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Eduard Spörk
Franzosenkind
Meine Suche nach dem unbekannten Vater
Aufgezeichnet von Britta Lauber
Mit einem Vorwort von Barbara Stelzl-Marx


Die Drucklegung dieses Werkes wurde unterstützt durch den
Zukunftsfonds der Republik Österreich.
2015
© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: Tyrolia-Verlag unter Verwendung eines Bildes von:
Votava/Imagno/picturedesk.com
Alle Bilder aus dem Archiv von Eduard Spörk, mit Ausnahme von: Seite 21: Bundesarchiv, Bild 146-1982-089-18 / CC-BY-SA; Seite 22: Wikipedia; Seite 38: Österreichische Nationalbibliothek, Inv.-Nr.: AF 1678-C; Seite 67 und 79: Wikipedia; Seite 119: Österreichische Nationalbibliothek, Inv.-Nr.: 224038-B; Seite 130: Österreichische Nationalbibliothek, Inv.-Nr.: KS 16216297; Seite 139: Wikipedia
Layout und digitale Gestaltung: GrafikStudio HM, Hall in Tirol
Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien
ISBN: 978-3-7022-3445-4 (gedruckte Ausgabe)/978-3-7022-3446-1 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Der Zettel
Übersbach 1940
Der Krieg in Europa
Stammlager XVIII A Wolfsberg
Das Grauen des Krieges
Die letzten Tage
Die Zeit danach
Ein Bub zwischen zwei Müttern
Offene Geheimnisse
Dorfleben
Einsam am Weinberg
Freiheiten in Fürstenfeld
Erste Berührungen mit Wien
In den Bergen
Zwischen Arbeit und Schule
Edith
Die Liebe
Nicht nur Musik liegt in der Luft
Unter Lustern zwischen Glas und Porzellan
Die Verarbeitung von Daten
Soziales Engagement
Der Papst bei der Caritas Socialis
Die Suche
Der Beweis
Das Glück
Antoine est revenu
Nachwort
Anhang
Quellen
Vorwort
von Barbara Stelzl-Marx
Eduard Spörk kam als „Kriegskind“ auf die Welt: Seine Mutter war Österreicherin, sein Vater ein französischer Kriegsgefangener. Er ist nicht allein mit seinem Schicksal. In der gesamten „Ostmark“, im gesamten „Dritten Reich“, wurden Kinder aus Beziehungen zwischen Einheimischen und ausländischen Kriegsgefangenen bzw. Zwangsarbeitern geboren, teilweise auch als Folge von Vergewaltigungen.
Allein in der „Ostmark“ waren Anfang 1944 mehr als 200.000 Kriegsgefangene untergebracht, darunter rund 81.000 Franzosen.1 Ihr Leben und Überleben war von einer rassisch-ideologisch aufgebauten Hierarchie geprägt, die sämtliche Bereiche der Gefangenschaft – von der Gefangennahme über die Unterbringung in den Lagern, die Versorgung bis hin zu Krankheit und Tod – betraf. An unterster Stelle standen sowjetische Gefangene, von denen rund 60 Prozent ihr Leben in deutschem Gewahrsam verloren; an oberster Briten und Amerikaner, gefolgt von den französischen Kriegsgefangenen. Die Mannschaftsränge kamen in allen Bereichen der Kriegswirtschaft zum Einsatz, in der Industrie, im Gewerbe, Bergbau und natürlich in der Land- und Forstwirtschaft. Gerade hier ergaben sich trotz genauer Reglementierungen persönliche Kontakte mit der österreichischen Bevölkerung, die mitunter in – streng verbotenen – Liebesbeziehungen resultierten.
Sogenannte „lose“ Frauen, die im „Dritten Reich“ Verhältnisse mit ausländischen Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern eingingen, zogen während der NS-Zeit starke Ressentiments und Strafmaßnahmen auf sich. Aus „volkstums- und rassenpolitischer“ Sicht sollte die „Reinheit des deutschen Blutes“ nicht befleckt werden. Die Frau verkörperte als „Inbegriff der deutschen Seele“ ein „Bollwerk gegenüber den anderen, den Fremden, dem Feind“.2 Insbesondere Beziehungen zu sowjetischen Kriegsgefangenen wurden hart geahndet, dominierten doch in diesem Zusammenhang Vorstellungen einer rassischen Überlegenheit germanischer „Herrenmenschen“ gegenüber den slawischen „Untermenschen“. Die Personalkarten sowjetischer Kriegsgefangener enthielten daher vielfach den Vermerk „Belehrt über das Verbot betr. Verkehr mit deutschen Frauen“.
Doch auch bei Beziehungen mit Gefangenen anderer Nationalität drohte im Falle von „Verstößen gegen das gesunde Volksempfinden“ nach Paragraf vier der „Wehrkraftschutzverordnung“ eine mehrmonatige Gefängnishaft. Manchen Frauen wurden zudem als Zeichen öffentlicher Stigmatisierung ihre Haare abgeschnitten. Bei den betroffenen Kriegsgefangenen konnte Geschlechtsverkehr mit „deutschen Frauen“ bis zur Einweisung in ein Konzentrationslager oder zur Todesstrafe führen, wobei das Ausmaß der Strafe von der jeweiligen Nationalität des Gefangenen abhing.
Die Diskriminierung einheimischer Frauen, die sich mit dem „Feind einließen“, war kein singuläres Phänomen des „Dritten Reiches“. In den Niederlanden etwa warf man nach Ende der deutschen Besatzung Frauen und Mädchen, die Beziehungen mit deutschen Soldaten eingegangen waren, „Vaterlandsverrat“ vor. Als Strafe wurden diesen „moffenmeiden“ öffentlich die Köpfe geschoren. Manchen malte man ein Hakenkreuz auf die noch blutende Kopfhaut. Anschließend wurden die derart Gebrandmarkten zu Fuß oder auf einem offenen Wagen durch das Dorf bzw. die Stadt geführt.3
Analog dazu wurden nach der Befreiung auch in Frankreich rund 20.000 Frauen kahl geschoren – die eine Hälfte wegen Kollaboration mit den Deutschen oder Denunziation, die andere wegen sexueller Beziehungen zum „Feind“. Man klagte Letztere der „collaboration horizontale“ – der „horizontalen Kollaboration“ – an, wofür sie öffentlich gedemütigt wurden. Die Inszenierung dieses Phänomens lässt sich mit mittelalterlichen Schauprozessen vergleichen. Das Bild der „femmes tondues“ – der „geschorenen Frauen“ – blieb im kollektiven Gedächtnis Frankreichs verankert: In den 1980er-Jahren gaben immerhin acht Prozent der Befragten an, primär die „kahl rasierten Kollaborateurinnen“ mit der Befreiung Frankreichs zu assoziieren. Hier standen weniger „rassische“ Überschreitungen als vielmehr das nationale „Fremdgehen“ im Vordergrund.4
Vor diesem Hintergrund galten die Nachkommen von Kriegsgefangenen in Österreich – auch über das Kriegsende hinaus – als „Kinder des Feindes“. Häufig waren sie unterschiedlichen Formen von Diskriminierung und Stigmatisierung ausgesetzt. Ihre „Schande“ bestand nicht nur darin, meist unehelich geboren worden zu sein, sondern auch darin, den „falschen“ Vater zu haben. Sie waren häufig – jahrzehntelang – von einer Mauer des Schweigens und versteckten Anspielungen umgeben.5 Ihr Schicksal unterscheidet sich darin kaum von jenem der ab Ende 1945 geborenen Besatzungskinder.6
Auch innerhalb der Familie von Eduard Spörk war somit seine Herkunft lange ein Tabu. Er blieb das einzige Kind im Dorf ohne Vater und fühlte sich nicht zugehörig, auch das ein Charakteristikum vieler „Kriegskinder“.
Die Suche nach dem Vater ist für viele „Kriegskinder“ – und auch deren Kinder – zeit ihres Lebens ein Thema. Im Vordergrund steht die Ergründung der eigenen Identität, die Frage nach den „persönlichen Wurzeln“. Auch das Bedürfnis, diese Lücke in der eigenen Vita zu schließen, unabhängig davon, ob die Betroffenen eine „glückliche“ Kindheit verbrachten, ob sie in einer liebevollen Familie oder in einem Heim aufwuchsen, Diskriminierung ausgesetzt waren, früh oder spät, direkt oder indirekt, zufällig oder durch die Erziehenden gelenkt von ihren Vätern erfuhren. Selbst Kinder, die als Folge einer Vergewaltigung auf die Welt kamen, widmen sich dieser Lebensfrage.
Die Biografie von Eduard Spörk trägt dazu bei, das jahrzehntelang tabuisierte Thema der Nachkommen von ausländischen Kriegsgefangenen und österreichischen Frauen sichtbar zu machen. Sie verdeutlicht, wie schmerzlich die Lücke in der eigenen Biografie durch den absenten, lange auch verschwiegenen Vater sein kann. Seine Geschichte macht gleichzeitig Mut, sich auf die Spurensuche nach den eigenen Wurzeln zu begeben und trotz zahlreicher Rückschläge nicht aufzugeben.
Eduard Spörk und Britta Lauber sei für dieses Buch gedankt. Es stellt einen wichtigen Beitrag dar, die vielfach bis heute vorhandene Mauer des Schweigens, die zahlreiche „Kriegskinder“ in ihrer unmittelbaren Familie und Nachbarschaft umgibt, einzureißen.
| Graz, im April 2015 | Doz. Dr. Barbara Stelzl-Marxstellvertretende Leiterin des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgen-Forschung |
1Hubert Speckner, In der Gewalt des Feindes. Kriegsgefangenenlager in der „Ostmark“ 1939 bis 1945. Wien – München 2003, S. 32 f.
2Ingrid Bauer, „Besatzungsbräute“. Diskurse und Praxen einer Ausgrenzung in der österreichischen Nachkriegsgeschichte 1945–1955, in: Irene Bandhauer-Schöffmann – Claire Duchen (Hg.), Nach dem Krieg. Frauenleben und Geschlechterkonstruktionen in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Herbholzheim 2000, S. 261–276, hier: S. 269.
3Monika Diederichs, Stigma and Silence: Dutch Women, German Soldiers and their Children, in: Kjersti Ericsson – Eva Simonsen (Hg.), Children of World War II. The Hidden Enemy Legacy. Oxford – New York 2005, S. 151–164, hier: S. 157f.
4Fabrice Virgili, Enfants de Boches: The War Children of France. Translated by Paula Schwartz, in: Kjersti Ericsson – Eva Simonsen (Hg.), Children of World War II. The Hidden Enemy Legacy. Oxford – New York 2005, S. 138–150, hier: S. 145.
5Barbara Stelzl-Marx – Silke Satjukow (Hg.), Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland. Wien – Köln – Weimar 2015.
6Barbara Stelzl-Marx, Stalins Soldaten in Österreich. Die Innensicht der sowjetischen Besatzung. Wien–München 2012, S. 509 f.
Der Zettel
Matt lehnte sich die Wärme des Sommers an einen wolkenlosen Himmel. Die trockene Luft knisterte.
