Читать книгу: «Mit schlechten Karten gut gespielt»
Brigitte Muth-Oelschner
Werner Hübner
MIT SCHLECHTEN KARTEN GUT GESPIELT
Kindheit in Kriegs- und Nachkriegsjahren
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei den Herausgebern
Titelbild von Natalia Rudolf
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Mut und Entschlossenheit
Als junges Mädchen auf der Flucht
Krieg, Krankheit, Kummer – die Hoffnung siegt
Die zwei Welten meiner Kindheit
Kleine Sterne leuchten immer
Heimatlos in Kriegs- und Nachkriegsjahren
Als das Leben wieder neu begann
Ein Jungenleben in der Nachkriegszeit
Vorwort
Vor Ihnen liegen die Lebensberichte von vier Menschen aus den Geburtsjahrgängen von 1932 bis 1947.
Die Erforschung der eigenen Biografie, das Schreiben darüber, vollzog zunächst ein jeder für sich allein. Dann wurden die Berichte bei gelegentlichen Treffen in der Gruppe miteinander besprochen. Anregungen aus der Gruppe wurden aufgenommen und in die Berichte eingearbeitet.
Einig war sich die Gruppe darin, sich nicht nur auf die erlebten Traumata als Kriegskinder zu konzentrieren, sondern vielmehr das Augenmerk darauf zu richten, wie gerade diese Erfahrungen und Erlebnisse in der Kriegskindheit dem Einzelnen Ressourcen erschlossen haben, ohne die vermutlich ihr berufliches oder auch privates Leben nicht so erfolgreich verlaufen wäre.
Die vielfältigen, in der Kriegs- und Nachkriegszeit erlebten Belastungen sollten eher im Sinne einer Herausforderung zur Entwicklung, nicht jedoch als prägendes Problem oder als unlösbare Krise gesehen werden.
Als es dann darum ging, einen gemeinsamen Code für die Erlebnisse in und nach dem Krieg zu finden, welcher die Fähigkeiten und Stärken repräsentiert, das Leben sinnvoll und gut gestaltet zu haben, war man sich in der Gruppe schnell einig. „Wir haben mit schlechten Karten gut gespielt.“
Nachdem die Biografien geschrieben waren, bat die Gruppe mich, von außen kommend, noch einmal mit einem „analytischen Blick“ darauf zu schauen. Dieses „Drauf-schauen“ hatte Konsequenzen:
Dort, wo etwa ein allzu sachliches Beschreiben erahnen ließ, dass damit einhergehende Gefühle nicht wahrgenommen/erinnert werden konnten, dass über bestimmte Erfahrungen nicht berichtet werden wollte und nicht konnte, erfolgten Nachfragen und die Ermutigung, sich auch dieser sicher schmerzlichen Erinnerungsarbeit zu stellen.
Eine erneute Bearbeitung der Lebensberichte war die Folge. Die Ergebnisse liegen nun in diesem Buch vor. Mögen sie Ihnen, die Sie das Buch in den Händen halten, ein Stück gelebter Geschichte nahebringen. Vielleicht auch eine Anregung bieten, selber einmal neugierig auf Ihre eigene Lebensgeschichte zu blicken.
Werner Hübner
Mut und Entschlossenheit
Als junges Mädchen auf der Flucht
Auf die Welt gekommen bin ich als Zangengeburt und habe dadurch offensichtlich einen starken Lebenswillen entwickelt. Das war sicherlich auch notwendig in einer Familie, die durch die Nähe der Grenze zu Polen – ich habe nämlich meine Kindheit bis zur Flucht im Januar 1945 in Gleiwitz verbracht – immer in zwei Welten lebte.
Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten in Polen, der Großvater verdiente den Unterhalt für seine Familie als Sattlermeister; sie galten als „Deutsche in Feindesland“. Meine Großmutter hat noch während des Krieges zusammen mit zwei Töchtern in Polen gelebt und zwar in dem Gebiet, das nach dem Ersten Weltkrieg an Polen fiel. Das Passieren der Grenze war aufwendig und nahm viel Zeit in Anspruch, die Kontrollen waren gründlich und streng. Ab dem sechsten Lebensjahr benötigte auch ich einen Reisepass. Bei der Großmutter und den Tanten war ich gern, ich fühlte mich von ihnen geliebt und mochte sie sehr. Bei meinen eigenen Eltern war ich mir in meinen Gefühlen jedoch nicht sicher. Für meinen Vater war ich wohl eine „Leistungstochter“. Meine Mutter hat mich sicher gemocht, und ich habe sie später, als ich größer war, sehr geschätzt.
Mein Vater war das 14. Kind; seine Eltern hatten einen großen Bauernhof. Er baute sich zusammen mit seiner jungen Frau eine neue Existenz auf. Bei uns daheim – meine Eltern hatten einen Gasthof – wollten wir mit Polen jedoch nichts zu tun haben, weil sie das sogenannte „Wasserpolnisch“ sprachen und eher den unteren Schichten angehörten. Meine Eltern, die perfekt Polnisch sprachen, hätten dies jedoch niemals in der Öffentlichkeit getan. Sie waren stolz darauf, Deutsche zu sein, wobei in unseren Augen die deutsche Seite eher durch Großindustrielle und jüdische Kaufleute geprägt wurde.
Als Kind war ich viel allein. Am wichtigsten war für mich eine Tante, die bei uns im Haus lebte und vor allem auch arbeitete. Sie hatte jedoch einen Makel, sie war nämlich verheiratet gewesen und geschieden worden. Ich jedoch mochte sie so sehr, dass ich sie „Tante Mutti“ nannte. Von ihr fühlte ich mich geliebt. Bis zum Schuleintritt war ich nach Aussagen meiner Tante, die mich betreute, mehr krank als gesund. Masern, Scharlach, Keuchhusten haben sich abgewechselt und mir sehr zugesetzt. Ich musste ja krank werden, um Zuwendung zu bekommen.
