Читать книгу: «Die Hausarztpraxis von morgen»

Autorin und Autoren

Dr. Iris Veit
Studium in Freiburg, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin (tiefenpsychologisch). Seit 35 Jahren niedergelassen in Gemeinschaftspraxis im Ruhrgebiet. Lehrbeauftragte der RUB, Balintgruppenleiterin, Supervisorin. Leiterin der Weiterbildung Psychosomatische Grundversorgung der Ärztekammer Westfalen-Lippe und des IHFs. Mitglied der Leitlinienkommission der DEGAM, Aufbau der AG Psychosomatik der DEGAM und von lokalen Netzwerken. (www.irisveit.de)

Harald Kamps
Medizinstudium in Bonn 1970–1976, 1977 Examen Uni Oslo. 1982–1997 Landarzt in Norwegen. Facharzt für Allgemeinmedizin und Öffentliches Gesundheitswesen. 1989–2002 Universitätslektor Universität Trondheim. 1997–2000 onkologisches, palliativ-medizinisches Netzwerkprojekt in Norwegen. 2000–2002 allgemeinmedizinische Lehrpraxis in Trondheim. Seit 2002 in Berlin Mitarbeiter in einer schmerzmedizinischen Praxis, 2005–2017 Hausarzt in Lichtenberg. (www.lebendige-medizin.de)

Prof. Dr. Bert Huenges, MME
Studium in Berlin, Promotion über den Reformstudiengang Medizin. Seit 2004 zu 50 % wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2018 Leitung des Kompetenzzentrums Weiterbildung Allgemeinmedizin Westfalen-Lippe (KWWL), seit August 2020 Honorarprofessor der Ruhr-Universität Bochum. Parallel Facharztweiterbildung für Allgemeinmedizin in der Gemeinschaftspraxis Rusche in Hattingen, in der er seit 2009 hausärztlich tätig ist.

Dr. Torsten Schütte
Ausbildung an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau und am Klinikum Nürnberg. Dort auch Approbation und Promotion. Facharzt für Allgemeinmedizin, Innere Medizin und Naturheilverfahren. Zertifizierte Weiterbildung als Notarzt, Arzt für Klinische Geriatrie, Akupunktur, Neuraltherapie, Psychosomatische Grundversorgung. Weiterbildungsermächtigter Arzt. Seit 1986 niedergelassen in einer Gemeinschaftspraxis. Seit 1993 zertifizierter NLP-Lehrtrainer
Iris Veit, Harald Kamps Bert Huenges, Torsten Schütte
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-035086-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-035087-8
epub: ISBN 978-3-17-035088-5
mobi: ISBN 978-3-17-035089-2
Inhalt
1 Fallverzeichnis
2 Vorwort
3 1 Einleitung
4 2 Komplexitätsvariable: Multimorbidität
5 2.1 Die Zahl chronisch Kranker nimmt zu
6 2.2 Arbeitslosigkeit, Armut und Einsamkeit machen krank
7 2.3 Multimorbidität verstehen
8 2.4 Die Bedeutung des Übergewichts – überschätzt?
9 2.5 Komplexe Differentialdiagnostik und Behandlung ist anspruchsvoll
10 2.6 Der Anpassungsprozess
11 2.6.1 Phasen der Anpassung
12 2.6.2 Jeder reagiert unterschiedlich
13 2.6.3 Konflikte mit ärztlichen Wertvorstellungen
14 2.7 Priorisierung bei Multimorbidität
15 2.8 Reflektierende Praxis: Haltungen und Interventionen
16 2.8.1 Ressourcen Orientierung
17 2.8.2 Ziele klären und Ambivalenzen zu diesen Zielsetzungen
18 2.9 Strukturelle Voraussetzung: Kooperation und vernetztes Arbeiten
19 3 Komplexitätsvariable: Familienmedizin
20 3.1 Ärzte sind Teil eines komplexen Beziehungsgefüges
21 3.2 Die Patient-Arzt-Beziehung erweitert sich zur Patient- Familie-Arzt-Beziehung
22 3.3 Familienkonflikte
23 3.4 Die Familie als Ort der Fürsorge
24 3.5 Haltungen in der Familienmedizin
25 3.5.1 Wertekollisionen beachten – ärztliche Reflexion der eigenen Wertvorstellungen und des eigenen Familienbildes
26 3.5.2 Die falsche Frage: »Was ist die wirkliche Wirklichkeit?«
27 3.5.3 Der Schutz der Schwächeren
28 3.5.4 Die Familie als Team nutzen
29 3.6 Was Hausärzte von den Methoden der Familientherapie übernehmen können
30 3.6.1 Erlebte Anamnese und biografische Anamnese
31 3.6.2 Die zirkuläre Fragetechnik als methodischer Weg, das System einzubeziehen
32 3.6.3 Die Intimität des Einzelnen wahren – Wenn Paare zusammen erscheinen
33 3.6.4 Lösungsorientierung
34 4 Komplexitätsvariable: Die Gefühle von Ärztinnen und Ärzten
35 4.1 Die Qualität der Versorgung wird auch von Emotionen bestimmt
36 4.2 Scham
37 4.2.1 Schamgefühle im medizinischen Alltag
38 4.2.2 Ärztliche Scham bei distanzlosem Verhalten von Patienten
39 4.2.3 Ärztliche Scham bei eigenen Fehlern und Beinahe-Fehlern
40 4.2.4 Interventionen zum Umgang mit Scham
41 4.3 Ärger
42 4.3.1 Wenn Patienten nicht tun, was Ärzte sagen
43 4.3.2 Anmaßend und überhebliches Auftreten von Patienten, die ihre eigene Wichtigkeit betonen wollen
44 4.3.3 Interventionen zum Umgang mit Ärger
45 4.4 Mitleid und Kummer – Empathie
46 4.5 Panik und Angst
47 4.6 Ärztinnen und Ärzte versuchen, Gefühle wegzuschieben – das belastet
48 4.7 Selbstfürsorge
49 5 Komplexitätsvariable: gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Spätmoderne
50 5.1 Ein fiktiver Vormittag im Sprechzimmer
51 5.2 Aus der breiten Mittelschicht der Nachkriegsjahrzehnte entwickelte sich eine neue Unter- und Mittelschicht
52 5.2.1 Zunahme sozialer Ungleichheit und Armut
53 5.2.2 Die neue Mittelklasse – dominant für kulturelle Werte und besonders beeinflusst durch die digitale Welt
54 5.2.3 Migration und Analphabetismus
55 5.3 Gesundheitliche Ungleichheit
56 5.3.1 Soziale Ungleichheit und Armut macht krank
57 5.3.2 Das erschöpfte Selbst – Kennzeichen der Moderne
58 5.3.3 Traumafolgestörungen
59 5.4 Wachsende Unsicherheit stellt neue interaktionelle Ansprüche
60 5.5 Die ärztliche Profession im Wandel
61 6 Komplexe Hausarztmedizin in einer digitalen Welt
62 6.1 Sieben Thesen zur Digitalisierung in einer komplexen Krankheitswelt
63 6.2 Digitalisierung in Zeiten einer Pandemie
64 6.3 Hausärzte gestalten die digitale Zukunft und bewahren die persönliche Patienten-Arzt-Beziehung
65 7 Die Hausarztpraxis als Lernort
66 7.1 Lehr- und Lernziele
67 7.1.1 Worin besteht unser Bildungsauftrag?
68 7.1.2 Erwartungen von Lernenden und Lehrenden
69 7.2 Schrittweises Anvertrauen professioneller Tätigkeiten
70 7.3 Feedback als Motor für die Aus- und Weiterbildung
71 7.3.1 Rolle von Feedback
72 7.3.2 Feedback im laufenden Praxisbetrieb
73 7.3.3 Auswahl strukturierter Feedbackmethoden
74 7.4 Allgemeinmedizin im Studium
75 7.4.1 Rolle der Allgemeinmedizin im Medizinstudium
76 7.4.2 Nachwuchsgewinnung für die Hausarztmedizin?
77 7.5 Allgemeinmedizinische Weiterbildung
78 7.5.1 Was soll in der Weiterbildung gelernt werden?
79 7.5.2 Praktische Weiterbildung
80 7.5.3 Begleitunterricht in der Weiterbildung
81 7.5.4 Mentoring in der Aus- und Weiterbildung
82 7.5.5 Train the Trainer-Angebote
83 7.6 Impulse für die Aus- und Weiterbildung während der Pandemie COVID-19
84 7.7 Unterstützungsangebote für die Aus- und Weiterbildung
85 8 Choosing wisely
86 8.1 Gemeinsam klug entscheiden
87 8.2 »Too much medicine«
88 8.3 Sachwissen, Erfahrungswissen, Intuition – wovon sind ärztliche Entscheidungen abhängig?
89 8.3.1 Sachwissen
90 8.3.2 Erfahrungswissen
91 8.3.3 Was ist Intuition?
92 8.4 Wie Weisheit gewinnen?
93 8.4.1 Die Antworten philosophischer Richtungen und der Beziehungsmedizin
94 8.4.2 Fallbeispiele aus der hausärztlichen Praxis
95 8.4.3 Die Einbeziehung der Patientenperspektive: »Was würden Sie denn an meiner Stelle tun?«
96 8.5 Entscheidungen unter Bedingungen der Unsicherheit
97 8.5.1 Matrix der Unsicherheit
98 8.5.2 Gute Allgemeinmedizin ist nachhaltige Medizin
99 8.5.3 Gute Allgemeinmedizin kann mit Unsicherheit umgehen
100 8.6 Partizipative Entscheidungsfindung
101 8.6.1 Der ethische Grundsatz der Partizipation
102 8.6.2 Vermittlung von Sachwissen – wie?
103 9 Umgang mit Komplexität: Das Konzept der Beziehungsmodi
104 9.1 Komplexität weckt den Wunsch nach Vereinfachung
105 9.2 Verstehen von Interaktionsmustern
106 9.3 Die Kompetenz zur patientenzentrierten Selbstreflexion
107 9.4 Ein bewährtes Konzept in der psychosomatischen Grundversorgung
108 10 Kommunikative Kompetenz
109 10.1 Kommunikation ist nicht alles, aber ohne Kommunikation ist alles nichts
110 10.2 Was ist heute Kommunikation?
111 10.2.1 Kommunikations-Axiome
112 10.2.2 Wie wirken sich die Axiome auf die ärztliche Gesprächssituation aus?
113 10.2.3 Grundannahmen der Gesprächsführung
114 10.2.4 Der kommunizierende und in Beziehung tretende Arzt
115 10.3 Psychodynamische Modelle der Kommunikation
116 10.4 Verhaltenstherapeutische Modelle der Kommunikation
117 10.5 Die phänomenologische Sichtweise
118 10.6 Kommunikationsstrategien
119 10.6.1 Haltungen
120 10.6.2 Verbale und gestische Interventionen
121 11 Kompetenz zur Praxisführung
122 11.1 Die Praxis als lernende Organisation
123 11.1.1 Lernende Organisationen
124 11.1.2 Modell einer lernenden Organisation
125 11.1.3 Ergebnisse
126 11.2 Auch die medizinischen Fachangestellten praktizieren Beziehungsmedizin
127 11.3 Kommunikation im Team – Feedback
128 11.4 In einer komplexen Welt wird Kooperation zu einem zentralen Wert – Kooperation und Netzwerkorientierung
129 11.5 Gemeinwohlorientierung als Teil des Qualitätsmanagements
130 12 Die Allgemeinmedizin der Zukunft
131 Literatur
132 Stichwortverzeichnis
Fallverzeichnis
Patient mit multiplen chronischen Krankheiten und Adipositas S. 21
Die perfekte Familie – Schamkonflikte S. 38
Schamkonflikte bei Hausbesuchen S. 39
Wer ist schuld? S. 40
Patientin mit chronischen Schmerzen – die Bedeutung der biografischen Anamnese S. 42
»Was willst Du, das ich weiß?« Wertekonflikte und ihre Bedeutung für die Familienmedizin S. 43
Sie sieht nicht, er hört nicht – Wenn Paare zusammen erscheinen S. 49
»Das nächste Mal wieder zum Chef!« Patient mit KHK entwertet die AiW S. 58
»Fühle zuerst Deinen eigenen Puls!« Zwischenfall bei Hyposensibilisierung S. 61
»Schön, dass Sie sofort gekommen sind!« Sofortiger Hausbesuch bei Patientin mit akutem Kopfschmerz S. 125
Junger Patient mit Karzinom-Erkrankungen in Vorgeschichte – Angst trifft auf Fehldiagnose einer seltenen Erkrankung S. 126
Er kam mit Verstopfung – eine erfolgreiche Spurensuche S. 132
Unsicherheit am Ende des Lebens – Angehörige können dem Hausarzt nicht folgen S. 134
Ein Blumenstrauß – ein Fall erfolgreicher Grenzsetzung S. 135
»Umbringen kann ich mich allein!« 70-jähriger Patient mit rigiden Normen und Hypertonus S. 142
Grippaler Infekt bei Lena und Simon S. 154
Herr Kummer erbleicht – Der Arzt sieht im Hund einen Ersatzpartner für seinen Patienten S. 158
»Mir ist schlecht! – Mir geht es schlecht! – Mir ist übel!« Ultrakurzintervention S. 159
Vorwort
Sind Sie eine werdende Hausärztin oder Hausarzt oder überlegen, eine solche zu werden? Sind Sie bereits gestandene Hausärztin oder Hausarzt, die sich in Aus- und Weiterbildung engagieren möchten? Sind Sie auf Fragen oder Situationen in Ihrer praktischen Tätigkeit gestoßen, auf die bisherige Lehrbücher der Allgemeinmedizin unzureichende Antworten geben? Sind Sie vielleicht enttäuscht, dass sich Ihr humanistischer Beweggrund, Mediziner zu werden, im Krankenhaus derzeit kaum realisieren lässt und denken über einen Quereinstieg in die Allgemeinmedizin nach? Dann kann dieses Buch eine gute Hilfe für Sie sein. Wir wollen die alte Frage: »Was ist ein guter Arzt?« für die Allgemeinmedizin neu aufrollen. Denn wir leben in einer Zeit des Wandels, der auch den Hausarztberuf erfasst. Wir wollen ein Nachdenken über die Komplexität der hausärztlichen Aufgabe anregen und den Mut entwickeln, alte Überlegungen neu zu gestalten und relevante Themen wieder einbringen, von denen die Diskussion bisweilen ausgetrocknet erscheint.
Dieses Buch ist im Wesentlichen vor der Covid-19-Pandemie entstanden. Mitten in der Pandemie denken viele über einen solchen Wandel und die Frage, welche Lehren gezogen werden können, nach. Denn die Pandemie hat schon bestehende Konflikte deutlicher hervortreten lassen und gewichtet. Sie verdeutlicht, dass Hausärztinnen und Hausärzte zur Anerkennung komplexer Zusammenhänge gezwungen sind. Das Buch behandelt ebenso wenig die direkten und indirekten gesundheitlichen Folgen des Klimawandels und der Umweltzerstörung. Die Überlegungen in diesem Buch halten jedoch den Fragen stand, die die Pandemie und der Klimawandel bisher aufgeworfen haben. Es ist damit brandaktuell.
