Читать книгу: «Dürnsteiner Himmelfahrt»

Bernhard Görg:
Dürnsteiner Himmelfahrt
Alle Rechte vorbehalten
© 2020 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: Isabella Starowicz
Satz: Sophia Stemshorn
Lektorat: Andreas Görg
ISBN 978-3-99001-449-3
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Samstag, 18. Juni 10 Uhr 27
Als er auf dem Pfarrplatz aus seinem Dienstwagen stieg, fiel sein erster Blick auf die breite Front der Pfarrkirche und dann auf den Turm der Piaristenkirche.
Keine zweihundert Meter voneinander entfernt. Aber welch ein Höhenunterschied! Die eine Kirche hoch oben auf dem Berg, die andere fast auf Höhe der Donau. Was für eine tolle Komposition den Kremser Stadtvätern da vor langer Zeit doch eingefallen war. Würde wahrscheinlich sogar seine Frau begeistern, die sich in letzter Zeit immer mehr über St. Pölten und die Aussicht beklagte, dort wegen ihm und seiner Stellung als Landespolizeidirektor versauern zu müssen. Eigentlich schade, dass sie nicht mit ihm mitgekommen war. Aber heute ging es wirklich nicht.
Der Platz war gerammelt voll. Kein Wunder an einem Samstagvormittag. Bei Kaiserwetter noch dazu.
Sein Chauffeur, der keinen freien Parkplatz fand, stellte den Wagen vor die Einfahrt eines der Kirche gegenüberliegenden, ockerfarbenen Hauses, was eine vorbeigehende ältere Dame, so viel konnte Wolfgang Marbolt sofort sehen, nach der Nummerntafel schielen und dann verärgert den Kopf schütteln ließ. Offensichtlich auch jemand, der die Landeshauptstadt nicht mochte.
Keine zwanzig Meter von seinem Auto entfernt sah er eine Reihe von im Freien aufgestellten Tischen, die offensichtlich zu einer Café-Konditorei gehörten. Dort hätte er noch gern einen schnellen Kaffee getrunken und sich dabei die Sonne auf sein Haupt scheinen lassen. Aber alle Tische waren besetzt.
Seinen Chauffeur ließ er beim Auto zurück. Er hätte sich auch direkt über den Stadtgraben auf den Hohen Markt und dann ein paar Meter die Wegscheid hinunter zu seinem Ziel, einer Kunst- und Antiquitätenhandlung, chauffieren lassen können. Aber er wollte den knapp zehnminütigen Fußweg über den Pfarrplatz hinauf zum Hohen Markt an so einem herrlichen Tag ganz bewusst auf sich nehmen. Er nahm sein leichtes, erdfarbenes Sommersakko, das auf einem Kleiderhaken im Fond des Wagens hing, schwang es sich mit einer betont lässigen Bewegung über seine Schulter und schlenderte los über den Platz. Samstag war Markttag. Nicht, dass ihn Obst und Gemüse besonders interessiert hätten, aber die Kombination der Farben sprach selbst ihn an. Er musste aufpassen, nicht mit einer der vielen Frauen zusammenzustoßen, die nur Augen für die an den Marktständen präsentierten Paradeiser, Gurken und Äpfel und nicht für entgegenkommende Passanten zu haben schienen.
Die ganz dunkelroten Kirschen, die eine der Standlerinnen in einer lichtbraunen, geflochtenen Steige präsentierte, erinnerten ihn an die Ferien seiner Kindheit auf dem großelterlichen Bauernhof im Weinviertel und ließen sogar ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Auf seinem Rückweg würde er ein halbes Kilo davon für seine Frau kaufen.
Kurz nach dem Pfarrplatz warf er einen Blick auf seine Armbanduhr, merkte sich die Uhrzeit und beschleunigte seinen Schritt. Schon eine tolle Atmosphäre, die das Zentrum der Kremser Altstadt ausstrahlte. An den Gebäuden gab es überall Details zu entdecken, die vom Stolz der Bauherren aus vergangenen Tagen zeugten. Warum musste ausgerechnet St. Pölten die niederösterreichische Hauptstadt und damit sein Dienstort sein?
Krems spielte sogar in Sachen Wasser in einer anderen Liga. Großer Strom gegen mickriges Flüsschen. Er war überzeugt, dass seine Wien-närrische Britta, deren Laune von Tag zu Tag schlimmer wurde, ein Exil in der Stadt an der Donau eher ertragen hätte als in der Stadt an der Traisen.
Umso mehr wollte er ihr zu ihrem morgigen Geburtstag eine Überraschung bereiten.
In den letzten Monaten hatte er an ihr ein zunehmendes Interesse für Malerei bemerkt. Er war nicht ganz sicher, ob dieses Interesse nur ein vorübergehender Spleen oder nachhaltiger Begeisterung geschuldet war. Ihre Schwärmerei für Theaterstücke, in denen die Schauspieler entweder in erster Linie stumm vor sich hin starren oder sich gegenseitig anschreien oder gar handgreiflich werden mussten, war jedenfalls nur eine zeitweilige gewesen. Unlängst war er auf ihr Drängen hin mit ihr in einem neuen Museum gewesen, nicht weit vom Bauernhof seiner Großeltern entfernt. In dem gab es nur riesige abstrakte Bilder, viele ganz in blutigem Rot oder glänzendem Schwarz gehalten, mit unförmigen Farbbatzen auf den Leinwänden. Diese Bilder hatten Britta eines wie das andere zu Schreien des Entzückens veranlasst, während er nur kopfschüttelnd und verständnislos neben ihr her trotten konnte. Solche Bilder zu malen, würde er sich selbst auch zutrauen. Das konnte er natürlich nicht laut sagen, weil er sonst als Kunst-Banause dagestanden wäre, was er sich in seiner Position nicht leisten konnte. Später hatte er im Internet recherchiert, dass der Erwerb eines solchen Bildes die finanziellen Möglichkeiten eines Landespolizeidirektors bei Weitem überstieg, was selbst seiner Frau klar sein musste. Gott sei Dank. Er selbst hätte so ein Bild gar nicht in seiner Wohnung haben wollen.
Wieder blickte er auf seine Armbanduhr. Gut trainiert wie er war, hatte es kaum mehr als sechs Minuten gedauert, bis er auf dem Hohen Markt stand. Nun musste er Richtung Untere Landstraße nur noch ein paar Schritte auf dem altehrwürdigen Kopfsteinpflaster die steile Wegscheid hinunter.
Anfang der Woche hatte er begonnen, sich nach Namen von Kunsthändlern zu erkundigen. Mehrfach war ihm ein Dr. Haberl aus Krems empfohlen worden. Sogar mit dem Herrn Landeshauptmann als Kunden. Nicht, dass das der Hauptgrund gewesen wäre, dieser Empfehlung Folge zu leisten. Aber schaden konnte es auf keinen Fall, bei einem Gespräch mit dem Landeskaiser ganz beiläufig einfließen zu lassen, dass sich die Marbolts bei einem Dr. Haberl in Krems mit Kunst und Antiquitäten eindecken würden.
Das Geschäft fand er auf Anhieb. Auch, weil vor dem Antiquitätenladen gerade ein Mann damit beschäftigt war, einen alten Schrank von einem Lieferwagen abzuladen.
Da er über seine Sekretärin seinen Besuch hatte ankündigen lassen, begrüßte ihn der Kunsthändler sofort mit Namen, ohne dass er sich erst hätte vorstellen müssen.
Zunächst plauderte er mit dem Geschäftsinhaber über die Unterschiede zwischen Krems und St. Pölten, ohne seine wahre Meinung über die Landeshauptstadt zu verraten. Selbstverständlich vergaß er nicht darauf hinzuweisen, dass er seinen heutigen Besuch einem Tipp des Herrn Landeshauptmanns verdanken würde. Schien bei Dr. Haberl, dessen Aufmerksamkeit mit einem Schlag spürbar zunahm, die erwünschte Wirkung nicht zu verfehlen. Das war der richtige Moment, um zu seinem Anliegen zu kommen: Dem Erwerb eines kleinen Geburtstagsgeschenks für seine Frau, die seit ihrer Kindheit an Malerei ernsthaft interessiert war. Von der Renaissance bis zur Moderne. Er nahm dabei einen Katalog in die Hand, der auf dem Verkaufspult lag, im Glauben, dort all die Bilder abgebildet zu finden, die der Händler im Angebot hatte. Aber noch bevor er den Katalog aufschlug, merkte er, dass er sich getäuscht haben musste. Wegen des Titelblatts in italienischer Sprache.
»Das ist ein Mitbringsel von meiner jüngsten Reise nach Florenz. Laufende Ausstellung in den Uffizien. Renaissance-Kunst vom Feinsten, kann ich Ihnen sagen.«
Wolfgang Marbolt tat so, als müsse er kurz überlegen. »Richtig, davon hat mir meine Frau erst gestern erzählt. Will unbedingt, dass ich mit ihr hinfliege.«
Er schlug den Katalog auf und blätterte ein bisschen, bis sein Blick an einer Seite hängenblieb.
Der Händler folgte seinem Blick. »Sie scheinen ja einen sehr exquisiten Geschmack zu haben. Eine wunderbare Zeichnung von Raffael, von der man bis vor acht Jahren gar nicht gewusst hat, dass sie überhaupt existiert.«
Wolfgang Marbolt war geschmeichelt. »Und was kostet so eine Zeichnung?«
»Ist vor drei Jahren bei Sotheby’s in London von einem anonymen Privatsammler um circa acht Millionen Euro ersteigert worden. Trotz des recht großen Brandflecks da am linken oberen Bildrand.« Der Händler zeigte mit einer recht beiläufigen Geste auf den Fleck. »Heute sicher noch einmal um einiges mehr wert. Aber unverkäuflich.«
»Donnerwetter!« Der Polizeidirektor legte den Katalog schnell wieder auf das Verkaufspult. »Schade, dass ich nicht über die Mittel des anonymen Privatsammlers verfüge. Für mich müsste es schon etwas Preiswerteres sein.«
Samstag, 18. Juni 16 Uhr 58
Den Teller mit den frischen Blätterteigbrezeln, die ihre Haushälterin vor ihrem Abgang ins Wochenende noch ins Rohr geschoben hatte, stellte Franziska Schremser auf den Terrassentisch neben den Wasserkrug, in dem sich die großen Limettenstücke zwischen den Eiswürfeln drängten. Mit dieser Mischung aus Askese und Luxus würde sie ihre Gäste passend bewirten. Zufrieden ließ sie den Blick schweifen. Teuer war es gewesen, den Gärtner aus Holland zu engagieren. In den letzten Jahren hatte dessen Eingriff noch nicht die volle Wirkung erzielt. Aber in diesem Jahr konnte sie endlich zufrieden mit ihrer Investition sein. Die Kletterrosen, die mittlerweile die gesamten zwei Meter Höhe der alten Gartenmauer überwucherten, waren jeden Cent wert. Der vom Gärtner geplante farbliche Verlauf der Blüten von Dunkelrot rechts der Terrasse über Hellrot beim Swimmingpool, Orange und Gelb rund um den Pavillon bis zu Weiß als Umrahmung des alten Nussbaumes links der Terrasse versetzte Gäste regelmäßig ins Staunen.
Sie nahm das leichte blassgrüne Sommerkleid, das über dem Sessel vor ihr hing, und streifte es sich über ihren trockenen Badeanzug. »Julia!«, rief sie zum Pool hinüber. »Komm endlich aus dem Wasser und zieh dir was an.«
Ihre Vierzehnjährige maulte. »Warum? Es ist doch noch urwarm in der Sonne. Und das Wasser hat sechsundzwanzig Grad. Habe ich gerade kontrolliert.«
Sie war nicht in der Stimmung, sich mit ihrer Tochter auf eine lange Diskussion einzulassen. »Darum geht es nicht. Wir bekommen hohen Besuch. Deshalb.«
»Den Besuch kriegst sicher nur du, nicht wir.« Julias vergnügt lachendes Gesicht, das von dichtem und, obwohl es klatschnass war, erkennbar hellblondem Haar eingerahmt wurde, tauchte über dem Beckenrand auf.
Was für eine schon jetzt zum Anbeißen süße Tochter sie doch hatte, der die Männer bald zu Füßen liegen würden. Der Apfel fiel halt auch in ihrem Fall nicht weit vom Stamm. Sie bemühte sich um einen strengen Ton in ihrer Stimme. »Natürlich kommen die Herren zu mir. Aber ich will nicht, dass sie dich im Bikini herumlaufen sehen. Es sind nämlich zwei geistliche Herren. Den Dürnsteiner Pfarrer kennst du ja. Der zweite ist sein Chef, der Propst von Herzogenburg.«
Mit einem Satz war ihre Tochter aus dem Wasser, streifte sich den Bikini ab, nahm ein neben dem Beckenrand liegendes Handtuch und begann, sich damit zügig abzutrocknen. »Geht es um das Theaterstück? Ehrlich gesagt würde es mich gar nicht mehr stören, wenn sie die Aufführung im Stift doch nicht erlauben. Diese Frau Machherndl ist sowas von lähmend, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Verdirbt einem völlig die Freude.«
»Das Stück wird nicht abgesetzt, Liebling. Spätestens bei der Premiere wird deine Freude umso größer sein. Weil du frenetischen Applaus bekommen wirst. Was heißt Applaus. Standing Ovations.«
»Wenn die Herren nicht wegen des Stückes kommen, warum kommen sie dann?« Julia stibitzte sich zwei Blätterteigbrezeln und huschte an ihr vorbei ins Haus. »Priester geben sich bei uns ja nicht gerade die Klinke in die Hand. War überhaupt schon einmal einer von denen da?«
»Natürlich!«, rief sie der jungen Dame in gespielter Entrüstung nach. »Und überhaupt: Für ein Mädchen, das in sieben Wochen, wenn auch nur auf der Bühne, in den Himmel auffährt, könntest du für die Vertreter dieses Himmels auf Erden schon etwas mehr Respekt aufbringen.« Sie fuhr lauter fort, weil ihre Tochter im Inneren des Hauses verschwunden war. »Und wenn es dich beruhigt. Die Herren sind nicht wegen meines Seelenheils hier, sondern wegen des schnöden Mammons.«
Die Antwort ihrer Tochter kam aus einem der Zimmer neben der Terrasse. »Sollst du etwas spenden?« Julia streckte ihren Kopf samt ihren nackten Schultern beim Fenster heraus und biss genüsslich in eine Blätterteigbrezel.
»An der Außenfassade der Stiftskirche muss dringend ein völlig verwitterter Heiliger Nikolaus restauriert werden. Und da die Kirche dafür kein Geld hat, kommen sie halt zu mir. Offensichtlich hat sich herumgesprochen, dass ich ab und zu für Restaurierungen spende.«
»Mein Okay hast du«, meinte Julia mit vollem Mund. »Auch wenn es mein Erbe mindert. Vielleicht werde ich auch einmal Kunstgeschichte studieren.«
Franziska Schremser strahlte ihre Tochter mit der ganzen Liebe, die sie aufbringen konnte, an: »Keine Sorge. Es sollte so viel für dich und deine Schwester übrigbleiben, dass du dich einer brotlosen Kunst widmen kannst. Vorsichtshalber werde ich mich allerdings nach einem seriöseren Verwalter meiner Finanzen umschauen.« Sie merkte, dass ihrer Tochter eine Frage auf der Zunge lag. Die konnte sie allerdings nicht mehr stellen, weil es an der Eingangstür läutete. Vor drei Jahren hatte sie sich eine Vorrichtung einbauen lassen, die den Klingelton auch in den Garten übertrug. Sie blickte auf ihre Uhr. »Pünktlich ist die Kirche immer.« Mit raschem Schritt ging sie ins Haus in Richtung Eingangstür und rief laut: »Ich komme!«
Im Flur huschte ihr Julia, immer noch in das Handtuch gehüllt, entgegen. »Ich verzieh mich jetzt besser. Legst du Wert darauf, dass ich mich später zeige? Angezogen natürlich.«
»Für dein Alter bist du schon ganz schön frech.« Im Vorbeigehen gab sie ihr einen Klaps auf den Popo. »Ja, ich bestehe darauf, dass du den Herren zumindest ›Guten Tag‹ sagst. Nein, sag lieber ›Grüß Gott‹. Das gefällt ihnen sicher besser.«
Samstag, 18. Juni 19 Uhr 10
Der Polizeidirektor hatte sich den Empfang des Landeshauptmanns viel exklusiver vorgestellt. Und exquisiter. Ein kurzer Rundblick zeigte ihm, dass sich auf dem Schiff mindestens fünfhundert Personen befinden mussten. Der Missmut im Gesicht seiner Britta war ihm schon beim Boarding in Krems aufgefallen. Weil sie sich wie die anderen Gäste auch der Prozedur der Abgleichung ihrer Namen mit der elendslangen Liste der Eingeladenen durch zwei überfordert wirkende Securitys unterziehen mussten. Ihr Unmut steigerte sich noch deutlich, als ihr die Gattin des Landeshauptmanns, die nebst Ehemann an der Reling stand, zur Begrüßung nur höchst beiläufig und ohne Blickkontakt die Hand gab, weil ihre Aufmerksamkeit bereits dem dahinter anrauschenden Paar galt. Offensichtlich wichtigere Leute als die Marbolts. Wenigstens war er froh, dass Britta noch keinen Tropfen Alkohol getrunken hatte. So konnte er sicher sein, dass sie keine Szene machen würde.