Als die Schulzeit begann, wurde ich mit einer Schiefertafel, an der ein feuchter Schwamm und ein trockenes Tuch hingen, sowie mit einem Griffel ausgestattet. Eine Schultüte mit Obst und Süßigkeiten wie die anderen Kinder hatte ich nicht. Ich beneidete sie heftig darum. Der Kommentar meiner Eltern dazu lautete: „Du bekommst Obst und Schokolade zu Hause, die anderen brauchen nicht zu sehen, was es bei uns gibt“. Weil wir eine Gaststätte hatten, gab es sicherlich mehr als bei anderen.
Sich zurückhalten war wichtig
Der Kriegsbeginn ist für mich mit dem Überfall polnischer Soldaten auf den Gleiwitzer Sender verbunden. Wie es sich damit wirklich verhielt, habe ich erst viel später erfahren. Was ich damals lediglich mitbekam, waren vielsagende Blicke, die sich die Erwachsenen zuwarfen, das Getuschel der Verwandten und der Nachbarn oder aber, wenn wir Kinder anwesend waren, für mich unverständliche Worte. Wenn der Nachwuchs oder sogar Fremde zuhören konnten, wurde nämlich bei uns immer Polnisch gesprochen.
Erinnern kann ich mich noch an das Brennen der Synagoge und an die geplünderten Geschäfte, in denen wir oft eingekauft haben. Noch immer habe ich das Bild einer Flammenwand vor Augen. Die sogenannte „Kristallnacht“ am 9. November 1938 wurde von den Erwachsenen totgeschwiegen. Was das alles zu bedeuten hatte, wusste ich nicht, dafür aber umso deutlicher, dass ich nicht fragen durfte. In meiner Familie wurde ganz einfach „Zurückhaltung“ verlangt. Meine Fragen hätten die Eltern nur sehr ärgerlich gemacht. Dabei wollte ich soviel wissen. Ich empfand großes Mitgefühl für das jüdische und polnische Volk. Es gab jedoch niemand, der mir meine Fragen hätte beantworten wollen.
Eines Tages wurde mein zucker- und nierenkranker Vater doch noch eingezogen. Er wurde zu einer Einheit in Maastricht abkommandiert. Es dauere aber nicht lange, und er kehrte wieder zurück. Als wehruntauglich eingestuft, musste er bei der Reichsbahn arbeiten. Von Hunger, Kälte und Luftangriffen hatten wir bis Januar 1945 noch nichts gespürt.
Dann hingegen veränderte sich unsere Welt. Der Januar war sehr kalt, es lag sehr viel Schnee. Auf der Straße sah ich einen nicht enden wollenden Zug von Elendsgestalten vorbeiziehen, angetrieben von Männern in Gefängniskleidung. Auch über diese Menschen wurde nicht gesprochen. Allerdings hörte ich aus dem Getuschel das Wort „Auschwitz“ heraus. Inzwischen hatte ich bereits gelernt, dass ich wie alle anderen wegschauen musste. Für mein Mitgefühl blieb auch hier kein Raum.
In meiner Familie waren materielle Dinge wichtig. Meine Mutter übernahm die Führungsrolle, mir gegenüber war sie auch immer sehr streng. Beispielsweise quälte ich als Backfisch meine Mutter mir zu erlauben, mir beim Friseur Dauerwellen legen zu lassen. Natürlich war alles Betteln vergeblich.
Einige Tage später musste ich mich abends warm anziehen. Meine dreijährige Schwester wurde dick eingepackt, und die ganze Familie lief zu einem großen Platz. Mutter hatte aus einem stabilen Stoff so etwas wie Rucksäcke genäht, die wir nun mitnahmen.
Bevor wir losgingen, hörte ich wie ein Gast zu meinem Vater sagte: „Das ist ja nicht zu fassen, dass Frauen und Kinder noch hier sind. Der Russe steht bereits kurz vor Gleiwitz, und Züge verkehren nicht mehr. Es fährt aber noch ein Bus in den Westen, bring Deine Familie zum Bus!“ Nach einer längeren Wartezeit kam dann tatsächlich ein Bus, der eigentlich nur für schwangere Frauen bestimmt war. Wir durften aber trotzdem einsteigen. Vater blieb zurück.
Der Bus fuhr bis Ratibor. Bei einer Tante, die Beamtin beim Fernmeldeamt war, konnten wir zwei, drei Tage bleiben, dann ging es weiter auf einem Pferdewagen bis Olmütz. Die Straße war voller Menschen, die sich mühsam mit ihrem Gepäck fortbewegten – und auch hier wieder ein bewachter Zug von Elendsgestalten. Ich sah, wie plötzlich zwei von ihnen aus der Gruppe ausscherten und auf ein freies Feld zuliefen. Dann krachten Schüsse. Einer der Männer fiel zu Boden.
In Olmütz wurden wir in einer Schule untergebracht, aber schon nach kurzer Zeit mussten wir weiter. An den nächsten Ort kann ich mich zwar nicht erinnern, jedoch höre ich meine Mutter noch sagen, wir müssten so schnell wie möglich hier weg, denn wenn der Krieg aus sei, gehe es den Deutschen hier schlecht.
Noch einmal zurück
Auf Umwegen gelangten wir ins Erzgebirge und über Annaberg in den kleinen Ort Schönheide, wo wir zunächst einmal blieben. Hier fand uns auch unser Vater wieder, der ja Kriegsdienstverpflichteter bei der Reichsbahn gewesen und in Halle gestrandet war. Nun beschlossen die Eltern, zurück nach Gleiwitz zu gehen. Sie organisierten einen kleinen Leiterwagen, in den meine Schwester gesetzt sowie das wenige Gepäck verstaut wurde, und dann ging es zu Fuß in Richtung Osten.
Wir kamen durch das zerstörte Dresden, in dem es nur so von russischem Militär wimmelte. In dem Ort, den wir gegen Abend erreichten, übernachteten wir auch, meistens bei Bauern, denn Hotels, Gasthäuser, Pensionen waren längst geschlossen. Natürlich hatten auch die Bauern Angst, dass sie bald ihre Heimat verlassen müssten.
