Leben auf. Man sagte ihm nach, daß er die Hände in allerlei dunklen Geschäften habe und auf irgendwelchen miesen Wegen Rüstungsgüter und Ausrüstungen der britischen Flotte verschiebe. Wie, das war ihm nicht nachzuweisen, Burton hing jedenfalls in dem Geschäft mit drin.

Der andere war der ehemalige Tower-Hauptmann Mark Bromley, der damals ebenfalls klebrige Finger gehabt hatte. Er wurde erwischt und zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt. Bis auf den letzten Tag hatte er sie absitzen müssen.

Seitdem hatte der ehrenwerte Exhauptmann einen leichten Knacks weg, denn die zehn Jahre Tower hatten sein Leben geprägt. Er sah ständig Gespenster, hörte Ratten in seiner Nähe umherhuschen und litt ewig unter Hunger, selbst wenn er übersättigt war. Das war auch so eine Marotte von ihm, sich ständig vollzufressen, bis nichts mehr in ihn hineinging. Doch selbst dann noch plagte ihn die Vorstellung eines leeren Magens. Er nahm auch nicht zu, er blieb so dürr und mager wie eh und je.

Mark Bromley hatte auch noch einen anderen Fimmel, ebenfalls eine Auswirkung von damals. In seinem Haus in Falmouth hortete er Lebensmittel, und zwar in solchen Mengen, daß er damit eine ganze Kriegsgaleone hätte ausrüsten können. Vieles von dem gehorteten Proviant war verschimmelt und stank entsetzlich, doch das störte Bromley nicht. Die Hauptsache, das Zeug war da und er brauchte nie mehr Hunger zu leiden, denn das war eine seiner übelsten Erfahrungen im Tower gewesen.

Seit er vor zwei Jahren entlassen worden war, hegte er nur noch fiebrige und wirre Rachegedanken gegen die Seewölfe. Jahrelang hatte er sich ausgemalt, was er alles mit jedem einzelnen tun würde, sollte er ihnen jemals wieder begegnen. Bromley war also ein Wirrkopf, vom Haß zerfressen, von unglaublichen Vorstellungen geplagt und gepeinigt und von Gespenstern erschreckt, die ständig hämisch kichernd um ihn herum waren. Er hatte unsägliche Angst vor totaler Finsternis, und er scheute andererseits aber auch das grelle Sonnenlicht, das er so lange vermißt hatte.

Die beiden Halunken hatten sich gesucht und gefunden, obwohl sie sich nicht richtig ergänzten, und Burton mußte den Übereifer und die Phantasie des ehemaligen Hauptmanns manchmal gewaltsam zügeln, denn der rückte mit den unglaublichsten Vorschlägen heraus.

Burton hatte ihn auch vor einer sehr „grandiosen“ Idee bewahrt. Bromley hatte vor, das Schiff der Seewölfe nachts anzubohren, alle Ausgänge schnell mit Brettern zu vernageln, damit keiner mehr herauskonnte, und dann zuzusehen, wie sie absoffen. Das war nur einer seiner merkwürdigen Einfälle. Ein anderer war der, in Plymsons Kneipe Löcher in die Wände bohren zu lassen, Musketen hindurchzustecken und die Seewölfe durch eine Handvoll ausgebildeter, guter Schützen abzuknallen. Samuel Taylor Burton hatte ziemlich lange gebraucht, um ihm diesen Unsinn auszureden.

Auch die Idee mit den tausend halbverhungerten Ratten, die er auf das Schiff schmuggeln wollte, hatte er abgelehnt.

„Wenn er heute nicht redet“, sagte Bromley eifrig, „dann erkläre ich ihm, wir hätten seine Frau geschnappt und würden sie umbringen.“

„Er hat doch gar keine Frau, Mark.“

„Ach ja, richtig. Er hatte aber mal eine.“

„Das nützt uns doch jetzt nichts mehr, sie ist längst tot“, sagte Burton geduldig und kratzte seinen grauen Bart.

„Ich weiß gar nicht, warum du auf die Pläne so versessen bist, Sam. Wir könnten ganz anders vorgehen, das dauert alles viel zu lange.“

„Es geht nicht nur um die Pläne, Mark, das habe ich schon hundertmal gesagt. Es geht auch um die Beute, die die Kerle mitgebracht haben. Sie besitzen Gold, Silber und Edelsteine, das ist sicher, sonst wären sie gar nicht in der Lage, ein solch großes Schiff zu finanzieren. Also sind sie reich. Und ich will nicht nur meine Rache, ich möchte mir für meine restlichen Tage in diesem Jammertal etwas zurücklegen, um nicht zu hungern. Du willst doch auch nicht hungern, oder? Mit dem Gold hättest du für alle Zeiten ausgesorgt.“

Damit hatte er Bromleys empfindlichsten Punkt getroffen.

„Hungern?“ sagte der entsetzt und mit flackerndem Blick. „Nein, ich will nie mehr hungern. Zwanzig Jahre habe ich gehungert.“

„Zehn waren es genau.“

„Mir kam es länger vor. Nein, du hast ganz recht, Sam. Ich habe mir soeben überlegt, daß ich mir mit dem Geld einen riesigen Bunker bauen könnte, in dem ich Lebensmittel einlagere, so viel, daß es bis an mein Lebensende reicht.“

Burton kannte diesen Spleen und konnte ihn Bromley nicht einmal verübeln. In gewisser Weise verstand er das.

„Die Pläne sind ebenso wertvoll“, erklärte er dem spinnerten Exhauptmann geduldig. „Einen Gegner, den man genau kennt, besiegt man besser als einen anderen. So ist es auch mit dem neuen Schiff, wenn es ihnen gelingt, es zu bauen. Dieses Schiff wird viele unbekannte Verstecke haben, aber sicher auch einige schwache Stellen, und es wird nach seiner Rückkehr wieder mit Gold und Edelsteinen beladen sein. Kennt man aber alle geheimen Gänge, Kammern oder Fallen, so kann man eine andere wohlüberlegte Strategie entwikkeln. Das ist so wie bei dem Einäugigen, der unter den Blinden König ist. Auf einem Schiff aber, das wir nur von außen sehen, können wir nichts ausrichten. Schon gar nicht bei dieser Mannschaft von lebenden Feuerteufeln.“

„Ja, Feuerteufel, das sind sie“, sagte Bromley voller Haß. „Denen habe ich das alles zu verdanken. Den Hunger, die Krankheiten, die Ratten, das schlechte Wasser. Sie sind an allem schuld.“

Auch das war Bromleys Philosophie. Natürlich waren die anderen schuld. Hätten sie ihn mit der Beute ziehen lassen, wäre seiner Meinung nach alles in Ordnung gewesen. Weshalb waren sie auch so knickrig, sie hatten ja genug von dem Zeug. Also trugen sie die Schuld an seinem Unglück.

„Gehen wir“, sagte Burton jetzt ungeduldig.

Diesen letzten Satz hörte auch Ramsgate, und die Angst stieg wieder in ihm hoch. Dann befanden sich die beiden Kerle vor ihm und glichen Riesen, die auf ihn niederschauten.

„Hoffentlich hast du heute deine Sprache wiedergefunden, Alter“, sagte Burton anstelle einer Begrüßung. Er ging in die Hocke und sah Ramsgate in die Augen. Bromley stand mit verkniffenem Gesicht daneben und wartete ungeduldig.

„Durst“, sagte der alte Schiffbauer mit schwacher Stimme, und diesmal brauchte er sich wirklich nicht zu verstellen, denn er hatte Durst.

„Durst“, wiederholte Burton höhnisch. „Du wirst noch viel mehr Durst haben, viel mehr. Der Durst wird dich auffressen und in deinen Eingeweiden wühlen. Aber ich kann dir frisches Wasser bringen, kühles, gutes Brunnenwasser. Du brauchst nur das zu erzählen, was wir gern wissen möchten. Willst du klares, kaltes Wasser?“

Ramsgate wußte, daß er wirklich nur dann etwas zu trinken erhielt, wenn er den Kerlen alles verriet. Er fragte sich nur, was dann anschließend wohl mit ihm geschehen würde.

Vor seinem geistigen Auge tauchte die sehnige Gestalt des Seewolfs auf, der Mann mit den langen schwarzen Haaren, der Narbe über der Stirn, den weißen Zähnen, dem verwegenen Lächeln. Ein Mann, der weiträumig dachte, grundanständig und ehrlich war, nicht wie diese abgetakelten Halunken, gar kein Vergleich. Den sollte er wegen einer Muck voll Brunnenwasser verraten?

Er lächelte abwesend, schloß die Augen und lehnte sich an den Eichenbalken zurück.

„Wo bin ich eigentlich?“ fragte er heiser. „Seid ihr die Teufel aus der Hölle? Und wer ist die alte Frau dort?“ Er kicherte laut und öffnete die Augen. „Satans Großmutter!“ schrie er, so daß Bromley entsetzt zurückzuckte.

„Der ist ja verrückt“, sagte Bromley gepreßt. „Der hat wirklich nicht mehr alle da oben drin.“

„Oder er tut nur so“, meinte Burton und gab dem Alten einen Tritt.

Ramsgate ließ auch das über sich ergehen. Er hatte schon so viele Tritte erhalten, daß er sie nicht mehr zählen konnte.

„Die Teufel aus der Hölle piesakken mich!“ rief er laut mit schriller Stimme und begann hämisch zu lachen.

Diesmal zuckte auch Burton zurück und betrachtete Ramsgate voller Entsetzen. Vielleicht hat sich doch der Geist des Alten verwirrt, dachte er. Ein Schlag zuviel nur, das brachte mitunter einiges im Oberstübchen durcheinander.

„Hör zu, Alter!“ brüllte er den Gefangenen an. „Überlege dir das alles lieber genau. Du kannst hier krepieren, und du bleibst so lange in dieser – äh – Ecke, bis dich die Ratten fressen. Und nachher schicke ich deinen rothaarigen Freund, der wird dich ein bißchen mit einer glühenden Zange zwicken, bis dein Geist wieder klar wird.“

„Lieber Gott, steh mir bei!“ kreischte Ramsgate. „Ich habe viel gesündigt in meinem Leben, aber nimm diese Teufel weg. Und fort mit dem alten, fürchterlichen Weib da!“

Sein Gekreische fuhr Mark Bromley so in die Knochen, daß er sich zitternd an einen Balken lehnte und Ramsgate aus weit aufgerissenen Augen voller Entsetzen anstarrte.

Vor Leuten, deren Geist umnebelt war, fürchtete er sich auch, denn alle, die nicht ganz richtig im Kopf waren, standen auf geheimnisvolle Weise mit dem Satan im Bunde. So jedenfalls hatte er es damals im Kerker immer gehört. Diese Leute verstanden es auch, sich mitunter in Luft aufzulösen oder durch die Luft zu fliegen.

Burton war zwar auch durch das Geschrei etwas beeindruckt, aber er behielt wenigstens die Übersicht.

„Kreisch nur, du alter Kerl“, drohte er, „das wird dir bald vergehen. Spätestens morgen wirst du winseln und dir wünschen, nie geboren zu sein.“

Dann wandte er sich verärgert an Bromley.

„Aus dem kriegen wir heute nichts mehr heraus. Das soll John übernehmen. Gehen wir.“

„Er – er hat den bösen Blick“, stammelte Bromley. „Vielleicht verhext uns der Kerl.“

„Quatsch!“ sagte Burton grob, aber so ganz sicher war er sich seiner Sache auch nicht. Er warf einen Blick auf Ramsgate und schluckte. Zum Fürchten sieht der Kerl wirklich aus, dachte er. Unrasiert, schmal, mit verkniffenem Gesicht und keifender Stimme saß der Mann vor dem Balken und rollte mit den Augen. Dazwischen lachte er schrill, daß es Burton kalt über den Rücken rann.

„Wo sind die Pläne?“ brüllte er noch einmal wütend. „Und wo hat der Hundesohn von einem Killigrew das Gold versteckt?“

Hesekiel Ramsgate begann nun schrecklich zu lachen. Er klirrte mit seinen Fesseln und rollte mit den Augen.

„Hölle, Teufel!“ kreischte er. „Der Satan ist los. Er holt uns jetzt mit Feuer und Schwefel!“

„Der ist tatsächlich verrückt“, murmelte Burton betroffen und tastete sich, langsam rückwärts gehend, an den Balken vorbei, bis er die große Tür erreichte. Bromley schlich neben ihm her, den Blick starr und voller Furcht auf Ramsgate gerichtet.

Als sie draußen waren, begann Bromley zu rennen, denn aus der Mühle drang immer noch das keifende Gelächter des Mannes, von dem sie annahmen, sein Geist sei umnachtet.

Ramsgate aber lehnte sich erschöpft und keuchend zurück, als die beiden Halunken verschwunden waren. Er litt entsetzlich unter dem Durst, und das Spektakel hatte ihn ebenfalls angestrengt. Aber es hatte seine Wirkung nicht verfehlt. Schweiß stand in dicken Tropfen auf seiner Stirn. Er überlegte immer, noch angestrengt, ob er die beiden nicht schon einmal gesehen hatte. Der Kerl mit dem grauen Bart war ihm irgendwie bekannt, aber er konnte ihn nicht einordnen. Den anderen kannte er nicht, außer von den gestrigen Besuchen, aber er entsann sich nicht, ihm vorher schon mal begegnet zu sein. Sie faselten ständig von irgendwelchen Schätzen, von denen er selbst nichts wußte, und dann waren sie aus einem ihm ebenfalls unbekannten Grund hinter den Bauplänen des neuen Schiffes her.

Nein, dachte er, er würde das Geheimnis nicht preisgeben, und wenn sie ihn erschlugen. Er war ein alter Mann und hatte den größten Teil des Lebens hinter sich. Verriet er den Halunken die Pläne, dann mußten jüngere sterben, der Seewolf und einige seiner Männer vielleicht. Und an denen hing er wie ein Vater an seinen Söhnen.

Er versank wieder in Grübeleien. Dann, nach einer Ewigkeit, wie ihm schien, hörte er erneut Schritte. Einer seiner Bewacher war da, einer der Kerle, die aufpaßten, daß er nicht verlorenging.

Hesekiel Ramsgate spielte seine Rolle weiter als alter Mann, dem die Schläge auf den Kopf leicht geschadet hatten und dessen Geist ein wenig verwirrt war. Vor Verrückten hatten fast alle ein bißchen Angst, ganz besonders aber jene, die so abergläubisch waren.

3.

Immer noch gab es trotz der hohen Belohnung keinen einzigen Hinweis auf Hesekiel Ramsgate. Beim dicken Plymson, dem Wirt der „Bloody Mary“, war ebenfalls noch kein Tip eingegangen.

In der Kneipe stand nur ein mürrischer Sargtischler, der zwar auf die Belohnung scharf war, aber leider auch nichts wußte oder gehört hatte.

Philip Hasard Killigrew und Dan O’Flynn verließen den Laden wieder. Auf ein Getränk hatten sie verzichtet.

„Jetzt weiß ich mir bald keinen Rat mehr“, sagte Hasard, als sie wieder draußen im Sonnenschein an der Ekke Millbay Road standen. „Fast glaube ich, man hat den armen alten Mann umgebracht.“

„Aber wer, zum Teufel, hat denn ein Interesse daran?“ fragte Dan.

Hasard zuckte mit den Achseln.

„Ich weiß es nicht, Dan. Es ist nur so ein Gedanke.“

„Ob das mit der Belohnung schon in ganz Plymouth durch ist?“ fragte Dan.

„Sicher, ganz bestimmt. Fünfzig Golddublonen sprechen sich herum. Da wird jeder Augen und Ohren offenhalten.“

„Trotzdem sollten wir uns noch ein wenig in weiteren Kneipen umhören“, meinte Dan. „Wir haben ja Zeit und können eine nach der anderen abklappern.“

„Kein schlechter Gedanke“, sagte der Seewolf. Er blieb noch einen Augenblick stehen, sah die Millbay Road entlang und blickte dann in die St. Mary Street. Ein kleines Lächeln erschien zuerst in seinen Augenfalten, dann setzte es sich fort und erreichte die schmalen Lippen.

Dan O’Flynn war dem Blick Hasards gefolgt, sah das leicht wehmütige Grinsen und grinste dann auch.

Beide blickten sich erst wortlos an, dann lachten sie.

„Junge, Junge“, sagte Dan fast andächtig. „Hier hat alles einmal angefangen, hier haben wir uns bei einer Mordsprügelei kennengelernt und sind bei Francis Drake auf der ‚Marygold‘ gelandet.“

„Fünfzehnhundertsechsundsiebzig war das“, sagte Hasard.

„Im Oktober“, setzte Dan gedankenverloren hinzu. „In einer kalten, rauhen Nacht. Da bin ich von zu Hause ausgekniffen, weil ich Sargtischler werden sollte. Und da oben hinein“, sagte er lachend, „hast du einen Mann in ein Schlafzimmer gefeuert. Du hieltest ihn bei den Stiefeln und hast ihn rumgeschlenkert. Und auf einmal war er weg und landete genau in jenem Zimmer dort.“

Ja, damals hatte es einigen Aufruhr gegeben. Der Kerl, der ihm aus den Stiefeln gerutscht war, landete bei einer Witwe im Schlafzimmer, und von dieser Nacht sprachen die Leute von Plymouth sogar noch heute und konnten sich eines leichten Schauers nicht erwehren.

Allerdings waren Hasard und Dan anschließend kämpfend untergegangen und auf der „Marygold“ gelandet, als Gepreßte! Ein Witz war das gewesen, denn dort wollten sie freiwillig hin.

Hasard nickte lächelnd.

„Eine lange Zeit ist das her“, sagte er. „Gut, sehen wir uns einmal in Plymouth um, vielleicht haben wir Glück.“

Hinter ihnen blieb der Hafen zurück. Die Masten der „Pride of Galway“ wurden kleiner, dann winzig, schließlich verschwanden sie in dem Gewirr der Häuser. Die beiden Männer gingen weiter.

Es war heller Vormittag, die Sonne schien, Pferdefuhrwerke begegneten ihnen auf dem Katzenkopfpflaster. Die Bauern waren längst auf den Feldern. Die Atmosphäre war friedlich und beschaulich.

Hinter dem Marktplatz kamen sie an dem dreibalkigen Galgen vorbei, den man schon vor über dreißig Jahren errichtet und hin und wieder auch benutzt hatte. Aber heute hing niemand daran.

In der ersten Schenke hielt sich niemand auf. Den Wirt fanden sie draußen auf dem Hof, wo er kraftvoll Holz hackte.

„Das mit den Golddublonen hab ich schon gehört“, sagte er auf Hasards Frage. „Ich weiß auch, wer Sie sind, Sir. In Plymouth erzählt man ja laufend von Ihnen. Aber wenn ich was wüßte, dann hätte ich mir schon die Hacken abgerannt, können Sie mir glauben, Sir.“

Die nächste Kneipe war ebenfalls nicht ergiebig. Alle beteuerten, daß sie von der Belohnung wußten und die Augen offenhalten würden, aber leider – leider.

Auch in einer Fuhrmannskneipe konnte man ihnen nicht helfen, obwohl die Augen vor Gier glänzten, wenn von der Belohnung gesprochen wurde.

Das nützte ihnen alles nichts, so gelangten sie nicht weiter. Es war zum Verzweifeln, und es schien, als sei Hesekiel Ramsgate spurlos im Erdboden versunken.

Eine Kneipe nach der anderen klapperten sie ab, bis es langsam Mittag und damit Essenszeit wurde. Aus den Küchen der Schenken roch es nach Kohl und Gemüse, hin und wieder auch nach Fisch, ganz selten jedoch nach gebratenem Fleisch.

„Damit hätten wir den größten Teil der Kneipen durch“, sagte Dan. „Ich kenne nur noch zwei oder drei. Vielleicht wäre es abends doch ergiebiger gewesen.“

Hasard gab keine Antwort. Er zeigte auf eine roh zusammengehauene Bank, die im Schatten unter zwei mächtig ausladenden Lindenbäumen stand. In dem Baum zwitscherten Vögel, eine Katze hockte schläfrig auf dem Boden und blinzelte.

Hinter ihnen befand sich der Schuldturm von Plymouth, das Gefängnis für Leute, die nicht in der Lage waren, ihre Schulden zu bezahlen. Konnten sie das nicht, dann wanderten sie in das Gefängnis. Dort konnten sie ihre Schulden erst recht nicht bezahlen, weil sie dazu keine Möglichkeit mehr hatten.

Der Schuldturm war ein verwittertes Backsteingebäude mit einem trockenen, staubigen Hof. Alles war durch Schmiedeeisen abgegittert, selbst über den Hof war ein Gitter gespannt.

Wer hier einmal drinsaß, dessen Schulden vermehrten sich laufend durch die anfallenden Zinsen, und es wurde immer unwahrscheinlicher, daß er jemals wieder in die Freiheit zurückkehrte. Hier war das Essen schlecht, im Winter wurde kaum geheizt, und viele Leute waren hier schon elend gestorben.

Aus den Augenwinkeln blickte Hasard einmal kurz in den kaum einzusehenden Hof. Ausgemergelte, apathische Gestalten in zerfetzter Kleidung hockten teilnahmslos auf dem staubigen Boden und dämmerten dem nächsten für sie genauso hoffnungslosen Tag entgegen.

Ein unangenehmes Gefühl überlief den Seewolf wie immer, wenn er Menschen sah, denen man die Freiheit genommen hatte. Leute, die keine Aussicht hatten, das geschuldete Geld abzuarbeiten. Viele von ihnen waren schuldlos in Not geraten, und jetzt hockten sie hier und warteten, warteten. Die meisten waren so abgestumpft, daß sie gar nicht mehr bemerkten, was um sie herum vorging. Sie hockten nur einfach auf dem Boden, warteten und starrten in den Staub und Schmutz.

„Ein Scheißleben ist das“, sagte Dan, dem Hasards schneller Blick nicht entgangen war. „Ein Nachbar von uns hat zwei Jahre lang im Schuldturm von Falmouth gesessen, wegen einer lausigen Handvoll Copper, die er nicht bezahlen konnte. Daheim hungerten seine Kinder, und im Laufe der zwei Jahre wurden aus der Handvoll Copper mehrere Goldstücke. Die konnte er erst recht nicht bezahlen, und so blieb er noch ein halbes Jahr drin. Dann starb er, und als seine Frau davon erfuhr, hängte sie sich auf dem Dachboden auf. Damit war dann allen gedient, die Schulden wurden nie bezahlt, und es gab zwei Tote.“

„So ist das Gesetz“, meinte Hasard. „Wir werden nichts daran ändern. Hier sitzen aber auch Säufer, Schnapphähne und solche, die sich das Geld auf recht üble Weise erschlichen haben.“

Zwei junge Sperlinge flatterten aus der einen Linde und hockten sich in den Staub, um darin zu baden. Die Katze richtete sich auf, schlich auf Samtpfoten näher und belauerte die jungen Spatzen.

Dan O’Flynn zog sie ein bißchen am Schwanz, und damit war die Idylle beendet. Die Katze fauchte, die Sperlinge zogen ab.

„Vielleicht war das ihr Mittagessen“, sagte Hasard lächelnd.

„Na, wenn schon! Die soll sich um Mäuse kümmern, von dem Viehzeug gibt es noch viel mehr.“

Da war irgendwo ein Stimmchen, schwach und verwehend.

„Killigrew!“ tönte es jetzt etwas deutlicher.

„Ramsgate“, sagte Hasard spontan und stand auf. Er blickte zu dem schmiedeeisernen Gitter des Schuldgefängnisses hinüber und kniff die Augen zusammen, um gegen das Sonnenlicht besser sehen zu können. Auch Dan war aufgestanden und blinzelte zu dem Tor.

Ein Mann stand dort, dem das Sonnenlicht in den Rücken fiel. Er hatte beide Hände um das Gitter geklammert und blickte zu ihnen. Sein Gesicht war nicht zu erkennen, die Sonne zauberte lediglich einen grellen Reflex um seinen Schädel.

Nein, natürlich war es nicht Ramsgate, der da stand. Wie hätte er auch hier im Schuldgefängnis landen sollen?

„Hasard!“ rief die Stimme des Mageren jetzt. „Killigrew. Bist du nicht der Mann, den sie den Seewolf nennen?“

„Jetzt packt’s mich aber“, sagte Hasard. „Wer ist das denn?“

„Keine Ahnung“, sagte Dan kopfschüttelnd.

Hasard hatte nicht die geringste Vorstellung, wer ihn da rufen konnte. Hier, im Schuldgefängnis von Plymouth, da war er sich ganz sicher, kannte er ganz bestimmt keinen Menschen. Aber jetzt hatte ihn doch die Neugier gepackt, und er trat näher an das Gitter heran, das den dahinterliegenden Hof abtrennte.

Alle beide blickten dem fremden Mann ins Gesicht. Jetzt, als er den Kopf leicht zur Seite wandte, sahen sie ihn deutlich.

Da stand er in all seiner Traurigkeit, mit einem griesgrämigen Gesicht und einem Ausdruck in den Augen, als müsse er alle seine Freunde persönlich beerdigen. Wie ein Leichenbitter stand er da, und nun trat in seine Augen ein Ausdruck der Freude. Aber es war eine Freude, wie sie ein Sargträger empfinden und ausdrücken mochte, wenn er die schwere Kiste endlich absetzen konnte.

Mac Pellew!

Mac Pellew, Schiffskoch, Feldscher und Bader der „Marygold“ unter Sir Francis Drake, der Mann, der Zähne zog, Knochen flickte, Schweine abstach und doch auf seine Art ein Genie war.

Sein Gesicht war etwas faltiger geworden, aber es war immer noch so grämlich verzogen wie in alten Zeiten.

„Hasard“, sagte er leise und tief bewegt. Sein Blick huschte schnell über Dan, dann kehrte er zu Hasard zurück.

Der Seewolf war so verdutzt, daß es ihm sekundenlang glatt die Sprache verschlug. Er konnte es einfach nicht glauben, doch die Tatsachen bewiesen es nur allzu deutlich: Da stand Mac Pellew, daran biß keine Maus einen Faden ab, der gute alte Mac Pellew.

„Mann, Mac Pellew!“ sagte Hasard kopfschüttelnd.

Der alte Griesgram schniefte tief bewegt. Dann griff er durch das Gitter und schüttelte dem Seewolf zaghaft die Hand. Er war so gerührt, der gute Mac, daß er nur sehr mühsam Worte fand. Trotzdem ging sein Blick immer wieder zwischen den beiden Männern hin und her.

Dan O’Flynn hatte ihn ebenfalls längst erkannt, aber bei Mac dauerte das noch ein Weilchen.

„Das ist Dan O’Flynn“, sagte Hasard.

„Das Bürschchen?“ fragte Mac und fuhr zurück, als hätte ihn eine Natter gebissen. „Waaas – du bist der junge O’Flynn?“ fragte er gerührt. „Der mit der Kodderschnauze, der immer soviel fraß?“

„Genau der“, sagte Dan grinsend. „Nur etwas größer und älter geworden, Mac.“

Pellew schüttelte den Kopf, wandte sich halb zur Seite und begann wieder zu schniefen.

Und dann sagte der mit der „Kodderschnauze“: „Weißt du noch, wie ich dich immer beklaut habe, Mac“, und das rührte Mac noch mehr, und er schniefte noch lauter.

Sie ließen ihm Zeit, sich zu beruhigen, denn sie selbst brauchten auch eine ganze Weile, so unverhofft hatte das Wiedersehen nach vielen langen Jahren stattgefunden.

Dann, zum erstenmal, setzte sich ganz scheu und zaghaft ein Lächeln in dem Gesicht des Mannes fest, der sonst immer so aussah, als hätte er gerade an der Essigkruke genascht.

„Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll“, stammelte er. „Wenn ich euch hier vor mir sehe, dann steigt bei mir schlagartig die ganze Erinnerung auf. Plymouth, die ‚Marygold‘, Drake, der Profos, Gordon Brown, den sie damals an die Rah gehängt haben. Was ist aus diesen Leuten und vor allem aus euch geworden?“

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Hasard. „Man kann sie nicht mit ein paar Sätzen schildern. Aber die Kerle sind alle noch am Leben, bis auf Buck Buchanan, den hat es damals erwischt. Allen anderen geht es gut, sie sind hier in Plymouth.“

„Und Hasard ist von der Königin zum Ritter geschlagen worden“, erklärte Dan grinsend. „Das hat sich auch geändert.“

Mac Pellew wich einen Schritt zurück.

„Oh, das …, Verzeihung, Sir, das konnte ich nicht wissen, Sir.“

„Nun brech dir mal nichts ab“, sagte Hasard gemütlich, „das galt der ganzen Mannschaft und nicht nur mir allein.“

Ganz unbewußt blickte er dabei auf Mac Pellews Kleidung. Die Leinenhose, die er trug, hatte vor Jahren auch schon mal bessere Tage gesehen. Das Hemd war löchrig, verdreckt und so dünn, daß er wohl kaum noch wagen konnte, es auszuziehen, sonst wäre es vermutlich in tausend Fetzen zerfallen. Seinen Bartstoppeln nach hatte er sich seit mindestens zehn Tagen nicht mehr rasiert, aber das besorgte hier anscheinend ein Bader, der nur alle zwei Wochen erschien.

Alles in allem sah Mac abgerissen, verhärmt, etwas dürr und unendlich griesgrämig aus. Aber in seinen Augen leuchtete ein Feuer. Nein, es war keineswegs die Hoffnung, hier herauszukommen, es war lediglich die unverhoffte Freude, alte Bekannte wiederzusehen. Daß ihn hier jemand herausholte, damit rechnete Mac im ganzen Leben nicht.

Hasard hatte seinen Entschluß jedoch schnell gefaßt. Die Crew war größer geworden, und voraussichtlich würde sie sich noch weiter vergrößern. Der Kutscher konnte das alles allein nicht mehr schaffen, und so war sein Entschluß spontan gefaßt.

„Warum bist du hier, Mac?“ fragte er.

Mac klammerte sich noch fester an die Gitterstäbe. Jetzt sah er wieder wie ein Sargträger aus, der ein paar Freunde zu Grabe trägt.

„Das ist schnell erzählt“, erwiderte er mit Leichenbittermiene. „Ich wollte selbständig werden und mir eine kleine Kneipe kaufen, aber dazu reichte mein Geld nicht. Vier Goldstücke fehlten mir, und die borgte ich mir von einem Wucherer. Ich wußte nicht, daß der Kerl ein Betrüger war. Er verlangte recht hohe Zinsen, doch ich war sicher, das Geld auch bald zurückzahlen zu können. So ging ich vor Freude mit dem Wucherer in meine künftige Kneipe hier in Plymouth und lud ihn zu einem Glas ein. Doch dann setzten sich ein paar andere Kerle dazu und gossen mir etwas in den Wein. Danach erging es mir so ähnlich wie den Seeleuten bei Plymson. Ich fiel um, war aber nicht auf ein Schiff gepreßt, sondern wachte mit einem Brummschädel in der Gosse auf.“

„Und vom Geld keine Spur mehr“, sagte Dan.

„Keinen einzigen Copper“, versicherte Mac. „Später erfuhr ich, daß die Kerle Helfer von dem Wucherer waren. Aber ich kann es nicht beweisen. Sie nahmen mir das Geld wieder ab, und dann erschien der Kerl und verlangte es zurück, so, wie es vereinbart war.“

„Den Rest kann ich mir vorstellen“, sagte Hasard. „Du konntest natürlich nicht zahlen, er hat dich angezeigt, und der Büttel sperrte dich kurzerhand ein.“

„So war es“, sagte Mac traurig. „Inzwischen sind aus den vier Goldstükken schon sieben geworden, und mit jedem Tag wächst der Berg weiter an. Mein Traum von einer eigenen Kneipe war zu Ende, und aufs Schiff konnte ich natürlich auch nicht mehr.“

„Und wie lange bist du schon hier, Mac?“

„Das müssen jetzt ungefähr vier Monate sein, vielleicht auch etwas länger, man zählt die Tage ja nicht mehr.“

Nein, man zählte die Tage hier nicht mehr, dachte Hasard wie betäubt. Jene, die hier hockten, zählten gar nichts mehr, denn seit sie mit Mac sprachen, hockten die anderen noch genauso apathisch herum wie vor einer Weile. Nichts interessierte sie mehr, sie waren ohne Hoffnung und dachten nicht mehr an morgen.

„Dann sitzt du hier ja noch bis zur nächsten Steinzeit“, sagte Dan.

„Und noch länger wahrscheinlich, weil das ein verdammter Teufelskreis ist. Die Kerle geben einem ja keine Chance zum Arbeiten. Meinetwegen würde ich Müll durch die Gegend kutschieren, aber sie haben Angst, daß man heimlich verschwindet.“

Das sind nun wahrhaftig mehr als trübe Aussichten, überlegte Hasard. Aus dieser Mühle kam Mac Pellew nie wieder heraus. Wer hier einmal gemahlen wurde, von dem blieb nur noch grobes Schrot übrig.

Hasard wechselte mit Dan O’Flynn einen schnellen Blick. Klar, da gab es gar keine Frage. Einen alten Kameraden ließ man nicht im Schuldturm hängen, schon gar nicht unter diesen üblen Umständen. Sie waren sich schon durch diesen Blick einig. Aber davon hatte Mac nichts mitgekriegt.

„Wir haben unser Schiff verloren“, sagte Hasard. „In einem Kanal liegt es unter Sandmassen begraben. Jetzt haben wir uns nach England durchgeschlagen und legen bei Ramsgate ein neues auf. Das soll natürlich größer und besser werden als die alte ‚Isabella‘, aber es dauert noch eine Weile, bis es fertig ist. Wir haben da ein paar Schwierigkeiten.“

Mac Pellew sah den beiden starr in die Augen.

„Wenn ich euch irgendwie helfen kann“, sagte er zaghaft, „dann würde ich es gern tun. Aber wenn ihr schon Schwierigkeiten habt, wo ihr doch eine Crew aus Eisen seid, da kann ich erst recht nichts ausrichten. Was sind denn das für Schwierigkeiten?“

„Ich glaube du hast mehr am Hals als wir, also später davon. Aber eine Frage wollte ich dir stellen, Mac: Wir könnten einen tüchtigen Mann brauchen, einen, der dem Kutscher in der Kombüse zur Hand geht, denn allein schafft der das bald nicht mehr. Wenn du Lust hast, bei uns zu fahren, dann holen wir dich hier raus.“

„He, Mac, gib Antwort“, sagte Dan. „Oder hast du plötzlich die Sprache verloren?“

Mac gab aber immer noch keine Antwort. Er konnte keine geben, weil in seinem Hals ein gewaltig aufgeblähter Frosch hockte, und der strampelte anscheinend auch noch mit den Beinen, denn Macs Adamsapfel war in wilder Bewegung. Es dauerte sehr lange, bis er wieder einigermaßen ruhig sprechen konnte. Dabei stand ihm aber das Wasser immer noch in den Augen.

„Das wollt ihr wirklich tun?“ fragte er ungläubig. „Ich will das Geld ja auch gern abarbeiten, Tag und Nacht, aber dazu brauche ich ein paar Jahre. Aber fahren würde ich gern mit euch.“

„Du kannst ja ein paar Jahre an Bord bleiben“, sagte Hasard. „Und du zahlst es einfach dann zurück, wenn wir den nächsten Don ausgenommen haben. Früher oder später wird das sicher der Fall sein.“

„Mein Gott“, sagte Mac immer wieder, „mein Gott, womit habe ich das nur verdient?“

„Weil du ein ehrlicher Kerl bist“, sagte Hasard. „Du bist unverschuldet in diese Lage geraten. Jedem kann so was passieren, das ist noch lange keine Schande.“

„Wo muß man dich denn auslösen?“ fragte Dan.

„Bei der Kämmerei“, heulte Mac los und schniefte wieder. „Aber es ist doch so verdammt viel Geld.“

„Klar ist es das“, meinte Dan trokken, „sonst würdest du ja auch nicht hier sitzen. Wir sind gleich wieder zurück, Mac.“

Mac Pellew konnte sein Glück nicht fassen. War das nun Schicksal, ein Wunder oder ein Zufall? überlegte er immer wieder. Er blieb stehen, lehnte sich an das Gitter und schämte sich nicht, daß ihm ein paar Tränen über die Bartstoppeln liefen.

In der Kämmerei bezahlte Hasard bei einem mürrischen Burschen sieben Golddublonen und ließ sich eine Quittung geben.

„Ich weiß nicht, ob Sie da ein gutes Geschäft abgeschlossen haben“, sagte der Mann. „Der Kerl sieht doch aus, als sei er keine halbe Dublone wert.“

„Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung gefragt“, erwiderte Hasard eisig. „Hier ist das Geld, und dafür kriege ich den Mann. Alles andere geht Sie einen Dreck an. Bringen Sie den Mann jetzt raus.“

Das war kurz und bündig. Der Büttel schluckte, wollte etwas erwidern, sah aber die eisigen Augen und schwieg lieber. Mit dem schwarzhaarigen Riesen war nicht gut Kirschen essen, das sah man auf den ersten Blick. Und der andere neben ihm sah auch so aus, als könne er kein Wort zuviel vertragen.

Also ging er los, um Mac Pellew zu holen. Der stand verlegen vor ihnen und bedankte sich immer wieder, bis Hasard abwinkte.

„Schon gut, Mac, beruhige dich jetzt wieder und hör auf zu flennen. Und vergiß die vier Monate, wenn du kannst.“

„Danke, Sir“, stammelte Mac tief bewegt.

Während sie hinausgingen, sah der Seewolf den ehemaligen Koch der „Marygold“ noch einmal genau an.

„So kannst du nicht herumlaufen, Mac, du siehst furchtbar aus. Hier hast du etwas Geld. Damit gehst du zu dem Bader da drüben, läßt dir die Haare schneiden und dich rasieren. Wenn du das erledigt hast, gehst du zu dem Leineweber, kaufst dir Hose und Hemd und suchst dir danach bei dem Schuster ein Paar Schuhe aus. Anschließend gehst du in die Kneipe am Marktplatz, in den ‚Red Lion‘. Dort warten wir auf dich und bestellen dir inzwischen ein kräftiges Mittagessen. Dann gehen wir an Bord, und du wirst die anderen wiedersehen.“

„Sir, das kann ich nicht …“

Mac Pellew wand sich vor Verlegenheit, bis Hasard ihn durchdringend ansah.

„Willst du gleich am ersten Tag meutern, Mac?“

„Nein, Sir, aye, aye!“ brüllte Mac, und weg war er.

„Der fühlt sich bestimmt wie neugeboren“, sagte Dan. „Muß schon ein verdammt lausiges Gefühl für den guten Mac gewesen sein. Und den Bauch kann er sich bestimmt auch seit sehr langer Zeit wieder mal richtig vollschlagen.“

„Bin gespannt, was die anderen sagen“, meinte Hasard.

„Die nehmen ihn sicher mit offenen Armen auf“, erklärte Dan. „Sogar mein Alter wird erfreut sein, wenn er die Geschichte hört. Aber ich glaube, er kennt Mac gar nicht. Aber für den Kutscher ist er ganz sicher eine große Hilfe.“

Vor dem „Red Lion“ standen zwei Pferdefuhrwerke. Die Gäule ließen die Köpfe hängen und standen da wie angenagelt. Den beiden Kutschern in der Kneipe ging es nicht viel anders. Sie hatten Humpen mit Dünnbier vor sich stehen und starrten auf die Platte. Nach ihrem stumpfen Blick zu urteilen, waren es schon etliche Humpen.

Hasard bestellte beim eilfertig heranwieselnden Wirt drei kräftige Mahlzeiten, dazu ebenfalls kühles Dünnbier, das der Wirt aus dem Keller holte. Die drei Mahlzeiten für zwei Personen gaben dem Wirt zwar anfangs ein Rätsel auf, doch später begriff er.

Es war, als hätte Mac es gerochen. Kaum stand das Essen auf dem Tisch, erschien er, und diesmal grinste der alte Sauertopf bis über beide Ohren.

Hasard und Dan blickten ihn lange an.

Mac war frisch rasiert, gebadet, hatte die Haare geschnitten, trug ein sauberes Leinenhemd und eine Leinenhose. Dazu hatte er sich ein Paar derbe Lederschuhe gekauft. Sie kannten ihn kaum wieder, so sauber und glatt sah er aus.

„Mann, bist du ein feiner Kerl geworden“, lästerte Dan, um nicht wieder in Macs Danksagungen ersticken zu müssen. „Frisch geplättet, frisch rasiert und keine einzige Laus im Gesicht.“

Mac grinste noch immer, das war bei ihm zwar reichlich ungewöhnlich, aber die Umstände waren nun einmal so.

„Recht so, Mac“, sagte Hasard. „Du siehst wirklich prächtig aus. Hier, nimm dir einen Humpen Bier und lang zu. Wenn das Essen nicht reicht, dann bestelle ich noch mal eine Portion.“

„Sir, ich weiß nicht …“, setzte Mac wieder an.

„Greif zu!“ forderte Hasard ihn auf. „Vom vielen Dankeschönsagen ist noch keiner satt geworden.“

Dann haute Mac rein. Man sah, daß er ausgehungert war weil es im Schuldgefängnis nichts weiter als ein Stück Brot und eine undefinierbare Brühe gegeben hatte.

„Ein Traum ist das“, sagte Mac Pellew anschließend, nachdem er sich satt gegessen hatte. „Ich kann es immer noch nicht so richtig glauben, es ist so unwirklich.“

Etwas später brachen sie auf und kehrten zum Hafen zurück, wo die „Pride of Galway“ und Ben Brightons Sambuke lagen.

4.

Der Profos Edwin Carberry stierte sich fast die Augen aus. Anfangs hatte es so ausgesehen, als hätten Hasard und Dan den alten Hesekiel Ramsgate gefunden und brächten ihn nun zurück. Aber Ramsgate unterschied sich von diesem Mann doch beträchtlich, und so stierte der Profos weiter. Dann zuckte er zusammen.

„O Großlord“, sagte er andächtig und grinsend, „wenn das nicht der alte Affenarsch und Sauertopf Mac Pellew ist, dann soll mich doch gleich ein Eisbär am Hintern kratzen.“

„Mac Pellew?“ fragte Smoky. „Der hat sich doch längst in Essig verwandelt, du mußt dich täuschen, Ed.“

„Und ich sage euch, er ist es, ihr trübäugigen Kanalratten.“

Gespannte Gesichter sahen den drei Männern entgegen. Es gab jetzt keinen Zweifel mehr: Das frisch gewaschene Individuum war tatsächlich der gute alte Mac. Wo mochte Hasard den wohl aufgegabelt haben? Das war die Frage, die sich jeder neugierig stellte.

Sie alle hatten ihn viele Jahre lang nicht mehr gesehen, und keiner wußte, was aus ihm geworden war. Und jetzt war er da, frisch wie aus dem Ei gepellt, schicklich in helles Tuch gekleidet und mit gestutzten Haaren.

Er winkte schon von weitem, riß dann beide Arme hoch und brüllte schließlich vor Freude. Dabei schniefte er ständig und konnte nicht vermeiden, daß abermals Wasser in seine Augen trat.

„Ah, der Profos“, flennte er und umarmte Carberry. Die meisten von ihnen kannten sich noch von der „Marygold“ her, und Mac flitzte hin und her, flennte, umarmte, hockte sich dann an Deck und begrüßte die Männer, die er noch nicht kannte.

Dann erzählte er seine Geschichte, und als er damit fertig war, sagte der Profos: „Mac könnte doch an Bord bleiben, Sir. Wenn wir den Neubau fertig haben, brauchen wir noch einen guten Zweitkoch. Und kochen kann der alte Bursche, wirklich.“

„Deshalb haben wir ihn auch mitgenommen“, sagte Hasard. „Dasselbe schwebte nämlich Dan und mir ebenfalls vor.“

Damit war Mac Pellew in den Kreis alter und neuer Freunde aufgenommen. Anschließend lernte er die Zwillinge kennen und erfuhr auch die Geschichte dazu.

„Die sind dir wie aus dem Gesicht geschnitten, Sir“, sagte er, „das ist einfach unglaublich.“

Hasard beobachtete seine Söhne, ob sich auf deren Gesichtern Ablehnung abzeichnete, doch davon war nichts zu erkennen. Anders als bei dem alten Schlitzohr Ali Abdel Rasul, dem sie sofort mit allergrößtem Mißtrauen begegnet waren, benahmen sie sich. Sie waren freundlich, musterten Mac und fanden ihn in Ordnung. Auch Old Donegal hatte diesmal nichts auszusetzen, aber er glaubte, Mac Pellew schon einmal gesehen zu haben. Sicher war er sich seiner Sache allerdings nicht. Und wenn, dann war das schon verdammt lange her.

Nach und nach erfuhr Mac Pellew so alles, was in der Zwischenzeit passiert war, und er erfuhr auch, daß sie ein kleines Problem am Hals hatten, das ihnen Schwierigkeiten bereitete.

„Jetzt ist dieser Mann spurlos verschwunden“, beendete Ferris Tucker die lange Erklärung.

„Ramsgate kenne ich gut“, sagte Mac, „schon eine Ewigkeit, und Plymouth kenne ich bis in den letzten Winkel. Vielleicht hat man ihn aus irgendwelchen Gründen doch umgebracht und seine Leiche verschwinden lassen.“

Der Kutscher, Matt Davies, Smoky, Ben Brighton, Blacky, Bob Grey, Roskill, Bill, Roger Brighton, Finnegan, der alte Segelmacher Will Thorne, fast alle hockten sie herum und erzählten. Auf der „Pride of Galway“ herrschte eine beängstigende Enge, als alles an Deck versammelt war.

Dann erwies sich etwas später, welchen Goldfisch sie mit Mac Pellew an Bord gezogen hatten.

Nachdem die Begrüßungsfreude und das Erzählen wieder normales Maß angenommen hatten, wurde Pellews Gesicht zusehends faltiger und erinnerte sie wieder an den alten, ewig grämlichen Mac Pellew, auf dessen Schultern alle Last dieser Welt ruhte.

Er kratzte sich das sauber rasierte Kinn und sah mit Leichenbittermiene auf die Planken des Schiffes.

„Wenn sie den alten Hesekiel nicht umgebracht, sondern nur versteckt haben“, sagte er, „dann kenne ich eine Ecke, wo man jemanden unauffällig verbergen kann. Ich weiß ja nicht, wer dahintersteckt, ob es ein oder mehrere Kerle sind, aber das ist schließlich egal.“

„Dann sag schon, was du vermutest, Mac“, sagte Blacky, der früher ebenfalls auf der „Marygold“ gefahren war.

„Hm, ist nur ’ne Vermutung“, murmelte Mac und kratzte sich wieder das Kinn, weil er sich an die frische Rasur noch nicht gewöhnt hatte.

„Dann sag doch endlich deine Vermutung“, sagte Smoky.

Der ehemalige Koch sah die Männer der Reihe nach an. „Wie gesagt, es ist nur ’ne Vermutung.“

„Himmel“, sagte Carberry lachend, „jetzt brummelt er wieder genauso rum wie damals bei Drake. Verdammt, deine Vermutung ist vielleicht eine Menge Geld wert, Mac.“

„Also, da draußen, am Stadtrand, da gibt’s so ’ne uralte Windmühle. Die ist schon seit vielen Jahren außer Betrieb, und ich weiß auch nicht, wem sie gehört. Aber in dieser Mühle treibt sich manchmal Gesindel rum, Landstreicher übernachten da auch schon mal. Also, wenn ihr mich fragt und ich müßte jemanden verstecken, dann würde ich ihn zu der alten Mühle bringen.“

Hasard hatte sehr aufmerksam zugehört und Mac dabei ständig forschend angesehen.

„Eine alte Mühle“, sagte er nachdenklich, „eine alte Mühle ist immer gut, um sich dort zu verstecken. Wo liegt sie genau, Mac?“

„Eine halbe Stunde zu laufen, Sir. Aber, wie gesagt, das ist nur eine Vermutung, und ich sagte ja auch nur, wenn ich jemanden ver …“

„Schon gut, Mac. Kennst du den Weg?“

„Aye, aye, Sir, ich kenne ihn genau. Aber, wie gesagt …“

„… es ist nur eine Vermutung“, beruhigte ihn der Profos. „Das wissen wir jetzt.“

„Nichts wie hin!“ schrie Smoky. „Wir nehmen den ganzen alten Kasten auseinander, vielleicht finden wir Ramsgate dort wirklich.“

„Versucht haben wir jedenfalls eine ganze Menge“, meinte Hasard. „Doch wir werden nichts überstürzen, und deswegen geht auch nicht gleich eine ganze Horde dorthin, sondern höchstens zwei Mann. Zwei von uns sind immer doppelt so gut wie zwei andere.“

Schon flogen die Fäuste hoch, und jeder meldete sich freiwillig. Aber Hasard winkte noch einmal ab.

„Falls wir Ramsgate wirklich finden, dann interessieren mich natürlich auch die ganzen Hintergründe, deshalb werden wir so unauffällig wie nur möglich vorgehen.“

Auch Batuti wollte seinen Teil dazu beitragen, um Ramsgate zu finden, aber Hasard konnte den Mandingo aus Gambia schlecht losschikken, der fiel hier zu sehr auf.

„Dan und Mac werden gehen“, entschied er. „Mac kennt den Weg zur Mühle, und Dan kennt sich hier ebenfalls gut aus. Übrigens, Mac“, sagte er, „wer Ramsgate findet oder einen Tip hat, wie er zu finden ist, der verdient sich eine goldene Nase. In diesem Fall sind das fünfzig Golddublonen. Drück dir also selbst die Daumen.“

„Dafür nehme ich kein Geld, Sir“, sagte Mac, „das gilt nur für Außenstehende, wenn ich recht verstanden habe.“

„Es gilt für alle und natürlich auch für dich. Jeder, der Ramsgate wieder herbeischafft, erhält diese fünfzig Dublonen, ganz egal, wer es auch immer ist. Und im übrigen“, meinte Hasard lächelnd, „kannst du davon ja gleich deine Schulden zurückzahlen.“

Mac Pellew war es peinlich, dieses Geld überhaupt anzunehmen, denn Hasard hatte sehr, sehr viel für ihn getan, und das wollte er nicht strapazieren. Seinen Einwand ließ der Seewolf aber nicht gelten.

„Wann sollen wir gehen?“ fragte Dan O’Flynn sachlich.

„Wir wollen keine Zeit verlieren. Am besten, ihr geht jetzt gleich, auf der Stelle. Beobachtet die Mühle vorher aber gut, ich möchte nicht, daß ihr eine böse Überraschung erlebt.“

„Aber das mit dem Geld kann ich wirklich nicht annehmen“, sagte Mac nun schon zum dritten Male.

„Noch hast du es ja gar nicht“, meinte Ed. „Das kriegst du ja erst dann, wenn du Ramsgate hier anschleppst. Du kannst sein Fell also nicht eher verkaufen, als bis du es hast.“

„Da ist was Wahres dran“, meinte Mac mit sauertöpfischem Gesicht. „Dann gehen wir jetzt.“

Ein paar Augenblicke später gingen die beiden von Bord.

Während sie den halbstündigen Marsch unternahmen, der sie aus der Stadt hinausbrachte, erzählte Mac Pellew von früheren Zeiten, und er fand auch einen geduldigen Zuhörer in Dan, der sich ebenfalls nur allzu gern der zurückliegenden Zeit entsann.

Immer wieder drehte es sich um die „Marygold“, um Drake und all die anderen Männer, bis sie endlich auf einem staubigen Feldweg waren. Kein Mensch war weit und breit zu sehen. Sie wühlten sich durch dichtes Ginstergebüsch, hohes Gras und verwilderte Gegenden, bis die Mühle in ihrem Blickfeld erschien.

„Das ist sie“, sagte Mac überflüssigerweise.

Vor der Mühle wuchs yardhoch das Unkraut. Junge Weiden wuchsen dazwischen, alles sah alt und verkommen aus, als hätte hier jahrelang niemand mehr gelebt.

Ein ideales Versteck ist das schon, überlegte Dan, denn hier kamen bestenfalls die Besenbinder hin, um hin und wieder Ginsterbüsche abzuschneiden und zu verarbeiten. Die Stille lag wie eine Glocke über dem Land, lediglich ein paar Vögel zwitscherten, und kleine Eidechsen huschten durch Trümmerstücke und halbverwitterte, aufgetürmte Steine.

„Du hast doch immer so verdammt gute Augen gehabt“, sagte Mac. „Siehst du jemanden?“

„Ach, das weißt du auch noch?“

Dan hatte sich längst vorsichtig nach allen Seiten umgesehen, doch es gab keine verdächtigen Anzeichen für irgendwelche Besucher.

„Nichts zu sehen“, sagte er. „Schauen wir uns das Ding einmal von innen an, ich bin wirklich gespannt.“

Dicht vor der Mühle, wo vormals die Wagen und Fuhrwerke mit den schweren Säcken gehalten hatten, war das Gras niedergetreten, und wenn man genau hinsah, erkannte man, daß hier Leute gegangen waren. Es konnte noch gar nicht so lange her sein, denn die Spuren waren für einen Kundigen noch ganz gut zu erkennen.

Dan O’Flynn legte den Finger auf die Lippen und deutete mit der Hand auf das niedergetrampelte Gras.

Mac Pellew nickte nur, er hatte verstanden.

Waffen hatten die beiden keine außer dem Messer, das Dan im Gürtel trug. Aber er hatte seine Fäuste, und im Falle eines Falles verließ er sich auf die Mac Pellew war auch keiner von der Sorte, die unbedingt eine Waffe brauchte. Seit er aus dem Schuldturm heraus war, fühlte er sich stark genug, um Bäume auszureißen.

Als Dan lautlos vor die große Tür gehuscht war, legte er sein Ohr daran und lauschte. Mac Pellew trat näher und sah sich ebenfalls immer wieder nach allen Seiten um.

Nach einer Weile schüttelte Dan den Kopf. Sein Gesicht drückte Enttäuschung aus. Es war nichts zu hören gewesen. Aber das mußte nicht unbedingt bedeuten, daß sich niemand in der Mühle befand.

Die Tür gab schwerfällig und knarzig unter seinem Druck nach und schwang langsam auf. Es hörte sich an, als würde ein alter Sargdekkel geöffnet.

Mac Pellew zuckte leicht zusammen, und auf seinen Armen erschien sekundenlang eine Gänsehaut. Er hatte beileibe keine Angst, es war nur so, daß Mac sehr abergläubisch war, und das hatte ihm bis heute noch keiner ausgetrieben. In gewisser Weise stand er damit dem alten O’Flynn in nichts nach.

Dieses Knarren hatte ihn an alte Grüfte erinnert, an Totentruhen, die sich öffneten, und man wußte ja schließlich, was in alten Grüften so geschah.

Jetzt aber hatte er den kleinen Schreck überwunden und betrat hinter Dan den Absackboden, der aus gestampftem Lehm bestand und über dem nur noch lose ein paar morsche Bretter lagen.

Durch das Binsendach fiel ganz schwach und schräg das Tageslicht ein.

Dann zuckte Mac zum zweitenmal zusammen, als er ein leises Klirren vernahm. Ganz hinten, man sah nur eine schemenhafte Gestalt, hockte ein Mann am Boden, dicht vor einem Eichenbalken.

Dan stürmte mit riesigen Schritten vor.

„Hesekiel Ramsgate“, sagte er fassungslos.

Der alte Schiffbaumeister starrte die beiden Männer an, als wäre ihm soeben ein Wunder beschert worden. Seine Stimme klang brüchig, ein tagealter Bart bedeckte sein Gesicht, und in seinen Augen schimmerte es.

Dan war unendlich erleichtert. Mac Pellew schluckte nur.

„Mister O’Flynn“, sagte Ramsgate heiser. „Welch ein Glück, daß ihr mich gefunden habt.“

„Sie müssen ja halb verhungert und verdurstet sein“, sagte Dan. „Bleiben Sie ganz ruhig, Mister Ramsgate, ich werde erst die Kette losschlagen.“

Sie haben den alten Burschen wahrhaftig in Eisen gelegt, dachte er voller Wut, und ihn hier hilflos sich selbst überlassen.

Er stieß sein Entermesser in das Eichenholz, bis sich der gekrümmte Nagel löste, den irgendein Halunke voller Wucht in das Eichenholz geschlagen hatte.

Ramsgates Fesseln fielen klirrend zu Boden. Der alte Baumeister war frei.

Dan half ihm auf die Beine, aber Ramsgate war so schwach, daß er kaum stehen konnte. Auch das Sprechen fiel ihm schwer.

„Nichts sagen, Mister Ramsgate“, bat Dan. „Jetzt ist alles in Ordnung. Erzählen können Sie dann später. Ich trage Sie jetzt erst einmal zu dem kleinen Mühlbach, damit Sie ein paar Schluck Wasser trinken können.“

Ramsgate sank wieder in sich zusammen.

Dan nahm ihn auf die Arme und trug ihn hinaus. Weiter hinten, wo der kleine Bach war, legte er Ramsgate ins Gras, schöpfte dann mit den Händen Wasser und flößte es ihm ein.

Das kühle Wasser belebte den zähen Burschen fast augenblicklich. Sein Blick wurde klarer, und er stieß einen leisen Fluch aus. Dann rutschte er auf den Knien zum Bach und trank selbst.

„So eine Mistbande, so eine verfluchte!“ knurrte er. „Lassen Sie nur Mister O’Flynn, nach dem kühlen Trunk fühle ich mich schon viel besser. Das war es, was mir gefehlt hat. Der Hunger ist ja noch zu ertragen, aber dieser wahnsinnige Durst.“

Er wehrte ab, als Dan ihm anbot, daß er ihn tragen wolle.

„Ich sehe zwar dürr und schwächlich aus“, sagte er entschieden, „aber das täuscht. Wie geht’s, Mister Pellew?“

„So durchwachsen“, sagte Mac mit grämlich verzogenem Gesicht. „Mal oben, mal unten, jetzt wieder ganz oben.“

„Freut mich, das zu hören. Und vielen Dank auch. Und jetzt stiefeln wir los, haben schon viel zuviel Zeit versäumt, sonst wird das neue Schiff überhaupt nicht mehr fertig.“

Das ist anscheinend im Augenblick sein einziger Gedanke, dachte Dan, und es bewies, daß der alte Hesekiel Ramsgate noch lange nicht unterzukriegen war. Aber mächtig angeschlagen sah er doch aus. Die Kerle, die ihn in die Mühle verschleppt hatten, mußten ihm ganz schön zugesetzt haben.

Trotzdem ging er zügig los.

An Bord wurden sie begrüßt, als wären sie jahrelang fort gewesen. Bevor Ramsgate jedoch seine Geschichte erzählen konnte, ließ der Seewolf ihm durch den Kutscher erst etwas zu essen bringen.

Für sein Alter hatte Ramsgate wahrhaftig eine erstaunliche Kondition. Er aß wie ein Ausgehungerter, trank dazu eine Muck voll Rum und hustete, aß weiter, trank erneut. Danach fühlte er sich so, als sei überhaupt nichts vorgefallen.

„Die Kerle haben mir einen Bewacher geschickt“, sagte er, „meist haben die Burschen sich abgewechselt, aber sie werden bald merken, daß ich nicht mehr da bin.“

„Was wollten sie denn überhaupt?“ fragte Hasard.

Ramsgate, der nie ruhig oder lange auf dem Hintern sitzen konnte, ging zwischen den Männern auf und ab. Seine Stimme klang zornerfüllt, seine grauen Haare hatten sich durch den leichten Wind aufgerichtet, er fuchtelte mit den Fäusten durch die Luft.

„Sie faselten ständig von den Plänen des neuen Schiffes. Sie wollten alles darüber wissen. Aber das war nicht der einzige Grund. Der eine Kerl brüllte mich ständig an und fragte, wo der Hundesohn von einem Killigrew das Gold versteckt habe.“

Hasards Lippen wurden schmal.

„Das Gold?“ fragte er. „Von welchem Gold sprach der Kerl denn?“

„Allgemein nur von Gold. Vielleicht vermutet er reiche Schätze bei Ihnen, Sir, weiß der Teufel. Von Gold und den Plänen war jedoch ständig die Rede. Sie haben mich geprügelt und mir erzählt, was sie mir alles antun würden, wenn ich nicht rede.“

Hasard fiel bei dieser Eröffnung aus allen Wolken.

„Wir scheinen hier ja schon wieder eine Menge Feinde zu haben. Man entführt Mister Ramsgate, will die Pläne und die angeblichen Schätze. Wer, zum Teufel, mag nur dahinterstecken?“

„Ich kenne die Kerle leider nicht, habe sie nie vorher gesehen“, sagte Ramsgate bedauernd.

„Und was haben Sie ihnen gesagt, Mister Ramsgate?“

Ramsgate lächelte flüchtig. Er unterbrach seine Wanderung und blieb vor den verblüfften Seewölfen stehen.

„Ich habe überhaupt nichts verraten. Wer bin ich denn? Als sie mir eins über den Schädel schlugen, tat ich so, als sei ich geistig nicht mehr ganz da, und habe dummes Zeug vom Teufel erzählt. Sie hielten mich auch wirklich für verrückt, aber sie gaben mir nichts zu trinken und zu essen und wollten den Aufpasser wieder zur Mühle schicken. Der hat mir dann immer in den fürchterlichsten Farben ausgemalt, was mir alles passieren würde, wenn ich nicht rede.“

Hasard gab dem alten Burschen impulsiv die Hand.

„Das haben Sie prächtig gemacht, Mister Ramsgate. Ich danke Ihnen im Namen aller Männer. Und ohne Mac Pellew hätten wir Sie wahrscheinlich nie gefunden.“

Ramsgate sah sich um.

„Jetzt aber nichts wie zur Werft“, sagte er, „ich muß mich um das neue Schiff kümmern. Die Pläne habe ich übrigens so gut versteckt, daß sie kein Mensch findet. Ist auf der Werft alles in Ordnung?“ wollte er dann wissen.

Der rothaarige Schiffszimmermann Ferris Tucker nickte beruhigend. „Ich bin meist dort, es ist alles in Ordnung. Bisher hat man keinen weiteren Versuch unternommen, die Werft in Trümmer zu legen.“

„Dann können wir jetzt gehen?“ fragte Ramsgate eifrig. Er hatte nur noch das neue Schiff im Kopf, dafür lebte er, alles andere interessierte ihn nicht sonderlich.

Dafür interessierte es die Seewölfe um so mehr.

„Langsam, Mister Ramsgate“, sagte Hasard. „Das neue Schiff läuft uns nicht weg, und wenn es eine Stunde später fertig wird, so ist das auch kein Beinbruch.“

„Aber es verzögert sich um etliche Tage, Sir, vielleicht sogar auch um einige Wochen.“

„Kein Problem, Mister Ramsgate. Lassen Sie sich ruhig noch etwas Zeit. Wir bringen Sie später zur Werft hinüber. Erst einmal müssen Sie neue Kräfte sammeln. Nein, keine Widerrede“, sagte er entschlossen, als der alte Schiffbauer wieder seine Wanderung aufnahm.

Dann wandte er sich an Ben Brighton, der der Erzählung mit offenem Mund gelauscht hatte.

„Was will ein Fremder mit den Plänen, Ben, kannst du dir das vorstellen? Was hat er davon?“

Ben fand das auch seltsam.

„Ich kenne die Hintergründe nicht, aber ich nehme an, diese Kerle, die da dahinterstecken, möchten das Schiff auskundschaften, möchten etwas über Verstecke, Geheimkammern und was der Dinge mehr sind, in Erfahrung bringen.“

„Du meinst, um bei einem späteren Hickhack keine unangenehmen Überraschungen zu erleben. Man kennt die Schwächen seines Gegners und kann ihn dadurch leichter bezwingen.“

„Ja, das meinte ich ungefähr.“

„Das ist auch meine Ansicht“, sagte Ramsgate. „Denn dieses Schiff wird ein gutes Schiff, das verspreche ich euch, es wird besser und noch wendiger als die alte ‚Isabella‘ werden, und jedem möglichen Gegner wäre mit genauen Einzelheiten gedient.“

„Und woher nehmen die Kerle an, wir hätten jede Menge Gold mitgebracht?“ fragte der Profos.

Das konnte Ramsgate zwar nicht beantworten, doch die Antwort lag auf der Hand. Hasard sagte sie ihm.

„Bisher sind wir immer mit reicher Beute nach England zurückgekehrt, und jetzt nimmt man an, daß es diesmal nicht anders sei. Ohne Gold oder Geld können wir ja schließlich keinen Neubau finanzieren.“

Ramsgate hatte jetzt doch mal ein paar Minuten Ruhe gefunden und nahm auf der kleinen Gräting Platz. Er blickte von einem zum anderen, und man sah ihm an, daß es ihm unter den Fingernägeln brannte. Am liebsten wäre er schnurstracks zu seiner Werft geeilt.

Aber Hasard hatte da noch ein paar Fragen, wenn er sich davon auch nicht allzuviel versprach.

Wer waren die Gegner? Wer, zum Teufel?

„Wie sahen die Kerle aus, die alles so genau wissen wollten, Mister Ramsgate?“

„Wie gesagt, ich glaube nicht, daß ich sie schon mal gesehen habe“, antwortete der Schiffbaumeister, „aber beschreiben kann ich sie. Der eine kam mir zwar irgendwie bekannt vor, möglich, daß ich ihn viel früher schon mal gesehen habe. Er ist ein fetter Kerl, nicht mehr der Jüngste und sieht aus, als hätte er eine lange Krankheit hinter sich. Er hat einen grauen Bart und leicht stechende Augen.“

Hasard entsann sich nicht. Nein, diese Beschreibung sagte ihm gar nichts.

„Und der andere?“ fragte er.

„Der war etwa im selben Alter, nur dürrer, mit schmalem Gesicht und unruhig flackernden Augen. Ich weiß nur, daß er Angst vor Verrückten hat, denn als ich so tat, als ob, begann er zu quieken. Der Mann war überhaupt recht zappelig, und ich glaube, er hat da oben nicht alle“, sagte Ramsgate mit einer bezeichnenden Geste an die Stirn.

„Haben sie sich untereinander mal mit Vornamen angeredet?“

„Nein, Namen nannten sie nicht. Der Dürre hatte nur immer so verrückte Vorschläge und Ideen. Der Kerl mit dem Bart war auf alle Fälle der Klügere von beiden.“

Nach diesem Bescheid sahen sich die Seewölfe ratlos an. Allgemeines Achselzucken, fragende Blicke.

„Haben wir jemanden in Plymouth, auf den die Beschreibung paßt?“ erkundigte sich Hasard.

„Unsere damaligen Gegner sind längst tot“, sagte Dan O’Flynn. „Und über Nacht sind bestimmt keine neuen nachgewachsen.“

„Wahrscheinlich doch“, widersprach Matt Davies, „sonst hätten sie Mister Ramsgate ja nicht entführt und den ganzen Zauber auf der Werft veranstaltet.“

„Ich wüßte jedenfalls keinen“, meinte Sam Roskill.

„Ich auch nicht.“

„Keine Ahnung.“

So ging es weiter. Sie zermarterten sich die Köpfe, doch ein brauchbares Ergebnis fanden sie nicht.

Der einzige, der gedankenverloren und so, als ginge ihn das alles gar nichts an, vor sich hin starrte, war Mac Pellew. Er kramte mühselig in seinen Erinnerungen, und damit bewies sich zum zweiten Male, daß sie in ihm einen unentbehrlichen Helfer an Bord hatten.

Mac richtete sich auf und blickte Ramsgate an.

„Der Kerl mit dem grauen Bart“, sagte er, hellhörig geworden, „was trug der für Kleidung?“

Ramsgate schabte sein Stoppelkinn und überlegte.

„Einen hohen Hut, Kniehosen, weiße Strümpfe und ganz weiche Schuhe. Dann eine Lederweste mit einem Wams darüber. Dadurch wirkte er noch fülliger.“

„Und sein Blick war stechend?“ vergewisserte sich Mac.

„Ein, scharfer, durchdringender Blick. Beim Sprechen verzog er leicht den Mund.“

Mac schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.

„Der Beschreibung nach“, sagte er überlegend, „kann das eigentlich nur Burton sein, der Halunke, von dem ich das Geld geliehen habe, das mir seine Kerle später wieder abnahmen. Das ist der verdammte Drecksack, der mich in den Schuldturm brachte. Klar, alles paßt haargenau zusammen.“

„Und wer, bei allen guten Geistern, ist Burton?“ fragte Hasard.

„Ein Wucherer und Halsabschneider, ein übler Gauner“, sagte Mac mit griesgrämigem Gesicht.

„Das sagt mir auch nichts, verdammt noch mal. Burton, Burton“, wiederholte Hasard ungeduldig.

Mac Pellew schien ihn gar nicht zu hören, er murmelte weiter vor sich hin, bis Carberry ihn bat, etwas lauter zu sprechen und nicht ständig zu brummeln.

„Der andere müßte dann Bromley sein“, meinte Mac. „Die beiden Halunken stecken ja immer zusammen, wenn es etwas auszuhecken gibt. Bromley ist aber nicht aus Plymouth, der ist aus eurer Ecke, wo die Killigrews und die O’Flynns herstammen, aus Falmouth nämlich.“

„Kennst du einen Bromley aus Falmouth?“ fragte Hasard den alten O’Flynn, der in Cornwalls Zipfel Gott und die Welt kannte.

Old O’Flynn zog mindest ein ebenso grämliches Gesicht wie Mac Pellew.

„Nie gehört, Sir, bei meiner Seele nicht. Wenn dieser Bromley aus Falmouth stammt, dann laß ich mein Holzbein mit Rosenblättern garnieren und freß es als Nachtisch.“

„Ich habe ja nicht gesagt, daß er da herstammt“, meinte Mac grämlich, „ich habe nur gesagt, daß er von dort ist. Wie lange er da schon haust, weiß ich doch nicht. Vielleicht ist er irgendwann mal dahin gezogen.“

„Jetzt sind wir genauso schlau wie am Anfang“, sagte Smoky. „Das wird ja immer geheimnisvoller.“

In das allgemeine Schweigen platzte wiederum Mac.

„Von Burton habt ihr sicher schon mal irgendwann gehört“, versicherte er. „Der war doch ganz früher mal Friedensrichter von Plymouth. Samuel Taylor Burton heißt er mit vollem Namen.“

„Jetzt weiß ich, wo ich den Kerl schon mal gesehen habe!“ schrie Ramsgate. „Klar, der alte korrupte Burton! Jetzt fällt mir alles wieder ein, es ist aber schon lange her.“

Hasard stand da, als hätte ihn der Blitz getroffen. Ben Brighton sah kopfschüttelnd in die Gegend und lachte stoßartig auf.

„Das gibt’s gar nicht“, sagte er, „wenn du denselben Burton meinst wie wir, nein, der ist schon verdammt lange tot. Seit mindestens zehn oder zwölf Jahren, wenn nicht noch länger.“

„Ich meine Samuel Taylor Burton, den ehemaligen Friedensrichter aus diesem lausigen Kaff“, beharrte Mac.

„Den meine ich auch“, sagte Ben.

„Na also, der ist es. Aber tot ist er nicht.“

Wieder sahen sich alle eine Weile schweigend an. Hier standen anscheinend die Toten wieder auf, oder hier gingen Geister um.

Doch auch das wußte Mac Pellew besser, und selbst Ramsgate bekräftigte ihn jetzt in seiner Aussage und nickte immer wieder, wenn Mac etwas sagte.

„Ich kenne die Geschichte“, sagte Mac, und als er jetzt sprach, erinnerte er die anderen nur allzu deutlich an das alte Essigfaß aus alten Zeiten.

„Burton sollte bestraft werden für das, was er damals getan hatte, ich weiß nicht genau, was das war, aber alle redeten davon. Doch er erlitt einen Schlaganfall und war jahrelang gelähmt. Er konnte nicht mehr laufen und nicht mehr sprechen. Dann genas er wieder und kehrte nach Plymouth zurück. Er wurde nicht weiter verfolgt, vielleicht konnte man ihm auch nichts beweisen, jedenfalls lebt er seither unbehelligt hier und geht irgendwelchen üblen Geschäften nach, unter anderem verleiht er Geld zu Wucherpreisen. Und der andere Kerl ist Mark Bromley; der war früher bei der Armee in London, wie man hörte. Der hat auch wegen irgendwelcher miesen Sachen im Tower gesessen, und zwar auf den Tag genau zehn Jahre lang. Dann wurde er entlassen und ging nach Falmouth. Aber seit knapp zwei Jahren sind die beiden Halunken wieder zusammen und besuchen sich gegenseitig.“

Hasard fiel es jetzt wie Schuppen von den Augen.

„Bromley“, sagte er leise, „Mark Bromley, der Tower-Hauptmann, der sich an unseren Schätzen bereichern wollte. Wir brachten damals den goldenen Anker nach London, und in der Nähe des Towers gab es eine fürchterliche Schlägerei. Entsinnt ihr euch nicht mehr?“

Und ob sie sich entsannen! Die Vergangenheit wurde schlagartig wieder lebendig und stand auf. Jedem fiel das wieder ein, was vor etlichen Jahren geschehen war. Man hatte sie, als sie mit einer Schiffsladung voller Gold, Silber und Perlen nach London segelten, gedemütigt, schmählich behandelt und sich an den Schätzen vergriffen, die der englischen Krone zugedacht waren. Es war eine entwürdigende Ankunft in London gewesen, und es hatte Radau gegeben, daß die ganze Stadt wakkelte.

„Jetzt werden mir die Zusammenhänge klarer“, sagte der Seewolf. „Bromley hat seine Strafe abgesessen und will sich rächen. Und dieser Burton will das ebenfalls und vermutet wieder riesige Schätze bei uns an Bord. So einfach ist das alles, man muß es nur wissen.“

Ja, man mußte es nur wissen.

5.

Inzwischen hatten sie den alten Ramsgate nach Rame Head gebracht und dort in die Obhut verläßlicher Leute gegeben. Der Baumeister war durch nichts davon abzubringen gewesen, daß er zurückmüsse. Allerdings würden sie jetzt aufpassen, damit sich so etwas nicht wiederholte.

Jetzt standen die Seewölfe an Deck und beratschlagten. Wenn man den Gegner erst einmal kannte, dann konnte man Vorsorge treffen und hatte einen größeren Vorteil, als wenn der Feind aus dem Hinterhalt agierte.

„Weißt du, wo dieser Burton wohnt?“ fragte Hasard.

„Nein, keine Ahnung, Sir“, sagte Mac.

„Aber du hast doch Geld von ihm geliehen.“

„Das war in einer Kneipe, in seiner Wohnung bin ich nie gewesen.“

„Das herauszufinden dürfte nicht schwierig sein“, meinte Blacky. „Wir können ja beim dicken Plymson mal anklopfen.“

Hasard schüttelte den Kopf.

„Dann sind die Kerle gewarnt oder erfahren etwas, denn bei Plymson spricht sich ja alles schnell herum. Aber ich will die beiden Halunken haben, um …“

Er sprach nicht weiter, als er Carberrys grinsendes Gesicht sah.

