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BHAVYA HEUBISCH

DAS
SÜSSE
GIFT
DES
GELDES

VOLK VERLAG MÜNCHEN

Covermotiv: iStock, mammuth

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://portal.dnb.de abrufbar.

© 2020 Volk Verlag München

Neumarkter Straße 23, 81673 München

Tel. 089 / 420 79 69 80, Fax: 089 / 420 79 69 86

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt

Alle Rechte, einschließlich derjenigen des auszugsweisen Abdrucks sowie der photomechanischen Wiedergabe, vorbehalten.

ISBN 978-3-86222-375-6

www.volkverlag.de

Inhalt

MÜNCHEN 1868

Nachwort

Wer war Adele Spitzeder?

Literatur und Quellen

Danksagung

MÜNCHEN
1868

Adele Spitzeder wuchtete ihren kalbsledernen Koffer aus dem Zug und stellte ihn auf dem Bahnsteig ab. Reisende drängten an ihr vorbei, Kinder schrien, Gepäckträger in dunklen Uniformen priesen lautstark ihre Dienste an. Einfahrende Dampfloks stießen zischend Rauchschwaden aus, die sich unter den Stahlverstrebungen verloren.

Adele versteckte ihre Locken unter dem Hut und zog den Schleier vors Gesicht. Sie bückte sich, als wolle sie ihre Schuhbänder neu verknoten, und schaute sich verstohlen um. Sah niemanden, der sie verfolgte. Schön blöd würde er schauen, der Hotelportier in Berlin, wenn er nur noch das leere Zimmer vorfand. Und dem Gerichtsvollzieher geschah es gerade recht. Sie konnte sich das Geld auch nicht aus den Rippen schneiden. Ihre Stelle beim Theater war weg, ein neues Engagement nicht in Sicht. Jetzt blieb ihre Cousine Clara, bei der sie als Kind immer die Ferien verbracht hatte, ihre letzte Hoffnung.

„Wartens, Fräulein, ich helf Ihnen.“ Schon griff ein Gepäckträger nach ihrem Koffer. „Habens weit zum Gehen?“

„Nein. Und den Koffer trag ich schon selber.“ Hastig durchquerte Adele die Bahnhofshalle, ging durch die Schützenstraße bis zum Karlsplatz, schritt unter dem Karlstor hindurch und befand sich auf der Neuhauser Straße. Es dämmerte bereits, feiner Nieselregen senkte sich herab und benetzte ihren Mantelkragen. Schmerzhaft schnitten ihr die Ledergriffe in die Hand. Sie stellte den Koffer auf den Boden, schüttelte den Arm, der sich schon ganz taub anfühlte. Nur noch wenige Leute waren unterwegs. Ein Bauer zog einen Deichselkarren voller Rüben hinter sich her, ein Mann, schwer auf seinen Gehstock gestützt, ging an ihr vorbei und bog dann ein in eine Seitengasse.

Adele griff wieder nach dem Koffer und ging, die Handtasche mit ihrem Schmuck und den letzten Gulden an den Körper gepresst, die Neuhauser Straße entlang. Vor dem Gasthaus „Zum Oberpollinger“ schlüpfte sie aus dem Schuh, schüttelte Steinchen heraus und zog den Schuh wieder an. Sie schleppte sich an der Michaelskirche vorbei bis zum Marienplatz. Dort lehnte sie den Koffer an den Fischbrunnen und blickte hinüber zum Hutmachergeschäft des Berthold Hauer. Im Laden brannte noch Licht. Claras Vater stand hinter der Kasse. Clara, die sonst immer im Laden bediente, war nicht zu sehen.

Adele überlegte, wann sie ihre Cousine zuletzt getroffen hatte. Vor fünf Jahren? Als sie sich auf der Durchreise zu einem Gastspiel in Ingolstadt befand und Clara und ihren Vater vorher besucht hatte? Adele ergriff ihren Koffer, überquerte die Dienerstraße, stemmte die Haustür auf und wuchtete den Koffer Stufe für Stufe hinauf in den vierten Stock. Zögerte vor dem blank polierten Messingschild „Berthold Hauer, Hutmacher“, atmete tief durch und ließ den Türklopfer gegen die Eichentür fallen.

Die Tür ging auf und Clara blickte sie entgeistert an. „Was machst denn du hier in München?“ Clara wischte sich die Hände an der Schürze ab und verschränkte die Arme vor der Brust. „Und völlig derhaut schaust aus.“

Bei der unfreundlichen Begrüßung verschlug es Adele die Sprache. Sie konnte nicht glauben, wie Clara sich verändert hatte. Das Haar zu einem lieblosen Knoten gebunden, die blassen Lippen zusammengepresst. Nichts war mehr zu sehen von der hübschen jungen Frau, die sie bei ihrem letzten Besuch angetroffen hatte.

Adele fasste sich ein Herz. „Helfen musst mir. Ich bin grad aus Berlin gekommen.“

„Bei uns kannst nicht bleiben. Weißt selber, dass der Vater den Umgang mit dir verboten hat.“

„Spinnst jetzt? Wie er mich um Geld angebettelt hat, war ich ihm auch gut genug. Sag bloß, du erinnerst dich nicht mehr, wie ich ihm hundert Gulden geliehen hab, weil sein Geld für die Lieferanten nicht mehr gereicht hat. Zurückbezahlt hat er es nie.“

„Hättest es eh nur wieder für Schmuck und teure Pelze hinausgeschmissen“, entgegnete die Clara schnippisch. Sie griff in ihre Schürzentasche und zog ein paar Kreuzer hervor. „Da, die kannst haben.“

„Geld will ich nicht. Nur ein Bett für heut zum Übernachten.“

„Verschwind! Der Vater muss jeden Augenblick kommen. Hättest statt der Schauspielerei halt was Anständiges gearbeitet. Meinst vielleicht, ich steh gern alle Tag im Hutladen?“

„Saubande, elendige!“ Adele riss den Koffer vom Boden und rumpelte die vier Stockwerke hinunter. Bumperte voller Wut gegen das schmiedeeiserne Geländer, plärrte hinauf: „Das vergess ich euch nie!“

Auf der Straße kramte sie in ihrem Geldbeutel. Elf Gulden und fünf Kreuzer. Für einen billigen Gasthof würde es reichen. Sie schlängelte sich im Tal zwischen abgestellten Pferdefuhrwerken hindurch und betrat das Gasthaus „Zum Bögner“.

„Haben Sie noch ein Zimmer frei?“

Der Wirt hinter dem Tresen musterte die abgekämpfte Frau. Der Hut schief auf den schwarzen Locken, die Bluse vom Regen durchnässt, die Schuhe abgelatscht. Sah trotzdem nicht schlecht aus. Eine Halbseidene war sie jedenfalls nicht.

„Für wie lang?“

„Was kostet’s denn?“

„Einen halben Gulden pro Nacht. Bezahlt wird gleich.“

„Dann für drei Nächte.“ Adele zählte ihm das Geld hin und nahm den Schlüssel in Empfang. Wieder musste sie Treppen steigen, aufpassen, dass sie nicht hängenblieb in dem verlöcherten Läufer. Der Geruch nach Blutwurst drehte ihr fast den Magen um. Das Zimmer gab ihr den Rest. Die Bettstatt abgewetzt, das Plumeau stockig, der Spiegel halb blind. Sie öffnete die verklemmte Schranktür, der Naphthalingestank raubte ihr fast den Atem. Sie setzte sich aufs Bett, zog Schuhe und Strümpfe aus und fuhr über die Blasen an ihren Fersen. Kramte in ihrem Koffer nach dem Lederetui, nahm eine Nadel heraus und stach die Blasen auf. Presste das Wasser aus der aufgeblähten Haut. Zog vorsichtig die Strümpfe darüber und schlüpfte in bequemere Schuhe. Obwohl sie hundemüde war, wollte sie nichts wie raus.

Draußen war es schon dunkel, nur ein paar Gaslaternen spendeten gelbfunzliges Licht. In der Theatinerstraße blieb sie vor dem Schaufenster des Hofschneiders stehen und betrachtete die Tuchrollen, Bänder und Hauben. Eine Riegelhaube, durchzogen mit feinen Goldfäden, stach ihr ins Auge. So eine würde sie sich kaufen, sobald sie wieder zu Geld gekommen war. Sie schlenderte vorbei an der Residenz und setzte sich auf die Stufen der Feldherrnhalle. Die wenigen Menschen, die noch unterwegs waren, drehten sich um, verwundert über die einsame Frau zu Füßen des Feldherrn Tilly.

Drüben beim „Tambosi“ drang helles Licht durch die Fenster und malte schillernde Kreise auf den Boden. Als sich die Tür öffnete, hörte sie es grölen: „Frisch auf ihr Kameraden / Frisch auf zum Waffentanz“. Wie gern säße sie jetzt bei den Offizieren und Kadetten der Hofgartenkaserne. Sie kaute an ihren Fingernägeln. Geld musste her. Dringend. Aber wie die Clara in einem miefigen Hutladen enden? Niemals. Wozu war sie eine begnadete Schauspielerin?

Sie zog die Pelerine1 fester um die Schultern und machte sich auf den Heimweg. Still lag der Marienplatz vor ihr. Aus den dunklen Arkaden starrte ihr die Finsternis wie ein schwarzer Schlund entgegen. Schon als Kind war sie vor dem verrufenen Ort gewarnt worden, an dem tagsüber, unter dem Bildnis des heiligen Onuphrius, Händler verfleckte Heiligenbilder, verbeultes Emaillegeschirr und zerflicktes Gewand feilboten. Kaum wurde es Nacht, machten sich die Händler davon. Dann versammelten sie sich, die Verbuckelten, Vergrindeten, vom Leben Ausgespuckten. Schlugen ihr Nachtlager auf in dem verbrunzten, stockfleckigen Gang. Adele fasste sich ein Herz, bekreuzigte sich vor der Mariensäule und huschte vorbei an dem unheimlichen Gewölbe. Ein Schatten löste sich aus dem Dunkel, ein stinkender Geselle heftete sich an ihre Fersen.

Verzweifelt blickte sich Adele um, doch nirgends war ein Passant zu sehen. So forsch wie möglich schrie sie den Kerl an: „Hau ab! Lass mich in Ruh!“

„Eine Ruh gibt’s erst in der Ewigkeit.“ Zahnluckig grinsend streckte er dreist den Arm nach ihrer Handtasche aus. Doch sein Griff ging ins Leere.

Adele raffte ihren Rock und rannte davon. Sie rutschte aus auf Pferdeäpfeln, stolperte vor zum „Bögner“ und knallte dem Kerl, der nicht abließ von ihr, die Tür vor der Nase zu. Seinen Pestilenzgestank noch in der Nase, hastete sie die Treppe hinauf und fiel weinend aufs Bett.

Am nächsten Morgen öffnete sie mühsam die verschwollenen Augen, goss Wasser in die von Sprüngen durchzogene Porzellanschüssel und wusch sich das rotfleckige Gesicht. Die Zeit drängte, wenn sie den Intendanzrat noch am Vormittag sprechen wollte. Sie schlüpfte in ihr bestes Kleid und brachte die Schuhe auf Hochglanz. Bändigte ihr Haar mit einem Elfenbeinkamm, verließ das Gasthaus und schlug den Weg zum Residenztheater ein.

Beklommen stand sie vor dem Theater, legte sich noch einmal die Worte zurecht, mit denen sie den Intendanzrat dazu bringen wollte, sie auftreten zu lassen. Sie fuhr sich noch einmal durchs Haar und betrat die weitläufige Halle. Zugeherinnen wienerten den Boden, polierten den Handlauf des säulengedrechselten Geländers.

Adele stieg die Treppe hinauf und suchte die Türen ab. Intendanzrat Schmitt. Hier war sie richtig. Sie klopfte an und betrat nach einem forschen „Herein“ das Zimmer.

„Was willst?“ Unwillig blickte Schmitt über den Rand seines goldgefassten Kneifers.

„Wenn’s gestattet ist, eine Stelle tät ich suchen.“

„Da kommst zu spät. Die Stelle der Zugeherin ist schon weg.“

„Als Schauspielerin tät ich gern arbeiten.“

Schmitt riss sich den Kneifer von der Nase, sprang hinter dem Schreibtisch hervor, öffnete die Tür und rief über den Flur: „Meisner, kommens mal rüber.“

Ein untersetzter Mann betrat das Arbeitszimmer des Intendanzrats. „Was will denn die?“

Mit mageren Fingern stocherte Schmitt hin zu Adele. „Als Schauspielerin will sie uns beehren.“

Meisner verdrehte die Augen. „Spinnt die?“

Schmitt witterte, einem Bluthund gleich, Adeles Unsicherheit und durchbohrte sie mit seinem Blick. „Was glaubst eigentlich, wer du bist?“ Sah befriedigt, wie sie zusammenzuckte, und tippte ihr mit dem Zeigefinger gegen die Brust. „Stehen genug Schlange bei uns. Schönere als wie du.“

Adele wich einen Schritt zurück. „In Berlin war ich eine gefragte Schauspielerin. Hab mehrmals das Käthchen von Heilbronn gespielt.“

„In Berlin!“ Schmitts Stimme überschlug sich. „Da schau her. Bei den Preußen hätt sie gespielt. Aber wir sind hier in Bayern, fallst es noch nicht gemerkt hast. Die Jüngste bist auch nicht mehr. Wie alt bist eigentlich?“

„Sechsunddreißig.“

„Schau, dass du hinauskommst! So was Altes stellen wir gewiss nicht ein.“

„Aber …“

„Raus!“

Mit zitternden Knien verließ Adele das Gebäude, überquerte den Platz vor dem Theater und lehnte sich an den Sockel des Max-Joseph-Denkmals. Sie zog eine Zigarette aus der Tasche, zündete sie an und sog den Rauch gierig ein. So ein Dreckskerl! Ein Messer sollte man ihm in die Brust stoßen. Es immer wieder umdrehen, bis er verreckte. Sie trampelte die Zigarette aus, nahm die Korallenkette vom Hals, fetzte die fein ziselierte Brosche von der Bluse und zog den Rubinring vom Finger.

In der Rumfordstraße stieß Adele die Tür des Pfandladens auf, den sie noch aus ihrer Kindheit kannte. Hustete. Staubig roch es. Ranzig. Auf den Regalen reihten sich Bücher mit abgegriffenen Einbänden, eingestaubte Kristallgläser, Porzellanfiguren, silberne Kandelaber. An der Wand hingen Degen, Gewehre und Pistolen mit Silberknäufen neben Gemälden in dicken Goldrahmen. Sie trat an eine Vitrine und betrachtete die Perlenketten, Ringe und Broschen hinter dem eingetrübten Glas.

Der Pfandleiher, mit einer Haut wie zerknittertes Pergament, die speckige Jacke mit einem Gürtel achtlos zusammengebunden, kam aus einem Hinterraum. „Was gibt’s?“

Adele öffnete die Kordel ihres Pompons2 und zog den Schmuck hervor. „Wie viel zahlen Sie mir dafür? In zwei Wochen lös ich’s wieder aus.“

Er deutete auf die Vitrine. „Hab genug von dem Zeug.“ Er klemmte sich die Lupe vors Aug, befingerte den Rubinring, begutachtete die Kette, drehte die Brosche hin und her. „Viel ist’s nicht wert. Dreißig Gulden für alles zusammen. Und wenn Sie’s auslösen, krieg ich dreißig Prozent Zins obendrauf. Pro Woche.“

„Sind Sie narrisch? Der Schmuck ist leicht das Dreifache wert. Geben Sie mir wenigstens vierzig Gulden.“

„Dreißig und keinen Kreuzer mehr. Wenn’s Ihnen nicht passt, könnens alles wieder einpacken.“

Adele stopfte das Geld, das er ihr samt Schuldschein hinhielt, in den Pompon. Drehte sich um an der Tür und stieß hervor: „Ein Wucherer bist!“

„Hättest ja nicht kommen brauchen.“ Der Pfandleiher rieb sich die Hände. So abgebrannt wie die war, würde sie die Sachen nie mehr auslösen. Dann würde er ihm gehören, der kostbare Schmuck.

Als Adele auf der Straße stand, war ihr vor Hunger schon ganz schlecht. Zu gern hätte sie in einer Wirtschaft etwas Richtiges gegessen, doch bis sie einen Ausweg aus ihrer verzweifelten Lage gefunden hatte, musste sie eisern sparen. Sie verscheuchte den Gedanken an einen saftigen Rinderbraten, ging zum Viktualienmarkt, kaufte zwei Schmalzstriezel und setzte sich auf eine Holzkiste. Ein Hund, knochenmager, schlich um sie herum. Verfolgte mit glänzenden Augen jeden Bissen, den sie sich in den Mund schob. Sie warf ihm ein paar Brocken hin, kraulte ihn hinterm Ohr, strich ihm übers räudige Fell. „Hast auch niemanden, genau wie ich.“

Der Hund machte Sitz und schleckte ihr die Hände ab. Als sie aufstand und ziellos durch die Straßen ging, wich er ihr nicht von der Seite. Doch ein Hund war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte. Drohend hob sie die Hand. „Hau ab!“ Er jaulte auf und verschwand.

Sie zermarterte sich das Hirn. Sollte sie eine Stelle als Zugeherin suchen? In einem feinen Haus putzen, für einen halben Gulden die Woche? Unmöglich. Ein reicher Witwer musste her. Einer, der was springen ließ.

Vor der Tür zum „Bögner“ stand der Hund wieder da. Wedelte mit dem Schwanz, sprang jaulend an ihr hoch.

„Wenigstens du freust dich über mich. In Gottes Namen, dann kommst halt mit.“

Der Wirt belferte: „Hundsviecher sind verboten.“

„Entweder der bleibt oder ich zieh aus.“

„Dann kostet er aber extrig. Einen Kreuzer die Nacht. Im Voraus.“

Adele warf ihm den Kreuzer hin, ging hinauf in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie streichelte den Hund und flüsterte ihm zu: „Weißt was, dich nenn ich Basti.“ Sie streifte die Schuhe von den Füßen und legte sich aufs Bett. Basti sprang zu ihr und schmiegte sich ganz eng an sie.

Schatulle

Nichts wie heim! Jakob Kramer eilte die Rosenheimer Straße entlang, tastete verstohlen nach der prall gefüllten Geldkatze unter seinem Wams. Bei dem Gesindel, das sich in der Stadt herumtrieb, hieß es Obacht geben.

Immer mehr Bauern, Landarbeiter und Tagelöhner strömten nach München. Hofften auf ein besseres Auskommen, ein Sattwerden jeden Tag. Mit der Hoffnung war es schnell vorbei. Arbeit gab es nur zum Hungerlohn, eine Unterkunft schon gleich gar nicht. Die Männer bettelten um eine Anstellung in einer Fabrik. Viele marschierten schon vor Tagesanbruch in die Hirschau. Schufteten in der Lokomotivfabrik in säuregiftiger Luft. Kehrten abends heim und fielen in einer üblen Kammer, zusammengepfercht mit anderen Tagelöhnern, in bewusstlosen Schlaf. Nicht jeder hielt das aus. Manch einer endete als Dieb oder Beutelschneider, lungerte auf der Straße herum, spähte aus, bei wem sich der Griff in die Tasche lohnte.

Kramer durchschritt das Isartor und durchquerte das Tal. Schlängelte sich hindurch zwischen Ochsenkarren und Pferdefuhrwerken, fluchte, als er in einen Kuhfladen tappte. Heftiger Bierdurst plagte ihn. Sollte er auf eine Maß ins Dürnbräu? Zu riskant mit dem ganzen Geld. Er eilte zurück zu seinem Haus am Lueg ins Land. Blickte sich misstrauisch um, stocherte den Schlüssel ins Schloss, trat ein und rief nach seiner Frau: „Agnes, was gibt’s zum Essen?“ Keine Antwort. Bestimmt kniete sie wieder in der Kirche, die bigotte Matz. Fünf elende Jahre war er schon mit ihr verheiratet, der Bauerstochter, die froh gewesen war, doch noch einen Hochzeiter zu finden. Mit schönen Worten und süßem Lächeln hatte sie ihn herumgekriegt. Nach der Hochzeitsnacht war es verschwunden, das Lächeln.

Verdrießlich stieg er die Treppe hinauf in die Schlafkammer, um sein Geld in Sicherheit zu bringen. Rückte schnaufend die wuchtige Eichentruhe von der Wand und löste mit seinem Hirschfänger ein Brett des Dielenbodens. Unter der Diele befand sich, sorgfältig mit einem Tuch ausgelegt, ein Hohlraum. Vorsichtig hob er die silberne Schatulle aus dem Versteck und ließ die Finger über die in Silber geschlagene Figur auf dem Deckel gleiten. Den heiligen Martin, der alles hergegeben hatte für die Armen. Er würde nichts hergeben von seinen Gulden, so wahr er Jakob Kramer hieß.

Er öffnete das Kästchen, setzte sich aufs Bett und dachte mit Grausen an seine Kindheit. Die Geschwister an Auszehrung gestorben, die abgearbeiteten Eltern tot. Als Kostkind hatten sie ihn herumgeschoben. Jeden Tag bei einer anderen Familie essen, jeden Tag bei einer anderen Familie schlafen. Alles hatten sie aus ihm herausgepresst, dem Balg. Stallausmisten, Kühe melken, die schweren Milchkübel schleppen. Und wehe, wenn die Milch überschwappte. Die vernarbten Striemen auf seinem Rücken sah man noch heute.