Das Hervorstechende am Hausarztberuf ist, dass eine langfristig angelegte, vertrauensvolle und kooperative Beziehung zwischen Patienten und Arzt wesentliches Element der Behandlung ist. Sie sind nicht nur aufgerufen, zu einem Beschwerdekomplex Stellung zu nehmen. Sie sind mit Multimorbidität konfrontiert und mit der Frage, was das Wichtige im gegenwärtigen Moment für ihren Patienten ist. Sie behandeln gleichzeitig andere Familienmitglieder, Nachbarn oder Arbeitskollegen. Sie sind unmittelbar mit der zunehmenden gesellschaftlichen Aufspaltung in Arm und Reich, wachsender Unsicherheit in einer globalisierten Welt mit tiefgreifenden ökologischen Veränderungen, mit Vereinsamung trotz »social media« und den Auswirkungen technischer Evolutionen wie die Digitalisierung konfrontiert. Hausärztliche Versorgung offenbart die Notwendigkeit, den immer noch vorherrschenden dualistischen Standpunkt – hier Soma, da Psyche – zu verlassen und Beschwerden im lebensweltlichen Kontext ihrer Patienten zu verstehen. Gegenwärtig wird der Versorgungsauftrag noch komplexer, weil sich Ärztinnen und Ärzte eine ausgewogene Work-Life-Balance und eine Berücksichtigung ihrer Gefühle wünschen. Die Aufgaben in Lehre und Weiterbildung sowie Forschung sind über die unmittelbare Versorgung hinaus hinzugetreten.
Eine Annäherung an diese Komplexität soll mit diesem Buch versucht werden. Es geht darum, Zusammenhänge zu verstehen. Schon in die Beschreibung der Phänomene fließt unterschiedliches philosophisches Denken der Autorin und Autoren ein. Sie sind mit psychodynamischen und systemischen, den altgriechischen aristotelischen Denktraditionen und der Denktradition, aus der die Neue Phänomenologie stammt, und der evidenzbasierten Medizin verbunden. Aber wir denken nicht nur, wir sind alle langjährig als Hausärzte und in der Aus- und Weiterbildung tätig und zeigen dies an einer Fülle von hausärztlichen Fallbeispielen. Wir haben in diesem Buch versucht, das Gemeinsame für die medizinische Versorgung herauszustellen und Brücken zu bauen, wo Begriffe das Trennende markieren. Nicht immer ist uns das gelungen. Daher werden unterschiedliche Denktraditionen und daraus resultierende Ansichten manchmal nebeneinanderstehen. Aber es ist einer der wenigen Versuche, das Verbindende zu unterstreichen und im Lichte langjähriger reflektierter hausärztlicher Praxis in ein Lehrbuch zu filtern, das die Allgemeinmedizin als Bewahrer einer humanistischen Tradition in der Medizin sieht, einen Auftrag, den sie von der Psychosomatik vergangener Jahrzehnte übernommen hat, die sich heute überwiegend als Gebietsmedizin präsentiert. Die Begriffe Beziehungsmedizin, Personen-zentrierte Medizin, salutogenetische Orientierung oder ärztliche Lebenskunst sind ähnliche Begriffe für ein verwandtes Anliegen. Die Begrifflichkeit ist offen, das Anliegen nicht.
Sicher ist, dass eine hohe Sachkompetenz für den hausärztlichen Versorgungsauftrag erforderlich ist, die zu fördern sich bisherige Lehrbücher der Allgemeinmedizin zur Aufgabe gemacht haben. Diese Sachaspekte werden wir in diesem Buch nicht wiederholen. Erfahrungswissen muss jeder selbst sammeln. Weisheit lässt sich nicht lehren oder gar von oben herab verordnen, wohl aber Wege und Methoden, um eine solche zu gewinnen. Daher versuchen wir, nicht nur bei der Beschreibung der komplexen Phänomene stehenzubleiben, sondern zu entwickeln, welche Kompetenzen für eine reflektierende Praxis wesentlich sind. Dazu gehört die Kompetenz der Selbstbeobachtung und des Nachdenkens über sich selbst, kommunikative Kompetenz und die Fähigkeit zur Kooperation. Wir wollen nicht nur Denkanstöße geben, sondern auch Handlungsanleitungen mit konkreten Formulierungsvorschlägen. Diese verbalen Interventionshilfen sind in den entsprechenden Kapiteln besonders hervorgehoben. Wir verweisen auf Internetquellen, wo Sie ergänzende Informationen für sich oder Ihre Patienten finden können. Am Ende steht ein Entwurf eines Bildes der Hausarztpraxis der Zukunft, das sowohl Kompetenzen als auch Strukturen einschließt. Daher versteht sich dieses Buch als ein ergänzendes Handbuch für werdende Allgemeinmedizinerinnen und Allgemeinmediziner und für Weiterbilderinnen und Weiterbilder. Insofern es die ganze Vielfalt hausärztlicher Behandlungskunst darzustellen versucht, ist es eine Werbung für den hausärztlichen Beruf, der so spannend und kreativ ist wie kaum ein anderer.
Obwohl die einzelnen Kapitel aufeinander abgestimmt sind, ist jedes Kapitel einzeln verständlich.
Wir danken allen Kolleginnen und Kollegen, die uns beim Schreiben unterstützt haben.
Wir bitten um Verständnis, dass aus Gründen der besseren Lesbarkeit überwiegend die männliche Form in einem neutralen Aspekt als Personenbezeichnung benutzt wird. Manchmal sind wir davon abgewichen, wenn wir annahmen, dass Ihre Vorstellungen beim Lesen von Genderaspekten beeinflusst sein könnten.
Komplexität anerkennendes Denken macht neugierig, kreativ und kooperativ und aufmerksam gegenüber den Auffassungen anderer. In diesem Sinn wünschen wir Ihnen eine anregende Lektüre.
| Iris Veit, Harald Kamps, Bert Huenges und Torsten Schütte | August 2020 |
1 Einleitung
Hausärztliche Versorgung ist komplex. Dem würden alle tätigen Hausärztinnen und Hausärzte zustimmen. Unser Alltagsdenken neigt zwar dazu, nach einer einzigen Ursache für sich verändernde Situationen zu suchen. Doch eine solche zu finden ist auch in der Medizin selten der Fall. Selbst wenn ein Faktor wie ein Bakterium oder Virus ausgemacht ist, stellt sich die Frage, warum der eine krank wird, der andere aber nicht.
Die Covid-19-Pandemie ist ein Beispiel für Komplexität. Komplexität anerkennende Vernunft würde erfordern, Zusammenhänge zu sehen, Kooperation zu suchen und Respekt vor dem Anderen zu haben. Diesen Gedanken entwickeln wir im ganzen Buch, das vor der Covid-19-Pandemie entstanden ist. Die ersten Erfahrungen mit der aktuellen Pandemie bestätigen uns in unseren Schlussfolgerungen und sollen hier kurz benannt werden.
Weltweit zeigte sie, dass soziale Ungleichheit zu gesundheitlicher Ungleichheit führt, und der medizinische Sektor diese Ungleichheit nicht aufheben, allenfalls mildern kann. In den USA machen Afroamerikaner 13 % der Bevölkerung aus, stellen aber ein Drittel aller Covid-19-Erkrankten. Auch in Deutschland sind Langzeitarbeitslose schwerer erkrankt und hospitalisiert als Beschäftigte. Die Pandemie wirkt wie ein Brennglas, durch das schon vorher bestehende Konflikte deutlicher hervortreten. Wie Bertolt Brecht in der Moritat von Mackie Messer in der Dreigroschenoper dichtete:
»Denn die einen sind im Dunkeln
und die andern sind im Licht.
und man siehet die im Lichte
die im Dunkeln sieht man nicht.«
Die im Dunkeln wurden durch die Pandemie zumindest vorübergehend ins Licht gehoben. Zum Beispiel die Leiharbeiter aus Osteuropa in deutschen Fleischfabriken und auf den Erntefeldern. Die Pandemie beleuchtet auch die technisch und personell unzureichende Ausstattung des öffentlichen Gesundheitswesens und die Notwendigkeit, sein Schattendasein zu beenden. Sie weist auf die Not der Pflegebedürftigen. Die pflegerischen Berufe wurden plötzlich »systemrelevant«. Ob sich die »Systemrelevanz« in einer Tarifbindung dieser Berufe bei allen Trägern, höherem Lohn und besseren Arbeitsbedingungen zukünftig niederschlagen wird, ist noch offen.
Offensichtlich und öffentlich diskutiert wurde, dass marktwirtschaftliche Mechanismen nicht geeignet sind, in Bereichen der Daseinsfürsorge – wie z. B. der gesundheitlichen Versorgung – allen Menschen dienende Lösungen bereitzustellen. Sichtbar wurde das am Beginn der Pandemie in der mangelnden Bevorratung. So hinderte der eklatante Mangel an Schutzkleidung Hausärzte, alte oder behinderte Menschen und chronisch Kranke bei Haus- und Heimbesuchen angemessen zu versorgen. Einige Ärzte bezahlten diesen Mangel mit ihrer Gesundheit. Die Aufgabe der Bereitstellung von Versorgung war auch für den stationären Sektor nicht im Blick. Denn Fallpauschalen honorieren dies nicht. Die Pandemie stellt nicht nur ein durch Fallpauschalen gesteuertes Abrechnungssystem in Frage, sondern auch, ob wir daran festhalten wollen, dass das Trachten nach Gewinn einzelner Investoren über die Mechanismen des Marktes zu verbesserter Gesundheit aller führt. Wie vieler Tote weltweit bedarf es noch, um diese Auffassung zu entkräften? Zumindest wurde auf politischer Ebene ein kleiner, erster Schritt zu zentraler Koordination gemacht, indem ein zentrales Register der Intensivbetten eingeführt wurde. Wie das angesprochene Problem der Bevorratung gelöst wird, und vor allem, wer sie bezahlt, ist noch offen.
Anerkennung der Komplexität würde verlangen, Kooperation und Partizipation zu fördern und auch dem jeweils anderen Wissen und Weisheit zuzusprechen. Auch dies belegte bisher die Pandemie. Die Kooperation der Wissenschaftler und ihrer Institutionen wuchs, um eine globale Bedrohung der Menschheit zu bewältigen, und neue Wege der Zusammenarbeit haben sich entwickelt. Die internationale Kooperation von Regierungen und ihrer Institutionen hinken sowohl auf europäischer als auch auf globaler Ebene hinterher. Komplexität anerkennende Vernunft würde anzuerkennen verlangen, dass das gesundheitliche Wohlergehen jedes Landes auch vom Wohlergehen anderer Länder, unserer unmittelbaren Nachbarn und den Ländern des globalen Südens, abhängig ist.
Komplexität anerkennende Vernunft würde für den hausärztlichen Versorgungsbereich eine enge Verzahnung zwischen den gebietsärztlich tätigen Kollegen aus ambulantem und stationärem Sektor, anderen an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen und der Zivilgesellschaft notwendig machen. Erinnern wir uns an die ansteckende Kreativität der Zivilgesellschaft und die verbreitete Haltung einer Fürsorge für andere am Beginn der Pandemie! Dieses Potential sollte im Blick behalten werden. Die Kommunen und Landkreise und das öffentliche Gesundheitswesen erlangten eine bisher nicht ausreichend wahrgenommene Bedeutung. Eine Lehre daraus könnte sein, dass nur kooperative Strukturen der hausärztlichen Versorgung zukünftig Bestand haben werden. Kooperation kann durch die Möglichkeiten, die die digitalisierte Welt bietet, noch weiter entwickeln werden. Die digitale Technik hat durch die Pandemie einen Schub erhalten, der nicht mehr wegzudenken ist.
Um die Anerkennung von evidenzbasiertem Expertenwissen hat sich eine gesellschaftliche Diskussion entwickelt. Evidenzbasierte Wissenschaft hat öffentliche Anerkennung erfahren, auch wenn nach dem Lockdown narzisstische und nationalistische Tendenzen in der Gesellschaft in den Hygienedemonstrationen sichtbarer wurden und unter dem Schlagwort der Freiheit eine Beliebigkeit gegen evidenzbasierte Fakten setzen wollten. Zur Bedeutung evidenzbasierten Sachwissens äußern wir uns im Kapitel »Choosing wisely«.
Die Zukunft ist zwar unsicher, doch voller Möglichkeiten der Veränderung. Zu welchen vor der Pandemie nicht einmal vorstellbaren Entscheidungen war die Politik fähig – diese Erinnerung wird hoffentlich wirksam bleiben für den Mut, den solche Änderungen erfordern.
In einer komplexen Welt können Situationen verschiedene Zustände annehmen. Weil alle Variablen kreiskausal in Rückkopplungsschleifen miteinander verbunden sind, können winzige Veränderungen weitreichende Folgen haben. Der strapazierte Begriff »multifaktoriell« umschreibt das nicht. Um in Metaphern zu sprechen, bewegen wir uns nicht auf Leitern, die Sprosse für Sprosse (jede Sprosse ein Faktor) nach oben zum Überblick führen, sondern wie eine Kugel in einer Landschaft mit Bergen und Tälern, deren Ruhepunkt ungewiss ist. Anerkennung der Komplexität würde deshalb verlangen, vor eigenen Entscheidungen innezuhalten, abzuwarten und Unsicherheit zumindest eine Zeit lang auszuhalten. Wir sollten unseren Patienten nicht davoneilen, sondern Schritt für Schritt mit ihnen gehen. In der systemischen Therapie gibt es dafür den Begriff des »Pacing«, in der humanistischen Medizin (von Uexküll) den Begriff der »Passung«.
Anerkennung der Komplexität würde vor allem verlangen, Zusammenhänge zu sehen. Wir haben bereits einige Zusammenhänge beschrieben, die diese Pandemie sichtbarer werden lässt. Es ist jedoch unmöglich, Zusammenhänge ausschließlich aus der Perspektive von außen zu erkennen. Versetzen Sie sich in die Lage einer Person, die einen Film betrachtet, in dem sie gleichzeitig Mitspieler ist. Angewandt auf die Rolle des Arztes: er ist gleichzeitig Mitspieler wie Beobachter und schlüpft abwechselnd mal in die eine und mal in die andere Position. In der Außenposition als Beobachter kann er aus der Distanz reflektieren, was ihn und den anderen in der jeweiligen Situation beeinflusst hat. Wer Komplexität anerkennt, ist daher gezwungen, eine selbstreflektierende Praxis zu pflegen. Er muss über sich selbst, seine eigenen Werte und Glaubenssätze, die er im Laufe der eigenen Entwicklung und im Rahmen seiner kulturellen Zugehörigkeit erworben hat, nachdenken. Er müsste die Gefühle und Assoziationen und Körpersensationen wahrnehmen und berücksichtigen, die in der Interaktion mit dem jeweiligen Patienten aufkommen und das weitere Handeln beeinflussen. Für diese Haltung und daraus folgenden Handlungen benutzen wir in diesem Buch den Begriff »Beziehungsmedizin«. Verbunden ist dieser Begriff mit Ansichten verschiedener Denktraditionen. Darin fließen die Konzepte unterschiedlicher Theorien ein: das Konzept von Übertragung und Gegenübertragung (psychodynamische Theorien), das Konzept des Rapports (systemische Sichtweise) und Begriffe der Leiblichkeit, Situation und der Atmosphäre (Neue Phänomenologie) und der Begriff der Resonanz (soziologische Theorie nach Rosa 2016). Das ganze Buch ist durch den Wunsch geprägt, eine selbstreflexive Praxis anregen zu wollen, die wir für unverzichtbar halten, um mit Komplexität umzugehen.
