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KaroKrimiPreis 2015
Die besten Dreizehn
Advent, Advent, die Alster brennt
Hamburger Weihnachtskrimis
edition ♦ karo 2015
Inhalt
Cover
Titel
Vorwort
1. Preis Kai Riedemann FRAG NICHT NACH STEFAN
2. Preis Jürgen Rath PATERNOSTER, DU IM HIMMEL
3. Preis Sarah Fiona Gahlen ENGEL UND WEIHNACHTSMANN
Katharina Joanowitsch HAUPTBAHNHOFBLUES
Brigitte Karin Becker WEIHNACHTSSCHNEE
Frauke Angel HAMBURG , MEIN LAMETTA!
Stephanie Fleischer EIN LICHT GEHT AN
Heidi Ramlow GEIHT NICH, GIVT NICH
Marika Bergmann GROSSE FREIHEIT NACHTS UM HALB EINS
Michael Johannes B. Lange TOD EINES GEISTLICHEN VORSTEHERS
Sabine LaBe PFEFFERKUCHEN MIT FILMRISS
Evelyn Leip WEIHNACHTSDOMINO
Jacqueline Reese GEFALLENER ENGEL
Kurzbiografien der Autorinnen und Autoren
Impressum
Vorwort
Den KaroKrimiPreis für Weihnachtskrimis haben wir 2015 zum 3. Mal ausgelobt. Diesmal haben wir als Tatort Hamburg gewählt.
Die besten Einsendungen einschließlich der drei Preisträger präsentieren wir in diesem Buch.
Zur hochkarätig besetzten Jury gehörten Angela Temming, Autorin; Regine Kölpin, Autorin; Patrizia Klee, Musikerin, und Monika Richter, Bildende Künstlerin.
Aus den anonym weitergeleiteten Kriminalgeschichten wählten die Jurymitglieder nach den in der Ausschreibung veröffentlichten Kriterien die 13 besten Kurzkrimis aus, und hiervon die drei PREISTRÄGER.
So führen dreizehn spannende und völlig unterschiedliche Kriminalgeschichten durch das weihnachtliche Hamburg. Doch statt Fried’ und Freud’ gibt es rätselhafte Weihnachtsmänner mit schaurigen Plänen, eine kräftige Sturmflut am Fischmarkt und Mord und Totschlag im Hamburger Hafen.
Ihre Josefine Rosalski
1. PREIS
Kai Riedemann
Frag nicht nach Stefan
Er verfolgt mich. Gestern fuhr sein Wagen im Schritttempo an meiner Wohnung vorbei, heute parkt der grüne Toyota an der Ecke Lerchenstraße, wo ich ihn deutlich durchs Schaufenster von Günys Fischimbiss sehen kann. Michael lehnt an der Beifahrertür, den Kragen der Lederjacke hochgeschlagen, einen Pappbecher mit Coffee-to-go in der Hand, um sich bei dem eisigen Dezemberwind zu wärmen. Er macht nicht den geringsten Versuch, sich zu verstecken. Warum auch? Michael will Antworten auf seine Fragen. Aber ich will sie ihm nicht geben. Ich will nicht und ich darf nicht.
Während draußen immer mehr dicke Flocken durch die Luft wirbeln, stochere ich in meiner Forelle herum. Mir ist der Appetit vergangen. Nicht mal die chipsartigen Bratkartoffeln können mich vom Blick aus dem Fenster abhalten. Was soll das, Michael? Irgendwie muss er herausgefunden haben, dass ich hier am Schulterblatt arbeite. Ob er überhaupt ahnt, welche Gefahren er mit dieser Neugier heraufbeschwört? Welche Folgen sein Herumschnüffeln haben kann? Ich hoffe nur, dass Annekatrin nichts davon bemerkt.
Meine Forelle ist längst kalt, der Tee schmeckt schal. Das Gewirr der Stimmen nehme ich kaum wahr, so als hätte mich auch hier drinnen eine dichte Schneedecke eingehüllt. Vor dem Schaufenster stehen jetzt zwei Frauen und betrachten neugierig meinen halb leeren Teller. Mit ihren Pelzmützen, dicken Steppjacken und Geschenketüten versperren sie mir den Blick auf Michael. Ich weiß trotzdem, dass er noch da ist. Also stehe ich auf, lege Güny das Geld für Forelle und Tee auf den Glastresen und trete hinaus in die Kälte.
Durch den unerwarteten Wintereinbruch sieht es sogar in dem sonst so bunten und hektischen Schanzenviertel ein wenig besinnlich aus. Auch ohne die Weihnachtsbeleuchtung der Innenstadtstraßen und die goldüberladenen Fenster der Luxusläden. Ich schließe mich einer türkischen Großfamilie an, um unauffällig in Richtung Rote Flora zu gehen. Ein reines Ablenkungsmanöver. Die Praxis von Dr. Young liegt in entgegengesetzter Richtung. Ich sehe gerade noch, wie Michael den Schnee von seiner Lederjacke klopft, den Coffee-to-go-Becher auf die Eingangsstufen des Telefonshops stellt und mir folgt. Er ist hartnäckig. Lass es endlich sein, mir aufzulauern, Mails zu schicken oder beschwörende Worte auf dem Anrufbeantworter zu hinterlassen. Stefan lebt nicht mehr. Jedenfalls jener Stefan, den du 20 Jahre lang gekannt hast.
Ein Polizeiwagen rast mit Blaulicht über das holperige Pflaster. Ich nutze die Aufregung, um die Straßenseite zu wechseln und in einem Schuhgeschäft zu verschwinden. Der frische Schnee klebt unter meinen Sohlen und hinterlässt weiße Flecken auf dem Teppichboden. Weihnachtlich klingt die Musik im Laden nicht, aber immerhin flackert auf dem Kassentresen eine Kerze zwischen kümmerlichen Tannenzweigen.
Irgendwie spüre ich, dass Michael hinter mir steht. Im blank polierten Werbeschild auf dem Schuhregal spiegelt sich jetzt auch sein Gesicht. Er lächelt. Sein Haar ist noch etwas spärlicher geworden, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Vor fast zwei Jahren am Strand von St. Peter Ording.
»Hallo, Stefan, was ist los mit dir?«, fragt er. Von diplomatischen Einleitungen hat er noch nie viel gehalten.
»Was soll schon los sein? Alles in Ordnung.« Ich drehe mich nicht um, aber versuche ebenfalls zu lächeln.
»In Ordnung? Du brichst den Kontakt mit sämtlichen Freunden ab, schmeißt Job und Studium hin und dann sagst du, alles ist in Ordnung?«
Seine sonst so tiefe Stimme klingt schrill. Die linke Hand hält etwas umklammert. Ich weiß, dass es ein herzförmiger Stein ist. Michael brauchte das schon immer, um Mut für unangenehme Begegnungen zu sammeln.
»Es gab halt viel zu tun in der letzten Zeit«, sage ich, »viel Arbeit, viel Stress.«
Er schüttelt den Kopf.
»Mensch, Stefan, was hat die Hexe nur mit dir gemacht?«
Er meint natürlich Annekatrin. Ich spare mir eine Antwort. Warum sollten wir die endlosen Gespräche wieder aufwärmen? Er hat mich oft genug gewarnt. Vor ihr. Vor ihren grünen Augen, in denen man ertrinkt. Vor ihrem Klammern, das einem die Luft zum Atmen nimmt. Ich weiß das alles, Michael.
Auf eine Antwort wartet er sowieso nicht. Also drehe ich mich jetzt doch um, blicke ihm kurz in die Augen und verlasse dann den Laden. Der Wind ist noch eisiger geworden. Es wird wohl weiße Weihnachten geben.
»Du arbeitest hier in der Schanze?« Er deutet in Richtung Neuer Pferdemarkt. Mein Umweg war also sinnlos. Vermutlich ist er mir oft genug unbemerkt gefolgt und hat die Sache mit Dr. Clarissa Young längst herausgefunden.
