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Betty Hugo

Totensee

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

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1. Kapitel

Prolog:

Anno 1753

Aus der Entfernung schaute es aus, als sei eine Marmorstatue vom Himmel gefallen. Der alte Fischer, der an diesem kalten Wintermorgen nach seinem Boot sehen wollte, wunderte sich, was dort am Strand des schwarzen Wassers lag und kam neugierig näher.

Als er endlich vor dem weißen Körper kniete, der auf dem Sandboden lagerte, blieb ihm vor Schreck fast das Herz stehen. Erfüllt von tiefer Furcht, bekreuzigte er sich mehrmals hintereinander und stöhnte unwillkürlich laut auf, was immerhin die Krähen verscheuchte, die sich bereits mit lautem Gezeter an der Leiche zu schaffen machten.

Der Fischer warf einen letzten angstvollen Blick auf den Leichnam und rannte davon, als säße ihm der leibhaftige Satan im Nacken. Der Fluch des schwarzen Sees hatte sich wieder erfüllt.

Das geheimnisvolle dunkle Gewässer versetzte die Bewohner des nahen Dorfes immer wieder in Furcht und Schrecken, so dass es im Volksmund den schaurigen Namen Totensee erhielt.

Der Legende nach, die unter den Dorfbewohnern von einer Generation an die nächste weiter getragen wurde, verkörperte das schwarze Wasser den teuflischen Höllenschlund, der im Laufe der Jahrhunderte stetig seinen blutigen Tribut in Gestalt eines Menschenopfers forderte.

Immer wieder spielten sich merkwürdige Begebenheiten auf dem See ab, die sich keine Menschenseele je erklären konnte. Weder in den alten Zeiten noch in den jüngeren Zeiten. Manche Dorfbewohner flüsterten sich zu, dass das Wetter eine Rolle spiele. Nebelgeister würden urplötzlich über dem Wasser tanzen, so dass kein menschliches Wesen erkennen könne, was dort draußen getrieben wurde und merkwürdige Strudel würden die Boote in den Höllenabgrund ziehen. Andere Einwohner des Dorfes erzählten sich am abendlichen Feuer, dass selbst bei schönstem Wetter Menschen verschwunden seien und keiner könne sich erklären, wie dies zugegangen sei.

Hinter ängstlich vorgehaltener Hand wurde im Dorf viel geredet und getuschelt.

Immer, wenn der See eines seiner Opfer verschlungen hatte und dieses alsbald von den Dorfbewohnern bemerkt wurde, läuteten die mächtigen Glocken der nahen Kirche zum Totengeläut.

Alle Mütter des Dorfes ängstigten sich dann zu Tode. Sie ließen ihr hartes Tagwerk im Stich und rannten mit wehenden Kleidern in ihre Hütten, um die Häupter ihrer Lieben zu zählen und atmeten stets erleichtert auf, wenn diese vollzählig waren.

Auch wenn das Land um den See herum fruchtbar war und die Bewohner des Dorfes und der Umgebung üppig ernährte und ihnen ein gutes Leben verhieß, so war die lauernde Furcht vor dem unergründlichen, schwarzen Wasser stets allgegenwärtig.

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2. Kapitel

Gegenwart

Ihre Großmutter lag abgemagert bis auf die Knochen im Krankenbett des Hospizes „Zum heiligen Lazarus“.

Das düstere Gemäuer aus der Mitte des 18. Jahrhunderts war gründlich saniert und erst vor wenigen Jahren seiner jetzigen Bestimmung übergeben worden. Überreste der ursprünglichen Architektur, die das Gebäude üppig mit Säulen und Gesimsen ausgeschmückt hatte, verliehen der Anstalt ihre altertümliche Ausstrahlung.

Immer, wenn Lisa auf dem Weg zu den Krankenbesuchen bei ihrer Großmutter, durch die im Zwielicht endlos erscheinenden Säulengänge schritt, stellte sie sich vor, wie in den dunklen, geheimnisvollen Ecken die Geister der vergangenen Jahrhunderte ihr Unwesen trieben und sich die Seelen der erst kürzlich hier Verstorbenen dazu gesellten. Aber die morbide Atmosphäre dieses Ortes, einer ehemaligen Krankenanstalt, befand sich durchaus im Einklang mit seiner heutigen Nutzung als Hospiz.

Als sie an diesem Nachmittag gedankenverloren um die letzte Ecke des Säulengangs spazierte und den Blick hob, erschrak sie fast zu Tode. Ganz am Ende des breiten Flures meinte sie eine geheimnisvolle Gestalt zu erkennen. Sie erinnerte an den Sensenmann auf mittelalterlichen Gemälden, als noch die Pest im Lande wütete. Zögerlich ging sie weiter, aber als sie um die Ecke bog, hatte sich die Erscheinung in Luft aufgelöst. Sah sie jetzt schon Gespenster? Vielleicht löste der nahende Tod ihrer geliebten Großmutter Halluzinationen bei ihr aus? Langsam zweifelte sie an ihrem gesunden Menschenverstand, aber sie stand in letzter Zeit wirklich unter Stress. Entschlossen verdrängte sie dieses seltsame Erlebnis und konzentrierte sich auf den bevorstehenden Krankenbesuch.

Lisa dachte, dass die Leitung des Hospizes sich alle Mühe gab, den unheilbar Kranken eine angenehme Umgebung zu bereiten, als sie vorsichtig die Tür öffnete. Obwohl noch die letzten Sonnenstrahlen des Spätsommers ins Krankenzimmer schienen, brannte eine Kerze auf dem kleinen Besuchertischchen still vor sich hin. Darüber hing ein Heiligenbild an der Wand. Es zeigte sie Jungfrau Marie mit dem kleinen Jesuskind auf dem Schoß vor einem goldenen Hintergrund und sollte wohl eine tröstliche Atmosphäre verbreiten. Trotzdem war es etwas Anderes als die Umgebung des eigenen Zuhauses, befand Lisa, als sie die Einrichtung des Zimmers musterte.

Zaghaft trat sie an das Krankenbett, um die Hand ihrer Großmutter zu ergreifen und hielt erschrocken inne.

Sie war zu spät gekommen!

Unendliche Traurigkeit durchflutete sie, als sie in das wächserne Gesicht der Toten blickte. Eilig tastete sie nach dem Puls, aber sie erkannte sofort, obwohl der Körper noch warm war, dass der Sensenmann seine Beute geholt hatte. Unwiederbringlich und Endgültig!

Erst in diesem Moment, als sie ihren ersten Schock überwunden hatte und sich näher herunter beugte, bemerkte sie, dass die Verstorbene ihrer Großmutter zwar stark ähnelte, aber dass sie sich offensichtlich im Zimmer geirrt haben musste, da ihr die Tote fremd war .

Hastig floh sie aus dem Raum und informierte eine Pflegerin, die ihr auf dem Gang entgegeneilte. Dann suchte sie nach dem Krankenzimmer in dem ihre Oma untergebracht war und betrat es mit klopfendem Herzen.

Innerlich inzwischen auf alles gefasst, trat sie zum Bett und tastete vorsichtig nach der Hand ihrer Großmutter. Sie spürte das zarte Pochen der Adern und eine Welle der Erleichterung durchflutete sie. Aber als sie die Hand, die sich kraftlos und trocken wie Papier anfühlte, in der ihren hielt, war Lisa sich schmerzhaft bewusst, dass unweigerlich die Zeit des Abschieds gekommen war.

Ihr Blick schweifte zum Fenster. Der Spätsommer lag über dem Land und durch das geöffnete Fenster des Krankenzimmers strömte ein lauer Sommerwind, der schon den Duft des nahenden Frühherbstes in sich trug.

Der Geruch der überreifen Äpfel und Pflaumen, die stetig von den Obstbäumen auf die Wiesen der Umgebung plumpsten, fand seinen Weg bis in das Zimmer ihrer Großmutter. Die laue Brise weckte in Lisa Erinnerungen an ihre Kindheit, als sie mit ihrer Großmutter zusammen in der Küche am altmodischen Herd gestanden und Apfelmus aus Fallobst eingekocht hatten.

Heimlich haderte Lisa mit dem Schicksal.

Sie liebte ihre Großmutter über alles und wünschte sich sehnsüchtig, dass Gott ihr ein längeres Leben vergönnt hätte. Sechsundsiebzig Jahre war doch heutzutage noch gar nicht so ein hohes Alter.

Lisa kannte sich da bestens aus, schließlich arbeitete sie bereits seit drei Jahren als Altenpflegerin in der Villa "Abendruh", dem besten Seniorenpflegeheim ihrer Heimatstadt. Tagtäglich hatte sie mit viel, viel älteren Bewohnern zu tun. Die meisten Heimbewohner waren achtzig Jahre und älter. Es wohnten sogar drei hundertjährige Patienten auf ihrer Pflegestation.

Sie tröstete sich damit, dass ihre Großmutter ein schönes, erfülltes Leben gelebt hatte und bis zu ihrem schweren Schlaganfall sehr rüstig und munter gewesen war.

Lisa warf einen Blick auf die große Uhr, die über dem Türrahmen angebracht war. Die Zeit verrann unerbittlich. Um 23:00 Uhr musste sie ihren Schichtdienst im Seniorenpflegeheim antreten, bis dahin blieb ihr nicht mehr viel Zeit. Zärtlich hielt sie die Hand ihrer Großmutter, die sich beängstigend zerbrechlich anfühlte, wie die Knochen eines kleinen Vögelchens.