In den ersten Kapiteln beschreiben wir zunächst die Variablen, die das hausärztliche Handeln komplex machen – beginnend mit der Multimorbidität. Aber wir bleiben nicht bei der Beschreibung dieser Variablen stehen, sondern leiten bereits in jedem Kapitel die Konsequenzen ab, die sich für Haltungen und Handlungen bis hin zu verbalen Interventionen ableiten lassen. Daraus ergibt sich der Praxisbezug.
Zunächst zu den Variablen.
Das Komplexe des hausärztlichen Versorgungsauftrags wird allein darin offensichtlich, dass chronisch Kranke multimorbid erkrankt sind und in einer älter werdenden Gesellschaft chronisch und multimorbid Erkrankte zunehmen. Ein ängstlicher Patient mit Diabetes mellitus ohne Selbstvertrauen und ohne optimistische Sicht auf die Zukunft verlangt ein anderes Vorgehen als ein depressiv gestimmter Diabetiker, der eher alle Verantwortung an den Arzt abtreten will, viel Geborgenheit in der Patient-Arzt Beziehung sucht, aber dennoch in seiner Passivität ärztliche Behandlungsmaßnahmen unterläuft. Dies stellt uns vor interaktionelle Probleme, deren Lösung eine langfristige Bindung ermöglichen kann.
Im Umgang mit Multimorbidität sieht der Hausarzt, wie begrenzt seine Spielräume sind: Multimorbidität und chronische Krankheiten überhaupt sind in hohem Maße von gesellschaftlichen Variablen abhängig wie der zunehmenden Aufspaltung der Gesellschaft in Arm und Reich, prekären Lebensverhältnissen und Einsamkeit. Der Hausarzt muss den individuellen Patienten behandeln, aber kann diese Ursachen nur unzureichend beeinflussen. Wie kann er Priorisierung meistern und einen Handlungsplan entwickeln, der den Zielen des Patienten entspricht? Antworten dafür bis hin zu konkreten Formulierungshilfen stellen wir in diesem Kapitel vor.
Weitere Variablen erhöhen den Grad der Komplexität. Krankheit und Gesundheit sind nur im Rahmen der gesamten Lebenswelt der Patienten zu verstehen und zu behandeln. Krankheit und Gesundheit sind nur vor dem Hintergrund des Systems zu verstehen, in dem der Patient lebt. Diesen Kontext berücksichtigt besonders die Allgemeinmedizin, weil hier gleichzeitig Familienmitglieder und Nachbarn betreut werden, Hausbesuche zum Arbeitsfeld gehören und sich die Versorgung auf ein räumlich begrenztes Gebiet, z. B. das Quartier, bezieht. Der Arzt ist Teil dieser Lebenswelt. Das bedarf in besonderer Weise der Reflexion eigener Wertvorstellungen und transparenter Regeln für Gespräche mit mehreren.
Selten wird betrachtet, dass Ärztinnen und Ärzte eigene Gefühle und Wertvorstellungen mitbringen. Diese können die Interaktion zwischen Patienten und Arzt fruchtbar, aber auch dysfunktional gestalten. Die Gefühle der Patienten wahrzunehmen und dysfunktionale Interaktionen zu erkennen, wird bereits in Kommunikationsmodellen berücksichtigt. Wenig berücksichtigt werden die Gefühle, die Ärzte ihrerseits aus ihrer Sozialisation mitbringen und die aus zeitlicher Überforderung und mangelnder emotionaler Unterstützung resultieren. Hierzu zählen Angst und Unsicherheit vor Fehlern, Schamgefühle überhaupt und narzisstische Überhöhung der eigenen Position. Letzteres trägt dazu bei, den Hausarztberuf nicht zu wählen. Unter dem Einfluss negativer Gefühle verordnen Ärzte mehr Medikamente und mehr technische Diagnostik und tragen damit zur Über-, Unter- und Fehlversorgung bei. Selbstreflexion ist ein erster Ausweg und Teil eines Konzeptes der Selbstfürsorge.
Auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gestalten die Komplexität. Hierzu gehören die globalen, durch den Klimawandel geschaffenen und in Gestalt weiterer Pandemien auf uns zukommenden Veränderungen, die knapper werdenden Ressourcen der Zeit, hohe Mobilität, Armut und Arbeitslosigkeit und eine zunehmende Zahl von Patienten aus anderen Kulturen, sowie nicht zuletzt die zunehmende Digitalisierung der Gesellschaft sowie die Entwicklung neuer Versorgungsstrukturen. Viele Hausärzte sehen sich mit Problemen konfrontiert, die aus Umweltzerstörung, Armut, prekärer Beschäftigung, langen Anfahrtswegen zum Arbeitsplatz und der Auflösung von Familienbeziehungen herrühren. Diese sozialen Rahmenbedingungen können sie nicht beeinflussen und mögen sich daher überfordert fühlen. Dennoch wünschen sich Patienten von ihren Hausärzten – und diese haben auch eine bescheidene Macht dazu – die Bedingungen etwas weniger belastend zu gestalten, sei es durch Arbeitsunfähigkeit-Bescheinigungen, Anträge auf Rehabilitationen, Schwerbehinderten-Ausweise, Kuren und ähnliches. Es erscheint uns wichtig, zumindest grob diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu skizzieren.
Die technische Innovation der Digitalisierung hat bereits viel verändert und wird es auch durch die Covid-19-Pandemie weiterhin tun. Sie demokratisiert und erleichtert den Zugang zu medizinischem Expertenwissen für alle Menschen und könnte Kooperation vereinfachen. Sie nährt aber auch die Illusion, dass sich allein durch viele Daten Komplexität reduzieren ließe und eine Medizin, die dem Beziehungserleben und dem Verstehen des Anderen Raum gibt, nicht mehr nötig sei. Sie stärkt die Illusion des Individuums, dass Kontrolle in einer unsicher erlebten Welt möglich sei und macht gleichzeitig seine Kontrolle in umfassender Weise möglich. Hier bieten wir keine Lösungen, sondern Überlegungen an, wie wir nicht nur Opfer dieser Innovation sein können. Wir verweisen auf Apps für Patienten und informative Internetadressen.
Zusätzlich zum Versorgungsauftrag ist der Auftrag der Aus- und Weiterbildung getreten. Die Hausarztpraxis ist zum Lernort geworden. Allgemeinmediziner haben neben ihrer Rolle als Versorger auch die des Lehrenden bzw. Gelehrten (engl. »scolar«) übernommen. Dies macht die Interaktion in der Hausarztpraxis komplexer. Neben dem Sachwissen über die Rahmenbedingungen der Aus- und Weiterbildung wird in diesem Kapitel vermittelt, mit welchen Methoden – zum Beispiel dem Feedback geben – die Interaktionen mit Studierenden und Ärzte in Weiterbildung werden können.
Wie können Hausärzte in dieser komplexen Situation weise Entscheidungen treffen? Hohe sachliche Kompetenz und Partizipation (Einbeziehung des Patienten in die Entscheidungsfindung) sind dazu sehr wichtig. Choosing wisely wird bisher unter dem Gesichtspunkt betrachtet, nicht evidenzbasierte Behandlungsstrategien zu eliminieren. Das ist hilfreich und basal, um Fehl- und Überversorgung zu beschränken, aber nicht allein ausreichend. Ist es ausreichend, wenn Partizipation hinzutritt? Partizipation ist heute zu einem ethischen Grundsatz in der Medizin geworden. Es ist eine gute Entwicklung, sich vom paternalistischen Modell abzuwenden und Patienten nach ihren Zielen und ihrem Weg dorthin zu befragen. Doch muss Partizipation berücksichtigen, dass die Beziehung zwischen Patienten und Arzt asymmetrisch und Macht ungleich verteilt ist. Es ist nicht der Königsweg, Verantwortung an die Patientin zu delegieren und mit der Ablehnung des paternalistischen Modells auch gleichzeitig die ärztliche Fürsorge zu eliminieren. Auf den Weg dahin, Weisheit oder den »guten Hausarzt« zu beschreiben, definieren wir Sach- und technisches Wissen, Erfahrungswissen und Intuition. Hausärztliche Weisheit macht aus, dass er Unsicherheit überhaupt aushalten und interaktionelles Verhalten sich bewusst machen und verstehen kann.
Daraus resultieren folgende Kompetenzen:
• die interaktionelle Kompetenz, die Selbstbeobachtung und -reflexion einschließt,
• die Kompetenz, mit Unsicherheit umzugehen,
• und auch die Kompetenz, unterschiedliche Vorgehensweisen in ihrer möglichen Auswirkung Patienten nahezubringen (Risikokompetenz).
Wie können sich Ärzte befähigen und befähigt werden, Beziehungen zu gestalten, dysfunktionale zu vermeiden, auch langfristig zu begleiten und sich selbst vor Erschöpfung und Zynismus zu bewahren? Die Kompetenz zur Selbstbeobachtung ist dafür wesentlich. Hier greifen wir Aspekte des Lehrbuchs zur psychosomatischen Grundversorgung und das Konzept der Beziehungsmodi (Veit 2018) wieder auf.
Da-Sein, um wahrzunehmen, zu reflektieren und dann zu kommunizieren! Kommunikative Kompetenz ist ein wesentliches Standbein. Kommunikation wird in diesem Kapitel vor allem aus systemischer Sicht betrachtet, Ergänzungen erfolgen aus psychodynamischer und phänomenologischer Sicht (
Kap. 10). Die verbalen Interventionen werden zusammenfassend dargestellt, die der geschilderten Komplexität Rechnung tragen und Hilfe geben, Patientinnen und Patienten in einer Situation der Verunsicherung, die jede Krankheit darstellt, unter Berücksichtigung ihrer Lebenswelt zu begleiten. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem Gespräch und der Sprache. Forschungsergebnisse zur Gesprächsführung werden berücksichtigt.
Ebenfalls sind Strukturen der Praxisorganisation notwendig, um den hausärztlichen Versorgungsauftrag zu erfüllen. Strukturen sind derzeit im Wandel. Bereits jetzt und noch mehr in der Zukunft wird das gesamte Behandlerteam, zu dem die medizinischen Fachangestellten und weitere Berufsgruppen gehören werden, die wesentliche Rolle primärmedizinischer Versorgung spielen. Die klassische, hierarchische Arbeitsteilung ist dafür nicht die Lösung. Deshalb stellt sich jetzt die Aufgabe, die Praxis als eine lernende Organisation zu gestalten, die team- und netzwerkorientiert ist.
In sieben Thesen wird am Ende die Hausarztpraxis der Zukunft skizziert. Welcher strukturelle Wandel steht uns möglicherweise bevor? Wird es den Hausarzt der Zukunft überhaupt noch geben? Oder lassen wir unsere Tätigkeit reduzieren, in einzelne Teile fragmentieren und ermöglichen damit unseren teilweisen Ersatz?
Wir hoffen darauf, dass eine humanistische, beziehungsorientierte und den Kontext berücksichtigende Sichtweise Bestand haben wird.
2 Komplexitätsvariable: Multimorbidität
2.1 Die Zahl chronisch Kranker nimmt zu
Patient mit multiplen chronischen Krankheiten und Adipositas
Der 45-jährige Patient Herr Z. ist extrem übergewichtig mit einem BMI deutlich über 40 kg/m². Er leidet unter Gelenkbeschwerden und Schlafproblemen. Als Folgeerkrankungen bestehen bereits ein Diabetes mellitus, arterieller Hypertonus, koronare Herzkrankheit KHK und ein Schlaf-Apnoe-Syndrom. Chronische Schmerzen unterstützen seinen mangelnden Antrieb zur Bewegung und vermehren in einem Teufelskreis das Übergewicht.
Herr Z. ist arbeitslos. Eigentlich ist er gelernter Bergmann, wegen des Übergewichts (er kann sich kaum die Schuhe zubinden) konnte er seinen Beruf nicht mehr ausüben. Die soziale Ablehnung, die übergewichtige Menschen erfahren, ließ ihn schon vor Jahren keine Arbeit finden. Zwischenzeitlich hat er einen Kiosk aufgemacht. Zeitweilig übermäßiger Alkoholgenuss und Schulden förderten seine soziale Deprivation. Seine Essgewohnheiten werden von Armut beeinflusst: Als Nahrungsmittel werden industrielle Billigprodukte verwendet, die hastig und unachtsam verzehrt werden. Außerdem unterstützt Armut den sozialen Rückzug. Weil passende Kleidung kaum finanzierbar ist, traut er sich nirgendwo hin. Der Arztbesuch ist schon aus diesem Grund für ihn beschämend. So taucht er im »Blaumann« in der Arztpraxis auf.
Er schildert, dass er in seinem Elternhaus gezwungen wurde, den Teller, den der Vater ihm schöpfte, immer leer zu essen, auch wenn es »dicke Bohnen« gab, die er nicht mochte. Dieses Verhalten hat er sein Leben lang beibehalten. Die Essensszene am Mittagtisch ist nur eine von vielen quälenden Taten des Vaters. Der Patient erfuhr körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch in der frühen Kinderzeit. Die Mutter war nicht in der Lage, ihn zu schützen. Der Vater selbst war durch frühe Deprivation im Waisenhaus und durch kriegstraumatische Erlebnisse in der Adoleszenz polytraumatisiert.
Sozialpsychiatrische Interventionen, medikamentöse Behandlung, kontinuierliche Unterstützung im Rahmen der psychosomatischen Grundversorgung durch den Hausarzt und eine spätere, bariatrische Operation mit anhaltender Gewichtsabnahme von 50 kg helfen ihm, sich zu stabilisieren.
Eigentlich müsste Herr Z. mehr als sechs Medikamente einnehmen, zusätzlich fünf Gebietsärzte aufsuchen und an zwei, demnächst drei Disease-Management-Programmen (DMPs) teilnehmen.
Herr Z. ist einer von derzeit 5–7 Mio. Menschen, die an Diabetes mellitus Typ 2 leiden. Nach dem Robert Koch-Institut (RKI) beträgt die Prävalenz 2020 aller Diabetes-Erkrankungen bei den gesetzlich Versicherten 9,4 % (Frauen) bzw. 10,1 % (Männer) (www.diabsurv.rki.de). In 15 Jahren wird sich ihre Zahl um eine Mio. Menschen erhöhen. In diese Zahlen fließt auch ein, dass die Schwellenwerte verändert wurden und zumindest in den USA allein durch diese Veränderung eine Mio. mehr Menschen als Diabetiker betrachtet werden. Dies ist die Prognose trotz hoher Kosten, die für Disease-Management-Programme (DMP), hauptsächlich für das DMP Diabetes mellitus Typ 2, aufgewendet wurden (2009 in Deutschland circa 1,1 Mrd. Euro).
Die Zunahme chronisch Kranker und der Zusammenhang mit der Alterung der Gesellschaft ist belegt. Bis 2050 wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen fast verdoppeln. Bereits jetzt sind die meisten Menschen, die einen Hausarzt aufsuchen, chronisch krank. Geschätzt sind mindestens zwei Drittel aller über 60-jährigen Patienten in Hausarztpraxen multimorbid erkrankt.
Die Definition von Multimorbidität ist nicht eindeutig. Wenn drei chronische Erkrankungen oder mehr bei einem Kranken vorliegen, wird hier von Multimorbidität gesprochen. Die Morbidität definierter chronischer Krankheiten, auch definierter psychischer Krankheiten, wächst. Die Ursachen von Multimorbidität lassen sich nur komplex verstehen.