Je weiter wir in den Osten kamen, desto leerer waren die Straßen, umso verlassener die Dörfer. Bald kam im Treck, dem wir uns angeschlossen hatten, das Gerücht auf, dass die Männer alle in Gefangenschaft kämen. So blieben diese zurück, nur Frauen und Kinder zogen weiter. Ich hatte bei den Eltern aufgeschnappt, dass Vater vorhatte, nach Berlin zu gehen. Dort lebte einer seiner Brüder, von dem sich Vater Informationen erhoffte.
Mutter gelangte mit uns Kindern tatsächlich bis nach Gleiwitz. Unser Haus samt Gaststätte waren besetzt. Unsere Hausangestellte hatte jedoch einige Sachen gerettet, die Mutter im Laufe der Zeit gegen Lebensmittel eintauschte. Bis Mutter bei einer guten Bekannten eine dauerhafte Unterkunft für uns bekommen hatte, verbrachten wir die Tage auf einem Bauernhof und schliefen auf dem Heuboden.
Die Wohngemeinschaft bestand aus drei Frauen, zwei Männern und uns zwei Kindern. Der Lebensunterhalt wurde gemeinsam bestritten. Von einem der beiden Männer, der in der polnischen Verwaltung arbeitete, bekamen wir wertvolle Tipps. Die anderen Erwachsenen arbeiteten in einer Nähstube für die Russen, wo sie hauptsächlich Uniformen ausbesserten. Wer von den anderen Frauen Zeit hatte, half bei dieser Arbeit. So kamen wir an Brot und andere Lebensmittel. Hunger mussten wir nicht leiden. Zwar lebten wir von der Hand in den Mund, aber die Keller und Speisekammern der leer stehenden Häuser waren ja gut gefüllt. Außerdem wurde auf dem schwarzen Markt verkauft, was sich nur verkaufen ließ. Während die Frauen beschäftigt waren, musste ich kleine Besorgungen erledigen. Als ich wieder einmal unterwegs war, verfolgte mich auf dem Rückweg ein russischer Soldat. Da ich mich im Ort auskannte, konnte ich ihm entkommen. Es war schrecklich.
Da Mutter ja Polnisch sprach, konnte sie sich frei bewegen, ohne als Deutsche aufzufallen. Wenn wir Kinder dabei waren, durften wir kein Wörtchen sprechen, was uns natürlich manchmal sehr schwer fiel. Dabei hätten die russischen Soldaten meine hübsche kleine Schwester mit ihren blonden Haaren und den blauen Augen gerne auf den Schoß genommen, gestreichelt und mit Süßigkeiten verwöhnt
Mutter organisiert unser Leben
Wir besuchten auch die Großmutter und zwei Tanten in Mutters Geburtsort Tichau, die erzählten, welchen Schikanen sie ausgesetzt seien. Inzwischen hatte Mutter auch erfahren, dass Vater auf dem Weg nach Berlin geschnappt worden war und nun bei einem polnischen Bauern arbeitete. Mutter traf ihn dort, und die beiden kamen überein, so schnell wie möglich in den Westen zu fliehen.
Im Mai 1946 machte sie unser Mitbewohner, der wie bereits erwähnt, in der polnischen Verwaltung arbeitete, darauf aufmerksam, dass nur noch zwei Transporte in die englische Besatzungszone fahren würden, alle weiteren nur in die russische Zone. Mutter hätte auch die Möglichkeit gehabt, die polnische Staatsangehörigkeit zu erwerben, lehnte dies aber ab. Nun wurde schnell gepackt und die Ausreise beantragt.
Das Jahr in Polen hatten wir überlebt. Bevor der Zug, der uns in den Westen nach Marienborn bringen sollte, sein Ziel erreicht hatte, wurde das Gepäck mehrmals gefilzt. Endlich im Westen, hatten wir die Wahl zwischen dem Kreis Peine und der Stadt Wolfenbüttel. Mutter entschied sich für Peine, weil sie sich erinnerte, dass es dort Industrie gab. Das war für sie wichtig, weil sie sich sagte, wo Industrie ist, ist auch Arbeit.
Unsere neue Bleibe war in Ölsburg. Mutter und meine Schwester bekamen ein Zimmer zugewiesen, für mich selbst gab es keinen Platz mehr. Ich wurde in der Nachbarschaft untergebracht.
Mutter, durch und durch Geschäftsfrau und überaus diplomatisch, machte rasch eine Miniwohnung für uns ausfindig, in der es sogar ein Bettgestell, einen Tisch, einen Küchenschrank und einen Herd gab, der mit Torf beheizt wurde. Ein Wasserhahn befand sich in einem kleinen Nebenraum, das WC auf dem Hof.
Zwar hatten wir Geld, das aber wertlos war. Uns blieben zum Tauschen nur Zigaretten, die wir auf den Lebensmittelkarten bekamen, aber nicht benötigten, da Mutter nicht rauchte.
Wenn Mutter bei einem Bauern half, gab es etwas Gemüse. Im Herbst suchten wir die abgeernteten Felder nach liegen gebliebenen Ähren ab, ebenso die Kartoffeläcker. Etwas später im Jahr wurden Bucheckern gesammelt, für die man Öl bekam. Wenn die Erntewagen mit Zuckerrüben zur Fabrik fuhren, fielen manchmal einige herunter, die rasch aufgesammelt und zu Rübenkraut verarbeitet wurden. In diesem Jahr lernte ich den Hunger kennen.
Lernen und selbstständig werden
1947, nach den Sommerferien, konnte ich in die Oberschule in Peine fahren. Eine sehr nette Klassenlehrerin erleichterte mir das Einleben und gab mir Nachhilfe in Französisch, einem Fach, das ich bis dahin nicht hatte.
Unsere Mutter hatte längst herausgefunden, dass unser Vater in Halle lebte und arbeitete. So machte sie sich insgesamt zweimal auf die Reise, einmal bis Helmstedt mit dem Zug, dann zu Fuß über die grüne Grenze und dann wieder mit der Eisenbahn nach Halle, alles in allem ein abenteuerliches und gefährliches Unternehmen. Offensichtlich fiel es unseren Eltern schwer zu entscheiden, ob wir zu Vater in den Osten gehen oder Vater zu uns in den Westen kommen sollte. Schließlich entschieden sich die Eltern für den Westen. Dies war ein Glück für mich, denn ich erinnere mich, dass ich damals fest entschlossen war, im Westen zu bleiben.
