Читать книгу: «Sportsozialarbeit»

Der Autor und die Autorinnen
Heiko Löwenstein ist seit 2019 Professor für Theorien, Konzepte und Methoden der Sozialen Arbeit mit Schwerpunkt Inklusion an der Katholischen Hochschule NRW, Abt. Köln. Von 2014 bis 2019 war er Professor für Soziale Arbeit, Schwerpunkt Sozialpädagogik, an der Evangelischen Hochschule Freiburg. 2014 wurde Heiko Löwenstein an der Humboldt-Universität zu Berlin im Fach Rehabilitationswissenschaften promoviert. Als Dipl.-Sozialpädagoge (BA) und Master of Arts in Social Work war er in der Gemeindepsychiatrie tätig. Er ist Sprecher der Fachgruppe »Bewegung, Sport und Körper« in der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit und kooptiertes Mitglied im Vorstand des Stadtsportbundes Köln. Im Rahmen der Hochschulzusatzqualifikation »Erfahrungs- und bewegungsorientierte Soziale Arbeit« verantwortet er den Schwerpunkt »Sportsozialarbeit«. Kontakt: h.loewenstein@katho-nrw.de
Birgit Steffens hat seit 2009 eine Professur für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Erwachsene in besonderen Lebenslagen an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) inne. Seit 2015 bietet sie, gemeinsam mit Julie Kunsmann, an der EHB das Schwerpunktstudium »Soziale Arbeit & Sport« an. Birgit Steffens wurde im Jahr 2005 an der Freien Universität Berlin im Fach Soziologie promoviert. Sie ist Diplom-Sozialarbeiterin mit beruflichen Erfahrungen in der Jugendhilfe und der Drogenhilfe und Präventionstrainerin (A-Lizenz). Kontakt: steffens@eh-berlin.de
Julie Kunsmann ist seit 2014 Lehrbeauftragte an der Evangelischen Hochschule Berlin (EHB) und bietet gemeinsam mit Birgit Steffens das Schwerpunktstudium »Soziale Arbeit & Sport« an. Sie ist Dipl. Sozialarbeiterin (FH) und staatl. gepr. Gymnastiklehrerin. Als Sozialarbeiterin ist Julie Kunsmann seit 2012 bei der Gesellschaft für Sport- und Jugendsozialarbeit tätig, erst im Bereich der Schulsozialarbeit, seit 2019 als Projektleitung für das sozialraumbezogene Angebot »BEIspielhaft« in Berlin-Kreuzberg. Seit 2000 ist sie nebenberuflich als Übungsleiterin im Bereich Tanz im Sportverein tätig und befindet sich aktuell in der Weiterbildung »Tanz- und Bewegungstherapie«. Als Vorstandsmitglied der Sportjugend Berlin engagiert sich Julie Kunsmann seit 2009 für den Berliner Kinder- und Jugendsport und die sportbezogene Jugendsozialarbeit. Kontakt: kunsmann@lb.eh-berlin.de
Heiko Löwenstein, Birgit Steffens, Julie Kunsmann
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1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-035721-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-035722-8
epub: ISBN 978-3-17-035723-5
mobi: ISBN 978-3-17-035724-2
Vorwort
Mit dem so genannten »Bologna-Prozess« galt es neu auszutarieren, welches Wissen Studierende der Sozialen Arbeit benötigen, um trotz erheblich verkürzter Ausbildungszeiten auch weiterhin »berufliche Handlungsfähigkeit« zu erlangen. Die Ergebnisse dieses nicht ganz schmerzfreien Abstimmungs- und Anpassungsprozesses lassen sich heute allerorten in volumigen Handbüchern nachlesen, in denen die neu entwickelten Module detailliert nach Lernzielen, Lehrinhalten, Lehrmethoden und Prüfungsformen beschrieben sind. Eine diskursive Selbstvergewisserung dieses Ausmaßes und dieser Präzision hat es vor Bologna allenfalls im Ausnahmefall gegeben.
Für Studierende bedeutet die Beschränkung der akademischen Grundausbildung auf sechs Semester, eine annähernd gleich große Stofffülle in deutlich verringerter Lernzeit bewältigen zu müssen. Die Erwartungen an das selbständige Lernen und Vertiefen des Stoffs in den eigenen vier Wänden sind deshalb deutlich gestiegen. Bologna hat das eigene Arbeitszimmer als Lernort gewissermaßen rekultiviert.
Die Idee zu der Reihe, in der das vorliegende Buch erscheint, ist vor dem Hintergrund dieser bildungspolitisch veränderten Rahmenbedingungen entstanden. Die nach und nach erscheinenden Bände sollen in kompakter Form nicht nur unabdingbares Grundwissen für das Studium der Sozialen Arbeit bereitstellen, sondern sich durch ihre Leserfreundlichkeit auch für das Selbststudium Studierender besonders eignen. Die Autor/innen der Reihe verpflichten sich diesem Ziel auf unterschiedliche Weise: durch die lernzielorientierte Begründung der ausgewählten Inhalte, durch die Begrenzung der Stoffmenge auf ein überschaubares Volumen, durch die Verständlichkeit ihrer Sprache, durch Anschaulichkeit und gezielte Theorie-Praxis-Verknüpfungen, nicht zuletzt aber auch durch lese(r)-freundliche Gestaltungselemente wie Schaubilder, Unterlegungen und andere Elemente.
Prof. Dr. Rudolf Bieker, Köln
Zu diesem Buch
Sport wird als Medium nicht nur in der Sozialen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt, sondern findet auch in anderen sozialpädagogischen Handlungsfeldern wie der Straffälligenhilfe oder der Migrationssozialarbeit zunehmend Berücksichtigung. Sport und Bewegung sind durch den niedrigschwelligen, egalitären Zugang besonders geeignet, Benachteiligungen und Teilhabehemmnisse abzubauen. Die systematische Nutzung der im Sport liegenden Bildungs- und Integrationspotentiale setzt die Kenntnis sportwissenschaftlicher und sportpraktischer Grundlagen und deren Verankerung in Konzepten Sozialer Arbeit voraus. Der Band gibt einen Einblick in Strukturen und Konzepte der Sportsozialarbeit und deren Verknüpfungen mit dem organisierten Sport und benennt Einsatzmöglichkeiten in relevanten Arbeitsfeldern Sozialer Arbeit.
Ein besonderer Fokus des Buches liegt auf der Darstellung und Diskussion theoretischer Ansätze der Sozialen Arbeit wie der Lebensweltorientierung oder der Lebensbewältigung und deren Relevanz für die Sportsozialarbeit. Die Ausführungen sind darauf angelegt, eine vertiefte theoretische Reflexion und den Austausch über die vorgestellten Konzepte anzuregen.
Sport- und bewegungsbetonte Ansätze haben in den letzten Jahrzehnten ein enormes Potential für die Soziale Arbeit entwickelt. Die zunehmende Digitalisierung der Alltagswelt führt zwar zum Rückgang von Bewegungs- und Sozialerfahrungen bis zu einer gesellschaftlichen Verdrängung des Körpers, gleichzeitig findet aber eine Aufwertung des eigenen Körpers statt. Sportlich zu sein gilt als soziales Kapital. Dies greift Sportsozialarbeit für die berufliche Praxis auf und entwickelt geeignete Unterstützungsangebote. Soziale Arbeit versteht sich im Gegensatz zu anderen (therapeutischen) Hilfen primär alltagsorientiert und zieht sich nicht an einen dritten, geschützten Ort zurück. In der Sozialen Arbeit richten sich soziale Hilfen auf die Erweiterung von Ressourcen und die Gewährleistung von sozialer Teilhabe, während pädagogische Hilfen die Integrität und Bildung des Subjektes als sozialen Akteur zum Gegenstand haben. Sport und Bewegung bieten angehenden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern eine Erweiterung des methodisch-konzeptionellen Spektrums und Zugänge, die erstens in den Alltag integriert und verselbständigt werden können und zweitens den engen Rahmen kognitiver Zugänge ergänzen. Handlungsfähigkeit und Gemeinschaft können körperlich unmittelbar erfahrbar gemacht werden, um Bildungs- und Sozialisationsprozesse zu unterstützen. Sportbezogene sozialpädagogische Ansätze ergänzen in der beruflichen Praxis das klassische Handlungsrepertoire der fall-, gruppen- und sozialraumbezogenen Arbeit und erleichtern den Zugang u. a. zu Adressaten und Adressatinnen Sozialer Arbeit, die in herkömmlichen Beratungs- und Betreuungssettings nicht erreicht werden.
Anhand der Darstellung sportbezogener Angebote in verschiedenen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit wie z. B. der offenen Jugendarbeit, der Fanarbeit oder der Sozialen Arbeit mit von Exklusion bedrohten Gruppen werden mögliche Einsatzbereiche sportbezogener Sozialer Arbeit anschaulich geschildert, Konzepte konkretisiert und Studierenden wie Fachkräften berufliche Perspektiven aufgezeigt. Die Skizzierung von Praxisbeispielen und Modellprojekten lädt zur Diskussion des jeweiligen theoretischen Bezugsrahmens und dessen praktischer Umsetzung ein.
Heiko Löwenstein, Birgit Steffens und Julie Kunsmann
Inhalt
1 Vorwort
2 Zu diesem Buch
3 1 Einleitung
4 1.1 Zur Entwicklung der sportbezogenen Sozialen Arbeit
5 1.2 Begriffliche Klärung und Ziele der Sportsozialarbeit
6 1.3 Aufbau des Buches
7 2 Sporttreiben und Sportorganisation
8 2.1 Sportverständnis
9 2.2 Organisierter Sport
10 2.2.1 Aufbau und Struktur des organisierten Sports
11 2.2.2 Sportvereine
12 2.2.3 Gesellschaftliche Bedeutung des organisierten Sports
13 2.3 Schulsport
14 2.3.1 Unterrichtlicher Schulsport
15 2.3.2 Außerunterrichtlicher Schulsport und dessen Relevanz für die Sportsozialarbeit
16 2.4 Informeller Sport
17 2.5 Kommerzieller Sport
18 3 Sportrelevante Praxisfelder der Sozialen Arbeit
19 3.1 Gesundheit
20 3.1.1 Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
21 3.1.2 Bewegung und Gesundheit
22 3.1.3 Sportorientierte sozialpädagogische Angebote im Gesundheitswesen
23 3.2 Bildung
24 3.2.1 Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe
25 3.2.2 Die Bedeutung des Sports im Aufwachsen
26 3.2.3 Sportorientierte sozialpädagogische Angebote in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen
27 3.2.4 Fanarbeit
28 3.2.5 Sportorientierte Soziale Arbeit mit Erwachsenen und älteren Menschen
29 3.3 Soziales
30 3.3.1 Soziale Teilhabe, Inklusion und Diversität
31 3.3.2 Diversitätssensible sportorientierte sozialpädagogische Angebote
32 4 Theorien Sozialer Arbeit und ihre Relevanz für die Sportsozialarbeit
33 4.1 Lebensweltorientierung nach Thiersch
34 4.1.1 Entstehungskontext: Reflexive Moderne, Selbstinszenierung und Expertokratie
35 4.1.2 Grundverständnis: Lebenswelt als Strukturiertheit von Raum, Zeit und sozialen Beziehungen
36 4.1.3 Relevanz: Welcher Sport macht »Sinn« im Alltag?
37 4.1.4 Praxisbeispiel: KICK-Projektverbund zur Gewaltprävention
38 4.2 Lebensbewältigung nach Böhnisch
39 4.2.1 Entstehungskontext: Jugendforschung, Gesellschaftskritik und Hans Thiersch
40 4.2.2 Grundverständnis: Anomie und Streben nach Handlungsfähigkeit
41 4.2.3 Relevanz: Stress, (Körper-)Selbst und funktionale Äquivalenz
42 4.2.4 Praxisbeispiel: Fanprojekt Bremen
43 4.3 Relationaler Konstruktivismus nach Kraus
44 4.3.1 Entstehungskontext: Systemtheorie und Radikaler Konstruktivismus
45 4.3.2 Grundverständnis: »Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit«
46 4.3.3 Relevanz: Strukturelle Kopplung zwischen psychischen, sozialen und biologischen Systemen
47 4.3.4 Praxisbeispiel: Vitura Bogenschießen
48 4.4 Deweys pragmatistische Philosophie und Sozialpädagogik
49 4.4.1 Entstehungskontext: Soziale Probleme und Sozialreform
50 4.4.2 Grundverständnis: Deweys Pragmatismus
51 4.4.3 Relevanz: Körper-Geist-Relation und geteilte Erfahrung
52 4.4.4 Praxisbeispiel: football3
53 4.5 Sozialraumorientierung
54 4.5.1 Entstehungskontext: Settlementbewegung, Community Organizing und Raumhandeln
55 4.5.2 Grundverständnis: Von der Gemeinwesenarbeit zur Sozialraumorientierung
56 4.5.3 Relevanz: Vom Ort zum Raum durch Aneignung
57 4.5.4 Praxisbeispiel: Le Parkour
58 4.6 Agency und Akteursorientierung
59 4.6.1 Entstehungskontext: Empowerment, Praxistheorie und Netzwerktheorie
60 4.6.2 Grundverständnis des pragmatistisch-relationalen Agency-Konzepts
61 4.6.3 Relevanz: Der strukturierte und der strukturierende Körper
62 4.6.4 Praxisbeispiel: Ein Vereinstag für geflüchtete Kinder und Jugendliche
63 4.7 Fazit: Sportsozialarbeit im Lichte der Wissenschaft Sozialer Arbeit
64 5 Überlegungen zur Professionalisierung der Sportsozialarbeit
65 5.1 Die soziale Diagnose als Scharnier zwischen Theorie und Praxis
66 5.2 Evidenzbasierung
67 5.3 Relevanz sportwissenschaftlicher Wirkungsforschung für die Soziale Arbeit am Beispiel der Kinder- und Jugendsportberichte
68 6 Beiträge der Bezugswissenschaften
69 6.1 Bewegungs- und Sportpädagogik
70 6.2 Erlebnispädagogik
71 6.3 Sport- und Körpersoziologie
72 7 Internationale Perspektiven
73 7.1 Nutzung des Sports in klassischen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit
74 7.2 Entwicklung der Sportsozialarbeit im Amateur- und Profisport als neues Handlungsfeld Sozialer Arbeit
75 7.3 eSport als künftiges Handlungsfeld Sozialer Arbeit
76 Literaturverzeichnis
77 Abkürzungsverzeichnis
78 Abbildungsverzeichnis
79 Stichwortverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Zur Entwicklung der sportbezogenen Sozialen Arbeit
Sport zählt seit ihren Anfängen zu den klassischen Zugängen der Sozialen Arbeit. Bereits im 19. Jahrhundert erfolgte eine Grundlegung im von Jane Addams gegründeten Chicagoer Settlementhaus Hull House. So wurden um 1900 mit der Erweiterung des Gebäudekomplexes Trainingsräume für Sportkurse eingerichtet. Es gab Angebote wie Baseball oder Tanzen, aufgeteilt nach verschiedenen Schwierigkeitsgraden, die Gruppen traten teils zu Wettkämpfen an, den sogenannten Match Games (Linn, 1935, S. 151ff).
In Deutschland sind seit den 1980er Jahren kontinuierliche systematische Bemühungen zur Nutzung von Bewegung und Sport als Medium in der Sozialen Arbeit erkennbar, die in der Konsequenz zur Etablierung von Strukturen und zahlreichen unterschiedlich ausgestalteten Projekten sowohl in den sozialen Diensten als auch in den Sportorganisationen mit deren angegliederten Sportvereinen geführt haben. Sport- und bewegungsorientierte Angebote sind in allen Handlungsfeldern Sozialer Arbeit zu finden, insbesondere in der Jugendhilfe sind sie stark vertreten. Mit der Fanarbeit hat sich ein eigenes neues Handlungsfeld Sozialer Arbeit entwickelt.
Vorangetrieben wurde diese Entwicklung insbesondere durch das Engagement einzelner Hochschulvertreter und -vertreterinnen sowohl der Sozialen Arbeit als auch der Sportwissenschaft, durch Kampagnen und Strategien des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und der Deutschen Sportjugend (DSJ), durch verschiedene Förderprogramme auf Bundesebene und durch zahlreiche und vielgestaltige Projekte in der Praxis.
Schon Mitte der 1960er Jahre unterstützte der Europarat unter dem Motto »Sport für alle« eine Bewegung, die das Ziel verfolgte, durch politische Initiativen alle Menschen zum Sporttreiben zu bewegen (Europarat, 1975). In diesem Kontext entstanden infolge in vielen europäischen Ländern Kampagnen zur Förderung des Breitensports. In Deutschland wurde durch den DOSB, damals noch Deutscher Sportbund (DSB), der stärker vereinsbezogene zweite Weg des Sports bevorzugt, der neben dem leistungsorientierten Sport als erstem Weg den Breitensport fördern wollte (Krüger & Jütting, 2017, S. V). Anfang der 1970er Jahre startete in Deutschland die Trimm-dich-Bewegung, mit der versucht wurde, möglichst viele Menschen für Bewegung auch außerhalb der Sportvereine zu begeistern. Insgesamt haben diese Entwicklungen zu einer Vielfalt sportiver Praxen innerhalb und außerhalb der Vereine beigetragen (ebd., S. Vf).
Bereits zu diesem Zeitpunkt wurde für die Sportorganisationen die soziale Aufgabe formuliert, auch Gruppen einzubeziehen, die in den Sportvereinen für Kinder und Jugendliche unterrepräsentiert waren (Michels, 2007, S. 13f). Hierzu zählten u. a. Kinder aus Haushalten mit geringer sozio-ökonomischer Ausstattung, Mädchen sowie Heranwachsende mit Migrationshintergrund. Der Forderung, diese Jugendlichen zu erreichen, wurde mit Verweis auf die doppelte Benachteiligung dieser Gruppen Nachdruck verliehen, da die positiven Zuschreibungen des Sports, z. B. hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung oder des sozialen Lernens, durch die fehlende Vereinszugehörigkeit nicht ermöglicht würden (Welsche, Seibel & Nickolai, 2013, S. 26f).
Verschiedene Programme förderten deshalb sportbetonte Projekte im organisierten Sport zur Überwindung sozialen Ausschlusses. So wurde u. a. in 1999 im Rahmen des vom Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) aufgelegten E & C-Aktionsprogramms »Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten« von der DSJ in Kooperation mit der Sporthochschule Köln das Projekt »Soziale Offensive« unter Leitung des Sportwissenschaftlers Christoph Breuer durchgeführt. Zugleich wurde in diesem Rahmen neben vielen anderen Aktivitäten eine Datenbank sozialer Initiativen im Jugendsport entwickelt, die ihre Angebote insbesondere auch an sozial benachteiligte Menschen richten (ehemals: www.soziale-projekte-im-jugendsport.de; jetzt: www.jugendprojekte-im-sport.de). Außerdem wurde ein Fachforum mit Praktikern und Praktikerinnen durchgeführt, um das Leben der Jugendlichen zu beschreiben und daraus Handlungsimplikationen für die Sportjugendarbeit abzuleiten (Rittner & Breuer, 1999). Im Ergebnis zeigte sich, dass das große Engagement in den Sportvereinen zu würdigen ist, die Trainer und Trainerinnen jedoch nicht ausreichend für die Arbeit mit den benannten Gruppen qualifiziert und vorbereitet sind (Michels, 2007, S. 14f). Beklagt wurde, so Michels, dass die Vereinstrainer und -trainerinnen die konkreten Lebenswirklichkeiten und Bedürfnisse der Jugendlichen zu wenig kannten und berücksichtigten. Entsprechend wurden diese zu wenig aktiv in die Trainingsabläufe und -inhalte einbezogen. Im Mittelpunkt des Trainings stand allein die sportliche Praxis (ebd., S. 15).