„Immer noch besser als in der Ziegelfabrik“, dachte Eduard müde. Seit einer Woche arbeitete er in der Hitze des Brennofens, die seine Haut glühen ließ und ihm den Atem nahm. Doch er brauchte das Geld, sparte für ein Moped und nutzte die Ferientage. Seine Mutter nickte ihm zu und reichte ihm wortlos ein Glas Wasser. Mit seinen vierzehn Jahren begegneten sie sich von der Größe auf Augenhöhe, der schmale, blonde Junge und die brünette Frau, deren Figur die Geburten von drei Söhnen gerundet hatten.
Der Tag neigte sich dem Abend entgegen. Hans, Eduards achtjähriger Bruder, spielte mit Freunden irgendwo draußen am Bach, und der Mann der Mutter schien unterwegs zu sein.
„Wie war es heute?“, fragte Eduard, obwohl er die Antwort bereits kannte.
„Wie immer“, die Mutter überraschte ihn nicht. Sie sprach nie viel, auch nicht über ihre Arbeit in der Tabakfabrik, wo sie seit einigen Jahren Zigarren aus feinen Tabakblättern rollte. Anfänglich nur mit den Händen, die von Maschinen abgelöst wurden, schneller und präziser. Nur die teuersten und edelsten Zigarren durften nun noch zwischen Mutters langen, schmalen Fingern schonend geformt werden.
„Wasch dir die Hände, es gibt gleich Essen“, wies sie ihn an. Als Eduard zurück in die Küche kam, standen nur zwei Teller auf dem Tisch. Er fragte nicht nach dem Grund. Die Stühle wurden gerückt, sie setzten sich. Beim Anblick der dampfenden Kartoffeln spürte Eduard keinen Hunger, sondern seine Nervosität. Zu selten hatte er die Mutter für sich allein.

Eduards französische Großeltern Antoine und Anne Ménan mit ihrer Familie 1936 – sein Vater steht in der hinteren Reihe ganz rechts.
„Ich bin wieder nach meinem Vater gefragt worden“, platzte es aus ihm heraus. „Bitte, Mutter, erzähle mir von ihm! Irgendetwas! Seinen Namen. Wie er war. Ich muss es wissen!“ Unter der Flut der Worte erstarrte sie. Die Gabel klirrte gegen den Tellerrand.
„Lass es, Edi!“, flüsterte sie kraftlos.
„Immer sagst du, lass mich in Ruh! Nein, Mutter, ich muss es wissen! Ich muss!“
Es schien der Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem sie ihn nicht mehr mit einem Blick zum Schweigen bringen konnte. Seine jugendliche Energie sprengte gegen die verkrustete Hülle, die ihre wunde Seele umschloss.
Sie stand auf und suchte für einen Moment den Halt in ihren Handflächen auf der Tischplatte. Eduard wagte nicht, ihr in das blasse Gesicht zu sehen. Er spürte ihren Schmerz wie seinen eigenen. Erst als sich die Mutter wegdrehte, hob er enttäuscht den Kopf. Seine Fragen sollten wieder ohne Antwort bleiben.
Eduard hörte den schweren Atem der Mutter und Schritte, die die Last ihrer inneren Qual trugen. Eine Schublade im hölzernen Küchenschrank wurde geöffnet und dumpf zugeschoben. Für einen Moment bewegte sich niemand von beiden, und Eduard fragte sich, was sie gesucht hatte. Dann bemerkte er, dass sich die Mutter schwerfällig wieder auf den Stuhl neben ihn setzte, einen Bleistift und ein Stück Papier in der rechten Hand haltend. Eduards Herz schlug so heftig, dass er es in seinem ganzen Körper spüren konnte.
Während sie mit gebeugtem Kopf und zusammengepressten Lippen schrieb, verharrte Eduard regungslos und wagte kaum zu atmen. Nichts sollte die Mutter unterbrechen.
Stumm schob sie ihm den Zettel zu. Zwei Wörter. Ein Datum.
Ansonsten Leere, die sich für Eduard langsam mit Vergangenheit zu füllen begann. Und Zeichen, die eine Zukunft versprachen:
Antoine Ménan
26. 11. 1917
Übersbach 1940
Aufrecht saß Karl Sommer auf dem Pferdewagen. Die grauen Augen im hageren Gesicht glitten über die goldenen Getreidemandeln, die zum Trocknen auf den Feldern standen. Stundenlang hatten er und Juliana, seine Frau, in diesem Jahr die von den Pferden gezogene Mähmaschine allein führen und ihre Kinder die geschnittenen Halme zu Garben binden müssen. Dem Bauern fehlten die Tagelöhner, die sich in der Erntezeit Geld auf seinem Hof verdienten. In diesem Jahr wurden sie auf anderen Feldern gebraucht, auf Schlachtfeldern.
Schmerzhaft pulsierte sein rechtes Bein, eine lästige Erinnerung aus dem letzten großen Krieg, der so verlustreich verloren gegangen war. Eine Granate hatte nicht nur den Knochen zersplittert, sondern auch seine Seele. Doch davon wusste niemand. In den Falten seiner Haut waren mehr als nur die siebenundvierzig Jahre vergraben.
Sonne, Wind und Wolken zeigten Karl Sommer, dass in den nächsten Tagen die Ernte eingefahren werden musste. Im Dorf konnte er nur wenige um Hilfe bitten. Auf den meisten Höfen gab es nur noch Frauen, Kinder und Männer, die zu alt oder zu schwächlich für Hitlers Pläne waren. Sorgenvoll verzog er die Mundwinkel. Harte, einsame Arbeit wartete noch auf ihn, bevor der Winter eine weiße Decke über das Land breiten würde.
Karl griff die Zügel: „Berta!“
Das Pferd wendete und trabte an. Es folgte dem Weg am Feldrand entlang auf den kleinen steirischen Ort Übersbach zu. Friedlich lag er vor Karl Sommer. Trügerisch friedlich, seit dem Einmarsch von Soldaten der deutschen Wehrmacht am 12. März 1938 in Österreich. Einen Tag danach war das „Gesetz über die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ beschlossen worden. Scheinheilig hatte Hitler für den 10. April 1938 die österreichische Bevölkerung zu einer Volksabstimmung aufgerufen. Auch in Übersbach war ein Zimmer im Wirtshaus der Felgitschs leer geräumt worden. Bei dem Gedanken an diesen Tag spürte Karl Sommer wieder das Unbehagen, als er damals über den Dorfplatz gegangen war. Er hatte gewusst, dass er sich dieser Abstimmung nicht entziehen konnte.
Schon am Eingang beobachteten braune Uniformierte mit starren Gesichtern die ankommenden Bauern. Ihr Führer gierte nach absoluter Zustimmung. Sie wollten dafür sorgen.
In dem Raum, den Karl Sommer an diesem Apriltag betreten hatte, standen drei Tische und drei Stühle. Kein Tuch, keine Wand dazwischen. An den Wänden lehnten die, die nicht gefragt werden mussten.
Karl Sommer kannte alle, wie es in einem Ort mit vierhundert Einwohnern unvermeidlich war. Die Kindheit, die Schulzeit verbrachten sie gemeinsam, übernahmen die Höfe ihrer Vorfahren, halfen sich bei der Ernte und sahen die Kinder aufwachsen. In der Gaststube beobachtete jeder jeden.
Auf dem Stimmzettel, der Karl Sommer, den anderen Bauern und ihren Frauen vorgelegt wurde, stand: „Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?“
Das trügerische Ergebnis von 99 Prozent, in dem sich zum einen die allgemeine, von der nationalsozialistischen Propaganda angetriebene Begeisterung für den „Anschluss“ widerspiegelte, das aber auch durch gezielte Einschüchterung zustande gekommen war, hatte Hitler sicher ein selbstgefälliges Grinsen entlockt. Doch Übersbach durchzog nach der Wahl eine unsichtbare Linie.
Leute wie Karl Sommer hatten ohne innere Überzeugung mit „Ja“ gestimmt. Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP), die Partei des Führers, gewann in ihm kein neues Mitglied, denn als Steirer und alter Kriegsveteran krümmte er nicht seine aufrechte Haltung. Im oberen Ortsteil, in dem sich sein Bauerngehöft befand, war er nicht allein mit dieser Einstellung. Im unteren musste er dafür umso leiser reden. Dort wohnten viele überzeugte Nazi-Anhänger. Unter ihnen der Ortsbauernführer Karl S., der Bürgermeister Eduard F. und der Ortsgruppenleiter und Kreisbauernführer Karl H. Letzterer stand rangmäßig noch über dem Bürgermeister und war unter anderem für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln verantwortlich. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Bauern Karl Sommer konnte in den vorangegangenen zwei Jahren nicht als freundschaftlich bezeichnet werden.
Als Karl Sommer durch das rückseitige große Tor seines vier Seiten umfassenden stattlichen Hofes fuhr, schob er seine Sorgen für einen Moment beiseite. Stolz betrachtete er seinen Besitz. Die Düngerstätte in der Mitte hatte er vor vier Jahren auf einem betonierten Untergrund mit einer Umrandung bauen lassen. Seitlich abgegrenzt befand sich hinter einer schmalen Holztür der Abort. In der Nähe des Einganges zur Küche sprudelte ein für die Region typischer artesischer Brunnen. Er war durch einen Schacht bis unterhalb des Grundwasserspiegels in einer Senke angelegt worden. Der Überdruck bewirkte, dass das Wasser durch unterschiedliche Gesteinsschichten von selbst und dauerhaft an die Erdoberfläche gelangte.
Rechts führte ein mit Beton ausgegossener, schmaler Fußweg unter dem vorspringenden Hausdach am Pferdestall und der Wohnung der Sommers entlang. Im Herbst hingen hier die Maiskolben zum Trocknen. Gegenüber hörte Karl Sommer das Grunzen der Schweine und das Schnauben der Kühe.
Nachdem er das Pferd in den Stall geführt hatte, trat er durch eine niedrige Tür in die Küche ein.
Am großen gekachelten Herd kochte seine Frau in Streifen geschnittenes, weißes Kraut. Unter dem eisernen Topf loderte ein Feuer, durch Holzscheite gefüttert. Für einen Augenblick ruhte sein Blick auf Julianas blau-weiß geblümtem Kopftuch, unter dem sie ihr hochgestecktes, braunes Haar verbarg. Sie hatte ihm neun Kinder geboren, von denen eines gestorben war. Hans war mit seinen vier Jahren der Jüngste und saß zu ihren Füßen. Er spielte mit einem Holzlöffel.

Eduards Großeltern Sommer bei ihrer Goldenen Hochzeit 1970, dahinter Eduards Mutter
Ihr erstes Kind hatten sie Maria genannt, mittlerweile eine junge Frau von einundzwanzig Jahren. Frühzeitig hatte sie auf dem Hof und auf den Feldern helfen müssen. Karl Sommer schätzte an ihr, dass sie tat, was ihr aufgetragen wurde, ordentlich sogar. Nur einmal hatte sie sich seiner Autorität widersetzt: als sie den jungen Leopold Passath aus Leoben, der als besitzloser Knecht auf einem Nachbarhof arbeitete, kennengelernt und sich in ihn verliebt hatte. Alle Versuche Karls, die Beziehung zu unterbinden, scheiterten. Maria wurde schwanger und Juliana drängte ihn, der Verbindung seinen Segen zu geben. Erst im April 1940 hatte die Hochzeit stattgefunden, mit Franz, dem dreijährigen Sohn des Paares.