Nun war die Familie wieder vereint. Der Zufall half, dass die Eltern eine leer stehende Bahnhofsgaststätte entdeckten und diese dank hilfsbereiter Menschen auch übernehmen konnten. Die Anfangsbedingungen waren für uns recht günstig. Das Mobiliar war noch vorhanden, das Brennmaterial stellte das Industrieunternehmen, dem das Gelände und die Bahnanlage gehörten. Das war mehr als ein Lottogewinn, denn wir und die Reisenden hatten warme Räume. Zu essen gab es auch. Aus Fleischknochen und viel Suppengrün wurde unendlich viel Brühe gekocht, die allen schmeckte. Geschirr war zwar mittels Zigaretten und hilfsbereiter Menschen beschafft worden, ich erinnere mich aber, dass immer sehr schnell abgeräumt und gespült werden musste, weil die Teller sofort wieder gebraucht wurden. Natürlich bestand auch die Gefahr des Klauens.
In diesen Nachkriegsjahren fand ich Anschluss in der katholischen Pfarrjugend, die ich bald im Jugendring, damals der Zusammenschluss aller Jugendverbände der Stadt, vertrat. Als die englische Militärregierung ein sozialpolitisches Seminar anbot, konnte ich daran teilnehmen und war begeistert. Ich denke, dass dort der Grund für mein soziales Engagement gelegt wurde, aber auch das Interesse an sozialpolitischen Themen sowie die Ablehnung autoritärer Strukturen.
Kein Studium, dafür aber Stipendium
Die Zeit nach dem Ende des Dritten Reiches mit ihrer bitteren Not, dem vielfältigen Mangel hat ihre Spuren hinterlassen. Flüchtlinge genossen keine Wertschätzung, sie hatten ja nichts vorzuweisen, und Geld war nichts wert. Es fehlten Freunde, Bekannte und Verwandte.
Ein Studium kam für mich nicht in Betracht. Die raren Ausbildungsplätze an den Universitäten waren den Kriegsheimkehrern vorbehalten, und die Wartelisten waren lang. Im Übrigen fehlte es mir auch an Antrieb. Über mancherlei Umwege kam ich zur Erwachsenenbildung und lernte in einer Fortbildung für soziale Gruppenarbeit Prof. Dr. L. Lowy kennen. Nun steckte ich meine ganze Energie in das dreijährige berufsbegleitende Studium „Soziale Gruppenarbeit und Supervision“. Soziale Gruppenarbeit schien mir eine ideale Form zu sein, soziales Verhalten anzuregen und einzuüben. Allerdings gehörte Supervision, auch Praxisberatung genannt, nur bedingt dazu. Ein Netzwerk gab es damals noch nicht. Ich ergriff die Chance, eine Supervisionsausbildung zu übernehmen bzw. neu zu gestalten.
Geprägt von der starken Mutter
Wenn ich heute an meine Kindheit und Jugend zurückdenke, haben mich insbesondere Flucht, Vertreibung, Neuanfang und nicht zuletzt das Elternhaus geprägt. Innerhalb von Minuten alles Bekannte, Haus, Umgebung und Freundinnen verlassen zu müssen, war abenteuerlich. Alles änderte sich. Es gab keine feste Unterkunft, keine geregelten Mahlzeiten. Das regelmäßige Waschen, Zähneputzen, Wechseln der Unterwäsche und der Kleider erfolgte nur sporadisch. Es gab Zeit im Überfluss. Denn zum Lesen fehlten die Bücher und zum Spielen die gleichaltrigen Kinder. Neu war die ständige Anwesenheit der Mutter. Sie informierte sich über die jeweilige Situation und handelte danach.
Die Tschechoslowakei verließen wir so schnell mit der Bahn, weil sich absah, dass der Krieg bald enden würde und Mutter die Wut der Bevölkerung in den besetzten Gebieten voraussah. Sie merkte auch bald, dass wir bei der nächsten Anlaufstelle, der Familie meines Onkels väterlicherseits, unerwünscht waren und zog mit uns weiter. Sich informieren, überlegen, handeln. Wenn ich heute zurückdenke, stelle ich immer wieder fest, dass meine Mutter in dieser chaotischen Zeit Enormes geleistet hat.
Daraus habe ich für mich den Kernsatz abgeleitet: Nicht jammern und die Hände in den Schoß legen, sondern überlegen und handeln. In der Weiterführung heißt das, Erwachsene sollten für Heranwachsende Vorbild sein.
Ein anderes Stichwort heißt Verantwortung übernehmen. Vermutlich hätte ich die beschriebenen schwierigen Situationen nicht so gut überstanden, ohne die innere Geborgenheit, die eine starke Mutter gibt.
Dies möchte ich noch einmal an zwei Beispielen verdeutlichen: Auf dem Rückweg nach Gleiwitz mussten wir in einem leer stehenden Bauernhaus übernachten. Am nächsten Morgen machte Mutter Feuer im Herd, um Kaffee zu kochen. Auf einmal ertönten von draußen Männerstimmen. Mutter flüsterte mir zu: „Macht, dass ihr in den Garten kommt. Versteckt Euch hinter Sträuchern, aber lauft nicht vom Haus weg, ich komme wieder“. Tatsächlich nahmen die Russen sie mit, zum Arbeiten. Ängste zu zeigen, war nicht möglich, im Gegenteil, ich musste ja auf meine dreijährige Schwester aufpassen und sie beruhigen. Irgendwie war wohl die Gewissheit da, dass Mutter zurückkäme. Gegen Abend kam sie dann auch. Wir übernachteten noch in dem Haus und verschwanden am nächsten Morgen.
Eine ähnliche Situation erlebte ich später: Als wir einige Wochen im Westen waren, erklärte mir meine Mutter, sie werde über die grüne Grenze gehen, um Vater zu besuchen und mit ihm überlegen, wie es weiter gehen solle. Das ganze würde einige Tage dauern. In diesen Tagen müsste ich auf meine Schwester aufpassen. An Einzelheiten kann ich mich nicht erinnern. Die Angst, dass meine Mutter nicht zurückkommen könnte, habe ich vermutlich gar nicht zugelassen, Pflichtgefühl und Verantwortung überwogen.