Hinzu kam, dass Sport und Bewegung, auch mit der Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) im Jahr 1991, in dem der Begriff Sport in § 11 SGB VIII erstmalig für die Jugendarbeit gesetzlich verankert wurde, zwar vermehrt in der sozialpädagogischen Praxis genutzt wurden, aber sportpädagogisches Wissen bei den Fachkräften der Sozialen Arbeit häufig fehlte:
»Sozialpädagogen (…) fehlt oft die sportbezogene Fachkompetenz, vielfach werden Arbeitsweisen aus der selbst erlebten Sportbiographie bezogen, dabei so manches antiquierte Konzept wieder belebt« (Michels, 2007, S. 14).
Die im Rahmen dieser Bemühungen mehrfach beklagte unzureichende Zusammenarbeit der Beteiligten hat den Wunsch nach mehr Dialog und Kooperation hervorgebracht, sowohl zwischen den Hochschulen für Sozialwesen und Sportwissenschaft als auch, auf Praxisebene, zwischen sozialen Diensten und Sportvereinen sowie der DSJ bzw. dem DOSB als deren Überbau (ebd.).
Vertreter und Vertreterinnen der Sozialen Arbeit bekundeten ihrerseits die Notwendigkeit der Kooperation; die »Bad Boller Erklärung« von 1997, die als Ergebnis eines Werkstattgesprächs in der Evangelischen Akademie festgehalten wurde, wird hier von den Beteiligten als Meilenstein gesehen. Trotz der Vorgabe, die Kooperation zwischen Hochschulen für Sportwissenschaft und Hochschulen für Soziale Arbeit auszubauen, gab es, so Seibel, seitens der Sportwissenschaften eher wenig Initiativen, die sozialpädagogische Expertise der Hochschulen für Soziale Arbeit zu nutzen (Seibel, 2007, S. 5f).
Zusätzlich zu den Vernetzungsbemühungen gewann an den Hochschulen im Fachbereich Sozialwesen die Qualifizierung der Studierenden an Bedeutung. Anliegen war es hier nicht zuletzt, den zunehmenden Einsatz des Sports in der Praxis qualitativ zu entwickeln. Die Vermittlung sport- und bewegungsorientierter Konzepte erfolgt meist in Form von Zusatzqualifikationen an Hochschulen im Fachbereich Sozialwesen, häufig verbunden mit der Vergabe von Übungsleiterlizenzen. Strukturell, so Michels, sind die Lehrinhalte heute in der Regel im Studienbereich Medien bzw. didaktische Methoden verortet (Michels, 2007, S. 15). Bis heute sind Sport und Bewegung nicht explizit im Kerncurriculum Soziale Arbeit verankert (DGSA, 2016).
Im Kontext der Sozialen Offensive wurde außerdem deutlich, dass Sport nicht per se ›wirkt‹ (Welsche, Seibel & Nickolai, 2013, 27). Das Training mit heterogenen Gruppen stellt für Trainer und Trainerinnen oftmals eine Überforderung dar. Außerdem zeigten verschiedene Studien, dass die dem Sport zugeschriebenen Sozialisationspotentiale nur teils empirisch belegbar sind, auch wenn sie immer wieder hervorgehoben werden (siehe u. a. DOSB, 2009; Brettschneider & Kleine, 2002). Die sich seit den 1990er Jahren langsam durchsetzende Haltung, dass Sport eines speziellen pädagogischen Settings und einer spezifischen Inszenierung bedürfe, hat einen sozialpädagogischen Boom im Sportbereich mit sich gebracht (siehe u. a. Welsche, Seibel & Nickolai, 2013), der in der Aussage, Sportvereine »seien qua Definition ein Ort Sozialer Arbeit«, so Pilz (2002, S. 11) kritisch, verkürzt zusammengefasst wurde. Dies birgt die Gefahr der Über- als auch der Unterbewertung Sozialer Arbeit im Sport in sich. Mit der Überbetonung sozialer Kompetenzen und Settings wird eine zu kritisierende Sozialpädagogisierung des Sports betrieben, gleichzeitig ist eine Entwertung und Deprofessionalisierung Sozialer Arbeit durch die Übertragung sozialpädagogischer Aufgaben an Trainer und Trainerinnen zu verhindern (siehe u. a. Michels, 2007; Pilz, 2002).
Die Relevanz des Themas Sport und Soziale Arbeit wurde seitens der Politik zunehmend anerkannt und entsprechend gefördert. Dies zeigte sich u. a. durch die Erwähnung in den Kinder- und Jugendberichten. So wurde im 10. Kinder- und Jugendhilfebericht von 1998 erstmalig kurz auf die Benachteiligung von Kindern und Jugendlichen hingewiesen und gefordert, deren Integration in außerschulische Bildungs- und Freizeitangebote anzustreben (Welsche, Seibel & Nickolai, 2013, S. 20). Insbesondere ab dem 11. Kinder- und Jugendhilfebericht von 2002, der erstmals ausführlich Kinder- und Jugendarbeit im Sport und die Sportjugend als Jugendhilfeträger behandelt, hat das Thema Sport in den Kinder- und Jugendberichten der Bundesregierung einen festen Platz erhalten. Zudem sei auf verschiedene Programme verwiesen wie z. B. das 1989 aufgelegte, von BMI und BAMF geförderte und vom DOSB durchgeführte Bundesprogramm »Integration durch Sport«, das die interkulturelle Öffnung von Sportvereinen fördert. Das Programm besteht seit 30 Jahren; es richtete sich ursprünglich an die Zielgruppe der Aussiedler und Aussiedlerinnen und wurde an die gesellschaftlichen Entwicklungen und das gewandelte Verständnis von Migration jeweils angepasst.
In den Folgejahren wurde das Thema Sport und Soziale Arbeit kontinuierlich vorangebracht und konsolidiert, so dass Sportsozialarbeit mittlerweile als selbstverständlich und als geeignetes Medium sozialpädagogischen Handelns gilt (ebd., S. 23). Belegbar wird dies u. a. durch ihre Berücksichtigung im »Handbuch Soziale Arbeit«, erstmals 2001 durch Krüger.
Zur Strukturierung des Themenfelds, insbesondere mit Blick auf Wirkungen des Sports, aber auch auf die Lebenswelten der Adressaten und Adressatinnen, hat zweifellos die Einführung der Kinder- und Jugendsportberichte beigetragen (Schmidt et al., 2003).
In Verbindung damit stehen gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, wie z. B. der Ausbau der Gesundheitsförderung, das Wachstum der Gesundheits- und Breitensportbranche oder Initiativen hin zu einer nachhaltigen Entwicklung. So wird Gesundheit von den Vereinten Nationen als eines der 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung benannt (UN, 2015; siehe auch Seibel, 2007, S. 6).
Insgesamt fällt in der Entwicklung, zumindest zu Beginn, eine starke Fokussierung auf Kinder und Jugendliche auf (ebd.). Außerdem erfolgt die Behandlung des Themenfelds Sport und Soziale Arbeit, u. a. bedingt durch die Förderströme, sportbetont. Die Bundesprogrammlinien werden vom DOSB bzw. der Sportjugend als dessen Jugendabteilung durchgeführt. Größere Studien und Publikationen, so auch die Kinder- und Jugendsportberichte, werden bisher vornehmlich von Sportwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen vorgelegt.
Dem DOSB kommt in der Entwicklung eine ambivalente Rolle zu. Auf der einen Seite zeigt er sich als Motor der Entwicklung und ist in alle wichtigen Vorhaben und Programme eingebunden, gleichzeitig hat er durch die Propagierung der positiven Wirkungen zu einer normativen Prägung und Mythologisierung des Sports als Heilsbringer beigetragen.
Zur weiteren Professionalisierung der Sportsozialarbeit besteht, bei Würdigung der bisherigen anerkennenswerten Ansätze, Forschungs- und Diskussionsbedarf, um Praxiskonzepte wissenschaftlich zu fundieren, fachliche Standards zu benennen und die Anschlussfähigkeit sozialpädagogischer Konzepte zu konkretisieren (siehe u. a. Michels, 2007, S. 15f).
1.2 Begriffliche Klärung und Ziele der Sportsozialarbeit
Zur Beschreibung sozialpädagogischen Handelns, in dem Sport als Medium genutzt wird, werden in der Literatur verschiedene Begrifflichkeiten genutzt, von sportbetonter über sportorientierter bis zu sportbezogener Sozialer Arbeit etc. Eine einheitliche Benennung hat sich bislang nicht durchgesetzt. Alle Begriffe betonen die Soziale Arbeit und fügen den Sport attributiv als Medium in der Sozialen Arbeit hinzu. Im vorliegenden Buch wird von Sportsozialarbeit gesprochen. Damit soll zum einen Anschlussfähigkeit an international übliche Sprachregelungen hergestellt werden (Sport Social Work). Zum anderen werden durch diese sprachliche Regelung erste Bemühungen betont, die Soziale Arbeit als Bezugsdisziplin der Sportwissenschaft, analog z. B. zur Sportpsychologie, zu etablieren. Während die Soziale Arbeit die Sportwissenschaft bereits als eine ihrer Bezugsdisziplinen nutzt, bestehen seitens der Sportwissenschaft, anders als beispielsweise in den USA, bislang wenig Bemühungen, die Soziale Arbeit als mögliche Bezugsdisziplin zu sehen bzw. anzuerkennen. Unlängst gibt es jedoch einen Vorstoß der Deutschen Sporthochschule Köln, die mit dem Weiterbildungsangebot »Sport in der Sozialen Arbeit« die Bedeutung sozialarbeitswissenschaftlicher Wissensbestände für die Sportpraxis hervorhebt (DSHS, 2019).
Eine allgemeingültige Definition von Sportsozialarbeit liegt bislang nicht vor, eine begriffliche Diskussion gibt es nur in Ansätzen, häufig dient der in der Sportpädagogik formulierte sogenannte Doppelauftrag Erziehung im und durch Sport als Anknüpfungspunkt. Im vorliegenden Buch wird mit der Darlegung eines theoretischen Bezugsrahmens Sozialer Arbeit anhand ausgewählter Theorien und Konzepte (
Kap. 4) der Versuch einer sozialpädagogischen begrifflichen Annäherung unternommen. Mit der Darlegung verwandter disziplinärer Zugänge wie z. B. der Bewegungspädagogik (
Kap. 6) wird die Verhältnisbestimmung zwischen Bewegung, Sport und Körper als Teil der begrifflichen Auseinandersetzung betont. Das Autorenteam versteht die Überlegungen als Ausgangspunkt für Austausch und Diskussion.
Gemäß den Ausführungen des Sportwissenschaftlers Michael Krüger zu Sport und Sozialer Arbeit im »Handbuch Sozialer Arbeit« wird dem Sport eine hohe soziale Bedeutung im Sinne des sozialen Lernens und der Persönlichkeitsentwicklung bis hin zu emanzipativen Wirkungen beigemessen (Krüger, 2003, S. 1813ff). So kann Sport u. a. dazu beitragen, die Bedeutung von Regeln für das Zusammenleben zu vermitteln, aber auch deren Aushandlung einzuüben, den Umgang mit Sieg und Niederlage in Wettkämpfen zu erlernen oder soziale Rollen spielerisch zu erproben. Diese Lernprozesse können sowohl unbewusst als auch intendiert eingesetzt werden (ebd., S. 1816). Dies kommt im sogenannten Doppelauftrag Erziehung zum und im/durch Sport zum Ausdruck. Während Erziehung im Sport Erziehungsprozesse in den Blick nimmt, die in sportlichen Kontexten per se, d. h. unintendiert ablaufen, sind mit Erziehung durch Sport Erziehungsprozesse gemeint, bei denen Sport bewusst als Instrument eingesetzt wird (ebd., S. 1816). Neben diesen pädagogischen Motiven wird in den Sportwissenschaften mit der Formel Erziehung zum Sport auch ein sportbezogenes Motiv verfolgt, das auf die Erschließung der Sportkultur und der darin enthaltenen Werte wie Leistung, Teamgeist oder Fair Play zielt. Dadurch sollen persönlichkeitsbildende Effekte erzielt werden (DOSB, 2009, S. 5; Baur & Braun, 2003). Um die soziale Wirkung des Sports zu entfalten, ist die pädagogisch verantwortliche Inszenierung und die Reflexion des Sportgeschehens notwendig (u. a. DOSB, 2009, S. 5).
In der Sozialen Arbeit wird Sport gemeinhin als ein Medium oder spezifischer Zugang zur Umsetzung sozialpädagogischer Zielsetzungen, ähnlich wie z. B. die Kunst oder das Theater, bezeichnet und ergänzt in dieser Bedeutung das sozialpädagogische Handlungsrepertoire (siehe u. a. Krüger, 2003; Welsche, Seibel & Nickolai, 2013). Sportsozialarbeit wird dabei nicht als einfache Rezeption sportpädagogischer Ansätze in der Sozialen Arbeit verstanden und lässt sich auch nicht z. B. unter bewegungs- oder erlebnispädagogische Ansätze subsumieren. Das Sozialpädagogische der sportorientierten Sozialarbeit ist weder allein die Zielgruppe noch das soziale Setting. Eine Verwebung mit sozialpädagogischen Handlungsansätzen wie der Lebensweltorientierung oder der Sozialraumorientierung und die Einbeziehung der Lebenswelt außerhalb des professionellen Settings, z. B. Familie oder Schule, machen Sport zum Bestandteil eines integrierten Unterstützungsprozesses mit dem sozialpädagogischen Ziel der Förderung von Teilhabe und Lebensbewältigung. Eine Schnittstellenbestimmung zwischen Sport und Sozialer Arbeit wird mit dem Selbstverständnis der Sozialen Arbeit, d. h., aus den Strukturen und Logiken dieser Disziplin heraus vorgenommen, sportwissenschaftliche Zugänge werden ähnlich wie Wissensbestände der Soziologie oder der Sozialmedizin einbezogen (Steffens & Winkel, 2017, S. 293). Dabei wird die Definition Sozialer Arbeit durch die International Federation of Social Workers (IFSW) zugrunde gelegt.
Soziale Arbeit
»Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen. Die Prinzipien sozialer Gerechtigkeit, die Menschenrechte, die gemeinsame Verantwortung und die Achtung der Vielfalt bilden die Grundlage der Sozialen Arbeit. Dabei stützt sie sich auf Theorien der Sozialen Arbeit, der Human- und Sozialwissenschaften und auf indigenes Wissen. Soziale Arbeit befähigt und ermutigt Menschen so, dass sie die Herausforderungen des Lebens bewältigen und das Wohlergehen verbessern, dabei bindet sie Strukturen ein« (FBTS & DBSH, 2016).
Sport kann demzufolge sowohl emanzipativ-fallbezogen als auch gesellschaftskritisch-strukturell einen wichtigen Baustein in der Umsetzung sozialpädagogischer Ziele darstellen. Ausgangspunkt ist ein lebensweltorientierter, ganzheitlicher Blick auf Menschen, der die Kasuistik vom Sprechakt zum gemeinsamen Tun erweitert und den Blick auf positives Erleben und die Ressourcen von Menschen lenkt. Wie kann es gelingen, allen Menschen einen gleichberechtigten Zugang zum Sport als gesellschaftlichem Teilsystem zu verschaffen und Möglichkeiten zur Partizipation zu geben? Zum einen geht es darum, Zugangsbarrieren abzubauen und Gleichstellungsstrategien aufzubauen. Zum anderen verfolgt Sportsozialarbeit das Ziel, den Sport als Medium für die Unterstützung Einzelner zu nutzen. Der nicht-sprachliche Zugang ermöglicht es, pädagogische Interventionen einzusetzen, wo Hilfen sonst abgelehnt werden. Sportsozialarbeit soll Menschen dazu befähigen, Sport und Bewegung für die eigene Lebensbewältigung nutzbar zu machen. Die folgende Grafik veranschaulicht die Bedeutung des Sports in der Sportpädagogik und der Sozialen Arbeit (
Abb. 1).

Abb. 1: Bedeutung des Sports in der Sportpädagogik und der Sozialen Arbeit (eigene Darstellung)
1.3 Aufbau des Buches
Nach dieser Einführung wird im zweiten Kapitel zunächst das zugrunde gelegte Sportverständnis skizziert. Das Sporttreiben wird anhand der einzelnen Sportbereiche, dem organisierten Sport, dem Schulsport, dem informellen Sport und dem kommerziellen Bereich dargelegt. An dieser Stelle wird auch auf die Sportjugend gesondert eingegangen, die als Dachorganisation der Kinder- und Jugendsportvereine sowie als Träger von Jugendhilfeangeboten fungiert. Anschlussmöglichkeiten für die Sportsozialarbeit werden skizziert (
Kap. 2).
Im dritten Kapitel werden die einzelnen Praxisfelder Sozialer Arbeit, unterteilt in Gesundheit, Bildung und Soziales, in ihrer Struktur und Grundausrichtung vorgestellt. Bestehende sportorientierte Angebote in diesen Bereichen werden benannt und mögliche Ausbaupotentiale ausgelotet. Um einen breiten Überblick über die Angebotsvielfalt zu geben, werden zahlreiche Praxisbeispiele präsentiert (
Kap. 3).
Im vierten Kapitel werden theoretische Ansätze Sozialer Arbeit dargestellt und hinsichtlich ihrer Relevanz für sportorientierte Konzepte diskutiert. Hier steht der Nutzen für das praktische Handeln im Vordergrund. Zur Veranschaulichung wird jeweils ein sportorientiertes Praxisbeispiel ausführlich vorgestellt (
Kap. 4).
Im fünften Kapitel werden Überlegungen zur Professionalisierung der Sportsozialarbeit angestellt. Nach der Darstellung des zugrunde gelegten Professionsverständnisses wird auf evidenzbasierte Forschung eingegangen und ein erster Versuch unternommen, den Forschungsbedarf zu benennen (
Kap. 5).
Im sechsten Kapitel erfolgt eine Abgrenzung und Schnittstellenbestimmung zu den Bezugswissenschaften der Sport- und Bewegungspädagogik, der Sport- und Körpersoziologie und der Erlebnispädagogik (
Kap. 6).
Das Buch schließt im siebten Kapitel mit einem Ausblick auf internationale Perspektiven. Hier werden allgemeine Entwicklungstrends sowie Perspektiven im Leistungs- und eSport dargelegt (
Kap. 7).
Das Lehrbuch richtet sich an Studierende, Fachkräfte und Lehrende der Sozialen Arbeit sowie verwandter Disziplinen wie z. B. der Sportwissenschaft oder der Heilpädagogik. Zur Veranschaulichung der Inhalte werden Fallbeispiele und Abbildungen genutzt.
2 Sporttreiben und Sportorganisation
Was Sie in diesem Kapitel lernen können
In diesem Kapitel werden die Bedeutung und Ausbreitung von Sport als gesellschaftlichem Teilsystem in Deutschland dargelegt und ein Einblick in zentrale Sportfelder gegeben. Der Bereich des organisierten Sports, des Schulsports, des informellen Sports und des kommerziellen Sports werden unter Berücksichtigung der Relevanz für die Sportsozialarbeit beleuchtet. Darüber hinaus werden Praxisangebote, die auf sozial(pädagogisch)e Zielsetzungen ausgerichtet sind, präsentiert.
2.1 Sportverständnis
Sport in Deutschland stellt heute neben Kultur, Medien, Gesundheit, Bildung und anderen Sektoren einen eigenen Gesellschaftsbereich mit hoher gesellschaftlicher Relevanz dar. Ein individuelles Sportverständnis, die Ausdifferenzierung an Sportarten und die Nutzung unterschiedlicher Sporträume führen zu einer kaum überschaubaren Vielfalt bewegungskultureller Phänomene und Kontexte.
Zur Entwicklung des Sports haben vielfältige gesellschaftspolitische Strömungen beigetragen, die hier nur in einem kurzen Abriss dargestellt werden können. So kann insbesondere die Bedeutung des Sports in der Zeit des Nationalsozialismus, die u. a. zu einer sportorganisatorischen Zersplitterung und massiven Veränderung des Wertesystems geführt hat, aufgrund seiner Komplexität im Folgenden nicht behandelt werden (dazu u. a. Teichler, 2010; Luh, 2010).
