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Burkhard Wetekam

GREIFSWALDER GESPENSTER


»Greifswalder Gespenster« ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen, Gegebenheiten und Institutionen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für Wolfram, den Freund der Biber

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Epilog

DER AUTOR

Prolog

»Du weißt, was du tun musst.« Unter der Maske klang die Stimme des Mannes dumpf und irgendwie verwaschen. Eine Hand, von der er nicht wusste, zu wem sie gehörte, presste seinen Kopf auf den Boden. Er konnte die feuchte Erde riechen und abgestorbene, faulige Biomasse.

»Was sagst du? Unterschreibst du?«

Er zog es vor zu schweigen. Das konnte er: schweigend protestieren. Eigenartigerweise verspürte er kaum Angst, nur eine sonderbare Form von Aufregung, gepaart mit Ungläubigkeit und der Lust, diesen Typen zu sagen, was er von ihnen hielt. Noch immer erstaunte es ihn, dass es solche Typen wirklich gab.

»Los, antworte!«

Ein Fußtritt traf ihn in die Seite, unterhalb des Rippenbogens. Für einen Augenblick blieb ihm die Luft weg. Hätte er nicht vorsichtiger sein müssen? War so etwas nicht zu ahnen, ja beinahe zu erwarten gewesen? Jetzt fühlte es sich doch ganz anders an, als er sich das ausgemalt hatte. Seine Hände krampften sich ins Gras, er spürte zarte Halme zwischen den Fingern, aber auch eine Gruppe fester Stängel, wie von Binsen. Konnte das sein? War es an diesem Ort, diesem Niemandsland zwischen Hafen und altem Friedhof, feucht genug für Binsengewächse? Es gab ja viele Arten, Hunderte mussten es sein, bekannt war vor allem die Flatter-Binse, Juncus effusus, mit ihren dichten, dunkelgrünen Horsten und den geradlinig aufstrebenden Halmen.

»Na, was ist?«

Der Kerl, der ihn bislang zu Boden gedrückt hatte, setzte nun einen kantigen Schuh auf seinen Nacken. Warum er das tat, wurde Sekunden später klar: Der Typ packte seinen linken Arm und drehte ihn schwungvoll nach oben. Zum ersten Mal machte ihm der Schmerz ernsthaft zu schaffen.

»Gut, dann eben anders. Wenn du bei Drei nicht gesagt hast, was ich hören will, breche ich dir einen Finger.«

Er versuchte ruhig zu atmen. Finger brechen! Waren die denn verrückt? Und so dämlich, bleibende Schäden zu hinterlassen? Um sich selbst zu beruhigen, begann er, die lateinischen Namen der ihm bekannten Binsenarten lautlos aufzuzählen: Juncus effusus, Juncus maritimus, Juncus subnodulosus, die aus Nordamerika eingewanderte und schon lange heimische Zarte Binse, Juncus tenuis, und nicht zu vergessen Juncus gerardii, die Bodden-Binse, die gern auf salzhaltigen Böden siedelt.

»Also: Du gehst jetzt nach Hause und unterschreibst das Papier, das in deinem Briefkasten liegt.«

»Arschloch. Sag deinem Chef, dass es so nicht läuft.«

Es war eindeutig nicht der richtige Moment, um über angemessene Formen von Kommunikation zu diskutieren. Seine Wange wurde noch fester in den lehmigen Boden gepresst. Er versuchte aus den Augenwinkeln etwas von dem Idioten zu erkennen, der ihn malträtierte. Aber er sah nur einen schwarzen Lederstiefel und ein Stück von einem Bein, das in einer Jeanshose steckte. Zwischen den Büschen hing die Morgendämmerung. Er liebte diese Zeit, gerade im Herbst. Fast jeden Tag drehte er hier eine Laufrunde.

»EINS!«

Der Mann gab seiner Stimme einen betont scharfen Klang. Aber war da nicht auch etwas Schwankendes? Die würden es nicht tun. Die blufften.

»ZWEI!«

Eine Hand packte seinen linken, kleinen Finger. Er musste schlucken. Jetzt war sie da. Die Angst. Er hatte es nicht wahrhaben wollen, aber jetzt hatte er Angst. Trotzdem sagte er nichts. Einfach nichts sagen. Nicht nachgeben. Sich nicht wegducken. Atmen und schweigen. Schweigen und atmen. Wenn er jetzt anfing, seine Grundsätze aufzugeben – wofür hatte er dann acht Jahre lang standgehalten?

»DREI!«

Das Knacken in seinem Finger war unverschämt laut. Und der Schmerz leuchtete greller als alles, was er bis dahin hatte leuchten sehen. Dieser Schmerz konnte einen Menschen in den Wahnsinn treiben. Vielleicht empfand er den Schmerz deshalb als so unverschämt durchdringend, weil er sich angebahnt hatte. Es fehlte das Überraschungsmoment, das seinen Körper veranlasst hätte, eine größere Menge betäubendes Adrenalin auszuschütten. Der Schmerz raste seinen Arm hinauf und setzte seinen ganzen Körper unter Strom. Er wand sich jammernd auf dem feuchten Boden und rollte in eine Pfütze. Sein Magen rebellierte, er spuckte eine Portion Karottensaft ins schlammige Wasser, wo die orangefarbene Flüssigkeit ein florales, an den Jugendstil erinnerndes Muster ausbildete. Er krümmte sich zusammen und lag da wie ein Embryo, die kalte Nässe kroch wie ein Vorbote des Todes unter seine Jacke und sog sich in seine Jogginghose.

Als er wieder etwas klarer denken konnte, war der Maskenmann verschwunden. Er traute sich nicht, nach seinem entstellten Finger zu sehen, dem er zwischen den Oberschenkeln ein weiches Lager bereitet hatte. Stattdessen fiel sein Blick auf ein kleines, aber gut ausgebildetes Exemplar der Knäuel-Binse, Juncus conglomeratus. Die Schmerzstöße schüttelten den Namen spielend leicht aus seinem Gedächtnis. Auf dem Brachland war es also tatsächlich feucht genug für diese Art Binsen – eine überraschende und schöne Erkenntnis an einem sonst fürchterlichen Morgen.

1

Tanja Grundler war pünktlich und sie stand genau dort, wo sie sich verabredet hatten: an der Spitze der Mole, auf einer kleinen Aussichtsplattform. Sie trug eine weinrote Daunenjacke und blickte hinaus auf die Dänische Wiek, besser gesagt: in einen weiten Raum undurchdringlicher Grautöne. Als sie Toms Schritte hörte, wandte sie sich um.

Sie mochte um die vierzig Jahre alt sein, ihre Gesichtshaut war hell und auffallend glatt, unter dem Saum der Kapuze lugten braun gelockte Haare hervor.

»Ich mag diesen Nebel«, sagte sie.

»Ich hasse ihn.«

Er wollte nicht ganz so schroff wirken und schob noch eine Erklärung hinterher. »Mir wäre da draußen beinahe ein Angler vor den Bug gefahren.«

Sie hatte ihre Hände tief in den Taschen ihrer Jacke versenkt. So tief, dass Tom darauf verzichtete, sie mit einem Handschlag zu begrüßen. Er beschränkte sich auf ein Nicken.

»Ich habe beobachtet, wie Sie in den Hafen reingefahren sind. Das war fantastisch.«

»Wieso fantastisch?«

»Kennen Sie Rain, Speed and Steam – das Gemälde?«

Tom schüttelte den Kopf.

»Kennen Sie William Turner?«

Er zuckte mit den Schultern.

»Dann haben Sie etwas verpasst. Niemand malt Dunst und Nebel so wie Turner. Auf Rain, Speed and Steam sieht man einen Zug mit Dampflok, genauer gesagt, man ahnt, dass es diesen Zug gibt, so sehr verschwimmt er mit den aufgewirbelten Elementen. Und obwohl man diesen Zug kaum erkennt, hat man das Gefühl, dass er mit einer großen Geschwindigkeit durch diese Dunstwolken rast – das ist einfach fantastisch. Und daran musste ich gerade denken. Ihr Boot war allerdings etwas langsamer.« Sie lächelte mitleidig. »Sie interessieren sich nicht für Kunst, oder?«

»Nicht wirklich. Meine Freundin ist zwar Künstlerin, aber …«

»Ach ja? Ist sie hier?«

»Nein, sie ist in Philadelphia, da hat sie ein Stipendium bekommen und …« Er brach ab. Nie im Leben hatte er vorgehabt, mit einer ihm völlig unbekannten Frau über Clara und ihre etwas überraschende Reise in die Vereinigten Staaten zu plaudern. Es war ein merkwürdiger Anfang. »Lassen Sie uns über Ihr Anliegen sprechen«, sagte er und fragte sich, warum sie sich überhaupt mit ihm verabredet hatte. Wollte sie ihn testen?

»Ist das Ihr eigenes Boot?«

Er nickte.

»Und während Sie hier sind, wohnen Sie darauf?«

Wieder nickte er.

»Toll. Das ist … irgendwie romantisch, oder?«

Tom hatte inzwischen den dringenden Wunsch, zur Sache zu kommen. Ihm war kalt, in seinem Gesicht hingen Wassertropfen, die lange Fahrt ohne Sicht hatte ihn angestrengt. »Wenn man es schafft, nicht an die Unterhaltskosten zu denken, ist das eine schöne Sache. Die MATHILDA ist nicht mehr die jüngste. Ich werde in den nächsten Tagen einige Reparaturen durchführen lassen, hinten in Greifswald.«

Die Frau in der weinroten Jacke lächelte. »Na, da schlagen Sie ja zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, dass Sie extra meinetwegen …«

»Um ganz ehrlich zu sein: Wenn ich diesen Aufenthalt hier nicht sowieso geplant hätte, dann wäre ich gar nicht nach Greifswald gekommen.«

Seine Offenherzigkeit enttäuschte sie, das spürte er. Aber so war es nun mal: Die dürftigen Informationen, die sie am Telefon herausgerückt hatte, deuteten darauf hin, dass er vermutlich nicht helfen konnte.

»Also«, begann sie, »ich denke …«

Abermals unterbrach Tom sie. »Wäre es wohl möglich, dass wir das Gespräch woanders als auf dieser nasskalten Mole führen? Drüben auf der anderen Seite des Hafens ist mindestens ein Restaurant geöffnet.«

Sie schüttelte den Kopf. »Lieber nicht. Entschuldigung. Aber ich möchte hier nicht zu vielen Menschen begegnen. Ich habe meine Gründe.«

Tom schluckte seinen Ärger herunter. Er war nun entschlossen, die Sache möglichst zügig zu beenden. Tanja Grundler schien das zu spüren. Sie wurde plötzlich nervös. Mit einer ruckhaften Bewegung öffnete sie ihre Handtasche und reichte ihm eine Fotografie. »Dieser Mann ist verschwunden. Ich habe mehrmals bei ihm geklingelt, er reagiert nicht auf Anrufe und seine Nachbarn haben ihn auch seit etwa einer Woche nicht mehr gesehen.«

Die Fotografie zeigte einen Mittvierziger, der mit zusammengekniffenen Augen in die Welt blickte. Sonnengebräunte Haut, leicht zerzaustes Haar, Dreitagebart. ›Das Bild eines Abenteurers‹, dachte er. »Haben Sie die Polizei eingeschaltet?«

»Hab’s versucht. Ich bin keine direkte Angehörige. Die Polizei hat mit seiner Frau gesprochen, die von ihm getrennt lebt. Sie hält das Verschwinden wohl für normal und dieser Meinung hat sich die Polizei dann angeschlossen. Aber ich mache mir große Sorgen um Malte.«

Tom blickte über die Frau hinweg. Aus dem Nebel über dem Greifswalder Bodden tauchte das Bild eines Beziehungsdreiecks auf: Eine gekränkte Nicht-mehr-Ehefrau, eine besorgte Geliebte und dazwischen ein cooler Naturbursche, dem vielleicht alles zu viel geworden war. »Haben Sie mal darüber nachgedacht, ob Malte sich vielleicht absichtlich zurückgezogen hat?«

Seine Möchtegern-Auftraggeberin nahm ihm ohne Vorwarnung die Fotografie aus der Hand. »Das ist genau die Frage, die ich jetzt nicht hören wollte. Das ist so eine Beamtenfrage.«

»Sorry, aber solche Fragen müssen möglich sein.«

»Er hat sich noch nie auf diese Weise zurückgezogen! Er ist sonst sehr verbindlich, sehr klar im Umgang mit mir. Ja, er fährt manchmal spontan eine Weile weg. Aber er hat sich dann bislang immer bei mir gemeldet. Und ich weiß, dass er in Gefahr ist.«

»Was für eine Gefahr?«

Sie wich seinem Blick aus. Es schien so, als merke sie, dass alles komplizierter war, als sie sich das ausgemalt hatte. »Ja«, sagte sie zögernd, »das muss ich Ihnen dann wohl erzählen.«

Beinahe hätte Tom laut gelacht. »Wenn ich etwas für Sie tun soll«, rief er, jetzt fast schon wütend, »dann müssen Sie mir noch viel mehr erzählen. Sie müssen mir alles erzählen. Und Sie müssen sich darauf einstellen, dass ich vielleicht weniger für Sie tun kann, als Sie hoffen. Ich will ganz ehrlich sein: Ich habe nicht die gleichen Möglichkeiten wie die Polizei. Telefone abhören kann ich nicht, Wohnungen durchsuchen auch nicht. Ich habe andere, aber insgesamt weniger Möglichkeiten. Und ich brauche Anhaltspunkte. Alles, was Ihnen einfällt. Orte, Kontakte, private und berufliche Probleme. Sie werden mich von Anfang an bezahlen müssen, unabhängig vom Erfolg meiner Arbeit. Denken Sie darüber nach, ob Sie mich wirklich engagieren wollen.«

Während er gesprochen hatte, war Tanja Grundler einen Schritt zurückgewichen, bis an das Eisengeländer der kleinen Plattform. Sie sah ihn überrascht an. Dann musste sie lachen. Es war ein etwas hilfloses, fast schon verzweifeltes Lachen. »Das war jetzt aber keine Bewerbungsrede, oder?«

2

Tom hatte sich darauf eingelassen, weiter über den Auftrag zu sprechen, nachdem Tanja Grundler sich ihrerseits darauf eingelassen hatte, das Gespräch in ein Restaurant zu verlagern. Sie gingen zurück über den Steinwall, von rechts trafen sie die mürrischen Blicke dreier Holzfiguren, die hier Wind und Wetter ausgesetzt waren. Verhangener Gesichtsausdruck, stoischer Geradeausblick, hängende Mundwinkel – war das die besondere Herzlichkeit, mit der man von Greifswald hinaus in die Welt blickte?