Das Schiff legte ab und steuerte stromaufwärts. Es war ein wunderbar lauer Abend an einem der längsten Tage des Jahres. Noch stand die Sonne über den Weinbergen der Wachau. Untergehen würde sie erst in rund zwei Stunden.
Den Nachmittag hatte er gemeinsam mit Britta dazu verwendet, sich über die Abendgarderobe klar zu werden. Ursprünglich wollte er seine Uniform anziehen. Nicht, weil er sich darin besonders gut gefiel, sondern weil er wusste, dass der Innenminister, der als Niederösterreicher sicher auch an der Sonnwendfeier seines Parteifreunds teilnahm, ein Faible für Uniformen hatte. Außerdem würde der Minister zumindest mittelfristig für die Karriere des Landespolizeidirektors wichtiger sein als der Landeshauptmann. Letztendlich hatte er sich aber doch für den Niederösterreich-Anzug samt Krawatte in den Landesfarben entschieden. Weil seine Frau darauf bestand, sich an Bord in ihrem neuen Dirndl zu zeigen, das sie sich zu ihrem morgigen Geburtstag gekauft hatte. Und das würde nach ihrer Meinung, deren Deutlichkeit er wohlweislich nicht zu überhören wagte, nicht zu einer Uniform passen. Obwohl sie schon öfter ohne das geringste Problem ein Dirndl zu seiner Uniform getragen hatte. Einen Krieg mit der Ehefrau – noch dazu am Vorabend ihres Geburtstags – war die Sache jedenfalls nicht wert. Ihm war gleich klar gewesen, dass ihr ›Nein‹ zur Uniform keine modisch-ästhetischen Gründe hatte. Sondern den, dem Minister auch durch die Wahl der Kleidung den Unmut darüber zu zeigen, dass er ihn bei der Besetzung des Postens des Generalsekretärs des Innenministeriums übergangen hatte.
Nachdem sich seine Frau und er je ein Glas Weißwein von einem Tablett, das ihnen ein freundlicher junger Kellner entgegenhielt, genommen hatten, versuchte er sich mit ihr im Schlepptau, einen Weg durch die Massen zu bahnen, um den ihm zugewiesenen Tisch zu finden. Höchstwahrscheinlich nicht der Ehrentisch, wie er argwöhnte. Da spürte er den Griff einer kräftigen Hand auf seiner Schulter. Gleich darauf vernahm er eine laute, etwas raue Stimme, die er auf Anhieb erkannte.
»Was für ein schöner Anblick für meine an Schönheit gar nicht mehr gewohnten Augen! Mein Lieblings-Polizeidirektor und seine wie immer strahlende Britta, die, wenn es nach mir geht, zur Königin des Abends gekrönt werden müsste.«
Noch bevor sich Wolfgang Marbolt umdrehte, antwortete er. »So charmant kann nur mein Lieblingsminister sein!« Sodann machte er auf dem Absatz kehrt, während sich seine Frau, die die Stimme des Ministers bestimmt auch erkannt hatte, sichtlich mehr Zeit mit dem Umdrehen ließ.
Was der jedoch nicht zu registrieren schien. Jedenfalls umarmte er sie und küsste sie auf beide Wangen, bevor er ihm mit einem strahlenden Lächeln beide Hände drückte. »Der Abend ist ja noch lang und von Bord könnt ihr nicht so schnell, außer ihr schwimmt an Land. Wenn der erste Trubel vorbei ist, finden wir sicher Gelegenheit, auf gemeinsame alte Zeiten anzustoßen.
Und hoffentlich auch auf gemeinsame neue.« Der Minister gab ihm einen Klaps auf den Oberarm. »Aber jetzt müsst ihr mich entschuldigen. Ich muss ja noch Hunderte von Händen schütteln. Politiker-Schicksal. Dass ihr mir aber ja nicht in die Donau springt!« Sein ehemaliger Chef drohte noch spielerisch mit seinem Zeigefinger und weg war er.
»So ein Arschloch!«, grummelte Britta und leerte ihr Glas in einem Zug. Wenigstens hatte sie so viel Taktgefühl, mit ihrem Kommentar so lange zu warten, bis der Minister außer Hörweite war. »Hast du bemerkt, wie kalt sein Lächeln gewesen ist?«
»Jetzt siehst du aber Gespenster, meine Liebe!« Er sagte es nur halblaut, damit ihn die Leute nicht hörten, die ihnen – offensichtlich wesentlich besser gelaunt als seine Frau – auf dem engen Gang entgegenkamen. »Außerdem bleibt uns nicht viel anderes übrig, als auf sein Pferd zu setzen. Nur durch ihn kommen wir aus dieser scheußlichen Provinz weg und wieder nach Wien zurück. Also möchte ich dich bitten, wenigstens gute Miene zum bösen Spiel zu machen, wenn wir uns mit ihm nachher auf ein Glas Wein treffen.«
»Ja, wenn.« Seine Frau stellte ihr leeres Glas auf den Buffettisch, an dem sie gerade vorbeikamen, und schnappte sich ein volles von dem Tablett, das ein Ober zwei Meter von ihr entfernt kunstvoll durch das Gedränge schaukelte. Dass sie dafür eine ältere Dame ziemlich unsanft zur Seite schieben musste, schien sie gar nicht zu merken.
Er wollte sie schon ganz dezent bitten, ihren Trink-Rhythmus wenigstens etwas zu verlangsamen, als sein Blick auf jemanden fiel, der ihn große Lust verspüren ließ, auch gleich mindestens zwei Gläser auf einmal hinunterzuspülen. Doris Lenhart. Was für ein Affront des feinen Herrn Landeshauptmanns ihm gegenüber, eine Subaltern-Charge aus den Kreisen der Polizei ebenfalls zu diesem Fest einzuladen. Die Aufklärungsquote der Leiterin der niederösterreichischen Mordkommission in allen Ehren. Aber bei einer Veranstaltung, zu der angeblich die Crème de la Crème des Landes geladen war, hatte sie wirklich nichts zu suchen. Er blickte seine Frau an, deren Empfindlichkeit, wenn es ums Prestige ging, er nur allzu gut kannte. Gott sei Dank blickte sie nicht in Richtung Chefinspektorin und schien sie deshalb noch nicht bemerkt zu haben. Wenigstens etwas. Er musste dringend dafür sorgen, dass das auch den ganzen Abend so blieb. Deshalb umschlang er sie mit seiner Rechten und riss sie herum; unglücklicherweise derart unvermittelt, dass ein guter Schluck des Weins aus ihrem Glas auf ihren Dirndlrock schwappte.
Sie erstarrte. Offenbar kurz vor dem Explodieren.
Da erklang – für ihn buchstäblich wie eine Rettung – die Stimme des Landeshauptmanns über Bord-Lautsprecher. Wie immer in der ölig-pathetischen Tonlage, die er so hasste, die aber die meisten Leute offensichtlich mochten. »Meine sehr verehrten Damen und Herren! Ich darf Sie hier an Bord der MS Austria auf das Herzlichste begrüßen. Ich werde mich etwas später noch ausführlicher an Sie wenden, möchte aber schon jetzt Ihre Aufmerksamkeit für eine Minute in Anspruch nehmen. Auf spezielles Ersuchen meines guten Freundes, des Herrn Innenministers, der schon in Dürnstein wegen einer dringenden dienstlichen Verpflichtung wieder von Bord gehen muss. Wir haben nämlich ein Geburtstagskind unter uns, dem sowohl der Herr Minister als auch ich als Landeshauptmann zu großem Dank verpflichtet sind.«
Wolfgang Marbolt sah seine Frau an, die schlagartig errötete, hektisch die kaum sichtbaren Spuren des Weißweins auf ihrem Dirndlrock prüfte und sich rasch ihre Haare mit beiden Händen zurechtmachte.
»Ich will es noch ein bisschen spannend machen und zunächst einmal nur sagen, dass das Geburtstagskind eine Frau ist. Und zwar eine besonders attraktive Frau. Herr Kapellmeister, ich bitte um einen Tusch!«
Als die Musik einsetzte, spürte Wolfgang Marbolt den Druck der Hand seiner Frau auf seinem Oberarm. Gleichzeitig sah er ein seliges Lächeln auf ihrem Gesicht. Er flüsterte zärtlich in ihr Ohr: »Ich hoffe, spätestens jetzt begreifst auch du, dass der Minister unser Freund ist.«
Während der Polizeidirektor ganz leise sprach, setzte der Landeshauptmann, nachdem die Musik verklungen war, seine Rede mit lautem Tonfall fort. »Ich möchte Doris Lenhart, die Chefin der niederösterreichischen Mordkommission, bitten, zu uns auf die Bühne zu kommen. Es ist nämlich sie, die heute Geburtstag feiert. Ich darf Sie alle um einen Applaus bitten, wie er diesem Stern am Polizei-Himmel unseres Landes gebührt.«
In diesem Moment wusste der Polizeidirektor, dass die 380 Euro, die er heute Vormittag bei dem Kremser Kunsthändler für die Hundertwasser-Lithografie bezahlt hatte, hinausgeschmissenes Geld waren. Trotz Originalsignatur.
Sonntag, 19. Juni 11 Uhr 03
Die pensionierte Dürnsteiner Gemeindesekretärin hatte die Theaterprobe zeitlich so angesetzt, dass ihre jungen Schauspieler die Sonntagmesse in der Stiftskirche locker hätten besuchen können. Deshalb war sie heute in der Kirche auch nicht an ihrem Stammplatz in der zweiten, sondern in der letzten Bank gesessen. Um zu überprüfen, ob wenigstens eines ihrer Schäfchen die Freundlichkeit aufbringen würde, zur Messe zu erscheinen und damit ihren Wunsch zu erfüllen, den sie seit Beginn der Probenzeit mehrmals deutlich deponiert hatte. Wenn schon nicht um des eigenen Seelenheils willen, so doch wenigstens ihr, der Regisseurin, zuliebe. Aber weder das eine noch das andere.
Die goldenen Heiligenfiguren lächelten sanftmütig auf sie herunter und mahnten sie zur Güte. Anstatt sich über die Jugend von heute zu ärgern, sollte sie an einem so erhebenden Ort lieber voller Inbrunst beten. Sie richtete ihren Blick auf den prachtvollen goldenen Altar, konnte sich jedoch nicht konzentrieren. Sie war nicht mehr sicher, ob es eine so glänzende Idee von ihr gewesen war, in nicht einmal mehr zwei Monaten zu Maria Himmelfahrt im Innenhof des Stifts ›Hanneles Himmelfahrt‹ aufführen zu wollen. Ihr Lieblingsstück seit Jugendtagen. Geschrieben von einem Dichter, von dem sie sonst nur scheußliche Stücke kannte. In denen wimmelte es nur so von armen Leuten und Trunkenbolden. Natürlich keiner selbst schuld an seinem Elend. Ja, selbst in ihrem Lieblingsstück war der Vater der jungen Hannele ein gewalttätiger Taugenichts, aber dafür war die Figur des jungen Mädchens einmalig gezeichnet. Ein Geniestreich. Eindeutig ihre Lieblingsfigur in der weiten Welt des Theaters, seit sie selbst die große Ehre und Freude gehabt hatte, bei einer Schulaufführung der vierten Klasse der Hauptschule Stein diese Rolle zu spielen. Vor fünfzig Jahren. Das Publikum war damals hingerissen von ihrer keuschen Schwärmerei für den jungen Lehrer – einen keuschen Ausdruck hatte der Autor ausdrücklich vorgeschrieben. Begeistert war das Publikum auch von der wunderbaren Darstellung ihrer Bereitschaft, das Kreuz des Herrn in Gestalt ihres brutalen Vaters geduldigst auf sich zu nehmen; und von ihrer Fähigkeit, die Sehnsucht nach den ewigen Freuden des Himmelreichs glaubhaft zu machen. Die Himmelfahrt selbst war dann zu einem Triumphzug für sie geworden. Wie in Trance war sie damals gewesen. Toll, wie sie ihren Klassenkameraden aus der letzten Reihe, der schon im Stimmbruch war und den jungen Lehrer spielte, dazu animieren konnte, ganz zärtlich über die beiden Warzen unter ihrem Kinn zu streichen. Große Schauspielkunst. Die Warzen zeichneten sich damals schon als Erhebungen auf ihrer sonst so makellosen Haut ab, waren aber viel kleiner als heute. Außerdem wuchsen aus ihnen damals noch keine Haare.
Jedenfalls hatte sie seit vielen Jahren davon geträumt, dieses Stück in Dürnstein auf die Bühne zu bringen. Als Gegenentwurf zu dem seichten oder gar ordinären Sommertheater, das man landauf, landab zum Besten gab. Man musste einfach etwas tun. Das Himmelreich kam ja nicht von allein.
Daher war sie seit ihrer Pensionierung dem Pfarrer in den Ohren gelegen, bei seinen Ordensoberen in Herzogenburg oder noch höheren Orts Geld für eine solche Aufführung lockerzumachen. Ohnehin nur ein paar lumpige Tausend Euro für Beleuchtung, Plakate und dergleichen. Die Schauspieler sollten natürlich alle junge Amateure sein, die nichts kosteten; und sie als Regisseurin würde selbstverständlich auch um Gottes Lohn arbeiten. Aber da hätte sie gleich gegen eine Wand reden können. Sie musste froh sein, dass ihr überhaupt gestattet wurde, im Hof des Stifts zu spielen. Also hatte sie sich an die Kulturabteilung des Landes gewandt, einer Sekretärin ihr Anliegen erklärt und um Rückruf des Chefs gebeten. Der hatte sich aber bis heute nicht gemeldet. Sicher ein Schwarzer, der Herr Hofrat, weil es ja im Amt der Landesregierung nur Schwarze gab, wie sie wusste. Aber wohl einer von der sogenannten liberalen Sorte oder gar schon ein Türkiser, der Gott den Herrn einfach einen guten Mann sein ließ.
So war ihr nichts anderes übriggeblieben, als in der ganzen Wachau um Geld zu betteln. Bei den Hotels und Gasthäusern, denen sie für eine kleine Spende große Werbung auf Plakaten und in Broschüren versprach. Aber nur ausgelacht hatte man sie. Sie, die ehemalige Dürnsteiner Gemeindesekretärin und heimliche Bürgermeisterin, der sich die Leute früher nur unter Bezeugungen von Respekt und Hochachtung näherten.
Selbst sie hatte da schon ans Aufgeben gedacht. Aber dann war ihr ausgerechnet vor ihrem Haus in Oberloiben eine Frau über den Weg gelaufen, die auch im Ort wohnte. Eine an sich unsympathische und nichtsnutzige Person, die schon zweimal verheiratet und wieder geschieden war. Diese Frau hatte sich spontan bereit erklärt, ihr Projekt mit dreitausend Euro zu unterstützen. Allerdings mit einem Haken an der Sache. Das Geld würde nur fließen, wenn die Tochter der edlen Spenderin die Hauptrolle spielte. Josefa Machherndl kannte das junge Ding. Wie man sich eben unter Nachbarn kennt. Schon mit vierzehn genau so hinter den Männern her wie ihre Mutter. Der Dürnsteiner Pfarrer bestätigte zu allem Überfluss auch noch, was die pensionierte Gemeindesekretärin ohnehin geahnt hatte. Julia Schremser war zwar in der Stiftskirche getauft worden, hatte aber danach die Kirche nie mehr von innen gesehen.
Aber was hätte sie machen sollen? Ohne das in Aussicht gestellte Geld hätte sie ihr Projekt aufgeben müssen. So akzeptierte sie den Tauschhandel, nicht ohne ihren Pakt mit dem Teufel bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zu beichten.
Wenigstens stellte sich die junge Dame als schauspielerisch durchaus talentiert dar, wie Josefa Machherndl fast widerwillig zugeben musste. Natürlich hatte sie selbst seinerzeit der Figur der kleinen Hannele deutlich mehr psychologischen Tiefgang verliehen, aber Julia war auch nicht schlecht. Sagten zumindest die Eltern der anderen jungen Schauspieler, von denen viele bei den Proben anwesend waren.
Aber den keuschen Blick, der ihr selbst schon als Vierzehnjährige zur zweiten Natur geworden war, den brachte die junge Schremser halt nicht zusammen.
Der Pfarrer hatte der Truppe einen kleinen Raum im Stift als Probebühne zur Verfügung gestellt. Mit zwei Sitzreihen und knapp zwanzig Sitzplätzen, die fast alle mit Eltern, Großeltern, Tanten und Onkeln besetzt waren.