„Was hast du denn wieder ausgeheckt, Mister Profos?“

„Ramsgate sagte doch, daß immer ein Wächter nach ihm gesehen hat“, erwiderte Ed. „Meistens abends, was, wie? Jetzt ist es bald Abend, und wenn der Kerl dort antanzt, wird er keinen mehr vorfinden. Damit sind die Halunken aber gewarnt, wenn sie ein wenig Spuren lesen können.“

„Sprich nur weiter, Ed“, sagte Hasard lächelnd. „Obwohl ich mir schon denken kann, was du vorhast.“

Carberry, rieb sich genüßlich die gewaltige rechte Faust mit der linken Hand und grinste hinterhältig.

„Nun, für so was bin ich der richtige Mann“, diente er sich gleich an. „Angenommen, der Kerl ist heute abend da, und angenommen, ich bin rein zufällig auch da, dann wird er sehr erstaunt sein, anstelle von Ramsgate den freundlichen Profos vorzufinden. Ich würde ihn natürlich ganz freundlich angrinsen, ein paar nette Worte mit ihm wechseln und ihn dann sehr höflich fragen, wo dieser Burton seine Hütte stehen hat. Selbstverständlich in ausgesucht freundlichem Ton.“

„Selbstverständlich“, sagte Hasard ernst. „Kein Mensch denkt auch nur entfernt daran, du würdest ihn anbrüllen.“

„Nun, er würde mir das selbstverständlich in aller Freundschaft verraten.“

„Weil du so überzeugend sprichst“, sagte Hasard.

„Genau, Sir. Haben wir dann die Adresse von Burton oder dem anderen Halunken, dann, so dachte ich wenigstens, können wir mit ihnen zusammen ja mal in aller Ruhe die Pläne für die neue ‚Isabella‘ durchsprechen und ihnen verklickern, wie das Schiffchen aussehen wird. Dann wissen sie es ganz genau.“

Hasard verbiß sich nur mühsam das Lachen, als er den heuchlerischen Blick Carberrys sah, dessen Augen so lammfromm und bescheiden auf die Planken blickten, als könne er kein Wässerchen trüben.

Aber sein Vorschlag war gut, und so nickte er, diesmal mit einem kleinen Lächeln, weil Ed jetzt wie ein frommer Chorknabe dahockte und immer noch so bescheiden dreinblickte. Im Geiste sah der Profos aber wohl schon die alte Mühle als Trümmerbrocken durch die Gegend fliegen.

„Die Idee ist gut“, sagte Hasard. „Wenn ein Nagel zu weit heraussteht, muß man ihn einhämmern.“

„Ganz meine Meinung, Sir. Ich werde den Nagel schon an die richtige Stelle rücken.“

„Dann geht jetzt gleich los, sonst ist es zu spät.“

Ed und Dan blickten sich nur kurz an, dann grinsten beide ein bißchen und zogen sofort los. Den Weg zur Mühle kannte Dan ja.

Mac Pellew erhielt an diesem Abend seine fünfzig Golddublonen und bezahlte davon gleich seine Schulden. Er konnte es immer noch nicht fassen, daß er von einer Stunde zur anderen ein reicher Mann geworden war.

„Ist das nicht ein Segen?“ fragte er immer wieder. „Heute morgen saß ich noch im Gefängnis, und jetzt habe ich so viel Geld, daß ich den ganzen Schuldturm kaufen könnte.“

„Dann kauf ihn doch“, riet Big Old Shane freundlich. „Wenn er dir gehört, hast du wenigstens die Gewähr, daß sie dich nicht mehr einbuchten können.“

Mac Pellew sah den ehemaligen Schmied von Arwenack sauertöpfisch an und versuchte zu grinsen. Aber sein Gesicht wirkte so, als ginge er diesmal zu seiner eigenen Beerdigung.

Als er sich umdrehte und dem Kutscher zur Kombüse folgte, grinste Blacky hinter ihm her und sagte zu Shane: „Ein Gesicht wie damals, nur etwas faltiger. Der gute Mac geht jetzt wieder zur Beerdigung fünfter Klasse.“

„Beerdigung fünfter Klasse?“ fragte Shane verständnislos. „Wie geht das denn vor sich?“

„Dann muß er selbst vor seinem eigenen Leihsarg ohne Hemd herlaufen und die Kerze tragen.“

Shane tippte sich mit dem Finger bezeichnend an die Stirn.

„Du bist ja bescheuert, Blacky.“

„Klar“, gab Blacky zu, „mich haben sie schon in den Windeln mit dem Holystone gepudert, deshalb bin ich bescheuert.“

Jetzt grinste auch der graubärtige Exschmied.

6.

Carberry und O’Flynn erreichten die Mühle gerade zu dem Zeitpunkt, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand und die Dämmerung einsetzte.

„Anscheinend ist noch keiner nach uns hier gewesen“, sagte Dan. „Alles liegt noch so rum, wie wir es verlassen haben.“

Der Profos war ganz in den Anblick der Mühle versunken und schnüffelte überall herum. Er stieg auch über eine halbverfallene Treppe auf den Speicherboden und sah sich die riesigen Grite an, die Mühlsteine, die früher hier, verbunden durch eine sinnreiche Transmission aus Lederriemen, das Korn gemahlen hatten.

„Schnüffel nicht überall herum“, sagte Dan, „man hört dich ja meilenweit, und wenn der Kerl wirklich erscheint, ist er längst vorgewarnt und verschwindet wieder.“

Der Profos murrte, kehrte dann aber wieder zurück.

„Reg dich nicht auf“, sagte er, „von da oben hat man einen prächtigen Überblick. Jeden, der sich der Mühle nähert, sieht man schon auf große Entfernung. Bis jetzt ist noch nichts zu sehen. Fragt sich, ob der Kerl überhaupt geruht, hier zu erscheinen.“

„Laut Ramsgate kam er oder ein anderer jeden Abend.“

Carberry besah sich die Ketten, die man dem alten Ramsgate um den Leib geschlungen hatte. Es war jetzt schon so dunkel, daß man nur noch mühsam einzelne Gegenstände unterscheiden konnte.

O’Flynn hockte sich an den Eichenbalken und nahm die Position ein, die Ramsgate innegehabt hatte. Die Kette schlang er sich lose um den Bauch und lehnte sich zurück.

„Es ist besser, wenn ich hier sitze“, sagte er zu Ed. „Du kannst dich ja hinter der Tür auf dem Absackboden verstecken. Wenn der Kerl wirklich kommt und eine Lampe dabeihat, falle ich nicht so auf wie du. Meine Figur entspricht eher der von Ramsgate.“

„Ein Hänfling bist du nicht gerade“, meinte Ed, „aber ich würde noch mehr auffallen.“

„Er würde schon dein Kinn für einen Amboß halten“, lästerte Dan, „und glauben, er sei in einer Schmiede.“

„Paß auf, O’Flynn“, grollte Ed, „daß ich dir die Kette nicht wirklich um deinen Wanst schlinge und dich verhungern lasse.“

Ihre sinnigen Gespräche wurden leiser, schließlich flüsterten sie nur, damit man sie von außen nicht hörte.

Eine gute halbe Stunde verging. Der Wind frischte ein wenig auf und heulte um die alte Mühle. Manchmal fuhr er jammernd und klagend durch die Ritzen und Fugen. Dann fiepten die Mäuse, und die Mühle ähnelte einer verlassenen Geisterstätte.

Carberry hatte in der Nähe der Tür Stellung bezogen und harrte genüßlich der Dinge. Allerdings mußten sie noch einmal fast eine halbe Stunde warten, bis sich etwas tat.

Draußen waren Schritte zu hören.

Ein kaum sichtbarer Lichtschein flackerte auf und fiel durch die schmalen Ritzen. Der Kerl hatte offenbar den Docht seiner Lampe ganz weit heruntergeschraubt, damit er nicht auffiel.

Dann wurde die Tür aufgestoßen. Ein leichter Luftzug fuhr durch den Absackboden. Der Kerl schloß die Tür wieder, es klirrte ein wenig, dann stellte er die Lampe auf den Boden und legte einen Schürhaken daneben.

Carberry stand höchstens zwei Yards hinter ihm und hätte ihn jetzt mühelos packen können. Aber er wartete, weil er sich nicht selbst den kleinen Spaß verderben wollte.

Er beobachtete den Kerl. Es war ein grobschlächtiger Bursche mit einem Stiernacken und einem dümmlichen Gesicht. Er warf nur einen flüchtigen Blick auf den vermeintlichen Ramsgate, dann grinste er und schraubte den Docht der Lampe höher.

Mildes Licht warf zuckende und tanzende Schatten durch die Mühle. Die Schatten geisterten umher, ins Groteske verzerrt wie höllische Dämonen der Nacht, die vor dem Lichtschein flohen.

„So, mein Freund“, sagte der Kerl hämisch. „Dich hat noch keiner zum Reden gebracht, was? Ich werde dich dazu bringen, ich habe da ein ganz feines Mittel.“

Dan O’Flynn klirrte ein wenig mit den Ketten und grinste. Der Eichenbalken warf einen gnädigen Schatten auf ihn. Der Folterknecht konnte sein Gesicht nicht erkennen.

Genüßlich hielt der Stiernackige den Feuerhaken über die Lampe und drehte ihn hin und her, bis sich die Spitze allmählich rötete.

Im Hintergrund schwoll dem Profos der Kamm, wenn er daran dachte, daß dieser Kerl den alten, hilflos gefesselten Ramsgate damit gepiesackt hätte. Das hätte Ramsgate nicht heil überstanden, und vor allem wäre er völlig hilflos gewesen.

Während der Kerl immer noch den Schürhaken über der Flamme rötete, erging er sich genüßlich in ziemlich üblen Tiraden gegen den vermeintlichen Ramsgate.

„Wirst bald reden, Alterchen“, verkündete er. „Wenn dir der Schürhaken erst das Fleisch versengt, wirst du froh sein, quatschen zu können. Du wirst den Tag deiner Geburt verfluchen. Hast du Angst, Alter?“

Dan klirrte wieder mit den Ketten und murmelte etwas. Daraufhin lachte der Kerl laut.

„Jetzt wirst du gleich geröstet“, versprach er, um seinen Delinquenten schon im voraus weichzukochen und ihm Angst einzuflößen.

„Tut verdammt weh, kann ich dir sagen, denn so ein Haken brennt verflucht große Löcher ins Fleisch.“

„Huhu“, keuchte Dan und grinste wieder.

Der Kerl bückte sich gerade. Carberry war versucht ihm mit seinem gewaltigen Stiefel in den Hintern zu treten. Der Tritt hätte mit Sicherheit ausgereicht, den Kerl durch die Wand der Mühle zu befördern.

Ed mußte sich zusammenreißen, um das nicht zu tun.

„Ja, jetzt hast du Angst, was? Noch habe ich dich nicht gebrannt, Alterchen, du kannst noch antworten. Wo sind die Pläne, und wo hat dieser Kerl das Gold versteckt, he?“

„Ich sag nichts!“ kreischte Dan. Er bog den Kopf noch weiter zurück und lachte sich eins.

Der Schürhaken leuchtete jetzt in heller Glut. Der Stiernackige nickte zufrieden, spuckte ein bißchen über die Glut, und man hörte es durch die ganze Mühle zischen.

„Hähä“, lachte er meckernd, „schön heiß das Eisen!“

Dann setzte er sich langsam in Bewegung. Er warf keinen einzigen Blick zurück, und er sah auch Ed nicht, der ihm jetzt ebenfalls folgte.

„Na, wo ist das Gold?“ fragte er noch einmal.

Der glühende Haken zuckte vor, die Lampe wurde wieder auf den Boden gestellt, und der Kerl blieb dicht vor Dan stehen, der ihm jetzt voll das Gesicht zuwandte.

Als er den Haken vorstreckte, sah er fassungslos in ein junges, hartes und verdammt kantiges Gesicht. Zwei Augen blitzten ihn an, die absolut nichts Gutes verhießen. Dan O’Flynn richtete sich langsam auf.

Was dann geschah, war eine Verkettung unglückseliger Umstände, und weder Dan noch der Profos konnten etwas dafür.

Der Stiernackige war entsetzt, verblüfft, verwirrt und schluckte heftig.

Dann war der Profos hinter ihm. Ein riesiger Schatten tauchte auf und griff aus dem Nichts zu.

Carberrys Griff in das Genick des Stiernackigen war nicht gerade liebevollbesorgt und zärtlich. Er packte zu, wie er es gewohnt war: hart und fest, als wollte er einen davongelaufenen Stier festhalten.

Der Folterknecht wand sich unter diesem erbarmungslosen Griff und sackte in den Knien ein. Und weil er das glühende Schüreisen trotz allem noch nicht losließ, drückte Ed noch etwas kräftiger zu und trat ihm dabei gleichzeitig seitlich auf die Füße. Dann bog er den Arm des Kerls noch ein wenig herum.

Der glühende Haken geriet dem Kerl an den Hosenboden. Leinenstoff begann zu glimmen und zu sengen. Eine kleine Rauchwolke stieg vom Achtersteven des Folterknechtes auf, und es roch so ähnlich, als hätte der Kutscher gerade ein Stück Schweinefleisch auf den Bratrost gelegt.

Der Mann zuckte vor, stolperte über die Kette, die Dan abgestreift hatte, um aufzuspringen, und geriet dabei an Dan selbst. Weil er dabei wie ein angestochener Büffel tobte, riß er Dan O’Flynn mit sich um, der sich nun seinerseits mit dem Fuß in der Kette verhedderte und der Länge nach hinschlug.

Carberry drückte fluchend noch einmal zu und hielt den Kerl fest. Sein Hosenboden geriet erneut mit dem glühenden Ding in Berührung, und das war selbst für den Stiernakken zuviel. Einmal geröstet ließ sich schon schwer ertragen, aber dieselbe Stelle ein zweites Mal angesengt, wo schon die Haut in Fetzen ging, das war einfach zuviel.

Er stieß einen so entsetzlichen Schrei aus, wie Carberry ihn noch nie in seinem Leben gehört hatte. Dieser Schrei ging dem Profos durch und durch. Er zuckte zurück, als hätte ein Wahnsinniger gebrüllt, und ließ für eine Sekunde den Kerl los.

Der Stiernacken hatte nur noch Angst, nackte, hündische Angst, denn hier ging es offenbar nicht mit rechten Dingen zu. Da kam alles auf einmal zusammen: der harte Griff aus der Dunkelheit, der fremde Kerl am Eichenbalken und schließlich dieser verfluchte höllische Schmerz, der ihm fast die Besinnung raubte.

Sein Tun und Handeln wurde nur von automatisch ablaufenden Reflexen bestimmt, er selbst dachte sich nichts mehr dabei, er wollte nur diesem irrsinnigen Schmerz entrinnen.

Er keilte aus wie ein wildgewordener Gaul und traf mit dem Fuß die Öllampe. Die flog durch den Absackboden, knallte an einen dicken Balken und zerplatzte.

Das auslaufende Öl spritzte nach allen Seiten. Ein kleiner Glutball zuckte auf, und wie mit einem Donnerschlag stand der Absackboden der Mühle schlagartig in Flammen,

Carberry riß die Hände vor das Gesicht. Dan O’Flynn stieß einen üblen Fluch aus, verhedderte sich erneut in der Kette und fiel hin.

Um sie herum war plötzlich wabernde Helligkeit. Das ausgelaufene und brennende Öl kroch in die Ritzen des uralten Holzes, fraß sich fest und entzündete das knochentrockene Holz.

Die Mühle stand so schnell in Flammen, als hätte jemand zentnerweise Schießpulver auf das Holz gestreut.

Carberry griff nach Dan, fluchte wie ein Maultiertreiber und half Dan aus der Eisenkette heraus.

Um sie herum lohte, brannte und knisterte es jetzt. Gleißende Helligkeit ließ sie fast erblinden.

Ein kühler Windzug, der durch die nun offene Tür fauchte, blies das Feuer zu weiterer Glut an. Die Flammen zuckten schon die Treppe hoch und fanden überall genügend Nahrung.

„Raus hier!“ brüllte Dan.

Vor lauter Feuer war nicht einmal mehr die Tür zu sehen. Auch der Folterknecht war verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst.

Sie spürten die Feuerzungen von allen Seiten und tasteten sich über brennende Planken zur Tür. Hoch über ihnen brach etwas krachend zusammen, dann schoß eine Flamme bis zum Binsendach hoch, das augenblicklich einer lohenden Fackel glich.

Als Carberry sich umdrehte, um nach draußen zu flüchten, fand er die Tür nicht mehr. Der Eingang glich ebenfalls einer brennenden Wand.

Die ersten Flammen leckten nach draußen und versengten ihnen die Haare. Die Augen brannten höllisch, sie glaubten, inmitten eines glühenden Backofens zu stehen.

Da entdeckte Dan das schwarze Viereck, durch das die Flammen nun auch von außen hereinleckten.

„Dort, nach Backbord!“ schrie er Ed zu.

Seine Worte gingen im Tosen des Feuersturmes unter, der jetzt einsetzte. Die Luft um die Mühle herum brauste und pfiff.

Carberry drehte sich um, zog den Kopf zwischen die Schultern, griff mit der linken Hand nach Dans rechter und zog ihn hinter sich her.

Tief geduckt stürmten sie keuchend los. Ihre Lungen brannten, im Brustkorb stach es wie mit glühenden Nadeln. Dann erreichten sie das Freie und rannten hinaus.

Von draußen sah es genauso schlimm aus. Die Mühle brannte wie eine Riesenfackel und erleuchtete meilenweit die Nacht.

Es war zwecklos, jetzt nach dem angesengten Folterknecht zu suchen. Der hatte längst die Gunst des Augenblick genutzt und war wie ein Irrer in die Dunkelheit gerannt.

„Verdammt und kalfatert!“ rief Ed und entfernte sich vorsichtshalber noch ein Stück. „Das ging ja höllisch schnell. Ich hätte nie geglaubt, daß Holz so schnell brennen kann.“

„Wie ein Brander“, meinte Dan, Rötlicher Flammenschein zuckte über sein Gesicht. Noch immer spürte er die brennende Hitze in den Augen und auf dem Körper. „Wir müssen hier verschwinden. Bald werden Neugierige anrücken, um sich das Spektakel anzusehen. Es ist nicht gerade nötig, daß man uns hier sieht.“

Sie liefen ein Stück weiter, übersprangen den kleinen Mühlbach und schöpften mit den Händen Wasser auf der anderen Seite, um ihre erhitzten Gesichter ein wenig abzukühlen.

Knistern, Prasseln und Fauchen waren zu hören. Die Flammen schlugen immer höher hinauf. Oben blies der Wind in sie hinein und bog sie zu einer langen Fahne aus Feuer zurecht. Der Rest der Mühle sah aus, als stünde er schräg.

In das Prasseln der Flammen mischten sich die Geräusche von krachendem Gebälk. Riesige Funkenfontänen stoben auf, feurige Glut ergoß sich nach allen Seiten.

Die beiden Männer nahmen einen kleinen Umweg in Kauf, um nicht mit dem Brand in Zusammenhang gebracht zu werden. Die Mühle war zwar längst verfallen und wurde nicht mehr benutzt, aber vielleicht verfiel doch noch einer auf die Idee, ein angemessenes Sümmchen als Schadenersatz zu verlangen.

Eine Viertelmeile weiter hockten sie sich ins Gras und sahen zu, wie sich die Fackel immer mehr aufblähte, wie das Dach zusammensank und wie weitere Balken funkensprühend nach unten fielen.

Da hatten sich auch schon die ersten Neugierigen eingefunden.

„Hasard wird entzückt sein“, sagte Ed verbiestert. „Ich habe mich benommen wie ein Anfänger. Verdammt, dieser Hurenbock hätte mir nie durch die Lappen gehen dürfen.“

„Jedenfalls ist er weg, und wir können nichts mehr daran ändern“, meinte Dan.

„Nur einen Lidschlag lang habe ich mich ablenken lassen“, grollte Ed. „Und das nur, weil dieses Rübenschwein wie eine Horde abgestochener Eber losquiekte. Was erzählen wir bloß Hasard?“

„So, wie es war. Einerseits haben wir Pech gehabt, andererseits können wir froh sein, da drin nicht verschmort zu sein. Viel hätte nicht mehr daran gefehlt, und wir wären jetzt geröstet.“

Carberry spuckte voller Wut ins Gras. Es wurmte ihn mächtig, daß der Kerl entwischt war, daß Dan sich in der Kette verheddert hatte und er selbst durch das Quieken des Kerls so irritiert worden war.

„Das kommt davon“, brummte Ed, „wenn man nicht zur See fährt und an Land umhergeistert. Da habe ich immer Pech, und diesmal ist es auch wieder voll in die Windeln gegangen.“

„Beruhige dich, alles kann schließlich nicht gelingen.“

„So was darf aber einfach nicht passieren, verflucht noch mal. Die anderen Rübenschweine an Bord werden sich krank lachen. Carberry, werden sie sagen, den kann man nicht mal in eine alte Mühle schikken, ohne daß die gleich auseinanderfällt. Ich könnte mich selbst kalfatern und dreimal ums Gangspill wickeln.“

„Sag mir, wenn es soweit ist“, erklärte Dan grinsend, „da wirst du eine Menge interessierter Zuschauer haben.“

„Ach, leck mich doch!“ knurrte Ed gereizt.

„Hab ich schon ’nem anderen Rübenschwein versprochen“, sagte Dan schnoddrig.

Daraufhin gestattete sich der Profos auch ein kleines Grinsen, aber so richtig wohl fühlte er sich trotzdem nicht. Bei ihm zählten nur Erfolge. Über Niederlagen ärgerte er sich halb tot, hauptsächlich dann, wenn er selbst daran schuld war, wie er glaubte.

Der größte Teil der Mühle war jetzt abgebrannt. Aschewolken flogen zum rötlich erleuchteten Himmel, und die Neugierigen hatten einen weiten Kreis um die Mühle gebildet und starrten wie hypnotisiert in die Flammen.

Daß niemand versuchte, hier etwas zu löschen, war nur verständlich. Erstens juckte das alte Ding niemanden, und zweitens war doch nichts mehr zu retten. Weshalb sich also der sinnlosen Mühe unterziehen?

„Gehen wir“, sagte Ed schließlich mit einem Seufzer. „Ich habe schon so viele brennende Trümmer gesehen, daß ich mich daran überhaupt nicht mehr begeistern kann. Hasard wird wirklich entzückt sein, wenn er das hört.“

„Das hast du schon mal gesagt.“

„Ach, leck mich doch!“

„Das auch, aber wie gesagt …“

„Jaja, ich weiß, das hast du schon einem anderen Rübenschwein versprochen.“

„Dann verschieben wir es auf morgen“, sagte Dan.

Lustlos kehrten sie zum Hafen zurück und gingen an Bord, wo die Arwenacks standen und neugierig zum Horizont blickten. Dort war immer noch rötlicher Schein am Himmel zu sehen.

„Was ihr da seht“, erklärte Ed finster, „war die alte Mühle. Und damit du es gleich weißt, Sir, der Halunke ist uns ebenfalls durch die Lappen gegangen, weil ich so dämlich war, ihn einmal kurz loszulassen. Es war eine prächtige Pleite, wir haben nichts erreicht.“

Hasard sah seinen Profos an und wußte Bescheid. Wenn Ed sich so biestig gab, dann warf er sich selbst etwas vor, was allerdings nicht unbedingt stimmen mußte. Mitunter bildete der Profos sich einen Fehler auch nur ein. Schön, es hatte eine Pleite gegeben, aber damit war noch nicht die Welt untergegangen. Ed nahm das viel zu tragisch.

„Na und?“ sagte Hasard lakonisch. „Weg ist weg, deswegen tragen wir doch keine Trauer. Wenn dir mal ein Fehler unterläuft, dann kannst du dich freuen, sonst wärst du nämlich zu perfekt.“

„Trotzdem ärgert mich das“, knurrte Ed verbiestert. Er blickte Mac Pellew an und mußte grinsen. Der sah nämlich aus, als sei ihm total die Petersilie verhagelt. Dieses grämlich verzogene Gesicht! Mac Pellew wirkte, als sei ihm ein noch viel schlimmerer Fehler unterlaufen, und das heiterte Ed dann doch ein wenig auf.

Hasard winkte ab, als der Profos erneut zu einer Entschuldigung ansetzen wollte.

„Keine Sorge, Ed. Wir wissen, wen wir vor uns haben, und das ist doch schon eine ganze Menge. Das ist viel besser, als wenn jemand im Hintergrund agiert, den wir nicht kennen. Plymouth hat auch nur vier Himmelsrichtungen, und auf die Dauer werden uns Burton und dieser Bromley ganz sicher nicht entgehen. Und jetzt hat der Kutscher das Essen fertig.“

„Eine Kakerlake hat er bei mir ja noch gut“, sagte Ed.

„Eine?“ fauchte der Kutscher. „Jede Woche eine, hast du gesagt.“

„Ich war noch nie kleinlich, also gut.“

Damit war der Tag für heute wieder einmal gelaufen.

7.

Der Kerl, der Ramsgate piesacken wollte und mit viel Glück den harten Fäusten Carberrys und dem Feuer entronnen war, erreichte Burtons Haus und betrat es nach einigem Klopfen.

Weder Burton noch Bromley hatten etwas von dem Brand gehört oder gesehen. Sie saßen am Tisch und palaverten. Zwei kleine Ölfunzeln erhellten den Raum so, daß man gerade noch die Gesichter der Männer erkennen konnte.

„Setz dich, Tom“, sagte Burton finster.

„Ich bleib lieber stehen, Mister Burton, ich habe mir den Ar …, äh, den Hintern angesengt.“

„Tu, was du willst, aber quassel kein unnötiges Zeug. Also, wie ist es ausgegangen?“

Der mit Tom Angeredete erklärte die Angelegenheit auf seine Weise und wich damit etwas von der Wahrheit ab. So brauchte er wenigstens keine Niederlage zuzugeben.

„Als ich hinkam“, sagte er, „da brannte es in der Mühle. Ich ging aber trotzdem noch hinein und mußte feststellen, daß irgendwer den Kerl befreit hatte. Die Ketten lagen auf dem Boden, der Mann war nicht mehr da. Dann mußte ich verschwinden, weil die Balken runterfielen. Ein glühendes Holzstück erwischte mich noch und …“

Burtons Gesicht veränderte sich. Sein Mund zog sich zusammen, als hätte er in eine Zitrone gebissen, aber er blieb beherrscht genug, um den Stiernakkigen nicht anzubrüllen.

„Verdammt noch mal, wer kann das getan haben?“ stieß er hervor. „Das wußte doch keiner!“

„Jetzt haben wir den Salat!“ schrie Bromley und fuhr von seinem Schemel hoch. „Jetzt werden wir nie erfahren, wo das Gold ist und wie das Schiff aussieht, und den verdammten Halunken können wir auch nicht mehr ans Leder!“

„Das ist eine dumme Geschichte“, sagte Burton, ohne auf Bromleys Einwände einzugehen, „eine wirklich dumme Sache. Und die Mühle ist abgebrannt?“

„Ja, total.“

„Wo hast du denn die Lampe und den Eisenhaken, Tom?“ fragte Burton argwöhnisch.

„Die – die mußte ich in der Mühle lassen, weil es so heiß wurde“, stotterte der Kerl. „Ich konnte doch nichts dafür.“

„Schon gut, Tom. Du bleibst noch hier. Wir werden diesem Killigrew auch anders beikommen, ich habe da schon eine Idee.“

„Aber Killigrew weiß jetzt doch alles“, sagte Bromley mit fast weinerlicher Stimme. „Wenn der Alte befreit worden ist oder wenn er sich selbst befreit hat, dann rennt er doch sofort zu diesem Seewolf und berichtet ihm alles haarklein.“

„Sicher wird er das tun“, sagte Burton gelassen, „deshalb müssen wir die Sache eben anders anpacken. Die Pläne kriegen wir nicht mehr, aber dafür werden wir ihm eins überbraten, und zwar so, daß er damit überhaupt nicht rechnet. Dieser Kerl hat mir nur Niederlagen beigebracht, und jetzt werden wir ihm schaden, wo wir nur können, auch wenn wir das Gold nicht mehr kriegen. Aber er soll keine Freude daran haben.“

„Jawohl!“ schrie Bromley. „Dafür gebe ich meinen letzten Tropfen Herzblut her, damit dieser Hund verreckt. Wir könnten ihm ja auch einen Brander auf den Hals schicken.“

Bromley redete sich wieder einmal in Eifer. Seine Hände lagen so hart auf dem Tisch, daß die Knöchel weiß hervortraten. In seinen Augen stand wieder dieser verrückte Ausdruck, und wahrscheinlich sah er sich im Geist wieder im Tower hocken, hungernd, frierend und von häßlichen Ratten umgeben, die nur darauf warteten, ihn anfressen zu können.

„Ein Brander ist zu auffällig, außerdem muß er gesteuert werden. Ich bin sicher, daß der Kerl nicht weiß, mit wem er es zu tun hat, denn das liegt schon lange zurück. Wenn er aber das große Schiff baut, dann wird er größenwahnsinnig und fast unbesiegbar. Und das werde ich verhindern, indem wir den Bau immer wieder stören.“

„Auf der Werft sind Wachen aufgezogen“, sagte Bromley. „Feuer können wir nicht mehr legen.“

„Ich weiß.“ Burton ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Aber es gibt noch andere Möglichkeiten. Ich kenne genug Fischer, Knechte und Halsabschneider, die etwas verdienen wollen. Außerdem bringe ich selbst mindestens ein Dutzend Leute auf die Beine.“

Bromley war schon Feuer und Flamme, obwohl er gar nicht wußte, was Burton überhaupt vorhatte. Bisher hatten sie eine Pleite nach der anderen erlebt, doch das focht die beiden Dilettanten nicht an. Sie legten eine unglaubliche Zähigkeit an den Tag, um ihr Vorhaben zu realisieren. Sie gingen dabei nach dem David-Goliath-Prinzip vor, daß auch ein Kleiner einem Großen schaden konnte, wenn er nur ernsthaft wollte, und daß ein Riese keineswegs unverwundbar war, man mußte ihn nur richtig packen.

„Und wie soll das gehen?“ fragte der Exhauptmann Bromley.

„Wir klauen morgen nacht die Galeone vom alten Patrick. Das Ding ist gut armiert, und mehr als zwei Wachen sind nie an Bord. Der Alte selbst hockt nur in den Kneipen und wartet auf seine Ausrüstung, die aus London kommen soll. Aber da kann er lange warten“, sagte Burton gehässig kichernd, „die Ausrüstung habe ich längst verschoben. Und die alten Kanonen, die er an Bord hat, tun es noch immer.“

„Und dann?“ fragte Bromley wieder gespannt.

„Damit segeln wir los, kreuzen ganz dicht bei Rame Head auf und donnern eine Breitseite hinein. Bis die sich richtig von ihrem Staunen erholt haben, wenden wir und feuern die zweite Breitseite ab. Dann segeln wir davon, setzen die Galeone irgendwo auf den Strand und verschwinden wieder. Kein Mensch wird erfahren, wer dahintersteckt. Und du, Tom, sorgst dafür, daß ständig einer unserer Männer in der Nähe des Schiffes herumlungert, aber unauffällig. Ihr werdet ständig die Lage peilen und mich über die Schritte dieser Kerle unterrichten.“

„Eine gute Idee“, sagte Bromley. „Eine Kanone kann ich auch bedienen, und ich werde auch treffen. Ja, das ist gut.“

In der Vorfreude auf den Feuerzauber rieb er sich schon die Hände und grinste genüßlich.

„Aber die Werft ist doch bewacht“, wandte er ein.

„Die Werft schon, aber nicht das Wasser, da liegt kein einziges Schiff, das uns hindern wird. Außerdem wird alles ganz schnell gehen. Wir brauchen keine geschniegelten Segelmanöver auszuführen, was wir brauchen, ist nur so viel Licht, daß wir die Werft gerade noch erkennen können.“

„Dann laßt uns zu Taten schreiten und die Männer zusammentrommeln“, verkündete Bromley eifrig. Das war eine Sache so ganz nach seinem Geschmack. Nach gelungener Tat, so nahm er sich vor, würde er sich erst einmal krank lachen über die dummen Gesichter, die die Seewölfe dann zur Schau tragen würden.

An Personal würde es ebenfalls nicht mangeln, Burton kannte genug Kerle, die für Geld zu jeder Schandtat bereit waren. Und die würden hinterher wohlweislich das Maul halten, um nicht unangenehm aufzufallen.

„Na, ist das ein Vorschlag?“ fragte Burton seinen Spießgesellen, der eifrig nickte und dessen Augen hell leuchteten.

„Ja, Samuel“, sagte er begeistert. „Ich war zwar mal Hauptmann und habe ganze Armeen befehligt, aber du verstehst dein Handwerk fast noch besser.“

Ja, dachte Burton, innerlich grinsend, deine Armeen kenne ich. Du hast in der Nähe des Towers Wache geschoben und geklaut, wo du nur konntest, aber mir ging es ja nicht viel anders. Unser gemeinsamer Haß auf den Seewolf hat jedenfalls die Jahre überdauert, und jetzt ist die Zeit da, es ihm kräftig zurückzuzahlen.

Bromley hatte in seinem fanatischen Übereifer wieder mal ein paar Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten, aber die bewegten sich auf derart nebulösen Ebenen, daß Burton es nicht einmal für nötig erachtete, sie überhaupt zu diskutieren. Das waren krankhafte Exzesse, die in Bromleys Hirn entstanden waren, als er hinter den Kerkermauern brütete und nichts anderes zu tun hatte, als sich zehn Jahre lang allerlei Unsinn auszudenken. Possen waren das, auf einem Mist gewachsen, in dem die Maden wimmelten.

Trotzdem verstanden die beiden sich gut, und Burton hielt Bromley keinesfalls für einen totalen Trottel, dazu war der Mann viel zu sehr vom Haß beseelt, und er hatte des öfteren bewiesen, wozu er fähig war.

Nur in bezug auf die Seewölfe, ganz besonders auf Philip Hasard Killigrew, da hakte in seinem Oberstübchen regelmäßig eine Spindel aus, und er träumte eine Art Dornröschenschlaf.

Sein „Verbesserungsvorschlag“ sah nämlich so aus: Er wollte die Galeone bis unter die Luken mit Schießpulver vollstopfen und nach Abfeuern der Breitseiten unter vollem Preß auf die Werft jagen, und er selbst wollte das Schiff steuern und sich heroisch in die Luft sprengen. Burton fragte sich allerdings insgeheim, woher er mehr als zweihundert Tonnen Schießpulver nehmen und was er damit überhaupt bezwekken wollte, denn die Seewölfe hockten ganz woanders und nicht auf der Werft in Rame Head.

In dieser Nacht wurde jedenfalls noch viel besprochen, und Burton ließ die Leute benachrichtigen, die er brauchte.

8.

Am anderen Morgen lungerte, wie schon einmal, ein Kerl in der Nähe der „Pride of Galway“ herum. Diesmal war es ein anderer, aber er benahm sich so unauffällig, daß es direkt zum Himmel stank.

„Wenn der Blödmann wenigstens noch eine Angel dabeihätte“, sagte Hasard junior zu seinem Zwillingsbruder, „aber so wirkt er wie ein verlauster Affe in Kapitänsuniform.“

„Klar“, sagte Philip, „der glotzt hier wieder rum, ob es etwas auszuspionieren gibt. Das kann einer von Burtons Kerlen sein oder ganz einfach einer, der nur klauen will. Wir können ihn ja mal ein bißchen ärgern, dann haut er bestimmt ab, dieser Nullinger.“

„Was ist denn ein Nullinger?“ fragte Smoky grinsend.

„Ein Kerl, der nichts bringt, eine Null“, antwortete Hasard junior.

„Nullinger, muß ich mir merken“, sagte Smoky. Er warf einen flüchtigen Blick auf den „Nullinger“, der dämlich herumstand und seinen Quadratschädel wahrscheinlich nur auf den Schultern trug, damit es ihm nicht in den Hals regnete.

Ganz wohl schien er sich in seiner Rolle nicht zu fühlen, aber die Seewölfe beachteten ihn nicht weiter, obwohl sie ihn alle längst registriert hatten.

„Der Nullinger hat ’ne Nase wie ’n Scheißhaus für Spatzen“, stellte Philip fachmännisch fest, darauf anspielend, daß der „Nullinger“ seine Nase ziemlich hochgereckt im Gesicht trug und die Nasenlöcher etwas reichlich himmelwärts wiesen.

Die Zwillinge marschierten zum Kutscher, stopften sich ein paar knochentrockene, harte Erbsen in die Tasche und holten ihre aus Holunderstöcken gefertigten Blasrohre. Mit diesen handgefertigten Dingern hatten sie schon so manchen zur Raserei getrieben.

Hasard junior ging hinter dem Schanzkleid in Deckung und placierte sich dicht am Speigatt auf den Planken. Dann füllte er sein Blasrohr mit Erbsen, blähte kräftig die Wangen auf und blies dem Nullinger eine Ladung knallhart ans rechte Ohr.

Der Rest war ein zuckender Reflex, wie die Zwillinge zufrieden feststellten. Der Nullinger zuckte wild zusammen. Seine Hand fuhr hoch und klatschte aufs Ohr, als wollte er sich selbst kasteien. Dann feuchtete er Daumen und Zeigefinger mit Speichel an und hielt krampfhaft sein Ohrläppchen fest in der Annahme, von einer Wespe gestochen worden zu sein.

„Jetzt eins auf seinen Gewürzprüfer“, sagte Jung Hasard.

Philip nahm Maß, es geschah nur selten, daß er vorbeischoß, und setzte dem Nullinger die nächste Ladung prompt auf die Nase.

Die Hand zuckte vom Ohr zurück und landete platschend auf der Nase.

„Wenn das so weitergeht, schlägt er sich selbst tot“, sagte Hasard junior grinsend. „Jetzt ballern wir ihm noch eins auf die Klüsen, aber beide zusammen.“

„Klar, wie ’ne Breitseite“, versicherte Philip freudig.

Der Nullinger vollführte indessen recht seltsame Verrenkungen und hatte das enervierende Gefühl, in die Nahe eines Wespennestes geraten zu sein.

Da stand dieser Tolpatsch an der Pier, schlug sich aufs Ohr, klopfte sich eins auf die Nase und fuchtelte mit der anderen Hand sinnlos in der Luft herum, um die vermeintliche Hornisseninvasion abzuwehren.

Dann ging die lautlose Breitseite ab. „Auf die Klüsen“, wie Hasard gesagt hatte.

Wäre dies ein Gefecht gewesen, so hätten die Zwillinge zweifellos mit ihrer Breitseite fachmännisch ein Schiff versenkt.

Der Nullinger jaulte auf, als hätte ihn was gebissen. Voller Schmerz schlug er sich auf die Backbordklüse, dann erfolgte der Schlag auf die Steuerbordklüse, und dann hüpfte er jaulend von einem Bein auf das andere.

Noch immer kam er nicht auf den Gedanken, daß hinter diesen Angriffen ganz ordinäre Erbsen steckten, er hatte nicht den geringsten Verdacht, zumal die Zwillinge unauffällig auftauchten und ebenfalls durch die Luft hieben, damit der Nullinger seinerseits nicht auf die Idee verfiel, es stecke jemand dahinter.

Aber in seiner Panik sah er die Zwillinge gar nicht zusammen, sondern jeweils nur einen von ihnen.

Die hatten jetzt ihre erfolgreichen Breitseiten abgefeuert und lachten Tränen. Auch die Arwenacks amüsierten sich köstlich, denn das englische Hafentänzchen, das der Kerl dort aufführte, wirkte mehr als komisch.

„Jetzt müssen wir ihm eine Verschnaufpause lassen“, sagte Philip zu seinem Bruder.

„Klar, er soll sich ja erholen.“

Der Kerl auf der Pier rieb sich immer noch die Augen, bis das Brennen endlich nachließ. Mittlerweile hatte er seine Augen allerdings kräftig rot gerieben. Zwei Hände in Lauerstellung, stand er da, bereit, weitere Wespenangriffe sofort abzuwehren.

Philip schickte eine weitere Wespe auf die Reise, während Hasard scheinbar desinteressiert am Schanzkleid lümmelte.

Peng! Der Kerl schrie leise auf. Seine Hand klatschte vehement aufs rechte Ohr, und er verzog schmerzhaft das Gesicht. Gekrümmt ging er ein paar Schritte weiter und warf einen schnellen Blick auf die Galeone. Da sah er einen halbwüchsigen Knaben am Schanzkleid lümmeln und im Hintergrund mehrere Männer.

Als er wieder hochblickte, staunte er nicht schlecht. Da stand dieser Lümmel doch ganz vorn auf dem Schiff und grinste ein bißchen. Der mußte ja mit Sturmgeschwindigkeit von vorn nach achtern gerannt sein, und zwar so schnell, daß man es gar nicht sah.

Dieses merkwürdige Phänomen interessierte ihn trotz aller Schmerzen doch, und so glotzte er sich die Augen aus.

Tatsächlich! Der Lümmel verschwand und war in der nächsten Sekunde schon wieder achtern, wo er ausgiebig gähnte.

Teufel, hier ging etwas nicht mit rechten Dingen zu, daher wuchs seine Verblüffung von Sekunde zu Sekunde. Er riß das Maul auf und stierte das Schiff an. Dann fixierte er den Halbwüchsigen. Im selben Augenblick schloß sich sein Mund, und er schluckte im ersten Schmerz, denn in sein Eßzimmer war doch tatsächlich eine Wespe geflogen, und die hatte er auch noch verschluckt! Gleichzeitig stand der Bengel aber schon wieder vorn!

Der Nullinger bekreuzigte sich angstvoll und blickte dem Bengel in die eisblauen Augen, die ihn besorgt musterten.

„Passen Sie auf, Mister, hier gibt’s Wespen“, sagte er. „Hier muß ganz in der Nähe ein Nest sein.“

„He! Wie machst du das?“ fragte der Kerl entsetzt. „Einmal bist du vorn und dann gleich wieder achtern.“

„Ich kann zaubern“, versicherte der Bengel ernsthaft. „Meinen Vater haben sie deswegen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, aber mich haben sie nicht gekriegt, hihi! Ich bin zu schnell, Mister. Paß mal auf!“

Philip duckte sich hinters Schanzkleid und gab seinem Bruder Hasard mit der Hand ein Zeichen. Hasard richtete sich augenblicklich auf, während Philip sich faul auf die Planken legte, was der Kerl natürlich nicht sehen konnte.

Der war jetzt so perplex und genervt, daß er zu zittern anfing.

„Geht schnell, was?“ hörte er die Stimme des Bengels von weit achtern. „Paß auf die Wespen auf, Mister!“

Philip feuerte grinsend durchs Speigatt die nächste Breitseite ab, die den Kerl wiederum am Ohr traf.

Auf dem Achterdeck schüttelte der Bengel vorwurfsvoll den Kopf. Trotz der neuerlichen Schmerzen fixierte der Nullinger den Bengel und sah, daß der wieder hinter dem Schanzkleid verschwand. Sein schwarzhaariger Schädel war gerade verschwunden, da tauchte er schon im selben Augenblick wieder grinsend direkt vor ihm auf.

„Zauberer!“ kreischte der Kerl angstvoll.

Philip grinste hinterhältig.

„Pscht“, sagte er und legte den Finger auf die Lippen. „Ich werde dir mal ein Zauberkunststückchen zeigen, Mister, da wackeln dir aber glatt die Ohren. Ich kann mich sogar verdoppeln, aber das geht nur für ganz kurze Zeit. Ich werde vorn und achtern gleichzeitig sein, und damit du nicht denkst, das sei ein fauler Trick, stecke ich mir einen Finger ins linke Ohr und reiße das Maul auf. Willst du das mal sehen, Mister?“

„Das gibt es nicht“, ächzte der Mann fassungslos, den Burton zum Spionieren hergeschickt hatte.

„Doch, das gibt es“, versicherte Philip. „Paß genau auf!“

Der Kerl ging bibbernd ein paar Schritte zurück und glotzte. Dann sah er, wie der schwarzhaarige Kopf verschwand. Hastig bekreuzigte er sich schnell noch einmal. Dann geschah das Wunder. Nein, kein Wunder, das war Schwarze Magie, Zauberei, der Satan persönlich hatte hier seine Hand im Spiel.

Vorn und achtern tauchten gleichzeitig Köpfe auf. Zwei völlig identische Köpfe, die gleichen Haare, die gleichen Augen, die gleiche schmale Nase. Jede der Gestalten hatte den Finger im linken Ohr und den Mund weit aufgerissen. Ihre eisblauen Augen starrten den entnervten Kerl ausdruckslos an.

Dann nahmen sie den Finger aus dem Ohr, und als der Kerl vor Schreck laut aufstöhnte und eine Sekunde lang die Augen schloß, war der eine verschwunden, und der vor ihm sagte: „Das ist gar nicht so einfach, Mister, aber du darfst das keinem sagen, sonst muß ich auch auf den Scheiterhaufen. Und jetzt kenne ich noch einen viel besseren Trick. Ich laß dich mal ganz hoch in den Himmel steigen, paß auf! Aber der Trick klappt nicht immer. Der letzte Mann ist aus tausend Yards Höhe abgestürzt, weil ich niesen mußte. Hoffentlich sticht mich jetzt keine Wespe. Achtung, es geht los.“

Philip hatte die Worte noch nicht richtig heraus, da nahm der Nullinger seine Beine in die Hand und rannte los, als hätten sich die finstersten Höllenschlünde geöffnet.

Kreischend und brüllend stürmte er über die Pier und verschwand, ohne sich noch einmal umzublicken, zwischen den Lagerschuppen.

Hasard und Philip krümmten sich vor Lachen, Arwenack keckerte, als hätte er den Spaß verstanden, und Sir John schlug mit den Flügeln und kreischte obszöne Flüche in die Gegend.

Jeder an Bord amüsierte sich köstlich, ganz besonders der Profos, der wohlwollend auf die Rübenschweinchen blickte, wie er die beiden liebevoll nannte.

„Den habt ihr aber vergrault“, sagte er anerkennend. „Wir hätten den Kerl ja auch windelweich klopfen können, aber so ist es besser. Ich frage mich nur, ob wir das nicht doch noch nachholen sollen. Vielleicht erfahren wir dann Näheres über Burton und den anderen Halunken.“

Der Seewolf war auf der Kuhl erschienen und hatte die letzten Worte des Profos’ noch gehört.

„Das lohnt sich nicht“, sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung, „das ist nur ein Kundschafter, der ganz sicher nicht von den beiden Kerlen persönlich hergeschickt wurde. Der muß wieder einem anderen Meldung erstatten und so weiter. Dieser Informationsdienst spielt sich meist in den Kneipen ab. Burton gibt sich mit solchem Gesindel niemals persönlich ab.“

„War ja nur ein Vorschlag“, sagte Ed, „jetzt ist der Kerl sowieso total entnervt abgehauen.“

Ferris Tucker und Roger Brighton, Bens Bruder, gingen über Deck. Vor dem Seewolf, Carberry und den Zwillingen blieben sie stehen.

„Wir gehen jetzt zur Werft“, sagte Ferris, „wie wir es besprochen haben, und helfen ein wenig.“

„Shane will auch mitgehen“, sagte Hasard. „Gebt gut acht auf irgendwelches Gesindel, das sich da herumtreibt. Und beobachtet auch ein wenig die neuen Arbeiter, die bei Ramsgate angefangen haben. Möglich, daß Burton da jemanden unauffällig eingeschleust hat.“

Ferris nickte. „Wir sehen jedem auf die Finger, Sir, darauf kannst du dich verlassen.“

Auch Roger Brighton, der den Beruf des Takelmeisters erlernt hatte und sich bei Ramsgate nützlich machen wollte, nickte bekräftigend.

„Gegen Mittag folge ich euch mit ein paar Männern“, sagte der Seewolf. „Zu tun gibt es hier für uns nichts, und damit die Kerle kein Fett ansetzen, können sie auf der Werft mithelfen.“

Shane gesellte sich dazu, und dann zogen sie los.

„Da ist der Spion wieder, Mister Tucker!“ rief Philip dem rothaarigen Riesen hinterher, der seine mächtige Axt geschultert hatte und über die Pier ging.

Tatsächlich war der Quadratschädel wiederaufgetaucht. Er hütete sich jedoch, in die unmittelbare Nähe des Schiffes zu geraten, denn der Bengel war ein Zauberer, und wer weiß, was der ihm alles antat, falls er ihn noch einmal sah. Vor dem „Indie-Luft-Steigen“ hatte er mächtigen Bammel, denn das traute er dem Lümmel ohne weiteres zu. Zauberer konnten sich ja schließlich auch in die Lüfte schwingen, genau wie die Hexen, die nachts auf dem Besen durch die Lüfte geisterten.

Ferris und Roger sahen den Kerl ebenfalls, der sich wieder so betont unauffällig gab.

„Vielleicht meldet er jetzt seinem Auftraggeber, daß wir zur Werft gehen“, sagte Roger Brighton.

„Ganz sicher wird er das tun, aber damit er uns nicht folgt, werden wir uns ein bißchen streiten.“

„Wir uns streiten?“ fragte Roger.

„Klar, wir tun nur so, als ob. Aus Versehen kriegt der Bursche dann eben eins aufs Auge.“

„Einverstanden“, sagte Roger grinsend. „Wollen wir nicht noch auf Shane warten?“

„Der folgt uns schon, keine Bange.“

An der nächsten Pier lag nur eine uralte, halbvergammelte Galeone ohne Masten. Die schien es dem Kerl ganz besonders angetan zu haben, denn er hockte auf einem Poller und starrte das Ding an, als gäbe es sonst nichts auf der Welt. Aus den Augenwinkeln musterte er jedoch die beiden Seewölfe auf recht einfältige Art.

„Dem gehört wirklich was aufs Maul“, sagte Ferris. „Nicht, weil er hier den Kundschafter spielt, sondern weil er sich so saudämlich dabei anstellt.“

Jetzt waren sie auf Hörweite heran und kreuzten genau den Kurs des Pollerhockers.

„Verdammt!“ brüllte Ferris. „Laß mich jetzt mit diesem Blödsinn zufrieden, oder ich klebe dir eine!“

„Du mir eine kleben?“ schrie Roger zurück. „Da mußt du aber erst noch ein Stück wachsen.“

„Halt dein Maul, du Lümmel!“

Der Pollermann kriegte Stielaugen und schluckte. Vorsichtshalber stand er hastig auf. Das ist ja prächtig, daß die Kerle untereinander zerstritten sind, dachte er zufrieden. Vielleicht hat der junge Zauberer da ein bißchen gehext. Gleich gehen die Kerle aufeinander los.

Dummerweise stand er selbst jetzt genau zwischen ihnen, und dummerweise näherte sich auch noch ein Ungetüm von einem Mann mit grauen Haaren, einem wilden grauen Bart und Fäusten, die so groß waren, daß er damit mühelos Wasser aus einem Amboß quetschen konnte.

Der Rothaarige verstand anscheinend überhaupt keinen Spaß. Er warf seine Axt zu Boden und ging auf den anderen los. Sofort holte er zu einem gewaltigen Schlag aus. Dabei schoß sein Ellenbogen zurück und landete hart im Magen des Pollermannes. Der knickte in den Knien ein, kriegte keine Luft mehr und japste wie ein kranker Hund.

„He, halt mich nicht fest, du Transack!“ brüllte der Riese.

„Ha-hab i-ich doch nicht“, ächzte der Kerl und erhob sich mühsam und mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Da war der Graubart heran, und wieder standen die drei Kerle so ungünstig, daß er die Mitte innehatte.

Der graubärtige Riese fackelte auch nicht lange. Der wollte offenbar dem Rothaarigen eine feuern, aber alles hatte sich heute gegen ihn verschworen. Er sah noch die riesige Handfläche, die voll ausholte, dann kriegte er ein Ding auf die Nase, daß es ihn der Länge nach auf die Pier warf.

„Was hockt der denn da am Boden?“ fragte der Graubart. „Suchst du Regenwürmer zum Angeln, Kerl?“

Der Getroffene gab keine Antwort. Der Hieb hatte ihm die Luft genommen und das Wasser sturzbachartig in die Augen schießen lassen.

„Mich hat er festgehalten“, schnaubte der rothaarige Riese. „Gerade als ich dem eine scheuern wollte, hielt er mich fest.“

Der am Boden Liegende wollte verzweifelt signalisieren, daß alles wohl nur ein Irrtum sei, aber jetzt gerieten die drei über ihn selbst in Wut.

„Was hat der sich denn da einzumischen?“ fragte der Graubart.

Der Spitzel rappelte sich gerade mühsam auf, die Hände hatte er noch am Boden aufgestützt, da trat dieser eine Unhold zurück – und ihm auf beide Hände.

Ein Urschrei brach aus seinem Mund. Vor Schreck und vor Schmerz brüllte er so laut, daß Ferris Tucker herumfuhr und nach unten blickte.

„He, ist was?“ fragte er und trat zurück.

Der Kerl ächzte und starrte die Seewölfe an. Er begriff in diesem Moment überhaupt nichts mehr. Die Kerle grinsten alle so hundsgemein, aber, zum Teufel, warum? Er besaß gerade noch so viel Durchblick, um zu kapieren, daß es für ihn jetzt allerhöchste Zeit war zu verschwinden. Und zwar blitzartig.

Schreiend und voller Entsetzen sprang er auf die Beine. Doch seine Pechsträhne riß an diesem Tag nicht ab. Er stand kaum, als einer der Kerle mit dem Stiefel nach dem Rothaarigen trat. Aber der sprang blitzschnell zur Seite, und so traf dieser Stiefel mit einem gewaltigen Schwung seinen Achtersteven. Er fühlte sich wie eine Kanonenkugel abgefeuert, sauste ein Stück durch die Luft, sah das Hafenwasser auf sich zurasen, schrie auf und landete in der Brühe zwischen Dreck und einer Menge Abfall.

Die Kerle schienen das nicht einmal bemerkt zu haben. Er war fast halb tot, doch sie hatten das nicht einmal zur Kenntnis genommen. Er fühlte sich wie ein kleiner Wurm, den man im Eifer des Gefechtes nicht sah und der einem nur versehentlich unter die Stiefel geriet, weil man auf kleine Würmer ja nicht achtet.

Er schwamm um sein Leben, soff fast ab und zog sich dann mit allerletzter Kraft an der eisernen Leiter hoch. Dort kotzte er sich erst einmal die Seele aus dem Leib. Was er dann hörte, ließ ihn an seinem eigenen Verstand zweifeln.

Die drei standen da und reichten sich die Hände. Ja, sie lachten sogar, und der Rothaarige sagte lachend: „Vertragen wir uns wieder. Was sollen wir uns wegen so einer Kleinigkeit streiten.“

„Ja, vertragen wir uns wieder!“ riefen die beiden anderen. Ohne sich noch einmal umzublicken und als sei absolut nichts gewesen, gingen sie fröhlich davon.

Ein an Leib und Seele gebrochener Mann blickte ihnen nicht begreifend nach. Dann legte er den Kopf auf die Hände, blieb auf den Knien liegen und schluchzte laut. Bei Gott, er verstand die Welt nicht mehr, nein, er verstand gar nichts mehr. Wahrscheinlich hängt das alles mit diesem verdammten Zauberlümmel zusammen, dachte er entnervt. Bei diesen Kerlen würde er jedenfalls nicht mehr spionieren, das stand ebenfalls fest. Das mochten andere tun. Scheiß auf das bißchen Geld, das dabei heraussprang, das brachte nichts als Ärger, Angst und blaue Flecke.

Humpelnd schlich er etwas später, davon. Ihm war völlig egal, wo die Kerle hingingen. Sollten sie ans Ende der Welt marschieren, dorthin, wo der Pfeffer wuchs, oder noch weiter.

Eine Kabellänge weiter aber amüsierten sich Roger, Ferris und Shane über den Tolpatsch und seine Dämlichkeit.

„Kann denn einer allein so blöde sein?“ fragte Ferris lachend. „Der Kerl hat überhaupt keinen Verstand in seinem Schädel.“

„Die Lust zum Auskundschaften ist ihm vermutlich vergangen“, meinte Big Old Shane. „Erst haben ihn die Zwillinge genervt, und dann passierte ihm das hier.“

„Und jetzt blickt er sicher immer noch nicht durch“, sagte Roger. „Aber er hat sich verzogen, der läßt sich ganz sicher nicht mehr blicken.“

Sie gingen weiter in Richtung Werft.

9.

In der Dämmerstunde des nächsten Abends war es dann soweit.

Burton hatte siebzehn Schnapphähne aufgetrieben, insgesamt waren sie jetzt neunzehn Männer.

Einer seiner Spitzel jedoch, der Schiff und Leute beobachten sollte, war nicht mehr zurückgekehrt, er war spurlos verschwunden, und das beunruhigte ihn ein wenig.

In einem knapp zweistündigen Marsch erreichten sie außerhalb von Plymouth die Stelle, wo die Galeone des alten Patrick lag und immer noch auf die Ausrüstung wartete. Der alte Patrick hatte nur zwei Leute an Bord. Die anderen wurden erst dann wieder angemustert, wenn das Schiff klar zum Auslaufen war. Und der Alte selbst hockte natürlich wie immer irgendwo in einer Kneipe und war zu dieser frühen Stunde vermutlich stockbetrunken.

Das Schiff war an Land vertäut und hatte außerdem noch einen Anker gesetzt. Rechts waren ein paar kleine Felsen im Wasser, zur linken Seite dehnte sich ein schmaler, steinübersäter und mit Tang bedeckter Strand. Gleich dahinter wuchsen verkrüppelte Büsche und kleine Bäumchen.

Burton und Bromley schlichen sich bis dicht ans Ufer, während die anderen Kerle unsichtbar im Hintergrund lauerten.

„Siehst du jemanden an Bord?“ fragte der Exhauptmann.

Burton starrte sich schon seit einer ganzen Weile die Augen aus.

„Nein“, sagte er nach einer Weile. „Aber ich weiß, daß immer zwei Kerle an Bord sind.“

„Vielleicht liegen sie besoffen an Deck.“

„Darauf will ich mich lieber nicht verlassen. Wir warten noch eine Weile, bis wir Geräusche hören.“

Inzwischen war der Mond aufgegangen und schickte ein paar silbrige Strahlen über das Wasser. Dann verschwand er wieder hinter einer langsam dahinziehenden Wolkenbank. Der Wind hatte auch ein wenig zugenommen. Zum Segeln war die Nacht jedenfalls ideal.

Immer noch rührte sich an Bord nichts. Die kleine Galeone lag wie ein Geisterschiff am Strand. Manchmal sahen sie nur den ungefügen Schatten, dann wieder zeichnete sie sich deutlich ab, wenn der Mond zwischen den Wolken hervorlugte.

„Geh leise zurück und beruhige die Kerle, Mark“, sagte Burton mit Flüsterstimme. „Sie sollen noch ein wenig warten, ich möchte keine weitere Pleite erleben.“

„In Ordnung.“

Es raschelte leise, dann war Bromley verschwunden, während Burton die Augen zusammenkniff und das Schiff weiter beobachtete.

Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, aber dann sah er doch erleichtert einen kleinen Lichtschein an Bord. Also hatten die Kerle doch gepennt, waren jetzt erwacht und zündeten eine Lampe an.

Verdammt, dachte Burton, sie im Schlaf zu überfallen wäre viel einfacher gewesen, aber wer konnte das wissen? Ebensogut hätten sie hinter dem Schanzkleid auf den Planken hocken können.

Er drehte sich um und eilte zurück, bis er die anderen erreichte.

„Ganz leise jetzt“, mahnte er im Flüsterton. „Lautlos ins Wasser steigen und an der Bordwand hochziehen. Die Kerle halten sich noch im Vorschiff auf. Ihr braucht nur bis zu den Hüften ins Wasser, das Schiff liegt nur wegen den Gezeiten nicht ganz dicht dran. An Deck wartet ihr, bis die Kerle oben erscheinen. Aber bewegt euch um Himmels willen ganz leise, sonst gibt es Geschrei.“

Er warf noch einen kurzen Blick auf die Gestalten. Sie sahen wirklich wie Piraten übelster Sorte aus, Abschaum aus den Hafenkneipen, Kerle, die man nicht gegen Geld und gute Worte an Bord nahm, jedenfalls nicht auf ehrlichen Handelsschiffen.

Der Trupp schlich vorwärts, aber als Burton sie mit Handzeichen aufforderte, ins Wasser zu steigen, tippten sich zwei der Kerle ebenso wortlos mit dem Finger an die Stirn und grinsten. Als Burton in der Annahme blaß wurde, die Kerle würden jetzt kneifen, grinste der eine noch breiter und zeigte auf die Trossen, mit denen die Galeone vertäut war.

Burton nickte zähneknirschend und sah das ein. Er war schließlich kein Seemann. Klar, die Trossen boten sich geradezu an, und wenn man an ihnen hinüberhangelte, verursachte das gar kein Geräusch.

Der eine hing schon wie eine Ratte am Tampen und bewegte sich lautlos, schnell und geschmeidig zur Galeone hinüber.

Durch sein Gewicht hing das Tau etwas durch, und das Schiffchen gierte zum Land hin, aber die Ankertrosse kam steif, und so hing das Tau auch nicht weiter durch.

Der zweite und dritte folgten. Der vierte flitzte wie ein Klammeraffe an dem Tau entlang. Schattenhaft verschwanden sie an Bord, Schnapphähne, die ihr Handwerk verstanden.

Schließlich waren ein Dutzend Männer an Bord, und die beiden Wachen hatten immer noch nichts gemerkt.

Burton trat von einem Fuß auf den anderen. Natürlich wollte er auch hinüber, genau wie sein Spießgeselle Bromley. Er traute sich nur nicht, an dem Tampen entlangzuhangeln, und das Wasser war ihm zu kalt. Bromley erging es nicht viel anders, und so traten sie nervös von einem Bein auf das andere und warteten.

Weitere Kerle zogen sich hinüber. Da wollte Bromley auch nicht länger nachstehen und sprang mit einem heldenhaften Satz ins Wasser. Es gab ein klatschendes, lautes Geräusch. Als er dann verzweifelt zur Bordwand griff, hörte es sich an, als würde jemand mit dem Hammer auf das Schiff einschlagen.

Burton knirschte mit den Zähnen. Im Nu war drüben der Teufel los, doch die Knechte, die er angeheuert hatte, bügelten Bromleys Fehler sofort wieder aus. Die beiden Wachen hatten keine Chance.

Ein leiser Schrei war zu hören, ein unterdrücktes Keuchen. Gestalten bewegten sich hin und her, und dann schlug etwas auf die Planken.

Ein neuer Schrei, ein paar Schläge. Ein Kerl segelte durch die Luft und landete in hohem Bogen im Wasser. Das war der eine Wächter, der zweite folgte blitzschnell hinterher.

„Seid ihr verrückt?“ rief Burton voller Zorn. „Fischt die Kerle gefälligst wieder auf, sonst sind sie noch vor uns im Hafen!“

„Sollen wir sie vielleicht spazierenfahren?“ fragte eine brummige Stimme vom Schiff her.

„Gebt ihnen eins über den Schädel und sperrt sie irgendwo ein.“

„Weshalb soll man Toten denn eins über den Schädel hauen?“ fragte die Stimme eines Mannes höhnisch zurück.

Burton zuckte mit den Achseln. Daß er sich da keine sanften Lämmer eingehandelt hatte, wußte er. Aber die Kerle hätten auch anders vorgehen können.

Trotzdem mußten die Toten aus dem Bach, damit man sie nicht vorzeitig fand, falls sich etwas verzögerte. Zwei Mann stiegen ins Wasser, packten erst den einen der Wächter, hoben ihn hoch und reichten ihn ihrem Kumpanen. Dann folgte der andere.

Jetzt erst entschloß sich auch Burton, in das kalte Wasser zu steigen, doch in diesem Augenblick wurde eine Planke zum Ufer geschoben, und er konnte wie ein Admiral an Bord gehen. Man war ja schließlich wer!

Bromley hatte es in der Zwischenzeit ebenfalls geschafft und wie ein nasser Sack das Schiff erklommen. Jetzt fror ihn ein wenig. Er verspürte schon wieder diesen entsetzlichen Hunger und schnatterte wie vor ein paar Jahren im Tower.

„Steckt die Wachen in einen Verschlag oder sonstwohin!“ befahl Burton. „Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme.“

„Tote an Bord bringen Unglück“, erklärte eine Stimme.

„Wir wollen mit ihnen ja nicht die Welt umsegeln“, erwiderte Burton scharf. „Also bringt sie weg!“

Über diese abgetakelten Kerle ein Kommando zu führen ist gar nicht mal so einfach, dachte er. Er bezahlte sie zwar für ihre Arbeit, aber sie wußten alles besser und kannten sich im Gegensatz zu ihm in der Seemannschaft eben besser aus.

Als die beiden Wachen verschwunden waren, besichtigte Burton erst einmal das Schiff. Patricks alte Galeone hatte auf jeder Seite vier mittelgroße Stücke, aber die Rohre sahen nicht gerade vertrauenerwekkend aus. Vermutlich war schon lange nicht mehr aus ihnen gefeuert worden.

„Wie steht’s mit den Kanonen?“ fragte er einen baumlangen Kerl.

„Für jeweils einen Schuß wird es schon reichen. Kann auch sein, daß uns die Rohre nach dem Abfeuern um die Ohren fliegen, Mister.“

„Habt ihr Pulver und Kugeln gefunden?“ wollte er dann wissen.

„Ja, eine ganze Menge. Aber wie geht es nun weiter?“

„So, wie es besprochen wurde. Wir segeln an der Werft vorbei, feuern, drehen wieder um und feuern noch mal, bis die Kanonen leer sind. Dann fahren wir mit dem Kahn irgendwo aufs Land und verschwinden. Das Ziel gebe ich euch noch an.“

Fahren, drehen wieder um, Kanonen leer, dachte der Kerl. Das waren ja nette Ausdrücke, aber das konnte ihm egal sein, wenn dieser feiste Mister davon nichts verstand. Dafür waren sie schließlich da.

Der Lange nickte.

„In Ordnung, Mister. Wir haben ein paar Mann dabei, die sich darauf ganz gut verstehen, die können auch Segel setzen und diesen alten Zossen hier gut steuern.“

„Dann ist ja alles in bester Ordnung“, sagte Burton. „Bloß die Strikke müssen wir nachher an Bord nehmen. Das wird nicht so einfach sein. Dann muß ja einer an Land bleiben.“

Himmel, hat der gute Mann eine Vorstellung von der Seefahrt, dachte der Lange schaudernd. Wenn beim Loswerfen jedesmal ein Kerl an Land zurückbleiben würde, dann gäbe es auf der ganzen Welt bald keinen einzigen Seemann mehr.

„Die kappen wir, auch die Ankertrosse, das Zeug brauchen wir ohnehin nicht mehr. Ich meine, wir schneiden sie mit dem Messer ab, Mister, und lassen sie sausen.“

„Ach so, ja, natürlich. Die Stricke schneiden wir durch, klar“, sagte Burton, dem das Schiff ein Buch mit sieben Siegeln war.

Burton und Bromley inspizierten den alten Kahn. Sie sahen sich die Räume an, tauchten auch in der winzigen Pulverkammer auf und benahmen sich so, als wären sie ihr ganzes Leben lang zur See gefahren. Daß sie den anderen dabei ständig im Weg herumstanden, fiel ihnen nicht auf.

Die angeheuerten Knechte, Fischer und Beutelschneider entwickelten eine emsige Aktivität.

„Ich staune nur, wie diese Kerle sich bei Nacht überall zurechtfinden“, meinte Bromley. „Die benehmen sich so, als kennen sie jede Planke von diesem Schiff. Ich wüßte nicht, wo ich zuerst anfangen sollte.“

„Ich auch nicht“, gab Burton ehrlich zu. „Du solltest jedoch in Zukunft nicht so voreilig sein, Mark. Dein Sprung ins Wasser hätte unter ungünstigen Umständen alles vermasseln können.“

„Ich will eben auch meinen Teil dazu beitragen. Sag mal, wo sind eigentlich die Schlafräume von diesen Kerlen? Ich meine, die müßten doch auch eine Küche haben, eine kleine wenigstens.“

„Was willst du denn dort?“

„Ich habe Hunger, und mit leerem Magen kann ich keinen klaren Gedanken fassen.“

„Jaja, ich verstehe“, sagte Burton seufzend. Er blickte Mark Bromley an, aus dessen Klamotten immer noch das Wasser troff. Der dilettantische Exhauptmann stand da und schnatterte wie eine Ente.

Den Weg zum Quartier mußten sie sich zeigen lassen, weder Burton noch Bromley fand ihn. Als sie dann endlich unten in der muffigen Kammer standen, wo noch immer schwach eine Lampe brannte, riß Bromley die Schapps auf und wühlte darin herum.

Er fand ein paar runzelige Mohrrüben, zwei Äpfel, ein Stück Hartbrot sowie einen kleinen Tiegel mit leicht ranzig riechendem Schmalz.

Ausgehungert, als hätte er tagelang nichts gegessen, fiel er darüber her, stopfte sich die Äpfel in den Mund, zerbrach das Hartbrot, stippte es in das ranzige Schmalz und schlang alles gierig hinunter.

Burton stand daneben und sah angewidert zu. Von dem Zeug hätte er keinen Bissen runtergekriegt, selbst nach drei Hungertagen nicht. Bromley kratzte auch noch den Rest des Schmalzes mit dem Finger aus dem Holztöpfchen, aber satt war er immer noch nicht, und so stöberte er weiter.

„Und wo ist die Küche?“ fragte er gierig.

„Die werden wir auch noch finden, keine Angst.“

Bromley wrang ein bißchen an seinen nassen Klamotten herum und hinterließ überall eine feuchte Spur, wo er ging und stand.

Die Kombüse war so klein, daß sich zwei Männer gerade darin aufhalten konnten. Ein entsetzlicher Geruch drang aus dem Raum. Als Bromley mit der Lampe hineinleuchtete, wunderte er sich über die Decke in der Kombüse, denn sie sah aus, als hätte man sie dick paniert. Dann kam aber ziemlich schnell Leben in sie, denn die Panierung war nichts anderes als eine Armee von Kakerlaken, die jetzt verstört nach allen Richtungen davonflitzten.

Burton ging mit einem Gefühl des Ekels hinaus. Er hörte Bromley rumoren, wühlen und Fußtritte austeilen, mit denen er gegen die Schapps donnerte. Offenbar hatte er wieder was zu essen gefunden, denn Burton hörte ihn mampfen.

Pfui Deibel, dachte er, der frißt sogar das von Kakerlaken und Kleister durchsetzte Mehl aus den Säcken. Dem mußten sie ja damals im Tower ganz gehörig zugesetzt haben. Diesen Hungertick würde er bis an sein Lebensende nie wieder loswerden.

Oben an Deck wurde geflucht. Schritte und Getrappel waren zu hören, Kugeln polterten an Deck. Die kleine Galeone wurde in Gefechtszustand versetzt und aufgeklart, und Bromley hockte hier unten und stopfte alles in sich hinein, was er an Eßbarem fand.

Endlich erschien er wieder, grinsend und erleichtert, wie Burton sah. Aus seiner rechten Hosentasche lugten noch ein paar der verrunzelten Karotten heraus. Notproviant für alle Fälle. Den hatte er eingesackt, damit ihm keiner etwas wegnahm.

Zusammen gingen sie wieder an Deck. Dort hatte sich einiges verändert. Die Stückpforten waren hochgezogen worden, die Kanonen ausgerannt, und an Deck sah es wüst aus.

Der Lange, dessen Namen Burton nicht wußte, der aber hier das Kommando über die anderen führte, wandte sich um.

„Wir sind fertig“, sagte er. „Hat eine verdammte Menge Schweiß gekostet, Mister.“

„Und mich eine verdammte Menge Geld“, sagte Burton kühl, denn er hörte genau den geldheischenden, lauernden Ton heraus.

„Dann können wir jetzt segeln?“

Burton sah prüfend zum Himmel. Es mußte schon weit nach Mitternacht sein, knapp drei Uhr, wie er schätzte. Der Wind war gerade richtig und die halbdunkle Nacht wie für einen Überfall geschaffen. Der Mond lugte nur hin und wieder zwischen den Wolken hervor und gab gerade so viel Licht, daß man Dinge unterscheiden und auseinanderhalten konnte.

„Ja, wir fahren los“, sagte er. „Ihr wißt ja, wie wir vorgehen werden. Dann aber nichts wie raus und den Kahn auf Land gesetzt.“

„Und wo genau?“

„Das überlasse ich euch. Die Stelle muß so gewählt sein, daß wir gute Fluchtmöglichkeiten haben. Ich glaube zwar nicht, daß man uns verfolgen wird, dazu wird alles zu schnell gehen, aber wir müssen ungesehen verschwinden können.“

Er beschrieb dem Langen noch die Stelle, wo die „Pride of Galway“ lag, und sagte ihm, daß sie möglichst außer Sichtweite des Kahns fahren sollten, doch das wußte der Lange selbst. Schließlich wollte auch er seine Haut nicht unnötig riskieren.

Dann übernahm der Lange selbst den Kolderstock, den Burton als „Knüppel“ bezeichnete, und gab mit leiser Stimme Kommandos. Burton und Bromley, der schon wieder eine dieser entsetzlich verschrumpelten Mohrrüben kaute, erklommen das Achterdeck und stellten sich breitbeinig hin wie Admiral und Kapitän, denn sie gehörten ja zur „Schiffsführung“.

Zwei Segel wurden gesetzt, anschließend kappten sie das Ankertau, und sofort begann die Galeone zu zerren. Noch aber hielten sie die Leinen.

„Le goooh!“ brüllte der Lange und stemmte sich mit aller Kraft gegen den „Knüppel“.

Dann ein feines Singen, und zwei Leinen schlängelten sich pfeifend zum Land hin und knallten ins Wasser.

Die alte Galeone legte ab und nahm Fahrt auf. Burton und Bromley rieben sich die Hände und grinsten in der Vorfreude auf das, was die Seewölfe erwartete. Bald würde ihr aufgelegter Neubau nur noch ein Trümmerhaufen sein.

Dicht unter Land rauschte Patricks alte Galeone an der Werft vorbei. Dort wirkte alles düster und drohend. Schiffsgerippe stachen wie schwarze Leichenfinger in den Nachthimmel. Wolken jagten am Himmel entlang, und das bißchen Mondlicht ließ alles noch gespenstischer erscheinen.

Burton hatte Mühe, Einzelheiten zu unterscheiden. Er wunderte sich nur über den dicken Rumpf auf der Werft und staunte, daß das Schiff schon so weit gediehen war.

„Ist es das?“ fragte Bromley heiser vor Aufregung. Burton biß sich auf die Lippen und nickte heftig.

„Ja, das muß es sein. Aber die können doch noch nicht die Masten aufgestellt haben.“

„Davon hat keiner was berichtet“, sagte Bromley nervös. „Da scheint noch ein anderes Schiff zu liegen. Man kann es verdammt schlecht unterscheiden.“

Das Mondlicht spielte ihnen ebenfalls einen Streich, denn der narbige Bursche versteckte sich schamhaft hinter einer finsteren Wolkenbank. Jetzt sah man nur noch Silhouetten, einen Rumpf, ein paar Bäume, die in den Himmel wuchsen, und zwei hingeduckte Schatten.