Sie passierten das Hotel Utkiek, das auf Betonstelzen errichtet war, dann folgte der futuristisch anmutende Sperrwerksbau, der das Landesinnere vor Überflutungen schützen sollte. Es waren nur wenige Menschen unterwegs, auch auf den vereinzelten Booten im Hafen regte sich nichts. Ein Angler saß zusammengekauert auf einem Poller und hielt seine Angel so reglos ins Hafenbecken, dass man ihn für eine Statue hätte halten können.

Sie überquerten den Ryck auf der berühmten Wiecker Klappbrücke, aber an diesem dämmerigen Spätnachmittag schien sich niemand für das beliebte Fotomotiv zu interessieren. Die galgenartige Balkenkonstruktion erhob sich bedrohlich über dem braun-grünen Wasser.

Das Restaurant Il Ponte hatte nach der Nachmittagspause gerade erst wieder aufgemacht. Für die Gäste, die zum Abendessen hier einkehren würden, war es noch zu früh, sodass sie vorerst den gesamten Gastraum für sich hatten. Über den verschwundenen Mann wusste Tom nach wie vor nicht viel.

Seine potenzielle Auftraggeberin unterhielt sich weiterhin lieber über Kunst. »Die Klosterruinen von Eldena kennen Sie wohl auch eher nicht? Die berühmten Bilder von Caspar David Friedrich? Wundervoll! Sie zeigen, wie vergänglich die großen menschlichen Leistungen sind, aber sie trösten uns auch mit ihrer Schönheit. Wenn Sie schon hier sind, können Sie sich natürlich auch die ganz realen Ruinen ansehen.«

»Die sind in der Nähe, oder?«

Tanja Grundler schien ein Seufzen über Toms Unwissenheit unterdrücken zu müssen. Sie deutete über das Hafenbecken hinweg. »Zehn Minuten zu Fuß von hier. Ich denke, wir müssen Sie etwas fit machen, damit Sie bei Ihrer Künstlerfreundin mithalten können, wenn die aus Amerika zurück ist. Die Ruinen müssen Sie sich unbedingt ansehen, am besten morgen früh, da soll es wieder sehr nebelig werden. Das gibt eine fantastische Atmosphäre.«

»Leider muss ich dann das Boot startklar machen, um die erste Brückenöffnung nicht zu verpassen.«

Sie schüttelte den Kopf, fast schon verzweifelt über seine Ignoranz, und erzählte etwas von einem weiteren Bild, das im Pommerschen Landesmuseum zu sehen war: Der Greifswalder Hafen, gemalt von einem gewissen Johann Friedrich Boeck. »Ein majestätisches Segelschiff im Zentrum, dahinter Speichergebäude und die Altstadt mit ihren Kirchtürmen. Die Szene ist in ein ganz eigenartiges Licht getaucht, mit einem gelb-bläulichen Abendhimmel. Im Vordergrund drei Männer, sie wirken etwas unheimlich, weil man nur ihre dunklen Silhouetten sieht. Aber sie haben einen Topf über ein Feuer gehängt. So eine Suppe hat ja dann auch wieder etwas Gemütliches.«

»Vielleicht kochen sie ja auch Pech, zum Abdichten für einen Schiffsrumpf.«

Tanja Grundler gab ihre Bemühungen lachend auf. »Nein, Sie sind kein Romantiker, wirklich nicht.«

Tom wurde nicht schlau aus ihr. »Sollten wir vielleicht wieder über … «

Sofort unterbrach sie ihn. »Ja, ich bin einfach nicht auf Kurs – Entschuldigung. Aber diesen einen Satz muss ich noch loswerden: Wenn ich diese Gemälde betrachte, dann habe ich das Gefühl, mich an einem magischen Ort zu bewegen. Und das wiederum verzaubert die realen Orte. Wenn du dann zum Hafen gehst, hörst du die Rufe der Schiffer, das dumpfe Grollen, wenn sie Fässer auf die Mole rollen, du riechst das Holz, den Duft von Gewürzen …«

Gerade in diesem Augenblick schlug Tom aus der Küche eine Wolke entgegen, die mit dem Aroma von Knoblauch und gebratenen Sardellen gesättigt war. ›Greifswald an der Adria‹, dachte er. »Sie mögen es, sich in andere Welten zu versetzen, oder?«

Sie sah ihn von der Seite an. »Der Traum von einer anderen Existenz ist das, was mich am Leben hält.«

Damit waren sie endlich wieder beim Thema. Während Tom an einem starken, schwarzen Kaffee nippte, bekam er einen vorläufigen Überblick: Malte Naujock war studierter Biologe und engagierter Umweltschützer. Er hatte bis vor eineinhalb Jahren in einem Dorf im Landkreis gewohnt und dort ehrenamtlich ein Naturschutzgebiet betreut. Nach der Trennung von seiner Frau hatte er seinen unbefristeten Job bei der Kreisverwaltung gekündigt und war in die Innenstadt von Greifswald gezogen. Inzwischen lebte er von spärlichen Honoraren, die ein Lehrauftrag an der Universität und Schulungen für Angestellte aus Naturschutzbehörden abwarfen. Malte brachte den Sachbearbeitern praktische Naturschutzarbeit nahe, indem er mit ihnen spätabends oder frühmorgens in unwegsamen Flussauen Vögel, Biber und Reptilien beobachtete. Er erklärte den Büromenschen, wie alles zusammenhing und warum es sinnvoll ist, in einem Bibergebiet wasserdichte Schuhe zu tragen.

»Für mich klingt das so, als ob da jemand ein wenig aus der Bahn geraten ist«, kommentierte Tom das, was ihm Tanja Grundler berichtete. Aber sie hob abwehrend die Hand. »Das stimmt so nicht. Ich würde es genau andersherum sehen: Malte ist von der breiten Straße der Kompromisse auf den Pfad abgebogen, der seiner inneren Wahrheit entspricht. Er hat sich von einigen Lebenslügen getrennt und ist sich dabei selbst ein Stück nähergekommen. Viel näher.«

»Bemerkenswert«, sagte Tom. Es sollte nicht abfällig klingen, aber er konnte den ironischen Unterton nicht vollständig unterdrücken. Er musste sich zusammenreißen. »So eine Richtungsänderung hat sicher ihren Preis, oder?«

Sie schien für einen Moment in sich hineinzuhorchen. »Es war ein tiefgreifender Bruch, ganz bestimmt. Das Verhältnis zu seiner Ex-Frau ist schwierig. Er hat auch eine neunzehnjährige Tochter, die sich anfangs komplett von ihm abgewandt hat. Inzwischen geht es wohl etwas besser. Aber entscheidend für Malte sind die Kontinuitäten: Er hat schon immer für die Natur gelebt – das kann er jetzt kompromissloser und ehrlicher. Er zeigt Menschen, wie lebendig die Welt abseits der Straßen ist, wie wunderbar alles zusammenwirkt. Und wie bedroht das ist, was scheinbar selbstverständlich neben uns her existiert. Das mag ich so an ihm: Diese Konsequenz und wie er ganz in seiner Leidenschaft für Pflanzen und Tiere aufgeht. So haben wir uns auch kennengelernt, bei einer Exkursion in seinem früheren Biberrevier. Ich war so hingerissen von der Art, wie er alles erklären kann. Er hat ein ganz eigenes, manchmal inniges, manchmal auch kumpelhaftes Verhältnis zu dem, was da fleucht und kreucht. Das klingt jetzt komisch, aber er ist mit der Natur tief im Innern verbunden, und das kann er so vermitteln, dass du das Gefühl hast …«

Sie hielt plötzlich inne und sah Tom peinlich berührt an. »Jetzt habe ich angefangen zu schwärmen. Und ich habe ‚du’ gesagt. Das ist ja hier alles sehr persönlich. Sollen wir beim Du bleiben? Ich mache mir wirklich große Sorgen um ihn.«

Tom musste lächeln. Eigentlich war es ihm wichtig, zu seinen Auftraggebern eine gewisse Distanz zu bewahren. Aber in diesem Augenblick empfand er für die Frau, die sich in einem Strudel der Gefühle drehte, zum ersten Mal Sympathie. »Gut, bleiben wir beim Du«, sagte er etwas onkelhaft. »Aber du solltest mir jetzt erzählen, warum du dir Sorgen machst. Habe ich das vorhin richtig gehört: Du glaubst, Malte sei in Gefahr?«

Tanja stellte ihre Tasse, die sie gerade erst zum Mund führen wollte, mit ernster Miene wieder ab.

»Nicht ohne Grund. Malte besitzt ein Stück Land, das er von einer Tante geerbt hat. Es liegt in einem Gebiet, das die Friedländer Große Wiese genannt wird, eine trockengelegte Moorlandschaft, von vielen Gräben durchzogen. Man kann dort nur in Maßen Landwirtschaft betreiben, die Bauern mähen das Gras, um es ans Vieh zu verfüttern oder für die Erzeugung von Biogas. Eigentlich nichts Spektakuläres. Nun soll aber auf der Friedländer Großen Wiese ein Windpark gebaut werden. Die Pläne existieren seit Jahren. Malte weigert sich, sein Land zu verkaufen oder zu verpachten. Er hat Bedenken, weil durch die Windräder Vögel und Fledermäuse getötet würden. Und von beiden gibt es da recht viele.«

»Kann denn ein einzelner Grundstücksbesitzer die Pläne blockieren?«

Sie nickte. »Maltes Land liegt so zentral im Planungsgebiet, dass der Windpark ohne seine Zustimmung nicht gebaut werden kann.«

»Seine Weigerung ist also der Grund, warum du dir Sorgen machst?«

Tanja presste die Handflächen aneinander. »Er hat anonyme Drohanrufe bekommen, sein Auto wurde zerkratzt und ein toter Vogel lag in seinem Briefkasten. Bei dem Projekt geht es um viele Millionen. Die Firma, die den Park geplant hat, steckt da seit Jahren Geld rein. Und die anderen Landbesitzer könnten mit den Pachtzahlungen gut verdienen. Ich weiß nicht, wer hinter diesen Attacken steckt. Es kommen einige in Frage.«

Instinktiv blickte Tom sich um, aber das nahezu leere Restaurant machte einen zutiefst friedlichen Eindruck. Nur ein Kellner lehnte seitlich an der Theke und blätterte in einem Notizblock.

»Hast du auch Angst?«, fragte Tom. »Ist das der Grund, warum du niemandem begegnen willst?«

Sie schüttelte den Kopf. »Das ist nicht das Problem. Aber ich bin verheiratet und mein Mann weiß nichts von Malte und mir. Er ist Pastor in Ueckermünde. Das macht die ganze Sache kompliziert. Wenn mich hier zufällig jemand aus unserem wunderschönen, aber auch beengenden Ort sieht, zusammen mit einem unbekannten Mann, dann geht das Gerede los.«

Allmählich vervollständigte sich das Bild. Nach wie vor hatte Tom große Zweifel, dass er viel erreichen würde. Er stellte Tanja die Frage, vor der sie sich zu fürchten schien. »Ich hätte gern eine ehrliche Einschätzung von dir. Was, denkst du, ist mit Malte passiert?«

Sie hob die Schultern und zögerte lange mit der Antwort. »Ich … ich weiß es nicht. Vielleicht haben sie ihn entführt. Eingesperrt, irgendwo in einem Keller. Vielleicht wollen sie ihn zwingen, das Land zu verkaufen. Oder schlimmer noch: Er wurde … ich darf gar nicht dran denken. Das ist es, was mir Angst macht. Wirklich.«

3

Sylke Bartel schob ihre Papiere zusammen und blickte den Anwesenden reihum in die Augen. »Vielen Dank, so viel für heute. Ihr wisst, das war unser letzter gemeinsamer Tag. Ich komme morgen Vormittag nochmal vorbei, um mich zu verabschieden. Philipp, kannst du noch einen Moment bleiben?«

Während die Kolleginnen und Kollegen der Greifswalder Polizei ihre Sachen einpackten, lehnte Sylke am Fensterbrett und nickte denjenigen zu, die den Schulungsraum verließen. Sie trug eine schwarze Stoffhose und eine meerblaue Bluse, hatte dieser eher gedeckten Kombination aber ein cremefarbenes Halstuch mit feinen, blutroten Streifen entgegengesetzt. Erst im Laufe des Tages war ihr aufgefallen, dass diese Farbgebung in einem Workshop, in dem es um die Aufklärung von Gewaltverbrechen ging, einen sonderbaren Eindruck erwecken konnte. Aber die jungen Kollegen schien es in dieser Hinsicht glücklicherweise an Interpretationslust zu fehlen.

Das Greifswalder Kriminalpolizeikommissariat hatte erst vor wenigen Monaten zusammen mit anderen Dienststellen das neue Polizeihauptgebäude in der Brinkstraße bezogen. Gänge, Wände, Böden – alles wirkte noch glatt und sauber, die modisch grünen Bauelemente erinnerten Sylke an Schulgebäude, die um jeden Preis hipp wirken wollten. Und dazu passte diese neu zusammengewürfelte Truppe aus Nachwuchskräften, die sich durch eine Kombination aus Übermotiviertheit, Naivität und Lässigkeit auszeichnete.

Sylke war sich in den letzten Tagen oft alt vorgekommen. Dabei war sie selbst auch noch gar nicht so lange bei der Kriminalpolizei. Offenbar waren die leitenden Kräfte der Meinung, dass ihre wechselvolle Karriere sie dafür qualifizierte, einen Haufen junger Leute in ein professionell arbeitendes Team zu verwandeln.

»Warum läuft es nicht, Philipp? Was denkst du?«

Der dunkelhaarige Mittdreißiger stand etwas verloren zwischen den u-förmig aufgestellten Tischen. Er war nicht groß, aber von kräftiger Statur, trug einen grauen Rollkragenpullover und einen Backenbart, der wohl seine Abenteuerlust hervorheben sollte. Seine linke Hand hatte er in die Tasche seiner Jeanshose eingehängt, die rechte fuchtelte ziellos in der Luft herum.

