Читать книгу: «Aufwachsen in Geborgenheit»
Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell, unter Mitarbeit von Christine M. Benton

Aufwachsen in Geborgenheit
Wie der Kreis der Sicherheit Bindung, emotionale Resilienz und den Forscherdrang Ihres Kindes unterstützt
Vorwort von Daniel Siegel
Aus dem amerikanischen Englisch von Lisa Baumann

Arbor Verlag
Freiburg im Breisgau
© 2019 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag GmbH, Freiburg
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:
Raising A Secure Child. How Circle of Security Parenting can help you nurture your child‘s attachment, emotional resilience, and freedom to explore
Copyright © 2017 The Guilford Press
A Division of Guilford Publications, Inc.
Published by arrangement with The Guilford Press
Titelfoto: © 2019 David-W- / photocase.de
Lektorat: Richard Reschika
Hergestellt von mediengenossen.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
1. Auflage 2020
Alle Rechte vorbehalten
E-Book 2020
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book: 978-3-86781-357-0
Wichtiger Hinweis: Die Ratschläge und Übungen in diesem Buch sind von den Autoren sowie dem Verlag sorgfältig geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Bei ernsthafteren oder länger anhaltenden Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall eine Ärztin, einen Psychotherapeuten, eine Psychologin oder einen Heilpraktiker Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung der Autoren oder des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Mit Respekt und Dankbarkeit für
Jude Cassidy, Mentorin, Kollegin und Freundin
Inhalt
Geleitwort
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Vorwort
Vorbemerkung der Autoren
Einleitung
TEIL 1
Einmal im Kreis herum:
Bindung und die Bedeutung von Sicherheit verstehen
1. Bindung: Warum sie wichtig ist
2. Sicherheit: Mit der Unvollkommenheit Freundschaft schließen
3. Eine Landkarte der Bindung: Der Kreis der Sicherheit
4. Die Hände auf dem Kreis sein
5. Haifischmusik: Wie unsere Kindheit in unserem eigenen Elternsein widerhallt.
6. Verhalten als Kommunikation verstehen: Signale und falsche Signale
TEIL 2
Den Kreis bilden und erhalten:
Größer, stärker, weiser und gütig – und ausreichend gut
7. Haifischknochen: Unsere zentralen Sensitivitäten erkunden
8. Neue Gewässer erforschen: Sich für Sicherheit entscheiden
9. Über Wasser bleiben: Sich immer wieder für Sicherheit entscheiden, während Ihr Kind größer wird
Literatur
Danksagungen
Über die Autoren
Geleitwort
Dieses Buch richtet sich an Eltern und alle Menschen, die an Kindern, Bindung und Entwicklung interessiert sind und sich selbst in Beziehung zu anderen betrachten mögen. Es ist ein wegweisendes Buch, weil es den Wunsch nach einer besseren Welt teilt. In ihr kann es Eltern gelingen, eine liebevolle und sichere Bindung zu ihrem Kind aufzubauen und es darin zu bestärken, sich neugierig und vertrauensvoll der Welt zuzuwenden.
Die Autoren Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell führen den Lesenden mühelos in die Bausteine des Elternseins und deren Anwendung anhand ihres „Kreises der Sicherheit“ ein. Sie erläutern anhand von theoretischen und praktischen Beispielen, Übungen und Checklisten, wie mit Hilfe der Landkarte „Kreis der Sicherheit“ und der Erkundung eigener „Haifischmusik“ mehr Orientierung, Schutz und Freude in der Beziehung zum Kind möglich wird. „Haifischmusik“ steht für eigene Gefühle von Unlust, Unbehagen, Entfremdung, Angst, Wut oder für spezifische Gedanken, die in der Beziehung zum Kind auftreten können. Das Erkennen der „Haifischmusik“ auf dem „Kreis der Sicherheit“ schafft eine Verbindung zu eigenen Erfahrungen mit Bindungsfiguren der Kindheit. Dies ermutigt zum bewussten Dialog mit anderen und dem Kind.
Nach dem „Kreis der Sicherheit“ ermöglicht das Elternsein einen Wahrnehmungs- und Erkenntnisprozess, der emotional aufwühlend, schmerzhaft, aber auch befreiend sein kann. Es kann Verständnis und Akzeptanz für die eigenen elterlichen Schwierigkeiten und die des Kindes anregen und dazu beitragen, einen sicheren Mutter/Vater-Kind-Kreis zu stärken. Dieses Buch zum Elternsein nach dem „Kreis der Sicherheit“ fördert in ansprechender Weise die Entwicklung von Familie und seelischer Gesundheit.
PD Dr. phil. Dipl.-Psych. Brigitte Ramsauer,
Circle of Security International Provider;
Universitätsklinikum Münster; Brigitte.ramsauer@ukmuenster.de
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Dieses Buch spricht für sich selbst. Ich will mich deshalb kurz fassen. Endlich liegt nun auch für die Eltern im deutschen Sprachraum eine spannend geschriebene Beschreibung des „Kreises der Sicherheit“ vor, mit dem sich bindungs- und beziehungsorientierte Erziehung besser verstehen – und „bestaunen“ – lässt!
Warum Bestaunen? Weil Menschenkinder in ihrer Entwicklung in Wirklichkeit einen schier irrwitzigen Spagat bewältigen müssen:
… einerseits sind sie die unreifsten, entwicklungsbedürftigsten und die „sozialsten“ Lebewesen, die es auf der ganzen Erde gibt – und damit auf Gedeih und Verderb auf Schutz, Nähe, Versorgung, Pflege und feinfühlige Begleitung angewiessen. Und wie!
… andererseits sind sie die einzigen Lebewesen, die sich auf eine komplett ungewisse Zukunft vorbereiten müssen. Das liegt an der einmaligen Anpassungsstrategie des Homo sapiens: Anders als die Tiere passt er sich der Umwelt an, indem er sie verändert. Menschenkinder müssen sich deshalb immer in dem Neuland zurechtfinden, das unter ihren Füßen gerade entsteht. Was für eine Herausforderung!
Und schon sind wir bei der menschlichen Bindung, bei den Beziehungen zwischen den Kindern und den sie begleitenden Erwachsenen. Dieses System muss schützen, absichern und behüten. Es muss aber gleichzeitig auf eine unscharfe, ungewisse Zukunft vorbereiten, auf eine Zukunft, die weder die Eltern eines Kindes kennen noch seine Erzieherinnen oder Erzieher. Ja, die Bindung, die das Kind erfährt, muss schützen, und wie! Sie muss aber gleichzeitig die Plattform zu „eigensinnigem“ Lernen und Handeln sein. Sie muss „binden“, aber auch befreien.
Der „Kreis der Sicherheit“ erklärt, wie Kinder diese Quadratur des Kreises schaffen. Je besser Eltern diesen Kreis verstehen, desto besser können sie Kinder auf ihrem Entwicklungsweg begleiten. Ich wünsche diesem Buch deshalb alle Aufmerksamkeit der Welt.
Herbert Renz-Polster
Autor der Bücher Menschenkinder. Plädoyer für eine artgerechte Erziehung und Die Kindheit ist unantastbar: Warum Eltern ihr Recht auf Erziehung zurückfordern müssen, Co-Autor von Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Denken und Fühlen
Vorwort
Wenn Sie nach einem praktischen, klugen, wissenschaftlich fundierten und verständlichen Handbuch suchen, das Ihnen hilft, zu Ihrem Kind die Art von Bindung aufzubauen, die es optimal in seiner Entwicklung unterstützt, dann halten Sie es gerade in der Hand! Kent Hoffman, Glen Cooper und Bert Powell sind ausgesprochen begabte und erfahrene Therapeuten. Ihr Kreis der Sicherheit (Circle of Security®) bietet Eltern praktische und effektive Hilfe, ihre Kinder gut zu unterstützen, was inzwischen auch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen.
Als ich diesen drei Meistern menschlicher Beziehung vor einigen Jahren zum ersten Mal begegnete, war ich augenblicklich von ihrer Feinfühligkeit, Liebenswürdigkeit und Menschlichkeit eingenommen. Die Entwicklung ihres Ansatzes beruhte von Anfang an auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Bindungsforschung, die sich dem Kontakt zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen widmet, sodass die theoretischen Fundamente des Ansatzes auf solidem Boden stehen. Zudem wurde überprüft, ob sich das Modell auch in der Praxis bewährt, und zwar nicht nur in den eigenen Kursen der Autoren, sondern auch bei den Menschen auf der ganzen Welt, die den Ansatz inzwischen anwenden. Da er auch auf den neuesten Erkenntnissen der Neurowissenschaften basiert, vermittelt er das aktuellste und derzeit wohl beste Wissen zum Thema „Kindererziehung“.
Der Begriff Bindung bezieht sich darauf, dass wir als Säugetiere darauf angewiesen sind, von anderen umsorgt zu werden, während wir heranwachsen. Unsere Entwicklung wird maßgeblich dadurch geprägt, wie unsere Bezugspersonen von unseren ersten Lebenstagen an mit uns kommunizieren. Die Bindungsforschung hat gezeigt, dass Kinder, die das Glück haben, eine sogenannte „sichere“ Bindung zu entwickeln, mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu fürsorglichen, rücksichtsvollen, emotional und sozial intelligenten, resilienten und erfolgreichen Menschen heranwachsen.
Wenn auch Sie sich diese lebensbejahenden Eigenschaften für Ihr Kind wünschen, wird Ihnen der Kreis der Sicherheit zeigen, wie Sie deren Entwicklung begünstigen können. Nun fragen Sie sich vielleicht, wieso man ein Buch über etwas lesen sollte, das doch die natürlichste Sache der Welt zu sein scheint. Warum haben nicht einfach alle Menschen eine sichere Bindung?
Forschungsergebnissen zufolge spielen beim Aufziehen von Kindern viele Faktoren eine Rolle, und damit es den Kindern gut geht, ist es wichtig, dass sie sich gesehen, geborgen und sicher fühlen. Allerdings gibt es viele mögliche Störfaktoren. Einer dieser Faktoren ist die Kindheit der Eltern. Doch die Forschung hat auch dazu starke und klare Fakten geliefert: Nicht die Ereignisse unserer Kindheit an sich sagen als entscheidender Faktor die Bindung zwischen uns und unseren eigenen Kindern voraus, sondern die Bedeutung, die wir den uns prägenden Kindheitserfahrungen geben. Detaillierte Studien an über zehntausend Menschen haben gezeigt, dass das Entscheidende ist, wie wir die weniger guten Dinge verarbeitet haben, ob wir verstehen, wie sie unsere Entwicklung geprägt haben, und ob wir sehen können, wie sie sich auf unser heutiges Elternsein auswirken (eine Zusammenfassung dieser Erkenntnisse finden Sie in meinem Buch Wie wir werden, die wir sind: Neurobiologische Grundlagen subjektiven Erlebens (Siegel, 2012). Aber selbst dann, wenn wir eine sichere Bindung an unsere eigenen Eltern oder andere Bezugspersonen hatten, können wir davon profitieren, mehr Bewusstheit in die Art und Weise zu bringen, auf die wir für unsere Kinder sorgen. Schließlich ist es immer möglich, etwas dazuzulernen und sich weiterzuentwickeln! Die wirklich gute Neuigkeit ist, dass es nie zu spät ist, die eigene Lebensgeschichte zu verstehen und die Beziehungen zu den Menschen, die Sie lieben, zu verbessern.
Wenn Sie nun eine neue Weise kennenlernen, über die Beziehung zu Ihrem Kind zu reflektieren, werden Sie klarer sehen, dass in der Kommunikation mit ihm eine wunderbare Möglichkeit liegt, auf sehr erfüllende Art und Weise „mit Ihrem Kind zu sein“, wie die Autoren es nennen. Bei der Lektüre dieses großartigen Buches werden Sie unter anderem erfahren, wie die sogenannte „Haifischmusik“ (der brillante und sinnträchtige Name, den die Autoren dem Echo unserer eigenen Bindungserfahrungen verliehen haben) aus impliziten Erinnerungen aufsteigen kann. Wir alle verfügen über eine ganze Lagerhalle voller Emotionen, Bilder, Körperempfindungen und Überzeugungen, von denen uns vielleicht noch nicht einmal klar ist, dass sie der Vergangenheit angehören, und die unsere Fähigkeit einschränken können, uns mit unserem Kind auf diese wichtige (und erlernbare) Art und Weise zu verbinden, die eine sichere Bindung fördert. Üblicherweise bemerken wir es noch nicht einmal, wenn Haifischmusik den Kontakt zu unseren Kindern stört. Dieses Buch wird Ihnen zeigen, wie man mit solchen Erfahrungen umgehen und dafür sorgen kann, dass sie sich nicht länger negativ auf die Begleitung der Kinder auswirken.
Keine Beziehung ist je perfekt. Falls Sie Perfektionismus anstreben, erzeugen Sie womöglich bereits dadurch, dass Sie zu streng mit sich selbst sind, Spannungen in der Beziehung zu ihrem Kind. Dieses Buch steckt voller praktischer Anregungen dazu, wie Sie gütiger mit sich selbst umgehen und dadurch auch Ihrem Kind eine aufgeschlossene Haltung vorleben können. Und wenn in diesen eingespielten Beziehungen die unvermeidlichen Brüche passieren, dann können Sie bestimmte Absichten fassen und heilsame Wiedergutmachungen anbieten – eine weitere gute Nachricht aus der Bindungsforschung. Dieses Buch wird Ihnen anhand beeindruckender Beispiele und einer klaren Schilderung des wichtigen Wiedergutmachungsprozesses zeigen, wie sich solche Brüche erkennen und heilen lassen.
Während ich diese weisen Worte las, war ich immer wieder beeindruckt von der außerordentlichen Feinfühligkeit, Klarheit und Brillanz dieser bescheidenen und engagierten Experten. Aufwachsen in Geborgenheit ist ein großes Geschenk an uns, unsere Kinder und die ganze Welt. Ich möchte Kent, Glen, Bert und ihrer Kollegin Christine Benton von Herzen dafür danken, dass sie ein solches Meisterwerk zusammengestellt haben. Und Ihnen, liebe Leser, danke ich dafür, dass Sie die Einsicht, den Mut und die Liebe haben, diese Seiten auf sich wirken zu lassen und Sicherheit in das Leben Ihres Kindes zu bringen. Ich wünsche Ihnen alles Gute auf dem Weg!
Daniel J. Siegel, MD
Autor der Bücher Wie wir werden, die wir sind, Aufruhr im Kopf,
Die Alchemie der Gefühle und Mind: Eine Reise ins Herz des Menschseins;
Co-Autor von Gemeinsam leben, gemeinsam wachsen, Achtsame Kommunikation mit Kindern und Disziplin ohne Drama
Vorbemerkung der Autoren
Wir freuen uns sehr, dass Sie auf unseren Ansatz für Eltern gestoßen sind. Wir hoffen, dass Sie dieses Material mit anderen Eltern und Experten teilen werden. Jedoch sind wir uns auch darüber im Klaren, dass das schriftliche Wort kein Ersatz für Ausbildungen und Supervisionen sein kann, und wir sind der Meinung, dass das Lesen des Materials keine angemessene Vorbereitung darstellt, um Circle of Security® („Kreis der Sicherheit“) Interventionen in irgendeiner Form anzubieten.
Es ist uns ein äußerst wichtiges Anliegen, dass die Qualität der Circle of Security Protokolle erhalten bleibt. Aus diesem Grund unterliegt der Name Circle of Security dem Markenschutz und die Grafiken in diesem Buch unterliegen dem Copyright. Weitergehende Informationen zu dieser Arbeit in einem professionellen Kontext finden Sie in unserem Buch Der Kreis der Sicherheit: Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. Um die Erlaubnis zu erhalten, den Namen Circle of Security® oder Circle of Security Parenting für Werbematerial oder zu Forschungszwecken zu verwenden, besuchen Sie bitte unsere Webseite: www.circleofsecurity.com. Vielen Dank für Ihre Mithilfe dabei, die Qualität des Circle of Security® zu bewahren.
Dieses Buch ist durch die großzügigen Beiträge zahlreicher Menschen bereichert worden, die unsere Trainings auf der ganzen Welt besucht haben. Zitate dieser Menschen ziehen sich durch das ganze Buch, und ihre Beiträge sind in den Text eingegangen.
Anekdoten und Schilderungen von Interaktionen in diesem Buch stammen von Familien, die wir sowohl aus privaten als auch aus professionellen Kontexten kennen. Sie sind entweder deutlich verändert worden, um die Privatsphäre der Menschen zu schützen, oder es handelt sich um zusammengestellte oder repräsentative Darstellungen von weit verbreiteten bindungsrelevanten Themen.
Einleitung
Als Eltern oder werdende Eltern wollen wir natürlich alle das Beste für unsere Kinder. Wir lesen Bücher über die neuesten Theorien und Praktiken der Pädagogik, suchen nach den besten Kinderärzten und Lehrern, finden heraus, welche Nahrungsmittel gesundes Wachstum fördern, und wir schwören, dass wir niemals die gleichen Fehler begehen werden, die wir andere Eltern machen sehen – und erst recht nicht die, die unsere eigenen Eltern gemacht haben.
Wie sich allerdings zeigt, gibt es einen großen Irrtum, den man als wohlmeinende Eltern begehen kann, und zwar ist es der Versuch, perfekte Eltern zu sein oder zumindest möglichst keine Fehler zu machen.
Die wichtigste Botschaft dieses Buches ist die, dass wir bereits alles haben, was wir brauchen, um gute Eltern zu sein. Als menschliche Wesen sind wir mit positiven Absichten für unsere Söhne und Töchter ausgestattet sowie mit dem Instinkt, eine enge und dauerhafte Bindung zu ihnen zu entwickeln. Wir können diese natürlichen Anlagen dazu nutzen, unseren Kindern beizubringen, was es heißt, Mensch zu sein – beizeiten verwirrende Bedürfnisse und unangenehme Gefühle zu haben, unglücklich und angeschlagen zu sein und in einem Zustand glorreicher Unvollkommenheit, in dem es stets etwas dazuzulernen gibt, durchs Leben zu stolpern. Mit einer sicheren Bindung können unsere Kinder sich auch in den schwierigen inneren Erfahrungen, die wir alle durchmachen, sicher und geborgen fühlen. Durch das Vertrauen, dass jemand ihnen helfen wird, den unvermeidlichen Schwierigkeiten im Leben die Spitze zu nehmen, entwickeln sie das Selbstvertrauen, das sie brauchen, um in die große weite Welt hinauszugehen und herauszufinden, wer sie sind – und wer sie werden können.
Im Verlauf der letzten dreißig Jahre sind wir immer mehr zu der Überzeugung gelangt, dass eine sichere Bindung die allerwichtigste Basis ist, die wir unseren Kindern geben können. Sie ist von ebenso großer Bedeutung wie Ernährung, Gesundheitsfürsorge und Bildung. Tatsächlich könnte diese Basis sogar weitreichendere Auswirkungen haben als alle anderen Notwendigkeiten, weil ein Kind, dessen früheste Erfahrungen sich um eine sichere Bindung drehen, herausfinden kann, was es nicht nur zum Überleben, sondern auch für eine gute Entwicklung braucht, und weil es sich traut, darum zu bitten, und darauf vertraut, dass es die passende Unterstützung bekommen wird.
Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder, die eine sichere Bindung zu zumindest einem Erwachsenen haben, in der Schule erfolgreicher sind, stabilere Freundschaften pflegen, sich einer besseren körperlichen Gesundheit erfreuen und in ihrem weiteren Leben mehr intime, erfüllende und dauerhafte Beziehungen eingehen. In unserer Arbeit als Therapeuten, in der wir Menschen mit allen möglichen Problemen begegnen, haben wir allmählich erkannt, dass die Wurzel vieler Schwierigkeiten das Fehlen einer sicheren Bindung in der Kindheit ist. Wenn in der Kindheit nicht oft genug jemand für sie da war, bleiben diesen Menschen als Erwachsenen befriedigende intime Beziehungen versagt. Sie kämpfen mit Selbstzweifeln und sind in ihrer Arbeit nicht erfolgreich, oder aber sie sind überambitioniert. Sie leiden unter stressbedingten Gesundheitsproblemen oder fühlen sich chronisch unzufrieden mit ihrem Leben und ihren nahen Beziehungen. Es ist schwer, den eigenen Durst nach Erfolg zu regulieren, zu wissen, was man will, und entspannt verschiedene Optionen zu erkunden, wenn in der Kindheit niemand da war, der einem geholfen hätte, mit den eigenen Bedürfnissen umzugehen und sie zu verstehen. Und wenn diese Klienten dann selbst Kinder bekommen? Sie ahnen es bestimmt: Sie wünschen sich sehnlichst, als Eltern ihr Bestes zu geben, und sie verspüren einen tiefen instinktiven Drang, eine starke Bindung zu ihrem Baby zu entwickeln. Aber sie wissen einfach nicht, wie sie das anstellen sollen. Oder sie denken, sie wüssten es (schließlich haben sie ja all diese Bücher gelesen), aber dann treten in der Beziehung zu ihrem geliebten Kind Probleme auf, die jene widerspiegeln, die sie in ihrer eigenen Kindheit erlebt haben.
Wir wollen mit diesem Buch eine Landkarte auf dem Weg zu einer sicheren Bindung anbieten. Vor dreißig Jahren sind wir zu dem Abenteuer aufgebrochen, Familien die positiven Auswirkungen einer gesunden Bindung zu vermitteln und jene wegweisende Theorie leicht verständlich und zugänglich zu machen, die der Psychiater John Bowlby und die Psychologin Mary Ainsworth in den fünfziger Jahren formulierten und im Laufe der nächsten Jahrzehnte weiter ausarbeiteten. Diese Theorie, die besagt, dass eine sichere, vertrauensvolle emotionale Bindung zwischen Eltern und Kind der Schlüssel zu einer gesunden Entwicklung ist, wird schon seit Langem als gültig und bedeutsam anerkannt, allerdings musste sie bisher noch auf eine praktische und elternfreundliche Anwendung warten. Einige Wissenschaftler jubelten zwar sogar, dass eine sichere Bindung den sich entwickelnden Kindern und späteren Erwachsenen „psychische Immunität“ verleihe, doch die bemerkenswerte Klarheit Tausender Studien, die die Notwendigkeit und die positiven Auswirkungen von Bindungssicherheit belegten, blieb in Fachzeitschriften verborgen und fand keinen Weg in die Welt der Eltern. Wir waren also fasziniert von dem Potenzial, diese Erkenntnisse jenen zu vermitteln, die sie am allermeisten gebrauchen können: Eltern und anderen Menschen, die sich um Kinder kümmern.
So begann die Geschichte der Intervention, die wir den Kreis der Sicherheit nennen. Sie nahm die Gestalt eines zwanzigwöchigen Gruppenkurses für Eltern an, die in den Beziehungen zu ihren Klein- und Vorschulkindern Schwierigkeiten hatten, und sie wurde seitdem für die Einzeltherapie und andere Zwecke adaptiert – in Schulen, sozialen Einrichtungen und Pflegeheimen auf der ganzen Welt. Sie wurde sorgfältig überarbeitet, und während wir die Tiefen dieser grundlegenden und ursprünglichen Beziehung ausloten, entwickelt sie sich Tag für Tag in raschem Tempo weiter.
In Forschungsarbeiten konnte gezeigt werden, dass der Kreis der Sicherheit selbst jenen Eltern hilft, die unter den denkbar schwierigsten Umständen leben – Armut, Inhaftierung, mangelnde Bildung, Missbrauch in der eigenen Vergangenheit und des Weiteren mehr –, eine sichere Bindung zu ihrem Kind aufzubauen. Viele dieser Eltern hatten keinerlei Vorbild dafür, wie gesunde Elternschaft aussehen kann. Als Therapeuten und Wissenschaftler sind wir natürlich hocherfreut über diese Ergebnisse. Aber sie werden sogar noch übertroffen von der Bereicherung, die wir in unseren eigenen Beziehungen erleben, von den persönlichen Erkenntnissen, von denen die Therapeuten berichteten, die wir im Kreis der Sicherheit ausbildeten, oder von dem, was wir nahezu jedes Mal erlebten, wenn jemand die Landkarte und die Geschichte des Kreises der Sicherheit kennenlernte. Die Landkarte des Kreises der Sicherheit scheint alle Menschen anzusprechen, egal, aus welcher Kultur sie stammen, und zwar auf der zutiefst instinktiven Ebene, auf der wir als Menschen miteinander in Beziehung treten und die uns als Spezies ausmacht. Wir alle drei können sagen, dass die Perspektive des Kreises der Sicherheit unser Verständnis für unsere Ehepartner, unsere Kinder und unsere Kollegen erweitert und vertieft hat. Sie hat uns geprägt, ob als Pflegeeltern oder in unseren Freundschaften, in der Beratungsarbeit oder in unseren ehrenamtlichen Tätigkeiten. Für uns und für viele andere Menschen hat sie den Glauben an und die Hoffnung auf eine wohlwollende und positivere Welt neu belebt.