Im 18. und 19. Jahrhundert beeinflussten v. a. Entwicklungen in Deutschland und England den Prozess. In Deutschland waren es zunächst reformpädagogische Ansätze der Philanthropen, wie u. a. Gutsmuths (1759–1839), Salzmann (1744–1811) und Basedow (1724–1790). Sie werden noch heute als »Wegbereiter einer modernen Theorie der Leibeserziehung« (Krüger, 2009, S. 52) gesehen, weil sie erstmalig die Idee einer ganzheitlichen Erziehung durch Bewegung in Form von gymnastischen Leibesübungen vertraten. Daran anschließend entwickelte sich die Turnbewegung um Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852), welche als Ursprung des außerschulisch organisierten Breitensports und des Vereinswesens gesehen werden kann (Krüger, 2010, S. 175ff; kritisch zu Jahn: Dueding, 1978; Schnitzler, 2003). Parallel dazu setzte sich in England mit der Einführung sportlicher Wettkämpfe ein Gegenstück zum Turnen und zur Gymnastik durch. War Sport in England bis dato als exklusive Freizeitbeschäftigung dem Adel und der Oberschicht vorbehalten, führten gesellschaftspolitische Widerstände zu einer Ausbreitung des Sports in bürgerlichen Kreisen (Eisenberg, 2010, S. 181ff). Der auf die englische Tradition von Sports and Game zurückgehende Universalbegriff Sport hat sich bis heute durchgesetzt (Krüger, 2008, S. 58). Im Laufe der Zeit hat Sport einen Differenzierungsprozess durchlaufen mit der Folge, dass immer mehr körperliche Aktivitäten unter dem Begriff Sport subsumiert werden und das Begriffsverständnis von Sport zu einer diffusen Vielfalt geworden ist. Nach Krüger (2008, S. 58) ist »›Sport‹ […] als Gegenstandsbegriff nur dann geeignet, wenn er alle historisch gewordenen sowie sozial und kulturell geformten Inhalte von körperlichen Spielen und Übungen mit einschließt.« Als Einflussfaktor auf den Wandel von Sport ab dem 20. Jahrhundert gilt aus soziologischer Perspektive v. a. die Individualisierung:
»Bedeutung, Form und Inhalt des zeitgenössischen Sports sind Resultat des gesellschaftlichen Individualisierungsprozesses« (Gugutzer, 2008, S. 88).
Kennzeichnend für diesen Prozess waren u. a. eine Pluralisierung von Lebenswelten durch den Ausbau des Wohlfahrts- und Sozialstaats, die Freisetzung aus traditionellen (Geschlechter-)Rollen, ein gesteigertes individuelles Leistungsdenken, ein Wandel von gesellschaftlichen Grundwerten und die Hinwendung zum Hedonismus (ebd.; auch Bette, 1999, S. 150ff; vertiefend zur Individualisierungsdebatte: Beck, 1986). Der Einfluss des Individualisierungsprozesses auf den Sport wird auf unterschiedlichen Ebenen festgestellt. Zum einen wird der Leistungsindividualismus hervorgehoben, der im Wettkampf-, Leistungs- und Hochleistungssport ein optimales Handlungsfeld findet (Bette, 2001, S. 95). Zum anderen benennt Gugutzer weitere Veränderungen, die sich im Zuge der Individualisierung für den Sport ergeben haben. Der Ausbau des Wohlfahrts- und Sozialstaats und ein damit verbundener erhöhter Lebensstandard ermöglichten vielen Menschen den Zugang zum Sport:
»Denn erst ein gewisses Maß an materiellem Lebensstandard ermöglicht es z. B. teure Sportkleidung oder Mitgliedschaftsbeiträge […] bezahlen zu können, wie auch erst ein entwickelter Sozialstaat die infrastrukturellen und ökonomischen Bedingungen schafft, damit kranke und behinderte Menschen […] Sport betreiben können« (Gugutzer, 2008, S. 92).
Diese Entwicklung war auch für den Ausbau des organisierten Sports unter dem Slogan »Sport für Alle« von hoher Bedeutung. Damit einher ging die Ausdifferenzierung des Sportbegriffes und die Pluralisierung an Sportarten und Organisationsformen, welche Bette (2001, S. 100) als »Einheit der Vielheit« beschreibt. Im Laufe der Zeit sind eine Vielzahl an Typen sportlichen Handelns entstanden, u. a. Freizeitsport, Gesundheitssport, Trend- und Abenteuersport, Risikosport oder Mediensport (Heinemann, 2007, S. 55). Neben der Entstehung einer begrifflichen Vielfalt und Ausdifferenzierung führt die Pluralisierung von Sportformen und -organisationen zu einer neuen Sportlichkeit. Sportsoziologen sprechen von einem »Wertewandel« des Sports (Digel, 1990). Der sogenannte »alte Sportgeist« war von Worten wie Fairness, Leistung, Wettkampf, Kameradschaftlichkeit und Vereinsbindung begleitet (ebd.). Zwar existieren diese Bedeutungen auch heute noch, jedoch ist das Sportverständnis laut Grupe heute zudem an individualistischen und hedonistischen Werten, wie z. B. dem Genuss, der Erfüllung, der Ungebundenheit und der Abwechselung, orientiert (Grupe, 2003, S. 7f). Ein weiteres Merkmal individualisierter Bewegungspraxen ist die Aufwertung des eigenen Körpers.
Resultat dieser Ausdifferenzierungen ist, dass heute kaum mehr erfasst werden kann, was unter Sport eigentlich zu verstehen ist und was den modernen Sport ausmacht.
»Semantisch und logisch kaum haltbare Gegensatzpaare wie Freizeit- contra Wettkampfsport oder Leistungssport contra Breitensport, unscharfe Begriffe wie Körper- oder Bewegungskultur haben dabei fragwürdige Auswirkungen bis hinein in die meist ideologisch geprägten Antwortvorgaben, wenn es um die empirische Erfassung von Sportangeboten, Motiven oder Interessen […] geht« (Digel, 1995, S. 143).
Trotz dieser offenkundigen Vielfalt haben sich einige Begrifflichkeiten allgemein durchgesetzt.
• Breitensport ist sowohl der Sport, der mehrheitlich in Amateurligen der Sportvereine wettkampfmäßig organisiert wird, als auch der Sport in den Vereinen, der nicht wettkampfmäßig organisiert ist und häufig als organisierter Freizeitsport bezeichnet wird (Cachay & Thiel, 2000, S. 115).
• Freizeitsport ist ein Sammel- und Oberbegriff für vielfältige Erscheinungsformen von Sport in Abgrenzung zum Leistungs- und Hochleistungssport. Unter Freizeitsport können auch z. B. Breitensport, Gesundheitssport, Spaßsport verstanden werden (Dieckert, 2003, S. 205f).
• Gesundheitssport beinhaltet die Förderung, Aufrechterhaltung und Wiederherstellung von physischer und psychischer Gesundheit mithilfe von Gesundheitssportprogrammen und lässt sich in die Bereiche Gesundheitsförderung, Präventionssport, Sporttherapie, Rehabilitationssport untergliedern (Bös & Brehm, 2006).
• Leistungssport ist dadurch gekennzeichnet, dass die Erbringung von wettkampfbezogenen (körperlichen) Leistungen mit hohem Trainingsaufwand im Vordergrund steht. Sportliches Handeln wird dabei entweder am Ziel der Leistungssteigerung, am Sieg oder an einer Kombination beider ausgerichtet (Emrich, 2003, S. 343).
• Hochleistungssport richtet sich an internationalen Rekorden aus und zielt darauf ab, die eigene Leistung an Normen der international gültigen Wettkampfklassen auszurichten (Anders, 2008, S. 309).
Nach Franke (1978, S. 140) bekommt eine sportliche Handlung ihre Bedeutung erst durch die Zuschreibung seiner Handelnden und die Einbettung in einen jeweiligen Kontext. Sport wird demnach als ein soziales Konstrukt betrachtet. Heinemann greift diesen Gedanken auf und beschreibt, dass Sport für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen haben kann, die sich im Laufe der Zeit und auch kulturbedingt stetig wandeln (Heinemann, 2007, S. 53f). Zwar bleibt eine klare Definition aus (»Keine Definition kann weit genug gefasst werden, um alles angemessen zu erfassen – die aber letztlich auch nichts mehr ausschließen kann«, ebd., S. 55), jedoch benennt Heinemann vier konstitutive Elemente, die für eine Begriffsbestimmung und Systematisierung von Sport in einem engen Verständnis herangezogen werden können.
Grundmerkmale von Sport im engeren Sinne
• Körperliche Leistung: zielgerichteter Umgang mit dem Körper und notwendige motorische Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit
• Wettkampf: Leistungsvergleich, messbar am erzielten Wettkampfergebnis
• Sportartenspezifisches Regelwerk: eine sozial organisierte Form des Umgangs mit dem Körper; Sport ist durch ein Bündel von Regelungen definiert
• Unproduktivität: Handlungen im Sport zielen nicht darauf, Produkte zu erstellen oder ein Werk zu schaffen (ebd., 56f)
Aus diesen konstitutiven Elementen entwickelte Heinemann eine Modell-Systematik, in der die Einheitlichkeit von Sport aufgebrochen und eine Vielschichtigkeit des Sportverständnisses widergespiegelt wird. Dabei unterscheidet er verschiedene Modelle (traditioneller Wettkampfsport, professioneller Showsport, expressives Sportmodell, funktionalistisches Sportmodell, traditionelle Spielkulturen; ebd.). Treffen im wettkampfbezogenen Modell noch alle Elemente zu, so werden sie bei den weiteren Modellen nur noch bedingt berücksichtigt. Hierbei ist zu beachten, dass die einzelnen Ausprägungsformen nicht immer klar voneinander abzugrenzen und Übergänge zwischen den Modellen als fließend zu betrachten sind. Im Alltagsgebrauch werden zudem viele Aktivitäten als Sport bezeichnet, die sich diesen Elementen nicht zuordnen lassen, wie z. B. Schach oder Angeln. Daher stimmt der Klassifikationsversuch von Heinemann auch nicht immer mit dem überein, was gesellschaftlich unter Sport verstanden wird (Burk & Fahrner, 2013, S. 31f). Aus Sicht der Sozialen Arbeit ist kritisch anzumerken, dass unter den konstitutiven Elementen vermehrt die körperliche Leistung und der Wettkampfgedanke berücksichtigt werden, nicht aber z. B. psychosoziale Ressourcen. Die Sportsozialarbeit orientiert sich an einem weiten Sportverständnis, wie es in der Begriffsreihung Bewegung, Spiel und Sport vorkommt, z. B. in schulischen Lehrplänen (Beckers 2014b, S. 39). Beckers sieht im Begriff Sport »einen wesentlichen Teil unserer Kultur, in dem die körperbetonte, spielerische und körperliche Bewegung […] in unterschiedlichen Formen und Zugangsweisen Gestalt angenommen hat« (ebd.). Diese Entwicklung zeigt sich auch an den sportwissenschaftlichen Instituten der Universitäten; an verschiedenen Instituten, z. B. in Erfurt, Duisburg-Essen oder Stuttgart, wurden Studiengänge von klassischen Sportwissenschaften zu Sport- und Bewegungswissenschaften erweitert.
Ein erweitertes Begriffsverständnis von Sport führte im Zuge des Individualisierungsprozesses dazu, dass sich zunehmend quer zum traditionellen, wettkampforientierten Vereinssport und dem Schulsport weitere Sportanbieter etabliert haben. Dazu gehören u. a. kommerzielle Sportanbieter, soziale Dienste, Familienbildungsstätten, Volkshochschulen, Kirchengemeinden oder Krankenkassen (Gugutzer, 2008, S. 93). Auch das selbstorganisierte Sporttreiben erfährt, gerade im Jugendalter, zunehmend an Bedeutung. Diese Vielfalt lässt sich in verschiedene Organisationsformen untergliedern (
Abb. 2).

Abb. 2: Organisationsformen des Sports in Deutschland (eigene Darstellung)
Auf die einzelnen Organisationsformen des Sports wird im Folgenden näher eingegangen, die Relevanz für die Sportsozialarbeit wird dabei mit betrachtet.
2.2 Organisierter Sport
2.2.1 Aufbau und Struktur des organisierten Sports
Einen bedeutenden Sektor in Deutschland stellt der organisierte Sport unter der regierungsunabhängigen Dachorganisation des DOSB dar. Der DOSB ist ein eingetragener Verein (e. V.) mit Sitz in Frankfurt am Main. Laut Satzung liegt der Zweck des DOSB darin, den deutschen Sport in all seinen Erscheinungsformen zu fördern, zu koordinieren und ihn gegenüber der Gesellschaft, dem Staat sowie sonstigen Institutionen im In- und Ausland zu vertreten. Weiterhin obliegen ihm alle Zuständigkeiten eines Internationalen Olympischen Komitees wie z. B. der Teilnahme der Bundesrepublik Deutschland an Olympischen Spielen. Zudem ist der DOSB für die Betreuung seiner Mitglieder nach Maßgaben der Satzung zuständig (DOSB, 2018a, § 2). Zum DOSB gehören 101 Mitgliedsorganisationen, darunter 16 Landessportbünde, 66 Spitzenverbände sowie 19 Verbände mit besonderen Aufgaben (DOSB, 2019).
Insgesamt sind unter dem Dach des DOSB ca. 27,4 Millionen Menschen in Mitgliedschaften registriert, die in ca. 90.000 Turn- und Sportvereinen organisiert sind (DOSB, 2018b). Als Dachverband des gesamten organisierten Sports erfüllt der DOSB Ordnungs-, Programm- und Dienstleistungsfunktionen (Heinemann, 2007, S. 141). Konkrete Aufgaben werden im Kurzportrait des DOSB benannt. Als anschlussfähig für die Sportsozialarbeit gelten v. a. die Aufgaben, welche unter Allgemeines aufgeführt werden. Dazu gehören u. a.
»die Förderung einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung im Sport, die Förderung des Kinder- und Jugendsports, insbesondere die Gewinnung junger Menschen für den Sport, der Kampf gegen Doping und Spielmanipulationen, der Kampf gegen sexualisierte Gewalt im Sport, die Förderung von Sport, Spiel und Bewegung im Elementarbereich sowie in Schule und Hochschule, die Förderung von Bildung im und durch Sport« (DOSB, 2018a, § 3 (1), I.).

Abb. 3: Das System des organisierten Sports in Deutschland (eigene Darstellung)
Die Jugendorganisation des DOSB bildet die DSJ (DSJ). Unter ihr sind mehr als 9,5 Millionen junge Menschen aktiv. Sie vereint nicht nur die Sportvereine für Kinder und Jugendliche unter einem Dach, sondern ist auch bundesweit der größte Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe. Mit ihren Mitgliedsorganisationen, den Landessportjugenden und deren Untergliederungen (Verbände und Vereine), gestaltet die DSJ im gesamten Bundesgebiet flächendeckend Angebote mit dem Medium Sport, um junge Menschen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung im Sinne des SGB VIII zu fördern (DSJ, 2019).
Das System und der Aufbau des organisierten Sports werden in obiger Abbildung in Anlehnung an Heinemann 2007 stark vereinfacht dargestellt (
Abb. 3).
2.2.2 Sportvereine
Sportvereine bilden mit ihren Mitgliedern die strukturelle Basis des organisierten Sports. Ca. 90.000 Sportvereine mit rund 27,4 Millionen Mitgliedschaften sind über Bezirks- und Stadtsportbünde als Mitglieder in Landessportbünden und Fachverbänden unter dem Dach des DOSB organisiert (DOSB, 2018a). Sportvereine sind durch Grundprinzipien bestimmt, die gesetzlich geregelt und zivilgerichtlich verankert sind.
Sportvereine
Sportvereine als Mitgliedsorganisationen des DOSB werden in der Organisationssoziologie dem Typus der Freiwilligenorganisation zugeordnet. Konstitutive Merkmale von freiwilligen Vereinigungen, somit auch von Sportvereinen ergeben sich nach Heinemann & Horch (1988) durch das Verhältnis der Mitglieder zu der Organisation. Diese sind freiwillige Mitgliedschaft, Orientierung an den Interessen der Mitglieder, Unabhängigkeit von Dritten, Freiwilligenarbeit, demokratische Entscheidungsstruktur. Die konstitutiven Merkmale kommen jedoch in der Reinform nur noch selten vor. Zum Beispiel wird ehrenamtliches Engagement besonders bei Großsportvereinen durch das Hauptamt abgelöst, demokratische Entscheidungskultur kann durch Mitgliederpassivität nicht ausgeschöpft sein, Mitgliedschaften durch z. B. Gruppenzwang beeinflusst werden (Nagel, 2006).
Zwar unterliegen Sportvereine einer gemeinsamen Struktur und gesetzlichen Grundlagen, dennoch haben sie viel Gestaltungsfreiraum und unterscheiden sich maßgeblich in Größe, Zielen, Inhalten und Erscheinungsformen. Es kann daher nicht von dem Sportverein gesprochen werden. In erster Linie geht es um die Förderung von Sport und die Bereitstellung von Sportgelegenheiten, darüber hinaus werden auch soziale Ziele verfolgt (
Kap. 2.2.3) (Heinemann & Horch, 1988). Systematische Befunde zur Entwicklung von Sportvereinen in Deutschland liefern die Sportentwicklungsberichte des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp). Im zweijährigen Turnus werden von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Deutschen Sporthochschule Köln unter der Leitung von Breuer Daten der bundesdeutschen Sportvereine erhoben und aufbereitet, die für Sportpraxis und Sportpolitik Befunde zur aktuellen Situation des Vereinssports liefern. Im Erhebungszeitraum 2015/16 haben sich mehr als 20.000 Vereine an den Befragungen beteiligt (Breuer, 2017, S. 15ff).
2.2.3 Gesellschaftliche Bedeutung des organisierten Sports
Sportvereine grenzen sich als freiwillige Organisationen von kommerziellen und marktorientierten Dienstleistungsunternehmen sowie vom informellen Sport ab und bewegen sich zwischen den Polen Markt, Staat und informeller Sektor. Aus der daraus folgenden Strukturlogik werden Sportvereine dem Dritten Sektor zugeordnet (
Abb. 2). Bei Organisationen des Dritten Sektors liegt die Zielsetzung nicht wie beim Sektor Markt in der Gewinnmaximierung, sie verfolgen demnach keine eigenwirtschaftlichen Ziele wie z. B. Fitnessstudios. Auch übernehmen sie, im Gegensatz zum Staat, keine »genuin hoheitlichen Aufgaben«. In Abgrenzung zum informellen Sektor unterliegen sie einer formaleren Organisationsstruktur, z. B. in Form fester Trainingszeiten und -gruppen oder der Vereinsmitgliedschaft (Heinemann, 2004, S. 77). Organisationen des Dritten Sektors werden auch als Non-Profit-Organisationen (NPO) bezeichnet. Diese erfüllen wichtige gesellschaftliche Aufgaben wie z. B. die Aufwertung bürgerschaftlichen Engagements oder die Förderung sozialer Integration (vertiefend dazu u. a. Nagel, 2006, S. 29; Heinemann, 2004, S. 78; Zimmer et al., 2005; Badelt et al., 2007).
Im Zuge der Bewegung »Sport für alle« erweiterte sich die Angebotsstruktur in den Sportvereinen; es gelang die Einbindung sozialer Gruppen, die lange Zeit erschwerten Zugang zu Sport hatten, darunter u. a. Frauen, Senioren oder Menschen mit Beeinträchtigungen (Cachay, 1988, S. 266ff; Gugutzer, 2008, S. 92; Nagel, 2006, S. 44ff). Das Wachstum an Mitgliedszahlen verdeutlicht dies. Waren es 1950 noch ca. drei Millionen Menschen, so stieg die Anzahl bis zum Jahr 2018 auf ca. 27 Millionen Menschen an (DOSB, 2011; DOSB, 2018a).
Das zivilgesellschaftliche Potential des organisierten Sports in Deutschland genießt daher eine besondere Wertschätzung und wird durch staatliche Mittel vielfältig gefördert (Braun, 2013a, S. 23; Haring, 2010).