»Wir haben die Abläufe noch nicht verinnerlicht.«

»Welche Abläufe willst du denn noch verinnerlichen?«

»Na ja, Tatortuntersuchung, Zeugenbefragung, Gerichtsmedizin, Motivbewertung und dann die zirkuläre Struktur der …«

»Philipp, das ist doch alles Kinderkram. Die Arbeitsschritte kennt ihr. Wie konnte es trotzdem passieren, dass bei der Entführungslage die Überwachung der Ex-Frau des Verdächtigen vergessen wurde? Und warum habt ihr bei dem toten Obdachlosen im Stadtpark nicht gemerkt, dass es sich um eine Kopie des Falles von vor zwei Jahren handelte? Ich habe diese Übung einfach nur aus den Akten abgeschrieben.«

Während Sylke auf den jungen Polizisten einredete, hatte dieser nach seinem Mantel gegriffen und einen Apfel aus der Tasche gezogen. Es war Sylke schon mehrfach aufgefallen, dass Philipp in schwierigen Situationen Obst aß. Sie fand das einigermaßen kurios und hatte ihm insgeheim den Decknamen Fruchtzwerg gegeben. Kauend unternahm der Fruchtzwerg jetzt halbherzige Rechtfertigungsversuche. »Wir hätten das besser strukturieren müssen.«

»Ihr hättet miteinander reden müssen! Kommunikation ist alles.«

»Aber wir haben doch die täglichen Briefings angesetzt.«

»Lisa hatte gute Ideen, das hast du gar nicht mitbekommen. Du musst auch auf die hören, die nicht lautstark losquatschen. Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwierig ist. Aber das scheinbar Einfache ist in Wirklichkeit wohl oft das Komplizierte.«

Philipp strich sich mit der freien Hand durch die Haare. »Ja, wir haben hier einige Defizite. Das sehe ich auch so. Die Kollegen …«

»Schieb es nicht auf die Kollegen«, unterbrach Sylke ihn. »Wenn du Dienstgruppenleiter werden willst, dann du bist dafür verantwortlich, dass jede und jeder sich mitteilt. Und dass alle die Zusammenhänge kennen. Ich hatte heute zeitweise das Gefühl, dass fünf Tage Schulung komplett an euch vorbeigegangen sind.«

Philipp verzog den Mund, bevor er grimmig in seinen Apfel biss. Es war Sylke nicht klar, ob er damit seine Verachtung für die Workshopleiterin oder Selbstkritik ausdrücken wollte. War sie zu streng? Überspielte sie mit ihrer Härte ihre eigene Ratlosigkeit? Während sie noch grübelte und Philipp versuchte, seinen halblangen Wollmantel überzuziehen, ohne ihn mit dem angebissenen Apfel zu berühren, öffnete sich die Tür. Eine uniformierte Kollegin steckte ihren Lockenkopf in den Seminarraum. »Entschuldigung, da ist gerade ein Anruf aus Wolgast gekommen. Die wollen wissen, ob das Team hier schon einsatzbereit ist.« Sie blickte zwischen Philipp und Sylke hin und her, wartete aber keine Antwort ab. »Da draußen wurde irgendwo eine Leiche gefunden.«

Obwohl er sich mit seinem Mantel regelrecht gefesselt hatte, schaffte es Philipp, sich an der Schläfe zu kratzen. »Damit erwischen die uns jetzt gerade auf dem ganz falschen Fuß. Ich würde sagen …«

»Das Team ist bereit und übernimmt die Sache«, sagte Sylke trocken. »Legen Sie alle Anrufe auf die bekannte Nummer um und leiten Sie alle Infos unverzüglich weiter.«

Die Sachbearbeiterin nickte und zog sich zurück. Philipp drehte sich verwirrt zu Sylke um. »Es ist doch noch gar nichts organisiert.«

»Dann tust du das jetzt. Das ist deine Chance. Ein perfekter Einstieg.«

Er schluckte und sah sie mit einem Kleine-Jungen-Blick an. »Und was machst du?«

»Meine Zeit hier ist zu Ende.« Sie kostete die lange Pause aus, die sie ihren Worten folgen ließ. »Aber wenn du willst, fahre ich noch mit raus zum Fundort der Leiche und unterstütze euch.«

4

Eine Gruppe Spaziergänger, drei Jugendliche mit Fahrrädern, eine Mutter und zwei Kinder im Grundschulalter – sie alle standen am hoheitlichen Flatterband und starrten einen Hang hinunter auf die von Bäumen bestandene Niederung. Zwischen den Büschen hindurch waren im Dämmerlicht des beginnenden Abends die Umrisse eines Körpers zu erkennen, ein korpulenter Mann im durchnässten Mantel, auf dem Bauch liegend. Einen halben Meter neben dem Toten plätscherte der Bach, als wäre nichts geschehen. Oder als wäre das, was geschehen war, im Lauf der Dinge nicht von Bedeutung.

»Seid ihr denn bescheuert!?«, rief Sylke den beiden Beamten zu, die zuerst am Fundort angekommen waren und sich um die Absperrung gekümmert hatten. »Sollen die Kinder wirklich direkt auf den Toten starren?«

Die beiden Uniformierten beeilten sich, die Schaulustigen wegzuscheuchen, und versetzten die Absperrung zwanzig Meter hangaufwärts. Sylke wusste, dass ihr Auftreten mitunter als barsch empfunden wurde, aber sie hatte kein Problem damit. Es war ihr wichtig, gleich im ersten Moment zu zeigen, dass sie von allen die volle Leistung erwartete. Philipp und Lisa, die beiden jungen Kriminalbeamten, sahen sich schuldbewusst an. Die Sache mit der Absperrung hätte ihnen ja auch auffallen können. Gemeinsam stiegen die beiden die feuchte Wiese hinab und beugten sich für eine erste Sichtung über den Toten. Lisa deutete auf eine Stelle am Hinterkopf, während Philipp vorsichtig den Mantelkragen anhob, um das Gesicht erkennen zu können.

Mit Unbehagen sah Sylke den beiden von etwas weiter oberhalb zu. Sie wusste nicht, warum sie plötzlich in einer miserablen Stimmung war. Der erste kleine Fehler – und schon traute sie den beiden nicht zu, diesen Fall zu lösen. Oder war sie nur enttäuscht, dass sie selbst morgen wieder abreisen würde, um ihren Dienst in Stralsund aufzunehmen?

Vom nächsten Dorf näherte sich ein betagtes Feuerwehrauto. Es wurde höchste Zeit, sie brauchten Licht, bevor es ganz dunkel wurde. Wenigstens das klappte.

Sie atmete tief ein. Die Luft war klar und frisch, gar nicht so nebelschwer wie in Greifswald. Als sie gerade den Hang hinabsteigen wollte, um sich ebenfalls ein Bild von der Situation zu machen, bemerkte sie etwas weiter bachaufwärts eine Bewegung. Sie suchte nach einem Durchlass im dichten Gebüsch, rutschte dabei aus und glitt auf dem Hosenboden zwei Meter abwärts. Fluchend schlug sie sich durch einen widerspenstigen Strauch und stand vor einem Mann, der sich an einem Stapel aus Ästen zu schaffen machte.

»Hey, was machen Sie denn hier!?«

Der Mann drehte sich um. Er war etwa fünfzig Jahre alt, untersetzt und steckte in einem olivgrünen Parka, der schon bessere Tage gesehen hatte. Er hatte ein rundliches Gesicht mit hängenden Wangen und kleinen, munteren Augen. An seiner Stirn klebten Strähnen seines dünnen Haars. Besonders intelligent sah er nicht aus.

»Ich repariere den Damm.«

»Hier ist möglicherweise ein Verbrechen passiert. Sie werden hier auf der Stelle verschwinden!«

Wieder dieser grobe Tonfall. Dieses Riesenbaby machte sie wirklich sprachlos. Hatte der denn gar nichts mitbekommen?

»Ich bin hier Naturschutzwart. Es ist mein Recht, den Biberdamm zu reparieren.«

»Sie haben im Augenblick überhaupt kein Recht. Zu gar nichts.«

Der Dicke sah sie erstaunt an. »Verdächtigen Sie etwa die Biber?«

Sylke war nicht klar, ob der Mann begriffsstutzig war oder über einen besonders merkwürdigen Humor verfügte. »Im Augenblick verdächtigen wir jeden. Absolut jeden. Von mir aus auch die Biber.« Der Dicke schien eine Spur blasser geworden zu sein. Er zog sich von dem Aststapel zurück. Sylke bemerkte jetzt, dass sich der Stapel tatsächlich fortsetzte und quer über den gesamten Bachlauf erstreckte. Es war ein nach allen Regeln der Kunst errichteter Damm: getragen von einem Gerüst aus Hölzern, das mit Lehm abgedichtet worden war. Solide Ingenieurskunst, ausgeführt von scheinbar tollpatschigen Nagetieren, die vermutlich nicht einmal ein halbes Semester Statik studiert hatten. Etwa zwei Meter vom Ufer entfernt hatte jemand eine Kerbe in den Staudamm geschlagen.

Einer beiden Streifenpolizisten brach geräuschvoll durchs Unterholz. Er hatte wohl von oben die lautstarke Diskussion mitbekommen.

»Das ist … äh … Herr Pölzner, unten aus dem Dorf. Er hat die Leiche gefunden.«

Sylke sah den Kollegen entgeistert an. Wieso hatte der nicht gleich bei ihrem Eintreffen … Ihre Missstimmung bekam neue Nahrung. »Das wird jetzt aber höchste Zeit, dass Sie das mal erwähnen!« Sie wandte sich Pölzner zu. »Kommen Sie doch bitte mal mit mir an die Seite.«

Der Dicke trennte sich nur ungern vom beschädigten Biberdamm. Gerade, als sie den Abhang hinaufstiegen, knallte ihnen gleißendes Licht in die Augen. Zwei Strahler auf Teleskopstangen verwandelten die gesamte Szenerie in eine Bühne, auf der ein Dutzend Personen ihre Rolle spielte, scheinbar routiniert, auf jeden Fall gefasst und mit Konzentration. Auch die Matschflecken auf Sylkes Hose waren nun gut zu erkennen. Ein Dornenzweig hatte zudem einen Riss am Oberschenkel erzeugt. Sie versuchte, ihren Ärger abzuschütteln, aber sie hatte das Gefühl, dass es nicht mehr lange gut gehen würde.

Oberhalb der Fundstelle trafen sie auf Philipp. Sylke erklärte ihm kurz, wer Pölzner war. Sie kaperten einen gerade eintreffenden Polizeibus für eine erste Befragung. Sylke wies Pölzner an einzusteigen und schloss die Tür, sodass der Zeuge nicht hören konnte, was sie mit Philipp draußen besprach. »Wie sieht es bei der Leiche aus?«

Philipp wirkte angespannt. »Massive Gewalteinwirkung am Hinterkopf. Stumpfer Gegenstand. Ob das tödlich war, weiß ich nicht, aber er hat auch Schlammspritzer im Gesicht. Vielleicht gab es einen Kampf. Auf jeden Fall müssen wir von einem Tötungsdelikt ausgehen. Wir sollten einen Fußabdruck vom Zeugen nehmen, um zu sehen, welche Fußspuren außer seinen noch zu finden sind.«

»Gut«, sagte Sylke zum Erstaunen des jungen Kollegen. Dann schob sie ihn in den Polizeibus und nahm neben ihm Platz. Pölzner beobachtete mit zusammengepressten Lippen, wie Philipp Schreibblock und Aufnahmegerät zurechtlegte. Er arbeitete den üblichen Fragenkatalog ab. Pölzner hatte die Leiche bei einem Kontrollgang gegen 16:30 Uhr entdeckt und die Polizei benachrichtigt. Er hatte den Toten nicht berührt, weil er sich sofort sicher gewesen war, dass da nichts mehr zu machen war. Aber er hatte ihn erkannt: Es handelte sich um Dr. Roland Krohnhorst, einen pensionierten Regierungsrat, der in der Gegend Jagdpächter war.

»In welchem Verhältnis standen Sie zu dem Toten?«, fragte Philipp. Der Naturschutzwart zögerte einen Moment. »Verhältnis? Ich hab den nur flüchtig gekannt. Wir trafen uns gelegentlich hier draußen.«

»Sie sind doch sicher oft hier?«

»Ja, schon. Wir vom Heimatverein kümmern uns ja um das Gebiet. Die Biber breiten sich hier im ganzen Tal aus. Überall bauen sie Staudämme, es entstehen große Seen. Und dann …«

»Der Herr Krohnhorst, war der auch so begeistert von den Bibern?«

Pölzner lachte verlegen. »Na ja, die Biber sind jetzt nicht gerade sein größtes Hobby – gewesen. Aber er musste natürlich auch einsehen, dass sie hier vieles verbessern: Wir haben, seit die Biber da sind, mehr Fische und Insekten. Es gibt hier Prachtlibellen, die waren früher nie hier, wir haben sogar die Europäische Seekanne beobachtet, die steht auf der Roten Liste und …«

»Ja, interessant«, unterbrach Philipp ihn. »Noch mal zu Dr. Krohnhorst: Gab es da Konflikte wegen der Biber?«

»Wie … äh … was für Konflikte?«

»Na ja, diese ganzen Stauseen, das verändert ja die Landschaft. Man kommt nicht mehr so gut durch.«

»Gut, ja, das fand er wohl nicht so toll. Etwas weiter oben steht tatsächlich ein Ansitz unter Wasser. Aber die Tiere sind hier geschützt, da gibt es Gesetze, und gerade in diesem Gebiet soll speziell der Biber machen können, was er will.«

»Es gab also Streit.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber Sie haben doch gesagt, dass Dr. Krohnhorst die Biber nicht so toll fand. Woher kommt denn diese große Kerbe in den Damm?«

»Ja, die hat wohl irgendwer da reingemacht.«

»Vielleicht Dr. Krohnhorst?«

Pölzners Gesicht war zunehmend rot geworden. Obwohl es im Polizeibus nicht gerade warm war, glänzte seine Stirn. Er sah hilfesuchend zu Sylke rüber, aber Sylke schwieg und beobachte ihn mit einem sphinxhaften Lächeln.

»Ich weiß es nicht«, sagte Pölzner schließlich.