Eltern zu erleben, die in der Lage waren, äußerst entmutigende Schwierigkeiten zu überwinden und eine Bindung zu ihren Kindern zu entwickeln, hat uns immer wieder aufs Neue in der Überzeugung bestärkt, dass wir alle das haben, was wir brauchen, um gute Eltern zu sein. Manchmal muss man uns einfach nur eine Landkarte geben, um dahin zurückzufinden. Vielleicht hat unsere eigene Geschichte Leerstellen in unserem emotionalen Fluss hinterlassen. Oder die Nichtanwesenheit von Bezugspersonen – oftmals nicht von ihnen selbst verschuldet –, die uns in unseren grundlegenden Bedürfnissen hätten unterstützen können, hat dazu geführt, dass es uns an Vertrauen mangelt. Oder aber die Wechselfälle unseres eigenen Erwachsenenlebens haben uns aus der Verbundenheit mit unseren Kindern herausgeführt, die wir uns jetzt aus tiefstem Herzen wünschen. Dieses Buch ist unser bescheidener Versuch, Sie in den Kreis der Sicherheit zurückzuführen – beziehungsweise, Sie darin zu unterstützen, ihn gar nicht erst zu verlassen. Wir vertrauen darauf, dass Sie das Übrige tun.
Und in den meisten Fällen werden Sie das auch. Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa sechzig Prozent der Eltern eine sichere Bindung zu ihrem Kind entwickeln. Bindungssicherheit lässt sich nicht völlig präzise messen, daher bezeichnet man eine Bindung mit Einschränkungen oft als „überwiegend“ oder „einigermaßen“ sicher. Wie wir in unseren eigenen Forschungsarbeiten herausfanden, kann man Sicherheit auch erlernen. Und es ist wichtig zu wissen, dass selbst sichere Bindungen nicht immer nur schön sind. Auch wenn die Dinge gut laufen, machen Eltern, deren Kinder sicher gebunden sind, Fehler, und sie reagieren nur die meiste Zeit sensibel auf die Bedürfnisse ihrer Kinder, jedoch nicht die ganze Zeit.
„Ausreichend gute Eltern sein“ lautet unser Auftrag.
Das Vertrauen eines Kindes, dass ein geliebter Mensch versuchen wird, für es da zu sein, ist entscheidend dafür, dass es zukünftig gute Beziehungen führen kann. Beziehungen sind der eigentliche Ort, an dem unser Leben stattfindet, und diese Erkenntnis setzt sich immer mehr durch. Beziehungen sind der Stoff, aus dem unsere Familien, unsere Freundeskreise und unser Berufsleben gemacht sind. Falls Sie es schon einmal mit einem fordernden, perfektionistischen Chef zu tun hatten oder von Ihrem Partner erwartet haben, dass er all Ihre Bedürfnisse exakt vorausahnt, dann wissen Sie wahrscheinlich bereits, dass „perfekt“ in Beziehungen nicht funktioniert. Was hingegen funktioniert, sind flexible, empfängliche Sensibilität und Erreichbarkeit. Was funktioniert, ist die Anerkennung von Versäumnissen und Fehltritten und der Versuch, sie wiedergutzumachen, so gut man kann – und auf jeden Fall daraus zu lernen.
Im Schmelztiegel einer engen Beziehung erleben wir nicht nur, dass wir anderen Menschen unsere tiefsten Bedürfnisse anvertrauen können, sondern auch, dass sogar den empathischsten Menschen Fehltritte und Versäumnisse unterlaufen – sogar ziemlich oft – und dass diese alltäglichen Brüche wiedergutgemacht werden können. Wenn wir eine fehlerlose, „perfekte“ Elternschaft anstreben, vermitteln wir unseren Kindern die Botschaft, dass es dabei mehr um unsere eigene Leistung als um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse geht. Außerdem legen wir in ihnen den Grundstein für unrealistische Erwartungen. Niemand ist vollkommen, insofern ist eine Beziehung, in der Perfektion erwartet wird, zum Scheitern verurteilt. Eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die verstehen, dass sie menschliche Bedürfnisse haben und dass Schwierigkeiten unvermeidlich sind, und die dies dazu nutzen, etwas über ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erfahren, birgt ein unbegrenztes Potenzial für Wachstum und Erfüllung. Wünschen wir uns solche Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, Partnerschaften und Ehen nicht auch für unsere Kinder?
Alles fängt bei uns selbst an. Stellen Sie sich vor, ihr sechsjähriger Sohn kommt niedergeschlagen von der Schule nach Hause. Würden Sie ihm einfach eine Kleinigkeit zu essen geben und hoffen, dass er sich dadurch besser fühlt? (Wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie die erhoffte Beförderung doch nicht bekommen haben oder wenn Sie von einem engen Freund abgewiesen wurden, und Ihr Partner Ihnen zu helfen versucht, indem er Ihnen einen Keks anbietet?) Man muss kein Psychologe und kein erfahrener Elter sein, um zu wissen, dass dieses Kind mehr braucht als eine Leckerei, die es wieder aufmuntern soll. Aber manchmal vergessen wir, dass ein kleines Kind unsere Bestätigung braucht, dass es sich durchaus sehr traurig und verwirrend anfühlen kann, wenn der Klassenkamerad, der gestern noch der „beste Freund“ war, sich heute jemand anderen zum Spielen gesucht hat. In einer solchen Situationen braucht ein Kind eine Umarmung oder eine Berührung und vielleicht ein wenig Zeit und Ruhe mit Ihnen, um sich innerlich zu sortieren. Es braucht Ihre Hilfe dabei, herauszufinden, wie es sich genau fühlt, und Ihre Bestätigung, dass seine schwierigen Gefühle ein Teil von ihm sind und in Ihrer Beziehung zueinander Platz haben.
Eine solche Reaktion mag für Sie als Elter etwas ganz Natürliches sein. Aber vielleicht ist Ihnen gar nicht klar, wie absolut wichtig diese Reaktion für Ihr Kind ist. Sie sorgen nicht nur dafür, dass es sich wieder besser fühlt und schon wenig später zum Spielen rausgehen oder sich auf die Hausaufgaben konzentrieren kann (obwohl Sie auch das tun). Sie bringen ihm zudem bei, was es gerade fühlt, wenn vielleicht alles, was es identifizieren kann, „Autsch“ ist. Sie sagen ihm, dass es in Ordnung ist, Gefühle wie Traurigkeit zu haben, auch wenn es schmerzt, und dass diese Gefühle wichtige Botschaften in sich tragen. Sie bringen ihm bei, dass man Schmerz mit Hilfe einer anderen Person verarbeiten kann. Sie helfen ihm, etwas mehr über sich selbst zu erfahren – zum Beispiel, dass es ein Mensch ist, dem Freundschaft wichtig ist und der Loyalität schätzt. Mit anderen Worten, Sie unterstützen es in seinem Wachstum. Sie fördern die Entwicklung eines gesunden Selbst, und Sie helfen ihm herauszufinden, wie man durch die bewegten Gewässer von Beziehungen navigiert.
Aber was passiert, wenn Sie nicht mit Verständnis, Zuneigung und Geduld auf Ihr Kind reagieren? Nehmen wir einmal an, Sie sind gerade mit den Finanzen der Familie beschäftigt, als Ihr Sohn schlecht gelaunt nach Hause kommt. Er kommt auf Sie zu und zieht Sie am Ärmel, um Ihre Aufmerksamkeit vom Computerbildschirm wegzulenken. Sie halten Ihren Blick auf den Bildschirm geheftet und sagen ungeduldig: „Jetzt nicht, Schatz. Ich muss das hier fertig machen.“ Ihr Sohn geht ins Wohnzimmer, und erst eine halbe Stunde später finden Sie ihn zusammengerollt auf dem Sofa, leise schluchzend.
Jetzt haben Sie die Chance, eine vielleicht sogar noch wichtigere Botschaft zu vermitteln: Sie schütteln Ihre Erschöpfung und Ihre Ungeduld ab (Rechnungen und Steuern machen schließlich den wenigsten Menschen Spaß), setzen sich zu Ihrem Sohn auf das Sofa, und während Sie ihm sanft den Rücken streicheln, fragen Sie, was los ist. Es ist nicht ganz leicht, es aus ihm herauszubringen, und er reagiert nicht sofort auf Ihre Entschuldigung und Ihr etwas verspätetes Trostangebot, aber schließlich lässt er sich doch darauf ein. Ein einfaches Happy End mit einer sehr ernsthaften Konsequenz: Sie haben Ihrem Kind beigebracht, dass man sogar als Erwachsener Fehler macht, dann aber einen neuen Anlauf nehmen kann. Sie haben ihm gezeigt, dass er immer noch darauf vertrauen kann, dass Sie für ihn da sind und er manchmal eben geduldig mit Ihnen sein muss. Sie haben für sein weiteres Leben die Grundlage für eine gesunde Beziehung geschaffen – eine, die Schwierigkeiten und Lösungen, Brüche und Wiedergutmachungen beinhaltet.
Wie Sie dieses Buch nutzen können
Dieses Buch wurde in der Absicht geschrieben, die Ihnen als Eltern innewohnenden Fähigkeiten und die tief in Ihnen angelegten positiven Intentionen zu würdigen. Es soll außerdem klare, einprägsame und wissenschaftlich fundierte Inhalte vermitteln, die Ihnen Tag für Tag zur Verfügung stehen und Ihnen Unterstützung bieten können, wenn Sie verwirrt sind oder Orientierung brauchen. Wir wollen das, was wir zu sagen haben, möglichst einfach halten, weil Elternschaft in der Hitze des Gefechts nach einer Art Einfachheit à la „Was soll ich jetzt bloß tun?“ verlangt, nicht nach einer Komplexität nach dem Motto: „Was stand da gleich noch auf Seite 217?“. Wir hoffen, dass unser Buch Ihnen ein unterstützender, sachlicher und leicht verständlicher Ratgeber ist, während Sie weiterhin die Eltern bleiben, die Sie zum Glück sind.
Das Buch ist in zwei Abschnitte unterteilt. Einigen Lesern wird Teil 1 schon vollkommen ausreichen, um eine neue Perspektive auf das Elternsein zu gewinnen. Wir erklären darin, warum Bindung so wichtig ist – beruhend auf den Erkenntnissen jahrzehntelanger Forschung – und weshalb Sicherheit zwar schwer definierbar, aber doch relativ leicht wiederherzustellen ist. Wir alle verlieren manchmal die Verbindung zu unseren Kindern (und anderen geliebten Menschen). Das Leben fordert uns heraus. Wir geraten in eine Krise. Andere Notwendigkeiten verlangen nach unserer Aufmerksamkeit. In solchen Zeiten kann es passieren, dass wir die Bedürfnisse unserer Kinder aus dem Blick verlieren und die Verbindung zu ihnen geschwächt wird. Doch wenn wir die Landkarte des Kreises der Sicherheit fest in uns verankert haben, ist es leicht, wieder zu der schlichten Schönheit unserer wichtigsten Beziehungen zurückzukehren.
Der Kreis der Sicherheit zeigt uns, dass ein kleines Kind zwei Arten von Bedürfnissen hat: Bedürfnisse nach Geborgenheit und Sicherheit auf der einen Seite und Bedürfnisse, etwas zu erkunden, auf der anderen. Kinder bewegen sich im Verlauf eines Tages viele, viele Male zwischen diesen Bedürfnissen hin und her, doch wir verstehen nicht immer, was sie gerade wollen. Was wir sehen, sind ihre Verhaltensweisen, und wenn wir es mit diesen Verhaltensweisen schwer haben, dann reagieren wir auf sie. Es gibt Etliches, was uns für diese Bedürfnisse blind machen kann, und mithilfe der Landkarte, die Ihnen der Kreis der Sicherheit zur Verfügung stellt, ist es möglich zu erkennen, was hinter den Verhaltensweisen der Kinder steht und was sie von uns brauchen. In Kapitel 3 finden Sie eine Illustration des Kreises und einprägsame Beschreibungen dieser grundlegenden Bedürfnisse, die bei Eltern auf der ganzen Welt auf Resonanz gestoßen sind.
In unserer leistungsorientierten Zeit ist es sehr viel schwieriger, mit einer emotionalen Erfahrung einfach bloß zu sein (sei es unsere eigene oder die eines anderen Menschen), als zu versuchen, eine Antwort und eine schnelle Lösung für das Problem zu finden, das uns Unbehagen bereitet. Für uns als Eltern trifft das allemal zu. (Eine Google-Suche nach „helicopter parents“ („Helikopter-Eltern“ – überfürsorgliche Eltern, deren Erziehungsstil geprägt ist von Überbehütung und Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes, A. d. Ü.) ergab im Jahr 2015 fast sechs Millionen Resultate.) Doch entscheidend für die Entstehung einer sicheren Bindung zu unseren Kindern ist das, was wir „Mit-Sein mit dem Kind“ nennen. Das bedeutet nicht nur, ausreichend physisch anwesend zu sein und zum Beispiel zustimmend da zu sitzen und „Qualitätszeit“ mit unserem Kind zu verbringen, während es in seinem Lieblingsvideospiel Monster vaporisiert oder uns einen lange eingeübten Fußballtrick vorführt. Es bedeutet, eine gemeinsame emotionale Erfahrung zu schaffen, in der das Kind lernt, dass allen Menschen bestimmte wesentliche Gefühle gemeinsam sind (und zugleich auch, dass jeder Mensch seine Gefühle auf ganz einzigartige Art und Weise erlebt). Wenn der Schwerpunkt auf dem „Mit-Sein“ mit ihrem Kind liegt, wird es leichter, denjenigen Bedürfnissen Priorität zu geben, die vor den Augen aller verborgen liegen. Wenn Sie „mit Ihrem Kind sind“, dann unterstützen Sie es dabei, Empathie und zugleich Selbstvertrauen in seine eigene emotionale Kompetenz zu entwickeln, außerdem lernt es mit Ihnen, seine Emotionen zu regulieren und mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Kapitel 4 ist dem Thema „Mit-Sein“ gewidmet.
Wenn wir schreiben, Sie hätten bereits alles, was Sie brauchen, um gute Eltern zu sein, wollen wir damit natürlich nicht behaupten, dass Ihre Instinkte immun gegen negative Einflüsse wären oder es keine Störfaktoren in der äußeren Welt gäbe. Wie Ihre Eltern oder andere Bezugspersonen Sie aufzogen hat Ihren eigenen Bindungsstil genauso geprägt, wie Ihre Erziehung den Bindungsstil Ihrer Kinder prägen wird. Das gilt für uns alle, und wir alle haben, je nach Bindungsstil, ein Quäntchen Unsicherheit in Bezug auf bestimmte emotionale Bedürfnisse. Zwar sind Sie sich dieser Einflüsse nicht unbedingt bewusst, da sie in Erinnerungen abgespeichert sind, die in das vorsprachliche Alter zurückreichen, aber erstaunlicherweise hat Ihr Baby ein angeborenes Gespür dafür und versucht möglicherweise, Sie vor unangenehmen Gefühlen zu schützen, indem es so tut, als hätte es bestimmte Bedürfnisse nicht. In diesen Bereichen werden Sie wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, und diese übertragen sich oft auf die nächste Generation. Wenn Sie diese Tendenzen mit Hilfe von Kapitel 5 und 6 an die Oberfläche bringen, können Sie Ihre Kinder und Enkelkinder davor bewahren, dass sie mit den gleichen Aspekten des Elternseins Schwierigkeiten haben werden. Wenn Sie wissen, wie hinter Ihren eigenen Kulissen die Fäden gezogen werden, können Sie sich aktiv dafür entscheiden, Ihrem Kind Sicherheit zu geben.
Viele Menschen, die den Kreis der Sicherheit kennenlernen, stellen fest, dass Ihr neu gewonnenes Verständnis über die wichtige Bindung zwischen Eltern und Kindern bereits das Wesentlichste ist, was sie brauchen, um sich für Sicherheit zu entscheiden. Wenn Stress oder Verwirrung entstehen, ziehen sie einfach ihre mentale Karte des Kreises hervor (oder schauen auf den Ausdruck, den sie sich an den Kühlschrank geheftet haben). Doch manchen Menschen fällt dieser Prozess auch weniger leicht (und wir alle finden ihn zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Situationen schwierig). Diese Menschen sind sich meist bewusst, dass Sicherheit in ihrer eigenen Vergangenheit nicht immer gegeben war. Für sie ist es wichtig, genauer herauszufinden, was ihnen im Wege steht – wobei herauszufinden, was uns im Wege steht, natürlich für uns alle enorm erhellend sein kann. Dieses Interesse zu entwickeln und die verborgenen Alarmglocken zu entdecken, die durch Erfahrungen in unserer eigenen Kindheit ausgelöst werden, ist etwas, worin Sie der zweite Teil des Buches unterstützt. Sie finden darin Fragebögen zur Selbsterkundung und weitere Beschreibungen, wie Bindung in ihren zahlreichen Variationen aussehen kann. Wir stellen Ihnen verschiedene Eltern und Kinder vor, die den so wichtigen Prozess der Bindung von der frühesten Kindheit an bis ins Jugendalter durchlaufen. Sie werden sehen, dass wir alle unsere Schwierigkeiten haben und Fehler machen, und Sie werden sehen, wie wir unsere Fehler wiedergutmachen und unsere Kinder darin unterstützen können, sich gesund zu entwickeln.
Willkommen im Club!

Einmal im Kreis herum
Bindung und die Bedeutung von Sicherheit verstehen
Du glaubst, weil eins und eins zwei ergeben, verstehst du zwei. Aber um das Wesen von zwei wirklich zu begreifen, musst du zuerst das „und“ verstehen.
JALALUDDIN RUMI,
Dichter und Gelehrter aus dem dreizehnten Jahrhundert

Bindung:
Warum sie wichtig ist
In ganz gewöhnlichen Momenten zwischen Eltern und Kindern geschieht etwas durchaus Bemerkenswertes:
Danny wartet auf das aufmunternde Lächeln und Nicken seiner Mutter, bevor er zu den anderen Kindern in den Sandkasten klettert.
Die einjährige Emma beruhigt sich augenblicklich, als ihr Vater sie auf seinen Schoß hebt, obwohl er weiter auf seinem Telefon herumtippt und das kleine Mädchen kaum ansieht.
Jake hört auf, auf seine Spielzeugtrommel einzuschlagen, nachdem seine Mutter nicht länger von ihm verlangt, sie wegzulegen, sondern stattdessen ausruft: „Wow, du hast ja ein tolles Rhythmusgefühl, mein Lieber!“
Momente wie diese sind ebenso alltäglich wie schnell vergessen, meist bleiben sie sogar unbemerkt. Doch was sich den Kindern durch viele solcher kleiner Momente einprägt, ist ausgesprochen tief greifend. Jedes Mal, wenn Sie auf das Bedürfnis des Kindes nach Geborgenheit oder nach Ermutigung eingehen, knüpfen Sie ein Band des Vertrauens. Jedes Mal, wenn Sie dem Kind zeigen, dass Sie verstehen, wie es sich fühlt und was es will, demonstrieren Sie die Kraft einer ursprünglichen Verbundenheit, nach der wir alle uns unserem Wesen nach sehnen. Jedes Mal, wenn Sie Ihr Baby oder Kleinkind darin unterstützen, mit all den unangenehmen Gefühlen und der Frustration umzugehen, die ein neues Menschenkind erlebt, lehren Sie es, seine eigenen Gefühle sowie auch die anderer Menschen zu akzeptieren (sogar die „unschönen“).
Das sind die Geschenke einer sicheren Bindung. Eine sichere Bindung entsteht in einem Kind von selbst, wenn ein Elternteil oder eine andere primäre Bezugsperson in der Lage ist
• dem Kind zu helfen, sich sicher zu fühlen, wenn es Angst hat oder sich unwohlfühlt
• dem Kind zu helfen, sich sicher genug zu fühlen, um die Welt zu erkunden, was essenziell für sein Wachstum und seine Entwicklung ist
• dem Kind zu helfen, seine emotionale Erfahrung zu akzeptieren und damit umzugehen
Sowohl Eltern als auch Kinder haben die Veranlagung, sich zu binden. Die Entwicklung dieser besonderen Verbundenheit beginnt schon vor der Geburt, und wunderbarerweise kommt Ihr Baby mit dem starken Instinkt auf die Welt, Ihnen nahe sein zu wollen. Dazu reicht ihm nicht einfach irgendein Erwachsener, auch wenn theoretisch viele Erwachsene die Nahrung, die Wärme und den Schutz bieten könnten, die zum physischen Überleben des Babys notwendig sind. Aus jahrzehntelanger Forschung lässt sich schlussfolgern, dass ganz kleine Babys sich augenblicklich in das Gesicht der Mutter oder des Vaters verlieben, denn obwohl sie es noch kaum scharf sehen können, können sie doch bereits die Liebe und die Hingabe der Eltern spüren. Das ist der Mensch, so ahnt das Baby, der für mich da sein wird. Das ist jemand, der mir helfen wird, diese verwirrende neue Welt zu verstehen und das Gute darin zu finden.
Was uns als Eltern verbindet, ist, dass wir alle Gutes für unsere Kinder wollen – Liebe und Mitgefühl, Verständnis und Akzeptanz, Sinn und Erfüllung. Und die Kinder wollen und brauchen Gutes von uns, wenn sie auf die Welt kommen. Eine unserer wichtigsten Mentorinnen, die Entwicklungspsychologin Jude Cassidy definierte (gemeinsam mit dem Sozialpsychologen Phillip Shaver) Bindungssicherheit als „Vertrauen in die Möglichkeit des Guten“. Unserer Meinung nach geht es genau darum. Wir wollen für unsere Kinder das, was gut, wirklich notwendig und erfüllend ist. Und mit genau diesem Wunsch kommen sie auch auf uns zu – auf ihre einzigartige, wunderbare, immer frische und oft auch fordernde Art und Weise. „Bitte hilf mir, in das Gute in dir, das Gute in mir und das Gute in uns zu vertrauen.“ Und dazu sind wir ja schließlich da.
Die große Bedeutung des kleinen Wörtchens „Und“
Wir alle beginnen unser Leben in tiefer Verbundenheit mit einem anderen Menschen, nicht allein. Das heißt nicht nur, dass das gemeinsame Bewohnen eines Körpers vor der Geburt eine Bindung zwischen Müttern und Babys schafft, die zumeist auch danach bestehen bleibt. Babys entwickeln ebenso eine Bindung an ihre Väter, ihre Großeltern oder jede andere Person, deren Blick sagt „Ich bin für dich da“, und die dieses Versprechen dann überwiegend auch hält. Schon ganz kleine Babys scheinen diese Hingabe zu erkennen und beginnen, in den ersten Lebenstagen mit ihrem Verhalten darauf zu reagieren. Sie folgen uns mit den Augen, wedeln aufgeregt mit den Armen, wenn wir von der Arbeit nach Hause kommen, und ihr erstes Lächeln erscheint als Antwort auf unser Lächeln – ein Geschenk, das die meisten Eltern niemals vergessen. Wenn wir den Eltern im Training zum Kreis der Sicherheit vermitteln wollen, wie unglaublich wichtig sie für ihre Kinder sind, spielen wir Joe Cockers Song „You Are So Beautiful“ und zeigen dazu Videoclips von Bindungsmomenten zwischen Eltern und Kindern.