Die bläuliche Lampe über dem Krankenbett flackerte ein wenig. Der Infusionsbehälter, in dem sich schmerzstillende Medikamente befanden, sorgte dafür, dass ihre Großmutter keine Schmerzen verspürte. Lisa hatte sich alle Medikamente, die die alte Dame erhielt, von den behandelnden Ärzten genau erklären lassen. Allerdings war die todkranke Frau dadurch sehr müde. Sie lag mit geschlossenen Augen da, als ob sie schliefe, aber Lisa war sich nicht sicher, was sie mit bekam.

Ein weiterer, verzweifelter Blick auf die Uhr über der Zimmertür, erinnerte Lisa unerbittlich daran, dass sie sich nun, vielleicht für immer, von ihrer Großmutter verabschieden musste.

Sie verharrte still, wie festgefroren, auf dem einzigen Besucherstuhl neben dem Bett. Nun beugte sie sich vor und schob ihr Gesicht vorsichtig in die Nähe des Ohrs ihrer Großmutter, um ihr noch einige Abschiedsworte zu zuflüstern.

Lisa zuckte erschrocken zurück, als ihre Großmutter überraschend die Augen aufschlug und sie mit fiebrig glänzendem Blick anschaute. Die todkranke Frau umklammerte Lisas Hand mit ihren knochigen Fingern und murmelte mit schwacher Stimme einen Satz, an den sich Lisa für den Rest ihres Lebens erinnern würde.

„Mein liebes Enkelkind, ich weiß, dass es mit mir zu Ende geht. Möge dir ein gutes Schicksal beschieden sein. Aber um Eines wollte ich dich inständig bitten, ich trage seit meiner Kindheit ein Familiengeheimnis mit mir herum und ich möchte dass du versuchst, dieses furchtbare Geheimnis zu lüften. Ich fand immer, schon als du noch ein Schulkind warst, dass du über einen wachen Verstand verfügst und nicht jedes Schauermärchen für bare Münze nimmst. Versprich es mir in die Hand. Bitte!“

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3. Kapitel

Wieder drückte die alte Frau, mit größerer Kraft als man es einer todgeweihten Kranken je zugetraut hätte, die Hand ihrer Enkelin.

Obwohl Lisa nicht einmal ahnte, worum es ging, beteuerte sie nachdrücklich ihre Bereitschaft, alles zu tun, um dieses Familiengeheimnis aufzuklären.

Ihre Großmutter raffte ihre letzten Kräfte zusammen und begann, Lisa eine seltsame, tragische Begebenheit aus ihrer eigenen Kindheit zu erzählen, von der Lisa noch nie zuvor auch nur ein einziges Sterbenswörtchen gehört hatte. Die Erzählung ließ sie, trotz der lauen Sommerluft, in ihrem dünnen Kleid frösteln.

„Wie du weißt, stamme ich aus dem Süden des Landes und bin erst als junge Frau, der Liebe zu deinem Großvater wegen, nach Norden ins flache Land mit den vielen Feldern und Obstwiesen gekommen. Die Landschaft meiner Kindheit war auch wunderschön, mit vielen Hügeln, Wäldern und Seen. Ich bin in einem kleinen Dorf geboren worden, nicht allzu weit von einem riesigen See entfernt."

Nach einer Pause fuhr sie fort:

"Dieser See, der uns in unserer Kindheit noch viel riesiger erschien, als er tatsächlich ist, hatte eine schöne, flache Badestelle mit einem kleinen Sandstrand, der von uns Kindern aus dem Dorf in den Sommermonaten gerne zum Spielen und Schwimmen genutzt wurde. Damals ist man noch nicht in die ganze Welt hinaus in den Urlaub gefahren. Wir haben praktisch den ganzen Sommer dort verbracht. In den Schulferien waren wir von morgens bis abends dort. Unsere Mütter haben uns Brotstullen geschmiert, meine war meistens mit Leberwurst belegt.“

Ihre Großmutter lächelte bei dieser Erinnerung versonnen vor sich hin, dann wurde sie plötzlich sehr ernst.

„Einen Wermutstropfen gab es allerdings bei diesem schönen Plätzchen. Es ging im Dorf eine uralte Geschichte um, die jedem Kind erzählt wurde. Wirklich jedes Kind kannte diese Geschichte, aber keines der Mädchen und keiner der Jungen wussten, ob sie die Geschichte glauben sollten oder nicht. Schließlich war viele Jahre lang nichts passiert. Aber das hatte nicht wirklich etwas zu bedeuten. Gerade wenn alle Dorfbewohner glaubten, der Fluch des Sees sei überwunden, passierte doch wieder ein schlimmes Unglück.“

Lisas Hand verkrampfte sich, als sie einen Blick auf die Uhr über der Tür warf. Die Zeit verrann unerbittlich und sie musste dringend zur Arbeit. Aber die Erzählung hier war extrem wichtig, das spürte sie tief in ihrem Inneren. Um die Geschichte in Ruhe zu Ende hören zu können, musste sie dringend auf ihrer Arbeitsstelle Bescheid sagen. Sie flüsterte ihrer Großmutter ins Ohr, dass sie kurz aus dem Zimmer gehen müsste, aber gleich wieder zurückkäme.

Sie nahm ihr Handy und schlüpfte hinaus auf den Flur. Dort wählte sie hastig die Telefonnummer ihrer Chefin im Pflegeheim und teilte ihr mit, dass sie heute etwas später zur Arbeit kommen würde, weil ihre Großmutter im Sterben lag und sie noch eine wichtige Unterhaltung führten.

Da ihre private Situation auf ihrer Arbeitsstelle bekannt war, hatte ihre Chefin Verständnis für ihr Anliegen.

Erleichtert schlüpfte Lisa zurück ins Krankenzimmer, um sich den Fortgang der Erzählung anzuhören.

„Ich bin wieder da, Großmutter, “ wisperte sie und ließ sich erneut auf dem unbequemen Besucherstuhl nieder.

Die alte Frau holte Luft so gut es ging. Sie ließ sich von ihrer Enkelin einige Schlucke Wasser reichen und fuhr dann fort:

„Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Wir hatten viele schöne Sommer, aber ein Sommer war schrecklich. Den habe ich nie vergessen, mein ganzes Leben lang nicht. Es muss in den Jahren kurz nach dem großen Weltkrieg gewesen sein, als es passierte. Ich schätze, es müssen die fünfziger Jahre gewesen sein. Ich war damals etwa zwölf Jahre alt, ein Alter in dem man sich gut an schlimme Erlebnisse erinnert. Ich habe euch nie erzählt, dass ich damals eine Schwester hatte. Sie war einige Jahre älter als ich.“

Plötzlich rannen Tränen über ihre eingefallenen Wangen. Bei Lisa, die der Erzählung bislang aufmerksam gelauscht hatte, machte sich bei diesem Geständnis augenblicklich ein flaues Gefühl in der Magengrube breit.

Was war denn das für eine seltsame Wendung der Geschichte?

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4. Kapitel

Ihre Großmutter hatte niemals, noch niemals in ihrem ganzen Leben auch nur erwähnt, dass sie eine Schwester gehabt hatte. Alle in der Familie dachten, dass sie ein Einzelkind gewesen sei. Ihre Urgroßeltern, die es hätten erzählen können, waren schon seit ewigen Zeiten tot. Lange verstorben und begraben, bevor Lisa überhaupt geboren war.

Langsam dämmerte Lisa, dass möglicherweise mehr hinter dieser Geschichte steckte, als sie anfangs geglaubt hatte. Sie versuchte, sich ihre Aufregung nicht anmerken zu lassen und fasste wieder die Hand ihrer Großmutter.

„Großmutter, liebes Großmütterchen, nicht weinen. Erzähl bitte weiter. Was ist damals passiert?“, beschwor sie die alte Frau.

„An dem Tag, als meine Schwester spurlos verschwand, hat sich eine schwarze Wolke über mein Leben geschoben, die nie wieder verschwunden ist. Bis zum heutigen Tage nicht. Ich habe die Geschichte nie erzählt, weil ich euch nicht damit belasten wollte. Wie gesagt, es war ein heißer Sommer in den Jahren nach dem Krieg. Wir hatten Sommerferien und haben uns den ganzen Tag lang dort aufgehalten. Eines Tages, ich weiß nicht mehr genau, wie es dazu kam, erzählte ein älterer Junge aus dem Dorf plötzlich diese gruselige alte Legende über den See. Ach ja, sein Opa hatte sie ihm gerade einige Tage zuvor beim Abendbrot, nach einigen Flaschen Bier, eingeflüstert und ihm richtig Angst eingejagt.“

Erschöpft hielt die Todkranke inne. So lange, dass Lisa dachte, sie wäre eingeschlafen. Inzwischen war sie richtig darauf gespannt, zu hören, was damals vor Jahrzehnten am Seeufer geschehen war. Sie drückte die Hand ihrer Großmutter und drängte:

„Erzähl bitte weiter, ich will die ganze Geschichte hören.“

Minuten der Stille verrannen, in denen Lisa immer angespannter wurde. Dann fuhr die alte Frau endlich fort zu sprechen.