Im Nachhinein stelle ich fest, dass wir großes Glück hatten und Mutter immer einen Weg aus schwierigen Situationen fand. Diese Einstellung habe ich von ihr übernommen; gehört zu mir. Der Satz: Hilf dir selbst, dann hilft Dir Gott“ gibt diese meine Haltung gut wieder.
Krieg, Krankheit, Kummer – die Hoffnung siegt
Die zwei Welten meiner Kindheit
Der Weg führte mich auf der Konrad-Adenauer-Allee in Bonn entlang. Ich bog in die Joachimstraße ein. Es war Samstagmittag, ich befand mich auf dem Weg zu einer Sondersitzung der „Wahlverwandtschaften“. Das ist ein Verein, der sich das „Generationen übergreifende Wohnen“ auf seine Fahnen geschrieben hat. Unerwartet heulte schrill eine Alarmsirene los. Ich wusste, es sagte mir mein Verstand: Probealarm! Nach siebzig Jahren spürte ich immer noch diese grässliche Wirkung: Mir wurde heiß und mein Puls ging schneller. Mir war bewusst, es ist nur ein Probealarm. Trotzdem regte sich alles in mir nach Flucht. Ich nahm kalten Schweiß auf meiner Stirn wahr. Die Erinnerung an jene Zeit wurde wieder in mir lebendig. Die Bilder wechselten schnell und nahmen keine Rücksicht auf reale Zeitabläufe. Längst hatte ich im Sitzungszimmer Platz genommen und die übrigen TeilnehmerInnen begrüßt, aber meine Gedanken verweilten immer noch in Zeiten, in denen es eben nicht nur um einen Probealarm ging.
Meine Eltern
Meine Eltern lebten mit uns Kindern in einem Zweifamilienhaus am Rande von Bielefeld. Meine Mutter Johanne war eine erfolgreiche Bodenturnerin. Sie spielte etwas Klavier und verstand es, uns Kinder durch selbst angefertigte Kleidung herauszuputzen. Sie hatte bei einem Textilkaufhaus als Verkäuferin gelernt und meinen Vater beim Bodenturnen kennengelernt. Dort begleitete er die jungen Sportlerinnen auf dem Klavier. Meine Mutter war eine fröhliche Natur und wohl behütet, der Liebling ihrer Eltern. Ein Weihnachtsgeschenk (am 22. Dezember geboren), wie ihre Geschwister scherzhaft immer betonten. Sie sang und tanzte sehr gerne. Auch in der Nachbarschaft galt sie als liebenswert und bescheiden.
Als ich 1940 in Bielefeld geboren wurde, befand sich mein Vater schon an der Front. Er hatte den Angriff auf unser Nachbarland Polen im September miterlebt. Ich kann mich daran erinnern, dass er später einige Male seinen Urlaub bei uns verbrachte. Aus seinem Nachlass habe ich entnehmen können, dass er mehr als zehn Mal verwundet worden war und deshalb sicherlich öfter Genesungsurlaub bekommen hatte. Mein Vater spielte verschiedene Musikinstrumente. Er hatte das Abitur mit Auszeichnung bestanden und dann eine Ausbildung als Justizangestellter durchlaufen, bevor er zur Reichswehr eingezogen wurde. Er war ein strenger Mann mit Prinzipien. Meine Großmutter Oma Anna sagte später, dass ihn der Krieg sehr verändert habe. Während seiner Kindheit war sein Vater als Soldat an der Westfront eingesetzt worden. Er hatte also ganz ähnliche Verlusterfahrungen durchlitten wie ich und in seiner Kindheit auf seinen Vater verzichten müssen.
Mein Großvater und mein Vater haben niemals mit mir über ihre Kriegserfahrungen gesprochen. Beide lehnten es strikt ab, darüber zu reden, selbst in einer Zeit, als ich schon erwachsen war. So blieb für mich viel von ihren Wesen im Dunkeln. Im besagten Nachlass fand ich Hinweise darauf, dass mein Vater in Frankreich u. a. als Verteidiger von Kriegsgefangenen eingesetzt worden war und einigen Angeklagten das Leben hatte retten können. Er hat schwer unter seinen Verwundungen und häufigen Malariaanfällen gelitten.
Meine Großeltern
Meine Großeltern waren für mich wie eine zweite Familie. Ich höre heute noch Oma Anna sagen: „Wartet mal, wenn es erst mal wieder Friedenszeiten gibt!“ Ja, dann wird alles anders sein, so träumten wir, ohne zu wissen, wovon sie eigentlich sprach. Oma vermittelte jedenfalls das Gefühl, da gibt es etwas, das besonders wertvoll und schön ist. Sie machte damit wohl nicht nur uns Kindern Hoffnung. Jedenfalls war Friedenszeit für mich mit der Vorstellung von herrlichen Eisbomben verbunden, die es dann für uns geben würde.
Nach der Geburt meines Bruders 1943 durfte ich noch öfter bei ihr leben. Opa Kurt hatte sich längst von den Frauen in ein schmales Zimmer neben der Küche zurückgezogen. Diesen Raum durfte ich nicht betreten. Ich habe aber Opas Geigen- und Zitherübungen noch immer im Ohr.
Ab und zu baute Opa Kurt die Küche um, stellte ein Pult auf und richtete es nach dem Volksempfänger aus. In der rechten Hand hielt er einen Taktstock und mit der linken blätterte er in einer Partitur. „Wenn Frieden ist, werde ich wieder als Dirigent arbeiten,“ meinte er und begann sein „Volksempfängerorchester“ imaginär zu dirigieren. Irgendwann hat mein Vater ihm ein Grammofon mitgebracht, welches ich oft für Opa zu bedienen hatte. Die Ouvertüre zu „Dichter und Bauer“ erschallte nun noch öfter, dazu musste ich immer das Federwerk aufziehen und die Nadeln wechseln. Opa feierte dies als seine Unabhängigkeit von den Sendungen des Staatsrundfunks Berlin und gab sein Zeichen zum Einsatz des Bleches. Derweil war die Küche belegt, und wir warteten geduldig auf die Freigabe des Raumes zum Essen. Hin und wieder war die Küche mit einigen älteren Herren besetzt. Opa lud sie als kleines Zitherorchester ein. Sein Gesicht leuchtete dann auf, wenn er richtige Musiker dirigieren konnte.
