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Inhaltsverzeichnis
Diebstahl eines Tisches
Das Hochzeitsbild
Die Violine
Der Füllfederhalter
Herr G.
Alexandra
Kurt
Der letzte Morgen
Anton der Taubenzüchter
Über Schuld
Drei Eier
Die Hinrichtung
Hans Bürger, Nr. 15252
Begegnung in Linz
Wieder vereint
Inge
An einem regnerischen Abend
Über Erinnerung
Nachwort
Nachbemerkung des Übersetzers
Bernard Gotfryd
Anton der Taubenzüchter
und andere Geschichten vom Holocaust
aus dem amerikanischen Englisch von
Michael Lehmann

© 1990/2000 Bernard Gotfryd / The Johns Hopkins University Press
CIP - Titelaufnahme in die Deutsche Nationalbibliothek
© 2021 by Sujet Verlag
Anton der Taubenzüchter
und andere Geschichten vom Holocaust
Autor: Bernard Gotfryd
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von
Michael Lehmann
Originalausgabe Anton the Dove Fancier and Other Tales
from the Holocaust bei Simon and Schuster, New York 1990,
und André Deutsch, London 1991; erweiterte Neuausgabe bei Johns Hopkins UP, Baltimore und London 2000.
Die deutsche Übertragung enthält eine Auswahl aus beiden Ausgaben, zum Teil mit leichten Kürzungen.
Das Autorenpoträt wurde uns freundlicherweise aus dem Privatarchiv von Howard Gotfryd zur Verfügung gestellt.
Der Druck des Buches wurde dankenswerterweise durch Dominik Schuster aus Gauting gefördert, den langjährigen Freund von Bernard und Gina Gotfryd.
ISBN: 978-3-96202-618-9
Umschlaggestaltung: Jasmin Tank
Layout: Stella Dietrich
Druckvorstufe: Sujet Verlag, Bremen
Printed in Europe
1. Auflage: 2021
www.sujet-verlag.de
Zur Erinnerung an meine Eltern, meine Angehörigen und
an Millionen unschuldige Opfer eines beispiellosen Genozids, 1939-1945
Quo vadis Domine?
Henryk Sienkiewicz
Vorwort des Autors
Ich wollte meine Geschichte schon vor sehr langer Zeit erzählen – tatsächlich schon vor mehr als vierzig Jahren. Ich hatte immer die Sorge, wenn ich all diese Momente nicht zu Papier brächte, würde ich sie vergessen. Doch als ich sie schließlich aufzuschreiben anfing, stellte ich fest, dass man solche Ereignisse nicht vergisst, auch nicht nach vierzig Jahren.
Ich kann immer noch meine Mutter hören, wie sie mich wenige Stunden vor ihrem Abtransport anflehte, mir ein Versteck zu suchen und so zu überleben, um der Welt zu berichten, was die Nazis uns angetan haben. Ihre Worte haben sich mir tief eingebrannt, ich lebte mit ihnen, und ich teilte sie immer wieder mit meinen Kindern, meinen Freunden und mit allen, die gewillt waren, mir zuzuhören.
Sehr häufig ziehen in meinen Träumen Gesichter lang schon Verstorbener an mir vorbei, und der Widerhall aus den Ghettos und Lagern erschallt in meinen Ohren.
Weil ich den besseren Teil meines Lebens als Fotograf gearbeitet habe, bekam ich zahllose Gelegenheiten, Persönlichkeiten aus der Welt der Künste und der Literatur zu begegnen. Als sie von den Erfahrungen hörten, die ich unter den Nazis machen musste, drängten sie mich, über mein Leben zu schreiben. Es sei geradezu meine Pflicht, meine Geschichte zu erzählen. Ich schuldete sie meinem Volk.
Die Episoden, die ich ausgewählt habe, handeln von menschlichen Wesen, einige davon nicht ohne Fehl und Tadel, einige waren gut, andere richtig böse. Wichtiger scheint mir: In allen Geschichten geht es um das Leid des menschlichen Geistes und seine Fähigkeit, es zu erdulden.
Diebstahl eines Tisches
Ich muss sieben gewesen sein, stand kurz vor meinem achten Geburtstag. Unweit der Stadt Radom in Polen, wo wir lebten, mieteten meine Eltern in jenem Sommer ein Häuschen, das zu einem Bauernhof gehörte; wir teilten es mit der Bauernfamilie. Unsere Hälfte besaß eine Veranda, die unser Vermieter eigens für uns gebaut hatte. Seiner Familie blieb eine große Küche, die auch als Wohnbereich diente; darüber war eine Dachkammer, wo seine Kinder schliefen.
Herr Joseph, unser Vermieter, war ein schwer arbeitender, ruhiger Mann, dessen Schnurrbart an den von Marschall Pilsudski erinnerte, damals Oberhaupt des polnischen Staates. Herr Joseph war mittlerer Größe und gutgebaut und hatte ein rotbackiges Gesicht. Er trug nie Schuhe, auch nicht, wenn es regnete, und seine Füße waren von einer Kruste aus getrocknetem Matsch überzogen. Er machte wenig Worte, tatsächlich hörte ich ihn nie sprechen, außer wenn er um etwas bat oder mit seinen Kindern schimpfte. Seine Frau war eine große und magere freundliche Frau, immer auf den Beinen, ewig geschäftig. Sie kleidete sich einfach; gewöhnlich trug sie einen langen Rock mit Blumenmuster und eine weiße Leinenbluse sowie um ihren Kopf ein rotes Tuch. Ihre ebenfalls bloßen Füße waren voller Schnittwunden und Beulen. Sie hatten drei Töchter und einen Sohn, der in meinem Alter war und mein Spielkamerad sein sollte. Die Woche über arbeiteten sie alle vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung auf dem Hof. Jeden Sonntag sah man die ganze Familie im Sonntagsstaat zur Kirche in einem benachbarten Dorf gehen. An diesem Tag trugen sie Schuhe in der Hand, als wollten sie sie nicht vorzeitig abnutzen.
Unser Häuschen stand am Rand einer Wiese neben einer tiefen Rinne, durch die ein Bach floss. Der Bach diente uns als Kühlschrank, in dem wir verderbliche Lebensmittel in großen Tontöpfen aufbewahrten, fest zugedeckt und gesichert durch schwere Steinbrocken. Rechts von unserer Veranda befanden sich ein Blumen-und ein Gemüsegarten, jenseits des Gartens ein Graben und eine schmale Kopfsteinpflasterstraße ohne jede Randbefestigung. Nicht weit hinter dem Häuschen überquerte man eine kleine Behelfsbrücke aus lose miteinander verbundenen Holzstämmen. Auf der anderen Seite stand eine Scheune mit Doppeltor und Strohdach; daneben der Stall, ein massives Gebäude, dessen tragendes System aus schweren Balken bestand. Überall nisteten Starenschwärme. Felder mit Weizen, Gerste und Kartoffeln reichten bis zu einem seichten Fluss, der langsam zwischen grünen Viehweiden dahinfloss; jenseits lag der Wald, reich an wilden Beeren aller Art, seltensten Pilzen, Haselnüssen und Wildblumen. An einer Stelle um eine Biegung herum verbreiterte sich der Fluss zu einem Teich, der tief genug zum Schwimmen war. Es roch nach frisch geschnittenem Heu und Kiefern. Hoch oben in den Baumkronen bauten Störche ihre Nester; sie krächzten und klapperten laut, wenn sie über unsern Köpfen kreisten.
Meine Eltern kamen zu dem Schluss, dies sei ein idealer Ort für Kinder; mein Bruder, meine Schwester und ich würden den ganzen Sommer auf dem Bauernhof verbringen, zusammen mit unserer Großmutter, die für uns sorgen sollte, während unsere Eltern nach Radom ins Geschäft zurückkehrten. Großmutter war eine kleingewachsene Dame. Unter der Woche bedeckte sie ihren Kopf mit einem Kopftuch; an Feiertagen machte das Kopftuch einer Perücke Platz. Dann konnte man sie am Küchenfenster finden, wo das Licht gut war und sie auf Hebräisch das Alte Testament las. Dabei bewegten sich ihre Lippen langsam und methodisch, ihre Augen funkelten. Sie erzählte mir oft Geschichten, die meine Phantasie erregten und mich von fliegenden Tieren träumen ließen. Mein Favorit war eine fliegende Kuh, die ein Ei im Weltraum legt; daraus schlüpft ein Adler, der die Kuh rettet und wieder hinunter zur Erde bringt. Über die Moral von der Geschichte habe ich mir nie Gedanken gemacht.
Großmutter war eine fromme, gottesfürchtige Frau, die sorgfältig auf uns drei achtgab. Ich erinnere mich, wie sie die kranken Kinder eines Nachbarn pflegte, während deren Mutter auf den Markt ging. Großmutter war wohltätig, geduldig und selbstlos.