Dann war der Schmied gekommen. „Schaust kräftig aus, Bub. Wennst hinlangen kannst, dann darfst bei mir anfangen.“

Hinlangen konnte er. Und das Feuer gefiel ihm, in dem er die Eisenstäbe drehte, bis das Metall rot glühte. Glücklich war er, wenn er den funkensprühenden Stab auf den Amboss legte, ihm mit dem wuchtigen Hammer eine Form gab, für Eisenstreben, Türbeschläge, Riegel. Als der Schmied den Schlagfluss erlitt, konnte er die Werkstatt übernehmen. Jeden Kreuzer, jeden Gulden hatte er zurückgelegt, bis das Geld reichte. Für den Kauf von zwei Zimmern in einem Herbergshaus hinten am Gasteig, die er weitervermietete, für gutes Geld.

Er nestelte die Geldkatze vom Gürtel und zog die Gulden hervor. Streichelte jeden einzelnen, flüsterte: „Reich werdets mich machen. Richtig reich.“ Er legte die Münzen in die Schatulle, verstaute diese wieder im Hohlraum, passte das Dielenbrett akkurat ein und wuchtete die Eichentruhe zurück.

Die Haustür fiel ins Schloss. Kurz darauf hörte er die Agnes in der Küche hantieren. Sein Magen knurrte. Er stieg die Treppe hinunter und raunzte an der Küchentür: „Wann gibt’s was zum Essen?“ Missmutig ließ er sich auf die Küchenbank fallen.

„Wirst es noch derwarten können.“

„Wo warst?“

„Geht’s dich was an?“ Agnes rührte den Eintopf um, schnitt Geselchtes klein und gab es in den Kupferkessel. Schöpfte eine große Portion in einen Teller und stellte ihn dem Kramer hin. Der würzige Fleischduft stimmte ihn gleich versöhnlicher.

„Setz dich her zu mir. Pläne hab ich.“

„Wird schon was Gescheites sein!“

„Jetzt hab ich bald das Geld beisammen, dass ich noch ein Zimmer kaufen kann.“

„Kriegst den Wanst immer noch nicht voll?“ Hämisch verzog Agnes den Mund. „Der Pfarrer hat’s auch gesagt: Auspressen tust die Leut. Viel zu viel verlangst für die windigen Zimmer.“

„Und du, von was lebst du?“ Kramer klatschte den Löffel in die Suppe, das Geselchte pflatschte über den Tisch. „Von dem Geld, das ich heimbring!“

Agnes reckte ihr spitzes Kinn. „Eine Schand bist für anständige Christenleut!“

Er sprang auf, zog die Agnes vom Stuhl und drückte sie gegen die Wand. „Wennst das noch einmal sagst, dann bring ich dich um. Ich schwör’s bei Gott: Dann bring ich dich um.“

Er stürmte aus der Tür. Grad zum Fleiß würde er seinen Mietern aufs Dach steigen. In seinem Herbergshaus droben in Haidhausen. Vor allem der Elsbeth, deren Mietzins längst fällig war.

In ihrer zugigen Kammer warf Elsbeth die durchgeschwitzte Bettdecke zurück und würgte grünen Schleim in ein Tuch. Sie wickelte zwei Chinintabletten aus gilbigem Papier und zwang sie mit einem Glas Wasser hinunter. Erschöpft lehnte sie sich ins Kissen zurück und schloss die Augen.

Ihr Emeran fehlte ihr. In der Lehmgrube hatte er gearbeitet, bei Wind und Wetter Ziegel hergestellt. Der Lohn war knapp gewesen. Aber für ein warmes Essen am Tag hatte es gereicht. Bis die Itaker kamen. In Hundertschaften waren sie angerückt. Hatten ihre Schubkarren, Hacken und Schaufeln über die Alpen gebracht, im Akkord gearbeitet, für halb so viel Lohn wie die Einheimischen. Die konnten nicht mehr mithalten, mussten sich eine andere Arbeit suchen, wenn ihre Kinder nicht verhungern sollten. Ihr Emeran hatte ausgehalten. Bis ihn das Fieber erwischte. Und dann die tödliche Lungenentzündung.

Mit klopfendem Herzen horchte sie auf die Schritte im Treppenhaus. Die Tür flog auf. „Elsbeth, meinen Mietzins will ich.“ Drohend, die Daumen in die Ärmellöcher seiner Weste gehakt, stand der Kramer vor ihr.

„Nächste Woche zahl ich ganz bestimmt. Wenn ich wieder auf Arbeit bin.“

„Ich wart nicht ewig auf mein Geld. Drei Tag lass ich dir noch. Wennst dann nicht zahlst, fliegst raus. Warten genug andre auf das Zimmer.“

„Aber, wenn ich doch krank bin.“

„Meinst, ich hab die Spendierhosen an? Drei Tag und keinen Tag länger.“ Schon war der Kramer draußen bei der Tür und donnerte die Treppe hinunter.

Draußen schaute er, von dem vermatschten Weg aus, hinauf zum Haus. Der Anstrich großflächig abgeblättert, lehnte es windschief am Nachbarhaus. Sah auch nicht besser aus als die anderen armseligen Behausungen. Aber Geld brachten die Zimmer. Wenn man schlau war und wie er Spezln im Magistrat hatte. Dann konnte man sie umgehen, die Verordnung gegen die Wohnungsnot, die es Arbeitern erlaubte, für wenig Geld ein Zimmer in einem Herbergshaus zu kaufen. Konnte Zimmer erwerben und sie teuer vermieten. Er feixte. So marod, wie die Elsbeth ausschaute, würde sie nie und nimmer zahlen, schon gar nicht bis in drei Tag. Und wenn er sie draußen hatte, würde er statt einem Bett drei Betten hineinstellen in die Kammer. Würden sich schnell Aftermieter finden. Wo so viele ein Dach über dem Kopf suchten.

Elsbeth in ihrer Kammer atmete schwer. Mühsam stand sie auf und betrachtete sich im Spiegel über dem Waschtisch. Ihre grünen Augen blickten ihr matt entgegen, ihre vollen Lippen hatten jede Farbe verloren. Sie band ihr Haar zusammen, wechselte das durchgeschwitzte Hemd gegen eine frische Bluse und machte die Rollgerste3, die seit gestern auf dem Herd stand, noch einmal warm. Löffelte lustlos den faden Brei. Gesund musste sie werden. Sonst war sie weg, die Stelle bei der Frau Magistratsrat, bei der sie jede Woche einen halben Gulden bekam fürs Putzen, Waschen und Bügeln. Und bei der sie, wenn Besuch kam, sogar in der Küch helfen durfte. Beim Gedanken an den Kalbsrollbraten, die sauren Nierchen, an die fein geschabten Butterspatzen brachte sie die Rollgerste nicht mehr hinunter.

Es klopfte. Marei, die Bedienung vom Schleibingerbräu trat ein und blickte die Elsbeth prüfend an. „Schlecht schaust aus.“

„Was Gscheits zum Essen bräucht ich. So komm ich nie auf die Füß.“

Marei strich Elsbeth übers Haar. „Komm doch runter zu uns. Ich hab was aus der Wirtschaft mitgebracht.“

Elsbeth schlurfte hinter der Marei die ausgetretene Stiege hinunter. Kam kaum hinein in die Kammer, in der die Marei mit noch drei Bedienungen hauste. Die Kleider hingen an rostigen Haken, für einen Tisch oder Stuhl war kein Platz. Die Bedienungen saßen auf den Betten, hielten die Teller fest auf den Knien.

Elsbeth setzte sich zu ihnen, verschlang gierig das Wammerl, das sie ihr hinschoben. „Grad war der Kramer bei mir.“

Zornig stieß die Marei hervor: „Bei uns war er auch, der Sauhund. Will nächste Woche noch drei Bedienungen bei uns einquartieren. Sagt, es könnten leicht zwei in einem Bett schlafen.“

Elsbeth schleckte das Messer ab. „Wissts, von was ich träum? Von einem Klo im Stiegenhaus. Damit ich mich nicht immer so fürcht, wenn ich nachts raus muss in den stinkigen Verschlag.“

„Schauts die Elsbeth an“, kicherte die Marei. „Willst vielleicht auch noch ein fließendes Wasser wie in den feinen Häusern?“

„Mir tät’s schon reichen, wenn der Brunnen nicht so weit weg wär.“

Marei zog die Plane vom Fenster und ließ frische Luft herein. „Wissts was? Der Baurat Gruber ist Stammgast bei uns. Den frag ich. Vielleicht weiß der eine Wohnung für uns.“

Zinsen

Adele saß mit dem Braumeister Kreitner im „Café Tambosi“ und griff nach dem Schmuckstück, das er ihr über den Tisch zuschob. Sie zwang sich zu einem Lächeln. „So eine schöne Brosche!“ Sie drehte den scheußlichen Klunker in der Hand. Eine grob gefertigte Gemme mit dem Konterfei König Ludwigs, verziert mit billigem Strass. Lohnte kaum den Pfandleiher. Lustlos aß sie ein Stück von dem Apfelkuchen auf ihrem Teller, führte mit abgespreiztem Finger die Tasse zum Mund. Blickte ihrem Verehrer tief in die Augen. „Was tät ich nur ohne Sie?“

„Ein schöner Schmuck für eine schöne Frau.“ Mit aufgeschwemmten Fingern fummelte Kreitner die Brosche an ihre Bluse. Grob zerstach die Nadel den feinen Stoff.

Adele lehnte sich zurück, steckte eine Zigarette in die Elfenbeinspitze und blies den Rauch in die Luft. Worüber sollte sie mit dem Kreitner reden? Über das Wetter? Über das Essen?

Am Nebentisch knallten die Champagnerkorken. Die Offiziere grölten, feierten den neuen Sieg über Frankreich. So ein schneidiger Offizier hätte ihr besser gefallen, doch der Braumeister war der Erste, der angebissen hatte.

Der Ober kam an den Tisch, lächelte süffisant. „Darf es noch was sein?“ Diese Sorte Frau kannte er. Kamen genug her zum Anbandeln mit einem vom Militär.

„Noch einen Schampus.“ In einem Zug leerte Adele das Glas, das ihr der Ober hingestellt hatte. Damit sie ihn besser ertrug, den Kreitner.

„Nennens mich doch Gustl.“ Er rückte näher, pratschte nach ihrem Schenkel: „Ich wüsst schon, was wir zwei jetzt machen könnten. Kommens doch auf ein Stünderl mit zu mir. Ich wohn nicht weit weg. Nur zehn Minuten zu Fuß.“

Adele, eisern entschlossen durchzuhalten, ging mit.

Am Odeonsplatz legte er ihr den Arm um die Schulter und säuselte ihr ins Ohr: „Schöne Sachen werden wir machen.“ Er hakte sich bei ihr unter und tänzelte in freudiger Erwartung neben ihr her bis zu seiner Wohnung in der Filserbräugasse.

„Tretens nur ein.“ Schon schob er sie in den Salon.

Adele blickte sich um. Wenigstens das mit dem Geld stimmte. Dicke Samtvorhänge hingen an den Fenstern, Teppiche bedeckten den Boden. Zögernd legte sie den Mantel ab. Noch konnte sie umkehren. Aber so schlimm würde es schon nicht werden.

„Kommens weiter.“ Kreitner drängte sie ins Schlafgemach und drückte sie aufs Bett.

Adele schloss die Augen.

Aufgeregt fummelte er seine Hose herunter, schob ihren Rock hoch. Lag schwer auf ihr. Sie drehte den Kopf zur Seite, ihr graute vor den klebrigen Borsten in seiner Nase.

Mit den Beinen schabte er über ihre Schenkel, fuhr mit schwitzigen Händen über ihre Brüste.

Adele sah den Speichel, der ihm im Mundwinkel hing. „Runter! Sofort gehst runter!“ Sie stemmte ihn zur Seite und sprang auf.

„Was hast denn?“

„Ich kann nicht.“ Sie rannte zurück in den Salon, nahm ihren Mantel, schlug die Tür hinter sich zu und verließ das Haus.

Auf der Straße lehnte sie sich an eine Hauswand, strich die Strümpfe glatt, steckte die Bluse ordentlich in den Rock. Damit man nicht sah, dass die drei unteren Knöpfe fehlten. Die hatte der Kreitner auf dem Gewissen. Zu geil zum Aufknöpfen, hatte er die Bluse zerrissen. Sie ordnete ihr Haar und atmete tief durch. Jetzt brauchte sie einen Schnaps.

Am Frauenplatz stieß sie die Tür zum „Goldenen Licht“ auf und setzte sich an einen Tisch. „Alois, einen Enzian. Einen doppelten.“

Alois warf den Lappen hin, mit dem er den Zapfhahn polierte. „Willst wieder anschreiben lassen?“

„Heut zahl ich gleich.“ Sie kippte den Schnaps hinunter. Wie Feuer brannte er ihr in der Kehle. Brannte sie weg, die Schmach mit dem Kreitner.

„Bring mir noch einen.“

„Heut bist aber durstig.“ Alois stellte ihr noch einen Doppelten hin und schlurfte zurück hinter den Tresen.

„Zum Wohl, du armes Luder!“ Adele prostete dem ausgestopften Hirschkopf zu, der mit glasigen Augen von der getäfelten Wand stierte. Sonst war niemand da zum Anstoßen. Ein paar Männer grölten beim Schafkopf, klatschten die Karten auf den Tisch. Für sie interessierte sich keiner.

Wie sollte es nur weitergehen? Nur noch vierzig Gulden hatte sie und einen ganzen Monat Mietrückstand beim Bögner. Alles hatte sie dem verranzten Wucherer schon hingetragen: die silbernen Löffel, ihren letzten Schmuck. Und was am schlimmsten war: die goldene Kette, ein Erbstück ihres Vaters. Ganze dreißig Prozent Zins schlug der Blutsauger auf die Auslösesumme. Sie zog die zerknitterten Pfandscheine aus der Tasche, wendete sie hin und her, strich sie mit dem Fingernagel glatt.

Die Zinsen! Warum war sie da nicht früher draufgekommen? „Alois, setz dich her zu mir. Ich hab eine Idee.“

Der Wirt ließ sich nieder, zog einen Tabakbeutel aus der Hosentasche, stopfte die Pfeife mit billigem Verschnitt. „Willst doch wieder anschreiben lassen?“

„Nix da. Pass auf: Wenn du mir zehn Gulden leihst, zahl ich sie dir nach einem Monat zurück und obendrauf noch zwanzig Prozent Zinsen. Ich zahl dir also insgesamt zwölf Gulden zurück. Dann hast zwei Gulden verdient fürs Nixtun.“

„Eine dümmere Idee hast nicht? Weißt es genau: Ohne Arbeit kein Geld.“

„Mit Arbeit wirst nicht reich. Spekulieren musst. Probier’s aus. Zwei Gulden kriegst für umsonst. Und wennst mir fünfzig Gulden leihst, kriegst nach vier Wochen sechzig zurück. Nur fürs Hinwarten, dass dein Geld mehr wird.“

Jetzt brauchte auch der Alois einen Enzian. Seit der neuen Gewerbeordnung kam er auf keinen grünen Zweig mehr. Der amtlich festgesetzte Brot- und Fleischpreis war abgeschafft, die Preise schnellten in die Höhe, Brot und Fleisch waren kaum noch zu bezahlen. Auch die Brauereien verlangten mehr fürs Bier, das sie ihm lieferten. Einen halben Kreuzer musste er aufschlagen auf die Halbe. Die Gäste wichen aus aufs billige Dünnbier. Viel verdient war nicht daran.

„Geh, Adele, bist doch selber immer abgebrannt. Woher soll ich wissen, dass mein Geld nicht einfach weg ist?“

„Jetzt sei halt nicht so. Meine Schulden bei dir hab ich allerweil noch bezahlt. Komm, probier’s halt aus.“

Bedächtig zog der Alois an seiner Pfeife. Zwei Gulden für umsonst, das wär schon was. Die Kinder brauchten dringend neue Schuhe. Beim Jüngsten bohrten sich schon die Zehen durchs Leder. Alois gab sich einen Ruck und ging hinter den Tresen. Auf dem untersten Brett, ganz hinten zwischen den Handtüchern und den leeren Senfgläsern hatte er sie versteckt, die Schachtel mit der letzten Reserve. Er zögerte, dann nahm er zwanzig Gulden heraus und ging zurück an den Tisch.

„Meine Annamirl darf’s nicht wissen. Weh, du sagst ihr was.“

Doch die Annamirl hatte ihre Ohren überall. Schon schaute sie durch die Küchendurchreiche. „Loisi, was besprichst mit der?“

„Pass du lieber auf, dass das Essen nicht anbrennt!“ Er ging zur Durchreiche, zog an der hölzernen Klappe. Wie ein Fallbeil sauste sie herunter.

Zögernd schob er Adele die zwanzig Gulden hin. „Mehr hab ich nicht. Aber eins sag ich dir: Wennst nicht pünktlich zahlst, dann kannst was erleben.“

Lächelnd strich sich Adele die Locken aus dem Gesicht. „Wart’s ab.“

In ihrem Zimmer beim Bögner steckte sie die zwanzig Gulden in einen Beutel und legte vier Gulden von ihrem eigenen Geld dazu. Schob alles tief in die Kommode. An das Geld durfte sie auf keinen Fall heran. Sie zählte die Münzen, die sie für die kommenden vier Wochen noch zur Verfügung hatte. Sechsunddreißig Gulden und zwanzig Kreuzer. So knapp war sie noch nie drangewesen. Nicht einmal in ihrer schlimmsten Zeit in Berlin. Aber wenn sie den Monat durchstand, wäre sie vielleicht aus dem Gröbsten raus. Dann würde sie den Alois ausbezahlen und ihn dazu bringen, dass er es herumerzählte. Dass bei ihr gut zu verdienen war. Und wenn genug Leute Geld bei ihr anlegten, konnte sie die ausbezahlen, die es samt Zinsen zurückwollten. Dann wär Schluss mit der Knauserei. Mit der billigen Wurst, den Fettgrieben, dem billigen Wein, der ihr den Magen versäuerte. Und ein neues Gewand wäre auch wieder drin.

Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit sparte sie von nun an eisern. Aß in den billigsten Wirtschaften, fütterte den Basti mit Schlachtabfällen, die ihr der Metzger zusteckte. Widerstand der Versuchung, den Laden des Hofschneiders zu betreten und die kostbare Riegelhaube anzuprobieren.

Genau vier Wochen später klopfte Alois an ihrer Zimmertür. Sichtlich zermürbt von der Angst um sein Geld, stieß er hervor: „Heut auf den Tag genau sind’s vier Wochen. Jetzt zahlst mich aus.“

Adele zog ihn ins Zimmer. „Setz dich erst einmal hin. Heut bist du mein Gast.“ Sie füllte zwei Becher mit Zwetschgenschnaps. „Prost. Auf unser Geschäft.“

„Mein Geld will ich und keinen Schnaps.“

Sie ging zur Kommode und holte den Beutel. Zählte ihm zwanzig Gulden hin. „Da hast sie wieder. Und diese vier Gulden kriegst obendrauf. Genau wie ich’s versprochen hab. Kannst dir leicht ausrechnen, was du verdienst, wennst mir mehr bringst. Und weißt was? Wenn du mir Leute herschaffst, die ihr Geld bei mir anlegen, kriegst zehn Prozent von dem angelegten Geld. Könntest leicht reich werden dabei.“

„Zehn Prozent für einen jeden?“ Wie im Fieber glänzten Alois’ Augen. „Schlag ein. Ein Teufelsweib bist. Ein echtes Teufelsweib!“

In seiner Wirtschaft versteckte er den Beutel wieder unter dem Tresen. Ging in die Küche, in der die Annamirl Zwiebeln für eine angebräunte Brotsuppe schnitt. „Du, Frau. Ich hab uns was extrig verdient.“

Annamirl, erschöpft, weil ihr Jüngster die ganze Nacht gehustet hatte, schaute nur kurz auf.

Stockend beichtete er. Dass er die Reserve genommen, sie bei der Spitzederin angelegt hatte. Dass sie jetzt reich werden könnten, ohne die Plackerei von früh bis spät.

Die sonst so gutmütige Annamirl plärrte: „Was hast gemacht? Wo hast es hingetragen, unser Geld? Zu so einer Matz?“

„Jetzt beruhig dich doch. Weißt selber, dass es mit der Wirtschaft den Bach runtergeht. Und die Kinder? Wenn der Winter kommt, habens nicht einmal ein warmes Sach!“

Annamirl warf die Zwiebeln ins heiße Fett, dass es nur so zischte. „Du machst ja eh, was du willst.“

Immer öfter setzte sich der Alois nun zu seinen Gästen. Gab eine Runde aus. Erzählte unter dem Siegel der Verschwiegenheit, was er bei der Spitzederin verdient hatte.