Der Krieg in Europa
Nach der Einverleibung der „Ostmark“, wie das ehemalige Staatsgebiet Österreichs nun von Hitler-Deutschland bezeichnet wurde, setzte sich noch unauffällig und ungehindert der Eroberungsfeldzug der Deutschen fort. Abgesichert durch die Zustimmung Großbritanniens, Frankreichs und Italiens im Rahmen des Münchner Abkommens vom 30. September 1938 griff die NS-Diktatur nach dem Sudetenland. Polnische und ungarische Truppen schwächten die Tschechoslowakei durch grenznahe Gebietsansprüche.
Ein Jahr nach dem „Anschluss“ besetzte die deutsche Wehrmacht im März 1939 das restliche Staatsgebiet der Tschechei und betrieb die Abspaltung der ersten Slowakischen Republik. Das „Protektorat Böhmen und Mähren“ entstand. Die Akzeptanz aller Forderungen und Maßnahmen Hitlers durch Länder wie Großbritannien, Frankreich, Italien und die Sowjetunion heizte des Führers Besessenheit an, mit einem Krieg die Herrschaft über Europa, wenn nicht sogar die Welt, zu erlangen.
Polen war das nächste Ziel seiner Expansionspolitik. Die Diplomatie hörte die deutschen Säbel rasseln und schrieb auf Papier: Garantieerklärungen zur nationalen Integrität Polens, Beistandspakte, Nichtangriffspakte, Freundschaftsverträge und Bündnisverträge. Hitler bekam die Zeit, die Armee aufzurüsten, seine Soldaten in Stellung zu bringen, unerfüllbare Forderungen gegenüber Polen zu diktieren, deutsch-polnische Auseinandersetzungen zu manipulieren, um einen Krieg zu provozieren. Stalin hatte als Einziger nichts dagegen einzuwenden, wenn nur die Sowjetunion auch etwas vom Gebiet Polens abbekam. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom August 1939 mit seinem geheimen Zusatzprotokoll war Zeugnis dieser politischen Strategie des sowjetischen Führers. Nur wenige Tage später entfesselte Deutschland mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg.
Hatten die neuen Machthaber in Österreich bereits brutal Andersdenkende und Juden ausgeschaltet, so führte die deutsche Wehrmacht in Polen einen Krieg neuer Dimension. Nicht nur die deutschen Truppen, sondern auch spezielle Einsatzkommandos der Polizei und Heinrich Himmlers Schutzstaffel (SS) waren von oberster Stelle dazu aufgerufen, polnische Zivilisten und Kriegsgefangene brutal zu töten. Von Osten drangen zwei Heeresgruppen der Roten Armee in Polen ein, um alte Gebietsansprüche geltend zu machen. Am 28. September 1939 sorgten schwere Artillerie- und Luftangriffe für die Kapitulation Warschaus. Mit dem 6. Oktober 1939 war der Untergang Polens besiegelt, das nun als Reichsgaue „Danzig-Westpreußen“ und „Wartheland“ vom Deutschen Reich vereinnahmt wurde. Für das dem Generalgouvernement unterstehende „Restpolen“, angeführt von Hans Frank und dem Höheren SS- und Polizeiführer Friedrich-Wilhelm Krüger, begann eine Zeit des Terrors, der Willkür und der Angst.
Anstatt Polen, wie garantiert, zu Hilfe zu kommen, setzten Frankreich und Großbritannien auf eine Wirtschaftsblockade gegen Deutschland. Hitler zeigte sich wenig beeindruckt und wandte sich vom Osten in den Norden. Am 9. April 1940 kam er einer britischen Besetzung Norwegens nur um wenige Stunden zuvor. Seine Vision vom Blitzkrieg schien sich ein weiteres Mal zu erfüllen. Dänemark wehrte sich kaum, so dass Hitler seine Kräfte für die am 10. Mai 1940 beginnende Westoffensive gegen die Niederlande, Belgien und Luxemburg bündeln konnte. Die Nachricht über die Verhandlungsbereitschaft der Niederlande erreichte die Deutschen nicht rechtzeitig. Da war die Bombardierung Rotterdams am 14. Mai 1940 bereits angeordnet worden.
Einen Tag danach gaben die Niederländer auf, ebenso Belgien am 28. Mai 1940 und Norwegen am 10. Juni 1940. Wieder einmal zu spät erkannten die Alliierten die Taktik der deutschen Truppen. Ihr Angriff über Luxemburg und die Ardennen durchbrach den schwierigsten Teil der alliierten Front und öffnete den Zugang bis zur französischen Kanalküste. In einer spektakulären Rettungsaktion zwischen dem 26. Mai und dem 4. Juni 1940 wurden knapp 370.000 eingekreiste alliierte Soldaten, darunter etwa 139.000 Franzosen, mit Booten jeder Art und Größe auf dem Seeweg nach England evakuiert. Sie hinterließen ihr Kriegsgerät, bündelten aber ihre Kräfte im Britischen Expeditionskorps sowie in einer französischen Exilarmee. In vier Jahren sollten sie mit der Invasion in der Normandie wieder in das Kriegsgeschehen eingreifen.
Nach dem 5. Juni 1940 umstellte die deutsche Wehrmacht große Teile der französischen Truppen und erzwang ein Waffenstillstandsangebot. Zuvor hatte die französische Regierung vergeblich die USA um Hilfe gebeten. Durch die Flucht tausender Einwohner aus Paris und den Rückzug der französischen Regierung nach Bordeaux wirkte Paris beim Einmarsch der Wehrmachtsverbände am 14. Juni 1940 fast menschenleer und wurde den deutschen Eroberern kampflos überlassen. Als zusätzliche Demütigung wurden die Besiegten gezwungen, den Waffenstillstand am 22. Juni 1940 im historischen hölzernen Salonwagen im Wald von Compiègne zu unterzeichnen; in eben jenem Wagen, in dem die französische Regierung den Deutschen am 11. November 1918 die Bedingungen diktiert hatte.
Hitler beanspruchte die Nordhälfte Frankreichs mit den wichtigsten Industriestädten sowie die französische Kanal- und Atlantikküste bis zur spanischen Grenze. Die Südhälfte des Landes unterstand der konservativ-autoritären Regierung von Henri Philippe Pétain mit Sitz in Vichy, die eine scharfe Pressezensur ausübte, die Opposition unterdrückte sowie Ausländer und Juden verfolgte.
Während Hitler seinen Erfolg feierte, zeigte sich der britische Premierminister Winston Churchill in seiner ablehnenden Haltung unbeeindruckt. Bereits einen Monat nach der Niederschlagung der Franzosen plante Hitler die Invasion in England. Eile war geboten, denn die deutsche Wehrmacht sollte sich auf den nächsten Überfall im Osten konzentrieren können. Doch die deutschen Befehlshaber hatten nicht mit der technisch überlegenen Ausstattung der britischen Abwehr gerechnet, an der die deutsche Luftwaffe und Marine in den August- und Septemberwochen 1940 scheiterten. Bevor Hitler seine Invasionspläne aufgab, versetzte seine Luftwaffe besonders London in Angst und Schrecken und zerstörte Coventry nahezu vollständig. Großbritannien hatte sich erfolgreich seinen Plänen entgegengestellt, aber seine Mission sah Hitler ohnehin in der Eroberung von „Lebensraum im Osten“ und „der Vernichtung des jüdischen Bolschewismus“. Mit geballter Kraft sollte die Wehrmacht die Sowjetunion besiegen.

22. Juni 1940: Wilhelm Keitel, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, überreicht die Waffenstillstandsbedingungen an General Charles Huntziger.
Stammlager XVIII A Wolfsberg
In der Küche, neben dem großen Esstisch, stand das Radio, ein kleiner hölzerner Kasten, von Karl Sommer zu Ausbruch des Krieges in Fürstenfeld preiswert gekauft. Er war kein Liebhaber der Schlager und Wunschkonzerte, die der „Volksempfänger“, im Deutschen Reich als „Goebbels-Schnauze“ bezeichnet, in die Stube der Sommers schmetterte. Mit wachsender Beklemmung hörte er eher aufmerksam die manipulierten Nachrichten und die bellenden Reden Hitlers und Goebbels, die die Erfolge der deutschen Truppen glorifizierten und das Volk auf den Endsieg einschworen. Dass jeder Sieg tragische Verlierer zurückließ, begriffen die Leute in Übersbach, als die ersten Söhne und Väter nicht auf ihre Höfe zurückkehrten.

Ein Volksempfänger vom Typ VE301W aus dem Jahr 1933
Nachdem der schreckliche Krieg von 1914 bis 1918 sein rechtes Bein gekürzt hatte, drängte es Karl Sommer, die Perspektive des Feindes zu kennen. Gottfried Felber, sein Nachbar und Freund, war wie er bereit, das Risiko einer möglichen Todesstrafe einzugehen, die, gemäß der „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen“, für das Hören von „Feindsendern“ verhängt werden konnte. Um aber ihre Familien nicht zu gefährden, machten sich die beiden Männer mit Einbruch der Dunkelheit auf den Weg in die „Berge“, um auf einer Anhöhe bei Rittschein, außerhalb von Übersbach, einen befreundeten Bauern zu besuchen. Niemand konnte ihn überraschend besuchen, weil er jederzeit die Wege zu seinem Haus überblicken konnte. Über das Radio gebeugt, lauschten die drei den Nachrichten von der anderen Seite des Krieges, vom kaltblütigen Feldzug der Deutschen, der auch vor Frankreich nicht haltgemacht hatte. Sie hörten von der Gefangennahme noch ungezählter französischer Soldaten und fragten sich, welchem Schicksal sie entgegengehen würden.
Schon vor 1939 hatte die Wehrmacht eine eigene Dienststelle geschaffen, die sich mit einer nutzbringenden Verwendung der Kriegsgefangenen befasste. Unter der direkten Aufsicht des Oberkommandos der Wehrmacht wurde schließlich der hohen Zahl an Kriegsgefangenen Rechnung getragen. Es musste über ihre Aufteilung in Mannschaftslager, Offizierslager (mancherorts zusätzlich getrennt in Luft- und Marine-Lager), Durchgangslager, Straflager, Heimkehrerlager und über ihren Einsatz in der Industrie, insbesondere in der Rüstungsindustrie, in der Landwirtschaft und im Bergbau entschieden werden. Die Kriegsgefangenen-Bau- und -Arbeitsbataillone bekamen eine eigene Organisationsstruktur.