Als wir das Häuschen bezogen, brachten wir neben anderen Gegenständen auch einen Tisch aus massivem Hartholz mit, der in die Mitte der Veranda gestellt wurde. Dieser Tisch diente als Versammlungsplatz für die ganze Familie. An ihm aßen wir und verrichteten unsere täglichen Arbeiten. Er diente auch als Abladeplatz für die meisten unserer gerade nicht gebrauchten Siebensachen. In seiner Schublade bewahrte ich meine hölzernen Soldaten, das Malpapier und Buntstifte auf. Zwischen den Mahlzeiten nutzte Großmutter den Tisch, um Wäsche zu falten, zu nähen und auch allgemein als Ablage. Wenn jemand nach irgendetwas suchte, konnte er es je nach der Natur des Gegenstands wahrscheinlich auf oder unter dem Tisch finden. Wenn niemand zugegen war, nutzten ihn Tauben und andere Vögel als Treffpunkt. Dies waren die einzigen Male, an denen meine Großmutter sich über das Vorhandensein des Tischs ärgerte.
Eines Morgens, kurz nachdem wir uns im Häuschen eingerichtet hatten, hörte ich Großmutters Stimme in höchsten Tönen fragen: „Wo ist der Tisch? Hat jemand den Tisch gesehen? Er war gestern Abend doch noch da...“ Wir krochen alle aus unseren Betten, schauten umher und sahen, dass die Veranda leer war. Der Tisch war weg. Wer würde sich damit abmühen, solch einen schweren Tisch zu stehlen, fragten wir uns. Genau wie wir stand auch Herr Joseph vor einem Rätsel und ritt hoch zu Pferde davon, um die Polizei zu benachrichtigen. Es war noch früh, und der Morgentau lag auf dem Gras; die Sonne ging langsam auf, und der Nebel fing an zu steigen. Man konnte die feuchte Luft sehen, wie sie in Wellen über die Felder und die Straße zog und allmählich den blauen Himmel enthüllte. Es gelang uns zwar, ohne den Tisch zu frühstücken, aber nur, indem wir einander die Not klagten, die seine Abwesenheit uns bereitete.
Gefolgt von Herrn Joseph auf seiner schnaubenden, schwitzenden Stute, traf auf einem Fahrrad bald ein Polizeibeamter ein. Er sprach kurz mit meiner Großmutter und machte sich sofort an die Arbeit. Unweit des Häuschens fand er ein paar Fußspuren, die auf dem noch feuchten Boden gut erhalten waren. Vom verstreut umher liegenden Stroh schnitt er sich einen Halm ab, maß damit den Fußabdruck und untersuchte jeden Zentimeter der eingedrückten Stelle peinlich genau. Jedes Mal wenn er sich hinunterbückte, rutschte seine Ledertasche von seiner Schulter und war ihm im Weg. Langsam rückte er sie dann zurück an ihren Platz und fluchte leise.
Der Polizist war ein großgewachsener Mann. Er hatte schon grau werdende Haare und trug hohe, glänzend schwarze Stiefel sowie eine marineblaue Uniform mit einem Cape darüber. Um das Cape herum sah man einen breiten Ledergürtel; damit verbunden war quer über seinen Brustkorb ein schmalerer Gurt. Auf dem Rücken trug er an einem Riemen ein Gewehr mit massiver Kammer und glänzend poliertem Schaft. Ein großer metallener Adler, das Wappen der Republik Polen, war mitten auf seine runde marineblaue Mütze geheftet.
An diesem Morgen war Tzytzek, der Freund meines Bruders, zu Besuch gekommen, und ehe ich mich’s versah, lief ich schon mit Schwester, Bruder und Freund dem Uniformierten hinterher. Der hatte nichts dagegen, gebot uns aber, absolut still zu sein. Sein Fahrrad zerrte er über schmale Pfade durch die Gerste- und Kartoffelfelder mit sich. Ab und zu schnellte ein Fasan oder ein Hase hinter einem Busch hervor und erschreckte uns. Immer wenn der Beamte stoppte, um eine Fußspur zu untersuchen, setzte er seine Drahtgestell-Brille auf, die er regelmäßig mit einem gepunkteten Taschentuch putzte. Ich fragte mich, warum er jeden Fußabdruck nachmessen musste. Konnte er sie nicht durch bloßen Augenschein identifizieren? Tzytzek sagte auf Jiddisch – damit nur meine Schwester und ich ihn verstanden –, der wolle sich nur wichtigmachen, weil er nichts Besseres zu tun habe.
Der Polizist wiederum war es bald leid, das staubige Fahrrad mitzuschleppen, und er bat Tzytzek, es zu übernehmen. Sowie Tzytzek das Fahrrad schob, probierte er erst einmal die Klingel aus, was ein paar Vögel aufstörte, die nahebei nisteten. Der Ordnungshüter schrie Tzytzek an. Ich hatte Angst, er würde ihn erschießen, wenn Tzytzek sich unterstünde, die Klingel noch einmal zu benutzen.
Es wurde heiß, und unser Befehlshaber fing an zu schwitzen. Er nahm das Cape ab, schnallte die Gurte an die Uniform und fragte mich, ob ich das Cape für ihn tragen würde. Eifrig bejahte ich und nahm das zusammengerollte Cape unter den rechten Arm. Es war schwer und hinderlich, und es roch nach Desinfektionsmittel, jedenfalls nach Chemie, so dass ich niesen musste. Jedes Mal wenn der von seinem Cape Befreite anhielt, um wieder einen Fußabdruck zu prüfen, war ich versucht, das schwere Stück dort liegenzulassen, doch ich fürchtete, ihm würde das nicht gefallen. Tzytzek schlug vor, ich könne das Cape gern über den Fahrradlenker legen, aber ich lehnte sein Angebot stolz ab und schleppte es selber weiter.
Binnen kurzem gelangten wir an Eisenbahngleise, die von den Fußspuren gekreuzt wurden. Unsere Suche setzten wir auf der anderen Seite in derselben Weise fort: Der Polizist ging voraus, und wir folgten ihm auf Schritt und Tritt, unsere Augen die ganze Zeit auf ihn geheftet. Es war fast Mittag, und der Himmel war tiefblau. Hinter einer Baumgruppe bemerkten wir eine ausgebrannte Hütte ohne Dach; daneben stand eine strohgedeckte Scheune. Auf diese Stelle steuerte unser Anführer zu. Keine Menschenseele war zu sehen. Ein streunender Hund trottete herbei, schnüffelte am Fahrrad und an Tzytzeks Fuß und verschwand wieder. Tzytzek versuchte noch, nach ihm zu treten, doch er verpasste ihn.
Der Polizeibeamte marschierte zur Scheune, stieß die Tür auf und ging hinein. Ich hörte eine Frau weinen und um Vergebung flehen. Kurz darauf erschien der Beamte wieder und führte einen Mann und eine Frau mittleren Alters mit sich. Sie waren barfuß. Die Frau bekreuzigte sich und weinte immerfort; der Mann blieb still. Er trug eine schwere, grob gewebte Hose und ein kragenloses Hemd mit vielen Löchern. Sein Haar war zerzaust, sein Gesicht voller Bartstoppeln, und seine Stirn wurde von einer Warze beherrscht, die die Größe eines Manschettenknopfs besaß. Die Frau war genauso schäbig angezogen; kleine Strohhalme steckten in Haar und Kleidung. Nicht einen Moment hörte sie auf, sich zu bekreuzigen.
Der Wachtmeister befahl dem Paar, den Tisch aus der Scheune zu holen. Sie brachten erst die Tischplatte, dann die Beine; sie hatten ihn wohl auseinandergenommen, damit er leichter zu verstecken war. Es wurde der Beschluss verkündet, der Mann habe die Platte auf dem Rücken zum Bauernhof zurückzutragen, festgezurrt mit einem schweren Seil, und wir würden die Beine tragen helfen. Der Verkünder selbst übernahm wieder das Fahrrad und gab Tzytzek im Austausch dafür ein Tischbein. Tzytzek gefiel das gar nicht, er sagte zu uns Kleineren, wenn das Paar in der Lage gewesen sei, den Tisch mitgehen zu lassen, könne es ihn auch genausogut wieder zurücktragen. Zu meinem Bruder hörte ich ihn auch noch sagen, dass man in einigen Ländern Diebe bestrafe, indem man ihnen die Hände abschneide. Er hielt das für eine gute Idee und sagte: „Wie sonst kann man Leute davon abhalten zu stehlen?“
Wir begannen den Rückmarsch; der Polizist führte die Prozession an, den Mann mit der Tischplatte direkt hinter sich. Die Frau folgte, immer noch weinend; wir Kinder bildeten die Nachhut. Unser Anführer nahm wieder sein Cape an sich, so dass ich viel schneller gehen konnte. Ungefähr auf halbem Weg zurück rief er zur Pause und verschwand mitten in einem Feld hinter einem großen Baum. Wir konnten ihn Wasser lassen hören; mit lauter Stimme befahl er uns, selber auch eine Rast zu machen. Der Dieb setzte die Tischplatte ab. Er sah müde aus und ängstlich und sagte kein Wort. Er starrte auf seine nackten Füße und atmete schwer. Nach mehreren Minuten des Ausruhens nahmen wir unseren Marsch wieder auf. Als wir an unserm Häuschen eintrafen, kamen alle zu unserer Begrüßung heraus; Großmutter sagte, sie habe sich schon Sorgen um uns gemacht, obwohl Herr Joseph sich alle Mühe gegeben hatte, ihr zu versichern, dass er uns zusammen mit dem Schutzmann über die Felder weggehen sah.