„Der Junge, er hieß Dieter, erinnere ich mich, erzählte, dass der See seit Urzeiten verflucht sei. Der Legende nach handele es sich bei dem schwarzen Wasser des Sees um den Höllenschlund, der immer wieder, über die Jahrhunderte hinweg, die Bewohner des Dorfes in sich hinein gesogen habe. Nicht in regelmäßigen Abständen, oh nein, das nicht, aber immer wieder. Wenn sich alle nach einem Unglück beruhigt hatten, geschah plötzlich erneut etwas Fürchterliches. Dem See war nicht zu trauen. Er war ein Monster, das seinen Tribut forderte, jederzeit auf der Lauer, jederzeit bereit einen unachtsamen Dorfbewohner zu verschlingen.“

„Dieser Dieter war ein gemeiner Junge. Er kam auf die unglückselige Idee, dass wir eine Mutprobe machen sollten. Er stiftete die älteren Mädchen unserer Gruppe an, in einem kleinen Ruderboot, welches am Seeufer vertäut war, hinauszufahren. Immer nur ein Mädchen allein im Boot und nacheinander. Zuerst fuhr ein älteres Mädchen, Ingeborg, hinaus. Ich erinnere mich, dass wir sie nur noch als kleinen Punkt auf dem Wasser sehen konnten. Nach einiger Zeit kam sie wohlbehalten zurück ans Ufer gerudert. Dann folgte ein anderes Mädchen. Nur der Dieter, dieser Feigling, der die Idee hatte, der traute sich nicht. Der blieb die ganze Zeit über am Ufer.

Zuletzt war meine liebe, größere Schwester dran. Sie war eigentlich ein ängstliches Mädchen und musste ihren ganzen Mut zusammenraffen, um sich diese Mutprobe zuzutrauen. Das habe ich ihr angemerkt.

Ich habe ihr noch ins Ohr geflüstert: „Du musst das nicht machen, Margot, der Dieter traut sich doch selbst nicht.“

Aber sie ließ sich davon nicht abhalten. Meine Schwester ist vor Angst zitternd in das Boot gestiegen, es war so eine kleine Nussschale, und weggerudert.“

Plötzlich klopfte es an der Tür des Krankenzimmers und eine Krankenschwester schaute herein. Ihr Gesicht zeigte einen Ausdruck dringender Besorgnis. Ihr Blick huschte zwischen der kranken Frau und Lisa hin und her. Gehetzt stieß sie hervor:

„Es tut mir außerordentlich leid jetzt zu stören, aber ihre Chefin hat auf dem Festnetzapparat der Station angerufen. Drei Pflegekräfte haben sich überraschend krank gemeldet und sie bittet dringend um ihren Rückruf.“

Lisa nickte und die Schwester zog sich erleichtert zurück. Diese Unterbrechung kam Lisa gar nicht gelegen und sie war felsenfest entschlossen, das Gespräch mit ihrer Großmutter zu einem Abschluss zu bringen.

Heute bestand die aller letzte Möglichkeit, dass ihre Großmutter ihr etwas Wichtiges anvertrauen konnte.

Lisa war klar, dass es wirklich dringend war, wenn ihre Chefin Marlies sich auf diese Weise meldete. Ihr Handy hatte sie nämlich absichtlich ausgestellt, um ungestört zu sein .

Sie rief ihre Chefin zurück und versprach, so schnell wie möglich zur Arbeit zu erscheinen. Noch stärker unter Zeitnot als zuvor, atmete sie tief durch und konzentrierte sich wieder auf die Erzählung ihrer Großmutter.

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5. Kapitel

„Entschuldige die Störung Großmutter, aber du kannst jetzt in aller Ruhe mit deiner Geschichte fortfahren.“, ermunterte sie die alte Dame.

„Irgendwann sahen wir von meiner Schwester Margot nur noch einen kleinen Punkt in der Ferne und dann gar nichts mehr. Sie ist einfach nicht zurückgekommen. Verschwunden. Wir haben uns die Seele aus dem Leib gerufen. Wir haben geschrien und gebrüllt. Als das alles nichts half, sind wir ins Dorf gerannt und haben Hilfe geholt. Dann sind einige Männer aus dem Dorf, zusammen mit deinem Uropa, hinausgerudert um sie zu suchen. Nichts. Wie vom Erdboden verschluckt. Genau wie es die Legende beschreibt.“

Lisa hörte inzwischen höchst gespannt dieser unglaublichen Geschichte zu und fragte mit angehaltenem Atem nach:

„Und was war mit dem Boot? Ist das wieder aufgetaucht? Oder blieb das auch verschwunden?“

Ihre Großmutter wirkte zerbrechlicher denn je. Lisa bemerkte, wie ihre Lebenskräfte stetig schwanden. Sie hatte in ihrem jungen Leben schon genug alte Menschen beim Sterben begleitet, um die Anzeichen zu deuten. Also drängte sie ihre Großmutter fort zu fahren, sonst würde sie das Ende der Geschichte womöglich nie mehr hören.

„Ja, das kleine Boot ist wieder aufgetaucht. Am nächsten Morgen, in aller Herrgottsfrühe, wurde es gefunden. Das Seltsame war jedoch, dass es wieder vertäut am Steg des Ufers lag, genau wie am Tag zuvor. Wie von Geisterhand. Kein Mensch im ganzen Dorf konnte sich das erklären. Überall wurde herum gefragt, ob jemand das Boot gefunden und an der Anlegestelle angebunden hätte. Aber keiner hatte etwas gesehen oder gehört. Alle waren der Meinung, dass könne nur ein Gespenst gewesen sein. Es gab einfach keine normale Erklärung.“

„Was ist in den Jahren nach dem Verschwinden deiner Schwester geschehen? Hat man ihre Leiche jemals gefunden? Oder blieb sie verschwunden?“, fragte Lisa atemlos nach.

Die geheimnisvolle Geschichte hatte sie nach und nach ganz in ihren Bann gezogen. Aber ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass sie nun wirklich zum Ende kommen mussten, wenn sie nicht zu viel von ihrer Schicht versäumen wollte. Inzwischen war der heiße Spätsommertag dem Abend gewichen und es war so dämmerig im Raum geworden, dass Lisa die kleine Nachttischlampe anknipste. Ihr müdes Gesicht spiegelte sich in der dunklen Scheibe des Fensters wider.

Mit aller letzter Kraft, wie es Lisa schien, fuhr die todkranke Frau mit ihrer Erzählung fort.

„Ich weiß nicht mehr, was später passiert ist…Ich bin dann weggezogen. Unsere Eltern sind an ihrer Trauer fast zerbrochen. Es war ja nicht das einzige Unglück… und es wurde viel gemunkelt. Die Gerüchteküche kochte… Ich kann mich nur dunkel erinnern, dass es ein Denkmal für die verschwundenen Opfer des Totensees gab, damit die Angehörigen wenigstens einen Ort zum Trauern hatten.

Meine letzte Bitte an dich, meine liebe Enkelin, ist, dass du herausfindest, ob diese Gedenkstätte noch existiert. Ich möchte gerne, dass du dort einen Strauß roter Rosen im Gedenken an deine Großtante nieder legst. Außerdem bitte ich dich inständig darum, die überaus seltsamen Umstände ihres Verschwindens aufzuklären. Ich konnte mich nie, mein ganzes Leben lang nicht, damit abfinden, dass ihr Tod von so vielen Rätseln umgeben ist. Jetzt freue ich mich darauf, ihr im Jenseits wieder zu begegnen.“

Nach diesen Worten, die sie mit immer schwächer werdender Stimme von sich gab, schloss ihre Großmutter die Augen für die Ewigkeit. Nachdem sie ihren letzten Atemzug getan hatte, verlosch auch die Kerze auf dem kleinen Besuchertischchen. Auch sie hatte das Ende ihrer Brenndauer erreicht. Ein zarter Rauchfaden kringelte sich hinauf zur hohen Zimmerdecke.

Lisa erschauerte unwillkürlich, sie fühlte, wie der Sensenmann in diesem Augenblick die Seele ihrer Großmutter ins Jenseits entführte, während ihr Körper als sterbliche Hülle im Zimmer zurückblieb. Mit einer zarten, fast streichelnden Handbewegung schloss sie ihrer Großmutter die Augen. Dann ging sie mit entschlossenen Schritten zum Fenster und zog mit beiden Armen die Fensterflügel weit auf.

„Flieg, Großmütterchen, flieg hinauf in den Himmel.“ Wisperte sie mit heiserer Stimme.

Jetzt konnte Lisa ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie rannen ihr über das Gesicht bis hinunter auf ihr Sommerkleid. Sie blieb noch einige Zeit neben der sterblichen Hülle ihrer Großmutter sitzen. Nach einer kleinen Ewigkeit erhob sie sich und verließ das Zimmer, um der Pflegekraft den Tod ihrer Großmutter zu melden.

Als alle Formalitäten erledigt waren und sie endlich das Hospiz verließ, spürte sie die kühle Nachtluft auf ihrer Haut und erzitterte unwillkürlich in ihrer dünnen Kleidung. Bereits jetzt fühlte sie die große Bürde, die diese letzte Bitte ihrer Großmutter für sie bedeutete, schwer wie Blei auf ihrer Seele lasten.

Unvermittelt überkam sie eine Welle der Übelkeit. Lisa war froh über die schützende Dunkelheit, als sie sich hinter einem Hortensienstrauch erbrach. Mit wackeligen Knien schleppte sie sich zum Parkplatz weiter, wo der Kleinwagen ihrer Mutter auf sie wartete. In der Ferne hörte sie bereits das wütende Donnergrollen, das nach diesem schwülen Tag ein heftiges Unwetter ankündigte. Sie flüchtete vor dem heranziehenden Gewitter ins Innere des Wagens. Gerade als sich ein krachender Donnerschlag, genau über ihrem Kopf entlud, schlug Lisa hinter sich die Autotür zu.