Ausgehend von der Haager Landkriegsordnung von 1899 wurden, nach den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, 1929 in der Zweiten Genfer Konvention die Grundsätze zur einheitlichen Behandlung von Kriegsgefangenen festgelegt. Die unterzeichnenden Länder wie Frankreich, USA, Großbritannien, China, Indien und das Deutsche Reich regelten darin Mindestanforderungen an die Ausstattung von Kriegsgefangenenlagern, an die Versorgung der Gefangenen mit Nahrung, Medizin, Kleidung und den Standard der sanitären Anlagen. Sie legten unter anderem fest, dass Kriegsgefangene nicht in der Rüstungsindustrie und beim Rüstungstransport eingesetzt werden durften und bei bestimmten Arbeiten am Ende der Gefangenschaft entlohnt werden sollten.
Das war die Theorie, die mit der Praxis nicht viel zu tun hatte. Prinzipiell gab es im Deutschen Reich keine Gleichbehandlung der Kriegsgefangenen, sondern sie wurden nach ihrer Nationalität und den Maßstäben der Rassenideologie des Nazi-Regimes eingestuft. Die Einstellung der Lagerkommandantur und der Wachmannschaften spielte eine wichtige Rolle: so wurde in einzelnen Lagern der „Ostmark“ tendenziell zurückhaltender als im „Altreich“ agiert. Der Transport der Kriegsgefangenen in offenen Viehwaggons, in denen sie Krankheiten und im Winter Erfrierungen ausgesetzt waren, ihre Unterbringung in Baracken oder im Freien, teilweise ohne Bekleidung und Schuhe, gipfelte in der äußerst ungleichen Versorgung mit Essen. Den sowjetischen Gefangenen, in der nationalsozialistischen Propaganda als „Untermenschen“ bezeichnet, stand nur Unmenschliches zu. Ihnen galt kein minimaler Schutz durch die Genfer Konvention, da die Sowjetunion dem Abkommen nicht beigetreten war. Der Tod dieser Menschen wurde in Kauf genommen oder beschleunigt. Polnischen und später auch italienischen Soldaten wurde gänzlich der Status von Kriegsgefangenen verwehrt. Vergleichsweise weniger Tote in den deutschen Lagern mussten die alliierten Armeen verzeichnen, wobei auch hier regional Unterschiede gemacht wurden.
Die Entscheidung, Gefangene in der Industrie und in der Landwirtschaft einzusetzen, resultierte aus dem Mangel an Arbeitskräften im Deutschen Reich. Keiner der auf den Schlachtfeldern Kämpfenden konnte gleichzeitig Munition produzieren oder das Getreide säen.
Anders als bei vielen der norwegischen, belgischen, niederländischen und griechischen Soldaten, die nach dem Ende der Kämpfe bald freigelassen wurden, entschied die Wehrmacht, die französischen Kriegsgefangenen zum Arbeiten in das Deutsche Reich zu bringen. Vor der Verteilung dieser fast 1,6 Millionen Kriegsgefangenen auf die Lager in den dreizehn Wehrkreisen im „Altreich“, auf die zwei auf polnischem Gebiet befindlichen Wehrkreise sowie auf die zwei Wehrkreise in der „Ostmark“, dem Wehrkreis XVII Wien und XVIII Salzburg, wurden die meisten von ihnen in den Frontlagern festgehalten und alphabetisch registriert. Unter ihnen die Männer des 20. Artillerie-Corps Nord Africa, die sich vor dem Angriff der Deutschen nach Vaudemont zurückgezogen hatten.
Der winzige mittelalterliche Ort in Lothringen, malerisch auf einer Bergkuppe dreißig Kilometer südlich von Nancy gelegen, hatte für die deutsche Wehrmacht keine strategische Bedeutung. Ihre siegreichen Soldaten durchstreiften trotzdem die Gassen und entdeckten die französische Truppe.
Antoine Ménan und seine Kameraden blickten in feindliche Gewehrläufe und hörten Befehle in einer fremden Sprache, die die schlimmsten Befürchtungen der letzten Tage und Wochen bestätigten.
Drei Jahre zuvor hatte es ihm und seinen Freunden zu Ehren ein Fest in Sainte-Gemmes-d’Andigné gegeben. Der kleine Ort im Anjou, vierzig Kilometer nordwestlich von Angers entfernt, hatte ihre Musterung zum Militärdienst gebührend gefeiert. Stolz und mit mutig-fröhlichem Lächeln hatten sich die jungen Männer dem Fotografen präsentiert. Antoine war für die Position eines Meldereiters vorgesehen, deshalb hielt er als einziger seiner Kameraden eine Trompete vor seiner Brust. Als er im November 1938 den Namen seines Regimentes erfahren hatte, wähnte sich Europa im Frieden, und die Trennung von Familie und Freunden schien von kurzer Dauer zu sein. Doch in den Monaten danach wurde offensichtlich, dass der deutsche Reichskanzler Hitler durchaus keine friedlichen Absichten hegte.
Nach dem deutschen Überfall auf Polen hatten Frankreich und England dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, ohne effektive militärische Maßnahmen zu ergreifen. Unterstützt durch das defensive Verhalten der französischen Armeeführung gipfelte die erfolgreiche Westoffensive der deutschen Truppen in der siegreichen Eroberung Frankreichs.
Über das Schicksal der gefangenen Soldaten entschied das Oberkommando der Wehrmacht und die um Kollaboration bemühte Vichy-Regierung des Henri Philippe Pétain, die auf den Schutz der französischen Kriegsgefangenen durch die von der Genfer Konvention vorgesehene neutrale Schutzmacht USA verzichtete. Damit sah sich die deutsche Wehrmacht noch weniger an die Festlegungen des Abkommens gebunden.

Antoine Ménan (1. Reihe, 2. von links) nach seiner Musterung im Jahr 1937
Am 24. Juni 1940 wurden die Soldaten des 20. Artillerie-Corps Nord Africa festgenommen. Im eilig errichteten Frontlager wurde für Antoine Ménan bestimmt, ihn in ein Offizierslager nach Kärnten zu bringen, das seit Oktober 1939 der Gefangennahme polnischer Offiziere diente. Anfänglich waren sie in den Ställen des Ortes Wolfsberg untergebracht worden.
Im Wehrkreis XVIII, welcher die Regionen Tirol-Vorarlberg, Salzburg, Kärnten und die Steiermark einschloss, hatte die Wehrmacht versäumt, neben den drei Offizierslagern auch Mannschaftsstammlager zu schaffen. Gemäß der Genfer Konvention von 1929, Artikel siebenundzwanzig, durften Offiziere keine Tätigkeiten ausüben und Unteroffiziere nur Aufsichtsdienste leisten. Somit gab es in den Lagern dieser Regionen Österreichs zu wenige der so dringend benötigten Arbeitskräfte.

Antoine Ménan als Meldereiter bei seiner militärischen Ausbildung 1938
Mit dem Westfeldzug änderte sich die Situation. Die vielen, vor allem französischen Gefangenen mussten untergebracht werden. Aus dem „Kriegsgefangenen-Offizierslager Oflag XVIII B“ wurde das „Kriegsgefangenen-Mannschaftsstammlager Stalag XVIII A Wolfsberg“, eines der größten Kriegsgefangenenlager der „Ostmark“. In Wolfsberg wurden zeitweise bis zu achtundvierzigtausend Kriegsgefangene, getrennt nach ihrer Staatsangehörigkeit, in fünfunddreißig Mannschaftsbaracken festgehalten. Sie schliefen auf doppelstöckigen Holzpritschen, die russischen Kriegsgefangenen später sogar auf dreistöckigen. Als Matratzen dienten mit Stroh gefüllte Säcke, in denen sich Ungeziefer einnistete. Es gab Tage, an denen dreihundert Männer einer Baracke um ihren Platz an den einundzwanzig Wasserhähnen für einige Tropfen kalten Wassers kämpfen mussten. Die Abortanlagen waren ständig überlastet und verstopft.
Die Bewacher der Kriegsgefangenen, organisiert in Landesschützen-Bataillonen, dienten vormals in der k. u. k. Armee oder im Bundesheer der Ersten Republik, waren entweder körperlich oder altersbedingt nicht voll einsatzfähig oder galten als politisch so unzuverlässig, dass sie keine Aufnahme in die deutsche Wehrmacht fanden.
Im März 1941, als in den Wehrmachtsunterlagen nur noch vom „Stalag XVIII A Wolfsberg“ die Rede war, fuhr Antoine Ménan, gemeinsam mit einigen seiner Kameraden auf der Ladefläche eines Lastwagens sitzend, einem unbekannten Ziel entgegen. Erst beim Aussteigen erkannte er, dass sie vor dem Gasthof eines Dorfes angehalten hatten und von Soldaten der Wehrmacht mit Maschinengewehren erwartet wurden. „Aussteigen! Beeilt euch!“ Auch wenn sie die Sprache nicht verstanden, hatten sie im Lager gelernt, was von ihnen verlangt wurde.
Im Tanzsaal des „Gasthofes Sindler“ lagen mit Stroh gefüllte Matratzen mit grauen, steifen Decken, die schnell unter den Gefangenen aufgeteilt waren. In Reih und Glied marschierten sie mit ihren Bewachern die leicht bergab führende Straße entlang, an der Kirche vorbei, die links von ihnen auf einem kleinen Hügel thronte, von einer Mauer schützend umgeben. Vor den französischen Kriegsgefangenen öffnete sich der Blick auf eine große, rechteckige Wiese, an deren Rändern Bäume aufragten, der Mittelpunkt des Dorfes, umrahmt von den Höfen der Bauern.
Die Ankunft der Fremden hatte sich bereits herumgesprochen. In den Augen der Frauen, Kinder und wenigen Männer, die die Gefangenen erwarteten, spiegelten sich Misstrauen, aber auch Neugierde. Sie waren auf die Hilfe derer, die da kamen, angewiesen. Der Krieg hatte ihre Männer, Söhne und Knechte fortgerissen und ihnen die Höfe, die Felder und die Kinder allein überlassen. Nicht jeder Bauer hatte wie Karl Sommer Pferde im Stall stehen. Dann mussten die Kühe den Pflug ziehen, was sie nur widerspenstig taten. Das überstieg nicht nur die Kräfte der Bäuerin, sondern auch die des Viehs, das weniger Milch gab. Aber die Ernte durfte nicht gefährdet werden. Aus den Erfahrungen des Ersten Weltkrieges wussten die Nationalsozialisten, dass sie weder vom Hunger geschwächten Soldaten noch einem notleidenden Volk die Idee von der Weltherrschaft schmackhaft machen konnten. Die menschlichen Tragödien zehrten schon genügend am Kampfwillen.

Die französischen Kriegsgefangenen in Übersbach beim Aufgang zu ihrem Quartier (Antoine Ménan sitzend, 2. von rechts)
Antoine Ménan atmete tief durch. Er fühlte sich unwohl in seiner Uniform, auf die er im Lager an mehreren Stellen ein rotes Stoff-Dreieck mit den Buchstaben „KGF“ aufnähen musste, die Abkürzung für Kriegsgefangener. Seit Monaten trug er sie, notdürftig sauber gehalten, weil es den Soldaten nicht gestattet war, sie gegen zivile Kleidung zu tauschen.
