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Beth MacLean

Homestory – Die Enthüllung

(Part 3)

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2021

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© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Helen Hotson – shutterstock.com

© kiuikson – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-502-2

ISBN 978-3-96089-503-9 (epub)

Inhalt:

Tom hat mit seinen Enthüllungen die Medienwelt erschüttert. Um dem Trubel zu entgehen, flieht er nach Schottland und taucht unter. Er ahnt nicht, dass sein Leben dennoch aus den Fugen geraten wird …

Jake bekommt die Auswirkungen von Toms Artikel zu spüren. Nach einem Einbruch in sein Appartement will er London verlassen, da er sich nicht mehr sicher fühlt. Das ist allerdings nur einer der Gründe, die ihn zu einem wagemutigen Entschluss treiben …

Kapitel 1

Jake starrte auf den überdimensionalen Bildschirm, der vor den Laufbändern an der Wand hing, und behielt seinen Rhythmus bei, spürte, wie die Beinmuskeln arbeiteten. Seit fast zwei Stunden nutzte er den Fitnessbereich des Hotels und während der ganzen Zeit wurden auf dem ausgewählten Kanal aktuelle Clips aus den Charts gezeigt. Normalerweise half ihm die Musik, Termindruck, Stress und die Übungen, die sein Trainer Will ihm jeden Vormittag aufbrummte, besser zu ertragen und zumindest für die Dauer der Einheiten abzuschalten.

Heute jedoch funktionierte das nicht. Heute war der Tag, an dem Toms Enthüllungsartikel veröffentlicht worden war. Eben jener skandalöse Artikel, über den er vor gut einer Woche im Cottage gesprochen und den er anschließend tatsächlich geschrieben hatte. Seine Assistentin Janine hatte Jake gleich am Morgen ein Exemplar per Bote zustellen lassen und dann mit ihm telefoniert, um ihrem Ärger Luft zu machen, weil er sie nicht eingeweiht hatte. Ab diesem Zeitpunkt kreisten seine Gedanken um nichts anderes als um die durch Erpressung entstandene Homestory. Wie mochte es wohl erst Tom ergehen?

Es war real geworden. Tom hatte sich mit einer führenden Vertreterin der Medienwelt angelegt. Vielleicht hätte Jake der Tatsache, dass sein Freund sich in ein Haifischbecken gewagt hatte, gar nicht über die Maßen Beachtung geschenkt, da er Tom durch seinen Anwalt Leland Harrison gut vertreten wusste – wenn nicht Jake selbst eine der Hauptrollen in diesem Thriller innehätte. Die Aufmerksamkeit, die Jake schon unter normalen Umständen zuteilwurde, konnte bisweilen sehr anstrengend sein. Jetzt allerdings würde die Jagd auf ihn vermutlich ungeahnte Ausmaße annehmen und ihn umso mehr zum Rückzug und Schutz seiner Privatsphäre zwingen – dabei war das pikanteste Detail, nämlich dass Tom und er ein Paar waren, noch nicht einmal bekannt.

Keuchend tippte er beim Laufen auf den Geschwindigkeitsregler und sah zu, wie die Leiste mit den blinkenden Lichtern kürzer wurde. Das Motorengeräusch veränderte sich und ging schließlich in ein Brummen über, ehe es verstummte und Jake auf dem Band stehen bleiben konnte. Sein Herz schlug kräftig, der Schweiß trat ihm aus allen Poren und bildete dunkle Flecken auf seinem Shirt. Jake griff nach dem Handtuch, das er über einen der Haltegriffe gehängt hatte, wischte sich damit übers Gesicht und stieg vom Gerät. Nach einem Schluck aus einer Wasserflasche sah er sich um und entdeckte Will schließlich an einer Maschine, mit der er die Brustmuskeln trainierte. Jake hatte nichts dagegen, dass Will während der gebuchten Zeit seine eigenen Übungen absolvierte. Er würde nie auf die Idee kommen, zu verlangen, dass er die ganzen fünfundvierzig Minuten tatenlos neben dem Laufband ausharrte, um ihm beim Schwitzen und Rennen zuzusehen. Jake durchquerte den Raum und lockerte beim Gehen seine Beinmuskulatur. Ohne, wie manch anderer, einen Blick in die Spiegel an den Wänden zu werfen, legte er das Frottee auf eine Hantelbank in Wills Nähe und setzte sich. Der bleckte die Zähne, stieß zischend seinen Atem aus und vollendete mit letzter Kraftanstrengung die Wiederholung, ehe er die Gewichte herab sacken ließ.

»Du hast dein Kardiotraining nicht ordentlich mit einer Auslaufphase beendet«, kritisierte er Jake sofort mit überraschend fester Stimme, obwohl er sichtlich um Atem rang und seine Arme kraftlos auf seinen Schenkeln lagen.

»Echt jetzt? Ich war die ganze Zeit am anderen Ende des Raums – trotzdem hast du das mitbekommen?«

Will zuckte mit den Schultern. »Hey, du bezahlst mich dafür.« Seine Augen wurden schmal. »Eigentlich sollte ich dich die Übung auf dem Laufband zur Strafe wiederholen lassen.«

»Wenn du das verlangst, dann muss ich dich rauswerfen«, drohte Jake im Scherz.

»Das würdest du übers Herz bringen?«

Er lachte auf. »Nein … oder ich würde dich spätestens morgen wieder einstellen.«

»Ich glaube, wir sind für heute durch, oder?«, fragte Jake hoffnungsvoll nach einem Blick auf seine Uhr, wollte sich aber nicht zu früh freuen. Will konnte immer für eine Überraschung gut sein.

Doch er nickte und entließ Jake mit einem Rat. »Tu deinem Körper noch etwas Gutes … eine Massage … oder ein, zwei Durchgänge in der Sauna.«

»Werd’s mir überlegen.«

Jake zog die Tür seiner Umkleidekabine hinter sich zu und blieb unschlüssig in dem kleinen Raum stehen. Sollte er sich nur schnell seine Sweatjacke überziehen und nach oben fahren, um ungestört in seinem Appartement zu duschen? Oder war es besser, doch noch ein wenig Ablenkung und Entspannung im Spabereich zu suchen, wie Will ihm geraten hatte? Der Gedanke an blubberndes Wasser oder duftendes Massageöl war zwar äußerst verführerisch, aber die Aussicht auf neugierige Blicke und Tuscheleien schreckte ihn ab. Kurz entschlossen stopfte Jake sein Handtuch in die Sporttasche, schlüpfte in die Jacke und zog die Kapuze über seine verschwitzten Haare.

Wenig später zeigten die beleuchtete Nummer im Fahrstuhl und eine leise Melodie an, dass er das gewünschte Stockwerk erreicht hatte. Mit gesenktem Kopf bog er in den Etagenflur ab, in dem sein Appartement lag. Nur noch wenige Meter und er würde sein Ziel erreicht haben, ohne einem anderen Hotelgast über den Weg gelaufen zu sein. Jake kramte die Schlüsselkarte aus dem Seitenfach der Sporttasche und blieb irritiert stehen. Die Tür war nur angelehnt. Seltsam. Ein rascher Blick über den Flur bestätigte ihm, dass er nichts übersehen hatte – kein Wäsche- oder Geschirrwagen des Servicepersonals. Er hatte nichts bestellt und weit und breit war keine Putzkolonne unterwegs. Verunsichert überprüfte er den Metallbeschlag mit der Nummer. Es war definitiv sein Zimmer.

»Was zum Teufel …?« Jake stupste die Tür mit dem Finger einen Spalt auf. »Hallo?« Das Kribbeln in seinem Nacken verstärkte sich. »Ist da jemand?« Was erwartete Jake? Wer sollte schon Antwort geben? Sein Team gewiss nicht. Nach dem Ende der offiziellen Termine hatte er sich ein paar Tage freigenommen und war in ein kleineres Appartement umgezogen, das er allein bewohnte.

Und jemand, der sich unbefugt Zutritt verschafft hatte, würde sich bestimmt nicht zu Wort melden. Aber war so etwas überhaupt möglich – in einem gut bewachten Haus wie diesem? Eine absurde Vorstellung. Dennoch hielt das komische Gefühl sich beharrlich.

Jake trat vorsichtig ein und lauschte. Nichts. Der Wohnbereich schien unverändert zu sein. Erst als er seinen Rundgang im Schlafzimmer beendete, offenbarte sich das Ausmaß des unerwünschten Besuchs. Die Schränke und auch einige der Schubladen standen offen. Ein Teil des Inhalts lag verstreut auf dem Boden.

»Daingead!«, fluchte Jake und ging zurück zum Schreibtisch, um jemanden vom Hotelmanagement zu informieren. Hastig drückte Jake die entsprechende Taste und presste den Hörer ans Ohr. »Ja, Crawford hier. In mein Appartement wurde eingebrochen.« Jake nickte, obwohl der Mann am anderen Ende der Leitung ihn nicht sehen konnte. »Nein. Machen Sie sich keine Sorgen. Es ist niemand hier. Außerdem wird ja wohl in wenigen Augenblicken ihr Sicherheitspersonal da sein. … Nein. ... Ich möchte mir erst einen Überblick verschaffen, um festzustellen, was gestohlen wurde.« Jake legte auf und atmete tief durch. Dann kramte er sein Handy aus der Tasche und rief seine Assistentin an. »Jan? Hier wurde eingebrochen«, informierte er sie knapp, als sie sich meldete. »Na, hier … in mein Appartement«, setzte er gereizt nach. »Nein, mir geht es gut. Ich habe eben mit dem Management gesprochen. Wahrscheinlich wimmelt es in Kürze von Polizisten. Könntest du Leland anrufen und ihn bitten, herzukommen?« Sein Blick fiel auf das Magazin, das sie ihm morgens geschickt hatte. In großen Lettern prangte die skandalträchtige Überschrift auf dem Cover. Der Artikel, in dem Tom gnadenlos mit seiner ehemaligen Chefin abrechnete und ihre Machenschaften aufdeckte, erstreckte sich über zwei Seiten. Jake hatte ihn mehrmals gelesen. Er war gut – und gefährlich. »Okay, Janine. Bis dann.« Jake beendete das Gespräch. »Der Tag fing gut an und geht noch grandioser weiter«, murmelte er voller Sarkasmus. Die Anspannung der letzten Zeit gipfelte in diesem Einbruch und er musste sich eingestehen, dass ihm langsam alles zu viel wurde. Jake lehnte sich seufzend gegen die Wand und hatte das Gefühl, etwas hindere ihn am Atmen. Er wünschte sich sehnsüchtig an irgendeinen anderen Ort. Nein, nicht irgendeinen – an den Ort, an dem Tom sich aufhielt.

Jake hörte Fußgetrappel und Stimmen auf dem Flur. Er begab sich nach draußen, wo ihn kurz darauf mehrere Männer in Uniformen umringten.

Jake verschränkte die Arme vor der Brust und lief unruhig unter den Augen des Hotelmanagers in dessen Besprechungszimmer auf und ab. »Wir bitten, die Unannehmlichkeiten zu entschuldigen«, wandte der sich an seinen prominenten Gast, nachdem das Servicepersonal diverse Getränke und Snacks aufgefahren hatte. Es fiel Jake schwer, sich auf das unablässige Gerede zu konzentrieren. Seit man ihn vor einer halben Stunde in die Räumlichkeiten der Verwaltung geführt hatte, war der Hotelchef nicht müde geworden, sich bei Jake nach dessen Befinden und Wünschen zu erkundigen. »Seien Sie versichert, dass wir mit der Polizei zusammenarbeiten werden, um den Sachverhalt vollumfänglich aufzuklären.«

Jake hatte zwar mit ihm telefoniert, als er die Straftat meldete, musste jedoch seine Gedächtnislücke kompensieren, indem er sich zum Schreibtisch wandte, um einen Blick auf das Namensschild zu werfen. »Davon gehe ich aus … Mister Morris«, erwiderte er abwesend. Er fühlte sich unwohl, verbarg dies jedoch, indem er den Verantwortlichen mit einem Lächeln bedachte. Der Endfünfziger hatte schwarze, vermutlich gefärbte Haare, trug einen Maßanzug in dunklem Blau und so wie er da stand, hätte man vermuten können, dass er einen Stock verschluckt hatte. Jake unterdrückte ein Seufzen. Wenigstens war er mit einem Bademantel versorgt worden und hatte das feuchte Shirt ausziehen können.

Die Minuten zogen sich wie Kaugummi und Jake konnte die Spannung beinahe mit den Händen greifen, während sie schweigend auf die Ermittler warteten. Bereits ungezählte Male hatte Jake die Uhr an der Wand mit einem Blick gestreift. Der Sekundenzeiger schien sich in Zeitlupe zu bewegen. Niemand sagte ihm, was genau nun passierte und wie lange das dauerte. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken.

Der Manager reagierte sofort und nahm den Hörer ab. »Ja?« Mit gerunzelter Stirn sah er Jake an. »Sie soll reinkommen.«

Einen Augenblick später betrat Janine das Büro und steuerte sofort auf Jake zu, als sie ihn entdeckte. »Jake, du meine Güte! Wie geht es dir?« Sie sah ihn besorgt an, doch einen Moment später änderte sich ihre Mimik und sie war wieder die organisierte Mitarbeiterin, die er so schätzte. Laut genug, sodass es Morris hören konnte, informierte sie Jake. »Die Kanzlei Harrison & Clark wurde bereits benachrichtigt. Ich vermute, dass Mister Harrison demnächst hier eintreffen wird.« Jake sah aus dem Augenwinkel, wie der Manager einen Tick bleicher wurde. Vermutlich malte er sich gerade aus, wie ihm wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen die Hölle heißgemacht wurde.

«Gut«, antwortete Jake in ähnlicher Lautstärke, um dann gemäßigter fortzufahren. »Ich durfte nichts aus dem Appartement mitnehmen. Alle meine Sachen sind noch dort … ich konnte mich nicht mal umziehen. Tu was, Jan! Besorg mir irgendwas … ich müffele wie ein altes Bärenfell.«

Erst jetzt schien sie den Bademantel und seine Sportschuhe wahrzunehmen. Sie nickte und legte besänftigend eine Hand auf seinen Arm. »Wird sofort erledigt. Kein Problem. Ich bring dir ein paar neue Klamotten. Sportlich und elegant.« Kaum hatte sie das letzte Wort gesprochen, vergrößerte sich die Zahl der Anwesenden. Zwei Männer betraten den Raum, nannten ihre Namen und wiesen sich als zuständige Ermittler aus. Ihre Dienstkleidung hielt Janine nicht davon ab, eine spitze Bemerkung loszuwerden, obwohl seit Jakes Anruf nicht einmal eine Stunde vergangen war. »Das wurde aber auch Zeit.«

»Mister Crawford?«, wandte sich der größere der beiden Herren an Jake, ohne auf ihren schnippischen Tonfall einzugehen. »Wir haben uns Ihr Appartement angesehen. Die Spurensicherung ist noch oben und während die Daten des Schließsystems ausgewertet und die Aufnahmen der Überwachungskameras gesichtet werden, muss ich ein paar Fakten zum Tathergang abklären.«

»Bevor Sie mit der Befragung beginnen, möchte ich meinem Mandanten unter vier Augen sprechen.« Alle Anwesenden richteten ihre Aufmerksamkeit auf den Mann, der soeben zu ihnen gestoßen war, seinen Mantel der Sekretärin reichte und eine unscheinbare Aktentasche auf dem Tisch ablegte. Leland Harrison bedachte die Ermittler mit einem dünnen Lächeln. Er hatte eine Bitte formuliert, es war jedoch eindeutig, dass er keinen Widerspruch duldete. »Dürften wir Ihre Räumlichkeiten für eine kurze Unterredung nutzen?« Damit hatte er sich an den Hotelmanager gewandt, der ohne Zögern einwilligte.

Jakes Anwalt wartete, bis die Tür geschlossen wurde. »Alles in Ordnung?« Kaum war er mit Jake allein, fiel die arrogante Fassade von ihm ab.

»Jetzt schon«, antwortete Jake und fühlte, wie ihn Erleichterung durchströmte.