»Aber Sie vermuten es.«

»Nein, ich weiß es nicht. Und ich will es auch nicht vermuten.«

»Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, …«

Es war der Moment, in dem Sylke nicht mehr stillsitzen konnte. Sie griff Philipps Unterarm. »Lass uns draußen kurz weiterreden, ja?«

Mittlerweile war es beinahe dunkel geworden. Die Luft war kühl, fast schon winterlich kalt. Sylke schloss die Schiebetür des Polizeifahrzeugs. »Was war das denn jetzt? Du legst einem Zeugen lauter Dinge in den Mund und dann setzt du an zu einer Beschuldigung? Ist dir klar, was du damit anrichtest?«

Philipp verzog trotzig den Mund. Sylke fuhr mit ihrer Strafpredigt fort. »Wenn du ihn beschuldigst, musst du ihn darüber informieren, dass du ihn als Beschuldigten betrachtest. Du musst ihm seine Rechte erklären. Sonst ist alles, was du hier besprichst, hinfällig. Du bekommst einen Riesenärger mit der Staatsanwaltschaft.«

»Du weißt doch gar nicht, was ich sagen wollte. Ich hätte ihm als Nächstes erklärt, dass ich seine Rolle bei dieser Sache für unklar halte und ihn ab sofort als Beschuldigten führe.«

Sylke schüttelte den Kopf. »Das ist doch Blödsinn! Es ist viel zu früh. Wir haben kein gerichtsmedizinisches Gutachten, keine Spurenuntersuchung, wir wissen nichts. Und du willst den armen Mann hier gleich zum Täter stempeln? Dann taucht der morgen mit seinem Anwalt auf und sagt kein Wort mehr. Abgesehen davon, dass du suggestiv vorgehst, verschlechterst du so deine Position. Selbst wenn du das Gefühl hast, er könnte der Täter sein – warte ab. Lass dir nicht sofort in die Karten schauen! Solange er denkt, dass wir nur seine Unterstützung benötigen, sagt er vielleicht interessante Dinge.«

»Um sich selbst zu entlasten.«

»Das kannst du dann ja einordnen, oder?«

Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete den jungen Beamten, der nervös seinen Bart bearbeitete. Sylke hatte beinahe Mitleid. Aber nur beinahe. »Ist nicht dein bester Tag heute, was?«

Er zuckte mit den Schultern. Sie gab ihm einen aufmunternden Stoß. »Pass auf. Du gehst jetzt wieder in den Bus, bedankst dich für die Aussage, und für morgen bekommt er noch mal eine höfliche Einladung aufs Revier.«

»Du willst ihn einfach so laufen lassen? Wir müssen noch nach seinem Umfeld fragen. Wer ist außer ihm hier noch aktiv? Wer hat was gegen Krohnhorst? Pensionierter Regierungsrat – hier gibt’s bestimmt noch Leute, die ihn nicht mögen.«

»Das machen wir alles morgen.«

»Wir?«

»Ich meinte natürlich: ihr.«

Sylke wandte sich abrupt ab. In diesem einen Punkt hatte Philipp recht: Sie musste sich raushalten. Unbedingt. Sonst würde sie am Ende noch für die unprofessionell geführten Ermittlungen mitverantwortlich gemacht. Sie sah zu, wie er wieder im Polizeibus verschwand, und ging ein paar Schritte den Hang hinauf, bis knapp unter die Hügelkuppe. Von dort oben wirkte die Szenerie rund um den Fundort der Leiche unwirklich. Das kalte Licht der Scheinwerfer ließ die Gestalten in den weißen Schutzanzügen aussehen, als wären sie von innen erleuchtet. Über der Fundstelle war ein Schutzzelt aufgebaut worden, die Beamten untersuchten das Opfer und durchkämmten das Unterholz, zwei Bestatter warteten am Rand des Geschehens auf ihren Einsatz. All das löste bei Sylke ein gewisses Kribbeln aus, das sie nur zu gut kannte. Da war Empathie mit dem Opfer, da war auch der Wunsch nach Gerechtigkeit, nach dem Finden eines gefährlichen Täters. Vor allem aber hatte sie ein dringendes Bedürfnis, das Wirrwarr von Informationen zu ordnen, die nebeneinander laufenden Aktivitäten zu steuern, ihnen Struktur und Richtung zu geben. Ordnung in eine Ermittlung bringen, jeden Schritt zur richtigen Zeit tun, wie ein Wanderer, der sich auf einem schmalen Grat bewegt – das empfand sie als zutiefst befriedigende Tätigkeit. Und da lag wohl auch der eigentliche Grund dafür, dass sie sich auf Umwegen bis zur Kriminalpolizei durchgeschlagen hatte: Sie wollte etwas verstehen, das im ersten Moment unbegreiflich erscheint. Und sie hatte große Lust, die Zügel in diesem Fall selbst in die Hand zu nehmen.

5

Als Tom aus dem Mietwagen stieg, hatte er sich verwandelt: Anstatt eines abgetragenen Pullovers trug er ein gebügeltes, dunkelgrünes Hemd und sein einziges Jackett. Am Morgen hatte er sich sorgfältig rasiert, gekämmt und mit Haargel eine stilvolle Frisur gebastelt. Seine Lederschuhe waren geputzt und entgegen aller Gewohnheit saß eine Brille mit Goldrand auf seiner Nase. Die Gläser hatten keine Funktion, aber die Brille ließ ihn deutlich seriöser erscheinen, also ungefähr so, wie er sich einen Investor mit viel Geld vorstellte. Als Leihwagen hatte er sich ein Fahrzeug der Oberklasse geleistet. Tanja Grundler würde sich über seine Spesenrechnung die Haare raufen.

Die Starkwind AG hatte ihren Hauptsitz in Anklam, unterhielt aber auch Niederlassungen in Frankfurt (Oder) und Potsdam. Das Unternehmen plante Windparks, meistens im Auftrag von Energiekonzernen oder Investoren. Das Dienstleistungsangebot umfasste außerdem die technische Überwachung des laufenden Betriebs, Instandhaltung und Reparaturen. So stand es jedenfalls auf der Internetseite, mit der sich Tom gründlich beschäftigt hatte.

Das Unternehmen war in einem unauffälligen, weißen Zweckbau am Stadtrand untergebracht, vermutlich noch aus der Vorwende-Zeit, aber grundlegend saniert und sehr gepflegt. Auf dem Flachdach erkannte Tom aufgeständerte Solarpanels. Er sah sich kurz auf dem rückwärtigen Parkplatz um, bevor er sich auf den Weg zum Haupteingang machte und sich am Empfang meldete. Wenig später stand ein Mittvierziger mit gelocktem Haar und leichtem Bauchansatz vor ihm und reichte ihm die Hand.

René Jagel trug keine Krawatte, aber ein seidig glänzendes Hemd mit Stehkragen und eine Jeanshose, die so aussah, als habe er sie an diesem Tag zum ersten Mal aus seinem Schrank geholt. Tom war zufrieden, dass er mit seinem Outfit nicht allzu weit entfernt war von der Kombination aus Lässigkeit und Öko-Glamour, die in diesem Unternehmen angesagt war. Viel mehr hätte er aber auch nicht aufbieten können. »Becker, sehr erfreut«, sagte er mit fester Stimme.

In Jagels Büro gab es viel Glas und polierten Stahl, ein palmenartiges Gewächs sorgte für Karibik-Flair und an den Wänden hingen kunstvoll eingefärbte Fotos von Windrädern, die aus allen möglichen Perspektiven aufgenommen worden waren. Als sie mit dampfendem Kaffee am Besprechungstisch saßen, erläuterte Tom sein Anliegen: Er sei auf der Durchreise und interessiere sich, wie schon telefonisch angedeutet, für Gelegenheiten, in Windkraftanlagen zu investieren. Von der Starkwind AG habe er einen passablen Eindruck gewonnen, deshalb sei er persönlich vorbeigekommen.

»Das ist ungewöhnlich, so kurzfristig«, sagte Jagel mit einem feinen Lächeln, »aber zum Glück kann ich mir heute dafür eine Viertelstunde Zeit nehmen.«

Das Signal war einfach zu deuten: Jagel markierte Grenzen – nicht er wollte dem Investor dienen, sondern der Investor war der Bittsteller. Tom rückte seine nutzlose Goldrandbrille zurecht. »Dann lassen Sie uns doch gleich zum Wesentlichen kommen, Herr Jagel. Ich beabsichtige ein Engagement in Höhe von fünf bis zehn Millionen Euro.«

In Jagels Gesicht tat sich nichts. Entweder hatte er sein Minenspiel gut unter Kontrolle oder er war nicht auf der Suche nach Investoren. Vielleicht hantierte sein Unternehmen auch mit weitaus höheren Summen, als Tom erwartet hatte. Jagels Stimme klang so, als habe ein Sparkassenkunde angekündigt, mal wieder zweihundert Euro einzuzahlen. »An welchen Zeitraum dachten Sie?«

»So bald wie möglich.«

»Darf ich fragen, aus welcher Branche Sie kommen, Herr Becker?«

Tom versuchte sich an einem gepflegten Lächeln, bevor er antwortete. »Software, Fintech. Wir haben einige erfolgreiche Apps programmiert. Inzwischen habe ich meine Geschäftsanteile verkauft und bin jetzt Privatier.«

Diese Berufsbezeichnung schien Jagel fürs Erste zu genügen. »Wir haben mehrere Projekte in Vorbereitung«, erklärte er, »aber Sie wissen natürlich, dass Genehmigungen für neue Windparks in den letzten Jahren ausgesprochen schwer zu bekommen sind – vor allem in Deutschland. Haben Sie eine bestimmte Region im Blick?«

»Das Projekt auf der Friedländer Großen Wiese zum Beispiel.«

Der Geschäftsführer der Starkwind AG sah ihn überrascht an. Sein feines Lächeln verlor etwas von seiner Feinheit. »Woher wissen Sie davon? Wir haben bislang nichts veröffentlicht.«

»Man hat so seine Quellen. Ich hörte, es gebe Schwierigkeiten?«

Jagel zögerte einen Moment. Er schien nach einer angemessenen, also nichtssagenden Formulierung zu suchen. »Die Friedländer Wiese gehört zu den komplexen Projekten. Ich würde Ihnen etwas anderes empfehlen.«

»Woran liegt‘s? Das Gebiet ist doch perfekt: Kaum Besiedlung, für die Landwirtschaft nicht übermäßig wertvoll.«

»Es gibt da einige ganz spezifische Hindernisse«, sagte Jagel. »Aber wir haben in Brandenburg gerade ein vielversprechendes Projekt. Baubeginn wäre schon im kommenden …«

»Moment«, unterbrach Tom den Geschäftsführer, leicht ungehalten. »Was sind das für Hindernisse?«

Das linke Augenlid des Windkraft-Managers zuckte. Nahm er Tom den eigenbrötlerischen Investor ab? Oder spielte er das Spielchen nur mit, um herauszubekommen, wer sein kurzfristig angereister Gast wirklich war? Es gab ja einige Möglichkeiten: ein Journalist, ein Konkurrent, ein Spion aus der Naturschutzszene. Jagel ließ sich nicht in die Karten schauen. »Dazu kann ich nicht viel sagen. Es geht um Grundstücke und es geht um Greifvögel. Das Übliche.«

»Der Rotmilan? Die Viecher sind eine echte Landplage geworden.«

War das zu viel Anbiederung? Jagel lehnte sich zurück und betrachtete Tom mit schief gelegtem Kopf. »Ja, man kann sich darüber ärgern, aber natürlich respektieren wir die Naturschutzbelange vollumfänglich.«

Tom rümpfte die Nase. »Ich hatte gehofft, dass Sie mir bessere Auskünfte geben können.«

»Bei dem Projekt in Brandenburg sind solche Hindernisse kein Thema. Ich würde Ihnen gern …«

»Brandenburg interessiert mich nicht«, sagte Tom, jetzt etwas schärfer im Ton. »Ich würde gern wissen, warum Ihr Unternehmen nicht in der Lage ist, nach Jahren der Vorplanung auf der Friedländer Großen Wiese einen Windpark zu errichten.«

Das war zu viel; er musste aufpassen, nicht aus der Rolle zu fallen. Jagel sah ihn einigermaßen entgeistert an. »Darf ich fragen, warum Sie so auf diesem Projekt herumreiten? Es ist doch letztendlich egal, wo sich die Mühlen drehen.« Er lachte kurz auf, aber Toms starrer Blick ließ ihn schnell wieder verstummen.

»Oder sind Sie gar nicht hier, um zu investieren? Sind Sie Grundstückseigentümer, sind Sie von den Verzögerungen irgendwie betroffen? Ich habe volles Verständnis dafür.«

Er zweifelte also tatsächlich an den Absichten des Herrn Becker. Tom musste schlucken.

»Schauen Sie«, sagte er in einem eisigen Tonfall. »Ich denke mir das so: Wer in einem Fall Schwierigkeiten nicht aus dem Weg räumen kann, der schafft es auch bei anderen Gelegenheiten nicht. Ich gebe mein Geld nur in Hände von Leuten, die Probleme lösen, anstatt sie vor sich her zu schieben.«

Es kam wohl nicht oft vor, dass Jagel, Geschäftsführer und Mitgesellschafter eines Unternehmens mit mehr als 70 Mitarbeitern, derart angegangen wurde.

Sein feiner Kragen war kurz davor zu platzen. »Und ich, Herr Becker, biete Investoren nur Projekte an, die vertraglich abgesichert sind. Beim Windpark auf der Friedländer Großen Wiese fehlt dazu noch ein Daumenbreit, mehr nicht. Die Probleme werden gelöst, mit allen gebotenen Mitteln. Aber noch ist es nicht so weit.«

»Na also, das ist doch ein Wort. Sie regeln das. Und ich komme wieder, sobald es so weit ist. Mit welchem Zeitraum darf ich rechnen?«

Jagel wich seinem Blick für Sekundenbruchteile aus. »In einer Woche sollten alle Ampeln auf Grün stehen.« Seine Stimme hatte einen hohlen Klang. Die Aussage war ihm offenbar unangenehm, aber er konnte nicht mehr zurück.

»Wenn Sie Unterstützung brauchen: Ich bin gern für Sie da«, sagte Tom. »Ich mag es, Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Sollte es nötig sein, würde ich mich auch finanziell engagieren. Wenn Sie verstehen, was ich meine.«

Jagel schüttelte den Kopf. »Wenn Leute Prinzipien über alles andere stellen, dann hilft uns Geld nicht weiter. Danke für Ihr Angebot, aber ich denke, dass wir die Sache mit unseren Mitteln zu Ende bringen.«

Er stand unvermittelt auf. »Sie sollten Ihre Adresse hinterlassen, Herr Becker, damit wir Sie auf dem Laufenden halten können. Ich zeige Ihnen gern den Standort – aber Sie sind ja ohnehin schon gut informiert.«

Vom Fenster aus konnte man einen Teil des Parkplatzes überblicken. Obwohl Jagel ihn nun unverkennbar loswerden wollte, nahm sich Tom noch einmal die Zeit, in aller Ruhe die Asphaltwüste zu betrachten.

»Ich habe gesehen, dass hier viele Mitarbeiter elektrisch fahren. Das gehört bei einem Unternehmen wie Ihrem zum Pflichtprogramm, oder?«

Jagel nickte. Er wirkte erleichtert, in den Small Talk-Modus umschalten zu können.

»Wir müssen die regenerativen Energien nicht nur ausbauen, wir müssen sie auch nutzen. Unsere Firma hat ein eigenes Förderprogramm für Mitarbeiter, die sich ein E-Fahrzeug zulegen wollen. Das läuft so gut, dass wir dringend mehr Ladesäulen benötigen.«

»Und Sie selbst? Lassen Sie mich raten: der blaue Porsche?«

Jagel fand sein feines Lächeln wieder. »Sie haben ja genau hingesehen. Ist schon mein zweiter Stromer. Was anderes kommt für mich nicht mehr in Frage.«

Tom verabschiedete sich. Natürlich unterließ er es, irgendjemandem irgendeine Adresse zu geben. Er wandte sich noch einmal dem Firmenparkplatz zu und schlenderte zu Jagels Porsche, der gerade an einer der drei Ladesäulen hing. Mit prüfender Miene umrundete er das Auto. Er musste damit rechnen, dass er beobachtet wurde.