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6. Kapitel

Die vergangenen Wochen waren überaus schmerzhaft und anstrengend für alle Beteiligten gewesen. Lisa hatte zusammen mit ihren Eltern, die Bestattung ihrer verstorbenen Großmutter organisiert. Es waren eine Menge Leute zu der Beerdigungsfeier auf dem Friedhof des Dorfes gekommen. Nachdem eine würdevolle Zeremonie am Grab stattgefunden hatte, die ihrer Großmutter sicher gefallen hätte, trafen sich alle in der alten Gaststätte nebenan zu Schnittchen und Torte und unterhielten sich mit gedämpften Stimmen über die Verstorbene.

Viele Menschen, fremde und alte Bekannte klopften ihr tröstend auf die Schulter und sprachen Lisa ihr Beileid aus. Als ob das etwas an ihrem Kummer ändern würde, dachte sie. Aber auf eine besondere Weise tröstete es sie doch ein wenig. Sie merkte, wie allseits beliebt ihre Großmutter gewesen war.

Erst nach der Bestattung, als Lisa nach ihren aufreibenden Arbeitstagen wieder über etwas Freizeit verfügte, hatte sie Zeit gefunden, im Internet nach dem schwarzen See zu suchen. Erstaunlicherweise fand sie bereits nach nur wenigen Minuten Recherche im Netz, eine aufwendig gestaltete Internetseite über eine Hotelanlage in einem ehemaligen Kloster, die sich in der Nähe dieses Gewässers befand. Auch heute waren Teile der Anlage immer noch ein Kloster, das von dem Orden der Brüder des heiligen Hieronymus bewirtschaftet wurde und sich zu einem regelrechten Geschäftsbetrieb mit Klosterbrauerei, Gemüse- und Kräutergärten und einem Hotelbetrieb entwickelt hatte.

Als sie die Internetseite hinunter scrollte, stieß sie auch auf einen Abschnitt, der sich mit der Geschichte der Klosteranlage und ihrer Lage am See beschäftigte.

Die riesige Klosteranlage mit ihrem wunderschönen Kirchenbau war im Jahre 1165 gegründet worden. Das Wasser des großen Sees versprach eine gute Versorgung mit Fischen und mit Wasser für die Gemüse- und Kräutergärten.

Allerdings fand Lisa keinerlei Hinweise auf die dunkle Legende, die sich um den See rankte oder gar einen Bericht über die geheimnisvollen Vorgänge, die sich dort angeblich zugetragen hatten. Auch ein Hinweis auf die Gedenkstätte fehlte.

Es kam Lisa fast so vor, als ob man die Legende möglichst totschweigen wollte. Vielleicht waren diese Vorkommnisse der Vergangenheit der heutigen Bewirtschaftung des Klosters abträglich. Immerhin wurde das Hotel als ruhe Oase für unter „Burn out“ und „Stress“ leidende Menschen beworben. Auf der Website wurde absolute Ruhe und Abgeschiedenheit versprochen. Angeboten wurden Entspannungskurse, Meditationskurse sowie Töpfer- und Malkurse. Alles klang irgendwie ruhig und beschaulich. Sie vermutete, dass man bei soviel angepriesener Entspannung sicherlich keine Gruselgeschichten über verschwundene Dorfbewohner gebrauchen konnte, auch wenn sich die Vorfälle bereits vor Ewigkeiten abgespielt hatten.

Lisa fand die Übernachtungspreise allerdings keineswegs beschaulich. Vor lauter Arbeit und angehäuften Überstunden, hatte sie aber kaum Zeit zum Geldausgeben gefunden. Aus diesem Grund hatte sich, trotz ihres bescheidenen Gehalts, auf ihrem Konto ein ansehnliches Sümmchen Geld angehäuft.

Sie beschloss spontan, mehrere Tage Urlaub zu nehmen und sich in diesem Kloster einige Übernachtungen zu gönnen. Im Hinterkopf spukte ihr dabei auch der Gedanke herum, dass sie so die Gelegenheit beim Schopf ergreifen konnte, das Versprechen, das sie ihrer Großmutter auf dem Totenbett gegeben hatte, einzulösen.

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7. Kapitel

Bereits eine Woche später saß Lisa im Zug, der sie in die, dem Kloster am Nächsten gelegenen, Kleinstadt fahren sollte. Von hier aus musste sie mit dem Bus weiter reisen. Auch das hatte die Internetseite dem interessierten Leser nicht verschwiegen, dass nämlich die Anreise etwas umständlich und beschwerlich sei. Aber dieser Umstand garantiere die Ruhe und Abgeschiedenheit des Reiseziels.

Lisa schaute verträumt aus dem Fenster des Zuges auf die schnell vorbei fliegende Landschaft, die sich stetig veränderte. Erst allmählich gelang es ihr, die Gedanken an die Arbeit abzuschütteln und sich auf die kommenden Urlaubstage zu freuen. Um sich auf andere Gedanken zu bringen, nahm sie ihre Ohrstöpsel und hörte ihre Lieblingsmusik, die sie auf ihrem Handy gespeichert hatte.

Als ihr absoluter Lieblingssong gespielt wurde, der sich als Ohrwurm geradezu in ihr Gehirn gefressen hatte, riss sie die Ohrstöpsel abrupt heraus. Durch diesen Song wurden ihre Gedanken unweigerlich in eine andere schmerzhafte Richtung gelenkt. Der Song erinnerte sie zu stark an ihre verflossene Liebe zu ihrem Exfreund David und überflutete sie mit trübseligen Gedanken. Lisa war immer noch verletzt und wütend zugleich über die Geschichte, wie ihr Exfreund sie mit ihrer Freundin betrogen hatte. Letztendlich hatte sie gehandelt und ihm den Laufpass gegeben. Aber sie war, was diese Angelegenheit betraf, wahnsinnig empfindlich, obwohl die Trennung jetzt schon sechs Monate hinter ihr lag.

Lisa schob alle düsteren Gedanken von sich und konzentrierte sich wieder auf die am Zugfenster vorbeiziehende Landschaft.

Erst fuhr der Fernzug durch Felder und Wiesen, dann wurde es langsam hügeliger und waldiger. Als sie auf der letzten Etappe ihrer Zugreise in einen Regionalzug umsteigen musste, zockelte der Triebwagen beschaulich durch eine felsige, romantische Waldlandschaft. In der Ferne konnte Lisa bereits das in der Sonne glitzernde Wasser des schwarzen Vulkansees erahnen. Die ganze Szenerie wirkte friedlich und Lisa konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass hier jemals etwas Schreckliches passiert war.

Als der Zug mit quietschenden Rädern in den kleinen, verlassen daliegenden Kleinstadtbahnhof einfuhr, schulterte sie erwartungsvoll ihren Wanderrucksack und kletterte auf den Bahnsteig. Auf dem Bahnhofsvorplatz trat sie in die warme Sonne des Spätsommers hinaus. Genießerisch atmete sie die würzige Landluft ein, die bereits den Hauch des Frühherbstes in sich trug.

Falls es ihr nicht gelang, irgendetwas Wichtiges heraus zu finden, konnte sie sich wenigstens auf einige ruhige Wandertage freuen. Dieser Gedanke zog ihr durch den Kopf, als sie bereits auf dem Bahnhofsgelände die ersten Wegweiser für die zahlreichen ausgewiesenen Wanderwege erblickte, die hier in der Gegend zu finden waren. Das reinste Wanderparadies versprachen die Wanderbücher.

Sie erspähte die Busstation auf dem verlassen wirkenden Bahnhofsvorplatz und hielt nach dem Fahrzeug Ausschau, das sie direkt zum Kloster bringen sollte.

Endlich fand sie den richtigen Bus und wechselte mit dem Fahrer einige Worte, der offensichtlich gelangweilt hinter dem Steuer hockte und sich über ein Gespräch freute. Sie erzählte ihm, dass sie zum Kloster unterwegs sei, weil sie dort einen Wanderurlaub verbringen wolle.

Er lachte gutmütig und meinte:

„Ja, hier kommen viele erschöpfte Touristen zum Wandern her. Sind alle ganz begeistert von dem Kloster und den Kursen dort. Lauter seltsame Sachen bieten die dort an. Yoga, Töpfern, Meditation und all so ein Zeugs.“

Als sich der Bus nach und nach mit anderen Reisenden gefüllt hatte, brach er das Gespräch ab, legte energisch den Gang ein und fuhr los.

Nach einer Weile kam das mittelalterliche Kloster in Sicht und Lisa reckte ungeduldig den Hals, um einen Blick zu erhaschen. Das düster anmutende Ensemble der mächtigen Bauten lag eingebettet in die wild romantische Landschaft, deren bewaldete Hügelketten sich bis an den fernen Horizont erstreckten. In der Nähe glitzerte eine Wasserfläche durch das dichte Laub der Bäume.

Direkt vor der Klostermauer, auf einem gepflasterten Platz mit einer riesigen Eiche in der Mitte, umgeben von einer schmiedeeisernen Bank zum Rasten, lud der Bus seine menschliche Fracht aus.

Lisa und noch einige andere Passagiere standen plötzlich etwas verloren auf dem Vorplatz herum und wussten erstmal nicht wohin mit sich und dem Gepäck.

Zum allerersten Mal streifte Lisa der Gedanke, dass es vielleicht doch keine so gute Idee gewesen war, sich vollkommen allein und schutzlos auf die Spurensuche der unerklärlichen Todesfälle zu begeben. Ganz in den Tiefen ihres Magens machte sich ein Gefühl dumpfer Angst breit, das langsam von ihr Besitz ergriff. Ehe sie sich diesem Gefühl ganz und gar auslieferte, riss sie sich zusammen und beschloss, sich auf die Umgebung zu konzentrieren.