Die Männer beratschlagten sich. Wenn es beim Alois geklappt hatte, warum nicht auch bei ihnen? Ihren Weibern verheimlichten sie, dass sie zur Spitzeder gingen, ihr was vom sauer Ersparten brachten. Zurückgelegt für die Aussteuer der Tochter, die neue Dachrinne, den Beschlag fürs Pferd. Als die Ersten ihr Geld zurückbekamen und die versprochenen Zinsen obendrein, gab es kein Halten mehr.

Immer mehr schlichen nach Einbruch der Dunkelheit die Treppe beim Bögner hinauf. Senkten gschamig den Blick, wenn sie auf der Stiege einen Bekannten trafen. Klopften an bei Adele.

Dass es bei ihm jetzt zuging wie in einem Taubenschlag, passte dem Bögner nicht. Der Zimmerzins war längst fällig und an die räudigen Hundsviecher, die sie auf der Straße auflas, mochte er gar nicht denken. Zwei Stück hatte sie in der letzten Woche angeschleppt. Der mit dem zerbissenen Schwanz hatte ihm doch glatt in den Vorraum gebrunzt. Schimpfend ging der Bögner hinauf und betrat, ohne anzuklopfen, das Zimmer. „Meine Miete will ich. Und zwar gleich. Und die Viecher schaffst sofort aus dem Haus.“

Adele, die gerade ein neues Kleid anprobierte, verschwand hinter dem Paravent. „Ich hab doch gesagt, dass Sie das Geld nächste Woche kriegen.“

„Nicht nächste Woche will ich’s, sondern gleich. Und dass du’s weißt: Mit den Männerbesuchen ist Schluss. Die Leut zerreißen sich schon das Maul.“

Sie knöpfte das Kleid zu und kam hinter dem Paravent hervor. „Vorschriften lass ich mir keine machen.“

„Von mir schon.“ Der Bögner setzte sich auf einen Stuhl und trommelte mit den Fingern auf der Lehne herum. „Also, was ist? Zahlst jetzt oder nicht?“

Adele zählte ihm die Gulden hin, die sie vor zwei Stunden eingenommen hatte. „Sind Sie jetzt zufrieden?“

Der Bögner strich die Münzen ein und ging wortlos zur Tür. Drehte sich um. „Ausziehn tust trotzdem. Lieber heut als morgen.“

Nachdem er gegangen war, nippte Adele an einem Glas Portwein. Hoffentlich kam jetzt keiner, der sein Geld zurückwollte. Damit ihr Plan aufging, mussten noch viel mehr Leute Geld bei ihr anlegen.

Entschlossen stieß Adele die Tür zum „Goldenen Licht“ auf. „Alois, bring mir ein Bier. Und dann setz dich her. Ich hab was zu bereden.“

Alois schielte zur Küchendurchreiche. „Dass bloß die Annamirl nix merkt.“

„Was hältst davon, wenn ich mein Geschäft zu dir in die Wirtschaft verleg?“

„Der Annamirl wird’s nicht recht sein.“

„Musst es ihr halt schmackhaft machen. Sagst ihr, je mehr Leut in die Wirtschaft kommen, desto mehr bleibt hängen für euch.“

Nach kurzem Zögern gab der Alois klein bei. „Also gut. Aber wir richten eine feste Zeit ein. Jeden Nachmittag von vier bis sechs. Und du setzt dich ins hintere Eck, damit dich nicht gleich jeder sieht, der hereinkommt.“

Jeden Nachmittag, außer am Sonntag, saß Adele jetzt im „Goldenen Licht“. Schnell sprach es sich herum, wo sie anzutreffen war. Die Männer tranken doppelt so viel wie sonst, schielten ins hintere Eck, bis sie sich hintrauten zu ihr.

Die Annamirl grantelte in der Küche vor sich hin. Aber die Kinder hatten jetzt neue Schuhe und der Flori hatte sogar eine Medizin gegen den Keuchhusten. Doch jedes Mal, wenn die Spitzederin die Wirtsstube betrat, schlug die Annamirl ein Kreuz und zündete die geweihte Kerze an.

„Herr Wirt! Einen Frankenwein.“

Alois polierte ein Glas, hielt es gegen das Licht, wischte eine Fettschliere weg. Musterte aus dem Augenwinkel den Gast. Schon drei Tage hintereinander war der Unbekannte gekommen. Legte jedes Mal seinen Zylinderhut auf die Bank, zupfte die weißen Manschetten zurecht und ließ Adele nicht aus den Augen.

„Loisi, komm her“, zischte Annamirl aus der Durchreiche und deutete auf den Gast. „Der kommt mir komisch vor. Weißt du, was der bei uns will? Ein Hiesiger ist der auf jeden Fall nicht.“

„Was weiß denn ich? Und red nicht so laut.“

Die Annamirl flüsterte: „Ich hab’s dir gleich gesagt, dass es nicht gut geht mit der ihren Geschäften bei uns.“

„Reg dich nicht auf. Werd schon herausfinden, wer der ist.“

Alois füllte das Glas mit dem teuren Frankenwein, stellte es dem Gast mit einem „Zum Wohl, der Herr“ auf den Tisch und ging zu Adele ins hintere Eck.

Adele, die gerade ihr Geld zählte, blickte auf. „Was willst?“

„Schau bloß nicht hin. Da drüben sitzt einer, der dich genau beobachtet.“

Sofort musterte Adele den Gast. Der hob das Glas und nickte ihr zu. „Den kenn ich nicht. Meinst, der will was von mir?“

Alois schnalzte mit der Zunge. „Vielleicht gefallst ihm.“

„Davon kann ich auch nicht abbeißen.“ Zufrieden mit den Einnahmen schob sie dem Alois drei Gulden hin. „Die gibst der Annamirl. Damit sie nicht immer über mich schimpft.“

Ihr Blick glitt nach unten. „Komm Basti, wir gehn.“ Sie deckte ein Tuch über den geldgefüllten Weidenkorb, nahm ihn beim Henkel und stand auf.

Basti kroch unter der Bank hervor, schnuffelte herum, schnuffelte hin zu dem vornehmen Herrn. „Sofort kommst her.“ Adele zog den Basti zu sich und legte ihn an die Leine. „Entschuldigen Sie. Das macht er sonst nie.“

„Lassen Sie ihn doch. Ist doch so ein schöner Hund. Darf ich Sie zu einem Wein einladen?“

Adele zögerte, stellte den Korb auf den Boden. „Viel Zeit hab ich aber nicht.“

Der Fremde erhob sich, verbeugte sich. „Gestatten: Vicenti. Notar.“

Adele zuckte zusammen. Ein Notar. Das konnte nichts Gutes bedeuten. „Wie komm ich zu der Ehre?“

„Ich beobachte Sie schon länger. Und wenn ich ehrlich sein darf: Sie gefallen mir. Und es imponiert mir, wie Sie in einer so einfachen Umgebung Ihre Geschäfte tätigen.“

Erleichtert atmete sie auf. Hob das Weinglas, das Alois mit einem verschwörerischen Zwinkern auf den Tisch gestellt hatte. „Also dann, auf Ihr Wohl.“

„Auf Ihr Wohl, schöne Frau.“

Sie trank einen Schluck und verzog das Gesicht. „Ganz schön sauer. Ehrlich gesagt, ein Bier ist mir lieber. Alois! Bring mir eine Halbe. Und ein Gröstl. Wollens auch eins?“

„Gut. Ihnen zuliebe esse ich auch eins.“

„Sei so gut und bring uns zwei Gröstl“, rief Adele dem Alois zu und wandte sich wieder an den Vicenti: „Sind Sie aus München?“

„Nein. Ich stamme aus Florenz. Seit fünf Jahren führe ich eine eigene Kanzlei in München.“

„Und? Rentiert sich’s?“

Vicenti nickte. „Wird ja überall gebaut. Und die Banken schießen nur so aus dem Boden. Da wird ein Notar immer gebraucht.“

Während sie sich unterhielten, servierte Alois das Essen.

Vicenti stocherte in den Bratkartoffeln herum, schob die Blutwurst angewidert an den Tellerrand.

„Schmeckts Ihnen nicht?“

„Das Münchner Essen vertrag ich nicht. Immer schwimmt alles im Fett.“

Sie lachte und schaute verstohlen zur Küche. „Wenn das die Wirtin hört. Gebens die Wurst doch dem Hund. Aber unauffällig, damit sie’s nicht sieht.“

Adele wischte ihren Teller mit einem Stück Brot aus. „Wie lang beobachten Sie mich denn schon?“

„Ich habe Sie einige Male in der Stadt gesehen. Und dann, wie Sie ins ‚Goldene Licht‘ gegangen sind.“ Er schaute auf den Basti. „Sie mögen Tiere?“

Adele streichelte den Basti, der im schönsten Sitz auf noch ein Bröckerl Blutwurst wartete. „Tiere sind mir das Höchste. Und grad die Hunde. Die sind einem immer treu.“

Tief blickte Vicenti ihr in die Augen. „Es gibt auch Männer, die treu sind.“ Er ergriff ihre Hand, bemerkte die abgekauten Nägel. Ganz so souverän wie sie tat, war sie anscheinend doch nicht. „Dürfte ich Sie einmal zum Essen einladen? Meine Köchin kocht vorzüglich.“

„Vielleicht. Aber jetzt muss ich gehn.“

Zurück in ihrem Zimmer legte Adele den Mantel auf einen Stuhl und griff nach der Dose mit dem Zuckergebäck. So ein notariger Beschützer wär nicht schlecht. Aber wie der sie angeschaut hatte. In seine Wohnung gehen? Niemals. So was wie mit dem Kreitner brauchte sie nicht noch einmal.

Sie zerkrümelte ein Kipferl und ging zu der Voliere, in der eine junge Amsel aufgeregt hin und her hüpfte. Laut tschilpend, einen Flügel abgeknickt, hatte sie den Vogel am Wegrand gefunden, ihn vorsichtig in ein Tuch gewickelt, nach Hause getragen und jeden Tag gefüttert. Mit eingeweichten Brotkrumen und klein geschnittenen Regenwürmern. Bis sein Flügel geheilt war.

Sie stellte die Voliere ans geöffnete Fenster und löste den Haken an der Käfigtür. Lockte: „Komm. Jetzt darfst fliegen. Frei sollst sein.“

Der Vogel hüpfte heraus, setzte sich aufs Fensterbrett, spreizte die Flügel und flog davon.

Knöcherl

Regen, nichts als Regen. In den Straßen stank die Kloake, Ratzenkadaver, die Bäuche aufgebläht, flackten in ausgespülten Rinnen. Wer bei dem Sauwetter nicht aus dem Haus musste, blieb daheim.

Nur der Gerber Hannes huschte durch die Sendlinger Straße. Er schlug den Kragen seiner durchnässten Joppe hoch und wischte sich den Regen aus dem Gesicht. Grad froh war er, dass ihm niemand begegnete. Er war es leid, dass alle sich die Nase zuhielten, wenn er an ihnen vorüberging. Wusste selber, wie pestilenzisch er stank wegen der Arbeit in der Gerberei. Früher hatte er sich noch jeden Abend in den Zuber gehockt, die Haut mit der Wurzelbürste geschrubbt. Das machte er schon lange nicht mehr. Gegen den fauligen Geruch half alles nichts. Sogar aus dem Herbergshaus, wo er sich mit einem Fuhrkutscher ein Bett geteilt hatte, hatten sie ihn rausgeschmissen. Musste jetzt in einem Verschlag an der Kreppe hausen.

Dabei konnte er von Glück sagen, dass er den Milzbrand überlebt hatte. Nur durch Gottes Gnade war das brennende Fieber zurückgegangen, waren die aufgeplatzten Geschwüre grindig abgeheilt. Der Lohmühlenbesitzer wusste genau, was er jetzt an ihm hatte. Denn die wenigen Gerber, die das teuflische Feuer überstanden, waren gegen den Milzbrand gefeit. Starben ihm nicht mehr weg wie die Fliegen. Sogar ein paar Kreuzer mehr zahlte er ihm seitdem. Aber was nützten ihm die paar Kreuzer? Eine Frau würde er nie kriegen. So ein stinkendes Mannsbild? Pfui Teufel!

Hannes betrat die Asamkirche und bekreuzigte sich. Hinter dem Portal starrte ihn die Büste des Luziferischen aus hohlen Augen an. Verzog grinsend die fleischlosen Lippen. Schwang die Schere, bereit, den Lebensfaden verdammter Sünder zu durchtrennen.

Hannes tauchte die Hand ins Weihwasserbecken, bekreuzigte sich noch einmal und ging nach vorn in die Kirchenbank. Sank auf die Knie. „Vater im Himmel, vergib uns unsere Schuld.“ Reuig betete er um die Vergebung seiner Sünden. Schwer glitten die Holzperlen des Rosenkranzes durch seine abgearbeiteten Hände. „Heilige Maria Muttergottes, bitt für uns.“

Was war nur in ihn gefahren? Gestern Nacht, als er ausgerechnet in den Garten der Walburga geschlichen war, um ihrem Huhn den Garaus zu machen? Noch nie hatte ihn jemand erwischt, wenn er Hühner einfing, ihnen ruckzuck den Hals umdrehte, um sie unter den Finsteren Bögen zu verkaufen. Aber das Viech von der Walburga hatte geplärrt wie am Spieß. Wie eine Furie war die Alte aus dem Haus geschossen.

„Elendiger Hühnerdieb, elendiger! Mein letztes Huhn! Verflucht sollst sein bis in alle Ewigkeit. Im Höllenfeuer sollst schmoren bis zum Jüngsten Tag!“

Vor lauter Schreck hatte er das halbtote Huhn fallen lassen, war gerannt, so schnell er konnte. Ein Fluch von der Walburga wog schwer. Wusste doch jeder, dass sie eine Hex war. Mit ihren Kräutern, die Wunder bewirkten. Hatte sie nicht auch bei ihm ein Wunder vollbracht? Als sie ihm wegen dem Milzbrand das Bein abnehmen wollten, das brandig verfärbte? Tagelang hatte Walburga ihm breiige Umschläge aufgelegt, Gebete gemurmelt, ihm bittere Tränke eingeflößt. Bis er gesund war. Und jetzt verdammte ihn ihr Fluch.

Sein Blick fiel auf den Seitenaltar. In dem gläsernen Sarkophag ruhte, gebettet auf Spitzenkissen, das Skelett des heiligen Viktor. Hannes stand auf und besah sich den Heiligen genauer. Das fleischlose Gerippe, sorgsam umwickelt mit brokatenen Bordüren, und das eingetrocknete, mit einem Krönchen verzierte Haupt, ruhten friedlich auf dem Kissen. Um die Fingerglieder wanden sich glitzernde Perlenketten, um die Beine zart gehäkelte Goldfäden.

Hannes stutzte. Mit dem großen Zeh stimmte was nicht. Ganz komisch stand er ab, nur ein dünner Silberdraht hielt ihn noch am Fuß. Hannes blickte sich um. Der Mesner, vorhin noch mit den Altarkerzen beschäftigt, war in die Sakristei verschwunden. Hannes stieg auf den Altartisch, zog sein Taschenmesser aus der Hose, klappte es auf und schob die Klinge vorsichtig in die goldene Lötnaht des Sarkophagdeckels. Drückte ein bisschen nach, nackelte ein bisschen herum, dann ging es ganz leicht. Er hob den Deckel, beugte sich in den Sarkophag, drehte am Zeh, löste ihn und nahm ihn an sich. Klappte den Deckel leise zu und sprang vom Altartisch herunter.

Ehrfürchtig betrachtete er die Kostbarkeit. Wenn man durch die Heilige Wandlung und den Verzehr einer Hostie göttliche Gnade erlangen konnte, dann bestimmt noch mehr durch den Zeh eines Heiligen. Entschlossen steckte er den Zeh in den Mund, schob ihn mit der Zunge von einer Backe zur anderen, dann biss er kräftig zu. Bekreuzigte sich und schluckte den Zeh hinunter. Spürte sofort: Er würde der himmlischen Seligkeit teilhaftig. Voller Inbrunst gelobte er: Nie mehr würde er den Armen etwas wegnehmen, nur noch den Reichen.

Mit den besten Vorsätzen machte Hannes sich auf zu seiner Arbeit in der Gerberei. Mit einem Schaber kratzte er Fleischreste von den Tierhäuten. Vorsichtig, damit sie keine Risse bekamen. Er wuchtete die Häute in den Kälkbottich, tauchte sie mit einem Holzprügel ein in die ätzende Brüh. Er schabte, rührte, stundenlang. Streckte den wundgearbeiteten Rücken. Für heute war Schluss. Wässern und aufspannen würde er die Häute morgen.

Er zog den Lederschurz aus und zwängte die aufgequollenen Füße in derbe Holzschuhe. Nichts wie weg! Hin zu seinen Kumpanen unter den Finsteren Bögen. Jeden Abend traf er sie, die Bettler, Säufer und Krüppel, die mit ihrem Diebesgut prahlten. Es verschacherten an die Hehler, die dort ab Einbruch der Dunkelheit herumschlichen. Von den Ausgestoßenen störte sich keiner an seinem Gestank.

„Da, nehmts.“ Hannes knöpfte die Enden des zerschlissenen Tuchs auseinander.

Gierig stürzten sich die Bettler auf Wurstzipfel, Knochen zum Abfieseln und die Brotkanten, die Hannes hinter einer Wirtschaft aufgeklaubt hatte. „Und? Gibt’s was Neues?“

„Könnt schon sein.“ Der Krüppel, der seinen Armstumpf jeden Tag vor der Frauenkirche in die Höh reckte, raunte: „Vom ‚Goldenen Licht‘ kommt immer eine heraus. Mit einem Korb in der Hand. Rat einmal, was in dem drin ist.“

„Jetzt red endlich!“ Ungeduldig trat Hannes von einem Fuß auf den anderen. „Sonst kannst dein Essen morgen vergessen.“

„Lauter Geld ist drin. Hab’s mit eigenen Augen gesehn.“

„Verzähl doch keinen Schmarrn.“

„Geh doch hin und schau’s dir selber an.“ Der Krüppelige rülpste und lehnte sich beleidigt an die Wand.

„Ich werd das ‚Goldene Licht‘ im Aug behalten. Und weh, du hast gelogen! Weiß sonst noch jemand was?“

Ein Verbuckelter, der zahnlos das Brät aus einer Wursthaut zuzelte: „Könnt sein, dass es auch beim Kramer was zum Holen gibt. Lauter neue Möbel habens hingeschafft.“

Hannes stopfte das Tuch in die Hosentasche. „Haltets die Augen offen, sonst bring ich euch nix mehr.“

Hannes ging durchs Tal und weiter bis zur Isar, wo er fast täglich mit den Beutelschneidern übte. So was wie neulich durfte ihm nicht mehr passieren. Auf dem Marienplatz war ihm ein gut gekleideter Herr aufgefallen, aus dessen Manteltasche ein Lederbeutel herausschaute. Er nix wie hin. Als er die Finger fast schon am Beutel hatte, war er mit dem Daumen am Stoff hängengeblieben. Den Schlag, den ihm der Herr ins Gesicht versetzt hatte, spürte er heute noch. Doch die Ohrfeige war nicht das Schlimmste gewesen, sondern der empörte Ruf: „Ein Dieb! Haltet den Dieb!“ Und das ausgerechnet vor der Hauptwache. Nur mit knapper Mühe konnte er in die Weinstraße flüchten.

Doch seit er mit den Dieben probte, die zum Üben Glöckerl an eine alte Hose banden und diese an einen Ast hängten, war ihm so ein Missgeschick nicht mehr passiert.

Hannes spuckte in die Hände: „Und? Hat’s schon einer geschafft?“

Ein Haderlump schwenkte seine leere Bierflasche. „Bis jetzt noch nicht.“

„Dann lassts mich mal.“ Hannes rieb seine Finger, spreizte sie, beugte sie. Stellte sich vor die Hose, die sanft im Wind schaukelte.

„Wenn die so wackelt, dann schaffst es nie.“ Gespannt beobachteten ihn die Diebe, hielten die Luft an, um auch das leiseste Glöckerl zu hören.

Geschickt fingerte Hannes in die Hosentasche, zog zwischen Zeige- und Mittelfinger den Kreuzer hervor. Warf ihn johlend in die Luft. „Das macht mir keiner nach.“

„Dafür bin ich schneller als wie du, wenn’s ums Weglaufen geht. Aber jetzt gib her.“ Mit geübtem Griff nahm ihm der Haderlump den Kreuzer wieder ab.

„So haben wir nicht gewettet!“ Hannes schlug ihm das Geldstück aus der Hand, fing es in der Luft auf und schloss die Finger fest um seinen Gewinn.

Ein Bettler kam mit erhobener Faust auf Hannes zu. „Uns was wegnehmen willst? Wo du einer von uns bist? Das trau dich!“

Hannes wich einen Schritt zurück. „Du kannst mich mal.“ Rasch ließ er den Kreuzer in seiner Hosentasche verschwinden. „Jetzt geh ich auf ein Bier. Dafür kommt mir das Geld grad recht.“

„Du Sauhund!“ Der Bettler holte aus zum Schlag, Hannes duckte sich weg und machte sich, ohne auf das Geschrei der heruntergerissenen Gesellen zu achten, davon.