„Ich warte“, sagte der Lange ungeduldig. „Sie müssen sich schon entscheiden, Mister, denn ich kann bei diesem Wind nicht vor der Werft kreuzen. Welches ist es nun?“

„Das da drüben“, sagte Burton heiser. „Da, direkt, wo die beiden Schuppen sind.“

Der Lange kreuzte noch ein wenig auf. Die Galeone bewegte sich nur noch mühsam vorwärts. Später, wenn sie die eine Breitseite abgefeuert hatten, würde sich das ändern, dann hatten sie den Wind fast von achtern und konnten wie die Teufel hinaussegeln und die andere Breitseite abfeuern.

Noch einmal vergewisserte sich der Lange über das Ziel, dann gab er die Meldung weiter an einen Kerl, der lauernd am Niedergang des Achterdecks stand.

„Ohne Kommando feuern, wenn das Ziel erfaßt ist“, sagte er, woraufhin der andere wie ein Schatten verschwand.

Burton, eben noch voll hämischer Freude, fühlte sich jetzt gar nicht mehr so wohl in seiner Haut. Es war doch etwas anderes, einen Überfall zu planen, als ihn später auszuführen. Er hatte die Werft ganz anders in Erinnerung. Jetzt lag da ein Gewirr aus Schiffskörpern, Gerippen, Masten, ein Durcheinander ohne jeden scheinbaren Sinn.

Einen leichten Zweifel gab es noch, doch den räumte er skrupellos aus. Das mußte einfach der Neubau sein, nein, es gab keinen Zweifel daran. So hatten es ihm seine Spitzel berichtet, und so hatte er aus der Ferne selbst gesehen. Das waren auch keine Masten, das waren die hochgezogenen Seitenbalken von dem Neubau oder wie man diese gerippeähnlichen Hölzer nannte.

Er zuckte heftig zusammen. Bromley neben ihm erschrak so, daß er zu zittern begann, denn nun war der Teufel los.

Nacheinander zuckten vier gewaltige grelle Blitze aus dem Schiff. Sie erhellten die Nacht wie ein Gewitter. Ein urweltliches Brüllen brach los. Vier Rauchwolken hüllten das Deck ein, das sich so heftig bewegte, als löse es sich in seine Bestandteile auf.

Auf der Werft schlug es berstend und krachend ein, Trümmer flogen durch die Luft.

Die Kerle verstehen ihr Handwerk, dachte Burton beklommen, die schießen alles in Fetzen.

Noch immer regnete es Trümmer, dann zuckte dort drüben ein kleines Feuerchen auf. Weiß der Teufel, was die Kerle dort getroffen hatten oder was sich da entzündete.

„Helden zur See sind wir“, begann Bromley heroisch zu singen, aber Burton hörte das gar nicht. Noch immer versuchte er, in dem Gewimmel genauere Einzelheiten zu erkennen.

Die Galeone segelte noch ein Stück weiter, dann ging sie über Stag, die Segel wurden nachlässig getrimmt, sie killten und knatterten dann wie Musketenschüsse. Der Wind ließ das Schiff leicht krängen, dann fiel es fast von achtern ein, und jetzt nahm es rasch Fahrt auf.

Burton hielt sich krampfhaft am Schanzkleid fest und bewunderte insgeheim diese lausige Piratenbande, die sich an dem Brüllen, Grollen, Blitzen und Donnern gar nicht störte. Gestalten rannten über Deck, hantierten jetzt auf der anderen Seite an den Kanonen und lauerten, bis die Galeone wieder an ihrem Ziel vorbeilief.

Burton fühlte, daß er das Heft nicht mehr in der Hand hielt. Er sah auch mit einem Schauer des Entsetzens, daß sie zwar getroffen hatten, aber doch wohl leider das falsche Schiff erwischt hatten, denn es brannte auf der dickbäuchigen Galeone, aber nicht daneben. Da lag nämlich das Gerippe des anderen Schiffes immer noch unversehrt da.

Um Himmels willen, dachte er angstvoll. Hoffentlich hatten sie da keinen Mist gebaut.

Seine Augen tränten vom Starren, und er knetete aufgeregt seine fleischigen Finger.

Dann sprang er auf den Langen zu und rüttelte ihn an der Schulter.

„Verdammt! Ihr Arschlöcher habt das falsche Schiff getroffen!“ brüllte er enttäuscht. „Ich sagte doch …“

Was er noch sagen wollte, verstand niemand mehr. Auch Mark Bromleys Gesang von den Helden, die zur See fuhren, brach jäh ab, denn nun nahm der Feuerzauber seine Fortsetzung.

Egal, was Burton auch immer gerufen oder gebrüllt oder welche Befehle er gegeben hatte, die Kerle hörten nichts mehr. Sie tobten sich an den vier Kanonen mit einer wahren Begeisterung aus.

Abschuß, Feuer, Blitze, Rauch. Ein Einschlag, der alles erbeben ließ. Die zweite Kanone hämmerte ihre Kugel hinüber, gleich darauf die dritte, dann die letzte.

Mark Bromley sang laut und falsch und angstvoll, um sein Zittern zu kaschieren.

„Helden wie wir treffen immer, wir schießen alles in Trümmer, wenn auch die Welt untergeht, unser Kämpferherz stets überlebt.“

„Scheiße“, sagte der Lange fluchend. „Wir haben doch getroffen, das sehen Sie doch selbst.“

Drüben wurde der Brand größer. Ein Lichtschein zuckte auf, und vor dem Fockmast der Galeone brannte es. Die war jetzt auch als Galeone deutlich im Widerschein zu erkennen, auch das schwarze Gerippe dahinter sah man deutlich.

Burton hustete und schluckte, denn noch immer kriegte er diesen widerlich stinkenden Rauch ins Gesicht. Seine Augen tränten, er zitterte und war nahe daran, sich zu übergeben.

„Ihr blöden Säcke!“ schrie er den Langen greinend an. „Das – das ist die Galeone von Sir Lawrence, die ihr getroffen habt. Wenn das rauskommt, daß wir dahinterstecken, dann baumeln wir übermorgen alle am Galgen.“

Mark Bromley hatte die Worte vernommen, und ihm wurde ebenfalls speiübel vor Angst. Das ist ja wieder mal voll in die Hosen gegangen, dachte er entsetzt.

Sogar der Lange am Kolderstock wurde jetzt unruhig.

„Sir Lawrence?“ fragte er gepreßt.

„Ja, Sir Lawrence!“ brüllte Burton. „Jetzt, im Feuerschein, habe ich deutlich das Wappen gesehen. Und der versteht verdammt keinen Spaß in solchen Dingen, der segelt im Auftrag der Regierung.“

Ogottogott“, sagte der Lange.

Die anderen murrten laut und stiegen aufs Achterdeck. Weit hinter ihnen qualmte und brannte es, und als sie den Namen „Sir Lawrence“ vernahmen, da verging ihnen die Schadenfreude.

„Segel doch schneller, Kerl!“ fauchte Burton den Langen an, der nun immer biestiger wurde.

„Leck mich doch am Arsch!“ schrie er Burton an. „Mit solchen lausigen Kerlen wie euch soll man eben nichts anfangen. Ihr verdammten Hosenscheißer habt ja von nichts ’ne Ahnung.“

„Aber ich habe doch gesagt, ihr …“

„Halt die Schnauze, du Fettsack“, sagte ein anderer Mann. „Wir sind für jeden Spaß zu haben, aber damit wollen wir nichts zu tun haben. Du hast diesen Mist gebaut, du fetter Hund.“

„Jawoll!“ schrie ein anderer. „Man sollte den Kerl über Bord werfen oder noch besser gleich erledigen und den anderen Hungerleider dazu. Jetzt geht der Ärger los.“

Burton und Bromley sahen sich umringt. Was eben noch scheinbar so wunderbar geklappt hatte, änderte sich jetzt zum Schlechten.

An Land wurden Lampen entzündet. Leute erschienen, verschlafen und entnervt von dem plötzlichen Gedonner.

Das alles hatte der Lange einkalkuliert. Klar, daß dieser Feuerzauber nicht unbemerkt blieb, aber den ehrenwerten Sir Lawrence, den hatte er nicht auf der Rechnung gehabt. Und dieser wilde Fuchs würde natürlich alles daransetzen, um die Kerle zu kriegen die da sein stolzes Schiff mitten in der Nacht heimtükkisch und hinterhältig zusammenschossen und zu Trümmern verarbeiteten. Sir Lawrence hatte Verbindungen bis zum Hofe. Solch einem Mann schoß man nicht ungestraft die Galeone zusammen.

Daher war es nur verständlich, daß sich die Wut und der Ärger jetzt auf Burton und Bromley konzentrierten. Dem Exhauptmann war das Absingen von Heldenliedern gründlich vergangen, und Burton fühlte sich schlicht und einfach von Leuten bedroht, die in seinen Diensten standen und ihm jetzt ans Leder wollten.

Daher lenkte er rasch ein.

„Ich kann mich ja auch irren“, sagte er hastig. „Vielleicht war es doch ein anderes Schiff. Aber wir müssen jetzt eisern zusammenhalten, Leute, und keiner darf auch nur andeuten, daß er etwas von heute nacht weiß.“

Der Lange lachte verächtlich. Er segelte wie der Teufel persönlich.

„Ja, glaubst du Blödmann denn, wir werden das an die Kirchenglokken von Plymouth hängen! Wir setzen den Kahn jetzt auf, gleich da vorn, unter vollem Preß, und dann verschwinden wir ganz zackig in der Nacht. Wo ihr hingeht, ist mir scheißegal, aber folgt uns ja nicht. Verkriecht euch lieber in eine andere Gegend.“

Burton verstand die drastische Sprache nur allzu gut. Sie konnten wirklich noch froh sein, von den Kerlen nicht umgebracht zu werden.

Das war nun der Dank für eine große Sache!

„Klar, das tun wir“, versicherte er schnell. „Es soll auch euer Schaden nicht sein. Ich werde mich erkenntlich zeigen.“

„Mit dir wollen wir nichts mehr zu tun haben, du Fettkloß“, rief ein Mann mit kantigem Gesicht. „Halt besser die Schnauze und sieh zu, daß du nachher ganz schnell deine Gräten in die Hand nimmst.“

Die Nacht war jetzt rabenschwarz. Weit hinten an der Werft aber zuckte immer noch der Lichtschein durch die Nacht, und vom Hafen her war Gebrüll zu hören. Sie segelten unter vollem Preß ins Nichts hinein. Burton sah voraus nicht einmal mehr die Hand vor Augen. Zitternd und weiß vor grenzenloser Wut und Enttäuschung stand er an Deck und dachte über sein Pech nach. Bromley sagte auch nichts mehr, der hatte die Hosen gestrichen voll vor Angst.

Der Kerl am Kolderstock aber schien Augen wie ein Luchs zu haben. Er segelte so hart, als befinde er sich mitten in einem Ozean. Dann ließ er ganz plötzlich den Kolderstock los und warf sich auf die Planken. Burton und Bromley standen noch wie versteinert herum. Dann wurde die Galeone plötzlich von einer mächtigen Faust gestoppt. Von einer Sekunde zur anderen stand sie still, als sei sie in eine Mauer gerannt.

Burton sauste wie eine Kanonenkugel über das Deck und schlug schwer auf. Er schlug sich die Nase an den Planken blutig und spürte, wie eine zweite Gestalt aufschreiend in seinem Kreuz landete. Das war der Exhauptmann Mark Bromley, der ebenfalls nichts von der Seefahrt wußte. Vor allem nicht, daß man sich in einem solchen Fall vorsorglich einen festen Halt verschafft.

Zum Glück war Burton fleischig und massig, und so passierte Bromley nicht viel. Burton selbst hatte da wesentlich mehr abgekriegt.

Etwas brach mit berstendem Knall, Kerle schrien und fluchten in der übelsten Weise, und dann knallte etwas an Deck, was sich so anhörte, als würde ein Wald gerodet. Ein dumpfes Rauschen, dann deckte ein schweres, feuchtes Segel die beiden Kerle zu, die darunter zappelten und angstvoll schrien.

Burton konnte sich schließlich befreien und zog den zähneklappernden Exhauptmann unter dem Segel hervor.

„Hallo!“ schrie er dann. „Wo seid ihr?“

Damit meinte er die anderen. Aber die hatten nicht auf ihn gewartet, sondern die Zeit genutzt. Sie waren über Bord gesprungen, hatten die Beine in die Hand genommen und waren losgelaufen. Burton und Bromley befanden sich allein auf einem verlassenen Schiff.

Bromley fluchte wild, rannte umher, stieß sich den Schädel und fluchte weiter.

„Schrei nicht so!“ fuhr Burton ihn an. „Die hören dich ja bis zur Werft. Wo sind wir hier überhaupt?“

„Keine Ahnung“, jammerte Bromley. „Ich glaube, wir sind mitten auf einer Wiese gelandet. Wie – wie steigen wir denn hier aus?“

„Rutschen“, sagte Burton lakonisch. „Der Kahn liegt ja ganz schief. Vielleicht können wir vorn hinunterrutschen.“

Sie konnten aber nicht rutschen, und so hangelten sie sich über das Schanzkleid, ruderten und zappelten mit den Beinen, fanden aber keinen Grund.

Da ließ Burton sich einfach fallen. Mit einem Aufschrei landete er der Länge nach im Wasser. Bromley schlug wie ein nasser Sack direkt neben ihm ein. Er erhob sich torkelnd, tastete nach Burtons fleischiger Hand und zog ihn mit sich.

Das Wasser wurde immer tiefer. Erst ging es ihnen nur bis zu den Knien, jetzt reichte es schon fast bis zur Brust.

„In die andere Richtung, du Hammel!“ fluchte Burton. „Und laß mich endlich los, mir reicht es.“

„Wo sind denn nur die anderen?“ fragte Brommley immer wieder. „Die hätten doch noch warten können.“

Burton gab keine Antwort. Er fühlte sich hundeelend, ihm war übel, sein Körper schmerzte, und der Ärger fraß ihn fast auf.

„Wir hätten das anders anpacken sollen“, keuchte er, als er endlich an Land war. „Ich weiß nicht, wie die anderen das immer schaffen, aber bei mir geht alles schief. Los, da hinüber, über den Strand, Mark!“

„Bei mir geht auch immer alles schief“, jammerte Bromley. „In dem stinkigen London hat es angefangen, und kaum bin ich wieder frei, muß ich weitere Qualen erdulden. Ist das denn gerecht, Samuel?“

„Nein, gewiß nicht“, knurrte Burton.

Sie humpelten über den Strand und bemitleideten sich gegenseitig.

Hinter den Büschen begannen sie zu rennen.

„Wir hauen uns in den alten Schuppen auf der Wiese hinter meinem Haus“, sagte Burton. „Da sucht uns niemand, falls sie herauskriegen, wer das war.“

„Mir ist alles egal, Samuel.“

„Mir nicht. Weiter jetzt!“

Dann verschluckte sie die Dunkelheit.

10.

Kurze Zeit vorher.

Auf der Sambuke von Ben Brighton wie auch auf der „Pride of Galway“ hatten die wachegehenden Seewölfe den Segler zwar bemerkt, doch der war weit entfernt, und es war nicht ungewöhnlich, daß nachts ein Schiff vorbeisegelte.

Dann aber war alles ziemlich schnell gegangen, der Feuerzauber, der Donner und die Einschläge auf der Werft.

Hasard ließ die kleine Jolle bemannen und segelte zur Werft hin über. Dort hatten sich schon einige Leute und Arbeiter eingefunden, die den Brand schnell unter Kontrolle brachten.

„Das galt einwandfrei uns“, sagte Hasard, „ein neuer Anschlag von diesen beiden Halunken, nur haben sie das falsche Schiff getroffen. In die Galeone hat es mindestens fünfmal eingeschlagen. Da wird Sir Lawrence sehr erbost sein und Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um die Kerle zu kriegen.“

„Es muß nur noch bewiesen werden“, meinte Dan O’Flynn, „und das dürfte gar nicht einmal so leicht sein.“

Die Galeone sah in der Tat erbärmlich aus. Überall ragten geborstene Planken aus dem Bauch des Schiffes heraus. Das Deck war aufgerissen, in der Bordwand klaffte ein riesiges Loch. Sie konnten nichts weiter tun, aber sobald es hell wurde, sollten die Aufräumungsarbeiten beginnen.

„Wir verholen nachher zur Werft“, sagte Hasard frostig, „damit das nicht noch einmal passiert. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen, und wir decken ihn zu. Es ärgert mich, daß ich diesen Gedanken nicht schon früher hatte.“

Er blickte über den Hafen zur Sambuke hin, die wie ein kleines Spielzeug aussah. Ben Brighton hatte die Segel gesetzt, den Anker gehievt und segelte los.

„Er wird sie nicht mehr kriegen“, meinte Shane, „die Halunken haben sich längst abgesetzt und haben mindestens einehalbe Stunde Vorsprung.“

Ben Brighton unternahm den Versuch trotzdem. Die kleine, wendige Sambuke, mit der er vom Mittelmeer über den Atlantik bis nach England gesegelt war, bewegte sich schnell und leicht und glitt wie ein Schemen über das Wasser.

Am Horizont kroch jetzt ein fahler Schimmer hoch. Er segelte nicht mehr in die Nacht, sondern in den frühen Morgen hinein. Er wußte auch, daß er gegen die Übermacht nichts ausrichten konnte, aber es ließ ihm einfach keine Ruhe.

Etwas später entdeckten sie im fahlen Dämmerlicht die Galeone.

Ben ging in den Wind und hielt auf den Strand zu.

„Die ist unter vollem Preß da hinaufgejagt worden“, sagte er. „Wir gehen längsseits, obwohl ich kaum noch glaube, daß jemand an Bord ist.“

Al Conroy, Pete Ballie und Ben kletterten an Bord der schräg auf dem Strand liegenden Galeone. Ein Mast war zersplittert, die Segel hingen teilweise zerfetzt herunter, und auf dem Deck sah es wüst aus. Die Kanonen hatten sich losgerissen und einen Teil des Schanzkleides zerschlagen.

Das Schiff war bestenfalls noch ein Wrack.

Niemand war zu sehen, wie Ben ganz richtig vermutet hatte. Die Kerle hatten es hier hinaufgejagt und waren Hals über Kopf getürmt.

„Das ist doch der Eimer vom alten Patrick, der immer vor der Bucht am Strand lag“, sagte Al Conroy. „Oder täusche ich mich? Was fällt dem denn ein, hier …“

„Damit hat der alte Patrick nichts zu tun“, sagte Ben sehr bestimmt. „Das sieht mir eher so aus, als hätten sie ihm die Galeone geklaut und wären davongesegelt.“

Sie durchstöberten auch noch die Vorpiek, und da fanden sie zwei Männer, tot, erstochen.

„Diese Schweinehunde haben die Wachen umgebracht“, sagte Ben. „Damit ist wohl klar, daß der alte Patrick nichts damit zu tun hat. Laßt alles so liegen, damit sollen sich die Behörden befassen. Wir segeln wieder zurück.“

„Und die Spuren am Strand?“ fragte Smoky. „Die könnten vielleicht Aufschluß geben.“

Aber die Spuren verliefen sich nach etlichen hundert Yards, und so kehrte Ben mit der Sambuke zurück, um Hasard Bericht zu erstatten.

„Für mich steht fest, daß Burton und Bromley dahinterstecken“, sagte Hasard. „Sie haben eine Bande von Halsabschneidern angeheuert, um uns eins auszuwischen. Sie haben nur das falsche Schiff erwischt, und dieser Irrtum wird für sie hoffentlich noch Folgen haben.“

„Und wie sieht es auf der Werft aus?“

„Ziemlich viele Trümmer“, sagte Ferris Tucker. „Anfänger waren das nicht, das muß eine Horde von Piraten gewesen sein, so, wie die vorgingen.“

„Wir verholen zur Werft“, sagte Hasard. „Der Vorfall wird sich vielleicht nicht mehr wiederholen, aber sicher ist sicher. Und dann werden wir uns an die Behörden wenden.“

Noch am frühen Morgen gingen die „Pride of Galway“ und die kleine Sambuke ankerauf und legten sich dicht vor die Werft, um sie gegen weitere Zwischenfälle dieser Art abzuschirmen. Dann wurde auf Rame Head aufgeklart, und die Behörden von Plymouth schalteten sich ein.

Den alten Patrick traf keine Schuld. Er wußte noch gar nichts von dem nächtlichen Geschehen, außerdem war er noch so voll, daß er gar nicht richtig begriff, was geschehen war.

Die beiden Toten wurden geborgen und beigesetzt, dann begann die Suche nach den Halunken. Aber weder Hasard noch irgend jemand konnte einen Beweis erbringen, daß Burton und Bromley dabei die Hände im Spiel hatten. Außerdem waren die beiden Gauner wie vom Erdboden verschwunden.

Auch die Helfershelfer blieben verschollen und hielten wohlweislich ihr Maul. Ebenso kriegte man auch von den diversen Hafenwirten kein einziges Wörtchen heraus, denn wenn Sir Lawrence der Geschädigte in diesem Fall war, so wußte jeder, daß dann gleich der Galgen in Aktion trat, und das wollte niemand riskieren.

Burton und Bromley hielten sich jedoch immer noch in Plymouth auf.

Sie hockten weit außerhalb der Stadt in einem alten Pferdestall und wollten abwarten, bis Gras über die Sache gewachsen war. Sie hatten sich einigermaßen wieder beruhigt.

„Wir sind einfach nicht die Kerle dazu“, sagte Burton niedergeschlagen, aber doch vom Haß auf den Seewolf beseelt. „Wir packen es zu dilettantisch an. Die Kerle sind für uns eine Nummer zu groß. Du hast doch immer so tolle Ideen, Mark. Vielleicht läßt sich doch noch eine davon durchführen. Wir können sie ja mal durchsprechen.“

Bromley hockte schweigend auf einer umgestülpten Futterkrippe und dachte nach.

Nein, alle Ideen, die er hatte, taugten nichts, doch etwas später hatte er einen Geistesblitz.

„Ich kenne einen Mann in Falmouth“, sagte er nachdenklich, „der haßt den Seewolf fast noch mehr als wir. Weißt du, wen ich meine?“

„Keine Ahnung, Mark.“

„John Killigrew, du kennst ihn doch. Sir John Killigrew von der Festung Arwenack in Falmouth.“

„Mann, verdammt“, sagte Burton und sprang erregt auf. „Na klar, John Killigrew. Die beiden haben noch eine Rechnung offen, das weiß ich.“

„Wir müssen ihm das nur recht schmackhaft servieren“, meinte Bromley listig, „dann beißt das alte Schlitzohr ganz sicher an. Wir müssen ihm was von vielen Schätzen erzählen, von großer Beute. Der Mann hat die Möglichkeit, den Seewolf zu erledigen, wir selbst sind dazu eine Nummer zu klein.“

„Zehn Nummern zu klein“, verbesserte Burton. „Das ist eine tolle Idee, Mark. Deine beste überhaupt. Das wird ein richtiges Volksfest geben; ich kenne den alten Burschen, der hat sich damals gerade noch rechtzeitig in die Irische See verholt, als wir aufflogen. Dem kann so schnell keiner was. Los, wir hauen gleich ab, ich besorge zwei Pferde, und heute nacht reiten wir zur Feste Arwenack.“

So geschah es dann in der folgenden Nacht. Zwei dilettantische Schlitzohren ritten los nach Falmouth, um den Herrn von Arwenack Castle in Stimmung zu bringen. Was sie selbst nicht schafften, so hofften sie jedenfalls, würde der alte Killigrew schaffen.

In ihren Herzen war wieder Hoffnung, als sie losritten, und sie rieben sich vergnügt die Hände …


1.

Falmouth, Ende Juli 1592.

Die beiden Männer, die an diesem Abend von Osten her Falmouth erreichten, waren keine guten Reiter. Vor allem der eine von beiden hing mehr im Sattel, als daß er saß. Er wirkte wie eine dicke fette Kröte, die aus purem Zufall auf ein Pferd geraten und aus Angst, hinunterzufallen, dort hocken geblieben war.

Dieser Mann hieß Samuel Taylor Burton. Er war einmal Friedensrichter in Plymouth gewesen – eine sehr noble Bezeichnung für einen Kerl, der korrupt bis auf die Knochen war, was ihm letztlich auch das Genick gebrochen hatte. Damals, 1580, hatte er sich an der Schatzbeute eines gewissen Philip Hasard Killigrew und einer Seewölfe bereichern wollen, allerdings an einer Schatzbeute, die der königlichen Lissy zugedacht gewesen war. Nur der Schlaganfall, den er damals erlitt, rettete ihn vor schwerem Kerker, wenn nicht vor dem Galgen. Jahre hatte er geraucht, um sich wieder zu erholen. Seitdem fischte er im trüben – jetzt zum Beispiel auch wieder.

Der andere Reiter blickte auf eine ähnliche Vergangenheit zurück, allerdings ohne Schlaganfall, dafür aber hatte er die Jahre von 1580 bis 1590 im Londoner Kerker verbringen dürfen, was seine schwarze Seele jedoch keineswegs geläutert hatte.

Dieser Mann war der ehemalige Tower-Hauptmann Mark Bromley, der die Absicht gehabt hatte, die für die Königin bestimmte Schatzbeute der Seewölfe schlicht zu unterschlagen und selbst einzusacken. Er war von Philip Hasard Killigrew entlarvt worden. Man hatte ihn degradiert und in den Kerker geworfen. Die zehn Jahre hinter Eisenstäben waren ihm auf den Geist gegangen.

Vor zwei Jahren war er nach der Verbüßung der Kerkerstrafe in Falmouth aufgetaucht. Dort hatten die Killigrews auf der Feste Arwenack ihren Stammsitz. Ah! Seine Hoffnung war gewesen, sich in Falmouth nach dem „Bastard“ Killigrew umzuhorchen. Aber man wußte nichts von ihm – oder nur so viel, daß er von der Königin zum Ritter geschlagen worden war und maßgeblich an der Vernichtung der Armada teilgenommen hatte. Man sprach mit Achtung und Stolz von Sir Hasard, dem Seewolf. Das ist ein Mann, hatten die Leute von Falmouth gesagt, ein Kerl wie Samt und Seide – anders als die Sippschaft von Ferkeln da oben auf Arwenack, ganz anders, jawohl.

Das war keine Musik in Mark Bromleys Ohren gewesen, im Gegenteil. Sein früheres Nußknackergesicht, jetzt hager und von vielen Falten durchzogen, hatte sich bei solcher Kunde verzogen, als leide er mächtig unter Zahnweh. Und in seinen Augen hatte es merkwürdig geflackert. Es war der Haß, der diesen degradierten Offizier auffraß. Dann natürlich war er unschuldig bestraft worden, Unrecht war ihm geschehen, fürchterliches Unrecht, das nach Rache schrie!

Genau diese Gedanken hatten ihn unablässig in den zehn Kerkerjahren beschäftigt und dahin gebracht, sich gar für einen Märtyrer zu halten. Folglich war nicht er der Schurke, sondern der Bastard Killigrew, dem er die zehn Jahre Kerker zu verdanken hatte.

Insofern hatten sich im Kopf des Mark Bromley Spinnengewebe angesiedelt, die ihm den Geist verhängten.

Im übrigen hatte er sich mit Samuel Taylor Burton, dem ehemaligen Friedensrichter, zusammengetan, und sie betrieben gemeinsam dunkle Geschäfte. Natürlich waren sie Ehrenmänner. Sie agierten aus dem Hintergrund und brauchten sich nicht die Finger zu beschmutzen, weil ihnen die Zunft der Galgenvögel und Schnapphähne dienlich war. Außerdem verfügten sie über ein Netz von Spitzeln. Am meisten verdienten sie am Verkauf von Waffen, die sie aus dunklen Kanälen bezogen und in gleiche dunkle Kanäle verschoben. Zu ihren Abnehmern zählten irische Rebellen, Räuberbanden und Piraten. Daß es ihnen schlecht ging, hätte man nicht sagen können. Wer im Gewerbe eines Hehlers tätig war – von dem man sagt, daß er schlimmer als der Stehler sei –, hatte noch nie gedarbt.

Dem ist nur noch hinzuzufügen, daß sie beide nach wie vor geradezu versessen darauf waren, Besitz an sich zu raffen. Sie waren geldgierig. Diese Gier hatte den einen die Position des Friedensrichters und den anderen die Hauptmannswürde gekostet. Gleichviel waren ihre Finger klebrig geblieben.

Jetzt ritten sie in einer gemeinsamen Sache nach Falmouth, einer Sache, die ihnen so dringlich war, daß sie ihre Pferde nahezu zuschanden getrieben hatten. Der fette ehemalige Friedensrichter wäre zwar lieber mit der Kutsche gereist, aber die Fahrt hätte zu lange gedauert.

Mit Schweißflocken bedeckt, das Fell naß und schmutzig, die Köpfe hängend, so wankten die beiden Pferde durch die Straßen von Falmouth und wurden von ihren Reitern zur Feste Arwenack gelenkt.

Einige der Bürger erkannten in dem hageren Reiter die Person des Mister Bromley, den sie für etwas verrückt hielten und von dem niemand genau wußte, was er eigentlich so betrieb – mit Ausnahme der Kenntnis, daß er viel in Wirtshäusern und Spelunken herumsaß und Geld verlieh, das er dann mit Wucherzinsen zurückverlangte.

Den gleichen Nebenerwerb betrieb auch Samuel Taylor Burton in Plymouth, wo er unter anderem einen gewissen Mac Pellew in den Schuldturm gebracht hatte. Der würde jetzt noch dort sitzen – jetzt und bis in alle Ewigkeit –, wenn nicht der Zufall in der Person Philip Hasard Killigrews mitgespielt hätte, der den ehemaligen Koch der „Golden Hind“ ausgelöst und beschlossen hatte, ihn in seine Crew aufzunehmen.

Diese Maßnahme hatte sich sofort ausgezahlt, denn durch ihn hatten die Seewölfe erfahren, daß die beiden Schurken Burton und Bromley noch lebten und schon wieder kräftig dabei waren, Unheil zu stiften. Denn sie steckten hinter den Anschlägen auf die Werft des alten Hesekiel Ramsgate, wo die neue „Isabella“ auf Kiel lag.

Der letzte Anschlag dieser beiden sauberen Gentlemen hatte wiederum der neuen „Isabella“ gegolten, war aber in die Hose gegangen, weil der Breitseitenbeschuß mittels einer gestohlenen Galeone nicht die „Isabella“ auf der Helling, sondern ein anderes Schiff getroffen hatte.

Das hatte den Haß Burtons und Bromleys nur noch geschürt und sie auf weitere Rache sinnen lassen. Und da war der düstere Bromley mit seinem von Spinnweben verhangenen Geist auf die Idee verfallen, daß es gut sei, noch einen bestimmten Bundesgenossen hinzuzuziehen, einen Mann, den man als Experten für ganz böse Schurkereien bezeichnen konnte und zudem auch noch zu den eingeschworenen Feinden des Seewolfs und seiner Meute zählen durfte.

Dieser Mann war kein geringerer als Sir John Killigrew, Burgherr auf Arwenack, Vizeadmiral von Cornwall, Schlitzohr und Schnapphahn zur See – und Hasards Stiefvater.

Natürlich bestanden zwischen Hasard und den Killigrews keine blutsmäßigen Familienbande, und nur Lady Anne Killigrew, die Ehefrau Sir Johns, hatte zu Hasard eine innige Beziehung entwickelt, obwohl sie es eigentlich gewesen war, die verhindert hatte, daß das etwa einjährige Söhnchen eines gewissen Godefroy von Manteuffel, Edelmann aus Pommern, und einer gewissen spanischen Edeldame Graciela de Coria dorthin transportiert wurde, wohin es die Familie der de Corias abzuschieben wünschte, nämlich zu den Manteuffels nach Pommern.

Kurz, sie hatte in einer Neujahrsnacht vor über drei Jahrzehnten – Sir John war abwesend gewesen – von den Mannen der Feste Arwenack die Hansekogge „Wappen von Wismar“, die im Hafen von Falmouth Schutz vor einem Sturm gesucht hatte, überfallen und ausplündern lassen. Man hatte ihr zugetragen, die Kogge habe spanischen Wein in den Laderäumen, den sie besonders gern trank.

Sie war eine resolute, handfeste Frau aus der ebenso handfesten Piratensippe der Wolverstons, und darum hatte sie eben zupacken lassen, als die vom Sturm gerupfte Kogge Falmouth anlief. Niemand von der Besatzung war am Leben geblieben – nur das kleine Bündel von Menschlein, das man im Frachtraum entdeckte.

In einer Anwandlung von Mütterlichkeit hatte sich Lady Anne entschlossen, das „Findelkind“ am Leben zu lassen und als vierten „Killigrew“-Sohn aufzuziehen. Er war auf den Namen Philip Hasard getauft worden.

Dieser Philip Hasard hatte sich dann sehr erstaunlich entwickelt – für Sir John und seine eigenen drei Söhne war er der „Bastard“ gewesen, für Lady Anne hingegen ein Prachtjunge, von dem sie sich eingestand, daß sie ihn merkwürdigerweise mehr liebte als ihre drei Söhne.

Und je älter der „Bastard“ geworden war, desto mehr hatte sich herausgestellt, was er für ein Kaliber war. Jahr für Jahr hatte er mehr bewiesen, daß er intelligenter, härter, kampfstärker, tollkühner und charakterfester als seine Brüder war. Siebzehnjährig hatte er von Sir John seine letzte Ohrfeige empfangen und darauf jäh und wild reagiert.

Er hatte seinen Alten in das Hirschgeweih über dem Kamin gehängt und seine drei Brüder nach allen Regeln der Kunst verdroschen, als die den brüllenden und zappelnden Sir John aus dem Hirschgeweih bergen wollten.

Und er hatte verkündet, daß er jedem die Knochen brechen werde, der es wage, ihn noch einmal anzufassen.

Und dann war er eines Tages verschwunden und seinen eigenen Weg gegangen, um „hinter die Horizonte zu schauen“.

Eines Tages war er zurückgekehrt, als Seewolf bereits zur Legende geworden. Da fuhr er schon als Kapitän, und die Schatzbeute in den Frachträumen seines Schiffes war für die Königin bestimmt. Nur Sir John sah das anders und meinte, er könne dem „Bastard“ von der Beute was abzwacken. Und da hatte es wiederum Kleinholz gegeben – zum Nachteil Sir Johns und seiner drei Ferkelsöhne, versteht sich.

Später hatten noch mehr Zusammenstöße zwischen ihnen stattgefunden, und stets war Sir John dabei so richtig vierkant auf die Schnauze geflogen.

Einen Mordversuch an Hasard hatte Big Old Shane abgewehrt. Dabei hatte John Malcolm Killigrew, der älteste Sohn Sir Johns, sein ohnehin dreckiges Leben eingebüßt. Da zählte nicht, daß Big Old Shane in einer Notwehrsituation gewesen war, denn Hasard hatte mit einem Schädelbruch in der Koje gelegen, wehrlos und ohne Besinnung.

So bohrte und fraß auch heute noch der Haß in Sir John, und er war nach Ansicht der beiden Schurken Burton und Bromley genau der richtige Mann, den man brauchte, um den Seewolf in die Hölle zu befördern.

Darum also waren sie nach Falmouth geritten, ohne auf ihre Pferde Rücksicht zu nehmen.

Zwar bestand zwischen der Familie der Burtons, die in der kleinen Hafenstadt Marcet Jew südwestlich von Falmouth ansässig war, und den Killigrews seit Urväterzeiten eine Fehde, weil die Burtons den Killigrews die Vorrangstellung in Cornwall neideten, aber Samuel Taylor Burton kümmerte diese Fehde schon längst nicht mehr, und wenn es gegen den Seewolf ging, hätte er auch mit dem Teufel und seiner Großmutter paktiert.

Sie hatten befürchtet, Sir John könne abwesend sein, denn wann immer es ihn gelüstete, kehrte er dem Suff und den Weiberröcken den Rücken und segelte hinaus zu den Scilly-Inseln, jenem Gebiet, wo meist spanische Handelsfahrer auf dem Weg nach Irland aufkreuzten. Dort legte er sich auf die Lauer, der typische Wegelagerer zur See, um die „Reisenden“ auszuplündern.

Er war jetzt in den Sechzigerjahren, der alte Halunke, und alles, was an ihm böse war, hatte sich nicht geläutert, sondern eher verschlimmert.

Nun, die Wache am Burgtor, von der die beiden Reiter eingelassen wurden, zeigte nur ein schmieriges Grinsen, als sie fragten, ob Sir John anwesend und zu sprechen sei.

Er war anwesend, denn Licht fiel aus den Fenstern der Wohnhalle, und der Krach, der dort ertönte, war auch nicht zu überhören. In den Krach mischten sich das Kreischen von Weibern und das rohe Lachen von Männern.

„Anwesend ist Sir John“, sagte der Wachposten und behielt das schmierige Grinsen bei, „aber ob er gestört werden möchte, ist sehr fraglich.“

Samuel Taylor Burton rutschte mit Mühe aus dem Sattel, rieb sich den dikken Hintern und fuhr den Posten an: „Sagen Sie Sir John, zwei Gentlemen wünschten ihm mitzuteilen, daß ein gewisser Philip Hasard Killigrew wieder in Plymouth aufgetaucht sei, und die beiden Gentlemen hätten in dieser Angelegenheit dringend mit ihm zu sprechen. Haben Sie das verstanden, Kerl?“

Der Wachposten hatte bei der Nennung des Namens die Augen aufgerissen. Jetzt fragte er stotternd: „Etwa – etwa der Seewolf?“

Der hagere, etwas krummrückige andere Reiter zuckte zusammen, als der Wachposten das Wort „Seewolf“ aussprach. Er hörte es wohl nicht gern.

Und er sagte giftig: „Ja, der Bastard! Melden Sie das Sir John, verdammt noch mal! Wir haben keine Lust, hier lange herumzustehen.“

„Sehr wohl, Sir“, sagte der Wachposten und stiefelte zu den mächtigen Flügeltüren der Feste, wo wiederum ein Posten stand.

Den informierte er, der Posten nickte und verschwand im Inneren der Feste. Minuten später kehrte er zurück und winkte den beiden Besuchern zu. Ein Stallknecht erbarmte sich der Pferde, die breitbeinig und mit tief gesenkten Köpfen dastanden. Aus ihren Lungen drangen rasselnde Geräusche. Der Wachposten vom Burgtor konnte da nur mit dem Kopf schütteln. Er hätte nicht behaupten können, daß ihm diese beiden Gentlemen gefielen. Andererseits paßten sie zu John Killigrew, dem Burgherrn, in dessen Sold er stand.

Sold! Der Wachposten spuckte auf den hartgestampften Boden des Innenhofes. Da mußte man doch auf den Knien herumrutschen, um den zu kriegen. Aber für Weiber und Suff war immer Geld vorhanden – wie jetzt wieder. Und wenn der Burgherr volltrunken war, randalierte er auf der Feste herum, trat die Burgmannschaft in den Hintern, verteilte Prügel oder griff sich einen zu einem Spiel heraus, das er „Schweineklopfen“ nannte.

Da wurden so einem armen Burgknecht die Augen verbunden, er mußte sich bücken, empfing einen Stockhieb auf den Allerwertesten und sollte nun raten, wer ihn geschlagen hatte. Die ganze erlauchte Gästeschar samt der Weiber durfte sich an dem Spiel beteiligen. Da sie alle meist nicht weniger betrunken als der Burgherr waren, hatte der Burgknecht übel zu leiden. Der rohe Spaß der einen war der demütigende Schmerz des anderen.

Ja, so ging es zu auf der Feste Arwenack, und in und um Falmouth wurde so manche Hand zur Faust geballt, wenn zu nächtlicher Zeit der grölende Lärm aus der Feste drang und verriet, daß da oben mal wieder eine Orgie gefeiert wurde. Schandbar war das, von den Jungfrauen, die dabei ihre Unschuld verloren, gar nicht zu sprechen.

Der Wachposten spuckte noch einmal aus und schaute den beiden Besuchern nach, diesem so ungleichen Paar, was das Äußere betraf. Der Feiste mit den tückischen Augen und dem grauen Bart watschelte neben dem Hageren her, dessen Blick so merkwürdig flackernd war. Dieser Hagere stelzte wie ein Storch und hatte dabei auch den Rücken gerümmt, als suche er nach etwas freßbarem.

Ein Diener mit einem griesgrämigen Gesicht führte die beiden in die Burghalle, wo die Gastrunde am Toben war. Im Moment vergnügten sie sich damit, abgenagte Knochen in das prasselnde Feuer des riesigen Kamins zu werfen, dessen Haube ein gewaltiges Hirschgeweih zierte. Es stank bestialisch in der Halle. Aber bei Sir John ging es bei solchen Gelagen immer mit Hemdsärmeln zu, je vulgärer, desto lustiger.

Der lange Eichentisch mit der dikken Bohlenplatte stand mit der Schmalseite zum Kamin, so daß die Gentlemen und die Ladys, die keine waren, sich nicht umzudrehen brauchten, um ihre Würfe auszuführen, mit denen Sir John, an der entfernten Kopfseite sitzend, angefangen hatte. Er hatte das beste Schußfeld.

Nur Simon Llewellyn Killigrew, nach dem Tode seines älteren Bruders John Malcolm nunmehr späterer Erbe von Arwenack, der seinem Vater an der anderen Kopfseite gegenübersaß, hätte sich umdrehen müssen – und die Schlampe neben ihm genauso –, aber das konnten sie nicht, weil sie den Knochen ausweichen mußten, die an ihnen vorbei zum Kamin flogen. Traf ein Knochen nicht ins Feuer oder prallte vom Kamin ab, fielen die Hunde Sir Johns knurrend darüber her.

Das war schon was, nach dem Sohn des Burgherrn mit Knochen werfen zu können. Da Sir John angefangen und seine Gäste aufgefordert hatte, es ihm gleichzutun, ließen sie sich nicht lumpen, zumal sie wußten, daß Sir John nichts dagegen hatte, wenn ein Knochen den schwitzenden Simon Llewellyn oder die ebenso schwitzende Schlampe neben ihm traf. Natürlich schwitzten die beiden auch, weil sie am dichtesten am Kamin saßen und die Hitze kriegten.

Die Schlampe kreischte, und Simon Llewellyn grinste gequält. Er hätte nie gewagt, gegen seinen Alten aufzumucken. Er kannte dessen Handschrift und empfing noch heute, bereits über dreißig, von ihm Maulschellen, genauso wie sein vier Jahre jüngerer Bruder Thomas Lionel Killigrew, der nun allerdings die Weisheit nicht mit Löffeln gefressen hatte und daher vom Alten häufiger was an die Ohren kriegte.

Sie waren beide rothaarig wie ihr Erzeuger, dessen Haar allerdings mit zunehmendem Alter eine schmutzigfade Helle angenommen hatte. Eins war beiden gemeinsam: das Ferkelgesicht, denn ihre Nasen und die aufgeworfenen Lippen wirkten wie Ferkelschnauzen. Ihre Augen waren von einem wässrigen Blau, ihre Figuren bulligplump. Im übrigen stiegen sie hinter jedem Weiberrock her, waren aufdringlich und neigten zur rohen Gewalt, wo sie sich stärker fühlten. Kurz, sie waren ein ganz mieser Wurf, und Lady Anne hatte allen Grund, sich ihrer zu schämen.

Übrigens waren an diesem illustren Abend tatsächlich keine Ladys anwesend, sondern nur jene Vertreterinnen ihres Geschlechts, die zum käuflichen Schmusen bereit waren und diesem Broterwerb sonst in den Spelunken und anrüchigen Häusern von Falmouth, Penryn und Truro nachgingen. Die beiden Ferkelsöhne Sir Johns hatten sie „eingeladen“, und so flossen die Steuergelder, die Sir John in diesem Teil Cornwalls brutal eintrieb, im gewissen Sinne wieder in die arbeitende Bevölkerung zurück.

Die Lotterweiber fanden das nur gerecht, außerdem wußten sie, daß man sich bei Sir Johns Gelagen die Bäuche vollstopfen und die Nasen begießen konnte, und es war nicht das schlechteste, was Küche und Keller von Arwenack zu bieten hatten.

An diesem Abend waren Zinnplatten aufgetischt worden, überladen mit Truthahn-, Gänse-, Hühner-, Wildschwein- und Rehbraten. Dazu gab es rote und weiße Weine aus Kannen sowie irischen Whisky.

Der Lärm verstummte, als die beiden Besucher in die Halle geführt wurden. Und Simon Llewellyn und seine Schlampe konnten aufatmen, daß ihnen keine Knochen mehr um die Ohren flogen.

Als Sir John den ehemaligen Friedensrichter erkannte, stieß er ein dröhnendes Gelächter aus.

„Burton!“ röhrte er. „Burton, du alter Beutelschneider! Was habe ich da eben gehört? Der Bastard ist wieder im Lande?“

„Sir“, sagte Burton, etwas peinlich berührt von der Anrede, „könnten wir uns darüber in einem Nebenraum unterhalten? Es braucht nicht jeder zu hören, was nur für Ihre Ohren bestimmt ist. Die Sache ist – äh – zu delikat.“ Und er warf einen mißbilligenden Blick zu den Weibern, die ihn und Bromley kichernd und mit frechen Augen anstarrten.

Sir John rülpste, warf eine Truthahnkeule, an der er herumgenagt hatte, auf den Tisch zwischen die Becher, wischte sich die fettigen Finger am Wams ab und stand auf. Mit seiner bulligen Figur wirkte er wie ein Klotz. Seine hellblauen Augen über der Knollennase funkelten, als er seine Tafelrunde musterte.

„Ihr habt genug gefressen und gesoffen“, erklärte er grob. „Und jetzt haut ab! Verschwindet! Der Vizeadmiral von Cornwall hat eine geschäftliche Besprechung und will nicht mehr gestört werden.“

Sie saßen da und glotzten zu ihm hoch, die ehrenwerten Gentlemen und die Schlampen. Da waren der Burghauptmann von Pendennis Castle, der Friedensrichter von Falmouth, zwei Kaufleute aus Falmouth, der Burghauptmann von Arwenack, der Pfarrer der Gemeinde von Truro – ein ganz besonderer Lüstling, ferner ein entfernter Vetter der Killigrew-Söhne, der Apotheker von Falmouth sowie der Direktor der Zinngruben von Devon, na – und die Schlampen.

Sie fanden, daß das Gelage eigentlich erst angefangen hätte. Und daß sie „genug gefressen und gesoffen“ hätten, stimmte ihrer Meinung nach auch nicht, denn die Zinnplatten waren noch längst nicht leer. Und mit den Schlampen hatten sie auch noch nicht ihren Spaß gehabt, denn die Weiber irgendwohin zu kneifen oder zu betatschen, das zählte nicht.

Jedoch – sie alle kannten den Burgherrn zur Genüge. Sie wußten, daß er zum Jähzorn neigte und es glatt fertigbringen würde, die Jagdhunde auf sie zu hetzen. Und unter denen waren ganz schöne Biester mit blutunterlaufenen Augen und scharfen Reißzähnen.

Nur fanden sie es ziemlich läppisch, wegen dieses abgehalfterten Friedensrichters aus Plymouth und des hageren Kerls, der undurchsichtige Geschäfte betreiben sollte, das Feld zu räumen. So zögerten sie noch.

Aber da brüllte Sir John auch schon los, hochrot im Vollmondgesicht: „Sitzt ihr auf den Ohren, ihr verdammtes Gesindel? Raus, hatte ich befohlen! Trollt euch …“

In wenigen Minuten hatten sie die Halle geräumt.

2.

Die beiden Ferkelbrüder wären liebend gern mit ihren Schlampen im Heu der Stallungen verschwunden, zumal diese hartgesottenen Weiber von ihnen bereits vorab kassiert hatten, aber da waren sie bei ihrem Alten schlecht gelandet. Er hatte sie zurückgepfiffen und angedonnert, daß sie gefälligst zu bleiben hätten, zumal es sich offenbar um eine Sache handele, die ihren verdammten Stiefbruder betreffe.

Da Simon Llewellyn enttäuscht, dafür aber um so ordinärer geflucht hatte, war ihm ein Zinnhumpen, gefüllt mit Rotwein, an den Schädel geflogen, abgefeuert von seinem Alten, der stets was zur Hand hatte, um jemanden zu züchtigen – einen Knüppel, eine Peitsche, ein Stuhlbein oder eben etwas zum Werfen. Ansonsten setzte es Stiefeltritte oder hagelte Maulschellen.

Ob das, was jetzt über das Ferkelgesicht floß, Rotwein oder Blut war, ließ den Alten völlig kalt. Der Idiot hätte ja seinen dämlichen Kopf einziehen können, nicht wahr? Aber nicht mal dazu langte es.

„Und wer sind Sie?“ blaffte er den hageren Mark Bromley an.

Der feiste Burton beeilte sich, seinen Kumpan vorzustellen und dabei auch zu betonen, daß es der tapfere Hauptmann Bromley einem gewissen Philip Hasard Killigrew zu verdanken habe, nicht mehr die Tower-Garde zu befehligen und degradiert worden zu sein, ganz abgesehen von den zehn Jahren Kerker, die dieser hochverdiente Offizier habe erdulden müssen.

Und das nur wegen der unhaltbaren Behauptung dieses Philip Hasard Killigrew, der ehrenwerte Hauptmann habe sich an dessen Beuteschatz bereichern wollen.

Prompt kriegte der hagere Bromley das Zittern, und wutentbrannt stieß er hervor: „Ich werde diese Laus zerquetschen! In ein Rattenloch werde ich ihn sperren. In der Schlangengrube soll er verenden! Gepfählt soll er werden und auf dem Scheiterhaufen Qualen erleiden …“ Und er erstickte fast an seinem Haß.

Der Alte blickte irritiert und rieb sich die Knollennase. Das war ja eine ganz seltene Nummer, dieser Bromley, und jeder einzelne Vorschlag war erwägenswert, besonders der mit der Schlangengrube. Es wäre zu schön, dabei zusehen zu können.

„Hm“, sagte er. Und noch einmal: „Hm.“

Sie saßen jetzt alle vor dem riesigen Kamin. Simon Llewellyn betastete seine Stirn, die nicht sehr hoch war, dafür aber nunmehr von einer Schwellung verziert wurde, die sich zum Horn auswuchs. Er verzog leidend das Ferkelgesicht und wurde von dem Alten angefahren, ob er es nicht für nötig hielte, den beiden ehrenwerten Besuchern einen Wein zu kredenzen.

Aber er maulte herum und war der Ansicht, sein jüngerer Bruder könne den Mundschenk spielen. Er empfing von Sir John einen Tritt vors Schienbein, und als sein Erzeuger auch noch nach der Feuerzange griff, bequemte er sich, dessen Anordnungen Folge zu leisten.

Thomas Lionel indessen grinste dümmlich in der Annahme, an diesem Abend von seinem Alten verschont zu werden. Aber er irrte sich. Sir John drosch ihm den Blasebalg ins Kreuz mit der Aufforderung, ihm den irischen. Whisky zu bringen und außerdem mit dem dämlichen Grinsen aufzuhören.

So war wieder einmal mehr klargestellt, wer auf Arwenack das Zepter schwang. Und Sir John würde es auch bis an sein Lebensende nicht aus der Hand geben, und wenn er neunzig wurde. So waren die Aussichten, dermaleinst Burgherr zu werden, für Simon Llewellyn äußerst gering und für Thomas Lionel eine Utopie, es sei denn, der Alte schied vorzeitig aus dem Leben, oder man half selbst etwas nach, zum Beispiel mit Gift. Nur hatte der Alte dieser Möglichkeit einen Riegel vorgeschoben, indem er nie als erster einen Bissen zu sich nahm oder den ersten Schluck trank.

Wozu hat man denn Söhne, nicht wahr?

Pflichtgemäß trank auch jetzt Thomas Lionel den ersten Schluck des irischen Whiskys, und da er zufrieden schmatzte und nicht umfiel, blieb der weitere Inhalt der Flasche dem Alten vorbehalten.

Nach der Trinkprozedur konnte man zur Sache kommen, und Sir John verlangte nun nähere Auskünfte über seinen Bastardsohn.

Samuel Taylor Burton berichtete: „Er und seine Bande von Halsabschneidern sind plötzlich wieder in Plymouth aufgetaucht, merkwürdigerweise trafen sie nacheinander in drei Gruppen ein, alle tiefbraun gebrannt und so gewalttätig wie eh und je. Die erste Gruppe, offenbar unter der Führung des ungehobelten Schiffszimmermanns und des narbengesichtigen Klotzes von Profos, brach denn auch gleich im Hafen einen Streit vom Zaun und demolierte die Schenke eines gewissen Mister Plymson.“

„Ah, die ‚Bloody Mary‘, nicht wahr?“ fragte der Alte.

„So ist es, Sir“, bestätigte der dicke Burton. „Es war ein Akt von roher Gewalt, und niemand scheint in Plymouth in der Lage zu sein, diese Strolche dem Richter zuzuführen und hinter Schloß und Riegel zu bringen.“

„An den Galgen gehören sie!“ ereiferte sich Mark Bromley mit zuckendem Gesicht. „Gevierteilt …“

„Ja, ja, schon gut, mein lieber Mark“, sagte der dicke Burton hastig, denn er wußte, was der liebe Mark nun wieder alles aufzählen würde an Möglichkeiten, um die Seewölfe zu Tode zu befördern. „Ich möchte bitte alles der Reihe nach vortragen, um Sir John genau ins Bild zu setzen. Also weiter. Die zweite Gruppe unter Führung des Bootsmanns Brighton lief mit einem höchst merkwürdigen Schiff in Plymouth ein. Meine Gewährsleute sagten mir, solche Fahrzeuge solle es im südlichen Osten des Mittelmeers geben, zum Beispiel in der Umgebung des großen Stroms, den man Nil nennt.“ Der Dicke räusperte sich, weil sein Blick auf Thomas Lionel gefallen war, der ihn dümmlich anstierte, was ihn irritierte. Wahrscheinlich hatte dieser Killigrew-Sohn noch nie etwas über den Nil gehört.

So war es auch, denn dieser Sproß des Alten sagte: „Nil, hä? Was is’n das?“

„Halt’s Maul, du Idiot“, erklärte der Alte unwillig. „Fahren Sie fort, Burton.“

Der Dicke räusperte sich ein zweites Mal. „Nun, ich möchte zunächst auf zweierlei hinweisen. Die erste Gruppe lief mit einer kleinen Karavelle in Plymouth ein, die so morsch war, daß sie an der Pier versank. Die zweite Gruppe hingegen erschien mit einem fremdartigen Fahrzeug. Aber sofort begaben sich die Führer der beiden Gruppen, der Schiffszimmermann und der Bootsmann, zu der Werft eines gewissen Ramsgate, um ein neues Schiff bauen zu lassen – eine Galeone vermutlich. Die Frage, die sich Mister Bromley und ich stellten, lautete: Woher haben diese Kerle das Geld, um ein solches Schiff in Auftrag geben zu können?“

In den hellblauen Augen des Burgherrn begann es zu glitzern, und er fragte: „Na, und woher?“

Burton log einfach drauflos. „Sie haben wieder irgendwo geplündert, Sir. Und natürlich denken sie gar nicht daran, den Anteil, den die Krone erhalten müßte, herauszurücken. Es war ein Fehler unserer erlauchten Majestät, einem Gauner und Betrüger wie diesem Killigrew einen Kaperbrief auszustellen. Daß Ihre Majestät einen solchen Mann auch noch zum Ritter schlug, war ein weiterer Fehler. Das muß einmal sehr deutlich gesagt werden.“ Und der dicke Burton blickte mit salbungsvoller Miene zur Decke hoch, als gelte es, den Herrn im Himmel zum Zeugen seiner Worte aufzurufen.

Sir John gurgelte den Whisky gleich aus der Flasche. Dann sagte er: „Weiter, Burton. Sie haben den Bastard noch nicht erwähnt.“

Burton nickte. „Aus gutem Grund, Sir. Er traf nämlich als letzter mit der dritten Gruppe in Plymouth ein, und das paßt nun überhaupt nicht mehr ins Bild. Vor Jahren kaufte er bei dem bereits genannten Ramsgate eine sehr neuzeitlich konzipierte, äußerst ranke Galeone, die er auf den Namen ‚Isabella VIII.‘ taufte. Nur kehrte er nicht mit diesem Schiff nach Plymouth zurück, sondern mit einer Galeone namens ‚Pride of Galway‘, die von meinen Gewährsleuten zweifelsfrei und eindeutig als Besitz des George Darren Burke aus Galway identifiziert wurde.“

Sir John hatte schon bei der Nennung der „Pride of Galway.“ aufgehorcht. Jetzt fuhr er hoch, als Burton den Namen des Besitzers nannte.

„Burke?“ stieß er hervor. „Dieser verdammte irische Hurensohn?“ Sein Blick wurde lauernd. „Was hat der denn mit dem Bastard zu tun, he? Hat Burke ihm etwa die ‚Pride of Galway‘ geschenkt?“

Der dicke Burton hüstelte. „Leider konnten das meine Gewährsleute noch nicht in Erfahrung bringen, Sir. Aber es dürften schwere Verdachtsmomente bestehen, daß Killigrew mit den Iren paktiert. Bekannt wiederum ist, daß Burke als Galway mit den Spaniern Handel treibt.“

Sir John grinste dreckig. Jawohl, darüber wußte er selbst bestens Bescheid – fing er doch die spanischen Handelsfahrer ab, die zum Beispiel auch Galway anlaufen sollten. Und mit der „Pride of Galway“ war er bei einem seiner Raubzüge schon einmal aneinandergeraten, wobei er allerdings Fersengeld hatte geben müssen, weil ihm diese irischen Lümmel von der „Pride of Galway“ mächtig zugesetzt hatten.

„Sir“, fuhr Burton fort. „es ist schon sehr merkwürdig, daß Killigrew plötzlich im Besitz eines irischen Schiffes ist. Höchst verdächtig ist das, denn man gelangt zu dem logischen Schluß, daß dieser Mann auch mit den Spaniern paktiert …“

„Ein Verräter!“ zischte Mark Bromley. „Er bereitet eine spanische Invasion vor. Das ist es! Seine ‚Isabella‘ hat er den Spaniern überlassen, damit sie dieses Schiff nachbauen können. Darum sind sie auch in drei Gruppen nach Plymouth zurückgekehrt, damit es nämlich nicht so auffällt.“

Er war ganz schön am Spinnen, dieser ehemalige Hauptmann, denn er unterstellte in seinem verrückten Kopf seinem Feind Philip Hasard Killigrew etwas, was er selbst tun würde, wenn es ihm Vorteile einbrächte. Allerdings muß hier hinzugefügt werden, daß Burton und er vorher untereinander abgesprochen hatten, wie sie Sir John einseifen wollten, um ihn als Bundesgenossen für eine Sache zu benutzen, an der sie selbst bereits gescheitert waren.

Mit dem Hinweis, der Bastard paktiere mit den Iren und demzufolge auch mit den Spaniern, wollten sie sich gewissermaßen einen legalen, patriotischen Anstrich geben. Sich dieses Mäntelchen umzuhängen, war immer gut. Wenn etwas schiefging, konnten sie sofort behaupten, im Interesse Englands und zu dessen Wohl gehandelt zu haben.

Das alte Schlitzohr Sir John – selbst so wenig ein Patriot wie Burton oder Bromley – begriff sofort, wie der Hase lief und hieb in dieselbe Kerbe.

„Natürlich!“ röhrte er. „Dieser Bastard hat sich auf die Seite der Dons geschlagen! Konnte ich mir doch denken, ha! Wie ich hörte, soll seine Mutter eine Spanierin gewesen sein. Ein Fluch liegt über diesem Haus, seit ich ihn an Sohnes Statt annahm. Eine Natter nährte ich an meiner Brust!“ Er schielte zu dem mächtigen Hirschgeweih hoch, an dem er einst gezappelt hatte, mühelos von der „Natter“ da oben hineingehängt! Und die Wut begann in ihm zu brodeln und zu kochen.

Hastig soff er aus der Whiskyflasche, verschluckte sich prompt, erlitt einen Erstickungsanfall, riß die Arme hoch und war am Röcheln, wobei ihm die Augen aus dem Kopf quollen.

Seine Söhne rührten keinen Finger. Ein Diener sprang hinzu und klopfte ihm kräftig den Rücken ab. Das dauerte gute zehn Minuten. Anschließend empfingen Simon Llewellyn und Thomas Lionel die obligaten Maulschellen, weil es sie, wie der Alte brüllend verkündete, einen Dreck gekümmert hätte, wenn er verreckt wäre.

Da hatte er allerdings recht.

Jeder halbwegs normale Besucher hätte derartige Szenen, in denen erwachsene Söhne von ihrem Erzeuger mit Ohrfeigen gezüchtigt werden, als sehr peinlich empfunden. Vielleicht wäre er auch aufgestanden und hätte sich mit einer Entschuldigung verabschiedet. Aber ein solches Verhalten lag weder Burton noch Bromley. Sie sahen gleichgültig darüber hinweg, nur fixiert auf ihren Plan, den Alten als Bundesgenossen zu gewinnen, als Komplizen gegen die Seewölfe, insbesondere gegen Philip Hasard Killigrew.

Jedem halbwegs normalen Menschen wäre außerdem auch klar geworden, wie fragwürdig es war, sich mit einem so unberechenbaren und jähzornigen Mann wie Sir John zu verbünden. Aber auch das focht die beiden Komplicen Burton und Bromley nicht an, im Gegenteil, sie hielten das alte Schlitzohr für bestens geeignet, den Seewölfen und ihrem Kapitän die Hölle anzuheizen. Natürlich war ihnen auch bekannt, wie intensiv der Alte den sogenannten Bastard haßte – die „Natter“, die er angeblich an seiner Brust genährt hatte. Das war ein ziemlich dämlicher Vergleich zu jenem Verhalten, das der Alte tatsächlich gezeigt hatte. Denn er hatte Hasard kujoniert, gepiesackt und terrorisiert, wo er nur konnte.

Seine eigenen Mistkerle von Söhnen hatte er vorgezogen und gehätschelt bis zu jenem Zeitpunkt, an dem Hasard die Feste Arwenack ein für allemal verlassen hatte. Von da ab waren die drei eigenen Söhne das Ventil gewesen, das Sir John brauchte, um seinen überschüssigen Dampf abzulassen. Und weil sie kuschten, war der Alte noch unausstehlicher geworden.

Der dicke Burton blieb zäh beim Thema.

„Sir“, sagte er, „halten wir also noch einmal die Tatsachen fest. Diese Killigrew-Bande kehrte in drei Gruppen nach Plymouth zurück, jede Gruppe mit einem anderen Schiff. Nach dem Aussehen dieser Kerle müssen sie sich lange in Gebieten herumgetrieben haben, die weit südlich von uns liegen – wo es heiß ist und die Sonne scheint. Ich sprach bereits vom Nil. Ich habe Erkundigungen einziehen lassen und gehört, daß dieser Nil ein Strom ist, der in das östliche Mittelmeer mündet, aber man weiß nicht, wo sich seine Quelle befindet. Nach den spärlichen Berichten jedoch konnte ich in Erfahrung bringen, daß an den Ufern des Nils vor vielen Jahrhunderten oder Jahrtausenden sehr reiche Könige gelebt haben sollen. Sie wurden auch wiederum an den Ufern des Nils in merkwürdigen Bauten bestattet, und zwar mitsamt ihrer Schätze.“ Hier legte der gerissene Burton eine bedeutungsvolle Pause ein.

„Weiter!“ stieß der Alte hervor und hatte wieder dieses Glitzern in den Augen.

„Es ist vorstellbar“, sagte Burton langsam und mit Betonung, „daß die Killigrew-Bande dort geräubert und geplündert hat. Dieses Ungeheuer von Profos – Carberry heißt der Kerl – hat zum Beispiel die Schäden, die er und seine Bande in der ‚Bloody Mary‘ angerichtet haben, unter anderem mit einer sehr seltenen Perle bezahlt. Einer meiner Gewährsleute erfuhr das von Mister Plymson.“ Burton hüstelte dezent. „Es ist dies übrigens ein sehr merkwürdiges Verhalten der Killigrew-Bande. Erst wird alles demoliert, und dann bezahlt man mehr als großzügig …“

„Idioten!“ unterbrach ihn der Alte.

Burton schüttelte den Kopf. „Nein, Sir, ich möchte das anders interpretieren. Erstens haben sie genug an Beute, und zweitens können sie bei einer möglichen Anklage wegen mutwilliger Zerstörung einer Schenke immer erklären, sie hätten den Schaden ja wieder ersetzt, also Sühne geleistet. Für Mister Plymson ist das sogar ein Geschäft, da er, wie gesagt, mehr Entschädigung erhält, als zu Bruch gegangen ist.“

„Ah, verstehe“, murmelte der Alte und quetschte an seiner Knollennase herum. Sie hatte eine rot-bläuliche Färbung, Zeugnis vom vielen Suff. „Dennoch würde ich Plymson keinen Nickel zahlen, sondern mich rausreden.“

„Sehr wohl, Sir, das ist völlig richtig. Da werden im wahrsten Sinne des Wortes Perlen vor die Säue geworfen.“ Und der dicke Burton gestattete sich ein Lachen, das wie das Quaken eines Frosches klang. Dann hüstelte er erneut und fuhr fort: „Aber zurück zu den Tatsachen, von denen ich sprach. Diese Killigrew-Bande muß also über erhebliche Geldmittel verfügen, besitzt zur Zeit zwei Schiffe – dieses merkwürdige Fahrzeug aus dem Mittelmeer sowie die ‚Pride of Galway‘ – und läßt sich außerdem auf der Werft von Ramsgate ein neues Schiff bauen, eine Galeone, die man keineswegs als klein bezeichnen kann. Die Vermutung, die Mister Bromley vorhin aussprach, könnte durchaus stimmen. Man hat – natürlich gegen Bezahlung – die ‚Isabella VIII.‘ den Spaniern zum Nachbauen überlassen, also ein solides, gutes englisches Schiff, an dem die Spanier unseren hervorragenden Schiffbau studieren können. Und man hat sich den Spaniern – natürlich auch gegen Entgelt – angedient, um eine Invasion vorbereiten zu helfen. Zu diesem Zweck hat Killigrew Kontakte mit den Iren aufgenommen – Beweis: die ‚Pride of Galway‘. Wahrscheinlich plant man einen Zangenangriff auf unser Land, die Spanier landen an unseren südlichen Küsten, die Iren an der Nordwestküste.“ Burton hob drohend den rechten Zeigefinger. „Und dem muß Einhalt geboten werden!“

„Ausrotten, vernichten, zusammenschießen, köpfen …“ gurgelte Mark Bromley mit zuckendem Gesicht. Er sprang auf, reckte die Rechte wie zum Schwur, stierte den Alten an und stieß hervor: „Sir, Sie müssen uns beistehen im Kampf gegen das ekle Gewürm! Gemeinsam werden wir es zertreten wie – wie …“

„Gewürm“, sagte der dicke Burton.

„Jawohl, wie Gewürm!“ Der Ex-Hauptmann keuchte, als sei er zehntausend Yards in einem Stück gerannt. „Und uns gebührt der Lorbeer des Sieges …“

„Samt aller Schätze der Killigrew-Bande“, ergänzte der dicke Burton sachlich. „Und die Königin wird uns adeln, Landgüter schenken und eine Jahrespension aussetzen. Aber wir brauchen Ihre Hilfe, Sir John, Ihre Energie, Ihren brillanten strategischen und taktischen Überblick, Ihre Tapferkeit, Ihr Durchsetzungsvermögen!“

Das war eine Menge Honig um den Bart des alten Schlitzohrs. Er glukkerte einen aus der Flasche und verschluckte sich dieses Mal nicht.

„Hm-hm“, sagte er geschmeichelt, „hm-hm, mal sehen, hm-hm, mal sehen, wie wir diesem Hurensohn einen überbraten können. Wird überhaupt Zeit, daß er mal was vor die Schnauze kriegt, dieser Lümmel.“

Seine Söhne glotzten.

Dann ermannte sich Simon Llewellyn, reckte die Ferkelbrust, die nur fett, aber nicht breit war, und erklärte: „Ich mach ihn hin, den Bastard!“

„Ich auch!“ verkündete Thomas Lionel. „Ich zeig ihm, was ein echter Killigrew …“

„Maul halten!“ donnerte der Alte, soff wieder und erklärte: „Ich muß nachdenken.“

Der dicke Burton blickte den hageren Bromley mit seinen tückischen Augen an, was bedeutete, er möge sich wieder hinsetzen. Der gehorchte. Er hatte jetzt rote Flecken auf den hageren Wangen und wieder seinen flackernden Blick. Dann trank er hastig seinen Humpen leer, und Thomas Lionel schenkte ihm unaufgefordert nach. Sich selbst vergaß er dabei auch nicht, seinen Bruder ebenfalls nicht.

Man trank, und der Alte grübelte. Er stierte ins Feuer, nahm gedankenlos einen Schluck aus der Flasche und stierte weiter. Allmählich schwollen auf seiner Stirn zwei Adern, ebenfalls rotbläulich gefärbt wie die Knollennase.

Die beiden Ferkelsöhne kannten das und rutschten aus der Reichweite des Alten. Vorsicht ist immer der bessere Teil der Tapferkeit. Wenn die beiden Adern auf der Stirn des Alten erschienen, dann stand er unter Druck. Und wenn er explodierte, dann schepperte es, daß die Wände wackelten. Eben noch hatten sie den Bastard „hinmachen“ wollen, aber wenn bei dem Alten die beiden Adern anschwollen, dann kniffen sie den Schwanz ein und gingen in Dekkung, wobei ihnen offenbar entfallen war, daß der Bastard im knappen Mannesalter den Alten mal so eben ins Hirschgeweih gehängt und sie derart verdroschen hatte, daß sie noch Tage später nur so herumgekrochen waren.

Der Alte zuckte jäh hoch. Sekundenbruchteile später zerbarst die Whiskyflasche im Kamin, und er brüllte nach einer neuen Flasche.

Thomas Lionel empfing von seinem Bruder Simon Llewellyn einen Tritt, der besagte, daß er den Alten zu bedienen habe. Thomas Lionel sprang hastig auf, eilte zu dem Tisch, an dem sie getafelt hatten, grabschte dort nach einer angebrochenen Whiskyflasche, trank daraus, wischte den Flaschenhals ab und brachte dem Alten die Flasche.

Das Probieren hätte er sich dieses Mal sparen können. Der Alte beachtete es überhaupt nicht. Er hing sofort an der Flasche und trank den Whisky wie Wasser.

Ja, es wurde sehr viel getrunken – als sei der Alkohol geeignet, eine siegreiche Schlacht zu schlagen oder im Gehirn des Sir John präzise Gedanken über Strategie und Taktik zu entwickeln.

Der dicke Burton begann zu schwitzen. Was der Burgherr da in sich hineinsoff, war nicht mehr normal. Oder brauchte er das, um brillante Ideen auszubrüten? So was sollte es ja geben. Dennoch schwitzte der Dicke. Sein Kumpan war ihm zur Zeit auch keine Hilfe. Dessen Blick war jetzt etwas glasig geworden.

„Ich lösch ihn aus!“ brüllte plötzlich Sir John und stierte wild zu dem Hirschgeweih über dem Kamin hoch. „Mit einer Breitseite fege ich ihn weg!“

Burton zuckte zusammen und starrte den Alten entsetzt an.

„Das – das haben wir auch schon versucht, Sir“, sagte er verzweifelt.

Sir John kniff die Augen zusammen und fixierte den ehemaligen Friedensrichter. Sein jäh aufgeflammter Jähzorn schien wie weggewischt.

„Was habt ihr versucht?“ fragte er. Seine Stimme war wieder völlig normal.

„Wir – wir ließen von einer – äh – gecharterten Galeone aus die im Bau befindliche neue ‚Isabella‘ beschießen.“

„Und?“ Das klang knapp und scharf.

„Es – es wurde eine andere Galeone getroffen, die auf der Werft lag.“

„Schwachsinn“, erklärte der Alte rigoros. „Komplett verrückt! Dilettantisch! Da muß man ganz anders vorgehen, mein lieber Burton.“

„Darum haben wir uns ja an Sie gewandt, Sir“, sagte der Dicke eifrig und verbeugte sich im Sitzen. „Was schlagen Sie vor? Sie haben in solchen Dingen die größere Erfahrung.“

„Wo liegen die beiden Schiffe der Kerle?“

„An der Pier in Plymouth“, erwiderte Burton – ohne zu ahnen, daß die Sambuke, mit der die Ben-Brighton-Gruppe bis nach England gesegelt war, und die „Pride of Galway“ von den Seewölfen nach Rame Head verholt worden waren, um den Zugang zur Werft des alten Ramsgate abzusichern und einen zweiten Überfall zu verhindern.

„Dieses Schiff aus dem Mittelmeer – ist es größer als die ‚Pride of Galway‘?“

„Nein, viel kleiner.“

„Hm.“ Der Alte zwiebelte wieder seine Knollennase. „Wie ist es bewaffnet?“

„Überhaupt nicht, Sir.“

Der Alte riß die Augen auf. „Überhaupt nicht? Die Kerle sind mit einem nicht armierten Schiff gesegelt?“

„So scheint es“, erwiderte der dicke Burton. Die Fragen des Alten verwirrten ihn etwas.

Der klatschte plötzlich die rechte Hand auf den Schenkel und lachte dröhnend.

„Das ist es!“ röhrte er. „Diese Roßtäuscher! Sie segeln mit einem unbewaffneten Schiff, weil sie sich einbilden, niemand würde sich für einen solchen Kahn interessieren! Ein ganz harmloses Schiff nach außen! Aber was haben sie im Laderaum? Die Schatzbeute, jawohl, dort, und nicht auf der armierten irischen Galeone!“

Der dicke Burton starrte den Alten verblüfft an. Dann grinste er verstehend. Die Logik Sir Johns leuchtete ihm ein. Richtig, niemand würde einem solchen Schiff besondere Beachtung schenken – oder nur insofern, daß es etwas fremdartig wirkte. Aber das war kein Grund, eine wertvolle Ladung in dem Schiff zu vermuten. Über einen Torfkahn sah man ja auch hinweg, nicht wahr? Da war eine Galeone vom Typ der „Pride of Galway“ schon viel interessanter. Wenn man auf Beute aus war, würde man die Galeone angreifen, aber nie dieses Fahrzeug, das nur hinten gedeckt war. O ja, dieser Sir John war schon ein gerissener Kerl, alle Achtung!