Letzthin bei der Probe wollte sie der jungen Schauspielerin den gewünschten Gesichtsausdruck vorzeigen. Dazu war sie vor all den Angehörigen auf die behelfsmäßige Bühne gestiegen. »Pass auf, Julia. Wenn du zu Clemens aufschaust, musst du genau so schauen. Da muss dein Gesicht einen ganz reinen Ausdruck haben. So wie meines. Schau her.«
Da hatte sie es gehört. Sie irrte sich bestimmt nicht. Es war nicht nur ein vereinzeltes Kichern aus den Zuschauerreihen gewesen. Gleich mehrere Leute hatten gekichert. Was für eine Frechheit. Die Leute sahen offensichtlich alle nur mehr Pornos. Wenn das so weiterging, würde sie die Proben für Zuschauer sperren müssen. An ein seriöses Arbeiten wäre ja sonst gar nicht mehr zu denken.
Sonntag, 19. Juni 16 Uhr 11
Felix Frisch saß am Beifahrersitz und fuhr mit seiner jungen Kollegin Kathi am Steuer ganz gemächlich über die Mauterner Brücke. Dabei warf er einen sehnsüchtigen Blick hinunter auf den Strom. Am meisten liebte er dienstliche Einsätze im Polizeiboot. Vor allem stromaufwärts. Einfach herrlich, den Druck der Strömung auf das Boot zu spüren und mit Vollgas von Welle zu Welle zu springen. Einsätze per Funkstreife rangierten auf seiner Beliebtheitsskala deutlich dahinter, sofern sie ohne Blaulicht und Folgetonhorn erfolgen mussten. Er war jetzt schon weit mehr als zwanzig Jahre bei der Polizei, aber diese beiden Insignien seiner Amtsgewalt bedeuteten ihm noch immer viel. Fast so viel wie seine drei Sterne. Er konnte sich daran weder satthören noch sattsehen. Wenn dann auch noch das faszinierende Geräusch von quietschenden Reifen kombiniert mit einem sichtbar ausbrechenden Heck dazu kam, dann war sein Glück perfekt.
Hingegen hasste er alle Einsätze, die einen längeren Fußmarsch erforderten. Nicht so sehr, weil ihm da seine zwanzig Kilo Übergewicht etwas im Weg waren. Das behauptete nur seine Frau mit der ihr eigenen Hartnäckigkeit, an die er sich in 22 Ehejahren noch immer nicht gewöhnt hatte. Sondern, weil ein zu Fuß auf der Bildfläche auftauchender Polizist halt keine besondere Autorität ausstrahlte und nicht den Respekt einflößte, der einer Amtsperson in Uniform und in offizieller Mission zustand. Da halfen ihm auch die drei Sterne am Kragen nicht, wie er immer wieder betrübt zur Kenntnis nehmen musste. Er hatte noch nie erlebt, dass ihn ein an einem Unfall Beteiligter, ein Passant oder ein Zeuge mit ›Herr Gruppeninspektor‹ angesprochen hätte. Wie es ihm zugestanden wäre. Sondern immer nur mit ›Herr Inspektor‹. Auch schon in seiner Zeit als Polizeischüler. Ein Polizist war offensichtlich für die Masse der Leute immer ein ›Herr Inspektor‹. Ungebildetes Pack.
Ein Piepen riss ihn aus seinen Gedanken.
Karl von der Leitstelle meldete sich via Funk. »Felix, ein Weinbauer aus Weißenkirchen hat eben den Fund einer schwer verletzten oder gar toten männlichen Person gemeldet. Im Weinbaugebiet zwischen Dürnstein und Weißenkirchen. Oberhalb der Bahntrasse. Dürfte über eine Mauer gestürzt sein. Notarzt und Rettung sind bereits verständigt. Bitte bestätigen.«
»Verstanden. Fahren gerade von der Brücke Richtung Wachau ab. Sind in spätestens zehn Minuten vor Ort. Ende.«
»Übernimm dich nicht, Felix«, schallte Karls Stimme höhnisch aus dem Gerät. »Ich kenne die Gegend. Ganz schön steil. Schafft vielleicht die Kathi in zehn Minuten. Du schleppst dafür zwanzig Kilo zu viel herum. Ende.«
Der Gruppeninspektor bildete sich ein, noch ein wieherndes Gelächter seines Kollegen am Funk gehört zu haben. Arschloch. Während er das Blaulicht einschaltete, spürte er die tätschelnde Hand seiner Kollegin auf seinem Oberschenkel.
»Kränk dich nicht. Der Karl ist dir ja nur deine Erfahrung neidig.«
Felix Frisch wusste nicht recht, ob er sich über den Trost freuen oder sich über das Mitleid ärgern sollte. Auch, weil sein Gehirn gerade ganz von der Vorstellung in Anspruch genommen wurde, keuchend und schwitzend einen Weinberg hinaufklettern zu müssen. Oberhalb der Bahntrasse. Da wusste er schon, was ihn erwartete. Und das alles, weil wahrscheinlich irgendein dahergelaufener Blödel über seine Füße gestolpert war. Ein für einen Polizisten seines Kalibers völlig uninteressanter Fall.
Wenn er es genau überlegte, so war die Beschreibung »in den Weinbergen zwischen Dürnstein und Weißenkirchen oberhalb der Bahntrasse« eine Frechheit. Das war ein großes Gebiet und er hätte ja auch ortsunkundig sein können. Typisch Karl. Wenn es nach ihm, Felix, ging, würde der nie Gruppeninspektor werden. Kathi hatte schon recht. Der Kerl gönnte ihm einfach seinen Rang nicht.
Vor dem Dürnsteiner Tunnel entschloss er sich, auch das Folgetonhorn aufzudrehen. Machte sich gerade im Tunnel durch den Widerhall fantastisch. Insgeheim hoffte er, dass der Notarztwagen schon vor dem Streifenwagen vor Ort war. Das würde ihm die Mühe ersparen, die richtige Einstiegsstelle in den Weinberg zu finden.
Kaum hatte der Polizeiwagen den Tunnel und die West-Auffahrt nach Dürnstein passiert, drosselte seine Kollegin das Tempo, ohne dass er sie dazu aufgefordert hätte. Keine zwanzig Sekunden später neigte sie den Kopf nach vorne und deutete mit ihrer Rechten unter dem Rückspiegel durch.
»Schau, da oben. Da schwenkt jemand ein Hemd oder so etwas Ähnliches.«
Felix starrte durch die Windschutzscheibe. Es dauerte einige Zeit, bis auch er das Schwenken eines Stücks weißen oder gelben Stoffs wahrnahm. War ja auch im dichten Grün der Blätter der Weinreben schwierig zu erkennen.
»Dann bleib da vorne stehen. Du wartest hier, bis der Notarzt kommt. Vielleicht findet er den Unfallort nicht. Nicht jeder hat solche Adleraugen wie wir beide.«
Felix Frisch hoffte, seine junge Kollegin würde nicht merken, dass er unbedingt als Erster am Ort des Geschehens sein wollte.
»Aber er sieht doch unser Auto.«
»Glaub mir, Kathi. Ich weiß, wovon ich rede.« Er stieg aus dem Wagen und schätzte die Höhenmeter von der Straße bis zu der Person ab, die noch immer ihr Hemd oder etwas Ähnliches schwenkte. Fünfzig bis sechzig Meter, steil bergauf. Mit einem Seufzer machte er sich auf den Weg. Zunächst kämpfte er sich die Böschung zur Bahntrasse hinauf. Wie ein Eiskletterer hieb er bei jedem Schritt seinen Schuh in die Grasbüschel, um festen Halt zu finden. Eigentlich eine Frechheit. Die Bundesbahnen hätten hier aus Sicherheitsgründen längst Stufen in die Böschung bauen sollen. Was, wenn ein Zug ausgerechnet auf diesem Streckenabschnitt steckenblieb und die Menschen hier aussteigen mussten. Nirgends konnte man sich anhalten. Diese Böschung war die reinste Todesfalle. Als er endlich auf der Bahntrasse ankam, ging er ein paar Schritte, sodass Kathi ihn nicht mehr sehen konnte, und legte erst einmal eine Verschnaufpause ein. Immerhin ein Fünftel des Weges war geschafft. Nun ging es darum, einen Durchgang zu finden, um weiter hinaufzugelangen. Der Weinberg war in Geländestufen angelegt, jede mit einer Mauer aus unbehauenen Steinen befestigt. Da es hier sehr steil war, waren die Mauern mannshoch. Vier Geländestufen waren es von der Bahntrasse bis zu dem Mann da oben, der mit dem Schwenken des Hemds aufgehört hatte und stattdessen mit gestrecktem Arm deutete. Messerscharfe Schlussfolgerung: Da vorne musste irgendwo ein Durchgang sein. Tatsächlich. Da war eine Lücke in der Mauer und dahinter ein sandiger Pfad mit ein paar Stufen an den steilsten Stellen. Weinbauern waren eben vernünftige Leute. Auf der zweiten Geländestufe hörte er und sah dann auch schon den Rettungswagen, der keine zehn Sekunden später hinter dem Polizeiauto einparkte. Der Notarzt, den er mit seinen Adleraugen sofort erkannte, und die beiden Sanitäter stiegen mit einem Tempo den Bahndamm hinauf, dass er sich würde sputen müssen, wenn er wirklich vor ihnen an der Unfallstelle sein wollte. Er hörte sich keuchen. Elende Schinderei. Dabei lud der Ausblick an dieser Stelle zum Aufstellen eines Liegestuhls ein. Am anderen Donauufer lag eine der größeren bewaldeten Inseln, die kaum jemand betrat, obwohl der schmale Kanal hinter ihr leicht zu überqueren war. Von Rossatz und Weißenkirchen sah man von hier oben auch ein gutes Stück. Warum hatte er dieses Motiv noch nie auf einer Postkarte gesehen? Wahrscheinlich, weil sich kein Fotograf die Mühe machte, hier heraufzuklettern. Unten schlängelte sich gerade ein Zug der Wachaubahn vorbei. Wirklich malerisch hier zwischen den saftig-grünen Weinreben. Nur die Trauben fehlten noch. Die waren erst Ende August so weit.
Er hörte den Notarzt und die Sanitäter hinter sich, ebenfalls schnaufend, schaffte es jedoch noch vor ihnen. Sehr ausgepumpt zwar, aber immerhin.
»Da sind Sie ja endlich. Wir warten hier schon geschlagene zwanzig Minuten.« Der ältere Mann, der gewunken hatte, deutete auf einen verschwitzten jüngeren, der neben einer ungefähr zwei Meter von der oberen Stützmauer entfernt liegenden Person kniete und mit Herzdruckmassage beschäftigt war. »Seitdem hat sich der Mann da nicht bewegt«, fuhr der ältere fort. »Wenn Sie mich fragen, ist er tot.«
Mit dem geschulten Augenmaß eines Gruppeninspektors schätzte er zunächst die Höhe der Stützmauer ab – gute drei Meter – und beugte sich dann über den leblosen Körper. Er erschrak. Das Gesicht kannte er. Es gehörte einem Kremser Antiquitätenhändler. Vor ein paar Wochen hatte er einen Einbruch in sein Haus angezeigt. Wie war doch gleich sein Name?
Sonntag, 19. Juni 16 Uhr 52
Eigentlich wäre das sein letzter Einsatz für heute gewesen. Er hatte sich schon aufs Heimkommen und auf sein hoch verdientes Bier gefreut. Serviert von seiner Elfriede, der er nach dem ersten Schluck davon erzählen wollte, wie schnell er den Weinberg hinaufgesprintet war und wie er dabei sowohl seine junge Kollegin als auch den kaum älteren Notarzt hinter sich gelassen hatte.
Aber als Gruppeninspektor wusste er, was er seinem Rang schuldig war. Er hätte es sich nie verziehen, Kathi zur Witwe des Kunsthändlers zu schicken, um die Todesnachricht zu überbringen. Das würde er übernehmen müssen, hoch verdientes Bier hin oder her. Seinerzeit als noch junger Polizist hatte er sich um solche undankbaren Aufgaben immer gedrückt. Weil er zugeben musste, für solche Einsätze noch nicht das nötige Fingerspitzengefühl aufzubringen. Obwohl er sich schon damals auch in dieser Hinsicht seinen Kollegen turmhoch überlegen fühlte. Dazu kam noch, dass es natürlich nie angenehm war, Angehörige mit schlimmen Nachrichten konfrontieren zu müssen. Was er da schon alles erlebt hatte. Schon vor längerer Zeit hatte er sich vorgenommen, nach seiner Pensionierung einmal alle seine Erfahrungen zu Papier zu bringen. Er war sich selbst gegenüber ja der strengste Kritiker. Daher versagte er sich die Illusion, damit einen Bestseller zu schreiben. Aber als Trainingsunterlage für Polizei-Schulungen würden seine Memoiren sicher Gold wert sein.
Er setzte seine Kollegin an der Dienststelle ab und fuhr zum Haus auf dem Wachtberg, um die traurige Polizisten-Pflicht zu erfüllen. An die Villa mit dem prachtvollen Blick über Krems erinnerte er sich gut. Nicht, dass er sich aus Kirchen viel machte. Aber gleich auf vier oder fünf alte Kirchtürme hinabschauen zu können, hatte doch etwas Erhebendes. Als er vor vier Wochen zum ersten Mal vor dem Haus gestanden war, war er tatsächlich ein bisschen unglücklich darüber gewesen, kein Geschäftsmann, sondern Polizist zu sein. Damals, als er einen von dem Kunsthändler gemeldeten Einbruch aufnehmen musste. Es waren zwar eindeutige Spuren von einem gewaltsamen Eindringen zu sehen gewesen, aber keine Hinweise darauf, dass mit Ausnahme einer angeblich mehr als fünfhundert Jahre alten, kleinen Heiligenfigur etwas gestohlen worden war. Dabei wäre das Wohnzimmer ein Paradies für einen Dieb gewesen. Er würde zwar nie verstehen, was Leute an alten, wurmstichigen Holzstatuen und riesigen Ölschinken fanden. Aber er wusste, dass es für solche Sachen Sammler gab, die viel mehr für ein einziges Bild auszugeben bereit waren als er für hundert seltene Bierdeckel, denen seine ganze Sammelleidenschaft galt; wahrscheinlich sogar mehr, als er für seinen Škoda Octavia hatte hinblättern müssen. Verrückte Welt.
Jedenfalls hatte er damals festgestellt, dass keine Kinder mehr im Haus lebten. Was auch gar nicht verwunderlich war, weil er den Händler auf Anfang sechzig schätzte. Dessen Frau, die bei der Untersuchung des Tatorts auch dabei war, schätzte er auf vielleicht sechs oder sieben Jahre jünger. Dass keine Kinder da waren, würde seine Aufgabe ungemein erleichtern.
Auf dem fein ziselierten Namensschild unterhalb der Klingel, an das er sich ebenfalls gut erinnerte, las er den Namen, der ihm entfallen war: Haberl. Die Witwe mit ihrem Namen ansprechen zu können, war gerade in dieser heiklen Situation sehr wichtig. Er klingelte.
Es brauchte keine fünf Sekunden, bis sich mit einem geradezu zarten Summton, den er auch schon kannte, das gusseiserne Tor öffnete, das in einen kleinen und gepflegten Vorgarten führte.
Kurz darauf öffnete sich die Haustür, in der auch schon die Dame des Hauses stand. »Herr Inspektor! Das ist aber eine Überraschung. Dass Sie sogar an einem Sonntag kommen, kann nur bedeuten, dass Sie die Heiligenfigur wiedergefunden haben. Da wird sich mein Mann aber freuen. Leider ist er noch nicht zu Hause. Ich erwarte ihn aber jede Minute. Wenn Sie solange auf ihn warten wollen, biete ich Ihnen gern einen Kaffee an.«
Der Gruppeninspektor unterdrückte seinen Impuls, sich über die Anrede zu ärgern. Die gute Frau hätte sich doch erinnern müssen, dass sie es mit einem Gruppeninspektor zu tun hatte. Gleichzeitig war er durch ihre Eröffnung etwas aus dem Konzept gebracht. »Vielen Dank, Frau Haberl! Aber ich möchte gar nicht mit Ihrem Mann, sondern mit Ihnen sprechen. Aber ein Kaffee könnte auf keinen Fall schaden. Da redet es sich leichter.« So einen tollen Einstieg in ein derart heikles Gespräch würde ihm nicht so bald jemand nachmachen. Einerseits ganz locker und andererseits schon einen sehr ernsten Hintergrund für sein Kommen signalisierend.
»Sie machen mich ja richtig neugierig. Aber kommen Sie doch bitte herein. Wenn Sie bitte für einen Augenblick im Wohnzimmer, das Sie ja kennen, Platz nehmen wollen. Ich mache schnell Kaffee.«
Jetzt war guter Rat teuer. Frau Haberl zunächst nichtsahnend Kaffee machen zu lassen und ihr dann erst zu sagen, dass der Ehemann bei Weißenkirchen durch einen fatalen Sturz zu Tode gekommen war, schien ihm irgendwie unpassend. Aber was sollte er tun? Nach kurzem Zögern, aber noch bevor er Platz in einem der höchst bequem wirkenden Fauteuils nahm, entschied er sich, den Stier bei den Hörnern zu packen, ohne gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Nebenbei eine geradezu geniale Kombination von Sprichwörtern, wie er fand. »Ich glaube, es ist besser, mit dem Kaffee noch eine Minute zu warten. Ich muss Ihnen vorher noch etwas sagen, von dem ich hoffe, dass es Sie nicht zu schwer treffen wird.«
Jetzt sah er so etwas wie Überraschung in den Augen seiner Gesprächspartnerin. Gemischt mit einer Spur von Entsetzen, wie seinem geschulten Blick nicht verborgen blieb.