»Ich helfe nur aus. Bei einer Psychologin.«
Michael lacht.
»Psychologische Beratung und Coaching. Vermutlich ohne Bezahlung, was?«
Auch darauf antworte ich nicht. Annekatrin braucht ihre Therapie, doch leisten kann sie sich das alles längst nicht mehr. Also helfe ich bei Dr. Young aus. So fing alles an. Mein Wissen als Techniker und Computerspezialist gegen ihre Coachingstunden. Ist doch ein faires Geschäft.
Michael fegt mit der linken Hand die weißen Flocken von der Motorhaube eines VW Käfers. Sie kleben nicht. Zu frisch. Ich will nicht an Annekatrin denken und denke deshalb einfach an den Schnee. Wie er rostige Fahrräder am Straßenrand in kuriose Kunstobjekte verwandelt. Wie er sich schwer auf die Markisen legt und auf die Leuchtreklamen. Wie er dafür sorgt, dass es still wird in der Straße, und ich in all dem Trubel meinen Atem hören kann. Und Michaels Schritte.
»Sieh mich bitte an, wenn ich mit dir rede.« Seine Stimme ist plötzlich leise. »Sie hat dir alles genommen, nicht wahr?«
Ich blicke ihn nicht an, als ich langsam über die Straße zurück zu Günys gehe. Vor dem Fenster steht eine einsame Bank. Sie ist zugeschneit, doch das stört mich nicht. Michael setzt sich ebenfalls, den Herzstein immer noch fest in der linken Hand.
»Damals in St. Peter Ording«, versucht er erneut ein Gespräch, »hast du gesagt: Ich kann bald nicht mehr. Erinnerst du dich?«
Natürlich erinnere ich mich. Aber was verstehst du schon von Annekatrin? Ich kann ohne sie nicht leben. Und sie kann ohne diese Gruppe nicht leben. Dort findet sie endlich den Halt, den sie so lange gesucht hat. Dort findet sie Antworten auf ihre Fragen.
»Stefan, sei ehrlich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Sekte dahintersteckt. Annekatrin hat dich da mit reingezogen. Aber welche Rolle spielt diese Dr. Young? Ist sie es, die euch die Seele geraubt hat?«
Eine Sekte. Ja, wenn du es so nennen willst. Aber es ist besser, wenn du darüber nichts Genaueres erfährst, Michael. Besser für dich.
Inzwischen ist es fast dunkel geworden. Das Licht aus den Schaufenstern lässt den frostigen Boden glitzern. Meine Blicke folgen einem Mann, der auf der anderen Straßenseite mit einem Kaffeebecher aus der Bäckerei tritt. Seine rotschwarze Irokesenfrisur färbt sich schnell weiß bei diesem Wetter. Wann habe ich das letzte Mal so einen Punkschnitt gesehen?
»Starr nicht in die Gegend, verdammt noch mal. Sag endlich was!«
Von einem grauen Müllsack, der am nächsten Halteverbotsschild lehnt, erhebt sich krächzend ein Rabe, als auch ich wieder aufstehe und mir die Flocken von der Hose klopfe. Du wirst nicht hören wollen, was ich jetzt zu sagen habe.
»Akzeptiere einfach, dass es den Stefan von damals nicht mehr gibt, Michael. Lass mich meinen Weg gehen, wohin auch immer er führen mag. Ich kann hier nicht mehr raus. Vielleicht liegst du sogar richtig mit deiner Vermutung, was die Sekte betrifft. Aber du solltest das trotzdem vergessen. Bevor es zu spät ist.«
An einem mit Graffiti besprühten Gemüselaster vorbei gehe ich in Richtung Neuer Pferdemarkt. Wenn er von Dr. Young weiß, brauche ich keine Ablenkungsmanöver mehr. Ich kehre ihm den Rücken zu. Schluss. Aus. Ende. Keine weiteren Fragen mehr.
Ich höre, wie Michael aufsteht und offenbar den Herzstein gegen das Verkehrsschild schleudert. Ich höre seine Schritte im Schnee, dann auf den Pflastersteinen der Straße. Er geht zu seinem Wagen. Gut so.
Im selben Augenblick heult ein Motor auf. Der Aufprall klingt dumpf im dichten Schneetreiben. Reifen quietschen. Schreie. Wieder der aufheulende Motor. Eine ferne Stimme ruft etwas von Fahrerflucht.
Ich brauche mich nicht umzudrehen, um zu wissen, was passiert ist. Warum hast du nicht auf meine Warnungen gehört, Michael? An einem Baum auf der anderen Straßenseite lehnt Annekatrin.
2. PREIS
Jürgen Rath
Paternoster, du im Himmel …
Rainer Pauli stand im fünften Obergeschoss des Kontorhauses und konzentrierte sich auf den richtigen Augenblick. Jetzt! Er machte einen entschlossenen Schritt nach vorne und sprang in das rumpelnde Gefährt. Als er sich umdrehte, hatte er den dicken, blauen Teppich der Geschäftsleitungsetage auf Augenhöhe. Der Gedanke an schwere, dunkelblaue Stoffe mit goldenen, eingestickten Lilien drängte sich ihm auf, die königlichen Farben. Doch hier war alles anders als königlich, seit ein Investor die alteingesessene Betha-Radlager GmbH übernommen hatte. Wenn er, der Personalreferent Rainer Pauli, im fünften Obergeschoss über den dicken Teppich zum Paternoster schlich, so wie gerade eben, drückte eine Zentnerlast auf seinen schmalen Schultern. Dann musste er erneut die Guillotine schärfen, wie manche Kollegen hinter seinem Rücken spotteten, dann musste er schon wieder Mitarbeiter entlassen.
Pauli starrte auf die Wand, die an ihm vorbeiglitt, dann blickte er in das vierte Obergeschoss. Hier gab es keine blauen Teppiche mehr, hier herrschte karges Linoleum. Das war der Flur der Marketingabteilung, nicht sein Bereich. Für diese Leute war der Kollege Schmidtchen zuständig. Doch auch hier sollte verschlankt werden. Verschlankt! Welch ein gemeiner Begriff für eine Massenentlassung, und dann noch kurz vor Weihnachten. Pauli griff sich unters Jackett und verzog das Gesicht. Wieder diese Magenschmerzen, wie schon seit Wochen. Genau genommen seit dieser neue Geschäftsführer aufgetaucht war und die Firma, dieses angesehene hanseatische Haus, mit eiserner Faust modernisierte. Auf der Betriebsversammlung hatte Wim van Zijstra erklärt, dass er den alten Laden entrümpeln, wohl auch Mitarbeiter entlassen werde. »Hier laufen viel zu viele Leute herum«, hatte er mit seiner lauten, kehligen Stimme verkündet, »die gleiche Arbeit machen wir in den Niederlanden mit der Hälfte an Personal. Und sind wir deshalb weniger erfolgreich? Nein, ganz im Gegenteil!« Mit einem Leuchten in den Augen hatte er die Hand zum Victory-Zeichen ausgestreckt und »Oranje boven!« gerufen.
Drittes Obergeschoss: Buchhaltungsabteilung. Sein Bereich, den er zu betreuen hatte. Es waberte ein Duft von Glühwein und Zimtsternen durch den Flur, wie jedes Jahr am letzten Freitag vor Weihnachten. Doch diesmal dürfte es eine traurige Weihnachtsfeier werden. Acht Mitarbeiter entlassen, alle bereits mit einem Abfindungsvertrag aus der Firma gedrängt. Pauli schnupperte an seiner Strickjacke. Noch immer haftete der Geruch der Gespräche an ihm, er wurde ihn einfach nicht los. Nach Schweiß roch es in seinem Büro, genauer gesagt: nach Angstschweiß. Ausgedünstet von Mitarbeitern, die um ihren Arbeitsplatz kämpften. Und auch verströmt von jenen, die mit gesenktem Kopf ihre »Freisetzung« als Urteil einer höheren Gewalt hinnahmen. Freisetzung! Schon wieder so ein Verschleierungsbegriff.
