Читать книгу: «Zwischen Puff und Barcelona»
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Ben Redelings
Zwischen Puff und Barcelona
Bens beste Fußball-Kolumnen
VERLAG DIE WERKSTATT
Inhalt
„Bitte einen achtfachen Cognac!“
Ein Hoch auf Trainer-Legende Uwe Klimaschefski
Wie Maier die Luft aus dem Schwachsinn ließ
„Deadline Day“? Ein aufgeblasener Schwachsinn
Papa, ich möchte bitte einen anderen Verein!
Wie fixe ich mein Kind für meinen Verein an?
Wenn es Größeres gibt als den WM-Titel
Timm Klose und Uli Borowka sprechen offen über Alkoholsucht
Schön wie Lothar, elegant wie Maradona
2006 sorgte der Nacktlöwe Goleo für Aufregung
Wenn der Designer im LSD-Rausch ist
Kölner Karnevalstrikot? Da fehlt jetzt nur noch der Tusch!
Ein Leben zwischen Puff und Barcelona
Rolf Töpperwien zum 70. Geburtstag
Als es bei Paul Breitner ganz flüssig lief
Die kuriose Geschichte des Elfmeters in der Bundesliga
Die irre Geschichte des verschollenen WM-Pokals
Das Rätsel um sein Verschwinden ist bis heute nicht gelöst
Anekdoten hier, ganz viel Erotik dort
Wenn (Fußball-)Profis Bücher schreiben
Bayern vernichtete schon einmal einen Weltstar
Das 8:2 gegen Barça und die Messi-Folgen
Blind, arrogant und immer musikalisch
Was wäre der Fußball ohne Schiedsrichter?
Als die Hosen Uli Hoeneß reizten
Düsseldorfs bekannteste Punkband und ihr „Bayern“-Song
München ist wie ein Zahnarztbesuch
Katrin Müller-Hohenstein und Gala-Gäste sorgen für Lacher
Heinz Höher, Kind der Bundesliga
Heinz Höher ist tot
Vom Torhagel zum Meistertrainer
Er war der erste Feuerwehrmann der Liga
„Wir rülpsen nicht, wir kotzen schon!“
Kondome, Aftershave, Rasierapparate – und Paul Gascoigne
Dem BVB ist ein Wunderkind geboren
Was Erling Braut Haaland auf den Platz zaubert, übertrifft alles
„Das waren Mörder!“
Ist der Fußball zu ruppig geworden?
La Ling zerstört den Traum der DDR
2:0 gegen Holland vorn – und dann das …
Als Bayern Bayer zu „Vizekusen“ degradiert
Wie Leverkusen im Mai 2000 die Meisterschaft verliert
Der „Tiger“ mit dem Trainer-Stäbchen
Erinnerung an einen legendären Abend mit Hermann Gerland
Als Eintracht Frankfurt in Rostock eskalierte
Mai 1992, Ostseestadion. Das Trauma lebt bis heute weiter
Thomas Müller und die Leichtigkeit des Seins
Zum 100. Länderspiel von Bayerns Thomas Müller
Mach’s wie Peter Neururer!
Manchmal ist die alte Liebe eben nicht die schlechteste
Ewald Lienen wurde gehalten, um zu bleiben
Als nichts mehr ging, hielt St. Pauli am Trainer fest
Als die Gegenspieler „wuff-wuff“ machten
Das Revierderby hat irre Geschichten geschrieben
Zlatan Ibrahimović hält sich für Gott
Die sagenhaften Sprüche des schwedischen Enfant terribles
2016 war ein Arschloch, bis auf
… Gewinner wie Ronaldo, Will Grigg und Island bei der EM
„Für den BVB haben wir uns nicht mal umgezogen“
Erwin und Helmut Kremers – Legenden auf Schalke
Die Erotik-Puppen liegen im Kofferraum
Sandro Wagner findet die Spielergeneration „aalglatt“ peinlich
„Finito, basta, Kasper, geh nach Hause“
Monogamie? Nicht auf der Trainerposition beim FC Schalke
Der feine Herr, der so streitbar war
Zum Tod von Torhüter-Legende Hans Tilkowski
Bambi im Land der geilen Böcke
Heute führen auch Fußballfans Vielehen
Ancelotti kaut und langweilt sich
Die 53. Bundesliga-Spielzeit bot höchst amüsanten Stoff
Nations League? Dafür bin ich schon zu alt
Das ist so wie mit unserem ersten VHS-Rekorder
Ohne Holland macht es keinen Spaß
Ein weiteres Fußball-Großereignis ohne den Erzrivalen?
Als Kapellmann den FC Bayern belehrte
Er war der Leroy Sané des Jahres 1973
Der Schließmuskel des Verbalhexers
Thorsten Legat ist der heimliche Favorit des RTL-Dschungels
„Heri, mach keinen Scheiß!“
Mit Heribert Bruchhagen wird es nie langweilig
Als sich fünf Schalker mal im Wald verliefen
Ja, Spieler hassen Trainingslager
Beiersdorfer holte den Zeitlupen-Uruguayer
Trainerfuchs Huub Stevens gewährt spektakuläre Einblicke
Claudio Pizarro lebt unseren Traum
Mit über 40 Jahren entscheidet er noch wichtige Spiele
Torsten Mattuschka – der Ribéry des Ostens
Union Berlins Kultkicker mit Herz und Plauze
Der pöbelnde Egozentriker hat überreizt
Coach Gertjan Verbeek beleidigt „Bild“-Reporter und noch mehr
„Hans, trinken Sie nicht so viel!“
1954er-Weltmeister Hans Schäfer zum 90. Geburtstag
Wenn Liebe so wunderbar blind macht
Erinnerungen überblenden die menschlichen Schattenseiten
„Immer mehrere auf einmal“
Einst redeten die Fußballhelden frei Schnauze – lustig war’s
Der „Mister HSV“ der glorreichen Zeiten
Manfred Kaltz hat kein Abschiedsspiel bekommen
Rooneys Gehirn ist in der Hose
Wayne Rooney hat seine Frau betrogen. Wieder einmal
Das zynische Schicksal des Werner Hansch
Das Geständnis, spielsüchtig zu sein
„Alter, wollen die uns verarschen???“
Trainerverpflichtungen sind selten Liebeshochzeiten
Der HSV geht niemals so ganz
Der Hamburger SV war immer da! 55 Jahre Bundesliga
„Für mich war Fußball alles“
Ein Hoch auf den großen Bernard „Ennatz“ Dietz
Rendezvous mit einer WM-Legende
Eine persönliche Begegnung mit David Odonkor
Löw umschifft elegant einen Eklat
Die Nicht-Nominierungen von Sandro Wagner und Leroy Sané
Warum Ahlenfelder es besser hatte als Kruse
Löw streicht Max Kruse aus dem DFB-Kader
Der Sonnenkönig der Bundesliga ist tot
Zum Tod von Günter Eichberg
Mario Basler nimmt Kippen mit ins Grab
Rauchen und Fußball, das passt eigentlich nicht zusammen
Als Giovanni Trapattoni zum Vulkan wurde
„Ich habe fertig“, „Flasche leer“ und „Was erlaube Strunz?“
Irgendwann mit der Schale in der Hand?
Zwei Geburten und die deutsche Meisterschaft
Der Fußball steht kurz vor dem Infarkt
Höchste Zeit, nach Hilfe aus der „Schwarzwaldklinik“ zu rufen
Einen wie Hrubesch kriegt der DFB nie wieder
Ab heute ist Horst Hrubesch Fußball-Rentner
Warum Kimmichs Weg ein besonderer wird
Wie selbstbewusst der Jungstar in große Fußstapfen tritt
Sein Herz kann man nicht betrügen
Am Wochenende habe ich mit der TSG Hoffenheim gefiebert
Fußball ist heute unwichtig
Wenn das Ergebnis dich nicht interessiert
Als Thomas Tuchel die Spieler des BVB beleidigte
Sportjournalist Pit Gottschalk offenbart ein pikantes Detail
Schalkes „charakterlose Gesellen“
Lieber Teile der Mannschaft als den Trainer rausschmeißen?
Als Stefan Effenberg beim Rodeln verunglückte
… und wie man sich beim Paket-Öffnen übel verletzen kann
Familienfeier mit schwarzem Schaf
Einweihung der „Hall of Fame“ – und DFB-Präsident Grindel
Ulis zweites Gesicht
Eiskalt & egoistisch – Uli Hoeneß kann auch ganz anders
Der Terrorgnom und der Flugkapitän gehen
Ein Blick zurück auf „Robbery“
Wenn Papa und Sohn den BVB besiegen
Der VfL Bochum schlägt Borussia Dortmund mit 10:4
Der gefeierte BVB-Retter mit dem Masterplan
„Aki“ Watzke zum 60. Geburtstag
Warum Stefan Kuntz bei Kai Pflaume heulte
U21-Nationaltrainer Stefan Kuntz ist nah am Wasser gebaut
Ansgar Brinkmann ist ein Phänomen
Zum 50. – Erinnerung an wahnwitzige Begegnungen
„Ihr könnt Eimer zum Kotzen mitnehmen“
Die Sommerpause ist die Zeit für herrlichste Anekdoten
Der Fips Asmussen unter den Spielerberatern
In Erinnerung an Norbert Pflippen
Dieses Mal ist der FC Bayern fällig!
Der VfL Bochum freut sich schon auf das DFB-Pokal-Duell
Mit RB Leipzig ist es wie mit Trump
Die Widerstände gegen das Brausekonstrukt werden leiser
Die lahmste Ente der Bundesliga
Eine Verneigung vor Michael „Ata“ Lameck
Er hätte sogar den Bundeskanzler gestürzt
Rückblick auf die irre Karriere des Trainers Rudi Gutendorf
BVB-Monster brauchen kein Viagra-Omelett
Ist Mentalität am Ende etwa doch nicht alles?
Wenn der Arsch tüchtig Kirmes hat
Fans wissen: Bald kommen wieder Tage des Sonnenscheins
Ehrlichkeit? Das ist eine Seifenblase im Fußball
Im Fußballgeschäft lernt man ganz anständig zu lügen
Die tiefe Sehnsucht nach Jürgen Klopp
Lucien Favre offenbart das eigentliche Problem des BVB
Der bodenständige Weltmeister sagt Adieu
Bastian Schweinsteiger beendet seine Karriere
Ihr werdet den Fußball nie verstehen
Der 1. FC Kaiserslautern steigt in die 3. Liga ab
Der Tag, als der Tod kam
Ein Tag, an den ich mich immer mit großem Schmerz erinnere
Wozu gibt es eigentlich ’ne Winterpause?
Schneestürme, keine Rasenheizungen – eisige Erinnerungen
Das große Wundern über Winnie Schäfer
Mann mit wallender Mähne und „tausend Gesichtern“
Schalke müsste es wie die Bayern machen
Nübel oder Schubert? Im Idealfall so wie Olli Kahn beim FCB
Als Calmund den FC Bayern reinlegen wollte
Oder: Wie erfinderisch Bundesliga-Offizielle werden können
Auch der beste Schiri der Welt macht Fehler
Pierluigi Collina – die berühmteste Fußball-Glatze der Welt
Das Spiel ist eh schon lange verloren
Champions-League-Sperre für ManCity? Daran glaubst du?
Witz und Weltfrieden statt Fadenkreuze
Fans am Pranger? Es geht auch ganz anders
Als Calli acht Crème brûlée inhalierte
Auf „11Freunde“-Partys wird gut gegessen
„Bitte nennt mich Berti McVogts …“
Der Trainer Berti Vogts hätte Besseres verdient gehabt
Wie Schumacher den deutschen Fußball provozierte
Mit seinem Buch „Anpfiff“ trat er einen Riesenskandal los
Der Götze hinter der Fassade
Im Kino läuft der Film „Being Mario Götze“ an
Neururers spektakulärer Unfall
Verletzungen – nur weil er helfen wollte
Bleibt das Jahrhunderttalent auf Schalke?
Noch hat Nationalspieler Leon Goretzka S04 nicht verlassen
Lasst die Schnellfeuer-Gewehre ruhen!
Schiri Ahlenfelder und sein berühmtester Halbzeitpfiff
Der Transfer, der Christoph Daum (fast) das Leben gekostet hätte
Es geht ums nackte Überleben!
Der FC Bayern ruiniert sich das eigene Geschäft
Wenn Dauer-Siegen zum Problem wird
„Der Emma hat mir in die Eier gezwickt“
Über die BVB-Ikone Aki Schmidt
Papa, ich habe jetzt einen anderen Verein!
Hilfe, der Sohn eines Kollegen ist jetzt Fan von RB Leipzig
Zum Autor
Editorische Anmerkung
| „Bitte einen achtfachen Cognac!“ | ![]() |
„Unsere Spieler können 50-Meter-Pässe spielen: fünf Meter weit und 45 Meter hoch.“ Wer hat’s gesagt? Der legendäre Trainer Uwe Klimaschefski – gleichermaßen gefürchtet wie geliebt. Warum? Weil er die Spieler gefördert hat – mal so, mal so.
Man kann mit Fug und Recht behaupten: Uwe Klimaschefski ist der Sprüchekönig unter den Bundesliga-Trainern. Dass ihn heute dennoch viele Fußballfans nicht mehr kennen, hat damit zu tun, dass er nie die ganz großen Erfolge feiern durfte. Auch wenn er manchen Scherz und Schabernack mit seinen Profis trieb („Meine Spieler sind Intellektuelle. Die haben Maos Tod letzte Woche noch nicht verkraftet“), haben sie ihn trotz allem geliebt und verehrt. Franco Foda sagte einmal: „Wer unter Klimaschefski ein Jahr durchhält, der ist einen großen Schritt weiter im Leben gekommen und braucht sich vor nichts mehr zu fürchten.“
Vor 25 Jahren saß der gebürtige Bremerhavener übrigens sogar einmal für ein einziges Spiel auf der Bank des heutigen Bundesligisten SV Darmstadt 98. Doch nach einer 0:2-Niederlage bei der SpVgg Bayreuth war schon wieder Schluss bei den Lilien. Es hat einfach nicht gepasst für den Mann, der einmal so schön sagte: „Als Bundesliga-trainer siehst du doch schon am Gang, ob einer Fußball spielen kann oder bei der Müllabfuhr ist.“
Schon als Spieler verstand es Klimaschefski, sein Schicksal tatkräftig selbst in die Hand zu nehmen. Als er 1963 zum Start der neu geschaffenen Bundesliga einen Verein suchte, zeigten sich gleich mehrere Klubs interessiert. Klimaschefski hatte die Qual der Wahl. Innerlich hatte er sich nach einem Angebot aus Berlin bereits für die Hertha entschieden, doch da er schon einen Termin mit dem Präsidenten von Saarbrücken gemacht hatte, wollte er diesen auch wahrnehmen. Das einzige Problem: Die Vertreter von der Hertha (Präsident Holst) und aus Saarbrücken waren für denselben Tag angemeldet. Klimaschefski erinnert sich: „Es kam, wie es kommen musste. Plötzlich klingelte es, und der andere Verhandlungspartner stand vor der Tür. Herr Holst musste sich dann so lange im Bad versteckt halten, bis ich den Saarbrückern abgesagt hatte. Danach war ich Herthaner!“
Während seiner Karriere hatte Klimaschefski immer mit einer Fehlstellung seiner Beine zu kämpfen gehabt. Als er später als Trainer einmal arbeitslos war, nutzte er diese Zeit sinnvoll. Bei einer Operation ließ er sich die O-Beine („Derjenige, der mich tunnelt, kriegt zwei Beinschüsse zurück“) richten. Noch als Spieler hatten ihn seine Kameraden so sehr gehänselt, dass er sich nachts die Knie mit Bettlaken zusammenband. Nun war er wieder zu Späßen aufgelegt: „Wenn du jetzt einen mit geraden Beinen triffst, bin ich es.“
Der Trainer Klimaschefski war bei seinen Spielern gleichermaßen gefürchtet wie beliebt. Seine stets gerade, offene Art gefiel aber verständlicherweise nicht allen Profis. Jemand, den er direkt anging, musste schon einmal kräftig schlucken: „Was will der? Geld? Der soll froh sein, wenn er auf unserem Platz den Sauerstoff kostenlos einatmen darf.“
Ein unbändiger Ehrgeiz stachelte Klimaschefski an, wie Homburgs damaliger Spieler Harald Diener einmal der Presse verriet: „Wenn unser Trainer mit seiner Mannschaft im Rückstand liegt, dauert ein Spiel oft drei Stunden. Wenn man dann heimkommt, sind die Filets so hart, dass man sie nicht mehr essen kann.“ Niederlagen nahm der Bremerhavener persönlich. Nach einer verlorenen Partie bei einem Hallenturnier raunzte er seine Spieler an: „Jetzt zieht euch warm an. Ich reiße euch den Arsch auf. Bis zur Naht!“
So manches Mal saß er nach einer Niederlage im Presseraum, schaute kurz die Journalisten an und eilte dann hinfort: „Weitere Fragen kann ich nicht beantworten. Ich muss jetzt zu meinen Spielern. Die sind so blind, dass sie den Weg von der Kabine zum Bus nicht finden.“
Als ein Pressevertreter einmal wissen wollte, wann der Trainer denn die nächsten Spieler verkaufen würde, antwortete Klimaschefski: „Wenn die Schrottpreise wieder steigen!“ Mit seinen Profis ging er gerne verbal hart ins Gericht: „Unsere Spieler können 50-Meter-Pässe spielen: fünf Meter weit und 45 Meter hoch.“
Berühmt-berüchtigt waren auch des Trainers Scherze mit neuen Spielern. Bei einer Übungseinheit besorgte Klimaschefski eine Platzwalze und gab das Kommando aus: „So, Jungs, wir machen heute einen Härtetest. Jeder zieht die Walze 400 Meter. Dabei fahren wir die Löcher zu, die die Leichtathleten mit ihren Schuhen aufgerissen haben. Der Neue da fängt an.“ Auf den ersten 100 Metern rollte die Walze gut an. Der Ehrgeiz, sich nicht zu blamieren, zog kräftig mit. Nach 200 Metern wurde der Neuling so klein, dass er die grinsenden Spieler auf der anderen Seite nicht mehr sehen konnte. Ins Ziel kam er beinahe auf allen vieren. „Gut gemacht“, lobte ihn der Trainer, „aber ich habe gesehen, dass die Übung doch wohl etwas zu schwer ist und außerdem zu gefährlich. Die Walze hätte dich ja beinahe überrollt. Wir brechen ab!“
Einen spanischen Testspieler ließ Uwe Klimaschefski einmal in voller Fußballkluft unter der Dusche mit dem Ball jonglieren: „Lass mal sehen, wie du bei Regen spielst!“ Und als Dieter Müller aus der Schweiz in die Bundesliga zum 1. FC Saarbrücken zurückkehrte, sah Klimaschefski noch viel Arbeit auf seinen Stürmer zukommen: „Von seinem Grasshopper-Trip hat er eine Menge Schweizer Speck mitgebracht.“
Spieler lehnten sich gegen den Trainer eher selten auf. Doch in seiner Zeit beim FC Homburg gab es dafür einen anderen harten Brocken. Ein Unerschrockener mit dem Spitznamen „Underberg“ leistete dem Trainer von Zeit zu Zeit Widerstand. Es war der Platzwart des FC. An einem Rosenmontag befahl Klimaschefski seinen Spielern, den Mann am Pfosten mit Springseilen festzubinden. Anschließend machte die Mannschaft Torschusstraining. Der ganze schaurige Spuk endete nach knapp fünfzehn Minuten. Die Frau des Platzwarts kam mit einem Brotmesser aus der Vereinsgaststätte gestürmt und schnitt ihren Mann vom Pfosten los.