»Aber vielleicht setzen wir uns erst einmal«, fuhr er fort. Er wusste, dass er sich nicht einfach in den Sessel plumpsen lassen durfte, wie er es bei sich zu Hause gern tat. Aber setzen wollte er sich, um die Witwe dazu zu animieren, es ihm gleichzutun. So nahm er vorsichtig am Rand des Fauteuils Platz.
Auch Frau Haberl setzte sich; und zwar so beunruhigt, dass es sicher auch einer so unroutinierten Kollegin wie Kathi aufgefallen wäre.
Jetzt kam für ihn natürlich der schwerste Teil des Gesprächs. Aber da musste er durch. »Zunächst habe ich eine durchaus erfreuliche Nachricht für Sie. Ich weiß natürlich, dass alles relativ ist, aber immerhin.« Wie er schnell sehen konnte, erzielte seine Eröffnung nicht die gewünschte Wirkung.
Der Gesichtsausdruck von Frau Haberl wechselte von Beunruhigung zu Verärgerung. »Herr Frisch, würden Sie jetzt endlich die Güte haben, mir zu sagen, was los ist.«
Aha, jetzt war er nicht einmal mehr der Herr Inspektor, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Herr Frisch. »Dazu komme ich ja gerade. Die positive Nachricht ist, dass Ihr Mann überhaupt nicht hat leiden müssen.«
Im Gesicht der Witwe machte sich blankes Entsetzen breit. »Wollen Sie mir sagen, dass mein Mann tot ist?«
Es war endlich ausgestanden. »Ja, leider. Ich wollte es Ihnen nur so schonend wie möglich beibringen.«
»Das ist Ihnen ja toll gelungen!« Frau Haberl schwieg für eine Weile, um dann ganz ungläubig den Kopf zu schütteln, ohne den Gruppeninspektor anzusehen. »Ich habe immer gewusst, dass ihn seine Raserei noch einmal ins Grab bringen wird. Ist es auf der Wachaustraße passiert?« Ohne eine Antwort abzuwarten, begann sie zu weinen.
Felix Frisch nahm ganz sacht ihre Hand. »Es war kein Autounfall. Ihr Mann ist in einem Weingarten zwischen Weißenkirchen und Dürnstein über eine Mauer gestürzt und hat sich dabei das Genick gebrochen. Der Arzt ist sicher, dass er sofort tot gewesen ist.«
Felix Frisch sah, dass sich im Gesicht der Frau trotz ihres Schmerzes ein ganz leichtes Lächeln zeigte. »Es platzen ja im Laufe eines Lebens viele Träume. Aber sicher wenige so tragisch. Mein Mann hat nämlich seit einiger Zeit vom Kauf eines Weingartens geträumt. Für die Pension.« Das Lächeln verschwand so schnell, wie es gekommen war, um einem Strom von Tränen Platz zu machen.
Er wusste, dass er jetzt nichts sagen durfte.
Nach einer Weile zog Frau Haberl aus einer Tasche ihrer Hose ein Taschentuch und wischte sich damit die Tränen ab. Dann gab sie sich einen Ruck und hob den Blick. »Halten Sie es für möglich, dass der Tod mit dem Einbruch vor vier Wochen zu tun hat?«
Der Gruppeninspektor war über die Frage verblüfft, fing sich aber schnell. »Völlig ausgeschlossen. Ist ein stinknormaler Unfall gewesen.« Ihm war sofort klar, dass er den Begriff »stinknormal« besser nicht verwendet hätte. Um seinen Fehler zu überspielen, fügte er gleich hinzu: »Der Arzt will zwar noch mit dem Staatsanwalt reden. Vielleicht möchte der, um auf der ganz sicheren Seite zu sein, eine Obduktion veranlassen. Aber den Aufwand können sich die Herren meiner Meinung nach sparen. Hinausgeschmissenes Geld des Steuerzahlers. Das ist ein reiner Unfall gewesen, so wahr ich Gruppeninspektor bin. Ein höchst bedauerlicher zwar«, – er gratulierte sich, dass er nicht ein zweites Mal von einem ›stinknormalen‹ Unfall gesprochen hatte – »aber eben ein Unfall. Da fährt die Eisenbahn drüber.«
Montag, 20. Juni 08 Uhr 31
Erich hatte ihr einen mehr als üppigen Geburtstagsstrauß geschenkt. Lilien und zart duftende rot-orange-gelbe Tulpen. ›Feuertulpen‹ hatte Erich sie genannt. Eine traumhafte Kombination. Umso leichter war es ihr gefallen, die lachsfarbenen und gelben Rosen, die ihr der Landeshauptmann am Schiff überreicht hatte, übers Wochenende im Kühlschrank zu lagern, um sie halbwegs frisch zu halten. Heute schmückte sie mit den Rosen den Schreibtisch in ihrem Büro. Allerdings war es im Kühlschrank möglicherweise zu kalt gewesen. Die Rosen neigten bereits sanft die Köpfe. Spätestens am Mittwoch würde es mit ihrer Pracht und Herrlichkeit vorbei sein. Aber sich noch zwei Tage an schönen Rosen erfreuen zu können, war ja auch nicht zu verachten.
Vor ihr lag die Montag-Ausgabe des Niederösterreichischen Tagblatts, das natürlich eine ausführliche Reportage über die Sonnwendfeier des Herrn Landeshauptmanns brachte. Zwei Seiten. Garniert mit vielen Fotos. Davon eines besonders groß, das den Innenminister und den Landeshauptmann zeigte, die gerade dabei waren, ihr zum Geburtstag zu gratulieren. Doris Lenhart hielt sich nicht für besonders fotogen, auch wenn ihr Mann, seitdem sie ihn kannte, sich immer bemühte, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Aber selbst sie hielt dieses Foto für sehr gelungen. Und dann noch der Text! Stern am niederösterreichischen Polizeihimmel. Das hatte ganz sicher nicht ihr Chef dem Landeshauptmann souffliert. Sie stellte sich vor, dass auch Wolfgang Marbolt jetzt an seinem Schreibtisch saß und das Tagblatt las. Ganz sicher deutlich weniger entspannt als sie. Kurz überflog sie die in der Reportage angeführten Namen der Gäste. Fast alle Mitglieder der Landesregierung, mehrere Schauspieler, zwei Opernstars und ein weltbekannter Pianist. Den Namen ›Marbolt‹ fand sie nicht. Obwohl sie das Ehepaar, da war sie sicher, kurz vor dem Ablegen der MS Austria in Krems an Bord gesehen hatte. Diese Nicht-Erwähnung würde der Herr Landespolizeidirektor nur schwer verkraften.
Die Art, wie ihr Stellvertreter die Türklinke drückte, hätte sie unter hundert anderen Klinkendrückern erkannt. Nicht deswegen, weil er niemals anklopfte. Obwohl ihn das auch auszeichnete. Sondern weil er die Klinke nach dem Drücken einfach aus seiner Hand rutschen ließ, was stets ein unverwechselbares metallisches Schnalzen zur Folge hatte. Heute war es nicht anders. Allerdings kam er ihr, als er mit seinem im ganzen Büro berühmten Grinser im Gesicht hereinkam, irgendwie verändert vor.
Er winkte mit dem Niederösterreichischen Tagblatt.
Das entlockte auch ihrem Gesicht ein Grinsen und hinderte sie daran, weiter darüber nachzudenken, was heute an Gerhard Malzacher anders war.
»Ich war fast versucht anzuklopfen. Einem Stern am Himmel der niederösterreichischen Polizei würde das zustehen. Dann habe ich es aber doch bleiben lassen.«
»Und warum, wenn ich fragen darf?« Die Frage sollte streng klingen, aber sie wusste, dass sie ihr Gesicht Lügen strafen würde.
»Weil du dich sonst daran gewöhnen würdest.« Er kam drei Schritte näher – mehr hätte ihr kleines und enges Büro auch gar nicht zugelassen – und fläzte seine 120 Kilo in den vor ihrem Schreibtisch stehenden Sessel, ohne ihre Einladung dazu abzuwarten.
Sie fixierte seinen Bauch, was sie in ähnlichen Situationen schon Hunderte Male getan hatte. Da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. »Wie lange bin ich jetzt deine Chefin?«
»Mindestens fünf Jahre.«
»Und in diesen fünf Jahren habe ich noch nie erlebt, dass dein unterster Hemdknopf über dem Bauch zugeknöpft gewesen wäre. Ist heute eine echte Premiere.«
Gerhard Malzacher, den im Büro alle wegen seiner Ähnlichkeit mit der Filmfigur Bud Spencer nur ›Spencer‹ nannten, beugte sich vor, um sein über dem Bauch straff gespanntes Hemd inspizieren zu können.
»Tatsächlich. Wahrscheinlich doch eine Verbeugung vor dem Stern am Polizeihimmel.«
»Wer’s glaubt, wird selig. Aber die Hauptsache ist, dass ich nicht deinen Bauchnabel anstarren muss.«
»Dem ich aber nur wegen dir regelmäßige Pflege angedeihen lasse.«
»Jetzt reicht’s aber, mein Freund. Hat es über das Wochenende etwas gegeben, das ich wissen müsste?«
»Abgesehen von einem Haufen Schlägereien, wie es bei Sonnwendfeiern leider üblich ist, mit insgesamt drei Schwerverletzten, nur einen Mordversuch in der Nähe von Gänserndorf. Messerattacke aus Eifersucht. Der Täter hat bereits gestanden. Und bei Weißenkirchen hat sich ein Kremser Kunsthändler bei einem Sturz über eine Weingarten-Mauer das Genick gebrochen. Steht auch im Tagblatt.« Er blätterte in seiner Ausgabe zur entsprechenden Seite und zeigte ihr die kurze Notiz. »Der Staatsanwalt hat vorsichtshalber eine Obduktion angeordnet, wie ich höre. Wird aber nichts herauskommen.«
Doris streckte sich in ihrem Sessel. »So ruhig wie jetzt ist es schon lang nicht gewesen.«
»Unsere potenziellen Mörder lesen eben alle das Niederösterreichische Tagblatt. Wollen sich nicht mit dem neuen Stern am Polizeihimmel anlegen.«
»Aber du, wie mir scheint. Du gehst mir jetzt besser aus den Augen.«
Spencer stand auf. Ziemlich schwerfällig, wie ihr vorkam. War aber bei seinem Gewicht nichts Neues. »Ich gehe schon. Und ich entsorge auch gleich die Rosen da auf deinem Schreibtisch. Sind ja nicht mehr zum Anschauen.« Er griff mit seiner Rechten nach den Blumen.
Bevor er sie an sich nehmen konnte, gab sie ihm einen Klaps auf die Finger. »Das wirst du schön bleiben lassen. Die halten noch mindestens zwei Tage. Seit wann interessierst du dich überhaupt für meine Blumen?«
Mittwoch, 22. Juni 09 Uhr 14
Pünktlich betrat Wolfgang Marbolt das Vorzimmer. In einer Minute, um exakt 9 Uhr 15, hatte er beim Herrn Landeshauptmann zu erscheinen. Gestern am späteren Nachmittag war er davon von einer Mitarbeiterin aus diesem Büro telefonisch verständigt worden. Ohne dass ihm die Dame einen Grund für die Vorladung genannt hätte. Seinen Einwand, dass er eigentlich zu dieser Zeit nach Gmünd zu einem lang vereinbarten Besuch der dortigen Dienststelle hätte fahren wollen, hatte die Dame gestern nur mit der Bemerkung quittiert, dass man von einem Landespolizeidirektor schon erwarten könne, seine Prioritäten zu kennen. Er war nicht besonders besorgt gewesen, weil er die rauen Sitten, die im Umfeld des Landeshauptmanns herrschten, in der Zwischenzeit gut kannte. Wie hatte sein Vater doch immer gesagt? Wie der Herr, so das G’scherr. Er war aber dann doch froh, den hohen Herrn in guter Laune anzutreffen. Fast leutselig.
»Mein lieber Freund! Ich muss mich bei dir entschuldigen, dass ich dich am Samstag nicht auf die Bühne gerufen habe, als der Minister und ich deiner Mitarbeiterin zu ihrem Geburtstag gratuliert haben. Aber der Minister wollte es so. Da konnte ich natürlich schwer Nein sagen. Auch diese Phrase vom Stern am Polizeihimmel unseres Landes ist auf seinem Mist gewachsen. Ich hätte lieber vom Stern am Marboltschen Polizeihimmel gesprochen. So ist es auch in meinem Manuskript gestanden. Aber auch das wollte er nicht. Keine Ahnung, warum. Es ist doch zwischen euch beiden alles in Ordnung?«
Wolfgang Marbolt kannte sein Gegenüber gut genug, um zu wissen, dass man ihm besser nicht traute. Der Landeshauptmann pfiff eben immer die Melodie, von der er glaubte, dass sie seinen Zuhörern ins Ohr ging. Das Geheimnis seines Erfolgs. Daher wollte er sich nicht aus der Deckung wagen und nicht das sagen, was ihm auf der Zunge lag. Stattdessen gab er sich ganz entspannt. »Kein Grund zur Sorge, Herr Landeshauptmann. Zwischen dem Minister und mir ist alles bestens. Und die gute Doris hat sich diese Auszeichnung wirklich verdient. Hätte ich an deiner Stelle genau so formuliert.«
»Ich sehe schon, wir verstehen uns. Aber wegen der Fahrt auf dem Schinakel will ich gar nicht mit dir reden. Unter uns gesagt muss ich mir gut überlegen, ob ich mir das nächstes Jahr überhaupt noch einmal antue. Nur Leute an Bord, die etwas von mir wollen. Oder weil sie glauben, damit in die Zeitung zu kommen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr mich diese Gesellschaft anekelt. Aber das muss wirklich unter uns bleiben. Nein, es geht um etwas anderes. Du hast vielleicht gelesen, dass ein Kremser Antiquitätenhändler am Wochenende tragisch verunglückt ist.«
Der Polizeidirektor hatte den Mut, dem Landeshauptmann ins Wort zu fallen. »Natürlich. Dabei habe ich noch am Samstag bei ihm ein schönes Bild gekauft. Als Geburtstagsgeschenk für meine Frau.« Er hoffte, damit gleich zwei Botschaften senden zu können.
Aber den Landeshauptmann schien keine von beiden zu interessieren. Er fuhr fort, als hätte der oberste Polizist des Landes gar nichts gesagt. »Den kenne ich schon seit fast dreißig Jahren. Immer wieder habe ich bei ihm gekauft. Nie ein wirkliches Schnäppchen, aber immer Topqualität. Jedenfalls hat mich gestern Nachmittag seine Frau angerufen. Ziemlich verzweifelt, muss ich sagen. Angesichts der Umstände verständlich. Außerdem ist die Dame in einem kritischen Alter. Hormone und so. Du verstehst.«
Der Polizeidirektor nickte.
»Sie hat mich gebeten, alles in meiner Macht Stehende zu tun, damit der Fall nicht einfach zu den Akten gelegt wird. Sie hält es nämlich für möglich, dass jemand bei dem Unglück nachgeholfen hat. Dieser Jemand soll schon vor vier Wochen in ihr Haus eingebrochen sein. Den Einbrecher hat man allerdings bis jetzt nicht gefunden. Ich kann natürlich der Witwe, die ich auch schon sehr lange kenne, schlecht sagen, dass mich die Sache nichts angeht. Stattdessen habe ich ihr versprechen müssen, mich darum zu kümmern. Vielleicht kannst du Frau Lenhart bitten, sich einmal den Bericht des Arztes und den lokalen Polizeibericht zu Gemüte zu führen. Nicht dass ich glaube, dass an der Vermutung von Frau Haberl etwas dran ist. War ja schließlich nicht mehr der Jüngste, der gute Mann. So jemand kann schon einmal einen falschen Schritt machen. Aber ich will ihr guten Gewissens sagen können, dass sich unsere Top-Expertin den Fall angesehen hat.«
Wolfgang Marbolt war jetzt sicher, wer der Urheber der Phrase vom Stern am Polizeihimmel war. »Herr Landeshauptmann, ich bin dir sehr dankbar, dass du mich in dieser heiklen Angelegenheit ins Vertrauen ziehst. Wenn es dir recht ist, werde ich mich selbst um die Sache kümmern. Weil ich dafür einen persönlichen, wenn auch privaten Grund habe. Ich bin so wie du bei Doktor Haberl regelmäßiger Kunde gewesen.«
Wolfgang Marbolt merkte gleich, dass der Landeshauptmann diesmal aufhorchte. Endlich.