Der Paternoster rumpelte weiter, die Kabinen bewegten sich in einer endlosen Kette. Auf der rechten Seite nach oben, auf der linken Seite nach unten. Dieses Rumpeln hatte Pauli während seiner gesamten Zeit in dieser Firma begleitet. Es störte ihn nicht. Es erschien ihm eher als ein Sinnbild des Stromes an Arbeit, der all die Jahre an ihm vorbeigezogen war. Eine Arbeit, die er mochte. Bisher jedenfalls. Als Personalreferent hatte er Mitarbeiter eingestellt, sie auf ihrem Weg in der Firma begleitet, ihr Ausscheiden als Rentner abschließend dokumentiert. Mit manchen hatte er Sorgen und Nöte geteilt. Öfters mit Frauen als mit männlichen Kollegen. Mitarbeiterinnen trugen ihr Herz eher auf der Zunge als die Männer, die fraßen den Ärger in sich hinein.
Zweites Obergeschoss: Vertriebsabteilung. Es war der größte Bereich, für den er zuständig war. Wieder diese Magenschmerzen! Pauli schluckte gegen eine aufkommende Übelkeit an. Er schloss die Augen und versuchte krampfhaft, nicht an den Vertrieb zu denken.
Erstes Obergeschoss: Hausbetriebe und Druckerei. Über die Leute hier wusste er nicht viel, das war der Bereich des Kollegen Jacobsen. Der sprach nicht viel, schon gar nicht über die Mitarbeiter, die er zu betreuen hatte.
Erdgeschoss: Empfangshalle und Telegrafenraum. Pauli sprang aus dem Paternoster, hinter ihm sank die Kabine in die Tiefe. Er atmete tief ein, blickte sich dann mit einem Lächeln um. Der Eingangsbereich des Kontorhauses hatte sich seit einem Jahrhundert kaum verändert. Außen schlichte Fassade, doch innen diese prunkvolle Halle: Zwei riesige Kristallleuchter an der hohen Stuckdecke, die Wände mit edlen Hölzern verkleidet, der Fußboden atmet Bodenständigkeit in hellem Marmor. Am Ende der breiten Treppe der Brunnen, aus einem Sandstein herausgehauen.
Wie schon immer überflutete Pauli dieses Glücksgefühl, wenn er in der Halle stand. Das war schon als Junge so gewesen, als ihn sein Vater einmal hierher mitgenommen hatte. »Hindenburghaus, Großer Burstah 31«, hatte der Vater geraunt, als ginge es um das Versteck eines Schatzes, »das älteste Kontorhaus Hamburgs, 1909 gebaut.« Und es war tatsächlich ein Schatz gewesen. Diese riesig hohe Halle, die Kronleuchter, an denen die Diamanten funkelten, die breite Treppe nach oben, die Ausbuchtungen im Geländer wie bei einer Kanzel in der Kirche, das alles erschien dem kleinen Rainer wie ein Wunder.
Und auch jetzt fühlte sich der Personalreferent Pauli wieder wie ein staunender Junge, als er an den hölzernen Säulen vorbei nach oben blickte. Das Geländer rechts und links der Treppe hatte es ihm besonders angetan. Ach nein, nicht angetan, das war entschieden zu wenig. Es weckte immer noch dieses stürmische Verlangen in ihm, sich einfach darauf zu setzen und jauchzend herunterzurutschen. Natürlich tat er es nicht, denn die Fahrt würde unweigerlich vor den Füßen von Herrn Ramelow enden.
Herr Ramelow war nicht nur der Pförtner der Betha-Radlager GmbH, sondern auch das Aushängeschild der Firma. Er war der Mann, dem man als Erstem begegnete, wenn man die schwere Eingangstür aufgedrückt und die gläserne Zwischentür durchschritten hatte. Selbstverständlich kannte Herr Ramelow die Namen aller Mitarbeiter, das waren nicht gerade wenige. Jedenfalls bisher. Der nicht sehr groß geratene, doch trotz seiner grauen Schläfen immer noch schlanke Herr Ramelow verkörperte mit seinen korrekt sitzenden Maßanzügen und den Krawatten in gedeckten Farben den hanseatischen Geist des Hauses.
Sie kannten sich schon seit Jahrzehnten, Pauli und Herr Ramelow. Gelegentlich plauderten sie miteinander. Nichts Persönliches, selbstverständlich nicht. Mehr ein allgemeines Gespräch, von gegenseitiger Sympathie getragen. Über das Wetter, über den HSV und über die viel zu hohen Preise des Nahverkehrs. Diese kurzen Gespräche in der alten Halle versetzten Pauli immer in einen Zustand der abgeklärten Ruhe. Sie hinterließen jedoch auch eine gewisse Beklemmung, wenn er angesichts dieses perfekt gekleideten Herren an seine an den Sitzflächen abgewetzte Hose und seine abgetragene Strickjacke dachte.
Jetzt allerdings war die Pförtnerloge verwaist. Wo war Herr Ramelow? Wo war dieser überaus korrekte Mann, der doch nie seinen Platz verließ? Vielleicht ist er auf der Toilette, dachte Pauli, so etwas soll ja mal vorkommen, sogar bei Pförtnern. Er durchquerte die Halle und trat durch eine schmale Tür in den Telegrafenraum. Hier stand der große, altertümliche Fernschreiber mit seiner weißen Papierrolle und dem gelben Lochstreifen. Und seit Neuestem stand hier auch das Telefax-Gerät. Ein kleiner, beiger Kasten mit grünen Lämpchen, der das Wunder vollbrachte, keine unformatierten Nachrichten auszuspucken wie der Fernschreiber, sondern richtige Briefe und sogar Kopien von Originaldokumenten. Pauli hatte sich nicht die Mühe gemacht, diesen Zauberkasten zu verstehen. Ihm reichte es, wenn er funktionierte. Und das tat er. Meistens jedenfalls.
Bis vor Kurzem war hier noch Frau Kunze beschäftigt gewesen, die den Fernschreiber bedient und die ankommenden Mitteilungen im Hause verteilt hatte. Doch mit der neuen Technik war nicht nur das Fernschreibgerät stillgelegt, sondern auch die Bedienungskraft entlassen worden. Seit dieser Zeit war Herr Ramelow für die eingehenden Nachrichten zuständig. Wenn eine Meldung hereinkam, rief er die Fachabteilung an, die dann einen Mitarbeiter nach unten schickte. Doch darauf durfte sich Pauli heute nicht verlassen, denn er erwartete ein Gutachten des Arbeitgeberverbandes über die »arbeitsrechtliche Beurteilung der Freisetzung der Mitarbeiter des Vertriebs-Bereichs«. Undenkbar, was geschehen würde, wenn jemand anderes als die Personalabteilung diese Expertise zu Gesicht bekäme. Das würde die Firma in ihren Grundfesten wanken lassen. Obwohl eigentlich nicht mehr viel dazu gehörte, die Grundfesten zu erschüttern.
Die Maschinen sonderten reichlich Wärme ab, es wurde Pauli heiß in dem kleinen Raum. Er stellte sich in die Halle, das eine Auge auf den Paternoster, das andere auf die Treppe gerichtet. Sollte jemand herunterkommen, würde er sofort den Telegrafenraum in Beschlag nehmen.
Immer noch kein Telefax. Pauli wanderte zwischen dem Paternoster und der Treppe hin und her. Schließlich stellte er sich neben die Zwischentür und blickte durch die Kristallglasscheiben nach draußen. Es schneite. In der nachmittäglichen Dunkelheit hasteten Menschen vorbei, auf der Suche nach den letzten Weihnachtsgeschenken. Es wurde Zeit: In ein paar Tagen war Heiligabend. Stille Nacht, Heilige Nacht. Für viele war es eine unheilige Nacht mit einem Gabentisch, auf dem die Kündigung lag. Rechtzeitig als Einschreiben mit Rückschein abgeschickt, um die Frist bis zum Jahresende zu wahren.