Chronische Krankheiten nehmen auch zu, weil soziale Ungleichheit und prekäre Lebensverhältnisse zunehmen. Personen mit niedrigem Einkommen haben ein 2- bis 3-fach erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Lungen- und Magenkrebs und Diabetes sowie degenerative Muskel- und Gelenkerkrankungen (Lampert et al. 2018 und Heidemann 2019). Und hier nehmen die Unterschiede noch zu. Die Zunahme chronischer Krankheiten bei Männern ist auf ihren Anstieg in der unteren Einkommensschicht zurückzuführen; bei Frauen steigt der Unterschied zwischen Arm und Reich an, weil die Frauen der höheren Einkommensschicht weniger chronische Krankheiten entwickeln (Hoebel et al. 2018;
Abb. 2.1). Die Arztdichte in einer Region als Maßstab für die Güte der Versorgung ist nicht relevant für die Lebenserwartung, auch die Bevölkerungsdichte nicht. Ausschlaggebend sind Armut oder Reichtum, wie eine Untersuchung der Lebenserwartung nach Landkreisen in Deutschland 2020 bewies (Rau 2020).
Die Prävalenz chronisch psychischer Erkrankungen wird häufig unterschätzt. Nach der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland des Robert Koch-Instituts leiden allein ein Drittel aller Männer und ein Viertel aller Frauen über 60 Jahren an Schlafstörungen. 40 % chronisch somatisch Kranke entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Depression oder andere psychische Erkrankungen (Kruse und Herzog 2013). Mehr noch, die Depression ist auch ein Risikofaktor für erhöhte Mortalität (Nationale Versorgungsleitlinie Unipolare Depression: www.depression.versorgungsleitlinien.de). Menschen mit einer koronaren Herzkrankheit
Abb. 2.1: Lebenszeitprävalenz von Diabetes mellitus, Adipositas und depressiver Symptome bei Frauen in Abhängigkeit vom Einkommen
Die Datenbasis wird durch die »Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland« (DEGS1 www.rki.de) gebildet, die das Robert Koch-Institut im Zeitraum von 2008 bis 2011 durchgeführt hat (n=8152). Die Daten sind für die Gesamtbevölkerung repräsentativ. Die Ergebnisse bei Männern sind ähnlich wie die hier abgebildeten bei Frauen (n: 4106 Diabetes mellitus und n: 3648 Adipositas). Die Untersuchung umfasste Befragungen, Untersuchungen und Tests. Die Daten zur depressiven Symptomatik werden von der Studie Gesundheit in Deutschland GEDA-2014/2015 unterstützt. Hier wurde nicht das Einkommen, sondern der Bildungsstatus bei 12900 Frauen erhoben. Die Erhebung der depressiven Symptome erfolgte in schriftlicher Befragung (PHQ-9)1.
und einer gleichzeitig bestehenden schweren Depression haben ein vielfach erhöhtes Risiko, an einem Herzinfarkt zu versterben. Mangelnde soziale Unterstützung mag ein Aspekt des gesamten Bedingungsgefüges sein.
Das medizinische Versorgungssystem kann besser auf akute Erkrankungen als auf Chronifizierung reagieren. Unsere bisherige Antwort auf die Zunahme chronischer Krankheiten ist die Einführung von Disease-Management- Programmen (DMPs). 2019 hatten sich über vier Mio. Patienten in das DMP Diabetes eingeschrieben. In bisherigen Untersuchungen sind die Effekte eher zurückhaltend bewertet und unsicher. Mortalität und die Prävalenz mikrovaskulärer Komplikationen sind gesunken (mehr Fußuntersuchungen bei den unteren Bildungsschichten), mehr Menschen erreichen einen Zielwert von < 8,5 HBA1c, keine Verbesserungen wurden für Lebensqualität und ökonomische Faktoren nachgewiesen (Robert Koch-Institut 2019, Hagen 2019, Adrion 2016). Doch das Risiko, in den nächsten fünf Jahren einen Diabetes zu bekommen, hat nur für die hohen Bildungsschichten abgenommen (Heidemann 2019).2
Demgegenüber belegen Untersuchungen, dass eine emphatische Patient-Arzt-Beziehung Langzeitkomplikationen des Diabetes mellitus reduzieren hilft (Del Canale 2012); ein Argument dafür, gesundheitspolitisch Hausärzten Raum für beziehungsmedizinisches Handeln zu lassen.
Hausärzte stehen vor dem Dilemma, dass sie den gesellschaftlichen Entwicklungen, die chronische Krankheiten hervorrufen, mit ihren Mitteln kaum begegnen können. Wir wissen, dass angesichts von Armut, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit und einer global agierenden Nahrungsmittelindustrie individuelle Aufklärung und Motivation nur ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Dennoch machen wir uns an die tagtägliche Arbeit. Es gibt auch Erfolge wie z. B. den Rückgang der Sterblichkeit an der koronaren Herzkrankheit und des Dickdarmkarzinoms durch Prävention, und insgesamt sind ältere Menschen gesünder als vor 30 Jahren.
Manche Hausärzte möchten Komplexität vereinfachen. Sie könnten der Gefahr erliegen, chronische Krankheiten als ausschließlich individuelles Problem des einzelnen Patienten zu betrachten, das sich besser lösen ließe, wenn der Patient ärztlichen Anweisungen folgen würde: »Iss weniger und bewege Dich mehr!« Deshalb sei schon an dieser Stelle und ausführlich im Kapitel 5 auf die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen chronischer Krankheiten hingewiesen (
Kap. 5).
2.2 Arbeitslosigkeit, Armut und Einsamkeit machen krank
Wohlstand in Deutschland wirkt sich nicht für alle gleich aus. Arbeitslosigkeit verdoppelt das erwartbare Sterberisiko. Die 14 % der Männer, die zur untersten Einkommens- und Bildungsschicht in Deutschland gehören, haben ein 8-faches Sterberisiko gegenüber der höchsten Einkommensschicht (Grigoriew 2019) und ein Drittel von ihnen wird keine 65 Jahre alt (Lampert 2019). Der Unterschied in der Lebenserwartung beim Vergleich von Personen mit niedrigem und hohem Einkommen in einem der wohlhabendsten Länder der Welt ist bedrückend (
Kap. 5). Besonders bemerkenswert sind Hinweise, dass sich der Unterschied der Lebenserwartung vergrößert hat. Ein Beleg ist dafür der Vergleich jüngerer Geburtsjahrgänge (Nachkriegsjahrgänge) mit weiter zurückliegenden Geburtsjahrgängen (Vorkriegsjahrgänge) (Haan 2019). Gesundheitliche Ungleichheit ist ein Tatbestand.
Wenn Menschen sozial isoliert sind, haben sie ein deutlich höheres Risiko, krank zu werden, und ihre Krankheitsverarbeitung ist beeinträchtigt. Der Risikofaktor »soziale Isolation« muss heute gleichwertig leichtem Rauchen, Hypertonus und Adipositas für die Entstehung der Koronaren Herzkrankheit eingeschätzt werden (Valtorta 2016).
2.3 Multimorbidität verstehen

Abb. 2.2: Ursache von Multimorbidität: ein komplexes Bedingungsgefüge
Pathophysiologische Erkenntnisse helfen, die geschilderten Beobachtungen besser in einen Zusammenhang zu bringen. Chronischer Stress (Hypercortisolismus) – besonders, wenn er früh im Leben erfahren wird – hat neurotoxische Wirkungen auf das Gehirn und damit auf die kreiskausalen Regulationen zwischen Gehirn und Immunsystem. Epigenetische Prozesse spielen dabei eine Rolle. Chronischer Stress fördert die Bildung von Entzündungsmediatoren, die eine große Bedeutung für die Pathophysiologie chronischer Krankheiten haben. Frühkindliche Belastungen und unsichere Bindungserfahrungen beeinflussen spätere Gesundheit oder Krankheit, weil sie sowohl die Immunantwort des jeweiligen Individuums verändern als auch einen riskanten Lebensstil zur Folge haben können. Auch Herr Z. und bereits die Generation vor ihm in seiner Herkunftsfamilie haben komplexe Traumatisierungen erlebt. Inadäquates Krankheitsverhalten trägt zur Chronifizierung bei (
Abb. 2.2).
2.4 Die Bedeutung des Übergewichts – überschätzt?
Herr Z. ist extrem übergewichtig. Unbestreitbar ist, dass eine Vielzahl chronischer Krankheiten mit einem deutlich erhöhten Body-Mass-Index (BMI) einhergehen. Adipositas wird definiert durch einen BMI >30 kg/m². Ein knappes Fünftel der Erwachsenen in Deutschland ist bei Zugrundelegung dieser Definition adipös (Selbstangaben Befragter 2017), ein knappes Viertel nach erhobenen Messdaten des Robert Koch-Instituts von 2011 (Schienkewitz et al. 2017 und Lampert 2019).

Abb. 2.3: Prävalenz der Adipositas bei Frauen in Abhängigkeit vom Alter und Einkommen in % Für alle untersuchten Frauen steigt Adipositas mit dem Alter – in der höchsten Altersgruppe beträgt der Unterschied zwischen arm und reich mehr als 30 % (Daten nach Bundesgesundheitsblatt 5/6 2013).
Während Adipositas bei älteren Frauen (bis 69 Jahren) leicht rückläufig ist, hat sie bei jungen Erwachsenen und Kindern und Jugendlichen deutlich zugenommen (Mensink et al. 2013). Ob der Body-Mass-Index überhaupt eine Größe ist, die krankheitsrelevant ist, wird zumindest in der Praxisempfehlung der DEGAM zur Adipositas infrage gestellt, weil er Fettanteil und -verteilung nicht berücksichtigt. Ist der Taillenumfang nicht relevanter? Vergessen werden sollte nicht: Moderates Übergewicht (bis BMI 30 kg/m²) ist ein Schutzfaktor bei einer Vielzahl schwerwiegender Erkrankungen. Leicht lässt sich Adipositas der mangelnden Selbstdisziplin eines Individuums zuschreiben, dem vielleicht noch durch Aufklärung beizukommen ist. Auf komplexere Zusammenhänge verweist bereits, dass die Prävalenz der Adipositas wesentlich geringer ist bei Personen mit hohem sozio-ökonomischen Status (Lampert et al. 2013;
Abb. 2.3).
Adipöse Patienten erleben sich gesellschaftlich stigmatisiert und diskriminiert. Eine adipöse Patientin berichtete, dass sie sich in der Öffentlichkeit nicht mehr traue, ein Eis zu essen angesichts der sie verurteilenden Blicke der Passanten – die Stigmatisierung ist ein Grund für sie, sich für eine bariatrische Operation zu entscheiden. Adipöse Patienten fühlen sich oft auch von ihren Ärzten respektlos behandelt. Weil auch wir Hausärzte von gesellschaftlichen Normen beeinflusst sind, sollten wir unsere Haltung gegenüber Übergewichtigen hinterfragen. Bei keiner anderen Krankheit ist der Einfluss der Nahrungsmittelindustrie so offensichtlich: Fett in Lebensmitteln wurde durch Zucker ersetzt. Die schädliche Zuckerkonzentration im Lebensmittel wird unter dem Label des »Light-Produktes« verborgen. Herr Z. denkt erst gar nicht über Light-Produkte nach; er kauft bei knappem monatlichen Grundeinkommen Billigprodukte ein und, weil er allein lebt, überwiegend industrielle Fertigprodukte.
Die Politik unternimmt wenig und überlässt scheinbar demokratisch fast alles dem Individuum. Wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist, melden sich wieder Industrien, jetzt mit Formula-Diäten, deren langfristiger Erfolg nicht bewiesen ist.
Bariatrische Operationen zeigen bessere Langzeitergebnisse. Trotz erheblichen Risikos forcieren manche Patientinnen diese Eingriffe. Traumatische Erfahrungen in der Lebensgeschichte ist oft der Hintergrund für dieses Verhalten. Aufklärung über gesunde Ernährung ist oft nicht ausreichend. Eine psychotherapeutische Behandlung sollte neben ernährungsmedizinischer Aufklärung eine weitere Voraussetzung vor einem solchen Eingriff sein. Eine begleitende Betreuung im Rahmen einer hausärztlichen psychosomatischen Grundversorgung ist unerlässlich.
2.5 Komplexe Differentialdiagnostik und Behandlung ist anspruchsvoll
Ist Herr Z. antriebslos, weil er depressiv ist, weil das Schlaf-Apnoe-Syndrom nicht behandelt ist oder weil er herzinsuffizient ist? Liegt es an der Armut, den Blutdruck senkenden Medikamenten oder gibt es noch mehr mögliche Überlegungen? Eine hohe differentialdiagnostische Aufgabe stellt sich, im Einzelfall zu entscheiden, was der jetzt maßgebliche individuelle Grund für Müdigkeit, Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit ist.
Bei Erschöpfung und herabgesetzter Stimmung können z. B. vorliegen:
• eine depressive Störung,
• körperliche Erkrankungen wie z. B. die Hypothyreose besonders im Alter, ein Schlaf-Apnoe-Syndrom, Infektionen, Anämien, Multiple Sklerose und vieles mehr,
• weitere oder andere psychische Erkrankungen wie z. B. Essstörungen, Süchte und Substanzabusus, Angststörungen mit sozialem Rückzug,
• oder eine Folge oder Anpassungsstörung an chronische Krankheiten oder schweren Verlust:
• Trauer über den Verlust körperlicher Integrität,
• soziale Auswirkungen der Krankheit (Armut, Arbeitslosigkeit, Einsamkeit)
• oder Nebenwirkungen von Medikamenten wie z. B. Beta-Blockern, trizyklische Antidepressiva, Neuroleptika und Anti-Parkinsonmitteln.
Hinweise zur Abgrenzung der verschiedenen Ursachen und psychosomatischen Differentialdiagnostik gibt die DEGAM-Leitlinie Müdigkeit (Baum et al. 2017).
Menschen mit im ICD-10 definierten chronisch somatischen Krankheiten leiden sehr viel häufiger an einer Depression als die Durchschnittsbevölkerung (NVL Unipolare Depression3).
Für Hausärzte ist die naheliegende Aufgabe, bei der Betreuung chronischer Kranker an das Vorliegen einer Depression zu denken und sie aktiv – zum Beispiel im Rahmen von allen DMP-Untersuchungen – zu erfragen, um entsprechende Behandlungspfade einschlagen zu können.
Die Allgemeinmedizin ist nicht krankheits-, sondern patientenorientiert. Wir arbeiten nicht nur Algorithmen ab – so wichtig dies auch ist. Auch wenn wir Hausärzte solche Algorithmen wie z. B. den Marburger Herz-Score zu Hilfe nehmen, geht es letztendlich immer darum, ein individualisiertes Behandlungsprogramm zusammen mit dem Patienten zu entwickeln. Diese komplexe und spannende Aufgabe macht den Reiz des Hausarztberufes aus.
2.6 Der Anpassungsprozess
2.6.1 Phasen der Anpassung
Eine chronische Erkrankung ist ein Einschnitt in das bisherige Leben, der für jeden Menschen Verlust, Verunsicherung und Bedrohung bedeutet und das Selbstwertgefühl sowie das Bedürfnis nach Selbstkontrolle beeinträchtigen kann. Das Selbstwertgefühl kann verletzt werden, weil die Krankheit die soziale Stellung, berufliche Tätigkeit, Partnerschaft und Attraktivität gefährdet. Das Bedürfnis nach Selbstkontrolle kann beeinträchtigt sein, weil die Krankheit bisherige Lebenspläne in Frage stellen kann und Entscheidungsspielräume des Kranken so einengt, dass dieser sich der Krankheit ausgeliefert fühlt. An die Veränderungen, die eine chronisch körperliche Erkrankung mit sich bringt, muss sich der Patient anpassen. Dieser Prozess dauert lange und ist durch verschiedene Phasen gekennzeichnet. Am Anfang kann der Patient die Krankheit und ihre Folgen überhaupt verleugnen. Danach ist er hin- und hergerissen zwischen Verleugnung und Akzeptanz und feilscht mit dem Arzt. Jedenfalls sollte der Hausarzt seinen Patienten Zeit geben.