»Was, du auch? Warum sagst du mir das nicht gleich? Da sind wir zwei ja sozusagen Seelenverwandte. Mit dem gleichen guten Geschmack. Habe ich ja schon immer gewusst. Es wäre mir unter diesen Umständen sogar mehr als recht, wenn du diesem Fall – oder besser gesagt Nicht-Fall – deine überragende Erfahrung angedeihen lassen könntest.«
»Soll ich dir persönlich Bericht erstatten?«
»Unbedingt.«
Mittwoch, 22. Juni 10 Uhr 03
Missmutig las Felix Frisch den Bericht des Pathologen. Seit dem Fund der Leiche Sonntagnachmittag waren dreieinhalb Tage vergangen. Was hatte der Herr Dozent in diesen dreieinhalb Tagen gemacht, außer sich wie ein großer Star zu benehmen und sich auf seinen weißen Kittel weiß Gott was einzubilden. Stinkfaul und maßlos überbezahlt war er, der feine Herr von der Gerichtsmedizin. Felix fand in dem Bericht nur das bestätigt, was ihm selbst schon zu dem Zeitpunkt klar gewesen war, als er den Antiquitätenhändler im Weingarten liegen sah. An das Honorar für den Herrn Dozenten wollte er gar nicht denken. Damit der zu einem Ergebnis kam, zu dem er als kleiner Gruppeninspektor mit einem einzigen Blick gekommen war. Ohne dafür auch nur einen müden zusätzlichen Cent zu verdienen. Warum hatten ihn seine Eltern nicht Medizin studieren lassen?
Jedenfalls bestätigte der Pathologe, dass der Kunsthändler an einem durch den Sturz verursachten Genickbruch verstorben war. Es gäbe weder Hinweise auf eine vorherige Gewaltanwendung noch darauf, dass der Tod schon vor dem Sturz eingetreten war.
Obwohl er als Gruppeninspektor so gut wie immer im Stress war, wollte er die Witwe nicht telefonisch von dem Befund informieren, sondern die Nachricht persönlich überbringen. Gehörte sich einfach. Außerdem war ein Vormittags-Kaffee auf der von der Sonne sicher schon wohlig gewärmten Terrasse nicht zu verachten. Er hatte kurz überlegt, auf der Fahrt auf den Wachtberg beim ›Raimitz‹ eine kleine, süße Aufmerksamkeit zu besorgen. Wäre ja nur ein kleiner Umweg gewesen. Schien ihm aber dann doch zu aufdringlich. Abgesehen von den Kosten, die er ja nicht verrechnen können würde.
Jedenfalls hatte er Frau Haberl angerufen, um sie zu fragen, ob er persönlich vorbeikommen könne, um sie über den Befund des Pathologen in Kenntnis zu setzen. Ganz bewusst hatte er nichts über den Inhalt des Befunds verraten. Weil der das Interesse der Witwe an einem persönlichen Besuch hätte dramatisch reduzieren können.
Am Telefon wirkte sie auf ihn irgendwie abwesend. Nicht abweisend, aber abwesend.
Immerhin war er nach dem kurzen Telefonat sicher, dass sie ihn nicht abwimmeln wollte. Er gab in der Dienststelle Bescheid, nahm sich den Schlüssel für einen Streifenwagen und machte sich auf den Weg.
Er war dann doch angenehm überrascht, dass sich Frau Haberl um einen freundlichen Empfang bemühte. Aber gleichzeitig enttäuscht, dass ihre Freundlichkeit offensichtlich nicht ausreichte, ihn zu einem Kaffee auf die Terrasse zu bitten. Auch seine ohnehin ganz vorsichtig deponierte Bemerkung, dass man von der Terrasse einen unbeschreiblich schönen Blick über Krems haben müsse, bewirkte nichts. Sie bot ihm den Fauteuil im Wohnzimmer an, in dem er schon vor drei Tagen gesessen war, an dessen Beistelltisch schon ein Glas gefüllt mit Mineralwasser stand. Knapp vor seinem Kommen eingeschenkt, weil man die Perlen noch aufsteigen sah. Immerhin.
Er kam erst jetzt dazu, sich die Witwe etwas genauer anzusehen. Hätte er sie nicht schon vor vier Wochen gesehen, hätte er sie auf eine Endsechzigerin geschätzt. Mit einem Mal viele und tiefe Falten im Gesicht. Und sehr traurige Augen. Er hätte nicht sagen können, wodurch sich traurige von fröhlichen Augen unterschieden, aber er war hundertprozentig sicher, in sehr traurige Augen zu blicken. »Es ist noch immer schlimm, gell?« Seine Frage überraschte ihn selbst. Aber sie war ihm ein echtes menschliches Bedürfnis, das spürte er sofort.
Frau Haberl kämpfte mit ihren Tränen. »Wissen Sie, wir sind ein sehr glückliches Paar gewesen. Auch wenn wir leider keine Kinder gehabt haben. Haben Sie Kinder?«
»Ja, zwei.«
»Dann danken Sie dem Herrgott jeden Tag dafür. Mit Kindern wäre es nicht so schlimm. Weil sie mir jetzt sicher eine Stütze wären. Und auch, weil wir das weitergeben könnten, was mein Mann aufgebaut hat. Sie haben ja bemerkt, dass mein Mann nicht nur eine große Liebe zu seinem Beruf gehabt hat, sondern dass er damit auch geschäftlich sehr erfolgreich gewesen ist. Wer soll das jetzt alles übernehmen?« Sie blickte ihn an.
Er war nicht sicher, ob sie von ihm eine Antwort erwartete.
Zum Glück erlöste sie ihn umgehend aus dieser Unsicherheit, indem sie fortfuhr. »Aber jetzt bin ich doch neugierig, was die Obduktion ergeben hat?«
Der Gruppeninspektor trank noch rasch einen Schluck, wischte dann den Boden des Glases sorgfältig mit der Handfläche seiner Rechten ab und stellte es vorsichtig auf den Beistelltisch zurück. Nur keine Wasserflecken. Vielleicht war das Tischchen ja auch ein kleines Vermögen wert. »Die Obduktion hat nur ergeben, was ich Ihnen schon vor drei Tagen gesagt habe. Ihr Mann muss so unglücklich über die Stützmauer gefallen sein, dass er sich dabei das Genick gebrochen hat. Wahrscheinlich kopfüber gestürzt. Ist zwar ungewöhnlich, kommt aber nach der Feststellung des Pathologen gar nicht so selten vor.«
Die Skepsis im Gesicht der Witwe war nicht zu übersehen. »Und wenn er von jemandem gestoßen worden ist?«
»Frau Haberl, das ist natürlich theoretisch möglich. Aber dafür gibt es keinen Hinweis. Natürlich habe ich auch oben auf der Mauer nachgeschaut. Da stehen knorrige Wurzeln von den Weinstöcken aus der Erde, überall Unebenheiten, aber keine Kampfspuren. Ihr Mann hat doch keine Feinde gehabt, oder? Seine Geldbörse war auch gut gefüllt. Beraubt hat ihn also niemand. Glauben Sie mir. Ich habe in Mordermittlungen eine gewisse Erfahrung. Für Mord braucht es ein Motiv. Warum sollte jemand Ihrem Mann an einem schönen Sonntagnachmittag in einem Weingarten einen Stoß versetzen? Nur weil Ihnen jemand vor ein paar Wochen eine kleine Statue gestohlen hat, kann man doch nicht gleich annehmen, dass aus dem Einbrecher ein Mörder geworden ist.«
»Ach wissen Sie, Herr Gruppeninspektor. Um diese Plastik geht es gar nicht. Auch wenn er sie sehr geliebt hat. Die war, wenn es hoch kommt, vielleicht zehntausend Euro wert. Wobei ich zugebe, dass ich nichts von Antiquitäten verstehe. Mich beschäftigt etwas anderes. Mein Mann ist nach dem Einbruch irgendwie anders geworden. Nervöser und vorsichtiger. Hat gar nicht zu ihm gepasst. Er ist immer ein so lebensfroher Mensch gewesen.«
In diesem Moment hatte Felix Frisch einen Geistesblitz. So fühlte es sich zumindest an. Er wusste nur nicht so recht, wie er ihn formulieren sollte, ohne die Witwe zu verletzen. »Wenn ich Ihnen so zuhöre, Frau Haberl, kommt mir eine Idee. Ich könnte mir vorstellen, dass es Sie nicht begeistern wird, was ich Ihnen jetzt sage. Aber als einer der erfahrensten Polizisten der Kremser Polizei kann ich aus dem, was Sie mir da erzählen, nur einen Schluss ziehen.«
Die traurigen Augen von Frau Haberl, die schon die ganze Zeit auf den Gruppeninspektor gerichtet waren, wurden plötzlich ganz groß.
»Ihr Mann war gar nicht so lebensfroh, wie Sie annehmen. Im Gegenteil. Deshalb hat er für sich keinen Ausweg mehr gesehen und ist freiwillig aus dem Leben geschieden. Dazu passt auch der Genickbruch, der ja an sich bei Unfällen aus dieser Höhe selten ist. Ihr Mann hat sich kopfüber über die Stützmauer gestürzt. An Ihrer Stelle würde ich das aber nicht an die große Glocke hängen. Sie wissen ja, wegen kirchlichem Begräbnis und so.«
Natürlich war ihm klar gewesen, dass Frau Haberl über seine messerscharfe Schlussfolgerung, was den Tod ihres Mannes betraf, nicht glücklich sein würde. Hatte er ihr ja auch schon gesagt. Es war gar nicht auszuschließen, dass sie sich selbst Vorwürfe machte. Hätte er deswegen besser schweigen sollen? Nein. Dazu war die Wahrheit ein zu kostbares Gut. Und auch einer trauernden Witwe zumutbar. Aber ihre Reaktion! Unfassbar.
Gerlinde Haberl sprang auf. »Herr Frisch, Sie sind ein Idiot der Sonderklasse. Ich muss Sie dringend ersuchen, mein Haus zu verlassen. Auf der Stelle! Und eines kann ich Ihnen sagen. Diese Unverschämtheit wird noch ein Nachspiel haben.«
Gerade, dass sie ihm nicht die Mineralwasserflasche auf den Kopf schlug. So schnell er konnte, stand er auf und setzte seine Kappe auf. Da sah er durch die Glasscheibe der Terrassentür einen Streifenwagen. Mit rotierendem Blaulicht. Der unmittelbar vor dem Haberlschen Haus abrupt bremste.
Frau Haberl musste den Wagen ebenfalls bemerkt haben.
Nur Sekunden später läutete es an der Tür.
Ohne sich weiter um ihn zu kümmern, verließ sie den Raum in Richtung Tür.
Kurz darauf hörte er eine vertraute Stimme. Die seiner jungen Kollegin Kathi, die auch gleich ins Zimmer stürzte. »Wieso hast du denn dein Handy ausgeschaltet? Du sollst sofort zu der Stelle kommen, an der wir Herrn Haberl gefunden haben. Der Herr Landespolizeidirektor erwartet dich dort in einer Viertelstunde. Und nimm den Pathologie-Befund mit.«
Täuschte er sich oder sah er im Gesicht der Witwe so etwas wie den Ausdruck eines Triumphs? Egal. Letztlich würde er triumphieren. Gruppeninspektor Felix Frisch und der Herr Landespolizeidirektor Dr. Wolfgang Marbolt. Von einem solchen Gespann hatte er nie zu träumen gewagt. In fünfzehn Minuten würde seine große Stunde beginnen. Das spürte er ganz deutlich.
»Und noch einen schönen Gruß vom Chef. Du sollst ihm keine Schande machen!«
Er hoffte, dass Kathi den vernichtenden Blick, den er ihr zuwarf, auch richtig zu deuten wusste.
Mittwoch, 22. Juni 10 Uhr 35
Jetzt wartete er schon seit sechs Minuten an der Stelle zwischen Dürnstein und Weißenkirchen, an der er am vergangenen Sonntag gemeinsam mit Kathi den Streifenwagen abgestellt hatte. Aber vom Landespolizeidirektor noch immer keine Spur. Hatte er ja schon des Öfteren gehört, dass es in St. Pölten mit der Genauigkeit nicht so weit her war. Wobei er selbst sich gar nicht so nobel ausdrücken würde. Einfach Schlendrian, wohin er auch schaute.
Die Verspätung seines obersten Chefs hatte allerdings auch sein Gutes. Er konnte sich endlich mit der Frage befassen, wieso sich Wolfgang Marbolt überhaupt für den Kremser Antiquitätenhändler interessierte. Hatte nicht die Witwe von einem Nachspiel gesprochen? War damit der Polizeidirektor gemeint?
Er war so in seine Gedanken vertieft, dass er den Audi, der hinter ihm bremste, gar nicht hörte. Erst ein kurzes Hupen ließ ihn herumfahren. Schnell setzte er seine Kappe, die er wegen der Hitze abgenommen hatte, wieder auf und nahm Haltung an.
Der Polizeidirektor stieg aus seinem Wagen. Mit seinem Handy am Ohr. Keine Begrüßung. Nicht einmal ein freundliches Nicken in seine Richtung. Nur Konzentration auf das Telefon. Endlich war das Gespräch vorbei.
»So mag ich es. Dass der Polizeidirektor von seinen Beamten bereits erwartet wird. Ein Gutpunkt für Sie, Herr Kollege!«
Kein wirklicher Sympathieträger, dachte Felix Frisch. Aber immerhin hatte er ihn mit ›Herr Kollege‹ angesprochen. In der Tonart konnte es ruhig weitergehen.
»Sie haben die Unterlagen da?«
»Selbstverständlich, Herr Dr. Marbolt.« Die kleine Vertraulichkeit konnte er sich wohl von Kollege zu Kollege leisten. Er reichte ihm die Unterlagen.
»In diesem Land werde ich mit ›Herr Landespolizeidirektor‹ angesprochen. Ist das klar?«
»Sehr wohl, Herr Landespolizeidirektor!«
Marbolt überflog die Unterlagen. Dauerte kaum zwei Minuten. Dann sah er den Gruppeninspektor an.
»Scheint ja ziemlich eindeutig zu sein. Unser guter Herr Haberl hat wahrscheinlich in einem der Wachauer Weinkeller zu viel gebechert. Kann man ja verstehen. Und ist dann unglücklich gestürzt. Eigentlich ein schöner Tod. Können wir uns beide auch wünschen, wenn unsere Zeit einmal gekommen ist.«
Was für ein unangenehmes Meckern, dachte sich Felix. Sollte wohl ein Lachen sein.
Der Polizeidirektor nahm den Bericht des Pathologen wieder in die Hand.
»Kommando retour. Der Mann hat ja kaum Alkohol im Blut gehabt. Sie sehen, Herr Kollege, auch einem Landespolizeidirektor fällt kein Stein aus der Krone, wenn er sich korrigiert. Gehört zu den zehn Geboten der Polizeiarbeit.«
»Jawohl, Herr Landespolizeidirektor.«
»Ihr Vorgesetzter hat mir am Telefon gesagt, dass Sie heute Vormittag bei der Witwe waren, um sie über das Ergebnis der Obduktion zu informieren. Die gute Dame dürfte sich da ja was zusammenspintisiert haben. Von wegen Fremdeinwirkung und so. Wissen Sie, Frauen haben ja manche Vorzüge. Aber die Fähigkeit, Tatsachen unvoreingenommen ins Auge zu blicken, gehört nicht dazu. Außerdem scheint sie auch schon in dem Alter zu sein, in dem die Hormone verrückt spielen. Sie verstehen?«
›Genau wie bei meiner Elfriede‹, wollte der Gruppeninspektor schon sagen, beschränkte sich aber dann auf ein »Sehr wohl, Herr Polizeidirektor!«
»Ist es von hier weit bis zur Unfallstelle?«
»Sechs bis acht Minuten. Je nachdem, wie schnell wir gehen.«
Er sah einen sehr taxierenden und gleichzeitig abschätzigen Blick in den Augen von Dr. Marbolt. »Na, das wird wohl eher acht Minuten dauern. Ist zu Ihnen eigentlich schon durchgedrungen, dass ich mir als oberster Chef lauter durchtrainierte Mitarbeiter wünsche? Ich hoffe, dass Ihr Grips wenigstens mit Ihren Kilos mithalten kann. Also dann los.« Der Polizeidirektor legte ein Tempo vor, mit dem Felix Frisch nur mit größter Mühe Schritt halten konnte. Marbolt traf auch keine Anstalten, sich bei seinen Fragen umzudrehen, sondern redete die vor ihm liegenden Weingärten an. »Haben Sie überhaupt herausbekommen, wieso die Frau glaubt, dass es beim Tod ihres Mannes nicht mit rechten Dingen zugeht?«
Felix Frisch fühlte seine große Stunde nahen. Die er bis zum Äußersten auskosten wollte. Nur zu blöd, dass der Polizeidirektor ihn dabei keuchen hören musste.
»Natürlich, Herr Landespolizeidirektor. Gehört ja zum kriminalistischen Einmaleins eines Gruppeninspektors. Vor vier Wochen ist im Haus der Haberls auf dem Kremser Wachtberg – tolle Villa, kann ich Ihnen sagen, von der ein Polizeibeamter nur träumen kann – eingebrochen worden. Dabei hat der Dieb nur eine kleine, sicher schon ganz wurmstichige Plastik entwendet.«
»Sonst nichts?« Jetzt blieb Wolfgang Marbolt stehen, drehte sich um und fixierte ihn mit forschendem Blick.
»Absolut nichts. Und ich bin gleich nach der Einbruchsmeldung am Tatort gewesen.
