Читать книгу: «Mit Leichtigkeit ins neue Leben»
Inhaltsverzeichnis
Impressum 8
Vorwort 9
Einleitung 16
17. September 23
20. September 24
22. September 25
23. September 25
26. September 25
27. September 26
2. Oktober 27
4. Oktober 27
9. Oktober 28
10. Oktober 28
14. Oktober 29
21. Oktober 30
22. Oktober 31
26. Oktober 32
28. Oktober 33
29. Oktober 33
1. November 34
3. November 34
4. November 35
5. November 37
6. November 38
7. November 39
8. November 40
9. November 41
10. November 43
11. November 44
12. November 46
13. November 47
15. November 47
16. November 49
17. November 50
18. November 50
20. November 51
21. November 52
22. November 52
23. November 54
24. November 56
25. November 57
26. November 57
27. November 58
28. November 59
29. November 60
30. November 61
1. Dezember 64
2. Dezember 65
3. Dezember 66
4. Dezember 67
5. Dezember 68
6. Dezember 70
8. Dezember 71
9. Dezember 71
11. Dezember 72
12. Dezember 72
13. Dezember 73
14. Dezember 74
15. Dezember 74
16. Dezember 76
18. Dezember 79
19. Dezember 79
20. Dezember 82
21. Dezember 83
22. Dezember 83
23. Dezember 85
24. Dezember 86
25. Dezember 86
26. Dezember 87
27. Dezember 87
29. Dezember 88
2. Januar 88
3. Januar 89
5. Januar 90
6. Januar 91
7. Januar 91
10. Januar 92
11. Januar 93
12. Januar 93
13. Januar 94
14. Januar 94
15. Januar 95
16. Januar 95
17. Januar 96
19. Januar 96
20. Januar 97
21. Januar 99
25. Januar 100
27. Januar 101
28. Januar 102
29. Januar 104
30. Januar 105
31. Januar 107
1. Februar 109
3. Februar 109
4. Februar 110
5. Februar 111
8. Februar 112
9. Februar 112
10. Februar 113
11. Februar 114
12. Februar 114
16. Februar 115
17. Februar 115
19. Februar 117
20. Februar 119
21. Februar 119
22. Februar 120
24. Februar 120
25. Februar 121
26. Februar 122
28. Februar 124
1. März 125
2. März 126
4. März 127
5. März 128
6. März 129
8. März 132
9. März 133
13. März 134
16. März 135
17. März 136
18. März 137
19. März 137
20. März 138
21. März 139
22. März 141
23. März 145
24. März 146
25. März 147
26. März 148
27. März 149
29. März 150
30. März 151
31. März 152
1. April 152
3. April 154
4. April 155
5. April 156
6. April 157
15. April 158
16. April 162
17. April 163
20. April 163
23. April 164
23. April 165
24. April 165
26. April 167
27. April 167
29. April 168
30. April 169
1. Mai 170
2. Mai 171
3. Mai 172
4. Mai 174
5. Mai 174
6. Mai 175
7. Mai 176
8. Mai 176
9. Mai 177
10. Mai 178
11. Mai 178
12. Mai 179
13. Mai 179
14. Mai 183
15. Mai 186
16. Mai 186
17. Mai 187
18. Mai 187
19. Mai 188
20. Mai 188
22. Mai 189
24. Mai 189
25. Mai 191
26. Mai 192
27. Mai 193
31. Mai 193
1. Juni 194
2. Juni 195
3. Juni 195
4. Juni 196
5. Juni 197
6. Juni 198
7. Juni 198
8. Juni 200
9. Juni 201
10. Juni 202
12. Juni 202
14. Juni 203
15. Juni 203
16. Juni 204
18. Juni 205
20. Juni 206
21. Juni 207
22. Juni 207
23. Juni 208
25. Juni 208
26. Juni 209
28. Juni 209
29. Juni 210
30. Juni 211
1. Juli 211
5. Juli 213
8. Juli 214
11. Juli 215
13. Juli 215
14. Juli 216
15. Juli 216
16. Juli 217
17. Juli 217
20. Juli 219
21. Juli 220
22. Juli 220
20. September 221
30. September 222
28. Dezember 225
Mai 2008 225
März 2010 225
Juni 2012 226
16. Juli 2019 227
Was mir half, um aus dem tiefen Tal herauszukommen: 229
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-069-3
ISBN e-book: 978-3-99131-070-9
Lektorat: Volker Wieckhorst
Umschlagfoto: Beatrice Bellmann, Risto Hunt | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Vorwort
Ich wurde von meinem Ehemann, mit dem ich neuneinhalb Jahre zusammen und knapp acht Jahre verheiratet war, verlassen. Er war für mich im Jahr 1998 aus der Türkei nach Deutschland gezogen.