Die amtliche Befragung des Diebespaars begann: ihre Namen, die Namen ihrer Eltern, ihre Geburtsdaten, die Geburtsdaten ihrer Eltern. Ein Protokoll des Falles war zu schreiben. Das ertappte Paar wusste von nichts oder konnte sich einfach nicht erinnern. Unter Tränen fing die Frau an zu erzählen, dass sie noch nie in ihrem Leben einen anständigen Tisch besessen hätten. Unumwunden gab sie den Diebstahl zu. Ein paar Wochen zuvor, fügte sie an, habe ein Feuer fast ihre ganze Hütte und die meisten Sachen zerstört, die sie besaßen, auch das bisschen Kleidung.
Nachdem meine Großmutter die Geschichte der Frau gehört hatte, ging sie ins Haus und brachte einen Korb frisches Brot, Bauernkäse und einen Krug Milch heraus. Sie bot dem Paar das Essen an und drängte es zuzulangen. Sie mussten halb verhungert sein, so verschlangen sie es. Der Hüter des Gesetzes war überrascht, dass meine Großmutter die Gauner auch noch „fütterte“, aber er schritt nicht ein. Inzwischen war auch der Tisch wieder zusammengebaut und an seinen Platz gestellt. Ungeduldig wandte sich der Beamte an Großmutter und fragte sie, ob sie Schadensersatz fordere oder ob sie die ganze Episode vergessen wolle. Großmutter antwortete, sie finde, dass Gott das Paar mit dem Feuer und ihrer Armut genug gestraft habe. Wozu sie noch mehr bestrafen? Als die Frau dies hörte, ergriff sie Großmutters Hand, küsste diese und segnete Großmutter mehrfach. Unser „Freund und Helfer“ entschied, die Sache fallen zu lassen, ergänzte aber, er werde die Diebe zur Abnahme von Fingerabdrücken noch auf die Wache mitnehmen. Bevor sie abzogen, versprach meine Großmutter der Frau, dass sie Ende des Sommers den Tisch als Geschenk bekämen. Es war unglaublich. Wir dachten, sie mache Witze, aber sie meinte es wirklich so.
Das ganze Dorf sprach von dem Vorfall mit dem Tisch, bis wir es nicht mehr hören konnten. Der Sommer ging dem Ende entgegen, wir begannen zu packen, und am selben Tag, an dem wir abfahren sollten, tauchte das Paar mit einem Handwagen auf. Sie waren wegen des Tischs gekommen. In dem Wagen lag ein großer Strauß frisch gepflückter Blumen; der Mann trug ein lebendes Huhn unter dem Arm. Großmutter war sichtlich bewegt, und wir alle halfen, den Tisch auf den Wagen zu laden. Der Mann übergab Großmutter das Huhn; ich konnte ihn auf Polnisch im Dialekt dieser Gegend sagen hören: „Gott segne Sie, Frau Sarah, Sie sind ein Engel.“ Als der Mann und die Frau sich entfernten, rief ihnen meine Großmutter hinterher: „Mein Name ist gar nicht Sarah, ich heiße Elka, aber es macht nichts! Es ist nur ein Name, und ich vergebe euch auch dafür.“ Dann wandte sie sich zurück zur Hütte und sagte zu sich selbst, „die armen Leute.“ Ich war wirklich sauer, den Tisch und meine Schublade für immer los zu sein, doch jetzt hatten wir ein lebendiges Huhn, das wir nach Radom für zu Hause mitnahmen. Auf dem Weg in die Stadt mit Herrn Josephs Wagen saß Großmutter neben mir und streichelte dem Huhn den Kopf. Plötzlich schaute sie auf und fragte. „Wie soll ich das alles nur euren Eltern erklären, könnt ihr mir das mal sagen?“ Und sie brach in Gelächter aus.
Das Hochzeitsbild
Lebhaft erinnere ich mich an das Bild von Onkel Herschel und seiner Braut Annette.
Es war so groß wie eine Postkarte oder vielleicht ein bisschen größer, und es war sepiagetönt. Meine Mutter stellte es mit anderen Familienerbstücken und -artefakten in einer bleiverglasten Vitrine aus, die Teil einer massiven Walnuss-Schrankwand in unserm Esszimmer war. Es gab da auch eine „Spieluhr“, die nicht die Zeit anzeigte, aber Musik spielte. Ich kann heute noch die Melodie hören. Die Uhr und das Bild waren die zentralen Mysterien unseres Haushalts. Immer wenn ich das Hochzeitsbild studierte, hörte ich auch gern der Spieluhr zu. Ihre Melodie erinnerte mich an einen Hochzeitsmarsch, flott und fröhlich. Onkel Herschel sah aus, als wäre er noch in seinen Dreißigern – sanft, ernst, imposant. Seine Braut, Annette, eine Brünette mit einer schicken Frisur und einem süßen, weichen Lächeln, blickte freundlich; ich hatte das Gefühl, sie blicke direkt mich an, während Onkel Herschel seine Augen auf etwas weit Entferntes richtete. Ich hatte die Vorstellung, dass Annette Kinder mochte.
Mir wurde gesagt, dass sie in Paris lebten, in Frankreich, was für mich mit meinen neun Jahren am anderen Ende der Welt schien. Meine Mutter, die Onkel Herschels ältere Schwester war, versicherte mir immer, dass wir alle eines Tages auch nach Paris fahren würden, vielleicht für immer. Ich hielt das für eine gute Idee, und heimlich hoffte ich, wir würden es bald tun. Die meisten Verwandten meiner Mutter lebten im Ausland, außer ihrer jüngeren Schwester Dora, die aber kurz vor der Abreise nach Palästina stand. Tante Dora war jung und hübsch und vergaß nie, mir Süßigkeiten mitzubringen, wenn sie zu Besuch kam. Als Tante Dora abgereist war, tat mir meine Mutter leid. Bald folgte meine Großmutter, und damit waren all ihre nahen Verwandten weg. Die Angehörigen meines Vaters waren zwar noch da, einschließlich seiner Eltern, doch aus irgendeinem Grund – den mir niemand erklärt hatte – sprach er nicht mehr mit ihnen.´
Das Hochzeitsbild wurde mein Verbindungsglied zur Außenwelt. Ich konnte mir nach den Postkarten, die wir von Onkel Herschel regelmäßig erhielten, Paris ausmalen. Zwei davon wurden zu beiden Seiten des Hochzeitsbilds ausgestellt: Eine zeigte den Eiffelturm und die andere den Arc de Triomphe. Für mich waren jene zwei Wahrzeichen Weltwunder. Wenn meine Freunde zu Besuch kamen, zog ich immer die Uhr auf und gab mit den Postkarten und dem Hochzeitsbild an. Dann hielt ich ihnen einen kurzen Vortrag über meinen Onkel Herschel und seine Braut und über die Wahrzeichen von Paris, als wäre ich ein Experte.
In Wirklichkeit wusste ich nicht viel von meinem Onkel, doch das Bild legte nahe, dass er sehr bedeutend, wenn nicht sogar sehr reich war. Seine Briefe las ich nie, weil sie auf Jiddisch geschrieben waren und ich seine Handschrift nicht entziffern konnte. Dies gab meinen Phantasien Nahrung. Ich führte mit dem Bild imaginäre Gespräche, stellte ihm Fragen; manchmal sprachen Herschel und Annette mit mir. Das Hochzeitsbild wurde meine heilige Ikone.