Leland nickte ihm ermutigend zu. »Erzähl mir, was passiert ist. Alles, was dir einfällt. Jede Kleinigkeit.« Er unterbrach den Blickkontakt mit Jake nur, um ein paar lose Blätter, die das Wasserzeichen der Kanzlei trugen, aus seiner Tasche zu nehmen und einen edlen Füllfederhalter bereitzulegen.

Jake fasste den Morgen kurz zusammen. »Ich habe zusammen mit Will ein paar Trainingseinheiten absolviert. Heute bin ich danach ausnahmsweise gleich zurück zum Appartement. Als ich die Schlüsselkarte einstecken wollte, habe ich bemerkt, dass die Tür nur angelehnt war. Ich bin reingegangen, habe mich umgesehen und …«

Lelands strenger Blick ließ Jake verstummen. »Das war äußerst leichtsinnig von dir.«

Jake fuhr sich durch das Haar. »Es ist ja nichts passiert«, wiegelte er ab, gab seinem langjährigen Freund jedoch insgeheim recht. Die Vorstellung, was hätte geschehen können, verdrängte er.

Leland erhob sich und schritt durch den Besprechungsraum. Er hatte einen Finger an die Lippen gelegt und überlegte. »Was denkst du, wer es war?«, murmelte er und Jake beschlich das Gefühl, dass sein Gegenüber bereits eine genaue Vorstellung davon hatte, wer für dieses Chaos verantwortlich war.

Jake konnte sich keinen Reim darauf machen und war nahe dran, aufmüpfig zu fragen, ob das Lösen dieses Rätsels nicht Aufgabe der Polizei war. »Wer es war?«, echote er und zuckte die Schultern. »Das weiß ich doch nicht.«

Lelands Augen verengten sich. »Vielleicht hilft dir die Frage weiter, warum das gerade jetzt passiert ist.«

Mit einem Mal durchzuckte es Jake siedend heiß. »Du denkst doch nicht etwa …« Er ließ den Satz unvollendet. Dieser Gedanke war im Grunde so absurd, dass es Jake die Sprache verschlug.

»Ich brauche wohl nicht erwähnen, wem ich das alles zutraue.« Leland zog eine Augenbraue hoch. »Sharon Prescott«, offenbarte er seine Gedanken nach einer kurzen Pause. Beschwichtigend hob er gleich darauf die Hand. »Natürlich warten wir die Ermittlungen ab. Du weißt schon … immerhin gibt es da den Grundsatz, dass jemand so lange als unschuldig gilt, bis seine Schuld … und so weiter und so fort«, leierte er herunter. »Aber … überleg doch … nichts liegt näher. Es gibt einen sachlichen und einen zeitlichen Zusammenhang. Den übrigens auch die Polizei schon bald auf dem Radar haben wird.«

Jake stöhnte auf. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen und fühlte sich wie ein Boxer, der im Bademantel in der Kabine saß, nachdem er ausgeknockt worden war.

Leland räusperte sich. »Tom hat mir alles über euch erzählt.« Erschrocken fuhr Jake hoch und spürte, wie Schamesröte sein Gesicht überzog. Leland war ein sehr guter Freund – aber er war hetero und zudem gehörte er einer anderen Generation an. Jake konnte sich trotz ihres guten Verhältnisses nicht vorstellen, alle Erfahrungen mit ihm zu teilen.

Jakes Reaktion schien ihm nicht verborgen zu bleiben. »Nun ja … vermutlich nicht alles … keine Sorge. Aber ich fürchte, ihr müsst eure Pläne überdenken. Hast du wirklich geglaubt, Tom und du, ihr kommt da durch, ohne anzuecken? Sie … oder wer immer es gewesen ist … hat mit dieser Aktion auf jeden Fall verhindert, dass du dich, wir ihr es geplant hattet, im Hintergrund halten kannst.« Er machte eine weitschweifende Armbewegung durch die Luft. »Wegen Toms Enthüllungsartikels hättest du vermutlich sowieso aussagen müssen … aber eben erst in ein paar Wochen oder gar Monaten. Bis dann wäre genug Zeit vergangen, um euch mit eurem Outing als Paar auseinanderzusetzen. Jetzt ist das nicht mehr … oder zumindest nur noch bedingt möglich. Deine Befragung wird schon um einiges früher durchgeführt werden … und höchstwahrscheinlich expliziter ausfallen. Die werden tiefer bohren. Darauf kannst du dich verlassen.« Er nickte vielsagend mit dem Kopf. »Die werden ihre Hausaufgaben machen und dann genau wissen, was aktuell bei dir läuft. Sie versuchen sicher, eine Verbindung zum Enthüllungsartikel herzustellen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann deine Beziehung zu Tom rauskommt – vielleicht Stunden, höchstens Tage.«

»Und wenn ich nichts von Tom und mir erwähne? Oder einfach sage, dass wir nur miteinander bekannt sind? So, wie wir es vorhatten? Dann gibt es nur die Verbindung, die durch Prescotts Erpressung entstanden ist und Tom gilt weiterhin als Alleingänger.«

»Du weißt nicht, was Tom aussagt, wenn sie ihn befragen. Lügen fallen auf dich zurück. Mit einer Falschaussage machst du alles nur noch schlimmer. Was willst du denn antworten, wenn du gefragt wirst, in welcher Beziehung du zu ihm stehst? Die Zurückhaltung von Informationen kann als Behinderung der Ermittlungen angesehen werden.«

Jakes Unsicherheit entlud sich. »Das war ein Einbruch, Herrgott, niemand ist zu Schaden gekommen. So groß wird das schon nicht aufgerollt werden, oder? Was soll ich denn jetzt tun?«, platzte er heraus. »Du kannst mich doch nicht dermaßen demotivieren, sondern musst mich bestmöglich beraten, verdammt!«

Leland ließ sich durch Jakes Ausbruch nicht aus der Fassung bringen. »Ich möchte dich nur auf die Befragung vorbereiten. Wenn ich gleich zu Beginn anmerke, dass du deine Aussage verweigerst, dann beißen die sich umso mehr fest. Der Artikel ist heute erschienen. Denkst du vielleicht, dass die nicht eins und eins zusammenzählen können? Ein Anruf bei den Kollegen, die die Erpressung bearbeiten, genügt.«

Jake lachte hart auf. »Dann ist es also so, dass Sharon Prescott uns, sogar ohne zu wissen, dass wir zusammen sind, schon wieder eins ausgewischt hat.«

»Wenn sie es war«, warf Leland ein und hob mahnend den Zeigefinger.

Jakes Gedanken überschlugen sich. Wie viel sollte er der Polizei preisgeben beziehungsweise verschweigen, um Toms und sein Geheimnis zu bewahren? Und wenn er gezwungen war, ihr Verhältnis zuzugeben? Würde Tom ihm verzeihen können?

Jake stöhnte auf, als ihm ein weiterer Gedanke durch den Kopf schoss.

»Hey, wenn sogar hier im Hotel in mein Appartement eingebrochen wurde … quasi mit hohem Risiko. Was ist dann mit Toms Wohnung? Sollte die Polizei nicht auch dort mal nachsehen? Und was wollte der … oder die … Einbrecher überhaupt bei mir? Was hoffte er, zu finden?«

»Vielleicht Hinweise, dass du Tom angestiftet hast. Das würde dir auf jeden Fall schaden und Toms Artikel in ein schlechtes Licht rücken. Er wäre dann nur noch ein Handlanger und nicht mehr der investigative Journalist.«

Jake fühlte Übelkeit aufsteigen. Diese Sache schien völlig aus dem Ruder zu laufen. Die Möglichkeit, dass Sharon Prescott ihre Krallen ausfuhr, um sie mit in die Tiefe zu reißen, hatten Tom und er offenbar nicht ausreichend bedacht.

»Bereit?« Leland legt eine Hand auf Jakes Arm und ging zur Tür, als der nickte. »Wir können mit der Befragung beginnen«, informierte er die Polizisten, die im Vorzimmer gewartet hatten und Jake wenige Augenblicke später gegenübersaßen. Der Schmächtige zog eine Zeitschrift hervor, die er unter den Arm geklemmt hatte, und legte sie auf den Tisch, sodass das Cover sichtbar war. Sofort fiel Jakes Blick auf die Schlagzeile und er vermutete, dass der Polizist das Magazin bei der Besichtigung des Appartements an sich genommen und mitgebracht hatte. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Dabei war er doch das Opfer und nicht der Angeklagte. Zum Glück setzte Leland sich neben ihn. Ein beruhigendes Gefühl. Sie hatten alles abgesprochen und im Notfall würde Jake einfach den Mund halten und seinen Anwalt sprechen lassen.

»Nun, Mister Crawford«, begann der ältere der beiden Polizisten, der von Beginn an das Wort geführt hatte. Er überragte seinen Kollegen um einen ganzen Kopf und sein Augenbrauenwulst trug dazu bei, dass er entfernt an einen Höhlenmenschen erinnerte. Alles in allem blickte er ziemlich grimmig drein und Jake fand, dass er dadurch für die Besetzung eines Filmbösewichts prädestiniert war. »Wie bereits eingangs erwähnt, müssen wir uns ein Gesamtbild des Tathergangs verschaffen und ihre Informationen können erheblich dazu beitragen.« Er räusperte sich und sah auf die Uhr, da er in der Niederschrift bestimmt den genauen Zeitpunkt der Befragung vermerken musste. »Schildern Sie uns zunächst die Situation, die Sie vorfanden, als sie zum Appartement zurückkehrten.«

Jake wiederholte alles, was er auch schon Leland erzählt hatte, und wurde nur ab und an durch Zwischenfragen unterbrochen.

»Haben Sie eine Vorstellung, wer es gewesen sein könnte? Gibt es jemanden, der einen Grund hätte, bei Ihnen einzubrechen – einmal davon abgesehen, dass ein durchgeknallter Fan auf Trophäenjagd war und es irgendwie geschafft hat, sich Zugang zu verschaffen?« Er wartete Jakes Antwort nicht ab, sondern sprach weiter. »Wobei uns Mister Morris mehrfach versichert hat, dass seine Belegschaft äußerst loyal sei.« Der Ermittler sah Jake erwartungsvoll an. »Nun?«

»Die Antwort wäre rein spekulativ«, antwortete Leland stellvertretend und Jake schloss seinen Mund wieder. »Wir sind hier nicht bei einem Quiz. Es ist ihre Aufgabe, Tatsachen ans Licht zu bringen.«

»Natürlich. Aus diesem Grund bitten wir darum, erkennungsdienstliche Maßnahmen durchführen zu dürfen, damit Mister Crawfords Fingerabdrücke ausgeschlossen werden können.«

»Das ist in diesem Stadium der Ermittlungen nicht nötig. Mein Mandant ist kein Verdächtiger und wird zuerst alle anderen Auswertungen abwarten. Sollten Sie danach noch weitere Fragen haben, können Sie sich zu gegebener Zeit selbstverständlich an mich wenden.« Leland zeigte deutlich, dass das Gespräch aus seiner Sicht beendet war, und räumte demonstrativ Papier und Füllfederhalter in seine Tasche. »Dürfte ich um Ihre Kontaktdaten bitten?« Der Ermittler wechselte einen Blick mit seinem Kollegen, fummelte nach einigem Zögern doch in seiner Jackentasche und schob eine Visitenkarte über den Tisch. »Heute Nachmittag geht Ihnen ein Akteneinsichtsgesuch zu, dem Sie baldmöglichst nachkommen sollten.« Jake stutzte. Kein ›Bitte‹. Leland hatte einen schärferen Ton angeschlagen.

»Akteneinsicht? Die Berichte wurden noch nicht einmal geschrieben«, tönte es spöttisch von der anderen Seite des Tisches.

In Lelands Mimik zeichnete sich keine Regung ab. Kühl hielt er dem Blick des Ermittlers stand. »Dann wissen Sie ja, was zu erledigen ist«, ging er unverfroren zur nächsten verbalen Attacke über. Jake war nahe daran, in Deckung zu gehen, auch wenn er an dem Wortgefecht nicht unmittelbar beteiligt war. »Wann kann Mister Crawford den Tatort wieder betreten? Alle seine Sachen befinden sich dort«, wechselte Leland bereits zum nächsten Punkt.

»Das kann dauern. Die Ermittlungen sollen doch nicht gestört werden, oder?« Offenbar war der Polizist nicht bereit, zu schnell klein beizugeben.

»Stören? Das war nicht unsere Absicht«, säuselte Jakes juristischer Vertreter zuckersüß. »Im Gegenteil. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass Sie schnellstmöglich Angaben darüber erwarten, ob etwas … und wenn ja … was entwendet wurde. Wie sollen wir Sie dahingehend unterstützen, wenn mein Mandant die Räume nicht betreten darf?«, gab der Rechtsanwalt herablassend zu bedenken.

Die Lippen des Polizisten wurden zu schmalen Linien. »Wir geben Bescheid«, maulte er unfreundlich und bei Jake entstand der Eindruck, als hätte er einen Hofhund vor sich, der nach Fremden schnappte.

Erleichtert atmete Jake auf, nachdem die beiden Männer von dannen gezogen waren. »Das ging ja einfacher, als ich dachte.«

Die Falte auf Lelands Stirn blieb bestehen. »Nun, zumindest ein wenig Zeit konnte ich dir verschaffen.« Er sah auf die Uhr und griff nach seiner Aktentasche. »Ich muss mich um ein paar Dinge kümmern. Denkst du, dass du ab jetzt allein zurechtkommst? Mister Morris wird dir sicher jeden Wunsch von den Augen ablesen.«

Jake nickte, obwohl er Leland gern das Gegenteil gesagt hätte. »Nur noch eins.« Jake gab sich einen Ruck und hielt ihn zurück. »Das was ich vorhin gesagt habe … wegen Toms Wohnung …«, druckste er herum. Keinesfalls wollte er ihm noch mehr Arbeit aufhalsen, schaffte es jedoch auch nicht, die Bedenken zu ignorieren.

Der Anwalt schien sofort verstanden zu haben, worauf Jake hinauswollte. »Natürlich, Jake. Ich werde herauszufinden, ob bei Tom ebenfalls eingebrochen wurde, und gebe dir dann Bescheid.« Er war im Begriff, sich auf den Weg zu machen, als er sich nochmal an Jake wandte. »Ich bereite im Büro eine umfassende Niederschrift deiner Aussage vor. Die können wir bei Bedarf vorlegen. Das zeigt unseren guten Willen, dürfte dein persönliches Erscheinen in den Diensträumen aber vorerst überflüssig machen.«

Jake nahm die Tüte entgegen, die Janine ihm brachte. Sie hatte sich beeilt und war rasch wieder aufgetaucht. »Hier … das sind ein paar Dinge, die ich auf die Schnelle besorgt habe.« Er schaute hinein und sah auf den ersten Blick nur ein Kapuzenshirt. Jake vermutete jedoch, dass sie außerdem Jeans, Socken und Unterwäsche beschafft hatte. »Für den Moment wird es gehen. Sobald dein Zimmer und deine Sachen freigegeben sind –«

»Ich kann nicht im Hotel bleiben«, stieß Jake hervor und unterbrach Janines Redefluss.

»Du bekommst natürlich ein anderes Appartement. Mister Morris war wirklich sehr bemüht.«

»Darum geht es doch gar nicht, Jan. Wie stellst du dir das vor? Selbst wenn ich umziehe … ich fühle mich hier nicht sicher. Wenn einmal die Tür geknackt wurde, dann geht das auch ein zweites Mal. Und die wissen noch nicht einmal, wer mit drin- beziehungsweise dahintersteckt. Denkst du, ich will mich bei jedem, der mir auf dem Flur über den Weg läuft, fragen, ob er was damit zu tun hat?«

»Travis und Rodney könnten sich abwechseln –«

»Nein«, fiel Jake ihr gereizt ins Wort und stöhnte auf.

»Ich verstehe. Du möchtest weg. Ich werde sofort bei einem anderen Hotel anfragen.« Geschäftig wischte sie über das Display ihres Handys.