Wie gut Anpassung gelingt, ist davon abhängig, ob der Patient in seinem frühen Leben eine grundsätzliche Zuversicht hat gewinnen können, dass sich Dinge gut entwickeln werden. Hat der Patient in seiner Herkunftsfamilie eine Gelassenheit im Umgang mit Schwerem lernen können oder nicht; oder wurde zügig zu Medikamenten gegriffen, auch wenn es nur Globuli waren? Besonders geprägt ist der Anpassungsprozess davon, ob der Patient über gute soziale Beziehungen heute verfügt. Ein solches Wissen sollte den Hausarzt dazu bewegen, sich für Herkunft und das aktuelle Beziehungsgefüge zu interessieren und im Behandlungsplan auf die Förderung sozialer Bindungen Wert zu legen. Wie ein jeder mit Schwerem umgeht, ist veränderbar und keine in die Wiege gelegte Gabe.
2.6.2 Jeder reagiert unterschiedlich
Der eine mag Krankheit ausschließlich als bedrohliche Zukunft sehen: »Es wird bestimmt schlimm ausgehen!«; der nächste als gerechte oder ungerechte Bestrafung, die er entweder verdient oder die schicksalhaft über ihn gekommen ist. Ein anderer mag seine Krankheit als Kränkung betrachten. Er schämt sich über seine nun offensichtliche Verletzlichkeit wie er überhaupt das Älterwerden leugnen will. Ein zwanghaft strukturierter Patient wird seine Krankheit als Kontrollverlust betrachten und als »das Böse«, das nun im eigenen Körper festsitzt und über das wieder Kontrolle gewonnen werden muss. In jedem Fall sollte sich der Hausarzt dafür interessieren, welche Bedeutung der jeweilige Patient seiner Erkrankung gibt, und welche inneren Bilder er dafür hat. Denn diese werden seinen weiteren Umgang mit der Krankheit bestimmen (
Kap. 9). Die meisten Menschen haben bereits Schweres erlebt und haben im Umgang damit ihre Widerstandskraft bewiesen und Anpassung geleistet. Daran kann der Hausarzt anknüpfen und beitragen, dass Leistungen der Vergangenheit auch heute nützlich werden.
2.6.3 Konflikte mit ärztlichen Wertvorstellungen
Das Leitbild eines unter widrigsten Umständen Haltung bewahrenden Kranken, der aktiv seine Probleme löst, ist ein durch Normen unserer Gesellschaft geprägtes Leitbild. Es ist auch unter Ärzten weit verbreitet. Sie könnten in Resignation oder Respektlosigkeit gegenüber dem Patienten verfallen und sich als Handlanger wirtschaftlicher Interessen benutzen lassen, anstatt sich die eigenen Wertvorstellungen zu vergegenwärtigen. Wie schon am Beispiel des Herrn Z. beschrieben, zeigen Menschen der unteren Einkommensschicht häufig ein inadäquates Krankheitsverhalten. Respektvoll gegenüber dem Patienten zu bleiben und gemeinsam an der Priorisierung von Zielen zu arbeiten, die mit Wunsch des Patienten nach Erhaltung von Selbstständigkeit und sozialer Teilhabe vereinbar sind, ist nicht leicht.
2.7 Priorisierung bei Multimorbidität
Im Fallbeispiel des Herrn Z. hatte die Hausärztin aus ihrer Sicht das extreme Übergewicht als vorrangig erachtet, für den Patienten dagegen stand seine soziale Lage und seine Antriebslosigkeit im Vordergrund. Die voreilig dem Patienten unterbreitete ärztliche Behandlungsstrategie führte zunächst dazu, dass der Patient für Monate die Praxis mied.
Empfohlene Behandlungsstrategien bei Multimorbidität können widersprüchlich sein und Patient und Hausarzt überfordern. Polypharmakotherapie kann unüberschaubare Interaktionen bergen – der Hausarzt sollte daher begründet weglassen. Er sollte die tatsächlich verwendeten Medikamente überprüfen und von Zeit zu Zeit gemeinsam mit dem Patienten die angesammelten Medikamentenpackungen sortieren. Warum hat der Patient die Medikamente nicht oder nicht korrekt eingenommen? Der Hausarzt sollte Missverständnisse annehmen oder an kognitive Einschränkungen denken, nochmals aufklären und Hilfestellungen für den Patienten vorschlagen.
Doch wenig Gesichertes existiert, um Hausärzten bei dieser schwierigen Aufgabe zu helfen. Die Gefährdung von Selbstständigkeit und Autonomie gilt heute als abwendbar gefährlicher Verlauf und Teilhabe am sozialen und Familienleben als wichtiger Wert. Diese Wertung kann dabei helfen, die richtigen Prioritäten zu setzen.
Hilfreiche Leitlinien:
DEGAM-Leitlinie Nr. 20. Multimorbidität. S3-LeitlinieAWMF-Register-Nr. 053-0474 DEGAM S1 – Handlungsempfehlung Medikamentenmonitoring5
Ziele zu priorisieren und zu vereinbaren und Medikamentenpläne zu erstellen, kostet Zeit, zumal getroffene Entscheidungen immer wieder der Überprüfung bedürfen. Manches kann der Hausarzt im Rahmen der DMPs an sein Team delegieren. Manches wird zukünftig ein digitales Programm übernehmen, das Patienten die Fragen stellt, die sich aus Algorithmen ergeben. Hilfreich ist, dass sich der Hausarzt in regelmäßigen Abständen für einen ausführlichen Bilanzierungsdialog Zeit nimmt (Bahrs 2011).
2.8 Reflektierende Praxis: Haltungen und Interventionen
Alle unsere Interventionen sollen dazu dienen, die Selbstwirksamkeit der Patienten zu erhöhen und ihnen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Für das Gelingen bietet die hausärztliche Arbeitsweise wichtige Voraussetzungen: Unsere Beziehung zu den Patienten ist auf eine langanhaltende Betreuung angelegt und bezieht das familiäre und nachbarschaftliche Umfeld der Patienten mit ein (
Kap. 3). Eine langanhaltende Beziehung ist geeignet, Mortalität und Morbidität zu senken (Pereira et al. 2018) – ein weiterer Grund, Hausärzte als erste Ansprechpartner bei chronischen Krankheiten zu wählen.
Das würden Hausärzte noch fördern, wenn sie
• die Widerstandskräfte ihrer Patienten in den Blick nehmen und deren bisherige Leistungen wertschätzen
• und die Ziele ihrer Patienten erfragen und mit dem, was Evidenz basiert empfohlen wird, abgleichen.
Ein individualisiertes Behandlungsprogramm zu entwickeln, das der Patient als sein eigenes Programm erkennt, ist mehr als die Abhandlung von Algorithmen. Dazu benötigt der Hausarzt die Kompetenz, immer wieder in eine beobachtende Position zu gehen: »Wie erlebt sich der Patient und wie erlebe ich mich selbst?«. Außerdem sind für dieses ambitionierte Projekt Rückmeldungen aus Erhebungen hilfreich, in wieweit er evidenzbasierte Zielsetzungen überhaupt erreicht hat. »Wie viele meiner Patienten erreichen zum Beispiel den gewünschten HBA1c-Zielwert, und wer nicht?« Auch das gehört zu einer selbstreflexiven Praxis des Hausarztes.
2.8.1 Ressourcen Orientierung
Wir Ärzte neigen dazu, ausschließlich das Pathologische zu erfragen und daraus eine Diagnose zu konstruieren. Erkenntnisse der Salutogenese-Forschung (Was hält uns gesund?), die mit den Holocaust Überlebenden Aaron Antonovski und Victor Frankl begonnen hat, sollten uns bewegen, die Blickrichtung zu ändern. Was könnten wir z. B. bei dem oben genannten Patienten Z loben? Zum Beispiel seinen Mut, bereits mit 17 Jahren das Elternhaus zu verlassen und für sich selbst zu sorgen, die Disziplin, eine Ausbildung zum Bergmann erfolgreich abzuschließen und seinen Wunsch nach Änderung, der ihn jetzt zur Hausärztin führte. Motivation zu einer gesunden Lebensführung ist erfolglos, wenn Drohungen ausgesprochen werden wie zum Beispiel: »Sie werden noch im Rollstuhl enden!« und düstere Szenarios an die Wand gemalt werden. »Nie wieder!« Ziele funktionieren meistens nicht. Erfolgversprechender ist es, mit dem Patienten darüber zu sprechen, was er gerne macht oder früher gerne gemacht hat, oder wo er schwierige Situationen gemeistert und etwas verändert hat. Und noch größer sind die Erfolgsaussichten, wenn der Arzt dazu ein Lob ausspricht. Gute innere Bilder halten gesund (
Tab. 2.1,
Tab. 2.2)!
2.8.2 Ziele klären und Ambivalenzen zu diesen Zielsetzungen
Was sind die Ziele, die der Patient für wichtig hält, oder welche er gegeneinander abwägt? Wie kann der Hausarzt sie zum Thema des Gesprächs machen? Folgende Fragen bieten sich an:
• »Woran würde andere Ihre Veränderung merken?«
• »Was wäre anders, wenn Sie diese Beschwerden nicht hätten?«
• »Was spricht dagegen, jetzt schon die Änderung vorzunehmen?« (zu zirkulären und zukunftsorientierten Fragen
Kap. 10)
Tab. 2.1: Verbale Interventionen im Umgang mit chronisch Kranken

InterventionenErläuterung
Tab. 2.2: Weitere Bausteine der Behandlung

BehandlungsbausteineErläuterung
Was kann man unter einem Wahrnehmungstraining verstehen? Zum Beispiel Schmerz-Tagebücher, in die notiert wird, wann und in welcher Situation der Schmerz geringer war. Sehr empfehlenswert, insbesondere bei missmutig gestimmten Patienten oder Patienten mit Schlafstörungen, ist das »Freudetagebuch«: »Wahrnehmung ist stimmungsabhängig und nicht immer objektiv. Hat sich jemand ein grünes Auto gekauft, dann ist seine Welt voller grüner Autos. Wenn man schlecht gelaunt ist, nimmt man nur das wahr, was zu dieser Stimmung passt. Doch Wahrnehmung kann man trainieren und umgekehrt dadurch die Stimmung verändern. Schreiben Sie in Ihrem Bett vor dem Einschlafen fünf Erinnerungen des Tages in ein kleines Buch, bei denen Ihnen Gutes widerfahren ist: Ein gutes Telefonat mit der Tochter, ein leckeres Essen, jemand hat Sie gelobt, Sie haben sich etwas Gutes gegönnt etc. Es dürfen mehr Erinnerungen sein, aber nicht weniger. Erst dann dürfen Sie einschlafen.« Ein solches Tagebuch sollte mindestens vier Wochen geführt werden.
Weitere Behandlungstechniken kann der Hausarzt von psychotherapeutischen Methoden übernehmen und in seinen Behandlungsalltag einbauen. Imaginative Fähigkeiten besitzt jeder Patient und mancher wendet sie an, zum Beispiel der Schutzengel, der am Rückspiegel des Autos befestigt ist. Werbung nutzt diese Fähigkeit und auch die Sportpsychologie. Der Hausarzt kann anregen, dass der Patient seine imaginativen Fähigkeiten bewusst nutzt. Hierzu zählen Gedankenstopp-Techniken oder der Einsatz von Symbolen, damit der Patient unterstützt und ermutigt wird, seine Ziele zu erreichen. Die hypnosystemischen und Trauma-Therapeuten halten eine Vielzahl bewährter Imaginationen bereit (Reddemann 2016).
Die Anregung einer gestuften Konfrontation mit einer angstauslösenden Situation wurde unlängst als wirksam in hausärztlichen Praxen überprüft (Gensichen 2019).
2.9 Strukturelle Voraussetzung: Kooperation und vernetztes Arbeiten
Die gute Versorgung chronisch Kranker stellt strukturelle Anforderungen an eine Hausarztpraxis. Die Entwicklung der digitalen Techniken lässt auf Möglichkeiten zur besseren Kommunikation zwischen ambulantem und stationärem Sektor hoffen. Die Hausarztpraxis sollte in ein Netzwerk kooperierender Gebietsärzte und ihrer Teams eingebunden sein, zu dem neben Psychiatern auch ärztliche und psychologische Psychotherapeuten gehören sollten.
Primärmedizinische Organisationsformen – seien es eine Einzelpraxis, Gemeinschaftspraxis oder ein medizinisches Versorgungszentrum – bedürfen der Kooperation mit Physio-, Ergo- und Soziotherapeuten und psychosozialen Einrichtungen. Neue Formen der Kooperation auf Ebene der Kommune oder des Quartiers sollten entwickelt werden.
Wie viele Ärzte auch immer in einer primärmedizinischen Versorgungseinheit, möglicherweise sogar im Schichtdienst, zusammenarbeiten, eine dauerhafte personale Beziehung zwischen einem hauptsächlich betreuenden Arzt und seinem Patienten sollte gewährleistet sein. Dieser Arzt sollte alle geplanten Gespräche mit dem Patienten durchführen. Andernfalls wird bereits auf struktureller Ebene ein wichtiges Werkzeug der Behandlung aufgegeben.
Bei der Versorgung chronisch Kranker ist das ganze Team der Praxis gefordert. Eine nachvollziehbare Dokumentation ist nötig, allein schon wegen Urlaubs- und Krankheitsvertretung und Akutkonsultationen. Damit das Potential der Medizinischen Fachangestellten (MFA) zur Versorgung genutzt werden kann, z. B. im Case-Management, müssen hierarchische Strukturen abgebaut, Qualifikation aller Beteiligten verbessert werden und eine transparente Aufgabenzuweisung erfolgen (
Kap. 11).