„Sir“, sagte der Dicke schmalzig, „ich bewundere Ihren Scharfsinn. Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Dieses Schiff aus dem Mittelmeer ist ein Trick, das haben Sie völlig richtig erkannt.“

Der Ex-Hauptmann konnte dem Gespräch nicht mehr so richtig folgen. Lallend sagte er: „Wir – wir werden dieses Schiff zerschmettern …“

„Werden wir nicht!“ fuhr ihn der Alte an. „Man schlachtet keine Kuh, von der man Milch haben will, verstanden?“

Bromley wackelte mit dem Kopf, stierte den Burgherrn an und sah ihn doppelt.

„W-welche Kuh, Sir?“ fragte er. Dabei schielte er erschreckend.

„Mark, Sie haben zuviel getrunken“, sagte der Dicke verärgert. „Sir John hat Ihnen nur mit einem Vergleich geantwortet, den Sie offenbar nicht begriffen haben, weil Sie bereits betrunken sind. Mäßigen Sie sich mit dem Wein.“ Fast entschuldigend sagte er zu dem Alten: „Er hat zu lange im Kerker gesessen, Sir. Da darf man ihm nicht verübeln, daß er das Maß verliert. Aber auch daran hat dieser verdammte Killigrew schuld. Mister Bromley hatte eine glänzende Karriere als Offizier vor sich …“

„Schon gut, schon gut“, unterbrach ihn der Alte, den die Karriere des Mark Bromley nicht im geringsten interessierte. Und daß der Kerl sich die Hucke vollsoff, kratzte ihn auch nicht weiter. Einer, der soff, imponierte ihm sogar mehr als einer, der auf eine Karriere aus war. „Also“, fuhr er fort, „dieses Schiff aus dem Mittelmeer werden wir unangetastet lassen. Dafür aber werden wir die ‚Pride of Galway‘ in Grund und Boden schießen.“ Er grinste wie ein Faun. „Wenn wir diese Galeone unter Wasser getreten haben, fällt uns der Mittelmeerkahn wie eine reife Pflaume in den Schoß!“

„Genial!“ rief der dicke Burton begeistert, und dieses Mal heuchelte er keineswegs, obwohl er sich im nächsten Moment darüber ärgerte, daß Bromley und er nicht selbst auf diese Möglichkeit verfallen waren. Sie hätten sich gleich auf dieses Schiff aus dem Mittelmeer konzentrieren sollen, statt diesen unsinnigen Angriff auf den Neubau in Szene zu setzen, mit dem sie überhaupt nichts erreicht hatten – im Gegenteil, diese Seewölfe-Bande war gewarnt worden und wußte bereits, wer hinter der mißglückten Gefangennahme des Hesekiel Ramsgate und dem Anschlag auf seine Werft steckte.

Der Dicke schalt sich selbst einen Narren. Da waren sie nun zu dem alten, schlitzohrigen Sir John geritten, und der hatte im Handumdrehen einen Plan entwickelt, den sie auch selbst hätten fassen können. Und jetzt mußten sie noch mit dem alten Halunken die Beute teilen!

Dieser Gedankengang war richtig, wie der Dicke im nächsten Moment zu hören kriegte.

Der Alte hatte die Augen zusammengekniffen und sagte lauernd: „Das wäre ja dann soweit alles klar, mein lieber Burton – bis auf eins. Sie nehmen doch wohl nicht an, daß ich mit leeren Händen ausgehen möchte, nicht wahr? Schließlich habe ich den richtigen Plan entwickelt, setze für das Unternehmen meine Karavelle und meine Leute ein und riskiere Kopf und Kragen.“ Er zwinkerte dem Dicken zu und rieb Daumen und Zeigefinger der rechten Hand wie ein ausgebuffter Pferdehändler aneinander. „Na, wie steht’s denn damit, mein Guter? Haben Sie mir da was vorzuschlagen?“

„Ä-hem“, sagte der Dicke und räusperte sich die Kehle frei, denn da hatte sich so etwas wie ein Kloß festgesetzt, „darüber hatte ich gerade mit Ihnen sprechen wollen, Sir.“ Das klang ziemlich gequält.

„Immer frei von der Leber weg!“ röhrte der Alte und soff aus der Flasche.

„Ja, Sir“, sagte der Dicke, „ich dachte, daß wir die Beute teilen, nicht wahr?“

Sir John setzte die Flasche ab und schob den Kopf vor, als habe er sich verhört. „Teilen? Sie meinen, fünfzig zu fünfzig?“

Samuel Taylor nickte stumm.

Des Alten Stimme war jetzt sehr leise und bösartig: „Wollen Sie mich betrügen, mein Guter?“

„Aber Sir, ich muß doch sehr bitten …“

„Papperlapapp!“ unterbrach ihn der Alte ruppig. „Dreiviertel der Beute für mich, ein Viertel für Sie und Bromley. Sonst läuft nichts, gar nichts. Das Viertel ist schon happig genug. Denn, daß der Bastard wieder im Lande ist, hätte ich sowieso erfahren. Wenn ich Ihnen und Bromley ein Viertel zugestehe, dann ist das schon mehr als großzügig, ein Geschenk ist das, ein Geschenk für nichts und wieder nichts!“

So wurde Samuel Taylor Burton einfach überrollt und kriegte kein Bein auf die Erde, ja, ihm wurde auch noch gesagt, daß es eine Gnade sei, wenn er und Bromley an der Beute beteiligt würden. Eine Gnade!

Der Dicke hätte den schlitzohrigen Sir John am liebsten erwürgt, aber dazu war er nicht Manns genug, und sein Kumpan Bromley konnte ihm auch nicht beistehen, denn der schnarchte bereits in dem hölzernen Lehnstuhl. Den Rest Rotwein aus seinem Humpen hatte er sich dabei in den rechten Stiefel gegossen. Aber davon war er auch nicht aufgewacht.

So mußte der ehemalige Friedensrichter allein ganz kleine Brötchen backen und durfte allenfalls unbemerkt mit den Zähnen knirschen.

Das war’s also.

Und Sir John hatte mal wieder eine Beute zu seinen Gunsten verteilt, über die er noch gar nicht verfügte.

Ein feines Geschäftchen, dachte er, und lachte dröhnend, der alte Halunke.

3.

Vor lauter Gram über das miese Geschäft hatte der dicke Burton mit dem Alten und seinen beiden Ferkelsöhnen einen Humpen nach dem anderen geleert und war lange nach Mitternacht volltrunken und mit Hilfe von zwei Dienern in eine Turmkammer gewankt, wo man ihm ein Bett bereitet hatte. Dorthin war auch schon der schnarchende Bromley befördert worden, ohne daß er aufgewacht wäre.

Der Alte hatte noch eine Weile herumrandaliert, war dann aber in seinem Sessel vor dem Kamin eingeschlafen.

Das Ferkel Thomas Lionel, das zwischenzeitlich aus dem Keller Wein hatte heraufholen sollen, war im Suff nicht dort gelandet, wo die Weinfässer standen, sondern hatte sich in den Rübenkeller verirrt. Die Kerze war ihm bei seiner Torkelei ausgegangen, so daß er sich nicht mehr zurechtgefunden hatte. Er ruhte also auf schmutzigen Rüben, und Edwin Carberry hätte mit Recht von einem Rübenschwein sprechen können.

Dann hatte der Alte Simon Llewellyn losgejagt, um für Nachschub zu sorgen, aber der war auch nicht zurückgekehrt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Alte bereits vergessen, daß er seine Söhne in den Keller geschickt hatte. Er war nämlich selbst damit beschäftigt gewesen, daß Hirschgeweih über dem Kamin anzuspringen, um es herunterzureißen.

Das Hirschgeweih!

Scheißgehörn, hatte er in seinem umnebelten Gehirn gedacht, da hängst du mich nicht mehr rein, du Krücke von einem Bastard! Nach dem Ansprung war er am Rand des glosenden Kaminfeuers gelandet und hatte sich die Finger versengt. Von da ab hatte er randaliert und mit allem, was er zu fassen kriegte, nach dem Hirschgeweih geworfen. Immer daneben.

Darum hatte er sich in den Sessel zurückfallen lassen, um das Gehörn vor der nächsten Attacke noch einmal genau anzupeilen. Als er mehrere Geweihe sah, war er eingeschlafen.

Eingeschlafen war indessen auch das Ferkel Simon Llewellyn, das in eine Kiste gestiegen war – mit einer Kruke Wein in der Hand. Die hatte er noch abgezapft, während in seinem Kopf das Weinfaß und das Gewölbe auf und ab geschwankt waren wie der Atlantik bei Sturm. Umnebelt war er dann in die Kiste gestiegen, die er für die Treppe gehalten hatte. Es war eine leere Kiste, die irgend jemand in der Nähe der Steintreppe irgendwann abgestellt hatte, und seitdem stand sie dort.

Aus dieser Kiste hatte er nicht mehr herausgefunden – das war ein grausames Schicksal. Die Kruke lag längst auf dem Kistenboden, und der Wein war ausgelaufen. Bis zur Brust ging ihm die Kiste, aber darüber tasteten seine suchenden Finger in der Luft herum, links war auch Luft, rechts ebenfalls. Wo feste Wände hätten sein müssen, war Luft.

In seinem schwer beduselten Kopf wähnte Simon Llewellyn, er werde von den Geistern der Finsternis in die Hölle entführt und schwebe durch die Nacht der Verdammnis. Und da hatte er sehr geweint, der Ferkelsohn, war in der Kiste in sich zusammengesackt und vom Schlaf aus seinem Höllenflug erlöst worden. Mit dem dicken Hintern hatte er sich in den ausgeflossenen Rotwein gesetzt, der noch nicht ganz durch die Fugen der Kistenbretter gesickert war.

Da hätte Edwin Carberry, der Profos der Seewölfe-Crew, von einem Rübenschwein mit rotem Affenarsch sprechen können. Es war wirklich schade, daß er das nicht sah – das eine Rübenschwein im Rübenkeller, das andere in der Kiste.

Im Morgengrauen ruckte Sir John aus seinem Holzsessel hoch und hatte ein schiefes Genick, eingeschlafene Füße, ein krummes Kreuz und einen Geschmack im Mund, der eine reine Ferkelei war.

Seine Laune war dementsprechend.

Als er sich aus dem Sessel hochquälte – man war ja nicht mehr der Jüngste –, trat er mit den Stiefeln in die Scherben seiner nachmitternächtlichen Wurfübungen. Es knirschte mächtig, und er zuckte zusammen, weil er dachte, dieses Knirschen deute darauf hin, daß seine Knöchel aus dem Leim gingen. Manchmal, vor allem in den letzten Jahren, war das schon so gewesen, daß er meinte, das Knarren seiner Knochen gehört zu haben.

Und jetzt? Er ächzte und schaute nach unten. Auch das war schon schwierig, weil er das Gefühl hatte, sein Kopf säße verkehrt auf dem Hals. Er spähte also schief geneigt zu den Stiefeln hinunter – wie ein Hahn, der einäugig auf einen fetten Wurm stiert –, aber er entdeckte eben nur seine Stiefel, deren Leder seine Waden, Knöchel und Füße verbargen, natürlich, durch Leder hat man keinen Durchblick.

Er brauchte eine Weile, um das zu begreifen. In dieser Weile begann es in seinen eingeschlafenen Füßen zu kribbeln und zu krabbeln, und darum brüllte er um Hilfe, wobei er wie ein müder Brummbär auf den Scherben herumtappte.

Es erschien niemand. Das waren so die Zustände auf Arwenack. Lady Anne lebte seit Jahren in einem anderen Flügel der Feste, zurückgezogen von ihrem unflätigen Mann und ihren ebenso unflätigen Söhnen. Sie hatte es aufgegeben, diese versoffene und vulgäre Männer-Sippschaft noch zu ertragen. Und von der Dienerschaft zeigte sich niemand, weil man es gewohnt war, daß der Burgherr nach durchzechten Nächten erst gegen Mittag aus den Federn kroch. Und auch da hielt man sich zurück, weil man seine stinkige Laune kannte und keine Lust hatte, sich von diesem Wüterich anbrüllen oder verprügeln zu lassen. Außerdem hatte die Erfahrung ergeben, daß der Burgherr seine Brüllerei meist einstellte, wenn keiner da war, der ihm zuhörte.

So auch jetzt. Im übrigen brummte dem Alten der Schädel, und mit der Brüllerei tat er sich überhaupt keinen Gefallen, weil das Schädelbrummen davon nur schlimmer wurde.

Er fand einen Rest Whisky, kippte ihn hinunter, sackte wieder in den Holzsessel mit der hohen Lehne und schnarchte bereits nach ein paar Minuten.

Aufgeweckt mit seiner Brüllerei hatte er nur die drei Bestien, die in der Nähe des Kamins geschlafen hatten. Die hatten auch so ihre Erfahrungen. Sie lauerten noch ein Weilchen, und als sie die Schnarchtöne vernahmen, wußten sie, daß der Weg frei war. Sie tigerten zu dem Bohlentisch, an dem das Freß- und Zechgelage stattgefunden hatte, und räumten ab. Sie hielten also gewissermaßen Nachlese und sorgten dafür, daß nichts verdarb. Im gewissen Sinne ging es den Hunden auf Arwenack eigentlich besser als dem Gesinde und der Dienerschaft.

Daß beim Abräumen ein paar Tonkrüge und Tonschüsseln zu Bruch gingen, besagte nichts weiter. Auch das gehörte dazu. Es bleibt nur noch hinzuzufügen, daß die Wohnhalle mal wieder chaotisch aussah, ganz abgesehen von den Gerüchen, mit denen die Halle geschwängert war. Von einem Saustall zu sprechen, wäre noch untertrieben.

Erst gegen Mittag erwachte die Feste über Falmouth allmählich zum Leben – jedenfalls jener Teil, den Lady Anne wie gesagt seit Jahren nicht mehr betreten hatte. Sie selbst war natürlich längst aus den Federn und das für sie zuständige Gesinde auch. Dort, im Flügel der Lady Anne ging man mit den Hühnern schlafen und stand beim ersten Hahnenschrei wieder auf, dafür sorgte schon die Burgherrin. In ihrem Haushalt klappte auch alles, im Gegensatz zu der Lotterwirtschaft des Burgherrn.

An diesem Mittag nun begab sich Lady Anne ganz gegen ihre sonstigen Gewohnheiten in den Trakt der Feste, den Sir John bewohnte.

Es war nämlich folgendes passiert: Die Hühnermamsell von Lady Anne hatte am Vormittag festgestellt, daß aus dem Volk ihres Federviehs ganze zehn Hühner fehlten, darunter zwei der besten Leghennen. Da sie einen bestimmten Verdacht hegte, war sie zu den Küchenräumen Sir Johns hinübergegangen und hatte sie durchsucht. Zu diesem Zeitpunkt war dort noch niemand bei der Arbeit, so daß sie ungestört war.

Sie hatte mit ihrer Suche Erfolg gehabt: Erstens hatte sie in einem Abfallkübel braune Federn gefunden, was eindeutig bewies, daß dies Federn aus ihrem Hühnervolk sein mußten, denn Sir Johns Hühnervolk bestand aus weißen Hühnern, die nach Lady Annes Ansicht schlechter legten als die braunen. Zweitens fand die Mamsell in demselben Abfallkübel unter anderem das Gebeinpaar der beiden Leghennen, und dieser Beweis war noch eindeutiger, weil der rechte Lauf der beiden Leghennen mit einem bestimmten Markierungsring aus Eisenzinn umgeben war.

Die braunen Federn und die beiden Markierungsringe bewiesen also, daß jemand aus dem Gesinde des Sir John ein Langfinger gewesen war, der zehn Hühner aus dem Federvolk Lady Annes gemaust hatte, die dann als Bratvögel auf der gestrigen Abendtafel des Burgherrn gelandet waren.

Die Mamsell meldete ihrer Herrin den Vorfall, und da war das Maß voll. Lady Anne hatte sich vieles von ihren Mannskerlen bieten lassen, aber wenn man jetzt auch noch hinging und ihr die eigenen Hühner klaute – nur um der eigenen Freßsucht zu frönen –, dann war das Mundraub und im übrigen eine Unverschämtheit, die sie sich nicht gefallen ließ.

Lady Anne war noch so resolut und voller Energien wie eh und je. Bewaffnet mit ihrem Krückstock aus harter Eiche, der unten in einer Zwinge mündete, marschierte sie hinüber in den Wirtschaftstrakt Sir Johns. Dort befand sich auch die Küche, in der die Fressereien für Sir Johns Gelage zubereitet wurden.

Anwesend dort zu diesem Zeitpunkt waren der Küchenchef, ein schmutziger Kerl namens Baxter, ein Gehilfe von ihm namens Haig sowie zwei Küchenmädchen, die alle vier zusammenzuckten, als Lady Anne in der Küche erschien – stämmig, mit drohender Miene und funkelnden blauen Augen, die sich jetzt auf Baxter richteten.

Der grinste frech, aber das Grinsen verging ihm, als Lady Anne auf ihn zurückte, den Krückstock wie einen schweren Säbel in der Faust.

„Baxter!“ fauchte Lady Anne. „Wer hat veranlaßt, daß zehn meiner Hühner geklaut wurden? Heraus mit der Sprache!“

„Ich – ich weiß nicht, von was Sie sprechen …“

Weiter gelangte Baxter nicht, denn der Krückstock trat in Aktion, und Lady Anne wußte ihn bestens zu handhaben. Die beiden Küchenmädchen flohen kreischend aus der Küche, und als sich Haig, der Gehilfe Baxters, ebenfalls verziehen wollte, nahm Lady Anne einen Zielwechsel vor und ließ den Krückstock auf dem Buckel Haigs herumtanzen.

Lady Anne wußte sehr genau, wer geräubert hatte, nämlich Haig, der von einem Knöchelbruch her einen nach innen gedrehten linken Fuß hatte, und genau dieses Merkmal hatte sie bei den Fußspuren in ihrem Hühnerhof entdeckt. Nur hatte Haig nicht aufgrund eigener Initiative die Hühner entwendet, sondern das war ihm befohlen worden.

Baxter und Haig schrien um die Wette, während sie grün und blau geschlagen wurden, Haig schwor tausend Eide, daß er das nie wieder tun würde, und Baxter rückte endlich damit heraus, daß Sir John angeordnet habe, die Hühner zu stehlen.

Da tobte Lady Anne erst richtig los. Binnen kurzer Zeit verwandelte sie die Küche Sir Johns in ein Schlachtfeld und stülpte zum Abschluß Baxter den Abfallkübel mit den gerupften Federn, den abgehackten Köpfen und Beinen über den Schädel. Und Haig empfing zur Abrundung der Prügel einen schmetternden Schlag mit der Bratpfanne auf den Kopf. Er ging zu Boden, als sei er mit einer Axt gefällt worden.

Aber Lady Annes Feldzug war noch nicht beendet, denn auch der Urheber dieses Bubenstücks hatte sein Fett zu kriegen. Aus Erfahrung wußte Lady Anne, wo ihre schlechtere Ehehälfte zu finden war – natürlich in der Wohnhalle wie immer nach Zechgelagen.

Lady Annes Wut loderte auf wie eine Flamme, in die der Wind stößt, als sie die Halle betrat, die zwar Halle genannt wurde, aber nichts anderes war als ein Schweinestall.

Das war ja wohl nicht mehr zu fassen!

Lady Anne fluchte wie der letzte Fuhrknecht, und als einer der Köter sie anknurrte, empfing er mit dem Krückstock was aufs Maul, daß er aufjaulend und mit eingezogenem Schwanz flüchtete. Die beiden anderen Bestien zogen es vor, sofort zu verschwinden. Vor Sir Johns Hunden hatte Lady Anne noch nie Angst gehabt.

Als der Köter aufjaulte, war Sir John aus seinem Suffschlaf aufgewacht, aber er hatte keine Gelegenheit mehr, irgendwie zu reagieren.

Lady Anne war bereits hinter den Lehnstuhl geglitten. Sie bückte sich, packte links und rechts die beiden hinteren Stuhlbeine, ruckte sie hoch und kippte den Lehnstuhl vornüber.

Sir John merkte nur, daß er plötzlich abgelüftet wurde, und schon saß er nicht mehr, sondern segelte durch die Luft und klatschte vor dem Kamin auf den Steinboden. Er prellte sich Nase und Kinn und brüllte los.

Sekunden später tanzte der Krückstock über seinen Rücken, über Genick und Schultern, daß ihm Hören und Sehen vergingen. Lady Anne klopfte den Erzeuger ihrer Ferkelsöhne windelweich. Auch und gerade den dicken Hintern ihres Gemahls sparte sie nicht aus, und sie klopfte so lange, bis keine Staubwolken mehr aus dem Hosenboden aufstiegen.

Aufatmend hielt sie inne und wartete, bis sich Sir John stöhnend und ächzend umgedreht hatte. Als er sein zorniges Weib entdeckte, wollte er hoch, empfing aber mit dem Krückstock einen rabiaten Stoß vor die Brust, der ihm die Luft nahm und ihn wieder zurücksacken ließ.

„John Killigrew!“ donnerte Lady Anne. „Es ist das letzte Mal gewesen, daß du mich bestohlen hast! Das letzte Mal! Wird noch ein Stück aus meinem Besitz entwendet – und sei es ein Buchenscheit –, dann lade ich eine Muskete mit gehacktem Blei und schieß dich über den Haufen. Das gilt auch für deine verdammten Söhne! Ich habe es satt, mir das noch länger gefallen zu lassen. Hast du mich verstanden, du Mistkerl?“

Sir John schielte mit tückischen Augen zu der Feuerzange, die leider nicht ganz in seiner Reichweite lag.

Lady Anne sah das sehr genau.

„Nur zu!“ höhnte sie. „Hol dir die Feuerzange, Killigrew. Oder bist du zu feige?“

„Ich – ich dreh dir den Hals um, du alte Ziege …“

Lady Anne explodierte, und wieder hagelte es Hiebe mit dem Krückstock. Ja, sie war ein verdammt harter Brocken, diese Lady Anne, und jetzt zahlte sie dem Alten alles zurück, was er ihr in den letzten Jahren angetan hatte. Das war alles in Lady Anne angestaut gewesen, und jetzt brach es sich Bahn wie eine Naturkatastrophe.

Gleich der erste Hieb prallte Sir John an den Hals, nahm ihm die Luft zu weiteren Beschimpfungen und legte ihn im Sitzen um. Lady Anne kannte kein Erbarmen, zu häufig war sie von diesem Ungetüm entwürdigt, beleidigt, betrogen und sogar bestohlen worden. Nur ihr Stolz hatte es ihr verboten, die Feste Arwenack zu verlassen.

Ja, heute war Zahltag, und stellvertretend für die Schlampen, die Saufkumpane und die eigenen Söhne empfing Sir John die Prügel, und Lady Anne ließ ihm keine Chance, um den Spieß umzudrehen.

Als sie das Feld räumte, hatte Sir John die Dresche seines Lebens bezogen, und da war wohl keine Stelle an seinem Körper, die Lady Anne verschont hatte.

Nun waren Thomas Lionel und Simon Llewellyn vor einem Viertelstündchen etwa ebenfalls in die Gegenwart zurückgekehrt, der eine im Rübenkeller, der andere in der Kiste. Sie hatten sich ins Wachsein zurückgequält und litten an allerlei Störungen, wie sie nicht ausbleiben, wenn der Geist des Alkohols zuschlägt. Beide hatten etwa das Gefühl, mit den Köpfen zwischen zwei Mühlsteinen eingeklemmt worden zu sein.

Sie trafen sich am Kellerniedergang, und da keiner den anderen zunächst erkannte – da unten herrschte ein schummriges Halbdunkel –, fuhr ihnen der Schreck in die Glieder und ließ sie noch mehr wanken. Vermutlich meinte jeder vom anderen, einem Geist begegnet zu sein oder vielleicht sogar dem Gehörnten. Als sie voreinander Reißaus nehmen wollten, ertönte oben in der Halle die donnernde Stimme, die unschwer als die ihrer resoluten Mutter zu identifizieren war. Da zuckten sie wieder zusammen.

Und sie lauschten. Als in der Standpauke auch von ihnen die Rede war, setzten sie sich in Bewegung, um die Steintreppe hochzuschleichen. Erst da erkannten sie einander. Sie grinsten sich gequält an, zwei derangierte Kerle mit vom Suff verquollenen Visagen. Man hätte sie nie als gut aussehend bezeichnen können, aber jetzt ähnelten sie Ferkeln mehr denn je.

Wie Spitzbuben schoben sie sich längs der Seitenmauern die Stufen hoch und spähten oben aus dem Halbdunkel des Niedergangs in die Halle, wo ihr Alter verdroschen wurde.

Natürlich waren sie weit davon entfernt, sich einzumischen oder etwa ihrem Alten beizustehen. Erstens hätten sie selbst Senge bezogen, zweitens kannten sie den Zorn ihrer Mutter, und drittens labten sie sich an der Schadenfreude. Es war zu schön, zusehen zu dürfen, wie dem Alten das Fell gegerbt wurde. Zu gern hätten sie ihren Beifall kundgetan, aber das verbot sich aus naheliegenden Gründen.

So blieben sie stumme, aber doch sehr erfreute Zeugen eines nicht alltäglichen Geschehens. Wirklich schade, daß sie so etwas so selten erlebten.

Als die Tür hinter der Burgherrin ins Schloß krachte, zuckten die beiden Ferkelkerle noch einmal zusammen. Der Alte konnte nicht mehr zucken, weil er total zerschlagen war. Aber das Zukrachen der Tür verriet ihm, daß seine bessere Hälfte die Halle nunmehr verlassen hatte. Dann knirschten irgendwo hinter ihm Schritte über Scherben, und er wälzte sich stöhnend herum.

Sein Blick fiel auf seine beiden Stammhalter, und an deren dreckigem Grinsen erkannte er, daß sie Zeugen seiner schmachvollen Züchtigung geworden waren. Das stimmte ihn keineswegs fröhlich.

Die beiden hatten sich schleunigst verdrücken wollen, ohne vom Alten bemerkt zu werden, aber das war nun leider danebengegangen. Das Knirschen der Bruchscherben hatte sie verraten. Ihr Grinsen vereiste sehr schnell.

Vater und Söhne starrten sich also an und ihren Blicken war zu entnehmen, daß sie einander keineswegs in Liebe zugetan waren, jedenfalls nicht so, wie es zwischen Vätern und Söhnen wünschenswert wäre.

So zerschlagen der Alte auch war, er konnte schon wieder brüllen, und seine Söhne erhielten den Befehl, ihm aufzuhelfen. Sie hätten jetzt noch auskneifen können, aber dazu fehlte ihnen der Mumm. Und früher oder später wäre der Alte doch über sie hergefallen. Vielleicht war es jetzt sogar besser, alles über sich ergehen zu lassen, zumal der Alte Federn hatte lassen müssen – wie die zehn gestohlenen Hühner.

Ohne viel Begeisterung latschten sie über die Scherben, griffen dem Alten unter die Achseln, hievten ihn hoch und zerrten ihn zu einem Stuhl, der noch nicht umgekippt war.

Der verdammte Wüterich ließ sich hängen wie ein ausgewrungener Putzlappen. Aber kaum saß er mit dem dicken Hintern auf dem Stuhl, kriegte der dümmliche Thomas Lionel, der nicht schnell genug reagierte, ein Ding an die Ohren gescheuert, das ihn ins Taumeln brachte. Simon Llewellyn schaffte es rechtzeitig, sich dem Zugriff des Alten zu entziehen. Er tat es mit dem Hinweis, in der Küche für das Frühstück sorgen zu wollen. Das war immerhin eine gute Ausrede, und sie wurde auch akzeptiert, weil der Alte Hunger hatte. Thomas Lionel durfte ihm dafür einen Eimer mit kaltem Wasser bringen und dem Alten kalte Kompressen auf den Kopf legen.

Zu diesem Zeitpunkt tauchten auch der dicke Burton und sein Kumpan Bromley in der Halle auf. Sie hatten die Mienen von Sargträgern, vor allem Bromley, der inzwischen von Burton erfahren hatte, wie von dem Alten „der geschäftliche Teil“ geregelt worden war. Immerhin waren diese beiden Gauner bereits übereingekommen, sich nicht mit einem Viertel der Beute zu begnügen. Irgendwie würden sie schon einen Dreh finden, sich vor der Teilung die Taschen vollzustopfen.

Als sie den Burgherrn erblickten, lockerten sich ihre verkniffenen Mienen um einige Nuancen.

Und zuckersüß sagte der dicke Burton: „Ah, Sir John, ich hoffe doch sehr, daß Sie eine gute Nacht hatten!“

Als Antwort erhielt er einen bitterbösen Blick und ein unverständliches Grunzen.

Mittags gab’s also das Frühstück, und die Trauergemeinde hatte sich nicht viel zu sagen. Die Killigrews schmatzten wie üblich und waren maulfaul, Burton hüstelte dann und wann, und Bromley brütete finster über seinem Teller. Er dachte schon wieder an Philip Hasard Killigrew. Die herrlichen Spiegeleier auf dem gebratenen Speck konnten ihn davon auch nicht abhalten.

4.

Erst gegen zwei Uhr am Nachmittag wurden unten im Hafen von Falmouth die Leinen gelöst. Zwölf wüste Kerls gehörten zur Stammbesatzung der Karavelle, die Sir John sein eigen nennen konnte. Sie war gut bestückt, denn sie diente dem alten Schnapphahn ja dazu, bei den Scillys oder in der Irischen See herumzuwildern. Er konnte ja nie den Hals voll genug kriegen, und das ausschweifende Leben, das er zwischendurch führte, verschlang ganz hübsche Sümmchen.

Armiert war die Karavelle mit je sechs Culverinen an Backbord und an Steuerbord, ferner mit demontierbaren Relingsbüchsen – zehn an der Zahl –, die überall jederzeit in die dafür vorgesehenen Halterungen auf dem Schanzkleid eingesetzt werden konnten, sowie mit je vier Dreh@assen auf dem Achterdeck und der Back.

Zur Bedienung dieser Waffen hätte Sir John gern ein paar Kerle mehr gehabt, aber da wäre dann auch mehr Sold fällig gewesen, und er war nun mal ein notorischer Geizkragen, was die Bezahlung seines Gesindes oder seiner Mannschaft betraf. So war er auch stets unterbemannt, was er aber dahin ausglich, daß er von seinen Kerlen eben mehr als üblich an persönlichem Einsatz verlangte. Sie hatten statt zwei Händen eben vier Hände zu haben – basta. Daß er seine beiden Ferkelsöhne als zusätzliche Decksleute betrachtete, versteht sich am Rande.

Dieser verwilderten Crew stand ein Bootsmann vor, O’Leary mit Namen, ein rüder Klotz von einem Kerl mit Holzhackervisage, mächtigen Fäusten und einem breiten Kreuz. Wenn Sir John nicht an Bord war, dann hatte er die Funktion eines Kapitäns. Er war ein guter Seemann und verstand auch was von der Navigation.

Hier muß noch hinzugefügt werden, daß O’Leary den beiden Ferkelsöhnen übergeordnet war, was bedeutete, daß er mit ihnen nach Belieben verfahren konnte, ohne vom Alten deswegen gerüffelt zu werden, ja, er verlangte sogar, daß O’Leary den beiden „Lümmeln“ was an die Ohren gab oder sie in den Hintern trat, wenn sie Mist bauten oder meinten, faulenzen zu dürfen.

Das hatte überhaupt nichts mit Erziehung zu tun, die mit spätestens zwanzig Jahren hätte abgeschlossen sein müssen. Nein, von solchen Überlegungen war Sir John meilenweit entfernt. Er hatte nur eine perverse Freude daran, seine Söhne zu kujonieren und zu piesacken – und was ihm bei Philip Hasard Killigrew nicht gelungen war, das ließ er an seinen beiden Ferkelsöhnen aus, ungeachtet dessen, daß diese Söhne bei einer solchen „Erziehung“ weiß Gott nichts anderes als nichtsnutzig werden konnten.

Wahrscheinlich auch wußte der Alte nichts von der Redensart in seinem Land, die da lautet: like a cornered rat – wie eine in die Enge getriebene Ratte. Denn das konnte eines Tages passieren, daß sich seine Söhne wie cornered rats fühlten und so handelten, nämlich mit dem letzten wahnsinnigen Mut der Verzweiflung den Folterknecht anzuspringen und sich in ihn zu verbeißen.

Seltsamerweise war es der dümmliche Thomas Lionel, der an diesem Tage zur Ratte wurde.

Es ließ sich alles gut an, wenn man von der schlechten Laune und der Brüllerei des Alten einmal absah.

Ein paar von den zwölf Kerlen, die allesamt so rechte Galgenstricke waren, drückten mit langen Bootshaken die Karavelle von der Pier weg, bis sie im Wind lag, der von Westen wehte. Die Fock wurde backgesetzt, bis der Bug nach Lee zu drehen begann, dann herumgeholt, während gleichzeitig auch Großsegel und Besan vorgeheißt wurden. Der Alte stand selbst am Ruder, während O’Leary, der Bootsmann, das Segelsetzen und Durchholen der Schoten überwachte.

Burton und Bromley befanden sich natürlich an Bord. Sie standen reichlich überflüssig auf dem Achterdeck herum und damit jedem im Wege. Von der Seefahrt verstanden sie soviel wie die Kuh vom Bauerntanz. Da ihnen die See dazu noch fremd war, hatten sie Beklemmungen, Schweißausbrüche und das dumpfe Gefühl, demnächst von dem nassen Element verschlungen zu werden.

Dieses Gefühl verstärkte sich, als sich die Karavelle nach Lee neigte und mit halbem Wind die Bucht von Carrick Roads durchlief und an Pendennis Point vorbei Zone Point ansteuerte, die Spitze jener Halbinsel, die gerundet werden mußte, wenn man entlang der kornischen Küste Plymouth anlaufen wollte.

Noch war bei dem Wind aus Westen die Bucht von Carrick Roads gut geschützt und der Seegang beileibe nicht aufregend. Aber der dicke Burton und sein Kumpan Bromley standen seltsam verdreht auf den Planken des Achterdecks und klammerten sich am Schanzkleid an Steuerbord fest, als befürchteten sie, im nächsten Moment auf dem mäßig schiefgeneigten Deck abwärts nach Lee zu rutschen.

Ihre Haltung sah schon reichlich komisch aus. Sie wirkte, als hätten sie die Hosen voll. Und Ihre Mienen wiesen aus, daß sie von erbärmlicher Angst erfüllt waren. Die durchzechte Nacht war auch nicht dazu angetan, ihr Wohlbefinden zu stärken.

Als Zone Point gerundet und damit die Atlantikdünung wirksam wurde, passierte das, was für Landratten vom Schlage dieser beiden Spitzbuben obligatorisch ist.

Ihre Mägen stiegen ihnen durch die Kehlen, und sie opferten. Ungetrübt von den Gesetzen des Windes entleerten sie sich, über dem Schanzkleid hängend, nach Luv. Das Zeug – noch nicht verdaute Spiegeleier mit Speck und Roggenbrot – flog ihnen wieder entgegen und um die Ohren, verkleisterte ihnen die Augen, das Gesicht und die Halskrausen, und so stimmten sie unisono ein Jammergebrüll an, als befänden sie sich auf dem Wege zur Schlachtbank.

Das war so richtig was für den Alten, der die Ruderpinne einem der Kerle übergeben hatte. Er lachte sich halbtot über die beiden Gestalten am Steuerbordschanzkleid. Dann wurde ihm der Geruch zuwider, der ihn von dort anwehte, und er brüllte den Bootsmann an, dafür zu sorgen, daß die Schweinerei, mit der auch das Deck bekleckert war, beseitigt würde.

O’Leary stand auf der Kuhl, röhrte sein „Aye, aye, Sir!“ und scheuchte Thomas Lionel aufs Achterdeck, nachdem er ihn angebrüllt hatte, was er mitzunehmen hätte, nämlich eine Pütz samt Fangleine, eine Handbürste und einen Lappen.

Thomas Lionel gehorchte.

Inzwischen war gehalst worden, und die Karavelle lag nunmehr über Steuerbordbug auf Nordost-Kurs, um Dodman Point anzusteuern, die nächste Halbinselspitze auf dem Wege nach Plymouth. Der Wind aus Westen fiel raumschots ein, die Karavelle wiegte sich in der von achtern anlaufenden Atlantikdünung – für magenschwache Landratten eine sehr üble Bewegung, die beharrlich und stetig ein Schiff hochklettern und hinuntergleiten läßt. Beim Hochklettern schwenkte der Bug hoch, beim Hinuntergleiten das Heck. Mit dem Magen verhält sich das nahezu synchron. Feste Mägen vertragen das, schwache Mägen rebellieren.

Bei Burton und Bromley rebellierten sie also weiterhin.

Sie hatten inzwischen begriffen, daß es unzweckmäßig war, gegen den Wind zu opfern. So lehnten sie jetzt achtern am Schanzkleid, den Rücken fast zum Wind, und versauten die Planken. Sie hatten noch allerlei in ihren Mägen.

Der Alte, achtern drüben am Backbordschanzkleid, sah genüßlich und grinsend zu, als sein Sohn Thomas Lionel, bewaffnet mit Pütz, Handbürste und Lappen, den Niedergang hochenterte, auf dem Achterdeck jedoch stehenblieb und zögerte.

O’Leary tauchte hinter ihm auf, verpaßte ihm spornstreichs einen Tritt in den Hintern und beförderte ihn auf diese Weise in Richtung des verunreinigten Decks, also dorthin, wo es nicht sehr appetitlich aussah.

Thomas Lionel sauste bäuchling über die Ferkelei auf den Planken und nahm insofern bereits mit seinen Klamotten eine Art Vorreinigung vor. Seine Rutschfahrt endete kurz vor den beiden Gentlemen, denen so speiübel war. So passierte es, daß er deren Magenkram auch noch ins Genick kriegte, sozusagen frisch, denn die beiden Gentlemen scherte es nicht, wer da zu ihren Füßen lag. Er hätte ja woanders hinrutschen können.

Als Thomas Lionel noch ein Bübchen gewesen war, da hatte sich sein älterer Bruder Malcolm oft daran verlustiert, ihm kaltes Wasser hinten in den Kragen zu gießen oder bei Frost auch mal Eisstückchen dort hineinzustopfen. Wenn dann der kleine Thomas Lionel wie am Spieß gebrüllt hatte, war Malcolm ganz weg gewesen vor lauter Lust an diesem Spaß.

Seit jenen Jahren reagierte Thomas Lionel nahezu hysterisch, wenn ihm irgend etwas hinten ins Genick geriet, es brauchte gar nicht einmal kalt zu sein.

Einmal war ihm unter Deck, als er mit seinem Alten und Simon Llewellyn an der Back gesessen hatte, eine Kakerlake hinten in den Kragen gefallen. Die war ihm noch dazu den nackten Rücken hinuntergekrabbelt. Da hatte er sich gebärdet wie ein Tobsüchtiger, einen Veitstanz hatte er aufgeführt, Geschirr zerschlagen und die Kammer demoliert. Erst ein Kinnhaken des Alten hatte ihn außer Gefecht setzen können.

Da war nun dieses Mal etwas anderes im Genick des Thomas Lionel gelandet, etwas nicht sehr Schönes, denn es roch mächtig übel. Für etliche Sekunden lag der Ferkelsohn starr und stumm platt auf den Planken, stierte das Holz an und das, was sich dort schon angesammelt hatte. Gleichzeitig spürte er jenes andere bereits im Genick, und er wagte kaum, sich zu rühren, damit es nicht tiefer rutschte.

Schritte waren hinter ihm, gleich darauf klatschte ein Tauende auf seinen Hintern, und die Stimme O’Learys dröhnte in seine Ohren.

„Willst du da pennen, du Sack?“ brüllte der Bootsmann. „Hoch mit dir, verdammt noch mal! Hier wird nicht gefaulenzt!“ Und wieder kriegte er das Tau zu kosten, schon härter als zuvor.

Das genau war der Moment, der jene Situation heraufbeschwor, in der Thomas Lionel, der plumpe, dumme Kerl, zu einer in die Enge getriebenen Ratte wurde.

Er schoß mit einem schrillen, quiekenden Schrei von den Planken hoch, als sei er von dort abkatapultiert worden. Dann passierte etwas, was für O’Leary viel zu schnell ging, um noch reagieren zu können. Er hatte auch mit gar keiner Gegenwehr gerechnet.

Thomas Lionel kreiselte herum, schwang dabei die Pütz mit der Fangleine aus, die Leine prallte seitlich an das Kinn des Bootsmanns und hatte genug Drall drauf, um sich samt Pütz um dessen Hals zu wikkeln.

Dieses Mal brüllte Thomas Lionel wie ein wilder Stier, dann packte er blitzschnell mit der anderen Hand zu und riß die Fangleine mit einem wahnsinnigen Ruck zu sich heran, sprang aber gleichzeitig zurück.

Der Ruck genügte, um den Klotz von Bootsmann umzuwerfen. Mit der schweren Masse seines Körpers krachte er vierkant auf die Planken und begrub die Pütz unter sich. Die Fangleine lag wie eine Würgemanschette um seinen Hals.

Thomas Lionel geriet außer sich vor Triumph, den Kerl umgelegt zu haben. Mit einem Satz sprang er auf den Rücken des Bootsmanns und trampelte wie ein Irrer auf ihm herum, als wolle er ihn durch das Deck stampfen.

Der dicke Burton und der hagere, krummrückige Bromley flüchteten schreiend vor den Ruderstand. Die anderen Kerls an Bord standen wie erstarrt. Das hatte noch keiner geschafft, den Bootsmann O’Leary von den Füßen zu holen.

Simon Llewellyn wieherte über den Spaß wie ein liebeshungriger Hengst, und dann nahm er die seltene Gelegenheit wahr, sich ebenfalls an dem Bootsmann für die bisher empfangenen Prügel, Fußtritte und Beschimpfungen zu rächen. Er tobte aufs Achterdeck, stieß seinen Bruder weg und bearbeitete den Bootsmann mit Fußtritten.

Thomas Lionels Tätigkeitsdrang war noch längst nicht erloschen. Grölend packte er den Haarschopf des Bootsmanns und donnerte dessen Kopf auf die Planken.

„Aufhören!“ brüllte der Alte, hochrot im Gesicht vor Wut. „Seid ihr verrückt geworden?“

Seine Söhne waren taub. Wer Rache nimmt, hört nichts mehr. Sie warfen sich über den Bootsmann und prügelten mit den Fäusten auf ihn ein. Sie rissen ihm Haare aus, kniffen und zwackten ihn, und wenn sie Wölfe gewesen wären, hätten sie ihn auch aufgefressen. Kurz, sie tobten wie die Wilden auf ihm herum.

Der Alte beging den Fehler, seine tobsüchtig gewordenen Söhne in der alten Manier bändigen zu wollen, das heißt, zu versuchen, ihnen Maulschellen zu verpassen. Das mißlang gründlich.

Entweder waren sie allmählich immun geworden, oder sie empfanden zur Zeit nichts mehr, weil sie außer sich vor Lust waren, es dem gefürchteten und gehaßten Bootsmann endlich einmal heimzahlen zu können – letzteres traf wohl zu. Das heißt, die Bestien waren los und total entfesselt.

Der Alte wurde von einem wilden Schwinger Simon Llewellyns erwischt und geriet gleichzeitig mit dem Kinn unter den hochruckenden Kopf Thomas Lionels. Dem machte das überhaupt nichts aus, weil er sowieso nur Stroh im Kopf hatte. Aber das Kinn des Alten war empfindlich, ganz abgesehen von dem Schwinger, der auf sein rechtes Ohr krachte.

Die Nacht war für Sir John schon mies genug gewesen, die Prügel von Lady Anne gegen Mittag hatte er auch noch nicht verdaut, also nippelte er ab wie eine verlöschende Kerze. Er rollte – dieses Mal jenseits von Gut und Böse – über die Planken nach Lee, und da war zum Glück das Steuerbordschanzkleid, das ihn davor bewahrte, außenbords ein kühlendes Bad zu nehmen.

Genau das wäre der Moment für seine beiden Ferkelsöhne gewesen, das Kommando über die Karavelle an sich zu reißen – nicht nur über die Karavelle, sondern im weiteren Sinne auch über die Feste Arwenack. Eine bessere Gelegenheit würden sie aller Wahrscheinlichkeit nie mehr erhalten – der Alte total aus dem Gefecht und der Bootsmann ebenso.

Aber sie waren zu bescheuert, um die Gunst der Stunde zu begreifen. Der dämliche Thomas Lionel nämlich verließ seinen Standort auf dem Rücken des Bootsmanns und stolperte zum Steuerbordschanzkleid, um seinen Alten weiter in die Mangel zu nehmen.

Da war also plötzlich einer weniger auf dem Rücken des Bootsmanns, der gerade in diesem Augenblick mit dem Ersticken kämpfte und sich in einem letzten Reflex aufbäumte. Das geschah so jäh, daß Simon Llewellyn von seinem Rücken geschleudert wurde. Fast automatisch griff O’Leary nach der Fangleine um seinen Hals und löste sich aus der Erdrosselung. Die Pütz flog sonstwohin.

Mit einem mächtigen Atemzug holte der Bootsmann Luft in seine Lungen, mit dem nächsten Atemzug war er auf den Beinen, wirbelte herum, griff sich Simon Llewellyn, der sich noch nicht aufgerappelt hatte, und damit war die Schlacht auf dem Achterdeck der Karavelle auch schon entschieden.

Simon Llewellyn sank mit glaisgen Augen nach einer Explosion an seinem Kinn auf die Planken, und Thomas Lionel landete Sekunden später neben ihm, gleichfalls im Zustand totaler Passivität. Da war nichts mehr drin. Die alte Ordnung war wiederhergestellt, alles blieb so, wie es gewesen war.

Der Zorn des Alten, als er ins Bewußtsein zurückkehrte, war fürchterlich. Seine beiden Söhne, die ein einziges Mal über ihn triumphiert hatten, fanden sich in der Vorpiek wieder, gefesselt an Händen und Füßen, grün und blau geschlagen.

Aber irgendwann würden sie wieder den Zustand von „cornered rats“ erreicht haben und die Bestie in sich loslassen. Ob der Alte das überleben würde, war jetzt schon fraglich.

Es ging auf eine Stunde vor Mitternacht zu, als die Karavelle Rame Head passierte, dann Penlee Point rundete und mit nunmehr halbem Wind in die Cawsand Bay steuerte. Das Feuer von Breakwater, dem schmalen langen Wellenbrecher im Plymouth Sound, blieb an Steuerbord.

Der Wind aus Westen wehte nicht mehr so stark, eher mäßig. Und die Sicht war alles andere als klar. Nebelschwaden hatten sich gebildet und waberten über dem Wasser. Ab und zu rissen sie auf und gaben die Sicht frei.

Wären der dicke Burton und sein hagerer Kumpan beim Passieren von Rame Head in den Großmars geentert, dann hätten sie an dem Kai zur Werft des Hesekiel Ramsgate die Zweimast-Sambuke und die irische Galeone gesehen.

Aber keine hundert Pferde hätten sie auf den Mars gebracht – Gott bewahre! Und das auch noch bei Dunkelheit! Und dann in ihrem leidenden Zustand! Ihre Mägen waren zwar so leer wie die Geldkatze eines bankrotten Kaufmanns, aber ihnen war nach wie vor hundsmiserabel zumute. Das Würgen hatten sie immer noch in den Kehlen. Sie fühlten sich schlapp und wie ausgewrungen.

Die Karavelle war gefechtsklar.

Natürlich brauchte Sir John jetzt jede Hand. Und darum hatte er auch seine Ferkelsöhne aus der Vorpiek holen lassen. Ihr einmalig aufgeflammter Widerstand war gebrochen. Sie standen ziemlich lahm und krumm auf der Kuhl, Thomas Lionel an einer Backbord-Culverine, Simon Llewellyn an einer auf der Steuerbordseite. O’Leary, der Bootsmann, belauerte sie mit einem Auge. Er traute dem Frieden noch nicht, obwohl er diese beiden Killigrews verachtete und für miese Schlappschwänze hielt. Beim geringsten Aufmucken würde er ihnen den Marsch blasen, handfest mit den Fäusten, versteht sich.

Wie ein Geisterschiff glitt die Karavelle durch die Nebelfetzen. Graue Schwaden in den bizarrsten Formen tanzten wie Gespenster über die Decks, mal da, mal dort. Schemenhaft flatterten sie vorbei, lautlos, kalt und feucht. Nässe schlug sich überall nieder.

Natürlich waren alle Lichter gelöscht. Nur in den Kohlebecken brannte die Glut zum Zünden der Lunten – dunkelrote Höllenaugen längs der beiden Schanzkleider.

Sie lauschten und spähten alle in die diesig-neblige Nacht. Andere Schiffe waren noch nicht gesehen worden, und darauf spekulierte Sir John auch. Er wollte unbemerkt bleiben. In einer Nacht wie dieser hatte er dafür auch die besten Voraussetzungen. Was ihm allerdings passieren konnte, das war das mögliche Pech, einen Ankerlieger zu rammen.

Das war eben das Unwägbare. Auf der weiten See konnte es ein Kapitän riskieren, in Fahrt zu bleiben. Das mußte schon mit dem Teufel zugehen, in der Weite des Atlantik ein anderes Schiff im Nebel über den Haufen zu rennen.

Eins war sicher: bei dieser verhangenen Sicht lief kein Kapitän mit seinem Schiff aus Plymouth aus. Von daher war also nichts zu befürchten. Aber Schiffe, die den Hafen von Plymouth anlaufen wollten und in den Nebel geraten waren, die würden vor Anker gegangen sein, um bessere Sicht abzuwarten. Und mit diesen Schiffen mußte Sie John rechnen, ganz abgesehen von diesen oder jenen Seglern, die vor dem Hafen aus irgendwelchen Gründen auf Reede lagen.

Es war also keineswegs ungefährlich, sich bei diesen Sichtverhältnissen in den Hafen zu wagen. Allerdings war der alte Schnapphahn kaltschnäuzig genug, es eben doch zu riskieren. Er gehörte ja auch zu der rauhbeinigen Sorte. Wenn er zu seinen Raubfahrten auslief, mußte er ganz andere Risiken auf sich nehmen. Vom Nebel hatte sich der Alte noch nie ins Bockshorn jagen lassen. Die Witterungsverhältnisse an den Küsten von Cornwall waren ihm viel zu vertraut. Der Nebel gehörte dazu.

Der Alte war oft in Plymouth gewesen. Er kannte sich mit den Gegebenheiten aus und war sich selbst der beste Lotse. In etwa einer halben Stunde mußte Steuerbord voraus die Felseninsel St. Nicholas gesichtet werden – wenn der Nebel nicht noch dicker wurde. Dann allerdings würde auch Sir John gezwungen sein, den Anker zu werfen und darauf zu warten, daß die Sicht besser wurde.

Die St.-Nicholas-Insel, von der man sich an der kornischen Küste erzählte, daß sie in Drake-Insel umgetauft werden sollte, zu Ehren des Admirals, lag direkt vor der Mill Bay, etwa eine Meile von ihr getrennt. Und auf der Ostseite der Mill Bay, so hatten Burton und Bromley jedenfalls behauptet und darüber auch eine Zeichnung angefertigt, sollten an der Pier die „Pride of Galway“ und der fremdländische Zweimaster vertäut sein.

Bei dem Wind aus Westen war das alles sehr günstig. Sir John würde sich an dem Fort Eastern King, vorbeimogeln, in die Mill Bay vorstoßen, dicht an der Ost-Pier vorbeisegeln und die volle Steuerbordbreitseite in die irische Galeone feuern. Vor der Mill Bay Road würde er anluven, durch den Wind gehen und auf Gegenkurs nun die Backbordbreitseite zum Einsatz bringen.

Bei einer Distanz von etwa fünfzig Yards mußte jede Kugel voll treffen. Da konnte selbst ein schielender Schwachsinniger nicht danebenballern. Wenn doch, würde er dem Kerl etwas zu kosten geben, nämlich die Neunschwänzige. Schließlich ging es nicht an, daß Sir Johns Pulver und Kugeln sinnlos vergeudet wurden, nur um schöne Fontänen aus dem Wasser zu zaubern. Das Schießzeug war eh teuer genug, damit konnte man nicht herumaasen.

O’Leary erschien auf dem Achterdeck und näherte sich dem Alten, der beim Rudergänger stand.

„Sir“, sagte er, „gestatten Sie, daß ein Mann als Ausguck am Bug geht? Wir finden dann die Einfahrt in die Mill Bay leichter.“

Der Alte winkte ab. „Nicht nötig, O’Leary. Die finde ich im Schlaf.“

„Ich meine nur wegen des Nebels, Sir. Der wird dicker.“

Da hatte der Bootsmann allerdings recht. Sir John spähte voraus. Da war im Moment noch nicht einmal der Bug der Karavelle zu sehen, sondern nur eine grau-weiße Wand, die Sekunden später auch den Großmast erreichte und im Nu einhüllte, als würde er in Watte verpackt. Kurz darauf legten sich die milchigen Schleier auch über das Achterdeck.

Sir John fluchte verbittert. Das hatte ihm gerade noch gefehlt!

„Raus mit dem Anker!“ knurrte er seinen Bootsmann an. „Fiert weg die Segel! Beeilung, sonst brummen wir auf die verdammte St.-Nicholas-Insel!“

„Aye, aye, Sir.“ Der Bootsmann verschwand wie ein Geist in der Nebelsuppe.

„Anluven!“ blaffte der Alte dem Rudergänger zu.

Der wiederholte den Befehl und @egte Ruder. Jetzt war nur zu ahnen, wie der Bug der Karavelle in den Wind schwenkte. Undeutliche Stimmen drangen durch die Watte. Tauwerk knarrte, irgendwo quietschte ein verdammter Block. Dann klatschte etwas ins Wasser – der Buganker. Wenn er nicht faßte, würden Wind und die Versetzung durch den Strom, der ostwärts driftete, die Karavelle drüben zwischen der Batten Bay und Stadden Point an Land setzen, oder sie würden sich dort irgendwo in den Modder wühlen.

Mahlzeit!

Und der Alte fluchte wieder. Zu allem Überfluß tauchte eine Gestalt in der Milchsuppe vor ihm auf und befummelte ihn tastend.

„Pfoten weg!“ knurrte Sir John.

„Ah, Sie sind es, Sir, Verzeihung …“ Der dicke Burton war es. Er schnaufte erregt und roch sauer. „Ist – ist was passiert, Sir?“

Sir John stöhnte. Was für eine dämliche Frage!

„Ja, es ist was passiert!“ fauchte er.

„Oh! Was denn?“

„Nichts!“ brüllte Sir John. „Wir sind nur ein bißchen eingenebelt, Sie Holzkopf!“

Plötzlich ruckte die Karavelle, und der dicke Burton fiel dem Alten um den Hals.

„Hilfe!“ röchelte er. „Ich – ich ertrinke …“

„Quatsch! Der Anker ist eingeruckt!“ Der Alte stieß den Dicken von sich. „Mann, bleiben Sie mir bloß vom Leib! Sie stinken wie eine vergammelte Wildsau!“

Der Bootsmann tauchte auf.

„Anker hat gefaßt, Sir“, meldete er.

Sir John nickte. Dann sagte er barsch: „Bringen Sie Mister Burton unter Deck, O’Leary. Den anderen auch, falls Sie ihn finden.“

„Ich will aber nicht unter Deck!“ jammerte der Dicke. „Mir ist so schlecht …“

O’Leary packte ihn einfach am Genick und schob mit ihm ab.

Sir John tastete sich hinüber zum Backbordschanzkleid und lehnte sich dagegen.

„Saunebel“, murmelte er.

5.

Etwa zwei Stunden nach Mitternacht riß der Nebel wieder auf, und die Sicht wurde klarer, abgesehen von den Schwaden da und dort.

O’Leary ließ den Alten wecken, der sich in seine Kammer verzogen hatte.

Fünf Minuten später wurde der Anker gehievt, und unter dem Großsegel nahm die Karavelle wieder Kurs auf die Mill Bay. Tatsächlich passierten sie knappe Zeit später die St.-Nicholas-Insel, die an Steuerbord blieb. Jetzt war es nicht mehr weit bis zur Mill Bay.

Sir John befahl dem Rudergänger, etwas abzufallen. Die Karavelle war wieder gefechtsklar. Der Wind wehte immer noch aus westlicher Richtung, nicht allzu stark, so daß auch die See im Plymouth Sound keineswegs kabbelig oder grob war.

Der Alte hatte eine Whiskyflasche mit an Deck genommen und gluckerte einen – im Vorgenuß dessen, was in der nächsten Viertelstunde passieren würde.

Auch Burton und Bromley waren wieder an Deck. Sie sollten ja die irische Galeone identifizieren. Sie sahen beide nicht sehr gut aus, nein, beschissen sahen sie aus, so richtig ausgekotzt.

Der Alte war wieder bei guter Laune und amüsierte sich. Er winkte mit der Flasche.

„Wollen die Gentlemen auch einen Schluck?“

Die Gentlemen wollten nicht. Sie schüttelten stumm die Köpfe und waren am Schlucken. Da stieg ihnen wohl wieder etwas hoch, obwohl nichts mehr drin war, allenfalls Galle.

Sir John drohte mit dem Finger, der Schelm. Und ganz ruppig sagte er: „Jetzt wird nicht mehr gekotzt, verstanden? Wer es dennoch tut, fliegt außenbords. Außerdem ist überhaupt kein Seegang, Gentlemen. Wir steuern jetzt die Mill Bay an, da bitte ich mir konzentrierte Aufmerksamkeit aus, damit Sie die Galeone auch erkennen. Vielleicht erinnern Sie sich bei dieser Gelegenheit an das, was wir wegen einer bestimmten Teilung vereinbarten. Ich könnte mich unter Umständen genötigt sehen, von einer Teilung Abstand zu nehmen, wenn Sie hier versagen. Sie verstehen?“

Sie nickten wieder stumm, wenn auch jetzt etwas erbitterter. Das fehlte noch, daß dieser verdammte alte Gauner die Beute allein kassierte – bei all den Nöten, die sie auf sich geladen hatten, nachdem sie an Bord dieses schaukelnden Monstrums gegangen waren.

„Die Ost-Pier in der Mill Bay wird auf der Seite sein, auf der Sie jetzt stehen“, sagte Sir John süffisant. „Sie brauchen Ihr Augenmerk also nur dorthin zu richten.“

Erneutes stummes Nicken.

Sir John spähte voraus und entdeckte die Einfahrt zur Mill Bay. Drüben beim Fort Eastern King tat sich nichts. Kein Licht brannte dort. Sir John grinste vor sich hin. Er hatte eine gute Nachtzeit erwischt – die Stunde der Diebe. Da mußte er sogar dem Nebel noch dankbar sein, der ihn aufgehalten hatte.

Er wies den Rudergänger ein. „Etwas mehr Steuerbord – recht so. Kurs halten!“

„Recht so. Kurs halten“, wiederholte der Rudergänger. Und dann: „Kurs liegt an, Sir.“

Sir John trat an die Balustrade zur Kuhl. „O’Leary! Aufpassen, welches Ziel ich nenne. Sonst bleibt alles wie besprochen. Zuerst feuert die Steuerbordseite, dann wenden wir, und die Backbordseite ist dran, klar?“

„Aye, aye, Sir, alles klar.“

Nur unter dem Großsegel schob sich die Karavelle fast majestätisch langsam in die Einfahrt zur Mill Bay. Drüben auf der Steuerbordseite tauchten die ersten Schiffe auf, die an der Pier lagen. Burton und Bromley standen am Schanzkleid und starrten hinüber.

Sir John baute sich neben ihnen auf.

„Na?“ fragte er.

Der hagere Bromley hob plötzlich den rechten Arm.

„Da!“ sagte er erregt und deutete. „Da!“

„Wo?“ knurrte Sir John. „Haben Sie als Hauptmann keine Zielansprache gelernt, Mann?“ Er fuhr zum Rudergänger herum. „Noch etwas nach Steuerbord, ja, noch ein bißchen – recht so!“

„Recht so“, murmelte der Rudergänger.

„Die – die Galeone liegt direkt vor dem dritten Schuppen links vom Anfang der Pier!“ stieß Bromley hervor.

„Jawohl, das ist sie!“ Der dicke Burton keuchte. „Genau. Vor dem dritten Schuppen.“

Sir John trat grinsend an die Balustrade und gab die Zielansprache weiter. Er meinte, ebenfalls die „Pride of Galway“ erkannt zu haben, mit der er vor ein paar Jahren schon mal aneinandergeraten war. Jetzt würde er zurückzahlen – dafür, daß er damals den Schwanz hatte einziehen müssen. Zwar waren nicht die irischen Lümmel an Bord, aber das kratzte ihn überhaupt nicht, nicht im geringsten. Ha! Die Kerle von der Seewölfe-Bande würde er in die Hölle blasen, allen voran den verdammten Bastard, diesen Hurensohn, der es gewagt hatte, wider den Stachel zu löcken und ihm eine Schlappe nach der anderen zuzufügen.

Ja, das war die Nacht der Rache!

Jetzt geriet auch Sir John in Erregung, und der Haß auf Philip Hasard Killigrew flammte in ihm hoch, genau wie bei Burton und Bromley, vor allem bei Bromley, der am ganzen Körper zitterte und die Fäuste aufs Schanzkleid schlug, als wolle er es ertrümmern. Dabei stieß er unverständliche Worte hervor, Haßtiraden wohl, gemünzt auf den Mann, der ihn als Dieb entlarvt hatte.

Burton und Bromley – plötzlich war ihnen nicht mehr übel. Ihr hervorbrechender Haß hatte die Seekrankheit hinweggewischt, als hätten sie nie darunter gelitten. Es war schon erstaunlich, wie schnell sich Menschen wandeln konnten.

Langsam glitt die Karavelle näher und näher an die Galeone, die vor dem dritten Schuppen an der Pier lag. Sir John gab mit heiserer Stimme dem Rudergänger den Befehl, wieder etwas anzuluven, um die Ka@avelle auf einen Kurs zu bringen, der parallel an der Ost-Pier entlang führte.

Die Richtschützen lauerten an den Culverinen auf der Steuerbordseite und peilten über die Rohre das Ziel an, das langsam in die Visierlinie einzuwandern begann. Die Lunten brannten bereits. Ja, etwa fünfzig Yards würde der Querabstand zu der Galeone betragen, vielleicht sogar noch weniger. Das bedeutete Kernschußweite. In direkter Linie, ohne Parabel, würden die sechs Kugeln in den Rumpf der Galeone rasen, noch heiß von der Treibladung, mit der sie aus den Rohren gejagt wurden, glühend heiß.

Allmählich dachte Sir John in diesem Moment an das zweite Schiff, den Doppelmaster aus dem Mittelmeer. Wo lag der denn? Er wollte den dicken Burton fragen.

Aber da brüllte eine Stimme von der Galeone herüber: „He! Was ist denn mit euch los? Wollt ihr Krieg spielen?“

Alle an Bord der Karavelle zuckten zusammen.

„Feuererlaubnis!“ schrie Sir John mit überschlagender Stimme. „Gebt’s dem Hundesohn!“

Nur Sekunden verstrichen, bange Sekunden, die wie Ewigkeiten erschienen. War das Pulver zu feucht geworden?

Nein!

Berstende Detonationen erschütterten die sich aufbäumende Karavelle, orangefarbene Flammen blühten für die Länge eines Lidschlags an den Rohrmündungen auf wie Blumen, die eine glühende Sonne ins Leben gerissen und auch schon wieder verdorrt hat. Ein Rauschen erfüllte die Luft. Pulverqualm waberte über die Kuhl.

Dann schlugen die Kugeln krachend in die Bordwand der Galeone – fünfmal.

Fünfmal?

Sir John fuhr herum und stierte zur Kuhl hinunter. Ein röhrender Wutschrei brach aus ihm hervor wie der Feuerstoß aus einem brodelnden Vulkan.

Simon Llewellyn hatte seine Culverine noch nicht abgefeuert, dieser Vollidiot, dieser hirnrissige Schafskopf, dieser …

Jetzt senkte er die Lunte, wartete – und sprang zur Seite. Die Culverine brüllte auf, ruckte in den Brooktauen zurück, vor einer Flammenzunge raste die Kugel hinüber zu der Galeone.

Gerade hatte O’Leary dem Ferkelsohn mit dem Stiefel in den Hintern treten wollen, aber noch gestoppt, als Simon Llewellyn die Lunte auf das Zündloch senkte. Der Stiefel des Bootsmanns hing noch in der Luft, als es passierte.

Die Kugel aus der sechsten Culverine nahm einen seltsamen Weg: sie durchfetzte eine angebrochene Planke zwischen zwei anderen Treffern in der Bordwand und raste in den Bauch der Galeone, und zwar in die Pulverkammer.

Bruchteile von Sekunden später schoß eine riesige Stichflamme in den Nachthimmel – im Kern von weißglühender Farbe, an den Rändern orange bis dunkelrot. Die Galeone barst auseinander wie ein unter Überdruck stehender Wasserkessel. Da zerrissen Wanten und Stagen wie die Fäden eines Spinnennetzes, die Decks über der Pulverkammer existierten nicht mehr, der Großmast, irgendwo zerbrosten, flog wirbelnd in den Himmel, senkte sich wieder und bohrte sich mit Teilen seiner Rahen wie eine Lanze in das Dach eines Bürgerhauses.

Die Galeone, die sich mit dem Vorschiff und dem Achterschiff wie ein Kartenhaus aufgestellt hatte – die Explosion hatte ihr das Kreuz gebrochen, nämlich den Kiel –, knickte wieder zusammen, und die beiden Schiffsteile krümmten sich nach innen. Bug und Heck ragten nach oben, ihre Decks schief nach unten und tief ins Wasser, das gurgelnd und schäumend in die Räume eindrang, deren Schotten zersplittert oder geborsten waren.

Die Hölle war los.

Simon Llewellyn, der Meisterkanonier, tanzte johlend und grölend auf der Kuhl herum. Thomas Lionel gesellte sich zu ihm und tobte mit. Ha! Was waren sie doch für Kerle! Fünf andere Kanoniere schossen auf die Galeone – mit müden Treffern. Aber Simon Llewellyn wartete kühl auf seine Chance – rumms! Und Volltreffer!

Der Alte war so verblüfft, daß er fast vergessen hätte, den Befehl zum Wenden zu geben. Die Karavelle segelte auf die Mill Bay Road zu, als würde sie wie magisch von Plymsons „Bloody Mary“ angezogen, um dort an der Theke vor Anker zu gehen.

Außerdem hagelte es jetzt Holztrümmer vom Himmel, und die Kerls hielten schützend die Arme über die Köpfe, Sir John natürlich auch, und es war der Rudergänger, der die Mill Bay Road auf die Karavelle zurükken sah.

Er brüllte: „Wir müssen wenden, Sir!“

Da ermannte sich der Alte und donnerte sein „Klar zum Wenden!“ über die Kuhl.

Der Rudergänger luvte an, und der Bug der Karavelle drehte nach Backbord. Das Großsegel begann zu flappen und zu killen, die lange Gaffelrute wurde geschirtet, dann lag die Karavelle auf dem neuen Bug und segelte durch die Mill Bay zurück zur Ausfahrt. Nur knapp zehn Yards war ihr Heck bei der Wende von der Pier der Mill Bay Road entfernt gewesen.

Die Culverinen auf der Backbordseite brauchten nicht mehr zum Einsatz gebracht zu werden. Der eine Schuß des Simon Llewellyn hatte genügt, die Galeone in die Luft zu blasen. Der Schuppen, vor dem sie an der Pier gelegen hatte, brannte lichterloh. Die Flammen warfen zuckende Lichter über die schaurige Szenerie.

Auf den benachbarten Schiffen an der Pier stürzten Männer an Deck, fluchten, brüllten und schüttelten drohend die Fäuste hinter der Karavelle her. Verletzte schrien im Wasser um Hilfe. Irgendwo begann eine Sturmglocke zu läuten.

Da hatte der ungeheure Luftdruck der Explosion bei den Häusern der West Hoe Road, die parallel zur Ost-Pier verlief, Türen und Fensterläden eingedrückt sowie Scheiben zerplatzen lassen. Die Anwohner stürmten auf die Straße, halb angezogen und in Panik, weil sie dachten, die Welt ginge unter. Kinder weinten, Frauen kreischten, Männer brüllten.

Zu allem Überfluß lösten sich Dachplatten aus Schiefer von dem Haus, aus dem der Großmast wie eine riesige Flaggenstange in den Himmel ragte. Die Platten zerplatzten auf den Katzenköpfen der West Hoe Road, und es klang, als würden Musketenschüsse abgefeuert.

Das steigerte die Panik.

„Die Spanier!“ wurde gebrüllt. „Sie greifen Plymouth an!“

Sir John, der alte Halunke, tanzte auf dem Achterdeck herum und hielt sich den Bauch vor Lachen. Jetzt führte er sich genauso auf wie seine beiden Ferkelsöhne.

„Der Bastard ist in der Hölle!“ grölte er, schwenkte die Whiskyflasche, soff, schlug dem dicken Burton krachend die Hand auf die Schulter, begoß ihn mit Whisky, boxte dem hageren Bromley die Faust zwischen die Rippen und wieherte wie ein altes Schlachtroß.

Es kümmerte dieses wüste Ungeheuer von Mann einen Dreck, ob Menschen bei diesem Überfall verletzt, verkrüppelt oder gar getötet wurden. Der Bastard war zur Hölle gefahren, nur das zählte bei dem Alten – und genauso bei seinen Ferkelsöhnen, bei Burton und Bromley.

„Und jetzt“, röhrte der Alte, „schießen wir auch noch die Werft des verdammten Ramsgate in Klump, die Werft und das Schiff, das die Hunde dort bauen lassen!“

„Jawohl!“ schrie Bromley mit überschnappender Stimme, und in seinen Augen war wieder das irre Flackern. „In Klump schießen! Ausrotten! Vergiften das ganze Pack …“ Er riß dem Alten die Whiskyflasche aus der Hand und kippte das Zeug hinunter wie Wasser.

„He-he!“ rief der Alte. „Nicht so stürmisch, Freund Bromley. Lassen Sie mir noch was drin!“

„Ich will auch!“ meldete sich Burton. Sein feistes Gesicht, das so teigig geworden war, glühte jetzt.

„Ah, die Gentlemen sind munter geworden!“ rief der Alte dröhnend und sah zu, wie auch Burton den Whisky in sich hineinschüttete, als sei er am Verdursten. Er spreizte sich grinsend: „Na, wie hat das der alte John Killigrew mal wieder hingekriegt? Ja – so muß man vorgehen, immer ran und drauf! Wie auf die Weiber! Das ist die richtige Taktik, Gentlemen!“

„Genial!“ rief der dicke Burton entzückt. „Wirklich genial, Sir. Da hüpft einem das Herz in der Brust vor lauter Freude. Und wie laut das gedonnert hat – als stürze die Welt zusammen.“

„Ja, das war ein lustiger Streich!“ grölte der Alte.

Auf dem Achterdeck tauchte der Bootsmann auf.

„Sir“, sagte er besorgt, „bei Fort Eastern King gibt man Lichtsignale.“

„Die können mich mal“, erklärte der Alte und befahl dem Rudergänger, abzufallen und die St.-Nicholas-Insel an Steuerbord zu lassen. Mit diesem Kurs entfernte er sich vom Fort, das sich offenbar im Alarmzustand befand.

Außerdem hatte der alte Gauner mal wieder Glück. Neue Nebelbänke hatten sich gebildet, in die er mitten hineinsegelte. Es war keine dicke Suppe wie um Mitternacht, als sie hatten ankern müssen, nein, nur strichweise waberten diese Bänke über dem Wasser – wie Büsche auf dem Land, hinter denen sich ein flüchtender Dieb von Sprung zu Sprung verbergen kann.

Da wurden zwar an Steuerbord, wo das Fort lag, Kanonenschüsse gelöst, aber die Kugeln klatschten irgendwo wirkungslos ins Wasser. Den Alten juckte das nicht weiter, während Burton und Bromley schon wieder die Hosen flatterten.

Burton, der ehemalige Friedensrichter, war nie ein Draufgänger gewesen. Der Ex-Hauptmann Bromley mochte vielleicht früher etwas Kampfgeist gehabt haben, aber nur in der Deckung einer überlegenen, schlagkräftigen Truppe. Im Kerker allerdings hatten sich seine wenigen soldatischen Tugenden sehr schnell verflüchtigt. Er war nicht an sich selbst gewachsen und hart geworden, sondern hatte sich zum Jammerlappen entwickelt. Allerdings hielt ihn sein Haß auf Philip Hasard Killigrew aufrecht – was bei ihm so aufrecht hieß mit seiner krummen Haltung.

Während der Alte herumtönte, was sie doch für einen feinen Spaß gehabt hätten und wie prächtig er es dem Bastard gegeben hätte, erschien noch eine Figur auf dem Achterdeck – Simon Llewellyn.

Seine verfettete Brust war so breit wie ein Rahsegel geworden, sein Grinsen dumm, dreist und aufgeblasen. Da war ihm wohl nach dem gelungenen Schuß der Kamm geschwollen. Er stelzte auch heran wie ein Gockel, der gerade zum erstenmal „Kikeriki“ geschrien hat.

„Was willst du denn hier?“ fuhr ihn der Alte an.

„Ich habe ihn hingemacht!“ erklärte Simon Llewellyn patzig. Er klopfte sich an die Brust. „Ich ganz allein. Ich bin der beste Kanonier von ganz Cornwall. Ich bin der Größte, jawohl. Und jetzt will ich einen Whisky!“

Der Alte schnappte nach Luf. Dann explodierte er.

„Was bist du? Der Größte?“ brüllte er. „Ein Arschloch bist du, ein Eselsfurz, nichts weiter! Pack dich auf die Kuhl, du Rotznase von einem Lümmel! Die Geschütze müssen gereinigt werden, verstanden?“

„Ich bin …“

Man erfuhr nicht mehr, was der Ferkelsohn Simon Llewellyn war. Der Alte wurde wieder mal gewalttätig, wie das so seine Art war, und in seiner Faust steckten immer noch Saft und Kraft. So segelte der beste Kanonier von ganz Cornwall zurück auf die Kuhl, und er hatte dabei noch das Glück, sich nicht das Genick zu brechen. Er überschlug sich nur ein paar Male, als er den Niedergang hinunterflog. Es bumste auch ordentlich.

Auf der Kuhl beschäftigte sich dann der Bootsmann weiter mit ihm, und zwar in etwa dergestalt, daß er mit ihm die Planken aufwischte. Und weil Ferkelbruder Thomas Lionel tückische Augen kriegte und eine Schweineschnute zog, empfing er auch gleich seine Bimse. Der Klotz von Bootsmann war da nicht weiter zimperlich. Außerdem war er es gewohnt, wenn schon, dann beiden die Jacke durchzuklopfen. Da war er ein entschiedener Anhänger der ausgleichenden Gerechtigkeit, von seiner Gründlichkeit ganz abgesehen.

Der Alte stand oben an der Balustrade des Achterdecks und spornte seinen Bootsmann mächtig an, obwohl das gar nicht nötig war, denn O’Leary war ein fleißiger Klopfer.