Wie der Kinderarzt und Psychoanalytiker Donald Winnicott einst sagte: „Wenn man ein Baby beschreiben will, wird man feststellen, dass man ein Baby und zugleich eine andere Person beschreibt.“ Damit brachte er zum Ausdruck, wie unentbehrlich wir für unsere Kinder sind. Baby Gino oder Sasha oder Hiroto haben vielleicht eigene Arme, Beine und Gesichter, aber in Wirklichkeit existieren Sie noch nicht vollständig als Individuen. Wir neigen dazu, Babys als komplett ausgeformte kleine Kreaturen zu sehen, die tief im Inneren wissen, was sie fühlen und brauchen und wer sie sind, nur einfach noch nicht über die sprachlichen Fähigkeiten verfügen, um es auszudrücken. In Wirklichkeit aber haben neugeborene Babys keine Ahnung, was sie fühlen, außer dass ganz oft irgendetwas Unbekanntes und Schwieriges mit ihnen geschieht (sie brauchen irgendetwas) – ein ungeformtes Verlangen beginnt, sich zu entwickeln. Wenn Mama oder Papa dem gestressten Baby dann in die Augen schauen, „ja, ja“ gurren und magischerweise verstehen, was das Baby braucht – und es ihm sogar geben! –, sagen die Eltern dem Baby damit: „Ich bin bei dir. Wir fühlen ähnlich und wir kriegen das zusammen hin.“ Wenn dieser Austausch wieder und wieder stattfindet, lernt das Baby, dass menschliche Gefühle normal, akzeptabel und mitteilbar sind. Es lernt, dass dieser besondere Erwachsene seine Gefühle für es ordnen und ihm nach und nach beibringen kann, sie selbst zu regulieren – ein Vorgang, den man „Co-Regulation von Gefühlen“ nennt. Es lernt, dass es mit Mutter oder Vater viele wichtige Dinge gemeinsam hat, jeder für sich aber auch ganz einzigartig ist. Es erfährt, dass die Beziehung – das „und“ – wesentlich für die Formung des Selbst ist.
Bis zur Mitte des 20 Jahrhunderts stand das Selbst als ein von den anderen Menschen getrenntes Wesen im Fokus der Entwicklungspsychologie. In der westlichen Gesellschaft hat diese Annahme viele Ansichten und Erwartungen darüber geprägt, wie wir unser Leben führen sollten. Sobald wir dazu in der Lage waren, wurde von uns erwartetet, dass wir für uns selbst sorgen, und die Sozialpolitik begünstigte, zumindest in den Vereinigten Staaten, individuelle Bedürfnisse vor kollektiven. In unserer Arbeit mit dem Kreis der Sicherheit sind wir zu der gegensätzlichen Ansicht gelangt: Es ist das „Und“, das wichtig ist. Wir würden sogar so weit gehen zu behaupten, dass Unabhängigkeit ein Mythos ist. Von der Geburt an bis ins hohe Alter steht unsere Fähigkeit, einigermaßen autonom zu handeln, in direktem Zusammenhang mit unserer Fähigkeit zur Verbundenheit. Was bedeutet das für Eltern mit kleinen Kindern? Wenn wir möchten, dass unsere Kinder selbstständig werden, hinausgehen und es mit der Welt aufnehmen, müssen wir ihnen das volle Vertrauen ermöglichen, dass sie zu uns zurückkommen können, wenn sie das brauchen. Autonomie und Verbundenheit: Das ist sichere Bindung.
Und das kann zum Beispiel so aussehen:
Lei ist drei Jahre alt. Sie ist lebendig, verspielt und voller Neugier. Sie und ihr Vater sind gerade in den Park spaziert, der zwei Blocks von ihrem Zuhause entfernt liegt, und während sie auf das Klettergerüst zusteuern, wirft Lei, wie es typisch für sie ist, ihrem Vater lediglich einen flüchtigen Blick zu (kaum länger als eine Millisekunde) und rast davon, um ihre Version des Mount Everest zu besteigen. Was einem beiläufigen Beobachter vielleicht nicht auffällt, ist, dass Lei in dieser Millisekunde, in der sie mit ihrem Vater Kontakt aufnimmt, genau die Erlaubnis und die Unterstützung bekommt, die sie braucht – ist es ein kurzer Blick, ist es etwas in seinen Augen? –, um zu wissen, dass es absolut in Ordnung ist, dieses neue Abenteuer zu wagen.
Vierzehn Sekunden später ist sie bereits auf der Spitze des Gerüsts, schaut zu ihrem Vater zurück, mit jeder Faser ihres Körpers Stolz verströmend, und verkündet ihren Triumph: „Ich bin ein großes Mädchen.“
„Ja, das bist du, Lei“, antwortet ihr Vater, „ja, das bist du!“ (Was Lei nicht weiß, ist, dass ihr Vater sehr an sich halten muss, um nicht einzugreifen und da zu bleiben, wo er ist, weil ein Teil von ihm Angst hat, dass sie herunterfallen könnte. Doch aufgrund ihrer früheren Erfahrungen mit diesem Gerüst, bei denen er das Bedürfnis hatte, nahe bei seiner Tochter zu bleiben und auf sie aufzupassen, weiß er nun, dass sie über die Kraft, den Gleichgewichtssinn und die Begeisterung verfügt, um diesen Teil des Spielplatzes auf eigene Faust zu erkunden.)
Nach weiteren zwanzig Sekunden klettert Lei wieder herunter. Sie hat noch immer Spaß, freut sich noch immer an ihrem wachsenden Kompetenzgefühl, doch sie rennt zurück zu ihrem Vater, strahlend und sichtbar stolz auf ihre Leistung. Sie ist entzückt. Er ist entzückt. Sie schaut ihm in die Augen, sie berühren sich kurz, und dann – zack! – rennt sie wieder los, dieses Mal auf die Rutsche zu, bereit für eine weitere aufregende Runde.
Das ist also sichere Bindung. In diesem einfachen Augenblick ist Leis Vater einfach bei ihr und reagiert auf die sich verändernden Bedürfnisse seiner Tochter, während sie die mitunter angsteinflößende Aufgabe in Angriff nimmt, ihre Welt zu erkunden. Wichtig ist dabei auch, dass Lei deswegen weiß, dass ihr Vater auf sie reagieren wird, weil er das in der Vergangenheit bereits viele Male getan hat. Das ist einer der Gründe, aus denen die ganze Abfolge so glatt abzulaufen scheint, so ungeplant. Leis Ausdruck ihrer grundlegenden psychischen Bedürfnisse und die Reaktionen ihres Vaters haben sich zu dem Gewebe ihrer Beziehung verflochten.
Bindung: Ein bleibendes Vermächtnis
Lei und ihr Vater mussten wohl kaum bewusst über ihre Verhaltensweisen nachdenken, doch wie bei allen Menschen haben die positiven Effekte ihrer sicheren Bindung eine bleibende Wirkung. Diese erste Beziehung, die so nah ist, dass „zwei“ darin fast nicht von „einem“ zu unterscheiden ist, können wir nicht einfach abschütteln, wie ein Schmetterling seinen Kokon abstreift, auf und davon fliegt und vergnügt bis ans Ende seiner Tage lebt. Wir tragen sie mit uns in all unsere Beziehungen, all unsere Arbeit, all unsere Interaktionen, und falls es sich um eine sichere Bindung handelt, dann könnte sie unter Umständen zu einem vergnüglichen „bis ans Ende unserer Tage“ führen.
Fünfzig Jahre Forschung haben gezeigt, dass Kinder mit einer sicheren Bindung:
• mehr Freude mit ihren Eltern erleben
• weniger wütend auf ihre Eltern sind
• sich besser mit ihren Freunden verstehen
• stabilere Freundschaften haben
• in der Lage sind, Probleme mit Freunden zu lösen
• bessere Beziehungen zu ihren Geschwistern haben
• über ein stärkeres Selbstvertrauen verfügen
• wissen, dass sich für die meisten Probleme eine Lösung finden wird
• darauf vertrauen, dass gute Dinge auf sie zukommen
• den Menschen vertrauen, die sie lieben
• freundlich zu den Menschen um sie herum sind
Jahrzehntelange Forschungen haben inzwischen belegt, dass eine sichere Bindung an eine primäre Bezugsperson dafür sorgt, dass die Kinder gesünder und glücklicher sind, in praktisch jeder Hinsicht, in der wir diese Dinge messen können – in Bezug auf Kompetenz und Selbstvertrauen, Empathie und Mitgefühl, Resilienz und Durchhaltevermögen… in Bezug auf die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, intellektuelle Fähigkeiten zu entwickeln und die körperliche Gesundheit zu erhalten… in Bezug auf die Arbeit und ein erfülltes Privatleben. Vielleicht noch wichtiger ist, dass eine sichere Bindung in der ersten Beziehung eines Kindes die Grundlage für gute Beziehungen im weiteren Leben legt. Und inzwischen wissen wir ohne Zweifel, dass Beziehungen der Motor und das Gerüst für Zufriedenheit und Erfolg in allen Lebensbereichen sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass soziale Beziehungen die geistige und körperliche Gesundheit fördern und sogar das Sterberisiko senken: Analysen zu Studien in zahlreichen Ländern haben wiederholt ergeben, dass die Wahrscheinlichkeit eines vorzeitigen Todes umso kleiner ist, je mehr ein Mensch in soziale Beziehungen eingebettet ist, und dabei hatten die am stärksten isolierten Menschen sogar ein zweifach erhöhtes Sterberisiko im Vergleich zu den am stärksten sozial eingebetteten. In den westlichen Gesellschaften scheint man die Bedeutung des „Und“ langsam zu verstehen, wie die wachsende Beliebtheit von Büchern und TED-Talks zu Themen wie dem Wert von Verletzlichkeit vermuten lässt. Langsam wird uns klar, dass unsere Beziehungen nicht einfach nur nette „Extras“ sind. Die Menschen, die sich mit ihren Kollegen am besten verstehen, bekommen oft als erste eine Beförderung – und zwar nicht nur, weil sie kluge Allianzen gebildet haben, sondern oft auch, weil sie am produktivsten sind. Uns ist klar, dass es nicht hilfreich ist, wenn wir ständig wie besessen über unsere Kinder wachen wie der besagte sprichwörtliche Helikopter, doch wissen wir inzwischen auch, dass es etwas anderes ist als diese Art der Überwachung, wenn wir das Baby immer wieder beruhigen, und dass es dadurch nicht lebensuntauglich wird. Die Beziehungen, die wir eingehen, geben uns Kraft und machen uns sogar aus, denn in jedem „Und“ werden wir zu etwas, das über uns allein hinaus geht.
„Ich beruhigte mich damit, dass er schon immer einfallsreich, robust und selbstsicher war. Zwei Tage später… rief er mich an, überschwänglich und beglückt über seinen Triumph. Ich sagte zu ihm: ‚Viel Glück bei deinem Abenteuer‘, und wusste, dass es genau das war, was er von mir hören musste. Ich konnte ihn aus der Ferne in die Arme nehmen, in dem Wissen, dass er über all die Möglichkeiten, die Liebe, die Bindung und die Ressourcen verfügte, die aus seiner jahrelangen Erfahrung einer sicheren Bindung stammten. Seine sichere Bindung ermöglichte ihm, seine Erkundungen weiter und weiter auszudehnen.“
HEIDI S. ROIBAL, Albuquerque, New Mexico, nachdem ihr dreiundzwanzigjähriger Sohn allein auf eine Reise quer durchs Land aufgebrochen war
Auf die Bindung kommt es an
Intuitiv kennen Sie die Bedeutung des „Und“ bereits. Wenn wir anderen Menschen vertrauen und uns mit ihnen sicher fühlen, können sich Beziehungen weiterentwickeln – Freundschaften können sich vertiefen, wenn man ein beschämendes Kindheitsgeheimnis preisgibt, intime Beziehungen können sich festigen, wenn man es wagt, dem anderen einen Heiratsantrag zu machen, Kollegialität und gegenseitiger Respekt können entstehen, wenn man um die Beförderung bittet, die man verdient hat. Sogar ganz große Errungenschaften – das beste Bild, das man je gemalt hat, der Einfall für eine ebenso großartige wie radikale Innovation, die fantastische Rede, die man geschrieben hat –, die auf den ersten Blick nichts mit anderen Menschen zu tun haben, werden oft nur durch die Erfahrung von Sicherheit möglich. Wenn wir im Allgemeinen in die Offenheit und die Akzeptanz anderer vertrauen, sind uns Kreativität, Kompetenz, umsichtige Risikobereitschaft und geistige Klarheit möglich, da wir davon ausgehen, dass unsere Ideen in einer sicheren Umgebung auf Verständnis treffen und willkommen geheißen werden. Wenn das der Fall ist und wir Erfolg haben, wird die Bedeutung von Bindung noch bestärkt durch die Erfüllung, die wir erleben, wenn wir unsere Freude mit anderen teilen.
Eine sichere Bindung ist ein wenig wie der geliebte Teddybär aus Kindertagen. Hat man Zuversicht und Vertrauen in das Gute in mir, in dir und in uns, nimmt man dieses Vertrauen während wichtiger Übergänge und Veränderungen im Alltag mit. Wie es in unserem Leben läuft, bemessen wir Erwachsenen im Allgemeinen daran, wie es in unseren Beziehungen läuft. Wenn die Beziehungen gut laufen, läuft das Leben gut. Wenn wir lieben und geliebt werden, geht es uns gut.
Eine sichere Bindung zu haben bedeutet zu wissen, dass jemand einem dem Rücken stärkt,1 und zu wissen, dass jemand einem den Rücken stärkt, eröffnet eine ganze Welt voller neuer Möglichkeiten.
Falls Sie selbst die positiven Auswirkungen einer sicheren Bindung erlebt haben, wird es Sie nicht überraschen, wie verheerend das Fehlen von jeglicher Bindung sein kann. Im dreizehnten Jahrhundert ließ der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. ein Experiment durchführen, um herauszufinden, ob Neugeborene irgendwann die Sprache von Adam und Eva sprechen würden, wenn sie von den Erwachsenen um sie herum keinerlei Sprache zu hören bekämen. Er wies die Pflegekräfte an, mit den Babys weder zu sprechen noch zu gestikulieren, und letztlich verstarben sie alle. Siebenhundert Jahre später, in den 1930er-Jahren und 1940er-Jahren, zeigte sich derselbe Zusammenhang an Kindern in Waisenhäusern, bei denen die Sterberate bei alarmierenden 30 % lag. Obwohl mit den offensichtlichen Notwendigkeiten des Lebens versorgt – Essen, Obdach, Kleidung –, überlebten viele Kinder nicht ohne eine Bindung an eine primäre Bezugsperson.
Wie konnte es, angesichts dieser Beweislage, dennoch so lange dauern, bis der Wert von Bindung verstanden wurde? Diese Dinge brauchen ihre Zeit, und damit eine neue Theorie akzeptiert werden kann, müssen oft andere, etablierte Theorien verworfen werden. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert beruhten die zwei vorherrschenden Denkschulen in Bezug auf kindliche Entwicklung einerseits auf den psychoanalytischen Theorien von Sigmund Freud und seinen Kollegen und andererseits auf den behavioristischen Theorien von John B. Watson und später B.F. Skinner und anderen:
• Freud kam zu dem Schluss, dass die psychischen Probleme, die er bei seinen Patienten sah, ihre Wurzeln in verschiedenen unbewussten, gedanklichen Prozessen hätten, die in der frühen Kindheit einsetzten und ihre Wirkungen während der Entwicklung des Kindes weiter entfalteten. Diese Prozesse bestimmten seiner Ansicht nach, wie ein Baby mit seinen Eltern interagiert und was ein Baby neben Essen und anderweitiger Fürsorge noch zu brauchen scheint. Freuds Theorien sorgten dafür, dass der Fokus mancher Entwicklungspsychologen (und der Psychoanalytiker, die Erwachsene behandelten) auf undurchsichtigen Konzepten über das Unbewusste blieb, die bei den Menschen in der echten Welt auf wenig Resonanz stießen.
• Das andere Lager war das der Behavioristen, die glaubten, Babys verfolgten eine bestimmte Absicht, wenn sie für ihre Mama ein ganz besonderes Lächeln hervorzauberten, weinten, wenn diese aus ihrem Blickfeld verschwand, obwohl andere ihnen zugetane Bezugspersonen in der Nähe waren, oder sich in den Armen der Mutter wundersamerweise beruhigten. Ihre Absicht bestünde darin, belohnt zu werden: Wenn sie lächelten, wirkte die Mutter glücklich und kam näher. Wenn sie weinten, kam die Mutter meist zurück. Wenn sie sich in die Arme der Mutter kuschelten, durften sie dort bleiben. Watsons Ansicht nach diente der Bindungstrieb eines Babys dazu, dass die Mutter in der Nähe blieb, so dass sie ihm die Nahrung, die Wärme oder die trockene Windel geben konnte, die es brauchte. Heutzutage würde wohl kaum jemand noch leugnen, dass wir Menschen positiv auf Belohnungen reagieren. Das Besorgniserregende am strikten Festhalten an diesen frühen Formen des Behaviorismus bestand jedoch darin, dass Watson den Müttern riet, ihren Kindern nicht zu viel liebende Fürsorge zuzugestehen, denn sonst würden die Kinder später von der Welt erwarten, auf die gleiche Weise behandelt zu werden, was sie unweigerlich zu Invaliden machen würde.
Hier betritt die Stimme der Vernunft die Bühne: der britische Psychologe John Bowlby. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Bowlby an Forschungsarbeiten für die Weltgesundheitsorganisation beteiligt, unter anderem in Einrichtungen für Kriegswaisen und hospitalisierte Kinder. Die Kinder waren alle optimal versorgt: Sie wurden gut ernährt und gekleidet, hatten warme Betten und wurden medizinisch betreut, genau wie die Waisen vor dem Krieg. Was sie hingegen nicht hatten, waren Mutter und Vater. Und genau wie die Waisen aus früheren Jahrzehnten litten sie schrecklich unter dem Fehlen der Geborgenheit, Liebe und Nähe einer primären Bezugsperson. In den 1950er-Jahren filmten Bowlby und sein Kollege John Robertson eine Zweijährige, die zehn Tage im Krankenhaus verbringen musste und ihre Eltern jeweils nur eine halbe Stunde am Tag sehen durfte. In dieser Zeit verwandelte sie sich von einem aufgeweckten kleinen Mädchen in ein vollkommen niedergeschlagenes Kind.
Bowlbys Beobachtungen haben seitdem eine Veränderung der Besuchsregeln in Krankenhäusern bewirkt und auch auf die professionelle Kinderbetreuung Einfluss genommen. Und sie befruchteten seine Bemühungen, die Eine-Millionen-Dollar-Frage zu beantworten, die von Anbeginn der Menschheit an hätte gestellt werden sollen: Warum macht die Abwesenheit der Eltern oder anderer Bezugspersonen einen so gewaltigen Unterschied, wenn das Kind doch ansonsten alles hat, was es für seine Entwicklung braucht?
Wie es bei wissenschaftlichen Fortschritten so oft der Fall ist, kamen die Antworten aus einem Zusammenfluss von Ergebnissen verschiedener Forschungsgebiete, die ab Seite 46 zusammengefasst sind.
Bowlby vermutete, dass Babys aufgrund eines zutiefst instinktiven evolutionären Triebes, der dem Überleben der Spezies dient, eine Bindung an ihre primären Bezugspersonen entwickeln. Auf einer nonverbalen Ebene verstehen Babys vielleicht viel besser als wir Erwachsenen, wie wichtig Bindung ist und warum sie mit solcher Entschlossenheit danach streben. Bowlby und Ainsworth hatten bereits jede Menge Hinweise darauf, dass das Fehlen von Bindung in den ersten Lebensjahren einem Kind schaden kann, daher widmeten sie sich während der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der Erforschung der Bindungsthematik. Sie identifizierten drei Untersysteme, die im Bindungsprozess eine Rolle spielen:
• das Bedürfnis nach Zuwendung: der Instinkt, in jemandes Nähe zu bleiben, der Geborgenheit und Schutz bieten und die eigenen Gefühle ordnen kann
• Erkundung: der Instinkt, der eigenen Neugier zu folgen und etwas zu meistern
• das Gewähren von Zuwendung: der Instinkt, die benötigte Zuwendung zu geben und eine Bindung zu dem Baby zu entwickeln
Wie Sie in Kapitel 3 sehen werden, bilden diese drei Instinkte die Landschaft für den Kreis der Sicherheit. Diese Instinkte erklären, warum Babys eine sichere Bindung brauchen, damit sie weiterleben, sich entwickeln und zu Individuen werden, und warum sie am besten in Beziehungen gedeihen. Ironischerweise konzentrieren sich viele Menschen in der Pädagogik heutzutage noch immer auf das Verhalten, vielleicht, weil es etwas ist, das wir von außen sehen können, und wenn wir es verändern können, denken wir, dass wir damit die Probleme gelöst hätten. Doch Verhaltensweisen sind lediglich Ausdruck der Bedürfnisse eines Kindes. Verhalten ist eine Botschaft – eine Botschaft bezüglich der Bindungsbedürfnisse, die vor den Augen aller verborgen liegen.
Vor den Augen aller verborgen: Warum Verhaltensmanagement nicht ausreicht
Mal ehrlich: Als Eltern oder werdende Eltern haben wir viel dringendere Sorgen als die Aufwertung der Spezies für eine ungewisse Zukunft. Wir alle haben mehr als genug zu tun, und der Versuch, unseren eigenen Kindern eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen, ist schon überfordernd genug. Das ist natürlich auch der Grund, warum so viele Eltern und andere Betreuer von Kindern auf Verhaltensmanagement zurückgreifen, um die Kinder dazu anzutreiben, in Bezug auf ihre Gefühle, ihr Verhalten und ihr ganzes Sein ihr Bestes zu geben. Wie wir bereits sagten, haben Belohnungen durchaus ihren Platz im Leben mit Kindern. Doch wenn wir lediglich auf die sichtbaren Verhaltensweisen abzielen, können wir uns auch gleich an den Gedanken gewöhnen, für immer und ewig mit „Sternchentabellen“ und „Auszeiten“ zu arbeiten. (Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten Ihrer dreißigjährigen Tochter jede Woche zehn Euro schicken, damit sie Sie anruft.) Wenn man nur das Verhalten adressiert, dann ist das in etwa so, wie wenn man zwar die Symptome einer Erkrankung behandelt, deren Ursachen jedoch ignoriert.
Die Entstehung der Bindungstheorie
Wenn Babys mit allen offensichtlichen Notwendigkeiten des Lebens versorgt wurden, aber dennoch nicht gediehen, so spekulierte John Bowlby, lag dem Drang zur Bindung möglicherweise ein tieferer Instinkt zugrunde: Steckte ein evolutionärer Trieb dahinter? Konnte etwas, das Eltern ihren Kindern über die körperlichen, lebensnotwendigen Bedürfnisse hinaus gaben, zum Erhalt der Spezies notwendig sein?
Untersuchungen an Tieren bestätigten dies. Konrad Lorenz, Pionier und Experte auf dem Gebiet der Tierverhaltensforschung, fand heraus, dass kleine Gänschen aufgrund eines Phänomens namens „Prägung“ demjenigen Tier oder Objekt folgen, das sie als Erstes sehen. Später erforschte der Psychologe Harry Harlow die Mutter-Kind-Bindung, indem er das Verhalten von Babyaffen beobachtete. Zunächst stellte er fest, dass die Affen, die im Labor und isoliert von anderen Affen aufgezogen wurden, sich zurückzogen, kein normales Sozialverhalten mit anderen Affen, dafür aber ein ungewöhnliches Ausmaß an Angst und Aggression zeigten. Als er in einer zweiten Studie jungen Affen die Wahl gab zwischen einem Affen aus Draht, der Futter ausgab, und einem Affen aus Stoff, der das nicht tat, wählte die überwältigende Mehrheit der Babys einen Affen, der sich eher wie das Fell der Mutter anfühlte, selbst wenn er kein Futter anbieten konnte. Nachdem sie mit diesen Ersatzmüttern bekannt gemacht wurden, kehrten sie wieder und wieder zu der gleichen Attrappe zurück und zeigten klare Anzeichen dessen, was inzwischen als „Bindung“ bekannt ist.
In den darauffolgenden Jahrzehnten formulierte Bowlby die Bindungstheorie, eine Perspektive, die erklärt, auf welche Art und Weise die Suche nach Verbundenheit mit einer primären Bezugsperson nicht nur dem Überleben des Individuums dient, sondern auch dem Erhalt der Spezies. Prägung als eine Art primitives Bindungsverhalten kann somit als Weg betrachtet werden, auf dem das neugeborene Tier in seine Spezies eingeführt wird – nicht nur, damit das Junge von einem Tier mit denselben Bedürfnissen und dem Wissen, wie sie befriedigt werden können, Überlebensstrategien lernt, sondern auch, damit es später weiß, nach welchen anderen Tieren es zur Paarung und Fortpflanzung suchen soll.