„Gustl, schieb eine Halbe rüber.“

Gustl, der im Erdgeschoss eines Herbergshauses einen Gassenausschank betrieb, von dem aus er die ganze Straße überblicken konnte, schob das Bierseidel über den Tresen. „Kannst auch zahlen?“

„Für ein Bier reicht’s.“

Der Gustl schlug nach der Schmeißfliege, die über den Tresen brummte. „Ich weiß nicht mehr, wie’s weitergehen soll. Jetzt wohnt auch noch die Großmutter mitsamt ihrer Schwindsucht bei uns. Mit einem Vorhang haben wir ihr ein Zimmereck abgeteilt. Kannst dich kaum noch rühren in der Kammer. Schlafen kannst auch nicht mehr. Mit der ihrer Husterei die ganze Nacht.“

„Wenigstens hast ein Dach überm Kopf.“

„Aber was für eins. Beim letzten Unwetter ist uns die Kammer vollgelaufen. Jetzt ist der Schwamm in alle Wänd. Schaus dir doch an.“ Er deutete auf die windschiefen, aneinandergebazten Häuser. Die Regentraufen schepperten im Wind, in den Fenstern schlackerten zerrissene Planen. Ein kleines Mädel bog um die Ecke.

„Hannerl!“, rief der Gustl wütend. „Sofort kommst her! Schau dich bloß an. Von oben bis unten bist voller Dreck.“ Er gab dem Mädel eine Ohrfeige, dass es nur so schallte.

„Ich kann doch nix dafür. Ausgerutscht beim Fangermandl bin ich.“ Schluchzend wischte sich das Hannerl den Rotz von der Nase. Presste ein Holzscheit mit aufgemalten Augen an sich.

Ihre vier Brüder kamen daher gerannt, blieben stocksteif stehen und hielten Abstand zum Vater. Sogar die Hunde, die im Unrat scharrten, verdrückten sich.

Der Gustl war außer sich. „Überall nix wie Dreck. Wie sollst da deine Kinder anständig großziehn? So schön hab ich mir’s ausgemalt, wie ich das Zimmer hab kaufen können. Mit dem Spekulantengeschmeiß, das alles verkommen lasst, hat doch keiner gerechnet. Der da gehört auch zu denen.“

Aus einer knarzenden Tür war der Kramer getreten und fluchte, als sein Schuh im Schlamm stecken blieb. „Gell, da schaust“, feixte der Gustl. „Machst dir deine schönen Schuh dreckig bei uns. Hab dich schon rumplärren hören oben bei der Elsbeth, weil sie das Geld für den Mietzins noch nicht hat. Halsabschneider, elendiger.“

„Red nicht so unverschämt daher.“ Drohend schwang Kramer seinen Stock. „Ein dreckiges Häuslergesocks seids, ein dreckiges. Und wennst mir noch einmal so unverschämt kommst, jag ich dir die Gendarmen auf den Hals.“ Schimpfend machte er sich davon.

Hannes sah die Geldkatze unter dem Wams und schlich dem Kramer nach.

Kramer, die Hand fest auf den Beutel gepresst, eilte die Straßen entlang, ging durchs Isartor und bog ein zum Lueg ins Land. Bückte sich vor seinem frisch verputzten Haus, stocherte den Schlüssel ins Schloss und verschwand.

Hannes huschte durch das Holztürl neben dem Haus in den verwilderten Garten. Kämpfte sich durchs Brombeergestrüpp, kletterte auf den Holzstoß an der Wand und spitzte durch das Fenster im oberen Stock. Hörte den Kramer streiten mit seiner Frau. Ein Holzscheit verrutschte, der Stoß krachte zusammen, Hannes donnerte ins Gestrüpp.

Schon flog das Fenster auf. „Wer da?“, schrie der Kramer.

Tief duckte sich Hannes zwischen die dornigen Zweige. Rührte sich nicht, bis das Fenster zuging. Dann stahl er sich hinaus auf die Straße und pfiff leise vor sich hin. Den Kramer würde er im Auge behalten. Und zum „Goldenen Licht“ würde er irgendwann auch noch gehen. Schauen, ob der Krüppelige nicht bloß gelogen hatte.

Hundsviecher

Adele ging mit einem Weidenkorb unterm Arm durch die Herzogspitalstraße. Schon lange hatte sie sich vorgenommen, der wundertätigen Madonna in der Spitalkirche eine Kerze zu opfern. Und um Hilfe wollte sie die Madonna bitten. Dass ihre Geldgeschäfte so gut weiterliefen wie bisher. Plötzlich spürte sie einen heftigen Stoß, schrie auf, stolperte, blieb mit dem Schuh am Randstein hängen und fiel der Länge nach hin. Ihre Hände schrammten über den Boden, ihr Ellbogen krachte aufs Pflaster.

Benommen hob sie den Kopf und schaute ungläubig auf den Vicenti, der neben ihr auf der Straße lag. Blickte auf das verbeulte Hochrad, das gegen die Hauswand gedonnert war. „Was um alles in der Welt …“

„Um Gottes willen!“ Vicenti rappelte sich auf, griff nach ihrer Hand und zog Adele hoch. „Verzeihen Sie! Bitte verzeihen Sie. Sind Sie verletzt?“

Adele betastete ihren Ellbogen, bewegte vorsichtig den Arm. „Gebrochen ist er jedenfalls nicht.“ Kopfschüttelnd deutete sie auf das Velociped mit dem riesigen Vorder- und dem winzigen Hinterrad. „Das ist ja lebensgefährlich. Wie können Sie sich auf so was bloß draufsetzen?“

Wütend stieß Vicenti mit dem Fuß einen Stein zur Seite. „Der ist schuld. Über den bin ich gefahren. Deswegen hat es mir das Vorderrad weggezogen.“ Er lehnte das Velociped gegen einen Laternenpfahl, klopfte den Staub von seiner Hose und musterte Adele besorgt: „Soll ich Sie zu einem Doktor bringen?“

Sie schob den Ärmel ihrer Bluse hoch und begutachtete den Ellbogen. „So schlimm ist’s nicht. Wird nur einen sauberen Bluterguss geben.“ Sie strich ihren Rock glatt und sammelte den verstreuten Inhalt ihres Korbes ein: zwei Opferkerzen und einen Bund geweihter Palmzweige. „Aber einen Kaffee könnt ich jetzt gebrauchen.“

„Darf ich Sie ins Kaffeehaus Schimon einladen?“

„Wär mir schon recht. Und was machen Sie mit dem da?“ Sie deutete auf das Zweirad am Laternenpfahl.

„Das hol ich später.“

Sie gingen zum Marienplatz und bogen ein in die Kaufingerstraße. Adele, die immer wieder ihren Arm betastete, sprach kein Wort.

Vicenti versuchte ein Gespräch in Gang zu bringen. „Das Radfahren bereitet mir viel Freude. Ich bin sogar in den Velociped-Club vom Conrad Gautsch eingetreten. Am Velocipedbergl bei der Maximilianstraße üben wir das Auf- und Absteigen und das Treten den Berg hinunter. Hat man erst einmal die Balance gefunden, ist es ganz einfach. Na ja, nicht immer, wie Sie gesehen haben.“

„Warum gehn Sie nicht einfach zu Fuß? Vom Rad fallen können Sie dann jedenfalls nicht.“

„Wenn Sie wüssten, wie schön es ist, wenn einem die Luft um die Nase weht. Aber da sind wir schon.“ Mit einer Verbeugung öffnete er die Tür zum Kaffeehaus.

Der Garderobier nahm Vicentis Hut und Adeles Korb in Empfang. Ein Ober eilte herbei, geleitete sie an einen freien Tisch und schob Adele den gepolsterten Sessel zurecht. „Gnädiges Fräulein wünschen?“

„Eine Melange und ein Glas Portwein.“

„Für mich das Gleiche.“ Vicenti strich über Adeles Arm. „Tut es noch weh?“

„Geht schon. War wohl mehr der Schreck.“ Sie lehnte sich zurück und betrachtete die funkelnden Lüster, deren Strahlen sich in den Wandspiegeln brachen. Die Seidenvorhänge, die sich an den Fenstern bauschten und den Salon in gedämpftes Licht tauchten. Fast alle Tische waren besetzt, von feinen Damen, die sich die berühmte Ludwigstorte schmecken ließen, von gewichtigen Herren, die dem Wein zusprachen. Leises Plaudern erfüllte den Raum.

Der Ober, den Rücken servil gebeugt, servierte die Melange in hauchdünnen Tassen, den Portwein in geschliffenen Kristallkelchen.

Vicenti erhob das Glas und lächelte Adele an. „Auf Ihr Wohl. Ich hoffe, Sie verzeihen mir.“

„Auf Ihr Wohl. Zum Glück ist Ihnen nicht mehr passiert. Sie hätten sich leicht die Rippen brechen können.“

„Da haben Sie völlig recht. Das Radfahren ist nicht nur wegen der holprigen Straßen gefährlich. Schlimmer ist, dass wir Velocipedler bei den Münchnern nicht gerne gesehen sind. Stellen Sie sich vor: Neulich hat einer dem Gautsch bei voller Fahrt den Spazierstock in die Speichen gerammt. Der Sturz war mörderisch. Ein gebrochener Arm, ein gebrochener Fuß. Aber reden wir nicht mehr von mir. Was hat Sie in die Herzogspitalstraße geführt?“

Adele wollte gerade antworten, als ein Mann, das Jackett locker über die Schulter geworfen, die Hand in der Hosentasche, an den Tisch trat. „Herr Vicenti, was für eine Freude, Sie wiederzusehen.“

Vicenti stand auf und klopfte ihm auf die Schulter. „Ganz meinerseits. Wieder auf der Suche nach einer Skandalgeschichte?“

„Heute will ich nur ein Glas Wein trinken. Sie glauben ja nicht, wie es zugeht in der Redaktion. Die Meldungen über die neue Polizeiverordnung überschlagen sich. Die dürfte Sie interessieren: Ab heute dürfen Velocipedler nur noch auf breiten Straßen fahren. Erwischt man sie in engen Gassen, ist eine saftige Strafe fällig.“

Vicenti seufzte. „Statt sich um das Gesindel zu kümmern, das die Straßen unsicher macht, machen sie uns das Leben schwer. Aber darf ich Sie dem Fräulein Spitzeder vorstellen?“ Er wandte sich an Adele: „Fräulein Spitzeder, das ist Herr Vecchioni, der Chefredakteur der Münchner Neuesten Nachrichten“.

Adele hatte dem Gespräch interessiert zugehört. Konnte nicht schaden, einen Chefredakteur zu kennen. Mit gönnerhafter Geste wollte sie ihm einen Platz an ihrem Tisch anbieten. Doch bei dem abfälligen Blick, mit dem Vecchioni sie musterte, ließ sie die Hand wieder sinken und nickte ihm nur kühl zu.

„Ich darf mich empfehlen.“ Vecchioni drehte sich um und setzte sich an einen freien Tisch.

Auch Vicenti nahm wieder Platz. „Merkwürdig. So kurz angebunden kenne ich den Herrn Vecchioni gar nicht. Doch wo waren wir stehen geblieben? Was hat Sie in die Herzogspitalstraße geführt?“

„In die Kirche wollt ich. Der schmerzhaften Madonna opfern.“

„Ich bitte Sie! So eine moderne Dame und so ein Aberglaube. Ein kühler Kopf, ein klarer Verstand, darauf kommt es an.“

„Vielleicht könnte ich Ihren Rat wirklich gebrauchen. Es ist nämlich so …“ Gerade wollte Adele ihm von ihren Geschäften erzählen, als er ihre Hand ergriff und sie schmallippig küsste. Hastig zog sie die Hand zurück. „Lassen Sie uns austrinken, ich hab noch viel zu erledigen.“

„Wirklich schade, dass Sie schon aufbrechen müssen. Aber dürfte ich Sie einmal zum Essen einladen?“

„In nächster Zeit bin ich viel zu beschäftigt“, gab sie unwirsch zurück.

Enttäuscht winkte Vicenti den Ober heran und beglich die Rechnung. Als sie hinausgingen, nickte Adele dem Chefredakteur zu, hochnäsig grüßte er zurück.

Beim Garderobier nahm Vicenti seinen Hut und Adeles Korb entgegen. „Darf ich Sie noch ein Stück begleiten?“

„In die Kirche geh ich besser allein.“ Froh, den Notar abgeschüttelt zu haben, ging Adele den Weg zurück zur Herzogspitalstraße. Gerne hätte sie ihn um Rat gefragt. Aber der wollte auch nur das Eine. Genau wie der Kreitner.

Ein leises Wimmern ließ sie stehen bleiben. Aus einem offenen Fenster drang das Gezänk eines Weibsbilds und übertönte das Geräusch. Dann hörte sie es wieder. Adele trat an einen Haufen Unrat, stieß mit dem Fuß einen Blechkübel zur Seite und bückte sich. Unter verrotteten Lumpen sah sie einen abgemagerten Hund, neben ihm lag ein winselnder Welpe. Adele nahm ein Tuch aus ihrem Korb und schob damit die Lumpen zur Seite. Behutsam zog sie den Hund hervor, setzte ihn auf den Bürgersteig und strich ihm über das verratzte Fell. Dem Hund knickten die Hinterläufe ein.

Ein Marktweib, die Kraxe voller Krautköpfe, blieb stehen. „Lassens das Viech doch liegen. Lang lebt’s eh nicht mehr.“

„Das haben wir gleich.“ Ein Bursche, der die Straße entlangkam, griff nach einer Holzlatte, die an der Hauswand lehnte, und holte aus zum Schlag.

Adele fiel ihm in den Arm. „Das trau dich!“

„So ein Schmarrn“, keifte das Marktweib, „von denen Hundsviechern eins retten. Als täten nicht genug herumstreunen in der Stadt.“

Grad zum Fleiß setzte Adele den Hund in ihren Korb. „Den nehm ich mit.“ Dann zog sie den Welpen unter dem Unrat hervor und nahm ihn auf den Arm. „Und einen Namen kriegen sie auch: Die da nenn ich Daisi und den da Wasti.“

Ohne sich um das Gekeif zu kümmern, ging sie nach Hause, wusch der Daisi die verklebten Augen aus und säuberte mit einem weichen Tuch ihr Fell. Fütterte die Hunde mit Brotstücken und legte die beiden zum Basti in den Korb. Der schnupperte neugierig an der Daisi und dem Wasti, rollte sich zusammen und schlief ein.

Kasse

Wie mit dem Alois vereinbart, saß Adele, außer am Sonntag, jeden Tag, in der Wirtsstube. Die Zeit von vier bis sechs reichte längst nicht mehr. Schon am Mittag war die Wirtschaft gesteckt voll. Den Alois freute es. Die Gäste tranken statt dem Dünnbier wieder ein richtiges Bier, auf den Tischen lagen neue Leinendecken und für die Annamirl hatte er zwei gusseiserne Pfannen angeschafft.

Zwar zündete die Annamirl, wenn die Spitzederin kam, immer noch die geweihte Kerze an, schimpfen tat sie nicht mehr. Nur herumnörgeln an der Küchenhilfe, die sie hatten einstellen müssen, weil sie es allein nicht mehr schaffte mit dem vielen Essen.

„Grüß dich, Alois.“ Adele betrat die Wirtsstube, nickte hin zum Alois, nickte hin zu den Gästen, die sie erwartungsvoll anschauten. Sie setzte sich ins hintere Eck und verspeiste in aller Ruhe den Apfelstrudel, den ihr der Alois hingestellt hatte.

Andächtig verfolgten die Gäste jeden Bissen, den sie sich in den Mund schob, sogar die Kartler hatten ihr Spiel unterbrochen.

Sie schob den Teller zur Seite. „Jetzt kann’s losgehen. Aber drängelts nicht so wie beim letzten Mal.“

Schlag auf Schlag ging es. Sie kassierte ein paar Gulden von den Armen, Geldbündel von den Reicheren. Stellte jedem eine Quittung aus, setzte ihre hakige Unterschrift darunter. Zahlte die wenigen aus, die ihr Geld samt Zinsen zurückwollten.

Unter den Anlegern befand sich, die tausend Gulden aus einer Erbschaft in der Tasche, auch der Spenglermeister Andreas Seidl. Er hatte es sich genau ausgerechnet: Mit den zwanzig Prozent Zins pro Monat, die ihm die Spitzeder auf die tausend Gulden zahlen würde, hätte er eine saftige Jahresrente. Zu was da noch arbeiten? Mit der Plackerei in seiner Werkstatt verdiente er nicht halb so viel, wie ihm die Zinsen einbringen würden. Die Werkstatt würde er verkaufen und nur noch von den Zinsen leben. Es genauso machen wie sein Nachbar, der seinen Schusterladen verscherbelt hatte und sich von den Spitzeder’schen Zinsen ein schönes Leben leistete. Voller Ungeduld, sein Geld gewinnträchtig anzulegen, nickte er Adele zu.

Adele nickte zurück. Die meisten Gäste kannte sie. Doch immer wieder mischten sich neue darunter. Auch die beiden Männer am Eingang waren ihr fremd. Ihr war es recht. Hauptsache, das Geschäft lief.

Alois beobachtete, wie die beiden am Eingang jede Bewegung Adeles mit Argusaugen verfolgten, miteinander tuschelten, wenn Männer der Adele Geld auf den Tisch legten. Er sah, wie die beiden hämisch die Lippen verzogen, wenn die Mannsbilder mit zufriedenen Gesichtern zurückkehrten an ihren Platz.

Alois, das Tablett voller Bierseidel, Schnapsgläser und einem Weinhumpen, ging ins hintere Eck zu Adele. Er deutete auf die beiden am Eingang, die schon wieder die Köpfe zusammensteckten. „Jetzt machst besser Schluss. Irgendwas stimmt nicht mit denen.“

Der Spenglermeister, der endlich drankam, um seinen Plan mit dem Zinsgewinn in die Tat umzusetzen: „Den einen kenn ich. Der arbeitet als Aufseher im Zeughaus.“

Adele strich das Geld ein und legte es in die Holzkiste unter dem Tisch. „Ärger hätt mir grad noch gefehlt.“

Ein junges Mädel trat vor und schob Adele zaghaft ein paar Kreuzer hin. „Könntens mich bittschön noch drannehmen? Weil’s so schwierig ist, dass ich mich aus dem Haus schleich. Weil der Vater darf’s doch nicht wissen.“

„Wie heißt du denn?“

„Die Obermeier Stasi bin ich.“

Adele schob ihr den Beleg samt Zinsen hin. Legte einen Gulden dazu. „Den schenk ich dir. Kannst deinem Vater ruhig sagen, dass ein gutes Geld verdient ist bei mir.“ Harsch fuhr sie die anderen Geldanleger an: „Für heut ist Schluss.“

In diesem Moment betrat eine Frau, die mit Pailletten bestickte Stola fest um die Schultern gerafft, das Haar mit Perlenkämmen hochgesteckt, das „Goldene Licht“. Blieb an der Tür stehen und warf einen musternden Blick durch den Gastraum. Einige Männer schauten verlegen in ihr Bierglas, der Spenglermeister bekam einen hochroten Kopf.

Die Frau ging geradewegs auf Adele zu, zog vom Nebentisch einen Stuhl heran und setzte sich.

Adele blickte sie an. „Für heut ist Schluss, hab ich gesagt. Oder hast arg viel zum Anlegen?“

„Deswegen komm ich nicht.“ Die Frau nahm ihre Stola ab und legte sie über die Stuhllehne. „Ich hab gehört, dass Sie im ‚Goldenen Licht‘ anzutreffen sind und da hab ich mir gedacht, ich schau einmal vorbei, um Sie kennenzulernen.“

„Warum denn das?“, fragte Adele erstaunt.

„Weil mich geschäftstüchtige Frauen interessieren. Gibt wenige, die sich nix von Männern dreinreden lassen.“

Adele musste lachen. „Das hast also gehört über mich. Und was machst du? Und wie heißt?“

„Rosmarie nennens mich. Ich führ ein Etablissement in der Hackengasse.“ Wie selbstverständlich ging Rosmarie zum „Du“ über. „Besuch mich doch einmal. Hackengasse 8. Gehst dort durch den Durchgang, dann findest mich. Wirst sehen, ist immer zünftig bei uns.“

Adele fand Gefallen an der Frau, der der Schalk aus den Augen blitzte. „Ich besuch dich ganz bestimmt. Sag: Ist dein Etablissement so eins, wie ich mir denk?“

Die Rosmarie deutete mit einer Kopfbewegung auf die Männer, die wie gebannt die zwei Frauen beobachteten und bei dem Blick der Rosmarie sofort den Kopf senkten. „Schau dir die verdruckten Mannsbilder doch an. Dann weißt es.“ Sie stand auf. „Also, kommst?“

Auch Adele erhob sich. „Gleich nächste Woche besuch ich dich.“

Mit einem „Also dann bis nächste Woch“ verließ Rosmarie den Gastraum. Einigen Männern, vor allem denen, die ihre Frauen mit dabeihatten, sah Adele die Erleichterung deutlich an.

Sie stopfte die Münzen in ihren Samtbeutel und zählte in Gedanken durch: Für das perlenbestickte Kleid vom Hofschneider, die Amethystkette vom Juwelier Thomass und ein silbernes Halsband für die Daisi würde es reichen.