So verlief alles in seinem gewohnten Gang. Verwunderlich war nur, daß diese beiden Killigrew-Pflanzen bei all den ruppigen Behandlungen im Laufe der Jahre noch nicht eingegangen waren. Aber da bewahrheitete sich wohl der Spruch von dem Unkraut, das nicht vergeht. Sie waren sozusagen ein prächtiges Unkraut.

6.

Rame Head, etwa zwei Stunden nach Mitternacht.

Die verdammte Wache von Mitternacht bis vier Uhr morgens nannten die Seewölfe manchmal „Friedhofswache“. Zu diesem Zeitpunkt wurde sie auf der „Pride of Galway“ von Batuti, dem schwarzen Riesen aus dem fernen Afrika, und Matt Davies, dem Hakenmann, gegangen. Beide Wachgänger hatten auch ein Auge auf die Sambuke, die zusammen mit der Galeone den Eingang zur Werft von Hesekiel Ramsgate versperrte.

Rame Head, die südlichste Spitze einer Halbinsel, die im Westen von der Whitsand Bay und im Osten vom Plymouth Sound begrenzt wurde, war im Grunde ein recht verrückter Platz, um dort eine Werft zu errichten. Verrückt deswegen, weil Plymouth etwa acht Meilen entfernt war, noch dazu getrennt von der Halbinsel durch die Mündungen des Lynher River, des Tamar River und des Tavy River, die alle drei ein fjordähnliches Mündungsgebiet in den Plymouth Sound gebildet hatten. Ferner war Rame selbst, das nächste Kaff von der Werft, auch eine Meile entfernt, und zum dritten konnte man in der Werft selbst das Zittern kriegen, wenn der Atlantik schlechte Laune hatte und von Süden heranstürmte. Das passierte nämlich zu bestimmten Zeiten, die mit dem Mondwechsel etwas zu tun hatten, wie die Leute an dieser Küste wußten.

Bei einer solchen Stoßrichtung der herandonnernden Wassermassen war Rame Head in Not.

Hesekiel Ramsgate andererseits war ein sturer Büffel. Aus lauter Trotz hatte er an diesem idiotischen Platz seine Werft errichtet. Einmal hatte er Hasard anvertraut, daß er die unmittelbare Nähe, der See brauche – mit allem, was eine See bedeuten kann, nämlich das Sanfte und die Wildheit, und das in allen Abstufungen.

Hasard hatte das verstanden. Ihm erging es ja ähnlich. Darum mochten sich die beiden auch. Aber daß sie beide der See verfallen waren, würden sie einander nie eingestehen.

Für das Geschäft des Schiffbaus war dieser Platz in einer Bucht von Rame Head so förderlich wie Ofenruß für die Reinlichkeit, nämlich überhaupt nicht.

Das focht den zähen Alten, einen Künstler seines Fachs, keineswegs an. Entweder hatte er einen Auftrag, oder er hatte keinen. Letzteres war die Regel. Dabei baute er Schiffe, die ein Sturm dreimal zerschlagen mußte – wahrscheinlich noch öfter –, bevor sie sich beugten. Diese Schiffe waren eben genauso zäh wie der Alte. Das hatte die „Isabella VIII.“ zur Genüge bewiesen, und die hatte noch nicht einmal die See umgebracht, sondern die raffinierte Tücke eines Ali Abdel Rasul.

Also, Batuti und Matt Davies gingen ihre Friedhofswache und hatten allen Grund, sie auch so zu nennen. Der Nebel trug dazu bei. Manchmal war er so dicht, daß sie sich nicht einmal sahen, wenn sie zwei Schritte voneinander entfernt waren. Ein verrückter Zustand. Das Wort „Wache“ war da kaum noch angebracht. Man sah ja nichts. Nur lauschen, das konnte man. Und wenn man dann etwas hörte, wußte man nicht, aus welcher Richtung der Laut das Ohr erreicht hatte. Der Nebel verzerrte alles.

Batuti war vor etwa einer Stunde bei einem Kontrollgang auf die Back plötzlich von dichtem Nebel umgeben gewesen. Dummerweise hatte er sich nach rechts gedreht, um nach der Nagelbank des Fockmastes zu greifen, weil ein fester Halt in einer solchen Suppe irgendwie Sicherheit bedeutete. Aber er hatte daneben gegriffen. Er mußte sich wohl verschätzt haben.

Dann war er einen Schritt vorgegangen und hatte mit langen Armen herumgetastet – wie ein Blinder, ja, er war zu diesem Zeitpunkt tatsächlich blind. Die Nagelbank fand er nicht. Da, wo sie sein sollte, war sie nicht. Oder war sie gar nicht rechts gewesen, als der Nebel plötzlich dick wurde?

Batuti wurde unsicher. In diesem Moment begriff er sehr deutlich, daß man im Nebel völlig orientierungslos werden kann. Der einzige feste Punkt, den er noch hatte, waren die Planken unter seinen Füßen. Aber links und rechts, vor, hinter und über ihm war nichts, nur Watte.

Nebel war für Batuti etwas Unheimliches. Er biß die Zähne zusammen und unterdrückte den Wunsch, nach Matt zu rufen. Er war auf der Kuhl geblieben, als sich Batuti auf die Back begeben hatte. Aber wo war jetzt die Kuhl?

Batuti tastete sich weiter mit weit vorgestreckten Armen. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Irgendwo mußte er ja schließlich gegenstoßen. Oder etwa nicht?

Dann spürte er, daß sein linker Fuß plötzlich im Leeren schwebte. Hastig zog er ihn zurück. Was war das denn jetzt? Er bückte sich und tastete mit den Händen die Planken vor seinen Füßen ab. Da war eine Kante und dann nichts mehr.

Batuti ächzte.

Das war der Augenblick, in dem der Nebel plötzlich aufriß.

„Was ist denn mit dir los?“ fragte Matt und schaute grinsend zu Batuti hoch.

Der schwarze Riese richtete sich auf und starrte zu dem Hakenmann hinunter. Der stand auf der Kuhl, direkt am Niedergang zur Back hoch.

„Ich – ich hab mich verirrt“, sagte Batuti gepreßt. „Ich dachte, ich wäre vorn an der Galion.“

„Ja, mit dem Denken ist das so eine Sache“, meinte Matt. „Vor allem das Denken im Nebel.“ Er nickte tiefsinnig. „Da hat man nämlich sehr schnell Watte im Kopf, verstehst du?“

„Hm“, brummte Batuti und stieg den Niedergang hinunter.

Ja, so war das gewesen. Von da ab war er auf der Kuhl geblieben, Matt auch. Sie hatten keine Lust, sich die Knochen zu brechen, wie es Batuti durchaus hätte passieren können. Sie fluchten beide abwechselnd über diese Wache, weil der Nebel immer wieder eine genaue Kontrolle über die Schiffe und die Werft verhinderte.

Sie konnten sich auch nicht vorstellen, daß jemand so übergeschnappt war, zu dieser Zeit und bei diesen miserablen Sichtverhältnissen etwas gegen die Schiffe oder die Werft zu unternehmen. An Land war die Suppe teilweise genauso dick wie auf dem Wasser.

Die Sambuke lag vor der Galeone, den Bug nach Westen gerichtet und dort an Land vertäut. Achtern hatten sie einen Heckanker ausgebracht. Die Galeone wiederum lag vor einem Buganker und hatte vom Heck aus Leinen an Land ausgefahren. Zwischen dem Heck der Sambuke und dem Bug der „Pride of Galway“, war ein freier Raum von etwa fünf Yards. Wer den passieren wollte, um von See her in das kleine Hafenbecken der Werft einzudringen, blieb garantiert in der Heckankertrosse der Sambuke oder der Bugankertrosse der Galeone hängen. Den Verkehr zur Werft oder zurück regelten die Seewölfe mit zwei Beibooten. Eins lag längsseits der Sambuke, das andere, größere längsseits der Galeone.

Matt und Batuti hatten sich ein Holzkohlenbecken auf die Kuhl geholt, um sich über der Glut, die sie unterhielten, ab und an aufzuwärmen und die Hände darüberzuhalten. Sie waren alle empfindlich geworden, vor allem Batuti. Das hing noch mit der glühenden Hitze zusammen, die sie bei ihrer Nilfahrt erlebt hatten. So reagierten sie entsprechend auf den feuchtkalten Nachtnebel, der die unangenehme Eigenschaft hatte, einem bis auf die Knochen zu kriechen.

Jetzt standen sie auch wieder an dem Holzkohlebecken, und Batuti hielt die Hände darüber.

Matt gähnte. Dann schob er die Glut mit dem Eisenhaken, der ihm die rechte Hand ersetzte, etwas zusammen. Na, der Haken brauchte wenigstens nicht angewärmt zu werden. Batuti grinste ein bißchen, als er das dachte.

Das Grinsen und das Denken wurden jäh ausgelöscht. Sie zuckten beide zusammen, als sie den Kanonendonner hörten. Matt fuhr herum und starrte über die Werft nach Nordosten.

„Das war in Plymouth!“

Er hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da erfolgte eine grelle Explosion. So etwas wie ein Blitz leuchtete auf und war in der nächsten Sekunde schon wieder verschwunden.

„Du meine Fresse“, sagte Matt entgeistert. „Da muß was in die Luft geflogen sein. Hast du den Blitz gesehen?“

Batuti nickte stumm. Sie starrten beide nach Nordosten und lauschten. Aber jetzt blieb es still, und neue Nebelschwaden verhinderten die Sicht.

Von den Seewölfen schoß als erster Edwin Carberry, der Profos, an Deck.

„Was war das?“ fuhr er Matt und Batuti an.

„’ne Explosion“, sagte Matt.

„Das hab ich selbst gehört, verdammt.“

„Dann brauchst du ja nicht zu fragen“, meinte Matt. „Oder?“

Der Profos geriet in Rage. Allerdings stoppte ihn Hasard, der vom Achterdeck her aufgetaucht war.

„Habt ihr was gesehen?“ fragte er.

„Nur so etwas wie einen Blitz, Sir“, sagte Matt und deutete nach Nordosten. „In Plymouth scheint irgendwas in die Luft geflogen zu sein. Vorher hörten wir Kanonendonner.“

„Merkwürdig.“ Hasard schüttelte den Kopf.

Immer mehr Männer versammelten sich auf der Kuhl. Sie waren alle von der Explosion hochgescheucht worden. Und sofort wurden die abenteuerlichsten Vermutungen laut – von einem Pulvermagazin, das explodiert war, bis hin zu einem spanischen Angriff.

Max Pellew, neues Mitglied der Seewölfe-Crew – früher war er als Koch und Feldscher bei Francis Drake gefahren –, traf so ziemlich den Nagel auf den Kopf, als er in seiner gewohnt miesgrämigen Art sagte: „Könnten aber auch wieder die Halunken von Burton oder Bromley gewesen sein. Die haben ja was gegen euch, nicht?“

Hasard blickte ihn überrascht an.

Dann sagte er, etwas milde: „Mac, das glaubst du doch selbst nicht. Wenn die Kerle was gegen uns haben – das bestreite ich ja gar nicht –, warum sollen sie dann in Plymouth was in die Luft fliegen lassen? Die wissen doch inzwischen sicher, daß wir hier sind. Also müßten sie uns hier pakken, nicht in Plymouth.“

„Hm.“ Mac Pellew, hager und ausgemergelt, rieb sich die Nase. Daß er hager und ausgemergelt war, täuschte. Er war nämlich ein ziemlich harter und zäher Knochen. „Da magst du recht haben, Sir. War auch nur so’n Gedanke von mir. Und was hältst du davon, wenn wir mal eben rübersegeln und nachsehen?“ Er zog sich die Hosen hoch, die bei ihm ständig am Rutschen waren. Damit hatte er schon früher Ed Carberry genervt, der ja auch bei Drake gefahren war. Nein, er schnallte sich eben den Gürtel nicht enger. Er dachte gar nicht daran. Das Hochrucken der Hose war ihm eine zu liebe Angewohnheit geworden.

Carberry warf ihm bereits einen wilden Blick zu.

Auch Hasard kannte diese Angewohnheit von Mac Pellew und lächelte leicht. Dann sagte er, bevor Carberry losbullern konnte: „Gute Idee, Mac. Willst du dabei sein?“

„Aye, Sir, bin dabei.“ Das klang nicht gerade begeistert, aber auch das täuschte. Denn wo was los sein konnte, da war Mac Pellew immer dabei.

„Fein, Mac. Und wer noch?“ Hasard blickte seine Männer an. Sie wollten alle, und darum wählte er nur noch Dan O’Flynn, Stenmark und Blacky aus. Für die Dauer seiner Abwesenheit war Ben Brighton sein Vertreter.

Als sie knapp sechs Minuten später lossegelten, saßen plötzlich noch zwei Gestalten im Boot, und zwar auf der vordersten Ducht, unter der sie sich bereits versteckt hatten, als sie wußte daß dieses Boot nach Plymouth segeln sollte.

Ja, es waren die beiden Rübenschweinchen.

Vater Hasard zuckte etwas zusammen, als er sie entdeckte.

„Hatte ich euch mit ausgesucht?“ fragte er erbittert.

„Du suchst uns ja nie aus“, erklärte Hasard junior.

„Jawohl“, sagte Philip junior. „Darum haben wir uns auch gar nicht erst gemeldet, sondern sind gleich ins Boot abgezischt.“

Die Männer grinsten verstohlen, sogar der alte Mac Pellew.

„Aha“, sagte Hasard, keineswegs milder gestimmt. „Und was ist, wenn euch Mister Brighton vermißt und suchen läßt?“

„Tut er nicht“, erklärte Hasard junior prompt.

„Wieso nicht?“

„Weil uns Mister O’Flynn gesehen hat, als wir ins Beiboot abzischten“, erwiderte Philip junior. Er hatte es zur Zeit wohl mit dem Zischen. „Mister O’Flynn senior, Sir.“

„Der hat das nicht verhindert?“ knurrte Vater Hasard.

„Nein, er hat uns zugelächelt, als wir abzischten“, sagte Philip junior.

Dan O’Flynn konnte nicht mehr und prustete los. Auch Hasards wütender Blick hielt ihn nicht davon ab.

„Ich wüßte nicht, was es da zu lachen gibt, Mister O’Flynn“, sagte Hasard gereizt und sehr förmlich. „Ist das vielleicht eine Erziehung? Dein Vater hätte die beiden Lümmel sofort stoppen müssen, bevor sie abzisch … äh, abenterten.“

„Das sehe ich anders, Sir“, sagte Dan O’Flynn, und er hatte Mühe, wieder ernst zu werden.

„Ah ja? Dürfte ich darüber vielleicht Näheres erfahren?“

„Wenn’s sein muß. Mein Neffe Hasard hat recht, wenn er sagt, daß du sie nie aussuchst, wenn du nach Freiwilligen fragst, die für irgendein Unternehmen gebraucht werden.“

„Dafür habe ich meine Gründe. Ich will nicht, daß sie Kopf und Kragen riskieren.“

„Richtig.“ Dan nickte. „Und jetzt segeln wir bei ein bißchen Nebel von Rame Head nach Plymouth, und ich weiß verdammt nicht, was dabei riskant sein soll. Wie ich meinen Alten kenne, denkt der genauso. Darum hat er lächelnd ein Auge zugekniffen, als er sah, wie sie ins Boot abenterten.“ Jetzt wurde Dan sogar ein bißchen wütend. „Kannst du mir mal verraten, was aus den Kerlchen werden soll, wenn du sie von allen solchen Unternehmungen zurückstellst und tatenlos an Bord herumhängen läßt?“

„An Bord ist genug zu tun“, sagte Hasard bissig.

„Ja, vor allem nach Mitternacht, nicht wahr?“ höhnte Dan O’Flynn. „Verdammt noch mal, laß deine Söhne erwachsen werden und sei froh, daß sie sich nicht hinter dem Ofen verkriechen. Gut, sie haben sich heimlich von Bord verholt, aber du weißt ja, warum. Laß doch einen von beiden jetzt an die Pinne! Die fiebern doch danach.“

„Hab’s kapiert.“ Endlich konnte auch Vater Hasard lächeln. Ja, manchmal verrannte er sich, was seine beiden Söhne betraf. Und er war sich selbst gegenüber ehrlich genug, sich einzugestehen, daß er Angst um sie hatte. Ihnen sollte nichts passieren. Aber das barg die Gefahr, daß er sie von einer Sache fernhielt, die sie dennoch erfahren mußten, um klüger zu werden. Auch und gerade Gefahr mußten sie erkennen können, um entsprechend zu reagieren.

„Wer will an die Pinne?“ fragte er.

Natürlich wollten alle beide.

„Hasard bis nach Plymouth, Philip dann zurück nach Rame Head“, entschied er. „Und wer Mist baut, dem zieh ich die Haut in Streifen – na ja.“ Er räusperte sich.

Mit funkelnden Augen – so eisblau wie die des Vaters – übernahm Hasard junior die Pinne. Sie hatten einen kleinen Bootskompaß mitgenommen, und er fragte sofort: „Kurs Ost, Sir?“

„Kurs Ost“, bestätigte Vater Hasard.

Sie segelten mit einer kleinen Fock und einem trapezförmigen Sprietsegel, wie sie für diese kleinen Boote vorgesehen waren. Außerdem waren vier Rundseln für die Bootsgasten zum Pullen vorhanden, je zwei auf jeder Seite. Das Boot war flink und wendig. Jetzt, vor dem Wind aus Westen, liefen sie mit ausgebaumter Fock auf der Backbordseite und dem ausgefierten Sprietsegel auf der Steuerbordseite. Der Kurs führte an der Südküste der Halbinsel entlang. Hinter ihnen an der Westspitze lag Rame Head. Die Ostspitze der Halbinsel wurde von Penlee Point gebildet. Sie mußte gerundet werden, um Plymouth im Norden anzulaufen. Da der Strom nach Westen auch noch mitschob, rundeten sie Penlee Point bereits nach einer Viertelstunde.

Jetzt lagen sie über Steuerbordbug bei vollem halbem Wind.

„Nordnordost“, befahl Vater Hasard.

„Aye, Sir, Nordnordost“, wiederholte Hasard junior wie ein alter Rudergänger und spähte auf den Kompaß, bis er den neuen Kurs eingesteuert hatte. „Kurs liegt an, Sir“, meldete er.

Vater Hasard nickte, und die Männer grinsten sich eins, denn das Bürschchen war kräftig dabei, sich jetzt auch um den Trimm der beiden Segel zu kümmern. Mal mußte die Fock etwas dichter geholt werden, mal das Sprietsegel, oder umgekehrt.

„Fock nicht zu dicht knallen, Mister Stenmark“, sagte das Bürschchen, „da ist ’ne Beule im Großsegel.“

Oder: „Mister Pellew, bitte sehr, das Großsegel klappert. Etwas dichter die Schot – recht so, danke.“

Sie saßen alle in Luv des Bootes, und auch da hatte das Bürschchen ab und an was auszusetzen und ließ sie auf den Duchten hin und her rutschen, um die Trimmlage des Bootes zu verbessern. Vater Hasard hatte keinerlei Beanstandungen. Das Bürschchen segelte konzentriert und aufmerksam.

Der Seewolf fragte: „Wie ist das, Dan, kannst du voraus in Richtung Plymouth irgendwas entdecken?“

Dan befand sich vorn im Bug jetzt, um rechtzeitig warnen zu können, falls vor ihnen unvermutet etwas aus dem Dunst auftauchte. Über die Schulter sagte er: „Ich meine, vorhin mal etwas Rötliches gesehen zu haben, vielleicht ein Feuer, bin mir aber nicht sicher. Die Sicht ist hundsgemein …“

Er brach ab, denn irgendwo in der Suppe an Steuerbord von innen drang etwas an ihre Ohren, das sich wie ein Grölen anhörte.

„Wo war das genau?“ fragte Hasard scharf.

„Steuerbord voraus“, sagte Dan.

„Neuer Kurs Norden“, befahl Hasard seinem Sohn. „Bitte anluven.“

„Aye, aye, Sir, neuer Kurs Norden“, wiederholte Hasard junior und legte leicht Ruder.

Die Schoten wurden etwas dichter genommen.

„Kurs liegt an, Sir“, meldete das Bürschchen.

Hasard nickte. „Und warum sind wir jetzt auf diesen Kurs gegangen, Söhnchen?“

„Kann sein, daß uns da Steuerbord voraus was im Weg ist“, sagte Hasard junior. „Den woll’n wir ja nicht untermangeln, nicht?“

„Richtig.“ Vater Hasard versteckte sein Grinsen. „Untermangeln“ hatte das Söhnchen gesagt. Bei diesem Bötchen würde das wohl eher umgekehrt sein.

Noch einmal schallte das Grölen zu ihnen herüber. Jetzt schien es Steuerbord querab zu sein. Da segelte wohl auch einer herum, dem es mächtig viel Spaß bereitete, bei diesem verdammten Nebel unterwegs zu sein.

Wenn Hasard geahnt hätte, wer dieser jemand war, wäre er spornstreichs zurück nach Rame Head gesegelt. Tatsächlich passierten sich die Karavelle Sir Johns und Hasards Boot auf einen Abstand von knapp vierhundert Yards, und wegen der Nebelschwaden sah keiner den anderen. Das war etwa eine Meile südlich von der St.-Nicholas-Insel.

„Wieder auf Nordnordost gehen“, befahl Hasard.

Das Bürschchen wiederholte den Befehl und steuerte den neuen Kurs ein.

Zu Dan rief Hasard: „Paß auf St. Nicholas auf, Dan! Wir müßten die Insel bald an Steuerbord haben!“

„Aye, Sir!“

Und dann sahen sie es plötzlich alle – nämlich das Feuer Steuerbord voraus. Das war an der Mill Bay. Zehn Minuten später steuerte Hasard junior das Boot an eine freie Stelle am Kai der West Hoe Road.

Die beiden Bürschchen blieben freiwillig im Boot, um es zu bewachen. Sie waren gewitzt genug, den Bogen nicht zu überspannen. Außerdem herrschte ein ziemliches Getümmel auf der Pier. Da war eine Kette gebildet worden, und man reichte sich von Hand zu Hand Eimer mit Wasser zu, um den Brand in einem Lagerschuppen zu löschen. Eine andere Kette von Menschen bekämpfte einen Brand in einem Haus der West Hoe Road. Da wurde gebrüllt, geschrien und durcheinandergelaufen.

Ein Gendarm stürmte auf Hasard zu, der mit seinen Männern über die Pier ging. Sie hatten die Galeone zum Ziel – oder das, was von ihr noch übrig war, nämlich zwei Masten, die schiefgeneigt aus dem Wasser des Hafenbeckens ragten.

Der Gendarm wollte losdonnern, daß sie hier nur im Wege wären, aber er schien Philip Hasard Killigrew zu kennen, denn er stoppte sich plötzlich und sagte: „Ah, Kapitän Killigrew, Sir, entschuldigen Sie, ich wollte Sie schon wegscheuchen.“ Er schwitzte fürchterlich und wischte sich den Schweiß von der Stirn, „Sie können froh sein, daß Sie mit Ihren beiden Schiffen nach Rame Head verholt haben. Dort, wo Ihre Galeone vertäut war, hatte seit gestern nachmittag eine andere Galeone gelegen.“ Er deutete auf die schiefgeneigten Masten. „Das ist von ihr übriggeblieben – eine Handelsgaleone, ähnlich wie Ihre. Aus, vorbei, explodiert.“

„Wieso?“ fragte Hasard irritiert. „Wie konnte die denn explodieren?“

„Jemand hat eine Karavelle gesehen“, erwiderte der Gendarm. „Die ist hier in die Mill Bay gesegelt, hat eine volle Breitseite auf die Galeone abgegeben und ist wieder verschwunden. Ein Treffer muß die Pulverkammer erreicht haben. Die Galeone ist in die Luft geflogen.“

„Tote?“

Der Gendarm nickte. „Natürlich. Einige Leute der Besatzung sind allerdings in irgendwelchen Spelunken gewesen, als es passierte. Drei oder vier haben wir schwerverletzt aus dem Wasser geborgen. Drüben in dem Haus sind auch Menschen verletzt worden. Da ist der Großmast durchs Dach in die Schlafkammern gerast.“

„Verdammt, verdammt“, murmelte Hasard und blickte Mac Pellew an. „Du hast wahrscheinlich recht, Mac. Die Kerle haben die Galeone, die dort gelegen hat, mit unserer ‚Pride of Galway‘ verwechselt.“

Mac Pellew nickte stumm.

Hasard wandte sich an den Gendarm. „Ist der Hafenkommandant hier irgendwo?“

„Ja, Sir. Ich glaube, dort beim Schuppen, wo gelöscht wird.“

„Führen Sie mich bitte zu ihm“, sagte Hasard und befahl seinen Männern, zum Boot zurückzugehen und die Segel wieder zu setzen. „Wir segeln sofort wieder zurück“, fügte er hinzu. „Könnte sein, daß die Kerle es dort auch noch mal versuchen.“

Dan O’Flynn nickte. „Das ging mir auch gerade durch den Kopf – das Grölen, was wir hörten, das könnten die Kerle gewesen sein. Und wir sind an ihnen vorbeigesegelt!“

„Vermutlich“, sagte Hasard knapp und eilte mit dem Gendarm zu dem Schuppen, von dem nicht mehr viel stand.

Der Hafenkommandant war verrußt, verdreckt und verschwitzt, und er fluchte wie ein Fuhrknecht.

„Das hat Ihrem Schiff gegolten“, sagte er sofort, als Hasard ihm gegenüberstand. „Mann, Sie machen mich schwach. Kaum tauchen Sie wieder in Plymouth auf, ist der Teufel los.“

Hasard lächelte den wütenden Mann an. „Tut mir leid, Sir, vor allem deswegen, weil das verkehrte Schiff angegriffen wurde. Ich schätze aber, daß ich weiß, wer dahintersteckt.“

„Wer?“ blaffte der Hafenkommandant.

„Mister Samuel Taylor Burton, Sir.“

„Der hier mal Friedensrichter war?“

„Genau der.“

„Wieso das?“

Hasard seufzte. „Um mich kurz zu fassen: Vor zwölf Jahren wollte er sich an einer Schatzbeute bereichern, die unserer Königin zugedacht war. Das konnte ich verhindern. Der Verhaftung und Aburteilung als Dieb entzog er sich durch einen Schlaganfall. Von dem erholte er sich leider, und seitdem mag er mich nicht. Wissen Sie, wo er wohnt?“

„Klar. Dieser Schweinehund steckt also dahinter?“

„Ja. Und ich erhebe hier bereits Anklage gegen ihn – wegen Mordes an den unschuldigen Männern dieser Galeone und wegen versuchten Mordes an meiner Besatzung und mir. Lassen Sie ihn festnehmen, sofort.“

„Mit Vergnügen, Sir“, sagte der Hafenkommandant grimmig.

Minuten später schwangen sich fünf Soldaten auf Pferde und brausten ab. Nach knapp zehn Minuten kehrten sie zurück. Der Vogel war ausgeflogen.

„Diese Wildsau!“ tobte der Hafenkommandant. „Und jetzt?“

„Lassen Sie nach ihm fahnden, Sir“, sagte Hasard. „Ich muß nach Rame Head zurück, bevor dort auch noch etwas passiert. Falls Sie ihn schnappen, stelle ich mich für die Anklage gern zur Verfügung. Sie erreichen mich jederzeit auf der Werft von Mister Ramsgate.“

„In Ordnung, Sir.“

Sie verabschiedeten sich, und Hasard eilte zum Boot zurück. Wie vorher hinauf – mußte Hasard jetzt zum Boot hinunterklettern, und er benutzte die Steigeisen an der Kaimauer. Es war ablaufendes Wasser. In etwa einer Stunde würde Niedrigwasser sein.

Minuten später glitt das Boot aus der Mill Bay. Jetzt saß Philip junior an der Pinne, genauso konzentriert und aufmerksam wie sein Bruder. Der Wind hatte etwas zugelegt.

„Kurs Südsüdwest, Söhnchen“, befahl Hasard. „Die St.-Nicholas-Insel bleibt an Backbord. Und segel das Boot voll aus, wir haben wenig Zeit.“

„Aye, aye, Sir!“ Und Philip junior segelte das Boot gewissermaßen mit den Fingerspitzen. Wenn der Wind nicht krimpte, das heißt, nach links drehte, konnte Philip Penlee Point, die südliche Ostspitze der Halbinsel gut anliegen. Nach dem Runden von Penlee Point mußte gekreuzt werden. Außerdem lief dann auch der nach Osten driftende Strom gegenan. Da hatte es also Philip etwas schwerer als sein Bruder.

Als die St.-Nicholas-Insel bereits hinter ihnen lag, rollte ihnen von Steuerbord voraus, aus Südwesten, Kanonendonner entgegen. Da wußten sie, was die Glocke geschlagen hatte.

Und Dan O’Flynn sagte etwas sehr Unfeines.

7.

Ben Brighton, Bootsmann und Erster Offizier in der Crew der Seewölfe, war ein sehr ruhiger und besonnener Mann. Daß er außerdem die ranke Sambuke quer durchs Mittelmeer und den Atlantik hoch nach England gesegelt hatte, bewies seine hervorragenden seemännischen Eigenschaften. Auch Vorsicht war ein Teil seines Charakters – nicht die Vorsicht des Zögernden oder Ängstlichen, nein, die Vorsicht, immer bereit und gewappnet zu sein, das zeichnete ihn aus.

Daher hatte er, als Hasard mit seiner kleinen Gruppe abgesegelt war, nicht die Hände in den Schoß gelegt, sondern vier Männer an Land geschickt mit dem Auftrag, die Werft zum Binnenland hin abzusichern. Mac Pellews Aussage hatte ihn mißtrauisch werden lassen. Außerdem hatte er angeordnet, die Culverinen und Drehbassen auf der Backbordseite der Galeone auszurennen beziehungsweise gefechtsbereit zu halten. Musketen lagen ebenfalls bereit.

Diese Maßnahmen bedeuteten mithin, daß keiner der Seewölfe wieder in die Koje gegangen war. Dazu waren sie jetzt auch viel zu aufgedreht, was natürlich mit den rätselhaften Explosionen in Plymouth zusammenhing. In den vielen Jahren unter Philip Hasard Killigrew hatten sie zudem einen Instinkt für Gefahren entwickelt, so daß Ben Brightons Maßnahmen für sie völlig selbstverständlich waren.

Irgend etwas war im Busch, und es war gegen sie gerichtet: Ferris Tukker, ihr Schiffszimmermann, hatte einen Knüppel über den Schädel gekriegt, die entstehende neue „Isabella“ war angezündet und Hesekiel Ramsgate entführt worden, und dann hatte man mit einer kleinen gestohlenen Galeone einen Feuerüberfall von See her auf die Werft unternommen. Da war allerdings nicht die neue „Isabella“ getroffen worden, sondern eine andere Galeone, die ebenfalls auf der Werft lag und Feuer gefangen hatte. Das alles reichte wohl aus, um auf weitere Schandtaten gefaßt zu sein, zumal sie inzwischen wußten, wer hinter den Anschlägen steckte – Samuel Taylor Burton und Mark Bromley.

Sie waren ganz schön sauer, die Seewölfe, und entschlossen, sich ihrer Haut zu wehren. Niemand hatte ihnen auf die Zehen zu treten, solche Dreckskerle wie Burton und Bromley schon gar nicht.

Und Carberry, das alte Rauhbein, erklärte zum soundsovielten Male, was er alles tun würde, wenn er die beiden Strolche zwischen die Fäuste kriegte.

Er zeigte Smoky und Pete Ballie, die selber ziemliche Pranken hatten, vor allem Pete, seine Fäuste, obwohl sie alle diese Pratzen weiß Gott zur Genüge kannten. Richtig verhornt waren diese Dinger, rissig vom Salzwasser, zernarbt und eisenhart.

„Hiermit“, erklärte er grollend, „kriegen die Lumpenkerle Zunder, daß es nur so raucht.“

„Hm-hm“, sagte Smoky und beäugte mit schiefem Kopf die dargebotenen Fäuste.

„Was, heißt hier ‚hm-hm‘? Du glaubst mir wohl nicht?“

„Nun ja“, sagte Smoky vorsichtig, „damit du es rauchen lassen kannst, mußt du sie ja erst mal haben, nicht wahr?“

„Ha!“ sagte der Profos verächtlich. „Die schnapp ich mir schon.“

Der Kutscher tauchte mit einem dampfenden Kessel und mehreren Mucks auf. In dem Kessel steckte eine Schöpfkelle.

„Möchten die Gentlemen eine kräftige Brühe?“ fragte er und setzte den Kessel auf die Planken.

Carberry beugte sich darüber und schnüffelte mißtrauisch.

„Was ist geschehen?“ fragte er.

„Heiße Hühnerbrühe“, sagte der Kutscher.

Carberry nieste.

„Kannst du deinen verdammten Rüssel nicht wegnehmen, Mister Carberry?“ sagte der Kutscher empört.

Carberry richtete sich auf und fixierte den Kutscher. „Wie nennst du meine Nase?“

„Einen Rüssel“, erklärte der Kutscher unverblümt. „Und es ist eine Sauerei, in eine Suppe zu niesen, die anderen schmecken soll. Du hättest deinen Rüssel ja wegdrehen können, nicht wahr?“

„Ich habe eine Nase, Mister Kutscher“, sagte Carberry, „keinen Rüssel, und zwar eine empfindsame Nase. Da ist Pfeffer drin in der Suppe. Und dieser Pfeffer ist mir in die Nase gestiegen, nicht in den Rüssel.“

Der Kutscher knirschte mit den Zähnen. „Ich hab dich nicht aufgefordert, deinen Rüssel so dicht über die Suppe zu halten. Wenn das jeder täte! Und auch noch hineinnieste!“

„Man wird ja wohl mal an der Suppe riechen dürfen“, sagte Carberry tükkisch, „nachher ist was drin, wo’s einem den Magen umdreht.“

„Wär ein Wunder, bei deinem Kuhmagen“, sagte der Kutscher spitz. „Aber bitte sehr, ich dränge niemandem meine Suppe auf. Smoky, Pete, möchtet ihr eine Muck?“

„Klar“, sagte Smoky begeistert.

„Und ob.“ Pete Ballie grinste. „Mit Nieseinlagen à la Carberry.“

Der Kutscher kicherte in sich hinein und füllte zwei Mucks. Der Profos runzelte die Stirn.

„Was hast du da eben gesagt, Mister Ballie?“ fragte er.

„Das war was Französisches“, erwiderte Pete.

„Sicher wieder irgendein Schweinkram“, brummte der Profos.

„Genau“, sagte Pete, „ich sprach von einer Suppe mit Nieseinlage nach Art von Carberry.“

Carberrys Miene wurde düster. Diese Rübenschweine schienen sich mal wieder auf seine Kosten amüsieren zu wollen – „nach Art von Carberry“, so ein Quatsch.

Er holte schon Luft, um Pete Bally einen Marsch zu geigen, da rief Smoky: „Leute, hier gibt’s ein feines Süppchen, das ich nur empfehlen kann! Genau das Richtige als Morgenwächter und gegen kalte Füße!“

Die Männer drängten heran, und das „feine Süppchen“ fand reißenden Absatz – ohne Carberry. Denn der Kessel war im Nu leer. Die Männer schlürften und zeigten Wohlbehagen. Da stand der Profos ganz schön dumm da.

Es war Big Old Shane, der ihn anstieß.

„He, Ed“, sagte er, „magst du keine Suppe?“

„Heute nicht“, brummte Carberry.

„Er hat heute seinen empfindlichen Magen“, erklärte Smoky und kaute behaglich ein Stück Hühnerfleisch, mit dem die Suppe üppig angereichert war. „Weil er nämlich hineingeniest hat – wegen seiner empfindlichen Nase.“

Big Old Shane ließ seine Muck sinken. „Hineingeniest?“ Sein Blick wechselte von Smoky zu Ed Carberry, der voller Andacht seine rechte Faust betrachtete. „Stimmt das, Ed?“

Der Profos hob den Blick. „Stimmt. Da war Pfeffer in der Suppe.“

„Und da niest du hinein?“

„Ja.“ Carberry grinste. „Wenn die Suppe gut war, dann hat sie das der Nieseinlage lala Carberry zu verdanken.“

„Nicht lala, sondern à la“, verbesserte Pete Ballie.

„Mir doch egal“, sagte Carberry. Er blickte sich suchend um.

„Kann mir mal einer verraten, wo unsere beiden Bürschchen stecken, die sonst immer die ersten an der Futterkrippe sind?“

Die Männer schauten sich auch um. Ja, das war doch sehr verwunderlich.

Old O’Flynn räusperte sich. „Die sind im Boot bei ihrem Vater.“

Carberry schob den massigen Schädel vor. „Wieso das denn? Die waren doch gar nicht eingeteilt?“

„Na und?“ Old O’Flynn trank seine Muck aus und wischte sich genüßlich über die Lippen.

„Da hört sich doch alles auf!“ empörte sich Carberry.

„So? Und warum?“

„Wie sind die denn ins Boot gekommen? Das hat doch keiner gesehen.“

„Doch, ich“, sagte Old O’Flynn, „sonst wüßte ich es ja nicht, mein guter Ed.“

„Also sind sie heimlich abgeentert?“

Old O’Flynn grinste. „Du hast es erkannt. Ei, ei! Was bist du doch für ein Schlauer!“

„Das ist gegen die Borddisziplin!“ brüllte Carberry. „Und du hast dabei mitgemischt, Mister O’Flynn …“

Ben Brighton, der bisher auf dem Achterdeck hin und her marschiert war, erschien an der Querbalustrade und sagte ruhig: „Nicht so laut, Ed. Wenn Old Donegal sie nicht zurückgehalten hat, wird er seine Gründe gehabt haben.“ Er schaute zu Old O’Flynn. „Ist es so?“

Der Alte nickte. „Richtig. Hasard pflegt sie meist zurückzustellen, wenn er zu Unternehmungen außerhalb des Schiffes aufbricht. Sie melden sich freiwillig, werden von ihm aber nicht berücksichtigt. Das halte ich für falsch. Also muß Hasard mal begreifen lernen, daß er nicht richtig handelt. Darum habe ich sie nicht zurückgehalten, als sie heimlich abenterten.“ Er blickte zu Carberry hinüber mit seinen hellen, immer noch scharfen Augen. „Was heißt hier Borddisziplin, Mister Carberry? Vielleicht darf ich dich daran erinnern, daß ich der Großvater der beiden Jungen bin. Als solcher fühle ich mich berechtigt, sie mitzuerziehen. Dazu gehört, den Tätigkeitsdrang der beiden Bürschchen nicht verkümmern zu lassen, sondern zu fördern. In einem solchen Fall darf ich alter Mann ja wohl mal gegen die Borddisziplin verstoßen, nicht wahr?“

„Verdammt, und wenn ihnen was dabei passiert?“

Old O’Flynn lächelte. „Vater Hasard ist ja dabei. Hast du das vergessen? Und Onkelchen Dan ebenfalls. Und Stenmark, Blacky und der alte Mac.“

„Na ja“, sagte der grimmige Profos ein bißchen lahm. „So kann man’s natürlich auch sehen. Aber wenn ihnen was passiert, würde ich meines Lebens nicht mehr froh werden …“

Er rechnete wohl mit einem langen Leben, der Profos, dabei war genau in diesem Moment sein Leben keinen Pfifferling wert, denn da blitzte es in den Nebelschwaden auf der See plötzlich auf, und sechs Eisenkugeln orgelten heran.

Und eine raste über Carberry weg, der bei seinem letzten Wort den Kopf eingezogen hatte. Da waren gerade die Blitze in den Nebelschwaden aufgezuckt, was er bemerkt hatte. Ein sengender Hauch strich über seine Haare.

Sekunden später lagen sie alle platt auf dem Bauch, auch der Profos.

In den Donner der Abschüsse mischte sich das Krachen der Einschläge, aber nicht auf der Galeone, sondern hinter ihnen auf der Werft. Da flogen Bauhölzer davon, ein aufgepallter Kahn legte sich ächzend auf die Seite, das alte Kontor von Hesekiel Ramsgate brach auseinander wie eine morsche Kiste.

Mit einem Satz war Carberry wieder hoch, schnappte sich eine Lunte, hielt sie in die Glut eines der Holzkohlebecken, sprang zu einer Culverine auf der Backbordseite und zündete sie. Da war es völlig egal, ob er ein Ziel hatte. Hauptsache, die Kerle da auf der See merkten, das es „rauchte“.

Und gleich ihm handelten die anderen Männer. Innerhalb der nächsten Sekunden zündeten sie Drehbassen und die weiteren Culverinen. Und die Musketen krachten.

Da riß für einen Moment der Nebel auf, und sie sahen eine Karavelle, die nach Westen segelte.

Noch eine Drehbasse war nicht abgefeuert. An der stand Al Conroy, der Stückmeister der alten „Isabella“. Er duckte sich, visierte das Ziel an und zündete, Die Kugel jaulte davon und hieb berstend achtern in das Steuerbordschanzkleid der Karavelle. Wutgebrüll dröhnte herüber. Dann schob sich eine Nebelbank vor das flüchtende Schiff.

„Scheiße!“ tobte Carberry los und hämmerte die Faust auf die Culverine, die er abgefeuert hatte. „Diese Hunde, diese Mist …“

„Ruhe!“ schnitt Ben Brightons Stimme dazwischen. „Ist jemand verletzt?“

Nein, niemanden hatte es erwischt. Nur Carberry Haare waren angesengt und auf diese Weise etwas kürzer geworden. Die Kugel hatte ihm einen sehr breiten Scheitel gezogen. Smoky, der es zuerst sah, verbiß sich das Lachen. Der Profos sah noch fürchterlicher aus als sonst. Aber da war keine Zeit, den Profos zu bestaunen und seine neue Frisur zu bewitzeln – wie man es tut, wenn einen der Tod im wahrsten Sinne des Wortes um Haaresbreite verfehlt hat.

Ben Brightons Befehle hagelten dazwischen.

Jawohl, er ließ die Sambuke seeklar machen, um die Karavelle zu verfolgen. Das mußte mit der Sambuke zu schaffen sein. Er würde an ihr Fühlung halten und warten, bis Hasard mit der „Pride of Galway“ folgte und aufschloß. Jetzt wollten sie es genau wissen. Irgendwohin mußte die Karavelle gehören, und da würde man sie nageln.

Big Old Shane und Ferris Tucker sowie Carberry würden auf der Galeone zurückbleiben und mit den entsprechenden Männern dafür sorgen, daß die „Pride of Galway“ seeklar war, so daß man sofort auslaufen konnte, sobald Hasard zurück war.

Ben Brighton nahm seine bewährte Crew auf die Sambuke mit hinüber. Sie kannten ihr Schiffchen, und diese Entscheidung war richtig. Also setzten Old O’Flynn, Pete Ballie, Al Conroy, Smoky, Sam Roskill, Bob Grey, Will Thorne und Roger Brighton, Bens Bruder, über, bepackt mit Handwaffen und Flaschenbomben, denn die Sambuke war sonst nicht armiert.

Eine Viertelstunde später hatten sie die Leinen gelöst, den Anker gehievt und verließen Rame Head mit Westkurs.

Das Krachen und Bersten auf der Werft des alten Ramsgate war Musik in den Ohren Sir Johns. Er war etwas angetrunken, genau wie Burton und Bromley, denn es war nicht bei der einen Whiskyflasche geblieben. Schließlich mußten sie ja die Höllenfahrt des Bastards und seiner Bande gebührend begießen. Diese drei Dunkelmänner hüpften also auf dem Achterdeck herum, als sie das Krachen und Bersten drüben auf der Werft hörten, nachdem die Steuerbordbreitseite abgefeuert worden war. Es war doch zu schön, irgend etwas zusammenschießen zu können, vor allem, wenn man selbst dabei nichts riskierte – der „Feind“ war ja bereits eliminiert, nicht wahr?

Sir John hatte angeordnet, daß die Karavelle nach der Breitseite wenden solle, um auch noch die Kanonen an Backbord zum Einsatz zu bringen, wenn schon, denn schon, immer feste drauf, das war Sir Johns Devise.

Aber daraus wurde nichts.

Kaum hatte es auf der Werft gescheppert, da stachen Feuerblitze drüben aus den Nebelschwaden, verbunden mit dem bösartigen Krachen abgefeuerter Kanonen. Um die Karavelle stiegen Wassersäulen hoch, eine nur etwa einen Yard mittschiffs von der Kuhl entfernt, so daß die Kerle dort mit einem ordentlichen Schwall Wasser überschüttet wurden. Ein Kohlebecken kippte um, und die Glut verlöschte zischend und qualmend.

„Wa-was …“ stotterte Sir John fassungslos und stierte zum Land.

Burton und Bromley standen wie Ölgötzen und sahen aus, als seien sie mit dem Kopf gegen eine Mauer gerannt.

Aber es kam noch schlimmer.

Plötzlich war die Sicht völlig klar und gab den Blick frei. Und dieser Blick erfaßte ein kleineres Schiff mit einem eleganten Rumpf und spitz hochgezogenem Steven sowie zwei Pfahlmasten und hinter ihm liegend eine Galeone, von deren Decks Pulverqualm hochwaberte und Musketenschüsse krachten.

Sir John quollen die Augen buchstäblich aus dem Kopf.

„Die – die ‚Pride of Galway‘“, stammelte er ächzend.

Er hatte kaum ausgesprochen, da blitzte es auf der Back der Galeone noch einmal auf, etwas jaulte auf die Karavelle zu und hieb mit einem häßlichsplitternden Laut in das Schanzkleid achtern auf der Steuerbordseite. Eine Kugel rollte über die Planken, zwischen den Beinen des dicken Burton hindurch und in den Wassergang auf der Backbordseite. Dort blieb sie rauchend liegen.

Burton stierte zwischen seine beiden Füße, als sei dort ein Kürbis mit Ohren durchgerollt, jedenfalls etwas, das es nicht gab und auch nie geben würde.

Natürlich hatte er im Unterbewußtsein Sekunden vorher ebenfalls die „Pride of Galway“ erkannt, genauso wie sein mieser Kumpan Mark Bromley. Aber sie faßten es noch nicht, sie begriffen es nicht. Der Whisky schwappte in ihren Gehirnen.

Sir John, Burton und Bromley glichen in diesen Sekunden totalen Idioten mit ihren zu merkwürdigen Grimassen verzerrten Visagen, stieren Augen und aufgerissenen Mündern.

Dann war es Sir John, der als erster losbrüllte, um seiner Wut freien Lauf zu lassen. Er warf den Kopf ins Genick und röhrte den Nachthimmel an wie ein Hirsch zur Brunftzeit.

Der dicke Burton und Bromley lösten sich aus ihrer Erstarrung und brüllten zur Gesellschaft mit.

Ja, da war es vorbei mit der Siegesfeier. Der Bastard und seine Höllenhunde lebten noch, und sie hatten auch gleich gezeigt, daß sie zuschnappen konnten, gefährlich zuschnappen, das gezackte, häßliche Loch im Schanzkleid und die rauchende Kugel im Wassergang an Backbord bewiesen es.

Nichts an dem Überfall auf der Galeone in der Mill Bay war genial gewesen, nie hätte die Kugel des Simon Llewellyn die Pulverkammer erreichen dürfen – der Überfall war ein gigantischer Fehlschlag, ein Fiasko sondergleichen, ein totaler Mißgriff. Die Folgen waren nicht abzusehen. Vorbei war es mit dem „immer feste drauf“ und den prahlenden Sprüchen über „die richtige Taktik“. Und „der beste Kanonier von ganz Cornwall“ war nichts weiter als ein schwadronierender Trottel, der ihnen die ganze Suppe eingebrockt hatte mit seinem dämlichen Schuß.

Aber natürlich lag die Schuld bei Burton und Bromley, die Sir John die falsche Galeone gezeigt hatten. Jawohl, sie waren die Schuldigen, ihnen war es zu verdanken, daß ein fremdes Schiff explodiert war.

Bei diesen letzten Erkenntnissen wirbelte Sir John herum, tückische Wut in den Augen, deren Weißes jetzt fast rötlich verfärbt war.

„Ihr blöden Hunde!“ brach es aus ihm heraus. „Ihr verdammten Stümper! Zu dämlich, um ein Schiff vom anderen zu unterscheiden! Ihr Kanaillen …“

„Ich verbitte mir Ihre vulgären Beschimpfungen!“ schnarrte der Ex-Hauptmann Bromley beleidigt. „Ich lasse mir meine Ehre von Ihnen nicht abschneiden …“

„Ich schneid Ihnen gleich ganz was anderes ab!“ brüllte Sir John dazwischen und hob drohend die Fäuste. „Und dann häng ich Sie an der Rah zum Trocknen auf!“ Plötzlich wechselte er die Stimmlage und zischte: „Sie und der andere Holzkopf haben mir diese Sache eingebrockt, aber ich werde schon dafür sorgen, daß es Ihnen an den Kragen geht, nicht mir. Jeder hier an Bord kann bezeugen, daß Sie mich irregeführt haben, bewußt irregeführt, jawohl! Jeder hier hat gehört, wie Sie mich auf ein Schiff hinwiesen, das gar nicht die ‚Pride of Galway‘ war.“ Sir John fuhr zur Kuhl herum. „Stimmt das, O’Leary?“

„Jawohl, das stimmt, Sir! Gott ist mein Zeuge!“

Sir John wandte sich wieder um und funkelte den Ex-Hauptmann an. „Wenn die Sache untersucht wird, sitzen Sie und Burton ganz schön in der Tinte.“

Das war nun alles ziemlich infam, was sich der alte Schurke da zusammenbastelte, um selbst eine reine Weste zu haben. Aber er schien den schlitzohrigen Burton vergessen zu haben, der einmal Friedensrichter gewesen war und schon von Berufs wegen gelernt hatte, Recht zu Unrecht und Unrecht zu Recht zu verdrehen, je nachdem, was einem selbst zu Nutz und Frommen diente.

„Wer ist denn der Kapitän dieser Karavelle, Sir?“ fragte er tückisch.

„Ich natürlich.“ Sir John klopfte sich auf die Brust.

„Ah! Und wer gab in der Mill Bay die Feuererlaubnis?“

„Ich natür …“ Sir John zuckte zusammen. Und dann schrie er: „Kommen Sie mir nicht mit solchen Roßtäuschermanieren, Burton! Nicht mit mir! Mich legen Sie nicht aufs Kreuz!“

Der dicke Burton grinste höhnisch. „Aber es ist so, mein lieber Killigrew. In ganz Cornwall ist bekannt, daß Sie der Kapitän dieser Karavelle sind. Und der Kapitän gibt die Befehle an Bord seines Schiffes, nicht die Gäste. Mister Bromley und ich haben nur zufällig hier auf dem Achterdeck gestanden, als Ihnen Ihr Mißgeschick passierte …“

„Sie haben mir das verkehrte Schiff gezeigt!“ brüllte der alte Grobian.

„Sie hätten ja nicht zu schießen brauchen“, erklärte Burton kühl. „Weder Mister Bromley noch ich haben Sie aufgefordert, über ein wildfremdes Schiff herzufallen. Im übrigen darf ich darauf hinweisen, daß Ihnen die ‚Pride of Galway‘ ja auch bekannt war. Wenn also jemand in der Tinte sitzt, dann Sie, John Killigrew. Was mittels dieser Karavelle geschieht, haben weder Mister Bromley noch ich zu verantworten. Genau das werde ich – falls es so sein sollte – vor Gericht aussagen, und ich möchte den Richter sehen, der sich meiner Beweisführung nicht anschließt. Sie sind der Schuldige, nicht wir.“

Sir John war nahezu am Ersticken und schnappte röchelnd nach Luft. Sicherlich begriff er nicht, daß ein Schurke den anderen Schurken wert war nach dem Prinzip: wie du mir, so ich dir. Und er stellte wohl auch nicht in Rechnung, daß er damit angefangen hatte, den anderen die Schuld zuzuschieben. Aber eins war ihm nach Burtons Darlegungen aufgegangen: daß tatsächlich derjenige zu belangen war, der den Schießbefehl gegeben hatte. Und da konnte er sich nicht herausreden. Er war der Kapitän, also war er verantwortlich. Er konnte es drehen und wenden, wie er wollte, da gab es keinen Durchschlupf.

Also: die ehrenwerten Gentlemen Burton und Bromley hatten ihn aufs Kreuz gelegt. Und darum schnappte Sir John nach Luft.

Als er sie endlich wieder hatte, handelte er, wie es seiner Art entsprach.

„O’Leary!“ brüllte er.

Der Bootsmann war sofort zur Stelle. „Sir?“

Sir John deutete auf Burton und Bromley. „Diese beiden Gentlemen sind in die Achterkammer zu verbringen. Die Kammer ist abzuschließen, und ein Posten hat aufzuziehen. Beide sind der Meuterei verdächtig und werden eine Weile Gelegenheit haben, über ihre Schandtaten nachzudenken …“

„Ich protestiere!“ schrie Burton. „Das ist Freiheitsberaubung!“

„Ich bitte Sie, Sir“, sagte der Alte ölig und zelebrierte einen Kratzfuß. „Halten Sie es nicht auch für besser, über diese dumme Geschichte erst einmal Gras wachsen zu lassen? Und damit Sie nicht auf dumme Gedanken verfallen, bin ich so großzügig und gewähre Ihnen auf Arwenack eine Weile Obdach. Sie werden sich bestimmt dort sehr wohlfühlen. Über das Kostgeld werden wir später eine gesonderte Vereinbarung treffen. Es soll Ihnen natürlich an nichts fehlen.“ Er winkte den beiden jovial zu und deutete dem Bootsmann mit einer herrischen Kopfbewegung an, sich die beiden Kerle zu schnappen und sie achtern unter Deck zu bringen.

Der Klotz von Bootsmann fackelte nicht lange. Er packte Burton mit der linken und Bromley mit der rechten Hand am Kragen, lüftete sie etwas an und schob die Zappelnden vor sich her zum Schott des Achterdecks.

„Das werden Sie noch bereuen!“ kreischte der dicke Burton über die Schulter, bevor O’Leary ihn und Bromley durch das Schott schubste.

Im Moment bereute Sir John gar nichts. Da er alles, was er selbst tat, für ausgezeichnet hielt, fand er auch diese Sache zur Zeit bestens geregelt. Falls diese beiden Burschen weiterhin obstinat blieben, gab es auch noch andere Wege, um sich aus der Affäre zu ziehen. Ein sehr todsicherer Weg war, sich der Mitwisser zu entledigen. Wer als Leiche im Atlantik schwamm, konnte nicht mehr reden. Oder?

Sir John gestattete sich ein glucksendes Kichern.

8.

Er war doch eine rechte Frohnatur, dieser Sir John. Und stets machte er die Rechnung ohne den Wirt.

Der Nebel war sein Verbündeter gewesen. Insofern stimmte seine Kalkulation, daß niemand seine Karavelle bei den Überfällen erkannt hatte. Wen man nicht erkannt hat, den kann man auch nicht anklagen, nicht wahr? Und nach Plymouth war er nie gesegelt – bewahre! Was sollte er denn dort!

Sir John war ein bewährter Lügenbold, und seine Mannschaft würde auch erklären, daß der Himmel lila sei, wenn Sir John das so anordnete. Von daher war also nichts zu befürchten.

Das Drama in Sir Johns räuberischem Dasein war die Tatsache, daß er stets Schiffbruch erlitten hatte, wenn er mit dem „Bastard“ und seinen Männern aneinandergeraten war. Er hätte aufgrund dieser Erfahrungen eigentlich wissen müssen, daß mit diesen Kerlen nicht gut Kirschen essen war. Er hätte auch einkalkulieren müssen, daß ja bereits Burton und Bromley tätig gewesen waren, um es dem Bastard und seinen Kerlen heimzuzahlen.

Dieser Sir John hätte schon gewarnt sein müssen, als ihm nach der Breitseite auf die Werft prompt eine Antwort erteilt worden war. Und wären die Nebelschwaden nicht gewesen, dann hätte diese Antwort verdammt höllisch werden können, wie der eine gezielte Schuß bewies.

Aber solche Gedanken lagen Sir John recht fern, und darum war er eben eine Frohnatur. Er bildete sich ein, husch-husch ins Körbchen, in Falmouth verschwinden zu können.

Im Morgengrauen des neuen Tages geschah es, daß sich die Nebelschwaden etwas lichteten.

Aber die Illusionen Sir Johns lichteten sich keineswegs.

Da hing ihnen nämlich ein Schiff im Kielwasser, das schlank und schmal war und einen spitz hochgezogenen Steven hatte.

Sir John stierte durch das Spektiv und brauchte nicht sehr lange, um zu kapieren, was für ein Schiffchen da hinter ihm herpirschte – jenes Schiffchen, das nach seiner felsenfesten Überzeugung etwas sehr Schönes im Laderaum hatte, etwas Glitzerndes, Funkelndes, Silbriges, Goldenes – ei-ei!

Zuerst war er sehr erschrocken gewesen. Aber das verwischte sich, als er an den Laderaum dachte – an die Truhen und Kisten und so.

Er spitzte die Lippen. Oh-oh, da mußte man sehr vorsichtig zu Werke gehen, um das Kostbare nicht zu versenken. Und schau mal an, dieses hübsche Schiffchen hatte nicht eine einzige Kanone an Bord, nicht eine einzige! Na, so was!

Sir John flötete entzückt und rieb sich die Hände. Und dann rief er seinen Bootsmann zu sich.

„O’Leary“, sagte er, sehr heiter gestimmt, „heute ist der Tag des Herrn. Wir werden dieses feine Schiffchen dort entern, was nicht weiter schwerfallen wird. Keine Affäre. Dazu ist es notwendig, ihm ein bißchen die Segelchen zu zerschießen – auf keinen Fall darf das Rümpfchen getroffen werden, auf gar keinen Fall. Wer das Rümpfchen trifft, dem schneide ich eigenhändig die Öhrchen ab. Hast du das verstanden, mein Guter?“

„Aye, Sir, verstanden. Wir halten am besten mit den Drehbassen ins Rigg und laden Kettenkugeln.“

„Ein feines Ideechen!“ Sir John klopfte seinem Bootsmann auf die Schulter. „Was meinst du, wie wir ihn packen?“

„Auf Gegenkurs gehen, damit wir ihn von der Seite kriegen. Von vorn ist seine Silhouette zu schmal. Überhaupt ein merkwürdiges Schiff. Das lag doch zusammen mit der Galeone vor der Werft.“

„Richtig. Dort lag es, und jetzt ist es frech und verfolgt uns. Ein kleiner Frechling ist das.“ Sir John kicherte.

O’Leary schaute ihn leicht irritiert an. Er fand, daß sich der Alte ein bißchen merkwürdig benahm.

Sir John fuhr mit seinen Verniedlichungen fort. „Ein kleines Späßchen werden wir mit dem Schiffchen haben. Es hat nicht mal Kanönchen an Bord. Was sagst du jetzt, mein Guter?“

O’Leary runzelte die Stirn. „Das begreife ich nicht so ganz, Sir. Es scheint uns zu verfolgen. Aber ohne Kanonen? Sind die Kerle verrückt?“

„Das sind so die Trickchen von dem kleinen Bastard“, erklärte der Alte.

„Welchem Bastard, Sir?“

Da wurde Sir John wütend. „Der Kerl läßt sich Seewolf nennen. Schon mal von dem was gehört, O’Leary?“

Der Klotz zuckte leicht zusammen. „Etwa Ihr Pflegesohn, Sir?“

„Pflegesohn?“ brüllte Sir John. „Ein Hurensohn ist das, verstanden? Ich habe keinen Pflegesohn! Genug geschwätzt. Jetzt wird zum Tänzchen aufgespielt. Laß die Drehbassen laden, Bootsmann. Mit Kettenkugeln. Zum Entern Handwaffen verteilen, keine Schußwaffen. Ich will die Kerle lebend. Und weißt du, warum ich sie lebend haben will?“

„Nein, Sir“, sagte O’Leary unbehaglich. Keine Schußwaffen? Verdammt, von diesen Seewölfen und ihrem Kapitän gingen die wüstesten Geschichten um. Das sollten ganz verwegene Burschen sein.

„Die haben Schätze verborgen“, erklärte Sir John. „Wahrscheinlich ist dieses Schiff da hinter uns ebenfalls bis unter die Luken vollgestopft. Aber sie haben noch mehr. Und ich muß erfahren, wo sie das Zeug versteckt haben. Wenn wir uns diese Burschen geschnappt haben“, Sir John kicherte hämisch, „wird einer bestimmt plaudern, wenn wir ihn ein bißchen gekitzelt haben. So, jetzt weißt du Bescheid.“

Fünf Minuten später war die Karavelle, was die Drehbassen und die Bewaffnung der Kerle betraf, gefechtsbereit. O’Leary regelte das. Dieser rüde Klotz von Kerl mit seiner Holzhackervisage und den mächtigen Fäusten ging keinem Kampf aus dem Wege. Aber seit er wußte, daß ihre Gegner die Seewölfe waren, schwante ihm wenig Gutes, mochte dieses merkwürdige Schiff da hinter ihnen nun Kanonen an Bord haben oder nicht.

So ging der Bootsmann mit schweren Gedanken schwanger, während sich Sir John schon wieder die Hände rieb, befangen in seinen Illusionen oder Wunschvorstellungen. Denn die Schatztruhen, die Ben Brighton und seine Gruppe aus dem Wrack der „San Marco“ geborgen und nach Plymouth gebracht hatten, befanden sich nicht mehr auf seiner Sambuke, sondern auf der „Pride of Galway“, wo sie sicherer und besser aufgehoben waren.

Als O’Leary die Karavelle gefechtsbereit gemeldet hatte, ließ Sir John blitzschnell wenden und auf Gegenkurs gehen.

Sie hatten die Karavelle schon lange vor Morgengrauen entdeckt und dabei Glück gehabt, denn der Wind wehte immer noch aus Westen, was bedeutete, daß sie nach Westen aufkreuzen mußten, einmal über Backbordbug, einmal über Steuerbordbug. Auf diesen Kreuzschlägen hätte es ihnen durchaus passieren können, an der Karavelle vorbeizulaufen, wenn die zu diesem Zeitpunkt auf dem anderen Kreuzkurs lag, was bedeutet hätte, daß sie sich voneinander entfernt hätten – und die Sambuke war schneller als die Karavelle.

Dann hatten ihnen die immer wieder auftretenden Nebelfelder Schwierigkeiten bereitet, aber sie waren zäh an der Karavelle drangeblieben, ohne von dieser bemerkt zu werden.

Immer wieder auch hatten die Segel aufgefiert werden müssen, um nicht zu dicht an die Karavelle zu geraten.

Weit hinter ihnen war dann die Galeone aufgetaucht – Hasard mit seinen Männern, wobei allerdings wohl Ferris Tucker und vielleicht zwei, drei Mann bei der Werft geblieben waren, um sie abzusichern und mit Tagesbeginn wieder an der neuen „Isabella“ mitzuarbeiten.

Drei große, nach achtern strahlende Laternen – das hatte Ben Brighton, der an alles dachte, Hasard übermitteln lassen –, sollten den Männern auf der Galeone dazu dienen, die Sambuke zu finden und ihr zu folgen. So hatte auch Hasard mit der Galeone aufschließen können. Aber er war außerhalb der Sichtweite der Karavelle geblieben.

Das hing ganz einfach damit zusammen, daß man an eine Konfrontation mit dem Gegner erst bei Tageslicht denken konnte. Zum anderen hatte die „Pride of Galway“ als Galeone Mühe, mit der Karavelle – und natürlich der Sambuke – Schritt zu halten. Allerdings wurde die Karavelle sehr lax gesegelt. Die Keris segelten sie nicht voll aus. Darum war es Hasard gelungen, ganz allmählich aufzuschließen.

Das alles hatte Ben Brighton genau und gründlich, wie es seine Art war, durchdacht. Seit er wußte, daß ihm Hasard folgte, hatte er die freie Entscheidung, wie er es anpackte, um den Gegner zu stellen. Sein Plan war, von achtern an die Karavelle heranzulaufen und ihre Ruderanlage mit Flaschenbomben außer Betrieb zu setzen. Das konnte er allerdings nur, wenn es ihm gelang, unbemerkt auf Wurfweite heranzukommen.

Diesen Plan hatten die wechselnden Sichtverhältnisse über den Haufen geworfen. Als er im Schutz der Nebelschwaden hatte auflaufen wollen, waren sie aufgerissen. Das war im Morgengrauen gewesen.

Außerdem hatte Al Conroy, der vorn im Bug der Sambuke die Karavelle mit dem Spektiv im Auge behielt, abgewinkt. Er hatte beobachtet, daß man sie entdeckt hatte.

Und dann hatte er sehr lange durch das Spektiv geschaut – fixiert auf einen Punkt.

Smoky stand neben ihm – ohne Spektiv – und sagte: „Gibt’s da Weiber zu sehen, du Hirschriese, daß du solange auf einen Punkt stierst?“

Al Conroy hatte einen grimmigen Ausdruck im Gesicht, als er das Spektiv absetzte und Smoky anschaute.

„Weiber?“ knurrte er und gab Smoky das Spektiv. „Dann schau mal durch, ob du dasselbe siehst wie ich. Was ich meine, steht genau achtern mittschiffs an der Heckgalerie und peilt ebenfalls mit einem Kieker zu uns.“

Smoky nahm das Spektiv entgegen, setzte es an und linste hindurch. Er schaute auch sehr lange.

Als er es sinken ließ, sagte er: „Da kratz mir doch einer das Kielschwein – Sir John, eh?“

„Richtig“, sagte Al Conroy wild. „Sir John, unser guter alter Sir John, die Oberwildsau aller Wildsäue. Merkst du was, Bruder? Der Mistkerl steckt mit den Hundesöhnen Burton und Bromley unter einer Decke. Wetten?“

„Die Wette gewinnst du“, erwiderte Smoky und eilte nach achtern, um Ben Brighton zu informieren.

„Hat’s dir des Kutschers Hühnersuppe verhagelt?“ fragte er lächelnd, als Smoky bei ihm erschien.

Smoky fluchte. „Da kann einem tatsächlich die Suppe hochkommen. Was meinst du wohl, wer den Zossen da vor uns segelt?“

„Na?“

„John Killigrew, der alte Galgenvogel!“

„Wie bitte?“ fragte Ben Brighton entgeistert. „Der alte Killigrew, Hasards verdammter Pflegevater?“

„Wie er leibt und lebt“, knurrte Smoky. „Und Al hat recht, wenn er meint, daß er, Burton und Bromley unter einer Decke stecken.“

Ben Brighton mußte sich erst von seiner Überraschung erholen.

Dann murmelte er: „Könnte durchaus sein. Der Kater läßt das Mausen nicht. Wie ich den Alten kenne, hofft der mal wieder, uns ausnehmen zu können. Ich glaube, bald gibt’s Zunder. Legt die Flaschenbomben bereit, Handwaffen ebenfalls.“

„Geht klar, Ben. Willst du angreifen?“

„Bist du verrückt? Wir halten Fühlung. Ich bin überzeugt, daß der Alte zuerst initiativ wird.“

So war’s auch.

Als der Alte über Stag und sofort auf Gegenkurs ging, reagierte Ben Brighton prompt und schnell, indem er einfach abfiel und halste.

Jetzt war die Situation umgekehrt – die Karavelle verfolgte die Sambuke, die vor dem Westwind vor ihr herlief. Ben Brightons Absicht war klar, nämlich die Karavelle hinter sich herzulocken und auf diese Weise an Hasards Galeone heranzuführen. Da würde Sir John sein blaues Wunder erleben – hoffte Ben.

Und um Sir John noch mehr zu ködern, ließ er das achtere kleinere Segel der Sambuke ziemlich lose fahren, um der Karavelle nicht auf und davon zu segeln. Der Alte sollte den Eindruck gewinnen, schneller als die Sambuke zu sein. Wahrscheinlich kannte er diesen Schiffstyp nicht, der schneller und wendiger als eine Karavelle war.

Dann schob sich eine Nebelbank zwischen die Sambuke und Karavelle, und als sie wieder aufriß, war Sir John ziemlich dicht aufgesegelt.

Sekunden später blitzte es auf der Back der Karavelle auf, und die Seewölfe auf der Sambuke zogen die Köpfe ein, als sie das häßliche Geräusch der heranwirbelnden Kettenkugeln hörten.

Es trat genau das ein, was Ben Brighton hatte vermeiden wollen – nämlich in den Schußbereich der Karavelle zu geraten.

Zwei Kettenkugeln rasten in das Rigg der Sambuke, und da gab’s Kleinholz. Die lange Rahrute des vorderen trapezförmigen Latinersegels zersplitterte, löste sich vom Pfahlmast und klatschte samt dem zum Teil zerfetzten Segel an Steuerbord ins Wasser.

Pete Ballie, wie immer am Ruder, konnte überhaupt nichts tun. Die Sambuke stellte sich quer, den Bug nicht mehr nach Osten, sondern nach Süden gerichtet – das große Segel an Steuerbord im Wasser wirkte wie ein mächtiger Hebelarm.

Das sah übel aus für die Seewölfe unter Ben Brighton.

Die Karavelle schäumte heran wie ein wütender Schwan. Noch ein Drehbassenschuß krachte, und wieder raste mißtönend eine Kettenkugel auf die Sambuke zu. Sie legte den achteren Mast um und begrub Ben Brighton, Pete Ballie und den alten O’Flynn unter dem niederstürzenden Segel. Den Seewölfen mittschiffs und vorn flogen Musketenkugeln über die Köpfe.

Smoky und Al Conroy kümmerte das nicht. Sie sprangen auf und schnappten sich die Flaschenbomben – völlig witzlos, denn die beiden Holzkohlebekken, die sie brauchten, um die Lunten der Flaschenbomben zu zünden, waren außenbords geflogen. Teile der zersplitterten Rahrute hatten sie mitgerissen.

Achtern stieß Ben Brighton unter dem Segeltuch noch wie ein wilder Kastenteufel. Er hatte das Tuch über sich mit dem Degen zerschlitzt, um sich befreien zu können. Über Bens Stirn lief Blut.

„Sie werden entern!“ brüllte er den Männern zu. „Jetzt zeigt’s den Bastarden, daß ihr zu kämpfen versteht!“

Sekunden später donnerte die Karavelle achtern in die Sambuke – ein Versehen des Rudergängers, der den Überblick verloren hatte und dafür von Sir John mit einem Faustschlag niedergestreckt wurde.

Karavelle und Sambuke waren ineinander verkeilt. Die Karavelle schwoite vom Zusammenprall herum und drehte das Heck nach Westen, vor sich im Steven die Sambuke, in deren Heckraum das Wasser gurgelte. Ihr Bug ragte bereits schräg aus dem Wasser.

Die Seewölfe, die der Anprall zu Boden gerissen hatte, rappelten sich auf, während Ben Brighton Pete Ballie und Old O’Flynn unter dem Segel hervorzerrte.

Das geschah alles binnen weniger Sekunden, und Ben Brighton begriff die Einzigartigkeit der Situation, als er sich umschaute und sah, wie die Kerle der Karavelle an Tauen nach unten hangelten, um die absaufende Sambuke zu entern.

Er drehte den Spieß um.

„Entert, Arwenacks!“ brüllte er, fegte einen Kerl, der ihm beim Abentern beinahe auf die Füße trat, mit einem Fausthieb außenbords, klemmte sich den Degen zwischen die Zähne und kletterte seinerseits zum Bug der Karavelle hoch.

Die Seewölfe folgten seinem Beispiel und brüllten dabei wie wilde Stiere.

Einzig Old O’Flynn blieb zurück und hieb mit seiner Krücke um sich. Er lehnte am Stumpf des achteren Mastes, ein wilder, alter Teufel, und lachte sich halbtot, wenn er einen der Kerle umgesenst hatte.

Zu dem Zeitpunkt befand sich Ben Brighton oben auf der Back der Karavelle bereits im Nahkampf mit Sir Johns Kerlen. Er hatte seinen Degen verloren, aber eine Spillspake gefunden. Mit der drehte er sich wirbelnd im Kreis, und die herandrängenden Kerle flogen weg wie die Puppen.

Noch mehr Seewölfe tauchten auf, und plötzlich war die Back wie leergefegt. Mit Fäusten und Belegnägeln griffen die Seewölfe an – Roger Brighton, Smoky, Pete Ballie, Sam Roskill, der alte Will Thorne, Al Conroy, Bob Grey. Sie waren wie entfesselt und röhrten ihr „Arwenack!“, daß die Kerle Sir Johns erzitterten.

Sir John tobte achtern herum wie ein Wilder. Das lief nicht so, wie er sich das gedacht hatte.

„Ihr sollt das Schiff entern, ihr feigen Hunde!“ brüllte er rasend vor Wut.

Das genau war der Moment, in dem noch einer auf dem Plan erschien – Hasard.

Ohne Rücksicht auf Verluste jagte er mit der „Pride of Galway“ in die Backbordseite der Karavelle und sprang vom Bug seines Schiffes gleich als erster hinüber auf die andere Kuhl. Federnd setzte er auf – und stand vor Simon Llewellyn. Er brauchte die Zeit eines Lidschlags, um zu begreifen, auf wessen Schiff er sich befand.

Neben ihm setzte Carberry auf, dann Big Old Shane – alle im ersten Moment verblüfft, als sie erkannten, wen sie da vor sich hatten.

Hasard schlug als erster wiederum zu, und Simon Llewellyn, der ihn wie ein Mondkalb angeglotzt hatte, flog hinter seinem Kopf her, rutschte unter einem Culverinenrohr an Steuerbord hindurch, riß ein Holzkohlebekken um und wurde von der herumfliegenden Glut angekokelt. Sein Gebrüll war nicht zu überhören.

Während Carberry den Bootsmann O’Leary auf die Hörner nahm, fegte Big Old Shane das Ferkel Thomas Lionel von den Planken. Er raste, mit dem Kopf voran, zwischen die Stufen des Niedergangs zur Back und blieb dazwischen hängen. Smoky jumpte von der Back nach unten und versohlte ihm mit Lust den Hintern.

Hasard stürmte in diesem Moment das Achterdeck der Karavelle, entging um Haaresbreite einer Pistolenkugel, die Sir John auf ihn abgefeuert hatte, und ging den Alten im Hechtsprung an. Sir John wurde von den Füßen gerissen. Hasard war schneller wieder hoch, schlug ihm die Pistole aus der Hand, und dann hagelte es Maulschellen, nachdem er Sir John maßgerecht hochgehievt hatte – links und rechts und rechts und links, Vorhand und Rückhand.

„Da – und da!“ stieß Hasard dem Alten ins Gesicht. „Es ist mir eine Ehre, Sir! Und hier – und noch eine! Sie werden bedient, wie es sich gehört – Maulschellen für Lumpen! Da! Da! und Heissa! Und hopp! Und noch eine …“

Sir Johns Kopf flog hin und her. Er fuchtelte mit den Armen, dann wollte er Hasard vors Schienbein treten, der wich aus und feuerte dem Alten ein Ding an die Ohren – wobei er gleichzeitig losließ –, daß Sir John wie ein Kreisel abging, gegen den Besanmast prallte und wegsackte.

Damit waren Sir Johns Illusionen zerplatzt wie Seifenblasen.