Der hagere Mann, der auf ihn zutrat, deutete mit einem Kopfnicken, ihm zu folgen. Er schien kein Mann großer Worte zu sein, denn auch mit den Wehrmachtssoldaten sprach er nicht viel. In wenigen Schritten traten sie durch das Holztor in den Hof des Bauern Sommer. Antoine sah sofort, dass sich hinter den Wänden der Ställe und der Scheune viel Arbeit verbarg. Aber er scheute sie nicht. Im Gegenteil. Nach der Willkür des Lagerlebens sehnten sich seine Hände nach fruchtbarer Erde, dem Geruch von Heu, dem Fell der Tiere.
Arbeit, die er als ältester Sohn von neun Kindern auf dem Hof La Feltière in Sainte-Gemmes-d’Andigné von klein auf kennengelernt hatte. Sein Vater Antoine Ménan, geboren am 14. April 1878, und seine Mutter Anna, eine am 19. Mai 1886 geborene Vigneron, führten fleißig und umsichtig den seit vierhundert Jahren im Familienbesitz befindlichen Hof. Sie warteten auf ihren Sohn, den dreiundzwanzig-jährigen Antoine Ménan, der diese Tradition fortsetzen sollte und wollte. Doch der Krieg hatte ihn in die östliche Steiermark gezerrt, die an Ungarn und an Slowenien grenzte. Im Gegensatz zum flachen Anjou wechselten in der Gegend um Übersbach Ebenen mit sanften Hügelketten, bewachsen von Wäldern, Wiesen, Weiden sowie Obst- und Weingärten.
Die Sehnsucht nach seiner Familie brannte gerade in Antoines Herz, als sich ihm Juliana in den Weg stellte. Sie war einige Jahre jünger als ihr Mann und hatte unweit von Übersbach auf dem Hof der Greitners gelebt, den Tod der Mutter verkraften und die Stiefmutter ertragen müssen.
Als sich Karl Sommer für Juliana zu interessieren begonnen hatte, bemängelten seine Schwestern ihre geringe Mitgift. Sie machten es Juliana nicht leicht auf dem Hof und schoben ihr die Arbeiten zu, die sie nicht erledigen wollten.
Nachdem die Schwägerin aus Schiefer bei Fehring kinderlos blieb, setzte sie durch, dass die zweitälteste Tochter Julianas ab ihrem vierten Lebensjahr bei ihr aufzuwachsen hatte. Das Kind kehrte auch später nicht mehr an den Hof der Sommers zurück.
Juliana blitzte Antoine zwischen leicht zusammengekniffenen Augenlidern an, doch in ihren Mundwinkeln zuckte ein wohlwollendes Lächeln. Beim gemeinsamen Essen um den großen hölzernen Esstisch in der Küche lernte Antoine die Kinder des Bauern Karl Sommer kennen. Karl, der älteste Sohn, betrachtete ihn skeptisch, die jüngeren wie Seppl, Tochter Hanni und der kleine Hans lächelten erwartungsvoll. Als Maria mit ihrem vierjährigen Sohn Franz die Küche betrat, fielen Antoine als Erstes die braunen Augen und die langen, schmalen Finger der jungen Frau auf. Dem Fremden galt nur ein scheuer Blick.
Gemeinsam beschloss die Familie, dass Anton einfacher als Antoine auszusprechen war, und der junge Franzose ließ es geschehen. Er war froh, in Übersbach bei den Sommers angekommen zu sein. Im Gegensatz zu anderen Kriegsgefangenen schien er es gut getroffen zu haben.

Antoine Ménan als junger Soldat – ein sogenanntes „Souvenir de captivité“ für seine Mutter
Die Insassen der Mannschaftsstammlager wurden in allen Wirtschaftszweigen eingesetzt. Neben der Land- und Forstwirtschaft wurden sie gezwungen, Großbetriebe, aber auch Unternehmen der Rüstungsindustrie aufzubauen. Sie verlegten Gleise, betonierten Straßen, förderten Kohle und produzierten Munition. Besonders die in Arbeitskommandos zusammengefassten Kriegsgefangenen, die außerhalb der Stammlager untergebracht wurden, waren bei körperlich schwerer Arbeit und mangelnder medizinischer Versorgung häufig Repressalien und Hunger ausgesetzt.
Erleichtert stellte Antoine fest, dass der Patron, wie er den Bauern bald nannte, kein Anhänger der Nazis zu sein schien. Für ihn fleißig und ordentlich zu arbeiten, fiel Antoine leicht.
Morgens wurde die Gruppe der Gefangenen von einem alten Wachmann bis zum Dorfplatz geführt. Er machte sich bald nicht mehr die Mühe, das Maschinengewehr in den Händen zu tragen, sondern es schaukelte an seiner Schulter. An der Mariensäule, oberhalb des Platzes, löste sich die Gruppe der Männer auf. Antoine hatte den kürzesten Weg, doch selten trat er durch das vordere Tor ein, welches die kleine Wohnung Marias auf der rechten Seite von der ihrer Eltern auf der linken Seite des Hoftores trennte. Er liebte es, an Marias Fenstern vorbei links den kleinen Fußweg an der Mauer des Hofes entlang zu gehen, über ihm die Kronen der Ringlotten-Bäume, die ihn so sehr an seine Heimat erinnerten. Auch wenn sie im Französischen Reineclaude hießen, trugen sie im Frühjahr das gleiche weiße Blütenkleid und die rundlich blauen Früchte die Süße des Sommers.
Sobald Antoine durch das rückseitige große Tor in die Scheune trat, wusste er, wo seine Hände gebraucht wurden. Im Vergleich zu La Feltière besaß sein Patron wenige Pferde und Felder. Doch in Übersbach genoss Karl Sommer das Ansehen eines vermögenden und respektierten Bauern. Viele der Bauern auf den kleineren Höfen am unteren Teil des Dorfplatzes führten ein mühsames und beschwerliches Leben, weil sie sich nur wenige Schweine und Kühe leisten konnten und kleine Felder bewirtschafteten. Es konnte kein Zufall sein, dass besonders diese Bauern für die Parolen der Nazis empfänglicher waren.

Französische Kriegsgefangene in Übersbach bei ihrer Arbeit auf den Feldern
Bereits in Zeiten, in denen die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) in Österreich noch verboten gewesen war, hatten sich überzeugte Anhänger Hitlers bemüht, junge Leute auf den Dörfern für die Ziele ihrer Ideologie zu begeistern. Sie übten mit ihnen das Marschieren und Schießen in Ställen und im Wald, was im Dorf gegensätzlich diskutiert wurde. In einer Gemeinschaft, in der jeder jeden von klein auf kannte, die katholische Kirche den Menschen das Prinzip der Nächstenliebe predigte und Traditionen seit Generationen gepflegt wurden, stießen die Nationalsozialisten häufig an ihre Machtgrenzen. Um den Einfluss der Kirche auf die Bevölkerung einzuschränken, verboten die Nazis in manchen Orten sonntags den Besuch des Gottesdienstes und schickten die Leute vor der Kirchentür zurück auf die Felder zum Arbeiten. Sie konnten aber nicht verhindern, dass zwischen den „deutschen Volksgenossen“ und den „kriegsgefangenen Angehörigen der Feindmächte“ die „volkstümliche Gefahr einer Annäherung“ bestand. Der im Laufe des Krieges gravierende Mangel an deutschen Arbeitskräften zwang die Nazis letztendlich, einige Verordnungen „zum Schutze der Volksgesundheit“ zurückzunehmen.
Karl Sommer verhielt sich eigenwillig gegenüber Verordnungen und Verboten der Nazis. Er stattete Antoine eines Tages mit einem Hemd, einer Arbeitshose und festen Schuhen aus und legte die Uniform des jungen Franzosen in einen Kasten. Ihn kümmerte nicht, dass das Oberkommando der Wehrmacht festgelegt hatte, dass die Kriegsgefangenen keine Zivilkleidung tragen durften und sie selbst in Ordnung zu halten hatten. Er erfuhr rechtzeitig, wenn sich offizielle Kontrollen im Ort ankündigten. Dann konnte die Familie Antoine wieder in die Uniform stecken.
In gleicher Weise setzte er sich über das „Verbot von Schüsselgemeinschaften“ hinweg. Antoine aß bei den Mahlzeiten immer am Tisch der Sommers, es sei denn, er war allein mit den Pferden und dem Pflug auf den Feldern unterwegs. Dann packte ihm Juliana ein Stück Brot und einen Apfel in den Korb.
Karl hielt sich auch nicht an vorgeschriebene Rationen und gab Antoine vom Fleisch, das es ohnehin selten gab. Er pflegte mehr als den von den Nazis vorgeschriebenen minimalen Umgang mit dem Kriegsgefangenen, indem er nicht nur mit Antoine gemeinsam arbeitete, sondern ihn auch zur Jagd mitnahm. So verkörperte Karl Sommer einen „Verräter an der Volksgemeinschaft“, weil er Antoine gleichwertig, wie ein Mitglied seiner Familie, behandelte. Er fügte sich nur insofern, als Antoine zum Schlafen abends in den Gasthof zurückkehren musste, weil es ihm dort mit seinen Kameraden gut ging.
Das Grauen des Krieges
Nach der Niederlage in Großbritannien verlangte der Bündnispartner Italien im Februar 1941 Hilfe im Kampf gegen überlegene britische Truppen in Nordafrika. Das Deutsche Afrikakorps sollte im Auftrag Hitlers einen Sieg der Briten verhindern, um ihrer Invasion in Italien und der Eröffnung einer neuen Front in Südeuropa zuvorzukommen. Um eine italienische Niederlage abzuwenden und den Russlandfeldzug strategisch vorzubereiten, begannen am 6. April die Angriffe deutscher Truppen auf Griechenland und Jugoslawien. Keine zwei Wochen später kapitulierten die jugoslawischen, dann die griechischen Truppen und auf der Akropolis wehte am 27. April die Fahne mit dem Hakenkreuz. Bis Mitte Mai 1941 befand sich das griechische Festland in deutscher Hand. Nur auf Kreta hatten sich britische Truppen zurückgezogen und rechneten nicht mit einem Angriff der Deutschen aus der Luft. Am 20. Mai 1941 begann eines der größten Luftlandeunternehmen des Zweiten Weltkrieges, in dessen Verlauf bis zum 1. Juni die Insel blutig und unter dramatischen Verlusten auf allen Seiten von den Deutschen erobert wurde.
Hitler hielt am 22. Juni 1941 den Zeitpunkt für gekommen, mit drei deutschen Heeresgruppen in einem geplanten Blitzkrieg „das Abendland gegen den Bolschewismus“ zu verteidigen. Die deutschen Soldaten wurden Stunden zuvor in einer von den Offizieren vorgelesenen Proklamation auf den Angriff eingeschworen, der der „Sicherung Europas und damit Rettung aller“ dienen sollte. In Hetzartikeln und entstellenden Bildern wurden die Russen als „jüdisch-bolschewistische Untermenschen“ dargestellt und der Hass des Volkes geschürt. Der rasante Vormarsch der deutschen Wehrmacht überraschte die Rote Armee und schaltete die sowjetische Luftwaffe großteils noch am Boden aus. Bereits im Spätsommer 1941 besetzten die Deutschen das Baltikum und die Ukraine und marschierten auf Leningrad zu. Ihr Weg war getränkt mit dem Blut ermordeter Juden, kommunistischer Funktionäre, Partisanen und anderer Zivilisten. Die in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Soldaten starben in improvisierten Lagern einen qualvollen Hungertod oder wurden willkürlich erschossen.