Als er auf die Seite gelangt war, die dem Gebäude abgewandt war, beugte er sich zum Hinterrad hinab und fuhr mit einer Hand rasch unter den Rand des Radkastens. Ein klackendes Geräusch verriet, dass er dabei ein Souvenir hinterließ, einen kleinen schwarzen Kasten, der sich mittels starker Magnetkräfte am teuren Blech festsaugte.

Tom richtete sich wieder auf, zog sein Jackett zurecht und macht sich auf den Weg zum Leihwagen. Nachdem er um einige Straßenecken gefahren war, hielt er wieder an. Er aktivierte die App für den GPS-Tracker, den er unter dem Radkasten des Porsche angebracht hatte. Das Display zeigte einen Kartenausschnitt mit dem Stadtgebiet von Anklam. Dort, wo sich der Parkplatz der Starkwind AG befand, blinkte ein roter Punkt. Tom nickte zufrieden und fuhr zurück nach Greifswald.

6

»Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich mache es kurz: Kriminaloberkommissarin Sylke Bartel war ja nun einige Tage hier, um mit Ihnen die zukünftigen Arbeitsabläufe zu trainieren. Wie sie mir berichtet hat, ist dieser Prozess noch nicht abgeschlossen. Zugleich sind wir mit einem Tötungsdelikt konfrontiert, das dringend aufgeklärt werden muss. Daher freue ich mich Ihnen mitteilen zu können, dass Frau Bartel in Absprache mit ihrer Dienststelle in Stralsund für eine kurze Zeit die Dienstgruppenleitung bei uns übernehmen wird – so lange, bis der Fall Krohnhorst aufgeklärt oder eine Aufklärung in Sichtweite ist.«

Damit war es raus. Polizeirat Klüver, ein hölzern wirkender Endfünfziger mit dünnem Haar, blickte in die Runde. Ein gutes Dutzend Beamte waren im Raum, sie alle würden in irgendeiner Weise an den Ermittlungen beteiligt sein. Sylke war vor allem auf die Reaktion der Personen gespannt, mit denen sie eng zusammenarbeiten sollte. Da war zum einen Lisa Kaup, eine zierliche und zurückhaltende Kollegin, deren Intelligenz Sylke sehr schätzte. Sie war immer gleichbleibend freundlich, hatte aber auch etwas Geheimnisvolles – man wusste nie genau, was sie wirklich dachte. Das wiederum war nicht das Problem von Philipp Danofski. Es war ein offenes Geheimnis, dass er die Dienstgruppenleitung übernehmen und Lisa seine Stellvertreterin werden sollte. Sylke hatte Philipp spüren lassen, dass sie ihm diese Aufgabe im Augenblick noch nicht zutraute. Er erschien ihr einfach zu ungestüm und zu sehr auf sich selbst bezogen. Ihm fehlte die Distanz, der einordnende Überblick.

Nach Klüvers Ankündigung, dass Sylke vorübergehend in Greifswald bleiben würde, drehte sich Lisa kurz zu ihr um und deutete ein Lächeln an – es wirkte bemüht, war aber immerhin eine Geste. Philipp hingegen starrte vor sich hin und knetete dabei seine Unterlippe. Seine Gleichgültigkeit war ein klares Statement. Er regte sich auch nicht, als Klüver eine kurze Pause machte, um den Anwesenden Gelegenheit für einen kurzen Begrüßungsapplaus zu geben. Es trat aber nur einen Moment betretener Stille ein, bevor der Polizeirat noch einige anspornende Worte hinzufügte, die Sylke sofort wieder vergaß. Sie stand auf, bedankte sich und erklärte, dass sie sich auf die Herausforderung freue – was der vollen Wahrheit entsprach. »Lasst uns gleich loslegen«, sagte sie. »Je zügiger wir ermitteln, umso schneller seid ihr mich wieder los.« Pause. Niemand lachte, niemand sagte etwas. Polizeirat Klüver verabschiedete sich und eilte davon.

Nach einer kurzen Pause kam das Kernteam zu einer ersten Besprechung zusammen. Sylke nahm sich vor, sich ganz auf die Sache zu konzentrieren und alle Vorbehalte gegen ihre Person vorläufig zu ignorieren. »Wir sollten heute alle Informationen sichten, die wir bislang haben. Was liegt vor?«

Lisa schlug ihre Mappe auf. »Zunächst zum Opfer: Dr. Roland Krohnhorst, 72 Jahre, alleinstehend. Er hat zwei erwachsene Kinder, die im Rheinland und in München leben und inzwischen benachrichtigt wurden. Krohnhorst stammt aus Köln, war in den 1990er-Jahren in leitender Funktion in der Greifswalder Kreisverwaltung tätig. Eigentlich sollte er Landrat werden, hat dann aber einen Posten im Innenministerium in Schwerin übernommen. Nach seiner Pensionierung ist er nach Greifswald zurückgekehrt. Er hat hier wohl noch viele Freunde und auch gute Verbindungen in die Politik. Soweit ich das sehe, lebt er allein und hat kürzlich eine Wohnung in einem dieser neuen Häuser in der Hafenstraße bezogen.«

»Quartier am Ryck?«, warf einer der Beamten grimmig ein. »Da hab ich mir mal ’ne Wohnung angesehen. Nur so aus Spaß. Für die Hälfte der Miete hätte ich sie genommen.«

Die anderen grinsten, der Einwurf schien Lisa aus dem Konzept zu bringen. Sylke nickte ihr aufmunternd zu. »Im Waldgebiet am Prägelbach, also am Fundort der Leiche, ist Krohnhorst Jagdpächter. Er ist seit fünfzehn Jahren geschieden und nicht vorbestraft.«

»Danke Lisa. Gibt es schon Erkenntnisse zur Tat?«

»Die Gerichtsmedizin war ja vor Ort. Die erste Einschätzung ist etwas merkwürdig: Krohnhorst hat einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf bekommen. Allerdings war das nicht die Todesursache – er ist ertrunken. Wie wir alle gesehen haben, lag er nicht im Wasser, müsste also nach seinem Tod noch bewegt worden sein. Dafür wiederum finden sich am Tatort keine Spuren. Das passt alles nicht so richtig zusammen.«

»Ja, sonderbar. Wir müssen wohl den Obduktionsbericht abwarten. Was noch?«

Lisa erläuterte, dass die Spurensuche vor Ort wenig ergeben habe. Im Gebüsch habe man ein Fernglas gefunden, das dort wohl noch nicht lange gelegen habe. Es befinde sich noch in der Kriminaltechnik. Erstaunlicherweise seien kaum Fußabdrücke zu finden gewesen. »Geht man nach den Fußspuren, war außer Pölzner in den letzten Tagen niemand direkt am Bachufer.«

»Ich sag’s doch die ganze Zeit«, murmelte Philipp, der auf seinem Stuhl hing wie ein schlecht erzogener Neuntklässler. Vor ihm auf dem Tisch stand eine Brotdose mit Weintrauben, von denen er hin und wieder eine nahm und zwischen den Backenzähnen aufplatzen ließ. Sylke blickte ihn streng an. »Philipp, was wolltest du sagen?«

Der Kriminalkommissar setzte sich umständlich auf und strich sich über den Bart. »Die Befragung von Pölzner wurde gestern von dir abgebrochen, obwohl sich Verdachtsmomente ergaben. Und jetzt kommen weitere dazu. Krohnhorst scheint etwas gegen die Ausbreitung der Biber zu haben, für die sich Pölzner einsetzt. Möglicherweise hat Krohnhorst den Biberdamm beschädigt, Pölzner hat ihn dabei erwischt, es kam zum Streit, Pölzner hat zugeschlagen. Peng. Ich habe den Herrn übrigens für morgen früh aufs Revier geladen.«

Philipp lehnte sich wieder zurück, so, als solle sein Arbeitstag mit dieser Einlassung beendet sein. Sylke spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Sie durfte sich hier nicht vorführen lassen, sie durfte auf solche Provokationen aber auch nicht überreagieren. ›Bleib bei der Sache‹, sagte sie sich. Sonst würde sie am Ende genau das tun, was sie Philipp vorwarf: Den Blick aufs Ganze verlieren.

»Okay«, sagte sie gedehnt. »Dann verdichten sich ja die Hinweise, dass der Fall eine schnelle Lösung finden könnte. Sollen wir es drauf ankommen lassen und unsere Arbeit einstellen, bis wir Pölzner befragt haben?«

Die anderen sahen sie erstaunt an.

»Äh, nein«, sagte Lisa schließlich. »Ich denke, wir müssen im Augenblick in verschiedene Richtungen ermitteln und das alles noch mit weiteren Informationen stützen.«

Sylke lächelte. »Danke. Ich hatte schon befürchtet, ihr habt das Denken komplett eingestellt.«

Sie sah aus den Augenwinkeln, wie Philipp auf dem Tisch seine Faust ballte. In diesem Augenblick wurde ihr endgültig klar, dass es zwischen ihr und dem ungestümen Nachwuchskommissar noch laut werden würde. Vorläufig bemühte sie sich um einen milden Ton. »Was also schlagt ihr vor?«

Lisa tippte mit dem Zeigefinger auf den Tisch. »Wir brauchen mehr Informationen über Krohnhorst. Familie, Freunde, vielleicht auch Konflikte aus seiner aktiven beruflichen Zeit.«

»Korrekt. Lisa kümmerst du dich darum, dass wir in Krohnhorsts Wohnung kommen?«

»Eine der wichtigsten Fragen wird die nach Pölzners Alibi sein. Die Glaubwürdigkeit seiner Angaben können wir besser einschätzen, wenn wir mehr über sein Umfeld wissen. Wir könnten uns in der Nachbarschaft umhören.«

»Sehr gut, Lisa.«

»Sind am Streit zwischen Krohnhorst und den Naturschützern noch weitere Personen beteiligt? Was genau macht dieser Heimatverein?«

»Auch wichtig.«

»Was ist das für ein Fernglas? Wem gehört es? Wir sollten Fotos anfertigen und sie zu den Befragungen mitnehmen.«

»Stimmt genau. Lisa, ich sehe, wir werden hier super zusammenarbeiten. Kannst du gleich zur Kriminaltechnik gehen und nachsehen, ob die schon etwas Neues haben?«

Sie verteilte weitere Aufgaben. Philipp sollte sich zusammen mit zwei Ermittlerteams an Pölzners Wohnort umhören, ein weiteres Team Informationen in den Datenbanken der Polizei und aus Internetquellen sammeln. Sie selbst traf sich wenig später in ihrem Büro mit Lisa, die das am Prägelbach gefundene Fernglas auf den Tisch legte. Es steckte in einer durchsichtigen Beweismitteltasche. »Also, die Techniker meinten, …«

»Moment«, unterbrach Sylke sie, »ich wollte dir noch sagen, dass ich von deinem Engagement sehr angetan bin. Mach bitte so weiter.«

Die junge Kollegin strich sich verlegen die Haare hinters Ohr und lächelte.

»Du stellst die richtigen Fragen, Lisa. Wirklich. Wenn du den Eindruck hast, dass etwas falsch läuft, dann trau dich ruhig und geh dazwischen. Etwas mehr Selbstbewusstsein und du wärst hier irgendwann Dienstgruppenleiterin.«

Lisa schüttelte den Kopf. »Ist für den Job nicht schon Philipp vorgesehen?«

»Davon weiß ich offiziell natürlich nichts, geht mich ja auch nichts an. Den Job sollte der Beste bekommen und nicht der Lauteste, oder?«

Sie wandten sich dem Fundstück vom Prägelbach zu. Es war ein handliches, olivgrünes Fernglas.

»Die Techniker meinten, es sei zwar etwas verdreckt gewesen, aber nicht so, als hätte es schon längere Zeit an dem Bachufer gelegen. Vielleicht nur wenige Stunden, vielleicht auch ein paar Tage.«

»Das heißt, es könnte im Zusammenhang mit unserem Fall eine Rolle spielen.«

Lisa nickte.

»Durchaus. Verwertbare Fingerabdrücke haben die beiden nicht gefunden. Aber sie wollten da nochmal eine zusätzliche Untersuchung durchführen. Leider ist diese Art von Fernglas sehr verbreitet. Das bekommt man in Läden für Camper, Wanderer oder Jäger. Es gibt aber eine Besonderheit.«

Sie hob die Tasche mit dem Feldstecher an und zeigte auf eine Stelle nahe am Mittelgelenk.

»Hier hat jemand die Buchstaben MN eingeritzt.«

»MN? Was kann das bedeuten? Sind das die Initialen des Besitzers? Jedenfalls nicht von Dirk Pölzner. Vielleicht irgendeine Kennung: Mittlere Neiße oder sowas?«.

Lisa musste lachen. »Nee, glaube ich nicht. Dann schon eher: »Makellose Natur.«

Sylke sah sie überrascht an. »Ich biete: Mysteriöser Nebel«.

»Mutters Neuer.«

»Mordsgefährliche Notariatsangestellte.«

»Mozarts Nichte.«

»Mieser Normalo.«

Lachend ließ sich Sylke in die Lehne ihres nagelneuen Bürostuhls fallen. Im gleichen Augenblick bemerkte sie Philipp, der ihnen durch die halb offene Tür zusah. Er hatte wohl einiges mitbekommen, zumindest aber den Miesen Normalo. Mit verkniffenem Blick trat er ein.

»Wir haben einige Namen und Adressen aus dem Umfeld Pölzners recherchiert und fahren jetzt da raus.«

»Okay, prima«, sagte Sylke. Aber in Gedanken formulierte sie etwas ganz anderes. Es lief nicht gut mit dem Team. Es lief überhaupt nicht gut.

7

Das Problem waren die Übergänge. Holz auf Stahl. Tom hatte ein Stück der grauen Innenverkleidung entfernt, welche die bislang heikle Verbindung kaschiert hatte. Jetzt stocherte Frank, der breitschultrige Tischler, mit einem Schraubenzieher in der offenen Wunde herum. Schwarze Bröckchen und butterweiche Holzfasern fielen auf den Boden. Die Dichtungsmasse in den Ritzen war zerbröselt, Wasser hatte eindringen können. Das Holz war unbemerkt verfault.

»Die Abschlussleisten müssen raus«, sagte Frank. »Alle. Und dann müssen wir sehen, ob wir die Stützen, die das Dach tragen, retten können. Aber zuerst muss die Einfassung entrostet und behandelt werden. Kannst du das machen?«

Tom nickte. Er kam sich vor wie ein Schuljunge, der nicht bemerkt hatte, dass sich in seinem Ranzen eine giftige Spinne häuslich eingerichtet hatte. Seine alte Barkasse war stärker beschädigt, als er vermutet hatte. Der Plan, nach zwei oder drei Tagen Greifswald wieder verlassen zu können, löste sich in Luft auf. Und wovon er die Rechnung bezahlen würde, war ihm auch noch nicht klar.

Sie stiegen an Deck. Nieselregen hatte eingesetzt. Frank reichte ihm seine kräftige Hand und stieß, als er an Land gehen wollte, beinahe mit Tanja Grundler zusammen.