Doch in welchem Maß ähneln wir Menschen den Tieren? Wie wird der Erhalt der menschlichen Spezies durch Bindung gefördert? Die einfachste Antwort ist die: Wenn menschliche Babys in der Nähe eines sie beschützenden, fürsorglichen Erwachsenen bleiben, ist die Wahrscheinlichkeit des langfristigen Überlebens höher, und je mehr Kinder das Erwachsenenalter erreichen, desto eher bleibt die Spezies bestehen. Allerdings wissen wir inzwischen, dass Bindung sich positiv auf die Entwicklung auswirkt und nicht nur für mehr erwachsene Menschen sorgt, sondern auch für bessere. Durch sichere Bindungen überlebt die Spezies nicht nur, sie entwickelt sich auch weiter. Wenn der Bindung also ein solch enormes Potenzial innewohnt, wie lässt sich dann ihre Entstehung begreifen, und wie kann man dafür sorgen, dass sie sich so oft wie möglich entwickelt?
Zurück ins Labor der Menschheit. Die Entwicklungspsychologin Mary Ainsworth, Mitarbeiterin in Bowlbys Forschungsteam in London, spielte eine entscheidende Rolle dabei, die Muster bei der Entstehung von Bindung aufzuzeigen. Basierend auf ihren Beobachtungen bei einer bahnbrechenden Feldstudie in Uganda und später in Baltimore in den Vereinigten Staaten legte Ainsworth verschiedene Bindungsstile fest, die zwischen der Mutter (oder einer anderen primären Bezugsperson) und dem Baby entstehen. Später entwickelte Ainsworth außerdem ein sehr nützliches Forschungsinstrument zur Identifikation des Bindungsstils einzelner Eltern-Kind-Paare. Ainsworths sogenannter Fremde-Situations-Test (FST, auf Englisch: Strange Situation Test, SST), der in Kapitel 4 beschrieben wird, ist heute der Maßstab zur Erfassung des Bindungsstils und ein zentraler Bestandteil unserer eigenen Arbeit mit Familien. Er hilft uns und anderen, die mit der Bindungsthematik arbeiten, zu verstehen, wo Bindung möglicherweise nicht sicher ist und wie man Eltern und Kindern helfen kann, eine Bindung zu entwickeln.
Wenn wir es mit einem Kind zu tun haben, das „sich danebenbenimmt“ oder bekümmert wirkt, ist es hilfreich zu überlegen, was möglicherweise vor aller Augen verborgen liegen könnte: Ist das Kind frustriert, weil es das Gefühl hat, uns sein Bedürfnis nach Geborgenheit nicht verständlich machen zu können? Ist dieses kleine Mädchen „so emotional“, weil es nicht gelernt hat, seine Gefühle mithilfe des liebevollen Verständnisses und der souveränen Begrenzungen eines Erwachsenen zu regulieren? Tut dieser kleine Junge sich so schwer damit, das Alphabet zu lernen, weil er innerlich ständig versucht, sein Bedürfnis auszudrücken, selbst der Architekt seiner eigenen Abenteuer zu sein? Hat dieses Kind vielleicht deswegen Schwierigkeiten damit, Freunde zu finden, weil es nicht gelernt hat, auf das Wohlwollen anderer zu vertrauen?
Das, was vor den Augen aller verborgen liegt, wurde in den letzten fünfzig Jahren von der Wissenschaft ausführlich erforscht. Wir wissen jetzt, dass die Bindung sich auf den Stresslevel eines Kindes, seine Fähigkeit, mit emotionalen Erfahrungen umzugehen, seine Lernkapazität, seine körperliche Vitalität, sein soziales Wohlbefinden und vieles mehr auswirkt. Je mehr wir als Eltern darüber wissen, was unter dem Verhalten unseres Kindes und vor unseren Augen verborgen liegt, desto klarer erkennen wir die Notwendigkeit, eine sichere Bindung zu ihm aufzubauen.
Der führende Neuropsychologieforscher Allan Schore fand heraus, dass die Entwicklung vieler regulierender und überlebenswichtiger Funktionen in der rechten Gehirnhälfte (die während der ersten drei Lebensjahre dominanter ist als die linke) von den Erfahrungen des Babys abhängt, insbesondere von den Bindungserfahrungen mit seiner primären Bezugsperson.
Eine sichere Bindung schützt Kinder vor toxischem Stress
Wenn Bindung ein solch hartnäckiger, ursprünglicher Instinkt ist, dann stellen Sie sich einmal vor, wie viel Stress es verursachen muss, wenn er blockiert ist. Der Stress unerfüllter Bindungsbedürfnisse kann sich im Verhalten eines Kindes ausdrücken (Wie verhalten Sie sich, wenn Sie großen Stress haben?), und aus zahlreichen Studien wissen wir, dass er sich ebenfalls negativ auf die mentale, emotionale, soziale und körperliche Entwicklung des Kindes auswirkt.
Die Art von Stress, die in der frühen Kindheit beginnt, wenn die Nöte eines hilflosen Neugeborenen nicht durch die Geborgenheit eines Elternteils gelindert werden, nennt man „toxischen Stress“, weil er im Gehirn neuronale Bahnen erzeugt, durch deren Aktivierung das Kind sich ständig in einem alarmierten Zustand befindet. Dieser Zustand erschwert es dem Kind, sich auf das Lernen zu konzentrieren, und macht es anfällig dafür, vorschnell zu reagieren, bevor es sich fragen kann, was überhaupt los ist. Wenn ein Baby hungrig, nass oder verängstigt ist, strömt das Stresshormon Cortisol durch sein Gehirn; Cortisol löst eine Art von Verlangen aus, das sich wie ein „schwarzes Loch“ anfühlt und das ein Neugeborenes zwar nicht artikulieren kann, aber intensiv spürt. (Auf Seite 51 finden Sie weitere Details zu den gesundheitlichen Auswirkungen von übermäßigem Stress.)
Wenn wir uns in der Anwesenheit einer liebevollen, verlässlichen Bezugsperson sicher fühlen, ist das so, als ob man uns eine zweite Haut gibt, die uns in stressigen Zeiten schützt.
Sicherheit sorgt dafür, dass Kinder sich gesund entwickeln
Der durch unerfüllte Bindungsbedürfnisse ausgelöste Stress kann ein Kind nicht nur in der frühen Kindheit, sondern auch während seiner gesamten Entwicklung belasten. Auch wenn sich nur schwer sagen lässt, wie direkt eine sichere Bindung sich auf die Erreichung bestimmter Entwicklungsmeilensteine auswirkt, wies eine bahnbrechende, dreißig Jahre andauernde Studie an der Universität von Minnesota, die Mitte der 1970er-Jahre begann, langfristige Muster zwischen einer sicheren Bindung und bestimmten Entwicklungsaspekten nach. Stellen Sie sich einen Neunjährigen vor, dessen Mutter Brustkrebs hat oder dessen Vater als Alleinverdiener der Familie seine Arbeit verloren hat. Ereignisse wie diese, tragisch, aber weit verbreitet, sorgen für großen Stress. Hier kommt die Sicherheit, die wir aus einer guten Bindung beziehen, zur Rettung. Die Wissenschaftler aus Minnesota fanden unter anderem heraus, dass Kinder in der vierten Klasse mit einer sicheren Bindungsgeschichte weniger Verhaltensprobleme hatten, wenn ihre Familien unter großen Stress gerieten, als solche, die keine sichere Bindung erlebt hatten.
Stress und Gesundheit
Der menschliche Körper ist mit einem brillanten System zum Umgang mit Bedrohungen ausgestattet. Allerdings haben wir meist keine Kontrolle über die Art der Bedrohungen, denen wir uns gegenüber sehen: ständige Sorgen um die finanzielle Situation, Familienkonflikte, das Leben in einer gefährlichen Umgebung oder, im Falle eines Kindes, die allgemeine An- oder Abwesenheit einer feinfühligen, zugänglichen Bezugsperson – und dadurch entsteht Stress. Eine wahrgenommene Bedrohung löst eine komplexe Reihe neurochemischer Prozesse aus, in die auch das Stresshormon Cortisol involviert ist. Die Hauptaufgabe des Cortisols ist es, den Körper nach dem stressigen Ereignis in einen Zustand des Gleichgewichts und der Stabilität (Homöostase) zurückzubringen. Das Problem ist, dass sich das Cortisol bei der Regulation verschiedener von Stress beeinflusster Systeme, hauptsächlich des Stoffwechsels, nebenbei auch auf andere Systeme auswirkt, allen voran auf das Immunsystem. Die Aufgabe des Cortisols besteht darin, dem Körper zu signalisieren, dass er mit dem Kämpfen aufhören und in einen stabilen Zustand zurückkehren soll; es hat auch eine dämpfende Wirkung auf das Immunsystem und macht den Körper damit anfälliger für Krankheiten. Das ist einer der Gründe dafür, dass Menschen, die unter chronischem Stress leiden, häufiger krank werden als andere. Unglücklicherweise werden durch wiederholte Episoden von akutem Stress und auch durch chronischen Stress übermäßige Mengen an Cortisol freigesetzt – das kann das Gedächtnis und die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen und sogar für eine Zunahme von Bauchfett sorgen, was wiederum ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko nach sich zieht. Babys, deren Bindungsbedürfnisse nicht erfüllt werden, beginnen ihr Leben also unter schlechteren geistigen wie körperlichen gesundheitlichen Bedingungen.
Als Erwachsene haben wir oft keinen Begriff mehr davon, wie stressig solch profane Probleme für ein Kind sein können, doch bei einem Baby kann jedes unerfüllte Bedürfnis zu einem Anstieg des Cortisolspiegels führen – und damit zu einer Erweiterung des schwarzen Lochs. Glücklicherweise gibt es ein Gegenmittel: die Geborgenheit, die es bei der Mutter oder dem Vater erlebt. In Laborstudien konnte gezeigt werden, dass der Cortisolspiegel von Babys sinkt, wenn sie in einer stressigen Situation auf den Arm genommen und gehalten werden.
In der Studie aus Minnesota untersuchten L. Alan Sroufe, Byron Egeland, Elizabeth A. Carlson und W. Andrew Collins die Entwicklung von 180 Kindern vom letzten Schwangerschaftstrimester bis ins Erwachsenenalter und stellten fest, dass eine sichere Bindung am Anfang des Lebens einen nachweisbaren Schutz vor den verheerenden Auswirkungen von Stress während der gesamten untersuchten Zeitspanne darstellte.
Außerdem fanden sie Zusammenhänge zwischen Unsicherheit und späteren psychischen Problemen. Sicherheit zu geben bedeutet, einen sicheren Hafen der Geborgenheit und eine sichere Basis für Erkundung zu bieten, je nachdem, was gebraucht wird. In der zuvor beschriebenen Szene konnten wir sehen, wie Leis Vater seiner Tochter beides gab. In der Minnesota-Studie zeigten Kinder, deren Eltern ihnen keine emotionale Geborgenheit geben konnten, mehr Störungen des Sozialverhaltens in der Adoleszenz, und Kinder, die von ihren Eltern am Erkunden gehindert wurden, litten als Jugendliche mit größerer Wahrscheinlichkeit unter Angststörungen. Die Studie fand zudem einen Zusammenhang (wenn auch keinen ganz so deutlichen) zwischen diesen zwei Arten von Unsicherheit und Depressionen – die Kinder fühlten sich entweder hoffnungslos und entfremdet oder hilflos und ängstlich.
Der Weg der Entwicklung ist voller Aufgaben, die Ihr Baby bewältigen muss, Fertigkeiten, die es zu lernen, und Fähigkeiten, die es zu entwickeln gilt. Und wie sie sehen werden, spielt Bindung bei vielen davon eine entscheidende Rolle.
Lernen, Gefühle zu regulieren
Ihr Wonneproppen mag Ihnen während der ersten Monate oftmals gar nicht so wonnevoll vorkommen. Experten der Entwicklungspsychologie sind sich weitgehend einig, dass ein zuverlässiges Elternteil oder eine andere primäre Bezugsperson – in der Psychologie „Bindungsfigur“ genannt – vor allem dazu dient, dem Säugling in seiner ganzen Angst zu helfen. Offensichtlich können Babys mit der intensiven und verwirrenden Erfahrung von Gefühlen nicht alleine umgehen. Zuerst regulieren Mutter oder der Vater die Gefühle des Babys von außen – sie beruhigen es, wenn es schreit, singen Schlaflieder, lächeln es zärtlich an, wiegen es hin und her und vielerlei mehr. Wenn das Baby erlebt, dass jemand ihm helfen kann, schwierige Gefühle annehmbar und verkraftbar zu machen, wendet es sich in Situationen, in denen es etwas braucht, in zunehmendem Maße an diese Bezugsperson, und dadurch lernt es langsam, sich selbst zu beruhigen. Schließlich, wenn alles nach dem in uns angelegten Plan verläuft, lernt das Kind, seine eigenen Gefühle zu regulieren. Jetzt beginnt in ihm die Fähigkeit zu knospen, sich selbst zu trösten, wenn es in den Kindergarten gebracht wird, anstatt den ganzen Vormittag lang zu schluchzen. Es kann sich jetzt die Angst vor dem Monster unter dem Bett manchmal selbst ausreden, anstatt endlos bei anderen nach Beschwichtigung zu suchen, weil es sich nicht selbst beruhigen kann. Jetzt kann es sich kurz wegdrehen, wenn es sich bei der Begegnung mit jemand Unbekanntem schüchtern fühlt, und dann noch einmal hinschauen, sobald es sich beruhigt hat. (Außerdem hat es die wichtige und wertvolle Lektion gelernt, dass es sich, falls notwendig, auch im weiteren Leben zur Co-Regulation an andere wenden kann.) Seine emotionale Erregung steuern zu können gibt dem Kind nicht nur die Freiheit, sich dem Lernen und seiner Entwicklung zu widmen, sondern es verhindert zudem die gefährliche Anhäufung von Cortisol und fördert folglich die Gesundheit. Aktuelle und noch laufende Forschungen zeigen, dass die Fähigkeit zur Gefühlsregulation weitreichende positive Auswirkungen hat, denn wenn man nicht unter dem Stress zu lange anhaltender oder übertriebener Gefühle leidet, ist man frei, das Leben in seiner ganzen Fülle auszukosten.
In der Minnesota-Studie wurde festgestellt, dass Sicherheit Kinder weniger für Frustration oder Aggression anfällig machte, wenn sie sich sozialen Konflikten ausgesetzt sahen, ebenso weniger dafür, einfach aufzugeben und sich abzuwenden. Sie zeigten größere Hartnäckigkeit und Flexibilität, sowie allgemein weniger Geheule und Getue.
Auf diese Weise leistet uns die Fähigkeit zur Emotionsregulation während unseres ganzen Lebens gute Dienste. Sie hilft uns, unsere Arbeit produktiver zu machen, effektiv und liebenswürdig mit diesem nervigen Nachbarn umzugehen und unseren Wunsch, „die Welt zu verändern“, in die von uns gewünschten Bahnen zu lenken – und Emotionsregulation ist auch für Beziehungen super. Und das nicht nur, weil wir unserem tobenden Kleinkind nicht tatsächlich „den Hals umdrehen“ oder uns permanent über die „Unsensibilität“ unserer Freunde beschweren, wenn wir unsere Gefühle regulieren können, sondern auch, weil die Fähigkeit zur Co-Regulation von Gefühlen ein wichtiger Bestandteil von Intimität ist. Sie haben einen Arzttermin, vor dem Sie sich fürchten? Wenn Sie Ihren Partner oder einen engen Freund an Ihrer Seite haben, kann Ihnen das helfen, Ihre Angst (und das Cortisol) auf einem erträglichen Niveau zu halten. Haben Sie schon einmal an der Seite eines vertrauten Menschen einen Verlust betrauert und festgestellt, dass Ihr Kummer sich schneller verflüchtigte, als Sie es für möglich gehalten hätten? Falls ja, was fühlen Sie jetzt, während Sie sich an diesen Moment erinnern, in Bezug auf diesen Menschen?
Ein warnender Hinweis: Verwechseln Sie „Emotionsregulation“ nicht mit dem Abwehren oder Unterdrücken von Gefühlen. In der Wiege einer sicheren Bindung lernen Babys und Kinder, dass Gefühle etwas Normales, Akzeptables und Nützliches sind. Allein die Akzeptanz eines Gefühls ist schon sehr wirksam, um zu verhindern, dass es außer Kontrolle gerät oder über seine Nützlichkeit hinaus weiter bestehen bleibt. Wir helfen unseren Babys, diese wertvollen Fertigkeiten zu lernen, indem wir während ihrer gesamten Erfahrung „mit ihnen sind“. Diesem Thema ist Kapitel 4 gewidmet.
Achten Sie jedoch auch darauf, den Gefühlen Ihres Kindes nicht zu viel Priorität einzuräumen. In dem Versuch, für die emotionalen Bedürfnisse unsere Kinder sensibel zu sein, bringen wir ihnen manchmal unabsichtlich bei, dass jedes Gefühl, das sie haben, von überragender Wichtigkeit ist und „jetzt sofort“ beachtet werden muss – was aber in Wirklichkeit der Entwicklung von Resilienz entgegenwirkt.
Ein Individuum werden – ohne allein zu sein
Die kleinen Hände eines sechsjährigen Mädchens fingern an dem dünnen Docht herum, den ihr Vater an einen Kleiderbügel gebunden hat. Vor ihr steht der vertraute Einmachtopf der Familie, der jetzt warmes Wasser und einen Behälter mit flüssigem Wachs enthält. Vorsichtig und mit der nervösen Präzision einer Erstklässlerin taucht das Mädchen den Docht langsam in das leicht sprudelnde Wachs. Die erste Schicht ist kaum sichtbar, als sie ihn hochzieht und ihren Eltern zeigt. Der Vater spürt ihre Verunsicherung und vergewissert ihr, dass die Kerze nach und nach entsteht, wenn sie sie immer wieder eintaucht. Auch die zweite und die dritte Runde bringen noch kaum sichtbare Ergebnisse. Dann sieht das Mädchen plötzlich freudig überrascht, wie das Wachs an dem vor ihr baumelnden Docht haftet. Immer wieder taucht sie ihn ein. Und Immer wieder schaut sie hinüber, um das Lächeln in den Augen ihrer Mutter zu sehen, während die Kerze größer wird. Die Vergewisserung, die sie wenige Minuten zuvor noch zu brauchen schien, ist jetzt in ihr eigenes Wissen übergegangen, während sie den Prozess der Kerzenherstellung fortsetzt. Noch Monate, sogar Jahre später, wenn diese eine Kerze angezündet wird, kann sie die Vergewisserung, das Vertrauen, das Vergnügen und die Freude, die sie bei ihrer Herstellung erlebt hat, wieder spüren.
Früh gelerntes Vertrauen wirkt sich sehr langfristig aus. Dieses sechsjährige Kind durfte sozusagen in der fürsorglichen Reaktion ihrer Eltern baden, eine Ressource, die sie seit dem Moment ihrer Geburt kennt. In ihren frühesten Jahren hat sie eine Einstimmung und eine Feinfühligkeit erfahren, die ihr erlauben, sich in ihrer Umgebung niederzulassen und darauf zu vertrauen, dass gut für sie gesorgt wird. Kleine Kinder brauchen die Sicherheit, dass jemand da ist, der sich verlässlich um ihre körperlichen und emotionalen Bedürfnisse kümmert. Vertrauen in sich selbst und Vertrauen in andere beruht stets auf der frühen Erfahrung, sich auf die Feinfühligkeit und die Zugänglichkeit mindestens einer ansprechbaren Bezugsperson verlassen zu können – mit anderen Worten, es beruht auf durch Bindung vermittelte Sicherheit. In der Entwicklungspsychologie wird die Entwicklung eines kohärenten Selbstgefühls – also die Entwicklung der Persönlichkeit, der Identität und so weiter – natürlich als ein wichtiges Ziel betrachtet. Wenn ein Elternteil feinfühlig und warmherzig auf die frühesten Bedürfnisse eines Kindes reagiert, wird das Selbst mit jeder Interaktion geformt, ähnlich wie der Docht, der so oft in das Wachs getaucht wird, bis die Kerze entstanden ist. Die Betonung liegt hierbei auf Interaktion, denn in dieser ersten Beziehung beginnt die Individuation des Babys, und durch alle weiteren Beziehungen in unserem Leben entwickeln wir uns weiter. Wenn die Bindung sicher ist, werden alle psychischen Fähigkeiten des heranwachsenden Kindes so gefördert, dass sie schließlich ein kohärentes Selbst bilden – eines, in dem die Erinnerungen und das Selbstbild eines Menschen in einem verständlichen Zusammenhang stehen mit der Geschichte, die ihn geprägt hat.
Es mag paradox erscheinen, dass wir nur im Kontext anderer Menschen ein starkes Selbstgefühl entwickeln. Aber womöglich ist das ganz und gar nicht paradox: Ein Baby erkennt, dass es ein Individuum ist, wenn es sich dessen bewusst wird, dass es in diesem „Wir“ ein „Ich“ und ein „Du“ gibt. Eine sichere Bindung zu einem fürsorglichen Erwachsenen unterstützt das Baby, ein eigenständiges Individuum zu werden, und erspart ihm die Verwirrung und den Stress, allein und hilflos zu sein. Um die oft schwierigen und verwirrenden Erfahrungen, die mit dem Entstehen des Selbstgefühls einhergehen, zu bewältigen, braucht das Baby einen „anderen“, der für es da ist, der es versteht und einfühlsam reguliert. Wenn ein Kind viele Male die Erfahrung macht, getröstet und auf feinfühlige Weise angeregt und beruhigt zu werden, ist das ungefähr so, wie wenn der Docht des sich entwickelnden Selbst immer wieder in die Qualität der Beziehung zu den Menschen um es herum eingetaucht wird.
Für ein neugeborenes Baby ist es natürlich überlebenswichtig, nicht allein zu sein. Doch Experten sowohl der Bindungstheorie als auch der Objektbeziehungstheorie2 betonen, dass Überleben mehr bedeutet als ein schlagendes Herz und ein voller Bauch. Babys stellen instinktiv eine Verbindung mit dem „anderen“ her, der ihnen helfen kann, die chaotische Welt, in der sie sich wiederfinden, zu begreifen. Ist eine solche Verbindung nicht möglich, hinterlässt das eine beängstigende Leerstelle. Psychoanalytiker wie Donald Winnicott nannten den Terror des Allein- und Verlassenseins, wenn man noch nicht einmal in der Lage ist, Worte zu formen, einen der „Urschmerzen“. Stellen Sie sich einen freien Fall von einem Trapez vor – Sie strecken sich nach den Händen des anderen Akrobaten aus und lassen rechtzeitig die Stange los, um sie zu erreichen… und müssen feststellen, dass da gar niemand ist. Wenn es uns angeboren ist, unser Selbst im Kontext anderer Menschen zu entwickeln, dann bedroht es ganz bestimmt unser Überleben, wenn wir niemanden vorfinden. Stellen Sie sich jetzt vor, dass dieses Gefühl der Verlassenheit – dieses fürchterliche Gefühl, sich im freien Fall zu befinden – für den Rest Ihres Lebens in Ihrer unbewussten Gedankenwelt umherschwirrt. Was für ein Stress!
Der Geist muss frei sein, damit er lernen kann
Es ist keine Übertreibung, zu sagen, dass bei Kindern, die sich sicher und unterstützt fühlen, das Lernen fast von allein vonstattengeht. Wir Menschen sind von Natur aus neugierig, das muss uns nicht erst eingeredet werden. Man muss uns nicht abfragen, um unsere Wahrnehmung zu aktivieren („Welche Farbe ist das?“). Man muss die Kinder nur in ihrem eigenen, naturgegebenen Wunsch danach, etwas zu können, unterstützen. Dieser Wunsch wird ganz natürlich seinen eigenen Fokus und seine eigene Geschwindigkeit finden. Für den vierjährigen Jakob ist es derzeit ein über den ganzen Wohnzimmerboden verteilter Zoo voller Plastiktiere. Im Alter von sieben Jahren wird es dann möglicherweise das Spiel Minecraft auf dem iPad sein. Für einen anderen Siebenjährigen könnte es Malen und Zeichnen sein, oder ein Online-Spiel. Für die dreijährige Lei ist es, wenn sie nicht gerade auf dem Spielplatz ist, alles, was sie in kleine Menschen verwandeln kann, die das ausleben können, was auch immer ihr in den Sinn kommt. In zehn Jahren mag es dann die Konstruktionsweise der höchsten Gebäude der Welt sein, oder höhere Mathematik, von der ihre Eltern noch nie gehört haben.