Der Alois stand schon bereit, um die Kiste auf den Speicher zu bringen. Besorgt meinte er: „Müd schaust aus.“

„Kein Wunder. Im ‚Deutschen Haus‘ vom Munkert, in das ich umgezogen bin, ist’s auch nicht besser als beim Bögner. Wie ich beim Munkert eingezogen bin, hat er sich schier überschlagen. Jetzt grantelt er nur noch herum. Meine Hunde passen ihm nicht, dass ich Zigarren rauch, passt ihm nicht, und wenn mich jemand besuchen kommt, passt’s ihm auch nicht. Behauptet, die Gäste täten die ganze Nacht herumgrölen. Und viel zu viel verlangt er für die drei Zimmer.“

„Warum ziehst denn nicht aus? Geld hast doch genug. Weißt überhaupt, wie viel auf dem Speicher ist?“

„Wie soll ich denn bei den vielen Leuten, die mir jeden Tag ihr Geld bringen, noch zum Zählen kommen? Komm ja kaum noch nach mit dem Kassieren.“ Sie überlegte. „Überschlagsweise könntens so an die 25.000 Gulden sein. Und dass du dir nix von meinem Geld nimmst, weiß ich.“

Alois nahm die Kiste vom Boden. „Dann komm.“

Zusammen stiegen sie die Treppe hinauf. Alois sperrte das wuchtige Vorhängeschloss auf und deutete auf die Kiste, in der er jeden Tag das Geld, das Adele einnahm, verwahrte. Stemmte mit einem Eisen den Deckel auf, durch den er dicke Nägel getrieben hatte. Dann zählten sie. Insgesamt fast 30.000 Gulden.

„Könntest dir leicht eine andere Wohnung leisten“, meinte der Alois. „Oder gleich ein ganzes Haus. Mein Spezl, der Baumeister Berger, will sein Haus in der Schönfeldstraße verkaufen. Wennst willst, red ich mit ihm.“

Adele dachte nach. Schon öfter hatte sie daran gedacht, in ein eigenes Haus zu ziehen, damit sie herauskam aus der Wirtsstube vom Alois, die kaum noch Platz bot für ihre vielen Kunden. Wenn sich die Gelegenheit bot, warum nicht? „Also gut, dann red mit ihm.“ Sie drehte sich um, stieg die Treppe hinunter und verließ das Haus. Auf der Straße zündete sie sich eine Zigarrre an und schlenderte zum Marienplatz. Plötzlich fiel ihr die Rosmarie ein. Warum sie nicht jetzt gleich besuchen?

In der Hackengasse fand sie den Durchgang, den Rosmarie ihr beschrieben hatte. Faulig roch es. Modrig. Im Hof stand ein Baum mit vergilbten Blättern. Fast bereute sie, hergekommen zu sein. Nach kurzem Zögern betrat sie das Hinterhaus und stieg die schmale Treppe hinauf. Klopfte im ersten Stock an die Tür, in die ein großes „R“ geritzt war. Sie hörte Schritte. Die Wohnungstür ging auf und Rosmarie, in ein prächtiges, an Saum und Ärmeln mit Goldborten verziertes Kleid gehüllt, lachte. „Wie mich das freut, dass du mich schon jetzt besuchen kommst!“

„Hab’s dir doch versprochen. Und was ich versprech, das halt ich auch.“

Rosmarie zog Adele in den Flur und schloss die Tür. Überrascht blickte sich Adele um. Der Flur, in freundlichem Rosé gehalten, wurde von zahlreichen Kerzen in anheimelndes Licht getaucht. Eine Treppe, bespannt mit einem roten Läufer, führte ins obere Stockwerk.

„Komm in meinen Salon und trink einen Kaffee mit mir. So viel Zeit hast doch, oder?“

„So viel Zeit, wie du willst.“

Sie betraten den Salon.

Die Wände waren mit rotem Damast bespannt, der Diwan und die Sessel samtblau bezogen. Auf einer Konsole zückte die Figur eines nackten Cupido den Liebespfeil und zielte auf die Figurine einer Schäferin mit kess geschürztem Rock.

„Schön hast es“, meinte Adele und nahm auf einem Sessel Platz. „Ehrlich gesagt, hätt ich das nicht gedacht. So übel, wie’s im Hof ausschaut.“

Rosmarie setzte sich ihr gegenüber. „Muss ja nicht jeder wissen, was für ein nobles Haus ich führ. Das wissen neben meinen Damen nur die eingeweihten Herren. Sind viele von ganz oben dabei.“

Sie zog an einem Klingelzug.

Eine gutgebaute Brünette, in ein offenherziges Spitzennegligé gekleidet, trat ein.

„Betsie, mach uns einen Kaffee“, befahl die Rosmarie.

„Ich bring ihn gleich. Übrigens: Der Baurat Gruber ist draußen und will unbedingt zur Carla, aber die ist noch nicht frei.“

„Dann schickst ihn zur Lissi. Die wird ihm auch gefallen.“

Mit einem Kopfnicken verließ Betsie den Raum.

Rosmarie ergriff Adeles Hand. „Bis der Kaffee kommt, erzählst mir von dir. Wird viel geredet über dich. Reich sollst sein, heißt s.“

„Könnt schon stimmen.“

Plötzlich stand die Betsie in der Tür und deutete auf einen Herrn direkt hinter ihr. „Er will nicht zur Lissi.“

Rosmarie sprang auf. „Herr Baurat! Sie wissen doch, dass sie meinen Salon nicht unangemeldet betreten dürfen. Diskretion ist mein oberstes Gebot.“

„Zur Carla will ich und zu keiner andern“, erwiderte der Baurat schroff.

Rosmarie führte ihn sanft am Arm hinaus.

Adele hörte, wie Rosmarie beschwichtigend auf ihn einredete: „Wenn Sie sich noch ein paar Minuten gedulden wollen. Die Carla ist gleich bereit für Sie.“

Adele musste sich das Lachen verkneifen. Dass sie einen Baurat hier gesehen hatte, konnte ihr vielleicht noch einmal von Nutzen sein.

Zwei Tage nach dem Besuch bei der Rosmarie stand Adele mit dem Alois und dem Berger vor einem Haus in der Schönfeldstraße. Berger, der das Haus unbedingt verkaufen wollte, damit er im Gärtnerplatzviertel investieren konnte, schloss beflissen die Tür auf. „Ein schöneres Haus finden Sie in der ganzen Gegend nicht. Kommens, damit Sie sehen, wie geräumig es ist.“

Adele betrat die Diele und begutachtete die drei Zimmer im Erdgeschoss. Sah im Geiste schon ihre Geschäftsräume vor sich. Und die Küche, die rechts vom Flur abging, war groß und hell. Eine Köchin würde sie einstellen, Abendgesellschaften geben, ohne dass ihr jemand dreinredete. Damit der Berger den Preis nicht zu hoch ansetzte, krittelte sie: „Die Küch müsst neu hergerichtet werden. Und einen neuen Ofen bräucht es auch.“

„Das sind doch nur Kleinigkeiten. Kommen Sie mit nach oben.“

Im ersten Stock gab es vier geräumige Zimmer. Adele malte sich bereits alles genau aus: Eins würde sie als Schlafgemach herrichten, eins als Speisezimmer, eins als Salon und eins als Konferenzzimmer. Und das kleine Zimmer neben dem Salon war grad recht für eine Haushälterin.

„Oben sind noch zwei Kammern. Wollen Sie die sehen?“

Sie stiegen die Holztreppe hinauf. Adele warf einen Blick in die Kammern. Groß waren sie nicht. Aber für die Kassierer, die sie einstellen würde, würde es reichen.

„Und? Wie gefallt Ihnen das Haus?“

„Geht schon. Wie viel würdens denn dafür wollen?“

„56.000.“

„Sind Sie narrisch! Das Haus braucht dringend einen neuen Anstrich und auch herinnen muss alles frisch geweißelt werden.“ Sie öffnete das Fenster und blickte in den weitläufigen Garten. Der gab den Ausschlag. In lauen Sommernächten konnte sie Gartenfeste geben, die hohe Gesellschaft zu sich laden. Sie drehte sich um: „Der Garten ist ja völlig verwildert.“

Berger hakte die Finger in die Hosenträger. „Kann leicht wieder hergerichtet werden. Und für weniger geb ich das Haus nicht her.“

Der Alois flüsterte ihr zu: „Ich an deiner Stell tät es kaufen.“

„Aber so viel hab ich nicht.“

„Ungefähr 30.000 sind auf dem Speicher. Und laufend nimmst noch mehr ein. Spätestens in einem halben Jahr hast den Rest beisammen.“

Bei dem Getuschel wurde der Berger ganz unruhig. Drei Interessenten hatten das Haus schon besichtigt, keiner wollte es. „Also gut. Mein letztes Wort: 54.000. Aber nur, weil Sie es sind.“

„Nimms“, tuschelte ihr der Alois ins Ohr.

Sie gab sich einen Ruck. „Abgemacht. Ich geb Ihnen eine Anzahlung von 13.000, in einem halben Jahr noch einmal das Gleiche und den Rest in einem Jahr.“

Berger atmete auf. 13.000 war akkurat die Summe, die er für seine Investition im Gärtnerplatzviertel brauchte. „Das machen wir schriftlich. Und schreiben mit hinein, dass Sie ausziehen, wenn Sie nicht pünktlich zahlen.“

Nachdem der Kaufvertrag unterschrieben war, hatte Adele den Kopf voller Pläne. Nobel wollte sie das Haus. Doch dazu brauchte sie noch mehr Geld. Saß deshalb von der Früh um zehn bis abends um sechs im „Goldenen Licht“. Kassierte, zählte, kassierte. Stopfte einen Großteil der Einnahmen, statt sie in die Holzkiste zu legen, in eine Ledertasche.

Alois mahnte: „Denk an das Geld, das du dem Baumeister noch schuldig bist.“

„Meinst vielleicht, die Handwerker arbeiten für umsonst?“

„Ich an deiner Stell tät was zurücklegen. Weißt nie, wie’s kommt. Und auszahlen musst die Leut auch noch.“

„Bis jetzt hat das Geld allerweil noch gereicht.“

Vom Drechslermeister Edel in der Weinstraße ließ Adele sich ein extra großes Bett machen, in dem auch Platz für ihre Hunde war. Und eine Frisierkommode musste her. Mit vielen Schubladen und einem Spiegel aus böhmischem Bleikristall. Die Wände des Konferenzzimmers ließ sie mit roter, den Salon mit gelber Seide bespannen. Immer wieder fuhr sie mit den Fingern über das glänzende Holz der Louis-quinze-Kommode, die sie aus Frankreich hatte liefern lassen.

Auch an Bediensteten sparte sie nicht. Sie stellte eine Köchin, zwei Zugeherinnen, eine Büglerin und eine Weißnäherin ein. Und Aufpasser brauchte sie, damit im Haus nicht alles drunter und drüber ging.

Der Alois empfahl ihr seinen Spezl Hartl. Verbürgte sich für ihn, weil der ihm immer fachkundig zur Hand ging, wenn’s im „Goldenen Licht“ was zum Reparieren gab. Doch der Kompagnon, den der Hartl mitbrachte, gefiel ihr nicht. Weil er ihr nicht in die Augen schauen konnte, sein verdruckter Blick unstet hin und her huschte.

„Wie heißt denn?“, befragte sie ihn. „Und was hast bisher gearbeitet?“

„Homolatsch heiß ich. Bierkutscher bin ich gewesen.“

„Und warum hast aufgehört?“

Er zögerte, presste dann hervor: „Hat für viele keine Arbeit mehr gegeben, seit in den Wirtshäusern so viel Dünnbier getrunken wird.“

„Und wie steht’s mit dir? Trinkst viel Bier?“

Wieder wich er ihren Blick aus. „Nur ab und zu und dann ganz wenig.“

Zweifelnd wandte sich Adele an den Hartl. „Kennst ihn schon lang?“

„Schon eine halbe Ewigkeit.“

„Ist er zuverlässig?“

„Das ganz gewiss.“

Adele schob ihre Bedenken beiseite. „Dann probieren wir’s halt. Aber dass ihr es wisst: Getrunken wird nix bei der Arbeit. Und falls ich irgendwelche Klagen hör, such ich mir jemand andern.“

Als das Haus fertig eingerichtet war, wies Adele den Wolfhart und den Korbinian, die sie auf Empfehlung des Buchhändlers Schneider für ihre Geldgeschäfte eingestellt hatte, in ihre Aufgaben ein. Wolfhart, ein hochgewachsener junger Mann, stand mit durchgedrücktem Rücken vor ihr. Korbinian, klein, aber von kräftiger Statur, zog verlegen die Schultern hoch.

Sie deutete auf einen Schreibtisch an der Längsseite des Raums. „Wolfhart, das ist dein Platz. Du bekommst von mir die Belege über die eingezahlten Gelder und trägst alles ein ins Buch für die Einzahlungen.“

Sie deutete auf den Schreibtisch unter dem Fenster. „Korbinian, du sitzt dort. Dir geb ich die Belege über die ausgezahlten Gelder. Du schreibst alles ins Buch für die Auszahlungen. Habt ihr mich verstanden?“

Der Korbinian und der Wolfhart nickten.

„Ihr wohnt zusammen in einer Kammer im Dachgeschoss. Morgen früh um acht fangt ihr an. Seids pünktlich. Wer zu spät kommt, kann gleich wieder gehn.“

Jetzt fehlte nur noch das Messingschild. Vom Hartl ließ sie es an die Hauswand schrauben. „Adele Spitzeder. Privatière. Sprechstunden von 12 bis 2 Uhr.“ Jetzt war sie bereit.

Die Geldanleger ließen nicht lange auf sich warten. Schnell hatte sich herumgesprochen, dass die Spitzeder in der Schönfeldstraße residierte, schon im Voraus horrende Zinsen zahlte für das angelegte Geld. Bereits ab den frühen Morgenstunden warteten die Leute vor ihrem Haus, damit sie noch drankamen, bevor Schluss war um zwei. Adele saß im neu eingerichteten Kassiererzimmer, nahm die Gelder entgegen und legte sie in einen Korb. Stellte jedem Anleger einen Schuldschein aus und notierte für den Wolfhart die Einnahmen auf einem Zettel, für den Korbinian die Auszahlungen auf einem anderen. Ein Kassenbuch mit einer Gesamtabrechnung führte sie nicht.

Immer häufiger griff Adele nach Ablauf der Geschäftszeit in den geldgefüllten Korb. Wie im Rausch gab sie das Geld aus. Für eine Kutsche mit goldenen Beschlägen, für zwei edle Rösser vom Pferdehändler Neumann, für aufwendige Garderobe und brillantfunkelnden Schmuck. Spazierte in den teuersten Kleidern mit dem Basti, dem Wasti und der Daisi herum in der Stadt. Rauchte Havannas auf der Straße, schaute denen frech ins Gesicht, die den Kopf abfällig schüttelten.

Als Erste machte es ihr die Frau Obermedizinalrat nach. Stolzierte statt im hochgeschlossenen Leinen im Seidenkleid durch die Stadt. Ließ das Kropfband weg und bedeckte den Schwellhals mit einer Silberkette. Führte jetzt auch einen Schoßhund spazieren.

Adele vergaß nicht, wie die Herrschaften sie geschnitten hatten. Damals, als sie am Abgrund stand. Grüßte die Damen, die sich heranschmeichelten an sie, nur von oben herab. Spazierte lachend, Arm in Arm mit der Rosmarie, durch die Straßen. Genoss in Rosmaries Etablissement immer wieder die Petits Fours und den starken Kaffee. Der fülligen Rosmarie sah man nicht an, dass sie mit ihren Frauen ein gutes Geld verdiente. Immer wieder mahnte sie: „Du darfst deinen Reichtum nicht so zur Schau tragen.“

„Geh Rosie. Je mehr du herzeigst, desto mehr Achtung haben sie vor dir.“

„Dass du dich da bloß nicht brennst. Ich kann mich noch gut erinnern, wie sich die Weiber das Maul zerrissen haben, wie ich in meinem Pelzmantel zur Christmette gegangen bin. Tags drauf ist der Stadtrat Gmeiner gekommen. Hat gesagt, dass anständige Frauen so ein Geschäft wie das meine nicht dulden. Dass ich wegziehn und in der Kreppe wohnen müsst, wo die feine Gesellschaft nix mitkriegt von mir. Hart ist er geblieben. Auch wie ich ihm gesagt hab, wie gefährlich es dort ist. Erst wie ich ihm angeboten hab, dass er vielleicht ab und zu und für umsonst …, hat er sich erweichen lassen.“

Adele lachte und nahm sich noch ein Petit Four: „Werd mich schon zu wehren wissen.“

„Täusch dich nicht. Die Leut vertragens nicht, wenn einer mehr hat als wie sie. Ich muss dir was sagen. Aber erst musst mir versprechen, dass du dich nicht aufregst.“

„Wird so schlimm schon nicht sein.“

Rosmarie goss sich noch einen Kaffee ein, hielt die Tasse in der Hand. „Am Markt verkaufens Pfeiferl.“

„Ja, und?“

„Spitzederpfeiferl nennen sie’s.“

„Ist doch eine Ehre für mich.“

„Ehre würd ich’s nicht grad nennen. Spottlieder singens auf dich und trillern auf ihrem Pfeiferl dazu.“

Adele verschluckte sich. Hustete ein Lachen hervor. „Lass sie doch. Wennst genug Geld hast, dann kann dir keiner was.“

Hundevisitation

„Passt wie angegossen.“ Zufrieden betrachtete die Schneiderin Franziska Weinzierl ihr Werk. Sie zupfte am Saum, rückte eine Biese4 zurecht, strich über die gefältelten Ärmel.

Adele, die heute nicht ihren Geschäften nachging, drehte sich vor dem Spiegel in ihrem Schlafgemach und ließ den knisternden Taft durch die Finger gleiten. „Schön ist es geworden. Ich könnt es zur Fronleichnamsprozession anziehn.“

„An Ihnen schaut alles gut aus. So schlank, wie Sie sind.“ Die Weinzierl legte das Leintuch, in das sie das Gewand eingeschlagen hatte, zusammen und wandte sich zum Gehen. „Ich hab gehört, aus der Prozession wird’s heuer nix.“

Adele zog sich hinter dem Paravent um und entgegnete: „München ohne seine Prozession? Nie im Leben!“

„Doch, doch. Die Frau vom Oberschulrat hat’s mir erzählt. Einen Streit soll’s geben. Zwischen dem Papst und den Stadtoberen. Aber was Genaues weiß ich nicht. Also dann bis nächste Woche. Bis dahin ist auch das Ballkleid fertig.“

Adele setzte sich auf die Chaiselongue, zündete sich eine Zigarre an und schaute den Rauchwölkchen hinterher. Nippte am Kirschlikör, der jüngsten Empfehlung des Weinhändlers Smith. Dachte nach über die Fronleichnamsprozession. Bestimmt hatte die Weinzierl was falsch verstanden.

Sie blickte auf die Uhr. Höchste Zeit, wenn sie es noch rechtzeitig in die Ledererstraße schaffen wollte. Rasch legte Adele ihre Hunde an die Leine und verließ das Haus.

Schon von Weitem hörte sie es jaulen und kläffen. Vor der Hütte der Hundevisitation standen die Hundebesitzer um die obligatorische Steuermarke an und versuchten ihre Tiere zu beruhigen. Schäferhunde fletschten die Zähne, Boxer knurrten mit hochgezogenen Lefzen, die kleinen Hunde winselten.

Und das alles wegen der Cholera. So viele Tote jeden Monat! Die Pfarrer kamen mit den Beerdigungen kaum noch nach. Reisende, die sonst in der Stadt Halt machten und gutes Geld daließen, blieben aus. Da nützte es auch nichts, dass die Zahl der Todesfälle vertuscht wurde. Gehandelt werden musste. In Verdacht, die Krankheit zu übertragen, standen auch die herrenlosen Köter, die nachts in Rudeln die Straßen unsicher machten. Vor lauter Hunger Unrat fraßen, rattenverseuchtes Wasser aus den Rinnsteinen leckten.

Jetzt rumpelten in der Nacht Hundefänger mit ihren Karren durch die Gassen, fingen die Viecher mit Drahtschlingen ein und stopften sie in den Sack. Erschlugen sie und warfen sie in den Stadtbach. Seit einer eilig erlassenen Verordnung mussten Hundebesitzer einmal im Jahr zum Veterinär, der die Hunde registrierte und untersuchte. War das Tier gesund, bekam es die begehrte Steuermarke. War es krank, wanderte es in den Sack.

„Komm, lauf halt.“ Eine ältliche Matrone nahm ihren Mops vom Arm und setzte ihn auf den Boden. Der Mops heulte auf, seine Hinterbeine knickten ein.

„Was hat er denn?“ Mitleidig kraulte Adele den Hund hinter den Ohren.

„Wenn ich das wüsst. Fressen tut er nicht, mein Louis, und laufen tut er auch nicht. So eine Angst hab ich, dass sie mir die Marke nicht geben.“

Adele biss sich auf die Lippe. Sie hatte ihn gesehen, den Hundefänger. Wie er eindrosch auf den Sack, bis Schluss war mit dem Gewinsel.