Es schneite nun in richtig dicken Flocken. Pauli widerstand dem starken Drang, nach draußen zu gehen und Schneeflocken aufzufangen. Oder in den Schnee hinauszuwandern, immer weiter und weiter. Weg von der Firma mit diesem schrecklichen Geschäftsführer, der ihn zwang, Menschen unglücklich zu machen, die ihm nichts getan hatten.
Pauli hatte Lust, sich zu unterhalten. Um die Zeit totzuschlagen, bis das Telefax kam. Doch Herr Ramelow war noch nicht zurückgekommen. Also stellte er sich wieder so auf, dass er die Treppe und den Paternoster im Auge behalten konnte.
In einer der Kabinen, die aus dem Keller kam, war ein Mann. Pauli erkannte ihn sofort. Unwillkürlich nahm er Haltung vor dem Geschäftsführer an. Doch der Mann nahm keine Notiz vom Personalreferenten Pauli. Er hing in einer Ecke der Kabine, war zusammengesunken, die Knie eingeknickt. Sein weißes Hemd war rot gefärbt, das Jackett auch. Vom Mund führte ein dünner, blutiger Faden zum Kinn. Pauli starrte den Mann an, der rumpelnd nach oben verschwand. Wim van Zijstra war tot, das war unübersehbar, offensichtlich ermordet. Das war ein Problem. Jedoch keines, für das die Personalabteilung zuständig war. Hier waren externe Leute gefragt.
Pauli lehnte sich schwer atmend gegen die Wand und wischte sich fahrig übers Gesicht. Sein Magen rebellierte, ihm war schlecht. Du kannst nicht hier herumstehen, sagte eine Stimme in ihm. Ich will nichts damit zu tun haben, antwortete eine andere Stimme. Reiß dich am Riemen!, sagte die erste Stimme wieder. Wenn wenigstens der Pförtner hier wäre, jammerte die zweite Stimme.
Der Personalreferent stolperte zur Pförtnerloge und nahm den Hörer von der Telefonanlage. Muss ich 110 oder 112 wählen? Eine Nummer war die der Polizei, die andere die der Feuerwehr, doch welche war die richtige? War Feuerwehr gleichbedeutend mit Unfallwagen? Pauli fuhr sich über die Stirn. Sie war nass. Unfallwagen war sicherlich nicht richtig, wenn der Mann bereits tot war. Da musste ein Bestattungsunternehmer kommen.
Die vielen blinkenden Lämpchen verwirrten ihn, aus dem Hörer kam kein Ton. Der Tod muss durch den medizinischen Dienst festgestellt werden, sagte er sich. Doch wie war dessen Nummer? Er drückte auf eine blinkende Taste. Aus dem Hörer kam ein Besetztzeichen. Pauli ließ den Hörer sinken. Er musste sich einen Augenblick an der Pförtnerloge festhalten. Mühsam, als hätte er eine schwere Arbeit zu verrichten, drückte er eine andere Taste.
»Na, endlich meldet sich jemand«, quäkte eine empörte Stimme aus dem Hörer. »Ich habe meine Zeit nicht gestohlen! Verbinden Sie mich endlich mit der Marketingabteilung.«
Aus dem Telegrafenraum hörte Pauli ein Geräusch. Er legte den Hörer auf und stolperte hinüber. Es war nicht das Telefax, auf das er wartete.
Pauli schaute auf seine Hände. Sie zitterten. Sie zitterten überaus stark. Du musst dich zusammennehmen, dachte er. Probleme sind da, um gelöst zu werden. Er straffte sich. Durchschritt sehr aufrecht die Halle. Stellte sich vor den Paternoster. Lange brauchte er nicht zu warten. Der Geschäftsführer kam wieder vorbei, diesmal auf dem Weg nach unten. Er hatte seine Lage verändert, war ganz in sich zusammengesunken und nach vorne gefallen. Sein Gesicht und sein Jackett wiesen breite Spuren von Fett auf. Lagerfett. Solches, wie es zum Schmieren von Zahnrädern verwendet wurde.
Pauli wusste, woher das Fett kam. Er selbst war einmal völlig in Gedanken im Paternoster bis nach oben gefahren. Dorthin, wo es keinen Ausstieg mehr gab. Plötzlich hatte die Kabine eine Seitwärtsbewegung gemacht und war an einem riesigen, fingerdick mit Fett beschmierten Zahnrad vorbeigeschwungen. Pauli hatte sich erschrocken an die Rückwand der Kabine gedrückt. Im nächsten Augenblick wich das Zahnrad nach oben zurück, dann war er wieder auf dem Weg nach unten.
Der Personalreferent Rainer Pauli starrte dem verschwindenden Geschäftsführer nach. Da! Wieder ein Geräusch aus dem Telegrafenraum. Das war sein Telefax. Es kamen mehrere Seiten, dann ein heller Piepton. Die Übertragung war unterbrochen.
Pauli wartete. Auf den Geschäftsführer. Doch der Tote tauchte nicht mehr auf. Er drückte seine Fingerspitzen auf die Schläfen. Sah er Gespenster? Oder war er überarbeitet? Gab es gar keinen toten Wim van Zijstra? Waren alles nur Hirngespinste, Wunschträume? Halluzinationen, oder wie das hieß? Er kannte sich wenig aus in diesen Dingen. Plötzlich blieb der Paternoster stehen. Totenstille. Kein Rumpeln mehr. Jetzt war sich Pauli sicher, dass er verrückt geworden war. Einen Paternoster, der stillstand, das gab es nicht. Er schloss die Augen. Wartete einen Augenblick. Öffnete sie dann wieder. Der Paternoster rumpelte. Ein Mann kam nach oben.
»Guten Tag, Herr Pauli«, sagte Herr Ramelow höflich.
Pauli schüttelte verwirrt den Kopf. »Wo kommen Sie denn her?«
»Von unten. Dort ist eine Reparaturtür. Durch die kann man direkt aus dem Paternoster in die Tiefgarage steigen. Wussten Sie das nicht?«
»Nein. So weit bin ich noch nie gefahren.«
»Kann ich Ihnen helfen?«
»Nein, nein. Ich warte auf ein Telefax.«
»Ich kann Sie anrufen, wenn es da ist.«
»Geht nicht. Ist streng vertraulich.«
Herr Ramelow zog eine Augenbraue hoch. »Wenn die Personalabteilung ein streng vertrauliches Telefax erwartet, dann hat das nichts Gutes zu bedeuten.«
Pauli wechselte das Thema. »Was machen Sie über die Feiertage?«
»Ich arbeite in der Weihnachtswoche. Und an Silvester packe ich meine Sachen zusammen. Dann werde ich ersetzt.«
»Ersetzt?« Paulis Stimme klang schrill.
»Ja. Durch eine Anzeigetafel. Stellen Sie sich das mal vor.« Herr Ramelow bemühte sich jetzt nicht mehr um eine hanseatische Zurückhaltung. Seine Stimme klang aufgebracht, er hieb mit der Faust in die flache Hand. »Nach 32 Jahren abserviert! Dabei sollte doch der Pförtner als Letzter gehen.«
»Ja, ja«, sagte Pauli und fuhr sich wieder übers Gesicht.
Die beiden Männer blickten schweigend in das Schneetreiben.
»Ich bekomme vielleicht noch mal Arbeit«, sagte Herr Ramelow, »wenn ich Glück habe, in einem Hotel. Ansonsten als Türsteher vor einem Nachtklub. Pförtner werden ja immer gebraucht.«
Pauli blickte den korrekten Herrn Ramelow zweifelnd an.
»Joseph Hilbert hat es schwerer«, sagte der Pförtner.