In der Minnesota-Studie wurde festgestellt, dass sicher gebundene Kinder offener und flexibler Probleme lösen, neue Situationen begrüßen und schwierigen Lernaufgaben mit weniger Frustration und Angst begegnen. Das ist wenig überraschend für uns. Zentral dafür, die Bedürfnisse eines Kindes zu erfüllen, ist die Haltung „Wir kriegen das zusammen hin“ – dass emotionale Schwierigkeiten innerhalb des „Und“ bewältigt werden können.
Natürlich unterscheiden sich Kinder im Hinblick auf ihre intellektuellen Fähigkeiten. Aber eine sichere Bindung bildet zumindest eine gute Grundlage dafür, dass sie ihr einzigartiges Potenzial entfalten können. Ohne diese Sicherheit sind die Kinder von dem Ödland ihrer unerfüllten Bedürfnisse und dem Mangel an Verbindung so gestresst, dass sie an nicht viel anderes denken können, zumindest nicht sehr effizient. Wenn wir mit Lehrern und Eltern über den Zusammenhang von Bindung und kognitiven Fähigkeiten sprechen, sagen wir oft:
Kinder können nicht lernen, wenn ihre Haare in Flammen stehen.
Kinder, die unter großem Stress aufwachsen, sind aufgrund des Mangels an Geborgenheit und anderen Notwendigkeiten oft so sehr damit beschäftigt, sich für Gefahren zu wappnen, dass sie sich nicht konzentrieren können.
Sie scheinen in Ermangelung von sozialem Kontakt auch weniger gut lernen zu können. Schließlich ist bekannt, welche positiven Auswirkungen es auf die Lesekompetenz hat, wenn Eltern ihren Kindergartenkindern vorlesen, oder wie wertvoll es ist, einen wirklich guten Lehrer zu haben. Eine sichere Bindung ist der erste soziale Kontakt, der Ihr Baby beim Lernen unterstützt. Das funktioniert so:
1. Das Elternteil dient als sichere Basis, von der aus das Kind etwas erkunden kann – ob es der Spielplatz ist, wie in Leis Fall, oder ein Chemiebaukasten.
2. Vertrauen in das Elternteil macht es sicher gebundenen Kindern leichter, bei den Eltern Unterstützung beim Lernen zu suchen.
3. Konstruktive, erfreuliche Interaktionen zwischen Eltern und Kind erleichtern den Informationsaustausch.
4. Durch Bindung entwickeln Kinder ein kohärentes Gefühl für sich selbst und für andere, was sie dazu befähigt, klar zu denken und ihren Denkprozess effizient zu regulieren.
Es wurde beobachtet, dass sicher gebundene Kleinkinder aktiver in ihrer Erkundung sind und längere Aufmerksamkeitsspannen haben. In einer Studie beteiligten sich sicher gebundene Zweijährige mehr an symbolischen Spielen, die die Entwicklung einer gesunden, kreativen Fantasie fördern (siehe Seite 61). Ein Diagramm der Wissenschaftler Corine de Ruiter und Marinus van Ijzendoorn zeigt, dass Eltern, wenn sie eine sichere Bindung mit ihren Kindern aufbauen, indem sie ihnen feinfühlige, sanfte und nicht-bestrafende Anleitungen geben, die Selbstachtung des Kindes sowie seine Motivation, Aufmerksamkeitssteuerung, Ausdauer bei Aufgaben und metakognitive Fähigkeiten fördern. All diese Fähigkeiten tragen zu schulischem Erfolg bei.
Die Längsschnittstudie aus Minnesota zeigte, dass unsicher gebundene Kindergartenkinder viel mehr auf ihre Betreuerinnen angewiesen waren als sicher gebundene Kinder im gleichen Alter. Das gleiche Muster zeigte sich in Ferienlagern, als die Kinder zehn Jahre alt waren.
Sicherheit → Selbstvertrauen → Eigenständigkeit
Als Spezies sind wir nicht dazu bestimmt, unabhängig bis hin zur Isolation oder äußersten Selbstgenügsamkeit zu sein, anderseits leben wir nicht sehr lange, wenn wir nicht ein gewisses Maß an Selbstständigkeit erreichen. So wie es auf den ersten Blick paradox erscheinen mag, dass wir jemand „anderen“ brauchen, um ein „Selbst“ zu entwickeln, so werden Kinder, die sich von Geburt an auf einen Erwachsenen verlassen können, auch in der Lage sein, sich auf sich selbst zu verlassen, wenn sie älter sind – weil sie wissen, wann es gut ist, Rat oder Trost bei einer vertrauten Person zu suchen. Und natürlich ist auch das Gegenteil wahr: Kinder ohne eine sichere Bindung haben, wenn sie älter sind, möglicherweise Probleme damit, sich auf sich selbst zu verlassen (oder sie sind unfähig, sich auf irgendjemanden außer sich selbst zu verlassen).
Unterstützt die Bindung Ihr Kind dabei, seine Fantasie zu entwickeln?
Wir alle wünschen uns, dass unsere Kinder mit einem klaren Realitätssinn aufwachsen, aber eine gesunde Fantasie hat zweifellos ebenfalls ihr Gutes. Dr. Robert Emde, Experte für frühe sozial-emotionale Entwicklung, nannte die Fantasie eine „anpassungsfähige psychologische Funktion von emotionaler Bedeutsamkeit“. Die Bindungsforscherin und -expertin Inge Bretherton schrieb der Fantasie positive Auswirkungen auf Kreativität und Lernen zu: Wenn ein Kind seine Fantasie dazu verwenden kann, eine Geschichte zu erzählen, kann es das „Als-ob“ der Fantasie übersetzen in das „Waswenn“ des Verstandes, und auf diese Art und Weise kann es verschiedene Zukunftsszenarien erschaffen und mit ihnen experimentieren. Das bedeutet, dass Fantasie auch die sozialen Interaktionen verbessern kann, zum Beispiel dadurch, dass die Kinder sich vorstellen, was ihre Altersgenossen und Bezugspersonen vielleicht tun oder sagen würden, und dem entsprechend handeln.
Die meisten Kinder entwickeln im Alter von etwa drei oder vier Jahren Fantasie, allerdings hat die Forschung gezeigt, dass schon zweijährige Kinder Freude daran haben, mit ihren Eltern zu fantasieren, und in vielen Fällen bereits zwischen Wirklichkeit und Fantasie unterscheiden können. Interessanterweise fällt ihnen diese Unterscheidung unter Stress deutlich schwerer. Durch die Reduzierung von momentanem und langfristigem Stress könnte eine sichere Bindung bei kleinen Kindern den Nebeneffekt einer gesunden Fantasie haben.
Eine Grundlage für echtes Selbstwertgefühl
Wenn ein Elternteil die meiste Zeit für uns da ist (nicht die ganze Zeit – ein wichtiger Aspekt, den wir in diesem Buch noch ausführlich besprechen werden), schließen wir daraus, dass wir es wohl verdient haben müssen. Klingt albern – das ist doch schließlich die Aufgabe von Mama und Papa, oder? Es ist schließlich keine Belohnung für etwas. Aber stellen Sie sich einmal vor, was in einem Baby vorgehen würde, wenn es bereits über Worte verfügen würde: „Hm, ich habe geweint und Mama ist hergekommen und hat mich auf den Arm genommen. Sie hat mir in die Augen geschaut und ein trauriges Gesicht gemacht, und dann hat sie ganz sanft gesagt: ‚Ich weiß, ich weiß, das ist ganz schlimm…‘, woher wusste sie, wie ich mich gefühlt habe? Na ja, wie auch immer, sie ist da, und ich fühle mich schon etwas besser.“
Und dann, das nächste Mal: „Na schau mal, Mama ist wieder da. Sie ist herumgelaufen und hat schrecklich schnell irgendwelche Sachen gemacht, aber als ich geweint habe, kam sie trotzdem her.“ Und dann: „Schau mal! Sie ist da! Ich habe gerade angefangen, mir etwas Sorgen zu machen – ich habe sie ein paar Minuten lang nicht gesehen und wusste nicht, wo sie hingegangen ist. Aber ich habe noch nicht mal geweint, und da ist sie!“ Das Baby zieht aus diesem Muster folgenden Schluss:
Die Mutter sagt: „Ich bin da und du bist es wert.“
Ich schließe daraus: „Du bist da und ich muss es wert sein.“3
Die Forscher der Längsschnitt-Studie aus Minnesota fanden einen weiteren Nebeneffekt der Emotionsregulation, die in einer sicheren Bindungsbeziehung gelernt wird: Kinder, die darauf zu vertrauen gelernt hatten, dass ihre Eltern ihnen helfen würden, schmerzhafte Gefühle zu regulieren, entwickelten mit der Zeit auch Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit zur Emotionsregulation, was dazu führte, dass sie im Kindergartenalter und im Alter von zehn Jahren über mehr Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl verfügten.
Sicher gebundene Babys beginnen ihr Leben mit einem großen Vorteil: Sie haben bereits erlebt, dass, wenn nichts in der Welt Sinn ergibt, wenn Schmerz, Angst und Traurigkeit wie aus dem Nichts auftauchen, dann jemand da ist, dem sie es wert sind, mit ihnen zu sein – ganz gleich, was los ist.
Wie Sie sicherlich wissen, ist „Selbstwertgefühl“ ein kontroverses Konzept. Vor noch nicht allzu vielen Jahren glaubten viele Eltern und andere Menschen, die mit Kindern zu tun hatten, Selbstwertgefühl entstünde dadurch, dass die Kinder sich anderen nicht unterlegen fühlen: goldene Sternchen für alle! Einfach dafür, dass sie gekommen sind! Inzwischen scheint sich die gegenteilige Vorstellung, Selbstwertgefühl entstünde durch Kompetenz, als gängige Meinung durchgesetzt zu haben. Und, wie wir gesehen haben, ist eine sichere Bindung glücklicherweise auch die Grundlage für Selbstvertrauen und weitere Eigenschaften, die man braucht, um Kompetenz zu entwickeln. Dass ein geringes Selbstwertgefühl Stress erzeugt, scheint sich von selbst zu verstehen. Wir möchten, dass unsere Kinder sich gut damit fühlen, wer sie sind und was sie können, und nicht durch Neid oder rücksichtsloses Konkurrenzdenken um ihren Selbstwert ringen müssen.
Ein weiterer warnender Hinweis: Selbstwertgefühl entsteht aus Bindungssicherheit, und nicht dadurch, dass einem gesagt wird, man sei anderen überlegen. In einer aufschlussreichen Langzeitstudie aus dem Jahr 2015 an fünfhundert Kindern im Grundschulalter berichteten Forscher von der Universität Amsterdam, dass Kinder, deren Eltern sie wissen ließen, dass sie sie liebten, sechs Monate später ein höheres Selbstvertrauen zeigten, während Kinder, deren Eltern ihnen sagten, dass sie noch „spezieller“ seien als andere, mehr Narzissmus zeigten, nicht aber mehr Selbstachtung. Selbstachtung kommt, zumindest teilweise, davon, akzeptiert zu werden, und nicht davon, überbewertet zu werden.
Soziale Kompetenzen entwickeln
In der Einleitung zu diesem Buch haben wir unsere feste Überzeugung zum Ausdruck gebracht, dass Beziehungen – das „Und“ im Leben – der Schlüssel zu Gesundheit und Zufriedenheit sind, auf welche Arten und Weisen auch immer diese Zustände wissenschaftlich erfasst werden. Insofern erscheint uns der Begriff „Kompetenz“ zu flach. Doch seine Bedeutung umfasst all die Arten und Weisen, auf die wir von den sozialen Aspekten unseres Lebens profitieren: Intimität, gegenseitige Unterstützung, Empathie, Zurechtkommen in allen Bereichen des Lebens, von der Schule und der Arbeit bis hin zur Familie und zum Freundeskreis. In einem Artikel zu der Frage, wie in der Gesundheitspolitik die positiven Auswirkungen sozialer Beziehungen berücksichtigt werden können, fassen die Autoren zusammen, dass „soziale Beziehungen eine Reihe von Gesundheitswirkungen zeitigen. Sie unter anderem die psychische und körperliche Gesundheit, die gesundheitsrelevanten Gewohnheiten und das Sterberisiko beeinflussen“.
Unterstützende Interaktionen mit anderen wirken sich positiv auf die Funktionen des Immunsystems, des endokrinen Systems und des kardiovaskulären Systems aus und reduzieren körperliche Verschleißerscheinungen, die unter anderem darauf zurückzuführen sind, dass die physiologischen Systeme durch Stressreaktionen chronisch überaktiviert sind. Diese Prozesse entfalten sich während der gesamten Lebensdauer und haben Auswirkungen auf die Gesundheit. In der Kindheit fördert emotionale Unterstützung durch andere (zum Beispiel durch eine primäre Bezugsperson) die normale Entwicklung verschiedener regulierender Systeme, unter anderem jene, die die Verdauung, die Stimmung, das Energieniveau und die allgemeine Reaktion auf Stress steuern. Bei Erwachsenen kann soziale Unterstützung dafür sorgen, dass aktuelle oder drohende Stressfaktoren keine negativen Effekte auf das Herz haben. Verheiratete Menschen haben ein geringeres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen als Menschen, die ihren Partner durch Tod oder Scheidung verloren haben.
Bessere körperliche Gesundheit
Zum Thema Gesundheit lässt sich sagen, dass die körperliche Entwicklung von einer Matrix aus komplizierten Faktoren abhängt, die sowohl der Veranlagung (Genetik und andere biologische Einflüsse wie Krankheiten) als auch Umwelteinflüssen geschuldet sind. Man vermutet, dass sichere Bindung mit besserer körperlicher Gesundheit einhergeht, auch wenn über deren genaues Zusammenspiel noch wenig bekannt ist. Wenn sichere Bindung, wie wir ja wissen, soziale Beziehungen verbessert und, wie wir ebenfalls wissen, soziale Beziehungen körperliche Gesundheit fördern, dann lässt sich daraus schließen, dass die Bindung die körperliche Gesundheit fördert. Was wir mit Sicherheit wissen ist, dass die aus einer sicheren Bindung resultierende psychische Widerstandskraft den körperlichen Verschleiß reduziert, der für alle möglichen Krankheiten verantwortlich ist.
In der Minnesota-Studie zeigte sich, dass Kinder mit einer sicheren Bindung über mehr soziale Kompetenz verfügen, und zwar „von ihren Beziehungserwartungen und -repräsentationen über ihren Umgang mit anderen und ihre Interaktionskompetenz bis hin zu ihrer Beliebtheit“. Sroufe und seine Kollegen stellten fest, dass sicher gebundene Kinder aktiver mit ihren Altersgenossen umgingen und weniger isoliert waren, sowohl im Kindergartenalter als auch in der mittleren Kindheit. Die Kindergartenkinder zeigten mehr Empathie und hatten mehr beiderseitige Beziehungen. Im Alter von zehn Jahren hatten sie mehr enge Freundschaften und waren in größeren Gruppen von Gleichaltrigen besser in der Lage, diese Freundschaften aufrechtzuerhalten. Im Jugendalter konnten die sicher gebundenen Kinder selbst in sozialen Kontexten, in denen sie sich verletzlich fühlten, gut funktionieren und Führungsrollen übernehmen.
Ist Bindung das Wesentliche am Menschsein?
Möglicherweise steckt hinter dem Phänomen „Bindung“ mehr als ein evolutionärer Instinkt. Bindung stößt in unserem tiefsten Inneren auf Anklang. Das mag daran liegen, dass die Interaktion zwischen Eltern und kleinem Kind eine Art Initiation des Kindes in die Essenz des Lebens ist; sie prägt seinen Umgang mit den vielfältigen Einflüssen der Veranlagung und der Umwelt im Laufe seines Lebens. Ein Wissenschaftler nannte die Beziehung zwischen Mutter und Baby einmal „die erste Begegnung zwischen der Vererbung und der psychischen Umwelt“. Die Tatsache, dass sich Bindung vollzieht, ist eine Erinnerung daran, dass wir als Menschen von Natur aus Beziehungswesen sind.
Da der Kontakt zu unseren ersten Bezugspersonen unsere erste Erfahrung mit einer nahen Beziehung darstellt, wirkt sich die Qualität dieser Verbindung darauf aus, wie wir all unsere zukünftigen Beziehungen wahrnehmen. Alan Sroufe drückt es so aus: „Die Bindungsbeziehung zwischen dem kleinen Kind und der Bezugsperson ist das Zentrum, um das herum sich alle anderen Erfahrungen strukturieren, welchen Einfluss auch immer sie haben mögen. Insofern sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass die frühen Erfahrungen niemals verloren gehen, egal, wie viel Transformation in der späteren Entwicklung geschieht.“
Es gehören also immer zwei dazu, um sich zu entwickeln und zu gedeihen, von der Geburt bis zum Tod. Das Wesentliche ist das „Und“, wie Donald Winnicott andeutete. Dieses „Und“ greift sehr tief – und es ist von tief greifender Wichtigkeit. Robert Karen, der in seinem 1990 in der Zeitschrift Atlantic erschienenen Artikel „Becoming Attached“ der Allgemeinheit das Konzept der Bindung vorstellte, schrieb: „Die Bindungstheorie trägt eine einfache und lebensbejahende Botschaft in sich, nämlich dass das Einzige, was Ihr Kind braucht, um emotional gut zu gedeihen, Ihre emotionale Verfügbarkeit und Feinfühligkeit ist.“
Die Botschaft der Bindungstheorie bekräftigt in der Tat die Ansicht verschiedener Denker aus Psychologie, Philosophie und Theologie über den Sinn und Zweck des Lebens: Viele von ihnen haben festgestellt, dass das, was uns als Menschen verbindet, der Wunsch ist, zu lieben und geliebt zu werden. Dieses Bedürfnis ist universell, doch es zu messen übersteigt die Möglichkeiten der Wissenschaft. Auf Bindung und Verbundenheit ausgerichtetes Verhalten ist zwar offensichtlich notwendig für das Überleben der Spezies, aber es erklärt nicht das Mysterium, dass sich Eltern in ihr Kind verlieben, ebenso wenig wie das Wunder, dass ein Kind sich in seine Eltern verliebt. Das Bedürfnis, liebevoll zu umsorgen und umsorgt zu werden, geht über das Bedürfnis, zu schützen und geschützt zu werden, hinaus. Auch erklärt das Bedürfnis nach Schutz nicht, warum Kinder Beziehungen brauchen, die auf Freude und gegenseitigem Entzücken beruhen.
An der Bindung sehen wir, dass Liebe mehr ist als ein warmes Gefühl. Der Entwicklungsforscher Colwyn Trevarthen sagt, dass jedes Kind mit dem Wunsch auf die Welt kommt, „wahrzunehmen, dass es wahrgenommen wird4“ . Bei intensiven Gefühlen nach Hilfe zu suchen und sie zu bekommen – ein Prozess, der Bindung ganz wesentlich ausmacht – trägt dazu bei, dass das kleine Kind spürt, dass die Beziehung stärker ist als jedes Gefühl. Dies kann nicht nur zur Grundlage für starke Beziehungen während des gesamten Lebens, sondern, weitergedacht, auch zu einer Grundlage für starke Gemeinschaften und starke Nationen auf der ganzen Welt werden. Wir können darüber spekulieren und diskutieren, woher diese Kraft kommt, doch zweifellos ist sie eines der größten Geschenke an die Menschheit.
Wie auch immer die Frage lautet, das Lernen von Verbundenheit ist ein großer Teil der Antwort.
„Enge Bindungen an andere Menschen sind das Zentrum, um das herum sich das Leben eines Menschen dreht, nicht nur als Säugling, Kleinkind oder Schulkind, sondern auch während der Adoleszenz und der Erwachsenenzeit bis hinein ins hohe Alter. Aus diesen engen Bindungen zieht ein Mensch Kraft und Lebensfreude, und durch das, was er beiträgt, gibt er anderen Kraft und Lebensfreude. In dieser Frage sind sich die moderne Wissenschaft und die traditionellen Weisheitslehren einig.“
JOHN BOWLBY, Attachment and Loss, Volume 35 (Bindung und Verlust, Band 3)
Kommen wir nun zu einer unausweichlichen und kniffligen Frage: Wenn Bindung etwas zutiefst Angeborenes, Instinktives, so tief im menschlichen Betriebssystem Verwurzeltes ist, warum müssen wir dann überhaupt darüber sprechen?
1 Vielen Dank an Jude Cassidy für diese Erkenntnis.
2 Ein faszinierendes Gebiet psychologischer Forschung mit einem furchtbar unverständlichen Namen: Es handelt sich um eine komplexe, aber erhellende Theorie darüber, wie wir unser Selbstgefühl in Bezug auf andere („Objekte“) entwickeln und wie wir die Bilder von uns selbst und von anderen in unsere späteren Beziehungen hineintragen.
3 Danke an Judy Cassidy.
4 Im amerikanischen Original „to experience being experienced“, A.d.Ü.
5 Dieses Zitat wurde paraphrasiert, um geschlechtsspezifische Sprache zu vermeiden.

Sicherheit:
Mit der Unvollkommenheit Freundschaft schließen
Das kleine Mädchen ist erst sechs Wochen alt. Es ist zwei Uhr früh und sie schreit. Mal wieder. In den letzten sechs Wochen hat Ihre Mutter pro Nacht nicht mehr als zwei Stunden Schlaf bekommen. Als sie am Nachmittag zur Drogerie um die Ecke ging, um noch ein Paket Windeln zu kaufen, hatte sie das Gefühl, dass sie gleich auf dem Bürgersteig zusammenklappen würde und alle anderen dort draußen einfach über sie hinwegsteigen und weitergehen würden. Das wäre in Ordnung gewesen, vielleicht hätte sie dann wenigstens ein bisschen schlafen können. Jetzt versucht ihre Familie zu helfen. Ihr Mann und ihre Schwiegermutter wechseln sich im Wohnzimmer bei dem Versuch ab, Sophie zu beruhigen. Sophies Schreien hört in Anwesenheit anderer tatsächlich auf, allerdings immer nur für kurze Zeit. Hannah wirft sich hin und her und starrt an die Decke. Es nutzt nichts. Sie kann einfach nicht schlafen, wenn ihre Tochter in Not ist.
Sie wirft sich einen Bademantel über, geht in das abgedunkelte Wohnzimmer und signalisiert ihrer Schwiegermutter, ihr das Baby zu geben. Sobald Sophie die Arme ihrer Mutter um sich spürt, beruhigt sie sich. Hannah beginnt, auf einem ausgetretenen Pfad im Raum langsam Kreise zu drehen.
Die Tatsache, dass die Berührung ihrer Mutter die neugeborene Sophie sofort beruhigte, war überraschend für ihren Vater, ihre Großmutter (die ganz allein fünf Kinder großgezogen hat) und am allermeisten für Sophies Mutter Hannah. „Davon hatte mir niemand etwas gesagt!“, rief sie Jahre später aus. In dieser Nacht jedoch folgte ihrer Erleichterung darüber, dass sie das Unbehagen ihres Babys durch ihre bloße Anwesenheit lindern konnte, schon bald ein Anflug von Angst und nicht gerade wenig Unmut.
Diese Art von Macht über das Wohl ihres Kindes zu haben erlegte ihr eine schreckliche Verantwortung auf, oder? Wenn sie Sophies Not lindern konnte, während andere dazu nicht in der Lage waren, was, wenn sie dann nicht jede Minute da wäre? Was, wenn sie einen Fehler machte?
Hannah bekam einen Geschmack von der Unvollkommenheit des Elternseins. Wenn Sie bereits Mutter oder Vater sind, haben Sie vermutlich schon einmal die gleichen widersprüchlichen Reaktionen erlebt: Erleichterung und sogar eine wenig Ehrfurcht davor, dass Ihre bloße Anwesenheit Ihr Kind beruhigen kann (wo haben Sie denn diese Superkraft her?), kombiniert mit einem leichten Widerstand und vor allem mit Angst. Wie sollen Sie dieser wichtigen Aufgabe gerecht werden? Wie um alles in der Welt können Sie gut genug, weise genug, geduldig genug und energiegeladen genug sein, um die Mutter oder der Vater zu sein, die beziehungsweise den dieses wunderbare Kind verdient? Und falls Sie gerade Ihr erstes Kind erwarten, haben Sie sicherlich die gleichen Ängste in Bezug auf Ihre Fähigkeit, die bestmöglichen Eltern zu sein.