Doch schon bald sollte „Underberg“ wieder für Ärger sorgen. In einem DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den HSV lagen die Hamburger 2:1 in Homburg in Führung – doch dann gab es einen Elfmeter für den FC. Den Ball parierte HSV-Torwart Rudi Kargus nur knapp. Homburg schied aus, und Klimaschefski war sauer. Am nächsten Morgen wandelte er schon früh durch das leere Waldstadion. Auf dem Rasen blieb er am Elfmeterpunkt stehen. Klimaschefski schaute sich die Entfernung vom Punkt zum Tor mehrmals aus allen möglichen Perspektiven an. Dann stand für ihn fest: Hier stimmt etwas nicht! Er holte sich einen Zollstock und maß nach: 2, 4, 6, 8, 10, 12 …! Etwas mehr als zwölf Meter war der Elfmeterpunkt von der Torlinie entfernt. Sofort zitierte er den Platzwart herbei. Doch „Underberg“ war sich keiner Schuld bewusst. Schulterzuckend meinte er nur: „Wenn der den Ball von zwölf Metern nicht reinkriegt, dann hätte er den von elf auch nicht reinbekommen.“ Über ein Vierteljahr hat Klimaschefski anschließend kein Wort mit dem guten Mann geredet.
Dabei hätten sich die beiden eigentlich ganz gut verstehen müssen – schließlich trank Klimaschefski selbst gerne einen mit. Denn wie sagte er einmal nach einer unglücklichen 1:2-Niederlage seiner Saarbrücker bei Bayer Uerdingen auf der anschließenden Pressekonferenz so schön: „Bitte einen achtfachen Cognac!“
| Wie Maier die Luft aus dem Schwachsinn ließ | ![]() |
Bald wird er wieder zelebriert, der „Deadline Day“. Zeit, diesem aufgeblasenen Massenbelustigungs-Schwachsinn am Ende der Transferfrist etwas entgegenzusetzen. Zum Beispiel Sepp Maier und einen echt wahnsinnigen Anti-Transferrekord.
Der „Deadline Day“. Am 31.08. ist es so weit. Unglaubliche Spannung, riesige Summen – aufgeblasener Schwachsinn. Es wird Zeit, diesem grotesken Massenbelustigungs-Spektakel etwas entgegenzusetzen. Zum Beispiel einen echten, wahnsinnigen Rekord.
Vor 49 Jahren, am 20. August 1966, startete ein gewisser Josef Dieter, besser bekannt unter seinem Rufnamen „Sepp“, Maier eine unglaubliche Serie. 442 Bundesliga-Partien stand der Torwart des FC Bayern München ununterbrochen im Kasten des Rekordmeisters. Das sind 13 komplette Spielzeiten am Stück für ein und denselben Verein. Kein „Deadline Day“ dieser Welt kann eine spektakulärere Geschichte schreiben als diese.
Und es hätte ewig so weitergehen können, denn Sepp Maier hatte einen festen Plan: „Erst wenn ich Moos auf den Knien habe und die Kameraden mich beim Einlaufen stützen müssen, dann höre ich auf.“ Doch der 14. Juli 1979 veränderte alles. An diesem Tage geriet das Auto des Bayern-Torhüters ins Schleudern und krachte auf regennasser Straße in ein entgegenkommendes Fahrzeug. Es waren die Sekunden, in denen eine große Karriere zu Ende ging. Knapp 24 Stunden nach seinem verheerenden Autounfall fragte die Presse bereits, ob die „Bayern nun einen neuen Torwart holen“ müssten. So ist das Geschäft. Ohne Sentimentalität und ohne ein Gedächtnis. Das musste auch der Weltmeister Maier in diesen Tagen schmerzhaft erfahren. 13 lange Jahre hatte er kein einziges Spiel verpasst und nun das. Katsche Schwarzenbeck gab die einzig richtige Antwort in diesem Moment: „Mich interessiert jetzt wirklich nicht, wer nun bei uns im Tor steht oder ob wir einen anderen Keeper kaufen müssen. Am wichtigsten ist, dass der Sepp schnell wieder gesund wird!“
Und diese Gesundheit hing tatsächlich am seidenen Faden. Am Ende war es Uli Hoeneß, der Sepp Maier das Leben rettete. Als er den Torwart im Krankenhaus besuchte, war Maier nicht der Maier, den der Bayern-Manager kannte. Hoeneß war betroffen. „Sepp, da stimmt doch was nicht. Du brauchst sofort einen Spezialisten“, rief der Ex-Mannschaftskamerad und rannte augenblicklich aus dem Zimmer. Auf Hoeneß’ Drängen wurde Maier in ein anderes Krankenhaus verlegt. Das beherzte Einschreiten seines Freundes rettete dem Torhüter damals das Leben.
Die heute undenkbare Folge von 442 Partien am Stück konnte Maier nur erreichen, weil er auch mit kleineren Blessuren weiterspielte. Nach einem Tritt mit der Stiefelspitze eines gegnerischen Stürmers in die Rippen erzählte der Bayern-Tormann statt zu klagen lieber etwas Humorvolles: „Kennt ihr den Witz vom Neger [dieses Wort galt damals noch nicht als anstößig, Anm. d. Autors], der beim Krieg zweier Stämme einen Speer in die Brust bekommt? Ein anderer fragt den Verletzten: ,Tut’s weh?‘ Er antwortet: ,Nur beim Lachen.‘ Und so ähnlich geht’s mir auch.“
Maier sagte einmal: „Verletzen kann man mich schon, aber ich habe ein gutes Ersatzteillager.“ Er begründete seine Robustheit damit, dass er einer vom Lande sei, der von klein auf mit „Körnern gefüttert“ wurde. Die körperliche Unempfindlichkeit habe jedenfalls nicht an einem speziellen Fitnesstraining gelegen – denn das gab es erst gar nicht: „Bei uns früher sind die Eisen im Keller verrostet.“ Und verletzte er sich doch einmal, so konnte er auch auf seine Fans zählen. Der Rentner Kurt Preisenberger, der damals die Fanpost des FC Bayern betreute, erinnert sich: „Als einmal bei einem Spiel dem Sepp Maier drei Zähne eingeschlagen wurden, kam am nächsten Tag ein Eilpäckchen mit drei Ersatzzähnen.“ Maiers ultimativer Trick: Er stand auch im Winter barfuß in seinen Schuhen. „So habe ich mehr Gefühl für den Boden“, schmunzelte der Bayern-Keeper.
Am Ende fiel Maier der Abschied schwer. Denn als er wieder fit war, durfte er nicht spielen. Er war sauer und rief stark angetrunken mitten in der Nacht bei seinem Trainer an, um sich Luft zu machen. Er fühlte sich schlecht behandelt von seinem Coach: „Als Csernai noch Lorants Assistent war, kroch er mir in den Hintern. Ich habe ihm zum Cheftrainerposten mitverholfen, dafür lässt er mich jetzt hängen.“ Csernai reagierte besonnen: „Ich habe doch nicht diesen Unfall gebaut, sondern Sepp! Die lange Zeit, die er wegen seines Unfalls von der Mannschaft getrennt war, hat ihn verändert. Er lebte nur noch in seiner eigenen Welt. Als er zurückkam, machte er nur noch Stunk, das hat ihm die Mannschaft nicht verziehen. Sepp hatte nicht bemerkt, dass mit den anderen in seiner Abwesenheit etwas vor sich gegangen war. Es war plötzlich eine fremde Mannschaft, die er noch dazu durch seinen Unfall in eine schlimme Lage gebracht hatte. Jeder von uns wusste doch, wie der Sepp immer mit dem Auto rast. Der Sepp soll zufrieden sein, dass er noch lebt. Dafür sollte er dankbar sein.“
Diese Erkenntnis setzte sich langsam, aber stetig bei Maier durch. Zum Saisonende war endgültig Schluss: „Fußball, das war meine Welt, meine große Welt! Zuletzt, als ich nur noch auf der Tribüne gesessen bin, als das Flutlicht angegangen ist, habe ich erst gespürt, was mir der Fußball wirklich bedeutet. Jedes Mal lief mir eine Gänsehaut den Rücken runter. Früher, als ich voll dabei war im Spiel, hab ich doch nie mitbekommen, was das für eine Atmosphäre ist!“ Nach 473 Spielen sagte Sepp Maier der Bundesliga vorerst Adieu. Sein Rekord wird als sein Vermächtnis ewig bestehen bleiben. Die diesjährige Rekordablösesumme dürfte hingegen beim nächsten „Deadline Day“ bereits wieder Geschichte sein.
| Papa, ich möchte bitte einen anderen Verein! | ![]() |
Wie fixe ich mein Kind für meinen Verein an? Darf ich, als Fan eines „Natural Born Loser“-Klubs, überhaupt so egoistisch sein? Ach was, scheiß doch auf den FC Bayern! Das Leben ist doch auch keine Butterfahrt.
Es sind mit die schwersten Momente im Leben eines Vaters. Ein Freund berichtete mir am Mittwoch letzter Woche mit zittriger Stimme, dass sein Sohn ihn gefragt habe, ob es okay wäre, wenn er sich einen neuen Verein suchen würde. Am Abend zuvor war unser gemeinsamer Lieblingsklub, der VfL Bochum, nach einer schlimmen (Nicht-)Leistung in Paderborn aus dem DFB-Pokal ausgeschieden. Nun sehnte sich die unschuldige kindliche Seele ganz offensichtlich nach ein wenig Frieden.
Natürlich schrieb ich dem Kollegen postwendend zurück, dass er seinem Sechsjährigen sagen solle, dass das NICHT okay wäre. Die Liebe zu einem Fußballverein sei schließlich viel tiefer verankert als jedes Eheversprechen – und selbst da heißt es schon: Bis dass der Tod uns scheidet!
Unter Fußballfans gibt es ein unausgesprochenes Gesetz: Hast du jemals dein Herz an einen Klub verloren, so ist es um dich geschehen. Ab diesem Augenblick hast du keine Wahl mehr. Mitgefangen, mitgehangen. In guten wie in schlechten Zeiten. Auf Gedeih und Verderb. Es gibt kein Entrinnen, oder wie es ein Königsblauer mal so treffend formuliert hat: „Schalke ist wie eine schöne Krankheit. Wenn du sie einmal hast, wirst du sie Gott sei Dank nicht mehr los.“ In dieser Aussage steckt so viel tiefere Wahrheit drin, dass man die Sätze ruhig einmal etwas länger auf sich wirken lassen sollte.
Doch wie gelingt es einem Vater, seinen Nachwuchs auf die rechte Bahn zu bringen? Oder anders ausgedrückt: Wie fixt ein Vater seine Kinder an, ausgerechnet ihr Herz an „Natural Born Losers“ wie den VfL Bochum, die Offenbacher Kickers oder den Karlsruher SC zu verlieren? Wenn du selbst in jungen Jahren nicht zufällig mit einem Gewinner-Verein von deinem Papa (oder deiner Mama oder anderen Familienmitgliedern) infiziert worden bist, dann hast du nun das schwere Los erwischt, das scheinbar Unmögliche wahr werden zu lassen.
Ich hatte schon immer großen Respekt vor dieser Herausforderung – lange Jahre bevor ich überhaupt Kinder bekommen habe. Denn ich werde nie die Worte des Vorsitzenden unseres ältesten Fanklubs, der „Bochumer Jungen“, vergessen, der damals für meinen Film „Wer braucht schon ein Sektfrühstück bei Real Madrid?“ stotternd und mit belegter Stimme erklärte: „Ich weiß noch, als mein Junge, der jetzt auch im Fanklub ist und ’ne Dauerkarte hat, tatsächlich mal eine Zeit lang – allerdings auch bedingt durch seine Fußballmannschaft, wo er gespielt hat – in der großen Ära von Borussia Dortmund – als sie die Champions League gewonnen haben und alles nur noch in Schwarz-Gelb herumlief –, als er da plötzlich auch so, ja, in Schwarz-Gelb herumgelaufen ist. Da habe ich nur gedacht, ich werde bekloppt – das war ja unglaublich!“
Natürlich gibt es da draußen immer noch Unwissende, die fragen, was denn so schlimm daran wäre, wenn die eigenen Kinder einen anderen Verein mögen würden als man selbst. Das sind in der Regel aber auch Leute, die sich für ihre 0,33-Liter-Flasche Bier einen Silikon-Kronkorken kaufen, weil sie das Getränk nicht auf einmal austrinken und es sich anschließend gut verschlossen und „vor Insekten geschützt“ (so die Werbung) in den Kühlschrank stellen. Mit rationalem Fußball-Irrsinn braucht man denen also gar nicht erst zu kommen.
Kein Vater sollte sich schlecht dabei fühlen, wenn er das eigene Kind sehenden Auges ins vermeintliche Unglück führt, weil er es für einen Klub begeistert, der viel häufiger verliert, als dass er siegt. Oder wie es einmal ein Anhänger so drastisch korrekt formulierte: „VfL-Fan zu sein, ist, wie wenn dich jedes Wochenende deine Frau verlässt.“
Denn umgekehrt wird auch ein Schuh draus: Aus pädagogischer Sicht kann es durchaus sinnvoll sein, sein Kind nicht einem Gewinner-Verein in den Rachen zu werfen. Das Leben ist schließlich keine Butterfahrt. Die nächste Niederlage wartet zumeist direkt hinter der nächsten Ecke. Wer das früh genug lernt, den schmeißt nichts mehr so leicht aus der Bahn.
Also, liebe Väter da draußen, die nicht die Daumen für einen der Big Player drücken: Lasst euch nicht unterkriegen. Die „Natural Born Loser“-Klubs brauchen uns – und wir sie! Und wenn ihr einmal an euch selbst zweifeln solltet, denkt an die großen Worte des Radiokommentators und VfL-Fans Günther Pohl. Der hat uns allen einmal so wundervoll pointiert ins Stammbuch geschrieben: „Das Besondere ist, einen Verein zu haben, der manchmal gewinnt. Weil man die Erfolge viel intensiver genießt und auskostet als bei einem Verein, der jede Woche gewinnt. Wenn man 3:0 gegen Dortmund siegt, muss man den Abend rausgehen und bis morgens die Nacht durchfeiern, weil man nie weiß, ob es das letzte Mal ist. Auch ’nen Abstieg muss man den Tag feiern, weil an dem Tag ist man ja noch Bundesligist, an dem Tag ist man ja noch dabei gewesen. Man weiß ja auch nicht, ob das noch einmal wiederkommt. Deshalb ist jedes Erfolgserlebnis des VfL ein Grund zum Feiern!“ Und am schönsten ist es, wenn man an diesen ganz besonderen Tagen seine Liebsten um sich weiß.
| Wenn es Größeres gibt als den WM-Titel | ![]() |
Die offenen Worte von Fußballprofi Timm Klose über seine Alkoholsucht sorgten für Schlagzeilen. Das Thema bleibt ein Tabu, obwohl jeder fünfte Profi mit Süchten kämpft. Auch Ex-Nationalspieler Uli Borowka trank. Heute hilft er anderen.
Uli Borowka liegt auf einer dreckigen Matratze. Er hat einen Entschluss gefasst. Heute wird er sich das Leben nehmen. Doch der Mix aus Alkohol und Tabletten verfehlt seine Wirkung. Borowka wacht wieder auf. Vier Jahre später geht der ehemalige Fußballstar von Borussia Mönchengladbach und dem SV Werder Bremen in eine Entzugsklinik. Seit diesen Monaten im Jahr 2000 lebt Uli Borowka abstinent. Er selbst sagt über sein jetziges Leben: „Jeder Tag, an dem ich keinen Alkohol trinke, ist für mich mehr wert als jeder Titel, den ich gewonnen habe.“
Als der Ex-Bundesligaspieler Timm Klose am Wochenende in einem Interview von seiner Alkoholsucht erzählte, zeigten sich wieder einmal viele Fußballfans erstaunt darüber, wie Hochleistungssport und extensiver Alkoholkonsum zusammenpassen. Für Uli Borowka war das Alltag, damals. Genau wie Klose begann auch der Mann aus dem sauerländischen Menden bereits als junger Mensch mit dem Trinken – und hörte erst mit 38 Jahren wieder auf. Borowka sagt rückblickend: „Ich war 16 Jahre lang Fußballprofi und 16 Jahre lang starker Trinker.“ Dazu kam sein intensiver Medikamentenkonsum. Schmerzmittel, die ihn nicht nur seine kaputten Knie vergessen ließen, sondern auch die Nebenwirkungen des Alkohols abmilderten. Wenn Uli Borowka auf dem Platz stand, gab er sein Bestes. Doch es gab Tage, da schaffte es der Werder-Profi erst gar nicht bis auf den Rasen. Sein Trainer Otto Rehhagel deckte ihn in diesen Momenten. Er brauchte seinen Verteidiger. Unbeschädigt, als tadellosen Sportsmann. Deshalb erfand Rehhagel Ausreden für ihn. Und Borowka nahm diese dankend an. Nachdem der ehemalige Werder-Profi in seinem Buch „Volle Pulle“ geschrieben hatte, dass Otto Rehhagel wegen dieser Täuschungen und des Deckens von Borowkas Alkoholsucht in dieser Zeit „co-abhängig“ gewesen sei, redete der Europameister-Trainer von 2004 lange Jahre nicht mehr mit seinem Ex-Spieler. Dabei gab Borowka seinem früheren Trainer gar keine direkte Schuld. Vor allem, weil er selbst wusste, dass dieses Verhalten alles andere als selten ist.
Knapp zehn Jahre zuvor hatten die Spieler beim Hamburger SV ihren Coach Branko Zebec gedeckt, obwohl sie genau wussten, dass der in erhöhtem Maße dem Alkohol zusprach. Auch für sie zählte, dass sie mit ihm und durch ihn gewannen. Doch am 29. Spieltag der Saison 1979/80 bei der Partie des HSV in Dortmund konnte die gesamte Fernsehnation erstmals sehen, was längst so viele wussten: Branko Zebec hatte ein Alkoholproblem. Völlig abwesend verfolgte der volltrunkene Trainer die erste Halbzeit auf der Bank des Westfalenstadions. In der zweiten Hälfte blieb sein Platz leer. HSV-Präsident und Anwalt Dr. Wolfgang Klein wählte seine Worte mit Bedacht, und dennoch benutzte er erstmals bewusst und öffentlich das Wort „Alkohol“ in seiner Stellungnahme: „Es ist bekannt, dass Herr Zebec seit Langem unter einer Erkrankung der Bauchspeicheldrüse leidet. Deshalb ist jeder Tropfen Alkohol für ihn besonders schädlich.“ Da er am Freitag die Hinfahrt im Bus verpasst hatte, war Zebec im Leihwagen dem Team gefolgt. In der Nacht stoppte ihn die Polizei in der Nähe der Autobahnausfahrt Ascheberg bei Münster und behielt seinen Führerschein sofort an Ort und Stelle ein. Die Blutprobe ergab einen Promillewert von 3,25. Der „Spiegel“ schrieb damals: „Der Jugoslawe Branko Zebec (Spitzname: Fernet-Branko) trainierte zwar Bayern München zur Deutschen Meisterschaft. Doch der Diabetiker benötigt Blutzucker senkende Insulinpräparate und ist bei Alkoholgenuss bis zum komaartigen Rausch doppelt gefährdet.“ Zebec bekam seine Krankheit zeitlebens nicht in den Griff. Er starb bereits mit 59 Jahren an den Folgen seines jahrelangen Alkoholmissbrauchs.