Gleichzeitig sind die Erwartungen an die Sportvereine hoch. Neben dem praktischen Sporttreiben und der Vermittlung sportspezifischer Kenntnisse soll sozialen Herausforderungen u. a. im Kontext von Gesundheit, Bildung, Integration, Inklusion und Kinderschutz begegnet werden (Rittner & Breuer, 2004).
In der Gesundheitsförderung ging der DOSB mit der Vorlage einer gesundheitspolitischen Konzeption (1995) erste Schritte zur konzeptionellen Verankerung von Qualitätssicherung im Sport. Gesundheit und Sport wurden zu zentralen Zukunftsaufgaben der Sportvereine erklärt. Zu nennen sind hier im Gesundheitssport z. B. das Siegel »Sport pro Fitness« oder das Siegel »Sport pro Gesundheit«, die eine Qualitätssicherung der Angebote und eine Anerkennung durch die Krankenkassen sicherstellen (DOSB, 2010; 2015). Mittlerweile ist das Thema Gesundheitsförderung im Sportverein durch Gesundheitssportangebote, Qualifizierung der Trainerinnen und Trainer, die Festlegung von Qualitätsmaßstäben oder die Kooperation mit Krankenkassen weiter vorangetrieben worden.
Im Bildungssektor kann die gesellschaftliche Bedeutung des organisierten Sports u. a. anhand der Zusammenarbeit mit Schulen und Kitas belegt werden (
Kap. 2.3.2). Hierbei bilden Sportvereine ein wichtiges Strukturelement für die sozialräumliche Vernetzung, zu nennen sind hier z. B. die gemeinnützige Kindergarten Träger-Gesellschaft KIB gGmbH (Kinder in Bewegung) des LSB und der SJ Berlin oder Landesprogramme zur Kooperation von Schulen & Vereinen.
Konkrete Bildungsangebote unterbreiten die Bildungsstätten der Sportjugenden. Sie bieten zum einen z. B. Seminare für Schulkassen zu jugendpolitischen Themen oder Sozialkompetenztrainings, zum anderen fungieren sie als Aus- und Fortbildungszentren für die Jugendarbeit im Sport (DSJ, 2018). Die Initiative »Lernort Stadion« führt politische Bildung an Lernzentren in Fußballstadien durch (Lernort Stadion e. V., 2017).
Im Bereich der Integration und Inklusion stellt der organisierte Sport Angebote für diverse Zielgruppen bereit. Zu nennen sind hier u. a. das Bundesprogramm »Integration durch Sport«, Initiativen zur Herstellung von Geschlechtergerechtigkeit im Sport oder Programme im Rahmen von Inklusion für eine gleichwertige Teilnahme und Teilhabe von Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen (DOSB, 2019). Dem Thema Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit im Sport widmen sich speziell ausgearbeitete Programme (DSJ, 2019). Zum anderen leistet die Fanarbeit hier gezielt Präventionsarbeit (KOS, 2019) (
Kap. 4.2.4). Zur Prävention von sexualisierter Gewalt im Sport haben die DSJ und die Landessportjugenden Handlungsleitfäden und Qualifizierungsangebote für ihre Mitgliedsorganisationen entwickelt (DSJ, 2019).
Gleichzeitig weisen unterschiedliche Positionen auf eine soziale Ungleichheit im Sport hin, die trotz zahlreicher Bemühungen der Vereine weiterhin bestehen (u. a. Cachay & Hartmann-Tews, 1998; Haut, i. E.; Nagel, 2003) (
Kap. 3.3.2).
Es existiert eine Vielzahl an sozialen Initiativen des organisierten Sports im Kinder- und Jugendbereich. Einen Überblick dazu liefert die Projektdatenbank der DSJ (www.jugendprojekte-im-sport.de/), die aus dem Fachforum »Soziale Offensive im Jugendsport. Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten« (Rittner & Breuer, 1999) entstanden ist. Diese Projektdatenbank wurde für den Zweiten und Dritten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht ausgewertet. Demnach werden 260 sportliche Projekte für den Zeitraum zwischen 2002 und 2015 vorwiegend in den Themenfeldern Integration, Zusammenarbeit mit Schule, Gewaltprävention, Ehrenamt und Partizipation angegeben (Derecik & Züchner, 2015, S. 228). Diese sozialen Initiativen im Jugendsport stellen eine Schnittstelle zwischen Sport und Sozialarbeit dar. Akzeptanz, Anschlussfähigkeit und Synergien in der interdisziplinären Zusammenarbeit führten dazu, dass sich einige Projekte über die Jahre fest etablieren konnten, z. B. Projekte des Landessportbunds NRW oder der Sportjugend Berlin (Prenner, 2008, S. 34). In Berlin hat sich aus der Zusammenarbeit des organisierten Sports mit der Gesellschaft für Sport und Jugendsozialarbeit gGmbH (GSJ) ein eigenständiger Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe entwickelt, der in enger Zusammenarbeit mit der Sportjugend Berlin flächendeckende Angebote der sportorientierten Jugendsozialarbeit, u. a. schulbezogene Jugendsozialarbeit, offene Jugendarbeit, Hilfen zur Erziehung oder KICK-Projekte zur Gewaltprävention, bietet.
Ob die gesellschaftliche Funktion des organisierten Sports in der Vereinswirklichkeit tatsächlich erfüllt wird, lässt sich auf der Grundlage der derzeitigen empirischen Datenlage nur unzureichend beantworten (Rittner & Breuer, 2004).
Einigkeit herrscht darüber, dass Sportvereine in Deutschland weit mehr Menschen integrieren als vergleichbare Freiwilligen-Vereinigungen (ebd., 35). Dies ist v. a. für den Kinder- und Jugendbereich in diversen Studien belegt (u. a. Gerlach & Brettschneider, 2013; Züchner, 2016). Der höchste Organisationsgrad von Kindern und Jugendlichen im Sportverein ist in der Altersgruppe 7 bis 14 Jahren zu erkennen. Hier weisen laut der Mitgliedererhebung des DOSB 2018 ca. 80 % der Jungen und 60 % der Mädchen eine Vereinsmitgliedschaft auf, in der Altersgruppe der 15- bis 18-Jährigen sind ca. 65 % der Jungen und knapp die Hälfte der Mädchen Mitglied in einem Sportverein (DOSB, 2018a). Laut Gerlach & Brettschneider (2013, S. 150) sind Sportvereine »unangefochten die ›Nr. 1‹ unter den Kinder- und Jugendorganisationen […] keine andere Organisationsform (kann) auf eine derartige Partizipationsrate verweisen.« Mehr als in anderen Verbänden ermöglicht Sport auch die Begegnung junger Menschen über verschiedene soziale Schichten und Milieus hinweg, wobei es sportartspezifische Differenzen gibt und z. B. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund in der Gesamtbetrachtung noch immer unterrepräsentiert sind (Picot, 2011, 23).
Daten des Freiwilligensurveys 2014 belegen, dass der höchste Anteil freiwillig engagierter Menschen ab 14 Jahren in Deutschland mit 16,3 % im Bereich Sport und Bewegung zu finden ist (BMFSFJ, 2016). Laut des Sportentwicklungsberichts engagieren sich rund 1,7 Millionen Menschen ehrenamtlich als Trainerin oder Trainer sowie im Vorstand in einem deutschen Sportverein. Zählt man diejenigen dazu, die sich an gesonderten Arbeitseinsätzen wie z. B. Sportveranstaltungen, Fahrdienste, Feste oder Renovierungen beteiligen, so ergibt das eine Gesamtzahl von rund acht Millionen Ehrenamtlichen (Breuer, 2017, S. 29f). Wenn auch mit leichtem Rückgang, so engagieren sich auch Jugendliche im Sportverein stärker als in anderen gesellschaftlichen Bereichen (Braun, 2013b). Es lässt sich vermuten, dass Menschen, die ehrenamtliche Aufgaben im Sportverein übernehmen, zu langfristigem bürgerschaftlichen Engagement angeregt werden (Gogoll et al., 2008, S. 161). Braun steht dieser These allerdings vorsichtig gegenüber. Noch mangele es an empirischen Befunden, ob Sportvereine tatsächlich als ein Übungsfeld bürgerlichen Handelns gesehen werden können, oder sich dort »vor allem solche Menschen zusammenschließen, die unabhängig von ihrer Mitgliedschaft und ihrem Engagement ein höheres soziales Vertrauen und umfangreichere bürgerschaftliche Kompetenz aufweisen« (Braun, 2006, S. 4506; dazu auch Braun, 2012, S. 286). Auch ist gerade bei jungen engagierten Menschen ein Wandel vom traditionellen Ehrenamt mit einer langfristigen Vereinsbindung hin zum neuen Ehrenamt zu erkennen, das u. a. von Flexibilität und rational motiviertem Handeln gekennzeichnet ist. Dies stellt die Vereine vor neue Herausforderungen (Braun, 2013a; Braun & Nobis, 2015, S. 283ff). In einer über zehn Jahre angelegten Längsschnittstudie von Gerlach & Brettschneider (2013) wurde ein positiver Effekt zwischen sportlichem Engagement im Verein und der Stärkung der damit verbundenen sozialen und personalen Ressourcen festgestellt.
In Bezug auf die Prävention von jugendlichem Risikoverhalten werden ambivalente Auswirkungen herausgestellt. Sportvereinsmitglieder haben demnach einen höheren Alkoholkonsum, jedoch niedrigeren Nikotinkonsum als Nicht-Mitglieder. Auch in Bezug auf deviantes Verhalten können keine signifikanten Unterschiede zwischen Vereinsmitgliedern und Nicht-Mitgliedern festgestellt werden (Brettschneider & Kleine, 2002).
Auf die Bedeutung des organisierten Sports zur Gemeinwohlorientierung wird nicht näher eingegangen, hier sei u. a. auf eine Zusammenstellung von Forschungsergebnissen bei Rittner & Breuer (2004, S. 50f), den Sportentwicklungsbericht 2015/16 (Breuer, 2017, S. 244f), Tiemann (2012, S. 271ff) und Opper & Wagner (2009, S. 11) verwiesen. Zur Zukunft der Sportvereine in zunehmend pluralisierten Sportlandschaften äußern sich Braun und Hansen (2019) kritisch.
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der organisierte Sport das Potential besitzt, unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen zu erfüllen. Michels (2007; siehe auch Welsche, 2013/2018c) u. a. weisen allerdings darauf hin, dass die Arbeit in Sportvereinen, hauptsächlich in ehrenamtlichen Strukturen von Laien geleistet wird und von professioneller Sozialer Arbeit klar abzugrenzen ist. Unterschiede beider Felder sind zu wahren, Kooperationen zwischen den Beteiligten werden jedoch gewünscht, um gesellschaftlichen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen (Welsche, 2018c, S. 79).
2.3 Schulsport
Schulsport nimmt im Rahmen des Erziehungs- und Bildungsauftrags von Schulen in Deutschland einen bedeutenden Stellenwert ein. Die »leibliche Verfasstheit des Menschen und die Bewegungskultur des Sports als Medium leiblicher Erfahrungen« (Schulz, 2014, S. 178) bildet dafür einen wichtigen Grundstein, innerhalb dessen Bewegung, Spiel und Sport als elementare Bestandteile ganzheitlicher Bildung verstanden werden. Daher wird Schulsport auf unterschiedlichen Ebenen im Kontext Schule berücksichtigt. Auch die Schulgesetze tragen dem Rechnung und erheben Sport und Gesundheit zu unverzichtbaren Erziehungszielen. Im Schulgesetz Berlin heißt es z. B.:
»Schulische Bildung und Erziehung sollen die Schülerinnen und Schüler insbesondere befähigen, […] ihre körperliche, soziale und geistige Entwicklung durch kontinuierliches Sporttreiben und eine gesunde Lebensführung positiv zu gestalten sowie Fairness, Toleranz, Teamgeist und Leistungsbereitschaft zu entwickeln« (Sen BWF, 2010, § 3 (3) 7).
Neben dem obligatorischen Unterrichtsfach Sport, welches in allen Schulformen und -stufen fest im Schulplan verankert ist, umfasst der Begriff Schulsport auch weitere Formen von Sport, Spiel und Bewegung, die im Kontext Schule stattfinden und dazu beitragen, pädagogische Aufgaben und Ziele in der Schule zu erfüllen (Bräutigam, 2008, 18). Fessler (2010) hat eine Ordnung vorgenommen, die eine hilfreiche Übersicht zu der Vielfalt an Schulsportangeboten gibt. Er unterscheidet nach (1) unterrichtlichem Schulsport, (2) außerunterrichtlichem Schulsport, (3) zusätzlichen Sport-, Spiel-, und Bewegungsangeboten in der Schule sowie (4) schulsportlichen Angeboten mit/durch außerschulische Partnerorganisationen. Je nach Ausrichtung und Grad der Schulsportkultur können in einer Gesamtstrategie bewegungszentrierte Schulprofile geschaffen werden (Stibbe, 2014, S. 110ff). Der Sportsozialarbeit kommt v. a. im außerunterrichtlichen Schulsport und bei weiteren nicht-obligatorischen Angeboten eine besondere Rolle zu (
Abb. 4).

Abb. 4: Bausteine des Schulsports, (aus: Fessler, N. (2010). Schulsportliche Profilbildungen: Eine Einführung. In: N. Fessler, A. Hummel & G. Stibbe (Hg.), Handbuch Schulsport (S. 355–358). Schorndorf: Hofmann, hier S. 356)
2.3.1 Unterrichtlicher Schulsport
Schulsportunterricht erhält durch landeseigene Rahmenlehrpläne und -richtlinien seine Konkretisierung. Er wird mit durchschnittlich zwei bis drei Schulstunden pro Woche unter der Leitung einer akademisch ausgebildeten Sportlehrkraft an allen Schulformen verpflichtend durchgeführt. Dabei wird Sportunterricht im Klassenverband, in Kursform, koedukativ oder geschlechtergetrennt unterrichtet. Schulsport nimmt eine besondere Stellung ein, da er der einzige obligatorische Sport für alle Kinder und Jugendlichen ist (DOSB, 2009).
Kenntnisse schöpft der Schulsportunterricht mehrheitlich aus der Sportpädagogik und -didaktik (
Kap. 6.1). Konkrete Ziele, Aufgaben und Inhalte ergeben sich v. a. aus den Richtlinien staatlicher Bildungspolitik und -verwaltung. Für die Koordinierung länderübergreifender Angelegenheiten im Bereich des Schul- und Hochschulsports ist die Kultusministerkonferenz (KMK) zuständig. In den Ländern liegt die Zuständigkeit bei den Bildungs- bzw. Wissenschaftsministerien. Landesspezifische Rahmenlehrpläne dienen dabei als Grundlage für die Ausgestaltung des Sportunterrichts an den jeweiligen Schulstandorten. Auch die eigene sportliche Biographie der Schulleitung, der Lehrkräfte und des weiteren pädagogischen Personals an Schulen beeinflussen die inhaltliche Gestaltung des Schulsportunterrichts (Schulz, 2014, S. 178f; Laging, 2003, S. 546).
Leitidee und Legitimierungsgrundlage für den Schulsport war seit den 1990er Jahren der Gedanke des erziehenden Sportunterrichts nach Balz (1992). Im Sinne eines Doppelauftrags (Erziehung zum und im/durch Sport) hat dieser Gedanke in Lehrpläne Einzug gefunden (Prohl, 2010, S. 176f). Vorreiter war das Land NRW, dessen fachdidaktischer Konsens bundesweite Verbreitung fand.
Im Zuge enttäuschender Ergebnisse bei internationalen Leistungsvergleichsstudien wie z. B. PISA 2000 wurden Bildungsstandards und Kompetenzen als Allheilmittel einer neuen Unterrichtssteuerung angepriesen, die u. a. eine bessere Kontrolle der Lernergebnisse begünstigen sollen (Aschebrock & Erlemeyer, 2014, S. 204f). Neuerdings trifft daher der erziehende Sportunterricht auf das Konzept kompetenzorientierter Kernlehrpläne. Diese Kompetenzwende löste heftige Kritik v. a. unter Sportpädagogen und -pädagoginnen aus, da man befürchtete, dass bisherige Grundsätze des erziehenden Sportunterrichts verloren gingen. Einige Sportwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen verweisen in diesem Kontext darauf, dass sich kompetenzorientierte Standards im Schulsportunterricht häufig auf sportmotorische Fähigkeiten und Fertigkeiten beschränken. Die kognitiven, sozialen, emotionalen und motivationalen Dimensionen sportlichen Handelns würden dabei kaum berücksichtigt, was in einen geschmälerten Bildungsanspruch des Schulsports münden könne. Auch fehle es meist an konkreten Hinweisen und Konzepten zur Unterrichtsgestaltung (ebd.; auch Ruin & Stibbe, 2014, S. 172). Aschebrock & Erlemeyer (2014, S. 204f) sehen jedoch durchaus auch Anknüpfungspunkte von kompetenzorientierten Kernlehrplänen an bestehende Konzepte des erziehenden Sportunterrichts und an etablierte pädagogische Prinzipien und Perspektiven.
Ergebnisse einer umfassenden Studie zum Schulsport (SPRINT, 2006) unter der Leitung von Brettschneider zeigen, dass der Sportunterricht Nachholbedarf hat, was sich an einigen Themen festhalten lässt. Als kritisch herausgestellt wurden u. a. die vermehrte Durchführung von fachfremd erteiltem Unterricht. Auch wird von hohem Unterrichtsausfall, z. T. durch Mangel an Sportstätten oder nicht adäquater Vertretung, berichtet (Heim et al., 2006, S. 68ff). Ergebnisse stellten außerdem eine soziale Selektivität in der Teilhabe am Sportunterricht fest. Schüler und Schülerinnen der Hauptschulen seien laut einer Zusammenfassung der SPRINT Studie
»dabei dreifach benachteiligt: Sie erhalten den geringsten Umfang an Sportunterricht, dieser wird in größerem Umfang als an anderen Sekundarschulen fachfremd unterrichtet und sie treiben in der Freizeit und im Verein weniger Sport« (Gerlach et al., 2006, S. 118).
Diese Andeutungen zur Korrelation von sozioökonomischem Status und Bildung und der Teilhabe an Sportgelegenheiten werden im Kapitel 3.3.2 dieses Lehrbuchs weiter ausgeführt, sie sind aber für den Schulsportunterricht, der aufgrund seiner Verpflichtung die Chance hätte, alle Kinder und Jugendlichen zum regelmäßigen Sporttreiben zu bewegen, ernst zu nehmen. Weiterhin wird in der SPRINT-Studie das Festhalten an tradierten Sportformen wie Fußball, Leichtathletik oder Turnen mit Leistungsbezug kritisiert. Trendsportarten und innovative Bewegungsformen würden eher selten aufgenommen (Gerlach et al., 2006, S. 114f; Prohl & Krick, 2006, S. 28f). Dies wird auch in anderen Studien (Albert, 2017; Ruin & Stibbe, 2014) bestätigt und ist aus Sicht der Sportsozialarbeit, die für eine mehrperspektivische Erschließung der Sportkultur plädiert, kritisch zu betrachten.
Cachay et al., (2010, S. 250f) bemängeln, dass das Sportstudium nicht ausreichend auf die Förderung der Persönlichkeitsentwicklung vorbereitet, sondern methodisch-didaktische Hinweise mehrheitlich auf sportpraktische Fähigkeiten ausgerichtet sind. Die Aussagen der SPRINT-Studie wurden zum Anlass für die Entwicklung gemeinsamer Handlungsempfehlungen der KMK und des DOSB (2007; erweitert 2017) genommen, welche Empfehlungen zum Schulsport im Allgemeinen, aber auch zum Sportunterricht lieferten. Eine Schnittstelle zu sozialpädagogischen Zielen wird hier sichtbar. Benannt werden u. a. die Öffnung des Sportunterrichts hin zu einer zeitgemäßen Bewegungs- und Sportkultur, Berücksichtigung individueller Schüler- und Schülerinnenkompetenzen unter Hinzunahme von didaktisch-methodischer Vielfalt, die Einbeziehung von Schüler- und Schülerinneninteressen sowie die Ausrichtung der Leistungsbeurteilung an individuellen Kompetenzen. Inwieweit diese Empfehlungen schon umgesetzt werden, ist zum jetzigen Zeitpunkt aufgrund fehlender Untersuchungen nicht zu beurteilen. Anknüpfungspunkte können für die Sportsozialarbeit gesehen werden, um den hier benannten Herausforderungen interdisziplinär zu begegnen. Der außerunterrichtliche Schulsport und weitere sportliche Angebote im Kontext Schule können dafür gute Gelegenheiten bieten und werden im Folgenden betrachtet.