Und die Schlacht war aus, sie war schon aus gewesen, als sich Hasard den Alten vorgenommen hatte.

Die Kerle, einschließlich Sir Johns und seiner Ferkelsöhne, wurden ohne viel Federlesens in den Laderaum der „Pride of Galway“ verfrachtet. Wer das Maul aufriß, empfing noch einmal Dresche, da waren sie gar nicht zimperlich, die Seewölfe, denn sie hatten allen Grund, über den neusten Streich Sir Johns nicht gerade erbaut zu sein.

Dann gab es ein fürchterliches Geschrei am Bug der Karavelle, wo Old O’Flynn im Wasser herumzappelte, weil ihm die Sambuke unter den Stiefeln weggesackt war.

Ben Brighton enterte erschrocken an einer Jacobsleiter ab und hievte den zeternden Alten aus dem Wasser und nach oben. Old O’Flynn tobte nicht schlecht, daß man ihn vergessen hatte. Er stand triefend an Deck und brüllte ausgerechnet Carberry an, der überhaupt nicht wußte, was los war.

Als sich die beiden in die Haare geraten wollten, gab es noch eine Überraschung, denn Big Old Shane erschien aus dem Schott des Achterdecks und schleifte zwei Kerle hinter sich her wie abgeschossene Hasen. Den einen hatte er links am Schlafittchen, den anderen rechts.

Samuel Taylor Burton und Mark Bromley.

Er warf sie Hasard vor die Füße.

„Ein feines Trio“, knurrte er. „Der Alte hatte sie in einer Kammer eingesperrt, und sie behaupteten sofort, mit der ganzen Sache nichts zu tun zu haben. Da hab ich sie erst mal ein bißchen gestreichelt. Natürlich gehören die drei Halunken zusammen. Sie haben sich nur zerstritten, weil der Alte in Plymouth das verkehrte Schiff in die Luft gejagt hat. Soll ich diese Stinktiere über Bord werfen?“

Er sagte das nur so, der alte Shane, denn er blinkerte mit dem rechten Auge.

Und prompt brüllte der dicke Burton: „Ich gestehe alles!“

Sie landeten ebenfalls im Laderaum der „Pride of Galway“ – und dann mit dem alten Killigrew, seinen Söhnen und seiner Mannschaft in Plymouth im Gefängnis. Dorthin hatte sie Hasard mit der „Pride of Galway“ gebracht, während Ben Brighton die Karavelle nach Plymouth gesegelt hatte, wo sie vom Hafenkommandanten an die Kette gelegt worden war. Es würde einen dikken Prozeß geben, auch und gerade für John Killigrew. Das Maß seiner Untaten war so ziemlich voll.

Zwei Tage später nach diesen Ereignissen erschien ein Offizier auf der Werft des alten Ramsgate und wollte Sir Hasard sprechen.

Voller Erstaunen erfuhr Hasard, daß der Offizier im Auftrag der Königin aus London erschienen war. Bei Hofe sei bekannt, daß er sein Schiff verloren habe, aber bereits hier auf der Werft in Rame Head ein neues bauen lasse. Daher nehme Ihre Majestät an, daß Sir Hasard für eine bestimmte Zeit zur Verfügung stehe.

Hasard bejahte das In diesem Falle so erklärte der Offizier, sei er berechtigt, Sir Hasard eine Galeone zu zeigen, die er für eine bestimmte Aufgabe übernehmen werde, da die Krone überzeugt sei, keinen besseren Mann als Kapitän zu finden, was sich aber auch auf seine Crew beziehe, von der Ihre Majestät in der größten Achtung spreche. Ihre Majestät habe ihm auch aufgetragen, einem gewissen Mister Carberry ihre herzlichsten Grüße zu übermitteln – ihm und der ganzen Crew.

Es passierte selten, daß der Profos verlegen wurde. Aber dieses Mal stand er da wie ein kleiner Junge, der in die Hosen gemacht hat.

Die Arwenacks brüllten vor Lachen.

Eine Stunde später standen Hasard und der Offizier an einem abgelegenen Kai von Plymouth, wo die Galeone auslaufbereit lag. Sie sollte noch erprobt und dann ausgerüstet werden. „Hornet“ stand an ihrem Heck – „Hornisse“. Hasard empfing eine Pergamentrolle, in der urkundlich beglaubigt wurde, daß Sir Hasard Killigrew im Auftrag der Königin berechtigt sei, die „Hornet“ als Kapitän zu übernehmen, um im Namen und auf Order Ihrer Majestät zu segeln. Nähere Einzelheiten, so sagte der Offizier, werde Sir Hasard in den nächsten Tagen erfahren.

Etwas ratlos, aber auch geehrt kehrte Hasard zur Werft zurück. Die Arwenacks tippten auf einen neuen Raid.

Carberry sagte: „Damit ihr nicht das Stechen verlernt, ihr verlausten und dreifach geteerten Hornissen …“


1.

Die Nacht hatte sich über Plymouth gesenkt. Neblige Spukgestalten geisterten durch die Gassen, nisteten sich in Ecken und Türen ein und krochen die feuchten Mauern der Häuser empor. Der Wind hatte leicht aufgebrist und pfiff über den Plymouth Sound und in den Hafen hinein, bis das Wasser sich kräuselte und kleine Schaumkronen darauf tanzten, doch er vermochte die weißlichen Schwaden nicht zu vertreiben.

Die Schritte von Männern klapperten durch das Hafenviertel. Einer von ihnen trug ein Holzbein, wie durch den trockenen, dumpfen Klang auf den Katzenköpfen, der in rhythmischen Abständen erfolgte, leicht herauszuhören war.

Dieser Mann war Old Donegal Daniel O’Flynn. Er bildete den Abschluß der kleinen Gruppe, die sich zielstrebig in Richtung auf die Kneipe „Bloody Mary“ zubewegte. Sein Sohn Dan schritt genau vor ihm, neben ihm befanden sich Ben und Roger Brighton, die ihrerseits hinter Edwin Carberry und Ferris Tukker hermarschierten, und ganz vorn gingen Big Old Shane und Philip Hasard Killigrew, der Seewolf.

Old O’Flynn blieb plötzlich stehen und wandte sich um. Seine listigen kleinen Augen spähten argwöhnisch in die Dunkelheit, sein verknittertes Gesicht hatte sich zu einer Grimasse verzogen.

Die anderen bemerkten es zunächst gar nicht, doch dann war es Ben, der sich zufällig umdrehte und den Alten wie einen Kobold auf drei, vier Yards Distanz in der Gasse dastehen sah, gebückt, lauernd und wegen der schlechten Sichtverhältnisse in den Umrissen leicht verschwommen.

Ben warf Dan einen raschen Blick zu, dann blieb mit ihnen auch Roger stehen, und zu dritt kehrten sie zu dem Alten zurück.

„Was ist denn los, Donegal?“ fragte Ben. „Hast du wieder mal einen Dämon gesehen?“

„Still“, zischte Old O’Flynn. „Mal bloß nicht den Teufel an die Wand.“

„Au weh.“ Dan hatte sein bestimmtes Grinsen aufgesetzt. „Es wird ernst, Freunde. Die Mächte der Finsternis sind im Begriff, Plymouth anzugreifen. Ich hab’s ja immer geahnt. Hier kann nichts Gutes gedeihen.“

„Laßt uns eben noch den Rum und den Whisky bei Plymson wegholen, dann hauen wir ab“, sagte Roger, der auch eine Ader für diese Art von Humor hatte.

Der Alte begann mit einer seiner Krücken herumzufuchteln, sie mußten ihm ausweichen, um nicht getroffen zu werden. Nur Ben blieb in Old O’Flynns unmittelbarer Nähe stehen und blickte ihn unter hochgezogenen Augenbrauen an. Meistens bahnte sich tatsächlich etwas an, wenn der Alte die Ohren spitzte und mißtrauisch herumzuspähen begann, das hatte sich auf ihren vielen Reisen immer wieder gezeigt.

„Es ist jemand hinter uns her“, brummte Old O’Flynn.

„Der verdammte Nebel gaukelt dir was vor“, sagte Roger.

Der Alte schüttelte den Kopf. „Nichts da. Ich bin mir da ganz sicher, und du, Roger Brighton, solltest lieber die Klappe halten.“

„Hast du jemand gesehen?“ erkundigte sich Ben leise.

„Nein, aber sie sind dicht hinter uns.“

„Mehrere?“

„Jawohl, so wahr ich hier auf meinen lahmen Krücken stehe. Ich spür’s mal wieder in meinem Beinstumpf: Es gibt Verdruß.“

„Das ist die Feuchtigkeit, Dad“, sagte Dan leise. „Vergiß nicht, daß du wetterfühlig bist.“

Sein Vater warf ihm einen giftigen Blick zu. „Wie lange ist es eigentlich her, daß ich mein Holzbein nicht mehr auf deinem Rücken ausprobiert habe, du Schnösel? Bilde dir bloß nicht ein, daß du alt genug bist, um mir gegenüber so eine dicke Lippe riskieren zu können.“

„Nein, Sir. Soll ich Hasard Meldung erstatten?“

„Nicht nötig“, brummte der Alte und wies zum Seewolf, der sich inzwischen ebenfalls umgedreht hatte und Shane, Carberry und Tucker durch eine Geste zum Stehen brachte. „Er ahnt wohl schon, daß was im Busch ist. Los, weitergehen. Wir müssen so tun, als hätten wir nichts bemerkt.“

Sie gesellten sich wieder zu den anderen, und Hasard erkundigte sich mit verhaltener Stimme, was vorgefallen sei.

Old O’Flynn sagte genauso leise: „Wir haben ein paar Kerle hinter uns, die uns ganz bestimmt nicht um ein Almosen anbetteln wollen.“

„Sondern?“ fragte Ferris Tucker, der rothaarige Schiffszimmermann. „Könnten es nicht ein paar fromme Klosterbrüder sein, die uns nach dem Weg zur Kirche fragen wollen?“

„Kann man mit euch Himmelhunden eigentlich kein vernünftiges Wort mehr reden?“ Old O’Flynn schoß einen Blick auf Ferris ab, der so freundlich war wie der eines hungrigen Hais. „Habt ihr euch vorsichtshalber schon einen angesoffen, weil ihr Angst habt, daß es beim alten Plymson nicht genug gibt?“

„Ach, Quatsch“, brummte Carberry. „Es ist wohl mehr die Vorfreude auf das neue Schiff, die die Kerle so ausgelassen stimmt. Was, Shane?“

Der graubärtige Riese begann zu grinsen. „Von welchem Schiff sprichst du eigentlich, Ed? Von der neuen ‚Isabella‘ oder von der ‚Hornet‘?“

„Von beiden“, antwortete der Narbenmann. „Und auch mich juckt’s überall, und zwar gewaltig, wenn du’s genau wissen willst. An Land halte ich es nicht mehr lange aus. Daher ist es auch mir ein innerer Vorbeimarsch, mal wieder so einen feinen Kahn wie diese ‚Hornet‘ unter die Füße zu kriegen. Sie ist doch wirklich für uns bestimmt, nicht wahr, Sir?“

„Nicht so laut“, sagte der Seewolf warnend. „Genaues weiß ich ja noch nicht. Aber um auf deine Beobachtungen zurückzukommen, Donegal – es könnte leicht angehen, daß wir das Interesse gewisser Schnapphähne und Beutelschneider auf uns gelenkt haben, seit mir der Abgesandte der Königin die Pergamentrolle übergeben hat. Wir könnten ja wirklich wichtige Persönlichkeiten sein. Möglicherweise befindet sich an Bord der ‚Hornet‘ ein Schatz, der unter unserem Geleitschutz von Plymouth nach London gebracht werden soll.“

„Wie?“ Carberry war hell erstaunt. „Das glaubst du wirklich? Ist das dein Ernst?“

Ein verschmitzter Ausdruck war in die Züge des Seewolfs getreten. „Ich könnte mir vorstellen, daß die Kerle, die hinter uns her sind, so oder ähnlich denken. Deshalb sollten wir auf alles vorbereitet sein.“

„Verstanden“, sagte Big Old Shane, setzte eine grimmige Miene auf und legte die Hand an das Heft seines Entermessers.

Hasard lauschte und vernahm von irgendwoher das Bellen eines Hundes, dann die Geräusche verhaltener Schritte im milchigen Dunkel hinter ihnen. Er gab seinen Männern erneut ein Zeichen, und wieder hielten sie an. Die Schritte in der Gasse verstummten.

Hasard grinste, in seinen eisblauen Augen tanzten jetzt die bekannten tausend Teufel, ein Zeichen von Verwegenheit und Entschlossenheit.

„Wir drehen den Spieß um“, raunte er seinen Männern zu. „Wer immer uns da auf den Fersen sitzt, wir kommen ihm zuvor und stellen ihm eine Falle.“

Sofort waren Ben, Shane, Ferris und die anderen Feuer und Flamme. Es bedurfte keiner weiteren Worte, mit denen sie sich untereinander abstimmten. Hasard bog in eine Seitengasse ab und führte seine kleine Gruppe auf dem Umweg durch Gänge und Höfe zurück zum Hafen. Hartnäckig blieben die Verfolger hinter ihnen, sie hörten es an ihren Schritten, konnten die Gestalten aber nirgends in Nacht und Nebel erkennen. Abhängen ließen diese Kerle sich nicht, soviel stand fest, und sie schienen ihr Metier zu verstehen.

Strauchdiebe und Gassenräuber, dachte Hasard, na wartet, wir werden es euch schon zeigen.

Durch ein paar Blicke in alle Richtungen vergewisserte er sich, daß der Ort für sein Vorhaben richtig gewählt war. Sie hatten einen winzigen Platz zwischen den spitzgiebligen, hier und da leicht altersschwachen und demzufolge gebeugten Häusern erreicht, auf den gleich vier Gassen mündeten.

Durch die eine hätte man, so wußte der Seewolf, in einer klaren Nacht die Piers erkennen können, die wie Skelettfinger ins Hafenbecken hinausragten. Im Nebel indes waren nur die verschwommenen Lichtflecken zweier Laternen am Kai zu sehen. Doch das beeinträchtigte Hasards Plan in keiner Weise. Von Bedeutung war in diesem Zusammenhang nur, daß das Wasser nicht fern war.

Wieder eine Gebärde des Seewolfs, und die Männer schwärmten nach allen Seiten aus und versteckten sich in den Mündungen der Gassen, in einer Toreinfahrt, einem Hauseingang und hinter einem Stapel alter Kisten. Dan war der einzige, der auf Hasards Anweisung hin weiterging. Gut hörbaren Schrittes entfernte er sich durch die Gasse, die direkt zum Hafen führte – um den Gegner zu täuschen, und damit dieser ja nicht wieder stehenblieb.

Tatsächlich näherten sich die knirschenden, scharrenden Laute dem kleinen Platz und hielten nicht mehr inne. Hasard und seine Männer kauerten mit verhaltenem Atem in ihren Deckungen. Dan kehrte auf leisen Sohlen zu seinem Ausgangspunkt zurück und ließ sich in geduckter Haltung neben Big Old Shane hinter den Kisten auf dem nassen Pflaster nieder.

Der Feind konnte aufkreuzen, alles war für einen gebührenden Empfang bereit.

Der Seewolf und seine Männer hatten allen erdenklichen Grund, mißtrauisch und vorsichtig zu sein. Nach den Irrfahrten, die auf die Abenteuer am Nil gefolgt waren, nach Trennung, Entbehrung und Verdruß hatten sich Plymouth und Cornwall keineswegs als die friedliche Heimat erwiesen, in deren Geborgenheit sie nach einer langen Odyssee zurückgekehrt waren. Es hatte sofort wieder Ärger gegeben.

Kaum hatte der alte Ramsgate die neue „Isabella IX.“ auf Kiel gelegt, waren auch schon die Störenfriede zur Stelle gewesen, die den Bau des Schiffes boykottieren und den Seewölfen eins auswischen wollten: Samuel Taylor Burton und Mark Bromley, zwei alte Feinde Hasards, die sich dann sogar mit Sir John Killigrew zusammengetan hatten, um ihr geplantes Ziel zu erreichen.

Aber am Ende hatte sich die ganze Bande doch ins eigene Fleisch geschnitten. Den Unfrieden, den sie gestiftet, und den Schaden, den sie angerichtet hatten, hatten die Männer der „Isabella“ ihnen mit gleicher Münze zurückgezahlt. Jetzt saßen die Kerle erst einmal hinter Gittern und warteten auf ihren Prozeß.

Wie die Dinge standen, würde Sir John mindestens den gesamten entstandenen Schaden ersetzen müssen. Außerdem würde er eine ganze Weile im Kerker zubringen, statt auf der Feste Arwenack in Falmouth. Seine Karavelle war von den Behörden an die Kette gelegt worden.

Ben Brightons Sambuke war vernichtet, doch die Männer trauerten ihr nicht groß nach. Sie mußten nur auf der „Pride of Galway“, der Galeone, die Hasard aus Irland als Prise mitgebracht hatte, etwas enger zusammenrücken. Die „Pride“ diente der gesamten Crew als Unterkunft, solange sie über die neue, bessere „Isabella“ noch nicht verfügten.

Nachdem Ramsgates Werft wieder aufgeräumt worden war und die Arbeiten vorangingen, hatte es jedoch die nächste Überraschung gegeben. Ganz unvermittelt war ein Uniformierter erschienen und hatte Hasard um eine Unterredung gebeten. Wie sich herausgestellt hatte, war dieser Mann ein Bote aus London gewesen.

Er hatte Hasard mit knappen Worten erklärt, daß man in der Zwischenzeit selbstverständlich auch in London von der Rückkehr des Seewolfes erfahren habe, und auch der Verlust seiner „Isabella VIII.“ sei dem Hofe bekannt.

Der Abgesandte, der nach seinen eigenen Worten im Namen der Königin nach Plymouth gereist war, hatte Hasard daraufhin mit einer Kutsche zu einem etwas abgelegenen Kai gebracht – und dort hatte der Seewolf zum erstenmal die Dreimast-Galeone „Hornet“ gesehen, die gerade im Begriff gewesen war, in See zu gehen.

Der Gesandte der Königin hatte Hasard eine Pergamentrolle übergeben und ihm auseinandergesetzt, daß Elizabeth I. ihm, Philip Hasard Killigrew, die „Hornet“ zur Verfügung gestellt habe. Er könne sie bald übernehmen, sie müsse nur noch ausgerüstet werden, was in den nächsten Tagen der Fall sein sollte. Er werde also im Namen und auf Order Ihrer Majestät, der Königin von England, segeln.

Einigermaßen ratlos war der Seewolf zu seinen Männern zurückgekehrt. Nähere Einzelheiten sollte er in den nächsten Tagen erfahren, die Botschaft des Abgesandten war nur eine Vorabinformation gewesen. Auch aus dem Text der Pergamentrolle ging nicht mehr hervor als das, was der Mann ihm bereits am Kai mitgeteilt hatte.

Die ganze Crew, von Ben Brighton bis hin zu den Zwillingen, war nun gespannt, was die nahe Zukunft bringen würde. Bislang hatte es keine weiteren Nachrichten aus London gegeben, aber vielleicht stand den Männern ja ein neuer harter Raid bevor, bei dem es wirklich um einen Schatz ging, wie Hasard eher ironisch hatte anklingen lassen.

Ihnen sollte dies nur recht sein, die Herumhockerei in Plymouth ging ihnen ohnehin auf die Nerven. Außerdem war diese „Hornet“ ein schmuckes Schiff. Wie Hasard geschätzt hatte, verfügte sie über etwa zwanzig Kanonen und zusätzlich sechs Drehbassen auf dem Vor- und Achterkastell. Damit war sie stärker armiert als die alte „Isabella VIII.“, die im Sand des Todeskanals ein unrühmliches Ende gefunden hatte.

Dies war der Stand der Dinge, und auch der Bau der „Isabella IX.“ ging wieder voran. Doch wo der Seewolf sich auch aufhielt, früher oder später erschienen seine Feinde auf der Bildfläche, scharten sich die Schakale und Schnapphähne zusammen, die all die Gerüchte um die sagenhaften Schätze gewittert hatten und jetzt auf schnelle Beute hofften.

Burton und Bromley mochten Freunde haben, die jetzt darauf aus waren, Rache an den Seewölfen zu üben, oder aber irgend jemand hatte etwas von dem Schatz der Spanier erfahren, den Hasard aus Irland mitgebracht hatte. Möglich war alles, und die Gründe für einen Angriff auf den Seewolf und seine Crew waren mannigfaltig. Schon aus dieser Erwägung heraus war es von vornherein ausgeschlossen, daß diejenigen, die der Gruppe in dieser Nacht auf den Fersen saßen, vielleicht doch friedliche Absichten hegten.

Hasard ließ sich all dies noch einmal durch den Kopf gehen, während er reglos in der Mündung der einen auf den Platz führenden Gasse hockte. Er war immer für Fairneß gewesen und hatte nie den ersten Stein in einer beginnenden Auseinandersetzung geworfen, sondern immer erst das Ansinnen des Gegners abgewartet. Doch in der letzten Zeit hatte er viel einstecken müssen. Nicht nur die Geschehnisse am Nil, sondern auch die Erfahrungen, die sie in Irland hatten sammeln müssen, hatten ihn wieder so manches gelehrt.

Oft war die ganze Fairneß für die Katz. Es war ein Ding der Unmöglichkeit, stets gerecht und dazu auch noch ritterlich zu handeln, denn in vielen, Fällen stand nicht nur sein Leben, sondern das der kompletten Mannschaft auf dem Spiel.

Und Burton und Bromley? Und Sir John? Hatten die ein anständiges, ehrenhaftes Verhalten verdient? Wenn man nicht höllisch aufpaßte, schossen sie einem das Schiff unter den Füßen weg und jagten alles in die Luft, ehe man sich auf ihre Offensive einstellen konnte. Wer konnte denn dafür garantieren, daß die Kerle, die sich da in der Dunkelheit näherten, nicht ihre Verbündeten waren?

Kein Mensch. Hasard preßte die Lippen fest zusammen und bereitete sich auf sein Handeln vor. Er war nicht gewillt, den Gegner diesmal erst auf die Probe zu stellen.

Gestalten tauchten aus dem dichter werdenden Nebel auf, die Umrisse nahmen klare Formen an, die Verfolger hatten den Platz jetzt erreicht. Hasard beobachtete sie aus schmalen Augen. Plötzlich, als sie gewahr wurden, daß sie in der Auswahl der Fortsetzung ihres Weges mehrere Möglichkeiten hatten, blieben sie abrupt stehen und murmelten untereinander etwas, das kaum zu verstehen war.

Sie sind nicht aus Plymouth, dachte der Seewolf, ich habe sie hier noch nie zuvor gesehen, und sie scheinen sich nicht sonderlich auszukennen.

Von dem, was sie sprachen, vernahm er nur ein paar Wortfetzen:

„… sind verschwunden, die Kerle – müssen sie aber erwischen – entgehen dürfen sie uns nicht …“

Er erhob sich und bewegte sich lautlos auf sie zu. Sie wandten ihm gerade ihre Rücken zu – sechs Männer unterschiedlich großer Statur, aber alle kräftig und muskelbepackt. Ihrem Akzent nach waren sie auf jeden Fall Engländer, aus unterschiedlichen Gegenden, aber wahrscheinlich alle von der Küste. Nach den Ausdrücken zu urteilen, die sie benutzten, mußten sie auch allesamt Männer mit Salzwassererfahrung sein.

Küstenwölfe, dachte Hasard, Cornwell-Haie. Aber diesmal ist euch ein Fehler unterlaufen.

Er war dicht an sie herangelangt und tippte nun dem, der ihm am nächsten stand, einfach auf die Schulter.

Die Wirkung war unmittelbar: Der Kerl fuhr zusammen, wirbelte zu ihm herum und riß seine Faust hoch. Hasard hatte für einen Moment sein verzerrtes, erschrockenes Gesicht vor sich, dann aber blieb keine Zeit mehr für eingehende Betrachtungen. Er mußte sich wehren. Blitzschnell blockte er die hochschießende Rechte des Mannes ab, drückte seinen Arm weg und hieb selbst mit der linken Faust zu.

Der Kerl gab nur noch einen halb verblüfften, halb entsetzten Laut von sich, als die harten Knöchel sein Kinn trafen, dann brach er zusammen und streckte sich der Länge nach auf dem Pflaster des Platzes aus.

Jetzt warfen sich auch die fünf anderen herum und stießen unterdrückte Flüche aus. Sie griffen an und wollten sich allesamt auf den hochgewachsenen schwarzhaarigen Teufel stürzen, der ihnen da so unversehens in die Quere geraten war, aber da waren noch die Brightons, die O’Flynns, Shane, Carberry und Ferris Tucker.

Die hatten mittlerweile nämlich ihre Deckungen verlassen und sprangen mit beängstigender Schnelligkeit auf die Gegner zu, warfen ihnen ein paar Flüche an die Köpfe, die alle vorher laut gewordenen Verwünschungen in den Schatten stellten, und begannen auf sie einzuschlagen.

Aber die fünf hatten sich von ihrem ersten Schreck erholt und konterten. So leicht ließen sie sich denn doch nicht überrumpeln, und sie dachten auch nicht daran, die Flucht zu ergreifen. Aus welchem Holz sie geschnitzt waren, stellten Hasard und seine Männer in den nächsten Momenten fest, in denen die Keilerei heftigere Ausmaße annahm, als er anfänglich geglaubt hatte.

Im Nu war der Teufel los, das Keuchen und Fluchen der Männer löste die Stille ab, die eben noch auf dem vom Nebel zugedeckten Plätzchen in der Nähe des Hafens geherrscht hatte.

2.

Roger Brighton hatte sich auf einen der Gegner geworfen und war mit ihm zu Boden gegangen. Sie wälzten und balgten sich, dann mußte Roger einen gewaltigen Hieb gegen sein Brustkreuz hinnehmen, der ihm vorerst die Luft und die Widerstandskraft raubte.

Sein Widersacher löste sich von ihm, sprang auf und trat Old O’Flynn, der gerade hilfreich eingreifen wollte, voll gegen die linke Krücke und dann gegen das Holzbein. Der Alte ächzte, geriet aus dem Gleichgewicht und ging neben Roger zu Boden.

Der Kerl tänzelte weiter zu Edwin Carberry und rammte ihm die Faust mit größter Wucht in den Magen, doch diesmal hatte er weniger Glück. Es war, als hätte er überhaupt nicht zugeschlagen.

„So“, sagte der Profos. Er sprach auffallend gedämpft, was bei ihm immer ein Anzeichen für schweren Sturm war. „Du findest dich wohl besonders witzig, du Läuseknacker, was, wie?“

Der Kerl sagte etwas Lästerliches, dann knallte er dem Narbenmann die Faust geradewegs unter das mächtige Rammkinn. Oder besser, er hatte es treffen wollen, hieb jedoch vorbei, weil der Profos seinen Kopf mit ungeahnter Gewandtheit zur Seite nahm. Verblüfft riß der Kerl den Mund auf, aber er klappte ihn gleich wieder zu, denn Carberry schlug mit beiden Fäusten zu. Die eine traf den Gegner in die Seite, die andere erwischte seine Kinnlade, dann flog er bis zur nächsten Hauswand, prallte mit dem Rücken dagegen und sank daran zu Boden.

Er hörte noch, wie Carberry verächtlich „Witzbold“ sagte, dann schwanden ihm die Sinne.

Der Mann, der von Hasard aufs Pflaster geschickt worden war, hatte sich inzwischen jedoch wieder aufgerappelt, und so waren es immer noch fünf, die den Seewölfen einen erbitterten Kampf lieferten.

Aber auch Roger Brighton und Old O’Flynn waren wieder auf den Beinen. Big Old Shane warf gerade einen der Angreifer, den er bei den Armen gepackt hatte, mit Schwung über seinen breiten Rücken hinweg ab, der Alte nahm ihn in Empfang und knallte ihm das Holzbein gegen den Schädel.

Das genügte jedoch immer noch nicht, der Kerl überrollte sich, sprang wieder auf und wollte sich erzürnt auf Old O’Flynn stürzen. Jetzt aber war Roger mit wutentbrannter Miene zur Stelle und landete mit beiden Fäusten einen Schlag im Nacken des Gegners, daß dieser nur noch einen keuchenden Laut von sich gab und dann endgültig zusammenbrach.

Ferris Tucker war in die Knie gegangen, einer der Wegelagerer war über ihm und traktierte ihn mit gezielten Hieben. Plötzlich aber schoß Ferris’ linkes Bein hoch, der Fuß traf die Schulter des Kerls und ließ ihn zurücktaumeln.

Er prallte mit dem Rücken gegen Ben Brighton, und der sagte: „Na, das ist ja wohl die Höhe.“

Während er noch sprach, griffen auch seine harten Hände in die Sache ein. Er gab dem Kerl zunächst eine schallende Ohrfeige und anschließend einen Kinnhaken, und auch dieser versank in tiefer Bewußtlosigkeit.

Jetzt waren nur noch drei der Angreifer aktiv. Sie hatten sich an Hasard herangepirscht und setzten ihm gefährlich zu. Der eine hatte bereits den linken Arm des Seewolfs gepackt, ein anderer versuchte, den rechten Arm zu fassen, und der dritte schickte sich an, den Rest zu besorgen und ihn niederzuschlagen.

Mit einemmal aber war Dan O’Flynn mitten zwischen ihnen und trieb sie auseinander. Seine Fäuste wirbelten, und Hasard kriegte wieder Luft. Er riß den Mann zu sich heran, der seinen einen Arm umzudrehen trachtete, verpaßte ihm einen trockenen Haken und jagte ihn dann auf Carberry zu, der mit Shane, Ferris, den beiden Brightons und Old O’Flynn zusammen anrückte.

Carberry sagte mit grunzender Stimme etwas, das wie „stinkende Kanalratte“ klang, dann schlug er kurz zu und beförderte den Kerl zu dem anderen, den er bereits erledigt hatte.

Dan O’Flynn hatte einen weiteren Angreifer durch vier, fünf prasselnde Fausthiebe außer Gefecht gesetzt, und so stand plötzlich der eine Kerl allein der Übermacht von acht Männern gegenüber.

Er erkannte seine hoffnungslose Lage und versuchte sein Heil in der Flucht, doch Ben stoppte ihn. Er hielt ihn fest und stellte ihn gegen eine Hausmauer.

„Wer bist du?“ fragte er mit drohender Stimme. „Wer hat dich geschickt? Burton? Bromley? John Killigrew?“

„Ich heiße Reeves“, antwortete der andere keuchend. „Zum Teufel, laß mich endlich los.“

Hasard und die anderen waren nähergetreten.

Der Seewolf sagte: „Das könnte dir so passen. Wer ist dein Auftraggeber, Reeves?“

„Bist du Hasard Killigrew?“

„Ja. Woher weißt du das?“

Reeves versuchte zu grinsen. „Eine Möwe hat’s mir gezwitschert. Beim Henker, warum seid ihr Narren über uns hergefallen?“

„Gib ihn mal her, Ben“, sagte Carberry, und seine Stimme hatte immer noch den gefährlichen, dumpfen Klang. „Ich will ihm ein bißchen was verbiegen, diesem total verlausten Satansbraten.“

„Augenblick, Ed“, sagte der Seewolf und trat dicht vor den Mann, der angeblich Reeves hieß. „Mein Bootsmann und ich haben dich was gefragt, Reeves.“ Er fixierte den Mann, aber dieser hielt seinem bohrenden Blick stand. „Willst du dich vielleicht bequemen, darauf zu antworten?“

„Ja. Seine Lordschaft Gerald Cliveden schickt uns, und ihr tut gut daran, euch nicht wie die Idioten zu benehmen.“

„Wer ist dieser Cliveden?“ erkundigte sich Hasard.

„Das kann ich dir hier nicht sagen.“

„Ach. Das wird ja immer spannender. Für wie dämlich hältst du uns eigentlich?“

„Folgt mir“, keuchte der Mann. „Dann werdet ihr sehen, daß wir euch nicht hereinlegen wollen. Wir haben daran nicht das geringste Interesse.“

„Das kann ich mir vorstellen“, höhnte Ferris Tucker. „Wo warten denn Seine Lordschaft mit dem Rest der Bande? Dort hinten, bei den Lagerhäusern? An einer stillen, abgelegenen Pier?“

„Sag die Wahrheit, Bursche, oder es geht dir schlecht!“ stieß Ben Brighton zornig hervor, und diese Worte gaben den eigentlichen Anlaß zu Reeves’ nächster Reaktion.

Völlig unerwartet schüttelte er Bens Hände ab, tauchte weg und nahm Reißaus, denn er rechnete fest damit, daß die Seewölfe jetzt auch ihn zusammenschlugen. Old O’Flynn stellte ihm gedankenschnell sein Holzbein, Reeves strauchelte und fiel hin. Er stöhnte, sprang wieder auf, wurde aber von Shane gestoppt, der ihn mit einem einzigen Hieb fällte.

„Lord Cliveden“, brummte der graubärtige Riese. „Das schlägt dem Faß den Boden aus. Genausogut hätte er sagen können, die königliche Lissy sei erschienen, um mit uns zu sprechen.“

„Wieso?“ fragte Carberry. „Kennst du diesen Cliveden?“

„Ich? Nein. Du vielleicht?“

Carberry kratzte sich verwirrt an seinem riesigen Kinn und brummelte schon wieder einen saftigen Fluch. Sir John, der karmesinrote Aracanga, der die ganze Zeit über durch die benachbarten Gassen geflattert war und jetzt wärmesuchend zu seinem Herrn zurückkehrte, wollte sich mit einem schmeichlerischen Gackern auf seiner Schulter niederlassen, doch der Profos scheuchte ihn weg wie eine lästige Fliege.

Erst mal mußte Carberry sich darüber klarwerden, was eigentlich gespielt wurde. Die Angelegenheit war total verfahren, ein Buch mit sieben Siegeln. Je mehr er herumgrübelte, desto undurchschaubarer wurde sie, und diese Tatsache versetzte ihn erst richtig in Wut.

„Sir“, sagte Dan. „Könnte nicht wirklich was Wahres an der Sache sein? Wegen der ‚Hornet“, meine ich?“

„Falls hier in Plymouth ein Lord aufgetaucht wäre, der uns eine Botschaft zu überbringen hat oder uns in irgend etwas einweihen will, würde er sich bestimmt nicht einer Handvoll Galgenstricke bedienen, um uns zu sich zu rufen“, erwiderte der Seewolf, und diese Feststellung genügte seinen Männern, um sie vollends davon zu überzeugen, was für eine haarsträubende Lügengeschichte dieser Reeves ihnen aufgetischt hatte.

„Was machen wir mit diesem Lumpengesindel?“ wollte Old O’Flynn mit einem Fingerzeig auf die immer noch bewußtlosen sechs Gegner wissen.

„Durchsuchen“, ordnete der Seewolf an, und sie beugten sich über die reglosen Gestalten.

Bei dieser Leibesvisitation förderten sie aber nur Waffen zutage, ein wenig Munition und eine Handvoll Münzen, sonst nichts. Hasard deutete zu den Piers und nickte seinen Männern zu. Sie packten die sechs Kerle, schleppten sie über den Kai zu den Piers und beförderten sie einen nach dem anderen ins Hafenwasser.

Mit einem lauten Klatscher verschwand der erste in den schwärzlichen Fluten, dann die nächsten beiden. Der vierte kam plötzlich zu sich, riß die Augen weit auf und blickte abwechselnd Shane und Carberry an, die gerade Anstalten trafen, auch ihn ins Wasser zu werfen.

„Aufhören!“ stieß er entsetzt aus. „Seid ihr wahnsinnig?“

„Paß auf, wie du sprichst, du Affe“, sagte der Profos grimmig. „Sonst hänge ich dir zusätzlich noch einen Stein ans Bein.“

„Ich – ich kann euch alles erklären!“

„Interessant“, brummte Shane. „Aber nimm jetzt erst mal ein Bad, es scheint ein Jahr her zu sein, daß du den letzten Dreck von dir abgekratzt hast. O Jesus, du stinkst ja, Junge.“

Old O’Flynn kicherte, Dan und Roger lachten. Ben und Ferris schwiegen.

Hasard trat auf den fremden Mann zu und sagte nur ein einziges Wort: „Name?“

„Hoback. Ray Hoback.“

„Kennst du Reeves?“

Hobacks Blick irrte zu Reeves’ regloser Gestalt auf der Pier, die noch darauf wartete, dem Wasser übergeben zu werden. Vorsichtshalber schüttelte er den Kopf, aber es war seinem Gesicht deutlich abzulesen, daß dies eine Lüge war.

„Wer schickt euch, Hoback?“ fragte der Seewolf ärgerlich.

„Lord Gerald Cliveden“, entgegnete der Mann leise. „Aber das ist ein Geheimnis, keiner außer euch darf es erfahren.“

„Ab in den Teich mit ihm“, sagte Hasard. Shane und Carberry hoben gleichzeitig die Füße und versetzten Hoback je einen Tritt, so daß dieser wie von einem Katapult geschnellt von der Pier flog und in den Fluten landete. Hier tauchte er zunächst unter und gleich darauf wieder auf. Dann gesellte er sich zu seinen Kumpanen, die jetzt ebenfalls die Köpfe aus dem Wasser erhoben hatten und heftig prusteten.

Auch mit dem fünften und dem sechsten Mann fackelten die Seewölfe nicht lange, dann wandten sie sich ab und setzten ihren Weg zur „Bloody Mary“ fort, wo der Rest der Crew auf sie wartete.

Keiner von ihnen ahnte, daß sie doch einem peinlichen Irrtum erlegen waren.

Zwei Gestalten standen wie Wachtposten vor der Kneipe des Nathaniel Plymson. Beim Nähertreten identifizierten Hasard und seine sieben Begleiter sie als Smoky und Jack Finnegan. Die beiden drehten immer wieder ihre Köpfe in alle Richtungen und hielten allem Anschein nach Ausschau nach ihren Kameraden.

Sie entdeckten sie wegen des Nebels erst, als diese auf wenige Schritte an sie heran waren. Smoky stieß einen Fluch aus.

„Herrgott, Sir“, sagte er. „Wo habt ihr denn bloß gesteckt? Wir haben uns schon um euch gesorgt. Ihr wolltet doch bloß kurz zum alten Ramsgate, um euch davon zu überzeugen, daß es mit den Arbeiten am Schiff vorangeht, und dann …“

„Dann wollten wir uns hier zu einem Umtrunk mit euch anderen treffen“, unterbrach Hasard ihn lächelnd. „Also gut, da sind wir. Wieso regst du dich auf? Sind die anderen denn schon alle da?“

Smoky, der Decksälteste von der „Isabella“, musterte seinen Kapitän nachdenklich von oben bis unten. „Es fehlt keiner, und Plymson, diese Ratte, hat schon wieder seinen unruhigen Blick, weil er um seine Einrichtung bangt. Aber willst du mir nicht endlich erzählen, was vorgefallen ist?“

„Ist denn was gewesen? Sieht man mir das an?“ fragte der Seewolf amüsiert. „Jawohl, Sir. Du hast da einen frischen Kratzer an deiner linken Wange, und in deinem Hemdsärmel ist ein Riß.“

„Ihr seht auch ein bißchen ramponiert aus“, sagte Jack Finnegan zu den sieben anderen Männern und grinste. „Kleine Auseinandersetzung gehabt, was? War das eine Meinungsverschiedenheit? Mit wem denn?“

Sir John, der jetzt doch in Carberrys Hemd untergekrochen war, streckte seinen Kopf zum Ausschnitt heraus und krächzte: „Klar bei Brassen, ihr Kakerlaken! Feind an Backbord!“

Die Männer lachten.

Hasard sagte: „Das erzähle ich, wenn wir drinnen sind, sonst muß ich ja alles zweimal sagen.“

So betraten sie gemeinsam die „Bloody Mary“, die schon seit vielen Jahren ihr Treffpunkt war, wenn sie sich in Plymouth aufhielten – sehr zum Leidwesen Nathaniel Plymsons, der einige berechtigte Gründe dafür aufzählen konnte, warum er vor den Seewölfen zitterte, wenn er sie nur auf die Distanz von hundert Yards erblickte.

Die „Bloody Mary“ stand an der Ecke Milbay Road und St. Mary Street. Sie war das Erbe des Großvaters von Nathaniel Plymson, das sein mißratener Enkel wie seinen Augapfel hütete. Dabei scherte es den dikken Plymson einen Dreck, was die Bürger von Plymouth von ihm und seiner Kneipe hielten. Daß sie eine Lasterhöhle war, in der die Seeleute ihren letzten Copper versoffen, wußte er selbst. Und daß es hier nicht immer mit rechten Dingen zuging, war auch jedem klar.

Für Plymson war sie nichts anderes als eine ergiebige Goldgrube. Hinzu gesellte sich noch der Judaslohn für gepreßte Seeleute, den der Wirt sich nebenbei verdiente. Die Fahrensmänner, die ihm zum Opfer fielen, waren längst hinter der Kimm verschwunden, wenn sie aus ihrem Katzenjammer erwachten und sich an Bord eines fremden Schiffes wiederfanden. Die meisten von ihnen wußten nicht einmal, wie ihnen geschehen war, und segelten dann einem ungewissen Schicksal entgegen.

Hasard öffnete die Tür und trat als erster ein.

In der Schenke herrschte das übliche Halbdunkel, gegen das die wenigen Öllampen nicht anzukämpfen vermochten. Der rötlich-dämmrige Schimmer fiel auf die Platten der Tische und hölzernen Bänke und beleuchtete auch die Theke, hinter der Plymson einem fetten Frosch gleich mit unstetem Blick wartete.

Neu gekalkt war der Raum jetzt und auch sonst hatte sich einiges verändert, seit die letzte Schlägerei stattgefunden hatte. Aber der armlange Stör hing nach wie vor am alten Platz und hatte das Maul weit aufgerissen. Er war allerdings nicht mehr ganz so verstaubt wie sonst, wahrscheinlich hatte der Dicke ihn in einem Anfall von Reinlichkeitswut gesäubert. Als Dan O’Flynn als letzter die Tür hinter sich schloß, geriet das ausgestopfte Tier lebhaft in Bewegung. Es hatte den Anschein, als wolle es schleunigst davonschwimmen, um bevorstehendem Verdruß zu entfliehen.

Hasard begrüßte seine Männer mit einer Handbewegung. Ja, sie waren wirklich vollzählig versammelt: Blacky, Batuti, der Kutscher, Pete Ballie, Gary Andrews, Matt Davies, Al Conroy, Jeff Bowie, Sam Roskill, Bob Grey, Luke Morgan, Will Thorne, Stenmark, Bill, Paddy Rogers, Mac Pellew und die Zwillinge.

Arwenack, der Schimpanse, hockte auf einer Tischplatte und schoß immer wieder angriffslustige Blicke auf Plymson ab, der dies seinerseits mit Blicken quittierte, aus denen klar hervorging, daß er dem Affenvieh am liebsten gleich den Hals umgedreht hätte.

Sofort umringten alle den Seewolf und wollten von ihm wissen, was sich ereignet hätte. Philip und Hasard junior, die Zwillinge, schnitten besorgte Mienen, als sie sahen, in welch lädiertem Zustand sich ihr Vater und die sieben anderen befanden.

Beschwichtigend hob der Seewolf beide Hände. „Langsam, langsam, wir sind ja noch voll manövrierfähig.“

„Auch seetüchtig?“ wollte Mac Pellew wissen.

„Auch das. Setzt euch jetzt erst mal wieder hin. Laßt uns ein Bier trinken, wir haben alle tüchtig Durst, wie ich annehme.“

Diese Bemerkung wurde mit Beifall aufgenommen, und so nahmen die Männer Platz, und auch die beiden Jungen ließen sich bei Arwenack an dem einen Tisch nieder. Plymson mußte Bier einschenken und die Humpen herantragen.

Bei Hasard blieb er stehen und versuchte, ein Lächeln auf seine Züge zu zaubern, was ihm jedoch mißlang. Es wurde nur eine schiefe, freudlose Grimasse daraus.

„Mister Killigrew“, sagte er, „Sir, ich hätte da eine Bitte.“ Sein Blick huschte über die Gesichter der über zwei Dutzend Gäste, und auch dies war nicht dazu angetan, seine momentane Stimmung zu heben. Im Gegenteil, ihm war hundeelend zumute.

Der Seewolf lehnte sich zurück, bis sein Rücken die Wand berührte. Aufmerksam betrachtete er den dikken Mann.

„Nun mal nicht so förmlich, Plymmie“, sagte er. „Das ist doch sonst nicht deine Art. Wo drückt dich der Schuh?“

„Das wissen Sie ganz genau“, murmelte Plymson.

Hasard schüttelte den Kopf. „Nein, keine Ahnung. Wenn du auf deine Einrichtung anspielst – die bleibt natürlich heil. Wir haben dir in der letzten Zeit höchstens mal einen Stuhl umgeworfen, mehr aber auch nicht.“

„Aber das …“

„Das ist die volle Wahrheit“, fiel Ben dem Dicken ins Wort. „Du tust ja gerade so, als wären wir die schlimmsten Radaubrüder. Hör mal zu, Plymmie, wir könnten das leicht als Beleidigung auffassen, dabei hatten wir heute abend eigentlich vor, uns hübsch friedlich zu verhalten. Wir haben nämlich was zu besprechen, verstehst du?“

„Ja“, beeilte sich Plymson zu sagen. „Und selbstverständlich wollte ich euch nicht, äh – zu nahe treten. Will nichts gesagt haben.“

„Und deine Bitte?“ fragte der Seewolf.

Nathaniel Plymson verschlang seine Finger ineinander, er sah urkomisch aus. „Ich flehe euch an, schlagt mir nicht die Sachen kaputt. Es hat mich ein Heidengeld gekostet, die letzten Schäden wieder instand zu setzen, und keiner ersetzt mir hier was, wenn der Laden in die Brüche geht.“

„Jetzt fängt der Kerl schon wieder an“, sagte Blacky erbost und hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Humpen ins Wackeln gerieten.

Plymson zuckte unwillkürlich zusammen.

„Er will uns herausfordern!“ rief Matt Davies. Dabei hob er bedeutungsvoll seine scharfgeschliffene Eisenprothese. Jeff Bowie, der auch solch eine Hakenhand hatte, folgte mit bösem Grinsen diesem Beispiel.

„Plymson, mit dir stimmt heute abend was nicht“, sagte drohend Ed Carberry. „Ich seh’s dir an. Weiß der Henker, was du im Schilde führst, aber irgendwas ist hier faul, alter Freund. Richtig? Was? Wie?“

Plymson verschwand wieselflink hinter seiner Theke, es war erstaunlich, wie schnell er sich trotz seiner Körpermassen bewegen konnte. Nach allem Dafürhalten war es besser, wenn er nichts mehr sagte, es kam ja doch nichts dabei heraus.

Die Zwillinge hielten sich die Hand vor den Mund und prusteten, und auch die Männer konnten sich ihr Lachen kaum verkneifen. Mit Plymson hatten sie schon immer viel Spaß gehabt, so oder so. Es war gewissermaßen eine Tradition geworden, bei ihm einzukehren und für Krawall zu sorgen.

Besonders amüsant fanden Paddy Rogers, Jack Finnegan und Roger Brighton dieses Geplänkel, denn sie waren ja neu in der Crew. Mac Pellew rieb sich die Hände und grinste. Gewöhnlich trug er eine griesgrämige Miene zur Schau, aber seit Hasard ihn aus dem Kerker losgekauft hatte, konnte er sich über geringe Kleinigkeiten freuen wie ein Kind.

Der Profos sah immer noch derart aufgebracht zu Plymson hinüber, daß dieser sich wünschte, lieber zu zerschmelzen oder sich in einem der zahlreichen Löcher zu verkriechen, die seinen Untermietern, den Mäusen, als Türen dienten.

„Teufel auch“, brummte Carberry. „Ich werde den Verdacht nicht los, daß der Hund irgendwas gegen uns vorhat. Ob er vielleicht sogar die Bastarde geschickt hat, die uns die Birnen weichklopfen wollten? He, Shane, was hältst du davon?“

„Nicht viel“, erwiderte der ehemalige Schmied von Arwenack. „Er weiß doch, wie so was für ihn enden würde.“

„Der wird nie gescheit“, sagte Ferris Tucker und pflichtete somit den Worten Carberrys bei. „Er ist nur gerissen, aber nicht klug. Und für Geld würde er seinen eigenen Großvater umbringen, falls der noch lebte.“

„Übrigens“, sagte Smoky. „Was ist euch denn nun eigentlich zugestoßen? Spannt uns nicht so auf die Folter.“

Hasard nahm noch einen Schluck von seinem Bier, dann berichtete er. Die Männer steckten die Köpfe zusammen und debattierten über den Vorfall, es wurden die abenteuerlichsten Theorien über die Sache aufgestellt.

Plymson beobachtete die Seewölfe, rang wieder die Hände und fragte sich, warum er solch ein Esel war und die Kneipe für die Zeit, in der sie sich in Plymouth aufhielten, nicht geschlossen hatte. Früher oder später gab es nämlich doch wieder Ärger, das ahnte er nicht nur, das wußte er ganz genau.

Immer wenn diese Männer in der „Bloody Mary“ auftauchten, war der Teufel los. Sie hatten ihm schon oft genug versichert, sie würden sich so zahm wie Mönche benehmen, aber nie war davon etwas wahr gewesen. Vor seinem geistigen Auge liefen wieder deutlich die Szenen ab – da flogen Bänke, Stühle und Tische durch die Gewölbe, Männer segelten über den Boden, und der Profos wischte mit ihm selbst, mit Nathaniel Plymson, den Boden auf.

Einmal hatten diese Kerle ihn sogar mit portugiesischem Rotwein eingeschläfert, da hatte er so tief und fest geschlafen, daß nicht mal der grobe Johann, sein Gehilfe, ihn wieder hatte aufwecken können. Zu jeder Schandtat waren diese Seewölfe fähig. Was würden sie dieses Mal aushecken?

Plymson wurde immer nervöser, seine Finger fanden keine Ruhe. Für einen Augenblick gelangte er zu der Erkenntnis, daß es wohl doch besser gewesen wäre, wenn er ein redliches Dasein geführt hätte – dann hätten sie nie einen Pik auf ihn bekommen.

Aber die Dinge ließen sich nicht mehr ändern, und man mußte das Leben nehmen, wie es war. Seufzend blickte er zur Tür, die sich gerade in diesem Moment wieder öffnete, und sofort beschäftigten sich seine Gedanken damit, wie er die neuen Gäste wohl am besten begaunern konnte. Er war eben unverbesserlich.

Die Gäste entpuppten sich als eine Gruppe von zehn Männern, die schon am Vorabend bei ihm gewesen waren. Es waren harte Kerle von einem der Küstensegler, der im Hafen lag. Sie waren offensichtlich noch jetzt von dem Rotwein angetan, den er ihnen verkauft hatte. Das las er ihren Mienen ab.

„Der Wein, den wir gestern abend mit aufs Schiff genommen haben“, sagte ihr Anführer, ein Mann mit dichtem blondem Bart und buschigen Augenbrauen, der wohl der Bootsmann war, zur Begrüßung, „der war wirklich beste Klasse. Ausgezeichnet, Plymson. Gib uns noch was von dem Zeug.“

Plymsons Gesicht verwandelte sich in eine Grimasse des Wohlwollens.

„Aber gern doch“, sagte er ölig. „Sofort, Gentlemen.“ Schon trat er ans Faß und ließ den Krug vollaufen. Er hatte die Kerle mit gutem Wein geködert, jetzt aber würde er ihnen das gepanschte Zeug zu trinken geben und ihnen obendrein noch ein Fäßchen zu einem horrenden Preis verkaufen. Jetzt war er wieder in seinem Element, und er vergaß für kurze Zeit die Seewölfe, die immer noch über den Vorfall am Kai diskutierten.

Doch das war nur die Ruhe vor dem Sturm.

3.

„Das ist wirklich ein dicker Hund“, sagte der Kutscher. „Hört denn das nie auf? Nicht mal in Plymouth ist man seines Lebens sicher. Wir hätten die ‚Pride of Galway‘ doch nicht ganz ohne Bewachung lassen sollen.“

Der Seewolf sah seinen Koch und Feldscher an. „Jetzt, nachdem wir den Schatz der Spanier von Bord geschafft und versteckt haben, kann doch nicht mehr viel passieren. Sollen die Schnapphähne und Hurensöhne den Kahn ruhig klauen, mir ist es egal. Wir können auch an Land übernachten.“ Er grinste spitzbübisch. „Vielleicht sogar hier, in der ‚Bloody Mary‘.“

„Mit anderen Worten – wir geben die ‚Pride‘ auf?“ fragte Gary Andrews überrascht.

„Wer immer sie entwendet, wird damit sein blaues Wunder erleben“, erwiderte Hasard. „Ihr wißt doch, was uns bei der Überfahrt von Irland hierher passiert ist. Das Schiff ist so bekannt wie ein bunter Hund, und der erste englische Segler, der seinen Kurs kreuzt, schießt es garantiert zusammen.“

„Aber was ist, wenn der Gegner sich an Bord schleicht und auf uns wartet?“ erkundigte sich Matt Davies. „Angenommen, wir kehren auf die ‚Pride‘ zurück und werden dort überfallen – wäre das nicht eine Schande für uns?“

„Eine Schande wäre es, wenn wir den Unrat nicht rechtzeitig genug wittern würden“, widersprach der Seewolf. „Stimmt’s, Donegal?“

„Ganz recht, Sir“, sagte der alte O’Flynn. „Aber wir riechen schon, was los ist, keine Angst. Ich hab das richtige Gespür für alles.“

„Freunde“, sagte Carberry mit finsterer Miene. „Ich werde den Verdacht nicht los, verdammt noch mal. Nein, das will mir nicht aus dem Kopf.“

„Was denn nicht, Ed?“ fragte Dan O’Flynn scheinheilig. „Sollte es sich wirklich mal um einen Geistesblitz handeln?“

„Vorsicht, Mister O’Flynn“, sagte der Profos. „Du spielst mit dem Feuer. Ich hab das nicht so gern, daß du mich schief anredest.“

„Das würde ich nie tun“, erklärte Dan gelassen.

Carberry wollte aufbrausen und holte bereits tief Luft. Shane griff jedoch ein. Er blickte zu Dan und sagte: „Dan, halt mal für einen Augenblick die Futterluke. Ich glaube, Ed hat wirklich was Wichtiges vorzutragen.“

„Vorzutragen ist der richtige Ausdruck“, brummte der Narbenmann. Er deutete zu Plymson, der gerade intensiv damit beschäftigt war, seinen zehn Thekengästen den gepanschten Wein anzudrehen. „Plymson steckt hinter dem ganzen Kram. Er hat Wind davon gekriegt, daß auf der ‚Pride‘ ein Schatz ist, oder aber er will die Baupläne der ‚Isabella‘ haben. Vielleicht denkt er auch, wir hätten mit der ‚Hornet‘ im Auftrag der Königin was Bedeutungsvolles vor, das er unbedingt herauskriegen muß. Oder er arbeitet für Bromley und Burton oder für den alten Killigrew, diesen Lausebart – egal, wie, er steckt mit in der Sache drin und hat uns wahrscheinlich diese sechs Halunken auf den Hals gehetzt.“ Er hielt inne. Es war eine lange Rede gewesen, und er mußte seine trockene Kehle unbedingt benetzen. Er trank seinen Humpen Bier in einem Zug aus.

„Da ist was dran“, sagte nun auch Ferris Tucker. „Los, auf was warten wir? Fragen wir Plymmie doch direkt. Der muß es ausspucken, was er weiß, sonst gibt es Zunder.“

„Augenblick“, sagte der Seewolf. „Noch ist nicht bewiesen, daß er etwas damit zu tun hat.“

„Eben, er soll es uns ja verraten“, sagte der rothaarige Riese mit umwerfender Logik. „Aber ich wette, er hat seine schmutzigen Pfoten in der Schweinerei mit drin.“

Smoky erhob sich. „Gehen wir zu ihm. Keine Sorge, Sir, wir fragen ihn ganz freundlich und ruhig. Nicht wahr, Ed?“

„Das steht fest. Wir sind ganz harmlose Kirchgänger.“ Der Profos stand, nachdem er diese Worte gesprochen hatte, ebenfalls auf.

Ferris, Batuti, Finnegan, Rogers und die beiden O’Flynns schlossen sich an, und so marschierten nun acht Männer auf die Theke zu, während Hasard und der Rest der Crew an den Tischen sitzenblieben und gespannt verfolgten, was weiter geschah.

Auszuschließen war wirklich nicht, daß Plymson der Anstifter des heimtükkischen Überfalls war, dem die Seewölfe nur durch ihre Geistesgegenwart hatten begegnen können. Er war bekanntlich zu jeder Gemeinheit fähig, und vielleicht hatte er sich gedacht, daß dies einmal eine günstige Gelegenheit sei, um mit seinen Erzfeinden aufzuräumen oder ihnen zumindest einen ordentlichen Denkzettel zu verpassen.

Carberry stützte den Ellenbogen auf der Theke auf. Plymson schien auf seinem Platz zusammenschrumpfen zu wollen. Sein Gesicht nahm von einem Moment zum anderen die Farbe alten Talges an, und der Schweiß lief ihm in Strömen über die Stirn und die Wangen.

„Kennst du einen Kerl namens Reeves?“ fragte Carberry mit honigsüßer Stimme.

Plymson schüttelte den Kopf, so heftig, daß seine Perücke ins Rutschen geriet. Er war zu aufgeregt, um etwas sagen zu können. Er kannte wirklich keinen Reeves, und er hatte diesmal tatsächlich nichts mit dem Vorfall zu tun, doch es sollte ihm nicht gelingen, dies glaubhaft darzustellen. Wie hieß es doch? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht …

„He, Nathaniel“, sagte der blondbärtige Bootsmann. „Was ficht dich denn an? Du bist ja ganz blaß. Und schwitzen tust du auch.“

„Der weiß schon, warum er ein schlechtes Gewissen hat“, sagte der Profos mit etwas lauterer Stimme. „Hallo, Plymmie, wenn Reeves nicht zu deinen Freunden gehört, wie wäre es dann mit Hoback? Na? Ray Hoback. Sagt dir der Name was?“

Wieder verneinte Plymson, und dieses Mal mußte er seine Perücke festhalten, sonst wäre sie ihm glatt vom Kopf gerutscht.

„Er treibt’s auf die Spitze“, sagte Ferris Tucker. „Ich begreife einfach nicht, warum er so störrisch ist.“

„Er ist wie ein Maultier“, bemerkte Dan. „Die bocken auch immer dann, wenn’s am wenigsten angebracht ist.“

„Ganz schlechte Sache, Plymmie“, brummte Batuti und rollte dabei mit seinen großen Augen, daß das Weiße zu sehen war. Seine Hand schoß vor, Plymson zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Batuti packte aber den Stör und hielt ihn fest, dann grinste er. „Alles verschalken, hier. Manntaue spannen. Gleich geht großes Taifun los.“

„B-bitte nicht“, stammelte Plymson. „Macht nichts kaputt. Laßt die Sachen heil.“

„Er wiederholt sich“, meinte Smoky. „Das hängt mit dem zunehmenden Alter zusammen. Ich will sagen, man wird vergeßlich, versteht ihr?“

„Ja“, sagte der alte O’Flynn ernst. „So geht’s mir manchmal auch, aber ich weiß trotzdem noch, wo meine Grenzen sind und so. Wenn’s um mein Leben geht, würde ich ganz schnell mit der Wahrheit rausrükken.“

„Spuck’s aus, Plymmie“, sagte Carberry.

„O Gott“, jammerte der Dicke. „O Gottogottogott.“

Jack Finnegan blickte zu Dan und fragte: „Ist er ein frommer Mensch?“

„Nie gewesen“, erwiderte Dan. „Und er wird’s auch auf seine alten Tage nicht mehr, verlaß dich drauf. Er gaukelt uns bloß was vor.“

Plymson versuchte zurückzuweichen, doch Carberry packte blitzschnell zu und hielt ihn an seinem nicht mehr ganz weißen Hemd fest.

„Hiergeblieben!“ Jetzt brüllte der Profos bereits, daß der Stör und die Lampen wackelten. „Was ist das für eine Sauerei, du Saftarsch? Hast du uns die Dreckskerle hinterhergescheucht, was, wie? Rede, du Speckmolch, oder ich ziehe dir die Haut in Streifen von deinem verwanzten …“

Er konnte seinen Lieblingsspruch jedoch nicht zu Ende bringen, denn jetzt trat der blondbärtige Bootsmann auf ihn zu und versuchte, ihn von Plymson zu trennen. Auch die neun anderen Thekengäste nahmen feindselige Haltungen ein.

„Nun mal langsam“, sagte der Blondbart mit ebenso lauter und unheilverkündender Stimme wie der Profos. „Was hat unser Freund Nathaniel euch getan? Was wollt ihr von ihm? Laßt ihn gefälligst in Ruhe. Er ist ein rechtschaffener Mann.“

„Einer, der obendrein noch guten Wein ausschenkt, was?“ sagte Dan belustigt.

Der Blondbart warf ihm einen raschen Seitenblick zu. „Ja. Wieso?“

„Weil er euch bescheißen will“, erklärte Ferris Tucker seelenruhig. „Der Wein ist gepanscht. Morgen früh habt ihr alle eine dicke Rübe – wenn ihr Glück habt. Wenn ihr Pech habt, kotzt ihr euch die Seele aus dem Leib. Kapiert?“

„Nein“, erwiderte Smoky anstelle des Blonden. „Es ist ihm noch keine Hecklaterne aufgegangen, aber das kommt vielleicht noch.“

Dan deutete auf den Weinkrug. „Da ist mehr Asche und Ochsenblut drin als Wein. Ein ganz übles Zeug. Man muß aufpassen, aus welchem Faß Plymmie einem das Zeug einschenkt.“

Vier von den zehn Küstenseglern stießen jetzt leise Pfiffe aus, ihre Mienen änderten sich, sie schienen zu begreifen. Aber der blondbärtige Bootsmann wollte nichts begreifen, er hielt Plymson immer noch für seinen Freund und Carberry für einen üblen Radaubruder.

„Laß den Wirt los“, sagte er.

„Einen Dreck werde ich tun“, sagte der Profos grob. „Kümmre dich um deinen eigenen Mist, die Sache geht dich nichts an.“

„Ed“, sagte der Seewolf warnend, dann stand er auf, und mit ihm erhoben sich die anderen Arwenacks, doch es war bereits zu spät.

„Erbarmen“, stöhnte Nathaniel Plymson zwar noch, doch auch das nutzte nichts mehr, der Taifun brach nun wirklich los, wie Batuti, der schwarze Herkules aus Gambia, eben prophezeit hatte.

Der Blondbart schubste Carberry vom Plymson weg, und für einen Moment war der Narbenmann so verdutzt, daß er den Dicken tatsächlich losließ. Plymson tauchte weg und hielt seine Perücke mit beiden Händen fest, das war vorläufig das klügste, was er tun konnte.

„Ha“, sagte Carberry jetzt.

„Geht’s los?“ fragte Ferris Tucker.

„Ja, es geht los“, entgegnete Smoky.

Der Bootsmann von dem Küstensegler glaubte, mit Carberry leichtes Spiel zu haben und wollte ihm eine Lektion erteilen. Schon hob er seine Faust, grinste und rückte erneut dicht auf den Profos zu, dann aber wurde sein Vormarsch abrupt gebremst.

Etwas hob ihn hoch und schleuderte ihn über die Theke. Er knallte gegen die Fässer, räumte mit seinem Körper ein Regal voller Flaschen und Humpen, Becher und Pints leer, landete ächzend neben Nathaniel Plymson und stellte erst jetzt fest, daß es sich bei der unheimlichen Kraft um Carberrys starke Arme gehandelt hatte.

Die neun anderen Fahrensmänner brüllten vor Wut auf. Auch die vier, die schon geneigt gewesen waren, der Sache mit der Weinpanscherei Glauben zu schenken, leisteten ihrem Wortführer jetzt volle Unterstützung. Die ganze Meute stürmte auf den Profos los, dieser antwortete mit ein paar gesalzenen Ohrfeigen und Boxhieben auf die Attacke, dann griffen auch die anderen Arwenacks und der Seewolf mit ein – und im Nu war das wildeste Handgemenge entbrannt.

„Ich hab’s ja gewußt“, stöhnte Plymson und wollte den blondbärtigen Bootsmann aufhalten, der inzwischen aus seiner kurzen Ohnmacht aufgewacht war und Anstalten traf, sich wieder aufzurappeln.

Mit einem Fluch drehte der Mann sich zu ihm um.

„Loslassen!“ fuhr er den Dicken an. „Was fällt dir ein, mich zu behindern?“

„Haut meine schöne Kneipe nicht kaputt“, jammerte Plymson.

Der Blonde beugte sich zu ihm hinunter. „Sag mal, ist der Wein nun gepanscht oder nicht?“

„Er ist so rein wie eine Jungfrau“, beteuerte Plymson.

„Das prüfen wir noch“, sagte der Blonde und stieß ihn weg.

Sodann jumpte er über den Tresen und mischte sich unter die Kämpfenden. Aber wieder kriegte ihn der Profos zu fassen, und plötzlich stellte er zu seinem hellen Erstaunen fest, daß er auf dem Bauch lag und quer durch die „Bloody Mary“ schlitterte. Erst die widerspenstigen Beine eines Tisches beendeten seine Fahrt, er verfing sich darin und hatte seine liebe Mühe, sich wieder zu befreien.

Die anderen droschen wie die Besessenen aufeinander ein. Die einen, weil sie nicht begreifen konnten, wie man so dreist für einen Plymson Partei ergreifen konnte, die anderen, weil sie es diesen „Bastarden“ und „Himmelhunden“ einmal kräftig zeigen wollten, und überhaupt, weil sie die erlittene Schmach nicht auf sich sitzenlassen wollten.

Sie brüllten und fluchten, Stühle und Tische flogen, es polterte und krachte, und jedesmal, wenn etwas zu Bruch ging, verzog Nathaniel Plymson in seiner Deckung das Gesicht und kniff die Augen zu, als leide er unsagbare Schmerzen.

Plötzlich flog die Kneipentür auf, und weitere acht Mann stürmten herein – der Nachschub der Küstensegler, wie sich gleich herausstellen sollte.

Einer von ihnen, ein Kerl mit einer speckigen Mütze, sah den Blondbärtigen am Boden liegen und schrie: „Burt, was geht hier vor?“

„Sie machen uns die Hölle heiß!“ rief Burt in völlig richtiger Einschätzung der Lage, dann sprang er endlich wieder auf. „Sie wollen uns vermöbeln!“

Nun griffen auch die acht anderen mit in die Schlacht ein. Das Gleichgewicht zwischen beiden Parteien war fast hergestellt. Wild brandete der Kampf hin und her und wollte kein Ende nehmen. Arwenack, der Schimpanse, hatte seinen Sitzplatz auf dem Tisch verlassen und sprang zwischen den Beinen der wütenden Männer herum. Er wollte den einen schon packen und tüchtig in seine Wade beißen, aber im letzten Moment stellte er dann doch fest, daß er sich den falschen Mann ausgesucht hatte – es war Mac Pellew.

„Hau ab, du Affe!“ brüllte Mac Pellew, und prompt zog sich Arwenack kekkernd in die eine Raumecke zurück.

Sir John flatterte schimpfend über den Köpfen der Männer, geriet in die Nähe einer schwankenden Öllampe und versengte sich um ein Haar den linken Flügel. Er kreischte, wich aus und gesellte sich zu Arwenack, mit dem er im Gefecht ja immer dick Freund zu sein pflegte.

Der Stör fiel auf die Theke, die Theke wackelte, und dann krachte auch eine der Lampen zu Boden. Beinah hätte die „Bloody Mary“ Feuer gefangen, doch der Kutscher hatte die Geistesgegenwart, die bereits um sich greifenden Flammen auszutreten.

Es war jetzt noch etwas dunkler in dem Gewölbe, und die Gestalten der Männer hatten etwas Gespenstisches an sich. Plymson glaubte, der Tag des Jüngsten Gerichts sei angebrochen, und flehte den lieben Gott, den Teufel und sämtliche Schutzheiligen, die er kannte, abwechselnd um ihren Beistand an. Doch es tat sich nichts, das den Fortgang des Unheils aufhielt.

Hasard, Carberry und Ferris Tukker waren im Eifer der Auseinandersetzung immer mehr in die Nähe der Tür geraten. Jetzt entledigte sich der Seewolf durch einen gezielten Faustschlag eines der beiden Gegner, die ihm am Hals hingen und ihn zu Boden reißen wollten. Der Kerl flog im hohen Bogen zur Tür hinaus, landete auf den Katzenköpfen und überschlug sich. Hasard wollte auch den anderen Kerl abwerfen, aber jetzt war Burt heran und trat ihm mit voller Wucht ins Kreuz, so daß Hasard samt seinem Gegner ebenfalls ins Freie stolperte.

Hier fielen sie hin und überrollten sich, hieben wieder aufeinander ein und lösten sich dann voneinander. Hasard nutzte die Chance und sprang auf, aber auch seine Gegner waren jetzt flink wieder auf den Beinen.

Carberry taumelte zur Tür heraus, fluchte und fuhr zu Burt herum, der ihm in den Allerwertesten getreten hatte. Burt folgte ihm. Ferris Tucker erschien ebenfalls auf der Bildfläche, und immer mehr Männer verließen jetzt die Kneipe, um den Kampf draußen fortzusetzen.

Plymson, der einen Blick über die Theke riskierte, atmete auf und murmelte: „Weiter so, nur weiter so, ihr Hundesöhne. Tobt euch an der frischen Luft aus und ersauft von mir aus im Hafenwasser. Ihr habt’s verdient, alle Mann!“

4.

Hasard und der Profos waren plötzlich von einer Übermacht von Gegnern umringt, neue Gesichter waren überraschend aus der Dunkelheit und dem Nebel aufgetaucht. Fast erschien es dem Seewolf so, als sähe er Reeves und Hoback, die beiden Kerle von dem Kampf in der Gasse, wieder vor sich, doch zu genaueren Beobachtungen war keine Zeit, denn das jetzt einsetzende Geschehen verlangte ihm seinen vollen Einsatz ab.

Carberry und er schlugen sich jetzt mit einemmal auf verlorenem Posten. Alles ging sehr schnell. Ben und Dan bahnten sich zwar noch einen Weg durch die Hasard und den Profos umlagernde Menge, aber ihr Handeln erfolgte bereits zu spät.

Carberry sank unter einem Feuer von Hieben als erster zu Boden. Burt, der Blonde, brüllte etwas Triumphierendes, dann wollte er sich auf den fallenden Narbenmann stürzen, wurde aber zur Seite weggedrückt. Vorerst registrierte er noch nicht, daß es außer seinen Leuten auch noch andere Männer waren, die in das Handgemenge eingegriffen hatten, und als er es bemerkte, war der Spuk bereits im Dunkeln verschwunden.

Hasard sah einen großen, breitschultrigen Mann vor sich auftauchen, wollte sich gegen ihn zur Wehr setzen, wurde aber von zwei anderen an den Armen festgehalten. Ihm fiel noch das zynische Lächeln des Kerls auf, der ziemlich lange blonde Haare und ein kantiges Gesicht mit ausdrucksstarken Zügen hatte, dann traf ihn dessen Faust mit größter Wucht unter dem Kinn.

Es dröhnte in Hasards Kopf, jede weitere Wahrnehmung ging jedoch in erlösender Finsternis unter. Er konnte nicht mehr verfolgen, wie auch Ben und Dan unter dem Andrang der Übermacht von Gegnern zusammenbrachen, hörte nicht mehr das Johlen, Grölen und Pfeifen der Kerle, fühlte nicht, wie er hochgehoben und fortgetragen wurde.

Der Kampf vor der „Bloody Mary“ ging weiter, doch die Kerle, die den Männern des Küstenseglers so unverhofft geholfen hatten, waren mit Hasard, Ben, Carberry und Dan O’Flynn verschwunden.

Burt, der Blonde, stolperte zwar noch eine ganze Zeitlang vor der Kneipe herum und suchte nach Carberry, um richtig mit diesem abzurechnen, doch der Profos schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Burt stieß die übelsten Verwünschungen aus. Bald aber schwieg auch er, denn Big Old Shane rammte ihm mit einem zornigen Laut die Faust unters Kinn.

Weitere Männer sanken bewußtlos zusammen, und jetzt zeichnete sich eine Wende in der Keilerei ab, die bislang mehr oder weniger unentschieden verlaufen war. Die Seewölfe siegten. Als aber schließlich wieder Ruhe eintrat und sie sich keuchend umsahen, mußten sie feststellen, daß der Seewolf und drei der wichtigsten Männer von der Crew fehlten.

„Zur Hölle“, sagte Smoky betroffen. „Was jetzt? Was, zum Henker, hat das zu bedeuten?“

Keiner wußte darauf eine Antwort.

Mit der Rückkehr ins Bewußtsein war das so eine Sache. Hasard wollte schleunigst die Augen öffnen, sich umsehen und feststellen, was aus seinen Männern geworden war. Er war voll bei Sinnen, aber irgendwie kriegte er die Lider nicht auf, sie schienen verklebt zu sein. Außerdem tobten höllische Schmerzen durch seinen ramponierten Kopf. Jeder Atemzug war eine Qual. Unter diesem Aspekt schien es doch besser zu sein, gleich wieder in die befreiende Ohnmacht zu sinken, die ihn erneut zu übermannen drohte.

Aber er zwang sich dazu, den Kopf zu heben, kämpfte gegen die Schmerzen und die aufsteigende Übelkeit an und griff mit der Hand nach den Augen. Er stellte fest, daß sie blutverkrustet waren. Unter Zuhilfenahme der Finger konnte er sie öffnen.

Vorsichtig schaute er sich um.

Er lag in einem dunklen Raum, der schätzungsweise fünf mal fünf Yards groß war. Er war ein Gefangener, aber gefesselt hatte man ihn nicht. Er wandte den Kopf und sah Ben, Ed und Dan neben sich liegen. Sie waren noch ohnmächtig.

Draußen hatte sich der Nebel offenbar etwas verflüchtigt, ein wenig Mondlicht drang durch das einzige, vergitterte Fenster des Raums. Es erlaubte dem Seewolf, sich ein Urteil über den Zustand seiner drei Männer zu bilden.

Schön sahen sie nicht aus. Ihre Gesichter waren zerkratzt, blutig und hier und da geschwollen. Ihre Kleidung war zerrissen. Besser ist es um dich sicher auch nicht bestellt, dachte Hasard. Er versuchte zu grinsen, aber auch das tat weh.

Auch Ben, der Profos und Dan waren die Hände und Füße nicht gebunden. Er brauchte sie jetzt nur zu wecken, dann konnten sie gemeinsam versuchen, aus diesem merkwürdigen Verlies zu entwischen.

Gerade wollte er aufstehen, da regte sich etwas unterhalb des Fensters. Funken sprühten, jemand schlug offensichtlich Feuerstein und Feuerstahl gegeneinander. Eine Flamme züngelte auf, der Unbekannte hatte ein Talglicht entfacht.