»Das ist nicht das, was ich will.« Die Erklärung dazu blieb ihm im Hals stecken. Jake brachte es nicht fertig, endgültig mit der Sprache rauszurücken. Er war sich nahezu sicher, dass sie ihn für nicht zurechnungsfähig hielt, wenn er seine Pläne offenlegte, die sich aus einem flüchtigen Gedanken entwickelt und manifestiert hatten.

Trotz regte sich in ihm. Im Grunde war er ihr keine Rechenschaft schuldig, selbst wenn sie ahnen sollte, dass er etwas verbarg und nicht mit der ganzen Wahrheit herauszückte. Sein Verhältnis zu Tom musste vorerst geheim bleiben.

Erstaunt sah sie auf. »Wie meinst du das? Willst du England verlassen? Kehren wir in die Staaten zurück? Soll ich uns einen Flug buchen?«

»Nein. Keinen Flug – ein Auto. Und auch nicht für uns – nur für mich.«

»Wie bitte?«

»Bitte besorge mir einen Mietwagen«, wiederholte Jake seinen Wunsch.

»Ähm, und dann?« Irritiert sah sie ihn an.

»Ich werde wegfahren. Für eine Weile untertauchen und … jemanden besuchen.«

»Und wen?« Janine lächelte angestrengt. Es schien ihre Nerven zu strapazieren, dass sie Jake alles aus der Nase ziehen musste.

»Tom.« Ihm wurde heiß. Genauso gut hätte er ›meinen Lover‹ sagen können.

Ihr Blick flog zu dem Magazin, das immer noch auf dem Tisch lag. »Diesen Tom?« Fassungslos keuchte sie. »Das muss ich jetzt nicht verstehen, oder? Wann ist dir denn die Idee gekommen?«

Jake zuckte mit den Schultern. Er würde einen Teufel tun, ihr zu erzählen, dass er Tom in jeder Sekunde vermisste und dieser Zwischenfall nur den letzten Anstoß gegeben hatte, die Zelte hier abzubrechen, um bei ihm sein zu können. »Das geht nicht. Und überhaupt … was willst du bei ihm? Erklär mir das bitte!« Jake wusste, dass sein Plan, sich ihrem Zugriff zu entziehen, großes Unbehagen bei ihr auslöste. Wenn er von der Bildfläche verschwand, verlor sie ein Stück weit die Kontrolle – und Janine hasste das. Der Hauch eines wissenden Lächelns stahl sich auf ihre Lippen. »Ich soll also diesen Kurztrip für dich organisieren? Hast du bedacht, dass er nach dem Staub, den er aufgewirbelt hat, vielleicht untergetaucht ist? Ich weiß gar nicht, wo er sich momentan aufhält«, setzte sie nach und hoffte damit wohl, dass sein Vorhaben sich in Luft auflöste.

»Du nicht, Leland schon«, konterte er und ihm wurde im selben Atemzug bewusst, dass er sie damit herabsetzte und gleichzeitig seinen Anwalt aufwertete.

»Ach? Den kann er sich leisten?« Pikiert zuckte sie mit der Augenbraue. »Denkst du etwa, er bricht seine Schweigepflicht und verrät es dir?« Sie schloss für einen Moment die Augen und seufzte. Offenbar wollte sie Streit vermeiden und fuhr zunächst gemäßigter fort. »Aber … warum gerade Mister Finley? Das ist doch Blödsinn!«, brach es aus ihr heraus. »Es gab Zeiten, da hast du ihn auf den Mond gewünscht. Wenn du schon eine Auszeit brauchst … kannst du nicht jemanden aus dem Team besuchen? Er gehört doch gar nicht dazu.«

»Und genau das ist das Beste daran. Niemand wird auf die Idee kommen, mich gerade dort zu suchen. Ich lasse alles hinter mir und mache etwas total Unerwartetes«, log Jake.

»Woher weißt du, dass er nicht wieder umschwenkt, dich benutzt und danach noch ein Artikel erscheint? Jake Crawford – die Zeit nach den Enthüllungen … oder so ähnlich.« Jake schwieg. Für den Bruchteil einer Sekunde versetzte ihm die Vision, die sie mit ihren Worten erschaffen hatte, einen Stich. Wenn er kühl und sachlich darüber nachdachte, waren ihre Einwände durchaus berechtigt – aber das Herz folgte nun mal keiner Logik.

Janine atmete tief durch. »Dir ist schon klar, dass du mir damit schlaflose Nächte bescherst, oder? Wie stellst du dir das vor?« Sie versuchte, strukturiert an die Sache ranzugehen, sah sich aber offenbar auf verlorenem Posten.

»Ich fahre zu der Adresse, die Leland mir hoffentlich gibt … mit einem unauffälligen Mietwagen, den du mir noch besorgen wirst.« Jake sah sie treuherzig an.

»Darfst du das denn – London verlassen? Es laufen doch Ermittlungen.«

»Leland hat mir versichert, dass es keine Probleme geben wird. Der Polizei können wir alles vorlegen und im Notfall weiß er, wo ich mich aufhalte. Außerdem kann ich im Nu wieder hier sein, ich verlasse ja nicht das Land. Es ist doch kein Weltuntergang, dass ich mich für ein paar Tage ausklinken möchte. Wo ich mich dann in der Zeit aufhalte, dürfte niemanden etwas angehen.«

»Genau darum geht es, Jake. Niemanden geht es etwas an, aber trotzdem provozierst du durch diese Aktion, dass es alle erfahren«, begehrte sie auf. »Denn was ist, wenn du erkannt wirst? Dort – wo immer du dich dann rumtreibst – hast du wahrscheinlich denkbar schlechte Chancen, einer Belagerung durch die Presse zu entgehen. Travis und Rodney wirst du ja wohl kaum mitnehmen.« Hoffnung erhellte für einen Moment ihr Gesicht, ehe sie misstrauisch nachhakte. »Oder?«

»Nein. Ich werde alleine fahren.« Jake stellte die Tüte ab und ergriff Janines Hände. »Hey, mach dir keine Sorgen. Es wird schon alles gut gehen.« Ganz sicher war er allerdings nicht.

Jake schnupperte unauffällig am Ärmel des Kapuzenshirts, das Janine ihm gekauft hatte. Der Geruch erinnerte schwach an Holz und Farbe. Da alles, was er trug, nagelneu war, musste er wohl oder übel auf den frischen Duft von Waschmittel verzichten. Nach der Befragung durch die Polizei hatte er in dem zur Verfügung gestellten Zimmer geduscht, sich umgezogen und zumindest Ausweis und Checkkarte wieder an sich nehmen dürfen.

Jetzt durchstreifte er einen Bereich, der an die Hotellobby angrenzte. Hier hatten sich Ableger diverser Modelabels, Beautysalons und exquisite Läden angesiedelt, um den verwöhnten Gästen sämtliche luxuriösen Wünsche zu erfüllen. Ungeduldig wartete er darauf, den Mietwagen, um den Janine sich kümmern wollte, in Empfang zu nehmen. Ob sie beim hoteleigenen Limousinenverleih fündig werden würde, bezweifelte Jake. Was er brauchte, war ein unauffälliges Fahrzeug.

Es war bereits Nachmittag und sein Magen knurrte. Vielleicht wäre es eine gute Idee, vor der langen Fahrt noch etwas zu essen, überlegte Jake. Dann musste er zwischendurch nicht anhalten und die Chancen, unerkannt ans Ziel zu kommen, erhöhten sich.

Er ließ die Schaufenster des Coiffeurs und der Boutique hinter sich und schlenderte an einer beleuchteten Marmorwand entlang, auf der mit klaren Linien die übergroßen Lettern eines Juweliers prangten. In der Fassade eingelassen waren Schaukästchen mit äußerst wertvollen Uhren, Ketten und Armbändern hinter Panzerglas. Eine alte Dame in Kostüm und Hut begutachtete interessiert die Auslage und war offenbar nicht abgeneigt, die Schmucksammlung aus goldumrahmten roten Steinen, die sie trug, um ein wertvolles Stück zu erweitern. Jake ging weiter, um einen Blick in das letzte der Schaufenster zu werfen. Es enthielt nur eine Handvoll Ringmodelle, die paarweise auf runden Kissen angeordnet waren und sich langsam um sich selbst drehten. Trauringe. Als hätte der Anblick etwas in ihm ausgelöst, dachte Jake genau in diesem Moment an Tom – so intensiv, dass sich ein Kribbeln über seinen Nacken zog. Jake schluckte und wurde wie magisch von dem Anblick angezogen. Fasziniert trat er näher an die Scheibe und betrachtete die Schmuckstücke aus Edelmetall. Je nach Lichteinfall wirkten die geschliffenen Diamanten recht unscheinbar oder aber funkelten wie helle Sterne. Seine Aufmerksamkeit erregten jedoch nicht die ausgefallenen Stücke, die mit Steinen und aufwendigem Schnickschnack aufwarteten. Jake wusste, so etwas würde Tom nie tragen. Am Rand war ein unscheinbares Paar Ringe ausgestellt, schmal gearbeitet, mit matter Oberfläche. Wer keinen Protz mochte, aber trotzdem ein sichtbares Symbol der Verbundenheit tragen wollte, war mit diesen Schmuckstücken perfekt ausgestattet. Sein Herz setzte einen Moment aus und schlug danach umso schneller. Der Wunsch, einen Ring, diesen Ring, an Toms Finger zu sehen, beherrschte plötzlich Jakes Denken und Fühlen. Ohne Zögern steuerte er den Eingang an, um diese irrwitzige Eingebung in die Tat umzusetzen.

Ehe er jedoch seine Hand um den goldfarbenen Griff legen konnte, öffnete ein Portier von innen die Tür und begrüßte ihn mit einem dünnen Lächeln. Jake streifte ihn mit einem Blick und nickte ihm dabei zu. Er war sicher, dass seine Hauptaufgabe nicht darin bestand, täglich unzählige Male ,Sesam öffne dich‘ zu spielen und die Kunden zuvorkommend zu behandeln, sondern dafür zu sorgen, dass die edlen Schmuckstücke keine Sekunde unbeaufsichtigt blieben.

Kaum hatte Jake den Raum betreten, steuerte eine Dame mittleren Alters in einem exquisiten Kostüm auf ihn zu und strahlte ihn an. Ihr Auftreten ließ ihn einen Moment darüber nachdenken, ob er nicht sogar die Geschäftsführerin vor sich hatte.

»Herzlich willkommen chez Camille«, flötete sie und wechselte für die zweite Satzhälfte ins Französische. In gebührendem Abstand blieb sie stehen und sah Jake erwartungsvoll an. »Welchen Ihrer Wünsche darf ich erfüllen? Sind Sie auf der Suche nach einem Geschenk? Selbstverständlich dürfen Sie sich ungestört umsehen und mir dann –«

Jake verlor keine Zeit. Er platzte mit seinem Anliegen heraus und deutete über seine Schulter. »Ich möchte mir zwei Ringe näher ansehen, die ich dort hinten im Schaufenster entdeckt habe.«

»Sehr gern.« Sie nickte huldvoll. Falls sie sich daran störte, dass Jake ihr ins Wort gefallen war, ließ sie sich das nicht anmerken. Elegant umrundete sie eine beleuchtete Vitrine aus Panzerglas und hielt, gefolgt von Jake, auf die Auslage zu, die er angesprochen hatte. Wenig später hatte sie die elektronische Sicherung mit einem Code entsperrt und präsentierte die Schmuckstücke auf einem hüfthohen Tischchen. Jake hatte es abgelehnt, sich in eine der Sitzecken zurückzuziehen, wo die Kundschaft diskret und in gemütlichem Ambiente zum Ausgeben eines kleinen Vermögens animiert werden sollte. Außer ihm war ohnehin niemand im Verkaufsraum, vor dem es die beiden Ringe zu verbergen galt, damit nicht wieder irgendein Gerücht die Runde machte. Er schaltete seine Ohren auf Durchzug, als sie gekonnte begann, die Qualität des Materials, das handwerkliche Können des Goldschmieds und die optischen Vorzüge anzupreisen. Gebannt sah er auf die Ringe, die auf schwarzem Samt gebettet vor ihm lagen. Er war einem Impuls gefolgt, als er das Juweliergeschäft betreten hatte. Würde er nun auch den Mut aufbringen, sie zu kaufen?

Jake spürte, wie seine Hände unangenehm feucht wurden. Hoffentlich kam die Verkäuferin oder Geschäftsführerin oder wer auch immer sie war, jetzt nicht auf die Idee, seine Hand zu ergreifen, um ihm eines der Schmuckstücke probeweise überzustreifen.

Die Stille, die mit einem Mal herrschte, brachte ihn dazu, sich von seinen Gedanken loszureißen und sich wieder auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Die Dame hatte ihren Vortrag beendet und wartete offenbar auf Jakes Entscheidung, doch ihm wollte kein einziges Wort über die Lippen kommen. Sie waren da, aber er konnte sie nicht aussprechen. Was zum Teufel machte er hier? Nun, offensichtlich war er kurz davor, Trauringe für sich und einen Mann zu kaufen, den er erst wenige Tage kannte. Crazy!

»Wie viel kosten die?«, würgte Jake hervor, um Zeit zu gewinnen, denn der Preis war nun wirklich das Unwichtigste an der ganzen Geschichte.

Mit ihren perfekt manikürten Fingern griff sie wortlos nach dem Kissen, auf dem die Ringe ausgestellt worden waren, drehte es um und zeigte Jake die fünfstellige Zahl.

»Vielen Dank … ähm … ich überlege es mir.« Er verabschiedete sich knapp und eilte hinaus.

Nach ein paar Schritten blieb Jake stehen und unterdrückte ein Stöhnen. Sein Herzschlag hatte sich in ein unangenehmes Pochen verwandelt. Die Zweifel, die ihn in die Flucht geschlagen hatten, zerstreuten sich. Aber nicht nur das. Er fiel von einem Extrem ins andere. Jetzt hatte er das Gefühl einen fatalen Fehler begangen, eine einmalige Chance verpasst zu haben. Es war zum Verrücktwerden!

Jake sog die Luft tief in seine Lungen ein und kehrte um. Den Gedanken daran, wie seine Unentschlossenheit wohl auf den muskulösen Türsteher und die Dame, die ihn beraten hatte, wirken mochte, schob Jake beinahe trotzig beiseite. Selbst wenn er dutzendmal rein- und rausgehen würde, hatte es den beiden egal zu sein.

Innerhalb weniger Augenblicke wiederholte sich alles wie in einer Zeitschleife – das Betreten des Geschäfts und auch die zuckersüße Begrüßung durch die Verkäuferin. Sie stand in der Nähe des Schaufensters, hatte soeben die Ringe zurückgelegt und das Schließsystem aktiviert. Jake ging ihr ein paar Schritte entgegen und konnte nicht verhindern, dass er in ihrer Miene nach Anzeichen suchte, dass sie sich wegen seines Sinneswandels insgeheim köstlich über ihn amüsierte. Nichts. Kein verräterisches Zucken der Mundwinkel oder der Augenbrauen verriet ihre Gedanken.

Eifrig bemühte sie sich, ihn diesmal länger aufzuhalten und das Gespräch erfolgreich mit einem Verkauf abzuschließen. »Wie schön, Sie wieder in unseren Räumen willkommen heißen zu dürfen. Wie kann ich diesmal behilflich sein? Mit Vergnügen zeige ich Ihnen auch andere Stücke aus der Kollektion. Wir hätten da noch sehr schöne –«

»Nein, das ist nicht nötig«, unterbrach Jake sie und deutete wieder auf die Schaufensterauslage. »Ich habe mich bereits entschieden – für die zwei Ringe.« Na, das war doch gar nicht so schwer, redete Jake sich zu, hielt jedoch gleichzeitig den Atem an und wartete, ob sich wieder ein Gefühl von Panik einstellte.