Oma übte währenddessen im Wohnzimmer ihre Arien und verrichtete ihre Nadelarbeiten dabei. Kennengelernt hatten sich Oma und Opa vor dem Ersten Weltkrieg während der Arbeit an einem Opernhaus in Sachsen. Ich hatte immer den Eindruck, dass sich beide im Grunde genommen fremd geblieben waren. Sie nannte ihren Mann „der Olle“ (der Alte), was mir zwar immer peinlich war, aber in Westfalen nicht unbedingt als ein Schimpfwort gilt. Zu meinem Leidwesen verfügte Oma Anna über das absolute Gehör. Kein Lied, das ich oder jemand anderes anstimmte, fand vor ihren Ohren Gnade. Ich höre sie heute noch aus dem Keller rufen – FALSCH – falsch, halte endlich den Ton!
Im gleichen Haushalt lebte Tante Atti. Sie war als private Klavierlehrerin tätig und gab gelegentlich Konzerte mit ihren Schülern. Sooft es die Hausordnung zuließ, hörte ich aus dem Musikzimmer ihre Taktvorgaben „ein e und te, zwei e und te“.
Tante Atti, und das bekam jeder Besucher schnell mit, wartete auf einen Mann, der mindestens ein Haus besaß. Nur ein solcher hätte eine Chance gehabt, sie heiraten zu dürfen. Es gelang ihr tatsächlich, diesen Mann schließlich im Alter von sechzig Jahren noch zu finden.
Im Keller mit ganz vielen Einmachgläsern lagerten die Kartoffeln und die Kohlen, die es im Winter täglich hoch zu schleppen galt. Hier befand sich auch die Waschküche für alle Bewohner des Hauses. Für uns war Waschtag immer der Freitag. In einem Steinofen wurde das Wasser für die Wäsche gekocht und dann in einem Holzbottich von Hand hin und her bewegt. Natürlich gab es auch noch ein Waschbrett mit den vielen Rillen. Hier wurde jedes Wäschestück einzeln mit Kernseife bearbeitet. In einer Wringe mit zwei Walzen erfolgte dann die erste Entwässerung. Im Keller stand auch noch eine Zinksitzwanne. Sie wurde jeden Sonnabend nach oben geschleppt und diente der körperlichen Reinigung von uns allen. Vorher musste stundenlang das Wasser dazu auf dem Herd erhitzt werden. Meine Aufgabe war es oft, das warme Wasser nachzugießen und den Rücken von Tante Atti oder Oma einzuseifen. So erlebte ich einen natürlichen Umgang mit der Intimität.
Der Sonntag diente dann der „seelischen Reinigung“, wie Oma immer sagte. Dazu gehörte es auch, sich ein Konzert in der Oetkerhalle anzuhören (Matinee natürlich). Ein besonderes Ereignis war es, wenn Elly Ney Beethoven spielte. Oft unternahmen wir auch einen Spaziergang in den Botanischen Garten. Von meiner Tante Atti und Oma Anna lernte ich die Gesänge der Vögel zu unterscheiden, und das Kartenspielen. Mit dem Spielen waren die Sonntagnachmittage ausgefüllt. Regelmäßig kamen auch Nachbarn und Freundinnen zu Besuch.
Auf dem Boden hinter einem Bretterverschlag befand sich ein kleiner Abstellraum, der eine besondere magische Anziehungskraft auf mich ausübte. Hier horteten Opa und mein Vater ihre Schätze. Offiziell durfte ich diesen Raum nicht betreten, aber Oma ließ mich, wenn sie sicher war, dass Opa es nicht merkte, ab und zu dort forschen. Hier befand sich die Dunkelkammer meines Vaters mit vielen Glasplatten, aber auch eine Laterna Magica mit vielen kleinen 35mm Filmstreifen. Diese hatten es mir besonders angetan. Der Projektor fiel bald meinem Forscherdrang zum Opfer. Ganz besonders faszinierten mich die vielen Säcke mit Geld aus der Zeit vor der Einführung der Rentenmark. Da gab es Scheine mit Werten von über einigen Millionen, und ich glaubte damals, dass eines Tages das Geld wieder Gültigkeit haben würde und so Tante Atti ihr ersehntes eigenes Haus bekommen könnte.
Solange ich klein war, schlief ich in der Besucherritze im Schlafzimmer zwischen Oma und Tante. Vor dem Bett stand ein Eimer für die nächtliche Notdurft, das WC befand sich außerhalb der Wohnung. An meinen Füßen lag die rauhaarige Hündin Annie, die jeden Morgen mit einem Körbchen um den Hals zum Bäcker lief und uns frische Brötchen brachte, wenn es denn welche gab. Während der kälteren Jahreszeiten wurde immer ans Fußende im Bett ein in alte Zeitungen eingewickelter Backstein gelegt. Diese Steine wurden tagsüber in den Backofen gelegt, sie wärmten uns in der Nacht.
Oma Anna las mir oft aus einem Buch von Wilhelm Busch die Geschichten von Max und Moritz vor. Der Band war ihr sehr wertvoll, und ich durfte ihn nur ansehen, aber nicht anfassen. Besonders haben mich die Lieder der Lumpen beschäftigt. So ein Lump wollte ich natürlich nicht werden, aber schon damals hat mich interessiert, wie ein Mensch ein Lump wird und wie man ihm helfen könnte. Oma Anna hatte viele Erklärungen auf Lager, ich habe nur keine davon behalten.