2.3.2 Außerunterrichtlicher Schulsport und dessen Relevanz für die Sportsozialarbeit
Neben dem obligatorischen Schulsport wird dem außerunterrichtlichen Schulsport und weiteren Bewegungs- und Sportangeboten in der Schule eine hohe Bedeutung beigemessen. Hier können die pädagogischen Möglichkeiten des Sportunterrichts erweitert, Schulprofile geschärft und ergänzende Bewegungsmöglichkeiten geschaffen werden. Dabei sollen Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, Sport nach eigenen Neigungen und Interessen, auf freiwilliger Basis und ohne Notendruck auszuüben. Dies geschieht in non-formalen und informellen Lernmodalitäten alters-, klassen- sowie geschlechtergemischt (Balz, 2010, S. 378f). Außerunterrichtliche Sportangebote können eine positive Motivationsgrundlage für den Zugang zu Bewegung schaffen. Dort kommt es zu Interaktion und Kommunikation zwischen pädagogischen Fachkräften der Schule, den Kindern und Jugendlichen und außerschulischen Personen, wodurch Schulsport als verbindendes Element einen positiven Einfluss auf das gesamte Schulklima haben kann (Hundeloh et al., 2014, S. 262). Die Potenziale des außerunterrichtlichen Schulsports sind bei weitem nicht ausgeschöpft. Pädagogische Leitideen und fachdidaktische Theoriebildung wurden bisher v. a. für den Sportunterricht formuliert. Auch Wirkungen zu außerschulischen Sportangeboten wurden noch nicht umfassend evaluiert und können nach Balz (2010, S. 381ff) nur ansatzweise betrachtet und vermutet werden. Eine erste Zusammenstellung zu Wirkungen von Schulsportunterricht wurde im Dritten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht vorgenommen (Heim & Sohnsmeyer, 2015, S. 133ff).
Zum Zeitpunkt der Durchführung der SPRINT-Studie wurde die Vernetzung zwischen Schulen und Partnerorganisationen als ausbaufähig erachtet (DSB & DSJ, 2006, S. 277f). Seitdem kam es mit dem Ausbau von Ganztagsschulen zu einer Erweiterung der Angebotspalette außerunterrichtlicher Sportangebote, v. a. durch außerschulische Partner. Diese Entwicklung ist insofern eine logische Konsequenz, da zum Selbstverständnis von Ganztagsschulen die Öffnung von Schule in den Sozialraum sowie die Kooperation und Vernetzung mit Institutionen des lokalen Schulumfelds gehört. Ziel soll es sein, die Zusammenarbeit einzelner Bildungsträger zu verbessern, um gemeinsam und auf Augenhöhe einen Beitrag zur Herstellung einer Chancengerechtigkeit für Kinder und Jugendliche im deutschen Bildungssystem zu leisten (Pack et al., 2014, 150). In enger Zusammenarbeit von Schule und außerschulischen Organisationen können zudem sportbezogene Schulprofile wachsen und Konzepte wie z. B. die »Bewegte Schule« initiiert werden (Hundeloh et al., 2014, S. 250ff; Brägger & Posse, 2014, S. 279ff). Zur Weiterentwicklung des außerunterrichtlichen Schulsports haben die KMK und der DOSB gemeinsame Handlungsempfehlungen formuliert, die u. a. eine entsprechende Qualifikation der im außerschulischen Bereich eingesetzten Trainerinnen und Trainer sowie der Lehrkräfte und die gegenseitige Kenntnis der Angebote beinhalten (KMK & DOSB, 2017).
In diesem Zusammenhang kommt der Sportsozialarbeit am Standort Schule eine bedeutende Rolle zu. Fachkräfte der Sozialen Arbeit können einen wichtigen Beitrag zur Öffnung der Schule in den Sozialraum leisten. Zentrale Themen der Sozialen Arbeit wie Gesundheitsprävention, Inklusion oder Herstellung von Chancengleichheit werden in außerunterrichtlichen Sportangeboten aufgenommen und haben die Möglichkeit, den klassischen Schulsportunterricht, welcher eher auf Leistung und Förderung motorischer Fähigkeiten ausgerichtet ist, sinnvoll zu ergänzen. Gunter Pilz (2003) sieht z. B. im Konzept der »Bewegten Schule« eine Möglichkeit, Aggressionen abzubauen und Gewalt vorzubeugen.
Vor allem in der Kooperation mit außerschulischen Partnerorganisationen des organisierten Sports haben sich gemeinsame Handlungsprogramme entwickelt und über Jahre behaupten und verbreiten können. Laut des 15. Kinder- und Jugendberichts der Bundesregierung arbeitet etwa die Hälfte der deutschen Ganztagsschulen in der Sekundarstufe I mit Sportvereinen und -verbänden zusammen, womit sie – gefolgt von den Kunst- und Musikschulen (25 %) – die häufigsten (Einzel-)Kooperationspartner sind (BMFSFJ, 2017, S. 358). Für besondere Kooperationsprogramme schreibt die DSJ gemeinsam mit dem DOSB jährlich den Deutschen Schulsportpreis als Beitrag zur Qualitätsentwicklung für den Sport in der Schule aus (DSJ, 2019).
Um die breite Palette an außerunterrichtlichem Schulsport zu skizzieren, wird exemplarisch ein Ausschnitt an außerschulischen Sportangeboten in Berlin dargestellt. Ähnliche Programme existieren jedoch auch in anderen Bundesländern. In Berlin werden unter dem Dach der Sportjugend (SJB) verschiedene Maßnahmen in Zusammenarbeit von Schule und Sport gefördert und unterstützt. Ein etabliertes Programm bildet das Programm Schule & Verein. Mit diesem Programm werden Kooperationen zwischen Berliner Schulen und Sportvereinen bzw. -verbänden gefördert. Insgesamt wurden im Jahr 2017 bei der Sportjugend Berlin 738 Kooperationsmaßnahmen beantragt und bewilligt (SJB, 2018, S. 10). In der Bildungsstätte der SJB wird zudem die DOSB-B-Lizenz »Sport im Ganztag der Sekundarstufe I« angeboten, die Trainerinnen und Trainer für den Umgang mit heterogenen Kinder- und Jugendgruppen qualifiziert (SJB, 2019). Auch Talentförderprogramme, die flächendeckend im Bundesgebiet verbreitet sind, werden in Berlin in Kooperation zwischen Schule und Verein gestaltet. Neben gängigen Programmen der Leistungsförderung unterstützen die SJB und der Landessportbund Berlin eine Initiative, durch die nicht nur begabte Kinder eine Förderung erhalten, sondern gezielt Kinder mit motorischen Defiziten an Fördergruppen teilnehmen und zu regelmäßiger, sportlicher Betätigung angeregt werden. Im Jahr 2017 wurden insgesamt 59 solcher Bewegungsfördergruppen ins Leben gerufen (SJB, 2018, S. 9).
Eine strukturelle Verankerung der Zusammenarbeit von Schule und Sport bietet die gemeinnützige GSJ, die aus den Strukturen der SJB heraus entstanden ist. Mit Projekten wie u. a. »SchulWork«, »Ganztag Bewegt«, »Erlebnisräume« und dem Freizeitsportteam setzt die GSJ in enger Abstimmung mit den pädagogischen Mitarbeitenden der Schulen diverse Aktionen am Standort Schule um (GSJ, 2019). Dazu gehören u. a. sportliche AGs, Schulsportfeste, die Gestaltung bewegungsfreundlicher Schulhöfe (Boulderwände, Skaterampen etc.), die Ausbildung zu Sportassistenten und -assistentinnen, Bildungsnetzwerke mit Sportvereinen sowie sport- und erlebnispädagogische Sozialkompetenztrainings.
SchulWork
Als Good-Practice-Beispiel kann das Projekt SchulWork gelten, das an 30 Standorten in Berlin für Grundschulen, Integrierte Sekundarschulen, Gymnasien und Oberstufenzentren durchgeführt wird. Zentrale Ziele sind Verbesserung der Bildungschancen, Partizipation am Schulalltag, Gewaltprävention, Integration und Gesundheitsförderung. Neben Angeboten und Aufgaben der klassischen Schulsozialarbeit geben Sport und Bewegung dem Projekt SchulWork das Profil. Sport und Bewegung werden hierbei nicht nur als ergänzende Freizeitgestaltung innerhalb der Schule gesehen, sondern sollen v. a. drei Funktionen erfüllen (vgl. GSJ, 2018):
• Sie sollen erstens als Zugangsmedium und Bindungsverstärker dienen, indem eine Erstkontaktaufnahme nicht im Büro der Schulsozialarbeit, sondern z. B. auf dem Basketballfeld der Schule stattfindet.
• Sie sollen zweitens das sozialpädagogische Handlungsrepertoire um sport- und erlebnispädagogische Methoden ergänzen, um die psychosozialen Ressourcen junger Menschen und ihre Persönlichkeit ganzheitlich zu fördern.
• Sie sollen drittens allen Kindern und Jugendlichen eine Teilhabe an und eine Motivation zum Sport ermöglichen. Besonders im Fokus stehen hier diejenigen jungen Menschen, die ansonsten durch das Gitter des Schulsportunterrichts hindurchfallen.
Diese Zielsetzungen und Ansprüche können im Rahmen der klassischen Methoden der Sozialen Arbeit erfüllt werden, in der Einzelfallarbeit z. B. durch eine intensive Begleitung der Schülerinnen und Schüler (Schulsportverweigerer) durch die sozialpädagogische Fachkraft (auch in den Schulsportunterricht hinein) in enger Zusammenarbeit mit den Lehrkräften. Auch eine fachkundige Beratung und ggf. Begleitung zu Sport- und Bewegungsangeboten im Umfeld der jungen Menschen bietet sich an. Für Angebote sozialer Gruppenarbeit eignen sich sportorientierte und erlebnispädagogische Sozialkompetenztrainings, deren Inhalt nicht wie im Sportunterricht mehrheitlich auf das Gewinnen und Verlieren oder ein Gegeneinander im Wettkampf, sondern auf Kommunikation, Kooperation und Vertrauensbildung ausgerichtet sind. Unterstützung der schulischen Vernetzung und Gemeinwesenarbeit wird durch die Einbindung des innerschulischen Raums und außerschulischen Sozialraums verfolgt, indem z. B. die interdisziplinäre Zusammenarbeit an Schulen und die Kooperation mit weiteren Organisationen aus dem Schulumfeld (Sportvereine, Sportjugendclubs) verfolgt wird und Angebotsstrukturen der Schule ergänzt werden. Weiterhin können innovative Angebote der Sportsozialarbeit und jugendkulturelle Aktivitäten (wie die Ausrichtung von z. B. Soccer-/Streetballnächten, Fair-Play-Turniere, Hip-Hop-Projekte) am Standort Schule durchgeführt werden. Eine intensive Einbindung der Schülerinnen und Schüler z. B. bei der Organisation von Schulsportevents (Sponsorenläufe, Sportfeste) oder des Pausenangebots (Bewegte Pause/Betreuung der Sportkiste) ist eine weitere Möglichkeit, sportdistanzierte Schülerinnen und Schüler an Sport und Bewegung heranzuführen. Entsprechende Konzepte (z. B. Sporthelferausbildung) werden auch in verschiedenen anderen Bundesländern umgesetzt und als gelingend für die Förderung von informellen Lernprozessen dargestellt (Neuber & Wienkamp, 2010, S. 173ff).
2.4 Informeller Sport
Unterwegs auf dem Kiteboard, mit dem Fahrrad, auf Inlineskates oder in der selbstorganisierten Laufgruppe – ein Blick in Parks und Freiflächen zeigt die Vielfalt des informellen Sporttreibens. Unabhängigkeit, Flexibilität und Individualität sind Stichworte, die mit diesem Bewegungsphänomen zwar oft in Verbindung gebracht werden, eine eindeutige Definition ist jedoch aufgrund der Komplexität kaum möglich. Dies zeigt auch die Vielfalt an Begrifflichkeiten, die synonym zu informellem Sporttreiben verwendet werden. Es finden sich Bezeichnungen wie selbstorganisiertes Sporttreiben, freier Sport, vereinsungebundener Sport oder alternativer Sport. Im englischsprachigen Raum wird informelles Sporttreiben unter Alternative Sports (Rinehart, 2000) eingeordnet, der auch mit Trendsport gleichgesetzt wird. Trotz unterschiedlicher Begrifflichkeiten lassen sich Merkmale feststellen, die dem informellen Sport wenn auch keine trennscharfe Definition, aber doch ein klareres Bild geben. Findet der Vereinssport und auch der kommerzielle Sport in einem organisierten Rahmen statt, so fokussiert informelles Sporttreiben sportliche Aktivitäten außerhalb organisierter Einrichtungen wie Schule, Studio oder Verein (Balz & Kuhlmann, 2004, S. 7). Dies kann jedoch nicht als alleiniges Charakteristikum aufgeführt werden. Bindel hat aus einer Vielzahl sportwissenschaftlicher Ausführungen bestimmte Bedingungen und Charakteristika informellen Sports zusammengetragen, die zu einem besseren Verständnis beitragen. Informelles Sporttreiben wird demnach dadurch charakterisiert, dass es von den Aktiven selbst ausgeht, außerhalb von Organisationen stattfindet, sich meist keinem Regelwerk unterwirft, eine große Variationsbreite besitzt, die Erschließung neuer Sporträume ermöglicht, die Ausübung im Freien mit vorfindbaren Gegebenheiten stattfindet und sich meist an spezifischen Szenen ausrichtet (Bindel, 2008, S. 21ff). Daraus folgt, dass sich informeller Sport vom Traditionellen und Konventionellen abhebt. Dies schließt Sportarten, die dem Trendsport zugeordnet werden (Downhill, Kiten, Slacklining, Skateboarding) oder postmoderne Spielideen wie Crossboccia oder Headis ein. Jedoch können auch traditionelle Sportarten wie Laufen, Fußball oder Schwimmen durch die Eigenorganisation und die Realisierung nach eigenen Vorstellungen der aktiv Sporttreibenden einen informellen Charakter bekommen (Bindel, 2017, S. 419).
Dem informellen Sporttreiben wurde, im Vergleich zu Erhebungen im Vereins- und Schulsport, bislang wenig Beachtung geschenkt. In den vorliegenden Forschungen wird v. a. die Gruppe der Kinder und Jugendlichen betrachtet. Wie viele Menschen sich dem informellen Sport in Deutschland tatsächlich widmen, ist demnach nur schwer zu beantworten. Laut den aktuellen Daten zur Sportwirtschaft (BMWi & BISp, 2019) findet jedoch der überwiegende Teil der Sportausübung selbstorganisiert statt. Unter der Gruppe der aktiven Sportlerinnen und Sportler gehen demnach 72 % informellem Sporttreiben nach. Besonders im Jugendalter gilt informelles Sporttreiben als besonders attraktiv. Deshalb wird auf diese Altersgruppe im Folgenden näher eingegangen.
Schon seit einigen Jahren wird von einer »versportlichten Jugendkultur« (Baur & Burrmann, 2004, S. 17; vgl. auch Brinkhoff, 1998) gesprochen, was u. a. auf hohe Beteiligungsquoten, die Ausdifferenzierung der sportlichen Landschaft und auf eine gewachsene Erlebnisorientierung zurückzuführen ist. Die Auswirkungen zeigen sich auch im Bereich des informellen Sporttreibens (Bindel, 2008). Auch Brinkhoff erkannte schon 1998, dass die Nachfrage nach »sozial entpflichtenden Organisationsformen« wächst (Brinkhoff, 1998, S. 257). Die sportbezogene Kindheits- und Jugendforschung, gebündelt in den Deutschen Kinder- und Jugendsportberichten, schreibt dem informellen Sporttreiben nach wie vor einen hohen Stellenwert neben dem Vereinssport und der Nutzung kommerzieller Anbieter, v. a. ab dem Jugendalter, zu (Schmidt, 2015, S. 207). Laut der Shell-Jugendstudie (2015) bleibt der Anteil der Jugendlichen, die selbstorganisiert Sport treiben, mit ca. einem Drittel relativ stabil (Deutsche Shell Holding GmbH, 2015, 113f). Daten der MediKus-Studie geben an, dass 19,5 % der 9- bis 12-jährigen, 26,5 % der 13- bis 17-jährigen und 36,5 % der 18- bis 24-jährigen aktiven Sportlerinnen und Sportler ausschließlich selbstorganisiertem Sporttreiben nachgehen (Züchner, 2016, 106f). Gleichzeitig wird beobachtet, dass die Bedeutung informeller Spiel- und Bewegungsengagements besonders im Kleinkind- und Grundschulalter abgenommen hat. Restriktionen im Wohnumfeld, eine Zunahme des Autoverkehrs, der Ausbau von Ganztagsschulen, institutionalisierte Kindheiten und Veränderungen im Erziehungsverhalten sind einige der Gründe dafür (Burrmann, 2008, S. 391ff; Schmidt, 2015, S. 203f).
Welche Sportarten im informellen Sektor besondere Beachtung erfahren, wie und wo diese ausgeübt werden, steht immer in Abhängigkeit zu vorhandenen Bewegungsräumen sowie zeitlichen, materiellen und sozialen Ressourcen der Akteure und Akteurinnen. Vorwiegend im Freien und urbanen Stadtraum stattfindende, alltagstaugliche, d. h. in dem Wohnumfeld leicht zugängliche, traditionelle Sportarten wie Fußball spielen, Fahrrad fahren, Joggen oder Schwimmen sind vorrangig und werden durch Risiko-, Fun- und Trendsportarten, wie Le Parkour, Klettern, Slacklining, Skateboarding, BMX oder Inlineskating ergänzt (Baur & Burrmann, 2004, S. 19f; Schmidt, 2015, S. 207f; Züchner, 2016, S. 121). So vielfältig wie die Sportarten selbst, so sind auch die Orte, an denen selbstorganisiert Sport getrieben wird. Öffentliche Räume wie naturnahe Areale werden von Jugendlichen durch die Nutzung der Straße erweitert. Darunter fallen Fußgängerzonen, Einkaufspassagen, Parkplätze, Bürgersteige, Baunischen etc. Diese Räume fungieren als eine »Bühne der Selbstdarstellung« (Müller, 2018, S. 22), auf der die jungen Menschen nicht nur Sporttreibende, sondern gleichzeitig auch Zuschauende sein können. Dabei nicht an feste Termine gebunden zu sein und nach eigenen Regeln oder in Neuschöpfungen spielen zu können, sagt Jugendlichen zu. Grundideen klassischer Sportspiele wie Fußball werden von den Jugendlichen übernommen, an äußere Bedingungen wie Spielfeldgröße, Teilnehmendenzahl u. a. angepasst und mit eigenen Regelvariationen ergänzt (Bindel, 2017, S. 419; Brettschneider & Kleine, 2002, S. 125). Auch können Jugendliche im selbstorganisierten Sporttreiben ihr Bedürfnis nach Risiko, Spannung oder körperlichen Grenzerfahrungen in Trend- und Extremsportarten und eigenen Adaptionen befriedigen (Neumann, 2004, S. 186; Schmidt, 2015, S. 209). In diesen Situationen ist Sport gleichzeitig Kreativitätserfahrung, wobei die eigene Phantasie und der Körper zur Lösung von Problemen eingesetzt werden und die jungen Menschen sich nicht ausschließlich als Sporttreibende, sondern vielmehr als Skater, Freeclimber oder Traceur mit jeweils spezifischer Sprache, eigenen Symbolen, Handlungsmustern und Kleidungsstilen sehen (Schwier, 1998, S. 10).