Hasard hatte sich in Hockstellung gebracht und bereitete sich darauf vor, den Fremden, der ihn schon die ganze Zeit über beobachtet haben mußte, anzuspringen. Er konnte sein Gesicht jetzt im Schein der Flamme erkennen. Es war schmal und ernst und gehörte einem über fünfzig Jahre alten Mann. Der schwarze Filzhut, den dieser Mann trug, verlieh seiner ganzen Erscheinung etwas Würdevolles, aber auch etwas Rätselhaftes.

„Greifen Sie mich bitte nicht an, Mister Killigrew“, sagte er mit halblauter, wohlklingender Stimme. „Ich bin nicht hier, um Ihnen irgendwelchen Schaden zuzufügen. Ich darf Sie doch Mister Killigrew nennen? Oder soll ich Sir Hasard zu Ihnen sagen?“

Der Seewolf richtete sich langsam auf und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. „Den Sir können Sie sich ruhig schenken.“

„Aber die Königin von England hat Sie zum Ritter geschlagen.“

„Sicher, aber mir ist der Kaperbrief wichtiger als jeder Titel.“ Wieder peinigten ihn die Schmerzen. Er verzog das Gesicht.

„Es tut mir leid, daß so etwas vorfallen mußte“, sagte der fremde Mann. „Es lag nicht in meiner Absicht, verstehen Sie?“

„Ja. Sie sind Lord Gerald Cliveden, nicht wahr?“

„Woher wissen Sie das?“ fragte der andere überrascht.

„Ich kann eins und eins zusammenzählen“, erwiderte Hasard. „Mir geht allmählich so einiges auf.“

Das Talglicht, so stellte er jetzt fest, stand auf einem kleinen Pult, und dahinter, unter dem Fenster, befand sich ein Stuhl, auf dem Seine Lordschaft sich niedergelassen hatte. In diesem Augenblick aber stand nun auch Cliveden auf, und Hasard konnte sehen, daß er hochgewachsen und hager war. Er trug ein kurzes Cape, enge schwarze Hosen und dazu Schnallenschuhe. Hasards Augen hatten sich an das Licht gewöhnt, er konnte immer mehr Details erkennen.

„Ach so“, sagte Cliveden. „Nun, ich dachte schon, es hätte sich herumgesprochen, daß ich in Plymouth bin. Meine Mission, die mich hierhergeführt hat, ist nämlich geheim, müssen Sie wissen.“

„Wo sind wir hier?“ fragte der Seewolf.

„In einem alten Haus des Hafenviertels, das nicht mehr bewohnt ist. Wir befinden uns höchstens fünfhundert Yards von der ‚Bloody Mary‘ entfernt.“

„Sehr beruhigend, das zu wissen“, sagte Hasard nicht ohne Ironie. „Würden Eure Lordschaft jetzt so freundlich sein, mir zu verraten, was meine Männer und ich mit dieser geheimen Mission zu tun haben?“

„Selbstverständlich.“ Cliveden lächelte. „Eigentlich müßten Sie sich aber auch in dieser Hinsicht einiges zusammenreimen können, Mister Killigrew.“

„Gewiß, es hängt mit der ‚Hornet‘ zusammen. Aber …“ Hasard unterbrach sich und blickte zu Ben Brighton, der ebenfalls das Bewußtsein wiedererlangte und nach einem unterdrückten Stöhnen erst einmal einen saftigen Fluch von sich gab.

Lord Gerald Cliveden lächelte immer noch.

„Was, zum Teufel, wird hier gespielt?“ fragte Ben wütend. „Wo sind die Hundesöhne? Sir, bist du das?“

„Ja. Aber der Kampf ist vorbei, Ben.“

„Nicht ganz. Wenn ich den Mistbock erwische, der mir dieses Ding verpaßt hat, geht es wieder von vorn los, das schwöre ich dir.“

„Ja, Sir“, sagte Carberry mit knurrender Stimme. „Das ist mal so sicher wie das Ende der ‚Isabella VIII.‘ Wo beim Donner, steckt der blonde Burt?“

„Ich hab keine Ahnung“, brummelte Dan O’Flynn. „Aber wir finden ihn und seine Bande noch, Ed, und wenn ich mir die Hacken bis auf die Knochen ablaufe.“

Cliveden mußte lachen. „Gentlemen, ich versichere Ihnen hoch und heilig, daß die Initiative des Mister Burt nichts, aber auch gar nichts mit Ihrem Hiersein zu tun hat.“

Sie fuhren alle drei zu ihm herum und sahen ihn starren Blickes an. Carberry stieß eine Verwünschung aus, weil die ruckartige Bewegung ihm fürchterliche Schmerzen in seinem Kopf einbrachte.

„Hört mit dem Fluchen auf“, sagte der Seewolf. „Wir haben es hier mit einer echten Lordschaft zu tun. Etwas Respekt bitte, Kerls.“

Carberry ließ wieder einen dieser Grunzlaute vernehmen, die laut Dan dem Röcheln und Rülpsen eines See-Elefanten verblüffend ähnlich waren. „Lord? O Lord, das ist ja zum Heulen!“

„Würde mir mal jemand erklären, was hier eigentlich läuft?“ erkundigte sich Ben. „Sind wir nun niedergeschlagen worden oder nicht? Hat man uns überfallen, oder hab ich das bloß geträumt?“

„Ich will Ihnen ja alles auseinandersetzen“, entgegnete Cliveden. „Aber zuerst müssen Sie mir versprechen, daß Sie sich beruhigen.“

„Dafür übernehme ich die Garantie, Lord Gerald“, sagte Hasard. „Ben, Ed, Dan – reißt euch gefälligst zusammen.“

„Aye, Sir“, murmelten die drei gleichzeitig.

„Ben Brighton, Edwin Carberry und Donegal Daniel O’Flynn?“ fragte Lord Gerald Cliveden. „O, wundern Sie sich bitte nicht darüber, daß ich Ihre Namen kenne. Ich habe mir umfassende Informationen über die gesamte Crew der ‚Isabella‘ verschafft und weiß bestens über Sie Bescheid.“

„Wunderbar“, sagte Hasard. „Dann ist Ihnen sicherlich auch bekannt, daß wir vier neue Männer haben: Jack Finnegan, Paddy Rogers, Roger Brighton und Mac Pellew.“

„Nein“, sagte Cliveden verblüfft. „Das ist mir neu. Ich danke Ihnen für diesen Hinweis, Mister Killigrew.“

„Gern geschehen. Darf ich noch mal raten? Sie sind so was wie ein Sonderbeauftragter, nicht wahr?“

„Ja.“

„Von wem denn?“ fragte Carberry ungeduldig. Das Gespräch zog sich für seinen Geschmack viel zu sehr in die Länge. „Von unserer guten Lissy?“

Cliveden war hinter dem Pult hervorgetreten und näherte sich den vier Männern ohne das geringste Anzeichen von Furcht. „Wen meinen Sie mit der Lissy, Mister Carberry?“ erkundigte er sich amüsiert. „Etwa die Königin? Lassen Sie das Ihre Majestät nur nicht hören.“

„Wir haben zu der Lissy ein ganz besonders gutes Verhältnis“, erklärte der Profos ungerührt. „Im Grunde ist sie ein Prachtmädchen, aber ich begreife nicht, warum sie uns eine Schlägertruppe auf den Hals gehetzt hat.“

„Aber, Mister Carberry!“ stieß Cliveden entrüstet aus.

„Ed“, sagte Hasard scharf. „Etwas mehr Respekt, bitte.“

„Aye, Sir. Verzeihung, Eure Lordschaft.“

„Gentlemen“, sagte Cliveden. „Ich wollte mich noch selbst bei Ihnen entschuldigen wegen dieses Mißverständnisses. Aber lassen Sie mich bitte ausreden.“

„Wir unterbrechen Sie jetzt nicht mehr“, versicherte Hasard. „Halten Sie uns zugute, daß wir noch reichlich benommen sind. Wir müssen erst mal wieder klar sein.“

„Ja, einverstanden“, sagte Cliveden, und jetzt lächelte er wieder. „Ich habe wohl doch den falschen Weg gewählt, um mich mit Ihnen in Verbindung zu setzen, aber im Zuge der strengen Geheimhaltung, der dieses Unternehmen unterliegt, durfte ich um keinen Preis öffentlich in Erscheinung treten. Deshalb schickte ich vorab einen Boten, der Ihnen die Pergamentrolle überbrachte, Mister Killigrew. Ich wollte sicher sein, daß Sie und Ihre Crew sich auch wirklich noch in Plymouth befanden, sobald ich hier eintraf, denn ich wurde länger als ursprünglich geplant in London aufgehalten.“ Er sah Hasard an. „Bitte, sprechen Sie doch, Mister Killigrew. Ich sehe Ihnen an, daß Sie etwas sagen wollen.“

„Ja. Wir sollen also tatsächlich die ‚Hornet‘ übernehmen?“

„Allerdings. Sie ist ein fast ganz neues Schiff und stammt aus Bristol. Bei der Überführung nach Brighton, wo sie den letzten Teil ihrer Armierung übernehmen soll, nachdem sie bereits in Bristol vollständig überholt wurde, bot es sich an, sie in Plymouth Zwischenstation einlegen zu lassen. Dies geschah auf meine direkte Anweisung hin, Mister Killigrew, denn ich wollte, daß Sie schon mal einen Eindruck von diesem schönen Segler erhielten – und einen Vorgeschmack auf das, was Ihnen bevorsteht.“

„Ein Raid?“

„So könnte man es nennen.“

„Aber warum dieses Versteckspiel?“

„Das habe ich Ihnen doch erklärt.“

„Sie hätten in der Pergamentrolle wenigstens den Zeitpunkt für unser Treffen erwähnen können, dann hätten wir nicht so in der Luft gehangen.“

Cliveden räusperte sich. „Was wäre aber gewesen, wenn man den Boten überfallen und ausgeraubt hätte? Wenn Unbefugte die Rolle gelesen hätten? In der Hoffnung, noch zusätzlich etwas zu erbeuten, hätten sie mich überfallen können.“

„Schon gut, ich verstehe. Aber erläutern Sie uns bitte, aus welchem Grund die ‚Hornet‘ in den nächsten Tagen meinem Kommando unterstellt wird.“ Hasard sah Cliveden erwartungsvoll an. Cliveden war ihm alles andere als unsympathisch, er glaubte ihm und schenkte ihm Vertrauen. Die Aussicht, bald wieder in See gehen zu können, war auch mehr als verlockend.

Cliveden kehrte zunächst zu dem Pult zurück, bückte sich dahinter und brachte einen Krug und ein paar Becher zum Vorschein.

„Lassen Sie uns zunächst einen Schluck trinken“, sagte er und beschrieb eine einladende Geste. Dann begann er, die Becher zu füllen. „Keine Angst, es handelt sich um ganz normalen, leichten französischen Landwein. Den können Sie bedenkenlos trinken.“

Ben, der Profos und Dan erhoben sich vom Boden. Sie rieben sich die schmerzenden Köpfe, massierten ein wenig die Arme und Beine und traten mit Hasard an das Pult.

Sie tranken und setzten die Becher wieder an. Der Wein war wirklich ein guter Tropfen, kein Vergleich mit dem Zeug, das Plymson in seiner „Bloody Mary“ ausschenkte.

Ben ergriff als erster wieder das Wort.

„Französischer Wein, ist das ein Omen?“ fragte er. „Lord Gerald, wenn die Königin höchstpersönlich Sie schickt, muß schon etwas Schwerwiegendes vorliegen. Was denn? Krieg mit Frankreich?“

„Nicht ganz“, erwiderte Cliveden. „Aber es muß aller Wahrscheinlichkeit nach gekämpft werden – und Sie, Gentlemen, haben heute nacht schon zur Genüge bewiesen, daß Sie genau die richtigen Männer für das geplante Unternehmen sind.“

„Nicht ganz“, sagte Hasard. „Wir haben allerlei einstecken müssen, und zuletzt hat man uns überwältigt und entführt. Finden Sie das sehr rühmlich?“

Cliveden nickte. „Allerdings, denn ich sehe die Ereignisse in ihrem vollständigen Zusammenhang. Der Seewolf ist noch genauso kühn wie früher, mutiger als Drake sogar, und daher war es kein Fehler, Sie auszuwählen. England kann stolz auf Männer wie Sie sein.“

Carberry kratzte sich leicht verlegen am Kinn, Ben wußte nicht so recht, welchen Wert er diesen Worten beimessen sollte. Dan fand, daß die ganze Sache nun eher peinlich wurde.

Hasard sagte: „Lord Gerald, Sir, ich danke Ihnen für dieses Lob, aber ich möchte vor allen Dingen endlich wissen, wer die Kerle sind, die uns aufgelauert haben.“

„Aufgelauert ist nicht ganz der richtige Ausdruck“, versetzte Cliveden. „Sie erhielten von mir den Auftrag, Sie und Ihre Leute zu finden und zu mir zu bringen, Mister Killigrew.“

„Wie bitte? Und deshalb mußten sie wie die Gassenräuber durch den Hafen schleichen?“

„Das war nicht beabsichtigt. Sie versuchten, Sie einzuholen, aber dann hörten Sie die Leute gar nicht erst an, sondern fielen gleich über sie her, Sir.“

Hasard grinste plötzlich verwegen. „Tut mir leid, aber wir sind oft genug aus dem Hinterhalt überfallen worden. Sie haben da wirklich zu dem falschen Mittel gegriffen, Lord Gerald. Ich kann es den Burschen nicht verdenken, daß sie anschließend zur ‚Bloody Mary‘ gegangen sind, um sich zu revanchieren, aber sie hätten uns auch da nicht gleich wegzuschleppen brauchen.“

„Nun“, meinte Cliveden sichtlich betrübt, „das werde ich mir für die Zukunft merken müssen. Wissen Sie, ich stehe zwar schon seit langer Zeit in Diensten des königlichen Hofes, aber ich habe bis vor einem Jahr immer nur mit inneren Angelegenheiten zu tun gehabt. Jetzt aber bin ich der Leiter des Sonderamtes für außerstaatliche und staatsgefährdende Angelegenheiten. Mit Korsaren hatte ich vorher nichts zu tun.“

„Das merkt man“, sagte Carberry und grinste jetzt ebenfalls. „Aber man lernt ja nie aus, was, Lordschaft?“

„O Himmel, Ed, wie treffend du das sagst“, stöhnte Dan O’Flynn.

Ehe der Profos jedoch zu ihm herumfahren konnte, sagte Ben: „Reeves und Hoback sind also Ihre Untergebenen, Sir?“

„Untergebene ist auch nicht ganz zutreffend“, erwiderte Cliveden. „Es handelt sich um Easton Terrys Männer. Sagt Ihnen dieser Name etwas?“

Hasard, Ben, Ed und Dan sahen sich untereinander an, dann schüttelten sie die Köpfe.

Der Seewolf blickte wieder zu Cliveden und fragte: „Wer ist das?“

„Man merkt es, daß Sie schon seit längerer Zeit nicht mehr in England gewesen sind. Terry und seine Crew gehören zu den hoffnungsvollsten Männern, die die Nation in der jüngsten Zeit hervorgebracht hat. Sie sind erfahrene Seeleute und Kaperfahrer – wie Sie, Mister Killigrew.“

„Das gibt’s doch nicht“, sagte Ben. Carberry hustete, weil ihm nichts Besseres einfiel, Dans Grinsen verschwand.

„Lord Gerald“, sagte Hasard als einziger, der die Fassung voll bewahrte. „Kann man mit diesem Terry mal ein paar Worte wechseln? Es bedarf wohl einer Aussprache, finden Sie nicht auch?“

„Darauf habe ich nur gewartet“, entgegnete Cliveden, dann ging er zur Tür, entriegelte sie und drückte sie auf.

Gestalten traten ein, und im Schein des Talglichtes erkannten Hasard und seine drei Kameraden sofort, wen sie vor sich hatten – die Galgenstricke, mit denen sie sich in dieser Nacht gleich zweimal geprügelt hatten.

5.

Acht Männer, darunter Reeves und Ray Hoback, aber an der Spitze der Gruppe stand breitbeinig und mit dem offensichtlichen Gebaren des Anführers jener blonde Mann, der Hasard den entscheidenden Hieb verpaßt hatte. Er war groß und muskulös, hatte Narben auf der Brust sowie an den Armen und fiel durch seine grauen Augen auf, die verächtlich blitzten, und durch seinen zu einem abfälligen Lächeln verzogenen Mund.

Carberry sog die Luft laut durch die Nase ein. Seiner Miene war zu entnehmen, was er von diesem Mann hielt. Er konnte ihn auf Anhieb nicht ausstehen, und besonders dieses Lächeln fiel ihm auf die Nerven.

„Ganz recht“, sagte der Blonde. „Ich bin Easton Terry. Es freut mich wirklich, Sie kennenzulernen, Mister Killigrew.“

„Ganz meinerseits“, entgegnete Hasard, und Terrys Männer lachten. Keiner traf Anstalten, einem der Seewölfe die Hand zu schütteln. Noch war das Eis nicht gebrochen, und Terrys arrogantes Verhalten trug eher dazu bei, daß die Fronten sich wieder verhärteten.

Hasard blickte zu Cliveden. „Welche besonderen Aufgaben fallen Mister Terry und seiner glorreichen Mannschaft noch zu, Lord Gerald?“

„Sie nehmen an der Aktion, die der Sicherheit Englands dient, teil.“

„Ich fürchte, dann müssen Sie auf unser Mitwirken verzichten“, sagte der Seewolf kalt, und diese Worte waren Ben, Ed und Dan nun ganz aus dem Herzen gesprochen. Sie fingen an zu grinsen, während das Lächeln von Terry und dessen Begleitern allmählich zerbröckelte.

Ehe Cliveden jedoch etwas erwidern konnte, sagte Terry: „Spaß beiseite, Mister Killigrew, wir sollten unsere kleine Meinungsverschiedenheit vergessen. Nach dem Vorfall vor der ‚Bloody Mary‘ sind wir quitt, nicht wahr?“

„Sie haben eine sehr grobe Handschrift, Mister Terry.“

„Und meine Leute klagen jetzt noch über Schmerzen.“

„Sehr bedauerlich, Mister Terry, aber leider nicht zu ändern. Das nächste Mal geben Sie sich lieber gleich als das zu erkennen, was Sie sind – als Pirat.“

Terry schien aufbrausen zu wollen, doch er fing sich sofort wieder. „Das muß ich berichtigen. Wir sind Korsaren. Wir haben auch einen Kaperbrief, der von der Königin ausgestellt worden ist – wie Sie.“

„Gut, das lasse ich gelten.“

„Sie sind nicht – beleidigt?“

„So etwas gibt es bei mir nicht“, erwiderte Hasard, dann streckte er Terry die rechte Hand hin. Terry ergriff und drückte sie, sie nickten sich zu, der Streit war somit endgültig beigelegt.

Dennoch wahrte Hasard die Distanz, denn irgend etwas an Terry gefiel ihm nicht. Mit diesem zynischen, eiskalten Mann zusammen sollte er einen Auftrag für die Königin ausführen? Kaum zu glauben.

Hasard machte die Terry-Crew mit seinen drei Kameraden bekannt, dann nannte auch Terry die Namen seiner sieben Begleiter, die natürlich nur einen Teil der kompletten Schiffsbesatzung darstellten.

Jerry Reeves schien der jüngste Mann von allen zu sein, trotzdem versah er die Aufgabe des Bootsmannes. Er war schlank und sehnig, hochgewachsen und offenbar in seinem Wesen forsch und entschlossen. Wie Hasard hatte er dunkle Haare und hellblaue Augen. Er war schnell und wendig, das sollten die Seewölfe später noch erfahren, seine Energie ließ nie nach, und an Bord eines Schiffes zeichnete er sich als hervorragender Kanonenschütze aus. Sein Alter schätzte Hasard auf unter dreißig Jahre.

Ray Hoback war der Rudergänger, ein ziemlich beleibter Mann mit rosiger Gesichtsfarbe, der einen Vollbart hatte und im linken Ohr einen Ring trug.

Die fünf anderen waren: George Baxter, Terrys Profos, ein wuchtig gebauter Mensch, nahezu kahlköpfig, mit harten blauen Augen. Er hatte ein kaltes und unnachgiebiges Wesen, wie sich noch herausstellen sollte. Er war um einiges älter als Reeves, und stellte mit diesem zusammen den wichtigsten Mann nach Terry dar. Stoker, der Decksälteste – ein affenähnlicher Mann von gedrungener Gestalt mit langen Armen und großen Händen, einer flachen Stirn und groben Wangenknochen. Mulligan – er war der Schiffszimmermann, praktisch also Ferris Tuckers Kollege. Groß, grob und ungeschlacht, mit strohblonden Haaren und einem dichten Bartgestrüpp, so stand er vor den Seewölfen. Er war, auch das sollte sich noch zeigen, eigentlich der gutmütigste von allen Männern der Terry-Crew.

Schließlich waren da noch Halibut und Bingham. Halibut fiel durch seine platte Nase, den stumpfsinnigen Gesichtsausdruck und den strichdünnen Mund auf, er schien hinterhältig und sehr gefährlich zu sein.

Bingham war der unscheinbarste Mann von allen, sein Name geriet bei den Seewölfen gleich wieder in Vergessenheit.

Hasard richtete seine nächste Frage an Lord Gerald Cliveden. „Sollen wir etwa alle zusammen an Bord der ‚Hornet‘ gehen? Das dürfte ein bißchen eng werden, schätze ich. Die ‚Hornet‘ ist ein stattliches Schiff, aber größer als dreihundert Tonnen ist sie bestimmt nicht.“

„Richtig, Mister Killigrew“, erwiderte der Sonderbeauftragte der Königin. „Aber keine Sorge, es wird ein zweites Schiff geben, und zwar die ‚Fidelity‘. Sie läuft morgen direkt aus Brighton kommend in den Hafen von Plymouth ein. Diese Galeone, die sich in ihrer Größe nur geringfügig von der ‚Hornet‘ unterscheidet, ist für Mister Terry und dessen Mannschaft bestimmt, während Sie mit der ‚Hornet‘ das Kommando übernehmen.“

„So“, sagte Reeves. „Dann wäre die Rollenverteilung also geklärt.“

„Und wir werden uns nicht gegenseitig auf die Füße treten“, bemerkte Easton Terry mit einem raschen Blick zu Hasard. „Jeder hat sein Schiff, es dürfte keine Probleme geben.“

Die werden doch auftreten, dachte der Seewolf, aber er behielt dies lieber für sich. Ehe er weitere Bedenken äußerte, wollte er erst einmal hören, um welche Art von Auftrag es sich handelte.

Ähnlich dachten Ben, Dan und der Profos, die mit gemischten Gefühlen dem lauschten, was Lord Gerald ihnen jetzt vortrug.

„Hören Sie alle gut zu“, sagte Cliveden, nachdem er auch Terry und dessen Männer mit Wein bewirtet hatte. „Ich erkläre Ihnen jetzt alles. Mister Terry, Sie haben sich zwar vor Mister Killigrew mit mir getroffen, doch auch Sie sind über die Art des Unternehmens noch nicht unterrichtet. Was ich jetzt erkläre, ist also für Ihrer aller Ohren bestimmt. Ich bitte Sie, mir genau zuzuhören, denn ich habe nicht vor, mich zu wiederholen. Schon morgen früh verlasse ich Plymouth nach Möglichkeit wieder.“

Und wir bleiben mit dieser Terry-Bande allein zurück, dachte der Profos der „Isabella“ grimmig, Hölle, das gibt noch Verdruß.

Er hütete sich aber, dies laut zu sagen. Im übrigen drückte seine Miene auch genug von dem Mißfallen aus, das er hegte. Immer wieder warf er Terry argwöhnische Blicke zu, die diesem auch nicht entgingen. Ihre beiderseitige Animosität ließ sich nun mal nicht leugnen.

„Ich muß etwas weiter ausholen, um die Hintergründe zu beleuchten“, begann Lord Gerald Cliveden. „Haben Sie deshalb Geduld, Gentlemen. Also: Um Englands alten Feind Spanien war es etwas still geworden, seit die glorreiche Armada geschlagen worden war, und es schien so, als habe Philipp II. endgültig jeden Gedanken an eine Invasion vergessen. Doch der Schein trügt. Immerhin liegt der Untergang der Armada nun schon wieder vier Jahre zurück, wie Sie ja selbst wissen.“

Und ob die Seewölfe das wußten! Hasard und Ben tauschten einen Blick und grinsten. Sie hatten seinerzeit mitsamt der kompletten Crew an Bord der „Isabella VIII.“ an den Gefechten und schließlich auch an der Verfolgung der letzten spanischen Schiffe rund um die Insel herum teilgenommen. Erinnerungen an jene Zeit wurden jetzt wieder wach, und auch Carberry und Dan ging es da nicht anders. Gleichzeitig trauerten sie auch wieder ihrer „Old Lady Isabella“ nach, die sie ja nicht mehr besaßen.

„Der spanische König hat Zeit genug gehabt, sich von diesem Mißerfolg zu erholen, und ist inzwischen nicht untätig gewesen“, fuhr Cliveden fort. „Sie werden mich fragen, welche Beweise wir für diese Tatsache haben. Nun, es gibt sie nicht, aber unsere Vermutungen in dieser Richtung werden sicher bald eine Bestätigung erfahren. Kurzum, die Spanier versuchen wieder einmal, in Frankreich Fuß zu fassen. Der Zeitpunkt ist günstig, denn nach Heinrichs III. Regime zeichnet sich bei unseren Nachbarn eine für uns unerfreuliche Wende ab, und die Spanier unterstützen nach Kräften Heinrich von Bourbon, der höchstwahrscheinlich als Heinrich IV. der nächste König von Frankreich wird. Mit einem botmäßigen Frankreich, so denkt der spanische Herrscher, könnte man vielleicht auch England in einem zweiten Anlauf unterwerfen und zum Vasallen erniedrigen.“

Die Männer begannen erbost zu murmeln. Die Nachricht verlieh ihren patriotischen Gefühlen Aufschwung, plötzlich waren sie bereit, alles zu tun, was England vor einem neuen Angriff schützen würde. Genau dies hatte Cliveden durch seine Worte beabsichtigt, er lächelte.

„Beruhigen Sie sich“, sagte er. „Noch ist es nicht soweit, wir sehen nur die ersten schwarzen Sturmwolken am Horizont. England soll geschwächt werden, die Spanier bereiten das Terrain sorgfältig vor. Neuerdings werden von Frankreich aus Kauffahrer und Kriegsschiffe unserer Nation angegriffen, meist bei Nacht und Nebel. Wir haben schon etliche Verluste hinnehmen müssen. Von wem die Überfälle ausgehen, haben wir trotz eifriger Nachforschungen bislang nicht in Erfahrung bringen können. Offenbar handelt es sich um reine Piratenzüge, aber trotzdem sind wir davon überzeugt, daß der Feind dahintersteckt.“

„So soll also eine neue Invasion eingeleitet werden, bei der sich die Fehler von 1588 nicht wiederholen“, sagte der Seewolf nachdenklich.

Cliveden blickte ihn an. „Sehr treffend haben Sie das ausgedrückt, Mister Killigrew. Während in Cadiz, Malaga und anderen wichtigen spanischen‘ Häfen neue Kriegsschiffe gebaut werden, soll unsere Flotte reduziert werden, wo man sie treffen kann. Das alles geschieht heimlich und unter dem Deckmantel der Piraterie. Die Kundschafter der Königin, die nach Frankreich entsandt wurden, vermuten folgendes: Spanische Spione finanzieren hinter den Kulissen eine Bande französischer Piraten, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwo an der bretonischen Küste niedergelassen hat.“

„Verdammt“, entfuhr es Ben Brighton. „Den Dons ist also wieder mal jedes Mittel recht, um uns Schaden zuzufügen.“

„Ja. Daß dieses hinterhältige Treiben schleunigst unterbunden werden muß, steht natürlich fest. Wir müssen handeln, Gentlemen, und Sie wurden dazu auserwählt, im Namen der Königin entsprechende Nachforschungen anzustellen.“

„Nur Nachforschungen?“ fragte Terry mit seinem unangenehmen Lächeln.

„Nein. Als erstes sollen Sie die Piraten orten und ausschalten. Wie Sie das anstellen, ist Ihre Sache, Sie haben dabei volle Aktionsfreiheit – und natürlich genügend Kanonen und Munition.“

„Die zweite Aufgabe wäre dann wohl, die spanischen Spione zu finden“, meinte Hasard. „Das dürfte der schwierigere Teil sein.“

„Mister Killigrew“, sagte Terry. „Sind Sie sicher, daß wir überhaupt den ersten Teil des Unternehmens bewältigen?“

„Sie vielleicht nicht? Wir zeichnen die Plätze, an denen die Überfälle auf englische Schiffe stattgefunden haben, auf einer Karte ein und legen danach unseren Plan fest.“

„So weit, so gut. Aber was ist, wenn wir die Hunde überhaupt nicht vor die Rohre kriegen?“

„Wir locken sie an“, entgegnete der Seewolf. „Dazu denken wir uns eine List aus. Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein – Mister Terry.“

„Aye, Sir“, sagte Terry und grinste.

„Wir sind uns also einig?“ fragte Cliveden. „Ihr einziges Problem, Mister Killigrew und Mister Terry, nämlich der Mangel an geeigneten Schiffen, haben wir bereits bewältigt. Gibt es sonst noch irgendwelche Widrigkeiten?“

Eine ganze Menge, hätte Hasard am liebsten geantwortet, aber er unterließ auch das. Mit Easton Terry mußte er selber fertig werden, daran führte kein Weg vorbei. Cliveden schien den Mann völlig falsch einzuschätzen, oder aber er sagte sich, daß ein kaltschnäuziger Kerl wie dieser gerade der richtige Partner für den Seewolf bei einem solchen Unternehmen war. Was Terrys Kampfeigenschaften betraf, mochte er recht behalten, doch wie es um die Loyalität bestellt war, vermochte im voraus keiner zu sagen. In diesem einen Punkt hatte Hasard schon die haarsträubendsten Überraschungen erlebt.

Jerry Reeves hatte während Clivedens Erläuterungen mehrfach aus dem einzigen Fenster des Raumes geblickt. Jetzt wandte er sich dem Seewolf zu und sagte: „Draußen schleichen ein paar Leute herum. Ich glaube, das sind Ihre Männer, Mister Killigrew. Sollten wir sie nicht davon unterrichten, daß wir hier sind?“

„Ja, natürlich. Danke, Mister Reeves.“

„Bitte. Gern geschehen.“

Hasard trat an das vergitterte Fenster und blickte in die Dunkelheit hinaus, die jetzt nur noch von wenigen Nebelstreifen durchsetzt war. Dabei dachte er: Dieser Reeves scheint kein schlechter Kerl zu sein. Hoback und Mulligan sind wohl auch in Ordnung, aber die anderen?

Über Baxter, Stoker und Bingham konnte er sich noch kein klares Bild formen, nur bei Halibut war er davon überzeugt, daß man diesem Kerl nicht über den Weg trauen durfte.

Draußen, in der Gasse vor dem alten Haus, erschien in diesem Moment eine vertraute Gestalt – Big Old Shane. Hasard grinste, stieß einen Pfiff aus und beobachtete den graubärtigen Riesen, wie dieser herumfuhr und zu dem Fenster aufblickte.

„Ho!“ rief Shane. „Wer da? Sir, bist du’s?“

„Ja. Ihr könnt die Suche aufgeben, ihr habt uns gefunden. Wer ist bei dir?“

„Wir haben mehrere Suchtrupps gebildet. Donegal, Blacky, Matt, Gary und Burt gehören zu meinem, die anderen haben sich auf den Rest des Hafenviertels verteilt.“

„Habe ich richtig gehört? Burt unterstützt euch?“

„Wir haben uns mit ihm und seiner Crew vertragen, schließlich ist es ja rausgekommen, daß Plymsons Wein gepanscht war. Burt hat sich bei uns entschuldigt, dann hat er Plymmie verprügelt.“

„Sehr gut. Irgendwie hatte ich auch den Eindruck, daß diese Küstenschiffer feine Kerle sind“, sagte Hasard und lachte.

Big Old Shane war etwas näher herangetreten und kniff die Augen zusammen. „Was, zum Teufel, treibst du in der baufälligen Bude da? Sind Ed, Ben und Dan bei dir?“

„Ja. Aber ich kann nicht alles herausbrüllen, kommt lieber rein.“

Shane nickte, dann winkte er Old O’Flynn, Blacky und den anderen zu, die gerade hinter der nächsten Ecke aufgetaucht waren. Burt hörte sich an, was der Schmied von Arwenack ihm mitteilte, dann eilte er davon, um die anderen zu benachrichtigen.

Mulligan war auf einen Wink Easton Terrys hin unterdessen in den Flur des alten Gebäudes getreten und öffnete die Eingangstür, um die Männer hereinzulassen.

„Mister Killigrew“, sagte Cliveden mit verhaltener Stimme. „Diese Männer von dem Küstensegler brauchen nicht zu erfahren, was in diesem Raum gesprochen worden ist. Ich selbst werde gehen, sobald Sie mich Ihren Männern vorgestellt haben.“

„Gut, wie Sie meinen. Für Burt und die anderen lasse ich mir irgend etwas einfallen. Im übrigen laufen die morgen früh bestimmt wieder aus, lange halten sie sich nicht in Plymouth auf, wie ich annehme.“

Diese Vermutung sollte sich als richtig erweisen. Die Wege der Seewölfe und der Crew des Blondbartes trennten sich kurz darauf wieder.

Big Old Shane betrat noch vor Old O’Flynn, der neugierig heranmarschierte und Blacky, Matt und Gary als Gefolge hinter sich hatte, das alte Haus. Er blieb stehen, sah Mulligan von oben bis unten an, und sagte: „Dich hab ich doch irgendwo schon mal gesehen?“

„Stimmt, du Rauschebart. Das war in der Gasse am Hafen und beim alten Plymson vor der Kneipentür.“

„Ach? Na schön, dann kann ich dich wohl auf meine Art begrüßen, was?“

„Das glaube ich nicht. Wir haben den Streit beigelegt“, entgegnete Mulligan grinsend.

„Das lasse ich gelten“, brummte Shane, dann grinste auch er und ging weiter, bis er bei Hasard und den anderen mitten in dem quadratischen Raum stand.

Wo sollte die Debatte über das, was vor ihnen lag, weitergeführt werden? Die „Bloody Mary“ mußte erst wieder aufgeklart werden, außerdem hatten bei Plymson selbst die Wände Ohren. Daher begaben sich die Seewölfe zurück an Bord der „Pride of Galway“, nachdem sie sich von Lord Gerald Cliveden, Terry und dessen Crew und der Burt-Mannschaft verabschiedet hatten. Sie versammelten sich bei Bier und Wein in der Kapitänskammer und beratschlagten.

Es wurde ein bißchen eng, sie mußten zusammenrücken und die Tür zur Heckgalerie öffnen, damit für die nötige Frischluftzufuhr gesorgt war.

Dann aber konnte es losgehen. Alle blickten den Seewolf an.

„Ist das wahr, was Ed eben gesagt hat?“ fragte Ferris Tucker. „Wir segeln nach Frankreich rüber? Da waren wir doch erst.“

„Egal“, sagte der alte O’Flynn. „Wir wollen ja nicht nach Brest, um deinen Kapitän Delamotte zu besuchen. Wir sollen wohl den Franzmännern mal anständig auf die Pfoten klopfen, wenn ich’s richtig verstanden habe.“

„Genau das“, sagte der Seewolf. „In der Bretagne muß ein Piratennest ausgenommen werden, außerdem sollen wir die spanischen Spione und Provokateure finden, die hinter den Raids dieser Bande stecken.“

Er ließ seine Worte wirken und sah die Männer der Reihe nach an. Leise Pfiffe wurden laut, man sah sich untereinander an, staunte und rätselte über die näheren Begleitumstände dieses Unternehmens herum. Philip und Hasard, die Zwillinge, wurden sehr aufgeregt und rutschten auf ihren Plätzen herum. Ihr Vater mußte ihnen erst einen tadelnden Blick zuwerfen, danach war die Ruhe wiederhergestellt, doch sie mußten sich bezwingen, nicht einen ganzen Schwall von Fragen über den Seewolf ergehen zu lassen.

Hasard schob die Unterlippe vor. Eine Wende kündigte sich an. Ein neues Schiff wartete auf ihn, und er hatte die richtige Crew, um es zu bemannen. Gleichzeitig hatte er auch ein handfestes Problem am Hals, das Easton Terry hieß. Daß es mit dem Mann noch jede Menge Schwierigkeiten geben würde, stand für ihn von vornherein fest. Ben, Dan und der Profos waren der gleichen Meinung. Big Old Shane hatte sich ihrem Urteil über Terry angeschlossen, und Old O’Flynn behauptete sogar, dieser Kerl habe den Teufel im Leib.

Aber wenn die Königin rief und England vor dem Zugriff der Dons geschützt werden mußte, durfte nicht lange gefackelt werden. Hier war eine Aufgabe, und vielleicht hatten sie alle schon seit langem darauf gewartet.

Erfolge hatte die jüngere Vergangenheit den Seewölfen kaum beschert. In Ägypten waren sie auf Ali Abdel Rasul, den größten aller Galgenstricke und Halsabschneider, hereingefallen und hatten die „Isabella VIII.“ für alle Zeiten verloren. Die Wüste hatte ihr Opfer gefordert. Hasard und seine Männer waren in drei Gruppen zu je acht Mann nach England zurückgekehrt – auf vielen Umwegen.

Hasards Gruppe mit den Zwillingen, Shane, Dan, Batuti, Gary, Matt und Arwenack hatte es nach Irland verschlagen, wo sie in Galway gegen den Burke-Clan und die Rebellen des Hinterlandes Connacht hatten kämpfen müssen. Gewiß, sie hatten dabei den Schatz der Spanier erbeutet und die „Pride of Galway“ als Prise genommen, doch um ein Haar wäre die ganze Sache ins Auge gegangen.

Endlich hatten sie sich nun in Plymouth wiedergefunden, und beim alten Hesekiel Ramsgate wurde die neue „Isabella IX.“ gebaut. Die Wartezeit aber war den Männern schon jetzt zu lang geworden, sie brauchten wieder ein Ziel, das sie ansteuern konnten.

Hasard räusperte sich, es trat wieder Ruhe ein.

„Spaniens Allerkatholischste Majestät schmiedet ein neues Komplott gegen England“, erklärte er. „Die Niederlage von 1588 läßt ihm keine Ruhe. Ich glaube jedes Wort, das Lord Gerald Cliveden gesagt hat. Ihr wißt ja, die Dons sind zu allem fähig.“

„Aber daß sie sich einer Bande hergelaufener Schnapphähne bedienen, um uns eins auszuwischen, ist schlicht gesagt eine Sauerei“, erklärte Dan O’Flynn empört. „So was hätten wir nicht nötig. Ich meine, es zeugt geradezu von ihrer Schwäche, wenn sie jetzt schon zu solchen primitiven Tricks greifen.“

„Frankreich soll ein Brückenkopf werden“, sagte der Seewolf. „In absehbarer Zeit vielleicht auch Irland – wer weiß. Ich kann mir gut vorstellen, was die Spanier sich so ausmalen. Aber wir werden ihnen die ganze Sache gründlich verderben, das versichere ich euch.“

„Wie?“ fragte Smoky.

„Das hat Terry auch schon wissen wollen. Wir stellen den Piraten, derer die spanischen Spione sich bedienen, ganz einfach eine Falle.“

„Und wenn das ins Auge geht?“ sagte Old O’Flynn.

„Es darf nicht mißlingen“, entgegnete der Seewolf. „Verstehst du, Donegal? Wir müssen von Anfang an so planen, daß uns kein Fehler unterläuft.“

„Das ist unmöglich!“

Hasard beugte sich etwas vor, seine Augen verengten sich leicht, seine Stimme nahm einen harten, eindringlichen Klang an. „Unmöglich darf nichts für uns sein, Donegal, und wir müssen unser Gesicht wahren, wie die Chinesen sagen.“

„Zur Hölle mit den Zopfmännern und ihren dummen Sprüchen!“ brauste der Alte auf. „Wenn wir alle Mann baden gehen und im Kanal ersaufen oder meinetwegen auch im Atlantik, nutzen uns auch die schönsten Weisheiten nichts mehr.“

Ben sagte: „Mit anderen Worten, du würdest ganz gern kneifen, Donegal?“

„Das hab ich damit nicht gesagt!“ rief Old O’Flynn. Ben hatte seinen schwachen Punkt erwischt, er trat unwillig mit seinem Holzbein auf. „Es geht mir um ganz was anderes, will euch das nicht in den Kopf?“

„Natürlich“, erwiderte Hasard. „Die Sicherheit der Crew, nicht wahr? Das Risiko muß so gering wie möglich gehalten werden. Das ist auch mein höchstes Gebot, wie ihr alle wißt. Aber bedenkt bitte: Die Königin erwartet von uns, daß wir diesen bretonischen Haien und ihren spanischen Geldgebern gründlich das Handwerk legen. Wir haben etwas zu gewinnen, das mehr wert ist als Gold und Silber.“

„Ruhm und Ehre“, sagte Ben Brighton. „Das Ganze soll zu einem Bravourstück werden, und wir dürfen nicht zulassen, daß die Dons weiterhin unseren Seeverkehr stören.“

„Ja“, sagte der Seewolf. „Und jetzt laßt es mich ganz offen aussprechen: Wir brauchen nach dem Desaster am Nil so etwas wie eine Bestätigung dafür, daß wir noch die alten Arwenacks sind. Oder ist jemand anderer Meinung?“

„Ich ganz bestimmt nicht“, erwiderte Blacky. „Von mir aus kann’s sofort losgehen.“

Old O’Flynn grinste plötzlich diabolisch. „Von mir aus auch. Aber dürfen wir diesem Cliveden wirklich trauen?“

„Ihm ganz bestimmt. Seine Worte haben Hand und Fuß, alle Informationen sind hieb- und stichfest. Die Königin hat uns nicht nach London rufen lassen, sondern hat ihn geschickt, weil die Sache streng geheim ist“, sagte Hasard. „Nur war es ein Fehler, auch Terry mit dessen Crew einzuschalten, damit er uns hilfreich zur Seite steht. Wir müssen ein waches Auge auf ihn haben. Das Oberkommando obliegt zwar mir, aber ich befürchte, daß er irgendwie quertreiben wird.“

„Das soll er mal versuchen.“ Carberry hieb sich mit der linken Faust in die offene rechte Hand. „Dann kann er was erleben. Dann pflücke ich ihn in der Luft auseinander, diesen aufgeblasenen Strolch.“

„Langsam, langsam“, sagte Smoky beschwichtigend. „Es könnte ja auch sein, daß er sich noch zu seinem Vorteil ändert, Ed. Wir sollten nicht zu voreilig mit unserem Urteil sein.“

„In seiner Crew scheinen sich auch ein paar ganz anständige Burschen zu befinden“, meinte Blacky.

Dan pflichtete ihm bei: „Stimmt. Reeves, Mulligan und Hoback zum Beispiel. Das sind Kerle, die zu uns passen könnten.“

„Wir warten die Entwicklung der Dinge ab“, sagte der Seewolf. „Ihr werdet euch nun fragen, was aus der ‚Pride of Galway‘ wird, wenn wir morgen auslaufen. Nun, da der Schatz inzwischen gut versteckt ist, können wir den Kahn unbesorgt seinem weiteren Schicksal überlassen. Er bleibt hier ganz einfach vor Anker liegen. Sollte man ihn entführen, soll es mir egal sein. Wachen lasse ich jedenfalls nicht zurück.“

Die Zwillinge atmeten auf. Insgeheim hatten sie schon befürchtet, in Plymouth zurückbleiben zu müssen, um die Bordwache für die „Pride of Galway“ zu spielen.

Hasard holte eine Karte aus der Schublade seines Pultes hervor und rollte sie auseinander. Sie zeigte Cornwall und den ganzen Süden Englands, den Ärmelkanal, einen Teil der Normandie und die Bretagne. Philip junior mußte seinem Vater einen Kohlestift reichen, und mit diesem zeichnete der Seewolf die Positionen ein, die Lord Cliveden ihm genannt hatte.

„Hier haben die Überfälle auf englische Schiffe stattgefunden“, sagte er und richtete sich wieder auf. Sein Zeigefinger fuhr über die Karte und verharrte auf einem Punkt, der nicht sehr weit vom Golf von St. Malo entfernt lag. „Und hier werden die ‚Hornet‘ und die ‚Fidelity‘ spätestens übermorgen nacht in irgendeiner Bucht vor Anker gehen.“

Seine Männer sahen sich über die Karte hinweg an und grinsten. Mit wachsendem Interesse hörten sie seinen Erläuterungen zu. Sein einfacher Plan stand jetzt bereits fest.

6.

Am nächsten Morgen trafen sich die Seewölfe um Punkt zehn Uhr – wie in der Nacht vereinbart worden war – mit Easton Terry und dessen Leuten am Hafen, dann wanderten sie gemeinsam zu dem etwas abgelegenen Kai, wo jetzt zwei Galeonen vertäut lagen: die „Hornet“ und die „Fidelity“.

„Donnerwetter“, sagte Easton Terry mit ehrlicher Verwunderung. „Die sind ja wie ein Spuk erschienen. Gestern waren sie jedenfalls noch nicht da.“

„Heute nacht oder in den frühen Morgenstunden sind sie aus Brighton herübergesegelt“, sagte Hasard. „Und das eine muß man den Männern, die sie überholt und neu ausgerüstet haben, lassen: Sie verstehen ihr Handwerk. Das sind wirklich zwei feine Schiffe, an denen wir unsere Freude haben werden, Mister Terry.“

„Sie sehen eher wie harmlose Kauffahrer als wie gefährliche Feuerspucker aus“, meinte Terry. „Wo sind denn da überhaupt die Stückpforten? Zwanzig wollen Sie bei der ‚Hornet‘ gezählt haben, Mister Killigrew? Täuschen Sie sich da nicht?“

Der Seewolf verengte ein wenig die Augen und spähte im grellen Licht der Morgensonne zu den Schiffen, deren Masten und Rahen mit den aufgegeiten Segeln wie Skelette in den Himmel aufragten.

„Bei der ‚Hornet‘ sind es zehn Stückpforten auf jeder Seite“, erklärte er. „Und ich kann jetzt auch die Drehbassen erkennen – drei auf der Back und drei auf dem Achterdeck. Richtig, Ben?“

„Richtig, Sir“, sagte dieser. „Die ‚Fidelity‘ scheint mir genauso viele Geschütze zu haben.“

„Ja“, bestätigte nun auch Terry. „Nur sind die Pforten sehr schwer zu erkennen, sie scheinen eins mit der Bordwand zu sein. Fast sieht es so aus, als habe man sie getarnt.“

„Das nutzen wir aus“, erklärte Hasard. „Wie ich schon sagte: Wir werden diese bretonischen Satansbraten mit einem kleinen Trick anlocken und – wie ich hoffe – auch hereinlegen.“ Er schritt weiter und steuerte über den Kai direkt auf die „Hornet“ zu, seine Männer folgten ihm auf dem Fuß, während Terry und dessen Crew etwas zurückblieben.

„Diese allzu helle Sonne gefällt mir nicht“, sagte der alte O’Flynn. „Es gibt einen Wetterumschwung.“

„Das glaube ich auch“, pflichtete Shane ihm ausnahmsweise einmal bei. „Es könnte Sturm geben.“

„Uns soll das nur recht sein“, sagte Hasard. „Es würde unser Vorhaben dem Feind gegenüber begünstigen.“

„Ja, gewiß“, meinte Ben Brighton, „Die Hauptsache ist, wir saufen im Kanal nicht vorzeitig ab.“

„Mit solchen Schiffen?“ Carberry lachte rauh. „Das ist fast unmöglich. Es müßte schon ganz dick werden, um die zum Sinken zu bringen.“

„Man soll sich auf die Baukunst nie völlig verlassen“, gab der Kutscher zu bedenken. „Die ‚Hornet‘ und die ‚Fidelity‘ könnten Konstruktionsfehler haben. Man steckt ja in so einem Schiff nicht richtig drin, überall können verborgene Schwächen liegen, die man auf Anhieb nicht entdeckt.“

Der Profos drehte sich zu ihm um.

„Mal’ bloß nicht den Teufel ans Schott, Mister Kutscher“, sagte er drohend. „Im übrigen gebe ich dir den guten Rat, dich gleich um die Kunst der Schiffsküche zu kümmern. Sobald wir an Bord sind, wollen wir zu Mittag was Ordentliches vorgesetzt kriegen.“ Sein Blick richtete sich auf Mac Pellew. „He, Mister Pellew, was grinst du so dämlich?“

„Was darf’s denn heute sein, Sir?“ fragte dieser mit gespielter Freundlichkeit. „Gefüllte Rattenhälse oder Kakerlaken-Gulasch?“

„Mister Pellew“, sagte Carberry nur mühsam beherrscht. „Werd hier bloß nicht üppig. Ich kenne dich von früher her gut genug, mir kannst du nichts vorerzählen. Wenn du nur einmal Mist verzapfst, bevor wir auslaufen, stopf ich dich solange ins Kabelgatt, bis du fromme Sprüche aufsagst, klar?“

„Aye, Sir“, sagte Mac Pellew. „Werde mir Mühe geben, alles richtig hinzukriegen und nur schmackhafte Sachen zu kochen.“

„Das klingt schon besser“, brummte der Profos, dann wandte er sich wieder nach vorn und schloß sich Hasard, Ben, Shane und den O’Flynns an, die sich bereits an Bord der „Hornet“ begaben.

Durch Mac Pellews Rückkehr in die Seewölfe-Crew konnte Hasard jetzt über zwei Köche verfügen, doch die neue Rollenverteilung war trotzdem nicht schwer. Da die Mannschaft inzwischen auch noch um einige andere Männer gewachsen war, hätte der Kutscher allein die Kombüsenarbeit auch mit Hilfe der Zwillinge kaum bewältigen können. So war es gut, daß nun auch Mac Pellew mit ins Vordeck einzog. Überdies würde sich der Kutscher seiner zweiten Hauptaufgabe, der Feldscher-Tätigkeit, fortan mit größerem Einsatz widmen können.

Hasard ging über das Hauptdeck der „Hornet“ und inspizierte alles mit fachmännischem Blick. Die Crew, die das Schiff von Brighton nach Plymouth überführt hatte, war bereits von Bord gegangen, aber sie hatte alles in mustergültig ordentlichem Zustand zurückgelassen. Blitzsauber waren die Planken, kein einziger Fußabdruck war zu sehen. Jedes Tau war klariert und vorbildlich aufgeschossen, nichts befand sich am falschen Platz.

Hasard hob den Blick. Auch das laufende und stehende Gut wies keine Makel auf, das gesamte Rigg schien erneuert worden zu sein. Er begann sich zu fragen, ob er überhaupt noch eine neue „Isabella“ brauchte.

Dann kehrte er auf den Boden der Tatsachen zurück. Natürlich – die „Hornet“ war nur ein „Leihschiff“. Nach erfülltem Auftrag würde sie wieder ein Dock anlaufen und wie die „Fidelity“ von den vom königlichen Hof bestellten Ausrüstern neu hergerichtet werden, möglicherweise als Kriegsschiff, vielleicht aber auch als Segler für Entdeckungsfahrten. Wer konnte das heute schon wissen?

Die neue „Isabella IX.“ würde außerdem größer sein als die „Hornet“, etwa fünfhundert Tonnen groß. Ihre Takelung würde anders sein, die Anzahl der Segel umfangreicher, die Armierung aller Voraussicht nach fast doppelt so groß.

Wenn das neue Schiff erst fertig war und auf der Werft von Hesekiel Ramsgate vom Stapel lief, würden all die bitteren Gedanken an die alte „Isabella VIII.“ endgültig der Vergangenheit angehören. Aber bis dahin war es noch eine relativ lange Zeit, die durch den Anflug von Ungeduld, den Hasard und seine Männer verspürten, nur noch zäher dahinfloß.

So war es gut, Plymouth erst einmal wieder den Rücken kehren zu können.

Doch was erwartete sie wirklich drüben in der Bretagne? Wie groß war die Macht der Gegner? Lord Gerald Cliveden hatte hierüber keine Auskunft geben können, denn die wenigen Überlebenden der Überfälle hatten keine präzisen Angaben liefern können. Nur darüber, daß es sich um „eine große Zahl“ von Feindschiffen gehandelt hatte, die pausenlos zu feuern vermochten, waren sie sich alle einig.

Würde das Unternehmen wirklich von einem Erfolg gekrönt sein? Oder stand den Seewölfen eine neue Niederlage bevor? Plötzlich zweifelte Hasard an dem Gelingen seines Planes. Die Spur von Unsicherheit, die er aus Ägypten mit heimgebracht hatte, war wieder da.

Ärgerlich verdrängte er alle düsteren Überlegungen, trat ans Schanzkleid der Backbordseite und blickte zu Easton Terry, der mit seiner Gruppe von zwanzig Männern auf dem Kai stehengeblieben war.

„Was ist, Mister Terry?“ rief er ihm zu. „Kommen Sie nicht an Bord der ‚Hornet‘?“

„Sie ist nicht mein Schiff, Sir. Ich kann nur Ihren diesbezüglichen Befehl abwarten.“

„Gut. Ich will Reeves, Baxter und Sie in fünf Minuten zur Übergabe der genauen Order in meiner Kapitänskammer sehen. Wir haben noch einiges zu besprechen.“

„Aye, Sir.“

„In der Zwischenzeit kann sich Ihre Mannschaft mit der ‚Fidelity‘ beschäftigen. Jeder soll seinen Posten einnehmen, ich gebe Ihnen eine halbe Stunde Zeit. Dann kontrolliere ich, ob alles seine Richtigkeit hat. Noch Fragen, Mister Terry?“

„Nein, Sir.“ Eine Bemerkung lag dem Mann auf der Zunge, aber er verkniff sie sich. Wie weit Hasards Befugnisse an Bord der „Fidelity“ gingen, war eine Frage, über die sich noch streiten ließ. Der Seewolf hatte zwar das Oberkommando inne, doch als Schiffskapitäne waren Terry und er sich gleichgestellt, was ihre Befugnisse auf der „Hornet“ und der „Fidelity“ betraf.

Hasard hatte jedoch nicht das geringste Verlangen, mit Terry zu diskutieren. Von jetzt an ließ er seine Autorität spielen, und wenn Terry irgend etwas nicht paßte, so sollte er sofort abspringen und aussteigen. Diese Chance ließ er ihm. Solange sie Plymouth nicht verließen, standen dem Mann noch alle Möglichkeiten offen.

Hasard warf seinen grinsenden und zustimmend nickenden Männern, die sich jetzt alle auf dem Hauptdeck der „Hornet“ versammelt hatten, einen kurzen Blick zu, dann suchte er das Achterkastell auf.

Er war nicht sonderlich überrascht, Lord Gerald Cliveden in der Kapitänskammer vorzufinden. Eigentlich hatte er damit gerechnet.

„Die Übergabe der Schiffe bedarf keiner Formalitäten mehr“, sagte Cliveden nach einer kurzen Begrüßung. „Alle erforderlichen Schriftstücke sind im Pult eingeschlossen, Mister Killigrew. Hier ist der Schlüssel.“ Er händigte ihn dem Seewolf aus, dann fuhr er fort: „Das Logbuch ist so neu wie die Takelage der ‚Hornet‘. Sie werden sich als erster Kapitän dieses neuen, umgebauten Schiffes darin verewigen. Es ist, als sei die ‚Hornet‘ gestern erst vom Stapel gelaufen. Das gleiche gilt auch für die ‚Fidelity‘. Sie sehen, wir haben mit dem erforderlichen Aufwand nicht gespart, um Ihnen zwei voll taugliche, allseitig einzusetzende Schiffe zu übergeben.“

„Ich danke Ihnen, Lord Gerald. Mit allem, was ich bisher gesehen habe, kann ich nur zufrieden sein.“

„Auch mit Terry?“

„Das steht auf einem anderen Blatt“, entgegnete der Seewolf und sah sein Gegenüber offen an. „Ich will Ihnen nicht verheimlichen, daß ich meine Vorbehalte gegenüber diesem Mann habe.“

Cliveden lächelte dünn. „Wie ich eben hören durfte, haben Sie sich aber bereits den erforderlichen Respekt verschafft.“

„Allerdings. Ich hätte da noch eine Frage, Sir: Was ist mit den Mannschaften, die die Galeonen von Brighton bis hierher überführt haben?“

„Das waren insgesamt zwei Dutzend Männer. Sie haben noch im Dunkeln die Schiffe und Plymouth verlassen und sind nach Dover und nach Brighton zurückgekehrt, woher sie stammen. Auf meine Anweisung hin haben sie dazu den Landweg benutzt.“

„Das meine ich nicht. Diese Notbesatzungen – wissen sie etwas von dem geplanten Unternehmen?“

„Nein. Sie denken, die ‚Hornet‘ und die ‚Fidelity‘ sollen eine Ladung übernehmen und in die Neue Welt hinüberbringen.“

„Etwas Ähnliches habe ich auch dem blonden Burt erzählt, und er hat es mir unbesehen geglaubt“, erklärte Hasard. „Inzwischen ist auch er mit seinem Küstensegler ausgelaufen, wie ich angenommen hatte. Somit wäre die Geheimhaltung also gewahrt.“

„Ja. Und für den Fall, daß sich in Plymouth spanische Spitzel befinden, wird auch alles ganz harmlos aussehen. Keiner wird ahnen, was es mit diesen beiden Schiffen wirklich auf sich hat.“

„Sie nehmen wirklich an, daß die Spanier auch hier ihre Leute sitzen haben?“

„Rechnen muß man damit. Es gibt überall Menschen, die sich kaufen lassen. Was ist zum Beispiel mit diesem Nathaniel Plymson?“

Hasard mußte lachen. „Der hat vorläufig die Nase voll von uns. Wir haben ihm angedroht, daß wir nicht nur seine ‚Bloody Mary‘, sondern auch ihn auseinandernehmen, falls er auf irgendeine Weise versucht, uns zu hintergehen oder auch nur zu beobachten.“

„Er hat Angst vor Ihnen und Ihren Männern?“

„Gräßliche Angst.“

„Ausgezeichnet. Wann können Sie auslaufen, Mister Killigrew?“

„Sofort, wenn Sie wollen.“

„Sagen wir, in einer Stunde? Wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich noch an Bord der ‚Hornet‘. Heute nachmittag können Sie mich zwischen Plymouth und Falmouth an Land lassen, wo eine Kutsche auf mich wartet. So wird mich kein Mensch in Plymouth mehr sehen, und das ist gut so.“ Cliveden lächelte. „Aber Sie müssen damit einverstanden sein, denn Sie sind der Kapitän.“

Hasard erwiderte das Lächeln. „Ich sehe, meine Worte von vorhin haben auch auf Sie gewirkt. Na schön. Wir verlassen um zwölf Uhr den Hafen und setzen Sie an Land, wo Sie wollen, Lord Gerald. Die verbleibende Zeit werde ich dazu benutzen, die Stückpforten beider Schiffe noch besser tarnen und die Drehbassen mit gewachstem Segeltuch verkleiden zu lassen. Jeder, der uns auf See begegnet, soll denken, daß unsere Schiffe zwei schlecht armierte Kauffahrer sind.“

„Das gehört mit zu Ihrem Plan?“

„Ja. Es ist ein einfacher Plan, aber die simpelsten Vorhaben zeitigen oft den größten Erfolg.“

„Sagt Ihnen das Ihre Erfahrung als Seemann?“

„Als Seemann und als Korsar“, entgegnete der Seewolf. „Aber da wir gerade von solchen Dingen sprechen, lassen Sie mich noch eine Frage stellen. Warum haben Sie ausgerechnet Easton Terry gerufen und mir zur Seite gestellt? Keiner von uns kannte ihn vorher, wir wissen nicht, wie wir ihn einschätzen sollen.“

Cliveden sagte mit ernster Miene: „Ohne Verstärkung können Sie, Mister Killigrew, den Kampf gegen diese Piraten niemals aufnehmen. Vielleicht sind noch zwei Schiffe zu wenig.“

„Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein“, sagte Hasard etwas schroffer als beabsichtigt.

„Zwei Schiffe hätten Sie allein mit Ihren Leuten niemals ausreichend bemannen können“, fuhr Cliveden unbeirrt fort. „Von diesen Tatsachen ging ich aus, als ich in London meine Pläne zu fassen begann und die mir vorliegenden Informationen verarbeitete. Wen sollte ich zu Ihrer Unterstützung rufen? Drake? Frobisher? Cabot? Hawkins? Unmöglich. Deren große Zeit ist vorbei, sie sind keine Kämpfer mehr. Mit Drake hätten Sie sich ohnehin nicht vertragen, nicht wahr?“

„Ihre Informationen scheinen doch umfangreicher zu sein, als ich ursprünglich angenommen habe, Lord Gerald.“

„Es gibt genaue Dokumentationen über den Verlauf der großen Schlacht gegen die Armada“, erklärte Cliveden lächelnd. „Ich habe sehr aufmerksam darin gelesen.“

„Sie sind ein guter Theoretiker.“

„Aber kein Praktiker, nicht wahr? Nun, die mich als Berater umgebenden Männer in meinem neuen Amt haben mir Terry, der sich bei Raids in der Nordsee ausgezeichnet hat, wärmstens empfohlen. Ihrer Ansicht nach ist dieser Terry ein Mann der Zukunft.“

Hasard konnte nicht anders, er mußte spöttisch grinsen. „Etwa ein Nachfolger der Seewölfe? Lord Gerald, nehmen Sie mir nicht übel, was ich sage, aber ich kann meine Natur nicht gewaltsam unterdrücken.“

„Nur zu, heraus damit, Mister Killigrew.“

„Ich traue Terry nicht.“

„Trotzdem werden Sie mit ihm segeln?“

„Ja. Ich werde mich bemühen, ihm gegenüber fair zu sein.“

„Man spricht viel über die Fairneß des Seewolfs“, sagte Cliveden. „Ihre Ehrlichkeit und Ihr anständiges Verhalten sind schon fast sprichwörtlich. Wußten Sie das?“

„Nein.“

„Und es ist Ihnen auch nicht bekannt, daß Sie schon jetzt zu einer Legende geworden sind?“

„Ich weiß nur eins“, sagte Hasard. „Ich habe die Verantwortung für das Gelingen der Mission, die vor uns liegt, und ich werde alles daransetzen, um mein Ziel zu erreichen. Sollte mir irgend jemand Knüppel zwischen die Beine werfen – ganz gleich, aus welchem Lager –, dann werde ich ihn vernichten.“

„Ich werde mich an diese Worte zu erinnern wissen, Sir“, sagte Cliveden. „Einen besseren Mann als Sie hätten wir nicht auswählen können, soviel steht fest. Und vielleicht schließen Sie auch mit Terry Burgfrieden, vielleicht erweist er sich als brauchbarer Mitstreiter für Sie.“

„Hoffentlich.“

„Verraten Sie mir jetzt Ihren Plan?“

„Ja. Morgen um diese Zeit stehen wir bereits vor der bretonischen Küste, mehr als eine Nacht brauchen wir für die Überquerung des Kanals nicht. Das heraufziehende schlechte Wetter dürfte uns, wie ich annehme, bei unserer List dienlich sein.“

„Eine Falle?“

„Richtig“, erwiderte Hasard. „Aber der Gegner muß glauben, daß er es ist, der die Beute in die Enge treibt. Je sicherer er sich fühlt, desto mehr Chancen haben wir, ihm gleich zu Beginn einen empfindlichen Hieb zu versetzen.“

Sie nahmen Platz, und von jetzt an plauderten sie wie zwei gute Bekannte miteinander.

7.

Nachdem sich die Seewölfe auch von Doktor Freemont verabschiedet hatten und mit dem alten Ramsgate die notwendigen Vereinbarungen getroffen hatten, wurden zur Mittagsstunde die Festmacher und Trossen der „Hornet“ und der „Fidelity“ von den Pollern des abgelegenen Kais gelöst, und beide Schiffe verließen den Hafen und den Plymouth Sound, um mit zunächst westlichem Kurs an den aus Süden heranpfeifenden Wind zu gehen.

Wolken hatten den Himmel überzogen und verdeckten in unregelmäßigen Zeitabständen die Sonne. Es wurde zunehmend kälter. Die Dünung, die die See bewegte, ging immer höher.

In der Kapitänskammer der „Hornet“ wandte sich Lord Gerald Cliveden noch einmal an den Seewolf. Er hatte einen Blick durch die Bleiglasfenster geworfen und sagte: „Sie haben wohl recht, es wird Sturm geben. Wie viele solcher Wetter haben Sie schon erlebt, Mister Killigrew?“

„Ich habe sie nicht gezählt. Warum interessiert Sie das?“

„Es sind wohl die typischen Fragen einer Landratte.“

„Ein Sturm ist in den meisten Fällen nicht so schlimm wie ein Gefecht, soviel kann ich Ihnen versichern.“

Cliveden schnitt eine nachdenkliche Miene. „Das kann ich mir vorstellen. Werden Sie eines Tages an Land bleiben und ein Buch über Ihre Erlebnisse schreiben?“

„Daran habe ich noch nicht gedacht“, erwiderte Hasard amüsiert. „Wirklich nicht. Ich glaube nicht, daß ich der See untreu werde.“

„Es würde sich lohnen, solch ein Buch zu verfassen.“

„Wissen Sie was? Das haben mir meine Söhne auch schon mal gesagt.“

„Zwei Prachtkerle übrigens, aus denen noch einmal viel werden kann“, sagte Cliveden. „Ich nehme an, daß sie in die Fußstapfen ihres Vaters treten.“

„Das ist noch nicht sicher.“ Der Seewolf hob die Schultern und ließ sie wieder sinken. „Wer kann schon in die Zukunft blicken? Nicht einmal Old O’Flynn ist dazu in der Lage, und der sagenhafte Jonas, von dem die Fahrensleute ehrfürchtig sprechen, existiert nicht. Was die Zwillinge an Rüstzeug brauchen, das vermittle ich ihnen. Der Rest, die Entscheidung, wie sie ihr Leben gestalten, wenn sie volljährig sind, bleibt ihnen überlassen.“

„So ist es vielleicht das beste. Ich selbst habe in dieser Beziehung Fehler begangen, die sich nicht mehr ausbügeln lassen.“

„Sie haben selbst Kinder?“ fragte Hasard.

„Ich hatte einen Sohn – und eine Frau, die mich liebte“, erwiderte Lord Gerald Cliveden. „Ich habe sie beide verloren. Die Schuld daran trage ich zum Teil selbst. Doch das ist eine lange Geschichte, mit der ich Sie nicht langweilen will.“

„Sie langweilen mich nicht“, sagte der Seewolf. „Wenn Ihnen danach zumute ist, dann sprechen Sie darüber, Sir.“

Wieder unterhielten sie sich wie zwei gute Bekannte, mehr noch, wie zwei Freunde. Cliveden erzählte aus seinem Leben, und Hasard erfuhr, wie hart das Schicksal selbst einen Mann treffen konnte, der sich eigentlich nie mutwillig in ein Abenteuer gestürzt, sondern eher ein Dasein als Biedermann und unauffälliger Bürger geführt hatte.

Als sie sich am Nachmittag dreißig Meilen von Falmouth entfernt trennten, sagten sie sich nur noch wenig, aber Hasard bedauerte aufrichtig, daß Lord Cliveden die „Hornet“ verließ. Lieber hätte er diesen Mann mit nach Frankreich genommen, der doch überhaupt keine See-Erfahrung hatte, als Easton Terry, der im Grunde noch keinen konkreten Anlaß zu Ärger geliefert hatte.

Die Abneigung diesem Mann gegenüber beruhte auf gefühlsmäßigen Erwägungen. Durfte man sich auf seine Empfindungen verlassen? Konnten sie einem Mann nicht auch üble Streiche spielen?

All dies ging dem Seewolf durch den Kopf, als Lord Gerald Cliveden von Bord ging und von Jack Finnegan, Paddy Rogers, Batuti und Gary Andrews mit dem Beiboot an Land gepullt wurde.

Der Treffpunkt, den Cliveden mit den Leuten vereinbart hatte, die ihn abholen und zurück nach London bringen sollten, war erreicht, davon kündete die Kutsche, die oberhalb der Uferböschung wartete. Cliveden verließ die Jolle, kaum, daß sie angelegt hatte, eilte die Böschung hoch, drehte sich nur noch einmal kurz um und winkte ein letztes Mal zum Abschied. Dann kletterte er in die Kutsche, und sie rollte, von zwei Pferden gezogen, davon.

Die Jolle kehrte zur „Hornet“ zurück und wurde an Bord gehievt, dann ließ Hasard Terry durch Bill, der als Ausguck im Großmars hockte, ein Zeichen geben. Die „Hornet“ und die „Fidelity“ gingen gleichzeitig ankerauf und wandten sich mit Kreuzkurs gegen den Wind nach Süden.

Die Dämmerung nahte, der Wind nahm an Stärke zu, es wurde ein immer beschwerlicheres Werk, gegen ihn zu kreuzen. Zwei Schritte vor, einen zurück, so ging es auch die ganze Nacht über. Die Schiffe begannen in den Wogen zu stampfen und zu schlingern. Die Schotten und die Luken mußten verschalkt werden. Vorsichtshalber ließen Hasard und Terry auch die Manntaue auf den Decks spannen. Die Sturmsegel wurden jedoch nicht gesetzt, noch konnte mit Vollzeug gesegelt werden.

Wieder sann der Seewolf in seiner Kammer darüber nach, was ihnen die nahe Zukunft bescheren würde. Hatte er sich nicht etwas zu leichtfertig auf dieses neue Abenteuer eingelassen?

Gewiß, Cliveden war in der kurzen Zeit so etwas wie ein richtiger Freund für die Seewölfe geworden, und er hatte ihm, Hasard, auch anhand einer weiteren Pergamentrolle nachgewiesen, daß er tatsächlich ein Sonderbeauftragter der Königin war und über alle erforderlichen Vollmachten verfügte. Ein Schwindel war ausgeschlossen, alles hatte seine Richtigkeit und Legitimation.

Doch es war immer wieder die Person Easton Terrys, die dem Seewolf zu denken gab. Terry sollte so etwas wie ein Günstling des Hofes sein? Kaum zu fassen, aber wohl doch wahr. Der Mann verfügte tatsächlich über einen Kaperbrief, Cliveden hatte es bestätigt.

Dennoch, die Erfahrung hatte Hasard gelehrt, vor Männern wie Terry auf der Hut zu sein. Mit Landsleuten, die vorgeblich aus ähnlichen Motiven wie die Seewölfe gegen die Spanier und Portugiesen auszogen, hatte es schon Verdruß gegeben, wie beispielsweise die Begegnungen mit Lord Henry, einem der übelsten Schnapphähne und Beutegeier, bewiesen hatten.

Eben: Terry hatte viel zuviel Ähnlichkeit mit diesem Lord Henry, nicht äußerlich, aber seinem ganzen Wesen nach. Er mochte ein guter Mitstreiter sein, bestimmt auch ein verwegener Kaperfahrer mit seiner Crew von Teufelskerlen – völlig trauen durfte man ihm deswegen aber noch lange nicht.

Es würde sich schon noch herausstellen, ob alle diese Bedenken, die auch Ben, Ferris, Shane, Carberry und die anderen geäußert hatten, nicht einfach aus der Luft gegriffen waren. Vorsicht konnte nie groß genug geschrieben werden, was das Zusammenwirken mit Verbündeten betraf, die sich Hasard nicht selbst ausgesucht hatte.

Seiner Ansicht nach ging es Terry in erster Linie um reiche Beute und weniger um die Sache des Vaterlandes. Er war bestimmt mehr Pirat, das würde sich bei der nächsten Gelegenheit herausstellen.

Das war Hasards feste Überzeugung, und er bedauerte, jetzt nicht Siri-Tong, Jean Ribault oder den Wikinger mit deren Männern zur Seite zu haben. Bei ihnen hätte er gewußt, woran er war, und hätte sich völlig auf die vor ihm liegende Aufgabe konzentrieren können, statt seinen Partner beobachten und auf die Probe stellen zu müssen.

Aber auch dafür würde er noch eine Lösung finden, die Hauptsache war, daß sie zunächst einmal die Piraten aufstöberten, die die bretonische Küste für englische Schiffe verunsicherten.

Im Morgengrauen kreuzten die „Hornet“ und die „Fidelity“ bei anhaltend schwerer See westlich des Golfes von St. Malo auf Sillon de Talbert zu. Die Brecher donnerten gegen die Bordwände, der Wind heulte in den Wanten und Pardunen, und das Rollen der Schiffe in den Wogen war ein fortdauernder, bedrohlicher Tanz.

Gischt umsprühte die Gestalt des Seewolfs, der jetzt auf dem Achterdeck seines Flaggschiffes stand und auf Meldungen seiner Ausgucks wartete. Dan O’Flynn war als Ausguck in den Vormars geentert, um Bill zu unterstützten. Alle Männer waren auf den Beinen und versahen ihren Dienst an Deck, eine Freiwache gab es zu diesem Zeitpunkt nicht.

Hasard spähte zur „Fidelity“ hinüber und konnte im grauen, trüben Licht des jungen Morgens gerade Easton Terry erkennen, der ganz achtern auf der Kampanje der Galeone stand. Er hatte sich jetzt ein Tuch um seine blonden Haare geschlungen, das Abenteuerliche seiner Erscheinung wurde davon noch unterstrichen.

Mit dem Schiff wurden er und seine Männer gut fertig. Somit stellten sie gleich zu Anfang unter Beweis, daß sie den Seewölfen in nichts nachstanden, was ihre seemännischen Fähigkeiten betraf. Kein einziges Mal während der Überfahrt durch den Kanal waren sie zurückgeblieben oder hatten den Kontakt zur „Hornet“ verloren. Sie konnten es mit jedem Wetter und jeder Situation aufnehmen, daran bestand kein Zweifel.

Dan O’Flynn stieß plötzlich einen grellen Pfiff aus. Hasard richtete seinen Blick voraus, konnte aber vor dem Bugspriet der „Hornet“ nicht mehr erkennen als die grauschwarzen Wellengebilde und den hochzischenden Gischt.

„Land in Sicht!“ schrie Dan. „Steuerbord voraus!“

Hasard verzichtete darauf, sich selbst davon zu überzeugen, daß die Küste Frankreichs erreicht war, Bill und Dan wußten schon, was sie meldeten und saßen bestimmt keiner Täuschung auf.