»Ah, der Schiffsdoktor?«

»Die Diagnose war nicht sehr erfreulich«, sagte Tom grummelnd. Tanja deutete auf das Werftgelände. »Hier war ich noch nie. Das ist ja fantastisch.« Sie ging ein paar Schritte zum Hof der Museumswerft und stolzierte dabei wie ein Storch über die Transportschienen, auf denen die reparaturbedürftigen Schiffe aus dem Wasser gezogen werden konnten. Überall lagen Holzreste herum. Neben der großen Slipanlage war ein alter Segler aufgebockt. Die Werftleute hatten die Bordwand an mehreren Stellen geöffnet, aus den Spanten waren Teile herausgesägt worden. Dahinter gähnte ein schwarzes Nichts. Es war eine Operation am offenen Herzen, in der Luft hing der Geruch nach Schiffspech und feuchtem Holz. »Das ist unheimlich. Und beeindruckend.«

Tom war Tanja gefolgt. »Hier bekommt man eine etwas andere Vorstellung von der Zeit, in der die Mondnachtbilder aus dem Museum entstanden sind, oder? Harte Arbeit, gebrochene Planken, vernarbte Schiffe. Das unaufhörliche Ankämpfen gegen Undichtigkeit, Fäulnis und ungünstige Winde.«

»Willst du mir mein Faible für die Romantik austreiben?«

»Ich denke, dass man nicht die Bodenhaftung verlieren sollte.«

Tanja wandte sich zur MATHILDA um. »Und das Schiffchen da? Ist das nicht auch so ein Ding, mit dem man den festen Boden hinter sich lässt?«

Tom musste lächeln. »Ertappt. Ich habe die Barkasse tatsächlich vor der Verschrottung gerettet, als ich in einer echten Krise war. An dem Boot herumzubasteln war monatelang das Einzige, was ich hinbekommen habe.«

Sie gingen zurück zur MATHILDA. Tanja ließ sich die Barkasse zeigen und staunte über den gemütlich eingerichteten Salon, der sich gerade in eine Baustelle verwandelte. Tom hatte bereits eine Kanne mit Kaffee bereitgestellt, aber Tanja schlug vor, einen Spaziergang zu machen. »Ich muss nachher noch zu einem Besuch in die Universitätsklinik. Auf dem Weg dorthin kann ich dir einen meiner Lieblingsorte in Greifswald zeigen. Ich denke, bei dem tristen Wetter werden wir niemanden treffen, der mir Ärger machen könnte.«

Sie gingen zur neu angelegten Uferpromenade und überquerten dann das Hafenbecken auf der Fußgängerbrücke. Tom berichtete von seinem Besuch als vermeintlicher Investor bei der Starkwind AG. »Nach außen geben die sich fortschrittlich und naturverbunden. Aber ich denke, das ist nur die halbe Wahrheit. Das Unternehmen steht unter Druck, weil im Augenblick kaum noch neue Windparks gebaut werden. Der Geschäftsführer behauptete aber, dass er kurz davor sei, für den Windpark auf der Friedländer Großen Wiese eine Genehmigung zu beantragen.«

Tanja sah ihn erschrocken an. »Dazu bräuchte er doch Zugriff auf alle Grundstücke.«

»Korrekt. Vielleicht hat er geblufft. Ich bin mir nicht sicher.«

»Wie kann das sein? Meinst du, sie haben Malte …?«

»… entführt? Erpresst? Keine Ahnung. Ich überwache das Auto des Geschäftsführers – nicht ganz legal, aber anders komme ich nicht dran. Zwischenzeitlich habe ich überlegt, ob es nicht besser wäre, einen weiteren Vorstoß bei der Polizei zu unternehmen. Ich habe kein gutes Gefühl.«

Tanja schüttelte den Kopf. »Die sind so träge, so unwillig.«

»Hast du Informationen über die Landbesitzer, auf deren Flächen die Windräder gebaut werden sollen? Gibt es vielleicht eine Möglichkeit, Maltes Flurstücke zu umgehen?«

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Das hätten sie sonst längst gemacht. Seit acht Jahren geht das Gezerre jetzt schon. Malte hat mir mal einen Plan geschickt, auf dem die Grenzen seines Landes eingezeichnet sind. Sie brauchen diese Flächen.«

Als sie den Hansering hinter sich gelassen hatten, wurde der Uferweg ruhiger. Sie passierten neu errichtete Wohnkomplexe, an der Kaimauer wechselten sich historische Segler mit modernen Jachten ab. »Es geht mich ja nichts an«, sagte Tom, »aber gibt es da keine Kompromissmöglichkeiten? Der Strom der Windräder wird ja dringend gebraucht.«

Tanja schüttelte den Kopf. »Ich will mich da nicht einmischen. Maltes Verhalten wirkt von außen vielleicht verbohrt, aber es stimmt doch, was er sagt: Du kannst einen Seeadler nur einmal umbringen. Die Natur ist immer auf der Verliererseite, wenn der Mensch sich ausbreitet. Das alles wird in eine globale Katastrophe führen, die längst begonnen hat. Es muss Menschen geben, die bedingungslos für die Natur eintreten.«

Tom fiel es schwer, von einem einzigen Windpark auf die ganze Welt zu schließen. »Ich bin im Augenblick etwas ratlos, wie es weitergehen könnte.«

Sie hatten inzwischen ein Wohngebiet gestreift und standen jetzt vor einem halb geöffneten schmiedeeisernen Tor. »Hier willst du hin?«, fragte Tom. »Auf einen Friedhof?«

»Es ist nicht irgendein Friedhof – es ist der Alte Friedhof von Greifswald, angelegt vor über zweihundert Jahren. Lass uns reingehen.«

Tom hielt das wieder für eine von Tanjas Marotten. Aber schon nach den ersten Schritten begann er zu verstehen, warum sie diesen Ort faszinierend fand. Die Betriebsamkeit der Stadt war vergessen. Bäume wuchsen zwischen und dicht neben den Gräbern, an einigen Stellen wirkte es so, als würden die alten Grabsteine von mächtigen Wurzeln gehalten wie von Händen. Kleine Monumente, verwitterte Statuen und sehr alte Grabmäler schienen Geschichten zu erzählen, denen die wuchernden Gräser und Sträucher aufmerksam zuhörten. Viele der menschlichen Gedenkzeichen waren von Efeu umschlungen; es schien so, als hätte sich das Reich der Verstorbenen mit dem der Natur verbündet.

»Mir ist noch etwas eingefallen«, sagte Tanja. Sie kramte in ihrer Handtasche und reichte Tom einen Zettel. »Das ist die Telefonnummer von Dirk Pölzner. Ich habe ihm schon Bescheid gesagt, dass du dich bei ihm meldest. Er ist ein etwas eigenwilliger Typ, fünfzig Jahre alt, wohnt bei seiner Mama, im gleichen Dorf, in dem auch Malte mit seiner Familie bis vor eineinhalb Jahren gelebt hat. Pölzner ist Maltes Nachfolger als Naturschutzwart am Prägelbach und irgendwie ein Fan von ihm.«

»Ein Fan?«

»Er bewundert ihn. Vor allem interessiert er sich für Greifvögel. Angeblich vertreibt die Starkwind AG an bestimmten Stellen Seeadler und Milane. Soweit ich weiß, versucht Pölzner, Beweise dafür zu finden.«

Tom steckte den Zettel ein. Sie waren am Ende des Friedhofs angekommen. Ein Zaun trennte ihn von einer weitläufigen Brachfläche, dahinter waren die Masten der Segelschiffe zu sehen, die sich am Ufer des Ryck aufreihten. In dieser Stadt schien wirklich alles miteinander verbunden zu sein, dachte Tom. Tanja drehte sich um und folgte seinem Blick. »Da draußen auf diesem wilden Gelände geht Malte gern joggen. Er wohnt gar nicht weit von hier. Ich war schon einige Male hier und an seiner Wohnung. Natürlich immer, ohne eine Spur von ihm zu entdecken.«

Sie waren plötzlich wieder beim Thema. »Die Ungewissheit muss sehr quälend für dich sein«, sagte Tom. Der Satz reichte, um bei Tanja einen Damm brechen zu lassen. Ein Schwall bitterer Worte platzte aus ihr heraus. »Es ist die Hölle. Zuhause in Ueckermünde kann ich mit niemandem sprechen. Du bist jetzt der einzige, aber auch meine Besuche hier müssen geheim bleiben. Ich brauche immer einen Vorwand, um nach Greifswald zu fahren. Das geht im Augenblick ganz gut, weil ich einen alten Herrn aus unserer Gemeinde besuche, der in der Universitätsklinik liegt.«

Für einen Augenblick dachte Tom, seine Auftraggeberin würde in Tränen ausbrechen, aber sie bekam ihre Verzweiflung unter Kontrolle. »Entschuldige, dass ich so direkt frage: Ist dieses geheime Doppelleben eine gute Perspektive?«

»Nein«, sagte Tanja mit fester Stimme, »ist es nicht.« Sie zögerte, schien zu überlegen, ob sie weitersprechen sollte. Dann tat sie es, schnell, als müsse sie in wenigen Augenblicken noch alles loswerden, was sich in ihr aufgestaut hatte. »Ich habe etwas erlebt, das ich schwer in Worte fassen kann. Es reicht nicht zu sagen, dass Malte und ich uns lieben. Das klingt so abgedroschen, finde ich. Wir sind ja keine Teenager mehr. Aber zwischen uns ist eine Kraft, von der ich nicht gewusst habe, dass es sie gibt. Wir wollen ausbrechen. Wir sind wie zwei Schwerverbrecher, die ihr Leben in die Hand des jeweils anderen legen, um über eine Mauer zu klettern und die Freiheit zu finden. Beide wissen: Anders geht es nicht. Anders bleibt das Leben ein Gefängnis. Für immer.«

Ein solches Bekenntnis hätte Tom nicht erwartet, schon gar nicht an diesem Ort, dem altertümlichen Friedhof. Tanja wartete seine Reaktion nicht ab. »Malte und ich haben einen Plan. Ich habe dir ohnehin schon viel zu viel erzählt, da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an. Wir wollen zusammen hier weggehen. Es ist alles vorbereitet. Zuletzt haben wir nur noch den richtigen Zeitpunkt gesucht. Wenn ich meinen Mann mit der Tatsache konfrontiere, dann … dann wird es sehr schwierig. Und dann muss ich genau wissen: Jetzt, in diesem Moment, kann ich gehen und bin dann weit weg.«

Tom kniff die Augen zusammen. »Das klingt jetzt beinahe bedrohlich. Hast du Angst, dass er gewalttätig werden könnte? Er ist Pastor. Ich dachte, solche Leute sind schon von Berufs wegen gewaltfrei.«

Sie lächelte traurig. »Er ist eigentlich ein gutherziger Mensch. Er setzt sich für andere ein, wo er nur kann. Er leistet hervorragende Arbeit in der Gemeinde und ist im Alltag sehr umgänglich. Aber wenn etwas passiert, das bestimmte Grenzen überschreitet, dann kann er zornig werden. Dann ist er unberechenbar. Ich fürchte nicht ernsthaft, dass er auf mich losgehen würde, aber ich möchte mich seiner Wut nicht aussetzen.«

»Verständlich«, sagte Tom. »Wo willst du denn mit Malte hingehen?«

»Er hat in Kanada ein Haus gekauft, in einem kleinen Ort, irgendwo im Nichts.«

»Kanada? Also richtig weit weg!«

»Vor allem weg von den Nachstellungen, Beleidigungen und Bedrohungen. Das hält doch kein Mensch aus. Malte hat es so satt. Was hat denn dieses Land hier zu bieten außer der Natur? Ist das nicht der größte Schatz? Diese wunderbare Küste, Weite und Einsamkeit, Seen und geheimnisvolle Wälder und große Flächen mit Schilf und Marschland. Malte sagt nichts weiter als: ›Hey, ihr müsst das ernst nehmen, ihr seid nicht allein, auch die Tier- und Pflanzenwelt will sich entfalten können!‹ Aber diese verstockten Leute hier fühlen sich sofort beeinträchtigt oder persönlich beleidigt. Manchmal kann man eben nicht profitieren, nicht alles bauen, abtragen, trockenlegen, einbetonieren. Ich hasse diese Profitgier, diese Ignoranz, diese Eigensucht! Wir Menschen sind doch nicht nur für uns selbst da! Wir müssen uns auch mal zurücknehmen können!«

Sie hatte sich in Rage geredet, jetzt trat sie einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf, irritiert über sich selbst. »Entschuldigung«, sagte sie, »das hatte ich gar nicht beabsichtigt, aber du merkst, das alles hier macht mich ganz schön fertig.« Sie sah sich nervös um. »Ich muss jetzt gehen. Und ich hoffe, dass ich dich mit meinen Geschichten nicht zu sehr überfrachte.«

»Es ist immer gut, wenn ich einen Überblick über die Verhältnisse habe«, sagte Tom diplomatisch.

Tanja hatte es jetzt eilig. »Am besten wartest du noch einen Moment, bevor du gehst.« Sie hob die Hand zu einem etwas unbeholfenen Gruß und eilte davon, um sich dann aber doch noch einmal umzudrehen. »Wenn sich das einrichten lässt, dann würde ich gern mal mit dir auf den Greifswalder Bodden rausfahren. Und wenn es irgendwie geht, nachts bei Mondschein.«

8

Dirk Pölzner sollte um zehn Uhr im Polizeihauptrevier erscheinen. Um halb elf war von ihm noch immer nichts zu sehen oder zu hören. Sylke machte sich auf den Weg zu dem Büro, in dem Philipp und Lisa arbeiteten. Noch bevor sie den Raum betrat, hörte sie durch die halb geöffnete Tür, wie Philipp sich beschwerte: »… und dann ist sie zu Klüver gerannt und hat ihm erzählt, wie unfähig wir beide sind, damit sie den Job hier übernehmen kann. Vielleicht will sie einfach hierbleiben. Die in Stralsund sind wahrscheinlich froh, so eine Zicke los zu sein.«

Lisas Einwurf klang halbherzig. »Na ja, ganz so schlimm ist es auch nicht.«

»Du verteidigst sie, is’ klar. Bei dir schleimt sie sich auch ein. Merkst du nicht, dass sie einen Keil zwischen uns treiben will? Wenn ich könnte, dann würde ich …«

Sylke wollte sich das nicht länger anhören. Sie tat so, als habe sie von dem Gespräch zwischen den beiden Kollegen nichts mitbekommen, klopfte an die Tür und trat im gleichen Augenblick schwungvoll ein.

»Habt ihr schon versucht, Dirk Pölzner zu erreichen?«

»Klar haben wir das«, gab Philipp übertrieben eilfertig zurück. »Aber er meldet sich nicht. Hat ja vielleicht seine Gründe.«

»Sollen wir hinfahren und ihn holen?«, fragte Lisa, ebenfalls sehr dienstbeflissen.