Ohne ein weiteres Wort, nur mit einem smarten Lächeln auf den Lippen, drehte sie sich um und öffnete die Vitrine ein zweites Mal für Jake. »Eine sehr gute Wahl.« Mit diesen Worten hätte sie vermutlich jeden Kauf abgesegnet, schoss es Jake durch den Kopf, als er ihr folgte und schließlich in dem indirekt beleuchteten Empfangsbereich stehen blieb. Während die Verkäuferin die Ringe mit einem weißen Tuch polierte und verpackte, ließ Jake den Blick schweifen. Eine langstielige Blume steckte in einer schlichten Glasvase und unterstrich die schnörkellose Einrichtung. Wirken sollten hier wohl lediglich die edlen Schmuckstücke. »Wünschen Sie eine hübsche Geschenkverpackung?« Beinahe wäre Jake die Frage herausgerutscht, ob es denn auch hässliche gäbe. Das Lachen, das in seinem Hals kitzelte, konnte er gerade noch rechtzeitig unterdrücken.

»Nicht nötig. Das Etui genügt. Setzen Sie es bitte auf meine Hotelrechnung, ja?«

»Natürlich, Mister Crawford.«

Jake griff zufrieden nach dem kleinen Tütchen, das ihm die Dame überreichte, und verließ das Juweliergeschäft. Nach wenigen Schritten ließ ihn ein Gedanke innehalten. Das Geschenk für Tom war noch nicht perfekt. Auch wenn die Situation inzwischen etwas von dem Film hatte, für dessen Titel ein putziges Nagetier hatte herhalten müssen, wandte Jake sich entschlossen um, passierte erneut den Türsteher und blieb kurz darauf vor der Dame im Verkaufsraum stehen. Er stellte fest, dass er beinahe schon eine Routine entwickelte und es ihm immer leichter fiel, je öfter er das Prozedere wiederholte. Jake setzte ein gewinnendes Lächeln auf. »Eine Gravur würde das Ganze abrunden.«

»Bitte, Leland. Tom hat dir doch nicht ausdrücklich untersagt, mir die Adresse seiner Schwester zu nennen«, flehte Jake, während er den samtbezogenen Würfel betrachtete.

»Du hast recht. Verboten hat er es nicht. Was wahrscheinlich daran liegt, dass er es überhaupt nicht für möglich gehalten hat, dass du ihn besuchen willst. Denkst du wirklich, das ist eine gute Idee?«, fragte Leland skeptisch. »Außerdem könnte er meine Loyalität infrage stellen, falls er nicht damit einverstanden ist, dass ich seine Daten weitergebe – auch wenn du es bist, der sie bekommt … und er bestimmt überglücklich ist, wenn du vor ihm stehst.« Er räusperte sich. »Ich denke, ich sollte mich rückversichern.«

»Nein!«, rief Jake aus, ehe er leise fortfuhr. »Sag ihm bitte nichts. Es ist … ich muss zu ihm … unbedingt … und ich könnte nicht ertragen, wenn er mich nicht sehen will«, flüsterte Jake und bemerkte nicht einmal, dass er sein Handy vor Anspannung krampfhaft umklammerte. Er hatte Angst davor, dass Tom ablehnte und alles zum Scheitern verurteilt war, noch bevor Jake sich überhaupt zu ihm auf den Weg machen konnte. Zugegeben, er setzte sich über alle vernünftigen Argumente hinweg, aber gegen seine Gefühle war er einfach machtlos. Verdammt nochmal, er wollte zu Tom! Er wollte ihn in seine Arme schließen, mit ihm reden, einfach bei ihm sein.

Nervös sah er sich in der Lobby um. Von Janine war noch nichts zu sehen. Wenn er den Tatendrang seiner Assistentin allerdings richtig einschätzte, blieben ihm bestenfalls noch wenige Minuten. Bis dahin musste er seinen Anwalt überzeugt haben, Toms Aufenthaltsort preiszugeben. »Es ist wichtig. Bestimmt finde ich die Anschrift selbst heraus … aber ohne dich dauert’s länger. Leland, ich kann nicht hierbleiben. Ich fahre zu ihm und verschanze mich ein paar Tage. Niemand erfährt etwas. Und selbst wenn ich bei ihm bin und das ganze Haus belagert wird … das kann mir hier nach dem Einbruch auch passieren, sobald die Presse Wind bekommt.«

»Jake, ich verstehe dich. Ihr seid jung, verliebt und alles ist rosa … aber dort ziehst du Tom mit rein … ungefragt! Willst du ihm das antun? Wenn du dort auftauchst, wird jeder fragen, warum du ausgerechnet zu ihm geflüchtet bist.«

»Das kommt dir jetzt nur deshalb komisch vor, weil du weißt, dass mehr zwischen uns ist«, verteidigte Jake sein Vorhaben und schusterte eine Erklärung zusammen. »Für alle anderen wird es so aussehen, als würde ich zu irgendeinem Journalisten fahren, der ein paar Artikel über mich geschrieben hat … und der Grund … da gab es eben einfach noch ein paar Dinge zu klären. Niemand wird Verdacht schöpfen.« Kaum hatte Jake seine Gedanken ausgesprochen, wurde ihm klar, wie abwegig das Ganze klang, machte jedoch keinen Rückzieher. Jake hörte, wie Leland ins Telefon atmete und wartete gespannt auf eine Antwort, während die Sekunden verstrichen.

»Machst du dir da nicht etwas vor?«, begann er schließlich. »Ich denke, bewusst oder unbewusst willst du es darauf anlegen, dass ans Licht kommt, wie ihr zueinandersteht. Du wirst ungeduldig, setzt Tom unter Druck und stellst ihn vor vollendete Tatsachen, wenn du plötzlich bei ihm auftauchst. Ist das fair? Telefoniere doch einfach vorher mit ihm und hör dir an, was er dazu sagt.«

»Wie wäre es mit einem Kompromiss? Ich rufe von unterwegs an. Okay?« Leland seufzte ergeben und Jake ahnte, dass er gewonnen hatte.

Jake hüstelte. Der Geruch des Cockpitsprays reizte seinen Hals. Er ließ seinen Blick über das Armaturenbrett des Nissan Micra schweifen, schob den Sitz bis zum Anschlag zurück, damit seine langen Beine Platz fanden, und veränderte die Einstellungen an Lüftung und Heizung. Janine hatte neben dem Auto Aufstellung genommen und beugte sich ins Wageninnere, nachdem Jake das Fenster auf der Beifahrerseite heruntergelassen hatte. Zum Geruch des Pflegemittels kam jetzt noch eine dezente Mischung aus Abgasen und Janines Parfüm hinzu, die durch die Öffnung hereinwehte. Auf den anderen Stellplätzen standen die Luxuskarossen der Hotelgäste und am anderen Ende des Parkdecks schlug jemand eine Autotür zu.

»Unauffällig genug?«, säuselte Janine und lächelte Jake unschuldig an. Für einen Moment sah er auf und musste feststellen, dass es ihm nicht gelang, das Grinsen vollständig zu unterdrücken. Er durchschaute Janine. Wenn sie dachte, dass er einknickte, nur weil sie ihm irgendeinen Touristenmietwagen beschafft hatte, ob nun absichtlich, weil sie ihm eins auswischen wollte, oder unabsichtlich, weil wirklich kein anderes Auto zu bekommen gewesen war, dann hatte sie sich geschnitten. Notfalls würde er auch mit einem Roller zu Tom fahren.

»Passt perfekt. Du hast meine Kampagne verinnerlicht. Ich bin stolz auf dich.« Lässig entfernte er das Schild, das am Rückspiegel baumelte und Fahrer, die nicht an den Linksverkehr gewöhnt waren, daran erinnerte, die richtige Straßenseite zu benutzen.

»Alle notwendigen Papiere sind im Handschuhfach … der Tank ist voll … und mit der Schlüsselkarte für deine Suite kannst du das Rolltor der Tiefgarage bedienen«, zählte sie alles auf, was vor Antritt der Fahrt wichtig war. »Brauchst du sonst noch was?« Sie deutete auf die prall gefüllte Sporttasche auf dem Beifahrersitz.

»Nein. Das Warten hat sich gelohnt.« Jake klopfte mit einer Hand demonstrativ auf sein Reisegepäck. Die Ermittler hatten Jake schließlich doch seine privaten Dinge aus dem Appartement überlassen – zwar mit einiger Verspätung, aber immerhin.

»Dann bleibt mir nur noch, dir ein paar schöne Tage zu wünschen«, seufzte Janine und warf wie zufällig einen Blick auf das Navigationsgerät, in das Jake wohlweislich noch keine Daten eingegeben hatte. »Erhol dich und …« Mahnend hob sie den Zeigefinger. »… ich möchte nichts über dich hören … oder lesen. Verstanden?«

»Ich werde mich bemühen.« Er schnallte sich an und startete den Motor, um Janine zu zeigen, dass er losfahren wollte. Sie trat zurück, Jake betätigte den Fensterheber und winkte zum Abschied, während der Wagen langsam aus der Parklücke rollte. Er verspürte gleichzeitig Anspannung und Vorfreude. Endlich machte er sich auf den Weg zu Tom! Jake trat hart auf die Bremse, als ihn das plötzliche Klopfen aus seinen Gedanken riss. Janine stand wieder neben dem Wagen und signalisierte ihm wie ein Pantomime, dass er seine Kapuze überziehen und die Sonnenbrille aufsetzen solle.

»Ja, ja«, murmelte Jake und tat, was sie verlangte. Sofort verschwand ihr strenger Blick. Jake legte den Gang ein und fuhr los. Im Rückspiegel konnte er Janine erkennen. Sie stand mitten auf der Fahrspur, hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah ihm nach.

»Was tue ich da eigentlich?«, flüsterte er, während er am Rolltor die Karte in den Automaten steckte und darauf wartete, dass er freie Fahrt hatte. Die Erinnerung an die Gespräche, die er zuvor mit Janine und Leland geführt hatte, drängte in sein Bewusstsein, doch Jake schob sie rigoros beiseite. Neben der Vorfreude auf Tom hatten die Zweifel keinen Platz mehr.

Er tastete in seiner Jackentasche nach dem Etui mit den beiden Ringen. Sein Herz schlug schneller und er gab Gas.

Kapitel 2

Mit einem Ruck kam der Zug zum Stehen und das unangenehme Quietschen der Bremsen verstummte. Tom öffnete schlaftrunken die Augen. Stundenlang hatte das gleichmäßige Geräusch der Fahrt ihn begleitet – lediglich unterbrochen vom Rattern, sobald sie eine Weiche passierten, oder vom Getöse beim Durchfahren von Tunneln. Nun herrschte Ruhe. Steif vom langen Sitzen richtete Tom sich vorsichtig auf, rieb seinen Nacken und sah sich blinzelnd im grell beleuchteten Abteil um. Er war der einzige Fahrgast. Draußen war es dunkel, also spiegelten die Fenster alles wider und Tom hatte das Gefühl auf dem Präsentierteller zu sitzen. Gut sichtbar für jeden, der von außen die Reisenden beobachten wollte.

Tom schluckte angestrengt und räusperte sich. Die trockene Luft, die in warmen Schwaden von der Heizung aufstieg, hatte seinen Hals ausgetrocknet. Er lehnte die Stirn an das kühle Glas, um ein paar Meter vom Bahnsteig überblicken zu können. In großen Buchstaben stand der Name seines Heimatortes auf einem Schild.

Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass er planmäßig an seinem Zielbahnhof eingetroffen war. Endstation. Dies traf nicht nur für seine heutige Reise zu, sondern auch für das Gefühl, das ihn vor Jahren nach London hatte ziehen lassen. Hier an der Küste, weit weg von den Großstädten, gab es nicht viele Möglichkeiten. Entweder arbeitete man als Fischer, im Hafen oder bot, wie seine Schwester Lynette, Touristen Zimmer mit Frühstück an. Seinen Lebensunterhalt allein mit der Zucht von Schafen zu bestreiten, war unmöglich geworden.

Tom erhob sich schwerfällig von der Sitzbank. Er schlüpfte in seine Jacke, schulterte den Rucksack und zerrte den Koffer von der Ablage. Mit einem letzten Blick vergewisserte er sich, dass er nichts hatte liegen lassen, und ging zum nächsten Ausstieg. Kalter Wind pfiff über die Gleise und ließ Tom frösteln, als er auf den spärlich beleuchteten Bahnsteig trat. Tom folgte den wenigen Personen, die aus den vorderen Waggons ausgestiegen waren, zum Bahnhofsgebäude und zog seinen Koffer hinter sich her. Das Häuschen aus grauen Steinen, die durch weiße Fugen voneinander getrennt wurden, mochte vielleicht bei Sonnenschein in den Augen von Touristen einen gewissen Charme besitzen. Jetzt allerdings wirkte es durch die flackernde Notbeleuchtung, als wäre es ein ausrangiertes Stück einer Miniatureisenbahn.

Tom umrundete das Gebäude auf einem schmalen Fußweg, wich den metallenen Sperrpfosten aus und blieb einen Moment auf dem Gehweg stehen. Blind tastete er in der Jackentasche nach seinem Handy, um seine Schwester anzurufen, überlegte es sich jedoch anders. Lynette hatte um diese Zeit bestimmt genug damit zu tun, sich um das Abendessen zu kümmern oder die Mädchen fürs Bett fertigzumachen. Da musste nicht auch noch er darum bitten, abgeholt zu werden. Außerdem würde ihm nach der langen Zugfahrt der etwa halbstündige Fußmarsch durch die Nacht guttun. Noch ein wenig Zeit, die ihm blieb, um seinen Gedanken nachzuhängen. Genau genommen war es nur ein Gedanke, der Tom beschäftigte. Der Gedanke an den Mann, der ihn im Sturm erobert hatte – und zwar im wahrsten Sinn des Wortes.

Er konnte nicht widerstehen, im Verzeichnis bis zum Namen ›Jake‹ zu scrollen, bereit, den Daumen auf das Feld zu drücken. Doch so weit durfte Tom nicht gehen. Sie hatten vereinbart, vorerst keinen Kontakt aufzunehmen. Einen Moment schwebte sein Finger über dem Display, ehe er das Menü ›Kontakte‹ schweren Herzens wieder schloss. Tom war hier bei seiner Schwester, hatte sich heute, am Tag, an dem sein Enthüllungsartikel erschienen war, klammheimlich nach Schottland abgesetzt, um dem Ansturm der Medien zu entgehen – und Jake war irgendwo in London, eine Tagesreise mit dem Zug von ihm entfernt. Nur Jakes Anwalt, Leland Harrison, der Tom im Prozess gegen dessen ehemalige Chefin Sharon Prescott vertrat, wusste, wo er sich aufhielt.

Entschlossen klappte Tom den Kragen hoch und marschierte los. Die Bahnhofstraße führte am Gebäude der Hafenaufsicht vorbei und umspannte das Becken, in dem sich der Fährverkehr abspielte, in einem großen Bogen. Landeinwärts lagen die Hallen des Fischmarktes sowie ein paar Pubs, ehe sich neben der Stadthalle das alte Rathaus, die Bank und dahinter die Wohngebiete anschlossen.

Tom folgte der Straße, die sich in einem langgezogenen ›S‹ den Hügel bei der Bucht hinaufschlängelte, und wurde hin und wieder von einem Auto überholt, das wohl ebenfalls die höher gelegenen Wohnhäuser zum Ziel hatte. In gleichbleibendem Rhythmus setzte er einen Fuß vor den anderen, atmete die kalte Luft tief ein und spürte den durch die Anstrengung kräftigen Puls. Inzwischen lief er neben der Fahrbahn im Gras. Lediglich der Koffer ratterte über den Asphalt. Der Gehweg und die Straßenbeleuchtung hatten schon vor einer Weile geendet und Tom war froh, dass wenigstens der Mondschein die Landschaft und die weit auseinanderliegenden Gebäude mit einem silbrigen Hauch überzog. Er blieb stehen, um den Rucksack zurechtzurücken und blickte kurz zurück. Unten in der Bucht und im übrigen Ortsgebiet leuchteten die weißen und orangefarbenen Lichter wie Sterne am Himmel – nur viel kräftiger. Die Wellen glitzerten, bildeten einen Kontrast zu den schwarzen Schatten am Ufer und über allem stand eine leuchtend helle Scheibe am Himmel. Sehnsucht überkam ihn. Gern hätte er die Ruhe und diese Aussicht mit Jake geteilt und Tom fragte sich, wann sie sich wohl wiedersehen würden und ob er Jake jemals seinen Heimatort zeigen konnte.