Irgendwann in den dreißiger Jahren legte Tante Dora, kurz nach ihrer Palästina-Abreise, einem ihrer Briefe ein Bild bei. Sie war darauf mit dem Mann fotografiert, den sie heiraten wollte. Das Bild war kleiner als das von Onkel Herschel. In der Vitrine wurde es von den bleiernen Sprossen der Verglasung verdeckt. Auf dem Bild lächelte Tante Dora nicht; sie erschien sehr drall, und ihr Verlobter war zum Teil schon kahl. Wenn ich als Kind bei ihr zu Besuch gewesen war, hatte ich gelegentlich in ihrem Bett schlafen müssen. Sie hatte dann die Arme um mich gelegt und mich in die Fülle ihres Busens eingehüllt. Wie ich es hasste, am Morgen aufzustehen und meine Füße auf den kalten Fußboden zu setzen! Der bloße Gedanke, sie würde bei ihrem neuen Mann schlafen, bewirkte, dass ich ihn nicht leiden konnte.
Ein paar Jahre vergingen. Der Krieg brach aus, wir waren Besatzungsgebiet der Nazis, und es kam keine Post mehr. Eines Tages mussten wir unsere Wohnung räumen und in ein neu angelegtes Ghetto in einem anderen Teil der Stadt ziehen. Wir hatten die meisten unserer Möbel zurückzulassen, darunter die massive Schrankwand. In der Eile des Packens und der Suche nach einem neuen Platz zum Wohnen ließen wir auch die Bilder und die Spieluhr zurück. Dennoch gelang es mir, die Erinnerung an das Hochzeitsbild wachzuhalten. Als das Ghetto schließlich liquidiert und ich in die Lager geschickt wurde, musste ich in den traurigsten Momenten meiner Gefangenschaft immer an Onkel Herschels Bild und Annettes warmes Lächeln denken.
Kurz nach Kriegsende gelang es mir, nach Paris zu fahren. Onkel Herschel wusste nicht, dass ich kam, aber ich hatte mir seine Adresse zusammen mit den Adressen meiner übrigen Verwandten gemerkt. Sobald ich in Paris eintraf, ging ich zu ihm und klopfte an seine Tür. Ein stämmiger Mann mittleren Alters begrüßte mich, unrasiert, in einer schmutzigen Hose und einem zerrissenen Trainingshemd. Bevor ich Gelegenheit hatte, mich vorzustellen, sprach er.
„Wir müssen verwandt sein. Du siehst ja aus wie meine Schwester. Bist du etwa mein Neffe?“
„Ja, Onkel Herschel, ich bin dein Neffe,“ antwortete ich.
Er war sichtlich erschüttert. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und wir umarmten uns; ich war sicher, dass er vom Tod meiner Eltern wusste. Obwohl er zu lächeln versuchte, ging von ihm eine seltsame Traurigkeit aus. Das kleine Appartement war nicht sehr sauber. Es sah aus, als wäre es monatelang nicht mehr geputzt worden, und die Luft roch ziemlich muffig. Es gab nicht die Spur der Anwesenheit einer Frau.
Ich erinnerte mich an die Geschichten, die meine Mutter immer ihren Freundinnen erzählte, über Onkel Herschels schöne Wohnung und das schicke Arrondissement, in dem er lebte. Das kleine Appartement jedoch befand sich im dritten Stock, ohne Aufzug, in einem alten, vernachlässigten Gebäude, das große Stellen aufwies, an denen der Putz fehlte. Die Nachbarschaft war überhaupt nicht schön. Das Haus stand mitten in einem Arbeiterviertel, das von Bettlern, Straßenhändlern und Prostituierten nur so wimmelte. Hier hallte es von ständigem Lärm wider, und man hörte die verschiedensten Sprachen.
Ich war versucht, Onkel Herschel nach Annette zu fragen, doch ich hatte nicht den Mut. Was, wenn ihr während des Kriegs etwas Furchtbares passiert war? Ich hoffte, er würde es mir selber sagen. Er saß mir gegenüber und berichtete ausgiebig, wie schrecklich er den Krieg gefunden habe, wie betroffen er unseretwegen und wie schwer es auch für ihn gewesen sei. Seiner Erzählung nach hatte er im französischen Untergrund gegen die Nazis gekämpft. Eines Tages aber sei er sehr krank geworden und habe sich auf einem Bauernhof verstecken müssen, bis der Krieg vorüber war. Es sei ein großes Risiko gewesen, medizinische Hilfe zu suchen, doch irgendwie habe er alles überstanden. Er betrachte es als ein Wunder, am Leben geblieben zu sein.
Plötzlich wurde mir klar, dass dieser Fremde und ich sehr wenig gemein hatten, außer der Tatsache, dass er der Bruder meiner Mutter war. Er glich nicht einmal dem Onkel, den ich von dem Bild her kannte. Das beleidigte meine Erinnerung. Wie konnte ich diesen Fremden ohne das schöne lächelnde Gesicht der Frau neben ihm bloß akzeptieren? Als in unserer Unterhaltung eine lange Pause entstand, fragte ich ihn spontan: „Wie geht es Tante Annette, und wo ist sie?“ Zuerst sah er mich entgeistert an; dann sagte er zu mir, indem er seine Augen – wie auf dem Hochzeitsbild – auf etwas weit Entferntes richtete: „Annette und ich wurden vor ein paar Jahren geschieden. Wir konnten miteinander nicht auskommen. Deiner Mutter wollte ich davon nicht schreiben – ich wollte ihr die Peinlichkeit und den Kummer ersparen.“
Ich war schockiert und bestürzt zugleich. „Heißt das, dass ich sie nie mehr wiedersehen werde?“ fragte ich ihn.
„Nein, überhaupt nicht,“ antwortete er. „Ich glaube, das lässt sich arrangieren. Wir sind gute Freunde, und wir treffen uns von Zeit zu Zeit. Aber warum willst du sie denn sehen?“ fragte er. Weil ich keinen besseren Grund hatte, berichtete ich ihm von meiner langen Schwärmerei für ihr Hochzeitsbild, wie sehr ich Annettes Lächeln mochte und wie glücklich ich war, sie zur Tante zu haben.
Onkel Herschel blickte mich ungläubig an. In seinem erstaunten Gesicht sah ich, dass er sich fühlte, als würde er Zeuge einer Auferstehung. Ich muss noch anfügen, dass auch er auf jenem Bild stattlich und elegant aussah, obschon er nicht lächelte. Doch sein Ausdruck war jetzt kaum anders – nur ein leichtes Anheben eines Mundwinkels zeigte sich.
Zwei Tage später rief mich Onkel Herschel im Haus meines anderen Onkels an, bei dem ich wohnte, und bat mich, ihn am Abend bei sich zu Hause aufzusuchen; wir drei würden zum Abendessen ausgehen. Ich war sehr aufgeregt und dachte den ganzen Tag an das Treffen. Da er und Annette geschieden waren, bat er mich, sie nicht „Tante“ zu nennen.
An dem erwähnten Abend ging ich zu Onkel Herschel, und wir nahmen zusammen die Metro, um zu Annette zu fahren. Er lobte meine Pünktlichkeit. Mein Onkel war immer noch ein stattlicher Mann: groß, aufrecht, mit leicht grauen Schläfen. Er trug einen zweireihigen dunklen Anzug mit einer sehr farbenfrohen Seidenkrawatte. Als wir ankamen, erwartete uns Annette schon. Ich wurde ihr vorgestellt; wir schüttelten uns die Hände, und sie gab nur ein Wort von sich: „Enchantée.“ Wir beschlossen, zum Restaurant zu Fuß zu gehen. In der ganzen Zeit, die wir bis dort brauchten, stellte sie mir nur eine Frage: „Wie gefällt dir Paris?“ Ich erwiderte: „Ich mag es sehr.“
Annette war kaum derselbe Mensch, an den ich mich von dem Hochzeitsbild erinnerte. Ihr Haar war anders, sie wurde schon grau, und ihr Gesicht bekam erste Falten. Sie war ein bisschen füllig, aber ihre Hände waren überraschend schmal, mit langen Fingern. Sie trug ein graues Sommerkostüm mit einem Seidenschal um den Hals, der ihr etwas Farbe gab. Sie hatte keinerlei Make-up aufgelegt, aber ich entdeckte den Duft eines angenehmen Parfums. Ich zog den Schluss, dass sich beide geschmackvoll kleideten, und irgendwie gefiel mir das.