»Hilbert, der Fahrer?«
»Er hat ja immer die oberen Gehaltsklassen gefahren. Seit Jahrzehnten. Doch von jetzt an sollen die Prokuristen selbst chauffieren.«
»Das wusste ich nicht.«
»Hilbert ist total aus dem Häuschen. Der hat vielleicht eine Wut im Bauch. Der weiß, dass er keine Arbeit mehr bekommt. Er ist einfach zu alt.« Herr Ramelow blickte nachdenklich auf die Ziehfäden an Paulis Strickjacke.
»Wie lange hat Hilbert noch?«
»Heute war sein letzter Tag. Ich habe ihm gerade geholfen, seine Sachen im Auto zu verstauen. Er hatte ein kleines Büro in der Tiefgarage.«
Pauli blickte wieder durch die Scheiben in den dunklen Abend. Nächste Woche war Weihnachten, das Fest der Liebe. Ein Fest, an dem Leute wie Ramelow und Hilbert am Weihnachtstisch saßen und sich fragten, ob das Leben wohl weitergehen wird.
»Haben Sie eigentlich ein zweites Jackett, Herr Ramelow?«
»Zweites Jackett?«
»Ja oder nein.«
»Ja, ja, natürlich. Ich habe immer ein Reservejackett hier. Und auch eine Reservekrawatte. Es könnte ja sein, dass ich mich mit Kaffee bekleckere. Wie würde das aussehen, der Pförtner einer renommierten Firma mit Kaffeeflecken?«
Die beiden Männer schauten den Schneeflocken nach.
»Wieso fragen Sie, Herr Pauli?«
»Weil Sie einen großen Fleck am Revers haben. Sieht aus wie Schmiere.«
Herr Ramelow schaute betroffen an sich herunter. »Ärgerlich! Das muss von Josephs Auto sein.«
Aus dem Telegrafenraum piepte es, dann war das Brummen des Gerätes zu hören.
»Mein Telefax«, sagte Rainer Pauli.
»Mein Reservejackett«, sagte Herr Ramelow.
»Falls wir uns nicht mehr sehen: Schöne Weihnachten, Herr Ramelow.«
»Das wünsche ich Ihnen auch, Herr Pauli. Und grüßen Sie die Familie.«
3. PREIS
Sarah Fiona Gahlen
Engel und Weihnachtsmann
Es sind noch zwei Tage bis Heiligabend. Vor dem kleinen Café im Grindelviertel verabschiede ich mich von Annika. Die Fensterscheiben sind mit Sprühschnee unbeholfen mit Schneeflocken verziert worden, die Weihnachtsdekoration sieht irgendwie unordentlich aus. Das ganze Viertel wirkt schon jetzt sehr leer auf mich.
»Bis zum nächsten Jahr, Katharina«, sagt Annika, als sie mich umarmt. Sie hat ganz leuchtende Augen. Mir war überhaupt nicht klar, dass Weihnachten auch auf Menschen im Alter von über zwanzig Jahren eine Wirkung ausüben kann, die ich sonst nur bei meinen kleinen Cousins beobachten kann. Wenn ich jemals in eine solche Vorfreude verfallen sein sollte, bin ich zumindest im Moment nicht in der Stimmung, mich daran zu erinnern. Trotzdem will ich Annika nicht die Freude verderben. »Frohe Weihnachten«, wünsche ich ihr und sehe ihr nach, wie sie davoneilt.
Ich schrecke auf, als mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter tippt. »Gesegnete Weihnachten«, sagt eine tiefe Stimme, noch tiefer verstellt.
Ich seufze, verdrehe die Augen und wende mich um. »Hallo, Stefan.«
Er zwinkert mir zu. Stefan hat strahlend blaue Augen und ist niemals richtig rasiert. Er könnte der erklärte Frauenschwarm unseres Jahrganges sein, aber selbst dafür ist er eine Spur zu herablassend. Ich halte mich normalerweise von ihm fern, auch wenn ich ahne, dass wir uns gut verstehen könnten.
»Gar nicht in Weihnachtsstimmung?«, fragt Stefan. »Fährst du nicht heute oder morgen nach Hause?«
»Nein, dieses Jahr nicht«, sage ich einsilbig. »Und du?«
Er schüttelt den Kopf. »Auch nicht.« Jetzt ist er es, der nicht weiterspricht. Die stumme Frage hängt zwischen uns, bis ich mir ein Herz fasse. »Was machst du dann übermorgen Abend?«
Stefan grinst. »Ich spiele den Weihnachtsmann.«
Mein Blick muss ziemlich verdutzt sein. Stefan lacht leise. »Ja. Über die studentische Weihnachtsmannvermittlung. Das macht ziemlich viel Spaß, man sieht an einem einzigen Abend vier oder fünf Weihnachtsbäume und geschmückte Wohnzimmer, man verteilt Geschenke und hört Weihnachtslieder. Es ist ein bisschen so, als würde man viermal Weihnachten feiern.«
So habe ich das noch nie gesehen. Mir haben die verkleideten Männer am Heiligen Abend immer leidgetan, aber im Vergleich zu einem einsamen Weihnachtsabend zu Hause ist es vielleicht gar nicht schlecht, im roten Mantel durch die Stadt zu ziehen. Ich sage nichts, aber Stefan sieht mich aufmerksam von der Seite an.
»Warum kommst du nicht mit?«
»Ich?«, frage ich erschrocken zurück.
»Ja, warum nicht? Als Weihnachtsengel. Wenn du möchtest.«
Stefans Stimme ist ausdruckslos, und er sieht mich nicht direkt an. Ich weiß nicht, ob er sich über mich lustig macht oder es ernst meint, aber ich bin in der Stimmung, das Spiel auf die Spitze zu treiben. »Na dann, gerne«, sage ich. »Was ist mit dem Kostüm?«
»Das wird gestellt.«
»Oh, gut. Ich schätze, gut bezahlt wird es nicht?«, frage ich.
»Nein«, antwortet Stefan, neigt dann aber ein wenig den Kopf. »Naja«, sagt er. »Wie man es nimmt.«
Der Nieselregen flimmert in den Lichtkreisen der Straßenlaternen, die längst angesprungen sind. Fast wünschte ich, es wäre schon später und richtig dunkel. Es erinnert mich daran, wie mein Vater mich immer getröstet hat, wenn es am Weihnachtsmorgen Tauwetter gab oder es von vornherein viel zu warm war für Schnee. »Heute Abend ist es sowieso dunkel, und wenn überall Lichter sind, ist es egal, wenn kein Schnee liegt.« Er hatte jedes Jahr wieder recht.
In Harvestehude sind viele Fenster erleuchtet, und hier und dort glänzt eine Lichterkette in einem Balkonkasten, aber der Himmel ist noch von einem stumpfen Blaugrau erfüllt. Auf dem Gehweg liegt am Rand noch Laub, im Regen zu einem braunen Matsch zertreten.
Ich habe ein langes, hellblaues Kleid angezogen, darüber einen schneeweißen Wollpullover, warm genug für einen verregneten Heiligen Abend. Mein Kostüm besteht aus einem weiten weißen Umhang mit langen Schlitzen für die Pappflügel, die ich mit breiten Stoffträgern wie einen Rucksack auf dem Rücken trage. Brünette Engel müssen ein wenig mehr Mühe auf ihre Frisur verwenden als blonde, meine Haare sind geflochten und hochgesteckt.
Stefan dagegen sieht ganz verändert aus und wirklich wie der Weihnachtsmann, ohne dass ich genau sagen könnte, woran es liegt. Natürlich trägt er einen weißen Bart, aber er lässt eigentlich ziemlich viel von seinem Gesicht sehen. An ihm sieht die Mütze gar nicht albern aus, und sein langer roter Mantel ist fast etwas zu dunkelrot. Den großen Jutesack trägt er lässig über der Schulter.