Die Sucht-Beichte von Timm Klose, der aktuell bei Norwich City spielt, ist im englischen Fußball spätestens seit dem 1998 erschienenen und mehrfach prämierten Buch „Addicted“ des ehemaligen Nationalspielers Tony Adams keine Seltenheit mehr. Adams beschrieb damals detailliert seine Parallelwelt zwischen Fußballprofi und Alkoholiker. Nach dem verlorenen Halbfinale gegen Deutschland im Elfmeterschießen bei der Europameisterschaft 1996 und einer siebenwöchigen Phase des Trinkens fand Adams über den Gang an die Öffentlichkeit einen Weg aus der Sucht. Seit Jahren engagiert sich der frühere Arsenal-Spieler mit verschiedenen Projekten in der Suchthilfe.
Das Geständnis von Timm Klose wird für Adams und Borowka deshalb nicht überraschend gekommen sein. Beide wissen um die vielfältigen Suchtproblematiken im Profi-Fußball und weisen öffentlich darauf hin, dass nach aktuellen Studien mindestens jeder fünfte Spieler mit einer Sucht – neben dem Alkohol auch Drogen/Medikamente und Glücksspiel – zu kämpfen hat. Öffentliche Bekenntnisse wie die von Klose helfen dabei, die Menschen im unbarmherzigen Millionengeschäft Fußball weiter zu sensibilisieren. Denn eine schlichte Wahrheit mussten alle Betroffenen machen: Es kann jeden treffen. Selbst die Allergrößten wie den Torjäger aller Torjäger, Gerd Müller. Und auch dieser sagte, genau wie Borowka, einmal: „Dass ich die Sucht bezwungen habe, war mein größter Sieg – wichtiger noch als der WM-Titel.“
| Schön wie Lothar, elegant wie Maradona | ![]() |
Heraushängende Zunge, keine Hose: „So ist nicht mal Matthäus in schlimmsten Zeiten rumgelaufen“, fluchte TV-Moderator Oliver Welke. 2006 sorgte Goleo für Aufregung. Wer der Nacktlöwe ist und warum er auch als „Crazy Frog“ gut aussieht: Hier kommt die Antwort!
Es war das bestgehütete Geheimnis eines Sommers. Vor der WM 2006 setzten die Medien alles daran, den Mann unter dem Goleo-Kostüm zu enttarnen. Die Neugierde war riesig. Man fragte sich, wer da dem flauschigen Löwen seine Stimme lieh. Und wer so fließend-fröhlich auf Englisch, Deutsch und Spanisch mit der versammelten Weltpresse parlieren und seinen Körper so betont schwungvoll in Szene setzen konnte. Doch egal wie tief man auch bohrte, die Presse bekam keine Antworten.
Aus Sicherheitsgründen sagte man damals die Teilnahme Goleos an Shows wie „TV total“ ab. Zu groß wäre das Risiko einer gezielten Attacke gewesen. Einmal das „wahre“ Gesicht des Maskottchens in der Öffentlichkeit – und der schöne Schein wäre dahin gewesen. Und so durfte Goleo selbst seinen Kopf nur in gut abgeschirmten Kabinen abnehmen. Und tatsächlich: Das Geheimnis, welcher vielseitig begabte Mann ein ganzes Sommermärchen lang unter dem Kostüm schwitzte, blieb bis zum heutigen Tage gewahrt. Nun ist der Zeitpunkt zur Enttarnung gekommen.
Im Sommerurlaub an der Nordseeküste hatte ich einen jungen Mann kennengelernt. Wir kamen ins Gespräch, weil ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Ohne Fußball ist alles nichts!“ trug. Bereits wieder zu Hause, schrieb er mir über Facebook: „Wusstest du eigentlich, dass ich bei der WM 2006 Goleo war?“ Ich war von einem Moment auf den nächsten wie elektrisiert. Hatte ich tatsächlich den Mann kennengelernt, der sich in seiner Rolle als Löwe der Nation selbst so vorstellte: „In meiner Person vereinen sich die Schönheit von Lothar Matthäus, die Eleganz von Maradona und das weltmännische Auftreten von Oliver Bierhoff“?
Marcel Batangtaris ist Schauspieler, Moderator und Synchronsprecher – und wird seit vielen Jahren für Spezial-Einsätze in Kostümen gebucht. Er stand damals gerade am Flughafen von Kopenhagen, als man ihm mitteilte: Du bist Goleo! In Dänemark hatte er soeben einen Festival-Auftritt als „Crazy Frog“ hinter sich gebracht. Bis zu 120.000 Zuschauer beglückte er auf der Bühne mit der Figur des Klingelton-Anbieters „Jamba“. Am 30. Mai 2005 schob sich ein Song des „Crazy Frog“ auf Platz 1 der britischen Charts. Viele sahen damals das Ende jeglichen guten Geschmacks gekommen, doch für den Wahl-Kölner Batangtaris lief es gut. Dass Goleo noch einmal eine ganz andere Hausnummer sein sollte, ahnte er damals bereits, als das Angebot kam – aber wie krass es tatsächlich werden würde, konnte er nicht annähernd wissen.
Seinen ersten Auftritt als sprechender Löwe hatte er direkt vor der WM. Zwei Millionen Fußballanhänger aus aller Welt empfingen ihn auf dem Fanfest in Berlin – live im deutschen Fernsehen. 200 Meter hinter ihm stand ein Kollege, der „Pille“, Goleos sprechenden Begleiter in Form eines Fußballs, steuerte und ihm seine Stimme über ein eingebautes Mikrofon verlieh. Batangtaris selbst konnte über Elektroden an den Händen den Mund des Löwen öffnen und schließen.
Der ausgebildete Schauspieler hatte sich Goleo als gemütlichen Gute-Laune-Kerl zurechtgelegt und zeigte in seiner Rolle vollen Einsatz. „Da muss der ganze Körper mitgehen, wenn man so eine Figur spielt“, erzählt Batangtaris und lässt die brummig-gutmütige Stimme des Löwen noch einmal erklingen. Er habe Goleos Stimme immer zwischen Samson und Snoop Dogg gesehen – zwischen klassisch und modern. Und das sei offensichtlich gut angekommen. Nicht nur die Kinder, auch ganz viele Erwachsene hätten sich damals an ihn gekuschelt und unbedingt ein Foto mit ihm machen wollen. Trotz der lautstarken Kritik im Vorhinein sei Goleo während der vier Wochen eine Art „Super-Hero“ gewesen. Das habe jede Menge Spaß gemacht. Auch wenn er bei jedem Auftritt „geschwitzt habe wie Bolle“ und drei Kilo abnahm.
Stets habe er sich bemüht, einen politisch korrekten Goleo zu geben. Fragen nach dem kommenden Weltmeister beantwortete er diplomatisch ausweichend mit einem Verweis auf das fabelhafte Wetter in Deutschland. Und stellte mal ein Reporter eine provozierende Frage, so rief Goleo mit seinem berühmten Löwen-Charme in die Runde: „Freut ihr euch auch so, hier zu sein?“ – und ging danach entspannt-locker zum nächsten Kind, das ein Foto mit ihm haben wollte.
Das alles klappte wunderbar bis zum Tage des WM-Viertelfinal-Spiels gegen Argentinien in Berlin. Eigentlich war nach dem Abspielen der Hymnen der Job für Goleo bereits erledigt. Doch an diesem legendären 30. Juni war alles anders. Deutschland lag gegen den mehrmaligen Weltmeister mit 0:1 hinten, und in der deutschen Kurve ging gar nichts mehr. Es herrschte Mucksmäuschenstille. Da kam jemand auf die Idee, Goleo hinauszuschicken. Er sollte ein „bisschen Gas geben“ und für Stimmung im deutschen Lager sorgen. Batangtaris schmiss sich augenblicklich in sein Kostüm, eilte hinaus und kam gerade rechtzeitig zum 1:1-Ausgleich. Und nun packte es ihn. Wer sich noch einmal genau die Szenen von damals anschaut, kann bei den Aufnahmen vom Elfmeterschießen links hinter Lehmann einen ausgelassen jubelnden Löwen sehen. Das sei nicht in Ordnung gewesen, sagt der Schauspieler neun Jahre später, aber „da sind die Gäule einfach mit mir durchgegangen“. Es sei ihm verziehen.
Die vier Wochen seien unvergesslich und wunderschön gewesen. Nur eine Frage habe er irgendwann nicht mehr hören können: „Warum hat Goleo eigentlich keine Hose an?“ Batangtaris ist sich sicher, dass er heute in einer Vermögensliga mit Bill Gates spielen würde, hätte er damals nur einen Euro pro Hosen-Frage bekommen. Er habe sich schließlich angewöhnt, einfach eine Gegenfrage zu stellen: „Hast du je Donald Duck mit einer Hose gesehen? Nein? Dann denk mal drüber nach!“
| Wenn der Designer im LSD-Rausch ist | ![]() |
Sind die jeck beim Effzeh? Was war das bitte schön? Kölner Stunksitzung im Karnevalstrikot? Spöttern fehlte nur ein Tusch. Doch das hässlichste Trikot der Fußball-Bundesliga ist es trotzdem nicht. Das ist immer noch regenbogenfarben.
Das Karnevals-Jersey der Kölner hat am letzten Wochenende für zahlreiche Lacher gesorgt. Und auch wenn dieses Hemd ganz weit vorne im Reich der Geschmacksverirrungen landet, der gezielte Angriff vonseiten des 1. FC Köln auf den Titel-Thron des „hässlichsten Trikots aller Zeiten“ ist dennoch knapp gescheitert: Diesen ruhmbehafteten Platz am Designer-Himmel lässt sich der VfL Bochum nicht streitig machen.
Denn wer kennt es nicht, das kunterbunte Papageien-Jersey aus der Saison 1997/98? Damals pfiffen sich Hunderte Anhänger des Revierklubs live im WDR-Fernsehen die Seele aus dem Leib. Und das, obwohl man noch wenige Augenblicke zuvor im Bochumer Schauspielhaus siegestrunken und ausgelassen den erstmaligen Einzug des Vereins in einen europäischen Wettbewerb gefeiert hatte. Als der eigentliche Höhepunkt des Abends erfolgen sollte, begann das Dilemma. Die Präsentation der neuen Trikots für die folgende UEFA-Cup-Saison ging in die Geschichte der Bundesliga ein.
Gespannt warteten die Fans an diesem legendären Abend, bis sich der rote Vorhang zur Seite schob und man endlich sehen konnte, in welchem Outfit sich der Klub auf den Weg nach Europa machen sollte. Was dann zu hören war, erinnerte an Schreie aus übelsten Splatterfilmen. Als diese langsam verstummten und einer ungläubigen Ohnmacht wichen, ertönte die laute Stimme eines entsetzten VfL-Fans. Auf den Aufnahmen des WDR ist gut zu hören, wie er im schnörkellosen Idiom der Region rief: „Boah, wie scheiße sieht dat denn aus!“
Als die Mannschaft einen Tag später auf dem Bochumer Rathausbalkon empfangen wurde, sangen die Anhänger unten auf dem Vorplatz immer wieder: „Wir wollen blau-weiße Trikots, blau-weiße Trikots!“ Der Wunsch wurde bekanntermaßen nicht erhört.
Damals hatte der Bochumer Sponsor, die Lottofirma Faber, erstmals auch den Job des Ausrüsters übernommen und diese Chance beim Schopf gepackt. Das kunterbunte Logo des Unternehmens erstreckte sich in seiner umfangreichen Farbpalette über die gesamte linke Seite des Jerseys. Nicht wenige stellten sich die Frage, ob hinter Faber tatsächlich eine Lottofirma oder nicht doch vielleicht eher ein Hersteller für Buntstifte steckte. Ein kostenloser LSD-Rausch der Sinne war die Folge. Als VfL-Bochum-Anhänger hatte man schwere Stunden des Selbstzweifels und der inneren Einkehr vor sich.
Doch anders als erwartet, hatten die zuerst schmerzlichen Auswirkungen der fortschreitenden Kommerzialisierung des Fußballs auch ihre positiven Seiten. Trotz sechs wirklich ansehnlicher und teils spektakulärer Partien im internationalen Wettbewerb gegen Trabzonspor, Brügge und Ajax Amsterdam kannte den VfL Bochum schon ein Jahr später in Europa niemand mehr. Sportlich. Mit diesen Trikots hatte sich der Verein jedoch in das kollektive Gedächtnis der Fans eingebrannt. Als ich 2004 auf einer Irland-Rundreise einen Engländer aus Reading kennenlernte, wusste er zuerst mit dem Klub tief aus dem Westen der Republik nichts anzufangen. Bis es ihm langsam dämmerte und er zu grinsen begann: „Are you kidding me? That’s your club? Fantastic jerseys. Really ugly!“
Und damit war klar: Sportlich kennt den VfL Bochum außerhalb Deutschlands fast niemand, aber den Verein mit den hässlichsten Trikots aller Zeiten in einem europäischen Wettbewerb, den haben viele nicht vergessen. Faber sei Dank!
Und auch in Deutschland waren die Regenbogenhemden des VfL der letzte Schrei in der Liga. Die Kaiserslauterer Fans skandierten bei ihrem Auswärtsspiel in Bochum 90 Minuten lang nur eine einzige Zeile: „Ihr habt hässliche Trikots!“ Was soll man sagen? Es wirkte. Die Partie ging 1:3 verloren.
Einige Jahre später spielte der VfL Bochum übrigens in rosafarbenen Trikots. Als der Zeugwart die Jerseys kurz vor der Saison zur Anprobe rauslegte, weigerten sich die Spieler, die Hemden anzuziehen. Man versteifte sich teamintern sogar zu der Aussage: „Müssen wir die Dinger in einem Meisterschaftsspiel tragen, dann werden wir verlieren.“ Man kann der damaligen Mannschaft viele Vorwürfe machen, aber nicht, dass sie sich nicht daran hielt, was sie einmal versprach. Man verlor folgerichtig die Begegnung in Rosa auf Schalke sang- und klanglos mit 0:3.
Übrigens: Wer sich einen alten Klassiker aus dem „Aktuellen Sportstudio“ ansieht, in dem sich ein Designer damals für mehrere Bundesligavereine neue Trikots ausgedacht hatte (besonders schön der Satz von Moderator Hanns Joachim Friedrichs: „Für unsere Schwarz-Weiß-Zuschauer muss man die Farben erst einmal erklären“), die anschließend tanzend (!) präsentiert wurden, der wird sich verwundert zeigen. Da hatte doch tatsächlich im Jahre 1974 der Modedesigner dem MSV Duisburg das spätere Papageientrikot des VfL untergejubelt. Getragen haben es die Meidericher nie. Gut für den VfL Bochum. Dieser Titel des „hässlichsten Trikots aller Zeiten“ scheint uns bis in alle Ewigkeit nicht mehr zu nehmen.
| Ein Leben zwischen Puff und Barcelona | ![]() |
Vielen Fußballfans ist der Mann mit der markanten Stimme unvergessen. Sein Reporter-Stil war einzigartig: stets etwas zu laut und schrill. Rolf Töpperwien zum 70. Geburtstag – ein Blick zurück auf Storys und Skandale.
Sie erinnern sich doch sicherlich an das Blödelduo „Klaus und Klaus“ und ihren Riesenhit „An der Nordseeküste“? Am 31. August 1985 traten die beiden ungleichen Sangesbrüder beim Nordderby Werder Bremen gegen den Hamburger SV auf – und zwar direkt vor der Partie beim Einlaufen der Mannschaften. Der eine Klaus im Werder-Trikot, der andere im HSV-Dress. Ausgedacht hatte sich diese wilde Idee ein Mann, der eigentlich an diesem Nachmittag einen ganz anderen Job zu erledigen hatte. Aber ZDF-Reporter Rolf Töpperwien war schon immer ein Freund der blumigen Spielberichte, und so verschaffte sich der heutige Jubilar für die abendliche Ausstrahlung des Samstagabendklassikers „Das aktuelle Sportstudio“ die etwas anderen Bilder eines Derbys.
Und da auch die Fans der beiden Vereine Töpperwiens Idee klasse fanden und sofort gesanglich mit einstiegen, verhalfen dieser kurze Auftritt auf dem grünen Rasen und das Millionenpublikum vor den Bildschirmen am Abend dem Gesangsduo zum endgültigen Durchbruch. Übrigens: Einer der beiden von „Klaus und Klaus“, der korpulentere Klaus Baumgart, war von 1990 bis 1993 Vize-Präsident seines Heimatklubs VfB Oldenburg. So klein ist die Fußballwelt.
Doch zurück zum ZDF-Reporter Rolf Töpperwien und seiner ganz besonderen, unverkennbaren Art und seinen kuriosen Einfällen. Sein spezielles Markenzeichen war stets: er selbst! Bis heute legendär und so herrlich exemplarisch für das Arbeiten Töpperwiens sind die Szenen nach dem 6:6 des FC Schalke 04 1984 im DFB-Pokal zu Hause gegen den FC Bayern München. Auf dem Platz tanzten und sangen ausgelassene Zuschauer um den dreifachen Torschützen des Abends, Olaf Thon, herum. Direkt neben dem kleinen Schalker versuchte Rolf Töpperwien mitten im dicksten Getümmel sich energisch Platz und Gehör zu verschaffen – ein Auge dabei stets zurück in Richtung seines Kameramanns, der auf noch aussichtsloserem Posten verharrte. Doch Töpperwien gab nicht auf. Er rangelte und drängte und sprach dabei die Fans immer wieder direkt an, doch dem Olaf endlich sein verdientes Interview zu ermöglichen.
Und dann klappte es tatsächlich – als aus dem Hintergrund behelmte Polizisten für einen Moment die Lage etwas beruhigen konnten. Und Töpperwien? Der entlockte in dieser unglaublichen Situation, nach diesem unfassbaren Spiel zwischen dem FC Schalke 04 und dem FC Bayern München dem erstaunten, gerade 18 Jahre alt gewordenen Olaf Thon eine scheinbare Banalität, die sich aber aufgrund der gesamten Rahmenbedingungen bei vielen Zuschauern bis heute im Gedächtnis festgebrannt hat: Der dreifache königsblaue Torschütze des Abends schlief doch tatsächlich auch in dieser Nacht zu Hause noch immer in Bayern-Bettwäsche.