Aktuelle Entwicklungen zeigen, dass Tendenzen zu einer Abkehr von spielerisch-kreativen Aktivitäten hin zu funktionalen Formen des Sporttreibens zu beobachten sind. Bindel vermutet, dass informelles Sporttreiben v. a. im jungen Erwachsenenalter vermehrt Fitnesspraktiken (Freelatics, Crossfit) mit Motiven der Körperästhetik annehmen wird. Aktuell existieren »kommerziell-informelle Sporthybride« (Bindel, 2017, S. 423f), wenn beispielsweise professionell geleitete Kurse im öffentlichen Raum (Yoga im Park, Lauftreffs, Boot-Camps) angeboten werden. Hier sieht Bindel die Gefahr, dass das Eigentliche, was den informellen Sport ausmacht – nämlich das von den Akteuren und Akteurinnen selbst Ausgehende – durch Lenkung kommerzieller Interessen verloren geht, und plädiert dafür »junge Menschen dazu zu befähigen, der Fitness-Bewegung kritisch oder zumindest wählerisch gegenüberzutreten« (ebd., S. 424). Bindel macht auch darauf aufmerksam, dass informelles Sporttreiben nicht für jeden Jugendlichen gleichermaßen zugänglich ist. Vor allem hätten diejenigen einen gelingenden Zugang, die kooperativ, kreativ, gut vernetzt und mit sportmotorischen Grundfertigkeiten ausgestattet sind. Demnach sei die informelle Sportszene kaum eine Freizeitoption für junge Menschen, denen man aus sozialpädagogischer Sicht gerne einen Zugang verschaffen würde. Anstelle von baulichen Maßnahmen wie Skateanlagen oder Outdoorfitness sollte eher auf sozialpädagogische Methoden wie Empowerment gesetzt werden, um eigenes Sporttreiben anzuregen (ebd.). Für die Sportsozialarbeit bieten sich hier wichtige Anknüpfungspunkte, z. B. im Rahmen der aufsuchenden Jugendarbeit und des Streetwork.
2.5 Kommerzieller Sport
»Der junge, attraktive Körper wird zum Ideal, um den sich eine ›Industrie‹ bemüht, die von der Kommerzialisierung des Körpers lebt und sie zugleich vorantreibt. […] Hierdurch wird ein Markt befördert, auf dem reflexives Körperwissen feilgeboten und nachgefragt wird« (Meuser, 2004, S. 201).
Kommerzieller Sport bezeichnet einen Sammelbegriff, der weder in der Wissenschaft noch in der Praxis einheitlich verwendet wird. Sportanbieter im kommerziellen Bereich erfahren in den letzten Jahren ein enormes Wachstum. Hierunter sammeln sich Fitnessstudios, gewerbliche Sportanlagen (Trampolinhäuser, Spaßbäder), private Trendsportanbieter, gewerbliche Sport- und Gesundheitsanlagen, Schulen (v. a. Tanz, Kampfsport, Reiten, Segeln) und Studios (z. B. Ballett, Yoga) sowie Personal Coaches oder Sportreiseanbieter (Schubert, 2008, S. 144ff; Heinemann, 2007, S. 120ff).
Eine Abgrenzung zu organisiertem Sport und informellem Sport ist aus den sportlichen Angeboten aufgrund ihrer Vielfalt nicht vorzunehmen. Eigenständiges Merkmal für kommerzielle Sportanbieter bildet jedoch die »spezifische Form des institutionellen Arrangements der Produktion und des Konsums von Sport als Dienstleistungsangebot« (Schubert, 2008, 143). Sind Sportvereine nicht auf Gewinnmaximierung ausgerichtet und bringt informelles Sporttreiben keine monetären Verbindlichkeiten mit sich, erfolgt die Leistungserbringung bei kommerziellen Sportanbietern in einem Tausch zwischen Kunde und Unternehmen – Geld gegen Leistung. Kommerzielle Sportanbieter verfolgen demnach erwerbs- und gewinnwirtschaftliche Ziele (ebd.).
Wie viele Menschen in Deutschland sich der Sport- und Bewegungsangebote kommerzieller Anbieter bedienen, ist derzeit nicht zu erfassen. Dies stellt auch Thieme (2015) für den Kinder- und Jugendbereich in einer Zusammenschau von empirischen Befunden zum Engagement von Kindern und Jugendliche im kommerziellen Sport fest. Zumindest für Fitnessangebote zeichnen sich jedoch Zahlen in der Studie »Der deutsche Fitnessmarkt« ab. Mit 10,61 Millionen Mitgliedschaften, 8.988 Anlagen und einem Gesamtumsatz von 5,2 Milliarden Euro erreichte die Fitnessbranche im Jahr 2017 neue Spitzenwerte. Besonderes Wachstum verzeichneten v. a. Discountfitness-Angebote und Mikrostudios. Neben der Ausbreitung von Fitnessstudios wird auch die Digitalisierung von Sport und Bewegung (Wearables, Online Fitnessstudios, Apps) in den nächsten Jahren an Wachstum gewinnen (DSSV, 2018).
Erfolgsfaktoren kommerzieller Sportanbieter sind lange Öffnungszeiten und flexible Besuchszeiten, ein differenziertes Angebotsspektrum, freie Wählbarkeit von Kursen, hochwertige Raum- und Geräteausstattung, meist gut qualifiziertes Personal sowie diverse Zusatzangebote wie z. B. eine Sauna oder eine Bar (Gugutzer, 2008, S. 93; Schubert, 2008, S. 145). Die hohe Vielfalt an sportlichen Angeboten und die schnelle Anpassung an neue Trends besetzen Angebotsnischen, die vom Vereinssport nicht oder mit Verzögerung bedient werden. So gelingt es kommerziellen Sportanbietern auch Menschen zu mobilisieren, die dem Vereinssport eher fern sind. Dennoch findet gleichzeitig eine Überschneidung statt und Vereinsmitglieder, die gleichzeitig kommerzielle Sportanbieter wahrnehmen, sind keine Seltenheit (Schubert, 2008, S. 148).
Für die Sportsozialarbeit ist zu berücksichtigen, dass kommerzielle Sportangebote wie z. B. Trampolinhäuser oder Spaßbäder v. a. durch ihren Eventcharakter eine hohe Attraktivität für Jugendliche bieten und sich fest in der jugendlichen Lebenswelt etabliert haben. Da es Aufgabe der Sportsozialarbeit ist, einen Zugang zur vielfältigen Bewegungskultur zu schaffen, sollte auch dieser Markt Berücksichtigung finden. Gleichzeitig bietet sich Gelegenheit, einen kritischen Umgang mit kommerziellen Sportangeboten anzuregen, z. B. durch das Aufbrechen von Konsumhaltungen, die kritische Reflexion von Schönheitsidealen oder die Anregung zur Eigenaktivität.
Gut zu wissen – gut zu merken
Sport als gesellschaftliches Teilsystem unterliegt in seiner Bedeutung und Ausprägung einem stetigen Wandel, der stark von gesellschaftlichen und politischen Veränderungen geprägt wird. Sport im Kontext von Sozialer Arbeit orientiert sich an einem weiten Sportverständnis und nimmt die gesellschaftliche Bedeutung und sozialen Ziele von Sport in den Blick. Die Ausdifferenzierung des Sports führte zu unterschiedlichen Organisationsformen. Im organsierten Sport, dem Schulsport, dem informellen Sport und dem kommerziellen Sport können Anknüpfungspunkte für die Sportsozialarbeit gesehen werden.
Der organisierte Sport widmet sich sozialen Herausforderungen, die auch in der Sozialen Arbeit eine wichtige Rolle einnehmen, hier sind u. a. Bildung, Inklusion oder Kinderschutz zu nennen. Sportvereine leisten dennoch keine Soziale Arbeit. Eine Zusammenarbeit mit Fachkräften der Sozialen Arbeit wird als sinnvoll und ausbaufähig erachtet. Konkrete Zusammenarbeit findet bisher mehrheitlich im Bereich des Kinder- und Jugendsports, z. B. im Rahmen der sportorientierten Jugendsozialarbeit, statt. Im Schulsport sind es v. a. außerunterrichtliche Sportangebote, die für eine Sportsozialarbeit relevant sind. Bisher vernachlässigte Ziele, wie z. B. Einbindung von Schülerinnen und Schülern, die dem Sportunterricht distanziert gegenüberstehen, die Förderung psychosozialer Ressourcen durch Sport oder Kooperationen mit außerschulischen (Sport-)Organisationen lassen sich in Zusammenarbeit von Schule und professioneller Sozialer Arbeit (z. B. Schulsozialarbeit) verfolgen. Informelles Sporttreiben bietet die Möglichkeit, jugendliche Bedürfnisse nach Risiko, Kreativität, Spannung oder körperlichen Grenzerfahrungen zu befriedigen und verfügt über selbstbildende Potentiale. Für die Sportsozialarbeit finden sich in informellen Sportengagements Anknüpfungspunkte, z. B. im Rahmen von Streetwork. Kommerzieller Sport in Deutschland ist weit verbreitet. Auch für Jugendliche gilt der kommerzielle Sport als attraktiv (z. B. Körperkult, Eventcharakter) und hat sich zunehmend in der jugendlichen Lebenswelt etabliert. Daher macht es für die Sportsozialarbeit Sinn, auch diesen Bereich zu berücksichtigen und einen kritischen Umgang mit kommerziellen Sportangeboten zu thematisieren.
Die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Organisationsformen, ihren Herausforderungen und Gelingensbedingungen ist für die Entwicklung von Angeboten der Sportsozialarbeit und der Zusammenarbeit mit bestehenden Organisationen unerlässlich.
Zum Selbststudium
Albert, K. (2017). Sportengagement sozial benachteiligter Jugendlicher. Eine qualitative Längsschnittstudie in den Bereichen Freizeit und Schule. Wiesbaden: Springer.
Heinemann, K. (2007). Einführung in die Soziologie des Sports (5. Aufl.). Schorndorf: Hofmann.
Braun, S. (Hg.) (2013). Der Deutsche Olympische Sportbund in der Zivilgesellschaft. Wiesbaden: Springer.
Fessler, N., Hummel, A. & Stibbe, G. (Hg.) (2010). Handbuch Schulsport. Schorndorf: Hofmann.
Müller, J. (2017). Identitätskonstruktionen marginalisierter Jugendlicher im informellen Sport: Eine qualitative Studie auf dem Bolzplatz. Opladen, Berlin, Toronto: Budrich UniPress.
Weis, K. & Gugutzer, R. (Hg.) (2008). Handbuch Sportsoziologie. Schorndorf: Hofmann.
3 Sportrelevante Praxisfelder der Sozialen Arbeit
Was Sie in diesem Kapitel lernen können
Sportorientierte sozialpädagogische Angebote finden sich in den klassischen Praxisfeldern Sozialer Arbeit, Bildung, Gesundheit und Soziales mit den jeweiligen Binnendifferenzierungen in Form einzelner Handlungsfelder wie z. B. der Kinder- und Jugendhilfe oder der Suchthilfe. Diese Praxisfelder werden zunächst hinsichtlich ihrer Ziele, Begrifflichkeiten, gesetzlichen Grundlagen und Angebotskataloge vorgestellt. Die Bedeutung von Sport und Bewegung wird für die angesprochenen Zielgruppen benannt.
Im Anschluss daran werden die bestehenden Ausprägungen sportorientierter Sozialarbeit problemorientiert dargelegt und mögliche künftige Arbeitsbereiche mit den sich daraus ergebenden Ausbildungserfordernissen skizziert. Ergänzend werden Förderprogramme sowie sport- bzw. bewegungsorientierte Angebote in diesen Praxisfeldern benannt, die keine explizite sozialpädagogische Zielsetzung verfolgen, um Schnittstellen und Potentiale für die künftige Ausgestaltung der Sportsozialarbeit aufzuzeigen.
Sportsozialarbeit bedarf, so wird gemeinhin festgestellt, einer stärkeren Professionalisierung und Qualifizierung. Das Berufsbild, das sich seit Mitte der 1980er Jahre entwickelt hat, ist gegenwärtig noch in der Ausgestaltungs- und Differenzierungsphase. Dies umfasst sowohl bereits bestehende als auch sich neu bildende Betätigungsbereiche und prägt das Bild der sportorientierten Sozialen Arbeit als innovatives Entwicklungsfeld. Neben den derzeit am häufigsten vertretenen Gruppenangeboten sind u. a. Projekte im Bereich des Coachings, des Sportsozialmanagements oder der (Profi-)Sportbetreuung denkbar.
Sportorientierte sozialpädagogische Angebote finden sich in den klassischen Praxisfeldern Sozialer Arbeit, die sich den Kategorien Bildung, Gesundheit und Soziales zuordnen lassen. Unter diese drei Kategorien lassen sich die einzelnen Handlungsfelder Sozialer Arbeit subsumieren. Hierzu zählen u. a. die Suchthilfe, die Kinder- und Jugendhilfe oder die Migrationssozialarbeit.
Die bewegungsorientierten Angebote für Kinder und Jugendliche sowie für ältere Menschen wurden bewusst dem Praxisfeld der Bildung zugeordnet. Der gesundheitsfördernde Charakter der Angebote hätte auch eine Einordnung in das Praxisfeld Gesundheit zugelassen.
Sportsozialarbeit wird nicht per se als eigenes Handlungsfeld betrachtet, sondern eher als quer zu bestehenden Feldern organisiertes Angebot wahrgenommen. Durch die strukturelle Verankerung einzelner Bereiche wie z. B. der Fanarbeit mit eigenständiger finanzieller Förderung haben sich teils jedoch sportorientierte sozialpädagogische Handlungsfelder entwickelt.
Zur weiteren Vertiefung, insbesondere hinsichtlich der Wirkungsforschung, sei auf die drei Deutschen Kinder- und Jugendsportberichte (Schmidt et. al., 2003, 2008, 2015) und das Kapitel 5 verwiesen (
Kap. 5).
3.1 Gesundheit
3.1.1 Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
Gesundheitsbezogene Aufgaben zählten in Form der Gesundheitsfürsorge bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts zur Sozialen Arbeit (Homfeldt & Sting, 2006, 2018). Dieser Bereich ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen (Homfeldt, 2012; Rauschenbach, 1999), gesetzliche Entwicklungen wie z. B. die Psychiatrie-Enquete von 1975 haben u. a. dazu beigetragen. Aktuell sind ca. 25 % der Sozialarbeitsstellen im Gesundheitswesen angesiedelt (Homfeldt, 2012).
Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit
Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit umfasst »alle sozialprofessionellen Eingriffe und Unterstützungsmaßnahmen, die zur Vorbeugung, Minderung und Bewältigung persönlicher, kollektiver und sozialer Gesundheitsrisiken, gesundheitlicher Problemlagen und daraus folgender Benachteiligungen und Notstände beitragen. Sie tritt in Aktion, wenn Betroffene ihre Probleme aus eigener Kraft nicht bewältigen können, und die Gesellschaft entsprechende institutionelle bzw. rechtliche Bewältigungshilfen bietet« (Franzkowiak, 2009, S. 66).
Gesundheit ist somit ein grundlegendes Thema Sozialer Arbeit. Von Beginn an wird dabei die soziale Determination von Gesundheit betont (u. a. Graham, 2004; Link & Phelan, 1995). Der Zusammenhang zwischen sozialer Lage, Ungleichheit und den individuellen Gesundheitschancen und damit verbundenen Teilhabemöglichkeiten ist Ansatzpunkt für die Soziale Arbeit. Dieser Fokus hat mit der Gründung der WHO-Kommission Commission of Social Determinants of Health (CSDH) 2005 an Bedeutung gewonnen (WHO, 2016). Auch gesundheitspolitisch werden zunehmend präventive Strategien zur Senkung der Gesundheitsbelastungen und zur Stärkung der Gesundheitsressourcen verfolgt (BMG, 2010, S. 10f).
Der 2001 eingeführte bio-psycho-soziale Gesundheitsbegriff der Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) trägt diesen Kontext- und Einflussfaktoren Rechnung und ergänzt damit das Klassifikationssystem ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur medizinischen Einordnung von Krankheitsbildern (DIMDI, 2005). Gemäß der zugrundeliegenden Gesundheitsdefinition der WHO als ein »Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen« (WHO, 2014, S. 1) werden die komplexen Wechselwirkungen zwischen den gesundheitlichen Problemen und den Kontextfaktoren, also den Umwelt- und personenbezogenen Faktoren, in den Blick genommen. Eine Erweiterung des bio-psycho-sozialen Modells wurde mit dem Salutogenese-Modell Antonovskys vorgelegt, das weniger fragt, warum Menschen krank werden, sondern warum sie trotz bio-psycho-sozialer Risiken und Belastungen gesund bleiben (Laging, 2018, S. 20). Der Paradigmenwechsel von pathogenetischen Modellen hin zum salutogenetischen Konzept wurde erstmals in der Ottawa-Charta der WHO von 1986 niedergelegt.
Die folgende Grafik veranschaulicht die benannten Wechselwirkungen (
Abb. 5).

Abb. 5: Wechselwirkung zwischen den Komponenten der ICF (aus: DIMDI – Deutsches Institut für medizinische Dokumentation und Information (Hg.) (2005). Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit, S. 23)
Soziale Arbeit versteht sich im Gesundheitswesen komplementär, aber teils auch widerstreitend zur naturwissenschaftlich-medizinischen Perspektive (u. a. Franzkowiak, 2009, S. 117f). Sozialer Arbeit wird eine besondere Relevanz in der Arbeit mit sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel verbesserter Teilhabe und Ressourcenstärkung zugesprochen. Aufgrund des bestehenden Zugangs zu diesen Personengruppen und der besonderen sozialpädagogischen Methoden und Konzepte, z. B. lebenslagensensible Motivierungsarbeit oder sozialräumlich aktivierende und vernetzende Ansätze, kann Soziale Arbeit insbesondere im Kontext der Prävention und Gesundheitsförderung wirksam werden (u. a. Franzkowiak, 2009; Homfeldt et al., 2011; Waller, 2007).
Im medizinisch dominierten Gesundheitssystem ist die Soziale Arbeit bislang in wenigen Teilsektoren gleichberechtigt, dies ist in der Suchtprävention und -hilfe, der gesundheitlichen Bildung von Kindern und Jugendlichen, der gemeindenahen und vernetzenden sowie zunehmend auch in der Altenhilfe der Fall (Franzkowiak, 2009, S. 122).
Nach Franzkowiak werden die folgenden Bereiche gesundheitsbezogener Sozialer Arbeit unterschieden.
1. Soziale Arbeit im Gesundheitswesen
Soziale Arbeit im Gesundheitswesen zielt darauf, die Risiken krankheitsbedingter sozialer Benachteiligung zu vermindern. Sie hat in verschiedenen Feldern im Gesundheitssystem einen festen Platz, u. a. als Teil der integrierten Versorgung im Krankenhaus, in Rehabilitationseinrichtungen, in der Suchthilfe, im Öffentlichen Gesundheitsdienst, in der psychiatrischen Versorgung, in der Frühförderung und der Sozialpädiatrie sowie in der Selbsthilfe (Franzkowiak, 2009, S. 118ff).
Aufgrund der komplementären Aufgaben Sozialer Arbeit im primär pflege- bzw. gesundheitsbezogen ausgerichteten Gesundheitswesen spricht Homfeldt hier von sekundären Settings (Homfeldt, 2012, S. 489).
2. Gesundheitsfördernde Arbeit im Sozial- und Bildungswesen
Auch außerhalb des Gesundheitssystems hat Gesundheitsförderung in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Als Beispiele sind der Aufbau kommunaler Präventionsketten, das Programm »Gute Gesunde Schule« oder Angebote der präventiven Kinder- und Jugendhilfe zu nennen (Franzkowiak, 2009, S. 120f).