Oma Anna und Tante Atti fuhren mit mir 1943 das erste Mal mit der Eisenbahn nach Küsten an der Saale. Das war mein erstes großes Abenteuer und weckte alle meine Neugier. Ich bekam einen kleinen Koffer für das Nötigste, wie Oma das nannte, und darunter verstand sie keinesfalls mein Spielzeug, sondern Zahnbürste und dergleichen. Sie sorgte halt für das Praktische und Notwendige; darunter aber auch die einzigen Bonbons, die sie damals für mich hatte auftreiben können, und selbst gebackene Plätzchen. Dieses etwa 30 x 20 cm große Köfferchen sollte in den nächsten Jahren mein ständiger Begleiter werden. Ich wusste zwar nicht, was Luftangriffe waren. Wenn ich der Bomben wegen in den Keller musste, war es aber bestimmt etwas sehr Böses.
Für mich begann die Kriegszeit
Wir besuchten Verwandte in Küsten, einer von ihnen war ein Lokomotivführer. An einer Bahnschranke durfte ich ihm zuwinken, wenn er dort vorbei fuhr und versuchte, Kohlen zu „verlieren.“ Plötzlich erschrak ich. Mein Köfferchen hatte sich in dem Geflecht der Bahnschranke verhakt und entglitt meinen kleinen Händchen. Oma Anna sagte in etwa: „Jetzt müssen wir den nächsten Zug abwarten“, dann wird die Schranke mit dem Köfferchen wieder heruntergelassen. Der nächste Zug war mit Panzern und Geschützen beladen. Alle meine Fragen an Oma halfen nichts, sie wollte mit mir nicht darüber reden. Aber ich sah ihr an, dass der Zug ihr Angst gemacht hatte.
In einer der Nächte wurde ich von meiner Tante geschnappt und in den Keller getragen. Ich erlebte zum ersten Mal unmittelbar einen Luftalarm. Aber sonst passierte nichts, ich sah in dem Keller nur viele verängstigte Gesichter. Es handelte sich wohl um einen Fehlalarm. Etwa ein Jahr später erzählte mir Oma, dass wir damals großes Glück gehabt hatten. Erst jetzt würde ein großes Werk in der Nähe von Küsten angegriffen (Leunawerk bei Halle).
Besonders habe ich von Oma Anna noch in Erinnerung, dass sie immer einen Topf mit warmem Essen auf dem Herd hatte. Jeder Besucher musste erst etwas davon kosten, bevor er sein Anliegen vortragen konnte.
In der Alleestraße in Bielefeld lebten die Eltern meiner Mutter. Oma Christine hatte acht Kinder zur Welt gebracht. Mein Opa Albert litt an einer Lähmung seiner Finger. Diese Krankheit soll die Folge eines Impfschadens gewesen sein, den ein Betriebsarzt zu verantworten hatte. So bekam Opa Albert eine kleine Rente. Ein bis zwei Mal in der Woche durfte ich die Beiden besuchen. Sie unterhielten in der Nähe einen kleinen Schrebergarten, der in der nachfolgenden Hungerzeit eine bedeutende Rolle für uns spielen sollte.
In der Küche stand ein alter schwerer Tisch, in dessen Mitte sich eine Aushöhlung befand. Oma war ganz stolz darauf, denn sie erzählte, dass sie als ganze Familie früher daraus ihr Essen eingenommen hatten, bevor sie sich richtiges Geschirr hatten leisten können. An der Seite dieses Tisches befand sich „meine“ Schublade. Darin lag mein Holzspielzeug, das mir Opa selbst angefertigt hatte. Opa war Feinmechaniker gewesen und hatte bei der Firma Phönix Nähmaschinen gebaut. Oma erzählte, dass Opa früher bei Krupp in Essen an der „Dicken Berta“ als Konstrukteur mitgewirkt habe. Darauf waren alle besonders stolz. Die Dicke Berta war ein schienenabhängiger, besonders großer 42 cm Mörser (schweres Geschütz für den Nahbereich), der in den Weltkriegen eingesetzt wurde.
Nach meiner Erinnerung führten Oma und Opa ein harmonisches und schlichtes Familienleben. Opa hatte Oma als Zigarrendreherin in Bünde kennengelernt. Beide waren sehr gläubige Menschen, die mich schon früh mit ihren biblischen Geschichten zu fesseln verstanden. Besonders in Erinnerung sind mir die Lieder, die mir meine Oma aus dem Kirchengesangbuch vorsang. Dabei war es ihr wichtig, dass ich die Texte auch verstand. Außer meinen Großeltern gab es noch einen weiteren Verwandten.
Onkel Albert war durch einen Verkehrsunfall behindert und wurde deshalb nicht eingezogen. Ich bewunderte Onkel Albert, weil er so herrlich lustig auf seiner winzigen Mundharmonika spielen konnte und oft einfach nur Spaß machte. Seine drei Brüder waren zu dieser Zeit als Soldaten im Feld. Ebenso war auch Onkel Hans, der später für mich zu einem Vorbild wurde, im Krieg. Er war Marinefunker und hatte als Erster von seinem U-Boot aus die Amerikanische Kriegserklärung aufgenommen. Das war der Familie damals sehr wichtig. Onkel Hans machte nach seiner Kriegsgefangenenschaft sein Abitur mit Hilfe eines Fernlehrganges nach. Einige seiner Kurse habe ich dann später auch durcharbeiten dürfen. Onkel Hans war ohne Zweifel mein männliches Vorbild in der Familie.
Opa war ein begeisterter Anhänger von Arminia Bielefeld. Seine Hoffnung bestand darin, dass ihm endlich einmal zwölf Richtige im Toto gelangen. Sonntags legte Opa sein Ohr dicht an sein Radio und notierte die Toto-Ergebnisse. Dann mussten alle ganz leise sein. Dem waren oft stundenlange Berechnungen und Diskussionen vorweg gegangen.
Opa und Oma waren sehr sparsam. In der ganzen Wohnung durfte immer nur eine Glühbirne mit höchstens 25 Watt eingeschaltet werden. Das Mitreden an Gesprächen der Erwachsenen war mir als Kind strengstens untersagt. In der Familie herrschte ein liebevoller Umgangston, es war nie laut dort. Soweit ich das damals schon mitbekommen habe, fühlten sie sich der Arbeiterbewegung verbunden. Sie waren aber auch stolz darauf, dass einer ihrer Vorfahren zur Wachgarde des Kaisers gehört hatte. Alle Familienangehörige legten großen Wert darauf, ihrem Arbeitgeber immer treu geblieben zu sein. Einen Stellenwechsel hätte man als groben Verstoß empfunden. Eigentlich fühlten sich die Familienangehörigen noch als kaisertreue Untertanen und begründeten damit Wertmaßstäbe, die noch aus dieser Zeit stammten. Dazu gehörten Gehorsam und Opferbereitschaft, aber vor allen Dingen Treue.