Aufgrund dieser nur allzu häufigen Zweifel, Sorgen und Vorurteile darüber, was man zum Elternsein braucht, müssen wir über Bindung und Bedeutung von Sicherheit sprechen. Der Druck auf Eltern – sowohl der äußere als auch der innere –, in der Elternschaft Vollkommenheit zu erreichen (oder zumindest eindeutige Fehler zu vermeiden), sitzt in unseren Herzen und unseren Gedanken wie ein wohlmeinender, aber erdrückender Elefant im Raum. Wir wissen (und uns wird gesagt), dass Elternsein die natürlichste Sache der Welt ist. Darum sollte es auch ganz einfach sein, nicht wahr? Genau zu wissen, was für unsere Kinder am besten ist, sollte Teil unserer genetischen Programmierung sein, stimmt’s? Wir sollten jeden Augenblick genießen, oder etwa nicht? Natürlich wissen wir, dass es nicht ganz so einfach oder unabdingbar ist; und mit anderen frischgebackenen Eltern, erfahreneren Müttern und Vätern und unseren eigenen Eltern oder Großeltern können wir darüber Scherze machen. Doch tief in unserem Inneren erwarten wir von uns selbst als Mutter oder Vater das Allerbeste – weil die in uns angelegten positiven Absichten für unsere Kinder uns sagen, dass diese Rolle einfach so wichtig ist.
Das Herz dieses Buches macht eine einfache Beobachtung aus, die wir in den Jahrzehnten unserer Arbeit mit Eltern immer wieder machen konnten: Alle Eltern wünschen sich das Beste für ihr Kind, und das hat uns zu der Überzeugung geführt, dass es in allen Eltern angelegt ist, ihren Kindern Liebe und Sicherheit zu geben. Selbst wenn dies nicht immer der Fall zu sein scheint – zum Beispiel bei Eltern, die ihre Kinder auf äußerst problematische Arten und Weisen behandeln –, haben wir noch nie eine Mutter oder einen Vater getroffen, der oder die morgens beim Aufwachen darüber grübelt, wie man die Kinder möglichst schlecht erziehen kann.
Und doch machen sich viele von uns Sorgen, dass wir uns als nicht besonders gute (oder sogar schlechte) Eltern herausstellen. Warum?
Wir wissen, dass auch wir nur Menschen sind und in einer unvollkommenen Welt leben. Dennoch fordert uns unser Instinkt, gute Eltern zu sein, dazu auf, beim Aufziehen ihrer Kinder alles zu geben. Zudem stellt die Gesellschaft sehr hohe Ansprüche an uns. Diese zwei Kräfte spielen zusammen und drängen uns dazu, nach Perfektion zu streben. Wir fühlen uns schlecht, wenn wir nicht alles in unserer Macht Stehende tun, um großartige Eltern zu sein, und so geben wir dem Drang nach und messen uns daran, wie genau wir uns an die Erziehungsphilosophie A oder den Elternratgeber B halten. Wir fangen an, gutes Aufwachsen als ein Ziel zu betrachten, als eine Leistung oder ein Produkt (Das perfekte Kind? Das niemals einsame Kind? Das immer glückliche Kind? Das nie wirklich traurige Kind?), anstatt als einen Prozess, der sich von selbst entfaltet (wenn wir ihn nur lassen würden). Wir interpretieren „Fehler“ als Rückschläge anstatt als Lernchancen für unsere Kinder und uns selbst, die die Bindungssicherheit stärken und gute Beziehungen ermöglichen.
Man kann es gar nicht oft genug sagen: Perfektion vorzuleben und anzustreben ist einer gesunden Entwicklung nicht zuträglich. Wenn wir uns selbst unter Druck setzen, immer alles richtig zu machen oder dafür zur sorgen, dass unsere Kinder nie den gleichen Schmerz erleben werden, den wir selbst in unserer Kindheit oder Jugend erlebt haben, erzeugt das in uns eine Angst, die unsere Kinder zwangsläufig spüren. Wenn wir uns zu viel Mühe geben, steht das dem Bedürfnis unsere Kinder entgegen, dass wir Vertrauen in unsere Beziehungen haben, was eine essenzielle Grundlage für Sicherheit im gesamten weiteren Leben ist. Lassen Sie uns also den Elefanten aus dem Raum ins Freie führen. In diesem Kapitel wollen wir Licht auf die verschiedenen heimtückischen Arten und Weisen werfen, wie der Druck, stets „perfekt“, „unfehlbar“ oder „immer ansprechbar“ zu sein, eine sichere Bindung gefährden kann. In unserer Arbeit mit Eltern aus verschiedensten Kulturen, jeden Alters und aus allen möglichen Bevölkerungsgruppen haben wir immer wieder festgestellt, dass das Freilegen dieser falschen Erwartungen und des Umgangs mit Kindern, zu denen sie uns verleiten, vielen Menschen hilft, sich in der Begleitung ihrer Kinder zu entspannen.
Wenn Sie sich im Kontakt mit Ihrem Kind entspannen können, strahlen Sie ein ruhiges, feinfühliges Vertrauen in sich als Eltern aus, das wiederum in Ihrem Kindes das Vertrauen entstehen lässt, dass Sie für es da sind und dass es auf seinem Lebensweg weiteren Menschen begegnen wird, denen es ebenso vertrauen kann. Genau das ist es, worum es beim Kreis der Sicherheit geht. Wir haben ihn entworfen, um den Glauben der Eltern an sich selbst und in ihre Beziehung zu ihrem Kind zu stärken. Auf den nächsten Seiten zeigen wir Ihnen, auf welche Art und Weise der Kreis Ihnen eine solche Unterstützung bietet und was Sie sonst noch im Folgenden erwarten können.
Leben in einer unvollkommenen Welt
Lassen Sie uns zunächst einmal etwas klarstellen. Elternsein ist nicht immer schön. Es ist ein Privileg und eine Freude, aber es ist auch mühevoll, und zuweilen ist es ein verdammt undankbarer Job. Manchmal ist Ihr Kind einfach unglücklich, krank oder plötzlich wahnsinnig schwierig, und ganz gleich, was Sie auch tun, es scheint geradezu darauf zu bestehen, der Fluch Ihrer Existenz zu sein. Heute jedenfalls. Das ist einer der Gründe, aus denen Hannah einen Anflug von Ärger verspürte, als ihr klar wurde, dass ihre Tochter sich von ihrer ersten Minute an bei ihrer Mutter wohler fühlte als bei irgendjemandem sonst.
Diese Reaktion ist völlig normal. Aber wenn Sie denken, alles genau richtig machen zu müssen, bereitet Ihnen das vielleicht ein solches Unbehagen, dass Sie sich einfach nur noch wünschen, dieses Gefühl möge aufhören. Vielleicht gibt es Situationen, in denen Sie Ihr Baby insgeheim beschuldigen, so lästig zu sein. Ein Baby, das die Bindung zu seinen Eltern sucht, tut das in der positivsten Absicht und findet Ihr Gesicht unwiderstehlich, genau wie auch Sie positive Absichten für Ihr Kind haben. Es versucht nicht, Aufmerksamkeit nur um der Aufmerksamkeit willen zu bekommen oder sich und Ihnen das Leben schwer zu machen. Es weiß einfach nicht, was es tun soll, außer nach Hilfe zu schreien und die Verbindung zu suchen, von der in emotionaler Hinsicht sein Leben abhängt. Normalerweise sagt einem das der gesunde Menschenverstand. Aber wenn es einem nicht gelingt, die Unvollkommenheiten und das Chaos des Elternseins zu akzeptieren (einschließlich der unvermeidlichen Momente des Ärgers, der Überforderung und des Wunsches, einfach wegzulaufen), kann einem dieser gesunde Menschenverstand abhandenkommen.
Die andere Möglichkeit, die wir manchmal wählen, besteht darin, uns zu beschuldigen und entweder zu leugnen, dass wir überhaupt Ärger fühlen, oder uns dafür innerlich zurechtzuweisen.
Der Elefant im Raum in Bezug auf Elternschaft ist unsere Ambivalenz: Kinder ins Leben zu führen ist schwierig, und wir erleben dabei mitunter viele unangenehme Gefühle, und doch glauben viele Menschen, das nicht zugeben zu dürfen. Das wurde selten so deutlich wie bei einer Studie aus dem Jahr 2015 und der darin verwendeten Forschungsmethodik, die aufzeigt, dass Erwachsene in Deutschland die ersten zwei Jahre der Elternschaft als stressiger erlebten als eine Scheidung, den Verlust des Partners oder Arbeitslosigkeit. Den Forschern war klar, dass die Eltern fürchteten, man könne schlecht über sie denken, wenn sie sich über die körperliche Erschöpfung, den emotionalen Tumult, die Unterbrechung ihrer intimen Beziehungen und andere Nebenerscheinungen der Elternschaft beschweren. Das Bild der perfekten Mutter oder des perfekten Vaters beinhaltet schließlich keine Unzufriedenheiten mit dem Elternsein. Anstatt also die Eltern direkt zu fragen, wie sich die Elternschaft ihrer Einschätzung nach auf ihr Wohlergehen auswirkte, baten sie sie einfach, ihre Zufriedenheit einzuschätzen, bevor sie ein Kind bekamen, und dann ein weiteres Mal, als das Kind etwa zwei Jahre alt war. Manchmal muss man ein wenig tricksen, um einen solch riesigen Dickhäuter aufzudecken.
Wir brauchen mehr Hilfe…
Es ist also nicht zu leugnen, dass Elternsein Anstrengungen und Ressourcen erfordert und nicht immer nur Spaß macht. Aber welche Botschaft erhalten wir von einer Gesellschaft, die sie so tut, als ob wir in der Lage sein sollten, es ohne Hilfe zu schaffen? In den Vereinigten Staaten wird von Eltern nach der Geburt eines Kindes zu früh erwartet, dass sie an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Eine enorme Zahl von Frauen lebt an der Armutsgrenze. Und wir werden mit der Botschaft bombardiert, dass wir unseren Kindern einen Wettbewerbsvorteil verschaffen müssen, andernfalls würden sie hinter den anderen zurückbleiben und ihres Potenzials für eine glänzende Zukunft beraubt. Ob nun Sie selbst unter diesem Druck stehen oder nicht, Elternsein im einundzwanzigsten Jahrhundert ist eine herausfordernde Angelegenheit. Die implizite Botschaft lautet: Wenn Sie Unterstützung brauchen – und sei es nur etwas Raum zum Durchatmen –, um Ihrem Kind eine sichere Bindung zu ermöglichen, dann muss mit Ihnen etwas nicht stimmen.
Im August 2015 berichtete die Redakteurin der Huffington Post, Emily Peck, über eine Umfrage des US-Arbeitsministeriums aus dem Jahr 2012, nach der fast ein Viertel der Mütter innerhalb von zwei Wochen an ihre Arbeitsstelle zurückkehrten, und zwar hauptsächlich deswegen, weil sie es sich nicht leisten konnten, zu Hause zu bleiben. Je höher der Bildungsgrad der Mutter (und vermutlich je besser der Job infolgedessen) war, desto länger war der bezahlte Mutterschaftsurlaub, was natürlich wenig überraschend ist. Nichts verdeutlicht die Folgen für die Bindung, die diese Trennung von Mutter und neugeborenem Kind hat, besser als die Kellnerin, die sechzig Stunden in der Woche arbeitet und erzählt, wie sie in einen erschöpften Schlaf fiel, während sie ihre Hand auf ihr einen Monat altes Baby gelegt hatte, weil das die einzige Art von Kontakt war, zu der sie noch in der Lage war.
Öffentlicher Protest sowie ein hoffentlich steigendes Verantwortungsgefühl in der Wirtschaft haben in jüngster Zeit dazu geführt, dass einige große Unternehmen ihre Elternzeiten verlängert haben, aber es ist doch bemerkenswert, dass dies vor allem für die Welt der höheren Angestellten gilt, in der Menschen mit Universitätsabschluss beschäftigt und höhere Gehälter gezahlt werden. Was aber ist mit den 42 Millionen amerikanischen Frauen, die der Shriver Report an der Armutsgrenze verortet, den alleinerziehenden Müttern, die unter den kinderkriegenden Frauen unter dreißig über 50 % ausmachen, und der Tatsache, dass praktisch alle befragten alleinerziehenden Mütter sagten, womit ihnen am meisten geholfen wäre, wäre ein gesetzlich vorgeschriebener, bezahlter Mutterschaftsurlaub?
Ob die Mütter mit ihren Kindern zu Hause bleiben möchten oder nicht – sie haben nicht immer die Wahl. Ebenso wenig wie die Väter. Unserer Erfahrung nach spielt es keine Rolle, ob die primäre Bezugsperson die Mutter oder der Vater, ein Mann oder eine Frau, die Großmutter oder der Onkel ist. Das Kind wird zu demjenigen Erwachsenen eine Bindung aufbauen, der zuverlässig für es da ist, und diese – oft sehr sichere – Bindung entwickeln sie auch dann, wenn die Eltern nicht mit ihnen zu Hause bleiben können, bis sie in die Schule kommen. Es ist also nicht so, dass keine Bindung stattfindet, sondern vielmehr einfach so, dass Eltern sich innerlich zerrissen fühlen, weil die Gesellschaft uns zwar vermittelt, dass dies eine äußerst wichtige Aufgabe ist, aber nicht viel tut, um uns darin zu unterstützen.
Anne-Marie Slaughter6 bezeichnete es 2015 als „eine toxische Arbeitswelt“ in einem Land, in dem 57 % der Frauen arbeiten und viele von ihnen Arbeitstage von zwölf bis sechzehn Stunden haben, dafür aber für jeden von einem Mann verdienten Dollar nur 77 Cents bekommen, schließlich ausbrennen und krank werden. Häufige Angstattacken und eine Stressepidemie sind nicht nur Produkt des Elternseins unter all dem Konkurrenzdruck. Viele Frauen und Männer müssen sich zu alledem auch noch um ältere Angehörige, hilfsbedürftige erwachsene Geschwister und andere Familienmitglieder kümmern.
Slaughter ruft uns alle dazu auf, „für eine bessere Versorgung einzutreten“. Wenn die Gesellschaft uns nicht darin unterstützt, für andere zu sorgen und unseren Job zu behalten, so warnt sie, werden unsere Familien und Gemeinden verkümmern und wir werden in der Welt nicht länger konkurrenzfähig sein. Dem möchten wir hinzufügen: Wenn Eltern es sich nicht leisten können, so für ihre Kinder zu sorgen, wie sie es gerne tun würden, dann leidet die Bindung darunter.
…und weniger Ratschläge
Es ist nicht verwunderlich Wunde, dass wir glauben, wir müssten perfekte Eltern sein. Nur allzu oft fühlen wir uns allein auf weiter Flur. Darum sind wir natürlich versucht, nach Anleitungen, Regeln und Garantien zu suchen. Es gibt so vieles, was wir erledigen und erreichen müssen, dass wir manchmal versuchen, zeitraubende Problemlösungsprozesse zu überspringen und schnelle Antworten bei außenstehenden Experten zu suchen. Im November 2015 veröffentlichte die Washington Post einen Beitrag über die steigende Popularität von Psychotherapien mittels Apps und Webseiten, bei denen der Fokus darauf liegt, kurzfristige Lösungen für persönliche Probleme zu finden. Da die Millennials und die Generation X häufiger unter Ängsten und Depressionen leiden als die Generationen vor ihnen, ist es nicht überraschend, dass sie versuchen, eine Lösung zu finden, die weder langwieriger Reflexionen noch andauernden Kontakts bedarf. Aber unserer Erfahrung nach ist Psychotherapie genau wie Elternsein etwas, das auf dem Erleben von Verbundenheit beruht. Der Kurs Kreis des Sicherheit ist so entworfen worden, dass er Eltern das gibt, was Donald Winnicott eine „haltende Umgebung“ nannte – einen sicheren Raum, in dem sie sich verstanden und angenommen fühlen und sich der manchmal schwierigen Aufgabe widmen können, ihren Erziehungsstil eingehender zu erkunden, um herauszufinden, ob sie sich an der einen oder anderen Stelle anders entscheiden wollen.
Amerikaner erleben in den Jahren der Elternschaft großen Stress
Im Jahr 2013 berichtete die American Psychological Association, dass die sogenannten Millennials (heute im Alter zwischen 18 und 33 Jahren) und die Generation X (im Alter zwischen 34 und 47) ihr Stressempfinden auf einer Skala von 1–10 mit dem Wert 5,4 einstufte (wobei 1 für kein Stress und 10 für sehr viel Stress steht) – als ein gesundes Stressniveau allerdings gilt 3,8. Die Erwachsenen in diesen Altersgruppen bekundeten zwar die Absicht, ihren Stress zu verringern, berichteten aber auch, Probleme im Umgang mit Stress zu haben, oft wach zu liegen und sich Sorgen zu machen und regelmäßig gereizt und ärgerlich zu sein. Stress hat einen großen Einfluss auf die Stimmung, die sich natürlich auch auf die Pädagogik auswirkt.
Es gibt Tausende hilfreicher Erziehungsbücher sowie zahlreiche Kurse, in denen man sich über verschiedene Aspekte der Kindeserziehung informieren kann, und die nützliche Prinzipien und Philosophien als unterstützende Grundlage zur Verfügung stellen. Wenn Sie als Eltern Vertrauen in Ihre eigene Fähigkeit haben, so für Ihr heranwachsendes Kind zu sorgen, wie es für Sie und Ihre Familie stimmt, werden Sie von diesen Ressourcen sicherlich guten Gebrauch machen. Es geht uns nicht darum, Sie vor den Ratschlägen anderer zu warnen. Um davon profitieren zu können, brauchen Sie jedoch das Vertrauen, selbst zu entscheiden, welchem Rat Sie folgen und wie Sie ihn umsetzen. Falls Sie versuchen, eine perfekte Mutter oder ein perfekter Vater zu sein, klammern Sie sich vielleicht an den neuesten Erziehungstrend und befolgen dessen Grundsätze, als ob es ein lebensrettendes Rezept wäre. Aber was, wenn Sie „scheitern“? Oder wenn die Tipps und Techniken nicht halten, was sie versprechen? Oder jemand mit einem angeblich noch „besseren“ Konzept daherkommt? Wieder einmal werden Sie als ungenügend verurteilt – von sich selbst oder von jenem unsichtbaren Aufseher, der stets über Ihren Bemühungen schwebt. Möglicherweise ziehen Sie zum nächsten großen Erziehungstrend weiter und drehen eine weitere Runde. Die Überfülle an guten Ratschlägen bietet Ihnen unzählige Wege, die sie ausprobieren können – und allein ihre Anzahl vermittelt die implizite Botschaft, dass Sie perfekte Eltern sein könnten, wenn Sie sich nur besser informieren würden. Es ist nichts falsch daran, über viel Wissen und Können zu verfügen. Aber warum nicht damit anfangen, was Sie bereits wissen? Der Kreis der Sicherheit soll Sie darin unterstützen, mit der Ihnen innewohnenden Fähigkeit zu Weisheit und Liebe in Kontakt zu bleiben.
Übereltern. Überwachung. Überengagement.
Diese Dinge gibt es tatsächlich. Sie sind, zumindest teilweise, das Ergebnis von „Expertenratschlägen“, die die lange Liste dessen, was man tun und lassen soll, noch länger machen (und die unterschwellige Botschaft in sich tragen: „Mach es richtig, ansonsten…“).
Stress. Stress. Stress.
Vielleicht kennen Sie die Geschichte von dem Tausendfüßler, der nicht mehr laufen konnte, weil jemand ihm gesagt hatte, es sei ganz wichtig, dass er einen jeden seiner Schritte zählte. Ganz ähnlich verhält es sich mit vielen Dingen in der Erziehungskultur, einer Kultur, die für Eltern inzwischen fast erdrückend ist, weil die potenziellen Auswirkungen des „nächsten Schritts“ (der ja falsch oder gar verhängnisvoll für das Kind sein könnte) uns an Ort und Stelle erstarren lassen. „Wenn ich X tue, wird es ihm so und so ergehen, und wenn ich Y nicht tue, wird er so und so enden.“ Und so fühlen wir uns zwischen Überwältigung und Ratlosigkeit gefangen, ohne jeglichen Referenzpunkt, auf den wir vertrauen können.
Ein halbes Jahrhundert Entwicklungsforschung hat jedoch zum Glück eine Klarheit gebracht, die mit der Zeit zu immer mehr Eltern durchdringt. Sie sagt sehr wenig darüber, was man tun und lassen sollte; viel mehr bietet sie die Möglichkeit, verschiedene Empfehlungen zu verstehen und dann eigene Entscheidungen zu treffen. Die Bindungstheorie und ihre praktische Anwendung im Kreis der Sicherheit ermöglicht uns, diese Entscheidungen zu treffen, ohne dass wir dazu ein „Zehn-Schritte-Programm zur erfolgreichen Erziehung“ befolgen müssen.
Es mag nicht leicht sein, das zu hören, aber wenn wir unsere Kinder zu emotionaler Gesundheit anleiten wollen, dann erfordert das, dass wir gesunde Entscheidungen treffen. Wichtiger als eine bestimmte Entscheidung ist jedoch, wer wir sind und wie wir uns fühlen, wenn wir diese Entscheidung treffen. Wenn man einfach einer Formel oder einer Anleitung folgt, wie man zu einem zufriedenen Baby kommt, wird das Kind sich dressiert oder manipuliert vorkommen, selbst wenn die besten Absichten dahinterstehen.
Das Problem ist folgendes: Wie kann man wichtige Dinge über Kinderbetreuung lernen, die sich für das Kind tatsächlich positiv auswirken, ohne dabei den Ängsten zu erliegen, die durch einen pädagogischen Ansatz nach dem Motto „richtig versus falsch“ ausgelöst werden? Wenn Sie beim Lesen dieser Seiten nervös werden – oder noch nervöser, als Sie es bereits sind –, haben wir Ihnen keinen Dienst erwiesen. Doch wenn Sie die Bedeutung dessen erkennen, was Sie tun, und es Ihnen außerdem in zunehmendem Maße leichtfällt, Ihrem Kind das zu geben, was es braucht, dann haben wir genau das erreicht, was wir uns erhoffen.
Der Irrweg des Verhaltensmanagements
In Kapitel 1 haben wir erwähnt, dass im zwanzigsten Jahrhundert die Bedeutung von Bindung zugunsten des Behaviorismus heruntergespielt wurde. Das bedeutet nicht, dass Verhalten nicht wichtig ist. Es bedeutet, dass das Verhalten nicht das Problem ist – auch wenn es einem natürlich so vorkommt, wenn man gerade verzweifelt versucht, sein „unmögliches Kind“ dazu zu bewegen, ins Auto zu steigen, weil man mit ihm zum Einkaufen oder in den Kindergarten fahren will. Verhalten ist einfach eine Botschaft. Dennoch liegt in unserer Gesellschaft das Augenmerk oft noch immer auf dem Verhalten des Kindes. Zweifellos ist ein Verhalten, das dem Lernen zuträglich ist, wichtig, sobald das Kind zur Schule geht, und wir alle müssen uns so benehmen, dass wir uns durch die Welt bewegen können, ohne den anderen Menschen und ihren Absichten unnötig in die Quere zu kommen, während wir versuchen, unsere eigenen Ziele zu erreichen. Aber bei sehr kleinen Kindern sollte der Fokus der Fürsorge nicht auf dem Verhalten liegen.
Verhaltensansätze sind wunderbar, wenn sie funktionieren, oft aber ändern sie nur vorübergehend etwas an dem Verhalten, ohne die zugrunde liegenden Probleme zu adressieren, aus denen das Verhalten resultiert. Das liegt daran, dass sie im Wesentlichen ein weiterer Versuch einer schnellen oder oberflächlichen Lösung sind. Wenn wir das Verhalten unserer Kinder erfolgreich verändern, fühlen wir uns dadurch vielleicht gut, weil unsere braven Kinder der sichtbare Beweis unserer Fähigkeiten als Eltern zu sein scheinen – und dieses Gefühl brauchen wir natürlich, wenn wir immerzu nach Perfektion streben und dabei unweigerlich scheitern. Mehr zu der Vorstellung von perfekten Eltern und perfekten Kindern später. Für jetzt mag es genügen zu sagen, dass wir uns durch die Erfahrung emotionaler Verbundenheit, die aus der sicheren Bindung zu unserem Kind resultiert, wahrscheinlich weitaus besser fühlen, als wenn wir sein schlechtes Benehmen „managen“.