Hasard winkte Ben Brighton zu sich heran und schrie ihm zu: „Jetzt könnte es bald spannend werden, Ben! Daß sich ja die Tarnung der Stückpforten nicht auflöst! Hast du die Verkleidung der Kanonen noch mal kontrolliert?“

„Ja! Alles in bester Ordnung! Wir mimen also weiterhin die braven englischen Kauffahrer?“

„Jetzt gerade! Alles Weitere hängt von unserem Geschick ab!“

„Meinst du, die Schnapphähne treiben sich bei diesem Wetter vor der Küste herum?“

„Das nicht, aber bestimmt haben sie ihre Spitzel und Posten überall sitzen!“ rief der Seewolf. „Wir suchen jedenfalls Schutz vor dem erst richtig heraufziehenden Sturm und verholen in eine Bucht. Denk daran: Wir bangen um unsere Ladung und verlieren lieber Zeit, als daß wir unter diesen schlechten Bedingungen den Kanal überqueren!“

Ben grinste und schrie: „Wohin sind wir denn unterwegs, falls mich mal jemand fragt?“

„Wir waren in Afrika und bringen unsere Fracht nach Plymouth!“

„Edelhölzer oder Sklaven?“

„Wie?“

„Ich frage, was wir geladen haben?“

„Katzengold und Dünnbier!“ brüllte Hasard ihm ins Ohr, und sie lachten beide.

Hartnäckig wie schwerfällige Riesentiere boxten sich die beiden Dreimaster direkt auf die Küste zu. Die Gefahr, auf Klippen oder Untiefen gedrückt zu werden, bestand kaum, da ablandiger Wind herrschte. Hasard ging mit der „Hornet“ als erster so dicht wie möglich unter Land und ließ nach einer geeigneten Bucht Ausschau halten.

Wenig später erhielt er von Dan den entsprechenden Hinweis: „Bucht Steuerbord voraus! Höchstens eine halbe Meile entfernt!“

„Verstanden!“ schrie der Seewolf zum Vormars hoch, dann gab er den Befehl, den nur schwach zu erkennenden Einschnitt zwischen den Uferfelsen, der die Einfahrt darstellte, anzusteuern.

Terry brauchte kein entsprechendes Signal zu empfangen, er ging sofort auf das Manöver der „Hornet“ ein und folgte ihr in ihrem Kielwasser. So liefen beide Schiffe kurze Zeit später in die von Dan entdeckte Bucht ein, die geräumig genug war, um ihnen genug Platz zum Manövrieren zu lassen.

Der Köder war ausgelegt, der Gegner brauchte nur noch anzubeißen.

8.

Wie vorauszusehen gewesen war, nahmen Windstärke und Seegang noch zu. Bald tobte vor der Einfahrt der Bucht der heftigste Sturm, und der Seewolf und Easten Terry wurden somit mehr und mehr ihrer Rolle gerecht. In der Tat hätte nur ein Verrückter bei diesem Wetter die Überfahrt nach England gewagt, nicht aber zwei vorsichtige, auf die Sicherheit ihrer Mannschaft, ihres Schiffes und ihrer Ladung bedachte Kapitäne, die im Auftrag von Handelsgesellschaften die Meere befuhren.

In der Bucht war das Wasser zwar auch bewegt, doch das Schlingern und Stampfen der mittlerweile vor Anker liegenden Schiffe hielt sich in Grenzen. Hasard überprüfte die „Hornet“ auf etwaige Schäden oder Lecks, konnte aber nichts dergleichen finden. Bislang hatte die Galeone allen Erfordernissen entsprochen.

Bald würde sich vielleicht zeigen, was sie als Kriegsschiff taugte.

Auch die „Fidelity“ hatte bei der kurzen Fahrt durch den Kanal keinerlei Schaden genommen, Terry ließ eine entsprechende Nachricht zu Hasard hinübersignalisieren.

Sowohl der Seewolf und seine Crew als auch Terry und dessen Mannschaft waren inzwischen ausreichend mit ihren Schiffen vertraut. „Hornet“ und „Fidelity“ – „Hornisse“ und „Treue“ schienen wirklich die passenden Namen für diese soliden und dennoch wendigen Segler zu sein, die mit allen Finessen der Schiffsbaukunst ausgerüstet worden waren.

Sie waren beide erst zwei Jahre alt und etwa von der Qualität und Beschaffenheit wie die „Isabella VIII.“, die im Kanal der Pharaonen ihr unrühmliches Ende gefunden hatte.

An den Siebzehnpfündern und Drehbassen ließ sich auch kein Makel entdecken, im Gegenteil, Al Conroy als der Waffenexperte der Seewölfe war begeistert von diesen Stücken.

Während seines Rundganges warf Hasard auch einen Blick ins Vorschiff und fragte den Kutscher und Mac Pellew, die eben wieder die Feuer unter den Kesseln anheizten: „Habt ihr eine Ahnung, wo Ferris steckt?“

„Aye, Sir“, antwortete der Kutscher. „Er sitzt nebenan und bastelt.“

Hasard verließ die Kombüse und trat zu Ferris, der in einem Raum neben dem Logis mit leeren Flaschen und Schwarzpulver hantierte. Eben war er dabei, gehacktes Blei und Glas in eine Flasche zu füllen.

Der Seewolf lachte. „Höllenflaschen? Ausgezeichnet, Ferris, die können wir vielleicht schon bald sehr gut gebrauchen.“

„Das hab ich mir auch gedacht“, meinte der rothaarige Riese grinsend. „Man weiß ja nie, zu was die Dinger gut sind, oder?“

Auch Dan O’Flynn, der mit Hasards Genehmigung den Vormars verlassen hatte, betätigte sich als Handwerker und fertigte aus der abgesägten Spitze einer Pike, an der er eifrig herumfeilte, eine haarnadelspitze Nahkampfwaffe an.

So hatte jeder seine Beschäftigung und Aufgabe und vertrieb sich auf diese Weise die Wartezeit. Würde der Gegner sich zeigen, oder war Hasards Handeln sinnlos? War man überhaupt auf sie aufmerksam geworden? Die Küste ringsum, so schien es jedenfalls, war menschenleer und abweisend, niemand schien sich in ihrer Nähe aufzuhalten.

Doch dieser Eindruck konnte gewaltig täuschen. Hasard ließ sich in dem Punkt nicht beirren, er hatte beim Ankern vor fremden Küsten schon die erstaunlichsten Überraschungen erlebt.

Ein hochbeiniger Falbe lief mit flatternder Mähne durch die windgepeitschte Morgenluft, sein Reiter hielt sich dicht über seinen Hals gebeugt. Ein langgestrecktes, geducktes Gebäude aus Stein, das nur hundert Yards vom Ufer des Atlantiks entfernt nahe der Ortschaft Lannion stand, war sein Ziel. Ehe er dort eintraf, öffnete der Himmel seine Schleusen und ließ einen Regenguß auf ihn niederprasseln, der ihn bis auf die Haut durchnäßte.

Der Mann trieb den Falben unter das weit überhängende Dach des Gemäuers, saß ab und band die Zügel fluchend an einem eisernen Ring fest. Er nieste zweimal heftig, dann betrat er das Haus durch die Bohlentür, die in ihren angerosteten Angeln quietschte.

Sofort wurde er von einem kleinen, mageren Mann in Empfang genommen, der ihm ein Messer an die Gurgel hielt.

„Keinen Schritt weiter, Freundchen“, zischte der Kleine. „Oder du bist ein toter Mann.“

„Nur keine Aufregung, Ferret“, sagte der Reiter heiser. „Ich bin’s, Vangard. Erkennst du mich nicht?“

Ferret ließ das Messer sinken. „Weißt du was? Du bist ein pfiffiges Kerlchen, Vangard, aber um ein Haar wärest du drangewesen. Hast du die Losung vergessen?“

„Oh, tut mir leid. Herbstrose – das ist doch das richtige Wort, oder?“

„Das solltest du wissen“, ertönte eine dunkle Stimme aus dem Halbdunkel des Raumes. „Eine solche Unachtsamkeit könnte dich bei nächster Gelegenheit das Leben kosten. Wieso platzt du hier so einfach herein?“

Vangard, ein derber, untersetzter Mann mit grobem Gesicht, trat auf den klobigen Tisch in der Mitte des Raumes zu. Erst jetzt erblickte er die Gestalten, die sich darum versammelt hatten.

„Ich bringe Neuigkeiten, Grammont“, erklärte er. „Neuigkeiten, die dich interessieren werden. Sonst hätte ich mich nicht durchregnen lassen, sondern wäre in meiner Hütte geblieben.“

„Schürt das Feuer“, befahl Grammont seinen Männern. „Los, Vangard, setz dich zu uns, wir wollen dich bewirten, wie es sich gehört. Hast du Schiffe gesichtet?“

„Ja.“ Vangard nahm zwischen zwei Männern Platz. Der eine trug drei Pistolen im Gurt, der andere hatte einen buschigen Schnauzbart. Sie hießen Jean Bauduc und Pierre Servan, soviel wußte Vangard, aber sonst war ihm nicht viel über diese beiden bekannt.

Der Mann, der sich jetzt erhob und an den Kamin trat, um für Feuer zu sorgen, hieß Jules Arzot. Ein dicker Mensch mit einem mächtigen Bauch und einem wulstigen Hals, kugelrundem Kopf und hervorspringenden Augen. Eigentlich wirkte er eher wie eine Witzfigur, doch Vangard war sicher, daß man auch ihn nicht unterschätzen durfte.

Yves Grammont jedoch, der Anführer dieser Bande von Galgenstricken, war mit Abstand die auffallendste Persönlichkeit von allen. Ein Pirat, wie man ihn sich vorstellte. Groß und wuchtig gebaut, vollbärtig, mit einer Augenbinde und einem Kopftuch, ein Kerl, der einen das Fürchten lehrte. Sein weißes Hemd stand weit offen, buschiges Brusthaar quoll daraus hervor. Er entblößte seine weißen Zähne und grinste Vangard an.

„Nun?“ fragte er. „Willst du ein Glas Wein mit uns trinken?“

„Gern“, erwiderte Vangard, dann hustete er. „Verfluchtes Wetter. Dort draußen holt man sich noch den Tod.“

Grammont grinste breiter. „Wärme dich und sieh zu, daß du trocken wirst. Ich bin besorgt um dich, mein Freund, denn schließlich brauchen wir dich noch.“

Arzot richtete sich von dem Kamin auf, die Flammen flackerten hoch auf und trieben Hitze in den Raum. Gespenstisch tanzte der rötliche Lichtschein über die Gesichter und Gestalten der um den Tisch versammelten Männer. Vangard trank den Wein, den Grammont ihm einschenkte. Er beobachtete die Männer über den Rand seines Bechers und dachte: Die möchte ich nicht zu Feinden haben.

Yves Grammont hatte den Engländern vor knapp einem Jahr einen erbitterten Kleinkrieg zu liefern begonnen. Seitdem hatte er bestimmt mehr als zwanzig ihrer Schiffe versenkt und sicherlich auch viel erbeutet. Warum aber nur die Engländer? Vangard vermochte es nicht zu sagen. Was immer die näheren Beweggründe für Grammonts Zielsetzung waren, er hatte nie danach gefragt. Wer zuviel fragte, lebte gefährlich.

Vangard war nur einer von den vielen Kundschaftern, die Grammont längs der Küste der Bretagne beschäftigte. Er bezahlte für Informationen sehr gut, aber er verlangte absolutes Stillschweigen. Wer diese Regel brach, mußte mit einer Bestrafung rechnen, oder, mit anderen Worten, er verschwand eines Tages und wurde nie mehr gesehen.

Ein Mann wie Vangard hütete sich, Grammont in irgendeiner Weise zu hintergehen. Die Piraten an die Bourbonen verraten? Die Engländer warnen? Nein, für Vangard war das nichts. Er wollte leben und weiterhin mit seiner schäbigen Schaluppe zum Fischfang vor Sillon de Talbert auslaufen, wenn er davon auch mehr schlecht als recht lebte.

Das, was Grammont ihm zahlte, genügte ihm, um sein Dasein ein wenig angenehmer zu gestalten. Außerdem genoß er das Wohlwollen dieser Schnapphähne und Galgenstricke, sie würden ihm nie etwas antun. Was wollte er mehr?

Grammont, so hatte es sich unter den Informanten rasch herumgesprochen, hielt sich seit dem vergangenen Abend in dem alten Steinhaus bei Lannion auf, von dem es offiziell hieß, daß es seit zwei oder drei Jahren leerstehe. Wegen des zunehmend schlechten Wetters hatte der Piratenführer es vorgezogen, mit seinem kleinen Schiffsverband in einer Bucht zu ankern und das Ausweichversteck aufzusuchen, bis sich der Sturm ausgetobt hatte.

Vangard hatte mitgeholfen, das alte Haus etwas wohnlich zu gestalten und mit den erforderlichen Vorräten zu versehen, die die Bande brauchte, wenn sie hier einmal nächtigte oder gezwungen war, sich zu verkriechen. Vangard wußte im übrigen von seinen Freunden im Umland von Lannion und Sillon de Talbert, daß Grammont noch mehr kleine Schlupfwinkel entlang der gesamten bretonischen Küste unterhielt, um immer so beweglich wie möglich zu sein und nie Mangel an Nahrung, Trinkwasser und Munition für seine Geschütze zu haben.

Hinzu gesellte sich das erprobte, gut funktionierende Nachrichtensystem, das mit zu den Erfolgen beigetragen hatte, die Grammont während dieser vergangenen Monate zu verzeichnen gehabt hatte.

Kein englisches Schiff, das sich der Küste näherte, konnte der Aufmerksamkeit der Kundschafter entgehen – auch bei Schlechtwetter nicht, wo alle anderen Fischer, Deichbauern, Schafhirten und Strauchritter es doch sonst vorzogen, irgendwo unterzuschlüpfen und die Nase lieber nicht in Wind und Regen zu halten.

Vangard trank seinen Becher Wein leer, Grammont schenkte nach.

„Rede jetzt“, sagte er dann. „Wie viele Schiffe hast du gesehen?“

„Zwei. Englische Kauffahrer.“

„Wie kannst du wissen, daß es Kauffahrer sind?“ erkundigte sich der Anführer der Piraten mißtrauisch.

„Ich habe mich ganz dicht an das Ufer der Bucht rangeschlichen“, erläuterte Vangard so ruhig wie möglich. „Es gibt dort genug Buschwerk, keiner hat mich entdeckt.“

„Welche Bucht ist es?“

„Diejenige, die zwei Meilen westlich von Sillon de Talbert liegt. Zum Ankern ist sie ideal, die Kapitäne dieser zwei Dreimast-Galeonen haben unerhörtes Glück gehabt, daß sie sie gefunden haben.“

„Weiter“, drängte Grammont.

„Das Licht war ausreichend, ich habe genug erkannt“, fuhr Vangard, nun eifriger, fort. „Es sind schöne und ziemlich neue Schiffe, aber sie haben kaum Waffen an Bord. Ich habe keine Stückpforten gesehen.“

„Die Geschütze könnten auf den Hauptdecks stehen.“

„Das ist möglich, aber sehr viele sind es bestimmt nicht.“

„Bist du sicher, Vangard?“

„Ich teile dir das mit, was ich beobachtet habe.“

Grammont trank selbst seinen Becher leer, setzte ihn mit einem Knall auf der Tischplatte ab und wischte sich mit der Hand über den Mund. Sein Grinsen war verschwunden. „Hoffen wir, daß du deine Augen weit genug aufgesperrt hast. Wie groß sind diese Prachtkähne?“

„Jeder etwa dreihundert Tonnen, schätze ich.“

„Was haben sie deiner Meinung nach geladen?“

„Das weiß ich nicht“, erwiderte Vangard. „Ich kann nur Vermutungen anstellen, aber die helfen dir auch nicht weiter, Grammont.“

„Richtig. Jetzt zu den Mannschaften.“

„Etwa zwanzig Mann pro Schiff. Nicht mehr, bestimmt nicht. An Bord der einen Galeone habe ich einen Schwarzen gesehen, vielleicht kommen sie ja aus Afrika.“

„Möglich, oder aber er gehört zu der Crew“, brummte Grammont. „Hast du die Namen der Schiffe gelesen?“

„Nur den einen. Der Segler, der dem Ufer am nächsten liegt, heißt ‚Hornet‘.“

„Was bedeutet das, Grammont?“ wollte Ferret wissen.

„Hornisse.“

Die Kerle lachten, doch Yves Grammont lachte nicht mit. Er sah Vangard an und sagte: „Diesen Namen habe ich noch nie gehört, und der Kahn ist mir noch nirgends vor die Rohre gesegelt.“

„Ich sagte doch, beide Galeonen sehen sehr neu aus. Es ist bestimmt nicht lange her, daß sie vom Stapel gelaufen sind.“

Nachdenklich fuhr sich Grammont mit der Hand über den Vollbart. „Es wird doch wohl keine Falle sein, Vangard? Hast du keine anderen Schiffe entdeckt?“

Vangard bemühte sich, seiner Stimme einen eindringlichen, überzeugenden Klang zu verleihen. „Ich habe mich an deine Ratschläge gehalten und die Umgebung abgeforscht, ehe ich hergeritten bin. Es gibt keine anderen Schiffe.“

„Auf was warten wir dann noch?“ fragte Jean Bauduc. Er war der Kapitän der „Petite Fleur“, die wie die „Antoine“ und die „Coquille“ zu dem Verband der Piratenschiffe gehörte, der von der Galeone „Louise“ geführt wurde. Bauduc war groß und schwarzhaarig und hatte ein glattes Gesicht mit dunklen Augen, das von einem typisch südländischen Teint geprägt war. Sein Bauchansatz zeugte von den großen Mengen Wein und Bier, die er zu trinken pflegte. Sein äußeres Kennzeichen war der riesige Waffengurt, den er quer über der Brust trug und in dem drei Pistolen steckten.

Vangard blickte sich im Raum um. Die Kerle grinsten alle nur, keiner antwortete, daher wandte er sich Bauduc zu und sagte: „Auf besseres Wetter, denke ich doch. Oder?“

„Nein“, sagte Yves Grammont. „Wir laufen sofort aus.“

„Bei diesem Sturm?“ Vangard war verblüfft, das hatte er denn nun doch nicht erwartet.

„Bei diesem Sturm“, bestätigte Grammont. „Hör zu, Vangard, unsere Schiffe sind nicht so wacklig und baufällig wie deine verfluchte Schaluppe, sie halten sich etwas besser über Wasser.“

Wieder lachten die Piraten, und diesmal stimmte Grammont laut mit ein. Als er sich genügend über seinen Witz amüsiert hatte, beugte er sich vor und fragte: „Was Verlangst du für diesen Hinweis, Vangard?“

„Das übliche. Ist das zuviel?“

„Das weißt du selber besser als ich. Wenn es dir zuviel erscheint, gebe ich dir weniger. Ein Mann muß genau wissen, was seine Worte wert sind.“

Vangard nahm hastig wieder einen Schluck Wein. Zur Hölle, wollte Grammont ihn dieses Mal hereinlegen? Was sollten diese Anspielungen?

Grammont griff unters Hemd und förderte einen prall gefüllten Lederbeutel zutage. Er öffnete ihn, entnahm ihm zwei Golddukaten und legte sie vor Vangard auf den Tisch.

„Da, nimm hin“, sagte er barsch. „Du hast sie dir verdient, und du wirst noch mehr davon einsacken, wenn du weiterhin so aufmerksam die Küste und die Buchten beobachtest. Es verirren sich nicht selten Schiffe hierher. Wenn mich nicht alles täuscht, ist es jetzt schon das dritte Mal, daß du uns einen brauchbaren Hinweis lieferst.“

„Ja.“ Vangard steckte die Münzen weg, aber es gelang ihm kaum, den Blick von dem Lederbeutel zu nehmen. Wie viele Gold- und Silbermünzen mochte Grammont wohl schon bei seinen Beutezügen an sich gebracht haben? Wo versteckte er seine Schätze?

Es war besser, nicht weiter darüber nachzudenken. Das, was Grammont ihm zahlte, mußte ihm genügen. Selbst wenn er herausgefunden hätte, wo die Schätze der Bande lagen, wäre es glatter Selbstmord gewesen, sie zu vereinnahmen. Allein der Versuch war tödlich.

Doch hätte es sich nicht eher gelohnt, spanische Silberschiffe zu überfallen, die aus der Neuen Welt herübersegelten, ihr Heimatland anliefen und dabei durch die Biskaya mußten? Wäre das nicht viel gewinnbringender gewesen?

Nun, Grammont mußte ja wissen, was er tat. Er hatte sich auf englische Schiffe „spezialisiert“, und das hatte bestimmt seine guten Gründe. Ein Armenhaus war England auch nicht mehr. Vielleicht hatten die Schiffe, die er versenkt hatte, Gold, Silber, Diamanten und Elfenbein an Bord gehabt. Und die Waffen? Auch die konnte man in klingende Münzen verwandeln.

Vangard konnte ja nicht ahnen, daß die Unternehmungen von Yves Grammont aus der Kasse spanischer Spione finanziert wurden.

Yves Grammont erhob sich und schob seinen Becher von sich fort. „Dein Auftrag ist hier zu Ende, Vangard, kehre jetzt von mir aus zu deiner Hütte zurück. Keiner wird dich dort behelligen. Den Weg zur Bucht kennen wir ja, wir brauchen dich nicht mehr.“

„Gut, Grammont. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.“

„Ja, das hoffe ich auch.“

„Adieu, Vangard“, sagte Pierre Servan lächelnd. Er war der Kapitän der „Antoine“ – groß, grauhaarig, schnauzbärtig und selten barhäuptig. Auch jetzt trug er seinen breitkrempigen Hut. „Oder soll ich lieber auf Wiedersehen sagen?“ fragte er.

„Auf Wiedersehen, das ist mir lieber“, erwiderte Vangard grinsend. Dabei schob er die Hand in die Hosentasche und klimperte mit den Dukaten. Dann wandte er sich ab, verließ das Steinhaus, kletterte im Schutze des Daches in den Sattel des Falben und ritt davon.

9.

Der Hufschlag war noch nicht verklungen, da verließen die Piraten das Haus bereits durch die andere Tür, die sich zur See hin öffnete. Grammont trieb seine Männer zur Eile an. Arzot hatte das Feuer im Kamin löschen müssen, Ferret hatte rasch die Waffen zusammengesammelt, die in einer Ecke des Raumes gelehnt hatten, Musketen und Tromblons, die er jetzt im Dahinschreiten verteilte.

Diese „Hornet“ und die zweite Galeone, die in der Bucht von Sillon de Talbert ankerten und fast auf sie zu warten schienen, waren für Yves Grammont und seine Kerle ein gefundenes Fressen. Für jedes Schiff, das er versenkte, kassierte der bärtige Anführer eine erkleckliche Summe Geld, egal, ob dieses Schiff nun Reichtümer an Bord hatte oder nicht.

Die Waffen, die er seinen Prisen außerdem zu entnehmen pflegte, ließen sich hervorragend verkaufen. Er hatte seine festen Abnehmer dafür: Sie gingen durch die Hände der Spanier und wurden von diesen nach Rennes verkauft, an die Bourbonen. Somit unterstützte man nach Kräften Heinrich von Bourbon, der demnächst der neue König werden sollte, wenn alles nach Plan verlief.

Nur etwa fünfhundert Yards weit brauchten die Piraten zu laufen, dann hatten sie die Bucht erreicht, in der ihre Schiffe vor Anker lagen. Sie hatten Glück, es regnete im Augenblick nicht mehr, ihre Waffen wurden nicht naß. Trocken brachten sie sie an Bord der Schiffe und verstauten sie hier sofort in den Lasten, so daß sie jederzeit einsatzfähig waren.

Grammont hatte als erster eins der bereitliegenden Beiboote geentert. Jetzt ließ er sich von seinen Männern zu seinem Flaggschiff, der Dreimast-Galeone „Louise“ bringen.

Auch die anderen Kerle machten ihre Boote flott, stiegen hinein und pullten zu den anderen Schiffen – zur „Petite Fleur“, der zweiten Galeone des Verbandes, und zu den beiden Karavellen „Antoine“ und „Coquille“. Sie wurden von den Ankerwachen erwartet und begrüßt, die Jakobsleitern waren bereits ausgebracht. Sie brauchten nur erstiegen und eingeholt zu werden.

Grammont suchte unverzüglich das Achterdeck der „Louise“ auf, gab die erforderlichen Befehle und sah dann seinen Leuten zu – Arzot, Ferret und den anderen –, die sich hastig auf ihre Posten begaben, das Gangspill zu drehen begannen und die Segel aus dem Gei lösten.

Auf den drei anderen Schiffen wurden die gleichen Vorkehrungen getroffen, und bald darauf lagen alle vier Schiffe zum Auslaufen bereit. Knatternd bauschte sich ihr Zeug vor dem rauhen, vom öden Küstenland herüberpfeifenden Südwind.

Die „Louise“ setzte sich an die Spitze und geleitete ihr Gefolge aus der Einfahrt auf die offene See hinaus, wo sie die schwarzen, schäumenden Wogen empfingen. Der Tanz begann, die Schiffe stiegen die Wellen hoch und tauchten in Täler hinunter, als wollten sie darin untergehen, und oft holten sie so weit nach Backbord über, daß sie querzuschlagen drohten.

Doch sie hielten sich in der schweren See und gingen mit schneller, rauschender Fahrt auf Ostkurs, in Richtung Sillon de Talbert.

Die „Louise“ war etwas mehr als zweihundertfünfzig Tonnen groß und mit vierzehn Kanonen des 17-Pfünder-Kalibers bestückt. Die „Petite Fleur“, ebenfalls ein Dreimaster, war um ungefähr fünfzig Tonnen kleiner als Grammonts Schiff und verfügte nur über zwölf Geschütze.

Die „Antoine“ und die „Coquille“ waren lateinergetakelte Zweimaster mit je acht Kanonen.

Pierre Servan hatte wie üblich das Kommando über die „Antoine“ übernommen, Jean Bauduc führte die „Petite Fleur“. Der Kapitän der „Coquille“ war ein Mann namens Saint-Jacques. Dieser Saint-Jacques war einer der härtesten und unberechenbarsten Kerle aus Grammonts Meute. Seine Physiognomie war geprägt durch eine große, leicht gekrümmte Nase, tiefliegende Augen und einen verkniffenen Mund. Er hatte lichtes brünettes Haar und einen Bartansatz, der Vergleiche mit einem Stoppelacker zuließ.

Jedes Schiff war mit über einem Dutzend Piraten bemannt, so daß sich eine Übermacht von fünfzig und mehr Kerlen der Ankerbucht der „Hornet“ und der „Fidelity“ näherte. Zwar hatten sie mit insgesamt zweiundvierzig Kanonen keine bessere Armierung als Hasard und Easton Terry, doch sie hatten die doppelte Anzahl an Schiffen und damit die besseren Angriffsmöglichkeiten und die größere Beweglichkeit.

Und noch etwas hatte Grammont: das Überraschungsmoment war, wie er fest annahm, auf seiner Seite. Im Schutze der Felsen, die die Einfahrt der Bucht säumten, würde er sich anpirschen. Die Sicht war denkbar schlecht, es war so dunkel wie am Abend. Die Wetterverhältnisse waren seine Verbündeten – die Engländer würden ihn und seine Leute erst bemerken, wenn sie bereits mitten unter ihnen waren.

Die Engländer saßen in der Falle.

Rasch näherten sich die vier Piratensegler der Bucht, die Distanz betrug nur noch drei Meilen und schrumpfte schnell zusammen. Das Unheil bahnte sich an, der große Überfall würde noch am Vormittag stattfinden. Die Dinge nahmen ihren Lauf und ließen sich nicht mehr aufhalten. Wie würde das Gefecht enden?

Der Regen peitschte wieder ihre Gestalten, doch sie hatten entsprechend vorgesorgt und sich dick vermummt. Dan O’Flynn und Bill kauerten auf der einen Seite der Einfahrt zwischen den Felsen und hielten zur See hin die Augen offen.

Drüben, an der Ostseite, hatten sich Mulligan und Bingham versteckt. Alle vier sollten sie dem Seewolf und Easton Terry sofort melden, wenn sich auch nur ein harmlos wirkender Fischerkahn auf der See zeigte.

„Glaubst du, daß die Hunde heute noch aufkreuzen?“ fragte Bill.

„Darauf läßt sich schwer antworten“, erwiderte Dan. „Bislang haben wir ja keinen Menschen gesehen. Falls die Franzmänner hier irgendwo ihre Posten sitzen haben, sind diese schon sehr auf der Hut. Wir haben das Gebüsch am Ufer der Bucht abgekämmt und niemanden gefunden. Das will aber nichts heißen. Man kann sich dort sehr gut verstecken, und wir kennen uns schließlich hier nicht so aus wie daheim in Cornwall.“

„Ja. Wie wär’s, wenn wir eine Wette abschließen würden?“

„Ob die Bastarde sich zeigen oder nicht?“

„Genau das. Ich setze einen Copper darauf, daß sie auftauchen, ehe die Mittagsstunde vorbei ist“, sagte Bill.

„Das glaubst du wirklich?“ stieß Dan überrascht aus. „Du bist aber ein Optimist!“

„Sag so was nicht. Es ist eher Pech, wenn wir Besuch von den Bretonen kriegen. Schließlich müssen wir uns dann mit ihnen herumschlagen.“

Dan grinste. „Ja, aber sie erleben ihr blaues Wunder. Die denken nämlich, sie haben leichtes Spiel mit uns. Ruhig Blut, Bill, wir heizen denen schon tüchtig ein.“

„So, wie wir es im Mittelmeer Uluch Alis Bande gezeigt haben?“

„Genauso.“

„Also los, ich lasse ein Achterstück springen“, sagte Bill grinsend.

„Und ich halte zwei Piaster dagegen“, entgegnete Dan, der in seinen Taschen herumgekramt hatte. „Vor heute abend läßt sich hier keiner blicken, es sieht jedenfalls nicht danach aus.“

Wenig später aber glaubte er auf See eine Bewegung zu bemerken und ließ sich von Bill das Spektiv geben. Er zog es auseinander, spähte eine Zeitlang hindurch, dann ließ er es wieder sinken, griff wortlos in die Tasche und holte die zwei Piaster heraus.

Er drückte sie dem verdutzten Bill in die Hand und sagte: „Hier! Du hast gewonnen. Wette ist Wette. Sie kommen.“

„Zur Hölle, Dann, ich kann aber nichts sehen!“ rief Bill. Er nahm das, Messingrohr entgegen und blickte selbst hindurch – und erst jetzt erkannte auch er, daß sich da draußen undeutlich etwas regte. „Du hast immer noch die schärfsten Augen von uns allen“, sagte er bewundernd. „Wie viele Schiffe sind es denn? Ich sehe zwei, die Kurs auf die Bucht nehmen.“

„Drei, vielleicht sogar vier“, korrigierte Dan, dann stand er auf und gab Mulligan und Bingham ein Zeichen. Mulligan winkte zurück, er hatte verstanden. Er wechselte ein paar Worte mit Bingham, nahm dann sein Spektiv zur Hand und hielt ebenfalls nach Nordwesten Ausschau. Von dort aus näherte sich der feindliche Verband, zwei Galeonen und zwei Karavellen, und über die Absichten dieses stattlichen Vierer-Konvois schien kein Zweifel zu bestehen.

Dan und Bill waren aufgestanden. Sie bewegten sich ein Stück weiter auf die Einfahrt zu, blickten wieder zu den fremden Schiffen, verständigten sich noch einmal mit Mulligan und Bingham und nahmen dann ihr Boot, um zur „Hornet“ zu pullen. Dann stieß einen Pfiff aus, der die Männer an Bord der Galeone alarmierte. Auch an Bord der „Fidelity“ wurde man hellhörig.

„Vier Schiffe nehmen Kurs auf die Bucht!“ schrie Dan. „Zwei Dreimaster, zwei Zweimaster. Sie kreuzen, aber es ist offensichtlich, daß sie uns einen Besuch abstatten wollen!“

Hasard, der ans Schanzkleid des Achterdecks der „Hornet“ getreten war, blickte zu der Jolle, die jetzt längsseits ging, dann zu dem zweiten Boot, in dem sich Bingham und Mulligan der „Fidelity“ näherten. So war es vereinbart: Bei Gefahr kehrten die Ausguckposten von der Einfahrt an Bord ihrer Schiffe zurück. Die Gefahr war akut, auch der Seewolf glaubte sofort fest daran, daß das Auftauchen der fremden Schiffe ihnen galt.

Unschwer ließ sich die Absicht des anrückenden Gegners erkennen, zielstrebig kämpften sich die beiden Galeonen und die beiden Karavellen in der schweren, aufgewühlten See auf die Bucht von Sillon de Talbert zu.

Hasard ließ Easton Terry signalisieren und erteilte ihm seine Befehle, und nun ging es los. Längst waren die „Hornet“ und die „Fidelity“, obgleich ihre Geschütze nach wie vor getarnt waren, klar zum Gefecht. Jetzt wurden auch die Anker gelichtet, damit die Schiffe im Falle eines Angriffs sofort beweglich waren – eine zeitraubende Tätigkeit, die bei einer überraschenden Attacke zum Verhängnis werden konnte.

Hasard kletterte auf die Kampanje seines Schiffes und beobachtete den nahenden Verband durch sein Spektiv. Auch Ben Brighton, Big Old Shane und Old O’Flynn hatten sich aufs Achterdeck begeben und hielten durch ihre Rohre Ausschau nach Nordwesten.

„Mein Kieker verrät mir so einiges“, sagte der alte O’Flynn, der von dem bevorstehenden Ereignis gefesselt war. „Wir haben da zwei ordentlich bestückte Galeonen und zwei wendige, flinke Karavellen. Ich weiß wirklich nicht, welche von den Kähnen uns gefährlicher werden könnten.“

„Wenn wir sie reinlassen, sitzen wir in der Falle“, brummte Shane. „Bin mal gespannt, was Hasard jetzt vorhat. Bisher hat er’s uns ja nicht verraten wollen.“

Der Seewolf hatte jedes Wort verstanden. Er ließ das Spektiv sinken, schob es zusammen und grinste.

„Shane“, sagte er laut. „Hast du schon mal was vom verlorenen Lamm gehört, das seine Herde sucht?“

„Ich? Wieso? Steht das in der Bibel? Ich lese doch keine Bücher!“

„Nehmen wir mal an, der ‚Hornet‘ bricht die Ankertrosse“, sagte Hasard und sprang von der Kampanje zum Achterdeck hinunter. „Der Südwind drückt sie auf die offene See hinaus. Die Ankerwache pennt. Der Kapitän tobt, als er merkt, was los ist – und dann hat er seine Mühe, in die Bucht zurückzukehren, weil ihn der Wind und die Strömungen viel zu weit aufs Meer hinaustreiben.“

„Und er ist so mit der Sache beschäftigt, daß er gar nicht bemerkt, wen er im Rücken hat“, fügte Ben grinsend hinzu. „Eine gute Idee.“

„Ja“, sagte nun auch Shane und lachte. „Dann wollen wir mal, was?“

Hasard ließ Easton Terry wieder Zeichen geben, Terry mußte mit der „Fidelity“ in der Bucht bleiben. Hasards Männer hingegen setzten die Segel, und dann glitt die „Hornet“ geisterhaft schnell durch die Ausfahrt aufs offene Meer hinaus.

„Wir lassen die Kerle zappeln, bis sie dicht heran sind“, sagte Hasard. „Dann tun wir so, als hätten wir sie erst jetzt entdeckt, und geben ein Notsignal. Ben, sag Batuti Bescheid, er soll den Vormars entern.“

„Aye, Sir.“ Ben wies mit dem Kopf zu den vier Schiffen, die jetzt mit bloßem Auge zu erkennen waren, wenn man sich ein wenig Mühe gab. „Was meinst du, ob die sich wirklich von uns leimen lassen?“

„Das wird sich ja zeigen“, erwiderte der Seewolf grimmig. „Und dann wissen wir gleich, woran wir sind und können die Hunde richtig einschätzen.“ Er war wieder ganz der Alte, in seinen eisblauen Augen blitzte es verwegen und angriffslustig.

10.

Yves Grammont glaubte, seinen Augen nicht zu trauen. Die eine englische Galeone – es mußte nach Vangards Beschreibung die „Hornet“ sein – trieb plötzlich aus der Bucht hervor und legte sich quer zum Südwind vor die Einfahrt. Wütendes Gebrüll tönte zur „Louise“ und ihren Begleitschiffen herüber.

Grammont wollte schon das Feuer eröffnen, weil er sich entdeckt glaubte, da meldete ihm Ferret, der den Großmars erstiegen hatte: „Sie haben Schwierigkeiten! Sie kämpfen mit der See und drohen zu kentern!“

„Aber sie haben uns entdeckt!“ schrie Grammont mit verzerrtem Gesicht.

„Nein! Noch nicht! Sie wenden uns alle den Rücken zu!“

Hasard spielte seine Rolle gut, die „Hornet“ schlingerte wirklich so gewaltig in den Wogen, daß man den Eindruck haben mußte, sie würde jeden Moment querschlagen und ihre Mannschaft ins Wasser entladen. Gefährlich war das, Hasard riskierte nicht wenig, ein zu gewagtes Manöver, und es war tatsächlich um die „Hornet“ geschehen. Aber die Crew paßte auf und spielte bestens mit. Es gehörte zum Plan.

„Hölle“, murmelte Yves Grammont. „Das wird doch wohl kein Trick sein? Aber was hat der Hund davon, wenn er uns vor der Bucht abfängt? Er ist uns auf jeden Fall unterlegen.“ Er warf einen Blick durchs Spektiv. Vangards Angaben schienen zu stimmen, die Galeone „Hornet“ war denkbar schlecht armiert. Und in der Bucht, soviel war mittlerweile durch die Einfahrt zu erkennen, schien auch nur ein einziges Schiff zu liegen, andere Masten erhoben sich nicht über die Felsen hinaus, man hätte sie sehen müssen.

Grammont wägte kurz alle Möglichkeiten ab, dann beschloß er, weiterhin an seinem Plan festzuhalten und direkt auf die Engländer loszugehen. Daß es sich wirklich um Engländer handelte, stand unumstößlich fest. Munter flatterte der White Ensign, die weiße Flagge mit dem roten Georgskreuz, im Besantopp der „Hornet“.

Die „Louise“ ging dicht an die „Hornet“ heran, die „Petite Fleur“, die „Antoine“ und die „Coquille“ folgten ihr in Dwarslinie.

Plötzlich begann Batuti im Vormars der „Hornet“ zu gestikulieren und Signalfahnen zu schwenken.

„Ankertrosse gerissen!“ meldete Ferret. „Und jetzt haben sie auch noch Ärger mit dem Ruder! Das sind wirklich Pechvögel! Sie fragen, ob wir ihnen helfen können!“

„Das können wir“, sagte Grammont mit höhnischem Grinsen. Dann ließ er die Stückpforten hochziehen und die Kanonen ausrennen. Grimmig blickten die Mündungen der schweren Siebzehnpfünder-Rohre zu beiden Schiffsseiten heraus, die Geschützführer standen klar bei Lunten.

„Sie haben Angst zu sinken!“ rief Ferret.

„Verdammt, was sind das nur für Holzköpfe“, sagte Grammont. Er rieb sich die Hände und wußte noch nicht, wie sehr er sich täuschte. Noch einmal stieg ihm ein leiser Zweifel auf, irgend etwas könne vielleicht doch nicht stimmen, aber er verdrängte ihn aus seinen Gedanken. Jetzt galt es zu handeln!

Hasard warf noch einen letzten Blick durch das Spektiv und konnte den Namen am Bug der heranrauschenden Dreimast-Galeone entziffern: „Louise“. Er steckte das Rohr weg und sprang aufs Hauptdeck hinunter. Wer ihn von Bord des Piratenseglers aus beobachtete, mußte glauben, er sei in heller Aufregung über einen bevorstehenden Ruderbruch und wolle seine Mannschaft zusammenstauchen.

„Achtung jetzt“, sagte er zu Carberry, Blacky, Finnegan, Rogers, Al, Gary und den anderen, die nur darauf warteten, die Geschütze zu enttarnen und auszurennen. „Ich bin sicher, der Franzose zieht gleich alle Register. Er will uns versenken, nicht entern.“

Alles schien darauf hinzudeuten. Die „Louise“ schob sich noch näher heran, dann drehte sie bei und bot den Männern der „Hornet“ den Anblick ihrer Steuerbordbatterie dar. Grammonts Plan war klar: Er wollte die „Hornet“ zusammenschießen und dann auch die „Fidelity“ angreifen, die nach wie vor in der Bucht lag.

Keine Vorwarnung, keine Aufforderung zur Kapitulation: Grammont schrie: „Feuer!“, und die volle Breitseite fuhr donnernd aus den sieben Rohren.

Batuti, der eben noch eifrig signalisiert hatte, duckte sich im Vormars und griff zu Pfeil und Bogen. Verfluchte Dreckskerle, dachte er, gemeiner ging’s wohl nicht.

Hasards Männer gingen auf dem Oberdeck in Deckung, aber gleichzeitig rissen sie die gewachsten Tücher von den Kanonen.

Heulend flogen die Siebzehnpfünder Kugeln des Gegners heran, doch die Piraten hatten bei dem starken Seegang nicht gut genug zielen können. Drei Kugeln schlugen noch vor der „Hornet“ ins Wasser, zwei rasten hinter dem Heck vorbei, und die beiden anderen orgelten hoch genug über die Kuhl weg. Sie richteten keinen Schaden an.

Jetzt war jedoch auch die „Petite Fleur“ heran und legte sich im Kielwasser der „Louise“ quer zum Wind. Ihre Kanonen sprachen, Feuer und Rauch quollen aus den Rohren, sechs Kugeln stießen gegen die „Hornet“ vor.

Diesmal hatten die Franzosen mehr Glück. Die eine Kugel knickte der „Hornet“ glatt den Bugspriet weg, eine andere krachte ihr oberhalb der Wasserlinie ins Achterschiff und blieb in einem der Räume in der unmittelbaren Nachbarschaft der Kapitänskammer liegen. Die übrigen vier Kugeln verfehlten ihr Ziel.

Die „Louise“ schickte sich zum Überstaggehen an, doch jetzt gab Hasard seinen Männern einen Wink, und sie gingen ihrerseits zur Aktion über. Auf der „Hornet“ fielen die letzten gewachsten Tücher, die die Kanonen bedeckten, und die getarnten Stückpforten wurden schleunigst hochgezogen.

„Arwenack!“ schrien die Seewölfe, dann rollten die Kanonen vor und streckten ihre langen eisernen Rohre auf die See hinaus. Die Lunten glommen auf, das Zündkraut begann zu knistern, und brüllend fegte gleich die zehnfache Antwort auf Grammonts Attacke zur „Louise“ und zur „Petite Fleur“ hinüber.

Easton Terry befolgte den Befehl, den Hasard ihm vor dem Auslaufen gegeben hatte. Jetzt, da er die Kanonen der „Hornet“ wummern hörte, ließ auch er die Segel setzen, und die „Fidelity“ verließ ebenfalls die Bucht. Platt lag sie vor dem Südwind und hatte die günstige Luvposition inne. Sofort griff Terry in das Gefecht ein.

Die Fetzen flogen, massiver Widerstand prallte den Piratenschiffen entgegen. Damit hatte Yves Grammont weiß Gott nicht gerechnet, und in seinem Zorn verfluchte er Vangard, der sich in seinen Beobachtungen doch geirrt hatte.

Es war aber zu spät, die Taktik zu ändern, er mußte sich dem Gegner voll stellen. Natürlich gab sich Grammont nicht geschlagen – zornig warf er sich mit seinem kompletten Viererverband in den Kampf, und jetzt brüllten und donnerten die Kanonen, daß es bis nach Brest hin zu hören war.

Die „Petite Fleur“ war durch zwei Kugeln getroffen und versuchte, sich dem erneuten Feuer der „Hornet“ durch ein geschicktes Manöver zu entziehen. Hasard folgte ihr jedoch und entging um Haaresbreite der nächsten Breitseite, die die „Louise“ auf sein Schiff losschickte.

Die „Antoine“ und die „Coquille“ nahmen die „Fidelity“ in Empfang, aber Easton Terry ließ sich nicht beeindrucken. Von Anfang an bewies er Kaltblütigkeit. Längst war auch sein Schiff klar zum Gefecht, und jetzt brachte er der „Antoine“ gleich im ersten Anlauf ein paar empfindliche Treffer bei.

Ferris Tucker zündete auf dem Achterdeck der „Hornet“ eine seiner Flaschenbomben und schleuderte die kompakte Ladung zur „Petite Fleur“ hinüber. Ehe man dort erkannt hatte, daß es sich um eine Wurfgranate handelte, ging sie hoch und riß ein Loch in das Vorschiff.

Jean Bauduc, der sich gerade auf der Kuhl seines Schiffes befand, konnte sich gerade noch rechtzeitig in Deckung bringen. Dann sprang er wieder auf und fluchte mit seinen Männern zusammen über die Bescherung, die sich ihren Augen bot, als sich der Rauch der Explosion verzog.

Batuti und Shane sandten Brandpfeile gegen die Feindschiffe aus, und da es gerade wieder nicht regnete, fing die Takelage der „Petite Fleur“ als erste Feuer. Wenig später brannten auch die Segel der „Antoine“.

Bisher hatte der Kampf ohne merkliche Veränderung hin und her getobt, jetzt aber zeichnete sich eine Wende ab. Die „Hornet“ und die „Fidelity“ gewannen die Oberhand. Easton Terry erwies sich als ein harter Kämpfer, Hasard gestand ihm dies neidlos zu. Im Gefecht ergänzten sie sich ausgezeichnet, als hätten sie schon früher Seite an Seite gekämpft.

Die „Louise“ glitt ein Stück außer Reichweite und versuchte dann, an die „Fidelity“ heranzusegeln, doch Terry war auf der Hut und empfing Grammont mit Drehbassenfeuer vom Achterkastell.

Die „Coquille“ hatte gewendet und hielt jetzt auf die „Hornet“ zu, um der in Bedrängnis geratenen „Petite Fleur“ zu Hilfe zu eilen. Auf der „Antoine“ hatte man alle Hände damit zu tun, den Brand zu löschen.

Hasard ließ das Feuer auf die „Coquille“ eröffnen und schlug sie zurück, dann wandte er sich erneut der „Petite Fleur“ zu. Wieder krachten die Kanonen, wieder flog eine Wurfgranate, und diesmal war das Schicksal von Jean Bauducs Schiff besiegelt. Ihre Lecks klafften bis über die Wasserlinie hinaus. Sie zog Wasser und begann zu sinken.

Bauduc und seine Kerle versuchten zu retten, was zu retten war, doch bald mußten sie einsehen, daß es sinnlos war. Sie mußten die „Petite Fleur“ aufgeben und von Bord gehen,

Terry wehrte die „Louise“ ab, dann ging er an die „Antoine“ heran, ehe die „Coquille“ sich ihm zuwenden konnte. Er feuerte die vorderen Drehbassen ab, luvte an und ließ auch die Culverinen sprechen, und jetzt war die „Antoine“ genauso schwer angeschlagen wie die „Petite Fleur“, die ihr Heck ins Wasser senkte und den Bug fast senkrecht hochhob, während ihre Mannschaft auf die Felsen an der Bucht zuschwamm und ihre liebe Not hatte, nicht elendig zu ersaufen.

Auch die „Antoine“ sank, und Pierre Servan und seine Leute mußten ebenfalls von Bord gehen, sie hatten keine andere Wahl.

Grammont und Saint-Jacques nahmen mit der „Louise“ und der „Coquille“ erbost Kurs auf die Engländer.

Die Männer der „Antoine“ konnten ein Beiboot abfieren, doch dieses kenterte im Sturm, als sie gerade hineingeklettert waren. Servan und seine Männer mußten schwimmen wie Bauduc und dessen Crew, und die „Louise“ und die „Coquille“ konnten die Schiffbrüchigen nicht übernehmen, weil die „Hornet“ und die „Fidelity“ sie immer wieder abdrängten.

Schließlich mußte Yves Grammont die Flucht antreten.

Obwohl es ganz und gar nicht seinem Wesen entsprach, mußte er kapitulieren, vorläufig jedenfalls, denn auch die „Louise“ war schwer angeschlagen. Die „Coquille“ allein konnte sich gegen die „Hornet“ und die „Fidelity“ nicht behaupten, und so verzog sich auch Saint-Jacques im zunehmenden Sturm nach Westen. Er folgte Grammont, der wutentbrannt nach einer Möglichkeit Ausschau hielt, zu verholen und die schlimmsten Lecks abzudichten.

Wieder begann es zu regnen. So erloschen wenigstens die Feuer in der Takelage. Doch nichts konnte Grammonts Zorn abkühlen.

Er schwor bittere Rache – und das Gesicht jenes schwarzhaarigen Teufels, den er auf dem Achterdeck der „Hornet“ hatte stehen sehen, hatte er sich ganz genau gemerkt. Immer wieder fragte er sich, wer dieser Himmelhund, dieser Bastard und Satansbraten, wie er ihn nannte, wohl sein mochte. Ganz bestimmt kein harmloser Handelsfahrer. Diesen Irrglauben hatte Grammont teuer bezahlen müssen, und jetzt stand er vor einem Rätsel.

Warum diese Falle? Warum der ganze Aufwand? Hatte England etwas herausgefunden und holte jetzt zum Gegenschlag aus? Glaubte man dort drüben, auf der anderen Seite des Kanals, nicht mehr an zufällige Überfälle von Piraten auf Engländer, sondern vermutete hinter alldem ein Komplott?

Wie auch immer – er würde sich an diesem schwarzhaarigen Hund, der der Führer der beiden Schiffe zu sein schien, rächen!

Hasard und Easton Terry verzichteten darauf, die flüchtenden Piraten zu verfolgen. Sie nahmen sich lieber die Schiffbrüchigen vor, deren einzige Rettung jetzt darin bestand, direkt zum Ufer zu schwimmen und sich in der Umgebung der Bucht zu verstecken.

„Wir müssen versuchen, einige der Kerle zu schnappen“, sagte der Seewolf zu Ben Brighton. „Wie sieht es bei uns aus? Haben wir Verletzte?“

„Nur leichte Verwundungen, nichts Ernstes“, antwortete Ben. „Der Kutscher ist dabei, die Blessuren zu verarzten.“

„Gut. Lecks?“

„Ferris hat eins abgedichtet, weitere scheint es nicht zu geben, jedenfalls nicht unter der Wasserlinie.“

„In Ordnung, dann können wir also weitermachen. Wir müssen aus den Piraten herauskriegen, wo sich ihr Schlupfwinkel befindet. Dorthin sind die ‚Louise‘ und die Karavelle geflohen, dort müssen wir sie erneut stellen.“

„Ja. Laufen wir die Bucht wieder an?“

„Sofort, und dann fieren wir die Beiboote ab“, entgegnete Hasard. Er legte den Kopf in den Nacken und schrie zu Batuti hinauf: „Batuti, gib Terry ein Zeichen! Er soll anluven, wir segeln zurück in die Bucht!“

„Aye, Sir!“ rief der Gambia-Mann, dann vertauschte er Pfeil und Bogen wieder mit den Signalfahnen.

So kehrten die „Hornet“ und die „Fidelity“ in die Bucht von Sillon de Talbert zurück, gingen vor Anker und ließen ihre Beiboote zu Wasser. Der Sturm tobte über die Nordküste der Bretagne und behinderte sie in ihrem Unternehmen, doch sie waren fest entschlossen, einige von den Kerlen zu fangen.

Ihr Auftrag endete hier nicht, er hatte eben erst angefangen und mußte weitergeführt werden. Wer war der Anführer der Bande, den Hasard auf dem Achterdeck der „Louise“ hatte stehen sehen – dieser vollbärtige Kerl mit der Augenbinde? In wessen Auftrag handelte er? Steckten wirklich die Spanier dahinter? Sollte Lord Gerald Cliveden recht behalten?

Es gab viel zu tun. Hasard mußte sich beeilen, wenn er die schiffbrüchigen Piraten noch erreichen wollte, sie waren jetzt bereits an Land. Gelang es ihm nicht, sie zu stellen, stand er wieder vor dem Nichts und konnte von vorn beginnen.

Die „Petite Fleur“ und die „Antoine“ waren gesunken, der Kanonendonner war verstummt. Nichts schien mehr von dem erbitterten Gefecht zu zeugen, das eben stattgefunden hatte. Nur der Sturmwind heulte weiterhin sein klagendes Lied über dem unwirtlichen Küstenland, das den Seewölfen jetzt noch menschenabweisender als vorher erschien …


1.

Der Mann, der neben dem Kutscher auf dem ersten Frachtwagen saß, hatte ein südländisches Aussehen. Im Gegensatz zu dem bretonischen Kutscher mit seinem blonden Kraushaar und den blauen Augen sah er fast aus wie ein Nordafrikaner. Seine schwarzen Jettaugen versuchten, die Dunkelheit vor sich auf dem schmalen Waldweg auf größere Entfernung zu durchdringen, aber mehr als fünfzig Schritte weit konnte er nicht blicken.

Der bretonische Kutscher fluchte, wie seit Stunden, leise vor sich hin. Er hielt es für vollendeten Schwachsinn, bei Nacht über die unsicheren Straßen von Saint Brieuc zu fahren.

Wenn die Schnapphähne und Wegelagerer bisher nicht gewußt hatten, daß sich ein Überfall auf die drei Wagen lohnte, dann mußte ihnen die nächtliche Fahrt und die Tatsache, daß die Wagen auf kaum befahrenen Nebenstrecken nach Rennes gelenkt wurden, deutlich kundtun, daß hier etwas besonders Wertvolles transportiert wurde.

Der Bretone fuhr nicht zum erstenmal Waffen nach Rennes, wo sie den Männern Heinrich von Bourbons übergeben werden sollten, von dem es hieß, er werde der zukünftige König Frankreichs. Der Bretone mochte das zwar nicht glauben, denn Heinrich von Bourbon war Hugenotte, und Papst Clemens VIII. hatte einen Bann über ihn verhängt, aber er verstand auch nichts von der nohen Politik und wollte sich auch nicht einmischen in etwas, das ihm nächstens ein Loch im Kopf, sonst aber nichts einbringen konnte.

Das rechte Vorderrad des Frachtwagens rumpelte durch ein Loch, daß der dunkelhäutige Beifahrer mit dem Kopf gegen den ersten Spriegel stieß, der den Fahrerbock überschirmte.

Der kleine Mann stieß einen Fluch aus, den der Bretone nicht verstand, und mit hartem Akzent fügte er böse hinzu: „Paß doch auf, du Tölpel!“

Der Bretone nahm die Zügel auf und brachte die sechs schweren Percherons zum Stehen. Fast gelassen wandte er sich an den dunklen Mann neben sich.

„Hör mal zu, du lausiger Spanier“, sagte er in seiner schwerfälligen und gemächlichen Aussprache. „Erst schickst du uns mitten in der Nacht auf unbekannte Nebenstraßen, und dann hast du noch die Frechheit, mir vorzuwerfen, daß ich im Dunkeln ein Loch in der Straße übersehe. Hier, nimm die Zügel und sieh zu, wie du selbst nach Rennes gelangst. Ich hab die Schnauze voll von deinem Gemeckere.“

Von den beiden hinteren Wagen drangen leise Rufe zu ihm vor. Er kümmerte sich nicht darum. Ohne auf das plötzliche Gejammere des Spaniers zu hören, schwang er sich vom Bock des Wagens und ging an ihm vorbei zu den Männern, die hinter ihm hatten anhalten müssen. Er erklärte ihnen mit kurzen Worten, daß er keine Lust mehr habe, für ein paar Sous seinen Kopf hinzuhalten.

Die beiden anderen Kutscher hoben nur die Schultern. Sie brauchten das Geld, das sie mit der Fahrt verdienten, für ihre Familien.

Der Bretone verschwand in der Nacht.

Der Spanier tauchte bei ihnen auf.

„Wo ist der sture Kerl geblieben?“ fragte er.

Der Kutscher des zweiten Wagens zuckte mit den Schultern und wies mit dem Daumen hinter sich in die Nacht.

„Der ist weg“, sagte er. „Sie müssen den Wagen schon selber lenken.“

Wieder fluchte der Spanier.

„Wie weit ist es noch bis zur Mühle von Frigus?“ fragte er wütend.

„Etwa zwei Stunden, wenn wir das bisherige Tempo durchhalten.“

Der Spanier nickte.

„Ich werde den ersten Wagen fahren“, sagte er. „Paßt auf, die Straße ist voller Löcher. Die zwei Stunden müssen wir noch hinter uns bringen, dann werden wir von einem Trupp Soldaten begleitet.“

Der Kutscher nickte. Er wartete, bis der Spanier den ersten Wagen wieder in Bewegung gesetzt hatte, dann schwang er die Peitsche über die Rücken der Zugpferde und gab ihnen die Zügel frei.

Polternd setzten sich die drei Wagen wieder in Bewegung und übertönten alle anderen Nachtgeräusche des Waldes.

Zwei Stunden noch, dachte der Kutscher. Beljac ist ganz schön blöd, daß er auf seinen Lohn verzichtet, nur weil der Spanier ihn angemekkert hat.

Er hörte neben sich aus dem Wald scharrende Geräusche und dann ein helles, metallisches Klirren. Als er sich umdrehte, die dunklen Gestalten erkannte, die zwischen den Bäumen auf die Wagen zuhuschten, und einen Schrei ausstoßen wollte, traf ihn ein Pfeil im Hals und tötete ihn auf der Stelle. Mit einem Röcheln ließ er die Zügel fahren und kippte zur Seite. Reglos blieb er mit dem linken Arm am Bremshebel hängen.

Er hörte nicht mehr das Brüllen der Angreifer, die sich auf die Wagen stürzten und auch den Spanier und den Fahrer des letzten Wagens von den Böcken zerrten.

Der Spanier schrie wie am Spieß. Er löste bei den wüsten Gestalten, die ihn umringten, nur grölendes Gelächter aus. Zwei bärenstarke Halunken hatten ihn an den Armen gepackt.

Er hörte auf zu schreien und starrte auf die beiden Männer, die zum ersten Wagen traten und zuschauten, wie ein paar andere die Wagenplanen aufschlitzten. Behende wie Affen kletterten sie hinauf, rissen die Kisten und Säkke auf und schwenkten triumphierend Musketen, Pistolen und Säbel über den Köpfen.

Der Spanier hatte einen der beiden Männer erkannt. Er preßte die Lippen aufeinander, daß sie nur noch schmale Striche waren. Seine schwarzen Augen sogen sich an dem länglichen Gesicht mit dem schmalen Oberlippenbärtchen fest. Die Augen wurden von der breiten Krempe eines dunkelroten Hutes beschattet, nur ab und zu erhellten die zuckenden Flammen der Fackeln, die von den Wegelagerern entzündet worden waren, sein Gesicht bis zur Stirn hinauf.

Das war Gustave Le Testu.

Der Spanier sprach den Namen lautlos aus wie einen bösen Fluch. Er hatte gewußt, daß sich der gottlose Hugenotte in dieser Gegend herumtrieb, deshalb hatte er ja auch Begleitschutz angefordert.

Aber der Schnapphahn mußte eine goldene Nase haben. Nur ein paar Meilen weiter wäre er den Soldaten Heinrich von Bourbons in die Hände gefallen, und dann wäre es ein für allemal um ihn geschehen gewesen.

Der Haß auf den Hugenottenteufel fraß den Spanier fast auf. Er sah, wie die Kerle den toten Kutscher vom Bock des zweiten Wagens zerrten und ihn in den Wald schleiften. Den Mann vom dritten Wagen hatten sie gepackt, und obwohl er um Gnade flehte, wurde er eiskalt mit einem Messer umgebracht.

Der Spanier tat, als verließen ihn die Kräfte. Seine Muskeln erschlafften. Er wehrte sich nicht mehr gegen die harten Griffe der beiden Kerle, die ihn in der Zange hatten. Unter halb geschlossenen Lidern hervor sah er, wie der hochgewachsene, schwarzhaarige Mann neben Le Testu auf ihn aufmerksam wurde. Gleichzeitig spürte er, wie sich die Griffe an seinen Armen lockerten.

Er dachte an das Messer, das in seinem Stiefelschaft steckte, aber noch konnte er sich nicht befreien. Er mußte den Ohnmächtigen, der sich selbst aufgegeben hat, weiterspielen, wenn er noch eine Chance haben wollte.

Der Schwarzhaarige trat näher auf ihn zu.

„Wen habt ihr denn da?“ fragte er die beiden Kerle, die den Spanier gepackt hatten.

„Er hat den ersten Wagen gelenkt“, erwiderte der eine der bärenstarken Burschen.

Der Schwarzhaarige grinste wie der Teufel persönlich.

„Der sieht mir nicht wie ein Franzose aus“, sagte er. Mit einer herrischen Handbewegung befahl er den beiden, den Mann loszulassen.

Sie gehorchten und traten einen Schritt zurück.

Auf diesen Augenblick hatte der Spanier gewartet.

Seine Hand zuckte hinunter zum Stiefel, und nur Sekundenbruchteile später glitzerte die schmale, lange Klinge im Licht der blakenden Fakkeln.

Der Schwarzhaarige sprang zurück, und die kreisende Klinge verfehlte ihn knapp. Ehe die beiden Kerle, die seitlich hinter dem Spanier standen, wieder zupacken konnten, hatte der Spanier einem von ihnen das lange Messer in die Seite gestoßen. Der Mann klappte zusammen, als hätte ihn ein Pferd getreten.

Der andere begann zu brüllen. Mit einem mächtigen Satz versuchte er, sich aus der Reichweite der langen Klinge zu bringen, aber er schaffte es nicht ganz. Die Spitze erwischte sein Hemd an der Brust. Er schrie auf und starrte an sich hinunter. Ein blutiger Streifen zog sich quer über seine Brust.

Der Spanier nutzte die Verwirrung. Er warf sich herum, duckte sich und hetzte ein Stück den dunklen Weg entlang, den sie zur Mühle von Frigus hatten fahren wollen. Dann verschwand er seitlich zwischen den Bäumen.

In seinen Ohren dröhnte es vom Geschrei der Männer. Ein fürchterliches Krachen ließ ihn zusammenzucken. Hinter ihm wurde die Nacht von einem Blitz erhellt, und dann schlug ein Stück Blei dicht neben ihm im Stamm einer Eiche ein.

Panik ergriff ihn. Wie ein Wilder bahnte er sich einen Weg durch das Unterholz, stolperte, fiel der Länge zach hin, rappelte sich wieder hoch und hetzte weiter.

Er wußte, daß es um mehr als sein Leben ging. Er mußte die Soldaten m der Mühle von Frigus erreichen, sie warnen und auf Gustave Le Testu hetzen, der einer der ärgsten Feinde Heinrichs von Bourbon war.

Erst nachdem er mehrere hundert Schritte weit in den Wald gelaufen war, wagte er, stehenzubleiben und zu lauschen. Noch immer waren aus weiter Entfernung die Geräusche der Männer bei den Wagen zu vernehmen. Aber noch deutlicher hörte er das Rascheln von Sträuchern und das leise Brechen von Zweigen.

Sie hatten jemanden hinter ihm hergeschickt, um ihn zu töten!

Die Brust des Spaniers hob und senkte sich unter heftigen Atemzügen. Das Stechen in seinen Lungen hatte sich bis zur Unerträglichkeit gesteigert. Er wußte, daß er nicht mehr lange würde laufen können. Er konnte die Mühle von Frigus nur erreichen, wenn er die Verfolger ausschaltete und langsam seinen Weg fortsetzte.

Er verfluchte die Tatsache, daß er seine Pistolen nicht bei sich trug. Als er die Zügel des Gespanns übernommen hatte, waren sie ihm hinderlich gewesen, und er hatte sie hinter sich auf die Bank gelegt. Der Überfall der Schnapphähne war zu schnell erfolgt, als daß er Zeit dazu gehabt hätte, danach zu greifen. Vielleicht war gerade das sein Glück gewesen. Auch wenn er einen oder zwei von ihnen getötet hätte, wäre er selbst wahrscheinlich auch längst tot gewesen.

Sein Atem beruhigte sich nur langsam. Er starrte auf das lange Messer in seiner rechten Hand. Es mußte genügen, um mit den Verfolgern fertig zu werden.

Fackelschein zuckte in fünfzig Schritten Entfernung durch den Wald. Er hörte die Stimmen der drei Männer, die sich keine Mühe gaben, leise zu sein.

Auf einmal blieben sie stehen und lauschten.

Der Spanier hörte, wie einer von ihnen sagte: „Der Bursche muß sich irgendwo in der Nähe versteckt haben. Er kann nicht so weit weg sein, daß wir ihn nicht mehr hören.“

„Seid vorsichtig!“ warnte ein anderer. „Er hat Sorlin mit einem Stich getötet und Marbiche die Brust aufgeschlitzt!“

Sie begannen zu flüstern, und mit weit vorgereckten Fackeln setzten sie ihren Weg langsamer fort. Sie hatten sich verteilt und blieben hin und wieder stehen, um zu lauschen.

Der Spanier wagte nicht, sich zu rühren. Er kauerte sich hinter einem dichten Gebüsch nieder. An den Lichtpunkten der Fackeln erkannte er, wie dicht die drei Männer bereits waren.

Sie bewegten sich zum Glück nicht genau auf ihn zu. Vielleicht übersahen sie ihn, und er konnte eine andere Richtung einschlagen, wenn sie an ihm vorbei waren.

Im nächsten Augenblick erkannte er, daß seine Hoffnung vergebens war. Der Straßenräuber, der den linken Flügel bildete, würde dicht an seinem Versteck vorbeigehen. Im Licht seiner Fackel mußte er den dunkel gekleideten Mann erkennen.

Der Spanier begann zu zittern. Er wußte, daß seine Chancen, einen Kampf mit den drei Wegelagerern, für die das Morden ein alltägliches Geschäft war, zu überleben, äußerst klein waren. Dennoch war er bereit, sein Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Der Mann war schon fast an ihm vorbei, als er den dunklen Schatten hinter dem Gebüsch erkannte. Er schlug mit der Fackel, die er in der linken Hand hielt, blitzschnell zu, aber der Spanier hatte bereits reagiert. Sein Messer drang in den Körper des Wegelagerers ein.

Der Mann brüllte seinen Schmerz hinaus. Er ließ Fackel und die Pistole, die er in der rechten Hand gehalten hatte, fallen und preßte beide Hände auf die tödliche Wunde, die ihm der Spanier beigebracht hatte.

Der Spanier griff hastig nach der Pistole. Bevor der zweite Mann, der auf ihn zustürzte, die Gefahr erkannte, krachte die Waffe in der Hand des Spaniers, und das Blei schleuderte den Wegelagerer zur Seite.

Die Fackel beschrieb einen zischenden grellen Kreis, dann fiel sie zur Erde, und kleine Flammen leckten an einem Busch hoch. Sie erloschen jedoch bald, da das Laub von dem vorhergegangenen Regen noch ziemlich feucht war.

Der dritte Straßenräuber war stehengeblieben und starrte dorthin, wo die beiden Fackeln seiner Kumpane langsam erloschen. Er konnte sich nicht erklären, was vorgefallen war, da er zu weit von den anderen entfernt gestanden hatte.

„Briand!“ rief er. „Hast du den Burschen erwischt?“

Der Spanier kroch hastig auf den Wegelagerer zu, den er niedergeschossen hatte. Hoffentlich hatte der Kerl ebenfalls eine Pistole bei sich. Er hörte die Stimme des dritten, und aus seinen Worten entnahm er, daß er nicht wußte, daß er den Schuß abgegeben hatte. Offensichtlich hatte er nicht mitgekriegt, daß er dem ersten Mann die Waffe hatte abnehmen können.

Er erreichte den zweiten Kerl und sah sofort, daß die Kugel tödlich getroffen hatte. Der Mann hatte beide Arme weit von sich gestreckt. In den letzten zukkenden Flammen seiner Fackel sah der Spanier die leblosen Augen des Straßenräubers.

Und er sah die Pistole, die der Mann immer noch in der Hand hielt.

Er kroch auf ihn zu und faßte nach der Waffe. Er zerrte an der Hand des Toten, aber der gab die Pistole nicht frei. Keuchend bog der Spanier die Finger auf. Entsetzen breitete sich in ihm aus, als die Geräusche des dritten Mannes, der durch die Büsche brach, immer lauter wurden.

Dann hatte er es endlich geschafft. Er warf sich herum, sah den langen, grellen Blitz, der auf ihn zuraste, hörte das Krachen und spürte, wie ihm Dreck gegen die linke Gesichtshälfte gespritzt wurde. Instinktiv richtete er die Pistole des Toten auf den riesigen Schatten, der vor ihm auftauchte. Mit dem Daumen zog er während der Bewegung den Hahn zurück.

Innerhalb von Sekundenbruchteilen schossen ihm die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Was war, wenn das Pulver nicht trocken war? Hatte der Mann die Pistole überhaupt schußfertig gehabt? Aber sonst hätte er sie doch nicht in der Hand gehalten!

In seine Gedanken hinein krachte der Schuß. Seine Hand wurde vom Rückstoß geprellt, und der Schmerz zuckte bis in sein Schultergelenk.

Im Schein der Fackel, die der Mann in der erhobenen Linken hielt, sah er, wie sich die Augen des Mannes weiteten. Auf seinem derben Leinenhemd bildete sich schnell ein dunkler Fleck. Er wankte, aber er fiel nicht. Die Finger seiner rechten Hand öffneten sich. Die abgeschossene Pistole fiel zu Boden.

Die Augen des Spaniers füllten sich mit Angst, als die rechte Hand des Mannes zu der zweiten Pistole griff, die er im Gürtel stecken hatte. Wie gebannt starrte er auf die langsame, fast bedächtig wirkende Bewegung. Er wollte nach seinem Messer greifen, doch zu seinem Entsetzen dachte er daran, daß das Messer bei dem ersten Straßenräuber, dem er die Pistole abgenommen hatte, liegengeblieben war.

Die Hand des Wegelagerers schloß sich um den Knauf der Pistole und zerrte sie hervor. Der Lauf schwenkte auf den Spanier zu, und dann wies die daumengroße Mündung genau auf seinen Kopf.

Schweiß lief dem Spanier durch die Augenbrauen in die Augen. Es brannte, aber er konnte den Blick nicht von dem Riesen wenden, der ihn töten wollte. Er sah, wie sich dessen Finger am Abzug krümmte, und erwartete die Mündungsflamme.

Aber nichts geschah. Dann erkannte er, daß der Mann den Hahn nicht gespannt hatte. Mit einem Schrei wollte er aufspringen, doch in diesem Moment begann die schwere Gestalt vor ihm zu schwanken. Ohne die Fackel oder die Pistole loszulassen, krachte der Mann der Länge nach ins Gebüsch.

Erstarrt verharrte der Spanier fast eine Minute lang. Er konnte nicht begreifen, daß es ihm gelungen war, seine drei Gegner zu überwältigen. Dann blickte er sich gehetzt um. Doch nirgends war etwas zu sehen. Als er angestrengt lauschte, vernahm er nicht das geringste Geräusch. Der in seiner Ruhe gestörte nächtliche Wald hüllte sich in Schweigen. Nicht einmal die Bäume schienen sich im stärker werdenden Wind zu bewegen.

Der Spanier warf sich herum und begann zu laufen. Er schlug die Richtung zur Straße ein, die zur Mühle von Frigus führte. Ein Glücksgefühl stieg in ihm auf.

Er hatte überlebt! Er konnte die Soldaten warnen, und dann würde eine Jagd auf die Schnapphähne beginnen, daß ihnen Hören und Sehen verging. Er lachte laut auf.

In diesem Moment traf es ihn wie ein Hufschlag in der rechten Schulter. Im Unterbewußtsein hörte er das Krachen einer Pistole, und als er nach vorn aufs Gesicht fiel, dachte er voller Panik: Ich habe ihm die Pistole nicht abgenommen!

Schmerzen rasten durch seinen Körper und schienen ihn zu verbrennen. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, daß die Kugel ihn nicht getötet hatte. Mit dem linken Arm stemmte er sich vom weichen Waldboden hoch und schaffte es, auf die Knie zu gelangen.

Er blickte sich um. Die Fackel des Mannes, der ihm die Kugel in die Schulter gejagt hatte, verlöschte gerade zuckend. Von dem Mann war nichts mehr zu sehen. Dunkelheit herrschte zwischen den Stämmen der Bäume.

Es dauerte eine Weile, bis er sich am Stamm einer Fichte hochgezogen hatte. Der Schmerz in der rechten Schulter brachte ihn fast um. Er spürte ihn bis hinunter ins Bein, Wellen von Übelkeit überschwemmten sein Bewußtsein.

Er wußte nicht, wie es ihm gelungen war, bis auf die Straße zu gelangen. Jetzt fanden seine Füße sichereren Halt, und er taumelte vorwärts.

Es schien ihm, als sei er stundenlang gelaufen, als er endlich ein Licht durch die Bäume schimmern sah. Er hörte das Klirren von Zaumzeug. Stimmen wehten ihm entgegen.

Er versuchte, seinen Schritt zu beschleunigen, aber er merkte, daß seine Füße ihm nicht mehr gehorchen wollten. Er geriet ins Straucheln und stürzte. Mühsam hob er den Kopf und spuckte Sand aus. Er wollte schreien. Mehr als ein leises Krächzen brachte er nicht zustande.

Nein, dachte er. Nicht so kurz vor dem Ziel! Ich muß es schaffen! Jetzt darf ich nicht aufgeben!

Er spürte, wie das Blut aus der Schulterwunde wieder zu rinnen begann, und er wußte, daß immer mehr Leben aus ihm wich. Mit zusammengepreßten Zähnen schaffte er es, sich wieder auf die Beine zu stellen. Es dauerte eine Weile, bis er wieder gehen konnte. Vorsichtig setzte er Fuß vor Fuß. Er wußte, daß ihn Eile nur dem Tod näherbringen würde.

Dann hatten ihn die Soldaten entdeckt. Uniformierte Männer mit Waffen in den Händen eilten ihm entgegen, und als sie sahen, wie schwer er verwundet war, trugen sie ihn bis vor die Mühle, wo ein Offizier stand und ihn anblickte, als sei er der Hölle entsprungen.

„Die Waffen …“ stieß er heiser hervor. „Le Testu – er hat die Wagen …“

Der Offizier war mit zwei Schritten bei ihm.

„Wo?“ fragte er knapp.

„Fast zwei Stunden von hier …“ Die Stimme des Spaniers verwehte. Sein Kopf sackte zusammen, und die beiden Soldaten, die bemerkten, daß sie einen Toten in den Armen hielten, ließen ihn sanft zu Boden gleiten.

„Auf die Pferde!“ erklang die schneidende Stimme des Offiziers. Er wandte sich an den beleibten Mann, der in der Tür der Mühle stand. „Sie kümmern sich um den Toten, Mann!“

Dann schwang er sich in den Sattel des Schweißfuchses, den einer der Soldaten herangebracht hatte, stieß den rechten Arm mit dem Säbel in die Luft und preschte los.

Mit lautem Klirren und dem Schlagen von Hufen folgten ihm die zwei Dutzend Soldaten, die den Wagenzug von der Mühle von Frigus aus bis nach Rennes hatten eskortieren sollen.

Бесплатный фрагмент закончился.

3 157,60 ₽