Onkel Herschel führte uns in ein Restaurant mit jüdischer Küche. Als wir ankamen, war es recht voll, doch bald darauf fanden wir Platz in einer ruhigen Ecke. Ich saß Annette gegenüber, Onkel Herschel saß links von mir. Es sei sein Lieblingstisch, sagte er zu mir. Annette sah mich mit einem leichten Lächeln an und fragte mich frei heraus: „Warum wolltest du mich eigentlich wiedersehen – wenn es dir nichts ausmacht, mir das zu sagen?“
Ich wusste nicht, wo beginnen; ich hatte kaum erwartet, dass sie mich so etwas fragen würde. Tausend verschiedene Gedanken gingen mir durch den Sinn. Ich muss rot geworden sein; Annette bemerkte es, lächelte und wandte sich Onkel Herschel zu: „Dein Onkel erzählt mir, dass du dich immer noch von dem Hochzeitsbild her an uns erinnerst. Stimmt das? Erkennst du uns noch wieder? Sind wir noch dieselben Leute? Findest du, dass ich derselbe Mensch bin? Sag es mir, und sei ehrlich.“
„Ja“, sagte ich, „wenn du lächelst, bist du dieselbe.“ Meine Stimme zitterte, und ich war verlegen. Ich wollte sie nicht beleidigen, und ich war nicht sicher, es nicht doch getan zu haben. Mir wurde klar, dass ich nichts zu antworten wusste. Ich war nur ein Kind, das vom Lächeln einer Frau betört worden war und jetzt, elf Jahre später – mit der Realität konfrontiert –, zu kneifen versuchte. Ich fühlte mich schlecht. Die Realität wurde meiner Erinnerung nicht gerecht.
Sie begannen mir leid zu tun. Warum hatten sie sich scheiden lassen? Ohne darüber noch einmal nachzudenken, fragte ich: „Was hat es für einen Sinn, sich scheiden zu lassen? Ist es nicht einsam, ohne Gefährten – all diese Jahre?“ Sie waren verblüfft. Naturgemäß hatten sie von diesem jungen Mann nicht erwartet, dass er ihnen eine Predigt über Moral oder Unmoral einer Scheidung hielt, ganz zu schweigen davon, dass er ein Urteil über ihr Privatleben abgab. „Verzeiht mir“, sagte ich, „ich weiß, es ist nicht meine Angelegenheit, aber als ich euch so zusammen sah, da konnte ich nicht anders, weil ihr meine Verwandten seid und ich das Gefühl habe, euch fast mein ganzes Leben lang gekannt zu haben.“
Annette lachte. Ich konnte daraus erkennen, dass sie mein Reden nicht recht ernst nahm. „Du redest, als hättest du entsprechende Erfahrung als Mann, dabei kennst du doch das Verheiratet-Sein gar nicht. Ich nehme an, du weißt nicht, was es heißt, eine schlechte Ehe zu führen. Glücklich waren dein Onkel und ich nur am Anfang. Da hatten wir eine gute gemeinsame Zeit, abgesehen davon, dass wir es gar nicht richtig zu schätzen wussten. Ich muss zugeben, dass es zu viel Einmischung seitens einiger meiner Angehörigen gab. In dieser Hinsicht hatte dein Onkel triftige Gründe.“ Onkel Herschel saß da und nippte an seinem Getränk, ruhig, nachdenklich, seine Augen auf irgendetwas in weiter Ferne gerichtet.
Es war schon spät am Abend, und das Restaurant war fast leer; es wurde Zeit für uns zu gehen. Wir gingen also zurück, begleiteten Annette zu ihrem Haus. Sie wohnte bei ihrem alten, kranken Vater. Sie war in sehr guter Stimmung, und ich hatte das Gefühl, sie mochte mich. Unterwegs zeigten sie mir verschiedene Pariser Wahrzeichen; als wir die Champs Elysées überquerten, erblickte ich den Arc de Triomphe und weiter in der Ferne den Eiffelturm.
Es herrschte eine festliche Stimmung in der Stadt. Paris bereitete sich darauf vor, den Tag der Erstürmung der Bastille zu feiern, erklärte mir Annette. Ich hatte nur noch zwei weitere Tage, bevor ich wieder nach Deutschland fahren würde, in meine zeitweilige Heimat, wo ich für die US-Army arbeitete. So gingen wir lange nebeneinander her, und ich lauschte ihren Erinnerungen an die gute alte Zeit, die Zeit vor dem Krieg.
Als der Abend zu Ende ging, waren wir alle erschöpft. Als ich Annette den Abschiedskuss gab, dämmerte es mir, dass sie sich nicht so dramatisch verändert hatte, wie ich es zuerst glaubte. Ich sagte ihr, wie sehr es mir gefallen habe, sie wiederzusehen; und fragte sie, ob ich sie, falls sie keine Einwände habe, „Tante“ nennen dürfe? „Das fände ich sehr schön,“ antwortete sie. Ihr weiches, warmes Lächeln gab es tatsächlich immer noch.
Am nächsten Tag ging ich zu Onkel Herschel, um Abschied zu nehmen. In einem alten, staubigen Rahmen über der Anrichte in seiner Wohnung bemerkte ich einen Abzug des Hochzeitsbilds. Ich war sprachlos und starr vor Staunen. Das war es, was ich in Wirklichkeit wollte: das Bild. Ob mein Onkel mir auch einen Abzug davon besorgen könne, fragte ich. „Ich wüsste nicht, warum nicht,“ sagte er. „Ich verspreche dir, einen Abzug machen zu lassen und ihn dir zu schicken.“
Bald darauf emigrierte ich nach Amerika. Einige Jahre vergingen, doch das Bild kam nie, und es war mir peinlich, meinen Onkel daran zu erinnern. Ein paar Jahre später, in den frühen fünfziger Jahren, erhielt ich einen Brief von Onkel Herschel mit der Mitteilung, dass er und Annette wieder geheiratet hätten; im Umschlag fand ich ein neues Hochzeitsbild. Diesmal war das Bild ein bisschen kleiner, aber es war sepiagetönt wie das erste. Das Brautpaar sah ein wenig älter aus; zwar zeigte Onkel Herschels Gesicht immer noch seinen Blick in weite Ferne, aber Annettes Lächeln war nahezu identisch mit dem, an das ich mich von früheren Jahren her immer erinnert hatte.
Die Violine
Vor vielen Jahren – noch bevor ich sieben wurde – fand ich während eines Wochenendbesuchs bei meinem Großvater auf seinem Dachboden eine alte Violine. Sie lag in einem schön geformten hölzernen Kasten, der eine samtene Auskleidung besaß, die einmal grün gewesen sein musste, aber so verblichen war, dass sie fast farblos aussah. Neben der Violine lag, gehalten von zwei hölzernen Klammern, der Bogen. Etwas von seiner Bespannung war abgerissen, hing lose und bedeckte zum Teil den Violinenhals.
„Diese Violine wurde von Giuseppe Guarneri gefertigt“, erzählte mir mein Großvater, „dem besten italienischen Geigenbauer des achtzehnten Jahrhunderts. Es gibt sogar ein entsprechendes Zertifikat in der Violine. Sie ist nicht nur alt und selten, sondern auch sehr wertvoll,“ versicherte er mir. Mit gesenkter Stimme fügte er hinzu: „Wer auch immer in der Familie dereinst Geigenunterricht nimmt, soll die Guarneri eines Tages behalten dürfen.“
Ich war sehr in Versuchung. Großvater ließ mich sogar eine der Saiten des Instruments berühren, die einzige, die noch an ihrem Platz war. Die anderen drei waren gerissen. Die Saite gab einen traurigen Laut von sich, der anhielt, als rufe sie um Hilfe.
„Natürlich ist die Violine in schlechtem Zustand und muss repariert werden,“ sagte Großvater. „Eines Tages werde ich sie nach Warschau zu einem Spezialisten bringen, einem der besten, den ich kenne. Er wird sich ihrer annehmen, wie es ihr gebührt.“
Tagelang ging mir die Violine im Kopf herum; in meinen Träumen konnte ich manchmal den Klang ihrer einsamen Saite hören. Meine ältere Schwester hatte zwar ein paar Wochen lang Geigenstunden gehabt, aber es gefiel ihr nicht einmal ein kleines bisschen. Häufig beklagte sie sich über den Schmerz in ihren Handgelenken und über den steifen Hals, den sie bekam, weil man die Geige unterm Kinn hält. Schließlich gab sie die Stunden auf. Zu der Zeit entschied mein Vater, ich solle der nächste sein, der Geigenunterricht erhalte. Mit dem Versprechen meines Großvaters im Kopf stimmte ich bereitwillig zu. Ich fing den Unterricht auf einem Instrument halber Größe an und erkannte plötzlich zu meinem größten Missvergnügen, dass ich eine normalgroße Geige wie die Guarneri auf meines Großvaters Dachboden nicht beanspruchen konnte, solange ich nicht älter war und viel längere Arme hatte.
Mein Unterricht dauerte jahrelang. Immer wenn ich meinen Großvater besuchte, fragte ich nach der Reparatur der Guarneri und versicherte ihm, dass ich sehr bald die Eignung für ein Instrument in Normalgröße besäße. Es war schließlich mein sechstes Jahr Geigenunterricht. Manchmal brachte ich meine eigene Geige mit, um ihm zu zeigen, wie unannehmbar klein sie war. Er blieb dabei, mich zu vertrösten und mir die Guarneri für später zu versprechen.