Nach einer kurzen Atempause setzte er seinen Weg fort, der ihn zum letzten Haus der kleinen Ortschaft führte, ehe die Straße hinter dem Hügel verschwand. Lynette und Marc hatten es nach ihrer Hochzeit von einem Witwer gekauft, dessen Sohn an der Ostküste in Edinburgh lebte und der seinen Vater hatte zu sich holen wollen. Recht war es dem alten Mann nicht gewesen, auf seine alten Tage noch einmal verpflanzt zu werden, aber er hatte sich gefügt und ein Haus voller Erinnerungen zurückgelassen.

Tom sah die erleuchteten Fenster im Erd- und Obergeschoss und vermutete, dass alle noch wach waren. Er bemerkte, wie sich ein Lächeln auf seine Lippen stahl und die Vorfreude auf das Wiedersehen ihn antrieb. Mit seinem Koffer im Schlepptau bog Tom schließlich am Schild, das auf mietbare Zimmer mit Frühstück hinwies, in die geschotterte Einfahrt ab und nahm im Vorbeigehen wahr, dass daneben auf dem kleinen Rasenstück eingeschweißte Paletten standen. Während Tom auf die Haustür zuhielt, nahm er die kantigen Gebilde in Augenschein und glaubte, Säcke und Holzlattengebinde zu erkennen.

Seine Schwester hatte nichts von einem Umbau erwähnt, aber im Moment gab es Wichtigeres, als sich darüber Gedanken zu machen. Sein Herz hüpfte. In der Hoffnung, Lynette, seinen Schwager Marc oder eines der Mädchen zu entdecken, ließ Tom seinen Blick schweifen, suchte in den Fenstern nach ihnen und blieb kurz darauf vor der Eingangstür stehen. Eilig stellte er seinen Rucksack auf den Boden, öffnete den Reißverschluss und zog das Teddybärchen, das er für die jüngste seiner Nichten mitgebracht hatte, gerade so weit hoch, dass der Kopf herausragte. Tom betätigte beherzt den Türklopfer, dessen Ring aus zwei metallenen Disteln bestand. Lächelnd hielt er den Atem an und lauschte. Im Haus schien einiges in Bewegung zu kommen. Stimmen wurden lauter und das Getrappel kleiner Kinderfüße näherte sich.

»Ja?«

»Ich bin’s … Tom«, antwortete er. Das Lachen seiner Schwester erklang, als sie die Kinder nachsichtig ermahnte, wegzugehen, damit sie öffnen konnte. Ungeduldig trat Tom von einem Bein auf das andere. Endlich schwang die Tür auf und Lynette stand vor ihm. Sie strahlte bis über beide Ohren, breitete die Arme aus und zog Tom noch auf der Schwelle stürmisch an sich.

»Hey Großer!«, begrüßte sie ihren jüngeren Bruder freudig.

»Hallo Lynnie!«, flüsterte Tom in ihre braune Lockenmähne und atmete den vertrauten Geruch von Vanille ein, der mit ihr aus der Wohnung wehte. Es tat gut, sie nach langer Zeit wieder in den Armen zu halten. Sie strich über Toms Rücken, umrahmte schließlich sein Gesicht mit beiden Händen und sah zu ihm auf.

»Schön, dass du Urlaub bekommen hast und endlich da bist«, flüsterte Lynette. Tom bekam ein schlechtes Gewissen. Es war kein Urlaub, es war eher eine Flucht.

»Ja, wurde endlich mal wieder Zeit, nicht wahr?« Tom zwinkerte ihr zu. Er umarmte sie fest, hob sie hoch und ließ sie erst nach unten rutschen, als sie anfing zu kreischen und ihn kichernd in die Rippen puffte. Dann wandte er sich lachend seinen Nichten zu, die wie die Orgelpfeifen hinter ihrer Mutter standen und das Begrüßungsspektakel zwischen ihr und ihrem Onkel mit großen Augen verfolgt hatten.

»Na, ihr drei?« Sobald Tom in die Knie ging, steigerte sich das Leuchten auf ihren Gesichtern. Die zwei älteren Mädchen stürmten auf ihn zu und warfen sich derart heftig in seine Arme, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor. Sofort hüllte ihn der süßliche Duft von Kindershampoo ein. Die Mädchen waren wohl frisch gebadet und in kuschelige Jogginganzüge gesteckt worden.

»Tommy!« Die zehnjährige Cate schlang ihre Arme fest um seinen Hals und drückte ihn. Sie war die Mutigste und Vorwitzigste. Ihr blondes Haar kitzelte an seiner Nase, während sie vor Aufregung hüpfte. Jedes Mal, wenn er seine Nichte sah, fiel ihm auf, wie sehr sie sich durch ihren hellen Teint von den übrigen Mitgliedern ihrer Familie unterschied. Marc, ihr Vater, machte hin und wieder Scherze darüber, dass sie wohl nach der Geburt einfach vertauscht worden wäre. Wobei Tom sicher war, dass sein Schwager Cate nicht einmal dann hergeben würde, wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte. Marc liebte alle seine Kinder abgöttisch.

Susan war sieben Jahre alt und als mittleres der drei Mädchen vereinte sie gleichwohl Charaktereigenschaften von Cate und dem zurückhaltenden Nesthäkchen Anny in sich. Sie lächelte selig und ließ sich von ihrer großen Schwester nicht dabei stören, sich an ihren Onkel zu kuscheln.

»Ich habe euch so vermisst«, murmelte Tom und wiegte die Mädchen hin und her. Nach einer Weile lösten sie sich von ihm, stellten sich zu beiden Seiten neben ihn und machten den Weg frei für Anny, die mit ihren vier Jahren die Jüngste und auch die Schüchternste war. Die Kleine hielt Abstand, wie immer, wenn Tom eine Weile nicht bei ihnen gewesen war. Aufmerksam beobachtete sie die beiden anderen, schmiegte sich jedoch im Moment noch an das Bein ihrer Mutter, die ihr ermutigend über das rotbraune Haar strich.

Tom schenkte ihr sein gewinnendstes Lächeln und winkte ihr zu, ohne den Abstand zu verringern. »Hallo Anny.«

Cate streckte einladend eine Hand aus. »Komm schon, Anny. Begrüße Tom«, redete sie aufmunternd auf die Kleine ein, doch die schien etwas viel Interessanteres als ihren Onkel entdeckt zu haben. Der Blick aus ihren grünen Augen flog zwischen Tom und dem Rucksack, der am Türrahmen lehnte, hin und her.

»Ich sehe schon«, ging Tom darauf ein, als er es bemerkte. »Du hast den Teddy entdeckt. Weißt du, Anny, der Kleine wollte unbedingt mitkommen, um dich kennenzulernen und bei dir zu bleiben.« Ein Ruck ging durch Anny. Die Versuchung, vorzupreschen, das Bärchen an sich zu nehmen und in die Riege ihrer Kuscheltiere einzureihen, schien groß zu sein. Nicht groß genug allerdings, um jegliche Vorsicht über Bord zu werfen und sich an Tom vorbei zu drängen.

Tom setzte eine ernste Miene auf und nickte bekräftigend. »Ich denke, er würde sich über eine Umarmung freuen. Wie wäre das?« Ein zaghaftes Lächeln umspielte Anny Lippen. Die Hoffnung auf einen neuen Spielkameraden gab offenbar den Ausschlag. Tom griff sich seinen Rucksack, stellte ihn näher zu Anny und öffnete den Reißverschluss. Zögernd machte sie einen Schritt, nahm das Stofftier und drückte es in inniger Umarmung an sich. Ihr glückliches Lächeln war für Tom das größte Dankeschön. »Euch beide habe ich natürlich nicht vergessen.« Er ließ Susan und Cate in den Rucksack greifen und schmunzelte, als sie eifrig die Päckchen tauschten, weil sie das der jeweils anderen erwischt hatten.

»Danke!« Cate und Susan verschwanden mit ihrer Beute und ließen Anny bei ihrer Mutter zurück.

»Schön, dass du immer an sie denkst und eine Kleinigkeit mitbringst.« Lynnie setzte einen tadelnden Blick auf. »Ich glaube, inzwischen rechnen sie schon fest damit, wenn ich deinen Besuch ankündige.«

»Du meinst, sie freuen sich mehr auf die Geschenke als auf mich?«, fragte Tom mit weinerlicher Stimme. Er legte seine Hand an die Brust und ließ seine Lippen zittern, ehe er auflachte.

»Nein, natürlich nicht. Sie würden dich bestimmt genauso herzlich empfangen, wenn du nichts dabeihättest. Du bist ihr Onkel – sie lieben dich!«

»Ja, ein alter Onkel. Ah!«, stöhnte Tom theatralisch, als sein Knie beim Aufstehen knackte. Anny sah ehrfürchtig zu, wie Tom den Koffer über die Schwelle wuchtete und absichtlich gebrechlich tat.

»Na, komm endlich rein. Ein paar Tage Erholung hast du dir wirklich verdient.« Lynnie zog ihren Bruder in die Diele und schloss die Haustür.

»Ob das Erholung wird?«, fragte Tom scherzhaft und legte einen Arm um seine Schwester, während aus dem angrenzenden Wohnzimmer das Poltern und Lachen der beiden Mädchen zu hören war. Anny tapste davon und schien überaus wichtige Dinge ins Ohr ihres neuen Teddys zu flüstern.

Tom wartete, bis Lynette das Licht in der Diele ausgeknipst hatte, und betrat zusammen mit ihr das Esszimmer, an das sich eine offene Küche anschloss. Im Grunde war es ein einziger großer Raum und Tom mochte das Gefühl von familiärer Gemeinschaft, das aufkam, wenn Lynette in der Küche werkelte und ihren mit Vanille aromatisierten Tee aufgoss, er mit seinem Schwager am Esstisch saß und erzählte, während die Kids auf dem Sofa oder auf dem Teppich spielten.

»Hast du Hunger? Wir haben schon gegessen. Ich mache dir aber gern noch Speck und Eier … oder lieber ein Sandwich? Was magst du trinken? Tee? Bier?« Fragend sah sie ihn an und blieb, fürsorglich, wie sie war, mitten in der Küche stehen. Bereit, ihm alle seine Wünsche zu erfüllen.

»Nur Wasser«, antwortete Tom und warf seine Jacke über einen Stuhl. Während sie eine Flasche aus dem mit Bildern und Zeichnungen beklebten Kühlschrank nahm, sie mit einem Zischen öffnete und das Mineralwasser in ein Glas goss, sah er sich um. Hier war alles beim Alten. Blumenampel über der Anrichte, Pflanzen und gebastelte Kunstwerke der Kinder auf den Fenstersimsen. Kein benutztes Geschirr neben der Spüle, auf der Arbeitsplatte standen nur die Geräte, die täglich gebraucht wurden – Toast, Mikrowelle, Kaffeemaschine. Nicht einmal Krümel lagen nach dem beendeten Abendessen auf der Tischdecke oder dem Kinderstuhl. Lynette war sich treu geblieben. Sie hatte ihm einmal gesagt, dass die Küche und das Esszimmer ihre Bereiche waren. Wenigstens in diesem überschaubaren Teil des Hauses wollte Lynette Ordnung haben und alle halfen nach ihren Möglichkeiten mit – dann war es Lynette egal, ob der Rest im Chaos versank. Sie brauchte das als Anker in ihrem Alltag und ihre Familie respektierte das. Tom fand, dass sie zu streng urteilte. Sie hielt auch alles andere vorbildlich in Ordnung. Die privaten Räume sowie die Zimmer, die sie an Gäste vermietete.

Tom fielen die Paletten in der Zufahrt wieder ein. Zumindest in dem Teil des Erdgeschosses, der der Familie vorbehalten war, deutete nichts auf Handwerkertätigkeiten hin. Die hell eingerichtete Küche mit den Glasfronten war aus dem gleichen Holz gearbeitet wie der Essbereich. Eine optische Trennung zum Wohnzimmer wurde dadurch erzielt, dass die Bodenplatten dort dunkler waren und die Farben des Sofas und des Fernsehschranks gedeckter ausfielen.

Tom schmunzelte. Im Augenblick herrschte dort grandiose Unordnung. Die Mädchen hatten alle Sessel und Sofateile an den kniehohen Tisch geschoben, sodass zwischen den Möbelstücken schmale Gänge entstanden waren. Unzählige Decken und Tücher überspannten das Arrangement und hatten ein Gebilde ähnlich einem Ameisen- oder Maulwurfhügel entstehen lassen. Überall auf dem Boden lagen Puppen, Kissen und Teile irgendwelcher Spiele verstreut.

Cate und Susan betätigten sich als Baumeister. Sie zogen an den Enden einiger Tücher, spannten sie frisch und fixierten sie mit Wäscheklammern an angrenzenden Decken. Tom kniete sich auf den Boden und spähte in das höhlenähnliche Monstrum. Anny saß mit einer Taschenlampe unter dem Wohnzimmertisch, hatte ihre Lieblingsstofftiere um sich geschart und lächelte ihn schüchtern an.

»Da hast du dir aber einen schönen Platz ausgesucht« Tom fühlte sich für einen Moment in seine Kindheit zurückversetzt. Auch er hatte es geliebt, imaginäre Burgen zu bauen und Abenteuer zu bestehen. Seine Körpergröße machte ihm hier allerdings eindeutig einen Strich durch die Rechnung. Sollte er versuchen, sich in die engen Gänge zu quetschen, würde er wahrscheinlich das ganze Bauwerk einreißen.

»Oh, nein!«, rief Susan. Die Decke, die sich eben noch wie ein Baldachin gespannt hatte, sank herab.

»Nicht loslassen!«, wies Cate ihre Schwester an und wandte sich dann an ihren Onkel. »Hilf uns! Schnell!« Tom hatte sich im Nu einen Überblick verschafft und den Fehler in der Statik gefunden. Er rückte das Sofa zurecht, beschwerte eine Decke mit einem Stapel Bücher und betrachtete zufrieden sein Werk.

»Ja, so ist es besser«, befand Susan, verschwand mit Cate im Tunnelsystem und klappte an dem Eingang, der auf Seite der Küche lag, ein Geschirrtuch herunter, damit sie vor neugierigen Blicken geschützt waren.

Tom schlenderte zum Esstisch, wo Lynette Platz genommen hatte und das Wasserglas für ihn bereitstand. Sie hatte den Kopf aufgestützt, lächelte ihn an und rührte in ihrem Pott, aus dem die Kette eines Tee-Eis hing.

»Wo ist eigentlich Marc?«, erkundigte Tom sich nach seinem Schwager.

Lynette winkte ab und rollte mit den Augen. »Diese Woche musste er die Spätschicht übernehmen. Es gab einige Krankheitsfälle. Das einzig Gute ist, dass er sich dann tagsüber um die Schafe kümmern kann – wenn nötig. Vielleicht bist du noch wach, wenn er in ein paar Stunden heimkommt.«

Tom prustete und unterdrückte ein Gähnen. »Mal sehen. War ein langer Tag. Ich habe einen frühen Zug genommen, bin in Glasgow und Dalmuir umgestiegen und habe das Stück vom Bahnhof zu euch zu Fuß zurückgelegt.« Er ließ sich gegenüber seiner Schwester auf einen Stuhl fallen.

»Kein Taxi?«, foppte Lynette. »Warum hast du nicht angerufen? Ich hätte dich doch abgeholt.«

»Nein, schon gut. Ich wollte dir keine Umstände machen, damit du dich in Ruhe um die Mädchen kümmern kannst … und Marc wäre eh nicht da gewesen. Ein bisschen Bewegung schadet nicht. Wie geht’s ihm eigentlich? Wollt ihr was Größeres auf die Beine stellen? Ich habe das Baumaterial in der Einfahrt gesehen.«

Lynettes Lächeln verschwand. »Wir haben uns einiges vorgenommen und wollen die oberen Zimmer renovieren. Es ist wirklich dringend nötig. Dadurch, dass Marc im Moment andere Arbeitszeiten hat, bekommt er zum Glück einen Zuschlag.« Sie lachte auf. »Und den haben wir auch bitter nötig. Zum einen geht der Umbau ganz schön ins Geld. Zum anderen müssen wir den finanziellen Ausfall auffangen. Es wird noch Wochen dauern, bis wir wieder zahlende Gäste haben werden.« Eine Sorgenfalte erschien auf ihrer Stirn, während sie das Tee-Ei abtropfen ließ und auf die Untertasse legte.