Aus den Augenwinkeln heraus unterzog Lisa ihre Mitreisenden einer heimlichen Musterung. Es handelte sich überwiegend um ältere Herrschaften, wie sie bereits nach einem Blick feststellte. Außer ihrer Person zählte sie noch zehn weitere Gäste. Sie ging jedenfalls stark davon aus, dass es sich, genau wie sie, um neue Gäste des Klosters handelte. Es waren sieben ältere Damen, mit vom Wetter gegerbten Gesichtern und in sportlicher Wanderkluft, dabei. Lisa kam es vor, als ob sie eine Art Club bildeten, so eng wie die zusammengluckten.

Dann beobachtete Lisa noch zwei ältere Herren. Sie wirkten ebenfalls sehr sportlich für ihr Alter und aus den Gesprächsfetzen, die zu ihr hinüberwehten, erfuhr sie, dass es sich um zwei befreundete Männer handelte, die sich hier im Kloster von ihrer Herz-Kreislauf Reha erholen wollten. Sie unterhielten sich über Kardiosport in der Kurklinik und hofften hier auf ruhigere Zeiten.

Der einzige jüngere Klostergast war zumindest annähernd in Lisas Alter. Sie schätzte ihn auf Ende Zwanzig, also höchstens sechs, sieben Jahre älter als sie selbst.

Allerdings entsprach er genau dem Typus Mann, den Lisa heimlich als grässlich unattraktiv einstufte. Er war groß, dürr und braungebrannt wie eine Vogelscheuche auf dem Acker.

Seine brünetten Haare fielen bis auf seine mageren Schultern und das Gesicht verdeckte zum Großteil ein ungepflegter Zottelbart, aus dem seine braunen Augen interessiert in die Welt schauten. Ein riesiger Wanderrucksack türmte sich auf seinem Rücken. Olivgrüne Bermudashorts schlotterten um seine Beine, ein T-Shirt mit dem Logo eines allseits bekannten Naturschutzvereins in Schlammfarbe und robuste Wanderstiefel vervollständigten seinen Look. Ganz offensichtlich ein Naturfreund und Ökofreak. Gekrönt wurde seine ganze Erscheinung noch von einem teuer aussehenden Fernglas, das vor seiner Brust baumelte.

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8. Kapitel

Innerlich stöhnte Lisa gequält auf, dieser Typ war auch noch ein Vogelfreak. Diese Spezies konnte sie noch nie besonders gut leiden. Solche Typen weckten stets unangenehme Erinnerungen an ihren Biolehrer in ihr. Allerdings kannte sie sich mit Vogelarten erstaunlich gut aus, seit sie seinen Unterricht genossen hatte.

Aber was ging sie der Typ überhaupt an, fragte sie sich im gleichen Moment. Sie konnte definitiv keine Zeit mit solchen Überlegungen vergeuden, schließlich hatte sie eine Mission zu erfüllen. Auch wenn sie vielleicht nur die Angelegenheit mit dem Blumenstrauß bewältigen konnte, das würde sie auf jeden Fall erledigen. Lisas Gedanken ratterten prompt in eine andere Richtung. Wo bekam sie in dieser Einöde bloß einen Strauß roter Rosen her, die sie auf das Grab ihrer Großtante legen konnte?

Ihre Überlegungen wurden allerdings im nächsten Moment von einer seltsamen Gestalt unterbrochen, die das riesige Tor in der Mauer zum Innenhof der Klosteranlage öffnete und die Gruppe der neuen Gäste herzlich willkommen hieß. Lisa war etwas irritiert. Zum ersten Mal in ihrem Leben begegnete sie einem leibhaftigen Mönch. Der Mitarbeiter war ganz offensichtlich ein Mitglied des Ordens des heiligen Hieronymus, da er in eine erdfarbene Kutte gehüllt war. Zumindest sah er genau so aus, wie man sich typischerweise Mönche vorstellte, wenn man Filme über das Mittelalter gesehen hatte.

Der Mönch stellte sich der neuen Reisegruppe umständlich als Bruder Ansgar vor und verkündete, dass er ihnen jetzt ihre Zimmer zeigen würde.

„Anschließend treffen wir uns in der Hotelhalle zu einem Begrüßungsumtrunk,“ erklärte er abschließend.

„Wir hoffen auf ein kühles Bier der Klosterbrauerei“, riefen die beiden herzkranken Sportsmänner dazwischen.

Bruder Ansgar lachte dröhnend:

„Hier gibt’s nur eine Kräuterlimonade aus unserem berühmten Klostergarten. Bier können sie gerne zum Abendessen bestellen.“

Einige Minuten später besichtigte Lisa bereits ihr Hotelzimmer. Dieser Gebäudeflügel der insgesamt sehr alten, teilweise verwitterten Klosteranlage war von einem teuren Architekten sorgfältig modernisiert und den Bedürfnissen der heutigen Gäste angepasst worden. Gleichzeitig war ihm das Kunststück gelungen, die altertümliche Atmosphäre des Mittelalters zu bewahren. So waren zwar moderne Bäder eingebaut worden, aber die Wände und Fußböden der Schlafzimmer waren nahezu im Urzustand erhalten. Die weiß gekalkten Zimmer mit ihren alten, knarrenden Bodendielen verströmten eine beruhigende Gemütlichkeit.

Lisa ließ sich auf das mit rot-weiß karierter Bettwäsche bezogene Bett plumpsen und zückte ihr Handy, um ihrer Mutter Bescheid zu geben, dass sie gut angekommen war. Ihre Mutter reagierte ganz entspannt und freute sich, dass ihre Tochter einige erholsame Wandertage vor sich hatte.

„Du hast schließlich einen sehr anstrengenden Job, da musst du dir unbedingt mal eine Auszeit gönnen, mein Schatz“, meinte ihre Mutter am Telefon. In Lisa regte sich ein wenig das schlechte Gewissen. Sie hatte ihre Mutter in kompletter Ahnungslosigkeit über die tatsächlichen Umstände dieses Urlaubs gelassen.

Aber Lisa wusste genau, dass ihre Mutter sich nur irrsinnige Sorgen gemacht hätte, wenn sie den Grund ihrer Reise genannt hätte, deshalb durfte sie nichts verraten.

Ihre Mutter wäre entsetzt gewesen und hätte mit allen Mitteln versucht, sie von diesem gefährlichen Ausflug abzuhalten.

Wie nicht anders zu erwarten, lag auf dem Nachttischchen eine Bibel und vom Bett aus fiel ihr Blick auf das obligatorische Heiligenbildchen. Jesus am Kreuz. Der konzentrierte Ausdruck seiner dunklen Augen erinnerte Lisa stark an den Naturfreak von vorhin. Immerhin, sie befanden sich hier in einem Klosterhotel, da durfte man so etwas erwarten. Sie merkte langsam, dass sie doch etwas müde und verschwitzt von der langen Zugreise war und erhob sich vom Bett um das Bad zu inspizieren und sich frisch zu machen.

Anschließend verließ Lisa ihr Gästezimmer im ersten Stock, um sich mit den anderen Gästen pünktlich in der Hotelhalle zur Kräuterlimo zu treffen. Als sie die Treppenstufen hinunter schritt bewunderte sie erneut, wie gut es bei dem Umbau zum Hotel gelungen war, die anheimelnde, ein wenig museale Atmosphäre zu erhalten. Die Hotellobby präsentierte sich wie ein alter Rittersaal. Ein riesiger, dunkler geschnitzter Eichentisch dominierte den Saal. Unter den dunklen Deckenbalken, entlang der Wände zierten uralte Porträts längst verstorbener Mönche den Raum.

Lisa sah auf einen Blick, dass die Reisegruppe bereits vollzählig versammelt und in muntere Gespräche vertieft war. Nur Bruder Ansgar fehlte noch. Allerdings beobachtete Lisa, die als Letzte kam, wie seine breite Gestalt mit einem Tablett in den Händen auf sie zueilte. Die aus grobem Stoff gewebte, erdfarbene Kutte umwehte seinen korpulenten Körper wie ein Zelt. Vermutlich kam er gerade aus der Küche.

Jeder Gast nahm sich ein Glas mit eisgekühlter Kräuterlimonade und probierte vorsichtig. Die teils misstrauischen Gesichtsausdrücke der Gäste verwandelten sich prompt in helle Begeisterung, als alle den ersten Schluck gekostet hatten. Auch Lisa musste zugeben, dass diese Limonade köstlich und erfrischend schmeckte.

Sie umklammerte ihr Limonadenglas, nippte immer wieder kleine Schlucke und hielt sich etwas abseits der Gespräche. In diesem Augenblick hatte sie keine Lust mehr auf Smalltalk, weil sie sich gedanklich darauf vorbereiten wollte, welche Schritte sie demnächst unternahm. Alles, was sie bislang hier kennen gelernt hatte, wirkte ausgesprochen nett und harmlos. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich hier in dieser Gegend in der Vergangenheit tragische Todesfälle ereignet hatten, auch wenn das letzte Unglück hoffentlich schon einige Zeit zurück lag. Später musste sie sich allerdings eingestehen, dass sie, hätte sie in diesem Moment gewusst, welche Gefahren hier auf sie lauerten, auf der Stelle die Flucht ergriffen hätte.