„Der Nächste!“ Der Veterinär trat aus der Tür und schaute streng auf die Tiere. Sein Blick blieb an der Alten hängen. „Dich kenn ich doch. Hab es dir schon einmal gesagt: Der Hund wird nicht mehr, der muss weg.“

Schon stand er da, der Hundefänger, schiefmäulig grinsend. Jämmerliches Geheul drang aus dem verkrusteten Sack.

Resolut ergriff Adele die Hand der Alten und zog sie zum Veterinär. „Die gehört zu mir. Um den Hund kümmer ich mich.“ Mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldete, schob sie sich mit der Matrone ins Visitationshäusl.

Der Veterinär zog die Lefzen vom Basti, vom Wasti und von der Daisi hoch, riss ihnen das Maul auf und begutachtete die Zähne. Untersuchte das Fell auf Ungeziefer. „Schöne Hunde haben Sie. Sind alle kerngesund. Hier sind die Marken. Macht drei Gulden.“

Adele legte noch einen Gulden dazu. „Für den zahl ich auch.“

Der Veterinär taxierte den Mops, der sich verstört in die Arme seiner Besitzerin schmiegte. „Nix da. Der kommt in den Sack.“

„Jetzt sinds halt nicht so. Ich versprech, ich kümmer mich drum.“

Der Veterinär, ungeduldig, weil draußen alles drunter und drüber ging, warf ihr die Marke hin. „Eins sag ich Ihnen: Wenn das Viech nächstes Jahr wieder so marod daherkommt, muss es weg.“

Adele schob die Frau zur Tür hinaus. Schnell bogen sie um die nächste Straßenecke.

Die Alte drückte ihren Louis fest an sich. „Ohne Sie hättens ihn glatt derschlagen.“

„Ist ja noch einmal gut gegangen. Wie heißt überhaupt?“

„Die Pachleitner Kathi bin ich.“

„Und was machst?“

„Mein Mann, Gott hab ihn selig, hat mir ein bisserl was hinterlassen. Und ab und zu mach ich die Kindsmagd bei den Herrschaften bei mir im Haus.“

Adele blickte in das faltige Gesicht, in die Augen, die trotz des Alters lebhaft dreinschauten. „Ich such jemanden, der mir die Hunde ausführt. Hättest Lust?“

„Meinen Sie das im Ernst?“

„Könntest gleich bei mir anfangen. Würd dich auch anständig bezahlen.“

„Wo müsst ich denn hin?“

„In die Schönfeldstraße. Fragst bei dem gelben Haus mit den grünen Fensterläden nach der Adele Spitzeder.“

Eine Woche später, als es dem Louis wieder besser ging, machte sich die Kathi auf in die Schönfeldstraße. Tapfer trippelte der Louis neben ihr her. Über den Marienplatz, vorbei an der Residenz. Am Eingang zum Hofgarten setzte er sich hin, ging keinen Schritt weiter.

„Meinst vielleicht, ich trag dich? Mir tun selber die Füß weh.“ Kathi schlüpfte aus dem Schuh, spreizte die gichtigen Zehen und presste den Fuß wieder hinein. „Faul bist, weiter nix.“ Der Louis rührte sich nicht. Ächzend nahm sie ihn auf den Arm, ging ein Stück die Ludwigstraße entlang und bog ein in die Schönfeldstraße. Sah das gelbe Haus. Aber was wollten die vielen Leut? Die Bauern, die Handwerksburschen in ihren farbverspritzten Kitteln, die Dienstmägde mit ihren weißen Hauben? Sie schob sich durch die Menge.

„Vordrängeln gilt nicht.“ Ein Marktweib, den Schurz noch fleckig vom Gansrupfen, schubste sie zur Seite. „Wir stehn hier schon seit Fünfe in der Früh.“

„Ich muss durch, ich bin bestellt.“

„Was sagst?“ Ein Maurerbursch baute sich vor ihr auf. „Bestellt willst sein? Wirst es noch derwarten können, bis dass du dein Geld loswirst.“

„Was für ein Geld? Ich komm zum Arbeiten.“ Kathi drückte ihren Louis fest an sich und presste sich durch eine Lücke. Wütende Hände rissen an ihrem Rock. Mit Mühe schaffte sie es bis zum Eingang und bumperte mit dem Fuß gegen die Tür.

Die Tür flog auf, ein Prackl von einem Mannsbild schrie: „Was fallt dir ein? Wart gefälligst, bis du dran bist.“

„Lass mich rein. Zum Arbeiten bin ich bestellt.“

„Von wem?“

„Vom Fräulein Spitzeder.“

Scheel musterte er die Frau. Das Gschwerl, das jeden Tag das Haus belagerte, war nie um eine Ausred verlegen, wenn es vor Ablauf der Sprechzeit noch ins Haus wollte. Bei dem einen starb grad die Großmutter, bei dem andern lag die Frau in den Wehen. Eine ganz eine Ausgschamte hatte sich einmal ein Kissen vor den Bauch gebunden und eine Leibesfrucht vorgetäuscht, wegen der sie nicht mehr stehen konnte. Aber die mit dem komischen Hund auf dem Arm, schaute anders aus.

„Wenn’s nicht stimmt, was du sagst, dann kannst was erleben. Komm rein und hock dich hin, bis du dran bist.“ Unter dem Pfeifen und Johlen der Leute schloss er die Tür.

Kathi quetschte sich auf die Bank im Flur zwischen einen rotgesichtigen Bauern und ein Mädel, das einen Korb umklammerte. Den Louis setzte sie auf den Boden. Bedienstete in blauer Livree hasteten umher, Türen wurden aufgerissen und wieder zugeschlagen. Immer mehr Menschen drängten herein, standen verlegen herum. Die Männer drehten den Hut in der Hand und die, die keinen hatten, stierten auf ihre Schuh. Die Weiber tuschelten miteinander, bis sie der barsche Ruf: „Der Nächste!“ erlöste.

Die Luft war zum Schneiden dick. Schweiß vermischte sich mit faulgärigem Mundgeruch. Abgestandener Zigarrenrauch dampfelte aus Joppen und Westen. Nur ab und zu, wenn eine Dame zur Tür hereinkam, roch es nach Kölnisch Wasser.

„Wie viel Geld bringst du dem Fräulein Spitzeder?“, flüsterte das Mädel.

„Herrschaftszeiten!“ Der Kathi wurde es zu bunt. „Was reden denn alle vom Geld?“

„Ruhe!“, schnauzte sie ein Blaulivrierter an.

Sich anschnauzen lassen, das hatte die Kathi noch nie vertragen. Nicht einmal ihr verstorbener Mann hatte sich das getraut. „Was glaubst eigentlich, wer du bist?“ Sie sprang auf und trat dem Louis dabei auf die Pfoten. Der winselte schrill und verbiss sich, völlig durcheinander, im Hosenbein des Livrierten. Der Mann gab dem Mops einen Tritt, jaulend fiel er der Kathi vor die Füße.

Sie plärrte: „Du Hundstöter, du elendiger!“

Im oberen Stockwerk ging eine Tür auf, Adele trat an die Balustrade. „Kathi, schön, dass du da bist. Komm rauf.“

Die Kathi packte ihren Louis und zischte hin zu dem Livrierten: „Da hast es, du Depp.“ Schritt, so würdevoll es ihre gichtigen Füße zuließen, die Treppe hinauf.

Adele führte sie in den Salon. „Jetzt trinkst erst einmal einen Kaffee. Und wenn du willst, kannst meine Hunde gleich heute ausführen.“

Kathi, jetzt doch eingeschüchtert, nippte am Kaffee. Nobel war es hier. Mit der gelben Seidentapete, dem riesigen Kronleuchter und dem Klavier in der Ecke. Aber der Verhau! Zerknitterte Kleider flackten auf dem Boden, dazwischen Schuhe, Strümpfe und ein Seidenunterrock. So was hätte es bei ihr daheim nicht gegeben. Die Kaffeetasse war auch nicht ganz sauber mit den eingebackenen Bröseln am Rand.

„Noch mal ‚Vergelt’s Gott‘ wegen dem Veterinär. Ich werd mich gut um Ihre Tiere kümmern.“ Zögernd schob sie nach: „Und wenn’s Ihnen recht wär, könnt ich auch ein bisserl aufräumen.“

„Aber ich hab schon zwei Zugeherinnen.“

„Fleißig sind die aber nicht.“

„Wenn dir noch Zeit übrig bleibt, kannst es ja probieren.“

Bald führte die Kathi ein strenges Regiment, schaute den Zugeherinnen unbarmherzig auf die Finger. Jetzt lag das Silber blank poliert im Kasten, die Kristallgläser glänzten, die Kleider hingen frisch gebügelt im Schrank. Überall hatte sie ihre Augen. Schimpfte die Köchin, wenn die das Fleisch nicht gründlich vom Knochen löste, die Knödel nicht fest genug drehte. Nicht einmal vor ihrer Herrin machte sie Halt. Die geldgefüllten Schachteln hinterm Vorhang und unterm Bett – wo gab’s denn so was!

„Schließen Sie es endlich weg, das Geld.“

„Wo soll ich’s denn hintun?“

„In den großen Wandschrank im Flur. Da lassens ein Schloss anbringen und räumen alles hinein.“

Seitdem lag das Geld weggesperrt im Wandschrank.

Bei den Bediensteten hatte die Kathi ausgeschissen. Weil die Büglerin an allen Türen lauschte, rumtratschte, was die alte Vettel so anrichtete. Aus war’s mit den Gulden, die sie tief versteckt in ihren Hosen- und Schürzentaschen aus dem Haus schafften. Sagen traute sich keiner was. Weil die Spitzederin nichts auf die Kathi kommen ließ.

Locken

„So ein bigottes Weib, so ein bigottes!“ Wütend schnarrte Jakob Kramer die Spitze seines Regenschirms übers Kopfsteinpflaster. „Unchristlich bist!“, hatte ihn die Agnes geschimpft. „Immer denkst nur ans Geld.“ Die scheinheilige Matz, die scheinheilige. Das Essen, für das er das Geld heimbrachte, fraß sie trotzdem.

Dass ihm sein Herbergshaus nicht noch mehr einbrachte, wurmte ihn zusätzlich. Zu seinem Verdruss war die Elsbeth gesund geworden. Draußen haben wollte er sie trotzdem, einer Taglöhnerin mit ihren vier Kindern die Kammer zu einem höheren Preis vermieten.

„Mich auf die Straße setzen, jetzt, wo du deinen Mietzins bekommen hast?“, hatte sich die Elsbeth gewehrt.

Die Bedienungen aus dem unteren Stockwerk waren ihr zu Hilfe geeilt. Die Marei war besonders renitent.

„Kramer, wenn du die Elsbeth nicht weiter hier wohnen lasst, erzähl ich überall herum, was du für einer bist.“ Mit bösen Augen hatte sie ihn angefunkelt. „Und dem Baurat Gruber sag ich, was für einen Wucher du mit uns treibst.“

Ärger mit den Behörden hätte ihm gerade noch gefehlt. Mehr Geld musste trotzdem her.

Schwarze Wolken verhüllten die Türme der Theatinerkirche, Regentropfen prasselten herab. Er spannte den Schirm auf und hastete die Ludwigstraße entlang. Bog ein in die Schönfeldstraße und suchte die Häuser ab. An der Ecke zur Kaulbachstraße fand er das blank polierte Messingschild, von dem sein Spezl Hartl ihm erzählt hatte.

Im ersten Stock klapperte ein Fensterladen. Zu sehen war niemand. Schussergroße Regentropfen trommelten auf seinen Schirm, das Wasser rann ihm hinten in den Nacken hinein. Durch knöcheltiefe Wasserlachen ging er auf die andere Straßenseite, zog die Eichentür auf und betrat die Wirtschaft „Wilhelm Tell“. Feuchtmiefiger Lodengeruch und Tabakqualm durchzogen den Gastraum. Auf den Bänken drängten sich Arbeiter in zerlöcherten Joppen, Kutscher in abgewetzten Lederwesten und sonstige Mannerleut. An einem runden Tisch ratschten ein paar Frauen.

„Servus miteinander. Habts noch Platz?“

Die Leute rutschten zusammen. Kramer schob sich auf die Bank und rief der Bedienung nach einem Bier.

Der neben ihm kaute an einem Rettichzipfel und rülpste: „Willst auch dein Geld anlegen?“

„Bloß erkundigen wollt ich mich. Hab gehört, die Spitzeder leiht sich Geld und zahlt zwanzig Prozent Zins im Monat. Wird ein schöner Schwindel sein.“

Der mit dem Rettich belferte: „Ich sag dir was, du Zehnmalgscheiter. Mit zwanzig Gulden hab ich angefangen. Jeden Monat die Zinsen gekriegt, genau, wie sie’s gesagt hat. Dann hab ich mir vom Schwager fünfzig Gulden geliehen und die auch angelegt. Kannst es dir ausrechnen. Jeden Monat zehn Gulden geschenkt.“

Kramer rechnete. Zehn Gulden. Das war mehr, als er an jedem Bett in seinem Herbergshaus verdiente. Obwohl er die Betten doppelt vermietete. An einen Arbeiter mit Früh- und an einen mit Spätschicht, damit sie sich abwechseln konnten beim Schlafen.

„Wird auch keine Heilige sein.“ Er zog sein Schnäuztuch heraus und trocknete sich den Nacken. „Wo will sie denn das Geld für die zwanzig Prozent herhaben? Wo’s sogar bei der Sparkass nur zwei Prozent gibt. Und das im Jahr.“

Der ihm gegenüber schlug mit der Faust auf den Tisch. „Pass auf, was du über das Fräulein sagst. Beleidigen lass ich sie fei nicht. Geh halt selber hin und schau’s dir an. Schon in Allerherrgottsfrüh stehn die Leut an, damit sie noch hineinkommen, bevor Schluss ist um zwei.“

Alle redeten durcheinander vom Reichsein, vom nicht mehr Hunger haben. Der Regen knallte gegen die Scheiben, immer mehr suchten Zuflucht im „Wilhelm Tell“.

Kramer, das Bierseidel in der Hand, riss die Augen auf. Sakra, sakra, kam da ein Weib herein. Schwarze Locken fielen ihr ins Gesicht, nass pappte ihr die Bluse am Busen. Er schmiss die Kreuzer fürs Bier auf den Tisch, rumpelte auf und wanzte sich heran an die Schöne. „Gnädiges Fräulein, wenn Sie nur Zuflucht vor dem Regen gesucht haben, könnte ich Ihnen meinen Schirm anbieten.“

Die Schöne mit einem verführerischen Augenaufschlag: „Da hätt ich aber ein Glück!“

„Schauts den an“, spöttelten die Männer leise. „Schöne Augen tät er ihr machen, der Afra. Wär nicht der Erste, der sich an der die Finger verbrennt.“

„Könnts euch noch an den Loibl Toni erinnern?“, fragte einer der Männer. „Wochenlang ist er ihr nachgestiegen. Hat ihr alles bezahlt, was sie haben wollt. Wie sie alles gehabt hat, hat’s ihn sitzenlassen.“

„Ja, ja, die Afra“, lachte ein anderer. „Die kenn ich schon von klein auf. Die weiß, wie man sich einen Vorteil verschafft.“

Der Kramer ließ nicht locker. „Ich könnt Sie sogar nach Hause begleiten.“

Die Afra lachte. „Ja, wenn’s so ist, dann gehen wir gleich.“

Mit einer Verbeugung öffnete Kramer die Tür und führte sie hinaus.

Zwei Tage nach dem Besuch im „Tell“ stand Kramer an der Hintertür des Spitzederhauses.

„Schnell, komm rein!“ Hartl, der aufpasste wie ein Schießhund, dass niemand über den Garten ins Haus schlich, zog den Kramer in den Flur. Zwei Maß und drei Paar Schweinswürschtl hatte der Kramer spendieren müssen, bis der Hartl versprochen hatte, ihn an der Hintertür ins Haus zu lassen, damit er sich vorn nicht ewig anstellen musste.

Kramer trat ein, nahm den Hut ab und schaute sich um im Flur. Setzte sich auf den letzten freien Platz auf der Bank an der Wand. Gereizt rutschten die Leute zusammen.

„Zinsen oder Kapital?“, herrschte ihn ein goldbetresster Lakai an.

„Wie meinen Sie das?“

„Frag nicht so saudumm. Willst Geld anlegen oder abholen?“

„Anlegen möcht ich, wenn’s recht ist.“

„Dann gehst da vorn in den Gang und stellst dich vor dem Kassiererzimmer an.“

Wieder musste Kramer warten. „Dauert’s lang, bis man drankommt?“

„Pscht!“, zischte eine Bäuerin, den Beutel mit dem Ersparten an die Brust gepresst. „Das gnädige Fräulein duldet keinen Lärm.“

Einer nach dem anderen wurde aufgerufen und verschwand hinter der Tür.

„Der Nächste!“, schnarrte der Lakai.

„Ich wär dran.“

„Dann schick dich! Meinst, wir haben ewig Zeit?“

Eingeschüchtert betrat Kramer das Zimmer. Traute sich kaum, die Spitzeder anzuschauen, die kerzengerade in einem wuchtigen Ledersessel saß. Er verkrumpelte seinen Hut und stierte auf das Bild mit dem aufgemalten Spruch: „Tue recht und scheue niemand.“

„Halt keine Maulaffen feil! Wie viel willst anlegen?“

„Zehn Gulden, wenn’s genehm ist.“

Mit geübten Fingern zählte sie sein Geld, legte es in den Korb, der vor lauter Münzen fast überquoll, und nahm einen Zettel zur Hand. „Name?“

„Der Kramer bin ich.“

„Vornamen hast keinen?“

„Jakob.“

Sie schrieb seinen Namen und den eingezahlten Betrag auf einen Zettel. Vermerkte auf einem anderen die zehn Gulden und schob ihn dem Kramer hin. „Da hast den Beleg. Und da hast zwei Gulden Zins für zwei Monat im Voraus. Für jeden weiteren Monat, den du das Geld bei mir lasst, kriegst weitere zwei Gulden. Und jetzt schau, dass du weiterkommst.“

Mit gesenktem Kopf schlich Kramer auf die Straße. Ein so ein rüdes Weib. Aber ein schnell verdientes Geld war es. Hitzig dachte er an die Afra. Eine Kette vom Juwelier Thomass würde er ihr schenken. Damit sie ihn heranließ, die Verheißungsvolle. Die so ganz anders war als die Agnes, die jedes Mal, wenn er auf ihr gelegen hatte, sich heulend neben die Bettstatt kniete und den Herrgott um Verzeihung bat für die Sünd.

Vorsichtig, damit er nicht ausrutschte auf den wackligen Bohlen, ging er den Weg am Pfisterbach entlang. Der Bach, der mit seinem Wasser die Pfistermühle speiste, floss träge an ihm vorüber. „Scheiß Vieh!“ Kramer war auf einen Ratzenkadaver getreten und schleuderte ihn mit der Schuhspitze zur Seite. Er wollte nur noch heim, die Gulden in die Schatulle legen.

Vor seinem Haus nestelte er nach dem Schlüssel, wunderte sich beim Aufschließen über den gerbsäurigen Geruch, der ihm in die Nase stieg. Misstrauisch schaute er sich um. Rasch trat er ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

Donauwalzer

Dumpf schlugen die Glocken der Ludwigskirche die vierte Stunde. Adele, zermürbt von der schlaflosen Nacht, griff nach den Brompastillen auf dem Nachttisch und spülte sie mit einem Glas Wasser hinunter. Damit sie weggingen, die bitteren Gedanken. Die sie tagsüber, wenn sie das Geld zählte, nicht plagten. Auch nicht am Abend, wenn sie das Haus voller Gäste hatte. Doch in der Nacht kamen sie: die Erinnerungen an die rüden Worte ihrer Cousine Clara, an die Demütigung durch den Intendanzrat, an den Pfandleiher, der sie von vorn bis hinten beschissen hatte.

Behäbig klickte der Uhrzeiger von einer Minute zur nächsten. An Schlaf war nicht zu denken. Adele setzte sich an die Frisierkommode, scheitelte das Haar, riss die grauen Verräter aus und fasste das Haar mit einer Spange zusammen. Sie zog sich an, steckte ein leeres Wasserglas in die Rocktasche und ging die Treppe hinunter.

Auf den Straßen zum Viktualienmarkt herrschte bereits reges Treiben. Bäckersburschen trugen Körbe voller Brot, um es in die Bürgerhäuser zu liefern, Dienstmägde und Handwerksgesellen eilten zur Arbeit. Je näher Adele dem Viktualienmarkt kam, desto dichter wurde das Gedränge. Bauern schnalzten ihre Ochsen ins Tal, spannten die Karren ab, bauten rund um die Heilig-Geist-Kirche ihre Stände auf. „Schöne Kohlköpf, frisches Gansklein, bestes Griebenschmalz!“, priesen die Marktweiber ihre Ware an.

Adele drückte sich vorbei an den Metzgerhäusln, aus denen Metzger Kübel voller Schlachtabfälle trugen, um sie in einen der Stadtbäche zu kippen. Vorsichtig setzte sie einen Fuß vor den anderen, damit sie nicht ausrutschte auf den blutigen Schlieren. Endlich stand sie vor dem Geißmilchstand. Sie reihte sich ein in die Schlange, in der Dienstmägde, feine Damen und betuchte Herren, mit einem Trinkgefäß in der Hand, ungeduldig warteten.