Töpperwien, der Mann aus Osterode am Harz, ist in seiner Reporterkarriere viel herumgekommen. Er hat alle Stadien von Barcelona bis Johannesburg gesehen – doch am liebsten war er wohl in Bremen. Das wusste auch der spätere Bundestrainer Erich Ribbeck: „Der schläft doch in Bremer Bettwäsche, den haben sie grün-weiß eingewickelt.“ Aus seiner Vorliebe für die Hansestädter und ganz besonders für ihren langjährigen Übungsleiter Otto Rehhagel hat Rolf Töpperwien in der Tat nie einen Hehl gemacht. Und so sagte der ZDF-Reporter sogar einmal ganz freimütig: „Udo Lattek mag Otto Rehhagel nicht, also mag ich Lattek nicht.“ Der Angesprochene ließ allerdings mit einer Retourkutsche nicht lange auf sich warten. Lattek: „Wer ist Rolf Töpperwien, hat der schon mal eine Mannschaft trainiert? Als ich noch Trainer war, ist der bei mir doch früher überall reingekrochen, wo eine Öffnung war.“
Bei Werder war Töpperwien so etwas wie der Haus- und Hofberichterstatter, der ganz besonders von seinem fast schon innigen Verhältnis zu Otto Rehhagel profitierte. Unvergessen die Szene, als Werder nach dem Europapokalsieg 1992 gerade wieder in Bremen gelandet war und „Töppi“, wie er gerne genannt werden möchte, wieder aus dem dicksten Getümmel legendär-ausgelassen kommentierte: „Jetzt! Jetzt betritt Otto Rehhagel deutschen Boden!“
Aber auch Rehhagel wusste, was er an seinem Reporter beim ZDF hatte. Als eines Tages Töpperwiens Schwester und Rundfunkmoderatorin Sabine vor dem Werder-Trainer mit dem Mikrofon auftauchte, meinte Rehhagel wenig charmant: „Gute Frau, schicken Sie mir Ihren Bruder, mit dem rede ich.“
Nicht alle Zuschauer haben Töpperwien, der 2010 mit 60 Jahren beim ZDF ausschied, und seine ganz spezielle Art geliebt, wie dieser Reim des „SportBild“-Lesers Dietmar Z. aus 4980 Bünde 21 Ende der 1980er Jahre zeigt: „Ist Rolf Töpperwien am Ball, hoffen wir auf Tonausfall.“ Und den hätte es für den Reporter – wegen einer skurrilen Geschichte abseits des grünen Rasens – einmal beinahe von seinem Arbeitgeber zwangsverordnet gegeben. Doch was war geschehen?
Über Töpperwien, der sich selbst immer als sehr volksnah sah („Ich gehe zu den Jungs in deren Stammkneipen, und da spüren die dann beim Bier: Der Töppi hat ja die gleichen Interessen wie ich, der kennt die Hitparade, und der pfeift auch mal einer Frau nach“), wusste eines Tages plötzlich ganz Deutschland, dass er im Puff gewesen war, dort eine Menge Spaß gehabt, aber anschließend dennoch die Höhe der Rechnung beanstandet hatte. Die Schlagzeile damals lautete: „Wie oft kann Töppi?“
Doch warum wusste die Presse eigentlich so genau von Töpperwiens Techtelmechtel – er soll es in einer Nacht viermal mit einer „willigen Melanie“ („Die Welt“) getrieben haben – und konnte diese delikaten Informationen so ausgiebig ausschlachten? Es klingt kurios, aber Töppi selbst ist es gewesen, der die Sache an die Öffentlichkeit gebracht hat. Denn fahrlässigerweise hatte er auf Original-ZDF-Briefpapier die Höhe der Summe für seinen Ausflug ins Etablissement infrage gestellt. Die 4.000 Mark, die er für seinen Abend im Münchener Amüsierbetrieb „Leierkasten“ zahlen sollte, empfand Töpperwien als viel zu hoch. Und seine spitzfindige Erklärung klang dabei durchaus plausibel: „Ich bin doch kein Marathon-Mann!“
Dummerweise nahm der „Leierkasten“ anschließend die freundliche Einladung zu ganz viel kostenloser Werbung dankend an und schickte das Schreiben über einen „Münchener Szene-Anwalt“ an die „Abendzeitung“. Und die veröffentlichte den Brief natürlich mit Genuss. Danach machte die Nachricht in ganz Deutschland die Runde. Und auch wenn die Geschichte selbstverständlich für Töppi nicht ohne war – irgendwie passt sie zu seinem kunterbunten Leben voller Storys und Skandale.
Heute feiert der Mann, der vielen Fußballfans noch immer unvergessen ist, seinen 70. Geburtstag.
| Als es bei Paul Breitner ganz flüssig lief | ![]() |
Die einen haben die Hosen voll, Thomas Müller verwandelt im Stil von Harald Nickel, Mönchengladbach schießt den Vogel ab – und Toni Schumacher erhält im „Tatort“ den entscheidenden Tipp. Die kuriose Geschichte des Elfmeters in der Bundesliga.
Gefühlt ist es die Saison der Elfmeter. Vor allem für die Mönchengladbacher Borussia. Vor dem Wochenende hatte sie neun Strafstöße in zehn Pflichtspielen verschuldet und damit den Grundstein für den holprigen Start in die Saison gelegt. Patrick Hermann hatte vollkommen zu Recht geschlussfolgert: „Es ist schwer, Spiele zu gewinnen, wenn wir in jedem Spiel einen Elfmeter verursachen.“
Und die allermeisten Schiedsrichter-Pfiffe gegen Gladbach waren wohl auch noch berechtigt. Dabei bieten Strafstöße ansonsten gerne einmal Anlass zu hitzigen Diskussionen. Außer man hat Franz Beckenbauer als Sitzplatznachbarn neben sich, wie einst Olaf Thon, der anschließend meinte: „Der Herr, der neben mir sitzt, hat gesagt: ,Das war kein Elfmeter.‘ Und wenn er das sagt, dann stimmt das. Denn dieser Herr hat immer Recht.“
Elfmeter treffsicher zu verwandeln, ist eine Sache für sich. Oder wie es Paul Breitner nach dem legendären Halbfinale gegen Frankreich bei der WM 1982 in Spanien ausdrückte: „Da kam dann das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief’s ganz flüssig.“
Ganz wichtig ist die Psychologie des Schützen. Gegen Manchester City scheiterte Gladbachs Raffael beim Stand von 0:0 die Tage an Englands Nationalkeeper Joe Hart ziemlich kläglich. Warum? Weil er in allerletzter Sekunde die Schussrichtung geändert hatte, wie Raffael hinterher reumütig zugab. Ein typischer Fehler – und eine reine Kopfsache. Man glaubt nicht, was sich bei den Protagonisten da oben im Hirn so alles abspielt vor einem Strafstoß. In der Saison 1986/87 ballerte Bochums Ata Lameck etwa einen Elfmeter links am Tor vorbei und sagte danach: „Normalerweise schieße ich in die andere Ecke. Aber ich habe überlegt: Hat der Vollborn vielleicht beim letzten Mal Fernsehen geschaut, als ich einen Elfmeter geschossen habe? Das war ein Fehler. Man soll sich immer treu bleiben.“ Genau.
Noch aberwitziger hat es einmal Fortuna-Torwart Wolfgang Kleff 1983 nach dem Spiel seiner Düsseldorfer gegen Hertha ausgedrückt: „Ich wusste, dass der Remark immer in die rechte Ecke schießt. Nur: Weiß der Remark, dass ich weiß, welches seine Ecke ist? Und wenn er weiß, dass ich es weiß, schießt er dennoch in seine Ecke? Aber als er sich den Ball hingelegt hatte und zurückging, um anzulaufen, schaute er ganz kurz in die rechte Ecke. Da wusste ich Bescheid!“
Der ehemalige Bayern-Torjäger Roy Makaay hat das ganze Phänomen einmal sehr anschaulich auf den Punkt gebracht: „Wenn ich denke, dass der Torwart denkt, und der Torwart denkt, dass ich denke – dann kann ich auch einfach schießen. Es macht keinen Unterschied.“
Bis heute hält der Stuttgarter Michael Nushöhr einen Bundesligarekord. Am 8. Februar 1986 verwandelte er drei Strafstöße in einer Partie – was sich leichter anhört, als es sich in Wahrheit darstellte: „Beim dritten Elfmeter war ich verdammt nervös – ich wusste nicht mehr, wohin ich schießen sollte.“
Die beste Quote unter den Bundesligakeepern hat immer noch Rudi Kargus inne: 70-mal trat ein gegnerischer Spieler zum Mann-gegen-Mann-Duell gegen ihn an, und 24-mal behielt Kargus die Oberhand. Er begründete dies einmal so: „Hat man erst einen Ruf als Elfmetertöter, dann ist das psychologisch ein großer Vorteil. Der Schütze wird unsicher. Aber Herzog, Hoeneß, Höttges und Gersdorff haben mir den Ball doch schon ins Netz gesetzt. Nicht immer genügen meine Kenntnisse und Reaktionen.“
Auffällig ist die Schusstechnik des Bayern-Stürmers Thomas Müller in dieser Saison. Doch völlig neu ist auch diese in der Bundesliga-Historie nicht. Harald Nickel entwickelte damals diese einzigartige Variante: Er schoss, wie heute Müller, quasi aus dem Stand. Sein Erfolgsgeheimnis erläuterte der Braunschweiger selbst so: „Ich muss dem Torwart möglichst wenig Zeit geben, sich auf meinen Schuss einzustellen. Das kann ich aber nur, wenn er nicht weiß, wann ich wirklich abziehe. Und das wiederum ist nur bei einem Schuss aus dem Stand möglich.“
Eine der kuriosesten Storys rund um einen Elfmeter ereignete sich in der langen Bundesliga-Geschichte am 32. Spieltag der Saison 1978/79. Beim Spiel des 1. FC Kaiserslautern gegen Borussia Mönchengladbach kam es in der ersten Halbzeit zum Duell Seppl Pirrung gegen Keeper Wolfgang Kneib. Der Torhüter erzählte später: „Ich habe beim Schuss von Pirrung seinen Anlauf beobachtet und mich danach in die linke Ecke geworfen.“ Erfolgreich gehalten! In der Halbzeit traf Kneib den etatmäßigen Lauterer Elfmeterschützen Reinhard Meier, der ihm sagte, dass er den Ball in die andere Ecke geschossen hätte. Zweite Halbzeit, erneuter Elfmeter für Lautern – diesmal trat Meier an. Und Kneib präsentierte ein Lehrstück in Psychologie. Hinterher dachte er laut nach: „Nachdem er mir das gesagt hat, schießt er jetzt wohl in die andere Ecke!“ Und genau so kam es: Links unten, Kneib hielt und war der Held des Spiels.
Unter die Kategorie „Dumm gelaufen“ fällt wohl folgende Geschichte. Werner Weist wollte sich einst einen Spaß erlauben und rief Düsseldorfs Torhüter Büns flapsig zu: „Pass auf, gleich haue ich ihn dir ins rechte Eck!“ Werder hatte gerade einen Elfmeter zugesprochen bekommen, und der Mittelstürmer ging davon aus, dass wie immer sein Mannschaftskamerad Höttges ausführen würde. Doch der lag verletzt am Spielfeldrand. Trainer Burdenski entschied: Weist solle schießen. Der schluckte, zog dann aber kurz entschlossen ab: „Ich habe mir gesagt, jetzt bleibst du bei deinem Wort, und prompt rannte Büns in die falsche Ecke.“ Der gehörnte Düsseldorfer Torwart kratzte sich noch nach Spielschluss verwirrt am Hinterkopf: „Ich habe doch nicht geglaubt, dass er das ernst meinte!“
Bei einer anderen Partie schoss dann aber wieder Horst-Dieter Höttges höchstpersönlich. Nach der Begegnung zwischen dem SV Werder Bremen und dem Hamburger SV (1:3) des 15. Spieltags der Saison 1975/76 schaute der Werderaner gemeinsam mit seinen Mannschaftskameraden die Zusammenfassung des Spiels im Fernsehen an. Als Höttges im TV zu seinem verschossenen Elfmeter antrat, starrten seine Kollegen wie gebannt auf den Bildschirm. Der Abwehrspieler schnauzte sauer in die Runde: „Warum guckt ihr da hin, meint ihr, ich kriege ihn jetzt rein?“
Über den ehemaligen Nationaltorwart Oliver Kahn erzählt man sich die schöne Geschichte, dass er beim Thema Strafstöße kein Erbarmen kannte. Bei einem Benefiz-Elfmeterschießen in Karlsruhe sollten einmal Kinder gegen ihn antreten. Für jeden Ball, den sie dem Keeper ins Netz legten, floss Geld für einen guten Zweck. Doch der Nationaltorwart trieb die kleinen Dötze in die Verzweiflung. Kahn, so heißt es, habe keinen einzigen Ball durchgelassen.
Die großartigste Begründung für einen gehaltenen Elfmeter lieferte übrigens einmal ein anderer Nationaltorhüter. Am 33. Spieltag der Saison 1983/84 parierte FC-Torwart Toni Schumacher beim 4:6 seiner Kölner in Uerdingen einen Elfmeter von Friedhelm Funkel. Hinterher lautete seine kuriose Begründung: „Wie der Funkel Elfmeter schießt, hatte ich bei einem Tatort-Krimi im Fernsehen gesehen.“ Häh? Tatsächlich hatte es kurz vorher in der Folge „So ein Tag …“ einen kleinen Ausschnitt der Partie Frankfurt gegen Kaiserslautern zu sehen gegeben. Und in einer Szene: der damalige Lauterer Friedhelm Funkel beim Elfmeterschießen. Unglaublich!
Man sieht: Das Thema Strafstöße ist endlos und facettenreich. Und vor allem ganz und gar nicht so, wie der erfolgreichste Schütze unter den Keepern, Hans Jörg Butt, es nüchtern formulierte: „Elfmeterschießen ist wie Zähneputzen, da denkt man nicht nach.“ Da sind wir doch gedanklich eher bei Bastian Schweinsteiger. Der meinte einmal nach einem erfolgreichen Versuch: „Ich hab zum Spaß gesagt: Ich hab kurz vor meinem Elfmeter meine Eier vergessen oder verloren, aber sie dann rechtzeitig wiedergefunden. Im Elfmeterschießen gehört Glück dazu, meistens haben es wir Deutsche.“
| Die irre Geschichte des verschollenen WM-Pokals | ![]() |
Der erste Pokal für den Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft hat eine fast schon filmreife Geschichte mit vielen herausragenden Darstellern hinter sich. Und: Es gibt ihn nicht mehr! Das Rätsel um sein Verschwinden ist bis heute nicht gelöst. Doch das ist nur eine Story von vielen.
Es fing alles schon nicht gut an. Als Fifa-Präsident Jules Rimet nach dem spektakulären Endspiel der WM 1930 in Montevideo zwischen dem Gastgeber Uruguay und dem Herausforderer Argentinien die etwa 35 Zentimeter hohe, goldene Statue, die er kurz zuvor vom Bildhauer Abel Lafleur in Paris hatte erstellen lassen, übergeben wollte, fand sich zuerst niemand, der den Pokal entgegennehmen wollte.
Die Uruguayer waren ob des Sieges im ersten Fußball-Weltmeisterschafts-Finale der Geschichte außer Rand und Band – was interessierte da noch diese geradezu bescheidene, ja, ungewöhnlich kleine Trophäe, die Rimet dort unten auf dem Rasen im Tumult in seinen Händen hielt? Und da Uruguays Spielführer José Nasazzi weit und breit nicht aufzufinden war, überreichte der Fifa-Vorsitzende die Statue schließlich in den Katakomben recht formlos an den Verbandspräsidenten Raúl Jude. Auf einem Schnappschuss dieses historischen Moments ist zu erkennen, wie Jude äußerst lässig den Pokal mit der rechten Hand in Empfang nimmt, während seine linke in der Hosentasche steckt. Aber wenigstens war die Siegestrophäe so schon einmal übergeben.
Und eigentlich ging es für den „Coupe du Monde“, wie er damals noch hieß, auch erst einmal gar nicht so schlecht weiter. Denn nachdem die Italiener zweimal hintereinander den Weltpokal für sich gewinnen konnten, war die mittlerweile begehrte Trophäe zu Beginn des Zweiten Weltkrieges dementsprechend im Besitz der Südeuropäer – und sollte es auch bis nach Ende des Krieges im Mai 1945 bleiben. Denn der pfiffige Fifa-Offizielle Ottorino Barassi hatte irgendwann die fixe Idee nicht mehr aus dem Kopf bekommen, den Pokal aus dem Bankschließfach, wo er nach seiner Auffassung nur vermeintlich sicher aufbewahrt wurde, zu holen und bei sich zu Hause zu verstecken. Genauer: Er packte den „Coupe du Monde“ in einem einfachen Schuhkarton unter sein Bett. Da machte es sich zum ersten Mal bewährt, dass die Trophäe so vergleichsweise mickrig war.
Und tatsächlich: Der Weltpokal überlebte die dunkle Zeit und erstrahlte 1950 wieder in seiner vollen goldenen Pracht bei der ersten WM nach zwölf Jahren Pause in Brasilien. Und dort nahm das Drama so langsam seinen Lauf. Mittlerweile hatte man die Trophäe zu Ehren des langjährigen Fifa-Präsidenten in „Coupe Jules Rimet“ umgetauft. Doch der Pokal sollte dem Gastgeber kein Glück bringen. Im letzten, entscheidenden Spiel unterlagen die Brasilianer den Uruguayern äußerst unglücklich und mussten mitansehen, wie die Statue das Land wieder verließ.
Acht Jahre später war es dann aber endlich so weit. Die Brasilianer, mit ihrem neuen Superstar Pelé, holten in Schweden den Jules-Rimet-Pokal. Und nachdem sie auch in Chile vier Jahre danach die WM für sich entscheiden konnten, sollte es 1966 in England zu einem historischen Moment für die Brasilianer kommen. Das hatten sie sich wenigstens fest vorgenommen. Sie wollten die Trophäe ein drittes Mal in Folge holen. Doch zuvor ereignete sich noch etwas äußerst Spektakuläres.
Das Gastgeberland England hatte sich den Pokal schon einige Monate im Vorfeld der Weltmeisterschaft von den Brasilianern ausgeliehen, um ordentlich die Werbetrommel für das große Turnier rühren zu können. Und das funktionierte gut. So präsentierte eine Firma die Trophäe stolz als Glanzstück ihrer Ausstellung „Sport und Briefmarken“ in der Londoner Westminster Central Hall. Die Menschen strömten begeistert herbei und entwickelten Vorfreude. Schließlich galt ihr Team als Geheimfavorit. Manch einer stellte sich schon lebhaft vor, wie es sein würde, wenn in ein paar Monaten Kapitän Bobby Moore für das siegreiche England die Statue in die Höhe reckte.
Einer, so enthüllte viele, viele Jahre später die britische Tageszeitung „Daily Mirror“, war offenbar so von dieser Szene beseelt, dass er es nicht mehr aushalten konnte, bis sie Wirklichkeit würde. Der Kleinkriminelle Sidney Cugullere soll in einem unbeobachteten Moment den schlecht gesicherten Pokal aus dem Ausstellungsraum entwendet und aus dem Museum geschafft haben. Dass aber doch eher weniger die Gefühle eines Fußball-Romantikers bei der Tat ausschlaggebend waren als die knallharten Interessen eines Gangsters, zeigte sich schon kurz darauf, als beim englischen Verband eine Lösegeld-Forderung in Höhe von 15.000 Pfund einging.
Doch die Geldübergabe scheiterte. Und alsbald stellte sich heraus, dass der Mann, den man dabei gefasst hatte und der so hartnäckig schwieg, nur ein Mittelsmann war. Sidney Cugullere blieb unbehelligt. Und so sollte auch die Tat für Scotland Yard – bis zu den Enthüllungen des „Daily Mirror“ viele Jahre später – schlicht ein Rätsel bleiben. Vor allem, weil nur wenige Tage später etwas vollkommen Überraschendes geschah: Die Trophäe tauchte wieder auf.