»Und?«, frage ich. »Wo wohnen unsere ersten artigen Kinder?«
Im Treppenhaus des Altbaus ist es ziemlich dunkel, die Treppe ist steil, aber Stefan hat mich zurückgehalten, als ich nach dem Lichtschalter gesucht habe. »Nie das Licht anmachen«, raunt er. »Die Wohnungen sind dunkel am Weihnachtsabend, Licht aus dem Flur stört.«
Vor uns öffnet sich die weiß gestrichene Tür mit dem Buntglaseinsatz.
»Wer da wohl ist?«, höre ich eine Stimme auf der anderen Seite. Eine schlanke Frau in dunkler Bluse und heller Hose steht im Türspalt.
»Fröhliche Weihnachten«, sagt Stefan laut und seltsam feierlich.
»Der Weihnachtsmann«, ruft die Frau gekünstelt über die Schulter zurück, und winkt uns mit einer kurzen, geübten Geste herein.
Halb im Flur steht ein kleiner Junge, wunderschön angezogen, mit einem Hemd in Kindergröße und einer Fliege. Hinter ihm ist das Wohnzimmer golden erleuchtet, und an dem großen Weihnachtsbaum brennen kleine, warme Lichter.
»Ich weiß, du warst brav«, sagt Stefan, als er ein paar Schritte vortritt, und ich kann sein Augenzwinkern sehen. »Hallo, Philipp.«
Philipp sagt nichts, seine Augen sind riesig in seinem Gesicht.
»Philipp hat ein Gedicht gelernt, lieber Weihnachtsmann«, lässt sich seine Mutter hören.
»Das ist aber schön«, sage ich, und fange einen amüsierten Blick von Stefan auf.
»Hast du denn auch Lust, es aufzusagen?«, fragt er, während er neben Philipp in die Hocke geht.
Man sieht Philipp an, dass er jetzt gern irgendwo anders wäre. »D … denk nur, ich habe das Christkind gesehen«, setzt er an, aber dann stockt er auch schon und sieht hilflos auf.
»Oh, das kenne ich«, sagt Stefan behutsam in die Stille hinein. »Es kam aus dem Walde …«, versucht er, Philipp zu helfen.
»Es kam aus dem Walde …«, wiederholt Philipp mit schwankender Stimme und stockt dann wieder.
Ich sehe Stefans auffordernden Blick, aber leider bin ich mir nicht sicher, wie es weitergeht. »… das Mützchen voll Schnee«, ist das, was mir einfällt, aber dann kommt es mir komisch vor, dass das Christkind ein Mützchen tragen soll. Der Moment, in dem ich Philipp noch hätte retten können, verstreicht, und der kleine Junge bricht in stumme Tränen aus.
»Oh, Philipp«, höre ich hinter mir die Mutter zischen, und in diesem Moment ist es mir egal, was die Rolle des Weihnachtsengels am Heiligen Abend ist. Ich beuge mich zu Philipp hinunter. »Es macht überhaupt nichts, wenn man das Gedicht nicht kann«, sage ich entschieden. »Wollen wir vielleicht lieber ein Weihnachtslied singen?«
»Alle zusammen«, sagt Stefan mit feierlicher Stimme, nun bin ich es, die sich ein Lachen verbeißen muss. Wir singen:
»Alle Jahre wieder«, und auch Philipps Mutter singt mit. Zumindest bewegt sie die Lippen.
»Fröhliche Weihnachten!«
Unsere nächsten braven Kinder sind schon ein wenig zu alt für den Weihnachtsmann, aber sie feiern Weihnachten offenbar mit ihren Großeltern und sind mit der gebührenden Geduld dabei. Die Wohnung in dem alten Backsteinbau ist unglaublich dunkel, der Weihnachtsbaum ist sorgfältig geschmückt, aber viel zu klein für das große Wohnzimmer. Es riecht durchdringend nach irgendeinem Braten.
Stefan marschiert fröhlich durch das Wohnzimmer. »Frohe Weihnachten!«
Die beiden Mädchen sind im Teenageralter, ordentlich zurechtgemacht mit der Sorgfalt, die man an den Tag legt, wenn man als Teenager anfängt, sich zu schminken.
»Frohe Weihnachten«, sagen sie höflich und bieten an, etwas zu singen. Als sie mit »Am Weihnachtsbaume die Lichter brennen« geendet haben, zwinkert Stefan ihnen zu und fragt, ob sie auch »Last Christmas« können. Sie kichern, aber sie singen schön, und beide bekommen sorgfältig verpackte Geschenke.
Der ganze Weihnachtsabend ist etwas beschwingter, als wir uns verabschieden.
Auf der Straße ist es fast schon dunkel. Die Lichtkreise der Laternen zwischen den kahlen Ästen der Bäume sind groß und golden.
»Wohin jetzt?«, frage ich Stefan eifrig, und er lächelt.
»Die nächsten Familien sind alle in den Elbvororten, Nienstedten und so. Mein Auto steht hier um die Ecke.«
Der alte, weiße Mittelklassewagen ist einige Straßen weiter ordentlich geparkt, aber unter dem Scheibenwischer klemmt trotzdem ein Strafzettel. Stefan nimmt ihn, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen, faltet ihn achtlos und wirft ihn in die Mittelkonsole. Etwas sorgfältiger zieht er den Weihnachtsmannmantel aus und legt ihn auf den Rücksitz. Er trägt ganz normale Kleider darunter, eine schwarze Stoffhose und einen dunklen Pullover über einem hellgrauen Hemd. Ich komme mir seltsam neben ihm vor in meinem hellblauen Kleid, als ich den Umhang und die Flügel auf den Rücksitz lege und einsteige.
Stefan lässt den Motor an und fährt los, das Autoradio erwacht zum Leben und spielt das Weihnachtsprogramm des Norddeutschen Rundfunks. Jenseits der Windschutzscheibe zieht das stille, weihnachtliche Hamburg vorüber. Wir fahren am Bahnhof Dammtor vorbei, und die Lichter an der Fassade und die großen Sterne in den Rundbogenfenstern, die ich sonst immer kitschig fand, erscheinen mir heute schön. Als wir den Bahnhof passiert haben, recke ich den Hals, um einen Blick auf das Panorama der Innenstadt rund um die Binnenalster zu erhaschen, die erleuchteten Fassaden der Kaufhäuser und den Weihnachtsbaum auf dem Ponton der Alsterfontäne, aber ich bin mir nicht sicher, dass ich wirklich etwas gesehen habe, ehe wir abbiegen. Stefan sieht mich von der Seite an und lächelt.
»Was würdest du heute Abend tun, wenn du nicht der Weihnachtsengel wärest?«, fragt er.
»Nicht viel«, antworte ich langsam. »Meine Eltern haben sich im Sommer getrennt. Meine Mutter veranstaltet ein großes Weihnachtsfest mit ihrer ganzen Familie, meiner Großmutter und sämtlichen Tanten, und mein Vater feiert mit seiner neuen Freundin. Ich hatte auf beides keine Lust.«
»Ich verstehe«, sagt Stefan ruhig. »Tut mir leid.« Er sagt es ganz gelassen, aber es klingt trotzdem nicht wie eine Floskel.
Ich nicke stumm, aber dann nehme ich mir doch ein Herz. »Und du?«, frage ich.
»Meine Eltern sind schon seit ein paar Jahren tot«, antwortet Stefan und hebt abwehrend die Hand, als ich betroffen aufsehe und etwas sagen will. »Schon gut. Ich könnte mit der Familie von meinem Bruder feiern, aber …« Er lächelt. »Eigentlich gefällt es mir ganz gut, der Weihnachtsmann zu sein, überall ein und aus zu gehen, wie ich es für richtig halte und auch einmal etwas von Weihnachten zu haben.«
Etwas an seinem Tonfall irritiert mich, ich sehe ihn von der Seite an. Bunte Lichter spielen im Seitenfenster des Autos. Wir fahren über die Reeperbahn, die so aussieht wie an einem beliebigen Abend in der Woche, große Leuchtreklamen, hier und dort ein paar Fußgänger.