3. Klinische Sozialarbeit
Seit den 1990er Jahren hat sich in Deutschland, angelehnt an die Clinical Social Work in den USA, die klinische Sozialarbeit in Praxis und Ausbildung langsam etabliert (ebd., S. 121f). Gemäß der Sektion Klinische Sozialarbeit der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit (DGSA) spricht man von klinischer Sozialarbeit
»wenn die Soziale Arbeit in Behandlungskontexten erfolgt und eigene Beratungs- und Behandlungsaufgaben wahrnimmt. Ausgehend von einem bio-psycho-sozialen Grundverständnis von Gesundheit, Störung, Krankheit und Behinderung liegt ihr Fokus auf der psychosozialen Diagnostik, Beratung und Behandlung von Personen im Kontext ihrer Lebenswelt« (DGSA, 2019).
3.1.2 Bewegung und Gesundheit
Der Bewegung wird gesundheitspolitisch ein hoher Stellenwert beigemessen. Dies zeigt sich u. a. in der Nennung als eines der nationalen Gesundheitsziele durch das Bundesgesundheitsministerium im Jahr 2006. Die im Rahmen der Bund-Länder-Initiative zur Festlegung und Entwicklung von nationalen Gesundheitszielen und ihrer Umsetzung im Alltag festgelegten Gesundheitsziele zielen neben der Verbesserung der Gesundheit Einzelner oder bestimmter Gruppen auf die Stärkung gesundheitsfördernder Strukturen. Die Förderung sportlicher Aktivitäten, benannt als Gesundheitsziel »Gesund aufwachsen: Lebenskompetenz, Bewegung, Ernährung«, wird vom Bundesgesundheitsministerium neben Ernährung als wesentlicher Einflussfaktor bei der Herstellung gesundheitsfördernder Rahmenbedingungen, z. B. in der Kita und in der Familie, benannt (BGM, 2019).
Da die Kindheit als sensible und prägende Periode für gesundheitsbezogene Entwicklungen wie die Entstehung und mögliche Manifestation gesundheitsriskanten Verhaltens oder für entwicklungsbedingte psychosoziale Störungen im Erwachsenenalter gilt (u. a. Lohaus et al., 2005; Telama et al., 2014), setzen präventive Bemühungen in dieser Altersgruppe an.
Mit der sogenannten KiGGS-Studie, der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland des Robert Koch-Instituts, liegen repräsentative Erhebungsdaten zum gesundheitlichen Zustand von Kindern und Jugendlichen in Deutschland über einen Zeitraum von knapp 15 Jahren vor. Mittlerweile liegen die KiGGS-Basiserhebung (2003–2006), die KiGGS Welle 1 (2009–2012) und die KiGGS Welle 2 (2014–2017) vor. Die KiGGS Welle 2 wird durch fünf Vertiefungsmodule ergänzt. Diese behandeln die Themen psychische Gesundheit (BELLA), Ernährung (EsKiMo für 6- bis 17-Jährige und KiESEL für das Alter von sechs Monaten bis zu fünf Jahren), Motorik (MoMo) und Umwelt (GerES) (siehe hierzu auch die Studie Health Behaviour in School-Aged Children, HBSC, 2015).
Laut KIGGS-Studie haben sich der Gesundheitszustand und das Bewegungsverhalten von Kindern verschlechtert. Insbesondere werden der Bewegungsmangel und, damit verbunden, die Gefahr von motorischen Defiziten, Übergewicht und Haltungsschäden sowie psychosozialen Auffälligkeiten benannt (BMFSFJ, 2009b, S. 10). Insgesamt 14,8 % der Jungen und Mädchen im Alter von zwei bis 17 Jahren sind als übergewichtig einzustufen, darunter 6,1 % mit Adipositas. Verglichen mit Zahlen aus den 1980/90er Jahren ist ein Anstieg um 50 % bei übergewichtigen bzw. um 100 % bei adipösen Heranwachsenden zu verzeichnen (Kurth & Schaffrath-Rosario, 2010). Ergebnisse der KiGGS-2-Studie zeigen mit 15,4 % übergewichtigen Kindern und Jugendlichen einen leichten Anstieg, der Anteil der adipösen Kinder und Jugendlichen ist mit 6 % gleichgeblieben (Krug et al., 2018, S. 3).
Die gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen steht in engem Zusammenhang mit körperlicher Aktivität und Bewegung. Körperliche Aktivität hat u. a. positive Wirkungen auf die Vorbeugung von Herz-Kreislauf- Erkrankungen und Übergewicht sowie die motorische Leistungsfähigkeit (Smith, 2014; Opper et al., 2005; Sygusch, 2005). Die sogenannte Motorik-Modul-Studie (MoMo) des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) erfasst als Teilmodul der KiGGS-Studie erstmals repräsentativ die motorische Leistungsfähigkeit und körperlich-sportliche Aktivität von Kindern und Jugendlichen im Alter von vier bis 17 Jahren in Deutschland. Mittlerweile liegen die Basiserhebung (2003–2006), die MoMo-Welle 1 (2009–2012) und die MoMo-Welle 2 (2014–2016) vor. Durch die Verknüpfung mit KiGGS-Daten werden Zusammenhänge zwischen Bewegungs- und Gesundheitsindikatoren sichtbar.
In der Studie wird zwischen der motorischen Leistungsfähigkeit und der körperlich-sportlichen Aktivität unterschieden (BMFSFJ, 2009b, S. 18ff). Hinsichtlich der motorischen Leistungsfähigkeit zeichnet sich gemäß der meisten vorangegangenen Studien ein Leistungsabfall im Vergleich zu früheren Generationen ab (u. a. Bös, 2003; Klaes et al., 2008). So zeigt Bös u. a., dass die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen u. a. hinsichtlich der Laufausdauer seit den 1970er Jahren um ca. 10 bis 20 % abgenommen hat (Bös, 2003). Vereinzelte Studien widersprechen dem (u. a. Kretschmer, 2003; Rethorst, 2003).
Hinsichtlich der körperlich-sportlichen Aktivität lässt sich für die letzten Jahrzehnte eine Veränderung kindlicher Lebens- und Bewegungswelten feststellen. Zum einen ist ein Bewegungsmangel von Kindern im Alltag festzustellen. Lediglich 53,9 % der Mädchen im Alter von 3 bis 17 Jahren und 62,8 % der Jungen dieses Alters treiben mindestens 90 Minuten pro Woche Sport (Krug, 2018, S. 7). Die Nutzungszeit von Medien wie Computer, Handy oder Fernsehen hat sich dagegen stark erhöht (Raczek, 2002). Laut JIM-Studie stehen Jugendlichen in praktisch allen Haushalten verschiedene Medien wie Smartphone (99 %), Internetzugang (99 %) oder TV (95 %) etc. zur Verfügung (MpFS, 2018, S. 6). Der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MpFS) untersucht im Rahmen der repräsentativen Studie Jugend, Information, Medien (JIM) seit 1998 jährlich den medialen Alltag von Jugendlichen in Deutschland. Bei der täglichen Mediennutzung der 12- bis 19-Jährigen werden das Smartphone (94 %) und das Internet (91 %) am häufigsten genannt (MpFS, 2018, S. 13f). Nach MpFS- Schätzung beträgt die tägliche Online-Nutzungsdauer 214 Minuten (2017: 221 Minuten) (MpFS, 2018, S. 73).
Zum anderen lässt sich eine »Versportlichung der Jugendbiographie« (Brinkhoff, 1998, S. 129, zit. n. BMFSFJ, 2009a, S. 29; vgl. auch Baur & Burrmann, 2004) sowie deren institutionelle Einbettung in geschützten Räumen wie Kita und Schulhort und eine frühere Vereinsmitgliedschaft, aber auch ein früherer Ausstieg, erkennen. Letztlich ist sportliche Aktivität eine der wichtigsten Freizeitaktivitäten von Kindern und Jugendlichen (BMFSFJ, 2009a). 70,9 % der 3- bis 17-jährigen Mädchen und 75,1 % der gleichaltrigen Jungen geben an, Sport zu treiben. Insgesamt erreichen jedoch mindestens ca. 75 % der Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 15 Jahren die von der WHO im Jahr 2010 empfohlenen Richtlinien für gesundheitsorientiertes Aktivitätsverhalten nicht (WHO, 2010). Gemäß dieser Richtlinien sollen Kinder und Jugendliche täglich mindestens 60 Minuten lang mäßig bis sehr anstrengende körperlich-sportliche Aktivitäten durchführen (Krug, 2018, S. 4). Gemäß der von Rütten und Pfeifer entwickelten nationalen Bewegungsempfehlungen sollen sich Vier- bis Sechsjährige mindestens 180 Minuten und Sechs- bis Elfjährige mindestens 90 Minuten täglich bewegen (Rütten & Pfeifer, 2016).
Effekte von Bewegung lassen sich, neben der Verbesserung motorischer Fähigkeiten, auch auf die Entwicklung der kognitiven und psychosozialen Leistungsfähigkeit nachweisen. Bewegungsfreudige Kinder und Jugendliche haben in der Regel eine bessere Körperkoordination und Stressverarbeitung. Dies erleichtert die Konzentrationsfähigkeit, verbessert die Selbstwirksamkeitserwartung und auch die soziale Einbindung (Graf et al., 2004; Neuhäuser, 2001).
Entsprechend der dargelegten Erkenntnisse erfährt die Bewegungsförderung im Rahmen gesundheitspolitischer Förderprogramme besondere Aufmerksamkeit. Trotz des empirisch belegten Wissens über die Bedeutung von Bewegung für die Gesundheit hat sich die Zahl der Menschen mit bewegungsarmen Lebensstilen in Europa im letzten Jahrzehnt weitgehend nicht verringert. Dieses Paradoxon wird als sogenanntes »›chronisches‹ Politikproblem« (Rütten & Pfeiffer, 2016, S. 15) gesehen. Schnelle Lösungen sind nicht möglich, Mehrebenen-Interventionen und der Stellenwert von Gesundheit als Querschnittsthema gelten als erfolgversprechender (BMG, 2010, S. 10f; Rütten & Pfeiffer, 2016, S. 13). Maßnahmen beziehen sich sowohl auf die Verhaltensprävention, also die Veränderung des Verhaltens von Individuen und Gruppen, als auch auf die Verhältnisprävention, also die Veränderungen der Umwelt in allen Lebensbereichen. Neben der 2008 beschlossenen Strategie zur Förderung der Kindergesundheit sind u. a. die Gesundheitsziele, der Nationale Aktionsplan »IN FORM – Deutschlands Initiative für eine gesunde Ernährung und mehr Bewegung« und die im Jahr 2016 veröffentlichten »Empfehlungen für Bewegung (und Bewegungsförderung)« sowie Programme der einzelnen Bundesländer zu nennen. Als sogenannte Startermaßnahmen im Sinne der WHO-Strategie »the healthier choice must be the easier choice« (WHO, 1986), die Gesundheitsförderung zeitnah und niedrigschwellig angehen sollen, werden u. a. die Förderung der Bewegungsfreude von Kindern und Jugendlichen innerhalb des Sportunterrichts oder die Aufstellung von Trinkwasserspendern genannt (BMG, 2010, S. 45). Es ist davon auszugehen, dass eine nachhaltige Förderung nur mithilfe integrierter Ansätze möglich ist, d. h., es werden ergänzend familienunterstützende Maßnahmen in Kommunen, Kitas und v. a. Bildungseinrichtungen installiert (ebd., S. 15).
Bewegungsmangel und ungünstige Ernährungsgewohnheiten, der Gesundheitszustand sowie die Prävalenz von Erkrankungen treten in der Bevölkerung ungleich verteilt auf und korrelieren mit sozio-ökonomischer Benachteiligung und Bildungsferne (siehe u. a. BMAS, 2008; Nicklas et al., 2004; Neumark-Sztainer et al., 2003; Richter, 2005; siehe auch Lebenskompetenz nach Weinert, 2001). Verschiedene Studien belegen, dass Bevölkerungsgruppen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status verhaltenspräventive Maßnahmen am wenigsten in Anspruch nehmen, obwohl sie häufig einen schlechteren Gesundheitszustand haben (siehe u. a. Bauer, 2001; Hurrelmann, 2010). Aufgrund der bereits dargelegten sozialen Determiniertheit von Gesundheit werden gesundheitspolitisch zunehmend verhältnispräventive Strategien zur Senkung der Gesundheitsbelastungen und zur Stärkung der Gesundheitsressourcen gemäß des Settingansatzes verfolgt. Dem benannten Präventionsdilemma soll durch eine Einbindung sozialer Dienste, die Zugang zu diesen Personengruppen haben, eine bessere intersektorale Vernetzung der Akteure und Akteurinnen und eine Fokussierung auf verhältnispräventive Maßnahmen im Sinne kommunaler Gesundheitsförderung entgegengewirkt werden (RKI, 2015, S. 284; siehe auch RKI, 2009). Das im Juli 2015 verabschiedete Präventionsgesetz (»Gesetz zur Stärkung der Gesundheitsförderung und der Prävention«) setzt an der Erhöhung der gesundheitlichen Chancengleichheit zugunsten sozial Benachteiligter als kommunale Aufgabe an (RKI, 2015, S. 236; BMAS, 2017).
Prävention und Settingansatz
Im Sinne der Prävention sollen durch vorbeugende Maßnahmen Erkrankungen verhindert bzw. deren Folgen abgemildert werden. Es wird zum einen, entsprechend des Zeitpunkts der Prävention, zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention unterschieden, zum anderen zwischen Verhaltens- und Verhältnisprävention (BMG, 2010, S. 51ff). Während sich die Primärprävention an alle Menschen richtet und im Vorfeld auf Gesundheitsrisiken u. Ä. verweist, ist die Sekundär- und Tertiärprävention bereits mit einem Behandlungsansatz verbunden, der in der Sekundärprävention im Sinne der Früherkennung Risikogruppen fokussiert, und auf tertiärer Ebene die Arbeit mit Menschen, die von konkreten Problemen betroffen sind, sieht (Caplan, 1964).
Verhaltenspräventive Maßnahmen konzentrieren sich auf das individuelle Gesundheitsverhalten, z. B. körperliche Aktivität, und setzen insbesondere auf Informationsvermittlung, Beratung und Training. Verhältnispräventive Modelle nehmen Umgebungsbedingungen und deren Einfluss auf den Einzelnen stärker in den Blick und zielen auf einen Ausgleich ungleicher Teilhabechancen und struktureller Benachteiligungen und damit verbunden auf eine mittelbare Verbesserung der Gesundheit bzw. Lebenssituation Einzelner durch die lebensweltnahe und sozialräumliche Stärkung von Strukturen.
Der Settingansatz, der Ende der 1980er Jahre als Instrument zur praktischen Umsetzung der Prinzipien der Ottawa-Charta der WHO entwickelt wurde und im Setting Sozialraum inklusive sozialer Infrastruktur, z. B. Kitas, Schulen, ansetzt, wird hier häufig herangezogen.
3.1.3 Sportorientierte sozialpädagogische Angebote im Gesundheitswesen
Im Folgenden wird ein Überblick über sportorientierte Angebote der Sozialen Arbeit im Gesundheitsbereich vorgenommen. In Publikationen der Sozialen Arbeit wird das Thema bislang wenig aufgegriffen, auch in der Praxis sind wenig sportorientierte sozialpädagogische Angebote im Gesundheitswesen vorhanden, d. h. Angebote, die sozialpädagogische Zielsetzungen verfolgen und von Fachkräften der Sozialen Arbeit erbracht werden. Neben präventiven Angeboten im Freizeitbereich gibt es einige strukturelle Angebote, u. a. Kampagnen der AIDS-Hilfe im Rahmen der Antidiskriminierungsarbeit. Allein bei den sozialräumlich ausgerichteten Angeboten, die verhältnispräventiv u. a. den Ausbau kommunaler Versorgungsketten fördern, zeigt sich der beginnende Ausbau nachhaltiger Entwicklungen und Strukturen, wenngleich Sportangebote nicht regelmäßig systematisch einbezogen werden.
Insgesamt sind die Bereiche Soziale Arbeit, Sport und Gesundheit bislang zu wenig verzahnt und koordiniert, die Angebote sind wenig aufeinander und auf vorhandene Strukturen bezogen. Die sportorientierte gesundheitsbezogene Soziale Arbeit ist strukturell wie konzeptionell noch wenig ausformuliert. Bei gesundheitsfördernden Angeboten im Bildungswesen gibt es, insbesondere im Kontext des Aufwachsens und der Sozialisation, dagegen zahlreiche Projekte (
Kap. 3.2).
Sport- und bewegungsorientierte Angebote ohne sozialpädagogischen Fokus sind im Bereich der Gesundheitsprävention und der Behandlung und Therapie dagegen zahlreich vertreten. Anbieter sind u. a. Volkshochschulen, Sportvereine, Betriebe, kommerzielle Anbieter wie z. B. Fitnessstudios oder die Krankenkassen. Der Gesundheitssport umfasst die Säulen Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation. Der von Rittner Mitte der 1980er Jahre geprägte Begriff Gesundheitssport hat sich in den letzten Jahren etabliert. Rittner grenzt diesen hinsichtlich der darin liegenden vornehmlich gesundheitlich orientierten Ziele vom Freizeitsport ab, dem weitere Motive wie z. B. Naturerleben oder Geselligkeit zugrunde liegen können, und begründet dessen Verbreitung im Rahmen gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse (Rittner, 1985). Der Bundesausschuss für Bildung, Gesundheit und Wissenschaft des DSB definiert Gesundheitssport wie folgt:
Gesundheitssport
»Gesundheitssport ist eine aktive, regelmäßige und systematische körperliche Belastung mit der Absicht, Gesundheit in all ihren Aspekten, d. h. somatisch wie psychosozial, zu fördern, zu erhalten oder wiederherzustellen. Gesundheitssport umfasst den Präventivsport, die Bewegungs- und Sporttherapie sowie den Rehabilitationssport. Da Sport auch mit gesundheitsbezogenen Risiken verbunden sein kann, müssen die Inhalte dosiert und in Anlehnung an die individuellen Voraussetzungen ausgewählt werden« (DSB, 1993, S. 198).
In Abgrenzung zu anderen Sportbereichen werden mit speziellen Programmen gesundheitsrelevante Ziele wie die Minderung gesundheitlicher Risikofaktoren, aber auch die Stärkung von Gesundheitsressourcen und die Steigerung des Wohlbefindens zielgruppengerecht angegangen (Brehm & Rütten, 2004; siehe auch Fuchs, 2003). Der Gesundheitssport enthält die Chance, neue Zielgruppen im Sinne der Ottawa Charta »Gesundheit für alle« von 1986 durch eine Vielzahl neuer Angebote zu erschließen (Bös & Brehm, 1999, S. 9).
Zertifizierte Angebote des Präventionssports mit dem Siegel SPORT PRO GESUNDHEIT oder Deutscher Standard Prävention können gemäß § 20 SGB V durch Krankenkassen bezuschusst werden. Angebote des Rehabilitationssports oder Funktionstrainings können von den Rehabilitationsträgern, Krankenkassen oder Rentenversicherungsträgern gemäß § 64 SGB IX i. V. m. § 43 SGB V gefördert werden. Während Rehabilitationssport darauf zielt, die Ausdauer und Kraft zu stärken sowie die Koordination und Flexibilität zu verbessern, ist Funktionstraining auf den Erhalt und die Verbesserung von Funktionen sowie das Hinauszögern von Funktionsverlusten einzelner Organsysteme und Körperteile ausgerichtet. Beide Angebotstypen haben die Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbsthilfepotentiale im Sinn (BAR, 2011, S. 5f).
Ein Projekt, das als Rehabilitationssport von den Krankenkassen gefördert wird, ist z. B. das Fidelio-Programm im Sport-Gesundheitspark Berlin e. V., das Bewegungsangebote für stark übergewichtige Kinder und Jugendliche mit medizinischer Indikation bereithält.
Soziale Arbeit sollte hier, unter Wahrung ihres genuin lebensweltlichen Paradigmas, ansetzen, z. B. durch die Erweiterung des Sportangebots um ein psychosoziales Beratungsangebot oder Elternarbeit.