Ein Hund, der mittlerweile legendäre „Pickles“, hatte den Pokal in einem Gebüsch entdeckt. Wie er dort hingekommen war und vor allem warum, ist bis heute nie ganz aufgeklärt worden. Wie dem auch sei: England atmete auf, und der Vierbeiner wurde zum beliebten TV-Star, der sogar zur Belohnung die Teller nach dem Festbankett zur Eröffnung der Weltmeisterschaft leer essen durfte. Doch auch Pickles‘ Schicksal nahm eine seltsame Wendung. Nur ein Jahr später erdrosselte sich der Hund, als er sich auf der Jagd nach einer Katze selbst in seiner Leine verhedderte. Nun stellte sich langsam die Frage: Lag womöglich ein Fluch auf diesem „Coupe Jules Rimet“?
Was in England nicht gelang, glückte der brasilianischen Nationalmannschaft vier Jahre später in Mexiko. Sie verließ die WM 1970 als siegreiches Team und durfte, weil man die Trophäe nun dreimal gewonnen hatte, den Jules-Rimet-Pokal behalten. Die Freude kannte im fußballverrückten Brasilien keine Grenzen. Und genau deshalb schockierte die Bevölkerung vierzehn Jahre später eine Nachricht umso mehr.
Zwei Monate hatten die Offiziellen des Verbandes im Februar 1984 noch versucht gehabt, die schockierende Tat zu verheimlichen, doch nun berichteten alle Medien von morgens bis abends über nichts anderes mehr: Am 19. Dezember 1983 war es dreisten Dieben gelungen, den Weltpokal aus einer Vitrine in einem Gebäude des brasilianischen Verbandes zu entwenden. Die Nation stand kopf.
Doch kein Appell, kein Flehen half. Die legendäre Statue ist bis heute verschwunden – auch wenn man zehn Jahre nach dem Verbrechen, kurz vor dem Start der WM 1994 in den USA, die Täter fasste. Sie schwiegen eisern. Und so bleibt es nur bei der Vermutung, dass der Pokal damals eingeschmolzen worden sein soll.
Übrigens: Ausgerechnet das Land, das 1974 als erstes die Nachfolgeauszeichnung gewann, konnte dabei helfen, dass wenigstens eine Kopie der Statue wieder in die Hände der Brasilianer kam. Eine Firma aus Hanau hatte bereits nach dem Sieg Deutschlands bei der WM 1954 eine Kopie für den DFB erstellt gehabt – und aus dieser Zeit gab es noch eine Sandgussform. Im Juni 1984 feierten die Brasilianer mit einem großen Freundschaftsspiel im Stadion Maracanã die Rückkehr des Pokals in die Metropole Rio de Janeiro. Der Gegner war damals ausgerechnet England, die zweite Nation, der die Staue einmal entwendet worden war. Und damit schloss sich der Kreis dieser irren Geschichte um den verschollenen WM-Pokal.
| Anekdoten hier, ganz viel Erotik dort | ![]() |
Klaus Fischer liest gar nicht, Stefan Effenberg am liebsten Hitlers Tagebücher. Norbert Nigbur lässt sein eigenes Buch verschwinden, ein anderer schnüffelt in Christoph Daums Vergangenheit. Erotisch und geheimnisvoll wird es bei den Illgners.
Morgen beginnt in Frankfurt die Buchmesse. Und obwohl Klaus „Fallrückzieher“ Fischer einmal so nüchtern-schön feststellte: „Ich lese keine Bücher“, liefern unsere geliebten Rasenhelden seit den 1950er Jahren fleißig und beständig neuen Lesestoff ab. Nicht immer werden die Werke allerdings so omnipräsent medial inszeniert wie im Jahr 2003 das Opus magnum des blonden Mannes, den man bis heute den „Tiger“ nennt. Stefan Effenbergs Buch „Ich hab’s allen gezeigt“ sorgte jedoch noch aus einem anderen Grund als dem Werk an sich für Aufsehen. Als ein Journalist bei der ersten großen Pressekonferenz den ehemaligen Nationalspieler nach seinem Lieblingsbuch fragte, antwortete Effenberg zur Verwunderung aller: „Hitlers Tagebuch – das hat mich dann doch interessiert.“ Ein paar Jahre früher hatte er übrigens auf die Frage, was er denn zuletzt gelesen habe, noch geantwortet: „Die Hausaufgaben meiner Kinder.“
Des Tigers Buch fand am Ende deutlich mehr Leser als die Autobiografie des Schalker Torhüters Norbert Nigbur. Das lag aber vor allem auch daran, dass der Nationalkeeper bereits kurz nach der Auslieferung seine Werke höchstpersönlich gleich wieder aufgekauft hatte. Man munkelt, Nigbur habe wohl etwas zu dick aufgetragen und fürchtete damals um den Fortgang seiner Karriere. Bis heute haben nur ganz wenige Exemplare des Werks „Wie ich wurde, was ich bin“ den Weg in Antiquariate und auf Flohmärkte gefunden. Nigbur verwahrt ein Buch zu Hause als ultimative Altersvorsorge auf – trotz einiger sehr hoher Gebote, die er in all den Jahren bekam, wie er einmal verriet.
Besonders angetan haben mir es schon immer die weniger populären Bücher, die zumeist schnell in Vergessenheit geraten sind. Eine Perle stellt dabei das Buch „Daum: War es ein Komplott? Neue Erkenntnisse, Daten, Fakten, Hintergründe“ dar. Es wirft einen spektakulären und völlig neuen Blick auf die Kokain-Affäre um Christoph Daum. Der ehemalige Leverkusener Trainer soll nach Ansicht des Autors das Opfer einer „halbseidenen und teilkriminellen wirtschaftlichen Interessengruppe“ geworden sein. Sie habe Daum und Angelica Cramm, seine damalige Dauer-Lebensgefährtin, zusammengebracht. Und: Die Interessengruppe wollte ihn anschließend mit dieser außerehelichen Affäre erpressen („Ohne Angelica Cramm nahetreten zu wollen, möglicherweise ist sie ja selbst auch Opfer und unwissentlich benutzt worden – irgendwie erinnert mich das an diese Art von Liebesfallen, in die vor einigen Jahren der Vater von Steffi Graf hineintappte“). Doch der Plan scheiterte, da etwas völlig Unvorhersehbares passierte: „Nun haben sich Christoph Daum und Angelica Cramm aber anscheinend ineinander verliebt.“ Herrlich!
Zu den Allzeit-Favoriten zählt auch das Buch „Ich möcht’ noch so viel tun …“ vom ehemaligen HSV-Star und Dschungelcamper Jimmy Hartwig. Hemmungslos berichtet er aus seinem Leben: „Auch im Bett bereitete mir Erikas Lieblosigkeit Schwierigkeiten. Es war ein Kampf, mit ihr zu schlafen, es gab keinen Rausch, keine Sinnlichkeit, keine Ekstase. Sie lag immer nur da und gab mir zu verstehen: ,Mach mal, aber beeil dich.‘“
Der vermeintliche „Höhepunkt“ der privaten Schilderungen ist ein Rückblick auf seine Jugend: „Als ich in die Pubertät kam und selbst anfing meinen Körper zu erkunden, wurde es besonders schwierig. Wenn einmal alle, Mutter, Oma, Opa, Onkel Werner und Onkel Karl-Heinz, aus dem Hause waren, onanierte ich unter der Bettdecke, und nicht selten musste ich aufhören, wenn es am schönsten war. Weil ich hörte, wie sich ein Schlüssel in der Haustür drehte. Gelang es mir nicht, rechtzeitig abzustoppen, gab es großes Geschrei: ,Ihhhgitt, du aal’ Sau, bäh, des is’ ja eegelhaft, des mescht man net! Des mescht ja Flegge‘, schrie meine Mutter angewidert.“
Die Perle unter den Perlen ist aber immer noch der ewige Geheimtipp: „Alles“ – der sogenannte „fiktive Tatsachenroman“ von Bodo und Bianca Illgner. Und dieses „fiktiv“ ist tatsächlich doppeldeutig zu sehen. In keinem anderen Buch über Fußball wird so viel Liebe gemacht wie in diesem. Abwechselnd schreiben Bodo und Bianca unter den wundervollen Pseudonymen „Kevin“ und „Jasmin“ Episoden aus dem bewegten Fußballerleben der Illgners nieder. Aber auch die Protagonisten im Buch tragen Tarnnamen. Ein Bundestrainer heißt beispielsweise Hans Eckenhauer, der danach Peter Wadenbein. Alleine das Entschlüsseln der Namen bereitet schon große Freude.
Auffällig an diesem Buch sind vor allem die detailgenau beschriebenen sexuellen Eskapaden der beiden Hauptprotagonisten Kevin und Jasmin. Charlotte Roche und „Fifty Shades of Grey“ sind nichts dagegen. Bordellbesuche (auch mit anderen Bundesligastars), Fremdgehgeschichten und wilde erotische Schilderungen machen das Buch zu einer ganz harten Kost: „Ich ließ mich einfach fallen und spürte nur noch dieses wohlige Gefühl, das sich zwischen meinen Schenkeln breit machte. Ich wollte noch mehr davon und bewegte meinen Körper in rhythmischen Bewegungen auf und ab. Wie in Trance warf ich meinen Kopf von einer auf die andere Seite. Ich wollte ihn ganz, sofort! Langsam drang er immer tiefer in mich ein. Ich schrie und keuchte vor Entzücken. Meine Bewegungen wurden immer kräftiger und schneller …“
Wer also schon immer einmal tief ins Innere der Bundesliga-Hinterstübchen-Geschichten eintauchen wollte, dem sei dieses Buch auch knapp zehn Jahre nach dem Erscheinen empfohlen. Warum es damals kein Erfolg wurde, mag an einem Phänomen liegen, das Paul Breitner einmal sehr gut beschrieben hat: „Schreiben ist eigentlich einfach, die Schwierigkeit besteht lediglich im Formulieren“!
| Bayern vernichtete schon einmal einen Weltstar | ![]() |
Das 8:2 der Bayern gegen seinen FC Barcelona soll den Ausschlag gegeben haben: Lionel Messi möchte die Katalanen unbedingt verlassen. Es wäre nicht das erste Mal, das acht Bayern-Tore die Karriere eines Weltstars maßgeblich beeinflussen.
Immer wenn der FC Bayern München acht Tore gegen ein herausragendes Team schießt, dann rappelt es bei einem Weltstar im Karton. Nach dem Desaster von Lissabon war klar, dass beim FC Barcelona etwas geschehen musste. Doch das ausgerechnet der bekannteste Sohn des Klubs sein Heimatnest nach zwanzig Jahren verlassen möchte, stellt für den Verein und seine Fans ein bis vor Kurzem noch unvorstellbares Desaster dar. Lionel Messi flüchtet aus Katalonien – und daran ist der FC Bayern München, vorsichtig ausgedrückt, nicht ganz schuldlos. Denn die Lawine, die durch das 8:2 im Viertelfinale der Champions League ausgelöst wurde, ist in Barcelona mit einfachen Maßnahmen und Mitteln nicht mehr zu stoppen. Die Naturgewalt stellt den Klub auf den Kopf. Der Trainerwechsel von Quique Sétien zu Ronald Koeman war da nur ein kleines Puzzleteil. Mit Messi vibriert nun das Fundament des Vereins. Doch so hart dieser Schritt nach der sportlichen Katastrophe von Lissabon für den FC Barcelona sein mag – für Lionel Messi können nun wieder gute Zeiten beginnen, wie ein Beispiel aus früheren Tagen zeigt.
Vor etwas über vierzig Jahren hatte der große niederländische Starspieler Johan Cruyff seine Karriere eigentlich schon beendet – doch dann kamen die Bayern zu einem der kuriosesten Abschiedsspiele der Fußballgeschichte, und plötzlich hängte „König Johan“ noch ein paar Jahre dran. Am 7. November 1978 war der FC Bayern München von Cruyff ins kühle Amsterdam eingeladen worden. Der niederländische Nationalspieler und Vizeweltmeister von 1974 wollte in seiner Geburtsstadt seine Karriere mit einer letzten Partie gegen den Klub aus Deutschland endgültig beenden. Einige Monate zuvor hatte es in Barcelona bereits ein erstes Abschiedsspiel zwischen dem heimischen FC und Ajax Amsterdam gegeben. Nun sollte der allerletzte Schlussakkord in der Erfolgssymphonie von Cruyffs Laufbahn ertönen. Doch an diesem Tag erklangen nur Dissonanzen – und welch grausame das waren.
Später wusste zuerst niemand mehr so genau, wie alles gekommen war. Doch was unumstößlich feststand: Als die Gala zu Ehren von Johan Cruyff im Olympiastadion von Amsterdam abgepfiffen war, hatte der FC Bayern das Team des großen niederländischen Fußballkünstlers mit sage und schreibe 8:0 abgefertigt. Viele Jahre später entschuldigte sich Karl-Heinz Rummenigge, der an diesem Tag alleine drei Treffer zu dieser „Beleidigung von 1978“ (O-Ton Rummenigge) beigetragen hatte, voller Demut bei „König Johan“. Erst nach und nach hatten die Bayern-Profis in den Folgejahren versucht zu rekonstruieren, wie es zu dieser unwürdigen Schande von Amsterdam hatte kommen können. Was erst völlig unbegreiflich und ungehörig erschien, stellte sich auf einmal etwas anders dar. Bis schließlich eines Tages sogar ein Bild gezeichnet werden konnte, das dieses Debakel für Cruyff und seine Kollegen weitgehend verständlich machte. Man hatte den dreifachen Gewinner des Europapokals der Landesmeister schlicht und einfach in seiner Ehre verletzt.
Denn als die Münchener am Amsterdamer Flughafen gelandet waren, wartete dort niemand, um sie abzuholen. Den Transfer zum Hotel mussten sie selbst organisieren. Und auch die Unterkunft verschreckte die Bayern. Obwohl sie sich anstandslos zur Teilnahme an diesem Freundschaftsspiel bereit erklärt hatten, brachten die Amsterdamer den Münchener Tross in einem allenfalls zweitklassigen Hotel unter. Und auf dem Platz ging das unwürdige Schauspiel schließlich weiter. Die Ajax-Fans beschimpften die deutsche Mannschaft als „Scheiß Nazis“ und bespuckten sie. Die äußeren Bedingungen waren also alles andere freundschaftlich und gastfreundlich. Irgendwann an diesem kühlen Novemberabend wurden die Münchener sauer und fragten sich, was sie hier, im Olympiastadion von Amsterdam, an diesem Tag eigentlich zu suchen hätten. Da kam ihnen Johan Cruyff gerade recht. Als dieser vor der Partie in der Bayern-Kabine erschien, meinte er nur, dass er doch um ein „richtiges“ Spiel bitten würde. Diese Bitte mussten die Münchener nicht zweimal hören. Das konnten Cruyff und Co. haben!
Vielleicht war dieser Abend mit den acht Toren der Bayern die Initialzündung für Johan Cruyff, seine Karriere nicht auf diese Art und Weise beenden zu wollen. Vielleicht hatte er aber auch schon vorher die Pläne gehabt, noch weiterzuspielen. Ähnlich wie bei Lionel Messi weiß man nicht so genau, was in den Köpfen der Weltstars vor sich geht. Aber tatsächlich entschloss sich Cruyff weiterzumachen. Erst in den USA bei den Los Angeles Aztecs und den Washington Diplomats, dann in Spanien bei UD Levante, und schließlich kehrte Cruyff mit 34 Jahren in seine Heimat zu Ajax Amsterdam und schlussendlich zu Feyenoord Rotterdam zurück. Und rückblickend kann man sagen: Der Entschluss, weiterzumachen und noch einmal etwas Neues zu wagen, hatte sich für Cruyff gelohnt. In den USA spielte er nicht nur mit Weltstars wie Franz Beckenbauer und George Best in einer Liga, sondern wurde auch zum „NASL Player of the Year“ gewählt. Und in den Niederlanden holte er zweimal das Double und wurde zum Ende seiner Karriere noch einmal zum „Spieler des Jahres“ gekürt.
Mal schauen, ob sich Lionel Messi seinen wahrscheinlichen Abgang aus Barcelona ähnlich versüßen kann wie Cruyff. Aber die Chancen stehen nicht schlecht. Schließlich haben beide eines gemeinsam: Acht Tore gegen die Bayern kassieren wahre Weltstars nur sehr, sehr selten.
| Blind, arrogant und immer musikalisch | ![]() |
Was wäre der Fußball ohne Schiedsrichter? An niemandem reiben sich Spieler, Trainer und Fans lieber als am Unparteiischen. Und sind wir mal ehrlich: „Nicht alle Schiedsrichter sind schlecht, aber manche haben ihren Blindenhund zu Hause gelassen.“
Als Fan des 1. FC Köln hätte ich mir am Wochenende auch die Kehle aus dem Hals geschrien. Zum einen, weil das Tor von Leon „Handreasen“ so offensichtlich nicht regulär war, dass der alte, schöne Spruch von Klaus Allofs mir sofort im Kopf rumspukte: „Es gibt drei Leute im Stadion, die das nicht gesehen haben. Und die, die am Bierstand waren.“ Und zum anderen, weil man als Fan wie auch als Spieler oder Trainer so hilflos dem Treiben des Schiedsrichtergespanns ausgeliefert ist. Vor allem dann, wenn das gemeine Schlitzohr seine illegale Tat auf dem Platz nicht selbst anzeigt.
Aber – und dies sei all denen gesagt, die wieder einmal reflexartig nach dem Videobeweis schreien: So ist und war Fußball schon immer, und bei allem Frust und aller Enttäuschung bin ich sogar ganz froh drum. Denn wenn das Spiel auf dem Platz auch noch komplett klinisch rein wird, gehen uns langsam die Geschichten aus. Und dann wird irgendwann der Tag kommen, an dem wir uns nichts mehr zu erzählen haben. Das wäre doch schade.
Ein ähnliches Ding wie am Samstag hat es auch in der Saison 1984/85 gegeben. Damals siegte Borussia Dortmund 4:1 gegen Schalke. Das zweite Tor des BVB war irregulär, was der Schütze Wolfgang Schüler hinterher auch, ohne mit der Wimper zu zucken, zugab: „Stimmt, ich habe den Ball mit der Hand gespielt. Aber als ich merkte, dass der Schiedsrichter weiterlaufen ließ, hab ich ihn sicherheitshalber erst einmal ins Tor geschossen. Für die Schalker war es dumm, aber wir konnten uns dieses Geschenk doch nicht entgehen lassen. An dem Gerücht, dass ich in Kürze Handball-Nationalspieler unter Simon Schobel werde, ist allerdings nichts dran.“
Den Humor, den Schüler angesichts des deutlichen Siegs zeigte, hatten die Bochumer in der Spielzeit 1973/74 nicht. Der VfL hatte 0:1 im heimischen Ruhrstadion gegen den FC Bayern München verloren. In der 67. Minute hatte Schiri Redelfs ein klares Handspiel von Schwarzenbeck übersehen. VfL-Stürmer Hannes Walitza schimpfte: „Ein offensichtlicheres Handspiel kann es doch gar nicht geben. Schwarzenbeck ist doch wie ein Volleyballspieler mit der Hand zum Ball gegangen.“ Bochums Trainer Heinz Höher meinte diplomatisch: „Ich sage grundsätzlich nichts gegen Schiedsrichter. Ich finde aber, alle drei Torhüter auf dem Platz waren ausgezeichnet.“ Als jedoch Schiedsrichter Redelfs uneinsichtig sagte: „Ich habe die Situation klar übersehen. Das war kein absichtliches Handspiel. Schwarzenbeck hat sein Gleichgewicht verloren“, eskalierte die Situation nach Spielende doch noch. Half aber natürlich alles nichts.