»Solange ich hier bin, helfe ich euch natürlich beim Renovieren … oder ich beaufsichtige die Rasselbande. Sag mir einfach Bescheid, wo’s fehlt, okay?«

»Das ist lieb.« Das Leuchten kehrte in Lynettes Augen zurück, als sie sich verschmitzt zu ihm beugte. »Aber du sollst deine Zeit hier bei uns genießen.« Lynette schlürfte vorsichtig an dem heißen Getränk. »Wollte Lauren denn nicht mitkommen?«

Tom spürte, wie sich Hitze auf seinen Wangen ausbreitete. Es war klar, dass das Gespräch irgendwann auf seine Ex-Freundin kommen würde. Bislang hatte er es vermieden, etwas von ihrer Trennung zu erwähnen. Aber im Vergleich mit den Dingen, die noch auf Tom zukamen, fiel die Sache mit Lauren überhaupt nicht ins Gewicht.

Tom räusperte sich und fuhr sich durch das Haar. »Wir sind nicht mehr zusammen«, gab er ohne Umschweife zu und wich Lynettes erstauntem Blick aus.

»Was? Warum? Was ist passiert? Seit wann?«

»Erst seit Kurzem. Es hat einfach nicht mehr gepasst, also ist sie gegangen«, erwiderte er lahm, zuckte mit den Schultern und versuchte sich an einem Lächeln. »Es ist okay, wirklich. Ich habe damit abgeschlossen.«

»Schade.« Tom war sicher, dass Lynette damit nicht Lauren meinte, die sie ohnehin nur einmal getroffen hatte, sondern es allgemein bedauerte, dass ihr Bruder wieder allein war. Was ja nicht stimmte. Er war heimlich mit Jake Crawford liiert. Der Gedanke beschleunigte seinen Puls und der Wunsch, Lynette von Jake zu erzählen, wurde schier übermächtig. Er konnte regelrecht spüren, wie sich die Worte in seinem Hals sammelten und dort einen unangenehmen Druck verursachten. Toms Herz schlug dumpf in seinem Brustkorb und trieb das Blut durch die Adern. War jetzt der richtige Augenblick? Sollte er es wagen und ihr von dieser unglaublichen Neuigkeit erzählen? Tom holte tief Luft – und sackte dann entmutigt wieder zusammen. Er brachte es nicht über sich, seine Schwester einzuweihen. Nicht, weil er Bedenken hegte, dass sie es herumerzählen würde, sondern weil er Angst davor hatte, nicht das erhoffte Verständnis in ihren Augen zu sehen.

»Ihr werdet schon eure Gründe gehabt haben.« Für Lynette schien das Thema damit erledigt zu sein, denn sie hob eine Augenbraue. »Lass uns über was anderes reden, ja? Die wirklich interessanten Dinge des Lebens!« Lynette lachte und als hätte sie erraten, dass Tom sich Gedanken über Jake machte, stand sie auf und holte eine der Zeitschriften aus dem Wohnzimmerregal. Stolz lächelnd schob Lynette sie über den Tisch zu Tom.

»Etwas spät, aber ich habe sie mir gekauft. Schon unglaublich, so einen berühmten Bruder zu haben.«

Sein Atem stockte. Es war genau jene Ausgabe seiner ehemaligen Redaktion, in der Jakes Homestory erschienen war. Ihm wurde heiß, als die Erinnerungen an die Nacht auf der Insel mit voller Wucht über Tom hereinbrachen.

»Jetzt haben wir endlich Zeit, ausgiebig über das Interview und dein Treffen mit einem absoluten Superstar zu reden. Es war bestimmt unglaublich, ihm gegenüberzustehen. Am Telefon warst du ja nicht sonderlich gesprächig. Ich will alles wissen! Und ganz nebenbei … die meisten aus dem Ort ebenfalls. Alle Nase lang werde ich auf das Interview und die anschließende Homestory angesprochen.«

Tom stöhnte innerlich auf. »Ich dachte, hier interessieren sich alle nur für Änderungen im Fahrplan der Fähre oder den nächsten Termin der Schafauktion … und nicht für irgendwelche Artikel in Klatschblättern.« Er sah sich schon, wie er die Tage im Haus verbrachte, weil er sich vor neugierigen Nachbarn nicht retten konnte.

»Tja, da liegst du falsch.« Sie zog eine Schnute. »Aber jetzt erzähl endlich! Ich wusste schon immer, dass du zu Höherem berufen bist«, scherzte Lynette.

»Das würde ich so nicht sagen und da gibt es auch nicht viel zu erzählen. Ich wurde dazu verdonnert, ein Interview mit Jake zu führen … anfangs war ich nicht gerade begeistert … und dann –«

»Moment!« Lynette hob eine Hand. »Wie darf ich das verstehen … Jake? Du nennst ihn beim Vornamen? Einfach so?«

»Ja.«

»Wow, wie kam das? Macht … Jake … das bei jedem? Wie ist er so?« Lynette hing gebannt an seinen Lippen.

»Nett.«

»Nett? Nur nett?«

»Na ja … er ist … toll. Umgänglich, überhaupt nicht abgehoben.« Und wahnsinnig sexy, fügte Tom in Gedanken hinzu.

Lynette tippte auf das Cover. »Du hast ihn innerhalb kürzester Zeit sogar zweimal getroffen … und dann diesen genialen Artikel geschrieben. Deine Chefin kann wirklich froh sein, dich zu haben.«

Ihm wurde ein wenig übel. »Das bezweifle ich.«

Toms Schwester sah ihn irritiert an. »Wie meinst du das?«

»Ich arbeite nicht mehr bei WM.«

»Oh, wurdest du abgeworben?«

»Nein. Genau genommen arbeite ich im Moment überhaupt nirgends.« Entschuldigend zuckte Tom die Schultern. »Deswegen kann ich euch leider beim Umbau nicht sofort in dem Maße finanziell unterstützen, wie ich es gern täte. Erst später … wenn ich das Honorar für den Artikel erhalten habe.«

»Geld? Von dir? Ich bitte dich. Das ist doch überhaupt nicht der springende Punkt. Sag mir lieber, warum du deinen Job los bis? Du hast doch gern dort gearbeitet, oder? Willst du dir was anderes suchen? Du müsstest doch jetzt überall grandiose Chancen haben. Hast du etwa vor, ins Ausland zu gehen?« Alarmiert zog sie die Stirn in Falten.

»Nein.« Tom holte seinen Rucksack aus der Diele und zog die Zeitschrift heraus, die er heute quasi druckfrisch an einem Bahnhofskiosk erstanden hatte. Offenbar hatte Lynette noch nichts von seinem Enthüllungsartikel mitbekommen. Er schob das Magazin über den Tisch. »Das ist der Grund. Der Artikel ist heute erschienen. Ich habe mir schon gedacht, dass du ihn noch nicht gesehen hast und … ich wollte persönlich mit dir reden«, fügte Tom hinzu, wobei er noch nicht sicher war, ob dieses Gespräch auch seine Verbindung zu Jake beinhalten würde.

Mit großen Augen überflog sie die Schlagzeilen auf dem Cover und begann dann, hektisch zu der entsprechenden Seite zu blättern. Tom wartete schweigend ab, bis sie alles gelesen hatte.

Lynettes Stimme klang zunächst schrill, dann warf sie einen kurzen Blick ins Wohnzimmer zu den Kindern und besann sich. »Du zeigst deine ehemalige Chefin an, weil sie dich dazu benutzt hat, Jake Crawford zu erpressen, um an die Homestory zu gelangen?«

»Gut zusammengefasst.«

»Du kannst das unmöglich alleine durchziehen.«

»Ich weiß … muss ich ja zum Glück nicht.« Tom stöhnte auf und fuhr sich durch die Haare. »Was bitteschön hätte ich denn tun sollen? Ich wollte das nicht auf mir sitzen lassen und habe mich geweigert, dabei zuzusehen, wie sie mit Menschen umgeht, als wären sie Figuren auf einem Spielbrett. « Er hob beschwichtigend die Hände. »Hör zu, Lynnie. Ich stecke da ziemlich tief drin und es könnte noch ganz schön heikel werden. Was ich dir sagen kann, ist, dass ich mit Leland Harrison einen tollen Anwalt habe, der mich in dieser Sache unterstützt. Bitte mach dir keine Sorgen, okay? Es gibt stichhaltige Beweise und Zeugenaussagen. Ich stehe regelmäßig in Kontakt mit der Kanzlei und auch Nelly hat sich heute schon bei mir gemeldet. Sharon Prescott wird sich verantworten müssen. Anscheinend hat sie bereits ihren Schreibtisch geräumt.«

»So schnell? Dein Text ist doch heute erst erschienen, oder?«

»Ja. Aber … bereits vor der Veröffentlichung des Enthüllungsartikels hat sich Harrison mit der Staatsanwaltschaft in Verbindung gesetzt. Die Sache läuft auf Hochtouren.«

»Und … was denkst du, wie Jake Crawford reagiert? Warte!«, rief sie aus, als sie die gesamte Tragweite überblickte. »Wenn die Homestory nur wegen Prescotts Erpressung zustande kam … dann wusste er bereits davon während eurer Zusammenarbeit!« Lynettes Augen wurden groß und sie starrte Tom mit offenem Mund an. »Wie hat er sich verhalten? Wie seid ihr miteinander ausgekommen? Konntest du den Sachverhalt klären? Hat er dir abgenommen, dass du nichts damit zu tun hast?«

»Ja. Zum Glück. Er war es auch, der den Kontakt zu seinem Anwalt hergestellt hat. Aber bitte, Lynette, zu keinem ein Wort, okay? Sonst kann die ganze Sache vielleicht noch kippen.«

Lynette wischte durch die Luft und zog die Augenbrauen zusammen. »Ja, ja, schon klar. Aber … was wirst du jetzt tun … ich meine … wie geht es jetzt weiter?«

»Tja, vorerst werde ich hier bei euch bleiben. Ich kann nicht zurück nach London. Der ganze Trubel in der Redaktion … und bestimmt auch vor meiner Wohnung.«

»Deiner Wohnung?«

»Na klar, oder denkst du, dass alle dichthalten und die Personalabteilung meine Adresse löscht? Ich bin keine Insel, Lynnie, so ein, zwei Menschen wissen schon, wo ich lebe«, erwiderte Tom sarkastisch »Der Versuchung, zum Tippgeber zu werden, können sicher nicht alle widerstehen. Ein paar Sensationslustige werden bestimmt versuchen, mich dort abzupassen.«

Lynette verschränkte die Arme vor der Brust. »Da können sie lange warten. Du bleibst erst mal hier.« Sie verstummte und starrte nachdenklich vor sich hin. Dann wurden ihre Gesichtszüge weicher. »Du tust das Richtige. Ich bin stolz auf dich. Das weißt du, oder?«

Tom drückte die Hand seiner Schwester. »Ich weiß.« Er fühlte sich erschöpft, wollte die Last des Schweigens nicht länger mit sich tragen. Nach einem tiefen Atemzug setzte er an, um die letzte Hürde zu nehmen. »Da ist noch etwas. In letzter Zeit … ist viel passiert. Jake und ich … wir haben nicht nur die Homestory –«

»Mami!« Mit einem spitzen Schrei und geröteten Wangen rannte Anny auf Lynette zu, kletterte auf den Schoß und suchte Schutz vor ihrer Schwester. Breitbeinig blieb Susan in gebührendem Abstand stehen und stemmte die Fäuste in die Seiten.

»Gib mir die Pferde!«, verlangte sie, streckte die Hand aus und erwartete die Herausgabe.

»Nein!« Trotzig schüttelte Anny den Kopf.

»Hey, was ist denn los?«, versuchte Lynette, sich einen Überblick zu verschaffen.

»Ich will die Farm aufbauen, aber Anny hat beide Pferde genommen«, beklagte sich Susan.

Lynette schloss für einen Moment die Augen und seufzte. »Zum Glück sind es zwei Pferde. Schatz, such dir eins aus. Das andere gibst du Susan. Später könnt ihr tauschen. Dein Teddy kann sowieso nur auf einem reiten«, vermittelte sie zwischen den Geschwistern.

Im ersten Moment sah es so aus, als wollte sich die Kleine dem Vorschlag ihrer Mutter verweigern. Dann jedoch begutachtete sie nachdenklich die Plüschtiere in ihren Händen und entschied sich für das braune. Ohne weitere Zwischenfälle zogen die beiden ab.

Durch diese Unterbrechung war der Moment, in dem Tom seinen Mut zusammengekratzt hatte, leider vorüber. Aufgewühlt verschob er das Gespräch auf später – auf irgendwann, wenn er bereit dazu war.

Lynette stützte die Ellenbogen auf den Tisch und massierte sich die Schläfen. Sie wirkte müde und unter ihren Augen waren dunkle Ringe sichtbar.

»Entschuldige. Die beiden sind in den letzten Tagen oft wie Hund und Katz. Außerdem sollte ich Anny so langsam ins Bett stecken«, wandte sie sich mit einem dünnen Lächeln an Tom. »Was wolltest du sagen? Jake und du …«, griff sie Toms Satz wieder auf. »Ich kann mir vorstellen, dass ihr so einiges wegen Sharon Prescott durchgemacht habt. Du vor allem. Er wird den Kampf mit der Presse ja gewohnt sein.«

Tom winkte ab. »Ach, lassen wir das. Ich will einfach den Kopf freikriegen und wenigstens kurz mal alles hinter mir lassen.«

Lynette seufzte. »Was hältst du davon, dich oben einzuquartieren, während ich mich um die Gutenachtgeschichte für die Kleine kümmere?«

»Gute Idee.«

»Ab morgen darfst du das übernehmen.« Sie zwinkerte ihm zu. »Ich zeige Tom sein Zimmer. Bin sofort wieder da«, gab Lynette den Mädchen Bescheid. »Und dann ist Schlafenszeit«, fügte sie mit einem Blick auf Anny hinzu.

»Nein!«, kam prompt die Antwort. Lynette trat in die Diele, drehte sich zu Tom um und ging dann rückwärts weiter. »Momentan ist alles ein bisschen chaotisch.« Sie zeigte zur Tür am Ende des Ganges, auf der ein Schild mit der Aufschrift ›PRIVAT‹ angebracht worden war. »Marc und ich schlafen im hinteren Zimmer, die Mädchen vorübergehend oben. Wenn der Umbau abgeschlossen ist, wird es im ersten Stock vier Gästezimmer geben und wir fünf ziehen ins Dachgeschoss.« Sie zeigte nach oben und betrat die erste Stufe. Tom ließ seinen Blick über einen mit Aufstellern und Prospekten bestückten Tisch schweifen. Fahrpläne der Fähren, Visitenkarten ortsansässiger Pubs und Restaurants, Notizzettel und Stifte waren akkurat angeordnet, ließen aber noch genügend Platz für das große Gästebuch, in das sich jeder Besucher mit Lob oder Anregungen eintragen durfte. An der Wand hingen die Schlüssel für die Gästezimmer, nummeriert mit glänzenden Ziffern und jeder versehen mit einem individuellen Anhänger. Die Nische unter der Treppe war auf diese Weise platzsparend zu einer Art Empfang umfunktioniert worden.

Er warf den Rucksack über die Schulter und zog seinen Koffer zur Treppe, die seine Schwester bereits zur Hälfte emporgestiegen war. Ihre Schritte wurden durch den Teppich gedämpft, der auf den Trittflächen klebte. Deutliche Gebrauchsspuren wie Flecken, eingetrocknete Gipsklumpen und Abschürfungen an der Wand zeugten von der Notwendigkeit, auch diesen Teil des Hauses einer Erneuerung zu unterziehen, sobald oben die Renovierungsarbeiten beendet waren.