Im Jahr 1938, ein Jahr bevor der Zweite Weltkrieg ausbrach, starb mein Großvater, und ein paar der Dinge von seinem Dachboden wurden mir übergeben – darunter die Violine. Da sie nun in meinem Besitz war, untersuchte ich sie genauer und betrachtete immer wieder ihr Signet. Ich war vierzehn und von der Guarneri magnetisch angezogen. Ich beschloss zu versuchen, sie selbst zu reparieren. Es gelang mir, die gerissenen Saiten zu ersetzen, ich brachte einen neuen Steg an, und ich rieb sie sogar mit Schellack ein, um ihren langverlorenen Glanz wiederherzustellen.
Als ich am Ende das schimmernde Instrument ausprobierte, entdeckte ich den reichsten, süßesten Ton, den ich je vernommen hatte. Ich war wie verzaubert von dem Klang; mir tat es nur leid, dass mein Großvater nicht mehr dabei sein konnte, um mich spielen zu hören.
Wir lebten unter der Nazibesatzung, und schon bald wurden verschiedene Dekrete erlassen, die besagten, dass private Musikinstrumente, Radios, aber auch etwa Pelzmäntel zu konfiszieren seien. Ich brachte es nicht übers Herz, den Nazis die Guarneri auszuliefern. Meinem Vater ging es genauso mit den Pelzmänteln der Familie, also packten wir zusammen mit meinem Onkel und einem vertrauenswürdigen polnischen Freund, Herrn Bolek, eine eiserne Truhe voll mit Pelzen, verstauten die Guarneri darunter, und es gelang uns, die Truhe im Hof hinter den verbretterten Kohlenverschlägen zu verstecken. In einer mondlosen Nacht wurde sie in einem Loch im Boden versenkt, das wir mit mehreren Lagen dicker Teerpappe ausgekleidet hatten. Es war Sperrstunde, und der Hof lag verlassen da, nur eine einzelne streunende Katze suchte nach einem Platz für die Nacht. Ich stand Schmiere und achtete auf jedes verdächtige Geräusch. Es war eine kalte, dunkle Nacht, und der dumpfe Klang der Erde, wie sie auf die Truhe aufschlug, erinnerte mich an die Beerdigung meines Großvaters. Mich fröstelte. Am nächsten Tag sprach ich mit Herrn Bolek über die Violine und gab mir Mühe, ihm einen Eindruck davon zu vermitteln, wieviel sie mir bedeutete. Er hörte einfach zu, und indem er mir den Arm um die Schultern legte, versicherte er mir: „Du wirst diese Violine eines Tages wieder spielen, glaub mir.“ Bald darauf musste ich den Nazibehörden meine eigene, plötzlich ebenfalls kostbare Geige übergeben. Ohne jedes Instrument hatte ich das Bedürfnis zu üben stärker als je zuvor. Das meiste von meiner Musik behielt ich im Gedächtnis und übte weiter durch Summen. Während meiner Zeit in den Nazilagern verlor ich die bewusste Erinnerung daran, jemals Geige gespielt zu haben, und dachte sehr selten an die Guarneri. Was mir im Sinn blieb, war der traurige Klang der einsamen Saite. Bisweilen stellte ich mir vor, irgendwo in meiner Vergangenheit, vor langer Zeit, eine Violine gehört zu haben. Erst nach dem Krieg hatte ich wieder die Gelegenheit, jemanden eine reale Violine spielen zu hören. Es erfüllte mich mit Sehnsucht und ließ mich an meine Guarneri in ihrem Grab denken.
Zwei Jahre nach Kriegsende emigrierte ich nach Amerika. Sogleich schrieb ich einen Brief an Herrn Bolek. Ein paar Monate später kam der Brief zurück, „Empfänger unbekannt“. Ich fürchtete, dass ihm etwas zugestoßen war, und schrieb einen zweiten Brief, diesmal an das polnische Rote Kreuz. Wieder kein Glück, sie konnten ihn nicht auffinden. Erst in den späten sechziger Jahren gelang es mir durch ein kleines Wunder, mit unserm alten Freund wieder Kontakt zu bekommen. Er teilte mir mit, dass er nach dem Krieg in eine andere Gegend Polens umgesiedelt worden sei und dass er beim Internationalen Roten Kreuz immer wieder nach uns gefragt habe, auch ohne Erfolg. Da er nun Rentner sei, habe es ihn wieder zurück in unsere Heimatstadt Radom gezogen. Überdies gab er mir zu verstehen, dass der Inhalt unserer Truhe gerettet, ja in seinem Besitz sei.
Ich gab ihm die Erlaubnis, Gebrauch von den Pelzen zu machen, bat ihn aber, wenn irgend möglich, den Versand der Violine nach den USA in die Wege zu leiten. Herr Bolek antwortete mir, dass die polnischen Behörden wegen des historischen Werts der Violine nicht gestatteten, sie aus dem Land zu lassen. Man habe sie als antik eingestuft, und wir benötigten daher im Grunde eine Ausnahmegenehmigung des Kultusministeriums, das eine solche aber verweigere. Er versuchte alles Mögliche, aber nichts hatte Erfolg. Ich besaß ja auch nichts, womit ich beweisen konnte, dass ich der rechtmäßige Eigentümer der Violine war; es gab keinerlei Papiere oder Kaufbelege. Das alles ärgerte mich unsäglich; meine Guarneri blieb eine Gefangene in Polen.
In Amerika kaufte ich mir eine gebrauchte Geige und fing für mich allein wieder zu üben an. Es war nicht dasselbe. Ich hatte die Fertigkeit verloren, die ich vor fünfundzwanzig Jahren einmal besaß, und das Instrument klang dürftig. Hinzu kamen der Verlust meines Koordinationsvermögens und der Umstand, dass mein linker Arm schnell taub wurde. Deshalb erwog ich, einen Auffrischungskurs zu besuchen, aber da ich mich als ziemlich fortgeschritten betrachtete und über vierzig war, war es mir doch peinlich, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Wenn ich nur die Guarneri hätte, sagte ich mir ständig, dann würde sich mein Spiel bestimmt wieder verbessern. Vielleicht hatte mich auch die Enttäuschung darüber, dass ich sie verloren hatte, vergessen lassen, wie man Geige spielt, theoretisierte ich; und bald entschied ich mich, es ein für alle Mal aufzugeben. Die Guarneri blieb mir natürlich immer im Hinterkopf; ich glaubte daran, dass der Postbote sie mir eines Tages einfach zustellen werde.
Im Sommer 1983 wurde ich von dem Magazin, für das ich als Fotoreporter arbeitete, mit einem Auftrag nach Polen geschickt. Ich besuchte Radom und konnte Herrn Bolek ausfindig machen. Er war alt und es ging ihm nicht gut, er war fast blind und konnte mich kaum noch erkennen. Aber er hatte keine Schwierigkeiten, sich daran zu erinnern, was uns verband: die vergrabene Guarneri. Er legte seinen Arm um mich, und mit trauriger Stimme sagte er, wie leid es ihm tue, vom Schicksal meiner Eltern zu hören, und wie froh er sei, zu erfahren, dass die drei Kinder überlebt hatten.
Herrn Boleks Wohnung war klein und voller alter Möbel. Die Wände waren mit alten Fotografien, Bildern und Erinnerungen an ein vergangenes Zeitalter bedeckt. Neben seinem Stuhl stand ein kleiner Tisch mit einem Sortiment Medizinfläschchen und einer Untertasse voll Augentropfen.
„Es ist so schön, dich als Erwachsenen wiederzutreffen,“ sagte Herr Bolek. „Ich erinnere mich an dich, wie du noch ein kleiner Junge warst. Ich sah dich immer mit deinem Geigenkasten unterm Arm zur Musikstunde gehen. Deine Schule war ja von meiner Wohnung aus direkt um die Ecke. Aber die Schule ist nun weg, wie so viele andere Dinge auch.“
Für ein paar Sekunden schwieg Herr Bolek. „Viele Jahre lang waren dein Vater und ich gute Freunde,“ sagte er. „Wir hatten nie Streit und achteten einander immer. Jetzt ist es eine andere Welt; die Menschen sind anders, als wir früher waren. Aber was kann man da machen? – Lass mich dir nun etwas zeigen.“
Er ging hinüber zur Garderobe und zog den Geigenkasten hervor. Er stellte ihn auf den Tisch und machte sich feierlich daran, ihn zu öffnen. Die Violine war mit einem Schloss gesichert, was sie, wie ich wusste, vorher nicht war. Herr Bolek nahm sie heraus. Langsam und sorgfältig befreite er das Instrument von dem grünen Filzstoff, in den es eingepackt war. Ehrfürchtig sah ich ihm zu. Die Violine schimmerte wie ein auf Hochglanz polierter Edelstein. Alles war an seinem Platz; ich hätte kaum sagen können, dass dies dasselbe Instrument war. Herr Bolek hielt die Guarneri, wandte sich mir zu und berichtete mit zitternder Stimme: „All diese Jahre hindurch habe ich gespürt, du würdest eines Tages zurückkommen, um die Violine zu holen. Vor ein paar Jahren, nachdem ich in Rente gegangen war, beschloss ich zu lernen, wie man Geigen repariert; ich hatte den Plan, deine Guarneri zu reparieren. Ehe ich mich’s versah, war ich so davon erfüllt, dass ich anfing, auch die Geigen anderer Leute zu reparieren, bis meine Augen immer schwächer wurden und ich es aufgeben musste.“
Als er innehielt, zog er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und wischte sich die Augen. Ich hatte den Eindruck, er weinte. „Ich weiß gar nicht, wie ich es Ihnen je lohnen kann, dass Sie die Violine für mich nicht nur gerettet, sondern auch noch repariert haben,“ platzte ich heraus, bewegt, wie ich war.