1 https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_03_2017_Praevalenz_Depressive_Symptomatik.pdf?__blob=publicationFile
2 https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/JoHM_02_2019_Neue_Ergebnisse_Diabetes_Surveillance.pdf?__blob=publicationFile
3 https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/nvl-005l_S3_Unipolare_Depression_2017-05.pdf
4 https://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S3-Leitlinien/053-047_Multimorbiditaet/053-047l_%20Multimorbiditaet_redakt_24-1-18.pdf
5 https://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/S1-Handlungsempfehlung/S1-HE_Medikamentenmonitoring_Langfassung_201406.pdf
3 Komplexitätsvariable: Familienmedizin
3.1 Ärzte sind Teil eines komplexen Beziehungsgefüges
Meistens sitzt vor uns ein einzelner Patient, der ein Anliegen hat, das er ausdrücklich oder nur undeutlich formulieren kann. Hinter ihm stehen virtuell seine Eltern, sein Ehepartner, seine Kinder, Großeltern, vielleicht auch Nachbarn, Arbeitskollegen und Vorgesetzte. Der Patient ist immer Teil sozialer Systeme; die Familie ist das den Ausschlag gebende. Der Patient lässt sich nur im Kontext seiner Herkunftsfamilie und seiner gegenwärtigen Familienstrukturen und weiterer sozialer Systeme angemessen verstehen. Philosophische Denkrichtungen prägten dafür den Begriff der Lebenswelt (Dilthey, Husserl). Dies ist im letzten Jahrhundert auch zu einer theoretischen Gewissheit in der Medizin geworden. Dazu haben die Psychoanalyse und ihr Konfliktmodell beigetragen. Es betrachtet die inneren Konflikte des Individuums als Folgen von Konflikten zwischen den Generationen, zwischen den primären Bezugspersonen, meistens den Eltern, und ihrem Kind. Nicht zuletzt hat dazu die systemische Familientherapie beigetragen, die auf mathematischen und biologischen Modellen des vergangenen Jahrhunderts aufbaut. Hier wird die Familie als offenes, soziales System verstanden, deren Funktion sich in unterschiedlichen Subsystemen wie dem Sub-System Eltern und dem Sub- System Geschwister vollzieht (Minuchin 1988). Die Strukturen befinden sich in einem fortgesetzten Muster der Bewegung. Kein Teil kann sich verändern, ohne die anderen Teile zu beeinflussen.6
Nicht zuletzt hat dazu auch die epidemiologische Forschung beigetragen, die das Ausmaß emotionaler Vernachlässigung, körperlicher und sexualisierter Gewalt in der Kindheit (www.mikado-studie.de) und ihre Auswirkungen auf die Entstehung von chronischen Krankheiten und somatoformer Körperbeschwerden (Felliti 2002) belegt. Epigenetischer Forschung zufolge können traumatische Erfahrungen transgenerational weitergegeben werden.
Dass das Individuum als Gewordener und Handelnder als Teil eines Systems oder – anders formuliert – seiner Lebenswelt zu verstehen ist, ist für Ärzte aller Fachrichtungen von Bedeutung. Familienanamnese würde daher mehr bedeuten, als den Patienten nur als Träger biologischer Eigenschaften zu verstehen. Alle Ärzte sollten daher in ihrer Familienanamnese neben der spezifischen Krankheitsanamnese auch die psychosozialen Strukturen der Herkunftsfamilie und gegenwärtige Bezugspersonen berücksichtigen. Für Allgemeinmediziner kommen jedoch Besonderheiten hinzu:
• Sie behandeln gleichzeitig mehrere Mitglieder derselben Familie. Überwiegend wählen Familien in Deutschland eine gemeinsame Hausarztpraxis. Ärzte werden daher von verschiedenen Individuen verschiedene Geschichten hören und damit unterschiedliche Bedeutungen, die der jeweilige Patient aus seiner Sicht dem gleichen Geschehen erteilt.
• Sie betreuen Patienten im longitudinalen Verlauf oft über mehrere Jahrzehnte und erleben mit ihnen den Prozess der dauernden Bewegung der Familienstrukturen. Sie betreuen am Beginn ihrer Praxistätigkeit den Jugendlichen, der im weiteren Verlauf heiratet, sich eventuell scheiden lässt, dessen Kinder ebenfalls in der Praxis betreut werden und vielleicht weiterhin die Eltern, die nun Rentner sind oder deren Sterben sie schließlich begleiten. Familienstrukturen sind in Bewegung, Änderungen sind häufig mit Krisen verbunden und die Hausärzte sind beobachtende Teilnehmer.
• Bei ihrer Hausbesuchstätigkeit stellen sich ihnen in einer Szene die Beziehungsstrukturen der Familie und nicht zuletzt der soziale Hintergrund dar. Solche Beobachtungen eröffnen sich selbstverständlich nicht nur beim Hausbesuch, sondern auch beim gemeinsamen Auftreten zum Beispiel von Ehepaaren oder Müttern und Vätern mit ihren Kindern in der Praxis. Möglicherweise wohnen die Ärzte im selben Quartier, wo sich auch die Praxis befindet. Sie treffen Patienten am Elternsprechtag der Schule, im Supermarkt, im Sportverein. Sie erhalten dadurch Informationen über die Lebenswelt der Patienten, die ihnen der jeweilige Patient vielleicht gar nicht erzählen wollte und konnte, die aber dennoch ihre Wahrnehmung und Gefühle beeinflussen. (Umgekehrt nehmen auch Patienten Tatsachen der Lebenswelt der Ärzte wahr, die diesen peinlich sein könnten, weil sie in den Augen der Patienten ein ärztliches Ideal-Bild ankratzen könnten.)
Die wissenschaftliche Allgemeinmedizin hat dafür den Begriff der erlebten Anamnese geprägt.
Entsprechend dieser Besonderheiten hat sich die deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin umbenannt in »Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin« und den Arbeitsauftrag formuliert: »…die haus- und familienärztliche Funktion – insbesondere Betreuung des Patienten im Kontext seiner Familie oder sozialen Gemeinschaft, auch im häuslichen Umfeld (Hausbesuch)«. Die Aufgabe ist benannt.
3.2 Die Patient-Arzt-Beziehung erweitert sich zur Patient-Familie-Arzt-Beziehung
Damit wird die Funktion des Hausarztes noch komplexer. Sie wird nicht nur komplexer, weil Familienstrukturen einem zeitlichen Wandel unterlegen sind, die »Normalfamilie« seltener wird und bunte Familienbilder von Paaren ohne Kinder, Singles, Alleinerziehenden, gleichgeschlechtlichen Paaren und Wohngemeinschaften entstanden sind. Komplexer wird es vor allem, weil der Arzt Teil des Systems Familie wird – ob er will oder nicht – und nicht nur Beobachter aus der Distanz bleiben kann. Die Beziehung Patient-Arzt erhält die Dimension Patient-Familie-Arzt. Im Vergleich mit der Behandlung eines Einzelnen wird das Spektrum möglicher Erwartungen, die der Patient dem anderen zuschreibt (Übertragungenbertragungen), erweitert. Als Reaktion darauf kann der Hausarzt mehr als andere Ärzte zum Mitspieler, der sich mit einem Familienmitglied verbündet, oder zum vermeintlichen Regisseur der Familieninszenierung werden; er kann Richter oder Detektiv sein, oder manchmal auch zum angeklagten Opfer gemacht werden. Schon diese Rollen-Metaphern verweisen auf einen Raum, in dem es um Beweise, Urteile und Strafen geht und in dem der Arzt die Rolle des Richters oder des Mitschuldigen zugewiesen bekommen kann. Diese Metaphern verweisen darauf, dass in Familien häufig Schuld- und Schamkonflikte wirken, in die der Arzt einbezogen wird. Zum Beispiel erhebt in der Sprechstunde ein Familienmitglied Vorwürfe und Anklagen gegen ein anderes Familienmitglied, manchmal auch in dessen Beisein. Oder der Arzt sieht sich mit Vorwürfen konfrontiert, an Eheproblemen mitschuldig zu sein – weil der Mann den Eindruck hat, seine Frau habe sich, beeinflusst durch die ärztliche Behandlung, von ihm entfremdet. Ob solche Zuweisungen funktionieren, hängt auch von der Bereitschaft des Arztes ab, die zugewiesene Rolle zu übernehmen, anders formuliert von seiner Resonanz. Diese Implikationen der Familienmedizin sind für die Allgemeinmedizin noch nicht ausreichend reflektiert und werden im Folgenden beschrieben.
3.3 Familienkonflikte
Die perfekte Familie – Schamkonflikte
Der immer sehr selbstbewusst und charmant auftretende 50-jährige Mann arbeitet auf der mittleren Führungsebene eines Software-Unternehmens, ist verheiratet und hat zwei adoleszente Kinder. Er hat im frühen Erwachsenenalter einen Herzinfarkt erlitten, der in der ihn auch jetzt behandelnden Praxis erkannt und als Notfall erfolgreich stabilisiert wurde. Er stellt sich auch trotz der Erkrankung als erfolgreich und unabkömmlich im Beruf und als fürsorglicher und verantwortlicher Familienvater und Ehemann dar, der alles im Griff hat. In sein Bild von Perfektion gehört auch der Mythos der perfekten Familie.
Seine gleichzeitig in der Praxis behandelte Ehefrau, nicht berufstätig, tritt eher zurückhaltend und unsicher auf; ihre Beratungsanlässe erschienen der Ärztin eher als Bagatellen. Dies ändert sich erst, als die Patientin wegen eines Panikanfalls und nachfolgender stationärer Behandlung wieder in der Sprechstunde erschien. Jetzt gewann die Patientin für die behandelnde Ärztin, die immer stolz auf die »Rettung« des Ehemanns war, mehr Bedeutung, und erhielt mehr zeitliche Zuwendung seitens der Ärztin. Die Verschiebung von Aufmerksamkeit und Bedeutung schien den Ehemann erheblich zu kränken und ihn neidisch und eifersüchtig zu machen. Er schien zu befürchten, dass in den Gesprächen mit der Ehefrau Dinge zu Tage treten könnten, die am Mythos der perfekten Familie kratzen und ihn in den Augen der Ärztin beschämen könnten. Die Ärztin führte das auf seine Angst zurück, dass seine Ehefrau größere Selbstständigkeit gewinnen könnte, die das bisherige Konstrukt des Zusammenlebens in Frage stellen würde. Zu einer Aussprache darüber kam es nicht. Die Beziehung zur Ärztin wurde seinerseits kühler und noch konfliktreicher. In trotziger Haltung lehnte er sogar notwendige kardiale Kontrolluntersuchungen ab. Dies mag auf seine narzisstische Krankheitsverarbeitung zurückzuführen sein, aber kann auch als Reaktion auf die verschobenen Gewichte der Zuwendung und als Scham-Wut und trotziger Protest gegen die Bevorzugung der Ehefrau verstanden werden. Er gefährdete sich damit selbst in erheblichem Ausmaß.
Wie das Beispiel zeigt, kann verschobene Zuwendung bisherige Gleichgewichte in der Familie beeinflussen; verschiedene Mitglieder können um die ärztliche Aufmerksamkeit ringen, und ärztliche Interventionen gegenüber dem Einen haben Folgen für die Beziehungsgestaltung zum anderen. Auch Gender-Aspekte spielen eine Rolle. In eine Hausärztin kann sich der männliche Patient verlieben und umgekehrt; Eifersucht kann in der Ehefrau entstehen und zur Beeinträchtigung ihrer Beziehung zur Behandlerin führen.
Auch Hausbesuche können Schamkonflikte hervorrufen, weil sie einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen. Nicht immer ist ein solcher Blick erwünscht. Naheliegende Konsequenz wäre, Hausbesuche anzukündigen und die Einwilligung der Betroffenen immer einzuholen.
Schamkonflikte bei Hausbesuchen
Ein Angehöriger eines alten Ehepaares forderte einen Hausbesuch ein, weil er sich Sorgen um den dementiellen, deutlich älteren Ehemann machte. Der Hausärztin schien die Ehefrau den 1950er Jahren entsprungen zu sein, immer sehr gepflegt mit hochtoupierter, schwarz gefärbter Frisur. Sie willigte in den Hausbesuch ein, ohne sich der Zustimmung der Ehefrau versichert zu haben. Sie fand die Ehefrau in einem für sie ungewöhnlichen Zustand des bisherigen Arrangements mit aufgelöstem Haar und unaufgeräumtem Haus vor. Die Ehefrau wandte sich brüsk gegen diesen Besuch. Die Hausärztin nahm sich vor, nie wieder, außer im Notfall, ohne Rückversicherung bei den Betroffenen einen Hausbesuch durchzuführen.
Die Sorge der Hausärztin blieb, dass Schamgefühle der Ehefrau die Betreuung des Ehemanns beeinträchtigen könnten.
Wer ist schuld?
Eine ca. 35 Jahre alte Patientin stellt sich erstmals mit einer Vielzahl körperlicher Beschwerden vor. Auffällig ist, dass sie schon in den ersten Sätzen vorbringt, dass ihre Symptome stressbedingt seien. Im Verlauf des Erstgesprächs schildert sie eine häusliche Szene, die dem Besuch in der Praxis vorausgegangen ist. Der Ehemann habe sie aufgefordert, zum Arzt zu gehen, weil ihre Beschwerden doch eine körperliche Ursache haben müssen. Sie dagegen hatte erneut und zum wiederholten Mal den Vorwurf erhoben, er sei schuld an ihrer misslichen Lage.
Beide Partner streiten mit gegenseitigen Schuldvorwürfen verbittert um den Einfluss auf das einzige Kind und um dessen Zuneigung. Der Streit eskaliert, als innerhalb der Herkunftsfamilie des Mannes ein Gewaltverbrechen geschieht. Sein Vater ermordet anscheinend in einem Impulsdurchbruch die Mutter. Nun hält die Patientin ihrem Mann seine »böse« Herkunftsfamilie vor und will den Einfluss der eigenen Herkunftsfamilie auf das gemeinsame Kind stärken. Er fühlt sich einsam und isoliert und ist neidisch auf die »gute« Familie seiner Frau. Beide Familien wohnen im selben Ort. Mit dem Praxisbesuch hegt die Patientin die Hoffnung, die Diagnose einer durch Stress und Erschöpfung bedingten Krankheit ihrem Mann an den Kopf werfen zu können. Ihre Erwartung an die Hausärztin ist, sie möge mit ihrer Diagnose einer psychischen Störung Munition für ihren Kampf mit dem Ehemann liefern. Zwar wird eine somatische Ursache der Beschwerden der Ehefrau aufgedeckt, das Schuldthema wirkt jedoch weiter. Später findet der Ehemann die »Lösung«, unter Vorgabe beruflicher Zwänge mit seiner Kleinfamilie aus dem Einflussbereich der »guten« Familie fortzuziehen.
Ärzte sollten sich die Frage stellen, was sich im Vorfeld des Praxisbesuches in der Familie abgespielt haben mag. Familienmitglieder versuchen, die Ärztin – in diesem Fall durch ihre Diagnose – für sich zu instrumentalisieren, denn ihr autoritatives Gewicht kann die Gesamtbalance im hierarchischen Gefüge einer Familie verschieben. Sie kann durch ihre Expertenautorität Munition im gegenseitigen Kampf liefern oder auch entlasten.
Die Patient-Familie-Arzt-Beziehungskonstellation erweitert die Erwartungen, die an den Arzt gestellt werden. Er muss versuchen, ein System zu verstehen, in dem Schuld- und Schamkonflikte bedeutsam sind und um die einflussreichste Position im Familiengefüge gekämpft wird. Ob er will oder nicht, er soll zum Mitspieler einer Familieninszenierung werden. Diese Rolle muss er nicht übernehmen.
3.4 Die Familie als Ort der Fürsorge
Es mag der Eindruck entstehen, dass hier die Familie unter negativen Vorzeichen gesehen wird. Doch an erster Stelle ist die Familie ein Ort der Fürsorge und eine große Ressource für alle Kranken und Sterbenden und ebenso für die Erhaltung von Gesundheit ihrer Mitglieder. Krank ist man nie allein. An eine Erkrankung muss sich die gesamte Familie anpassen, und eine chronische Erkrankung des einen hat Folgen für die anderen. Unter den Folgen eines Prostatakarzinoms leidet auch die Lebensqualität der Ehefrau. Geschwisterkinder fühlen sich durch die Krankheit eines Geschwisters nicht selten zurückgesetzt. Paarkonflikte bei Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen sind im Vergleich mit anderen Paaren gravierender, um nur einige Beispiele zu nennen. Fast alle Erkrankungen bringen das bisherige Gefüge einer Familie durcheinander. Bei Erkrankung der Ehefrau muss vielleicht der Ehemann und Vater Aufgaben übernehmen, die er bisher nie hatte, und die gesamte Familie muss eine neue Balance finden, die ihre Funktion weiterhin gewährleistet. Wenn dies gelingt, wird auch der Verlauf der Krankheit positiv beeinflusst, wie eine Studie über den Verlauf einer KHK bei Frauen belegt. Eine positive Paarbeziehung verbessert die Rückbildung der KHK (Orth-Gomez 2009). Überhaupt belegt die Forschung zur Krankheitsbewältigung die Bedeutung guter sozialer Beziehungen – Beziehungen sind heilsam – und die Familie ist auch heute noch das wichtigste Beziehungsgefüge.