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9. Kapitel

Lisa hob den Blick und bemerkte, dass auch der junge Typ etwas verloren herumstand. Sie beobachtete, wie er sie musterte und versuchte, ihren Blick zu erhaschen. Genervt blickte sie in eine andere Richtung, aber dadurch ließ er sich offensichtlich nicht abschrecken. Er pflügte durch die sportlichen Senioren entschlossen auf sie zu und machte Anstalten, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Immerhin, er roch gut, stellte Lisa fest, als er endlich neben ihr stand. Er hatte sein verschwitztes Reiseshirt von vorhin gegen ein rotes T-Shirt getauscht. Diesmal prangte darauf der Aufdruck einer bekannten Tierschutzorganisation. „Safe the Animals of the World“. Lisa entzifferte mühsam die ausgewaschenen Buchstaben. Immerhin, sehr abwechslungsreich, amüsierte sie sich heimlich.

„Hey, bist du auch zum Wandern hergekommen?“, fragte er Lisa, nicht eben einfallsreich.

„Ja, unter Anderem bin ich auch zum Wandern hergereist.“ Lisa lächelte ihn höflich an.

Eine Augenbraue rutschte frech nach oben:

„Unter anderem???“, bohrte er nach.

Lisa biss sich in Gedanken auf die Zunge. Der Typ war nervig, hatte sie doch gleich gedacht. Und schlau war er auch, sonst hätte er nicht sofort das entscheidende Wörtchen aufgespießt. Aber ihr Anliegen ging keinen etwas an. Sie riskierte nur sensationslüsterne Nachfragen.

Ihre Antwort fiel demnach patziger aus, als gewollt: “Ja, unter anderem“.

Das tat seiner guten Laune keinen Abbruch.

„Ach, entschuldige, ich habe mich dir noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Jonas.“

„Lisa“, murmelte sie und schaute nach vorne zu Bruder Ansgar, der gerade mit seiner Führung über das Klostergelände starten wollte.

Jonas lachte:

„O.K., ich habe mir gleich gedacht, schon als ich dich im Bus gesehen habe, dass du irgendwie nicht zu den alten Leuten passt, die hier rumschwirren. Junge Leute verschlägt es nicht unbedingt freiwillig in diese Einöde. Ich bin auch eher beruflich hier. Wir sehen uns hoffentlich später.“

Mit diesen Worten verabschiedete er sich von ihr und wandte sich den herzkranken Herren zu, um sie in ein Gespräch über Wandertouren zu verwickeln.

Erleichtert nahm Lisa seine Worte zur Kenntnis. So übel, wie sie zuerst gedacht hatte, war der Typ gar nicht. Er war sogar ganz nett, wenn sie es recht bedachte. Allerdings hatte sie keine Zeit für einen unbeschwerten Urlaub, sie musste sich auf ihre Aufgabe konzentrieren. Diese Klosterführung war wichtig, so erhielt sie einen ersten Überblick über die Örtlichkeiten.

Bruder Ansgar kannte die Geschichte des Klosters seit dessen Gründung im Jahre 1165 in und auswendig. Er überhäufte seine Schäflein mit Daten und Fakten, dass ihnen allen der Kopf schwirrte.

Die Gruppe der Neuankömmlinge trabte ergeben hinter Bruder Ansgar über den Kopfsteingepflasterten Innenhof des Klosters in Richtung der imposanten Kirche. Der Rundgang über die Klosteranlage war wie eine Zeitreise ins düstere Mittelalter. Der gotische Baustil hatte etwas Magisches an sich, dachte Lisa, als sie, den Kopf im Nacken angesichts der hoch aufstrebenden Architektur, die Säulen und Bögen bewunderte. Die meisten Bauwerke der Anlage waren teilweise noch erstaunlich gut erhalten. Allerdings waren auch fortlaufend Restaurierungsarbeiten notwendig. Diese Aufgabe verschlang immens viel Geld, das musste Bruder Ansgar auf eine Nachfrage seitens der alten Herren eingestehen. Nach dieser Information beschloss Lisa, sich nicht mehr über die Hotelpreise zu ärgern.

Die mächtige Kirche war der Mittelpunkt und das Prunkstück der Klosteranlage. Lisa bewunderte im Inneren des sakralen Bauwerkes die hoch aufragenden Säulen, die zahllosen Reihen der unbequemen, hölzernen Kirchenbänke und den mächtigen, Ehrfurcht gebietenden Altar. Dahinter ragten die bunt verzierten, kostbaren Kirchenfenster in die Höhe, die wichtige Begebenheiten aus der heiligen Schrift zeigten.

Am Ende der Besichtigungstour besuchte die Gruppe den mittelalterlichen Kräutergarten. Die Mönche hatten diesen Garten wieder, dem Vorbild um 1450 entsprechend, gestaltet. Bei der Begehung entpuppte sich eine der älteren Damen als regelrechte Kräuterhexe und fragte Bruder Ansgar Löcher in den Bauch.

Bei einer ausgesprochen seltenen Pflanze, die in einem Beet blühte, musste er allerdings bei der lateinischen Bezeichnung passen, die das Kräuterweib unbedingt wissen wollte. Lisa wandte erstaunt den Kopf und starrte Jonas an, als er blitzschnell in die Bresche sprang und die lateinische Bezeichnung dieses Krautes parat hatte. Sofort hingen alle Rentnerinnen regelrecht an den Lippen dieses gebildeten jungen Mannes. Sie löcherten ihn nun mit ihren botanischen Fragen.

Lisa bemerkte, wie Bruder Ansgar beleidigt war, dass er nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stand. Sie nutzte diesen Augenblick, um ihm eine scheinbar harmlose Frage zu stellen, die ihr die ganze Zeit schon auf der Seele brannte, nämlich ob es hier alte Legenden oder Schauergeschichten gab, die sich um die Geschichte des schwarzen Sees rankten.

Der Mönch erstarrte kurz, sein misstrauischer Gesichtsausdruck verstärkte sich, dann riss er sich zusammen, lachte die Frage weg und verkündete salbungsvoll, im Brustton der Überzeugung:

„Über diesen gottgeweihten Flecken gibt es keine Schauergeschichten zu erzählen. Zu allen Zeiten haben hier gottesfürchtige Mönche ein hartes, arbeitsames und friedliches Leben geführt.“

Aber Lisa bemerkte sofort, wie sich ein feindseliger Ausdruck in seine Augen schlich. Sie ließ nicht locker:

„Ich habe mal gehört, dass es hier irgendwo eine Gedenkstätte geben soll, die den Opfern des Totensees gewidmet ist. Stimmt das?“

Bruder Ansgar konnte jetzt nur noch mit Mühe und Not seinen aufkeimenden Ärger unterdrücken. Er wiegte den Kopf bedächtig hin und her.

„Der Abt unseres Klosters sieht es nicht gern, wenn solche alten Geschichten ausgegraben werden. Das ist unserem modernen, auf Erholung ausgerichteten Image nicht zuträglich. Wir wollen keinen Gruseltourismus, sondern Gäste die die vollkommene Ruhe und Abgeschiedenheit suchen,“ flüsterte er Lisa zu, in der Hoffnung, die anderen würden es nicht mitbekommen.

Lisa insistierte nachdrücklich:

„Aber es gibt diese ungewöhnliche Gedenkstätte?“

Bruder Ansgar wand sich sichtlich und schaute nervös zu den anderen Gästen, die immer noch den jungen Mann umringten. Er rang sich zur Wahrheit durch:

„In der Tat, es gibt diesen Ort, der den Opfern des,“ er senkte seine Stimme zu einem heiseren Flüstern,“ Totensees gewidmet ist. Aber das gehört nicht zum allgemeinen Besichtigungsprogramm. Aber…,“ er zögerte, „meines Wissens sind dort Gott sei Dank in den vergangenen Jahren keine Gedenkveranstaltungen mehr durchgeführt worden. Es gab wohl schon länger keine Opfer …“, seine Stimme verlor sich in unangenehmen Erinnerungen.

“Zeigen sie mir den Weg dorthin!“

Lisa erschrak vor ihrer eigenen Stimme. Das war ihr fast im Befehlston herausgerutscht.

Bruder Ansgar wand sich erneut, aber dann flüsterte er ihr ins Ohr, welchen Weg sie nehmen musste.

Lisa nickte ihm zu und machte sich sofort auf die Suche.

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10. Kapitel

Lisa gelangte nach nur wenigen Minuten eiligen Fußmarsches an ihr Ziel.

Allerdings konnte sie nicht fassen, welcher Anblick sich ihr bot. Darauf wäre sie nicht im Traum gekommen. Hatten sie alle angelogen?

Aber ihre Großmutter war nicht mehr ganz bei Kräften gewesen, vielleicht waren ihre Erinnerungen unvollständig oder sie hatte aus Trauer entscheidende Fakten verdrängt.

Und auf die Aussagen des Mönchs konnte sie sich gar nicht verlassen, dass hatte sie schon bemerkt. Die Klosterleitung wollte aus geschäftlichen Gründen die Vergangenheit verschweigen.

Was sie hier überblickte war jedenfalls kein Denkmal!

Lisa überwand ihren ersten Schock und betrachtete genauer die Umgebung.

An der äußersten Ecke der hohen, teils verwitterten Außenmauer fand Lisa das vernachlässigte Gräberfeld. Es wurde von einer verfallenen, mit Moos überwucherten, brusthohen Ziegelsteinmauer umfriedet, die von einem schiefen, verrosteten Metalltor durchbrochen wurde. Vor lauter Aufregung beschleunigte sich ihr Atem.

Jetzt würde sich zeigen, ob ihre Großmutter auf dem Totenbett noch ganz bei Sinnen gewesen war.