Irgendwann habe ich mitbekommen, dass die Familie meiner Großeltern ihre Grundstücke auf dem Amthausberg in Vlotho an der Weser während der großen Weltwirtschaftskrise verloren hatte. Dies sollte in späteren Jahren für mich noch eine Rolle spielen, denn auf dem Grundstück befand sich inzwischen der Jugendhof Vlotho, in dem ich als Jugendlicher viele Kurse besuchte und später meine ersten Referate hielt.
Im Luftschutzkeller
Als die Bombenangriffe immer häufiger wurden, hielten wir uns fast jede Nacht, und später oft auch tagsüber, im Luftschutzkeller auf. Unsere Mutter legte uns Kinder auf einen Teppich, die Füße gegeneinander gerichtet und rollte uns dann in den Teppich ein, nur unsere Köpfe schauen heraus. Schließlich knickte sie den Teppich in der Mitte ein, so dass sich unsere Köpfe auf gleicher Höhe befanden. Erst viel später hat sie mir erklärt, dass sie uns so vor möglichen Splittern hatte schützen wollen. Es ging immer hektisch, meist ohne Worte, und routinemäßig zu. Doppelte Bekleidung lag immer griffbereit, dazu eine kleine Lampe, die mit Karbid gefüllt war. Diese Karbidleuchte spendete, mit Wasser aufgefüllt, eine kleine Flamme. Strom gab es meist nicht. Als wir uns auf der Treppe zum Keller befanden, hörten wir oft schon das unheimliche Brummen der Bomber. Dann wurde es Zeit, in den Keller zu gehen. Sobald das Geknatter der Flak begann, wussten wir, die feindlichen Flugzeuge waren über uns. Wer den Schutzraum bis dahin nicht erreicht hatte, musste draußen bleiben. Ich erinnere mich noch, dass ich gezwungen wurde, mit anzufassen, z. B. um Wasser für den Löscheimer zu holen: „Du bist jetzt hier der Mann“, sagte oft meine Mutter. So ein Lob fand ich damals natürlich richtig toll. Aber über meine Angst durfte ich nicht reden. „Hart wie Kruppstahl sollt ihr werden“, hat sie oft betont. Als ich einmal im Keller sagte, dass ich das aber nicht wolle, schrie die Hauswirtin meine Mutter an: „Mit dem werden Sie aber noch Ihre Schwierigkeiten bekommen.“
Ich habe einmal mitbekommen, wie sich meine Mutter mit anderen Hausbewohnern und der Hauswirtin darüber unterhielt, wie wir denn aus dem Keller heraus kommen könnten, wenn der Eingang mit Trümmern verschüttet sei. Ich sagte nichts, aber an meine aufkommende Angst kann ich mich heute noch gut erinnern. Diese Vorstellung, im Keller eingesperrt zu sein und keine Fluchtmöglichkeit zu haben, erschütterte mich. Der widerliche Mief und die schwache Beleuchtung taten ihr übriges. Hier unten im Keller wollte ich aber nicht begraben sein. Ich bekam Angst und fühlte mich ausgeliefert. So war der Luftschutzkeller für mich kein Schutzraum vor allen denkbaren Gefahren, wie es immer hieß, er war wie eine Falle.
Eines Nachts – wir Kinder waren wohl im Luftschutzkeller eingeschlafen – hörte ich meine Mutter furchtbar schreien. Sie schaute aus dem kleinen Kellerfenster und rief: „Meine Mutter, meine Mutter verbrennt.“ Ich bedrängte sie, mich hoch zu heben. So holte sie mich aus dem Teppich und hievte mich zu dem Fenster, sodass auch ich sehen konnte, was sie so sehr erregt hatte. Der ganze Himmel in Richtung Stadtzentrum war hellrot vom Feuer erleuchtet. Ich habe dieses Bild nie in meinem Leben vergessen können. Meine Mutter zitterte am ganzen Körper und ihre Angst übertrug sich auf mich und die übrigen Frauen, die noch im Keller waren. Ich nahm an, dass Oma Christine und Opa Albert nicht mehr leben würden, vielleicht auch Oma Anna mit Opa Kurt und Tante Atti. Meine Mutter weinte laut, und ich hätte sie gerne getröstet, dabei hätte ich doch selbst eine schützende Hand gebraucht.
Wahrscheinlich war es der 30. September 1944. Die Amerikaner zerstörten damals mit ihren rund 500 Thunderholts und Mustangs fast die gesamte Altstadt von Bielefeld. In dieser Nacht starben jedenfalls 649 Zivilisten in den Trümmern. Zum Glück stellte sich später heraus, dass meine Großeltern in ihrem Luftschutzkeller überlebt hatten und in einem Krankenhaus in Bethel behandelt wurden. Meine Großeltern bekamen dann als Ausgebomte eine kleine Wohnung in der Jöllenbecker Straße über einer Gaststätte namens Ellerbrock zugewiesen.
Wenige Tage später stand ich mit meiner Mutter vor den Trümmern ihres Elternhauses. In der Alleestraße war kein einziges Haus mehr bewohnbar. Ich versuchte mein Spielzeug, das mir mein Opa gebastelt hatte, unter den Trümmern wiederzufinden, aber meine Suche war vergeblich. Noch heute nehme ich bei diesen Gedanken den widerlichen Geruch von verbrannten Leichen wahr, der sich über den Trümmern verbreitet hatte. Bei diesen Erinnerungen bekomme ich auch heute noch eine Gänsehaut. Die Entscheidung meiner Mutter stand fest, ich sollte mit Oma Anna und Tante Atti in das nahe bei Bielefeld gelegene Dorf Jöllenbeck evakuieren.
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