»Macht dir das wirklich Spaß?«, frage ich unwillkürlich.
Stefan wirft mir einen kurzen Blick zu. »Nicht immer«, sagt er. »Aber meistens schon, besonders hinterher. Und warte ab, bis du Blankenese an Weihnachten siehst.«
Ich hatte nicht gedacht, dass ich die Elbvororte einmal noch stiller und feierlicher finden könnte, als sie es ohnehin schon sind. Stefan ist irgendwo von der Elbchaussee abgebogen und fährt durch stille Straßen, mit vornehmen Häusern und dunklen Gärten. In den Villen sind meist nur die Fenster im Erdgeschoss erleuchtet. Hier und dort ist ein Tannenbaum oder ein Strauch mit Lichtern geschmückt.
An einer kleinen Kreuzung parkt Stefan das Auto am Straßenrand. »Es ist dort vorne«, sagt er und deutet in die Straße hinaus. »Wir sollten laufen, es muss niemand sehen, dass der Weihnachtsmann mit dem Auto und nicht mit dem Rentierschlitten kommt.«
Das Haus ist eine kleine, weiße Villa, alle Fenster sind hell, hinter den Gazegardinen bewegen sich lebhafte Schatten. Es ist Musik zu hören, nicht sehr laut, aber sie passt trotzdem nicht in die stille Straße.
Stefan öffnet ohne Umstände die kleine Gartenpforte. An der Haustür dauert es lange, bis auf unser Klingeln endlich geöffnet wird. Eine Frau steht auf der Schwelle, fast bin ich über ihre Erscheinung erschrocken, trotz des eleganten Kleides. Sie schwankt ein wenig auf ihren hohen Absätzen, ich rieche Alkohol, obwohl ich einen halben Schritt hinter Stefan stehe. In der freien Hand hält sie eine brennende Zigarette.
»Kommen Sie herein«, sagt sie langsam, bei ihren ersten Silben hört man noch, dass sie sich Mühe gibt, die Worte sorgfältig auszusprechen, aber dann ist da schon ein Lallen in ihrer Stimme. »Wir dachten nicht, dass Sie noch kommen.« Es hätte ein Vorwurf sein können, aber so, wie sie es sagt, mühsam artikulierend, klingt es völlig gleichgültig. »Die Kinder sind im Weihnachtszimmer.« Sie tritt zurück und in den Flur hinein. Durch eine offene Tür erhasche ich einen Blick auf ein Wohnzimmer, in dem Erwachsene stehen, trinken und sich unterhalten, aber sie weist zur Seite auf eine angelehnte Tür.
»Fröhliche Weihnachten«, sagt Stefan ernst. Ich werfe einen raschen Blick durch den Flur, auf eine übervolle Garderobe, eine steile Treppe in das Obergeschoss hinauf. Als ich mich wieder zu der Dame umwenden will, ist sie plötzlich verschwunden. Stefan zuckt unmerklich die Schultern und öffnet dann mit großer Geste die Tür. »Fröhliche Weihnachten!«
Vor den bodentiefen Fenstern des Zimmers steht der Weihnachtsbaum, übervoll geschmückt. Auf den beiden großen Sofas und auf dem Parkettboden liegt überall Geschenkpapier herum, geöffnete Spielzeugkartons und Verpackungen. Die Kinder, die dazwischen auf dem Boden sitzen, sehe ich erst auf den zweiten Blick. Es sind drei Jungen und zwei Mädchen, der älteste bestimmt schon zehn, die anderen etwas jünger.
»Der Weihnachtsmann«, jauchzt einer der Jungen und springt auf Stefan zu, die anderen folgen zögerlicher. Stefan beugt sich zu dem Kleinen herunter, als der ihn ziemlich unsanft am Mantel zieht.
»Warum kommst du erst jetzt? Wir haben unsere Geschenke doch schon.«
»Ich habe aber noch mehr.« Stefan beugt sich zu ihm hinunter, und reicht ihm ein kleines Paket aus dem Jutesack. »Eigentlich muss man an Weihnachten ja immer ein Gedicht aufsagen können, aber weil wir zu spät gekommen sind, müssen das dieses Jahr nur die Kinder tun, die auch möchten. Weiß jemand eins?«
Stille breitet sich aus, bis eines der Mädchen zögerlich ein großformatiges Buch vom Boden aufhebt und es mir geöffnet entgegenstreckt.
»Kannst du das vorlesen?«, fragt sie.
Etwas verblüfft nehme ich das Buch entgegen. Es sind altertümliche Weihnachtsgedichte, mit großen Illustrationen.
Stefan wirft einen Blick über meine Schulter und nickt mir gemessen zu, aber seine Augen glänzen. »Der Weihnachtsengel liest euch vor«, sagt er feierlich. »Ich komme gleich zurück.«
Ich sehe ihm erstaunt nach, aber da sind fünf Kinder, die mich neugierig ansehen. Langsam lasse ich mich auf dem Sofa nieder und fange an, ein langes, altmodisches Gedicht vorzulesen. Die Kinder hören gebannt zu, trotzdem kommt es mir wie eine Ewigkeit vor. Ich bin erleichtert, als Stefan lautlos wieder das Weihnachtszimmer betritt. Mit feierlichen Gesten verteilt er bunt eingepackte Geschenke.
»Wir müssen jetzt gehen«, sagt er bedauernd, als ich geendet habe. »Fröhliche Weihnachten!«
Ich reiche dem Mädchen das Buch zurück und folge Stefan in den leeren Flur hinaus. Hinter uns dringt die Musik aus dem Wohnzimmer. Niemand nimmt Notiz von uns, als wir das Haus verlassen. Im Licht der Straßenlaternen funkeln die feinen Regentropfen auf meinem Wollpullover.
Erst in Sichtweite des Autos bleibe ich stehen.
»Was hast du da alleine im Haus gemacht?«, frage ich Stefan und versuche, ihm ins Gesicht zu sehen.
Es ist ein seltsamer Unterton in seiner Stimme, als er antwortet. »Nichts. Ich war auf der Toilette.«
Ich strecke unvermittelt die Hand aus und fasse in die Falten des Jutesackes, kann ihm den groben, braunen Stoff aus der Hand winden. Er macht einen Schritt auf mich zu, als wolle er mir den Sack gewaltsam wieder entreißen, dann besinnt er sich und macht eine beschwichtigende Geste, um danach die Arme zu verschränken und mich herausfordernd anzusehen.
Ich würdige ihn keines Blickes, als ich die Öffnung des Sackes auseinanderschlage. In den Falten des braunen Stoffes liegen oben noch einige von den bunt eingepackten Geschenken, aber auf den ersten Blick wird ersichtlich, dass der Weihnachtsmann noch wertvollere Dinge mit sich herumträgt. Unter den Paketen liegen Geldscheine, Fünfziger, Zwanziger, auch ein grüner Hunderteuroschein. Als ich die Falten des Sackes hin- und herschüttele, sind da auch noch andere Dinge, eine große Herrenarmbanduhr, die sehr teuer aussieht, und ein kleines Schmuckdöschen ohne Deckel, in dem ein Ring steckt.
Für einen Moment bin ich ganz starr, obwohl ich geahnt habe, dass etwas nicht stimmt. Wortlos fasse ich den braunen Stoff an der Öffnung des Sackes fest zusammen und wende mich zu Stefan um.
»Das darf nicht wahr sein«, sage ich fassungslos. »Du bestiehlst die Familien, die du als Weihnachtsmann besuchst?«
Stefan erwidert meinen Blick, ohne zu antworten.
»Gib’ mir die Autoschlüssel«, fordere ich heiser.