Hinter dem Holztresen drängten sich meckernd die Ziegen, glotzten mit querstehenden Pupillen, kullerten ihre Kötel über den Boden. Breitbeinig, die Ärmel aufgekrempelt, hockte die Bäuerin auf einem Schemel.

Ein Mann reichte ihr sein Glas. Die Bäuerin klemmte es zwischen ihre Schenkel, molk ein dickeutriges Tier und ließ den schäumenden Strahl hineinsprudeln ins Glas. Der Mann legte vier Kreuzer auf den Tresen, leerte das Glas und wischte sich den Milchschaum vom Mund. „Noch eins.“

„Nix da.“ Eine Marktfrau, drall ins Dirndl gepresst, schob ihn weg. „Jetzt bin ich dran.“

Adele wurde nach vorne geschubst, ein Ellbogen rempelte ihr ins Kreuz. Gereizt drehte sie sich um. „Wennst so schiebst, geht’s auch nicht schneller.“

„Ich kann nix dafür. Die von hinten drucken so nach.“ Die junge Frau strich sich die blonden Locken aus dem Gesicht und blitzte Adele aus blauen Augen an. „Mir ist das Geschiebe genauso zuwider. Aber so gesund soll sie sein, die Milch, da muss man’s halt aushalten.“

Immer mehr Menschen drängten sich um den Stand. Begierig auf das Wundergetränk, das der Pettenkofer so gepriesen hatte, weil es gegen Krankheiten helfen sollte. Adele zog ihr Glas aus der Rocktasche, bekam es nicht richtig zu fassen, schon zersplitterte es am Boden.

„Jetzt müssen Sie aus meinem trinken.“ Lachend reichte ihr die Blonde den Becher. Ein heftiger Schubser stieß sie gegen Adele. Schallendes Gelächter von hinten. Die Naht an der Bluse der Blonden war aufgeplatzt und gab den Blick auf das Mieder frei.

Ein Kutscher dröhnte: „So was Schönes schon in aller Früh.“

Die Bauern klopften sich auf die Schenkel, die Frauen schimpften, die Ziegen meckerten.

Die Milchfrau plärrte: „Wenn nicht sofort eine Ruh ist, pack ich mein Sach zusammen.“

Adele zog die Blonde heraus aus dem Gedränge und legte ihr ihr Seidentuch um die Schultern. „Nix wie weg.“

Die Blonde war den Tränen nahe. „Meine neue Bluse ist hin.“ Sie hob den Arm und begutachtete den Riss, der sich vom Ärmelloch bis zur Taille zog.

„Ist nicht so schlimm. Das kann man leicht wieder nähen. Wie heißt du denn?“

„Die Ehinger Rosa bin ich. Aber so kann ich nicht durch die Stadt. Auf das Gschau von den Mannsbildern kann ich verzichten.“

„Komm doch mit zu mir. Dann geb ich dir was andres zum Anziehn.“ Adele zog das Tuch fester um Rosas Schultern und steckte die Enden in den Rockbund.

„Aber ich kenn Sie doch gar nicht.“

Adele lachte. „Dann lernst mich halt kennen. Komm. Ist nicht weit von hier.“ Sie bemerkte Rosas Zögern. „Wie gesagt, bei mir kannst dir was andres anziehn.“

Rosa betrachtete noch einmal die geplatzte Blusennaht. „Also gut.“

Sie schlängelten sich vorbei an den Gemüseständen mit den aufgeschichteten Krautköpfen, den Obstständen, an denen die Marktfrauen ihr Fallobst feilboten. Untergehakt gingen sie durch die Residenzstraße, wichen den Kutschen aus, die Besucher in der Stadt herumfuhren. Traten zur Seite, als die königliche Kutsche in die Residenz einbog.

Rosa blieb stehen. „Wie heißen Sie eigentlich?“

„Adele Spitzeder.“

„Sie sind wirklich das Fräulein Spitzeder?“

„Ja, warum fragst so erstaunt.“

„Hab schon viel gehört von Ihnen. Ganz reich …“ Rosa verstummte.

„Brauchst nicht alles glauben, was so geredet wird. Komm, gehn wir weiter.“

In der Schönfeldstraße öffnete Adele die Haustür und klatschte in die Hände: „Kathi, ich bin wieder da.“

Kathi kam aus der Küche und wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Grad wollt ich Ihnen das Frühstück bringen.“

„Bring’s für zwei. Und mach uns einen besonders starken Kaffee.“

„Wo soll ich denn aufdecken?“

„Im Salon.“

Im Salon sprangen ihnen die Hunde mit lautem Gebell entgegen. Adele kraulte den Wasti, streichelte dem Basti die Schnauze. Die Daisi lief hin zur Rosa, legte sich auf den Rücken und wedelte mit dem Schwanz. Rosa schob sie mit der Schuhspitze weg. Daisi sprang auf und trollte sich beleidigt unter den Tisch.

Adele ergriff eine Bluse, die über einer Stuhllehne hing: „Zieh die an. Die müsst dir passen.“

Rosa zog ihre zerrissene Bluse über den Kopf.

Adele konnte den Blick nicht von ihr wenden. Das Mieder umfasste Rosas schlanke Taille, betonte die straffen Brüste. „Was hast denn da?“ Erschrocken deutete sie auf die Narbe auf Rosas Schulter.

„Das war mein Vater mit dem Schürhaken.“

„Hat er das öfters gemacht?“, fragte Adele ensetzt.

„Schon. Hat behauptet, ich tät mich rumtreiben. Aber jetzt ist er weg. Ich leb mit meiner Mutter allein.“

Die Kathi brachte das Frühstück: Butterweckerl, rösche Semmeln und auf einer silbernen Platte in knusprigem Speck verrührte Eier. Sie senkte den Blick wegen der halbnackerten Frau, die ihr irgendwie bekannt vorkam. Stumm deckte Kathi den Tisch, stumm ging sie wieder hinaus.

Rosa zog Adeles Bluse an und drehte sich vor der Fensterscheibe. „Als wär sie für mich gemacht.“

„Kannst sie behalten. Aber lass uns jetzt essen.“

Rosa setzte sich an den Tisch, bewunderte die kunstvoll bestickte Tischdecke, drehte den silbernen Kaffeelöffel in der Hand. Daheim saß sie mit ihrer Mutter in einer engen Küche am ausgebleichten Holztisch.

Adele legte ihr ein Butterweckerl auf den Teller und schob ihr die silberne Platte hin. „Bedien dich.“

Rosa deutete auf das Klavier, fragte mit vollem Mund: „Können Sie spielen?“

„Freilich. Hab schon Konzerte gegeben. Und komponieren tu ich auch.“

„Ich bin auch eine Künstlerin. Beim Theater. Hab aber immer nur das Dienstmädchen spielen dürfen. Und wie mir die Gläser vom Tablett gerutscht sind, direkt auf den Schoß von der Hofschauspielerin, haben sie mich entlassen.“

Lachend ging Adele zur Kredenz, füllte zwei Gläser mit Kirschlikör. „Lass uns anstoßen. Darauf, dass du noch ganz berühmt wirst.“

„Lieber auf unsere Freundschaft.“ Rosa stand auf und drückte Adele einen Kuss auf die Wange.

Adele zog die Rosa fest an sich: „Ab jetzt sagst Du zu mir. Und erzähl mir doch, was du den ganzen Tag so machst.“

Wie ein Wasserfall plapperte die Rosa. Wie sie sich mit ihrer Mutter, einer Büglerin, durchschlagen musste. Und wie sie aufpassen musste, wenn sie die gebügelte Wäsch in die feinen Häuser brachte. Wegen der Mannsbilder, die ihr dort nachstellten.

Als die Likörflasche leer war, kam der Enzian dran. Adele genoss Rosas Plaudern. Strich ihr sanft über die Sommersprossen, die ihr übers Gesicht tänzelten, wenn sie lachte. Immer ausgelassener wurden sie, immer lauter wurde ihr Gelächter.

„Ich spiel uns was.“ Adele setzte sich ans Klavier, schlug den Donauwalzer an, pfiff die Melodie dazu. Rosa wirbelte im Zimmer herum. Adele stand auf, fasste sie um die Taille, singend drehten sie sich im Walzerschritt.

Rosa ließ den Kopf auf Adeles Schulter sinken. „Mir ist schon ganz schwindlig.“

Adele zog sie enger an sich: „Kommst mich am Sonntag besuchen? Zum Kaffee?“

„Gern. Aber jetzt muss ich gehen. Sonst gibt’s daheim ein Donnerwetter.“

Nachdem die Rosa gegangen war, füllte Adele ihre Kaffeetasse und rührte Milch und Zucker hinein. Legte ihre Finger auf die Wange. Spürte immer noch Rosas Lippen. Samtweich hatten sie sich angefühlt. Sie erschrak. Was, wenn die Rosa am Sonntag nicht kommen würde? Adele wusste ja nicht einmal, wo sie wohnte.

Sie ging aus dem Zimmer und fragte die Kathi, die im Treppenhaus mit einem Staubwedel über die Bilder fuhr: „Weißt, wo die wohnt, die grad bei mir war? Hast sie angeschaut, als würdest sie kennen.“

„Die ist mir gleich so bekannt vorgekommen. Hat früher im Nebenhaus von uns gewohnt. Was wollen Sie von der?“

„Wissen will ich, wo sie daheim ist.“

Kathi ließ den Staubwedel sinken. „Jetzt lebt sie mit ihrer Mutter in der Türkenstraße. Dort hat die Mutter eine Büglerei.“

Adele nickte. „Wenn der Homolatsch kommt, dann sagst ihm, dass er hingehen soll. Sie daran erinnern, dass ich sie am Sonntag zum Kaffee erwart.“

Am Sonntag wartete Adele ungeduldig, bis es Nachmittag wurde. Immer wieder schaute sie auf die Uhr. Um ihre Unruhe zu vertreiben, setzte sie sich ans Klavier. Geschmeidig glitten ihre Finger über die Tasten. Sie schlug ein Klavierstück von Schubert an und erinnerte sich an ihren Klavierunterricht in der Schule. Streng war die Klavierlehrerin gewesen, hatte jeden falschen Ton gerügt. Doch als Adele immer besser wurde und auch schwierige Stücke fehlerfrei spielen konnte, durfte sie auf einer Weihnachtsfeier den Chor auf dem Klavier begleiten.

Adele schlug den Klavierdeckel zu, stand auf und öffnete die Tür. Kurz nach fünf war es schon. Sie rückte die Tassen auf dem Tisch zurecht, prüfte, ob der Kaffee noch warm war. Endlich hörte sie, wie die Haustür aufging und Rosa den Bediensteten begrüßte. Lachend ging Adele ihr auf der Treppe entgegen. „Hab schon geglaubt, du kommst gar nicht mehr.“

„Hab der Mutter noch helfen müssen. Aber jetzt freu ich mich, dass wir uns sehen.“ Untergehakt gingen sie die Treppe hinauf und setzten sich im Salon an den Tisch. Rosa nahm die silberne Kuchengabel mit dem ziselierten Griff in die Hand. „Die ist fast zu schön, um mit ihr zu essen.“

„Lass dir’s schmecken. Den Kranzkuchen hat die Kathi gebacken.“

Adele war wie verzaubert von der Rosa. Von ihrem blonden Haar, das ihr in Locken auf die Schultern fiel, den schalkhaften blauen Augen. Selten hatte sie sich in Gesellschaft einer Frau so wohl gefühlt. Sich meist gelangweilt bei dem Weibergetratsch, bei dem es nur um die Kinder, die Männer oder ums Kochen ging. Aber die Rosa war etwas Besonderes. Mit ihrer Lebenslust, ihrem Lachen, wenn sie sich lustig machte über die Herrschaften, denen sie die Wäsche ins Haus brachte.

Adele wollte sie gar nicht mehr weglassen. „Hättest nicht einmal Lust auf eine Kutschfahrt? Wir könnten hinausfahren aufs Land und in einem Gasthaus einkehren.“

Rosa lächelte. „Freilich hätt ich Lust.“

Adele ging an die Kommode und entnahm einem Rosenholzkästchen eine Kette aus feinstem Rosenquarz. Sie trat hinter die Rosa, strich ihr das Haar aus dem Nacken und legte ihr die Kette um. „Die schenk ich dir.“

Rosa sprang auf und ergriff den Handspiegel auf der Kommode. „So ein schöner Schmuck!“ Sie umarmte Adele und küsste sie auf den Mund. „Die Kette werd ich in Ehren halten.“

Von nun an kam die Rosa immer häufiger. Kam und ging, wie es ihr gerade passte. Zu den Abendgesellschaften, zu denen Adele hochgestellte Persönlichkeiten, Offiziere oder Hofschauspieler lud, erschien sie immer.

Blieb ihre Freundin ein paar Tage aus, wanderte Adele ruhelos durchs Haus und herrschte die Bediensteten bei jeder Kleinigkeit an.

Auch heute, wo sie so gern mit der Rosa spazieren gehen wollte, hatte sie wieder umsonst gewartet. Enttäuscht legte Adele ihre Hunde an die Leine und machte sich auf zu einem Spaziergang.

Kurz darauf betrat Rosa das Haus. Sah durch die offene Küchentür die Kathi herumwerken.

„So fleißig immer bei der Arbeit?“

„Sie schon wieder?“ Kathi schob den Louis weg, der unter dem Tisch nach etwas Essbarem suchte. Stäubte dann eine Handvoll Mehl auf einen Teig und walzte ihn mit dem Nudelholz aus.

„Das Fräulein komm ich besuchen.“

„Die ist mit ihren Hunden weggegangen.“ Kathi bedachte die Rosa mit einem grimmigen Blick, schnitt mit einem Messer Teigstücke ab, formte sie zu Kugeln für das Schmalzgebäck.

„Was passt Ihnen eigentlich nicht an mir?“

Kathi ließ die Teigkugeln ins heiße Öl fallen, schöpfte sie, wenn sie goldbraun nach oben stiegen, heraus. „Gibt genug, die nur kommen, damit sie was abstauben können.“

„Aber ich bin doch eine Freundin. Und die kann sie gut gebrauchen, wo so viel geredet wird über sie.“

Kathi sah auf. „So? Was denn?“

Die Rosa freute es, dass die Alte neugierig wurde. „Dass es nicht mit rechten Dingen zugeht, dass sie auf einmal so reich ist. Dass sie vielleicht mit dem Teufel im Bunde ist.“

„So ein Schmarrn. Hart arbeiten tut sie für ihr Geld.“

„Ich sag ja nur, was die Leut so sagen. Die wundern sich über das große, goldene Kreuz, das sie so oft trägt. Zum Aufklappen soll es sein. Mit einem Zauberpulver drin.“

„Was Blöderes hab ich mein Lebtag noch nicht gehört.“ Kathi siebte Puderzucker auf die Schmalzkugeln und schichtete sie auf eine Platte. „Ein Mönch hat es ihr geschenkt.“

Rosa, an den Türrahmen gelehnt, schaute der Kathi zu, die den Tisch mit einem Teigschaber sauber machte. „Geht sie lang mit den Hunden spazieren?“

„Jetzt, wo’s zum Regnen angefangen hat, kommt sie bestimmt bald zurück.“

„Dann wart ich auf sie.“ Bevor die Kathi sie daran hindern konnte, stieg Rosa die Treppe hinauf. Ging in den Salon, zog die Handschuhe aus und legte sie auf den spiegelglatt polierten Tisch. Sie betrachtete die Gemälde in den wuchtigen Goldrahmen, betastete die brokatenen Vorhänge. Nach kurzem Zögern öffnete sie das Ebenholzkästchen auf der Kommode und probierte die Ringe an. Drehte die Hand hin und her. Der Ring mit dem riesigen Brillanten funkelte gar zu schön. Sie hörte Schritte. Hastig zog sie die Ringe ab, legte sie zurück und setzte sich hin.

Adele kam mit den Hunden herein. „Die Kathi hat mir gesagt, dass du da bist. Ich freu mich ja so.“ Adele fiel ihr um den Hals und strich ihr zärtlich durchs Haar. „So schön schaust wieder aus.“ Sie füllte zwei Champagnerkelche. „Auf dass du mich noch oft besuchen kommst.“ Sie zog die Rosa aufs Kanapee und schmiegte sich an sie. „Weißt was? Eine richtige Freundin, so eine wie dich, hab ich noch nie gehabt. Und du?“

„Ich schon. Von der Schule her. Aber die Zenz ist weggezogen und die Ernie hat geheiratet und arbeitet als Wäscherin. Seitdem ist nicht mehr viel anzufangen mit ihr.“

„Und, tätest auch gern heiraten?“

„Wenn der Richtige kommen würd, dann schon. Stark müsst er sein. Und groß. Und reich.“

Adele ergriff Rosas Hand und küsste ihre Fingerspitzen. „Mir hat schon zwei Mal einer einen Antrag gemacht. Aber heiraten will ich nicht. Die Männer sind mir fad.“

„Mich hätt der Sohn vom Goldenen Stern fast einmal rumgekriegt. Aber dann hab ich mir gedacht, dass vielleicht noch ein Besserer kommen könnt.“

Sie kicherten über die Männer und schliefen eng umschlungen ein.

Matz

Agnes saß in der Wohnstube, spannte feinlöchrigen Stramin5 auf den Stickrahmen und füllte das Gewebe mit Kreuzstichen. Ein Heiligenbild für den Herrn Pfarrer sollte es werden. Ungeduldig riss sie am Faden, der sich immer wieder verzwirnte. Sie stocherte die Nadel durch den Stramin, schrie auf, als die Nadel tief unter ihren Fingernagel fuhr. Mit einem Ruck zog Agnes die Nadel heraus, saugte am pulsierenden Daumen. Die Lust aufs Sticken war ihr vergangen. Sie wickelte die Garnreste auf, hörte den Jakob oben in der Schlafkammer herumpoltern. Sie wollte gerade nachschauen, was los war, als er, angezogen wie ein Geck, die Treppe herunterkam. Gelbe Weste, karierte Hose, den Hut mit der Hahnenfeder in der Hand.

Missmutig warf er ihr hin: „Wart nicht auf mich. Kann spät werden.“

„Musst denn jeden Abend weggehn?“

Ein abschätziger Blick, schon war er draußen bei der Tür.

Agnes schoss das Wasser in die Augen. Zu was hatte sie geheiratet, wenn sie schon wieder allein dasaß? Wie umgewandelt war er, seit er ständig zur Spitzeder rannte, sein Geld hinbrachte, die Zinsen nachrechnete. Auf einmal war ihm die eigene Wohnung nicht mehr gut genug. Die Wände hatte er mit Tapete bespannen, die Sessel mit Damast beziehen lassen. Und eine neue französische Vitrine stand im Eck. Die Tegernseer Bauernmöbel, die sie mit in die Ehe gebracht hatte: hinausgeschmissen. Nicht hören wollen hatte er auf ihr Jammern.

„Kapier endlich, dass wir jetzt was Besseres sind. In den vornehmen Häusern ist jetzt alles französisch.“

Agnes hasste das Weib in der Schönfeldstraße. Doch noch mehr hasste sie die elendige Afra. Sie hatte den Jakob in der Stadt gesehen, Arm in Arm mit der Matz. Hatte sich, bevor die beiden sie entdecken konnten, in einen Hauseingang geflüchtet. Fast zum Greifen nah waren sie an ihr vorübergeschlendert.

„Afra, du gefallst mir“, hatte Jakob dem Weib schöngetan. Wenn Agnes daran dachte, wurde ihr ganz schlecht. Zum Jakob hatte sie dann aber nichts gesagt. Gab auch so schon Streitereien genug.

Agnes stieg hinauf in die Schlafkammer, kramte in der geschnitzten Truhe und betrachtete wehmütig ihren Brautschatz: das seidig schimmernde Brautkleid, die perlenbesetzte Haube. Bei dem Gedanken an die behäbige Hedwig, die extra zu ihrer Hochzeit von Deining angereist war, musste sie schlucken.

„Agnes“, hatte ihr die Hedwig während des Hochzeitsessens nach einem Blick auf den sturzbesoffenen Kramer ins Ohr geflüstert. „Meinst wirklich, der ist der Richtige für dich? Ich sag dir was: Man weiß nie, wie’s kommt. Wennst einmal jemanden brauchst, bei mir ist immer ein Platz für dich. Und eine tüchtige Kraft in unserer Bäckerei kann ich immer brauchen.“

Agnes schob den vergilbten Brautstrauß zur Seite und zog das sorgsam eingeschlagene Marienbild hervor. Das Geschenk ihrer Mutter, als sie das elterliche Haus verließ. Sie schlug den Stoff auseinander und faltete die Hände zum Gebet. Sie betete viel in letzter Zeit. Heute wollte es ihr nicht gelingen. Zu tief wühlte der Groll.

Sie konnte sich denken, wo sich der Jakob herumtrieb. Sie hatte gehört, wie er seinen Spezln steckte, wo die Spelunken waren, in denen es rauschig zuging, und dass im „Katzenstriegel“ Weiber leicht zu haben waren. Bestimmt saß er dort. Vielleicht mit der Afra. Agnes wickelte das Marienbild zurück in das samtene Tuch und legte es mit dem Brautschatz in die Truhe. Stand auf. Sie musste den Jakob in flagranti erwischen, damit sie ihn zur Rede stellen konnte. Denn so konnte es nicht weitergehen.