Die medizinischen und sportwissenschaftlichen Erkenntnisse bieten hilfreiches (Sekundär-)Wissen und Schnittstellen, um sich in diesem Handlungsfeld zu verorten und komplementäre Angebote zu entwickeln. Auch im Bereich der Nachsorge zeigen sich Anknüpfungspunkte für die Soziale Arbeit. So ließen sich ›Sportketten‹ entwickeln, die im Sinne integrierter Versorgung, an den kommunalen Präventionsketten ansetzen könnten.
Eine Gesamtübersicht liegt weder über die einzelnen Sportangebote der verschiedenen Akteure insgesamt noch für sportorientierte Angebote in sozialpädagogischen Settings im Besonderen vor. Letztere umfassen sportorientierte Angebote in sozialen Diensten, wobei nicht alle eine explizit sozialpädagogische Zielsetzung verfolgen. Für diese lassen sich anhand von Literatur- und Internetrecherchen und Praxiserfahrungen verschiedene Tendenzen beschreiben. Die Darstellung sportorientierter sozialpädagogischer Angebote wird in verhaltens- und verhältnispräventive Ansätze unterteilt. Bereiche des Gesundheitswesens, die keinerlei Bezüge zu Sozialer Arbeit aufweisen, wie z. B. der Katastrophen- und umweltbezogene Gesundheitsschutz, bleiben unberücksichtigt.
Verhaltenspräventive Angebote
In den einzelnen sozialpädagogischen Handlungsfeldern des Gesundheitswesens wie z. B. der AIDS-Hilfe, der Suchthilfe oder der Psychiatrie werden unterschiedliche Sportaktivitäten mit dem präventiven Ziel der Gesundheitsförderung angeboten. Diese finden häufig in Form von Freizeitgruppenangeboten statt, so gibt es u. a. Laufgruppen, z. B. der Berliner AIDS-Hilfe, Fußball-, Volleyball- oder Yoga-Angebote, oder es werden Turniere, teils trägerübergreifend, organisiert. Die Sportangebote verstehen sich komplementär zu anderen Freizeit- und Beschäftigungsangeboten wie Malen oder Theater spielen und verfügen häufig weder über eine gesonderte Finanzierung noch ein ausgewiesenes Konzept.
In der Suchthilfe und der Psychiatrie werden Sport- und Bewegungsangebote auch als ergänzende Elemente in das therapeutische Set der Entwöhnungsbehandlung integriert und dienen somit einer kurativen Zielsetzung. Sie können als Rehabilitationssport gefördert werden. Als Beispiele lassen sich hier die Laufgruppe »Laufen für die Seele« der psychiatrischen Einrichtung Alexianer/St. Hedwig Berlin oder in die Suchttherapie integrierte Sportangebote des Tannenhof Berlin-Brandenburg e. V. nennen. Es gibt eine Vielzahl von Verfahren, die Leiblichkeit und Bewegung als therapeutisches Mittel nutzen und sich, in Anlehnung an Hölter (2011), zwischen den Polen Physiotherapie und Psychotherapie ansiedeln lassen. Zu den physiotherapeutischen Verfahren, die auf die Beeinflussung körperlicher Zustände zielen, zählt z. B. die Sporttherapie. Bei bewegungsbetonten psychotherapeutischen Ansätzen, wie z. B. der integrativen oder der konzentrativen Bewegungstherapie, geht es primär um die psychische Beeinflussung. Verfahren, die körperliche und psychische Veränderungen zum Ziel haben und einen edukativ-psychosozialen Fokus haben, sind z. B. die kommunikative Bewegungstherapie oder die Mototherapie (DGPPN, 2012, S. 132; siehe auch Hölter, 2011)
Die von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenkrankheiten (DGPPN) entwickelten, in 2012 erschienenen S3-Leitlinien für psychosoziale Therapien bei Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen enthalten Empfehlungen zur Sport- und Bewegungstherapie, die u. a. regelmäßige körperliche Aktivität unter Anleitung anregen, um z. B. die psychische Symptomatik zu verbessern oder die Körperwahrnehmung zu fördern (DGPPN, 2012, S. 22). Bei den S3-Leitlinien handelt es sich um Handlungsempfehlungen zur Behandlung von Krankheiten auf Grundlage des aktuellen Erkenntnisstands des Fachgebiets. Je nach Evidenzgrad werden S1-, S2- und, als höchste Stufe, S3-Leitlinien unterschieden (DGPPN, 2019).
In der Behindertenhilfe gibt es seit Jahren eine enge Verzahnung der heil- und sozialpädagogischen Versorgung mit Sport- und Bewegungsangeboten. Neben Programmen des Rehabilitationssports bzw. Funktionstrainings stellt der Breitensport mit traditionellen Sportarten, Fun- und Trendsportarten sowie dem Deutschen Sportabzeichen für Menschen mit Behinderung eine vielfältige Angebotssparte dar. Die dafür zuständigen Behindertensportvereine sind unter dem Dach des Behindertensportverbands (DBS) organisiert, der gleichzeitig auch für den Leistungssport zuständig ist. Der Behindertensportverband ist nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Versehrtensport entstanden, er zählt deutschlandweit über 650.000 vorwiegend ältere Mitglieder. Mitglieder ab 41 Jahren machen 78 % aus, davon sind 46,5 % 61 Jahre und älter (2013) (DBS, 2019). Ziele der Breitensportangebote sind der Spaß an der Bewegung, Spiel und Sport, die Förderung von Begegnungen und Gemeinschaftserlebnissen, die Stärkung der Leistungsfähigkeit und ggf. der Einstieg in den Leistungssport (ebd.). Der DBS ist Mitglied im DOSB und im International Paralympic Committee (IPC) und verfügt über eine eigene Jugendorganisation, die Deutsche Behindertensportjugend (DBSJ) (siehe auch Krüger, 2001, S. 1817).
In den letzten Jahren sind verstärkt Inklusionsbemühungen des DBS zu verfolgen: So wurde 2014, gefördert durch das BMAS, der Index für Inklusion im und durch Sport zur Förderung des Auf- und Ausbaus inklusiver Kulturen, Strukturen und Praktiken im Sport entwickelt (DBS, 2014). Unter den zahlreichen Inklusionsprojekten sind u. a. das Berliner Netzwerk Inklusion und Sport (LSB, 2019) und das Projekt Mehr Inklusion für alle (MIA) hervorzuheben, die die sozialräumlich-regionale Implementierung des benannten Indexes unterstützen sollen (www.mehr-inklusion-fuer-alle.de). Hier könnte Soziale Arbeit mit sozialräumlichen Konzepten bei der Vernetzung mit sozialen Diensten und beim Anschluss an kommunale Versorgungsketten unterstützend tätig werden. Konkret sind hier nicht nur Träger der Behindertenhilfe angesprochen, sich mit den inklusiven Bemühungen der Sportverbände wie dem DBS und dem DBSJ, aber auch dem DOSB, auseinanderzusetzen und ggf. gemeinsame Projekte voranzutreiben. Auch die explizit sozialräumlich agierenden, gut vernetzten Stadtteilzentren oder Nachbarschaftshäuser können einen Beitrag leisten, indem sie Kontakte zwischen den beteiligten Akteuren stiften bzw. niedrigschwellig eigene inklusive Sportangebote in ihr Portfolio aufnehmen. Eine Aufhebung gesonderter Behindertensportverbände im Sinne der Inklusion wird aktuell noch wenig diskutiert.
Verhältnispräventive Angebote
Mit dem Präventionsgesetz, das 2015 in Kraft trat, wurde die gesetzliche Grundlage zur integrierten kommunalen Gesundheitsförderung gelegt. In Ergänzung zur Arbeit in Kitas, Schulen etc. sollen Ressourcen und Belastungen für die Gesundheit der Menschen in einem Stadtteil oder einer Gemeinde identifiziert und schwer erreichbare Gruppen angesprochen werden. Ziel ist es, die Gesundheitschancen aller Menschen nachhaltig zu verbessern. Maßnahmen zur Umsetzung sind u. a. das Gesunde Städte-Netzwerk und die Präventionsketten.
Das Gesunde Städte-Netzwerk ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Kommunen, die sich durch organisatorische Strukturen und Beschlüsse bereit erklären, Gesundheit als Kernstück ihrer Kommunalpolitik zu sehen (Gesunde Städte-Netzwerk, 2019). Das Netzwerk der Gesunden Städte umfasste im Jahr 2015 75 Städte.
In den Präventionsketten sollen, u. a. mit dem Settingansatz, Angebote sozialer Dienste und Ressourcen vernetzt und an die Bedürfnisse der Bewohner und Bewohnerinnen im Sozialraum angepasst werden. Hierbei sollen Schnittstellen zu komplementären Programmen berücksichtigt werden wie z. B. die Handlungsempfehlungen »Gesundheitschancen sozial benachteiligter Kinder und Jugendlicher nachhaltig verbessern!« vom Kooperationsverbund Gesundheitliche Chancengleichheit oder den Frühen Hilfen. Das Programm »Gesund aufwachsen für alle!« will den Austausch zwischen Kommunen, die Präventionsketten aufbauen, fördern (RKI, 2015, S. 285). Die gesundheitsfördernden Kommunen sind im Aufbau und bieten gute Potentiale, sozialpädagogische und sportorientierte Angebote zu koppeln. Hier sei z. B. auf das Dortmunder Netzwerk INFamilie (Möller-Dreischer & Kuhlenkamp, 2017) und das Projekt »Früh bewegt!« (Stadt Dortmund, 2016) verwiesen.
Darüber hinaus gibt es zahlreiche Kampagnen und Aktionen, die den Sport als Medium nutzen, um gesellschaftliche Themen wie z. B. Antidiskriminierung zu diskutieren. Als Beispiel seien Turniere und Diskussionsreihen der Potsdamer AIDS-Hilfe in Kooperation mit dem Rugby-Club Berlin Bruisers genannt (AIDS-Hilfe Potsdam, 2019) (
Kap. 3.3).
Der zugrunde gelegte breite, bio-psycho-soziale Gesundheitsbegriff schließt Soziale Arbeit mit ihren Zielsetzungen und Angeboten programmatisch bereits ein. Sozialpädagogische Ziele im Gesundheitsbereich lassen sich so den ganzheitlichen Zielen der Verbesserung des Wohlbefindens, als Teil einer kurativen Zielsetzung, sowie der Ermöglichung von Teilhabe und dem Zugang zu Gesundheit insbesondere für benachteiligte Gruppen und damit verknüpften weiteren gesellschaftlichen Teilbereichen wie Arbeit und Kultur zuordnen.
Sportorientierte Angebote erfüllen hier einen doppelten Zweck. Sport und Bewegung liefern auf der einen Seite einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit, auf der anderen Seite können entsprechend inszenierte Sportsettings einen niedrigschwelligen Zugang zu gesundheitsfördernden Angeboten schaffen. Bislang fehlt es sozialpädagogischen Fachkräften vielfach an dem Bewusstsein dieser Doppelfunktion, so dass es noch an systematischen Bemühungen mangelt, auf der einen Seite, das Sozialpädagogische in der kurativen Zielsetzung herauszustellen, und auf der anderen Seite sportbezogene Konzepte zu entwickeln, die, z. B. durch aufsuchende Arbeit oder durch niedrigschwellige Angebote, komplementär zu Sportvereinen, mit dem Medium des Sports den Zugang zu gesundheitsfördernden Angeboten zu erleichtern. Im Settingansatz, der Settings wie Kita oder Schule als Schnittstelle nutzt, ist diese Idee bereits angelegt, Soziale Arbeit kann hier auf ihren hohen Vernetzungsgrad und darüber hinaus auf die Sensibilität ihrer Konzepte für besondere Lebenslagen zurückgreifen.
3.2 Bildung
3.2.1 Soziale Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe
Grundlage der Förderung des Aufwachsens Kinder und Jugendlicher ist das KJHG (SGB VIII). § 1 SGB VIII folgend sollen alle Kinder und Jugendlichen in ihrer ganzheitlichen Entwicklung gefördert werden. Dies schließt die bio-psycho-soziale Gesundheit ein, entsprechend zeigen sich Überschneidungen zur gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit. Außerdem sollen gemäß § 9 Nr. 3 SGB VIII Angebote vorgehalten werden, in denen geschlechtsspezifische Lebenslagen bzw. -konzepte berücksichtigt und Benachteiligungen abgebaut werden.
Die Aufgaben der Kinder- und Jugendhilfe sind im Ersten Kapitel des KJHG in § 2 SGB VIII geregelt. Neben lebensweltergänzenden Leistungen wie z. B. der Tagespflege oder offener Jugendarbeit, lebensweltunterstützenden Leistungen wie ambulanten Hilfen zur Erziehung und lebensweltersetzenden Leistungen wie z. B. der Heimerziehung kommen der Jugendhilfe hoheitliche Aufgaben wie z. B. die Inobhutnahme zu. Sport- und bewegungsorientierte Angebote finden sich in allen Aufgabenfeldern der Kinder- und Jugendhilfe. Explizit sozialpädagogische Angebote, die Sport als Medium nutzen, haben sich bislang v. a. in der offenen Jugendarbeit (§ 11 SGB VIII) und der Jugendsozialarbeit (§ 13 SGB VIII) etabliert.
Bevor die Aufgabenfelder und die dort vorhandenen sportorientierten Angebote in Abhängigkeit vom Lebensalter skizziert werden, soll zunächst das zugrunde gelegte Bildungsverständnis geklärt werden. Denn im Bildungsdiskurs hat sich seit den 1990er Jahren der Blick, der zuvor vornehmlich auf die Schuleals Ort von Bildungsprozessen gerichtet war, erweitert und dabei, neben der Ausweitung auf vorschulische Bildung, zunehmend außerschulischen non-formalen Lernorten und informellen Lernformen Raum gegeben. Bildung im Sinne selbstbestimmter Persönlichkeitsentwicklung und subjektiver Aneignung wird als »eigensinniger Prozess« (BMFSFJ, 2005, S. 236) verstanden, der von einem ganzheitlichen Zugang und von einem erweiterten Begriffsverständnis ausgeht als das lange Zeit in formalen Bildungseinrichtungen zugrunde gelegte Verständnis von Bildung als v. a. kognitivem Wissenserwerb (ebd., S. 90f). Bildung wird verstanden als ein
»aktiver Prozess, in dem sich das Subjekt eigenständig und selbsttätig in der Auseinandersetzung mit der sozialen, kulturellen und natürlichen Umwelt bildet. Bildung des Subjekts in diesem Sinne braucht folglich Bildungsgelegenheiten durch eine bildungsstimulierende Umwelt und durch die Auseinandersetzung mit Personen. Bildung erfolgt dabei in einem Ko-Konstruktionsprozess zwischen einem lernwilligen Subjekt und seiner sozialen Umwelt. In diesem Sinne sind […] Kinder und Jugendliche als Ko-Produzenten ihres eigenen Bildungsprozesses zu begreifen« (ebd., S. 83).
Neben formalen Bildungsräumen gewinnen demnach non-formale Lernorte und informelle Settings durch Vorhaltung von Lerngelegenheiten an Bedeutung. Unter non-formaler Bildung versteht man
»jede Form organisierter Bildung und Erziehung (…), die generell freiwilliger Natur ist und Angebotscharakter hat« (Bundesjugendkuratorium, 2001, S. 23).
Der institutionelle Kontext bietet dabei ein Lernumfeld, das grundlegende Bildungsaufgaben wie z. B. die Identitätsfindung bei Jugendlichen praktisch erprobbar macht (Lüders & Baehr-Heintze, 2010, S. 459). Das Gelernte ist jedoch oft weder bewusst noch einfach messbar.
»Was den Beteiligten als selbstverständliche Settings und lang tradierte und bewährte Arbeitsformen – wie z. B. die vergleichsweise selbständige Kleingruppe Gleichaltriger, die sich entsprechend ihrer Interessen die eigenen Inhalte sucht oder die vielfach bewährten Prinzipien der Niedrigschwelligkeit und Beteiligung in der Arbeit der offenen Jugendarbeit – erscheint unter dieser Perspektive als vielfältige, Bildungsprozesse initiierende Arrangements, die erst aus der Distanz als solche sichtbar werden« (ebd.).
Entsprechend dieser Definition stellen Angebote der Kinder- und Jugendhilfe non-formale Bildungsangebote bereit, die Gelegenheiten und Orte des Lernens bieten und, in Kopplung mit Beratungsoptionen, Bildungsbenachteiligungen aufzugreifen versuchen (siehe u. a. Mack, 2007, S. 83).
Informelle Bildungsprozesse, die praktisches Lernen und Erfahrungslernen beinhalten, gehen weniger von institutionell vorgegebenen Lernzielen und -formen aus und unterscheiden sich hier stark von formalen und non-formalen Lernprozessen. Sie setzen am Interesse des Einzelnen und seiner Selbststeuerung an. Informelles Lernen
»erfolgt meist ungeplant, beiläufig und unbeabsichtigt, als ein (freiwilliges) Lernen im Alltag außerhalb von Bildungsinstitutionen in den lebensweltlichen Zusammenhängen und der sozialen Welt der Akteure« (ebd., S. 10).
Neben der Familie stellen, insbesondere bei Jugendlichen und Heranwachsenden, Gleichaltrigen-Gruppen und Cliquen einen wichtigen Bereich informeller Bildung dar. Informelles Lernen in der Schule wird nicht ausdrücklich ausgeschlossen, da diese auch zur Lebenswelt Jugendlicher gehört (ebd., S. 14).
Insbesondere die Angebote der offenen Jugendarbeit weisen mit ihrem Mix an Kursen, Projekten und offenen Angeboten ein breites Spektrum für Austausch, Erfahrungslernen und Begegnung mit Gleichaltrigen und Erwachsenen auf. Jugendarbeit kann Themen, die auch in der Schule bearbeitet werden, in anderer Form und mit anderen methodischen Zugängen anbieten, v. a. aber gewinnt sie mit Themen, die in der Schule vernachlässigt werden, z. B. im politischen, handwerklichen oder sportlichen Bereich sowie in der Alltagsbewältigung (Lüders & Baehr-Heintze, 2010, S. 448).
»Die Herausforderung für die Jugendarbeit besteht somit darin, Orte und Gelegenheiten zu schaffen, die für Jugendliche subjektiv und biographisch bedeutsam sind. Wenn dies gelingt und wenn Jugendliche diese Orte und Gelegenheiten aufsuchen, kann Jugendarbeit auch Unterstützung bieten bei den Aufgaben und Herausforderung der Lebensbewältigung im Jugendalter« (Mack, 2007, S. 93).
Die DSJ hat ihr Bildungsverständnis, das diesen Bildungsbegriff aufgreift, 2009 im Orientierungsrahmen Bildung verabschiedet. Sie versteht Sportvereine als non-formale Bildungssettings und betont insbesondere die Partizipationsnotwendigkeiten junger Menschen in den Vereinen (DSJ, 2012). Zur Umsetzung des Bildungsverständnisses hat die DSJ einen Aktionsplan Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) entwickelt. Sie schließt damit an die für die Jahre 2005 bis 2014 ausgerufene UN-Dekade »Bildung für nachhaltige Entwicklung« und den daraus abgeleiteten nationalen Aktionsplan der Bundesregierung an. Das Ziel der UN-Dekade ist es, sich kritisch mit der Ausbeutung von Mensch und Natur auseinanderzusetzen, um jedem ein gutes Leben zu ermöglichen. Der Bildung, die, gemäß des Konzepts des transformativen Lernens (vgl. hierzu Mezirow, 2000), auf eine gesteigerte Reflexionsfähigkeit, die Neuinterpretation bestehender Kontexte und überlegtes Handeln zielt, wird dabei eine zentrale Rolle zugesprochen. Die DSJ wählt, neben der Offenheit für neue Kooperationen aus dem Bereich Umwelt wie z. B. mit dem Naturschutzbund (NABU), ein praxisorientiertes Vorgehen. So werden anhand von Praxisbeispielen Handlungsanleitungen für Vereine ausgesprochen, um Elemente des BNE wie Fair Play oder interkulturelle Öffnung umzusetzen. Die Vereine sollen so in ihrer Rolle als Bildungsinstanz gestärkt werden (DSJ, 2019).
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