Das Tor quietschte leise, als sie es zögernd aufdrückte und der Kies knirschte unter ihren Fußsohlen, als sie den Hauptpfad entlang schritt. Gleichzeitig beschleunigte sich abermals ihr Herzschlag und hämmerte wie ein Schmiedehammer in ihrer Brust. Erneut hielt sie inne, schaute sich sichernd nach allen Richtungen um und überblickte dann die einsam und verlassen in der Nachmittagssonne liegenden Grabstätten, die einen trostlosen Eindruck machten. Sie waren von Moosen und Flechten überwuchert. Einige Grabsteine waren im Laufe der Zeit umgefallen, andere halb im Erdreich versunken. Die Schatten in den Mauerecken wurden bereits länger. Aus dem Augenwinkel meinte sie zu sehen, wie eine Gestalt hinter der Mauer abtauchte, aber vielleicht hatten ihre überreizten Nerven sie bloß getäuscht.

Hierher, in diese gottverlassene Einöde, verirrten sich keine Hotelgäste.

Die bloße Existenz dieser Gräber war für Lisa immerhin der erste reale Beweis, dass die seltsame Geschichte ihrer Großmutter nicht der Fantasie der alten Frau entsprungen war. Es handelte sich allerdings nicht um eine bloße Gedenkstätte.

Tatsächlich handelte es sich hier um einen Friedhof. Das fand sie äußerst merkwürdig! Wo sich ein Friedhof befand, waren mit Sicherheit auch Leichen begraben worden. Wie vertrug sich das mit der Erzählung, der angeblich verschwundenen Opfer des Totensees? Mit noch immer klopfendem Herzen und abwesendem Blick stromerte sie einmal quer durch die Gräberreihen und erhaschte hier und da eine verwitterte Grabinschrift. Nach und nach beruhigte sie sich und ihr gesunder Menschenverstand gewann wieder die Oberhand. Sie beschloss, die Suche nach der Grabstätte ihrer verstorbenen Großtante systematischer anzugehen.

Lisa versuchte mit ihren Augen die Größe des Friedhofs abzuschätzen. Dabei bemerkte sie, dass die Sonne schon tief im Westen stand und die Bäume lange, dunkle Schatten warfen. Der Wind hatte ein wenig aufgefrischt und brachte sie zum Frösteln.

Zum allerersten Mal beschlich Lisa an diesem Nachmittag das dumpfe Gefühl, dass der Totensee dunkle Geheimnisse verbarg, die besser nicht ans Tageslicht kommen sollten. Hier war sie weit, weit weg vom modernen Wellness Betrieb der Hotelanlage. Und auch sehr einsam. Sie schaute sich um, keine Menschenseele war zu entdecken.

Lisa machte sich daran, alle Gräberreihen systematisch abzuschreiten und die Gräber zu zählen. Außerdem wollte sie dabei Ausschau nach dem Grab halten, welches sie suchte. Aber sie machte sich keine übertriebene Hoffnung, die Stelle schon heute ausfindig zu machen. Langsam brach die Abenddämmerung herein und sie hielt sich in einer besonders schattigen Ecke auf. Außerdem waren viele Gräber mit Moos und anderen Flechten derart überwuchert, dass man kaum die Inschriften entziffern konnte. Womöglich musste sie einige Grabinschriften freilegen, um die Namen zu lesen.

Mit gesenktem Kopf und verschränkten Armen, um das Frösteln zu unterdrücken, wanderte Lisa an den Gräbern entlang. Sie kam nur langsam voran. Zufällig hatte sie die älteste Ecke des Gräberfeldes erwischt, was daran zu erkennen war, dass die Grabsteine so verwittert waren, dass die Inschriften nur noch mühsam zu entziffern waren. Ab und zu erhaschte sie eine Jahreszahl.

Dabei fiel Lisa noch eine Tatsache unangenehm ins Auge, die ihr ihre Großmutter nicht erzählt hatte oder hatte sie nichts davon gewusst?

Sie verdrängte das aufkeimende Gefühl drohenden Unheils, kramte einen Stift und ein gefaltetes Blatt Papier aus der Tasche ihrer Jeans und überschlug die Anzahl der Grabstätten, indem sie ihre eigenen Schritte abzählte.

Lisa maß auf diese Weise die Breite und Länge der Anlage und einzelner Gräber. Sie kam auf die erschreckende Anzahl von über tausend Gräbern. Allerdings relativierte sich diese Zahl, weil sich der Zeitraum der Begräbnisse auf über achthundert Jahre erstreckte. Das machte ein bis zwei unerklärliche Todesfälle pro Jahr aus. Inzwischen war sie bei den Feldern aus dem zwanzigsten Jahrhundert angelangt.

Plötzlich meinte sie, einen bekannten Namen erkannt zu haben und ging in die Hocke, um die Inschrift genauer zu betrachten. Sie streckte gerade die Hand aus, um die moosbedeckten Buchstaben eines Namens, der mit einem „M“ begann, freizulegen.

„Na, wie war ich?“, hörte sie, wie aus dem Nichts, eine fröhliche Stimme hinter sich und erlitt vor Schreck fast einen Herzinfarkt. Mit heftig zitternden Knien sank sie ins hohe Gras und fiel mit ihren Oberkörper gegen den Grabstein.

Als Lisa das Gesicht hob, erkannte sie Jonas, der über sie gebeugt da stand und sie frech angrinste. Allerdings wechselte sein Ausdruck zu ehrlicher Sorge, als er bemerkte, wie stark er sie erschreckt hatte.

„Oh, entschuldige, das wollte ich nicht. Tut mir leid. Ich wollte die alten Leutchen nur ablenken, damit du den Mönch ausfragen konntest. Dir liegt was auf der Seele, das merke ich dir an,“ sagte er mit besorgter Stimme und hockte sich zu ihr ins hohe Gras.

Lisa brachte nur ein kraftloses Nicken zustande und meinte müde:

„Für heute reicht es mir. Ich bin erschöpft und will in mein Zimmer. Vielleicht erzähle ich dir die Geschichte mal, aber nicht mehr heute.“

Sie streckte ihm ihre Hand hin, damit er ihr aufhalf und war immer noch so angeschlagen, dass sie sich bei ihm einhaken musste. Gemächlich wanderten sie ins Hotel zurück.

Zusammen mit der Gruppe der Neuankömmlinge nahm Lisa ein frühes Abendessen ein, bei dem sie sich geduldig die Geschichten der alten Herren über ihre sportlichen Erfolge anhörte. Sie fühlte sich fast wie bei ihrer Arbeitsstelle im Seniorenheim. Lisa beobachtete, wie Jonas mit der selbsternannten Kräuterhexe und Bruder Ansgar über seltene Kräuter fachsimpelte und tauschte mit ihm einen amüsierten Blick aus. Anschließend suchte sie ihr Hotelzimmer auf. Sie schaffte es gerade noch, sich die Zähne zu putzen, bevor sie erschöpft in ihr Bett fiel und auf der Stelle einschlief.

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11. Kapitel

In den frühen Morgenstunden verfiel Lisa in einen unruhigen Schlaf. Sie wachte davon auf, dass ein blaues Blinklicht durch das offene Fenster sein grelles, rotierendes Licht bis auf ihre Bettdecke schickte. Sie meinte, auch das schwache Geräusch eines Martinshorns in der Ferne zu vernehmen.

Wie von Furien gejagt sprang Lisa aus dem Bett und stolperte schlaftrunken ans Fenster. Die kühle Nachtluft belebte schlagartig ihre Sinne. Waghalsig beugte sie sich hinaus über die Brüstung und forschte in der Dämmerung nach der Ursache des Blaulichts.

Der bläuliche Schein kam aus der Richtung, in der sie den See vermutete. Seine riesige, schwarze Fläche wirkte im bleichen Mondlicht tatsächlich wie der Höllenschlund und strahlte etwas Unheilverkündendes aus. Es waren in der Tat mehrere Blaulichter, die eine gespenstische Szenerie beleuchteten.

Ganz schwach meinte sie in der langsam aufkommenden Morgendämmerung mehrere Fahrzeuge als kleine Punkte am Seeufer zu erkennen. Sie kniff angestrengt die Augen zusammen. Polizeifahrzeuge? Feuerwehr?

Unwillkürlich überkam Lisa ein nie gekannter Adrenalinschub. Jetzt gab es kein Halten mehr. Nichts und Niemand würde sie davon abhalten, den Dingen hier auf den Grund zu gehen.

Flüchtig tauchte in ihrem Kopf noch der Gedanke auf, ihren neuen Bekannten Jonas, dessen Zimmer sich nur einige Meter entfernt auf dem Flur befand, zu fragen, ob er mitkommen wollte. Lisa verwarf diesen Gedanken jedoch in der gleichen Sekunde, in der er sie streifte. Nein, das war allein ihre Angelegenheit. Sie würde keinen anderen Menschen da mit hineinziehen.

In Windeseile fuhr Lisa in ihre Jeans und streifte ein T-Shirt über. Dann raffte sie ihre Treckingschuhe zusammen und rannte mit fliegenden Haaren und bloßen Füßen, um kein lautes Getrampel zu verursachen, durch die menschenleere Hotelhalle in den Innenhof des Klosters.

Lisa drückte die Klinke des Haupttores.

„So ein Mist auch“, entfuhr es ihr. Es war verschlossen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich erneut um einige Takte. „War das hier nachts etwa ein Gefängnis?“

Mit fliegenden Händen hangelte sie sich an der Mauer entlang. Nach einigen Metern ertastete sie eine kleine Seiteneingangstür, die mit einem altmodischen Türschloss gesichert war. Lisa rüttelte energisch daran, nichts tat sich, offensichtlich auch abgeschlossen. Sie ging einige Meter rückwärts, nahm ordentlich Anlauf und rannte gegen das Hindernis, wobei sie versuchte, das Holz mit ihrem soliden Wanderstiefel einzutreten. Erstaunlicherweise hielt das Schloss stand, aber die Bohlen des Türblatts waren vom Alter morsch und splitterten entzwei.