Der Hausarzt sollte also berücksichtigen, dass nicht nur der Indexpatient betroffen ist, sondern auch seine gegenwärtige Familie und deren Unterstützung für das, was wir heute Selbstwirksamkeit nennen, wesentlich ist. Zum Gelingen der Anpassung des Einzelnen wie der gesamten Familie an die Schwere einer Krankheit kann der Hausarzt beitragen. Der erste Schritt dazu ist eine gute Aufklärung der gesamten Familie über die Krankheit, ihren Verlauf und darüber, was hilft. Jedenfalls verbessert sich die Blutdruckeinstellung durch eine gute Aufklärung der Ehefrau. Dabei sollte der Hausarzt jedoch nicht stehen bleiben. Er könnte Fragen stellen, die helfen, Ambivalenzen in der Beziehung zu anderen Familienmitgliedern zu klären, und sich nicht mit naheliegenden Erklärungen zufriedengeben. Dazu ein Beispiel:
Patientin mit chronischen Schmerzen – die Bedeutung der biografischen Anamnese
Eine 50-jährige Patientin entwickelte nach dem Tod ihrer Mutter ein chronisches Schmerzsyndrom. Die Hausärztin hatte die gesamte Familie seit bereits 15 Jahren betreut und war auch beteiligt an der palliativen Versorgung der Mutter der Patientin. Zunächst schien der Hausärztin die Trauer und der Schmerz der Tochter nachvollziehbar. Doch nach mehreren Jahren und der Entwicklung eines chronischen Schmerzsyndroms der Tochter merkte sie endlich auf. Die naheliegende Gleichung Verlust gleich Schmerz schien keine ausreichende Erklärung mehr. Sie stellte Fragen. Im Kopf der Tochter kreiste der Gedanke, dass sie zum Zeitpunkt des Todes der Mutter im Krankenhaus nicht anwesend war. Sie hatte bis zum letzten Moment gehofft, dass ihre Mutter sich zu ihrem sexuellen Missbrauch (der Tochter) durch ihren Vater äußern würde. Die sexualisierte Gewalt war bis dahin weder in der Familie noch in der Patient-Arzt-Beziehung ein Thema gewesen. Ambivalente Gefühle gegenüber der Mutter, die sie nicht ausreichend schützte, wurden jetzt erst auf die Nachfragen der Hausärztin hin geäußert. Traumaspezifische Psychotherapie konnte der Patientin helfen. Auch diese Patientin hatte ihre Mutter über Jahre aufopferungsvoll gepflegt.
Familienmedizin hat den definierten Anspruch, das System der Familie mehr in die Pflege des Kranken mit einzubeziehen und dazu zu ermutigen. Je mehr der Hausarzt zu dieser Aufgabe gesellschaftlich ermutigt wird und diese annimmt, umso mehr muss er über Ambivalenzen im Beziehungsgefüge der Familien und seine Rolle im Familiengefüge nachdenken (
Kap. 3.5.6).
Familienmedizin erweitert die Patient-Arzt-Beziehung zur Patient-Familie-Arzt-Beziehung. Das macht eine Reflexion der jeweiligen Konstellationen und der dem Arzt zugewiesenen Rollen notwendig. Er muss sich nicht instrumentalisieren lassen und Partei ergreifen. Stattdessen sollte er die richtigen Fragen stellen, um die jeweiligen Familienmitglieder zu anderen Sichtweisen anzuregen und Kommunikation untereinander zu fördern.
Dazu bedarf es bestimmter Haltungen und Methoden in der Gesprächsführung.
3.5 Haltungen in der Familienmedizin
3.5.1 Wertekollisionen beachten – ärztliche Reflexion der eigenen Wertvorstellungen und des eigenen Familienbildes
»Was willst Du, das ich weiß?« Wertekonflikte und ihre Bedeutung für die Familienmedizin
Ein 55-jähriger LKW-Fahrer stellt sich in der hausärztlichen Sprechstunde bei der Ärztin in Weiterbildung vor. Er ist seit mehreren Jahren Patient der Praxis und wünscht sich zum wiederholten Male eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wegen Erschöpfung zur Vorlage beim Jobcenter. Seine 50-jährige Ehefrau ist ebenfalls in derselben Praxis, jedoch bei einer anderen Ärztin, in Behandlung. Die Ehefrau hatte vor kurzem einen Apoplex erlitten mit einer rechtsseitigen Halbseitensymptomatik. Auf die Frage, was ihn gegenwärtig belaste, beichtet der Patient sehr erleichtert, dass er schon seit Monaten eine Freundin außerhalb seines Wohnortes habe, die er liebe, jedoch seine Ehefrau nicht verlassen möchte. Dieses Fremdgehen ihres Patienten und seine Ambivalenz, auszuharren oder seine erkrankte Ehefrau zu verlassen, sind mit den Wertvorstellungen der Ärztin überhaupt nicht vereinbar. Aus ihren Erfahrungen in der Herkunftsfamilie ist eine solche Ambivalenz kaum tolerierbar. Sie müsse das schlucken, ist ihr Gefühl, und sie wisse nicht, ob die in ihr entstehende Ablehnung des Patienten die weitere Behandlung nicht negativ beeinflussen könnte. Der Patient war ihr in seiner jovial überheblichen Art eh schon unangenehm, und sein Fremdgehen der letzte Tropfen, der das Wasserglas zum Überlaufen bringt. Sollte sie den Patienten überhaupt weiter behandeln? Sie teilt ihr Wissen der die Ehefrau behandelnden Kollegin mit.
Was sind die Motive des Patienten, der Ärztin sein Fremdgehen zu beichten? Was sind die unbewussten Aufträge des Patienten? Vielleicht erhofft er sich ein Verstehen seines Verhaltens und eine Absolution von ihr. Vielleicht sieht er in der Ärztin in Weiterbildung seine Tochter, die im selben Alter wie die Ärztin ist? Stellvertretend könnte sie gewähren, was er sich von seiner Tochter wünscht.
Erhofft er sich nicht nur, dass er verstanden wird, sondern auch, dass die Ärztin ihr Verständnis ihrer Kollegin vermittelt, die seine Frau behandelt? Er könnte annehmen, dass die beiden Ärztinnen sich miteinander austauschen. Wünscht er sich, nicht als rücksichtsloser Mensch von beiden Ärztinnen betrachtet zu werden, auch wenn er sich scheiden lässt und den bisherigen Wohnort verlässt, und spekuliert darüber hinaus, dass eine positivere Meinung der seine erkrankte Frau behandelnden Ärztin auch seine Frau positiver stimmen würde?
Die Ärztin in Weiterbildung erlebt einen belastenden Konflikt in Bezug auf ihre eigenen Wertvorstellungen. Diese könnten unbeachtet zu ablehnenden Emotionen und davon geleiteten Aktionen führen. Sie könnte zum Beispiel die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für das Jobcenter nicht mehr ausstellen. Dass sie ihre eigene Wertekollision wahrnimmt, kann ihr eine weitere Begleitung des Patienten ermöglichen, und zu den Fragen führen, die dem Patienten helfen, seine eigene Ambivalenz zu klären.
Das Team steht vor der Frage, ob es sich mit dem Opfer, der Ehefrau, solidarisiert oder die Wertekollision soweit reflektiert, dass es gelingt, nicht Richter zu werden, sondern beiden Parteien die richtigen Fragen zu stellen. Solches Nachdenken ist auch hilfreich für den Fall, dass sich die Ärztin in Weiterbildung für die Trennung von ihrem Patienten entscheidet.
Die die Ehefrau behandelnde Ärztin ist nun im Besitz eines Geheimnisses, dass sie aufgrund der Schweigepflicht der Ehefrau nicht mitteilen darf. Dies ist belastend. Das sollte in jedem Fall gegenüber dem Indexpatienten thematisiert werden. »Was würde passieren, wenn Sie Ihr Fremdgehen und Ihre zukünftigen Pläne Ihrer Ehefrau gestehen?«, »Was erwarten Sie von mir, wenn Ihre Frau mir in der Praxis als Patientin begegnet?«
3.5.2 Die falsche Frage: »Was ist die wirkliche Wirklichkeit?«
Nicht selten haben Ärzte den Wunsch, den Partner eines Patienten zusammen mit dem eigentlichen Patienten einzubestellen, um die Wahrheit herauszufinden, ob die unterschiedlichen Anklagen der verschiedenen Familienmitglieder stimmen, und sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen, wie es wirklich in der Lebenswelt dieser Familie zugeht. Oder er stolpert über die ungereimten Geschichten desselben Geschehens, die ihm die verschiedenen Mitglieder erzählen. Er mag auf die Idee verfallen, mittels eines Hausbesuches Beweise für die eine oder andere Sichtweise zu sammeln. Dieser Ansatz führt in die falsche Richtung. Hat der Arzt überhaupt die Aufgabe, diese »wirkliche« Wirklichkeit herauszufinden? Die Frage, wer hat Recht, stellt sich ihm nicht. Wahrheit ist ein Wert, der für die Zeit, die Person und die Situation spezifisch ist. So formulierte es der jüdische Psychoanalytiker Wurmser 1989. Es geht also darum, welche Bedeutung der Einzelne dem Geschehen beimisst. Diese Bedeutung muss der Arzt verstehen. Vielleicht kann er dazu beitragen, dass der eine die Sichtweise des anderen versteht. Um das zu erreichen, sollte er sich mit eigenen Werturteilen und der konfrontativen Mitteilung der eigenen Beweiserhebung und Hypothesen zurückhalten. Der Arzt sollte eher die Haltung der Neutralität einnehmen, d. h. nicht Partei ergreifen und niemanden entwerten; er sollte stattdessen die richtigen Fragen stellen. Richtig sind Fragen, die die Bedeutung aus Sicht des anderen gegenwärtig machen und patientenseitige Ambivalenzen klären helfen: »Was würden Dritte zu diesem Verhalten sagen? Wie würden andere reagieren, wenn sich das Verhalten ändern würde? Was wäre, wenn das Problem nicht mehr existierte?«
Wenn mehrere vor dem Arzt im Sprechzimmer sitzen, ist es schwierig, durch Einforderung von Einsicht ein Verstehen der Position des anderen zu ermöglichen. Wenn in einem Gespräch in der Gruppe einer der Teilnehmer das Gefühl hat, der Arzt verbünde sich mit dem anderen, wird er seine Anklagen verschärfen oder sich gänzlich zurückziehen. Nichts ist gewonnen, damit die Familie eine gemeinsame Lösung findet.
Doch ist diese Regel hinfällig, wenn Hausärzte für den Schwächeren Partei ergreifen müssen, um zum Beispiel den Schutz eines Opfers in einer von Gewalt und Vernachlässigung charakterisierten Familie zu gewährleisten.
3.5.3 Der Schutz der Schwächeren
Die Schweigepflicht ist das Dach, unter dem sich Patienten trauen, auch Dinge preiszugeben, die sie sehr beschämen. Die Schweigepflicht ist ein großes Gut, das nur im Fall drohend gefährlicher Verläufe aufgegeben werden darf. Im Falle häuslicher Gewalt gegen Frauen kann der Hausarzt durch Aufklärung und genaue Dokumentation helfen. Im Falle häuslicher Gewalt gegenüber minderjährigen Kindern oder ihrer Vernachlässigung sollte der Hausarzt immer die Familie mit seinen Beobachtungen konfrontieren und Hilfestellung anbieten. Nur wenn dies erfolgt ist, Hilfen abgelehnt werden und die bedrohliche Situation nach ärztlicher Sicht andauert, soll er Behörden informieren. Diese Vorgehensweise ist gesetzlich geregelt. (Rechtfertigungsgrund des rechtfertigenden Notstands nach § 34 StGB zum Schutz höherrangiger Rechtsgüter; Gefahr nur durch Bruch der Schweigepflicht abwendbar: unverzügliches Handeln erforderlich, konkrete Wiederholungsgefahr – Dokumentation!)
Hilfreiche Internetadressen
https://http://www.frauen-gegen-gewalt.de https://www.hsm-bonn.de (Gewalt im Alter) https://www.kidsinfo-gewalt.de
3.5.4 Die Familie als Team nutzen
Die wichtige Funktion der Familie in der Pflege von Angehörigen kann nicht ohne Verluste an externe Pflegedienste delegiert werden. Diese Verluste sind nicht nur gesamtgesellschaftliche, finanzielle Verluste. Wie bereits erwähnt, Beziehung ist heilsam und hilfreich für Anpassung. Diese Funktion können professionelle Dienste nur eingeschränkt wahrnehmen. Der Arzt kann seine Autorität nutzen, um die Familie zu ermutigen und durch Loben die Fürsorge der Familienmitglieder würdigen; er kann helfen, dass pflegende Familienangehörige eine finanzielle Anerkennung ihrer Leistungen erhalten. Er kann pflegende Angehörige vor eigener Überforderung bewahren und dringend notwendige Entlastung anregen, die vielleicht von Angehörigen in einer Fehleinschätzung eigener Kräfte zu Beginn einer krankheitsbedingten Krise nicht gewollt werden; zum Beispiel der Ehefrau empfehlen, zumindest eine Haushaltshilfe zur eigenen Entlastung einzustellen und nicht alles selber zu machen. Er kann durch Information über soziale Hilfen für Entlastung der Pflegenden sorgen. Doch auch bei dieser Aufgabenstellung lauern Gefahren. Er könnte seine Position nutzen, um Familienmitglieder zu Mit-Therapeuten zu machen, die das gar nicht wollen oder leisten können. Vielleicht ist es die Ehefrau, die sich schon immer hat auszunutzen lassen. Vielleicht ist es die Tochter, die dazu neigt, sich zu überfordern, damit sie endlich die Anerkennung bekommt, die sie sich lebenslang von den Eltern wünschte. Vielleicht ist es ein neuer Partner, der sich den rasant verändernden Umständen einer dementiellen Entwicklung seiner neuen Partnerin oder Partners nicht gewachsen fühlt. Unter dem Druck des Arztes überfordern sie sich möglicherweise selbst. Die Reflexion seiner Rolle im System Familie kann den Arzt vor Interventionen schützen, die die Familie überfordern.
Schon 2018 gab es 3,4 Mio. pflegebedürftige Menschen, von denen 2,6 Mio. zuhause und eine knappe Mio. stationär oder teilstationär versorgt wurden. Ihre Zahl steigt, und mit zunehmendem Alter der Pflegebedürftigen ihre stationäre oder teilstationäre Versorgung. Viele Familien sind mit der Pflege überfordert und weichen auf ambulante Pflegekräfte aus osteuropäischen Ländern aus, um ein Leben der Angehörigen in ihrem Zuhause zu ermöglichen. Die Covid-19-Pandemie zeigt, wie anfällig dieses System ist, und macht die Not der Pflegebedürftigen und ihrer Pflegerinnen und Pfleger sichtbar. Vor diesem Hintergrund werden neue Formen des Zusammenlebens im Alter wichtig, die Ressourcen der Gleichaltrigen, vielleicht weniger eingeschränkten Mitbewohner nutzen, um Krankheit, Altern und Sterben zu bewältigen (www.lebendigaltern.de).