Und das ist das größte Dilemma für die Anhänger und Offiziellen der betrogenen Mannschaft. Ihnen bleibt im Grunde nur der ironisch angehauchte Trotz. Wolfgang „Otto“ Kleff meinte einmal: „Nicht alle Schiedsrichter sind schlecht, aber manche haben doch ihren Blindenhund zu Hause gelassen. Der Herr Brückner ist halt musikalisch, deshalb hat er gepfiffen.“
Und der damalige Eintracht-Frankfurt-Trainer Gyula Lóránt urteilte sarkastisch brillant über Schiri Walz aus Waiblingen: „Es war durchaus sehenswert, mit wie viel Selbstbewusstsein der Schiedsrichter seine Fehlentscheidungen getroffen hat!“
Eine andere Methode, seinen Frust zu kanalisieren, fand in der Saison 1982/83 der Stadionverwalter von Borussia Dortmund, Gustav Sträter. Walter Eschweiler hatte sich bei der Partie des VfL Bochum in Dortmund nicht nur Freunde gemacht und einen sogar richtig verärgert: ebendiesen Sträter. Als der Schiedsrichter aus Bonn schließlich unter der Dusche stand, rächte sich der BVB-Fan auf seine Weise: Er stellte die Warmwasserzufuhr komplett aus. Eschweiler fluchte lautstark, Sträter freute sich, drehte wieder auf warm und hatte seinen Trainer begeistert. Karl-Heinz Feldkamp: „Wenn der Sträter das mit allen Schiedsrichtern so macht, die hier schlecht pfeifen, dann lasse ich mir das gefallen!“
Dass es übrigens auch anders geht, als es Leon Andreasen am Wochenende machte, zeigte in der Spielzeit 1987/88 ein „blonder Engel“. Jürgen Klinsmann rettete beim 3:0 seines VfB Stuttgart gegen die Bayern seinen Gegenspieler Norbert Nachtweih vor einer Roten Karte. Klinsmann krümmte sich nach einem Zweikampf mit Nachtweih vor Schmerzen auf dem Rasen des Neckarstadions. Als er jedoch sah, dass Schiedsrichter Pauly die Rote Karte zücken wollte, sprang er auf, rannte zum Schiri und flehte diesen an, den Bayern-Spieler nicht zu bestrafen. Mit Erfolg. Dass es zu diesem Zeitpunkt bereits 2:0 stand und Klinsmann selbst mit einem Fallrückzieher ein „Tor des Jahrzehnts“ geschossen hatte, mag den Stuttgarter ein wenig in seinem Handeln unterstützt haben. Egal. Der ebenfalls hellblonde Nachtweih freute sich so sehr, dass er versprach, Champagner zu schicken, „falls Klinsmann denn weiß, was das überhaupt ist“.
Doch wir sollten ohnehin lieber nicht zu sehr auf die deutschen Schiedsrichter schimpfen, denn es geht auch anders. In der Saison 1983/84 wurden Unparteiische aus unserem Nachbarland eingesetzt, und die Schweizer Schiedsrichter waren häufig in der Bundesliga überfordert. Das Austauschprogramm galt schnell als Fehler. So maulte nach der Partie des SV Waldhof gegen den Hamburger SV Jürgen Groh: „Ich habe das Gefühl, dass der DFB uns die Schweizer Schiedsrichter nur vorsetzt, damit wir wieder die Vorzüge unserer deutschen schätzen.“ Und auch Mannheims Trainer Klaus Schlappner war sauer. Nur hielt er bei seinen Aussagen eher nichts von diplomatischer Political Correctness: „Es gibt ja wohl noch andere Möglichkeiten der Entwicklungshilfe, zum Beispiel auf den Fidschi-Inseln.“
Nicht wenige Fußballfans fragen sich ohnehin gerne einmal, was einen jungen Menschen überhaupt dazu antreibt, die Rolle des Unparteiischen zu übernehmen. Der spätere Vorsitzende des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses Volker Roth, der sich vor den Spielen gerne mit Kamm und Haarspray auf die Partie vorbereitete („Das muss sein. Sonst nennen uns die Fans wieder ,Locke‘“), hat dies an seinem Beispiel einmal so erklärt: „Als Junge hörte ich einmal eine Fußballreportage im Rundfunk. Es wurde berichtet, wie ein Schiedsrichter vor aufgebrachten Fans flüchten musste. Da dachte ich mir, das muss doch eine interessante Sache sein. Und so wurde ich mit 16 Jahren Schiedsrichter.“ Aha!
| Als die Hosen Uli Hoeneß reizten | ![]() |
Ende des letzten Jahrhunderts veröffentlichte die Düsseldorfer Punkband „Die Toten Hosen“ ihren Song „Bayern“ mit der berühmten Liedzeile „Ich würde nie zum FC Bayern München gehen“. Beim deutschen Rekordmeister stieß das auf Unverständnis.
„Das ist doch bloß wieder eine dieser Gruppen, die damit versucht, bekannt zu werden.“ Das Urteil des Trainers des FC Bayern München fiel im Frühjahr 2000 eindeutig aus. Ottmar Hitzfeld konnte dem neuen Song der Düsseldorfer Punkband „Die Toten Hosen“ nichts Positives abgewinnen. Verständlich, bei dem Liedtext. Aber in einem Punkt irrte der Coach des Rekordmeisters: „Bekannt“ werden musste die Kapelle um ihren Frontmann Campino vor zwanzig Jahren nicht mehr. Sie füllte schon damals genau wie die Bayern jedes Stadion bis auf den letzten Platz.
Campino hat aus seinem Fan-Herzen nie eine Mördergrube gemacht. So bekennt er sich bei großen Turnieren öffentlich zur englischen Nationalmannschaft und lässt damit manch deutschen Patrioten zweimal kräftig schlucken. Und aufgrund seiner biografischen Wurzeln teilt er sich seine Liebe zur Fortuna aus Düsseldorf und zum FC Liverpool zu gleichen Teilen auf. Dass er „nie zum FC Bayern München“ gehen würde, erfuhr eine größere Öffentlichkeit vor zwanzig Jahren, als die Band zusammen mit dem Regisseur des Kultfilms „Bang Boom Bang“, Peter Thorwarth, das Musikvideo zu ihrem Hit „Bayern“ auf einem Ascheplatz in Düsseldorf-Flingern drehte. Der kurze Film endet mit den legendären und tatsächlich so gefallenen Worten des damaligen Managers der Münchener, Uli Hoeneß, der sich ebenso wie sein Trainer weidlich schwertat, seinen Gedanken eine humorige Note zu verpassen, als er über den Song urteilte: „Das ist der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird.“
Im Song singt Campino: „Das wollen wir nur mal klarstellen, damit man uns richtig versteht: Wir haben nichts gegen München. Wir würden nur nie zu den Bayern gehen.“ Jahre zuvor hatte sich das allerdings noch ganz anders angehört, als er in einem Interview ohne Umschweife erklärte: „Der FC Bayern? Von denen halte ich das Gleiche wie von München: Die ganze Stadt ist Schrott!“ Allerdings hatte Campino da auch noch zu anderen Klubs zumeist eine klare und schnörkellose Meinung. Als Ende der 1980er eine Truppe aus dem Saarland kurzfristig für Furore sorgte, meinte er nur kurz und knapp: „Homburg? Ein alberner Verein!“ Und weil sich zu dieser Zeit auch die beiden Werksklubs aus Leverkusen und Uerdingen anschickten, den deutschen Fußball mit Geld im Rücken zu erobern, hatte der gebürtige Düsseldorfer auch hierfür nur Verachtung übrig: „Die Chemie-Heinis, die sollen doch turnen gehen!“ Eine Meinung, die Campino im Jahre 2009 übrigens kurzfristig zurückstellen musste, weil sein Freund und ehemaliger Liverpool-Spieler Sami Hyypiä für die Bayer-Elf auflief: „Ich muss mich darauf vorbereiten, Sympathien für Bayer Leverkusen aufzubringen. Das ist als Düsseldorfer normalerweise nicht wirklich möglich, aber da geht bei mir dann die Freundschaft vor.“
Die eigene rheinische Herkunft war es dann aber auch, die das Lied über den FC Bayern München überhaupt erst ermöglichte: „Wenn wir aus Dortmund kommen würden, hätten wir den Song nicht gemacht. Das wäre uns ein zu direkter Angriff gewesen. Aber als Düsseldorfer nimmt uns doch keiner fußballerisch ernst.“ Zehn Jahre zuvor hatte genau diese Liebe zur Fortuna die Band auf die Spuren von Elton John gebracht. Wie der englische Hitparadenstürmer beim FC Watford wollten sie ihren Fußball-Klub finanziell unterstützen. Von jedem verkauften Konzertticket ihrer Tour sollte eine Spende an ihren Verein gehen. Und so prangte in dicken orangefarbenen Lettern auf jeder Karte: „Plus eine Fortuna-Mark“.
Zuerst hatte man damals in Medienkreisen an einen besonders klugen Werbegag der fünf Musiker aus dem Rheinland gedacht, doch schon bald war klar, dass den fußballbegeisterten Düsseldorfern die Sache wirklich ernst war, wie Campino euphorisch erklärte: „Es muss wieder ,in‘ sein, zur Fortuna zu gehen oder etwas für den Verein zu machen. Da haben wir uns gedacht, es wird Geld für so viel Unsinn gespendet, also lasst uns von unserem Geld etwas Vernünftiges machen, zum Beispiel einen Spieler kaufen.“
Was mit den eingesammelten Spenden genau passieren sollte, darüber waren sich die fünf zunächst allerdings nicht einig. Sollte es ein Stürmer, ein Mittelfeldspieler oder doch eher einer für die löchrige Abwehr sein? Mit einem Augenzwinkern verständigte man sich darauf, dass der Trainer am besten wissen müsse, was zu tun sei: „Wir haben da volles Vertrauen zum Ristić. Gute Leute, die er geholt hat. Der Karl Werner zum Beispiel macht Sachen, die kann der Rijkaard auch nicht besser … hat Ristić gesagt.“
Am Ende wurde die Aktion unter dem Motto „Wir kaufen das rechte Bein von Anthony Baffoe“ zu einem großen Erfolg und zu einem legendären Kapitel Bundesliga-Geschichte. Die eingesammelten 200.000 DM reichten, um einen großen Teil der Ablöseforderungen von Fortuna Köln für den späteren ghanaischen Nationalspieler zu erfüllen.
Auch mit den Bayern hat Campino mittlerweile seinen Frieden gefunden: „Man kann mit Bayern München nur ordentlich als Feind umgehen, wenn man unsachlich bleibt. Sobald man sich an Fakten hält, wird es schwierig.“ Doch Bayern-Fan sollte sein eigener Sohn im besten Falle dennoch nie werden. Und um das zu verhindern, hatte sich Campino schon früh einen schlauen wie amüsanten Plan ausgedacht: „Ich werde ihm eine DVD von einem großen Liverpooler Sieg zeigen, aber nicht sagen, dass das Spiel schon stattgefunden hat, sondern so tun, als wäre es eine Live-Übertragung. Wir werden uns gemeinsam freuen, und ich hoffe, damit ist der Virus platziert.“
Aber wahrscheinlich war das überhaupt nicht mehr nötig, wie eine andere Geschichte beweist. Als der Kleine nämlich einmal auf der Straße von einem Bekannten gefragt wurde, wohin man denn unterwegs sei, sagte die Mutter: „Wir gehen zur Oma, Klöße essen. Lenny ist nämlich ein Klöße-Fan.“ Woraufhin der Kleine den Kopf schüttelte und meinte: „Nein, ich bin doch Liverpool-Fan.“
| München ist wie ein Zahnarztbesuch | ![]() |
Eine Moderatorin und das Meer, ein italienischer Weltmeister-Trainer und der VfL Bochum, ein berühmter Panini-Sammler und der Kuchenkasper: Katrin Müller-Hohenstein, Marcello Lippi und Pierre Littbarski sorgen bei einer Gala für Lacher.
Katrin Müller-Hohenstein war konsterniert. Der italienische Weltmeister-Trainer von 2006, Marcello Lippi, hatte mal wieder nicht so geantwortet wie eigentlich erwartet. Nein, nein, das heiß geliebte Meer sei bei seiner letzten Auslandsstation in China beim Guangzhou Evergrande Football Club zwar in der Nähe gewesen, aber nicht direkt vor der Haustüre, meinte Lippi. Schade, sagte die ZDF-Moderatorin, die vorher extra auf Google Earth den Ort gesucht hatte. Die Enttäuschung war ihr anzusehen – und vor allem anzuhören: „Aber viele Chinesen, die waren schon da, oder?“
Einmal im Jahr findet in Nürnberg die Gala der – Obacht! – „Deutschen Akademie für Fußballkultur“ statt. Wenn nicht gerade parallel in Dortmund ein Museum eröffnet wird, ist es so etwas wie das Klassentreffen der deutschen Fußballkultur-Szene. Moderiert wird der Abend seit jeher von Katrin Müller-Hohenstein. Zudem gibt es die Wahl des Fußballspruchs des Jahres. Dieses Mal hat der Ex-Werder-Spieler Sebastian Prödl gewonnen: „München ist wie ein Zahnarztbesuch. Muss jeder mal hin. Kann ziemlich wehtun. Kann aber auch glimpflich ausgehen.“
Am Ende des Abends hält traditionell „kicker“-Herausgeber Rainer Holzschuh eine Laudatio auf den prominenten „Walther-Bensemann-Preisträger“. Jedes Mal ein Spektakel für sich. Besonderheit diesmal: Der Simultan-Übersetzer hatte offensichtlich die Stimme etwas zu sehr angehoben, so dass Lippi vorzeitig nach oben kam und die 15 Minuten während der Laudatio auf einem Holz-Stuhl mitten auf der Bühne saß. Sein Gesicht erinnerte während der Zeit der Lobpreisung an weite Strecken des WM-Finals 2006.
Gut, dass der „kicker“-Italien-Korrespondent und VfL-Bochum-Fan Oliver Birkner den Simultan-Übersetzer beim anschließenden Gespräch auf der Bühne ablöste. So kam Pfeffer in die Geschichte. Denn Birkner ließ gleich in die erste Übersetzung einer Lippi-Antwort einfließen, wie tieftraurig der Weltmeister-Trainer über die Niederlage des VfL Bochum an diesem Abend gegen den FSV Frankfurt sei. Gesagt hatte Lippi dies natürlich nicht, und vermutlich hat er in seinem Leben den Namen VfL Bochum auch noch nie gehört – schließlich liegt die Perle Westfalens wie Guangzhou ebenfalls nicht direkt an dem von ihm so heiß und innig geliebten Meer.
Als Katrin Müller-Hohenstein den italienischen Trainer abschließend fragte, woran er in den Sekunden nach dem WM-Gewinn als Erstes gedacht habe, antwortete Lippi lächelnd: „Daran, dass ich meine Brille abnehme. Beim Sieg mit Juventus Turin in der Champions League 1996 ist sie beim Jubeln zerbrochen. Das wollte ich diesmal unbedingt vermeiden.“
Ein anderer Weltmeister erzählte anschließend auf der Bühne eine herrliche Geschichte aus seinem Leben. Pierre Littbarski sammelte als kleiner Junge voller Begeisterung Panini-Bilder. Nur ein Spieler fehlte ihm in einem Jahrgang noch, dann wäre das Album komplett gewesen. Doch der MSV-Duisburg-Profi Detlef Pirsig war nicht aufzutreiben. Selbst Doppelte gab es damals von ihm in Berlin nicht. So blieb das Album schließlich unvollständig. Viele Jahre später traf Littbarski in Duisburg höchstpersönlich auf das lebende fehlende Klebebild von damals. Und was machte Detlef Pirsig? Der nunmehrige Sportdirektor der Zebras schmiss den Trainer Littbarski nach anderthalb Jahren beim MSV raus. Über das Sammelbild hatten sie bis dahin noch nicht gesprochen. Das Leben ist manchmal schon ein komischer Kauz.
Wer sich wie Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein fragt: „Wie heißt dieser Typ noch einmal?“ Pirsig, Detlef. Er spielte beim MSV Duisburg zwischen 1965 und 1977. Seine Mannschaftskameraden nannten ihn übrigens gerne den „Kuchenkasper“, da er sich vor jedem Spiel drei Stück Torte vom MSV-Masseur Gerd Kuipers ans Bett bringen ließ – mit einem Kännchen Kaffee selbstredend, damit „es besser rutscht“. Den Trick hatte ihm sein alter Trainer Gyula Lóránt verraten, der seinen Mannschaften stets eintrichterte: „Jungs, wenn ihr vor dem Spiel noch ein Stück Kuchen esst, habt ihr auch noch Kraft für die letzten zwanzig Minuten. Dann sind die anderen kaputt, und ihr könnt immer noch laufen.“ Pirsigs Frau Brigitte durfte so alle paar Tage einen frischen Kuchen in den Ofen schieben. Gezählt hat der MSV-Profi die Stücke nicht, die er in seiner Karriere verputzte, aber „es werden bestimmt schon einige Tausend gewesen sein“, vermutete er einmal lächelnd.
Für den größten Lacher dieses ereignisreichen Abends in Nürnberg sorgte übrigens die Ankündigung, dass der angeschlagene VW-Konzern den Sprüchepreis mit einer Summe von 5.000 Euro für den guten Zweck sponsert. So weit ist es also schon gekommen. Diese Steilvorlage ließ sich ein junger Preisträger des Fußball-Bildungswettbewerbs im weiteren Verlauf der Veranstaltung nicht entgehen. Als Katrin Müller-Hohenstein ihn fragte, was er denn mit seinem Preisgeld vorhabe, antwortete er: „An VW zurückspenden!“
| Heinz Höher, Kind der Bundesliga | ![]() |
Heinz Höher ist tot. Der ehemalige Spieler und Bundesligatrainer ist 81 Jahre alt geworden. Beim VfL Bochum ist er eine Legende. Und in Nürnberg erlebte Höher nicht nur den ersten Spielerstreik im deutschen Profifußball, sondern prägte auch eine äußerst erfolgreiche Zeit.
Heinz Höher war sicherlich kein einfacher Mensch. An ihm schieden sich die Geister. Ehemalige Spieler und Mitspieler von ihm können sich noch heute erbittert darüber streiten, ob seine Methoden genial oder verrückt waren. Aber in einem Punkt sind sich alle einig: Er war ein besonderer Mensch, über den man viele Geschichten erzählen konnte. Der Autor Ronald Reng hat genau dies in seinem preisgekrönten Buch „Spieltage“ über die Historie der Bundesliga auf vortreffliche Art und Weise getan. Dabei zeichnete Reng das Bild eines vom Fußball besessenen Mannes, der auch schon einmal unter einem Pseudonym Leserbriefe an die lokale Presse schrieb, um sich über die Höher-Berichterstattung zu beschweren.