Lisa bückte sich, bog die entstandene Öffnung mit den Händen auseinander und kroch hindurch. Schon befand sie sich im Freien. Mit zerkratzten Armen und von Brennnesseln geschundenen Beinen rappelte sie sich auf und peilte die Lage.

Genau, das Blinklicht zeigte ihr den Weg. Erst rannte sie Querfeldein, bis sich ein kleiner Trampelpfad im Morgengrauen zeigte, der in Richtung des dunklen Wassers führte. Lisa beschleunigte ihre Schritte. Jetzt kam ihr ihre Fitness zugute. Tag für Tag legte sie unzählige Schritte bei ihrer Arbeit zurück. Längere Strecken im Laufschritt bewältigte sie, dank dieses Trainings, routiniert. Endlich öffnete sich das Gebüsch und gab den Blick auf den Uferstreifen frei. Sie schätzte, dass sie nur etwa einen Kilometer gerannt war.

Ihr Laufschritt wurde durch ein weiß-rotes Absperrband brutal abgebremst, als sie um eine enge Kurve rannte. Fast hätte sie das Band zerrissen.

Obwohl gerade erst die Morgendämmerung hereinbrach, hatte sich wie aus dem Nichts eine überschaubare Menschenmenge versammelt. Vermutlich kamen die Leute aus dem nahe gelegenen Dorf, überlegte Lisa. Nachdem sie einige Sekunden, wie alle anderen, mit offenem Mund wie versteinert auf die gespenstische Szenerie gestarrt hatte, gewann ihr Verstand wieder die Oberhand.

Sie war nicht hier um zu glotzen, sondern um herauszufinden, was passiert war und ob das für ihre eigenen Nachforschungen eine Bedeutung hatte.

Ein sehr unangenehmes Ziehen in der Magengegend, das Lisa immer als Bauchgefühl bezeichnete, meldete ihr bereits jetzt, dass irgendetwas schreckliches hier am See passiert sein musste. Auch wenn sie bislang noch keinerlei Beweise dafür beibringen konnte, bis auf das große Aufgebot an Hilfskräften zu nächtlicher Stunde.

Sie zählte die Einsatzfahrzeuge. Es waren drei Polizeiwagen vor Ort, zwei wuchtige, große Feuerwehrfahrzeuge und ein Notarztwagen dessen hintere Türen offen standen und den Blick auf eine leere Bahre freigaben. Zu guter Letzt bemerkte Lisa einen schwarzen, altmodischen Leichenwagen mit einem vornehm eingravierten Engel auf der mattierten Seitenscheibe, dessen hintere Türen ebenfalls geöffnet waren. Auf der Erde, neben dem Fahrzeug lag ein Leichensack auf einer Bahre.

Lisa kannte sich mit solchen Dingen aus, schließlich arbeitete sie im Pflegeheim und der Tod war durchaus Alltag an ihrem Arbeitsplatz. Das Bestattungsinstitut Lange, holte fast wöchentlich die Verstorbenen ab. Aber da war Lisa auch sicher, dass alle nach aufopferungsvoller Pflege eines natürlichen Todes gestorben waren.

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12. Kapitel

Innerhalb des abgesperrten Geländes wuselten mehrere Personen umher. Sie sah einige Polizisten, unschwer an ihren Uniformen zu erkennen. Die in Zivil gekleideten Personen waren Kripobeamte, da war sich Lisa sicher. Die Mitarbeiter der Spurensicherung waren leicht auszumachen. Sie liefen in weißen Overalls herum und wirkten wie Außerirdische, die mit den ersten Strahlen der Morgensonne auf die Erde gerutscht waren. Jetzt verfolgte sie, wie eine ältere Frau, mit einer Arzttasche in der Hand, zum Leichensack ging und sich hinunterbeugte, um den Reißverschluss zu öffnen.

Vor lauter Entsetzen wurde Lisa schwindelig. Sie hatte vermutet der Sack sei leer, weil er so flach dalag. Das durfte einfach nicht sein, dass sich eine Leiche darin befand. Das konnte nur der tote Körper eines dünnen, schmalen Menschen sein. Die Frau war dann mit Sicherheit eine Gerichtsmedizinerin.

Es gab kein Halten mehr für Lisa. Sie beugte sich unter dem Plastikband hindurch und lief in Windeseile auf die Frau zu, die gerade den Sack öffnete.

Sofort rannten mehrere Polizisten hinter ihr her, um sie abzufangen. Vergeblich. Lisa schlug Haken wie ein Feldhase und flitzte schnell wie ein Wiesel den Uniformierten davon. Aus vollem Lauf, so dass die Grassoden stoben, stoppte sie vor der Ärztin und beugte sich schwer atmend, mit den Händen auf ihren gebeugten Knien, nach vorne. Keuchend stieß sie hervor:

„Bitte, ich muss die Leiche sehen. Vielleicht kenne ich den Toten.“

Verwundert nickte die Frau und öffnete den Kunststoffsack. Darin lag tatsächlich eine sehr zierliche Gestalt. Ein Teenager von vielleicht sechzehn Jahren. Lisa hatte das Gefühl, als würde sich die Welt um sie herum drehen. Die Geschichte ihrer Großmutter wiederholte sich, genau in diesem Augenblick.

Und in diesem Moment wurde ihr auch klar, dass die Geschichte der Verstorbenen der Wahrheit entsprach. Sie hatte nichts erfunden und nichts ausgedacht. Das Mädchen, das leblos zu ihren Füßen lag, war der Beweis. Die Geschichte wiederholte sich. Allerdings war dieses Opfer nicht verschwunden, sondern lag leblos zu ihren Füssen!

Es war wieder passiert!!! Der Totensee hatte seinen Tribut gefordert.

„Es ist ein Teenager,“ keuchte sie. Die Ärztin sah sie vollkommen verblüfft an:

„Ja, das stimmt. Ein etwa sechzehnjähriges Mädchen. Vermutlich war es ein Schwimmunfall und sie ist ertrunken.“

Lisa wandte sich ab und sagte mit erstickter Stimme:

„Sie ist es nicht. Ich kenne dieses Mädchen nicht.“

Dann sprang sie auf und rannte, wie von Furien gejagt, davon. Blitzschnell tauchte sie unter der Absperrung hindurch und floh in den Wald hinein. Irgendwann stolperte Lisa und fiel der Länge nach auf den weichen Moosboden.

Für eine gefühlte Ewigkeit blieb sie dort liegen, bis ihr Atem sich beruhigte und sie wieder bei Sinnen war.

Lisa erhob sich mühsam und wanderte in gemächlicherem Tempo durch den Wald zurück zur Absperrung. Allerdings hielt sie sich diesmal sehr im Hintergrund, hinter halbhohen Büschen versteckt, um nur ja nicht die Aufmerksamkeit der Polizisten oder eines der Kripobeamten zu erregen. Sie hatte genug Aufruhr verursacht. Was sollte sie denn antworten, wenn die Kripo sie in die Mangel nahm?

Mit der Story, die sie von ihrer Großmutter gehört hatte, machte sie sich doch nur lächerlich. Vermutlich war die Jugendliche bei einem Badeunfall ertrunken. Punkt aus und Schluss. Die Obduktion würde sicherlich ergeben, dass Wasser in die Lungen eingedrungen war, was auf einen Tod durch Ertrinken schließen ließ. Vielleicht war auch Alkohol mit im Spiel gewesen. Auch das würde die Polizei sicherlich überprüfen.

Lisa saß in den Büschen in der Nähe des Ufers und dachte intensiv nach.

Inzwischen war die Nacht dem Tag gewichen und die Morgensonne kroch über den Horizont. Ihr Magen machte sie darauf aufmerksam, dass er nach Nahrung verlangte, indem er lautstark knurrte. Lisa beschloss, zurück ins Hotel zu wandern, um eine heiße Dusche zu nehmen und zu frühstücken.

Sie stand auf und nahm abschließend die ganze Szenerie in sich auf. Im Morgenlicht wirkte nicht mehr alles so gruselig wie in der Nacht, aber trotzdem hatte Lisa das Erlebnis hier nicht geträumt. Der Leichenwagen war inzwischen mit seiner traurigen Fracht abgefahren. Eine verzweifelt aussehende Frau rannte am Ufer hin und her. Ihr verzweifeltes Weinen wehte bis in Lisas Versteck hinüber. Sie beobachtete, wie eine Polizistin die Frau am Arm fasste und versuchte, sie zu beruhigen. Das gelang ihr nicht so richtig. Die Frau wurde in den Notarztwagen gebracht, der mit Blaulicht davon raste. Hinter dem Absperrband befanden sich, immer noch oder schon wieder, neue Schaulustige.

Eine Person aber konnte Lisa sofort ausmachen. Die charakteristische Gestalt war unverkennbar. Als sich ihr Blick in seinen Rücken bohrte, drehte er sich um und entdeckte Lisa in den Büschen. Augenblicklich huschte ein Lächeln über sein Gesicht und er kam auf sie zu.

Sie begrüßten sich, fast schon ein wenig vertraut und machten sich gemeinsam zurück auf den Weg in das Klosterhotel. Auch Jonas gab zu erkennen, dass er fast am Verhungern war.

Als ob er ihr Kommen heimlich beobachtet hätte, öffnete ihnen Bruder Ansgar das Tor zum Innenhof. Lisa bemerkte, wie er sie mit unergründlichem Blick musterte, aber seine Neugier offensichtlich zügelte.

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