Sylke schüttelte den Kopf. »Noch nicht. Philipp, du warst doch gestern in der Nachbarschaft unterwegs. Was haben die über Pölzner gesagt? Hat der Mann eigentlich einen Beruf?«

Philipp hatte sich an diesem Tag für eine Banane entschieden. Während er über Pölzner Auskunft gab, machte er sich über das Obststück her. Es fiel Sylke schwer, beim Anblick des bärtigen Jungkommissars nicht an einen Schimpansen zu denken.

»Er hatte mal einen Klempnerbetrieb«, erläuterte Philipp, »der ist aber pleite gegangen. Später hat er für andere Handwerker gearbeitet. Vor zwei Jahren musste er wegen gesundheitlicher Probleme ganz aufhören. Ist schon seit einiger Zeit Vorsitzender im Heimatverein und engagiert sich da wie blöde, neuerdings eben auch für dieses Biberschutzgebiet. Ich würde sagen, dass ihm das Anerkennung bringt, die ihm sonst fehlt. Er ist unverheiratet, hat keine Kinder und lebt bei seiner 80-jährigen Mutter. Knapp zusammengefasst: Norman Bates aus Vorpommern. Ein Sonderling mit starkem Kompensationsbedürfnis.«

Sylke konnte sich eine spitze Bemerkung nicht verkneifen. »Gibt viele Möglichkeiten, Frustration zu kompensieren, oder? Ist jemand schon ein Sonderling, weil er sich um seine gebrechliche Mutter kümmert?«

Philipp zuckte trotzig mit den Schultern. Er blickte Lisa an, aber seine Worte zielten zweifellos auf Sylke. »Jeder sollte wissen, wo sein Platz ist, würde ich sagen.«

Sylke lag eine Erwiderung auf der Zunge, aber sie hielt sich zurück. So durften sie nicht weitermachen, es war nicht der richtige Weg. »Telefonier doch bitte etwas rum. Vielleicht hat jemand Pölzner heute schon gesehen. Auf den Dörfern stehen die gern mal hinter den Gardinen und gucken, was der Nachbar macht; gerade, wenn so etwas passiert ist wie gestern. Und Lisa, du könntest dir jetzt die Wohnung von Dr. Krohnhorst ansehen. Du weißt ja, wonach wir suchen: Wichtige Kontakte, Terminkalender, Hinweise auf den Streit mit Pölzner, aber auch auf Erkrankungen oder sonstige Besonderheiten.«

Sie ging zurück in ihr Büro. Es roch wie das gesamte Gebäude noch neu, Wände und Tische waren unberührt, frei von den Kratzern und Kerben, die das Leben früher oder später in einen Ort schlug. Sie hatte das Gefühl, dass dieses Büro sie abstoßen wollte, als wäre sie ein Fremdkörper. Dass Pölzner nicht zur Vorladung erschien, bestätigte Philipps Misstrauen. Hatte sie ihn zu Unrecht ausgebremst? Wäre es doch besser gewesen, den dicken Naturschützer direkt vor Ort hart anzugehen, in der Hoffnung auf ein schnelles Schuldeingeständnis?

Noch während sie mit aufkommenden Zweifeln kämpfte, steckte Philipp seinen Kopf durch die Türöffnung. »Pölzner wurde gesehen. Er hat vor einer Viertelstunde sein Haus verlassen und ist zusammen mit einem Mann Richtung Prägelbach gegangen.«

»Prägelbach?«

»Dieses Rinnsal, an dem Krohnhorst seinen letzten Atemzug getan hat.«

»Und wer ist dieser Mann?«

»Die Nachbarin hat ihn im Dorf noch nie gesehen.«

»Interessant. Lass uns mal nachsehen, was die beiden da draußen zu tun haben.«

9

Sylke überließ es Philipp, den Wagen zu steuern. Als sie auf die Wolgaster Straße eingebogen waren und der Weg nur noch geradeaus aus der Stadt führte, hielt sie die Zeit für ein paar offene Worte für gekommen. Sie bemühte sich um einen freundlichen, aber doch verbindlichen Tonfall.

»Philipp, ich habe den Eindruck, dass du mit meiner Vorgehensweise nicht immer einverstanden bist. Wenn du ein Problem damit hast, dann kannst du das sagen. Wir sind ein Team.«

Der junge Kollege hielt seinen Blick auf die Straße gerichtet. Seine Miene war unbewegt. Sylke wartete einen Moment. »Willst du irgendetwas dazu sagen?«

»Ist schon okay.«

»Wenn es dir gegen den Strich geht, dass mir die Leitung übertragen wurde, dann kannst du das auch sagen.«

Wieder eine Pause. Auf der linken Seite schimmerte für Sekundenbruchteile rötlicher Backstein durch Hecken und Bäume – die Klosterruine von Eldena.

»Wie gesagt: Ist schon okay.«

Sylke wartete, aber es kam nichts mehr. »Kannst du auch etwas anderes sagen als ›ist schon okay‹?«

Vor ihnen rumpelte ein Tanklastfahrzeug durch Schlaglöcher. Philipp setzte zum Überholen an. Der Wagen schoss nach vorn, als er das Gaspedal durchtrat. Es war nicht ohne Risiko. Sylke musste sich beherrschen, um nicht laut zu werden. Dass er auf diese Art und Weise seinen Ärger abreagierte, war beschämend. Einschüchtern ließ sie sich aber nicht. Das hatte sie noch nie getan. »Ich habe doch gemerkt, dass du sauer bist. Das ist dein gutes Recht. Aber denk dran: In dem Moment, als uns dieser Fall angetragen wurde, hast du zurückgezogen. Das war deine Entscheidung. Du kannst dich dann nicht hinterher darüber beschweren, wenn andere dir das dann auch nicht mehr zutrauen. Ich will, dass wir gut zusammenarbeiten. Je eher du deine Vorbehalte überwindest, umso besser ist deine Chance, am Ende dieser Ermittlung die Dienstgruppenleitung zu übernehmen.«

Philipp schnaufte. »Du willst doch, dass Lisa das macht.«

»Ich will, dass es der Beste macht. Das sage ich auch Lisa.«

»Aber du hast dir längst eine Meinung darüber gebildet, wer der Bessere von uns beiden ist.«

Immerhin, dachte sie, das war ein Standpunkt. Etwas, womit man weiterarbeiten konnte. »Ich glaube, du solltest uns beiden mehr Offenheit zugestehen. Du gibst dich gern spontan und aktiv, aber im Grunde versuchst du, an einem einmal gefassten Urteil um jeden Preis festzuhalten. Es ist richtig: Ich war gestern sehr angetan von Lisa. Sie ist sofort engagiert auf die Herausforderung eingestiegen, während du damit beschäftigt warst, dich für den Vortag zu rechtfertigen. Wenn ich einen guten Eindruck von Lisa hatte, dann heißt das aber nicht, dass ich irgendein Urteil über eure Qualifikation gefällt hätte. Wirklich nicht. So schnell geht das nicht.«

Philipp schob die Unterlippe vor und sagte nichts mehr. Sie fuhren jetzt durch kleine Dörfer, vorbei an der Abzweigung, die zum Fundort der Leiche führte, bis nach Katzow, dem Ort, aus dem Pölzner stammte. Am Ortseingang ging es scharf nach rechts, dann weiter über Feldwege. Wiesen und Waldstücke wechselten sich ab, hier und da passierten sie einzelne Gehöfte. Von Pölzner und dem Unbekannten war nichts zu sehen. Philipp wurde ungeduldig. »Hier hätten sie eigentlich sein müssen. Was sollen wir machen?«

»Wir suchen zu Fuß weiter.«

Eine halbe Stunde später liefen sie noch immer durch den Wald. Philipps Laune hatte sich stetig verschlechtert und Sylke bereute, dass sie keinen Mittagsimbiss eingepackt hatte. Sie ärgerte sich weniger darüber, dass sie Pölzner nicht fanden, sondern vor allem, weil sie die gesamte Aktion inzwischen für Zeitverschwendung hielt.

Auf einer Anhöhe entdeckte sie einen Hochsitz. »Lass uns da oben Pause machen. Wir halten noch etwas Ausschau, aber wenn sich Pölzner in einer Viertelstunde nicht blicken lässt, brechen wir das Ganze ab. Soll der Staatsanwalt ihn vorladen. Dann bleibt ihm keine Wahl.«

Sylke stieg todesmutig die etwa fünf Meter lange Holzleiter hinauf.

»Na toll«, hörte sie Philipp sagen. Er folgte ihr wie ein unwilliger Schüler beim Wandertag. Dann saßen sie in luftiger Höhe auf einem regenfeuchten Holzbrett und observierten die Umgebung. Philipps Laune war weiterhin gedämpft. »Wir könnten einen Hubschrauber anfordern.«

»Klar – warum nicht gleich zwei Hundertschaften von der Bundespolizei? Pölzner ist bislang Zeuge, nicht mehr.«

»Ich hasse diesen Wald.«

Sylke sah amüsiert zu ihm rüber. Mit seinem struppigen Bart und dem Rollkragenpullover unter dem Sommermantel hatte er beste Voraussetzungen für einen anständigen Waidmann. Aber manche Leute wollten ihre Bestimmung einfach nicht erkennen. Philipp nahm ihr das Fernglas aus der Hand und suchte ein weiteres Mal den Waldrand ab. »Ist doch merkwürdig, dass er zwei Tage, nachdem die Leiche gefunden wurde, mit einem Typen hier herumstreunt, den im Dorf niemand kennt.«

»Kann Zufall sein«, sagte Sylke. »Vielleicht ein ehemaliger Kollege, dem er das Naturschutzgebiet zeigen will.«

»Oder der Typ soll ihm helfen, Spuren zu beseitigen, die wir noch nicht gefunden haben. Die Tatwaffe fehlt ja auch noch.« Er hielt plötzlich inne. Dann sprach er weiter, ohne das Fernglas abzusetzen, im Flüsterton eines Großwildjägers. »Da sind sie. Wir haben sie.«

Sylke wollte ihm das Fernglas abnehmen, aber Philipp hielt es fest. »Warte. Der Typ neben Pölzner ist bestimmt kein Handwerkerkollege. Lederjacke, Cordhose, Schiebermütze. Seine Tasche sieht aus wie der Ranzen meines Großvaters.«

Sylke musste lachen. »Dein Großvater war damals sicher stolz auf seinen Ranzen. Jetzt gib mir endlich das Fernglas.«

Philipp reichte ihr den Feldstecher. »Immerhin hat er es bis auf die höhere Schule geschafft und dann vierzig Jahre lang als Schiffsbauingenieur gearbeitet. Na ja, heute ist das auch kein sicherer Job mehr.«

Sylke hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Als sie die beiden Gestalten, die am Waldrand entlang stapften, endlich in voller Größe vor die Linse bekam, erstarrte sie. Das Lachen verging ihr. »Das ist ja … Scheiße. Das ist …«

Philipp sah sie misstrauisch an. »Wie … kennst du den Vogel?«

»Und wie ich den kenne. Ich hatte schon öfter mit ihm zu tun.«

»Und das bedeutet was?«

»Er heißt Tom Brauer und ist Privatermittler.« Sie schüttelte den Kopf. »Er ist unberechenbar und ziemlich eigensinnig. Leider auch nicht ganz dumm.«

Sie stiegen die morschen Stufen vom Hochsitz ab. Sylke musste an ihre bisherigen Begegnungen mit Tom denken. Es war ja nicht alles schlecht, was sie mit ihm erlebt hatte. Sie war sogar mal etwas verliebt gewesen in ihn.

»Wo bleibst du denn?« Philipp hatte es eilig und ging schon einige Schritte voraus. »Scheint dich ja sehr zu beschäftigen, dass dieser Tom Brauer hier rumläuft.«

Sylke winkte ab. Sie versuchte, sich wieder auf das eigentliche Ziel zu konzentrieren. Tom war im Augenblick nicht wichtig und sie würde alles dafür tun, dass sich daran auch nichts änderte. Hinter einer Wegbiegung kamen die beiden Waldspaziergänger in Sicht. Pölzner war die Begegnung mit den beiden Ermittlern sichtlich unangenehm. Aber für eine plötzliche Umkehr war es längst zu spät, das hätte ausgesehen wie Flucht. Sylke sah, dass Tom auf den Dicken einredete. Sicher gab er ihm Tipps, wie er sich nun verhalten sollte. Trotzdem stotterte Pölzner wie ein ertappter Lausbub herum, als sie ihm gegenüberstanden. »Also, ich weiß, dass Sie mich ja gebeten hatten … ich hatte auch vor … also ich wollte …«

Sylke beachtete ihn für den Moment gar nicht, sondern wandte sich Tom zu, in dessen Gesichtsausdruck sie Argwohn, aber auch eine gewisse Belustigung zu erkennen glaubte. »Können wir mal kurz unter vier Augen sprechen?«

Tom sah sie beinahe mitleidig an, folgte ihr aber brav, bis sie außer Hörweite der beiden anderen waren.

»Nanu, neues Revier, Frau Oberförsterin?«

»Darf ich fragen, was du hier machst?«

»Ich gehe spazieren und informiere mich über die Belange des Naturschutzes. Wusstest du, dass Biber die intelligentesten Nagetiere sind, die man sich vorstellen kann, und beim Bau von Dämmen …«

»Tom, hör auf mit dem Mist. Wieso bist du mit dem Mann hier unterwegs – einen Steinwurf entfernt von dem Ort, an dem er vorgestern eine Leiche entdeckt hat? Wenn das Zufall ist, dann … «

»… dann bist du Lady Gaga. Nein, keine Sorge, du musst jetzt nicht singen lernen. Und ja, du hast recht: Es kommt selten vor, dass ich mich rein zufällig so weit von meinen Heimatgewässern wegbewege.«

»Hast du dem Pölzner eingeredet, nicht auf dem Polizeirevier zu erscheinen?«

»Ich habe ihn nur über seine Rechte aufgeklärt.«

»Du bringst mich hier in eine blöde Situation.« Sie sah sich zu den anderen um. Philipp redete auf Pölzner ein, der im Wald herumstand wie eine gerupfte Birke nach einem Orkan. Es war nicht gut, die beiden allein zu lassen. »Können wir uns mal unterhalten, also abseits des rein Dienstlichen?« Tom sah Sylke mit schief gelegtem Kopf an. »Klar. Immer. Gern.«

»Ich rufe dich an«, sagte sie, während sie bereits wieder auf dem Weg zu Philipp und Pölzner war.

»Herr Pölzner wird uns jetzt begleiten«, verkündete Philipp staatstragend.