3.6 Was Hausärzte von den Methoden der Familientherapie übernehmen können
Selten erhält der Hausarzt den Auftrag, die Familie als Gesamtheit zu behandeln. Sein Behandlungsauftrag geht meist vom individuellen Patienten aus. Nicht ohne Grund wählen Paare, wenn die Möglichkeit besteht, verschiedene Ärzte derselben Praxis als »ihren« Arzt aus. Der Hausarzt sollte das Ganze berücksichtigen, doch sein Auftrag ist hauptsächlich die Behandlung des Individualpatienten. Doch auch, wenn der Hausarzt kein Familientherapeut ist, sind die Methoden der Familientherapie für ihn sehr wertvoll, wenn er in Familien das Verstehen der anderen anregen und Kommunikation in Gang setzen will. Diese Methoden werden zugeschnitten auf den hausärztlichen Arbeitsbereich dargestellt.
3.6.1 Erlebte Anamnese und biografische Anamnese
Erlebte Anamnese betont die Wichtigkeit von Informationen, die der Arzt für seine Hypothesenbildung benötigt. Natürlich sind Informationen wichtig, die Ärzte durch geteilte Lebenswelten oder im longitudinalen Verlauf der Betreuung oder durch andere Familienmitglieder erhalten, die gleichzeitig behandelt werden. Selbstverständlich ist es wichtig, von der Ehefrau zu erfahren, dass das Schnarchen des Ehemannes sie stört. Der Hausarzt kann den Beziehungs- wie den Sachaspekt dieser Aussage nutzen. Die erlebte Anamnese ist jedoch kein Ersatz für die Erfassung der individuellen Sichtweise des jeweiligen Einzelpatienten. Implizit stellt der Begriff den Arzt in den Mittelpunkt und hält die Bedeutung für ausschlaggebend, die er dem Geschehen erteilt. Er unterstellt, dass der Arzt weiß, was »richtig« ist. Dies steht im Gegensatz zur Auffassung systemischer Familientherapie, dass die Familie immer selbst eine Lösung finden muss. Erlebte Anamnese ist auch kein Ersatz für eine biografische Familienanamnese. Ausdrücklich sollten Hausärzte die biografische Erzählung ihrer Patienten erfassen (Veit et al. 2018).7
Die Familie ist der Ort, an dem sich alle Entwicklungsschritte vollziehen. Jeder entwickelt sich nur im kommunikativen Tanz mit seinen ersten Bezugspersonen. Fehlende Nestwärme oder gestörte Resonanz kann weitreichende Folgen für Gesundheit und Krankheit haben.8
Wie kann der Arzt für sich und seine Kollegen Familienstrukturen sowohl in der Herkunftsfamilie als auch in der aktuellen Familiensituation dokumentieren? Hierzu wird in allgemeinmedizinischen Lehrbüchern das Genogramm (www.ge nogramm.de) vorgeschlagen, das verschieden Symbole bereithält, um das Beziehungsgefüge einer Familie über die Generationen in einem Flussdiagramm zu veranschaulichen. Sicherlich empfehlenswert, aber vielleicht für alle Fälle zu ausführlich, zumal sich der Hausarzt anamnestisch an den Einzelnen wendet.
Für die Autorin hat sich bewährt, in einem Anamnesebogen Genealogie wie folgt zu erfassen: Alter des jeweiligen Elternteils bei der Geburt des Indexpatienten (zum Beispiel: Mutter +20, wenn diese zum Zeitpunkt der Geburt des Patienten 20 Jahre alt war), deren Geburtsort und Beruf. Die Stellung in der Geschwisterreihe (zum Beispiel: Männlichkeitszeichen +7, wenn ein Bruder 7 Jahre älter ist als der Patient). In ähnlicher Weise kann mit den eigenen Kindern des Indexpatienten verfahren werden. Wichtige Trennungserlebnisse und Verluste sollten dokumentiert werden: Scheidung der Eltern (+7), wenn der Indexpatient zum Zeitpunkt der Trennung der Eltern 7 Jahre alt war. Der berufliche Werdegang einschließlich des erlernten Berufes sollte erfasst werden.
Neben der Dokumentation kann eine Skizze der Familienbeziehungen als ein räumliches Bild klärend wirken, vor allem dann, wenn es gemeinsam mit dem Patienten entwickelt wird (
Abb. 3.1). Familientherapeuten und Kinder- und Jugendpsychotherapeuten nutzen dafür Symbole wie Holzpüppchen oder Tiersymbole.
Abb. 3.1: Skizze zu Fallbeispiel »Wer hat Schuld?«
Der Ehemann scheint isoliert und umgeben von negativen Beziehungen, und seine einzige Hoffnung ist das Kind. Die Skizze zeigt auch Lücken, die in späteren Gesprächen gefüllt werden könnten, so die Beziehung der Patientin zu ihrem Vater.
3.6.2 Die zirkuläre Fragetechnik als methodischer Weg, das System einzubeziehen
Die zirkuläre Fragetechnik zielt darauf ab, die Meinung eines Dritten einzubeziehen. »Was würde Ihre Mutter (Ehemann oder Ehefrau, Sohn oder Tochter) zu Ihren Beschwerden sagen?« »Was würden sie auf die Frage antworten, woher Ihre Beschwerden rühren?« Antworten können lauten: »Meinen Mann kümmert das nicht. Er sitzt nur vor seinem Computer!« Oder: »Sie sagt, das kommt, weil ich zu viel trinke. Aber das stimmt gar nicht.«
Zirkuläre Fragen lassen den Arzt viel über das Beziehungsgefüge erfahren, ermöglichen dem Patienten Dinge auszusprechen, derer er sich schämt, aber nun einem Dritten in den Mund legen kann; aber noch viel mehr ermöglichen sie dem Patienten, sich in die Sichtweise eines Dritten hineinzuversetzen. Sie unterstützen das hausärztliche, familienmedizinische Ziel, Verstehen anzuregen und die Familien zu befähigen, eigene Lösungen zu finden.
Eine weitere Fragetechnik der systemischen Familientherapie ist, die Zukunft zum Gegenstand zu machen und Konsequenzen von Verhaltensweisen deutlich werden zu lassen. Was wäre, wenn …? Wie würden sich andere verhalten, wenn erwogene Verhaltensänderungen in die Tat umgesetzt würden?
3.6.3 Die Intimität des Einzelnen wahren – Wenn Paare zusammen erscheinen
Sie sieht nicht, er hört nicht
Es schien naheliegend, das Ehepaar, beide ca. 75 Jahre alt, immer zusammen in der Sprechstunde zu betreuen. Die Ehefrau war schwer sehbehindert und nicht in der Lage, eigenständig ihre Medikamente zur Einstellung ihres Bluthochdrucks einzunehmen. Der Ehemann war hörbehindert, und die Rolle der Ehefrau in der Sprechstunde war die einer Übersetzerin der ärztlichen Interventionen zur Behandlung einer koronaren Herzkrankheit. Sie schienen auch in der Behinderung ihrer sensorischen Funktionen als eine symbiotische Einheit, in der der eine nicht ohne den anderen existieren kann. Erst als die Hausärztin die Ehefrau allein zum Gespräch bat, klagte sie über den rigiden Druck ihres Ehemannes, seine ständig kontrollierende Aufsicht über sie und seine unwirsche Behandlung. Die Möglichkeit, ihre Klagen dem Arzt mitzuteilen, war für sie erleichternd. In der Folge schuf die Hausärztin immer eine Situation, in der der jeweilige Partner auch allein angehört wird.
Es gibt Geheimnisse in den komplexen Beziehungssystemen einer Familie, von denen der Hausarzt nie erfahren würde, wenn er mit mehreren dieses Systems gleichzeitig spricht. Der Indexpatient fürchtet vielleicht die Kontrolle des anderen oder möchte sich oder den anderen durch konfrontative Äußerungen nicht beschämen, oder er möchte seine Rolle durch Zugabe von Schwächen nicht minimieren. Möglicherweise eskaliert bei einem Ehepaar der schon vorhandene Streit in Anwesenheit des Arztes: »Siehst Du, das habe ich Dir schon immer gesagt!« Die Einmischung des Hausarztes sollte nicht darin bestehen, wertend zu urteilen und Gewichte zu verschieben, sondern ein Gespräch unter den Beteiligten zu fördern, damit sie zu eigenen Lösungen kommen können. Das ist bei gleichzeitiger Anwesenheit aller Beteiligten schwierig. Es ist grundsätzlich einfacher, Paare nicht gleichzeitig gemeinsam zu behandeln und sie auch getrennt in das Sprechzimmer zu bitten. Wenn der Arzt es dennoch tut, ist seine Rolle verändert. Er ist nun ein Moderator, der die Kommunikation in Gang setzen will. Lädt der Arzt zu einem Gespräch mit Angehörigen ein, muss er vorher mit dem Indexpatienten klären, dass aus seiner Sicht die Schweigepflicht gilt, und die Ausnahmen jetzt vereinbart werden sollten.
Sitzen nun zwei Personen in der Gesprächssituation vor dem Arzt, wenn auch nicht von ihm gewollt, könnte er zunächst die begleitende Person wertschätzend ansprechen: »Schön, dass Sie Ihren Partner/Tochter… begleiten.« »Was möchten Sie, dass ich über Ihren Mann/Tochter…wissen sollte?«
Sich bedankend für die Informationen kann der Arzt nun beiden vermitteln, dass er seinen Regeln entsprechend mit dem eigentlichen Patienten allein sprechen will. Auf keinen Fall sollte die Verantwortung für diese Entscheidung dem Patienten zugeschoben werden, der eher den Konflikt vermeidend antworten würde: »Ich habe doch nichts zu verbergen!« Der Hausarzt setzt die Regeln in seiner Praxis!
Auch beim Hausbesuch in der Familie oder im Heim sollte der Hausarzt zumindest von Zeit zu Zeit zusätzlich mit dem Einzelnen allein sprechen, weil ihm andernfalls zum Beispiel Gewalt in der Pflege eher verborgen bleibt. Diese Regel sollte auch für Menschen mit kognitiven Einschränkungen – zum Beispiel Menschen mit geistiger Behinderung und dementiellen Erkrankungen – gelten, die mit ihrem Betreuer in der Praxis erscheinen.
Ausnahmen von der Regel sind Aufklärungsgespräche und Gespräche zur Überbringung schlechter Nachrichten. Im letzteren Fall braucht der betroffene Patient wahrscheinlich die unmittelbare Unterstützung eines nahen Angehörigen. Im ersteren Gesprächstypus fördert der Hausarzt Verständnis durch Information auf der kognitiven Ebene. Er führt es mit der Intention, Wissen zu vermitteln, das die Familie zur Problemlösung und zur Wahrnehmung ihrer Ressourcenfunktion bei Krankheit benötigt.
3.6.4 Lösungsorientierung
Die Familie besitzt eigene Bewältigungsfähigkeiten im Umgang mit Änderungen und wird diese auch finden. Dies ist eine zentrale Annahme der systemischen Familientherapie, die sich mit anderen salutogenetischen Ansätzen in der Medizin deckt. Dies schließt ein, dass der Behandler nicht der Erfinder von Lösungen ist. Das ist auch für den Hausarzt entlastend, nicht zuletzt für seinen möglichen Konflikt zwischen Individual- und Familienmedizin. Er muss weder die Wahrheit noch die Lösung präsentieren, sondern ist derjenige, der die richtigen Fragen stellt.
Er kann die Leistungen des Einzelnen oder die der ganzen Familie loben, anstatt zu entwerten, wenn dies authentisch möglich ist. Wie schon in den Fallbeispielen illustriert versuchen Menschen, wenn sie sich in einer Familie streiten, den Arzt für sich zu instrumentalisieren. Beispielsweise sagt eine Patientin dem Arzt: »Sagen Sie mal meinem Mann, dass er nicht so viel trinken soll!« Die Antwort des Arztes könnte sein: »Wie kann ich Ihnen helfen, dass Sie dieses Problem mit Ihrem Mann selbst besprechen können?« Er vermittelt so Wertschätzung gegenüber dem Problem und ihrer Bereitschaft, ihm das mitzuteilen; er verweist aber auf einen anderen Lösungsweg. Ebenfalls könnte er der Aussage der Patientin eine positive Konnotation geben: »Gut, dass Sie das ansprechen und sich sorgen. Kann ich mich im Gespräch mit Ihrem Mann darauf berufen, dass Sie mir das gesagt haben?«. Darüber hinaus schützt der Hausarzt mit dieser Intervention ihr Verhältnis mit dem nichtanwesenden Patienten. Ohnehin kann er durch Mitteilungen, die er nicht verwenden darf, dem Kranken nicht helfen.
Er kann, anstatt Partei zu ergreifen, dazu beitragen, die Sichtweisen der jeweils anderen Familienmitglieder nachzuvollziehen. Dies kann er durch psychoedukative Aufklärung und durch die bereits beschriebenen zirkulären und zukunftsorientierten Fragetechniken leisten.
Die Regeln seines kommunikativen Diskurses – wann ein Gespräch mit mehreren, wann mit dem Einzelnen – sollten Hausärzte allen transparent vermitteln.
Regeln des kommunikativen Diskurses
• Der Hausarzt ist nicht Richter über Familienbeziehungen. Er sollte seine Wertvorstellungen wahrnehmen, reflektieren und eher zum Fragen als zum Urteilen nutzen.
• Die Schwächeren muss er schützen.
• Familiäre Fürsorge sollte er reflektiert unterstützen.
• Das System Familie wird eigene Lösungen entwickeln. Zirkuläre und zukunftsorientierte Fragestellungen helfen dem Hausarzt, die Familie auf Lösungen einzustellen.
• Das gleichzeitige Gespräch mit mehreren ist die Ausnahme.
• Die erlebte Anamnese ersetzt nicht die biografische Schilderung des Patienten, wie er wurde, was er ist.
6 Familientherapie und ihre unterschiedlichen Richtungen wurden beeinflusst von Kybernetik und Theoremen der Selbstorganisation. Das Ordnungsprinzip ist das des Regelkreises, in dem die Endprodukte das Ausgangsprodukt wiederum regulieren. Auf diesem Wege entstehen Muster, die eine scheinbar hierarchische Gliederung haben. Familientherapeutische Forschung entwickelte sich in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in den USA (Bateson, Watzlawick, Haley u. a.) und in Europa neben Italien auch in Deutschland (Stierlin). Neben diesem Interaktionsprinzip betont die systemische Familientherapie die Bewältigungsfähigkeiten im Umgang mit Änderungen. Solche Auffassung teilt die systemische Familientherapie mit der humanistischen Psychologie und der salutogenetischen Medizin (Frankl und Antonovsky).
7 https://www.degam.de/degam-praxisempfehlungen.html
8 Von Daniel Stern wurde die interpersonelle Entwicklung des Kleinkinds beschrieben, Grossmann K.E. und K. stellen auf Basis der Forschungen von Frau Ainsworth die Bindungstheorie dar. Das Lehrbuch zur Psychosomatischen Grundversorgung von Veit (2018) enthält eine ausführliche Zusammenfassung. Wer sich ein Video anschauen möchte, kann sich das Still Face Experiment von Edward Tronick bei You Tube ansehen.
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