Da stehen die Kunstgegenstände haufenweise herum.«
»Und hat Doktor Haberl eine Angabe über den Wert der gestohlenen Plastik gemacht?«
Felix Frisch war dankbar für die kurze Rast. »Selbstverständlich habe ich ihn danach gefragt. Höchstens fünfzehntausend, hat er gemeint.«
»Wissen Sie was?« Der Landespolizeidirektor hob das Kinn. »Ich glaube, die Plastik war in Wahrheit viel teurer und der Einbrecher hat um ihren wahren Wert gewusst. Sie würden ja nicht glauben, Herr Kollege, was diese alten Sachen heute kosten. Je wurmstichiger, umso teurer. Da gibt es jetzt in einer Ausstellung in Florenz eine alte Zeichnung von Raffael – schon einmal von dem Namen gehört?«
Der Gruppeninspektor bemühte sich um einen Gesichtsausdruck, der ihn von der Peinlichkeit einer ehrlichen Antwort bewahren sollte. Vergebens.
»Na, macht nichts. Woher soll ein kleiner Streifenpolizist auch einen Raffael kennen. Jedenfalls hat mir der Chef der Ausstellung in Florenz – tolle Stadt, kann ich Ihnen sagen – erzählt, dass er diese Zeichnung auf mindestens zehn Millionen schätzt. Und das, obwohl sie einen großen Brandfleck hat. Brandflecken sind bei Papier das, was Wurmstiche bei Holz sind, müssen Sie wissen.«
Kleiner Streifenpolizist. Das wurde ja immer schöner. »Das ist ja hochinteressant, Herr Landespolizeidirektor.« Er sah sofort, dass diese Bemerkung dem hohen Herrn gut gefiel. Aus dem forschenden Blick wurde ein freundlicher. Allerdings ein bisschen sehr gönnerhaft, wie es dem Gruppeninspektor schien.
»Ja. Bei mir kann man immer etwas lernen.«
»Davon bin ich überzeugt, Herr Landespolizeidirektor. Zu Ihrer Theorie vom hohen Wert der Plastik …«
Der Polizeidirektor unterbrach. Mit erhobenem Zeigefinger. »Nicht Theorie, mein Lieber. Sondern knallharte Tatsache.«
Felix Frisch begann, sich unwohl zu fühlen. Er ertappte sich bei der Hoffnung, der Polizeidirektor würde sich wieder bergwärts drehen und den Aufstieg fortsetzen.
»Jedenfalls würde dazu passen, was Frau Haberl gesagt hat. Dass ihr Mann seit dem Einbruch ein anderer Mensch gewesen ist. Ganz deprimiert.«
Wolfgang Marbolt drehte sich abrupt um und sprintete los. »Was sage ich die ganze Zeit. Da habe ich wieder einmal den Nagel auf den Kopf getroffen. Ohne die Dame je gesehen zu haben. Die Sache ist so klar wie Quellwasser. Wenn Menschen deprimiert sind, machen sie leicht einen falschen Schritt. Wie weit ist es noch?«
»Wir sind gleich da. In maximal zwei Minuten.« Dem Gruppeninspektor war in der Zwischenzeit klar geworden, dass er sein Atout besonders vorsichtig ausspielen musste. Die letzten fünf Minuten hatten ihm genügt, um sich darüber klar zu werden, dass sein oberster Chef nicht jemand war, der sich gern von anderen die Show stehlen lassen würde. Er war froh, dass Dr. Marbolt schwieg, bis er die Stelle erreichte, die mit einem Band aus roter Folie umfriedet war.
Der Landespolizeidirektor begutachtete den Platz.
Jetzt schien Felix Frisch die Gelegenheit günstig zu sein. Aber er würde es sehr geschickt einfädeln müssen. Der Chef musste quasi selbst darauf kommen. »Der Pathologe hat angemerkt, dass ein Genickbruch bei solchen Stürzen doch ungewöhnlich ist«, begann er vorsichtig. »Weil der Herr Haberl mit dem Kopf voran … verstehen Sie?« Er machte mit der flachen Hand eine kippende Bewegung, als würde jemand einen Kopfsprung ins Wasser machen.
Der Landespolizeidirektor runzelte die Stirn und besah sich die drei Meter hohe Mauer, von der Herr Haberl heruntergestürzt war.
»Herr Haberl war laut seiner Frau nach dem Einbruch sehr deprimiert«, setzte Felix Frisch fort.
»Mit dem Kopf voran, sagen Sie?« Der Landespolizeidirektor ahmte mit seiner Hand die Kopfsprunggeste nach.
»Der Ausblick von da oben ist noch grandioser. Wirklich ein schöner Platz zum Sterben.« Er wusste, dass er die Selbstmordthese nicht aussprechen durfte. Aber nun hatte er keine Idee mehr, wie er dem eitlen Herrn noch weiter auf die Sprünge helfen konnte. Der brauchte doch jetzt wirklich nur mehr eins und eins zusammenzuzählen.
Da ging ein sichtbarer Ruck durch den Landespolizeidirektor. Offenbar ein Geistesblitz.
Felix Frisch drückte sich die Daumen, dass es derselbe Geistesblitz war, den er vorhin bei Frau Haberl gehabt hatte.
»Herr Kollege«, hob der Polizeidirektor an. »Ich bin der festen Überzeugung: Das Rätsel rund um diesen Todesfall ist gelöst. Herr Haberl hat sich offensichtlich das Leben genommen.«
Felix Frisch versuchte, erstaunt zu schauen.
»Eigentlich braucht man nur eins und eins zusammenzuzählen«, fuhr der Landespolizeidirektor fort. »Haberl ist zutiefst deprimiert wegen des Diebstahls der wertvollen Statue, steigt hier herauf an diesen wunderschönen Ort abseits aller Spazierwege und springt mit dem Kopf voran in den sicheren Tod.«
Felix Frisch schaute noch leicht zweifelnd, während er innerlich jubilierte. »Sie könnten tatsächlich recht haben«, formulierte er vorsichtig und dachte an Frau Haberl, die ihm wegen der Selbstmordthese ein Nachspiel angedroht hatte. Dieses Nachspiel entschied er gerade für sich. »Ja, wenn ich es recht überlege, ist das die einzig logische Schlussfolgerung.«
Der Landespolizeidirektor strahlte. »Es tut gut, dass meine Idee von einem Mann aus dem Fußvolk geteilt wird. Da fühlt man sich gleich besser. Aber natürlich auch nur, wenn man so wie ich Wert auf die Meinung der unteren Schichten legt.«
Felix Frisch bemühte sich, sich seinen Ärger nicht ansehen zu lassen. Dass der feine Herr einen Gruppeninspektor zum sogenannten Fußvolk zählte, war schon heftig. Aber ›untere Schichten‹ war eine echte Frechheit. Der hielt sich offensichtlich für etwas Besseres. Vielleicht hätte er ihm die Idee vom Selbstmord doch nicht eingeben sollen.
»Wissen Sie, ich komme vor lauter Gesprächen mit Landeshauptleuten und Ministern überhaupt nicht dazu, mit einfachen Inspektoren zu reden. Dabei wäre das so wichtig. Man soll gerade die sogenannten kleinen Leute nicht unterschätzen, sage ich immer zu meiner Frau. Gehört zu meinen persönlichen zehn Geboten.« Der Polizeidirektor streckte die Brust heraus, stemmte die Arme in die Hüften wie ein Feldherr und blickte auf das Donautal hinunter. »Wirklich schöne Gegend hier. Dürfte eine ideale Lage für Riesling sein.« Noch einen Moment genoss er in dieser Pose die Aussicht. Dann warf er einen Blick auf seine Uhr. »Ich glaube, ich habe genug gesehen. Sie sind ein guter Mann. Ich werde Sie in meinem Bericht an den Landeshauptmann lobend erwähnen. Wie war doch gleich Ihr Name?«
Mittwoch, 22. Juni 12 Uhr 48
Selbstverständlich war auf der Terrasse des Schlosshotels ihr Lieblingsplatz reserviert. Ohne dass Franziska Schremser bei ihrem Anruf extra darauf hätte hinweisen müssen. Im Schatten des Blutahorn-Baumes an der Brüstung mit dem besten Blick donauaufwärts. Warum sie lieber die Donau hinauf als hinunter schaute, konnte sie schwer fassen. Vielleicht waren es die Schiffe. Die einen kamen ihr stromabwärts schnell entgegen, während die anderen stromaufwärts nur mit Mühe entschwanden. Der Strom verstärkte gleichsam ihre magnetische Wirkung, die sie ihr ganzes Leben lang zu nutzen gewusst hatte. Auch jetzt registrierte sie die verstohlenen Blicke so mancher Herren. Ihr wurde bewusst, wie gut das kräftige, samtene Grün ihres neuen Kleides mit den roten Blättern des Baumes über ihr harmonierte; und mit dem rötlichen Klinker-Fußboden. Inszenierung war ihr eben zur zweiten Natur geworden. Wahrscheinlich mochte sie diesen Platz auch deshalb, weil er von zwei großen Steinschalen, die mit prächtigen, rosa blühenden Hortensien gefüllt waren, umrahmt war.
Aber sie war nicht hier, um bewundernde Blicke der männlichen und neidvolle Blicke der weiblichen Gäste auf sich zu ziehen. Sie war hier, um mit Jennifer und ihrem Verlobten noch einmal das Programm für die Hochzeitsfeierlichkeiten durchzugehen. Damit alles wie am Schnürchen klappen würde. Die Ausrichtung der Hochzeit auf Burg Aggstein war ihr Hochzeitsgeschenk an ihre Tochter aus erster Ehe.
Sie hatte sich vorgenommen, diesmal besonders großzügig zu sein. Auch wenn sie sonst auf ihr Geld schaute. Denn gegenüber Jennifer hatte sie schon lange so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Erstens wegen des Vornamens. Sie selbst war als junges Mädchen über ihren eigenen Vornamen höchst unglücklich gewesen. ›Franziska‹ erschien ihr höchst altmodisch. Ihr Unglück wurde noch dadurch verstärkt, dass ihre Eltern sie immer ›Franzi‹ riefen. Damals hatte sie sich geschworen, ihren eigenen Kindern nur moderne Vornamen zu geben. Als ihre Tochter vor vierundzwanzig Jahren auf die Welt kam, war Jennifer ein sehr angesagter Vorname. Heute allerdings gefiel ihr ihr eigener Vorname besser als der ihrer Tochter.
Entscheidender für ihr schlechtes Gewissen war jedoch das eindeutige Gefühl, dass ihre jüngere Tochter ihrem Herzen näherstand. Natürlich bemühte sie sich nach Kräften, diesen Umstand vor ihrer älteren zu verbergen. Sie hatte auch ihre Töchter niemals wissentlich ungleich behandelt. Allerdings gab es diese für sie spürbare emotionale Distanz. Die mochte mit dem Vater von Jennifer, ihrem ersten Ehemann, zusammenhängen. Manuel Kohout. Ein Windbeutel der Sonderklasse. Inhaber einer Werbefirma. Dass sie nicht lachte. Die einzige Werbung, die er jemals auf die Beine stellen konnte, war die für sich selbst. Ungemein charmant. Aber in Wahrheit nur auf ihr damals noch recht mühsam verdientes Geld aus. Bis sie ihn auf zugegeben etwas rüde Art vor die Tür gesetzt hatte. Seitdem hatte sie von diesem Blender nichts mehr gehört. Das war ihr nur recht. Als Jennifer vor ein paar Jahren einmal angedeutet hatte, dass sie Kontakt zu ihrem Vater habe, hatte sie auch sofort abgewunken. Von Manuel Kohout wollte sie einfach nichts mehr wissen.
Zum Glück war Jennifer genau das Gegenteil ihres Vaters geworden: sehr solide. Lehrerin für Deutsch und Geschichte. Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren wollte sie selbst Lehrerin werden. Bis zu dem Tag, an dem sich plötzlich eine Möglichkeit aufgetan hatte, viel Geld zu verdienen. Aus dieser Möglichkeit hatte sie mit der ihr angeborenen Energie und Schläue schöne Wirklichkeit gemacht. Das Studium hatte sie damals geschmissen. Trotz fast fertiger Dissertation. Einen Titel hatte sie bis heute nie mehr gebraucht. Dazu war sie zu reich und zu attraktiv.
Mit dem jungen Paar war sie für zwölf Uhr fünfundvierzig verabredet. Jennifer unterrichtete bis zwölf Uhr dreißig. Sie selbst war pünktlich, Tochter und zukünftiger Schwiegersohn, ein ihr sehr sympathischer junger Anästhesist aus dem Landesklinikum Krems, nicht. Sie wollte nicht länger warten und gab dem Ober, der gerade zwei Tische weiter einem älteren Ehepaar die Vorspeisen servierte und dabei, einen freundlichen Gruß andeutend, zu ihr blickte, mit Daumen und Zeigefinger ein Zeichen, das er offensichtlich sofort verstand.
Keine Minute später brachte er ihr ein Glas. »Einen wunderschönen guten Tag, Frau Schremser! Hier Ihr gewünschter Riesling, bitte. Wie immer vom Pichler.« Wie üblich stellte er ihr auch gleich ein volles, mit blütenweißer Stoffserviette bedecktes Brotkörbchen auf den Tisch. »Soll ich Ihnen schon die Karte bringen, oder wollen Sie noch etwas warten?«
»Sie können sie mir ruhig schon bringen. Und für meine Kinder gleich dazu. Die werden ja gleich da sein.«
Sie nahm das Glas in die Hand, führte es zu ihrer Nase, um den Geruch des Weins auf sich wirken zu lassen, trank einen Schluck und blickte dann über die Donau nach Rossatz. Was war das hier doch für ein prachtvoller Platz! Selbst in der mit vielen wunderschönen Plätzen verwöhnten Wachau war keiner zu finden, der es mit dieser Terrasse hätte aufnehmen können, davon war sie überzeugt. Auch wenn sie die Stiftskirche in ihrem Rücken gar nicht sehen konnte, und auch nicht die Burgruine, die auf den Ort herabblickte, so war es so, als würden diese beiden Dürnsteiner Wahrzeichen einem beim Essen über die Schulter schauen. An einem Tag wie diesem mit seinen neunundzwanzig Grad im Schatten und einem wolkenlosen Himmel nicht zu schlagen. Sie würde nie verstehen, warum die Bald-Eheleute nicht das Schlosshotel als Ort für die Hochzeitsfeier ausgesucht hatten. Auf den Geldbeutel der Brautmutter hätten sie wirklich keine Rücksicht zu nehmen brauchen.
Die beiden hatten sich zu ihrer Überraschung auch für eine kirchliche Trauung entschieden. Da wäre doch die Stiftskirche ein idealer Ort gewesen. Aber nein, das junge Paar hatte sich auf einen weit ungewöhnlicheren Ort für die Trauung und die anschließende Feier versteift. Wie hieß es doch so schön? Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Sie glaubte zu wissen, dass die Tochter gern sie als Trauzeugin gehabt hätte. Hätte sie auch gern gemacht. Schon allein wegen ihres schlechten Gewissens. Allerdings war ihr als zweifach geschiedene Frau diese Rolle verwehrt.
Der Wein tat ihrem Magen gut. Sie schlug die über dem Brotkörbchen gefaltete Serviette zurück. Der Duft, der ihr entgegenströmte, regte ihren Magen gleich noch mehr an. Helles und dunkles Brot sowie zwei Wachauer Laberln vom Schmidl. Frisch aus der Backstube, die keine dreihundert Meter von der Hotel-Terrasse entfernt lag. Andere Frauen mussten sich an dieser Stelle in Zurückhaltung üben. Sie jedoch hatte – in gewissem Rahmen – schon immer nach Herzenslust essen können, ohne ihre Taille zu gefährden. Dementsprechend griff sie nach einem Laberl und biss herzhaft hinein. So konnte nur Gebäck vom Schmidl schmecken. Einfach herrlich.
Der Kellner kam mit den Speisekarten.
Sie bedeutete ihm mit vollem Mund, die Karten einfach auf den Tisch zu legen, anstatt ihr wie üblich auch gleich mündliche Informationen zum heutigen Menü zu servieren. Als er wieder davongetrabt war, schlug sie die in Weinrot gehaltene Speisekarte auf. Auf eine Vorspeise wollte sie eher verzichten. Obwohl sie die kleinen Lammfilets auf Blattsalaten schon sehr anlachten. Sollten die Brautleute eine Vorspeise bestellen, würde sie selbst wohl schwerlich Nein sagen können. Ihr angeregter Magen wollte sich allerdings gerade nicht mit den Vorspeisen aufhalten. So wandte sie ihre Aufmerksamkeit den Hauptspeisen zu. Die hausgemachten Nudeln mit Wildschweinsugo und Vogelbeeren hatte sie schon einmal gegessen. Köstlich. Aber sie wollte noch ein bisschen gustieren.
Sie war so vertieft in die Karte, dass sie den zarten Kuss auf ihren Kopf zunächst gar nicht spürte.