In der Diele nahm Agnes den Umhang vom Haken und ging hinaus auf die dunkle Straße. Das Licht aus den Fenstern spiegelte sich matt auf dem regennassen Pflaster. Kein Mensch weit und breit. Fast wollte sie schon umkehren, fasste sich dann doch ein Herz. Sie ging durchs Tal, huschte über den Viktualienmarkt, vorbei an den wackligen Holzständen. Schaute sich immer wieder um und bog in die Buttermelcherstraße ein. Tagsüber war hier kaum ein Durchkommen, wenn die Melcher ihre Butter auf die Karren luden. Jetzt standen die Karren im Dreck.

Ein Mann kam ihr entgegen. Agnes drückte sich in eine Toreinfahrt, wartete, bis er eine der finsteren Spelunken betrat. Langsam ging sie weiter. Das Schild vom „Katzenstriegel“ klapperte im Wind. Sie presste ihr Gesicht an die verschmierte Fensterscheibe und lurte in den schummrigen Gastraum. Auf grob gehobelten Bänken saßen johlend die Zecher, auf den Tischen standen Bierkrüge und Schnapsgläser wild durcheinander. Liederliche Bedienungen mit hochgebundenen Röcken eilten hin und her, kicherten, wenn ihnen eine Hand an den Hintern griff.

Inmitten seiner Kumpane hockte der Jakob. Schwenkte den Maßkrug, grölte in die Runde. Die Afra, eng an ihn geschmiegt, grölte mit. Die Blusenträger heruntergerutscht, die schwarzen Locken verschwitzt im Gesicht. Der Jakob fasste sie um die Schulter, griffelte ihr hinein in den Ausschnitt. Die Afra kreischte.

Agnes konnte sich nicht losreißen von dem grausligen Bild. Der Jakob gehörte ihr. Ihr allein. Versprochen durch den heiligen Bund der Ehe. Ein Besoffener torkelte zur Tür. Rasch duckte sie sich hinter einen Karren und kam erst wieder hervor, als der Sturzbetrunkene verschwunden war. Sie hatte genug gesehen. Hasserfüllt machte sie sich auf den Heimweg. Kein Mond erhellte die Nacht, nur eine funzlige Laterne sorgte für gespenstische Schatten. Schritte! Immer näher kamen sie. Agnes rannte so schnell sie konnte. Verschnaufte erst vorn an der Heilig-Geist-Kirche, spürte ihr Herz gegen die Brust hämmern.

Wie aus dem Nichts stand er da. Groß, hakennasig, die Augen von der Hutkrempe verdeckt.

„Schöne Frau, so allein unterwegs?“

Agnes klebte die Zunge am Gaumen.

„Brauchst dich nicht fürchten. Kennst mich nimmer?“ Er nahm den Hut ab und blickte ihr ins Gesicht.

„Sag bloß, du bist der Simon?“

„Kennst mich also doch.“

„Schaust ganz anders aus als wie früher. Mager bist geworden. Und was ist mit deinem Gesicht passiert?“

Er fuhr mit dem Finger über seine mit Pusteln übersäte Haut, die Rufern in den Mundwinkeln. „Krank bin ich geworden, wie ich Soldat in Weißenburg gewesen bin. Kannst dir nicht vorstellen, wie schlimm es war. Hier jubeln alle über den Krieg. Aber ich hab sie gerochen, die Angst. Hab nach der Schlacht die zerfetzten Kameraden eingescharrt. Aber sag: Was machst so allein mitten in der Nacht?“

„Spazieren geh ich.“

„Das glaubst doch selber nicht. Jetzt red schon.“

Agnes druckste herum. Dann brach es heraus aus ihr: „Nachspioniert hab ich meinem Mann. Er betrügt mich, der Lump.“

„Und? Hast ihn erwischt?“

„Mit der Afra. Glatt umbringen könnt ich ihn.“

„Die Afra vom Schneiderbauern?“ Verächtlich verzog Simon den Mund. „Die war doch schon als ganz junges Mädl ein Flitscherl. Komm, ich begleit dich ein Stück.“

Langsam ging sie neben ihm her, froh, dass sie nicht allein durch die dunklen Straßen musste. „Das mit dem Verheiratetsein hab ich mir anders vorgestellt.“

„Hättest halt mich nehmen sollen. Aber dir war ich ja nicht gut genug.“

„Brauchst nicht glauben, dass ich das nicht längst bereut hab.“ Agnes deutete auf das Haus im Lueg ins Land. „Da wohn ich. Dank dir fürs Heimbringen.“

„Wir sehn uns wieder.“ Simon lupfte den Hut und ging davon.

In der Küche trank Agnes noch ein Glas warme Milch. In ihrem Kopf ging alles durcheinander. Sie dachte an den Simon, wie er ihr vor etlichen Jahren einen Heiratsantrag gemacht hatte. Hochgewachsen, kräftig gebaut war er gewesen. Jetzt war er nur Haut und Knochen. Und sein Gesicht schaute grauslig aus. Vor das Bild vom Simon schob sich das Bild vom Jakob, wie er im „Katzenstriegel“ gelacht hatte. Daheim lachte er nie. Grantelte nur herum, wenn ihm das Essen nicht schmeckte. Agnes trank das Glas aus und ging müde in die Schlafkammer. Zog das grobleinene Nachthemd über den Kopf. Hochgeschlossen war es, der Saum fiel bis auf den Boden. Kratzig schabte der Stoff am Hals. Sie öffnete den Schrank, ergriff das seidene Negligé, das ihr der Jakob geschenkt hatte. Schmiegte es an die Wange. Ob das verderbte Weib so etwas trug? Sie zog das Nachthemd aus, schlüpfte in das Negligé und stellte sich vor den Spiegel. Ihr Körper schimmerte durch den fein gewebten Stoff. Da hätte sie gleich nackig vor ihren Mann treten können. Aber Nacktheit war Sünde. Und das, was der Jakob mit ihr treiben wollte, auch.

„Zier dich doch nicht so“, hatte er gestöhnt, als er ihr das Negligé hochschieben, ihre Brüste befingern wollte. „Verdirbst einem ja den ganzen Spaß.“

Spaß hatte es ihr noch nie gemacht, wenn er keuchend auf ihr lag, sich dann erschöpft auf die Seite rollte und mit lautem Schnarchen in den Schlaf fiel. Einmal in der Woche musste sie ihm den Beischlaf erlauben, wusste vom Pfarrer um ihre eheliche Pflicht. Sie zog das Negligé über den Kopf, schlüpfte wieder in das Leinenhemd und kroch unters Federbett.

Die Haustür rumste. Jakob tappte die Treppe herauf, schleuderte die Stiefel auf den Boden, legte sich bierschnaufig neben sie. Am liebsten hätte sie ihm das Kopfkissen aufs Gesicht gedrückt.

Im Morgengrauen, ganz zerschlagen von der Nacht, in der sie hin und her überlegt hatte, wie dem Jakob beizukommen war, ging sie ins Lehel. Klopfte an bei der Walburga.

Walburga zog sie in ihre Hütte. „Um Gottes willen! Wie schaust denn du aus?“

„Ich weiß nicht mehr weiter.“ Agnes sank auf einen Hocker. „Der Jakob treibt sich mit der Afra rum. Schimpfen kann ich, so viel wie ich will.“

Walburga stocherte mit einem Schürhaken in die zusammengefallene Ofenglut, legte Brennholz nach und entfachte das Feuer. „Mit Schimpfen kommst nicht weiter. Hast ihm einmal gesagt, dass du ihn magst?“

„Aber ich mag ihn ja gar nicht.“

„Warum hast ihn denn dann geheiratet?“

„Ist kein Besserer gekommen. Und bei den Eltern hab ich’s nicht mehr ausgehalten.“

„Was regst dich dann auf, wenn er einer andern nachsteigt?“

„Der gönn ich ihn erst recht nicht. Mir gehört er, der Jakob.“

Walburga mit einem mitleidigen Blick auf die Agnes: „Kein Mensch gehört einem andern. Geh doch anders um mit ihm. Mit mehr Lieb.“

„Du redest dich leicht.“ Agnes stand auf und betrachtete die sorgsam aufgehängten Kräuterbüschel. „Hast nicht ein Kräuterl für mich? Eins, dass er sich so elendig fühlt, dass ihm die Lust auf das Weib vergeht.“

Walburga schüttelte den Kopf. „Meine Kräuter sind zum Gesundwerden.“

„Dann tu ich mir was an. Ich halt das nimmer aus.“

„Versündig dich nicht mit so einem Gered. Aber bevorst wirklich noch auf dumme Gedanken kommst …“ Sie holte eine blecherne Dose vom Brett, ergriff eine Handvoll getrockneter Samen und wickelte sie in ein Papier. „Da hast Senneskörner. Von denen streust dem Jakob jedes Mal ein paar ins Essen. Er wird einen solchen Dünnschiss kriegen, dass ihm die Lust auf andre Weiber vergeht.“

„Und hast auch was, das ihn beruhigt, wenn er wieder einmal rumschreit?“

Walburga schnaubte: „Muss ja sauber zugehn bei euch. Warum gehst denn nicht weg von ihm?“

„Manchmal hab ich mir’s schon überlegt. Ich hab eine Tante, bei der ich wohnen und sogar mein eigenes Geld verdienen könnt.“ Trotzig schob die Agnes nach: „Aber das mach ich nicht. Den Jakob geb ich nicht her.“

Seufzend ging Walburga zu dem Brett an der Wand, auf dem Blechdosen, Kruken6 und Flaschen mit Kräuterabsud neben in Gläsern angesetzten Tinkturen standen. Sie öffnete eine Dose, löffelte fein gepulverte Baldrianwurz in einen kleinen Tonhafen7. „Da. Das verrührst ihm im Tee. Hernach wird der Jakob schlafen wie ein Toter.“

Kristallgläser

In der Schönfeldstraße war die Kathi ganz in ihrem Element. Resolut war sie schon immer gewesen. Aber seit sie die Schlüsselmacht über Adeles Haushalt hatte, konnte niemand sie bremsen. Sie kontrollierte die Wäsche, schaute der Näherin auf die Finger, herrschte die Zugeherin an, wenn sie noch einen Dreck auf der Treppe fand. Und seit sie jeden Tag mit den Hunden Gassi ging, plagte sie nicht einmal mehr der Hexenschuss. Aber lieber als das Spazierengehen war ihr die Arbeit in der Küche. Sie polierte die Töpfe mit Kalkpulver, wienerte mit einem Filzlappen nach, bis sie sich im Kupfer spiegeln konnte.

Der Köchin, die schon viel länger angestellt war, passte es nicht, dass die Kathi auch immer öfters kochte. „Was fuhrwerkst allerweil in der Küch herum? Für die Hund bist angestellt.“

„Schau ihn dir doch an, den Batz.“ Geschäftig reinigte Kathi die Ofenritzen mit Stahlwolle. „Das Fett pappt schon seit hundert Jahr da drin.“

Eingeschnappt umwickelte die Köchin den Kalbsrollbraten mit einem Faden, zog ihn fest und verknotete ihn.

Es klopfte an der Haustür. Kathi wischte sich die Hände an der Schürze ab und ging hinaus. Begrüßte den Weinhändler Smith aus der Neuhauser Straße, der zwei Kisten auf den Boden stellte.

Adele kam aus dem Kassiererzimmer. „Grüß Gott, Herr Smith. Schön, dass Sie immer so pünktlich liefern. Haben Sie den Frankenwein dabei?“

Smith verbeugte sich. „Der beste, den Sie je getrunken haben.“

„Braucht’s denn immer noch mehr Wein?“, grantelte die Kathi hin zu Adele. „Der ganze Keller ist schon voll.“

„Meinst vielleicht, ich lass mich lumpen? Weißt selber, wie verwöhnt meine Gäste sind.“

„Die saufen alles, wenn’s bloß umsonst ist.“

Die Köchin, die in der offenen Küchentür stand, feixte hinter vorgehaltener Hand. Wartete schadenfroh auf das Donnerwetter, das die Kathi endlich in ihre Schranken wies.

Doch Adele schüttelte nur den Kopf. „Halt dein loses Mundwerk. Schau lieber, dass das Essen fertig wird. Um sechs kommen die Gäste.“

Der Weinhändler angesäuert: „Ist das Ihre Hausdame?“

„Mein guter Geist ist sie. Sie dürfen nicht alles ernst nehmen, was sie sagt. Und wenn Sie wieder einen Tokajer haben, dann liefern Sie ihn mir.“

Smith war sichtlich froh, dass ihm die Alte nicht den Auftrag vermasselt hatte. „Hab ihn wahrscheinlich schon nächste Woche. Bis dahin: Gott empfohlen.“

Adele befahl der Kathi und der Köchin: „Bringts die Kisten in den Keller.“

Sie ging in ihr Schlafgemach, schlüpfte in das Kleid aus feinster Bouretteseide, legte das brillantene Geschmeide um. Eine erlesene Gesellschaft hatte sie geladen: den Magistratsrat Billing, den Oberpolizeikommissar Riedl, Veit Schobinger, einen Hochwürden von der Frauenkirche und zwei Offiziere der Reitschule. Dazu die Frizi und die Traudi, die reschen Modistinnen der Weinzierl als Kurzweil für die Herren. Und als Krönung: ihre Freundin Rosa. Sie warf einen letzten Blick auf den festlich gedeckten Tisch. Die Nymphenburger Teller, die goldrandigen Kristallgläser, die Servietten, gehalten von schweren Silberringen. Sie zündete die Kerzen in den sechsarmigen Kandelabern an. Schon hörte sie Schritte auf der Treppe.

Als hätten sie sich vor der Tür verabredet, traten sie ein: der Billing, der Riedl und Hochwürden. Hinter den Offizieren kicherten die Modistinnen.

„Ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Bitte nehmen Sie doch Platz.“

Die Gäste, noch etwas befangen, setzten sich zu Tisch. Vroni, von Adele extra für den heutigen Abend eingestellt, war angetan mit weißem Häubchen, schwarzem Kleid und blütenweißer Schürze. Geschickt schenkte sie den rot schillernden Burgunder ein und ging dann hinunter in die Küche, um das Essen zu holen.

Rasch löste der edle Tropfen die Zungen.

Billing ereiferte sich: „Ich glaub, unser König Ludwig ist nicht mehr ganz bei Verstand. Der hat sich doch glatt auf dem Dach der Residenz einen riesigen Wintergarten mit mittendrin einem See anlegen lassen. Ganze Nächte lässt er sich auf dem herumrudern. Und wissens, was mir ein Bediensteter von ihm erzählt hat? Weil die Küchenjungen ihre Kammern unterhalb vom See haben und weil’s von oben runtertropft, spannen sie im Bett ihre Regenschirme auf.“

Hochwürden rief: „So gut wie der König möcht ich’s auch einmal haben. Ums Geld braucht der sich keine Sorgen machen.“

Riedl lachte. „Aber, aber. Sie kommen auch nicht grad zu kurz.“

Mitten in die Unterhaltung platzte die Rosa. Adele ging ihr entgegen und umarmte sie. „Endlich bist da.“

Nach einem kurzen Gruß in die Runde setzte sich Rosa an den Tisch, schnappte sich die Weinflasche, füllte ein Glas und kippte den Wein hinunter.

Die Frizi und die Traudi tuschelten. So ein Kleid! Die Ärmel gepufft wie zwei Ballone, ein Dekolleté, das kaum den Busen verhüllte. Und erst die Frisur! Die blonden Haare hochgesteckt, festgehalten von glitzernden Spangen.

Die Offiziere saßen plötzlich kerzengerade, Hochwürden nestelte am Kragen, Riedls Augen glänzten.

„Einen ganz trockenen Mund hab ich.“ Wieder kippte Rosa ein Glas. „Und so einen Kohldampf.“

Die Vroni kam herein und servierte die Teller mit dem Kalbsrollbraten, feingeschmortem Wirsinggemüse und goldgelben Butterspatzen.

Adele erhob das Glas. „Lasst es euch schmecken.“

Der Riedl schob sich ein Stück vom Braten in den Mund, verschluckte sich und lief rot an. Rosa beugte sich zu ihm und klopfte ihm auf den Rücken. Hochwürden glotzte auf ihren Busen. Die Frizi kicherte, als sie die Hand vom Billing auf ihrem Schenkel spürte. Die Traudi mühte sich ab mit dem Besteck.

Die Rosa lachte. „Ich weiß einen Witz: Schleicht sich der Adam von hinten heran an die Eva …“

Mehr verstand Adele, die an der Kredenz eine neue Weinflasche öffnete, nicht. Hörte die Tischgesellschaft lachen. Hochwürden lachte am lautesten. Hielt sich, als er offenbar merkte, dass sich das für ihn nicht ziemte, schnell die Serviette vor den Mund.

„Adele, spiel uns doch was“, bat die Rosa. „Wie wär’s mit dem Donauwalzer?“

Adele setzte sich ans Klavier und schlug die Akkorde an.

„Die Donau, so blau, so blau“, trällerte die Rosa, zog einen Offizier vom Stuhl und tanzte mit ihm durchs Zimmer.

„Knüpfst Land an Land“, sang der Riedl.

„Fröhliche Herzen schlagen an deinem Strand“, schmetterte der Billing.

„Fröhliche Herzen, fröhliche Herzen.“ Wie eine kaputte Walze krähte die angetrunkene Frizi immer weiter. Streichelte unter dem Tisch die Hand vom Billing, die auf ihrem Schenkel höher rutschte.

Immer lauter wurde der Gesang. Drang bis hinunter in die Küche, in der die Kathi mit der Vroni tiefschwarzen Mokka braute, Baisers und Sahnetörtchen auf einer Platte arrangierte.

„So gern wär ich jetzt da droben.“ Andächtig lauschte Vroni den Walzerklängen.

„Sei froh, dass du nix zu tun hast mit der Bagasch.“ Kathi nahm die silberne Kaffeekanne in die eine Hand, balancierte die Kuchenplatte auf der anderen und stieg die Treppe hinauf. Drückte mit dem Ellbogen die Klinke herunter, stieß mit dem Fuß die Tür auf und blieb sprachlos stehen. Leere Weinflaschen kugelten über den Tisch, das damastene Tischtuch war gesprenkelt mit Soßenflecken. Der Billing, die Weste aufgeknöpft, fläzte auf dem Stuhl. Die Beine von sich gestreckt, den Blick rauschig verdreht. Die Weiber kicherten, die Männer becherten.

Kathi knallte die Kanne auf den Tisch, ein Törtchen plumpste vom Tablett und landete auf dem Schenkel vom Billing. Der feixte, wischte mit dem Zeigefinger die Sahne von der Hose und schleckte sie, den Blick auf die Frizi gerichtet, mit anzüglichem Grinsen vom Finger.

Das war zu viel für die Kathi. „Habts denn gar kein Benehmen?“

Das Gelächter, das nun losbrach, brachte sie vollends in Rage. Und dass das blonde Weibsstück Adeles Schultern tätschelte, wo gab’s denn so was! „Und du, du machst, dass du weiterkommst.“

Drohend kam die Rosa auf die Kathi zu. „Was hast gesagt, du alte Ziefern?“

„Kathi, raus!“, ging Adele dazwischen. „Was fallt dir ein, die Rosa so anzugehn!“ Versöhnlich umarmte Adele ihre Freundin. „Mach dir nichts draus. Die wird hernach was erleben.“

Rosa schluchzte: „Dass ich mir so was sagen lassen muss.“

Den Gästen war der Spaß vergangen. Einer nach dem anderen verabschiedete sich.

„Wirst mich noch kennenlernen, Trampel elendiger“, fauchte die Rosa hin zur Kathi und küsste Adele demonstrativ auf den Mund. „Wenn die das nächste Mal noch da ist, komm ich nie mehr wieder.“ Hoheitsvoll schritt sie zur Tür hinaus.

Kaum waren alle gegangen, drehte sich Adele zur Kathi um. Sie war außer sich. „Spinnst jetzt? Was fallt dir ein, so mit meinen Gästen zu reden!“

„Ich kann’s einfach nicht länger mit anschauen, wie’s zugeht in dem Haus. Jeden Abend die Schmarotzer. Meinens, von denen dankt Ihnen einer was?“

Adele brüllte: „Wehe, du sagst noch einmal was gegen die Rosa. Bist ja bloß neidisch, weilst immer grantig bist. Weilst nie so lustig sein kannst wie wir.“

„So! Ich bin grantig und Sie sind lustig! Dass ich nicht lach. Dann ist’s wegen dem Lustigsein, dass Sie jede Nacht vor lauter Albdruck rumplärrn? Bring dann ich Ihnen den Tee oder Ihre Freunderl?“

Adeles Stimme überschlug sich. „Schau, dass du hinauskommst!“ Zornentbrannt schmiss sie ein Weinglas mitten hinein in das Gemälde vom Lindenschmidt, das sie erst vor Kurzem erstanden hatte.

Beleidigt stapfte Kathi in ihre Kammer. Setzte sich aufs Bett und schnaubte in ihr Schnäuztuch. Wenn nicht sie auf die Adele aufpasste, wer denn dann?

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23 декабря 2023
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340 стр. 1 иллюстрация
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9783862223756
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