Es sollte nach dem Willen der NS-Heeresleitung die entscheidende Schlacht des Russlandfeldzuges werden und stellte schließlich die erste entscheidende russische Gegenwehr dar: Am 2. Oktober 1941 rückten die deutschen Truppen auf Moskau vor, in dem Glauben, die Stadt und diesen Krieg gewinnen zu können. Doch der Verteidigungswille der Moskauer Bevölkerung und der Roten Armee waren stärker sowie der dem schlammigen Boden trotzende sowjetische Panzer T-34 moderner.
Temperaturen um minus 40 Grad Celsius lähmten die Kampfbereitschaft der Wehrmachtssoldaten in den Wintermonaten. Nicht nur fehlende Munition, sondern auch Hunger und Kälte untergruben die Moral in den deutschen Reihen. Während der Angriff auf Moskau Anfang Dezember für gescheitert erklärt werden musste, kämpften die Einwohner Leningrads weiter verbissen um ihr Überleben. Im Winter 1941 ahnten sie noch nicht, dass die Belagerung ihrer Stadt neunhundert Tage dauern würde.
In Übersbach hörte niemand die Schüsse der Maschinengewehre, das Einschlagen der Granaten, das Rollen der Panzer, die Schreie Verwundeter und Gequälter. Der Schrecken des Krieges schlich lautlos in die Stuben der Bauernhäuser und versteckte sich hinter den Buchstaben der Briefe, die dem Tod eines geliebten Menschen einen Sinn geben sollten. Als Maria die Zeilen überbracht wurden, war Antoine mit Karl Sommer auf dem Feld. Abends in der Küche redete niemand, der Tod lag zwischen den Tellern. Er hatte ein junges Ehepaar für immer getrennt und eine Mutter mit ihrem Kind allein zurückgelassen. Leopold Passath gebührte die sinnlose Ehre, als einer der ersten Männer im Dorf am 6. August 1941 auf den Schlachtfeldern Russlands gefallen zu sein.
Karl Sommer, sein Schwiegervater, ließ nicht erkennen, ob er ihm in diesen Stunden verzieh, seine Tochter genommen zu haben. Für den Bauern veränderte sich nichts. Maria wohnte seit der Geburt ihres Sohnes Franz gegenüber von ihren Eltern in einer kleinen Stube mit Küche. Leopold durfte sie erst als Soldat heiraten und war nur im Heimaturlaub auf den Hof gekommen.
Antoine sah die Trauer in Marias Augen, die den seinen auswichen, sobald sie sich begegneten. Mühsam begann er die fremde Sprache zu lernen, um sie verstehen zu können. Seine Kenntnisse reichten noch nicht aus für die zornigen Worte Marias, mit denen sie ihrer Mutter von einer Begegnung mit dem Kreisbauernführer Karl H. berichtete, zu dem ihr Vater sie geschickt hatte. Sie hatte sich früh zu ihm auf den Weg gemacht:
„Guten Morgen!“, hatte sie Karl H. beim Eintreten in die Stube gegrüßt. „Wie heißt das?“, gefährlich laut dröhnte ihr seine Stimme entgegen.
Auf ihr erneutes, zögerliches „Guten Morgen“ hatte sie der Schlag auf ihre Wange zusammen mit den Worten getroffen: „Heil Hitler heißt das!“
Von den Nazis des Ortes wurde Karl Sommer argwöhnisch beobachtet. Ihre Späher versteckten sich hinter den Mauern seines Hofes, sobald das Vieh geschlachtet wurde. Karl Sommer besaß einen Schlachtschussapparat und war fähig, die Tiere nach dem Töten zu zerlegen. Jedes Quieken eines Schweines wurde belauscht, die Tiere immer wieder gezählt und die Mengen an Kartoffeln und Getreide abgewogen. Unter Androhung harter Strafen sollte verhindert werden, dass der Bauer ein Tier „schwarz“, für seine Familie, schlachtete. Alle Abgaben der Bauern wurden über Lebensmittelkarten an die Zivilbevölkerung, Wehrmachtssoldaten und – in weitaus geringerem Maße – an die Zwangsarbeiter verteilt. Seit Kriegsbeginn gab es Brot, Fleisch, Fett, Käse, Milch, Zucker, Marmelade und Eier nur in festgelegten Einheiten.
Die Sommers wurden aber nicht nur kontrolliert, sondern auch belauscht. Juliana öffnete eines Abends überraschend die Fensterläden, um frische Luft in die Stube zu lassen, und hörte, wie jemand kurz aufschrie und in die Dunkelheit entschwand. Die Nazis vermuteten, dass Karl Sommer Feindsender hörte, konnten es ihm aber nicht nachweisen. Dafür bemühten sie sich, bei seinen älteren Töchtern eine Anstellung zu verhindern.
Es gelang ihnen bei Maria nicht, weil sich ihre Cousine Theresia Höllerl für sie einsetzte. Sie hatte in eine vermögende Familie in Fürstenfeld eingeheiratet, die dort ein großes Geschäft besaß. Ihr hatte es Maria zu verdanken, dass sie bald nach dem Tod Leopolds in der Tabakfabrik „Austria Tabak AG“ arbeiten durfte.
1784 war die „Österreichische Tabakregie“ unter Joseph II. als Monopol gegründet worden. Lange Zeit wurden die Tabakblätter nur von Hand vorbereitet, der Körper der Zigarre aus den Einlageblättern geformt, mit einem Deckblatt umwickelt und in Papier oder kleine Holzkisten verpackt. Ab 1877 übernahmen Maschinen die Arbeit der Hände, die nur noch für besonders edle Zigarren gebraucht wurden. Gleichzeitig entdeckte das aufstrebende Bürgertum der Gründerzeit die Lässigkeit der Zigarette, die in Massen produziert wurde. Immer mehr Menschen kamen nach Fürstenfeld in die Fabrik, prägten die wirtschaftliche und soziale Struktur der Stadt. Vor allem Frauen aus den Dörfern konnten sich vom regelmäßigen Lohn ein selbständiges Leben aufbauen, auch wenn in der Gesellschaft jener Zeit der Besitz und die Herkunft für das Ansehen wichtiger waren.
Es gab in der Fabrik jedoch auch schlecht verdienende Arbeiter, deren Armut mit der Zeit immer offensichtlicher wurde. Außerdem nahmen die Seuchen und Infektionskrankheiten in der Stadt zu, so dass die Tabakregie eine Krankenversicherung und Invalidenbezüge einführte, Fabrikärzte einstellte, die Altersversorgung reformierte und früher als andere Unternehmen bereits 1908 einen bezahlten Urlaub gewährte. Mit der Gründung einer eigenen Feuerwehr, einer Musikkapelle und von Sportvereinen beeinflusste sie darüber hinaus das gesellschaftliche Leben der Stadt.

Luftaufnahme von Fürstenfeld, in der Bildmitte die Tabakfabrik von Südosten aus gesehen, ca. 1930
Von der Generaldirektion in Wien wurden die Fabriken in Österreich und den Ländern der Habsburgermonarchie koordiniert, bis der Erste Weltkrieg 1918 die Gebiete neu verteilte. Erst 1938, mit dem Anschluss Österreichs, belebte der nunmehrige alleinige Aktionär, das Deutsche Reich, nach der Umwandlung der Fabrik in die „Austria Tabak AG“, die Produktion neu.
Für Maria bedeutete es einen Glücksfall, dort arbeiten zu dürfen. Sie konnte unabhängig vom dominanten Vater ihr eigenes Geld verdienen und mit dem Fahrrad oder zu Fuß die fünf Kilometer zwischen Übersbach und Fürstenfeld zurücklegen. Franz blieb in der Obhut der Großmutter auf dem Hof. Sein Onkel Hans war nur ein Jahr älter als er und ein guter Spielgefährte.
Trotz der Weisung Hitlers vom 16. Dezember 1941, die Stellungen durch „fanatischen Widerstand“ zu halten, begann mit dem Gegenangriff der Roten Armee der Rückzug der deutschen Truppen. In erbitterten Kämpfen rangen sie um jeden Meter, zogen sich zurück, stürmten vorwärts, eroberten Terrain, verloren es wieder. Während die Rote Armee, unterstützt von der sowjetischen Bevölkerung, gegen den Feind anrannte, schwanden die Kräfte und der Nachschub auf deutscher Seite. Im Deutschen Reich wurden die Menschen in dem Glauben gelassen, die „Bolschewisten“ seien fast besiegt.
Im Januar 1942 trafen sich führende Funktionäre in Berlin, um in der „Wannsee-Konferenz“ den systematischen Mord an Millionen Juden in Europa zu planen und zu organisieren. Die Ausgrenzung und Deportationen von Juden gehörten bereits zum Alltagsleben im Deutschen Reich, doch das Ausmaß dessen, was in Berlin geheim festgelegt wurde, sprengte die menschliche Vorstellungskraft.
Die Alliierten versuchten mit völkerrechtlich bedenklichen Flächenbombardements Angst und Schrecken unter den Deutschen und Österreichern zu verbreiten. Im Frühjahr 1942 ließ Winston Churchill in Lübeck, Rostock und Köln vor allem Wohngebiete angreifen, um den Verteidigungswillen der deutschen Bevölkerung zu erschüttern, und schürte damit doch nur deren Hass.
Das steirische Graz war erstmalig im April 1941 unter Beschuss geraten, als königlich-jugoslawische Flugzeuge den Nachschub für den Krieg in Jugoslawien im Visier hatten. Danach blieb es zunächst ruhig in der Luft, weil die „Ostmark“ außerhalb der Reichweite britischer Flugzeuge lag.
Das Leben in Übersbach wurde nur erschüttert, wenn die Familien Nachricht vom Tod eines Angehörigen erhielten. Antoine und Maria gingen ihrer Arbeit nach und begegneten sich abends bei der gemeinsamen Mahlzeit. Für die jüngeren Geschwister Marias war Antoine längst ein Familienmitglied geworden, das sie umso mehr liebten, nachdem die ersten Pakete aus Frankreich eingetroffen waren. Gemäß der Genfer Konvention war es den Gefangenen gestattet, über das Internationale Komitee des Roten Kreuzes Pakete aus der Heimat zugestellt zu bekommen. Sie wurden als „Liebesgaben“ bezeichnet, begrenzt in der Stückzahl und ihrem Gewicht. Der Inhalt wurde von den Nazis kontrolliert, aber die Lebensmittel, Seife, manchmal Unterwäsche oder Socken sowie ein paar Zeilen von der Familie in Frankreich, kamen vollständig bei Antoine an.