Wenn Sie verstehen wollen, wie man unserer Meinung nach Verhalten zutreffender betrachten kann, stellen Sie sich einen Eisberg vor. An der Oberfläche sehen Sie lediglich eine enorme Anhäufung von Eis. Was Sie nicht sehen, ist die Masse, die sich unter der Oberfläche befindet und die oft mehr als 80 % des eigentlichen Eisbergs ausmacht. Stellen Sie sich nun vor, dass das, was Sie an der Oberfläche sehen, die Verhaltensweisen des Kindes sind, und das, was Sie nicht sehen, seine legitimen Bedürfnisse nach Unterstützung und Regulation. Wir haben in vielen verschiedenen Settings (Schulen, Pflegeheimen, Familienberatungen) mit vielen gefährdeten Kindern gearbeitet, und wir haben dabei erlebt, wie wichtig es ist, dass die Bezugspersonen sich stets der legitimen Bedürfnisse bewusst sind, die oft unterhalb der Oberfläche eines bestimmten (negativen) Verhaltens liegen. Einer von uns Autoren erinnert sich, als junger Pflegevater Sternchenkarten, Auszeiten, logische Konsequenzen und weitere verschiedene Formen positiver und negativer Verstärkung mit wenig dauerhaftem Erfolg ausprobiert zu haben, bevor er schließlich dazu überging, sich mit dem Kind, das gerade ausflippte, hinzusetzen und zu sagen: „Wir bleiben jetzt dabei, bis wir auf der anderen Seite ankommen.“ Hatte sich erst einmal eine Beziehung entwickelt, in der das Teilen von Gefühlen entscheidend für die Lebenserfahrung der Kinder war, löste sich das problematische Verhalten auf. Wenn man nur auf das Verhalten reagiert und das Bedürfnis nicht beachtet (das vor den Augen aller verborgen liegt), so mag das unserer Erfahrung nach zwar in kurzfristiger Folgsamkeit resultieren, doch es ist eine verpasste Gelegenheit für eine langfristige Veränderung.
Wir sind der Ansicht, dass Gefühle, die nicht zur Haustür hereingelassen werden, sich in negatives Verhalten verwandeln, das schließlich gewaltsam durch die Hintertür hereinbricht.
Im Laufe der Jahre sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass alle Kinder unter der Oberfläche „weise und abwartend“ sind. Kinder verfügen über eine ihnen innewohnende Weisheit darüber, was sie am meisten brauchen, und häufig warten sie viele Jahre, bis sie schließlich jemanden finden, der ihr eigentliches Bedürfnis erkennt und darauf eingeht.
Eltern oder Freunde?
Nach einer schnellen Antwort suchen, die neuesten Anleitungen befolgen und das Symptom behandeln statt das zugrunde liegende Problem – all dies sind Resultate davon, dass Eltern sich allzu große Mühe geben. Verzweifelt nach einem Weg suchend, sind diese Versuche möglicherweise das Einzige, was einem noch bleibt, wenn es unmöglich ist, den eigenen Erwartungen gerecht zu werden. Wenn Sie glauben, dass die Messlatte himmelhoch ist und Sie sie um jeden Preis erreichen müssen, werden Sie natürlich nach allem greifen, was Ihnen eventuell helfen könnte.
Natürlich besteht Bindung in emotionaler Verbundenheit. Aber für Ihr Kind mit all seinen Bedürfnissen da zu sein ist weitaus mehr als das. Es beinhaltet, die Führung zu übernehmen, wann immer es notwendig ist, und im Eltern-Kind-Paar den Part des oder der Älteren und Weiseren einzunehmen. In den letzten Jahrzehnten gab es viele Diskussionen über neue Erziehungsstile von liberal bis autoritär, wobei die meisten Experten empfehlen, in Bezug auf Autorität die goldene Mitte anzustreben – das heißt, darauf zu vertrauen, dass wir wissen, was in einer gegebenen Situation für dieses bestimmte Kind richtig ist, und keine Angst zu haben, nach dieser Überzeugung zu handeln. Doch die Auflösung des „Generationskonflikts“, den die Babyboomer erlebt haben, mag dazu beigetragen haben, die Grenze zwischen der Rolle eines Elternteils und der eines Freundes zu verwischen, und die Millennials und die Generation X, die heutigen Eltern also, sind die Erben dieses (Miss-)Verständnisses.
Wenn man versucht, mehr Freund als Eltern zu sein, ist das unserer Erfahrung nach oft eine weitere Form von Perfektionismus, und zwar eine, die aufreibende Auseinandersetzungen und den unvermeidlichen Kummer des Kindes fürchtet. Selbstverständlich wünschen wir uns, dass unsere Kinder glücklich sind, und es ist wunderbar, wenn wir ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen haben, aber die Tatsache, dass wir die Älteren und Weiseren – auch „Eltern“ genannt – sind, muss den Rahmen für diese Beziehung bilden. Gesundes Begleiten von Kindern ist keine Demokratie. Um sich sicher und geborgen zu fühlen, müssen die Kinder erleben, dass sie jemandem so wichtig sind, dass er oder sie die Führung übernimmt, selbst dann, wenn das bedeutet, unpopuläre Entscheidungen zu treffen und Disharmonie aushalten zu müssen.
Die Bürde unseres unvollkommenen (chaotischen) Selbst
Der Druck, perfekt zu sein, kommt nicht nur aus der Außenwelt oder ist ein Resultat davon, wie wir die Botschaften der Gesellschaft interpretieren. Unsere Vorstellungen darüber, wie wir als perfekte Eltern für unsere Kinder zu sein haben, kommen auch von innen. Wir alle tragen Erinnerungen, explizite wie implizite, mit uns herum, und sie prägen all unsere Beziehungen. Beim Aufziehen von Kindern sind unserer Ansicht nach nicht Ihre Handlungen das Entscheidende, sondern die Perspektive, aus der Sie Ihre Handlungen betrachten. Wenn man zum Beispiel von Ihnen als Kind erwartet hat, „perfekt“ zu sein, dann übertragen Sie diese Erwartung höchstwahrscheinlich auch auf Ihre eigene Elternschaft. Der Wunsch, dass Ihre Kinder niemals den Schmerz fühlen müssen, den Sie selbst einst gefühlt haben, kann in ungesunder Art und Weise auf Ihnen lasten. Natürlich ist es in gewissem Maße wichtig, was Sie tun. Aber noch wichtiger ist, wer Sie sind, während Sie es tun.
Ihre innere Verfassung überträgt sich auf Ihr Kind genauso, wenn nicht sogar noch mehr als das, was Sie tatsächlich tun. In unseren Kursen weisen wir immer wieder darauf hin, dass Kinder zwischen den Zeilen lesen. Sie achten auf unsere Handlungen, doch noch mehr achten sie auf die innere Verfassung, die hinter unseren Handlungen steht. Wenn Sie zum Beispiel versuchen, Ihr Kind nach einem Sturz zu beruhigen und dabei genau die richtigen Worte finden („Oh je, mein Schatz, das fühlt sich bestimmt gerade ganz schlimm an“), aber insgeheim denken: „Ich bin keine gute Mutter. Ich hoffe, ich mache das richtig, aber ich glaube nicht“, wird sich Ihr Kind wahrscheinlich nicht so rasch beruhigen, wie es ihm ansonsten möglich wäre.
Uns ist bewusst, dass diese Information ziemlich fatalistisch wirken kann: „Wenn ich aus einer nicht gerade idealen Familie komme, wird mein Kind meine Unsicherheit spüren, ganz gleich, wie sehr ich mich auch bemühe.“ Glücklicherweise ist das aber nicht der Fall. Was unsere Kinder spüren, ist unsere tiefe Absicht, ihnen jene Sicherheit zu geben, die sie am meisten brauchen. Unsere positiven Absichten bilden die zwischen den Zeilen versteckte Botschaft, die für sie am wichtigsten ist: Wir beabsichtigen stets, ihnen das Gute zu geben, das sie brauchen, in einem Kontext, der niemals perfekt ist. Unsere Kinder brauchen keine Perfektion, sondern sie müssen darauf vertrauen können, dass wir ihre legitimen Bedürfnisse erfüllen wollen, und das schließt mit ein, nach einem klaren und stimmigen Weg zu suchen, diese Bedürfnisse zu verstehen.
Oft schränkt unsere Geschichte unseren Blick ein
Manchmal machen uns die Lektionen, die wir in unserer Kindheit gelernt haben, blind dafür, was unsere Kinder brauchen, und das selbst dann, wenn wir zur Orientierung eine Karte wie den Kreis der Sicherheit haben. Wenn wir in unserer eigenen Kindheit nicht das Glück einer sicheren Bindung hatten, kann es besonders wichtig, aber auch besonders schwierig sein, uns im Hinblick auf unser pädagogisches Verhalten zu öffnen. Haben Sie in der Intimität Erfüllung gesucht, aber nicht wirklich gefunden? Haben Sie das Gefühl, dass Sie immer irgendetwas davon abhält, die Art von Leben zu führen, die Sie sich erhofft haben? Natürlich wäre es eine grobe Verallgemeinerung, zu sagen, dass eine unsichere Bindung hinter allem steht, womit Sie unzufrieden sind, aber Bindung hat einen solch starken Effekt auf jeden Aspekt unseres Lebens, dass Unsicherheit in der frühen Kindheit bei den Enttäuschungen, die wir als Erwachsene erleben, durchaus eine Rolle spielen kann. Dieses Buch lädt Sie dazu ein, Ihren eigenen Bindungsstil und dessen Auswirkungen auf Ihr Leben zu erforschen.
Perfektes Kind → perfekte Eltern?
Eine häufige Nebenwirkung von perfektionistischer Erziehung ist der Wunsch nach dem perfekten Kind. Dieses Phänomen steht mit einem bestimmten Bindungsstil in Zusammenhang und wird durch implizite Erinnerungen an die Bindung an unsere Eltern angetrieben, die wir nun in unsere eigene Elternschaft hineintragen. Wie jene Erinnerungen zu unserem Vermächtnis werden, wenn wir uns nicht bewusst sind, wie sie im Hintergrund unserer Elternschaft die Fäden ziehen, werden wir in Kapitel 5 noch ausführlicher besprechen. Doch das Muster des perfekten Kindes sehen wir, wohin wir auch blicken. Wenn man die Reaktionen auf Amy Chuas Buch Battle Hymn of the Tiger Mother aus dem Jahr 2011 betrachtet, wird einem klar, mit welcher Ernsthaftigkeit viele Eltern in den Erfolgen ihres Kindes eine Reflexion davon sehen, wie gut sie ihre „Aufgabe“ als Eltern gemacht haben. Das Buch war ursprünglich als Kommentar zu unserer Kultur gedacht, wurde dann aber zum Gegenstand einer hitzigen Debatte darüber, ob es richtig ist, wenn wir als Eltern Perfektion von unseren Kindern verlangen. Die Vorstellung, dass ein erfolgreiches Kind mit erfolgreichen Eltern gleichbedeutend ist (egal, ob es um die Manieren des Kindes, seine sportlichen Leistungen, seine Intelligenz oder seine äußere Erscheinung geht), ist weitaus verbreiteter – und augenscheinlich überzeugender –, als wir es uns oft eingestehen wollen.
Dann gibt es da noch den Impuls, unsere Kinder als etwas „Besonderes“ zu betrachten. Auch er steht mit einem bestimmten Bindungsstil im Zusammenhang, der in Kapitel 5 erläutert wird. Er kann sich, wie in Kapitel 1 erwähnt, darin ausdrücken, dass wir jedem Gefühl des Kindes absoluten Vorrang einräumen, weil wir annehmen, unser Kind sei nicht imstande, Frustration oder Ärger auszuhalten. Wir werden noch ausführlicher darauf eingehen, wie unsere Versuche, unsere Kinder übermäßig zu beschützen und ihnen möglichst alle Schwierigkeiten und Probleme aus dem Weg zu räumen, sie der Fähigkeiten berauben, die sie brauchen, um Resilienz zu entwickeln. Dabei handelt es sich um eine Reihe von Fähigkeiten, die nur im Kontext gemeinsamer Problemlösung und verständnisvoller Unterstützung und unter nicht idealen Umständen gelernt werden können. Dieser Impuls kann sich aber auch darin ausdrücken, dass wir das Kind überschätzen und glauben, es sei außergewöhnlich begabt und seinen Altersgenossen überlegen. Wie in Kapitel 1 erwähnt, stärkt es nicht das Selbstwertgefühl eines Kindes, wenn man ihm sagt, es sei besser als die anderen; stattdessen verstärkt es seine narzisstischen Tendenzen. Eine sichere Bindung, die auf dem Vertrauen des Kindes in die Liebe der Eltern beruht, stärkt sein Selbstwertgefühl.
Natürlich besteht eine der drängendsten Sorgen von Eltern darin, dass ihre Kinder „zurückbleiben“ könnten. Zwar wüssten viele von uns noch nicht einmal, wie sie die Frage „Hinter was zurückbleiben?“ beantworten sollten, doch hält uns die vage Vorstellung, ein wichtiges Ziel verfehlt zu haben, wenn wir unsere Kinder nicht antreiben, in dieser Sorge gefangen. Oft dreht sich diese Sorge um die kognitive Entwicklung. Werden unsere Kinder intelligent und gebildet genug sein und ausreichend gute Leistungen in der Schule erbringen, um später da anzugelangen, wo sie hinwollen (oder wo wir sie gerne sähen)? Die Debatte darüber, worauf in der Früherziehung besonders Wert gelegt werden sollte, tobt weiter: auf die soziale Entwicklung, die emotionale Intelligenz, die Fantasie und die Kreativität oder die intellektuellen Fähigkeiten? In den Vereinigten Staaten konzentrieren wir uns noch immer hauptsächlich auf Letzteres, und das, obwohl die Länder, die wir auf dem Marktplatz der Erwachsenen als unsere größten Konkurrenten ansehen, in den ersten Schuljahren eher das Spielen und die sozialen Interaktionen als wichtig erachten – und deren Kinder in den höheren Klassen bessere kognitive und sonstige Leistungen erbringen. In diesen Ländern wird die Bedeutung des Spiels für die kognitive, soziale und emotionale Entwicklung von Kindern erkannt. Betrachten Sie die Beziehung zu Ihrem Kind als dessen ersten Spielplatz: ein Platz, an dem es die Welt erforschen kann, sicher und ohne jene Einschränkungen, die durch Angst oder das Ausklammern von bestimmten Gefühlen entstehen.
Die Sorge um die kognitiven Fähigkeiten unserer Kinder ist normal, aber sie ist auch symptomatisch dafür, dass man sich auf den Horizont in der Ferne konzentriert anstatt auf das, was jetzt und hier in diesem Augenblick passiert. Für ganz kleine Kinder ist das Hier und Jetzt das Einzige, was es gibt, und sind sie vollauf damit beschäftigt. Die in diesem Buch besprochenen Themen haben viel mit genau dieser Frage zu tun: Wie können Eltern der emotionalen Sicherheit Priorität einräumen und nach dem Spruch „Jetzt gut, immer gut“7 ihren Kindern das geben, was sie brauchen? Hier ist eine kurze Faustregel: Je mehr sich die Kinder in ihren primären Beziehungen zu Beginn ihres Lebens sicher und geborgen fühlen, desto entspannter und resilienter werden sie sein, wenn sie sich später im Leben verschiedenen Herausforderungen und Gelegenheiten gegenübersehen.
Wie ermöglichen wir unseren Kindern also eine sichere Bindung?
Die gute Nachricht für Eltern ist, dass Elternschaft nicht kompliziert sein muss. Wenn wir uns an unseren (bereits tief in uns angelegten) Fähigkeiten orientieren, können wir die sogenannte Aufgabe des Elternseins viel eher als das Geschenk beziehungsweise Privileg angehen, das es in Wirklichkeit ist. Und wenn wir dem authentischen Wunsch vertrauen, unseren Kindern das zu geben, was für sie am besten ist, sowie der enormen Fähigkeit der Kinder, genau das aus uns hervorzuholen, kann das Elternsein fast schon zum Kinderspiel werden.
Sie wissen vermutlich inzwischen, dass wir hier nicht von einer Art Einfachheit nach dem Motto „Schlafe aus, fühle dich nie überfordert, Elternsein ist so leicht wie eine Sommerbrise“ sprechen. Vielmehr wollen wir sagen, dass die „harte Arbeit“ des Elternseins zu etwas viel Angenehmerem wird, wenn wir als Eltern erst einmal unseren positiven Absichten vertrauen und über ein einfaches visuelles Bild verfügen, das uns ermöglicht, die Bedürfnisse unseres Kindes in eine klare und verständliche Landkarte zu übersetzen.
Erinnern Sie sich an Lei und ihren Vater aus Kapitel 1. Denken Sie an Baby Sophie und seine Mutter. In jenen einfachen, natürlichen Interaktionen können Sie den ursprünglichen Instinkt des Kindes erkennen, nach Fürsorge zu suchen, und den in ähnlicher Art und Weise angeborenen Instinkt der Eltern, Fürsorge zu geben. Obgleich es in den ersten Tagen und Wochen eines Babys nicht so offensichtlich ist, kann man bereits kurze Zeit nach der Geburt sehen, wie das Kind anfängt, die Welt zu erkunden. Oder gehen Sie auf einen beliebigen Spielplatz, und Sie werden dort den gleichen Austausch beobachten können, der zwischen Lei und ihrem Vater stattfand: Lei möchte loslaufen, um ihre Welt und ihre Fähigkeit, mit ihr zu interagieren, zu erkunden; ihr Vater ist da, um ihr das zu ermöglichen. Und das ist Sophie fünf Monate später:
Hannah arbeitet am Esszimmertisch an ihrem Computer, während Sophie sich in ihrem Laufgestell im Raum herumschiebt. Wenn sie gurrt und plappert, schaut Hannah auf und sie lächeln einander an. Dann klingelt das Telefon. Es ist Hannahs wichtigster Kunde, der wissen möchte, wie das Projekt läuft. Während Hannah den Fortschritt in allen Details schildert, wird Sophies Stimme höher; schließlich steigert sich das Plappern zu einem schrillen Kreischen. Das kleine Mädchen weint nicht und ist auch nicht wütend, aber ihre Stimme ist so fordernd, dass Hannah sofort hinüberschaut und ein Lachen unterdrücken muss, als ihr Kunde verwundert fragt: „Was ist das denn, etwa Ihr Hund?“
In diesem zarten Alter ist Sophie bereits sicher genug gebunden, um zu wissen, dass sie sich darauf verlassen kann, dass Hannah da ist, während sie auf eigene Faust den Raum unsicher macht. Diese Unterstützung bei ihren Erkundungen ist so wichtig, dass sie ihr „Sirenenlied“ anstimmt, um die Mutter zurückzurufen, wenn sie bemerkt, dass die Aufmerksamkeit der Mutter sich von ihr abgewendet hat. Wenn die Mutter sich nicht wieder und wieder als zuverlässig herausgestellt hätte, hätte Sophie es möglicherweise gar nicht erst versucht. (Ein Jahr später löst Sophie einen Autoalarm aus, als sie von ihrem Buggy aus ihr Sirenenlied ausprobiert. Hannah glaubt, dass Sophie herausfinden wollte, ob fremde Passanten darauf auch so reagieren wie ihre Eltern. Und natürlich tun sie das.)
Sophie konnte ihre Mutter erkennen, lange bevor sie ihren eigenen Namen kannte oder auch nur irgendetwas von den Worten verstand, mit denen die aufmerksame Familie versuchte, sie zu beruhigen. Möglicherweise hat sie die Bedeutung der Bindung zwischen ihnen begriffen, bevor ihre Mutter dies tat. So sieht eine aufkeimende sichere Bindung aus. Es ist zwar nicht immer nur angenehm (bleiben Sie dran, wenn Sie wissen wollen, wie es mit Sophie weiterging), und doch ist die tiefe Schönheit dieser Bindung in der ganzen Menschheitsgeschichte in Poesie und Kunst zum Ausdruck gebracht worden.
Die gute Nachricht für uns alle ist, dass Bindung einfach geschieht. Die Frage ist nicht, ob ein Kind eine Bindung entwickelt, sondern von welcher Qualität diese Bindung ist. Die Frage ist nicht, ob die Mutter oder der Vater die Bedürfnisse des Kindes erfüllen und sein Unbehagen lindern wollen, sondern ob sie wissen, wie sie das tun können (oder ob sie die Bedürfnisse aus Gründen, die wir später besprechen, nicht sehen können). Wir haben festgestellt, dass, selbst wenn der Bindungsinstinkt der Bezugsperson gestört ist, der des Kindes stark bleiben kann.
Es ist manchmal kaum zu glauben, aber schon mit geringer Hilfe schaffen es viele Eltern, den widrigsten Umständen zu trotzen. Die meisten Eltern in unseren ersten Gruppen zum Kreis der Sicherheit hatten mit einer Vielzahl von aktuellen und vergangenen Problemen zu kämpfen, die Palette reichte von Armut über mangelnde Bildung bis hin zu früheren Missbrauchserlebnissen und erst kürzlich zurückliegender Drogensucht. Daraus ergeben sich sehr schwierige Rahmenbedingungen, die laut Alan Sroufe einen starken Effekt ausüben: „Die Entwicklung des Kindes ist untrennbar mit der Fürsorge verbunden, die es umgibt. Ebenso ist die Fürsorge, die die Bezugspersonen geben können, von der Art des Stresses und der zur Verfügung stehenden Unterstützung im Umfeld abhängig.“ Wenn dieser Stress sehr groß ist, wie zum Beispiel für alleinerziehende jugendliche Mütter und andere Menschen, die sich die größte Mühe geben müssen, um es durch den Tag zu schaffen – und auch für viele „normale“ Eltern heutzutage –, ist es schwer, die Bedürfnisse eines Kindes feinfühlig zu erfüllen oder mit der Kohärenz und dem Verständnis zu reagieren, die notwendig sind.
Über zwanzig Jahre lang haben wir mit ehemalig obdachlosen jugendlichen Eltern gearbeitet, die kaum in der Lage zu sein schienen, die Herausforderungen der Elternschaft zu bewältigen. Viele kamen unter Tränen in unseren Kurs – voller Angst, dass sie den Kreislauf aus Missbrauch und Vernachlässigung fortsetzen würden, den sie selbst als Kinder erlebt hatten. Mithilfe eines elternfreundlichen Ansatzes, der die Entwicklung einer gesunden Bindung anregt, sind viele dieser Teenager sehr erfolgreiche Eltern geworden, die absolut fähig sind, sich selbst und ihre Kinder auf dem Weg dahin zu unterstützen, was Bindungsforscher „erarbeitete Sicherheit“ nennen. Wir haben immer wieder erlebt, wie Eltern sich trotz ausgesprochen schlechter Voraussetzungen mit den liebevollen und fürsorglichen Instinkten verbinden, mit denen sie auf die Welt kamen, und ihren Kindern authentische und beständige Sicherheit geben.
Was ist mit denjenigen unter uns, die es nicht mit Herausforderungen dieses Ausmaßes zu tun haben? Würde Lei ein langes, gesundes und glückliches Leben führen, wenn ihr Vater die Zeit, die er seiner Tochter widmet, darin investieren würde, sie mit der bestmöglichen Bildung, einem behaglichen Zuhause und den nahrhaftesten Lebensmittel zu versorgen, den direkten Kontakt mit ihr aber einem Kindermädchen und anderen Erwachsene überließe? Das ist durchaus möglich. Auf die Entwicklung eines Kindes haben viele verschiedene Variablen Einfluss. Wenn Lei von frühester Kindheit an ein Kindermädchen, ein Großelternteil oder jemand anderen aus der Familie gehabt hätte, der sich auf eine Art und Weise um sie gekümmert hätte, wie wir es in der Spielplatzszene gesehen haben, hätte sie trotzdem eine sichere Bindung zu einer primären Bezugsperson, die die Grundlage für eine gesunde Entwicklung bildet. Und, wie bereits gesagt, sie hätte noch immer eine Bindung an ihre Eltern, aber wahrscheinlich eine weniger sichere als die an den Menschen, der ihre Betreuung hauptsächlich übernimmt. Die Bedeutung einer innigen und beständigen Verbindung zu einem anderen Menschen ist nicht zu unterschätzen.