In Bochum ist Heinz Höher bis heute eine viel beachtete und geschätzte Persönlichkeit. 1968, als man den großen FC Bayern München mit 2:1 im Pokal-Halbfinale nach Hause schickte, lieferte der gebürtige Leverkusener eine formidable Leistung auf dem Platz ab. Acht Jahre später saß Höher dann auf der Trainerbank, als es zu einem weiteren Highlight-Spiel gegen die Roten kam. Damals, am 18. September 1976, führten die Bochumer bereits mit 4:0 gegen die Bayern, bevor sie am Ende die Partie mit 5:6 aus den Händen gaben. Trainer Heinz Höher sagte nach der Begegnung, bei der die Bochumer Mannschaft über weite Strecken ein sensationelles Spiel geliefert hatte, etwas sehr Bemerkenswertes: „Es ist für unsere Spieler ganz einfach ungewohnt, vor vollen Rängen zu spielen. Nur so ist es zu erklären, dass einzelne Spieler mehr gaben, als sie hatten.“
Wie speziell Höher im Umgang mit seinen Profis war, zeigt die Erinnerung seiner beiden ehemaligen Spieler Heinz-Werner Eggeling und Jupp Kaczor. Wieder einmal ging es damals gegen die Bayern – doch dieses Mal mit dem besseren Ende für den VfL: „Wir kamen in den Raum, wo vorne wie immer die Tafel stand. Und plötzlich macht Höher einfach das Licht aus. Wir haben nur gedacht, was ist denn nun los? Niemand hat ein Wort gesprochen. Und dann geht irgendwann das Licht wieder an, er dreht die Tafel rum und da steht vorne drauf: ,Wir schlagen Bayern München, hap, hap, hap …‘ Ja, dann sind wir losgefahren und haben sie weggehauen!“ Das war Heinz Höher. Kreativ, aber eher schweigsam. Vielleicht passt es deshalb auch so gut zu ihm, dass er irgendwann begann zu schreiben. 1992 erschien sein Kinderbuch „Tommo“, das er seinem Sohn Thomas widmete.
In seiner Duisburger Zeit in den Jahren zwischen 1979 und 1980 erfand Höher eine absolute Neuheit im Umgang mit der Presse. Eines Tages waren ihm die ständig wiederkehrenden Phrasen zu bunt geworden, und so fertigte Höher Kärtchen für die Journalisten an, auf denen bestimmte Antworten zu Fragen über den allgemeinen Leistungsstand der Mannschaft draufgedruckt waren. So musste er sich nicht ständig wiederholen und dabei auch noch selbst langweilen. Das tat er im Übrigen nicht, weil er sich mit den Leuten von der Presse im Allgemeinen nicht verstand. Ganz im Gegenteil. Zu Bochumer Zeiten ging Höher mit dem befreundeten Journalisten Heinz Formann gerne bei Auswärtsspielen in die Spielbank. Sie hatten dabei einen kleinen Code verabredet, den sie vor der Abfahrt aus Bochum austauschten. Er lautete: „Nimmst du deine Krawatte mit?“ Als sie gemeinsam eines Nachts in Berlin spielten, klappte es mal wieder richtig gut. Sie gewannen und gewannen und gingen am Ende mit vollen Taschen aus der Spielbank. Bei der morgendlichen Rückkehr war es allerdings mit dem Strahlen im Gesicht der beiden VfLer vorbei, wie sich Formann erinnert: „Wenn du aber um vier Uhr morgens zum Hotel kommst, und deine Frau ist wach, gibt es nur eine Möglichkeit, die ich von Jürgen Köper gelernt habe: Ich habe ihr all die munteren Scheine gegeben und sagte: Jetzt musst du schweigen!“
In Duisburg endete die Zeit auf der Bank vorzeitig. Erst ein Drittel aller Spiele war absolviert, als Höher bereits zur Diskussion stand. Doch der nahm die verbalen Bösartigkeiten damals recht gelassen: „Mich muss hier keiner abschießen. Ich gehe freiwillig. Der Trainerstuhl in Duisburg hat ohnehin nur zwei Beine.“ Sein Frankfurter Kollege Friedel Rausch, der ihm gerade eine 0:6-Niederlage beigebracht hatte, ergänzte humorvoll: „Nur zwei dünne Beine!“
Kurios war kurze Zeit später sein Engagement in Düsseldorf. Nachdem die Fortuna den erfolglosen „Lautsprecher“ Otto Rehhagel rausgeworfen hatte, kam der Deutschland-Flüchtling Heinz Höher zufälligerweise in die Heimat. Der war zu diesem Zeitpunkt eigentlich Trainer bei Ethnikos Piräus: „Ich wollte nur einmal nach dem Rechten schauen und die Familie besuchen.“ Da griff die Fortuna sofort beherzt zu – und so absolvierte Höher sein letztes Spiel als Trainer in Griechenland schon nach seiner ersten Begegnung mit Düsseldorf. Höhers Begründung: „Ich hatte das versprochen. Zum harten Profigeschäft gehört schließlich auch noch ein bisschen Menschlichkeit!“ Dennoch ging es nach seiner Zeit in Düsseldorf wieder zurück nach Griechenland mit den beiden Stationen PAOK Thessaloniki und Olympiakos Piräus.
Was danach folgte, war eine unglaublich spannende wie erfolgreiche Episode zwischen den Jahren 1984 und 1988 beim 1. FC Nürnberg, die mit dem ersten Spielerstreik im deutschen Profifußball begann. Damals vor fast genau 35 Jahren weigerten sich beim Club die Spieler, unter ihrem Trainer Heinz Höher weiterzuarbeiten. Der Coach würde nicht zu ihnen passen, war das Argument der Profis. Eine durchaus übliche Einschätzung im bezahlten Fußball, die in 99,9 Prozent aller Fälle dazu führt, dass die Kluboffiziellen kurz darauf ihren Übungsleiter in die Freizeit entlassen. Doch damals in Nürnberg war alles anders. Die „Oktober-Revolte“ ging auch deshalb in die Geschichte ein, weil sich die Spieler äußerst ungeschickt anstellten. Sie verweigerten mehrheitlich das Training und formulierten ein Protestschreiben. Seit diesen Tagen wissen Fußballprofis vor allem eine Sache: Wenn sie nicht mehr mit einem Trainer zusammenarbeiten wollen, sollten sie sich alle öffentlichen Meinungsäußerungen und Aktionen sparen. Denn beim Club ging die Sache für sechs altgediente Profis damals nach hinten los. Präsident Schmelzer hielt an Coach Heinz Höher fest und schmiss die Arbeitsverweigerer raus. Was folgte, war die beste Zeit des Vereins für viele Jahre. Die erzwungene Neuaufstellung sorgte dafür, dass die jungen Talente schneller in die Mannschaft integriert wurden. Der frische Geist durchfuhr einen ganzen Verein und setzte neue Kräfte frei. Heinz Höher erlebte seine vermutlich schönste Zeit im Profifußball.
Doch danach wurde es weitgehend still um Heinz Höher. Denn zur Wahrheit seines Lebens gehörte auch, dass er viele Jahre hochgradig alkoholabhängig war. Erst 2010 schaffte er den endgültigen Absprung und lebte seitdem abstinent. Als Trainer des VfL Bochum sagte Heinz Höher einmal: „Wir werden nicht absteigen. Ja, wenn wir im nächsten Jahr das an Glück erhalten, was uns momentan an Widerwärtigkeiten vorgesetzt wird, werden wir sogar Deutscher Meister!“ Das hat er leider nie geschafft. Aber trotz des Ausbleibens der ganz großen Erfolge in seiner Karriere wird man sich immer an ihn als echtes Kind der Bundesliga erinnern. Heute ist Heinz Höher im Alter von 81 Jahren gestorben.
| Vom Torhagel zum Meistertrainer | ![]() |
Ab jetzt werden in der Fußball-Bundesliga Brände gelöscht. Und die Trainer entlassen. Peter Neururer stünde parat – wie stets, wenn irgendwo etwas frei wird. Aber der erste Feuerwehrmann der Liga war ein anderer. Wer? Das ist eine echte Überraschung!
Es ist wie jedes Jahr. Draußen wird es kalt, und drinnen, in den Hinterzimmern der Liga, wird heiß über die Trainer diskutiert. Und wenn die Situation bereits gar zu hitzig ist, dann wird der eine Coach entlassen und der andere neu eingestellt. Denn nun bedarf es eines echten Feuerwehrmanns, um den Brand schnell zu löschen.
Kaum zu glauben, aber wahr: Der erste so Genannte war lange vor Peter Neururer und Co. der später so sesshafte und erfolgreiche Otto Rehhagel. Als dieser 1978 am neunten Spieltag den Trainerposten von Milovan Beljin in Bielefeld übernahm, bezeichnete ihn der „kicker“ als „Red Adair des Fußballs“. Paul Neal Adair war zu der damaligen Zeit ein populärer US-amerikanischer Feuerwehrmann, der insbesondere in Spezialeinsätzen Großbrände löschte. Ein Held, fast so großartig wie Otto Rehhagel selbst.
Dass Rehhagel im Jahr 1978 noch immer der typische Feuerwehrmann-Trainer war, lag vor allem an seinen schwachen Nerven. In der Spielzeit 1975/76 verlor er nämlich selbige sehr spektakulär. Als junger Übungsleiter der Offenbacher Kickers litt Rehhagel sehr unter den Misserfolgen seines Vereins. Nach drei hohen Niederlagen in Folge – 2:6 in Duisburg, 0:4 gegen RW Essen und 1:5 beim VfL Bochum – traf der gebürtige Essener mit seiner Mannschaft auf den Lokalrivalen aus Frankfurt. Zwar bezwang Offenbach am Ende die Eintracht mit 2:1, doch nach einem Platzverweis für Manfred Ritschel in der sechsten Spielminute war Rehhagel während der gesamten Begegnung nicht mehr zu beruhigen. In der Halbzeitpause rannte er bereits zu Schiedsrichter Walter Eschweiler und fragte ihn wütend, ob er bestochen sei. Eschweiler meldete den Vorfall nach Spielschluss in seinem Bericht an den DFB, und der lud Rehhagel wenige Wochen nach seiner ersten Sperre (ein Monat Pause, weil er seinem Abwehrspieler Amand Theis, ebenfalls in einem Spiel gegen die Eintracht, zugerufen hatte: „Tritt dem Hölzenbein doch in die Knochen“) erneut vor. Eigentlich verlief der Prozess günstig für den Offenbacher Trainer, bis sein eigener Vizepräsident spektakulär vor dem DFB aussagte. Waldemar Klein erklärte, dass ihm der Linienrichter Porta nach dem Spiel erzählt habe: „Wenn ich alles zur Anzeige bringen würde, was der Rehhagel gesagt hat, dann würde das eine Sperre auf Lebenszeit bedeuten.“ Nun musste auch Porta aussagen, und schnell stand das Urteil fest: Rehhagel wurde zu einer zweimonatigen Sperre verurteilt und musste 5.000 Mark Strafe zahlen. Das war zu viel für die Kickers, und sie feuerten ihren überengagierten Trainer fristlos. Doch lange blieb Rehhagel nicht beschäftigungslos.
Nach einem Engagement bei Borussia Dortmund – das nach einer 0:12-Niederlage bei Borussia Mönchengladbach für ihn als Otto „Torhagel“ endete – und dem erwähnten Feuerwehrmann-Einsatz in Bielefeld fand er in der Saison 1979/80 eine Anstellung bei Fortuna Düsseldorf. Damals war Hennes Weisweiler offensichtlich kein Vertreter des Slogans „Otto … find‘ ich gut!“. Nach dem Trainerwechsel bei der Fortuna meinte er: „Für einen guten Mann wie Tippenhauer, der ruhig seine Arbeit macht, einen Sprücheklopfer wie Otto Rehhagel zu holen, ist mir völlig unverständlich.“ Auch sein ehemaliger Spieler Roland Weidle war kein echter Otto-Jünger: „Rehhagel ist ein guter Trainer, aber nur für ein Jahr. Seine Sprüche hängen einem bald zum Hals raus.“ Zwei seiner aktuellen Sprüche in Düsseldorf: „Ich kann nicht langfristig planen und kurzfristig verlieren.“ Und: „Heutzutage ist es einfacher, drei Autos zu klauen, als ein Spiel als Bundesliga-Trainer zu verlieren. Man bekommt keine Zeit.“
Otto Rehhagel sollte Fortuna Düsseldorf vor dem Abstieg retten. Und das versuchte er vor allem über die Sprache zu schaffen. Am Flinger Broich meinte man tatsächlich, dass Rehhagel „einen toten Hund wieder lebendig quatschen kann“. Wie sich das anhörte, zeichnete ein Journalist live beim Training auf. Als die Mannschaft bei einem Waldlauf gerade ächzte und stöhnte, entdeckte Rehhagel zwei Rentner auf einer Parkbank: „Wie alt die wohl sind, die Knaben? Schätze, 65 oder so. Mensch, Jungs, freut euch, dass ihr noch so jung seid. Was glaubt ihr, wenn die beiden alten Knacker noch mal jung sein könnten wie ihr! Wenn die tauschen könnten, die würden aufspringen und drei Stunden Waldlauf machen mit mir!“ Und nachmittags beim Kaffee zeigte Rehhagel, dass er nicht nur mit Menschen gut konnte. Als am Nachbartisch ein Schnauzer unruhig wurde, ging der Coach der Fortuna zu ihm hin und sagte: „Ein guter Trainer ist Tierfreund!“ Und siehe da: Nach einem kleinen Leckerli und ein paar schmeichelnden Worten legte der Hund zufrieden und ruhig seine Schnauze auf Rehhagels Knie.
Seine Tage bei der Fortuna endeten übrigens im Dezember 1980. Seine nächste Station war der SV Werder Bremen. Und aus dem Feuerwehrmann Otto Rehhagel wurde endlich der Erfolgscoach, den wir heute in Erinnerung haben.
| „Wir rülpsen nicht, wir kotzen schon!“ | ![]() |
Kondome, Aftershave, Rasierapparate – die Werbung beim Fußball kennt keine Grenzen. Und viele schöne Geschichten. Wie die vom legendären Paul Gascoigne.
Als ich am Wochenende den Nachwuchs im Bochumer Ruhrstadion an die große, weite Welt des Fußballs heranführte, gab es zwei bemerkenswerte Szenen. Erstens: Es war ein erhabener Moment, als der Sechsjährige ziemlich lässig neben mir an der legendären Bochumer Pinkelrinne einfach mal im hohen Bogen laufen ließ! Ein wohliges Gefühl des Stolzes und der Zufriedenheit durchströmte mein Vater-Herz.
Punkt zwei an diesem frühen Nachmittag: der Augenblick, als der Dreijährige plötzlich Richtung Ostkurve zeigte und rief: „Da hinten fliegt eine Pizza!“ Nach dem ersten Moment der Irritation sahen wir es auch. Zwar war es nur ein Burger, aber dieser leuchtete in der Tat hinten auf der Bandenwerbung lustig bunt glitzernd auf. Was unsereins höchstens noch im Unterbewusstsein registriert, war für den Kleinen ein echter Hingucker. Und Recht hat er. Fußball und Werbung, das kann auch Spaß machen.
So sollte das legendäre Enfant terrible Paul Gascoigne einmal Reklame für die Aftershave-Firma „Brut“ machen. Der Vertrag war unterschriftsreif, und die Medien hatten bereits Wind von der Sache bekommen. „Paul Gascoigne – das junge, frische Brut-Gesicht“, sollte die Kampagne heißen. Die Presse fragte den Nationalspieler daraufhin, seit wann er denn „Brut“ benutzen würde, und Paul Gascoigne antwortete naiv-ehrlich: „Ich verwende es überhaupt nicht.“ Lange Gesichter bei den Journalisten und die Frage, welches Rasierwasser er denn stattdessen nehmen würde. Paul Gascoigne parierte schlagfertig: „Gar keins, ich krieg Ausschlag davon!“ Der Vertrag kam daraufhin selbstverständlich nicht zustande. Mal eben 500.000 Pfund verbal in den Sand gesetzt.
Ulf Kirsten, auch der „Schwatte“ genannt, war mit seinen dunklen Haaren und seinem starken Bartwuchs geradezu prädestiniert für Rasierapparate-Werbung. Das dachte sich auch Panasonic und verpflichtete den Leverkusener Stürmer mit dem vortrefflichen Werbeslogan: „Aber sonst rasiert mich keiner.“ Der Spruch soll, so munkelt man, Uli Borowka überhaupt nicht gefallen haben.
Kurz vor der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien hatte eine andere Firma für Rasierprodukte einen besonders klugen Einfall. Man verpflichtete den Mister Vollbart persönlich, Paul Breitner. Und der sagte zu dem lukrativen Deal: „1982 habe ich mir vor der WM für Pitralon den Bart abrasieren lassen. Ich weiß nicht, ob diese Aktion gut oder schlecht war, aber im Ergebnis rückte Pitralon im Aftershave-Ranking vom neunten auf den dritten Platz vor. Da frage ich doch nicht nach, ob die Werbung gut war.“ Richtig. Und mächtig Kohle gab es noch obendrauf.
Pitralon muss übrigens so ein auffälliges Aftershave gewesen sein, dass sich gleich zwei Musiker des komödiantischen Genres auf das Wundermittel einen Reim machten. „Die Kassierer“ in ihrem Song „Arm ab“: „Von Weitem, ja, da riech ich dich schon, du stinkst penetrant nach Pitralon.“ Und Otto Waalkes dichtete in seinem Gassenhauer „Wir haben Grund zum Feiern“: „Klosterfrau Melissengeist, oder wie der Stoff sonst heißt, Kölnisch Wasser, Pitralon, wir rülpsen nicht, wir kotzen schon.“
Für einen Riesen-Reklame-Wirbel sorgte Ende der 1980er Jahre Homburg in der Bundesliga. Der FC lief auf seinen Trikots Werbung für eine Firma („London“), die Kondome vertrieb. Der DFB war empört und sprach ein Verbot aus. Offiziell wurde vonseiten des Fußball-Bundes erklärt: „Wir sind der Meinung, dass das den Auffassungen von Sitte und Moral zumindest von Teilen der Bevölkerung widerspricht. Aus diesem Grund haben wir uns gegen die Trikotwerbung ausgesprochen.“ Homburgs Vorsitzender Udo Geitlinger reagierte auf die schüchternen Fragen der Medienvertreter, wie man denn „mit der Sache“ umzugehen gedenke, sehr unverkrampft: „Sie meinen die Sache mit den Gummihüten? Die werden wir auch weiter anbehalten.“
Daraufhin drohte der DFB mit einem Punktabzug. Als Homburgs Trainer Čendić das hörte, lachte er laut auf: „Was für Punkte wollen die uns eigentlich abziehen?!“ Schließlich beugte sich der FC kurzfristig dem Druck aus Frankfurt. Homburgs Stadionsprecher Kürten verkündete bei einem 3:1-Sieg über Schalke: „Unsere Mannschaft spielt heute mit einem schwarzen Balken auf der Brust. Jeder, der die Hauptstadt Englands kennt, weiß, was sich unter diesem Balken verbirgt.“ Grandios!