Dieses Foto seiner Familie auf La Feltière schickte Großmutter Ménan ihrem Sohn nach Übersbach in die Kriegsgefangenschaft.
Als Frau Ménan von ihrem Sohn auf einer Postkarte erfuhr, dass die Bäuerin ihm ein Beet in ihrem Gemüsegarten überlassen hatte, schickte sie ihm die Samen verschiedener Gemüsesorten. Juliana hatte an Antoines Blicken und seinen geschickt helfenden Händen seine Liebe zur Gartenarbeit erkannt. Wie sehr wunderte sie sich, als rote, runde Früchte reiften. Paradeiser, auch Tomaten genannt, waren in den Vierzigerjahren kein gewöhnliches Gemüse. Antoine gelang es, mit dem von ihm angebauten Gemüse die Sommers zum Staunen zu bringen und abends seine Kameraden im Schlafsaal des Gasthauses zu versorgen. Weder Juliana noch die Bewacher der französischen Kriegsgefangenen sahen darin einen Verstoß gegen die Vorschriften des Oberkommandos der Wehrmacht, weil Antoine dazu beitrug, die Arbeitskraft der Kriegsgefangenen zu erhalten.
Umso schwieriger war es für Maria und Antoine, zueinanderzufinden. Ihre Begegnungen, ihre Blicke, ihre Worte konnten umgehend der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Fürstenfeld zugetragen und von ihr geahndet werden. Maria zögerte lange, ihrem Gefühl für Antoine nachzugeben. Zu erbittert hatte sie um ihre Liebe zu Leopold gegen ihren sturen Vater kämpfen müssen. Während der Sommer 1942 über die Felder davonzog, spürte sie, dass sie schwanger geworden war. Schreckliche Vorwürfe musste sie sich von ihren Eltern anhören, dennoch stellten sie sich schützend an ihre Seite. Juliana und Karl wussten um den Vater des Kindes. Die missbilligenden Blicke einiger Dorfbewohner und Arbeiterinnen in der Tabakfabrik musste Maria allein ertragen.
Währenddessen kämpften im über 2500 Kilometer entfernten Stalingrad die Wehrmachtstruppen zunächst darum, den Widerstand der Einwohner zu brechen, und dann um ihr eigenes Überleben. Unnachgiebig opferte Hitler das Leben von 150.000 eingekesselten deutschen Soldaten und war dafür verantwortlich, dass 91.000 weitere in eine jahrelange, entsetzliche sowjetische Kriegsgefangenschaft gingen. Die wenigsten von ihnen sollten ihre Familien wiedersehen.
Auch wenn der gleichgeschaltete Großdeutsche Rundfunk nicht das ganze Ausmaß der Niederlage in Stalingrad deutlich werden ließ, erschütterte diese Nachricht nachhaltig das Vertrauen in den Endsieg. Joseph Goebbels Aufruf zum „Totalen Krieg“ am 18. Februar 1943 konnte die aufkommenden Zweifel nicht auslöschen und die Wende im Krieg nicht mehr aufhalten.

Die Rückseite des Fotos von Seite 40, deutlich zu sehen ist der Vermerk: „Geprüft – STALAG XVIII“

Die französischen Kriegsgefangenen in ihrer spärlich bemessenen Freizeit, Antoine Ménan stehend, 3. von rechts.
In Afrika wehrte sich die deutsche Heeresgruppe gemeinsam mit den italienischen Truppen hartnäckig in einem Wechselspiel aus strategischen Erfolgen und Rückzügen gegen eine Übermacht von britischen und amerikanischen Soldaten und Panzern. Die Kapitulation im Mai 1943 war nach kräftezehrenden Kämpfen eine Folge der ungewohnten klimatischen Bedingungen unter der Sonne Afrikas, gekoppelt mit einem immer wieder versiegenden Nachschub an Ausrüstung und Nahrungsmitteln aus den Versorgungsbasen. Damit wurde der Weg frei für die Alliierten und ihre Landung in Sizilien. Das italienische Volk setzte nicht nur Benito Mussolini ab, sondern erklärte gleichzeitig dem Deutschen Reich den Krieg. Großbritannien und die USA beschlossen, die Standorte der Rüstungsproduktion und die deutsche Bevölkerung aus der Luft anzugreifen. Der Glaube an das nationalsozialistische Regime sollte ausgehöhlt werden, indem die United States Air Force tagsüber flog und die britischen Flächenbombardements nachts stattfanden.
Um sich rechtzeitig in Sicherheit bringen zu können, saßen die Menschen vor den Rundfunkgeräten und achteten auf die Luftlagemeldungen und Verdunkelungsbefehle. Sobald die Sirenen aufheulten, griffen sie die Koffer, die sie bereits für den Notfall gepackt hatten, und rannten in die Keller und Katakomben, die von den Nationalsozialisten als Schutzräume ausgewiesen worden waren. Ängstlich lauschten sie auf das Herannahen der Bomber, die Einschläge ihrer todbringenden Fracht und hofften, dass sie und ihre Wohnungen unversehrt blieben.
Die Menschen in Übersbach feierten trotz dieser Meldungen das Osterfest traditionell, denn der Krieg schien weit weg zu sein. Nur Maria Sommer war am Ostersonntag, den 25. April 1943, nicht zu sehen, denn sie hatte sich in ihre Stube zurückgezogen und gebar einen Sohn, dem sie den Namen Eduard gab. Maria Siegl, die Hebamme des Ortes, kümmerte sich schon zum zweiten Mal um das Baby der Ältesten der Sommers. Wie der Vater des ersten Sohnes konnte sich auch der Vater des zweiten Sohnes nicht offiziell zu Frau und Kind bekennen. Leopold war es bei Franz verwehrt geblieben, weil Karl Sommer einer Hochzeit nicht zugestimmt hatte. Von Antoine und Maria durfte niemand erfahren.
Maria wusste, dass die Hebamme verschwiegen und vertrauenswürdig war. Die „Sieglin“, eine starke und erfahrene Frau von fünfzig Jahren, kannte jeder im Dorf. Wenn sie nicht half, Kinder auf die Welt zu bringen, schneiderte sie Kleidung für die Leute, hatte einen Sohn ohne den Vater großgezogen, weil sie sich von ihrem Mann trennte, und lebte ein eigenwilliges Leben.
Für die Geburtsurkunde Eduards gab sie beim Pfarrer an, dass der Vater nicht bekannt sei. Außerdem beschlossen die zwei Frauen, dass die Hebamme Eduard in ihre Obhut übernehmen würde, damit Maria wieder in der Tabakfabrik arbeiten konnte. Es war wichtig, schnell in den Alltag zurückkehren zu können, um nicht das Gerede der Menschen im Dorf ertragen zu müssen.
Für Eduard wurde Maria Siegl die „Mammi“. Jahre später wusste kaum noch jemand ihren richtigen Namen, weil sie von allen nur noch mit dem von Eduard gewählten Kosenamen angesprochen wurde.
Einige Tage nach der Geburt Eduards stand spätabends ein Mann vor der Tür, dem Karl Sommer ansonsten nur bei der Jagd im Wald begegnete. Beim Eintreten bat er Karl Sommer, seine Tochter Maria zu holen, weil er mit beiden etwas zu besprechen hätte. Alle wussten, dass er in Fürstenfeld Verbindungen zu den Nationalsozialisten hielt. Vorsicht schien geboten.
„Morgen kommt die Gestapo zu euch. Es geht um Marias Kind.“ Karl Sommer, der kaum zu erschüttern war, musste sich setzen. Was hatte das zu bedeuten? Vor der Gestapo zitterten selbst die, die nichts zu befürchten hatten. Marias unehelich geborener Sohn war Grund genug. Niemand im Haus sprach über den Vater des Kindes. Morgen kamen Fremde, um Fragen zu stellen, die keiner beantworten wollte.
„Maria, du warst in Mallnitz im Ferienheim der Tabakregie. Du erzählst ihnen, du hast da einen Deutschen kennengelernt. Nenne ihn Erwin. Mit dem hattest du was. Gemeldet hat der sich nie wieder. Mehr sagst du nicht!“
In dieser Nacht konnte keiner ruhig schlafen. Maria sah das Auto am nächsten Tag direkt vor ihrem Fenster halten. Obwohl die Männer Zivilkleidung trugen, schien jeder im Ort zu wissen, wer bei den Sommers vorfuhr. Aus Angst warteten die Leute hinter den Fenstern, nur wenige traten aus ihren Häusern, um zu beobachten, was am oberen Rand des Dorfplatzes passieren würde. Karl Sommer hatte Antoine früh am Morgen weit auf die Felder geschickt. Er erwartete ihn erst bei Einbruch der Dunkelheit zurück.
Maria antwortete auf die Fragen der Gestapo-Leute, wie der Jagdkamerad es ihr empfohlen hatte. Immer wieder hatte sie in den letzten Stunden die Worte vor sich hingemurmelt. Blass und monoton wiederholte sie die Sätze, die die Fragen der Männer zu zerlegen drohten. Es kostete Kraft, die sie in dem Augenblick verlor, als das Auto vor dem Haus wendete und verschwand.
Nie würde sie diese Stunden vergessen können, den besorgten Blick Antoines am Abend, der ihr nicht helfen durfte, die Gespräche im Ort, die sich tagelang nur um sie und den Aufenthalt der Gestapo bei den Sommers drehten. Und über allem hing die Frage: Verrät jemand der Gestapo das Geheimnis von Maria und Antoine, ohne die beiden wirklich zusammen gesehen zu haben?
Bereits Marias Schwangerschaft hatte für Diskussionen gesorgt, die im Dorf hinter vorgehaltener Hand geführt worden waren. Jeder wusste um die Vielzahl an Vorschriften im Umgang mit den Kriegsgefangenen. Waren schon gemeinsame Mahlzeiten und Festlichkeiten unerwünscht und durften keine Lebensmittel und Kleidungsstücke für sie beschafft werden, so war ein intimer Kontakt strengstens untersagt. In keinem Fall sollte geduldet werden, dass Kinder ausländischer Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangener mit deutschen Kindern aufwuchsen. Die Abschiebung des unehelich geborenen Kindes in eines der von Heinrich Himmler gegründeten Lebensbornheime oder noch schlimmer, seine Ermordung im Konzentrationslager, die Bestrafung der Mutter mit Zuchthaus und ein Prozess vor dem Kriegsgericht, in dem der Kriegsgefangene mit dem Tod bestraft werden konnte, das waren die schlimmsten möglichen Konsequenzen. Unausgesprochen webten die Übersbacher gemeinsam an der Decke des Schweigens.
Maria ging wieder arbeiten, Eduard blieb bei der Mammi und wurde erst am Abend von seiner Mutter abgeholt, und Antoine fuhr auf die Felder.