Lynette stützte sich auf das Geländer und wartete, bis Tom das erste Stockwerk erreicht hatte. Hier befanden sich die vier Zimmer, an die sich jeweils ein Bad anschloss und die seine Schwester sonst immer für Gäste bereithielt. Zwei der Türen standen offen und Tom konnte die kahlen Wände sehen. An manchen Stellen klebten noch Tapetenreste, Folien lagen auf dem Boden und unter einer Leiter stand ein Eimer mit diversen Pinseln und Farbrollen.

»Tja, nicht mehr wiederzuerkennen, was?«, hörte er Lynette hinter sich, als er sich mit einem kurzen Rundgang einen Überblick verschaffte. Tom knipste in beiden Zimmern die nackten Glühbirnen an der Decke an und warf einen Blick in die Räume. Es gab noch viel zu tun, aber er hegte keine Zweifel, dass am Ende der Renovierungsarbeiten liebevoll eingerichtete Zimmer zur Vermietung bereitstanden, in denen sich die Gäste rundum wohlfühlten.

»Die Mädchen schlafen hinten. Zum Glück kommt Anny inzwischen gut damit zurecht, dass wir unten keinen Platz für ihr Bett haben. Es hilft ihr, dass ihre großen Schwestern mit im Zimmer schlafen.« Lynette zeigte auf die Tür, die am weitesten vom Treppenaufgang entfernt lag. »Damit wir sie notfalls auch nachts hören können, steht unten bei uns ein Babyphone … und … jetzt bist du ja da.«

Tom erwiderte ihr Lächeln. »Na klar, ich passe auf die Mäuse auf. Hoffentlich muss ich nicht auf der Baustelle schlafen. In dem Fall würde ich einfach unten das Sofa in Beschlag nehmen.«

Lynette legte ihre Hand auf seinen Arm, öffnete die verbliebene Tür und schaltete das Licht an.

»Wo denkst du hin? Ein Gästezimmer ist noch möbliert. In diesem Fall ist es dein Glück, dass Marc nicht so schnell vorankommt.« Tom trat ein und stellte sein Gepäck neben den Sessel in der Ecke. Hier war alles noch so, wie er es in Erinnerung hatte. Unempfindlicher Teppich in Dunkelgrau zog sich durch den ganzen Raum. Vorhänge, Tapeten und sogar die Bettwäsche hingegen waren Ton in Ton abgestimmt und füllten das Zimmer mit sattem Grün.

Aus reiner Gewohnheit trat er ans Fenster und zog die dicken Stoffbahnen zu, auch wenn keines der Nachbarhäuser so dicht bei ihnen stand, dass jemand sie in den beleuchteten Fenstern hätte sehen und beobachten können. Die Heizung unter dem Sims gluckerte und warme Luft stieg auf. Nur zwei Schritte entfernt stand eines der beiden Betten, die durch ein Nachtschränkchen voneinander getrennt wurden. Neben dem anderen führte eine Tür ins Bad und Tom freute sich auf eine warme Dusche. Er spürte die Erschöpfung nach diesem langen Tag.

»Pack erstmal in Ruhe aus. Ich bringe Anny ins Bett und mach’s mir dann bei den Großen im Wohnzimmer gemütlich. Wenn du etwas brauchst, meldest du dich, ja?«

»Ich komme nachher nochmal runter und sag Gute Nacht.« Tom küsste seine Schwester flüchtig auf die Stirn. »Danke für alles.«

Kapitel 3

Tom schreckte aus dem Schlaf hoch und sah sich orientierungslos um. Das Zimmer lag im Halbdunkel, da die schweren Vorhänge das Tageslicht nicht vollständig aussperrten. Wie zäher Honig tropfte die Erinnerung in sein Bewusstsein. Richtig. Er war am Abend zuvor bei seiner Schwester angekommen und nach ein paar gemütlichen Stunden wie ein Stein ins Bett gefallen. Kurz vor dem Aufwachen war er in wirren Träumen gefangen gewesen, weshalb es ihn nicht sonderlich störte, dass ihn ein dumpfes Geräusch in die Realität befördert hatte – oder war das Einbildung gewesen?

Tom stützte sich auf seine Ellenbogen, tastete auf dem Nachttisch nach seinem Handy und blinzelte das grelle Display an. Später Vormittag. Hatte er wirklich so lange geschlafen? Angesichts der vielen Stunden sollte er eigentlich topfit sein. Stöhnend ließ er sich in die Kissen fallen, gähnte herzhaft und lauschte den Stimmen und Geräuschen, die das Haus erfüllten. Während er sich den Schlaf aus den Augen rieb, hörte er, wie das Tor der angebauten Garage geschlossen wurde und kurz darauf Lynettes Absätze im Erdgeschoss über den Boden klackerten. Auf der anderen Seite des Treppenaufgangs brabbelte Anny im Zimmer, das sie sich mit ihren Schwestern teilte, und fing nach einer Weile an, völlig unbekümmert zu singen. Er genoss es, ohne Termindruck in den Tag zu starten und hing seinen Gedanken nach, die sich unweigerlich immer wieder auch um Jake drehten. Erst als sein Magen zu knurren begann, raffte Tom sich auf. Er rollte aus dem Bett, zog die Vorhänge zurück und lüftete das Zimmer, nachdem er die Heizung auf null gestellt hatte. Im Bad schöpfte er sich ein paar Handvoll kaltes Wasser ins Gesicht, um endgültig wach zu werden. Barfuß schlenderte er zur Tür, öffnete sie und nahm damit unwissentlich einem rosaroten Rucksack den Halt. Der kippte und blieb auf der Schwelle liegen.

»Du hast mich also vorhin geweckt«, redete Tom auf die Tasche ein, als wäre sie lebendig und könnte ihn verstehen. Er hatte absichtlich mehr Kraft in seine Stimme gelegt, damit Anny ihn hören konnte. Im selben Augenblick verstummte sie. »Was mache ich jetzt nur mit dir?«, spielte er weiter den Ahnungslosen, sah aber aus dem Augenwinkel, dass drüben der rotbraune Lockenkopf seiner Nichte im Türspalt auftauchte. Tom ging in die Hocke und führte die imaginäre Unterhaltung weiter. »Was hast du gesagt? Du möchtest … natürlich helfe ich dir dabei«, fügte er lächelnd hinzu und hob den Rucksack auf. Tom zwinkerte Anny zu, die zu ihm herüberschaute und ihn neugierig beobachtete. »Dein Rucksack möchte auf jeden Fall bei dir bleiben«, wandte er sich an sie und schlenderte auf sie zu. Lächelnd kam sie Tom entgegen, drückte ihr Eigentum an sich und kehrte zu der Kaffeerunde zurück, die sie in der Mitte des Zimmers aufgebaut hatte. Tom lehnte sich an den Rahmen, ohne ihr kleines Reich zu betreten. Um einen Tisch, der Tom knapp übers Knie reichte, standen ein paar Stühle, auf denen die Gäste platziert worden waren – Puppen und auch das Bärchen, das er Anny geschenkt hatte, waren zu der Runde eingeladen worden. Geschäftig füllte sie mit einem zischenden Laut unsichtbares Wasser in eine Kanne und goss das Getränk dann in die bereitstehenden Tassen.

Tom schmunzelte und verspürte tiefe Dankbarkeit – dafür, ein Teil dieser Familie zu sein und sich auf bedingungslosen Rückhalt verlassen zu können. Obwohl immer ein Mindestmaß an Trubel im Haus herrschte, fand er hier Ruhe, konnte sich entspannen und die Seele baumeln lassen. London, alles, was mit Toms ehemaliger Redaktion zu tun hatte, der Ärger, den er sich eingehandelt hatte und der ihm bis zum Hals stand, die Entscheidungen, die Jake betrafen, und die Tatsache, dass Toms Outing früher oder später unausweichlich war, wenn er Jake nicht verlieren wollte – alles war im Moment weit weg und das verschaffte Tom eine Verschnaufpause.

»Ist deine Mami unten?«, fragte er, obwohl er hören konnte, dass Lynette in der Küche hantierte. Mit vor Eifer geröteten Wangen sah Anny auf und nickte scheu. Tom winkte seiner Nichte zu und machte sich auf den Weg nach unten. Er ging an der Glastür vorbei, die den Frühstücksraum für die Gäste von der Diele abtrennte, und bog in das Esszimmer ab. Herrlicher Kaffeeduft stieg ihm in die Nase.

»Morgen«, begrüßte er seine Schwester, die erschrocken herumfuhr.

»Oh! Morgen, Tom. Ich hab dich gar nicht gehört.« Ihr Lächeln wirkte angestrengt, während sie unaufhörlich Lebensmittel aus einem Wäschekorb in die Küchenschränke einräumte. »Na? Munter?«, erkundigte sie sich und Tom hätte ihr am liebsten die gleiche Frage gestellt. Sie war bleich und unter ihren Augen lagen dunkle Schatten.

»Ja, so einigermaßen. Wahrscheinlich hätte ich noch länger geschlafen, aber Annys Rucksack ist an meiner Tür gelandet.«

Lynette hielt kurz inne, je eine Obstkonserve in den Händen, und machte ein betretenes Gesicht. »Tut mir leid.«

»Hey, das macht doch nichts.« Tom winkte ab und schlenderte zu ihr in den Küchenbereich. »Wahrscheinlich bin ich fitter als du … trotz des unsanften Starts. Siehst ziemlich gerädert aus.«

Mit fahrigen Bewegungen strich Lynette sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und stützte sich auf die Arbeitsplatte. »Ich fühle mich ein bisschen matt. Wahrscheinlich hat Anny irgendeinen Virus aus der Vorschule angeschleppt.

»Mmh.« Tom deutete auf den Einkauf. »Kann ich dir helfen? Ist noch was im Auto?«

»Ja. Noch so ein Korb.«

»Bin gleich wieder da«, murmelte er, fasste die Obstschale ins Auge und zupfte im Vorbeigehen ein paar Beeren von einer Weintraube ab. Lynettes Blick blieb an seinen nackten Füßen hängen. »Aber zieh Schuhe an … es ist kühl«, wies sie ihren Bruder nachdrücklich an.

»Lynnie, mach dir doch nicht immer um alles und jeden Sorgen. Ich werde den kurzen Weg bestimmt überleben.« Theatralisch legte Tom eine Hand auf seine Brust und zwinkerte ihr zu, ehe er den Flur entlanglief und die Tür mit der Aufschrift ›PRIVAT‹ öffnete. Dahinter lag ein kleiner Vorraum, von dem aus man zum einen in Lynettes und Marcs Schlafzimmer und zum anderen in die Doppelgarage gelangte. Im Nu hatte er den Korb in die Küche getragen.

»Siehst du? Alles noch dran.« Er hielt ihrem strengen Blick stand und stellte sich übertrieben in Pose, als Beweis, dass er sich tatsächlich noch bester Gesundheit erfreute. »Wie gefällt es Anny in der Vorschule?« Tom wechselte das Thema und machte sich daran, die Nudelpackungen in die Schublade zu stapeln, die Lynette ihm zeigte.

»Wirklich gut. Sie ist gern unter Gleichaltrigen. Misses Cockridge, eine der Erzieherinnen, hat sich in der Eingewöhnungsphase ganz toll um sie gekümmert. Zuerst war Anny wohl sehr zurückhaltend, hat sich dann aber gut eingelebt. Vormittags ist sie zwei bis drei Stunden dort. Heute habe ich in der Zeit eingekauft und sie danach wieder abgeholt.« Tom schob den leeren Korb beiseite und wurde dann von Lynette an den Esstisch dirigiert. Sie füllte eine Tasse mit Kaffee und stellte sie zusammen mit Milch und Zucker vor ihm ab. »Was möchtest du essen? Ich hoffe, ich habe alles eingekauft, was du magst.« Während sie sprach, bückte sie sich hinter dem Tresen und verschwand aus Toms Sichtfeld. Lynette kramte aus der Schublade unterm Backofen eine Kuchenform hervor und begann mit dem Einfetten. »Die Mädchen und Marc haben sich Kuchen gewünscht. Auf den musst du allerdings noch ein Weilchen warten.«

»Ich mach mir einfach Toast zum Frühstück … oder zum vorgezogenen Mittagessen«, fügte Tom hinzu, nachdem er einen Blick auf die Uhr an der Wand geworfen hatte, und schlürfte genüsslich den heißen Kaffee. Lynette bedeutete ihm, sitzen zu bleiben und steckte zwei Scheiben in die Schlitze. Inzwischen war sie soweit, die Zutaten vorzubereiten, stellte eine Schüssel auf die Küchenwaage und löffelte Mehl hinein.

»Marc hat zurzeit viel um die Ohren. Da braucht er mehr Nervennahrung als sonst«, machte sie fast entschuldigend eine Anspielung auf die Menge Zucker, die sie gerade abwog. »Er ist heute schon früh zu den Schafen aufgebrochen, um alle Reparaturarbeiten an den Zäunen zu schaffen.«

»Lasst ihr sie denn nicht frei laufen?«

»Nein, es kostet zu viel Zeit und ist zu umständlich. Die Impfungen und die Entwurmung stehen an. Wenn er hier noch den Umbau stemmen muss, kann er draußen bei den Tieren nicht auch noch stundenlang mit dem Quad herumfahren und nach ihnen suchen. So muss er sie wenigstens nicht zusammentreiben.«

»Was sagt Marc eigentlich zu meinem Enthüllungsartikel? Ich hoffe, ich bekomme ihn heute mal zu Gesicht.«

»Er steht natürlich auch voll hinter dir. In allem, was du tust. Trotzdem ist es ihm ganz recht, dass er von seinen Kollegen bei Weitem nicht so häufig auf deine Arbeit angesprochen wird wie ich. Für Männer sind andere Dinge wichtig. Allerdings scheinen sich die Frauen brennend für Jake Crawford zu interessieren – auch wenn oder gerade, weil wir hier ein wenig abseits der Hotspots der Promis leben. Da ist es natürlich naheliegend, dass sie auf mich zukommen, um Neuigkeiten aus mir herauszuquetschen – ich bin ja deine Schwester.«

»Bist du heute beim Einkaufen etwa auch angesprochen worden? Immerhin ist das Magazin druckfrisch.«

»Nein.« Plötzlich machte Lynette große Augen und holte tief Luft. »Aber weißt du was?«

Tom fuhr fort, seinen Toast mit Butter und Erdbeermarmelade zu bestreichen. »Nein, aber du wirst es mir mit Sicherheit gleich sagen«, antwortete er gelassen, legte das Messer auf dem Tellerrand ab und biss in das geröstete Weißbrot. Seine Schwester schien mit einem Mal einen Energieschub erhalten zu haben. Sie strahlte und ihre Wangen bekamen mehr Farbe.

»Das hätte ich beinahe vergessen.« Lynette schaltete die Rührmaschine ein und sah prüfend in die Schüssel, um sicherzugehen, dass die Zutaten wie gewünscht vermengt wurden. Dann eilte sie zu Tom an den Esstisch und setzte sich ihm gegenüber. »Du errätst nie, wer mir unten im Ort über den Weg gelaufen ist.« Triumphierend schnippte sie mit den Fingern und sah ihn erwartungsvoll an.

Tom zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Okay, du hast gewonnen. Ich kann leider nicht hellsehen.« Er hatte keinen blassen Schimmer, worauf sie hinauswollte. »Also? Was ist jetzt?« Nun wollte er doch in Erfahrung bringen, wer seine Schwester so aus dem Häuschen brachte.

»Iain!«, platzte sie heraus und Tom hätte sich beinahe verschluckt. Mit einem Mal schienen sein Hunger und auch sein Geschmackssinn wie weggeblasen. Er legte den Rest des Toasts auf den Teller.

»Iain?«, wiederholte er monoton, während ihm zugleich heiß und kalt wurde. Bilder aus der Vergangenheit stürmten auf ihn ein. Der Augenblick, in dem er seinen damaligen besten Freund am Strand geküsst hatte, schien nur wenige Minuten her zu sein. Die Scham, die Tom damals empfunden hatte, brannte mit unverminderter Stärke in ihm.

»Ja, ist das nicht ein wahnsinniger Zufall, dass ihr beide zur selben Zeit hier auftaucht? Er ist angereist, um irgendeine Erbangelegenheit zu regeln. Ihr habt euch ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen«, plapperte sie weiter.