Wenn Lei mit keinerlei Bezugspersonen ein Interaktionsmuster von der Art hätte wie das mit ihrem Vater im Park gezeigte, würde sie sich vielleicht zu einem Kind entwickeln, das abseits in einer Ecke sitzt und so tut, als ob es mit sich selbst zufrieden sei, während alle anderen spielen. Sie hätte vielleicht Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen, weil sie nicht wüsste, wie man jemanden tröstet, der sich wehgetan hat, oder nicht verstünde, dass es normal ist, manchmal unterschiedlicher Meinung zu sein. Sie würde möglicherweise das Selbstbild entwickeln, „so besonders zu sein, dass sie sich über nichts ärgert“ oder „zu anders, um dazu zu gehören“. Und hinter alledem wäre sie sehr einsam.
Glücklicherweise passieren Szenen wie die im Park oft ganz von selbst. Und wenn die Dinge sich die meiste Zeit so entfalten, wird sich das Selbst des Kindes gut und gesund entwickeln. Die allermeiste Zeit über müssen Sie nicht Ihr Gehirn anstrengen, um eine sichere Bindung zu Ihrem Baby zu erzeugen. Wir könnten es nicht besser auf den Punkt bringen als Robert Karen:
Sie müssen nicht reich oder schlau oder begabt oder lustig sein; Sie müssen nur da sein, im doppelten Sinne des Wortes. Für Ihr Kind ist alles andere unwichtig, es spielt höchstens insofern eine Rolle, wenn es Ihnen ermöglicht, etwas von sich selbst zu geben. Darüber hinaus müssen Sie keine hervorragende Mutter sein, sondern, um es mit Winnicotts berühmten Worten zu sagen, bloß eine „ausreichend gute“ Mutter.
Eine solide Faustregel für alle Eltern: Gut genug ist – nun ja – gut genug.
Schauen Sie, wie es Sophie und Hannah fünf Jahre später ergeht: Sophie kommt nach der Schule nach Hause gestürmt und ruft, sie wolle sich einen großen Vogel tätowieren lassen: „So einen wie Bellas Babysitter!“
Hannah schnaubt und lacht: „Ja, das klingt ganz toll.“ Sophie bricht in Tränen aus, lässt ihren Rucksack fallen und läuft in ihr Zimmer. Hannah seufzt und hebt den Rucksack auf, aus dem eine (zumindest für eine Fünfjährige) kunstvolle Zeichnung eines Vogels mit großen Flügeln (oder ist es eher ein Drache?) hervorschaut. Sie geht ins Zimmer ihrer Tochter, setzt sich aufs Bett und sagt: „Hey, mein Schatz, das ist ja wirklich schön.“ Stille. „Vielleicht können wir Körperfarben kaufen.“ Noch mehr Stille. „Bellas Babysitter ist richtig cool, was?“ Sophie nickt heftig und fängt an, begeistert die Geschichten wiederzugeben, die die Fünfundzwanzigjährige über den Phoenix erzählt hat, der auf ihrem Arm „lebt“.
Sophie hat die Erfahrung gemacht, dass ihre Mutter versteht, was sie braucht, auch wenn sie selbst es nicht ausdrücken kann. Darum tut es auch so weh, wenn die Mutter es manchmal nicht sofort kapiert. Zum Glück tut sie das aber normalerweise früher oder später und die Welt ist wieder in Ordnung.
Zahlreiche Ansätze und Programme sind mit dem Ziel entwickelt worden, Eltern und Kindern eine nähere, empathischere Beziehung zu ermöglichen, und sie alle haben ihre Stärken. Wir haben den Kreis der Sicherheit mit der spezifischen Absicht entwickelt, die Erkenntnisse aus der jahrzehntelangen Bindungsforschung so verständlich wie möglich zu machen, damit Eltern eine sichere Bindung zu ihren Kindern aufbauen können. Unser Ansatz soll Folgendes bieten:
• Ihnen ermöglichen, die legitimen Bedürfnisse Ihres Kindes zu verstehen
• Ihnen ermöglichen, Ihre Haltung gegenüber diesen Bedürfnissen zu verstehen (und ob manche sich akzeptabler anfühlen als andere)
• Ihnen bewusst machen, warum Sie bestimmte Bedürfnisse begrüßen, mit anderen aber Schwierigkeiten haben
• Ihnen den Teil Ihrer selbst zugänglich machen, der bereit ist, Ihr Unbehagen zu überwinden, um den Bedürfnissen Ihres Kindes Priorität einzuräumen
In den folgenden Kapiteln erfahren Sie mehr darüber, wie man eine sichere Bindung entwickelt und wozu das gut ist. Dabei liegt allem, was wir besprechen, die Einladung an Sie zugrunde, zu vertrauen: sich selbst, Ihrer inneren Weisheit, Ihrer Absicht, Ihr Bestes zu tun, und auch Ihrer Neugier, herauszufinden, was Ihnen dabei möglicherweise im Weg steht. Wir haben immer wieder festgestellt, dass das Vertrauen der Eltern dazu führt, dass auch die Kinder vertrauen können – darauf, dass die Eltern da sind und ihnen in ihren emotionalen Bedürfnissen helfen, die für kleine Kinder so verwirrend sein können, und darauf, dass Sie die Führung übernehmen in all den Momenten Tag für Tag, in denen die Unterstützung eines älteren und weiseren Menschen gefragt ist. Der Kreis der Sicherheit soll dazu dienen, dieses gegenseitige Vertrauen und eine sichere Bindung zu entwickeln, und zwar auf die nachfolgend beschriebenen Arten und Weisen, die den Rahmen für den Rest des Buches bilden.
Von Perfektionismus und Selbstanschuldigungen Abschied nehmen
Stellen Sie sich einen Augenblick lang vor, alle Eltern der Welt hätten diese einfache Tatsache gemeinsam: Wir alle haben genau zwölf Schwächen. Diese Schwächen sind keineswegs bei allen Eltern die gleichen. Zwar haben viele von uns ähnliche Strukturen, die in ähnliche Muster passen, doch zugleich sind wir in unserer „Verkorkstheit“ auch erstaunlich einzigartig.
Stellen Sie sich nun vor, jemand käme daher und sagte Ihnen, dass diese Schwächen kein wirkliches Problem darstellen… es sei denn, Sie haben auch noch „die dreizehnte Schwäche“, die es nahezu unmöglich macht, mit den anderen zwölf umzugehen. Worin besteht nun diese dreizehnte Schwäche? In der Überzeugung, dass Sie die anderen zwölf nicht haben sollten. Und das hat es mit der dreizehnten Schwäche auf sich: Sie beinhaltet stets eine Anschuldigung. Diese Anschuldigung gründet in der Illusion, dass es „eine Lösung“ für unsere Unvollkommenheit oder unsere Probleme als Eltern gibt und dass wir sie längst kennen sollten. Die verdeckte (und heimtückische) Botschaft dabei lautet: „Unvollkommenheiten haben in der Erziehung nichts zu suchen.“ (Viel Glück dabei.)
So viel ist klar: Wir alle haben als Eltern unsere Schwierigkeiten. Jeder von uns. Niemand ist perfekt. Tatsächlich ist jeder Versuch, perfekt zu sein, seinem Wesen nach ein Zeichen von Unvollkommenheit. Wenn wir unsere Schwächen als Eltern bekämpfen, verwandeln sie sich in Stein und sitzen uns mit einem Gewicht im Nacken, das wir kaum tragen können. Dann verfallen wir entweder in Scham und Anschuldigungen und schimpfen fortwährend mit uns selbst, oder wir tun so, als ob wir keine Fehler machten, und finden unweigerlich jemand anderen, den wir beschuldigen können (unsere Kinder, unsere Partner, unsere eigene Kindheit). Wenn wir unsere unvermeidlichen Schwächen respektieren und den Fehlern, die wir als Eltern machen, mit Liebenswürdigkeit, Akzeptanz und Verständnis begegnen können, verändert sich etwas. Für uns und auch unsere Kinder entstehen neue Möglichkeiten und freudige Überraschungen.
Anschuldigungen haben noch nie jemandem dabei geholfen, eine bessere Mutter oder ein besserer Vater zu werden. Wir können uns selbst mit mehr Freundlichkeit begegnen, wenn wir verstehen, dass Elternsein eine außerordentlich herausfordernde Aufgabe ist, dass wir alle Fehler machen und dass das, was wirklich zählt, unsere Absicht ist, das zu tun, was für unsere Kinder am besten ist. Wie wir immer wieder sagen: Kinder sind ausgesprochen gut darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Sie spüren es, wenn wir ängstlich und selbstkritisch sind. Und sie spüren es auch, wenn wir uns dafür respektieren, dass wir unter oftmals schwierigen Umständen unser Bestes tun.
Ein freundlicher Umgang mit uns selbst unterstützt uns darin, zu den Menschen, die wir am meisten lieben, ebenfalls freundlich zu sein. Wenn wir bereit sind, jene zwölf unvermeidlichen Schwächen anzuerkennen, bekommen unsere Kinder wahrscheinlich das, was sie am allermeisten brauchen. Aus diesem Grund ist dieses Buch als eine „haltende Umgebung“ konzipiert (dazu werden Sie in Kapitel 4 noch mehr lesen). Eine sichere Basis, auf der Sie erforschen können, welche Kräfte Sie in Ihrem Elternsein antreiben, ermöglicht Ihnen, das allgegenwärtige Hindernis des Perfektionismus zu überwinden.
Entspanntes Selbstvertrauen
Wenn Sie aus der permanenten Unsicherheit heraus, ob Sie womöglich etwas falsch machen, schwer an Ihrer Elternrolle arbeiten, wird das höchstwahrscheinlich nicht dazu beitragen, dass Ihr Kind sich sicherer fühlt. Liebevolle Begleitung, die Sicherheit vermittelt, hat in Wirklichkeit damit zu tun, dass wir in Bezug auf unsere Entscheidungen (zumindest einigermaßen) entspannt sind, sowie darauf vertrauen, dass wir die Dinge gut genug machen und uns im Bereich dessen bewegen, was gut für unser Kind ist. Die Frage, die Ihnen durch dieses Buch zur Gewohnheit werden kann, ist die gleiche Frage, die auch Ihr Kind Ihnen unausgesprochen stellt: „Geht es hier um Ihr Bedürfnis, ein guter Vater oder eine gute Mutter zu sein, oder um das tatsächliche Bedürfnis Ihres Kindes in diesem Moment?“ Unsere Kinder wissen fast immer, was unter der Oberfläche los ist: „Sind Sie unsicher und tun das, was auch immer Sie gerade tun, vor allem deswegen, um bloß keinen Fehler zu machen – oder konzentrieren Sie sich darauf, was gerade wirklich gebraucht wird?“ Oder, wie ein Kind es vielleicht eher formulieren würde: „Kannst du dich (bitte) abregen und darauf vertrauen, dass du in Ordnung bist und wir einen Weg durch diesen Schlamassel finden werden?“ Was so viel heißt wie: „Wenn du darauf vertraust, dass du gut genug bist, kann ich mich beruhigen und den Trost bekommen, den ich in meiner Not am meisten brauche.“
Eine neuere Studie aus Deutschland zeigt, dass die Kinder von entspannten Eltern, die ihre Kinder weder überwachen noch sich zu sehr auf sie konzentrieren, weniger ängstlich sind. Für ein Kind fühlt es sich in der Tat überfordernd an, wenn es zu sehr im Fokus steht und die Eltern bei allem mitmischen. Babys und kleine Kinder scheinen den Unterton unseres Verhaltens genauso wahrnehmen zu können wie das Verhalten an sich. Wenn wir ängstlich sind, spüren sie das auf ihre eigene Art und Weise. Die besagte Studie verweist darauf, wie wichtig, wenn nicht gar von zentraler Bedeutung es ist, Eltern dabei zu unterstützen, ihre eigenen Gefühle regulieren zu können, damit sie selbstsicher und gelassen mit ihrem Kind umgehen können.
Unserer Erfahrung nach gelingt das am besten dadurch, dass man Eltern hilft, die Landschaft des Elternseins zu verstehen und mithilfe einer einfachen Landkarte (dem Kreis der Sicherheit, der im folgenden Kapitel dargestellt und ausführlich beschrieben wird) zu realisieren, dass es wichtige Themen gibt, die man erkennen und mit denen man umgehen muss, aber niemals aus Angst oder Unsicherheit oder dem Druck heraus, alles „genau richtig zu machen“. „Ich reagiere auf diese Weise, weil ich darauf vertraue, dass es wichtig ist, und nicht, weil es sich so anfühlt, als würde ich meinem Kind irreparablen Schaden zufügen, wenn ich das nicht tue.“
Den Kreis im Blick behalten
Wenn unsere Fähigkeit, ruhig und selbstsicher auf unsere Kinder einzugehen, von einem aufreibenden Alltag eingeschränkt wird, was ja sehr oft der Fall ist, sind wir nur allzu leicht vom gegenwärtigen Moment abgelenkt und sehen nicht, was das Kind gerade von uns braucht. Vielleicht will es eine Weile im Arm gehalten und getröstet werden? Oder seiner Fantasie und Lebenslust folgen und hinausgehen, um die Welt zu erkunden, in dem Vertrauen, dass jemand da ist und auf es wartet, falls es Angst bekommt? Während wir hastig versuchen, zehntausend Dinge auf einmal zu erledigen und dabei noch „gute“ Eltern zu sein, fragen wir uns manchmal: „Warum braucht mein Sohn gerade jetzt Trost?“ oder: „Warum rennt meine Tochter herum wie von der Tarantel gestochen, wenn es Zeit ist, ins Bett zu gehen?“ Selbstverständlich ist es sinnvoll, sich zu fragen, was hinter bestimmten Bedürfnissen steckt, damit wir das zugrunde liegende Problem lösen können. Aber zuerst müssen wir herausfinden, was das eigentliche Bedürfnis ist. Dazu können wir uns den Kreis der Sicherheit, vollständig dargestellt in Kapitel 3, einprägen, sodass wir ihn abrufen können, wann immer wir verwirrt sind und nicht wissen, was unser Kind gerade will. Wenn wir das Bedürfnis unseres Kindes anerkennen und akzeptieren, können wir unser Kind in seiner Einzigartigkeit besser verstehen.
Mit-Sein: Sich auf die Gefühle und Bedürfnisse des Kindes einstimmen
Bei vielen Menschen führt der Druck, „es richtig zu machen“, dazu, dass sie permanent etwas tun, ob sie nun die neuesten Erziehungstipps lesen, nach der besten Schule suchen oder das Verhalten der Kinder managen. Das Gegenmittel dazu, sich auf diese Weise hauptsächlich auf die Zukunft zu konzentrieren („Was braucht mein Kind, um später erfolgreich zu sein?“), ist das, was wir Mit-Sein nennen („Was braucht mein Kind jetzt gerade?“). Es ist ein Zustand der feinfühligen Einstimmung, in dem wir an der emotionalen Erfahrung unseres Kindes teilhaben (ohne sie aber völlig zu übernehmen), ihm helfen, schwierige Gefühle zu verstehen und zu regulieren, und bei ihm sind, während es sie durchlebt. Mit-Sein bedeutet, die Ruhe zu bewahren – und nicht zu versuchen, etwas an der Erfahrung des Kindes zu ändern, sondern sie stattdessen anzunehmen und ihm zu zeigen, dass wir bei ihm sind, als ein Mensch, der manchmal ganz ähnliche Gefühle erlebt. Mit-Sein erfordert einige Übung von uns leistungsorientierten Menschen, aber es trägt viel dazu bei, eine sichere Bindung zu entwickeln. Kapitel 4 ist diesem Thema gewidmet.
Die Hände auf dem Kreis halten: Feinfühlig auf das Kind eingehen, aber auch die Führung übernehmen
Tatsächlich schließen sich diese beiden Dinge nicht aus. Eine der wichtigsten „Regeln“ im Kreis der Sicherheit lautet: Wann immer möglich, folgen Sie den Bedürfnissen Ihres Kindes; wann immer notwendig, übernehmen Sie die Führung. Um herauszufinden, welche Reaktion jeweils die beste ist, müssen wir mit dem Kind sein und uns zugleich auch daran erinnern, dass wir als Eltern größer, stärker, weiser und stets gütig sein sollten. Zuallererst sind wir Eltern, nicht Freunde. Wenn wir die Führung übernehmen und unseren Kindern helfen, einen Weg durch ihre momentanen Schwierigkeiten zu finden, können sie besser mit unangenehmen Gefühlen umgehen. Wenn wir den Kindern vertrauen und sie ermutigen, können Probleme gemeinsam gelöst werden. Mit der Karte des Kreises der Sicherheit fällt es uns leichter, die Bedürfnisse unseres Kindes zu erahnen, und wenn wir durch Mit-Sein gut auf sie eingestimmt sind, erkennen wir eher, an welcher Stelle des Kreises das Kind sich befindet. Das Thema „Mit-Sein“ und die Frage, was es heißt, größer, stärker, weiser und gütig zu sein, stehen in Kapitel 4 im Vordergrund.
Unser eigenes Gepäck sortieren
Eine der wichtigsten Entdeckungen, die wir in unserer Arbeit gemacht haben, ist, dass viele Eltern Schwierigkeiten damit haben, bestimmte Bedürfnisse auf dem Kreis zu erkennen und auf sie einzugehen. Oft sind sie sich ihrer eigenen Reaktionen gar nicht bewusst, weil diese Reaktionen ihre Wurzeln in der eigenen Kindheit und den eigenen Bindungserfahrungen haben. Damit wollen wir nicht etwa andeuten, dass an allem, was Sie tun, Ihre Eltern die Schuld tragen. Vielmehr haben wir an uns selbst festgestellt, dass der Versuch, den Bindungsstil unserer eigenen Eltern zu verstehen, uns ermöglicht hat, mehr Empathie und Mitgefühl für sie und die Schwierigkeiten, mit denen sie zu tun hatten, zu entwickeln. Fühlen Sie sich womöglich deswegen dazu angetrieben, das „perfekte“ Kind großzuziehen, weil Ihre Eltern so viel Wert auf Perfektionismus gelegt haben? Kommen unangenehme Gefühle in Ihnen auf, wenn Ihr Kind auf mehr Unabhängigkeit drängt, weil Ihre eigenen Eltern es gar nicht zu mögen schienen, wenn Sie zu weit von ihrer Seite wichen, als Sie noch klein waren? Wie tief Sie bei der Erforschung Ihres eigenen Bindungsstils gehen wollen, bleibt natürlich Ihnen überlassen. In Kapitel 5 finden Sie eine Einführung dazu, wie Ihr Bindungsstil hinter den Kulissen die Fäden Ihres eigenen Elternseins zieht. In Kapitel 6 erfahren Sie dann etwas darüber, wie wir diese Botschaften in Bezug auf bestimmte Bedürfnisse an unsere Kinder weitergeben und wie diese mit uns kooperieren, indem sie jene Bedürfnisse vermeiden, die uns unangenehm sind, und auf diese Weise dafür sorgen, dass wir weniger ängstlich und mehr für sie da sind. Wenn wir verstehen, wie unsere Kinder mit ihrem Verhalten versuchen, Bedürfnisse vor uns zu verstecken, die uns unangenehm sind, kann uns das dabei helfen, unsere verdeckten Botschaften zu überschreiben und die sichere Bindung zu entwickeln, die wir uns wünschen.
Alles Gute auf Ihrem Weg zu einer sicheren Bindung
Wir schreiben dieses Buch, weil wir aus erster Hand wissen, warum Bindung eine so wichtige Rolle spielt. Diese Erkenntnisse stammen zum einen aus jahrzehntelanger klinischer Arbeit mit Erwachsenen, in der es für unsere Klienten entscheidend war, immer wieder auf die zentralen Überzeugungen zurückzukommen, die sie in Bezug auf sich selbst und andere während ihrer frühen Jahre gebildet hatten, und diese nach und nach zu verändern.
Aber es wird noch ein bisschen persönlicher. Als Begründer des Kreises der Sicherheit haben wir uns auch nach unseren eigenen Bindungserfahrungen gefragt, sowie danach, wie sie sich auf unser jeweiliges Leben auswirken. Wie sich dabei herausstellte, kommen wir alle aus Familien, die mal mehr, mal weniger mit genau den gleichen Themen zu tun hatten, die wir heute Eltern verständlicher machen wollen. Das bedeutet, dass diese Arbeit in weiten Teilen auch auf persönlichen Erfahrungen beruht, da wir stets versuchten, aktuelle Forschungsergebnisse in einen Zusammenhang zu bringen mit unserem eigenen Verständnis davon, wie wesentlich eine gesunde Bindung ist.
Wie Sie während der Lektüre dieses Buches immer wieder feststellen werden, liegt der Fokus darauf, wie bereichernd und wertvoll eine sichere Bindung ist: Diese Fähigkeit, die innerhalb einer bestimmten Art von Beziehung erlernt wird, ermöglicht uns, Freude zu empfinden, wenn uns gute Dinge widerfahren, und Resilienz zu entwickeln, wenn wir es mit schwierigen Situationen zu tun haben. Bindungssicherheit lohnt sich sehr: Ist sie gefestigt, schenkt sie uns ein tiefes Vertrauen und ermöglicht uns in emotionaler, intellektueller und zwischenmenschlicher Hinsicht ein gelingendes Leben und damit ein beständiges Gefühl der Erfüllung.
Das ist die gute Nachricht, die Sie auf den folgenden Seiten erwartet. Eine schlechte Nachricht gibt es nicht, was aber nicht bedeutet, dass der Weg zu einer sicheren Bindung immer glatt und geradlinig verläuft. In den Anfängen unserer Beschäftigung mit der Bindungsforschung erschien es uns sogar oft als äußert schwierige Angelegenheit, wenn uns klar wurde, was für eine sichere Bindung notwendig ist und was in unserer eigenen Kindheit wohl gefehlt hat. Diese Erkenntnisse können zunächst ziemlich hart sein, doch uns führten sie schließlich zu der Einsicht, dass unsere eigenen Eltern ihr Bestes taten, allerdings nicht in der Lage waren zu erkennen, was nicht gut funktionierte und wie ein effektiverer Weg hätte aussehen können. Mit diesem Buch wollen wir nun Ihnen helfen zu erkennen, was bei Ihnen gut funktioniert und an welchen Stellen Sie vielleicht wirklich Schwierigkeiten haben, ausreichend gute Eltern zu sein. Wir hoffen, dass Sie es als eine haltende Umgebung empfinden werden, während Sie Ihren eigenen Weg gehen.
Wenn uns in unserer Arbeit mit Eltern, die auf der Straße leben, drogenabhängig oder obdachlos sind und andere Schwierigkeiten haben, Gefühle der Hoffnungslosigkeit zu überwältigen drohten, kam stets ein Moment, in dem wir beispielsweise mitansahen, wie eine der jungen Mütter – quasi ein Kind, das ein Kind aufzieht – ihr Kleines mit großer Zärtlichkeit in den Arm nahm oder zutiefst liebevoll anlächelte und dieses mit einem Lächeln antwortete. Und in diesen Momenten wussten wir: Zumindest das ist echt.
Eines der größten Geschenke, das uns die Bindungsforschung gemacht hat, ist die Bestätigung, dass unsere Welt tatsächlich stimmig ist. Unter aller Komplexität (und all den überdrehten Reaktionen darauf, wenn das Leben uns „zu viel“ ist) liegt eine schlichte Einfachheit, eine Wahrheit, der wir zu vertrauen gelernt haben: Ohne das „Und“ ist niemand glücklich. Jedes Herz sehnt sich nach der Liebe, um die es seinem Wesen nach weiß.
6 Anne-Marie Slaughter ist eine US-amerikanische Politikwissenschaftlerin. International wurde sie durch ihren Aufsatz Why Women Still Can’t Have It All zum Thema „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ bekannt. Darin entlastet sie die Frauen von der Verantwortung für diese Vereinbarkeit und fordert gesellschaftliche Veränderungen zur Verbesserung der Bedingungen. A.d.Ü.
7 „Win now and win later“, wörtlich: „Gewinne jetzt und gewinne später“ (Win now and win later. The 20 principles of happily achieving ist ein bekanntes, 1999 bei Harper-Collins von Andrew Meikle publiziertes Buch über Selbstverwirklichungs- bzw. Erfolgsstrategien)
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