Eduards Mammi lieferte mit ihrer selbstbewussten Art schon häufiger Gesprächsstoff für die Leute im Ort, was sie aber nicht störte. Sie hätte aber gerne darauf verzichtet, als sich die Gestapo für sie interessierte. Ausgerechnet ihre Schwester sollte dafür sorgen. Sie meldete der Gestapo, dass eine Freundin der Mammi in Anwesenheit der Schwestern über die Nazis geschimpft hatte. Mammi und ihre Freundin bedachten nicht, dass Mammis Schwester eine überzeugte Anhängerin der Nazis war und es weitertragen würde. Denunziationen wurden durchaus von den Nazis gefördert, obgleich sie staunten, in welchem Ausmaß sie stattfanden. Die Gestapo bestellte Mammis Freundin nach Fürstenfeld. Die Tatsache, dass sie danach über diese Stunden beharrlich schwieg, erklärte genug. Auch Mammi wurde vorgeladen. Nach ihrer Rückkehr erzählte sie allen, die es wissen wollten, dass sie keine Fragen beantworten konnte. Sie hatte behauptet, sie hätte von dem Streit der Frauen durch das kochende Essen und das darunter laut knisternde Holz nichts mitbekommen. Die Schwestern sahen sich danach nur noch selten und ohne viele Worte. Für Maria Siegl gab es in diesem Fall kein Verzeihen.
Am 13. August 1943 detonierten die ersten amerikanischen Bomben in Wiener Neustadt. Sie sollte die am stärksten zerstörte Stadt der „Ostmark“ werden. Graz wurde am meisten bombardiert, gefolgt von Wien und Klagenfurt. Den englischen und amerikanischen Luftstreitkräften gelang es von neu errichteten Flughäfen in Nordafrika und Süditalien, sowohl die eigenen Heeresverbände zu unterstützen, als auch gezielt Rüstungsbetriebe in der bisher verschont gebliebenen „Ostmark“ ins Visier zu nehmen. Im Dritten Reich galt die „Wiener Neustädter Flugzeugwerke GmbH“ als größter Hersteller der Jagdflieger „Messerschmitt Bf 109“ und in den „RAX-Werken“ wurden die „A-4-Raketen“ montiert. Deshalb versuchten die Alliierten alles, um die Produktion in diesen Werken auszuschalten.
An der Ostfront zogen sich die deutschen Truppen vor der Roten Armee mit dem „Prinzip der verbrannten Erde“ zurück, ohne das Kämpfen, Töten, Quälen und Vergewaltigen aufzugeben. Zerstörte Dörfer, Brücken, Gleisanlagen und ungezählte Tote markierten die Schneise ihrer Wut.
Leningrad konnte von der Roten Armee Ende Januar 1944 aus der Umklammerung der deutschen Truppen befreit werden. Als „Heldenstadt“ in den sowjetischen Medien gefeiert, lieferte die Stadt das grausame Zeugnis einer bestialischen Kriegsführung des nationalsozialistischen Regimes, das vor nicht zurückschreckte.
Statt den verbliebenen Einheiten zu Hilfe zu kommen und für Nachschub an Soldaten und Material zu sorgen, musste die deutsche Heeresleitung einige Wehrmachtsverbände nach Italien zum Kampf gegen den ehemaligen Verbündeten und die Alliierten verlegen. Der Vormarsch der Roten Armee war nicht mehr zu stoppen, so wie Hitler in seinem Wahn nicht gestoppt werden konnte, weitere Soldaten sinnlos zu opfern.
Anfang des Jahres 1944 startete sein Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring, in einer groß angelegten Aktion aus der Luft mehrere Angriffswellen auf London und weitere englische Städte, die im Mai 1944 in einem Desaster für die Deutschen endeten und ihre Luftflotte nachhaltig schwächten. Die Alliierten hatten zu diesem Zeitpunkt bereits die Luftherrschaft über das Deutsche Reich erlangt.
Das konnten auch die Menschen in der Steiermark bestätigen. Immer häufiger dröhnten über ihren Köpfen amerikanische Bomberverbände auf ihrem todbringenden Flug Richtung Wien, Wiener Neustadt und Graz. Sie zerstörten nicht nur Rüstungsanlagen, sondern auch Ölraffinerien, Bahnanlagen, Flugplätze und Wohngebäude. Weitere Koordinaten ihrer Abwürfe lagen über Innsbruck, Linz, Klagenfurt, Salzburg, Villach, Steyr und anderen Städten. Geprägt von der nationalsozialistischen Propaganda, in dem blinden Glauben an den Endsieg, mobilisierten die deutschen Abwehrverbände Material und Menschen. Flak und Jagdflieger versuchten die Reihen der alliierten Luftstaffeln zu lichten, ohne die Luftüberlegenheit der Amerikaner und Engländer ernsthaft zu gefährden.
Dann kam der Juni 1944. Von den deutschen Stimmen des „feindlichen“ Senders, der British Broadcasting Corporation (BBC), hörte Karl Sommer im Radio die Nachricht von der Landung der alliierten Streitkräfte in der Normandie. Hitler erwartete nicht zuletzt aufgrund eines groß angelegten Täuschungsmanövers der Alliierten, der „Operation Fortitude“, einen Angriff an der schmalsten Stelle des Ärmelkanals, bei Pas-de-Calais. Daneben trug die insgesamt schlechte Nachrichtenlage der Wehrmacht dazu bei, dass am Tag der Invasion, dem 6. Juni, die Abwehrmaßnahmen auf deutscher Seite chaotisch verliefen.
Zwischenzeitlich hatte die französische Résistance viele Funkverbindungen und Transportwege zerstört, was Absprachen unter den Offizieren und das Vorwärtskommen der deutschen Wehrmacht verzögerte. Trotzdem gelang es den deutschen Truppen, die alliierten Verbände bis Ende Juli am Durchbrechen der Front zu hindern. Am 25. August 1944 wurde den französischen Widerstandsgruppen und den alliierten Soldaten in Paris ein triumphaler Empfang bereitet. Es war der Vernunft des von Hitler ernannten deutschen Stadtkommandanten, General Dietrich von Choltitz, zu verdanken, dass er sich dem Befehl seines Führers widersetzte, Paris „nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes“ fallen zu lassen.
Einige Tage vor der Niederlage der deutschen Divisionen in Frankreich explodierte in Ostpreußen im Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ eine Bombe. Hitler überlebte am 20. Juli 1944 leicht verletzt das von einer Gruppe ranghoher Generäle, Offiziere und Verwaltungsbeamter geplante Attentat. Die Männer einte der Wille, der Diktatur und den Verbrechen ein Ende zu setzen. Der Führer rächte sich, indem er alle Beteiligten qualvoll erhängen oder erschießen ließ, und berief ihm verpflichtete Generäle und Offiziere in den Führungsstab. Nur drei Tage später wurde ihm von der Befreiung des Konzentrationslagers Majdanek und der polnischen Stadt Lublin durch sowjetische Truppen berichtet.
Um der Roten Armee zuvorzukommen, entschied die nationalpolnische Heimatarmee, Warschau aus eigener Kraft von den deutschen Besatzern zu befreien. Sie rechneten nicht mit der Brutalität der SS- und Polizei-Einheiten, die zahllose Massaker an Zivilisten verübten. Da Stalin nur wenig an einem unabhängigen, selbstbewussten Polen gelegen war, verweigerte die Rote Armee auf seinen Befehl hin den Aufständischen ihre Hilfe und verhinderte das Eingreifen der britischen Luftstreitkräfte, die nur Hilfsgüter über der Stadt abwerfen konnten. Bis Anfang Oktober 1944 vollendeten die deutschen Besatzer ihr zerstörerisches Werk in Warschau, während Soldaten der Roten Armee in Rumänien, Bulgarien und Ungarn einmarschierten. Für die Wehrmacht das Zeichen, sich aus Griechenland zurückzuziehen; für die Finnen, das Bündnis mit dem Deutschen Reich aufzukündigen und einen Waffenstillstand mit der Sowjetunion und Großbritannien abzuschließen.
Mit dem „Aufruf zum Volkssturm“ im September 1944 wurde der Versuch unternommen, den Alliierten die letzten, bisher nicht waffenfähigen Männer im Alter zwischen sechzehn und sechzig Jahren entgegenzustellen. Auch der einundfünfzigjährige Karl Sommer sollte den „Heimatboden“ verteidigen und für den „deutschen Endsieg“ kämpfen. Juliana atmete auf, dass ihre Kinder zu Hause bleiben durften. Schnell wurde deutlich, dass Himmlers Waffen-SS nicht davor zurückschreckte, jeden, der sich diesem Dienst verweigerte, standgerichtlich zu erhängen oder zu erschießen. So zog der Bauer nicht mehr über die Felder, sondern hob gemeinsam mit viel zu jungen und viel zu alten Frauen und Männern mit der Schaufel und den Händen tiefe Gräben an Straßen und in Wäldern aus. Gräben, die wie Narben die Landschaft durchzogen, sichtbar und sinnlos.
Antoine übernahm zuverlässig die Arbeit auf dem Hof. Es blieb Karl Sommer seit Monaten verborgen, dass der junge Franzose jede Gelegenheit nutzte, das Pferdefuhrwerk in Richtung Köglberg zu lenken. Der schmale Weg zu den Feldern unterhalb der Anhöhe führte am Kellerstöckl von Maria Siegl vorbei, die tagsüber den jüngsten Enkel Karl Sommers betreute. Sie tat alles, damit Antoine seinen Sohn Eduard sehen und auf den Arm nehmen konnte. Ihr Haus lag abseits vom Hauptweg des Dorfes, verdeckt durch Sträucher und Bäume. Während die Pferde die Blätter und das Gras am Feldrand fraßen, kontrollierte sie den Weg und warnte Antoine rechtzeitig, sobald sich ein Fremder näherte. Im Winter sahen sich Vater und Sohn nur auf dem Hof und in der Küche.
Bei einem der Überflüge der amerikanischen Luftwaffe Richtung Wien und Graz im Dezember 1944 fielen erstmals Bomben auf Fürstenfeld, deren Einschläge den Boden in Übersbach erzittern ließen. Geschockt suchten die Bewohner Verstecke für sich und die wichtigsten Gegenstände, die sie vor den Feinden schützen wollten.
Einige Wochen später ging Karl Sommer zur Mühle, die vor Übersbach von einem Verwandten betrieben wurde. In seinem Rucksack trug er einen Schlachtschussapparat, mit dem die Männer zwei Schweine schlachten wollten, eines davon ohne Genehmigung durch die Nazis. Karl wusste, dass der Krieg nicht mehr lange dauern konnte, aber er sorgte sich, dass die Vorräte nicht ausreichen könnten. Doch mit den Nazis wollte er sie nicht mehr teilen.
Auf seinem Hof hätte ihm Antoine helfen können, aber der junge Franzose saß bereits im Gasthof bei den anderen Kriegsgefangenen und sollte auch nichts Illegales tun. Es war unter Strafe verboten, Tiere „schwarz“ zu schlachten. Deshalb mussten die beiden Männer sehr vorsichtig arbeiten, und erst spät in der Nacht kehrte Karl Sommer müde, mit einem schwer gefüllten Rucksack und einigen Schnäpsen im Blut, nach Übersbach zurück. Schwarz und still wölbte sich der Himmel über ihm, als aus der Dunkelheit eine Gestalt auf ihn zutrat.
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