Donnerstag, 23. Juni 13 Uhr 05
Was für eine Frechheit von ihrem Mann. Da stand sie nach der Morgendusche vor dem Badezimmerspiegel, den sie kurz davor mit einem trockenen Handtuch von Wasserdampf befreit hatte, um ihre Figur einer kritischen Kontrolle zu unterziehen. Mit dem, was sie sah, war sie durchaus zufrieden.
Dass ihr Erich – selbstverständlich erst nach vorherigem Klopfen – hereingekommen war, störte sie nicht; genauso wenig, dass er ihr, wie sie im Spiegel sehen konnte, interessiert zusah, wie sie dieses ohnehin winzig kleine Röllchen über ihrer linken Hüfte zwischen Daumen und Zeigefinger nahm, um den Durchmesser zu kontrollieren. Aber dann setzte er sein ihr zur Genüge bekanntes Grinsen auf, das an den Gesichtsausdruck eines Fauns erinnerte, und kommentierte diese Röllchen-Prüfung mit der Bemerkung, dass er auf ihren Hüften schon immer ein paar Dekagramm mehr gemocht hätte, als eigentlich erlaubt waren. Da wusste sie, dass ihr der ganze Tag gründlich versaut sein würde. Und womöglich sogar Ungemach bereithielt.
Die Szene vor dem Spiegel hatte Doris Lenhart immer noch im Hinterkopf, während sie als Ersatz für das Mittagessen missmutig an einer Karotte kaute und in einem Akt las. Da klingelte ihr Telefon. Das Büro des Landeshauptmanns war am Apparat. Das musste das Ungemach sein, das sich in der Früh angekündigt hatte. Ob sie um dreizehn Uhr zum Herrn Landeshauptmann kommen könne? Auf ihre Frage nach dem Gesprächsthema, ob sie Unterlagen mitbringen oder sich anderweitig vorbereiten sollte, war nur ein kurzes, aber klares »Nein« gekommen.
Sie hatte im Vorzimmer nicht einmal eine Minute warten müssen, da war er schon aus seinem Büro herausgekommen. Mit genau dem Lächeln, das sie schon vom vorigen Samstag kannte. »Welche Freude, den Stern am niederösterreichischen Polizeihimmel so schnell wiederzusehen. Entschuldigen Sie bitte den Überfall, Frau Chefinspektorin, aber ich brauche Ihre Hilfe. Dringend. Kaffee?«
Als sie nickte, nickte er seinerseits seiner Sekretärin zu: »Zwei Mal, bitte.«
Doris nahm auf einem Sessel der Sitzgarnitur, die sie schon von ihrem ersten und bisher einzigen Besuch in diesem Büro vor fünf Jahren kannte, Platz. An der erstaunlich spartanischen Einrichtung hatte sich seither nichts verändert. Diese Einrichtung war auch der Grund, warum dieser Raum trotz seiner Größe ihrer Vorstellung vom Büro eines Landeshauptmanns nicht entsprach.
»Wissen Sie, Frau Lenhart, Ihr Boss treibt mich manchmal zur Weißglut. Ich habe gute Lust, dem Innenminister klar und deutlich zu sagen, dass er sich den Marbolt weiß Gott wohin stecken soll. Hauptsache, er zieht ihn aus Sankt Pölten ab.«
Sie dachte bei sich, dass sie dafür gern die Umzugskosten übernehmen würde, bemühte sich aber, keinerlei Gemütsregung erkennen zu lassen.
Der Landeshauptmann senkte seine Stimme. »Im Vertrauen sage ich Ihnen, dass er sich sogar aufgeregt hat, dass ich Sie auf dem Schiff als Stern am Polizeihimmel bezeichnet habe. Weil er als Ihr Chef ein größeres Recht darauf gehabt hätte, auf der Bühne zu stehen. Tolles Foto übrigens im Niederösterreichischen Tagblatt. Gratuliere. Dabei gibt es in der ganzen Polizei niemanden, der auch nur im Ansatz Ihre Fähigkeiten hätte. Hat es nie gegeben und wird es auch nie mehr geben. Der Innenminister hat zwar auch gefunden, dass ich da ein bisschen übertrieben habe, aber ich wäre ein schlechter Landeshauptmann, wenn ich mich durch so etwas beeindrucken ließe.«
Schön langsam wurde ihr unbehaglich. Wie es immer passierte, wenn sie keine Ahnung hatte, worauf ihr Gegenüber hinauswollte.
Der Landeshauptmann blickte sie an. Ganz sicher genau kalkulierend, wie weit seine Eröffnung ihr Ziel erreicht hatte.
Wenn sie dieses Ziel nur hätte erraten können! Der in dem Moment servierte Kaffee verschaffte ihr wenigstens eine kleine Atempause.
»Aber ich habe Sie jetzt lang genug an meinen Sorgen teilhaben lassen und will jetzt zur Sache kommen«, fuhr der Landeshauptmann fort, als seine Sekretärin die Tür von außen schloss. »Vielleicht haben Sie gelesen, dass voriges Wochenende ein recht bekannter Kremser Kunst- und Antiquitätenhändler bei einem Sturz in einem Weingarten ums Leben gekommen ist. Den Doktor Haberl habe ich seit dreißig Jahren gekannt. Leider glaubt seine Witwe, die ich natürlich auch gut kenne, dass jemand bei dem Tod etwas nachgeholfen hat. Weil im Privathaus der Haberls vier Wochen vorher eingebrochen worden ist.«
Spätestens jetzt drängte es sie, seinen Redefluss zu unterbrechen. »Und was ist gestohlen worden?«
»Dazu komme ich gleich. Jedenfalls habe ich, weil ich mir eingebildet habe, den Dienstweg einhalten zu müssen, den Marbolt ersucht, der Sache nachzugehen. Und zwar durch Sie. Dass er Sie einschalten soll, habe ich ihm ausdrücklich gesagt. Aber was macht der komische Vogel? Bildet sich offensichtlich ein, selbst der große Stern am Polizeihimmel zu sein. Fährt da gestern in die Wachau, kraxelt dort in den Weingärten herum und kommt dann mit einer wilden Theorie nach Hause. Jetzt komme ich zu Ihrer Frage. Im Polizeibericht, der dort drüben liegt« – er deutete mit einer Hand auf seinen Schreibtisch – »samt Obduktionsergebnis und dem Bericht des wirklich grenzgenialen Herrn Polizeidirektors – bekommen Sie selbstverständlich alles mit – ist vom Diebstahl einer kleinen Heiligenfigur aus dem Mittelalter die Rede. Wert nach damaligen Angaben von Doktor Haberl zehn- bis fünfzehntausend Euro. Doktor Marbolt glaubt aber, dass die Figur in Wirklichkeit viel mehr wert war. Er will nicht ausschließen, dass der Kunsthändler wegen dieses Verlustes so untröstlich gewesen ist, dass er sich das Leben genommen hat. Hätte er von einem Spitzenpsychologen, der viel zum Thema Selbstmord geforscht hat.«
Doris Lenhart stand auf und ging zum Schreibtisch. »Darf ich mir einmal den Obduktionsbericht ansehen?«
»Schauen Sie sich an, was immer Sie wollen.«
Die Chefinspektorin kam mit dem Akt in der Hand zur Sitzgarnitur zurück, blieb aber stehen und begann, in den Unterlagen zu blättern. »Weiß man übrigens, wer der Spitzenpsychologe gewesen ist?«
Der Landeshauptmann schüttelte den Kopf. »Ein Name ist nicht erwähnt.«
Sie merkte, dass der Landeshauptmann sie aufmerksam ansah. Sie setzte sich wieder, weil sie gefunden hatte, wonach sie suchte.
»Also, der Obduktionsbericht ist eindeutig. Der Genickbruch ist durch den Sturz entstanden. Allerdings kann natürlich auch der beste Gerichtsmediziner nicht feststellen, ob der Mann vor seinem Sturz gestoßen worden ist. Es sei denn, der Stoß ist so heftig gewesen, dass er Spuren auf dem Körper hinterlassen hat. Wenn dieser Herr Haberl aber knapp am Rand der Stützmauer gestanden ist, dann reicht ein Schubs mit einem Finger. Oder ein kurzes Nach-hinten-Ziehen an den unteren Extremitäten, was eher für einen Genickbruch sprechen würde. So etwas lässt sich aber beim besten Willen nicht nachweisen.«
»So etwas Ähnliches habe ich mir schon gedacht.« Wenn der Landeshauptmann enttäuscht war, dann ließ er es sich nicht anmerken.
»Gibt es im Polizeibericht eine Angabe über die Höhe der Stützmauer?«, fragte sie.
»An der Stelle ist die Stützmauer angeblich fast drei Meter hoch. Sehr ungewöhnlich für einen Weingarten. Was halten Sie von der Selbstmordtheorie?«
Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee, der in der Zwischenzeit ein wenig zu kühl geworden war. »Auch sehr schwer zu sagen. Es sind Fälle bekannt, da haben Dinge, die Sie oder ich als nicht der Rede werte Kleinigkeiten betrachten würden, Menschen so aus der Bahn geworfen, dass sie keinen anderen Ausweg als den Tod gesehen haben. Da macht es keinen Unterschied, ob eine Plastik zehntausend oder fünfhunderttausend Euro wert ist.« Sie blickte den Landeshauptmann an. »Ich nehme aber nicht an, dass Sie das der Witwe so sagen wollen.«
Der Landeshauptmann grinste. »Ich sehe, Sie verstehen meine Lage.«
»Das Einzige, was wir tun können, ist mit Frau Haberl noch einmal zu reden. Damit geben wir ihr zumindest das Gefühl, dass Sie sich um ihren Verdacht gekümmert haben. Vielleicht kommt sie sogar selbst zu dem Schluss, die Ergebnisse der Gerichtsmedizin nicht weiter infrage stellen zu müssen.«
Im Gesicht des Landeshauptmanns zeigte sich Erleichterung. Er stand auf. »Wenn es überhaupt noch eines Beweises bedurft hätte, dass Sie ein Fixstern auf dem kriminalistischen Firmament sind, dann haben Sie ihn jetzt geliefert. Ich bin Ihnen überaus verbunden. Wenn es Ihnen recht ist, dann rufe ich bei nächster Gelegenheit den Herrn Innenminister an, um ihm zu sagen, wie begeistert ich von Ihnen bin. Ich werde Frau Haberl gleich davon informieren, dass sich das beste Pferd im Stall der österreichischen Kriminalpolizei Ihres Falles annehmen wird.« Er beugte sich vor, um die Unterlagen, die zwischen den beiden Kaffeetassen lagen, aufzunehmen. »Da bitte. Gehört jetzt Ihnen. Lassen Sie sich ruhig etwas Zeit mit Ihren Ermittlungen. Ich bin nämlich ab dem Wochenende zwei Tage in Brüssel. Außerdem wirkt eine Untersuchung, die eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt, einfach gründlicher und seriöser.«
Donnerstag, 23. Juni 14 Uhr 11
Auf der Fahrt in ihr Büro gratulierte sie sich, bei ihrer Zusage an den Landeshauptmann, mit der Witwe zu reden, immer in der Wir-Form und nie in der Ich-Form gesprochen zu haben. Sie hatte nämlich wenig Lust, das Gespräch selbst zu führen. Das war ein klarer Fall für Spencer. Ihr Stellvertreter legte zwar manchmal einen erstaunlichen Mangel an Taktgefühl an den Tag, aber wenn es darauf ankam, konnte er sehr feinfühlig sein. Dass es diesmal darauf ankam, das würde sie ihm schon klarmachen. In den letzten Tagen war er irgendwie anders gewesen. Nicht nur, dass sein Hemd immer akkurat zugeknöpft gewesen war. Er schien es jetzt auch öfter zu wechseln. Die Krägen wirkten sauberer als bisher üblich. Wahrscheinlich hätte sie heute bei der täglichen Vormittagsbesprechung sogar eine entsprechende Bemerkung gemacht, wäre sie in der Früh wegen dieser völlig deplatzierten badezimmerlichen Gemeinheit ihres Mannes nicht in so schlechter Stimmung gewesen.
Sie stutzte. Hätte es in St. Pölten den um diese Zeit bereits heftigen Nachmittagsverkehr nicht gegeben, dann hätte sie eine Hand vom Lenkrad genommen und sich damit auf die Stirn geschlagen. Wieso war sie nicht schon früher draufgekommen? Wo war nur ihr kriminalistischer Instinkt geblieben? Diese für den jahrelangen Malzacher-Standard geradezu erstaunliche Reinlichkeit – allerdings noch immer auf bescheidenem Niveau – konnte nur eines bedeuten: Er musste eine Flamme haben. War ja auch höchste Zeit. Ihr fiel die kleine Episode von vorgestern mit ihren Blumen wieder ein. Die wollte er sich offensichtlich unter den Nagel reißen, um sie jemandem zu schenken. Konnte das bedeuten, dass die Dame aus dem Büro stammte? Sie ging schnell alle Frauen in ihrer Abteilung durch. Da war niemand, dem sie zugetraut hätte, auf ihren treuen Stellvertreter ein wohlgefälliges Auge geworfen zu haben. Eine aus einer anderen Abteilung? Schwer zu sagen, weil sie die Mitarbeiterinnen vom Einbruch oder gar vom Verkehr nicht wirklich kannte. Und was, wenn die Zuneigung ihres Stellvertreters gar nicht erwidert wurde? Armer Spencer. Hätte er nicht verdient. Aber sie würde es ja bald herausfinden. Sie musste ohnehin mit ihm reden.
Donnerstag, 23. Juni 14 Uhr 32
Den Besuch eines teuren Haubenrestaurants hatte sie sich verbeten. Stattdessen hatte sie sich gewünscht, zu einem netten Heurigen in der Wachau ausgeführt zu werden. Nach ein paar Telefonaten auf der Suche nach einem echten Geheimtipp hatte er den gestrigen Abend damit zugebracht, die glänzendsten Stellen seiner schönsten Hose mit einer Haarbürste aus Draht etwas aufzurauen. An den Oberschenkeln war ihm das für seinen Geschmack recht gut gelungen, an der Sitzfläche leider nicht. Er hatte sich auch an den alten Trick aus Jugendtagen erinnert, die Hose über Nacht unter das Leintuch zu legen, um am nächsten Tag eine messerscharfe Bügelfalte zu haben. Die hatte seine Hose heute zwar, aber nicht genau an der Stelle, an der sie eigentlich hingehört hätte.
Jetzt aber waren all diese Kalamitäten vergessen. Jetzt stand er mit ihr in der Schlange vor dem kleinen Buffet, das ihm ein Schiedsrichterkollege gestern so genau beschrieben hatte, dass ihm dabei schon das Wasser im Mund zusammengelaufen war. An dem Paar vor ihnen vorbei deutete er auf den Schopfbraten in der Vitrine und flüsterte Walpurga ins Ohr: »Den machen sie hier nicht mit Kümmel, sondern mit zerstoßenem Koriander. Die Kruste knirscht, wenn du reinbeißt, dann schmilzt sie in deinem Mund.«
Sie kicherte und bekam rote Wangen.
Was für ein Glück, dass sein Schiedsrichterkollege gestern so ins Schwärmen gekommen war. Nun konnte er so tun, als sei er hier Stammgast. »Ganz rechts, der Erdbeerkuchen«, flüsterte er weiter, »den gibt es nur im Juni und auch nicht jeden Tag. Sie ernten die Erdbeeren von ihrem eigenen Feld. Eine alte Sorte. Schmecken so intensiv wie Walderdbeeren, wenn sie am richtigen Tag geerntet werden. Angeblich ein gut gehütetes Familiengeheimnis.«
Nun waren sie an der Reihe. Er drückte ihr ein Tablett in die Hand, nahm sich auch eines und ließ die Wirtin aufladen, bis sich die Köstlichkeiten beinahe stapelten. Sein Schiedsrichterkollege hatte ihm erklärt, dass ein Profi beim Heurigenbuffet mit den kalten Speisen, also mit dem Gebäck, den Salaten, dem obligaten Liptauer, aber auch Ei- und Krenaufstrich begann und erst am Ende die warmen Speisen orderte. So blieben die warmen Speisen länger warm.
Der reservierte kleine Tisch stand etwas wackelig auf dem Schotter. Walpurga – patent, wie sie war – sorgte mit ein paar Bierdeckeln für einen festeren Stand. Hier in diesem Innenhof gab es keinen schönen Ausblick auf die Donau. Draußen ragte ein zerzauster staubiger Buschen auf einem derben Stock auf die Gasse. Sonst ließ von außen nichts erkennen, welches Kleinod sich hinter dem schweren Tor verbarg. Der Gastgarten hatte wahrscheinlich vor einem halben Jahrhundert schon genauso ausgesehen. Weiß gekalkte Steinmauern, dunkelgrüne Fensterläden, altes, fast schwarzes Holz und knorriges Weinlaub, das sich an Stangen über den Hof rankte und an diesem sonnigen Nachmittag angenehmen Schatten spendete. Sogar der Schotter am Boden wirkte alt, rundgewetzt und stellenweise in die dunkle Erde getreten. Es gab keinen einzigen leeren Tisch in diesem kleinen Gastgarten. Dennoch herrschte eine eigentümliche Ruhe, als seien die Menschen darum bemüht, kein Aufsehen zu erregen und diesen Ort geheim zu halten.