„Du schuldest mir überhaupt nichts, mein Freund,“ antwortete er. „Ich bin derjenige, der zu danken hat. Von dem Tag an, da ich diese Violine zum ersten Mal sah, hat sie mein Leben verändert. Sie gab mir ein Gefühl der Verantwortung, sie ließ mich Musik lieben, und sie gab mir den Anstoß, Geigenbauer zu werden. Sie wurde mir vertrauensvoll übergeben, und sie wurde ein wichtiges Bindeglied unserer Freundschaft. Es war fast so, wie für einen Menschen, einen Freund, zu sorgen. Ich wusste ja auch, wieviel sie dir, dem Musiker, bedeutete. Du siehst, für mich war sie auf vielerlei Weise von Nutzen. Nun musst du nur noch einen Weg finden, sie nach Amerika zu schaffen. Hier, sie ist deine,“ sagte er stolz lächelnd, als er mir die Guarneri aushändigte. Ich hielt sie an ihrem Hals und sah mein eigenes strahlendes Spiegelbild in ihrem polierten Korpus. Ich berührte die Saiten; die Violine ließ auch ungestimmt ihren klaren, schwingungsreichen Klang ertönen. Ich nahm den Bogen und fing an sie zu stimmen, obwohl ich nicht sicher war, ob ich mich noch erinnerte, wie es ging. Ich war sprachlos, meine Hände zitterten. Als ich fand, die Violine sei nun zufriedenstellend gestimmt, legte ich sie sacht wieder in den Kasten zurück. Gerührt von der Freundschaftsgeste, nahm ich Herrn Boleks Hand und schüttelte sie kräftig, bis ich auf seinem zerfurchten Gesicht einen gequälten Ausdruck bemerkte.
Es gebe keine Mittel und Wege – wurde mir mitgeteilt –, die Genehmigung des Kultusministers zur Ausfuhr der Violine zu erhalten; die Gesetze lauteten noch immer so. Ich entschied mich für das Risiko, meinen Schatz ungenehmigt mit außer Landes zu nehmen. Ich hatte zwar Halluzinationen, wegen Antiquitätenschmuggels verhaftet zu werden und nach so vielen Jahren in einem polnischen Gefängnis zu landen. Doch am nächsten Tag saß ich tatsächlich im Flugzeug nach Hause mit der Violine an meiner Seite. Niemand hatte irgendwelche Fragen; es war, als hätten sie den abgenutzten Kasten, den ich trug, überhaupt nicht bemerkt. Ich war in Hochstimmung. Nach zweiundvierzig Jahren war die Guarneri wieder frei.
Fast ein Jahr nachdem ich aus Polen mit meiner Guarneri zurück war, erhielt ich einen Brief von Herrn Bolek, geschrieben von seiner Tochter, Lucyna. Er wollte wissen, ob ich mit der Guarneri glücklich sei, und ob sie hoffentlich auch gut behandelt werde. Um nicht völlig ohne Geige zu sein, hatte er sich nun selber eine gebrauchte gekauft. „Seltsam“, schrieb Lucyna, „wie jemand so an einem Instrument hängen kann, als wäre es ein Mensch.“ Ihr Vater bewahre die Geige am selben Platz auf, an dem jahrelang die Guarneri ausgeharrt habe, in der Garderobe, und obwohl er sie nicht mehr erkennen könne, könne er sie noch halten und stimmen (wenn auch nicht sehr gut); manchmal versuche er, ein paar von den Liedern zu spielen, die er auf der Guarneri gespielt hatte. Gelegentlich beschwere er sich dann bei der Geige über ihren kümmerlichen Ton, den sie von sich gab; sein Kommentar sei dann immer, sie sei eben nicht mit der Guarneri zu vergleichen.
Der Füllfederhalter
Ich habe in meinem Leben schon alle Arten von Geschichten gehört, ein paar bizarre, ein paar traurige, ein paar voll zufälliger Zusammentreffen. Aber diejenige, die ich jetzt erzählen will, ist, wenn schon weder bizarr noch traurig, so doch ganz und gar unglaublich. Eine Geschichte um einen Füllfederhalter, so wahr je eine Geschichte gewesen ist.
Als ich acht Jahre alt war, in den frühen dreißiger Jahren, kam eines Abends Herr Ginzburg, ein Kindheitsfreund meines Vaters und glühender Zionist, zu uns zu Besuch, um vor seiner Auswanderung nach Palästina Abschied zu nehmen. Herr Ginzburg war vielleicht Ende dreißig, mittelgroß und hatte volles, dunkles und lockiges Haar. Er trug eine goldgeränderte Brille, die ihn sehr distinguiert aussehen ließ. Er war in Straßenanzug mit Krawatte gekleidet, und über seinem Arm hing ein Regenschirm. Er sah immer aus, als ob er gleich an Bord eines Schiffes gehen werde.
Herr Ginzburg saß mit meinen Eltern am Esszimmertisch, trank Tee und aß Apfelkuchen – eine vielgerühmte Spezialität meiner Mutter – und erzählte uns alles über Palästina. Der Hauptgrund, nach Palästina zu gehen, so erinnere ich mich ihn sagen zu hören, sei, dass man beim Aufbau des Landes helfen müsse, denn es gebe dort viel zu tun, vor allem Sümpfe trockenzulegen und das Land urbar zu machen. Ich konnte mir Herrn Ginzburg nicht vorstellen, wie er Sümpfe trockenlegte, weil er wie ein Geschäftsmann aussah, nicht wie ein Arbeiter. Wie dem auch sei, er redete eine Menge darüber, wie wichtig es sei, das Land zu bestellen, und darüber, dass Palästina eines Tages ein jüdischer Staat werde. Wir lauschten alle angestrengt und wagten nicht, ihn zu unterbrechen. Als er zum Ende gekommen war, sah er meinen Vater an und sagte: „Und wann hast du vor, Polen zu verlassen, Henoch?“
„Wenn die Kinder mit ihrer Schulausbildung fertig sind,“ antwortete mein Vater. Und damit war das Thema erledigt.
Als wir vom Tisch aufstanden, griff Herr Ginzburg in seine Brusttasche und zog einen goldverzierten schwarzen Füllfederhalter hervor. Indem er ihn meinem Vater reichte, sagte er: „Dieser Füller ist ein Geschenk für dich, Henoch, damit du nicht vergisst, mir zu schreiben.“ Ich bemerkte den erstaunten Blick meines Vaters. Er griff rasch in die Westentasche und zog eine alte Münze heraus, eine Nachbildung zwar, aber sie war sein Talisman, der an einer kurzen Schlüsselkette hing. „Und dies ist etwas, das dich an mich erinnern soll,“ erwiderte mein Vater sehr aufgewühlt. Herr Ginzburg nahm die Münze und studierte sie eingehend von Nahem. Dann sagte er: „Eine römische Münze. Wie symbolträchtig. Danke dir, Henoch, danke dir.“ Niemand von uns hätte gedacht, dass Vater sich je von seiner römischen Münze trennen würde.
Sie schüttelten sich die Hände und küssten sich auf beide Wangen. Es war komisch, erwachsene Männer sich gegenseitig küssen zu sehen. Herr Ginzburg muss ein sehr emotionaler Mensch gewesen sein, denn ich sah Tränen in seinen Augen. Er küsste die Hand meiner Mutter, und ich hörte ihn auf Hebräisch sagen: „L‘Shana Haba‘ah B‘Yerushalayim – nächstes Jahr in Jerusalem,“ und dann war er fort.