Er greift unter seinen Mantel und wirft mir den Autoschlüssel zu. Es gelingt mir, ihn zu fangen, auch wenn ich bestimmt keine elegante Figur dabei abgebe, im Kleid und mit dem Jutesack in der Hand. Entschlossen gehe ich auf das Auto zu und will auf der Fahrerseite einsteigen. Ich habe die Flügel vergessen, die Pappe bleibt an der Türöffnung hängen. Mit zusammengebissenen Zähnen streife ich Flügel und Mantel ab und steige dann ein, den Jutesack im Fußraum unter meinen Sitz stopfend.
Stefan hat längst seinen roten Mantel ausgezogen und ist auf der Beifahrerseite eingestiegen. »Und nun?«, fragt er.
Ich schweige. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.
»Wir könnten teilen, weißt du«, schlägt Stefan vor.
Ich gehe nicht darauf ein. »Warum tust du das?«, frage ich dann.
Stefan zuckt die Schultern. »Es ist leicht, und es macht Spaß. Niemand ist aufmerksam am Heiligen Abend, und überall liegen Geschenke herum, meist auch irgendwo Bargeld.« Er macht eine kurze Kopfbewegung nach hinten. »Du hast gesehen, wer diese Leute sind, die einen Weihnachtsmann bestellen und bereit sind, dafür zu bezahlen. Sie merken es nicht einmal, wenn am nächsten Morgen etwas fehlt.«
»Woher willst du das wissen?«, frage ich müde.
»Ich mache das schon ein paar Jahre. Es hat sich noch nie jemand bei der Weihnachtsmannvermittlung beschwert oder auch nur gemeldet«, antwortet er nüchtern. »Man darf es eben nicht übertreiben, nie das ganze Geld nehmen, wenn irgendwo ein Umschlag herumliegt.« Er neigt den Kopf. »Ich sehe nicht ein, warum ausgerechnet der Weihnachtsmann am Heiligen Abend leer ausgehen sollte.«
Ich weiß nicht, was ich denken soll. »Warum wolltest du mich dabeihaben?«, frage ich, geradeaus starrend.
»Ich weiß es auch nicht«, sagt Stefan ehrlich. »Ich glaube, ich dachte, dass es dir genauso geht wie mir, dass du den Abend so etwas netter verbringen könntest als allein zu Hause. Wahrscheinlich wollte ich dir auch ein Geschenk machen.«
Ich bin für einen Moment sprachlos.
»Du warst großartig darin, sie abzulenken«, sagt Stefan auf mein Schweigen hin. »Zwei Familien haben wir noch. Wir sollten zusammenarbeiten.«
»Ich fürchte, daraus wird nichts«, sage ich knapp. »Steig’ aus.«
»Was?«, fragt Stefan verdutzt zurück, ehe er wieder in seinen ruhigen Tonfall verfällt. »Was willst du machen? Du kannst nicht zur Polizei gehen. Dann bekommst du genauso viele Schwierigkeiten wie ich. Niemand wird dir glauben, dass du für einen Freund, den du kaum kennst, den Weihnachtsengel spielst und es nicht merkst, wenn er etwas mitgehen lässt.« Seine Stimme wird noch ruhiger. »Eigentlich bist du mir doch dankbar, dass ich dich mitgenommen habe. Wenn ich es vorhin nicht übertrieben hätte, hättest du nicht einmal etwas geahnt. Du hättest dich gefreut, dass wir so vielen Kindern eine Freude machen.«
Ich weiß, dass er recht hat, aber ich sehe weiter starr nach vorne. »Steig’ aus«, wiederhole ich.
Ich finde nicht, dass ich sehr entschlossen klinge, aber Stefan steigt tatsächlich mit langsamen Bewegungen aus. In dem Pullover, unter dem ordentlich der Hemdkragen hervorsieht, sieht er fast so aus, als würde er selbst irgendwo hier in einer Villa Weihnachten feiern, nur, dass es eine regnerische Nacht ist und sein Pullover ziemlich dünn. Ich beuge mich zur Tür der Beifahrerseite hinüber, ziehe sie mit einer schnellen Bewegung zu und drücke den Knopf der Verriegelung herunter, ehe ich das Fenster einen Spalt weit öffne. Stefan sieht immer noch ganz verwundert aus, als er die Finger auf die obere Kante der Scheibe legt. »Was willst du machen?«, fragt er.
»Ich weiß es nicht«, antworte ich ehrlich. »Aber ich werde nicht zur Polizei gehen. Mein Weihnachtsgeschenk an dich.«
»Willst du mich wirklich hier stehen lassen?«, fragt Stefan ungläubig. »Ich habe nicht einmal Geld für den Bus.«
»Du kannst ja versuchen, an eine Tür zu klopfen«, antworte ich. »Lasst mich ein, ihr Kinder, ist so kalt der Winter …« Ich bin mir nicht ganz sicher, wie das Lied weitergeht, deshalb starte ich den Motor. Stefan kann seine Finger gerade noch aus dem Fensterspalt ziehen, als ich anfahre.
Ich kenne die kleine Kirche in Wandsbek vom Vorbeifahren, ein schlichter Backsteinbau aus den sechziger Jahren, zwischen den eintönigen Wohnblocks. Manchmal sieht man ein paar abgerissene Gestalten vor der Kirche herumlungern, ich weiß, dass sie eine Suppenküche oder einen Aufenthaltsraum für Obdachlose haben. Eigentlich habe ich die Kirche noch nie anders als still und leer gesehen, doch heute Abend ist Mitternachtsmesse. Ich höre die Orgelmusik bis auf die Straße hinaus, als ich langsam auf das Portal zugehe.
Der Jutesack liegt noch im Auto, aber er ist leer. Zum einen sind die eingepackten Geschenke verschwunden, denn ich bin der Weihnachtsengel und habe sie noch zu den braven Kindern gebracht, für die sie bestimmt waren, zu zwei jungen Familien in einer Neubausiedlung. Den Ring habe ich am S-Bahnhof Bahrenfeld in eine Fensternische gelegt, ein Geschenk für jemanden, den ich nicht kenne. Ich wusste nicht, was ich sonst tun sollte, aber es fühlte sich nicht falsch an. Am Hauptbahnhof habe ich die Herrenuhr einem Obdachlosen gegeben, ganz eilig, im bunten Licht der kitschigen Weihnachtsbeleuchtung habe ich nicht einmal richtig sein Gesicht gesehen, auch das scheint mir auf seltsame Weise gerecht. Nun habe ich nur noch das Bargeld, ich habe es nicht gezählt, aber wenn man es glatt streicht und bündelt, sieht es eigentlich nicht mehr nach viel aus.
Die Kirchentüren sind weit offen, im hinteren Teil drängen sich die Stehenden. Der Geruch von feuchten Jacken und zu vielen Menschen schlägt mir entgegen. Ich bleibe zögernd stehen.
Auf der Stufe des Portals sitzt ein kleiner, grauhaariger Mann und raucht. Er hat keine Mühe, in mir den Weihnachtsengel zu sehen, auch wenn ich die Flügel und den Umhang im Auto gelassen habe.
»Das ist gleich vorbei, da drin«, sagt er und schenkt mir ein zahnloses Lächeln. »Bisschen spät gekommen, das Engelchen.«
»Viel zu tun«, antworte ich, erst überrascht, dann amüsiert. »Und dann ist mir auch noch mein Weihnachtsmann abhanden gekommen.«
»Nie ist Verlass auf die Kerle, was?«
Ich muss lachen und nicke, dann strecke ich ihm einfach das kleine Bündel Geldscheine entgegen. »Können Sie mir einen Gefallen tun und das nachher für die Kollekte geben?«
Er streckt die Hand nur halb aus und sieht mich dann an, halb ungläubig, halb misstrauisch. »Wirklich?«, fragt er zurück. »Und wenn ich’s behalten würde?«
Ich zucke die Schultern.
»Weihnachten ist ja auch die Zeit der Vergebung.«
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