Sylke drehte sich noch einmal zu Tom um. Er war stehen geblieben, als wolle er mitten auf dem Waldweg zum Denkmal werden, und blickte ihnen versonnen hinterher. Seine Gelassenheit reizte sie. Merkte er mal wieder nicht, wie sehr er ihre Ermittlungen behinderte? Andererseits war es beinahe schon ein vertrautes Gefühl, den Störenfried in der Nähe zu wissen. Sie schüttelte sich innerlich. Es war ja nichts Dramatisches passiert. Trotzdem hatte sie die Begegnung mit Tom aus dem Konzept gebracht.

10

Lisa traf den Hausmeister auf einem der Zuwege, die den Parkplatz mit den quaderförmigen Gebäuden des Wohnquartiers verbanden. Der Mann trug einen grauen Kittel und bot ihr an, die Wohnung von Dr. Krohnhorst aufzuschließen, aber Lisa wollte auf neugierige Begleiter lieber verzichten. Sie ließ sich den Schlüssel aushändigen und erklärte dem Hausmeister, dass sie ihn anrufen werde, wenn sie fertig sei.

Niemand machte ihr später einen Vorwurf deswegen, auch dass sie die Wohnung des Toten allein aufsuchte, wurde nicht als leichtsinnig betrachtet. Es bestand kein Grund, von einer Gefahr auszugehen. Die Tatsache, dass die Wohnungstür nicht richtig verschlossen, sondern einfach nur zugezogen worden war, hätte Lisa stutzig machen können. Aber auch dafür konnte es ja eine Erklärung geben: Einer wie Krohnhorst wischte sicher nicht selbst den Staub von den Möbeln und Fensterbänken – vielleicht hatte die Reinigungskraft vergessen abzuschließen. Bedenkenlos öffnete Lisa die Tür im fünften Stockwerk.

Im nächsten Moment war sie hingerissen von der hellen und geräumigen Wohnung. Großflächige Fenster ließen das milde Licht einer leicht verschleierten Sonne herein. Marmorplatten im Eingangsbereich, hellgraue Teppichfelder im Wohnzimmer. Vorhänge in einem warmen Rotton, Gemälde mit Jagd- und Naturmotiven. Wenige gediegene Möbelstücke: ein antiker Schrank aus glänzend poliertem Holz, ein schwarzes Ledersofa, dazu ein Tisch mit Rauchglasplatte. Es fügte sich stilistisch nicht perfekt zusammen und regelrecht abstoßend fand Lisa die ausgestopften Tierköpfe an der Wand. Aber die Wohnung insgesamt: ein Traum.

War sie zu sehr abgelenkt, weil sie sich vorstellte, wie es wäre, in solch einer Wohnung zu leben? Weil der Gedanke an ihre Gehaltsgruppe sie beschäftigte und auch der Brief vom Gericht, demzufolge ihr Vater wohl seit Monaten seine Stromrechnungen nicht bezahlt hatte? Sie registrierte einen kleinen Sekretär im Wohnzimmer, rötlich schimmerndes Holz, handgedrechselte Beine. Dann war da ein Schreibtisch mit eigenartig geschwungener Tischplatte. Im Schlafzimmer würde sie den Nachttisch unter die Lupe nehmen, außerdem einige Schubladen im Küchenschrank. Es war also einiges zu tun.

Bevor sie mit der Arbeit begann, gönnte sie sich einen Abstecher auf die Dachterrasse, mindestens fünfzig Quadratmeter, mit geriffelten Holzplanken belegt. Sie bot einen herrlichen Ausblick: Ganz vorn der Ryck, gekräuseltes Grün-Blau, dahinter links die Museumswerft mit den urigen alten Segelschiffen und direkt daran angrenzend das hochmoderne Betriebsgelände der Hansewerft, das sich bis zum Rand der Stadt erstreckte. Gerade konnte man beobachten, wie auf dem Ryck eine dieser Millionärsjachten wendete, vielleicht für eine Testfahrt auf dem Greifswalder Bodden. Diese noblen Wasserfahrzeuge, die teuren Wohnungen des Hafenquartiers – passte so etwas nicht eher nach Hamburg als in diese gemütliche und etwas verschlafene Stadt?

Lisa schreckte hoch, als sie ein Geräusch aus der Wohnung hörte. Es war nicht laut, vermutlich war durch den Luftzug, der mit dem Öffnen der Tür zur Dachterrasse entstanden war, eine Tür ins Schloss gefallen. Sie sah keinen Grund, die Pistole schussbereit zu halten. Ein zweites Mal streifte sie durch die Räume. Nein, da war niemand. Sie ging ins Schlafzimmer und wandte sich dem Nachttisch zu. Ohrstöpsel, Medikamente, Kondome. Kondome? Sie warf einen Blick auf das Bett, King-Size-Format, goldener Metallrahmen. Es passte nicht wirklich zu einem 72-jährigen Pensionär. Aber waren das nicht alles Vorurteile?

Im Wohnzimmer gab es ein Regalfach mit mehreren Büroordnern. Einer war mit Gericht beschriftet und enthielt mehrere Schriftstücke, die gerichtliche Auseinandersetzungen um die Biberbauten am Prägelbach dokumentierten. Lisa packte den Ordner in eine mitgebrachte Stofftasche und legte sie auf den Wohnzimmertisch. Dann wandte sie sich dem Bücherregal zu. Krohnhorst hatte nicht viele Bücher, die meisten drehten sich um Jagd oder Landesgeschichte, dazu kam eine Reihe von Reiseführern. Als sie einen Bildband über Thailand herauszog, fiel aus der hinteren Umschlagklappe ein Briefumschlag auf den Fußboden. Sie griff hinein und hatte ein Dutzend Fotografien in der Hand. Sie waren zum Teil verwackelt, bei einigen waren dunkle Streifen oder Flächen im Vordergrund zu sehen – so, als ob jemand aus einem Versteck heraus fotografiert hätte. Zu sehen war auf allen Bildern ein Stück von einem Parkplatz. Ein Mann, dessen Gesicht kaum zu erkennen war, hielt sich neben einem dunklen SUV auf, bückte sich, blickte sich um. Auf einem Bild war er auf dem Boden kauernd zu sehen, er schien einen Gegenstand, den man nicht erkennen konnte, gegen den Reifen zu halten.

»So, so«, murmelte Lisa, »das ist ja interessant.« Sie steckte die Fotos wieder in den Umschlag und legte ihn zu dem Ordner auf den Wohnzimmertisch. Dann ging sie in die Küche, auf der Suche nach weiteren Dingen, die für die Ermittlungen relevant sein konnten. Als sie in eine Schublade griff, hatte sie plötzlich ein Bündel Geldscheine in der Hand. Beinahe im gleichen Augenblick glaubte sie, hinter sich eine Bewegung wahrzunehmen. Sie hatte nichts gesehen und nichts gehört, es kam ihr nur so vor, als sei irgendeine Art von Unruhe im Raum. Ihr Gespür für feine Vibrationen – oder was immer es war – rettete sie. Noch während sie herumfuhr, sauste ein länglicher Gegenstand auf sie nieder. Er prallte gegen ihren Arm, den sie instinktiv nach oben gerissen hatte. Sie konnte den Schlag zwar abschwächen, aber er war kräftig genug, um sie zu Boden zu schleudern. Im Fallen stieß sie mit dem Kopf gegen den Küchenschrank. Ein Hocker flog krachend gegen die Wand. Sie spürte einen scharfen Schmerz an der linken Hand und blieb benommen liegen.

›Was war das? Wer war das? War der Angriff vorbei?‹ Für Sekunden rasten diese Fragen durch ihren Kopf, aber sie war nicht in der Lage, sie zu beantworten oder sich zu bewegen. ›Hörte sie Schritte, die sich entfernten? Wurde eine Tür zugeschlagen? Oder träumte sie?‹ Sie kam wieder zu sich, schüttelte sich, stand auf. Mit aller Kraft drückte sie sich von der schwarzen Wand ab, die sich vor ihre Augen schieben wollte. Jetzt endlich zog sie die Pistole und lief schwankend zur Wohnungstür. Als sie die öffnen wollte, bemerkte sie, dass Blut auf den Fußboden tropfte. An ihrer linken Hand war ein tiefer Schnitt. Sie musste sich im Fallen die Haut aufgerissen haben. Egal.

Draußen an der Wohnungstür, mit einem Fuß im Flur, lauschte sie. Ein singendes Geräusch: der Aufzug. Nur eine halbe Sekunde zögerte sie, dann rannte sie die Treppe nach unten. Auf jedem Stockwerk blieb sie kurz stehen und horchte, ob der Fahrstuhl noch in Bewegung war. Auf der zweiten Etage hörte sie nichts mehr, stattdessen öffnete unten jemand die Haustür. Sie stürmte die letzten Treppenstufen hinab, riss die Tür auf – und stieß mit einem Mann zusammen, der seine Kamera gerade noch rechtzeitig zur Seite ziehen konnte.

»Pass doch auf, wo du hinläufst, Kind!«

»Haben Sie den Kerl gesehen, der gerade aus dem Haus kam?«

Der Mann mit der Kamera, untersetzt, wenige Haare, musterte sie mit einem eigenartigen Ausdruck, nicht überrascht, was sie gut verstanden hätte, sondern irgendwie erwartungsvoll. Nicht einmal ihre Waffe schien ihn zu erschrecken.

»Ich habe ihn fotografiert«, sagte er.

Sie war schon wieder ein paar Schritte weitergelaufen und sah, dass eine schlanke Person in einem grünen Kapuzenpulli quer über den Parkplatz vor der Wohnanlage lief.

»Wirklich?«

Lisa steckte die Visitenkarte, die ihr der Mann entgegenstreckte, hektisch ein. Seine Gesten und seine Stimme hatten etwas Unangenehmes, etwas Lüsternes, fand sie. »Ich kann Ihnen die Datei zukommen lassen. Ermitteln Sie auch in der Stricherszene?«

Sie war schon fast am Parkplatz. »Ich melde mich«, rief sie ihm zu.

Der Flüchtende war nicht mehr zu sehen. Lisa überquerte die freie Fläche zwischen zwei Reihen parkender Autos und lief dann einfach geradeaus weiter, in der Hoffnung, den Mann aus der Wohnung noch einmal zu Gesicht zu bekommen. Die Waffe steckte sie beim Laufen zurück ins Holster. Mit der rechten Hand presste sie ein Taschentuch auf die Wunde, die noch immer blutete. Sie überquerte den Hansering und stand in der Grünanlage am Schießwall, auf einem schnurgeraden Weg. Ganz am Ende sah sie ihn: Er bog ab und war erneut verschwunden. Sie versuchte den Weg abzukürzen und zielte diagonal auf die Hausecke an der Friedrich-Loeffler-Straße. Details brannten sich in ihre Wahrnehmung ein, wie bei einem Film, der an unwichtigen Stellen stehenbleibt. Die schiefen Wände eines Fachwerkschuppens auf der Ecke zur Friedrich-Loeffler-Straße. Eine schnurgerade gepflasterte Gosse neben der Marienkirche, eine Werbetafel mit der Aufschrift Papierhaus. Fahrräder vor einem Bankgebäude, die so aneinander lehnten, als würden sie sich umarmen. Weiter, immer weiter. Das Taschentuch auf ihrer Wunde war mittlerweile feucht und rot. Sie bog nach rechts ein und erreichte den Marktplatz. Sie atmete schwer und ignorierte das Ziehen in der Brust. Einige Verkaufswagen standen herum, es waren nicht sehr viele Leute unterwegs. Gab es einen grünen Kapuzenpulli? Da war er! Schlenderte dreist zwischen einem Wurstwagen und einem Gemüsestand hindurch. Wollte wohl keine Aufmerksamkeit erregen. Lisa umrundete die Verkaufsstände und lief dem Mann im Kapuzenpulli direkt vor die Nase. Mit erhobener Waffe ging sie auf ihn zu. »Polizei! Nehmen Sie die Hände langsam aus der Tasche!«

Zum ersten Mal sah sie ihn von vorn. Er war um die vierzig Jahre alt und hatte einen überraschend treuherzigen Gesichtsausdruck. Sie nutzte seinen Schreck aus und dirigierte ihn in Sekundenschnelle hinter einen Fischwagen, tastete ihn ab und legte Handschellen um seine Handgelenke. Dann rief sie die Kollegen im Revier an und bat um Verstärkung. Sie versuchte, zur Ruhe zu kommen, und drückte ein weiteres Taschentuch auf ihre Wunde, wahrscheinlich hatte sie eine theatralische Blutspur von Krohnhorsts Wohnung bis zum Greifswalder Marktplatz gelegt. Hätte sie das vor einem Jahr ihrer besten Freundin von der Polizeischule erzählt, sie hätten sich kaputtgelacht. Aber Lisa war nicht zum Lachen zumute. Dem Mann im Kapuzenpulli im Übrigen auch nicht. Er hatte zunächst überhaupt nichts gesagt und schien regelrecht unter Schock zu stehen. Auf den ersten Blick würde kein Mensch vermuten, dass sich so einer in die Wohnung eines Toten schlich und eine Polizistin zusammenschlug.

»Können Sie mir bitte sagen, was … ich, ich wollte doch nur …«

»Was haben Sie in der Wohnung gesucht?«

»Welche Wohnung denn?«

»Stellen Sie sich nicht dümmer, als sie sind!«

»Also, ich … ich wollte Käse kaufen.«

Seine dumme Ausrede klang erstaunlich überzeugend. Lisa hatte kein Verständnis für eine solche Dreistigkeit.. Wer versuchte, einer Polizistin den Schädel einzuschlagen, brauchte nicht auf eine zarte Behandlung zu hoffen. Das sagte sie auch den uniformierten Kollegen, die nach wenigen Minuten mit zwei Streifenwagen eintrafen. Sie hörten sich an, was passiert war, und klärten den Täter darüber auf, dass sie ihn nun auf die Polizeiwache verfrachten würden. Die Sache würde ihren Lauf nehmen. Aber dann tauchte diese Frau auf. Hellbraune Locken, Lederjacke, Seidentuch, Stiefeletten mit Silbernieten.

»Was haben Sie denn mit meinem Mann vor?«

Es klang so, als wolle die Polizei ihr das schönste Spielzeug wegnehmen. Sie wandte sich dem Mann im Kapuzenpulli zu.

»Schatz, du solltest den Käse kaufen, nicht klauen!«

»Diese Polizistin hat mich bedroht«, rief der Verdächtige. »Sie redet von irgendeiner Wohnung. Ich bin gar nicht dazu gekommen, den Käse zu kaufen! Ich wusste auch nicht mehr, ob du den Emmentaler oder den Rügener haben wolltest.«

In diesem Moment wurde Lisa klar, dass der Streit um den Käse so echt war wie die roten Tropfen auf den Bodenplatten des Greifswalder Marktplatzes. Sie hatte den falschen Mann erwischt.

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Объем:
302 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783356024036
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Правообладатель:
Bookwire
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