Noch im Stadion habe ich mir am Sonntag überlegt: Wenn meine Jungs so weit sind, dass wir über Kondome reden müssen, werde ich ihnen einfach die Geschichte vom FC Homburg erzählen. Ich bin mir sicher, wir bekommen auf diese Weise das besondere Vater-Sohn-Gespräch so locker und entspannt über die Bühne wie den Besuch an der Pinkelrinne im Ruhrstadion.
| Dem BVB ist ein Wunderkind geboren | ![]() |
Die Bundesliga hat in ihren 57 Jahren schon so manches Debüt eines jungen Spielers gesehen. Aber das, was Erling Braut Haaland für den BVB in Augsburg auf den Platz gezaubert hat, übertrifft einfach alles.
„Wunder gibt es immer wieder“, hat Katja Ebstein 1970 voller Inbrunst ins Mikrofon geschmettert. Damals war Erling Braut Haaland minus 30. Erstaunlich also, dass Ebstein schon damals die Gefühlswelt der BVB-Fans in diesen Tagen so passgenau in Worte gekleidet hat: „Wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen.“ Das haben sie. Alle. An diesem entzückenden Wochenende, an dem der junge Norweger so spielerisch leicht jeden im Vorfeld getätigten „Heiland“-Scherz höchstpersönlich mit seinem Hattrick in Augsburg ins Lächerliche gezogen hat.
Wenn Namensspielchen von der Wirklichkeit wie die bemitleidenswerten FCA-Profis am Samstag links wie rechts überholt werden, ist eigentlich Vorsicht geboten. Es gab schließlich in der Geschichte der Bundesliga schon eine Menge Wunderkinder. Aber keines ist wie Erling Haaland. Er steckt sie alle in die Tasche. Jeder Vergleich erübrigt sich. Wenn Haaland auch nur annähernd das Niveau vom Samstag halten kann, wird er sich nicht nur in Dortmund unsterblich machen. Die norwegische Naturgewalt hat mit ihrer unwiderstehlichen Power jede vernünftige Zurückhaltung und angemessene Weitsicht niedergewalzt. Sie werden in Dortmund hoffentlich erst gar nicht versuchen, die Euphorie um Haaland künstlich kleinzuhalten. Der Geist ist aus der Flasche gelassen – jetzt ist Showtime.
Wer die Bundesliga schon etwas länger verfolgt, weiß: Diese Art von Spieler hat die Liga so noch nicht gesehen. Groß, bullig, wendig, schnell – und dabei offensichtlich auch noch so spielintelligent, dass Haaland bei jedem Tor des BVB nach seiner Einwechslung am Samstag goldrichtig stand. Auch wenn Sancho oder Hazard eher am Ball waren – Haaland lief quasi parallel mit ihnen los. Bilder, wie es sie so schon lange nicht mehr gegeben hat. Und wie der Norweger den Ball zum 5:3 – umzingelt von einem Rudel Augsburger – einnetzt, mag auf den ersten Blick wenig spektakulär aussehen. Bei näherem Betrachten ist dieses Tor aber so umwerfend abgezockt und technisch perfekt vollendet wie nur wenige andere. Den ersten Eindruck, den Haaland bei seinem Liga-Debüt hinterließ, kann man nicht kleinreden – auch wenn einem selbst die ganze Schwärmerei fast schon peinlich wird.
Als Brian Laudrup im Sommer 1989 zu Bayer Uerdingen wechselte und die gegnerischen Abwehrreihen schwindelig spielte, waren alle Beobachter entzückt. 20 Jahre jung war der Däne damals, und jeder Bundesliga-Fan wusste: Dieser Mann wird seinen Weg gehen. Aber eins war auch von Anfang an klar: Ein echter Goalgetter wird Laudrup nie werden. Und das unterscheidet Haaland deutlich von ihm. Der Norweger ist nicht nur schnell, sondern auch immens torgefährlich. Marco Reus erinnerte – nicht nur wegen der Hattrick-Duplizität – an das Debüt von Pierre-Emerick Aubameyang vor knapp sieben Jahren. Und in der Tat würde man nicht nur bei der Borussia sehr gut mit der Torquote eines Aubameyang bei Haaland leben können. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Der Franzose war bei seinem ersten Spiel für den BVB bereits 24 Jahre jung. Als er im Alter, in dem Haaland jetzt ist, war, hatte Aubameyang längst noch nicht die Klasse und das Niveau, das der Norweger in diesen Tagen bereits zeigt. Die Vorfreude auf die nächsten Partien Haalands ist deshalb groß. Eigentlich kann nur noch eine Sache den Aufstieg des Norwegers zum neuen Superstar am Fußballhimmel stoppen: sein Kopf. Aber im Moment deutet noch nichts darauf hin, dass sich Haaland von seinem eigenen Talent verrückt machen lässt. Das machen schließlich ja auch schon alle, die ihn nur einmal haben spielen sehen.
„Wunder gibt es immer wieder, heute oder morgen, können sie geschehen“, sang Katja Ebstein vor fünfzig Jahren. In Dortmund hat dieses zauberhafte Ereignis wohl tatsächlich Einzug gehalten. Und auch wenn Erling Braut Haaland natürlich nicht der wahre Heiland ist – auf dem Fußballplatz kommt er einem jedenfalls so vor.
| „Das waren Mörder!“ | ![]() |
Agieren Bundesliga-Spieler zu hart? Ist der Fußball zu ruppig geworden? Oder ging es eigentlich schon immer herzhaft zur Sache? Eine Geschichte über Männer mit Waffenschein, das härteste Foul der Ligageschichte und Beinscheren in Halshöhe.
Kloppertruppen und haufenweise rabiate Ungeheuer sollen mal wieder auf den Plätzen der Bundesliga unterwegs sein. Ein klassisches Totschlag-Argument, das schon seit den frühesten Tagen des Fußballs existiert. Anhänger der alten Schule argumentieren empört dagegen und meinen: Fußball ist kein Hallen-Halma für Klosterschüler.
Und dafür, dass es beim Fußball schon immer etwas ruppiger zur Sache ging, gibt es tatsächlich unzählige Vorbilder und viele kleine unterhaltsame Geschichten. So reisten beispielsweise Ende November 1958 die Kleeblätter aus Oberhausen zur Essener Hafenstraße. Friedhelm Kobluhn und „Boss“ Rahn kämpften vor den Augen des Schiedsrichters mit allen fairen und auch unfairen Mitteln gegeneinander. Kobluhn ließ den Essener so manches Mal über den Platz rutschen, einmal sogar bis auf die Aschenbahn. Die aufgebrachten Zuschauer forderten in dieser Szene lauthals einen Platzverweis für Kobluhn. Der aber beugte sich über den in der grauen Asche liegenden Weltmeister und brüllte: „Markier mal nicht so. Du kannst ja gar nicht Fußball spielen, sondern nur saufen.“ Helmut Rahn blickte entspannt zum RWO-Verteidiger hinauf und entgegnete ruhig: „Und du kannst beides nicht!“
In den sozialen Netzwerken kursieren im Moment Bilder, die Dortmunds Trainer Thomas Tuchel zeigen, wie er sich bei seiner Mama beschwert, dass die Gegner zu hart einsteigen. Dem ersten Schützen der Bundesliga wäre das sicherlich nicht passiert. Denn Timo Konietzkas Mutter Emma kannte kein Erbarmen. Wenn ein Mitspieler auf dem Bolzplatz einem der drei Konietzka-Brüder zu nahe kam, rannte sie auf das Feld und verprügelte die ungehorsamen Gegner ihrer Söhne mit dem Regenschirm. Dieses Verhalten muss der Bundesligaspieler Konietzka wohl auch in den Genen vererbt bekommen haben. Denn der Stürmer des TSV 1860 München war wahrlich „kein Kind von Traurigkeit“.
Das zeigte sich leider auch, als am 8. Oktober 1966, dem achten Spieltag der Saison, seine Sechziger zu Hause gegen seine ehemalige Borussia aus Dortmund antraten. Als Konietzka mit einer Entscheidung des Schiedsrichters Max Spinnler nicht einverstanden war, stieß er den Schiri vor die Brust, riss ihm wütend die Pfeife aus dem Mund, trampelte auf dieser rum und trat Spinnler schließlich auch noch vors Schienbein. Später sagte Konietzka – immer noch wenig einsichtig und rasend vor Wut –, er habe den Mann in Schwarz doch nur ein „klein bisschen“ mit seinen Stollenschuhen getreten. Wie dem auch sei: Konietzka erhielt die für viele Jahre längste Strafe eines Bundesligaprofis. Sechs Monate musste der Angreifer aussetzen. Da kannte der DFB keine Gnade.
Früher gab es im Gegensatz zu heute in jeder Mannschaft zwei, drei richtig harte Jungs. Knochenbrecher, die keinen Spaß verstanden. Der Schalker Hannes Bongartz hatte damals zwei ganz bestimmte „Lieblinge“ als Gegenspieler. Über die Kölner Hansi Sturm und Heinz Simmet sagte er: „Die haben geputzt, da haste manchen Samstagnachmittag gedacht, Mensch, geh lieber ins Parkcafé. Das darf doch gar nicht wahr sein. Das waren Mörder!“
Bayern-Stürmer Karl-Heinz Rummenigge spielte hingegen nicht gerne gegen einen anderen Kölner. Harald Konopka konnte „Rotbäckchen“ nicht leiden – und umgekehrt: „Nach zehn Minuten habe ich gegen den fast immer blutige Stutzen, das ist jedes Mal so.“
Sehr anschaulich auch die Worte von Carl-Heinz Rühl, der damals Trainer bei 1860 München war. Nachdem sein Spieler Heinz Flohe durch eine schwere Verletzung im Dezember 1979, die ihm der Duisburger Paul Steiner zugefügt hatte, arbeitsunfähig geworden war, relativierte Rühl die aktuelle Härte in der Liga: „Es ist keineswegs so, wie viele glauben, dass die Bundesliga härter geworden sei. Es geht schon seit Jahren unheimlich brutal zu. Ich besitze Fotos aus meiner Zeit, da setzen die Gegner die Beinschere sogar an meinem Hals fest!“
HSV-Stürmer Horst Hrubesch war hingegen nicht gut auf den Bochumer Verteidiger Lothar Woelk zu sprechen: „Der Woelk dürfte den Rasen normalerweise nur mit einem Waffenschein betreten. Der tritt auf alles, was sich bewegt.“
In Lautern spielte einst ein Mann namens Günther Reinders, den die Fans aufgrund seiner „blutrünstigen“ Spielweise aber gerne „Dracula“ riefen. Als die Mannschaft nach einem UEFA-Cup-Spiel in Lissabon noch im Hotel an der Bar hockte, forderte eine attraktive Portugiesin Reinders zum Tanz auf. Mannschaftskamerad Klaus Ackermann sprang sofort aus seinem Sessel hoch und rief dem beinharten Abwehrrecken zu: „Moment, Günther, die Dame muss sich zuerst Schienbeinschützer anziehen!“
Aus Spanien meldete sich zu dieser Zeit Rainer Bonhof zu Wort und wusste nach seinem Wechsel zum FC Valencia zu berichten, dass woanders auch nicht immer gut Kirschen essen war: „In Deutschland ist das ja noch alles harmlos. In Spanien tritt dich der Abwehrspieler in die Luft und nimmt dich per Dropkick, wenn du runterkommst.“
Eines der härtesten Fouls in der Ligageschichte ereignete sich in der Saison 1981/82. Es erinnert in der Schwere der Verletzung an den Schalker Breel Embolo, der nach der Attacke des Augsburgers Konstantinos Stafylidis an diesem Wochenende monatelang auszufallen droht. Karlsruhes Emanuel Günther sprang damals mit beiden vorgestreckten Beinen in einem hohen Bogen in seinen Braunschweiger Gegenspieler Hasse Borg hinein und brach dem Schweden dabei das Schienbein. Das Schiedsrichtergespann aus der Schweiz (!) war an diesem Tage mit der Situation völlig überfordert und pfiff nur Freistoß für Braunschweig. Eine Tatsachenentscheidung, die für blankes Entsetzen und für noch viel mehr Unverständnis sorgte. Eintracht-Coach Uli Maslo: „Selbst wenn der Schiedsrichter nichts gesehen hat, muss er doch das Krachen gehört haben und Günther rausstellen!“
| La Ling zerstört den Traum der DDR | ![]() |
40 Minuten lang durften die Fans der DDR-Nationalmannschaft von einem Fußballwunder gegen die Niederlande träumen. Bereits mit 2:0 hatte das Team in Leipzig geführt. Doch dann passierte etwas vollkommen Unerwartetes – und änderte alles!
Ein paar Monate zuvor hatten es sich die Nationalspieler der DDR in St. Gallen noch gut gehen lassen. Nach dem 2:0-Auswärtssieg in der Qualifikation zur Europameisterschaft 1980 in Italien gegen die Schweiz hatten die Kicker um Joachim Streich, Dixie Dörner, Reinhard Häfner und Gerd Kische nach einem Katastrophenstart wieder Hoffnung geschöpft. Und dieses zarte Pflänzlein der Zuversicht hatten sie tüchtig an der Hotelbar begossen. Mit ihnen zusammen hoben noch einige Gönner und Jubler die Gläser in die Höhe. Die Stimmung war ausgelassen und fröhlich.
Nun, sechs Monate später, saß die Mannschaft nach einem historischen Abend mutterseelenallein im Speisesaal eines Leipziger Hotels und blies Trübsal. Was war da nur gerade in diesen mitreißenden 90 Minuten vor knapp 100.000 Zuschauern – davon alleine 5.000 Gästefans – im Zentralstadion passiert? Warum hatten sie sich den fast schon sicher geglaubten Sieg gegen den direkten Konkurrenten um die Tabellenspitze und damit um die Qualifikation zur EM 1980 noch nehmen lassen? Ratlosigkeit und Enttäuschung. Nun würden die Niederlande im Sommer nach Italien fahren – dabei sah es doch bis kurz vor der Halbzeitpause noch so gut aus …
Es war der 21. November 1979, als die DDR zu Hause gegen die Mannschaft der Niederlande unbedingt gewinnen musste, um sich für die Endrunde der Europameisterschaft 1980 in Italien zu qualifizieren. Und es ging richtig gut los an diesem trüben Herbstabend in Leipzig.
Jede Aktion der Gäste wurde von einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert der Zehntausenden von Menschen im Zentralstadion begleitet und jede gelungene Szene der eigenen Mannschaft euphorisch beklatscht. Als dann auch noch mitten in diese aufgeheizte Atmosphäre Rüdiger Schnuphase die DDR in der 17. Spielminute mit 1:0 in Führung schoss und Joachim Streich nach einer guten halben Stunde per Elfmeter auf 2:0 erhöhte, da war die Menge fast nicht mehr zu halten. Sollte das erhoffte Fußballwunder gegen die schier übermächtigen Niederländer, die bei den letzten beiden Weltmeisterschaften jeweils im Finale gestanden hatten, tatsächlich Wirklichkeit werden? Die Spannung war mit Händen zu greifen – und von Minute zu Minute wurden die Zuversicht und die Hoffnung auf einen glücklichen Spielausgang immer größer. Nur jetzt erst einmal den komfortablen Zwei-Tore-Vorsprung mit in die Halbzeitpause nehmen, dachten Spieler und Zuschauer gleichermaßen.
Doch daraus, das sei vorweggenommen, wurde nichts. Denn weit weg vom eigentlichen Geschehen und im Rücken der TV-Kameras spielte sich ein kleines Drama ab. Was genau passierte, darüber streiten sich noch heute die damals Anwesenden. Doch die Konsequenz aus der Szene war für das Team der DDR verheerend. Schiedsrichter António Garrido aus Portugal schickte nach einer kurzen Rücksprache mit einem seiner beiden Linienrichter nicht nur den Niederländer Tscheu La Ling vom Feld – sondern auch den stark am Kopf blutenden DDR-Abwehrrecken Konrad „Konny“ Weise.
Jahre später soll der chinesischstämmige Tscheu La Ling zugegeben haben, dass er Weise im Vorübergehen absichtlich seinen Ellenbogen an den Schädel gerammt habe. Seine Begründung für die fiese Attacke: Er habe dem Spiel eine überraschende Wendung geben wollen. Und genau das gelang ihm wirklich. Denn Weise revanchierte sich postwendend mit einem Schlag gegen La Ling. Und so mussten beide den Platz verlassen. Die Konsequenz daraus benannte der damalige TV-Kommentator unmittelbar: „Es wird ein wenig mehr Raum geben für beide Vertretungen.“ Und diesen zusätzlichen Raum nutzten in der Folge insbesondere die Spieler der Niederlande.
Als Konny Weise, mittlerweile mit einem imposanten Turban auf dem Kopf, aufgestützt auf zwei Helfer langsam in die Katakomben trabte, hielt der TV-Kommentator kurz inne: „Ich könnte mir denken, sollte dieses Spiel für unsere Mannschaft gewonnen werden, wird er diese Verletzung und diesen Feldverweis bald vergessen. Der sonst so untadelige Jenaer Sportsmann, heute in seinem 80. Länderspiel, hätte sich diese Partie für sich selbst sicher ein wenig anders vorgestellt.“ Genau so war und ist es. Denn Weise sollte diese Szene und dieses Spiel nie vergessen: „Diese Rote Karte ist mein schmerzlichstes Erlebnis.“
Und das lag vor allem am weiteren Geschehen. Denn mit diesem Moment nahm das Unglück für die DDR seinen Lauf. Was über 40 Minuten grandios funktioniert hatte, war plötzlich wie abgeschnitten. Und so kam es, wie es kommen musste. Der kleine, indonesischstämmige Flügelstürmer von Ajax Amsterdam, Simon Tahamata, wirbelte auf der linken Seite herum und flankte scharf an den kurzen Pfosten. Dort sprang Frans Thijssen in die Höhe und köpfte sauber in den Winkel des von DDR-Schlussmann Hans-Ulrich Grapenthin gehüteten Kastens ein.
Direkt danach war Halbzeit, und der TV-Kommentator schlussfolgerte hörbar angefressen: „Damit ist natürlich alles wieder offen, liebe Fußballfreunde, schade drum. Ein 2:0 zur Pause hätte vielleicht doch schon einiges vorklären können. Das war der Halbzeitpfiff des portugiesischen Schiedsrichters António Garrido – wir wären glücklich, wenn es schon der Schlusspfiff gewesen wäre.“
Der erfolgte schließlich nach Ablauf der üblichen neunzig Minuten und einem 3:2-Sieg der Niederlande an diesem historischen 21. November 1979. Nach einem großen Kampf und Spiel musste sich die Mannschaft der DDR dem Gast aus dem Westen geschlagen geben. Bei vielen Fußballfreunden, die damals die Partie live verfolgten, ist die Enttäuschung ob der verpassten Chance bis heute zu spüren. So kurz davor und dann am Ende mit leeren Händen dastehen – das tut weh.
Und während nach der Partie die Spieler der DDR allein gelassen im Speisesaal ihres Leipziger Hotels Trübsal bliesen, ließen es die Akteure der Niederlande eine Etage darüber ordentlich krachen. Genau wie sechs Monate zuvor die Kicker der DDR in der Schweiz. Nur zu gerne hätten Streich, Kotte, Weber und die anderen an diesem Abend mit den Spielern der Niederlande die Rollen getauscht. So bleibt allein bis heute die Erinnerung an eine der unglücklichsten Partien in der Geschichte des DDR-Fußballs.
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