»Ja, stimmt«, presste Tom hervor. Zu mehr war er nicht fähig.

Lynette legte eine Hand auf seinen Arm. »Ich weiß noch, dass es nicht leicht für dich war, als er ausgewandert ist. Wenn ich mich recht entsinne, dann hattet ihr vor seiner Abreise sogar noch Streit. Erinnerst du dich? Du hast mir nie gesagt, um was es ging. Vielleicht könnt ihr eure Meinungsverschiedenheit ja jetzt beilegen. Nichts kann so schlimm sein, dass ihr euch nicht doch wieder annähert. Was meinst du?«

Toms Magen krampfte sich zusammen. »Mmh«, brummte er ausweichend. Das konnte ‚ja‘ oder ‚nein‘ bedeuten. Er stellte sich die erste Begegnung nach dieser langen Zeit grauenvoll vor. Zu viele Fragen hatten sich angestaut, als dass Tom ein entspannter Umgang möglich erschien.

»Ich habe nur kurz mit ihm geredet … aber du und Iain, ich finde, ihr solltet einfach mal einen Abend im Pub verbringen … über alte Zeiten quatschen. Jetzt habt ihr die Gelegenheit.«

»Ach, findest du?«

»Ja. Die gleichen Gedanken schien auch er gehabt zu haben. Jedenfalls hat er sich nach dir erkundigt.«

»Iain? Nach mir? Was … was hat er gesagt?«

»Er wollte wissen, wie es dir geht … was du so machst.«

Tom hing an den Lippen seiner Schwester, doch mehr gab es anscheinend nicht zu erzählen.

»Ich habe ihn zu uns eingeladen.« Diese Worte wirkten wie ein Faustschlag in den Magen und Tom blieb die Luft weg. Er spürte das Pulsieren seines Herzschlags bis in den Hals.

»Du hast was?«, krächzte er.

»Natürlich habe ich Iain angeboten, dass er jederzeit vorbeikommen kann. Zufällig lauft ihr euch sonst vielleicht nie über den Weg.« Lynette lächelte zufrieden. »Und stell dir vor, er hat versprochen, sich sehen zu lassen.«

Entgeistert starrte Tom seine Schwester an. Verdammt! Er war doch hier, um sich zu erholen! Ein arrangiertes Treffen mit Iain hatte ihm gerade noch gefehlt. Dabei konnte er ihr nicht einmal böse sein, ihn in diese Lage manövriert zu haben. Sie wusste nicht, was damals passiert war. Das war das einzige Mal in seinem Leben, dass er etwas Wichtiges vor Lynette geheim gehalten hatte.

»Was ist? Was hast du denn? Du siehst aus, als würdest du –« Weiter kam sie nicht. Genau in diesem Augenblick klingelte es an der Haustür. »Oh! Wenn man vom Teufel spricht. Vielleicht ist er das schon. Sieh doch mal nach«, forderte Lynette ihn auf, während sie eilig in die Küche zurückkehrte und dem Teig geraspelte Schokolade hinzufügte.

»Ich? Wieso ich? Es ist dein Haus«, zischte Tom und sprang auf. Prompt erntete er einen verständnislosen Blick.

»Was ist denn plötzlich los mit dir? Du wirst doch eine gewöhnliche Tür öffnen können … noch dazu mit meiner Erlaubnis«, fügte sie spöttisch hinzu und nahm ganz offensichtlich auf seine Bemerkung Bezug. »Stell dich nicht so an. Nun mach schon … ich bin gerade beschäftigt. Der Teig muss luftig geschlagen in die Form und sofort in den Ofen.«

Tom kannte seine Schwester. Sie würde ihre Meinung nicht ändern. Die Klingel ertönte ein zweites Mal. Lynette wedelte mit einer Hand durch die Luft, als könnte sie ihn dadurch bewegen, schneller an die Tür zu gehen, doch Tom rührte sich nicht. Auch dann nicht, als sie ihn verständnislos ansah. Er geriet zunehmend unter Druck und auf die Schnelle fiel ihm nur ein Argument ein.

»Schlafklamotten!« Er hatte seine Gedanken auf ein Wort verkürzt und zupfte an Shirt und Jogginghose.

Lynette verdrehte die Augen. »Das macht doch nichts. Es sieht nicht nach Bett, sondern nach Urlaub aus … und jetzt geh endlich an die Tür! Iain wird sicher nicht erwarten, dass du in Sakko und Fliege vor ihm stehst.«

Tom zögerte. Er starrte auf die Klinke und konnte sich nicht dazu durchringen, zu öffnen. Die Tür zum Esszimmer hatte er geschlossen. Von der Unterhaltung mit Iain sollte seine Schwester nichts mitbekommen. Wer wusste schon, was Iain alles zur Sprache bringen würde? Vielleicht konnte Tom ihn mit ein paar Höflichkeitsfloskeln abwimmeln und dann dieses peinliche Wiedersehen so schnell wie möglich vergessen. Tom bemerkte, dass er schwitzte. Gleichzeitig hatte er eisige Hände und Füße – und das sicher nicht nur wegen des kalten Bodens. Als die Klingel deutlich länger gedrückt wurde und das die Ungeduld des Besuchers verriet, atmete Tom tief ein und öffnete schließlich die Tür. Ein Mann in Kapuzenshirt und Jeans hatte ihm den Rücken zugewandt und war gerade im Begriff, sich vom Haus zu entfernen. Anscheinend hatte er nicht mehr damit gerechnet, doch noch jemanden anzutreffen.

Mist! Hätte Tom nur ein paar Sekunden länger gewartet, würde er jetzt kein Problem haben. Geräuschlos und unentdeckt wieder im Haus zu verschwinden, war nicht mehr möglich. Der Mann hatte Tom gehört, drehte sich um und streifte die Kapuze in den Nacken.

Wie vom Donner gerührt stand Tom da und umklammerte krampfhaft den Türgriff.

»Oh, gut!«, rief sein Gegenüber erleichtert aus. »Es war doch die richtige Adresse! Du bist tatsächlich hier!« Er wirkte, als hätte man ihn soeben um eine zentnerschwere Last erleichtert. Mit großen Schritten kam er auf Tom zu und sah ihn flehend an. »Hast du Geld?«

Tom war unfähig etwas zu tun oder zu sagen. Gebannt starrte er in die Augen, die ihm mit Leichtigkeit schlaflose Nächte bereiten konnten.

Jake? Hier? Warum? Die Bruchstücke ließen sich nicht zusammenfügen. Plötzlich hatte er eine Szene aus dem Film ›Titanic‹ im Kopf. Als das Schiff auf Kollisionskurs mit dem Eisberg war, mussten die wuchtigen Maschinen erst gestoppt und dann rückwärts wieder in Gang gesetzt werden. Das gelang zwar, aber nur stark verzögert – und das Unheil nahm seinen Lauf.

Genauso fühlte Tom sich in diesem Moment. Er sah Jake vor sich. Sein Gehirn reagierte aber dermaßen träge beziehungsweise konnte die ankommenden Informationen nicht im erforderlichen Maße verarbeiten, sodass sich alles in Zeitlupe abzuspielen schien. Erst als Jake ungeduldig mit den Fingern vor seinem Gesicht schnippte, kam eine Reaktion.

»Geld?«, echote Tom überfordert.

»Ja. Für das Taxi.« Jake deutete hinter sich.

Tom sah zur Straße. Dort stand tatsächlich eines. Der Fahrer hatte das Fenster heruntergelassen, stützte seinen Ellenbogen scheinbar gelangweilt auf den Rahmen und behielt seinen Fahrgast im Auge.

»Was –?«

»Ich erklär’s dir gleich … zuerst muss ich bezahlen«, fiel Jake ihm ins Wort und sah ihn mit großen Augen treuherzig an. »Du bekommst es zurück … ehrlich.«

»Ähm … warte kurz.« Tom trat an die Garderobe, kramte in seiner Jackentasche nach dem Geldbeutel und reichte ihn weiter. »Wie viel brauchst du? Ich weiß nicht …«

Jake öffnete das große Fach mit den Scheinen und nickte. »Dürfte reichen. Bin gleich wieder da.« Er rannte die Einfahrt hinunter, reichte dem Fahrer Geld und kehrte mit einer Reisetasche, die er aus dem Kofferraum genommen hatte, zum Haus zurück. Während der ganzen Zeit konnte Tom nicht den Blick von ihm wenden. Seine Gedanken überschlugen sich und langsam registrierte er, dass nicht mehr Hunderte Kilometer zwischen ihnen lagen. Jake war hier. Ganz nah. Bei dem Gedanken bekam er vor Aufregung weiche Knie.

»Ich war nicht auf eine Taxifahrt vorbereitet … schon gar nicht auf eine, die so lange dauert und dann so viel kostet«, versuchte Jake sich an einer Erklärung, nachdem er sein Gepäck abgestellt hatte.

Er gab das Portemonnaie zurück, lächelte unsicher und blieb vor Tom stehen, der ihn immer noch ungläubig anstarrte.

Betreten kaute er auf seiner Unterlippe. »Darf ich reinkommen? Ich weiß nicht, wohin ich sonst soll.«

Plötzlich kam wieder Leben in Tom, der bis zu diesem Zeitpunkt beinahe apathisch am Hauseingang gestanden hatte. Er packte Jakes Ärmel, zerrte ihn über die Schwelle und schloss die Tür mit Nachdruck. Dabei kamen sie sich so nah, dass Tom ihn ohne Schwierigkeiten hätte küssen können. Der Gedanke daran jagte ein Kribbeln durch seinen Körper und brachte seinen Herzschlag zum Stolpern. So verführerisch … aber … nein! Tom rief sich energisch zur Ordnung. Sie waren nicht allein, konnten jederzeit entdeckt werden, wenn Tom seinen Gefühlen nachgab und körperliche Nähe zuließ.

Beim Versuch, die Kontrolle über sich zu behalten, schoss Tom über das Ziel hinaus und vergriff sich im Ton. »Was machst du hier? Und noch dazu mit dem Taxi. Willst du einen Massenauflauf vor dem Haus meiner Schwester provozieren? Ich muss hier untertauchen. Du erinnerst dich? Es ist nicht sehr hilfreich, dass du bei mir aufkreuzt. Die ruhigen Tage sind jetzt bestimmt gezählt«, flüsterte Tom aufgewühlt und spürte gleichzeitig sein schlechtes Gewissen. Sollte er sich entschuldigen und doch das Risiko eingehen, Jake in die Arme zu nehmen? Für diese Entscheidung blieben bestenfalls nur Sekunden. Er warf einen Blick über seine Schulter. Der Durchgang zum Esszimmer war verschlossen. Noch. Tom vermutete jedoch, dass Lynette früher oder später nach ihm und Iain, den sie ja eigentlich erwartete, sehen würde. Und was dann? Würde sie das Versteckspiel durchschauen?

»Ich glaube nicht, dass mich der Taxifahrer erkannt hat.« Jake wirkte zerknirscht. »Bist du sauer?«

»Keine Ahnung.« Das stimmte sogar. Tom fühlte sich überfordert, weil die Blase aus Heimlichkeiten mit einem riesigen Knall zu platzen drohte – vor allem, wenn er den Scharfsinn seiner Schwester bedachte. Ihr konnte man nicht so leicht etwas vormachen. In ihm braute sich eine Wolke aus vielen verschiedenen Emotionen zusammen. Panik, weil Tom fühlte, dass ihm die Situation entglitt und er überzeugt war, den Zeitpunkt seines Outings nun nicht mehr selbst bestimmen zu können. Ein schlechtes Gewissen Lynette gegenüber, weil er sie, obwohl sie seine Schwester und damit einer seiner Lieblingsmenschen war, immer noch nicht eingeweiht hatte. Und ein unglaubliches Glücksgefühl, weil Jake so unverhofft wieder bei ihm war. Aber war Tom gleichzeitig sauer auf ihn?

Ihm wurde heiß und sein Herz raste. »Was soll ich deiner Meinung nach jetzt machen?« Er widerstand dem Drang, Jake einfach wieder zur Tür hinaus zu schieben und so zu tun, als wäre das alles überhaupt nicht passiert. Leider konnte er die vergangenen Minuten nicht einfach löschen und sich damit des Problems entledigen. Himmel! Hatte er das eben wirklich gedacht? Das artete ja inzwischen in einen mittelprächtigen Panikanfall aus, der seine Gefühle für Jake nahezu komplett überlagerte. Klar war, dass er sich durchaus danach sehnte, Jake in die Arme zu schließen, ihn leidenschaftlich zu küssen. Mit seinem Überraschungsbesuch hatte er ihn einfach nur eiskalt erwischt.

Jake deutete mit dem Daumen über seine Schulter. »Draußen habe ich ein Schild gesehen … Bed and Breakfast. Könnte ich ein Zimmer mieten?«

Tom entwich ein Keuchen, während er ein Kopfschütteln andeutete. Der Typ war wirklich unglaublich! »Nein. Kannst du nicht. Wegen Umbauarbeiten geschlossen«, brummte Tom, aber Jake schien zu spüren, dass er die Ablehnung nicht bös meinte, denn er zwinkerte ihm zu und kam näher. Gerade noch rechtzeitig hörte Tom Lynettes Schritte und wich zurück.

Die Tür zum Esszimmer wurde geöffnet und Lynette trat zu den beiden in den Flur. »Hey, Tom, warum kommt …« Sie brach ab und blieb wie angewurzelt stehen. »Oh, das … ist ja gar nicht Iain.« Wie automatisiert säuberte sie weiter ihre teigverschmierten Finger mit einem Handtuch.

»Nein.« Tom räusperte sich. »Das ist Jake, mein …« Der Druck in seinem Brustkorb verstärkte sich schlagartig und der innere Drang, der ihn beinahe dazu gebracht hatte, mit offenen Karten zu spielen, ließ so schnell nach, wie er sich aufgebaut hatte.

»Dein …?«, wiederholte Jake mit einem seltsamen Unterton. Er hob die Augenbrauen und sah Tom fragend an.

»Meine Inspiration … für … vielbeachtete Artikel«, rettete der sich stotternd in eine fadenscheinige Erklärung und ignorierte das flaue Gefühl.

»Tom, ich weiß.« Sie warf ihrem Bruder einen tadelnden Blick zu. »Denkst du wirklich, dass ich ihn nicht bereits erkannt hätte?« Dann wandte sie sich direkt an Jake. »Hallo.« Sie stockte. »Herzlich willkommen … ähm … Jake?«, versicherte sie sich vorsichtig, ob er diese Anrede akzeptierte. Sie schien überlegt zu haben, ob in dieser Situation ein ›Mister Crawford‹ angebracht gewesen wäre, hatte sich aber offensichtlich für eine formlose Begrüßung entschieden. »Ich hoffe, es ist okay, wenn ich …«

Als Zeichen der Zustimmung lächelte Jake und deutete ein Nicken an. »Na klar.«

»Jake, das ist meine Schwester Lynnie … Lynette«, verbesserte Tom sich und ihm wurde einmal mehr bewusst, wie surreal dieser Moment war. Als hätte man Jake aus einem Foto ausgeschnitten und diesen Schnipsel dann auf eines von Tom und Lynette geklebt.

»Hi, Lynette. Freut mich sehr, dich kennenzulernen.«

Sie strahlte Jake an. »Das ist wirklich eine Überraschung. Tom hat gar nicht erwähnt, dass du …«

»Oh, das konnte er auch nicht«, versicherte Jake schnell und versuchte sich an einer Erklärung. »Er wusste nicht, dass ich bei euch reinschneie. Es ist nämlich so, dass ich … es gibt ein paar Dinge, die ich dringend mit Tom besprechen muss. Deswegen … na ja … da ich sowieso gerade ein paar Tage freihabe, dachte ich, dass ich einfach direkt …« Mit einem Blick auf Tom hob er beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich hätte anrufen sollen … aber es ist einiges passiert. Tut mir leid, dass ich einfach so reinplatze.«

»Das macht doch nichts, nicht wahr?«, versicherte Lynette ihm schnell und wandte sich dann fragend an Tom.

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300 стр. 1 иллюстрация
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9783960895039
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