Walpurgas Wangen glühten immer noch. Sie deutete auf die beiden Tabletts zwischen ihnen. »Ist das nicht viel zu viel?«
Er schüttelte nur den Kopf. »Komm, sonst wird das Fleisch kalt.« Schnell drückte er ihr ein Besteck in die Hand. »Du beginnst mit dem Schopfbraten, ich mit dem Kräuterbackhendel. Dann tauschen wir.« Mit diesen Worten senkte er seinen Blick in Richtung der Köstlichkeiten vor ihm und sog vernehmbar den Bratenduft ein. Er ließ sich nicht einmal von der Kellnerin stören, die den vorhin bestellten Grünen Veltliner und eine Karaffe mit Wasser zwischen die Tabletts zwängte. Dass er seine Aufmerksamkeit so demonstrativ dem Essen zuwandte, war Absicht. Er wollte, dass Walpurga sich unbeobachtet fühlte. Er brauchte sie gar nicht direkt anzuschauen. Es genügte vollauf, das Geschehen auf ihrem Teller zu beobachten, zu sehen, wie sie zögerlich ein Stück von der Kruste vom Fettrand abschnitt und zum Mund führte. Er konnte hören, wie sie auf die Kruste des Bratens biss, und hörte auch ihren leisen Ausruf des Entzückens. Er kannte Walpurga nun schon seit fast drei Wochen, als er ihrem alten VW kurzerhand mit dem Kabel, das er immer dabeihatte, Starthilfe geleistet hatte. Da sie als Hebamme gerade zu einer Geburt gerufen worden war, konnte sie nicht auf den Pannendienst warten. Zum Dank hatte sie es sich nicht nehmen lassen, ihn zum Essen einzuladen. Schon damals und seither jedes Mal, wenn sie sich getroffen hatten, hatte sie gegessen wie ein Spatz, dabei jedoch sehnsüchtig auf die Portionen geschaut, die er verdrückt hatte. Es brauchte keinen Kriminalisten, um zu erkennen, dass sie mit ihrer leicht molligen Figur haderte. Dass sie sich in seiner Gegenwart nicht wohl in ihrer Haut fühlte, musste er ihr austreiben. Beim zweiten Bissen nahm sie noch mal Kruste, dazu das magerste Stück Fleisch aus dem durchzogenen Braten und ein kleines Stück Waldviertler Knödel. Diesmal war ihr Entzücken noch deutlicher zu hören. Es musste die reinste Folter für sie sein, sich zurückzuhalten. Davon musste er sie jetzt erlösen. »Findest du mich zu dick?«, fragte er und schaute ihr unvermittelt in die Augen.
Im ersten Moment schaute sie nur verdutzt.
»Du siehst, ich esse gerne«, legte er nach. »Aber vielleicht findest du meinen Appetit ja ungesund.«
Sie lachte auf und schüttelte energisch den Kopf. »Du bist ein stattliches Mannsbild, genau richtig für meinen Geschmack.« Sie errötete.
Nun kam es drauf an. »Du hingegen«, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, hob er mahnend die gebackene Hühnerkeule, »bist für meinen Geschmack zu schlank.«
Sie war so verblüfft über diese Ansage, dass ihr der Mund offenstand.
Er schaute ihr noch immer geradewegs in die Augen und zuckte mit keiner Wimper. »Das ist mein Ernst. Zu mir passt nur eine Frau, die genauso gerne isst wie ich.« Er nahm einen Bissen Huhn, ohne seinen Blick von ihr abzuwenden.
Einige Sekunden lang saß sie nur da und erwiderte prüfend seinen Blick. Schließlich lächelte sie, steckte sich ein ordentliches Stück Schweinsbraten samt Knödel auf die Gabel und hob sie mahnend wie er vorhin die Hühnerkeule. »Du bist ein kluger Mann, Herr Chefinspektor. Okay, ich esse auch gerne. Und gerne zu zweit. Nur eines musst du mir versprechen.« Sie schob sich den Braten in den Mund und ließ ihn warten, bis sie genüsslich gekaut und runtergeschluckt hatte. Währenddessen füllte sie die Gläser mit Wein und reichte ihm eines. »Du musst mir hoch und heilig versprechen, dass du den Mut haben wirst, mir ganz ehrlich zu sagen, wenn du mich zu dick findest.«
Er zuckte lässig mit den Achseln. »Wenn’s weiter nichts ist. Das verspreche ich dir.« Zur Bekräftigung hob er das Glas und stieß mit ihr an.
In diesem Moment läutete sein Handy. Seine Chefin.
»Schönen Nachmittag! Gibt es etwas, was nicht bis morgen warten könnte? Ich bin nämlich gerade dabei, Überstunden abzubauen.«
»Seit wann kümmerst du dich um Überstunden?«, fragte Doris. »Wo bist du überhaupt?«
»Beim Heurigen. Die haben hier ein mit Wiesenkräutern gespicktes Backhendel. Halleluja.«
»Bist du allein?«
»Wo denkst du hin? Der Heurige ist bummvoll.«
»Na dann viel Vergnügen beim Überstundenabbau. Ich komme gerade vom Landeshauptmann. Fürchte, es kommt Ärger auf uns zu. Wir sehen uns morgen früh. Einen schönen Gruß auch an deine Begleitung.«
Donnerstag, 23. Juni 14 Uhr 40
Am Vormittag war Josefa Machherndl ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgegangen. In der Stiftskirche. Unter den gütigen Augen der goldenen Heiligen. Heute mit besonderer Hingabe. Stand doch bald wieder einmal eine Halbjahresbilanz an. Noch sieben Tage. Da sie es nicht erwarten konnte, hatte sie gestern Abend eine Vor-Halbjahresbilanz gezogen. Bisher von Jänner bis Juni 440 Beichten in der Dürnsteiner Stiftskirche, 49 weniger als im Vorjahr. Das war in der letzten Woche bestimmt nicht aufzuholen. Das Volk wurde immer ungläubiger. Gleichzeitig, und das war noch wesentlich bedenklicher, um 24 mehr Beichten, die über sechs Minuten dauerten, und die sie immer in der Alarmfarbe Rot protokollierte. Beichten dieser Länge konnten nur das Bekennen von besonders verabscheuungswürdigen Todsünden bedeuten, deretwegen einem der Beichtvater lang ins Gewissen reden musste. Auch wenn Josefa Machherndl die absolute Genauigkeit ihrer Aufzeichnungen nicht beschwören mochte, weil sie Zahl und Dauer der Beichten ja nur im Geheimen und während ihrer Arbeit am Blumenschmuck der Kirche notieren konnte, so war der Trend doch deutlich und ein Beweis dafür, dass die Dürnsteinerinnen und Dürnsteiner immer mehr zum willigen Opfer des Satans wurden. Ihre Zahlen logen nicht.
Sie erstellte diese Aufzeichnungen jetzt seit mehr als vier Jahren. Seit sie als Gemeindesekretärin vom Dürnsteiner Bürgermeister gegen ihren Willen in Pension geschickt worden war. Wenn sie schon nicht mehr im Dienst der Gemeinde tätig sein durfte, dann wollte sie im Dienst einer höheren Instanz arbeiten. Für den Herrn und Erlöser. Eine ungemein befriedigende Aufgabe. Ärgerlich nur, dass daran niemand in der ganzen kirchlichen Hierarchie ein Interesse zu haben schien. Offensichtlich stand der Kirche das Wasser noch immer nicht bis zum Hals.
Nach dem Ende der Beichtzeiten in der Stiftskirche war sie mit ihrem Fahrrad von Dürnstein heim nach Oberloiben gefahren und hatte sich zur Feier des Tages zwei Stamperln von ihrem heiß geliebten Marillenschnaps gegönnt. In den Tiefen ihrer Kühltruhe entdeckte sie eine große Portion Rostbraten mit Serviettenknödeln. Nach diesem ausgiebigen Mittagessen gönnte sie sich noch einmal zwei Stamperln. Zur Verdauung.
Jetzt saß sie am Fenster ihres von den Eltern gemeinsam mit ihrem Bruder geerbten Hauses und blickte auf die Straße. Wenig los um diese Zeit. Kein Wunder bei der Affenhitze. Eigentlich wäre ja jetzt ein kleines Mittagsschläfchen ideal. Aber dafür spürte sie einfach eine zu große Rastlosigkeit in sich. Sie fand auch bald den Grund dafür. Ihr machte die Aufführung von ›Hanneles Himmelfahrt‹ große Sorgen. Sie hatte in den letzten Wochen neben dem Feilen an ihrem Regie-Konzept viel Energie darauf verwendet, die Medien für ihr Projekt zu interessieren. Aber weder Briefe an die Redaktionen noch Telefonate mit lokalen Journalisten, die sie aus ihrer Zeit als Gemeindesekretärin kannte, hatten bis jetzt ein brauchbares Resultat gebracht. Sogar den Propst von Herzogenburg hatte sie einzuschalten versucht. Aber der wollte sich auch nicht vor ihren Karren spannen lassen. Diese Damen und Herren Redakteure, die sich alle für weiß Gott wie bedeutend hielten, obwohl sie nur für Provinzblätter arbeiteten, waren halt alle das gleiche Pack. Mussten mit mehr oder weniger prickelnden Informationen gefüttert werden, bevor sie sich herbeiließen, über das wirklich Wahre und Schöne zu schreiben. Sie überlegte. Mit prickelnden Informationen, und wie man sich ihrer für eigene Zwecke bediente, kannte sie sich an sich aus. Allerdings bestand die einzige halbwegs prickelnde Information, die sie im Ärmel hatte, aus ihrer gestrigen Begegnung mit dem Chauffeur eines großen Wagens, den sie gestern um diese Zeit auf einer Fahrt nach Weißenkirchen am Rand der Wachaustraße bemerkt hatte. Laut Auskunft des Fahrers, den sie in ein Gespräch verwickelt hatte, war es der Dienstwagen des Landespolizeidirektors. Mehr war aus ihm nicht herauszukriegen. Aber so leicht abwimmeln ließ sich eine Josefa Machherndl nicht. Sie war ein Stück weitergeradelt und hatte sich hinter einem dicht belaubten Weinstock auf die Lauer gelegt. Sie hatte nicht lange warten müssen.
Bald war der ihr aus dem Fernsehen bekannte hohe Herr aufgetaucht, und zwar nicht etwa vom Donauufer oder über den Radweg, sondern von oberhalb des Bahndamms kommend. Mit diesem unmöglichen dicken Kremser Polizisten im Schlepptau. Diese Information war nicht besonders prickelnd, solange sie nicht herausfinden konnte, was die beiden da oben in den Weingärten zu suchen hatten. Seit gestern hatte sie sich darüber den Kopf zerbrochen. Sie hielt sich ja immer auf dem Laufenden über alles, was in ihrer Gemeinde geschah. Sie kannte die Gegend wie ihre Westentasche. Wenn dort oben etwas vorgefallen wäre, das einen Landespolizeidirektor interessieren konnte, dann hätte sie das eigentlich wissen müssen. Das Einzige, was ihr einfiel, war, dass in diesen Weingärten erst vor ein paar Tagen ein Kremser Antiquitätenhändler verunglückt war. Aber was kümmerte das den obersten Polizisten des Landes? Zu blöd, dass sich der Chauffeur von ihrer Überredungskunst nicht hatte bezirzen lassen. Sie musste sich eingestehen, in den letzten Tagen vom Glück nicht gerade begünstigt gewesen zu sein. Aber sie wollte unter keinen Umständen Trübsal blasen. Das Glück würde schon noch zu ihr zurückkommen. Vielleicht war der Tod des Antiquitätenhändlers doch die richtige Fährte. Jedenfalls hatte ihr das Schicksal etwas in die Hände gespielt: einen wirklich guten Ansatzpunkt. Dieser Ansatzpunkt war übergewichtig und nicht der Hellste im Kopf. Sie musste Felix Frisch nur finden und in ein Gespräch verwickeln. Aus ihrer Zeit als Gemeindesekretärin von Dürnstein kannte sie in Krems genügend ältere Herrschaften, die zum Wohl ihrer Gemeinde die Augen offenhielten. Ein öffentliches Ärgernis wie dieser Inspektor stand sicher unter strenger Beobachtung. Sie griff zum Telefon. Es würde nicht so schwer sein, herauszufinden, wie sie an diesen unsäglichen Frisch herankommen konnte.
Donnerstag, 23. Juni 16 Uhr 16
Felix Frisch war bester Laune. Der gestrige gemeinsame Nachmittag mit dem obersten Polizeibeamten des Bundeslandes hatte für ihn geradezu traumhaft geendet.
Im Wachzimmer war er natürlich mit Fragen bombardiert worden. Aber er hatte sich wohlweislich zurückgehalten. Er hatte gerade nur so viel erzählt, dass den Kollegen der Mund offenblieb.
Dafür erzählte er am Abend seiner Elfriede alles umso ausführlicher. Wie es ihm gelungen war, den hohen Herrn von seiner Selbstmordtheorie zu überzeugen. Wie alle seine Kritiker ganz kleinlaut geworden waren. Welch ein Triumph! Schade nur, dass er seiner Frau nicht auch den Bericht des Landespolizeidirektors an den Herrn Landeshauptmann zeigen können würde, in dem der Name Felix Frisch besonders lobend erwähnt war. Da er aber sicher war, bald ein allerhöchstes Dankschreiben in Händen zu halten, nicht weiter schlimm. Ein paar Tage würde sich seine Elfriede halt noch gedulden müssen.
Heute war sein freier Tag. Da war der Tagesablauf streng geregelt. Den Vormittag verbrachte er nach wohlverdient spätem Aufstehen auf der Couch vor dem Fernseher in Erwartung des Schweinsbratens, den er sich zur Feier des Tages von Elfriede gewünscht hatte. Außerdem kredenzte sie ihm zum Nachtisch als Überraschung einen Apfelstrudel. Sie war eine Meisterin darin, dem Boden des Apfelstrudels genau die richtige knusprige Festigkeit zu geben, wenn sie sich bemühte. Diesmal hatte sie sich bemüht. Beim Test der Konsistenz konnte er den Boden des Apfelstrudels unter dem Druck seiner Gabel knistern hören. Offenbar war sie diesmal wirklich stolz auf ihn.
Nach der Mittagsruhe fuhr er dann wie immer zur Autowäsche am öffentlichen Waschplatz in der Kremser Au. Sein Skoda Octavia, der jetzt schon einige Jahre auf dem Buckel hatte, glänzte noch immer wie neu. Das verdankte das Auto der vorbildhaften wöchentlichen Pflege durch seinen Besitzer, die sich unter anderem dadurch auszeichnete, dass er dabei nur ausgesuchte Markenprodukte verwendete. Obwohl ihm seine Elfriede ständig in den Ohren lag, auf billigeren Schaum und preiswerteres Wachs umzusteigen. Natürlich ließ er am Waschplatz die ein oder andere Bemerkung über seine Rolle bei der Entdeckung der wahren Todesursache des Kunsthändlers fallen. Aber selbstverständlich so diskret, dass ihm nur bösartige und neidische Zeitgenossen den Vorwurf der Übertreibung hätten machen können. Was ohnehin nie seine Sache gewesen war.
Als er gerade seine Kühlerhaube polierte, sah er eine Person daher radeln, mit der er schon seine Erfahrungen gemacht hatte. Jedenfalls war er keinesfalls erpicht darauf, mit der Dame ins Gespräch zu kommen.
Was Josefa Machherndl, die ihn offensichtlich ebenfalls erspäht hatte, nicht daran hinderte, auf ihn zuzusteuern.
»Herr Gruppeninspektor, welche Freude, Sie zu sehen. Meine Spione haben mir berichtet, dass Sie gestern in ganz geheimer Mission in einem Weingarten auf meinem Gemeindegebiet unterwegs gewesen sind. Darf man fragen, was der Gegenstand dieser Geheimmission gewesen ist?«
Felix Frisch konnte nicht umhin, höchst angetan zu sein. Eigentlich gegen seinen Willen. Aber erstens hatte ihn die pensionierte Gemeindesekretärin ganz korrekt als Gruppeninspektor angesprochen, was leider allzu selten vorkam. Zweitens merkte er, dass sich die anderen Autobesitzer, die hier eine eingeschworene Gemeinschaft bildeten, neugierig nach ihm umdrehten. Und drittens war er angetan, weil die Formulierung ›geheime Mission‹ fast nach James Bond klang. Daher wollte er gegenüber Frau Machherndl nicht unhöflich sein. Aber er würde ihr nicht so viel verraten wie seinen Freunden hier vorhin. Denen zwinkerte er jetzt zu, bevor er sich an die ehemalige Gemeindesekretärin wandte: »Sie sind ja erstaunlich gut informiert. Allerdings bin ich wirklich in geheimer Mission unterwegs gewesen. Daher sind meine Lippen verschlossen wie ein Grab.« Ein paar Momente ließ er Frau Machherndl zappeln und genoss das wissende Grinsen seiner Freunde. Dann beugte er sich zu ihrem Ohr und flüsterte: »Ich sage nur … Selbstmord.« Mit dieser Information würde sie ohnehin nichts anfangen können.
Бесплатный фрагмент закончился.