Sobald Herr Ginzburg gegangen war, zeigte Vater uns den Füller. „Seht euch diesen Füller an“, sagte er, „mit dieser Goldverzierung, und seht hier: HG, die Initialen von mir, Henoch Gotfryd, die ja die gleichen wie seine sind, Herschel Ginzburg. Welch ein Zufall. Und welche Großzügigkeit! Das ist doch was, oder? Es muss ein teures Stück sein. Ich hätte ihn nicht annehmen dürfen, aber wie hätte ich ablehnen können? Schließlich sind wir alte Freunde.“ Mein Vater stand am Tisch, hielt den Füller und bestaunte ihn immer noch. Ich durfte ihn berühren, aber das war auch schon alles, weder Ausprobieren noch gar Auseinandernehmen waren erlaubt. Es fehle darin ja noch Tinte, stellte Vater fest, aber die werde er so bald wie möglich besorgen. Er deponierte den Füller in der Schublade, in der er seine Papiere, Rechnungen und Rezepte aufbewahrte, sowie auch ein paar ausländische Münzen, die er schon gesammelt hatte, als er noch ein Kind war. Er schloss die Schublade ab und nahm den Schlüssel an sich. Gewöhnlich war die Schublade unverschlossen, es sei denn, etwas Wertvolles wurde hineingelegt.
Nach einer Weile vergaß jeder in der Familie den Füllfederhalter, nur ich nicht. Ich spürte, dass an ihm etwas Magisches war. Die bloße Tatsache, Tinte hineinfüllen und ihn auseinander- und wieder zusammenbauen zu können, faszinierte mich. Man konnte ihn nicht mit meinem Schulfüller vergleichen, einem Federhalter aus rohem Holz mit am Ende befestigter Metallfeder, auch nicht einmal mit dem sehr verbesserten meines älteren Bruders. Keiner war mit dem meines Vaters zu vergleichen. Allein schon die Goldprägung ließ ihn wie ein Kunstwerk aussehen.
Gelegentlich sah ich Vater zwar Briefe schreiben, doch nie benutzte er den Füller, nicht ein einziges Mal. Er nahm immer seinen alten, der ständig seine Finger färbte, den tropfenden mit dem altmodischen Tintenbehälter. „Vater, warum nimmst du nicht den Füller?“ fragte ich ihn einmal. „Er ist das Geschenk eines Freundes, und ich möchte ihn schonen. Leicht könnte man ihn beschädigen,“ antwortete er.
Eines Tages kaufte Vater die Tinte. Er zog die Pumpe aus dem Inneren des Füllers heraus, reinigte sie mit Wasser und Seife, spülte sie mehrmals wieder aus, spritzte das blau verfärbte Wasser in den Ausguss und befüllte sie am Ende mit der frischen grünen Tinte. Ich beobachtete, wie er den kleinen Hebel drückte, um die Luft herauszusaugen, damit die Pumpe die Tinte aufnehmen konnte. Mich nahm allein schon der Vorgang als solcher gefangen, wenn ich auch feststellte, wie einfach das Ganze war. „Jetzt“, sagte Vater, „ist der Füller voll mit Tinte.“ Er schlug sein Notizbuch auf, setzte die Füllfeder feierlich aufs Papier und schrieb in einer raschen Bewegung seinen Namen. Ich konnte das Quietschen der Spitze auf dem weichen Papier hören. Es zog mir bis in die Zähne.
Plötzlich drehte sich Vater zu mir um und sagte: „Gefällt es dir, wie er schreibt?“ „Natürlich gefällt es mir“, antwortete ich mit einer Grimasse, „kann ich es probieren?“ „Na klar“, sagte Vater, „sei aber sehr behutsam.“ Ich schrieb meinen Namen mehrere Male neben seinen. „Großartig“, rief ich begeistert, „ich wünschte, ich hätte so einen Füller.“
Vater sah mich an und sagte: „Derjenige von euch Brüdern, der eines Tages vielleicht aufs Gymnasium* geht, wird ihn bekommen.“ Ich konnte mir nicht einmal vorstellen, wie viele Jahre das dauern würde. Ich war erst acht, und mein Bruder war schon fast vierzehn. Seine Chance, den Füller zu bekommen, war also viel größer als meine.
So wurde der Füller zum Gegenstand meiner Träume. Manchmal hielt ich auf meinem Nachhauseweg von der Schule am Schreibwarengeschäft an, um mir im Schaufenster Füller anzusehen, aber nie bekam ich einen wie den meines Vaters zu Gesicht. Als ich meinem Freund Saul vom Füller meines Vaters erzählte, hörte er zu, machte ein Gesicht wie immer, wenn ihm etwas nicht gefiel, und sagte: „Mein Vater besitzt auch einen, der ist ein Sammlerstück, und ich darf ihn soviel benutzen, wie ich will. Davon gibt es nur zehn auf der ganzen Welt.“
* Im amerikanischen Original bezeichnenderweise auf Deutsch erin-nerte Wörter und Passagen sind bei erstmaligem Erscheinen kursiv gesetzt (Anmerkung des Übersetzers).
Natürlich konnte ich damit nicht wetteifern, deshalb blieb ich stumm. Mir kamen jedoch Zweifel an Sauls Prahlerei. Ich hatte das Gefühl, er übertreibe etwas. Er besaß den Ruf, gewisse Dinge über die Maßen aufzublähen. Ich überlegte, wie ich meinen Vater womöglich überreden könnte, mir seinen Füller zum Gebrauch zu überlassen, damit ich mit Saul gleichzog. Ich beschloss, den richtigen Augenblick abzuwarten. Ich wartete und wartete, aber der richtige Moment kam nicht. Schließlich gab ich den ganzen Plan auf.
Einige Zeit später, als meine Eltern einmal für ein Wochenende fortfuhren, bemerkte ich, dass Vater vergessen hatte, die Schublade abzuschließen. Nachdem meine Geschwister schlafen gegangen waren, öffnete ich leise die Schublade und fand zu meiner Überraschung tatsächlich den Füller. Das Gefühl, ihn in meinen eigenen Händen zu halten, war unbeschreiblich; es war mehr, als ich aushalten konnte. Ich brach in Schweiß aus. Ich entnahm ihn der Schublade, schraubte die obere Hälfte ab, untersuchte den goldenen Bügel, die Goldverzierung und die Initialen HG zwischen zwei schmalen Ringen. Der Füller war geformt wie eine dünne Zigarre. Ja, ein Kunstwerk.
Aus meinem Notizbuch riss ich eine Seite heraus und fing an, meinen Namen zu schreiben, dann die Namen meiner Geschwister. Zuerst schien alles etwas unförmig, aber nach einer Weile trieb ich es so weit, zu versuchen, die Unterschrift meines Vaters nachzumachen, was ziemlich unleserlich und abstrus ausfiel. Wie ich so die Seite vollschrieb, stellte ich fest, dass die Art und Weise, wie der Füller funktionierte, nichts Ungewöhnliches an sich hatte. Vielleicht war die Federspitze weicher und biegsamer als die meines Schulfederhalters, und deshalb erzeugte sie eher so etwas wie eine kalligraphische Wirkung. Ich riss noch eine Seite heraus und übte mich in noch mehr Kalligraphie. Wie die aussehen sollte, davon hatte ich nur eine vage Vorstellung. Bald wurde ich müde und schläfrig. In der Hoffnung, Vater würde nichts herausbekommen, säuberte ich den Füller und deponierte ihn wieder in der Schublade, wie ich ihn vorgefunden hatte.
Es war fast Mitternacht und Vollmond. Außer dem Summen einer Fliege, die gegen die Fensterscheibe prallte, war es still im Haus. Durch das Schlafzimmerfenster konnte ich die angrenzenden Dächer sehen, mit einem Haufen seltsam anmutender schmaler Schornsteine, die von runden metallenen Helmen gekrönt waren, welche das Mondlicht schwach widerspiegelten.
Es hatte etwas Groteskes.
Ich fasste den Entschluss, die Seite mit meinen kalligraphischen Übungen aufzuheben, um sie meinem Freund Saul zu zeigen. Ich wollte mit ihm gerne quitt sein und ihm beweisen, dass auch ich meines Vaters Füller, wann ich nur wollte, benutzen durfte. Als ich ihm das Blatt brachte, war Saul mitnichten beeindruckt. „Das soll Schönschrift sein? Und mit einem Füller geschrieben?“ fragte er nach. „Es sieht aus, als hätte es ein Huhn hingekritzelt,“ sagte er.
Ich war gekränkt. Es hörte wohl nie auf: Sauls Bemühungen mussten immer erfolgreicher sein als meine, und ich konnte nicht verstehen, warum. Ich wünschte mir, mich an ihm auf die schlimmste Weise zu rächen und ihm zu beweisen, dass ich genauso gut war wie er.
Die Zeit verging, und die Gelegenheiten, den Füller zu benutzen, wurden weniger, besonders nachdem Vater es sich zur Gewohnheit machte, die Schublade doch immer abzuschließen. Ich durfte an das gute Stück einfach nicht mehr denken.
Бесплатный фрагмент закончился.