Drei Tage vor Weihnachten, im Jahr 2011, sah ich ihn wieder. Zum zweiten Mal nach dem Tag unserer Scheidung im März 2007, an dem auch unser letzter Kontakt stattfand. Ich drehte in der Mittagspause eine Runde um den Block. Als ich um die letzte Ecke bog, sah ich ihn rauchend am Eingang eines Geschäftes lehnen, das drei Eingänge entfernt von meinem Büro war. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob er es ist, meinte ich doch schon manchmal, ihn gesehen zu haben. Als ich einige Meter weiterlief und ihn fixiert hatte, war ich mir sicher. Ich bekam einen Schreck und schaute beim Weiterlaufen geradeaus, um mich einen Moment zu sammeln und dann auf ihn zuzugehen, um einige Worte mit ihm zu wechseln. In diesen Momenten meines Sammelns muss er mich gesehen haben, denn als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, drückte er rasch seine Zigarette aus und stürmte in das Geschäft hinein. Es bestand kein Zweifel, er hatte auch einen Schreck bekommen und flüchtete vor mir. Ich sah ihm nach und ging dann weiter zu meinem Büroeingang. Mein Büro befand sich in der siebten Etage. Als ich oben war, schaute ich aus dem Fenster. Er lehnte mit drei Männern an einem Lieferwagen. Anscheinend warteten sie auf etwas. Ich schloss das Fenster, ging an meinen Schreibtisch und horchte in mich hinein. Wie fühlte ich mich? Nicht schlecht und auch nicht gut. Ich war etwas aufgeregt und konnte erst einmal nicht mit der Arbeit beginnen. Noch an diesem Abend sowie an den beiden darauffolgenden Tagen ging es mir nicht gut. Es belastete mich, dass wir beide es nicht geschafft hatten, so lange nach unserer Trennung wenigstens ein paar nette Worte zu wechseln. Es tat weh, für jemanden, mit dem man einmal glücklich war, nicht mehr existent zu sein, und ich fühlte mich einsam. In der Nacht träumte ich, dass er acht- und wortlos an mir vorbeiging und ich ihn mehrmals bat, kurz mit mir zu sprechen. Dieser Bitte kam er nach. Ich fragte ihn, ob er glücklich sei und ob seine Mutter noch leben würde. Er bejahte beides. Dann wachte ich auf. Ich fühlte mich sehr erleichtert, wenigstens im Traum mit ihm gesprochen zu haben.
Weihnachten fühlte ich mich wieder gut, dachte jedoch viel an ihn. Den ersten Weihnachtsfeiertag verbrachte ich wie geplant allein zu Hause, da es an diesem Tag keine Familienfeier gab und ich mich erholen wollte. Ich dachte, ich hätte ihn schon lange komplett abgeschlossen, merkte aber, dass das noch nicht ganz der Fall war. Ich wurde sehr aktiv: Ich öffnete die Kiste mit den Fotoalben und Filmen aus unserer gemeinsamen Zeit, die in meinem Arbeitszimmer stand und deren Inhalt noch keinen Platz in meinen Schränken gefunden hatte, da ich noch eine räumliche Trennung von ihr bevorzugte. Ich schmiss unsere Hochzeitspost in den Müll, ebenso die Hochzeitszeitung sowie die Fotos unserer standesamtlichen Trauung, sah mir die Urlaubsfilme an, von denen ich ebenfalls einige in den Müll schmiss. Ich löste die Kiste auf und verstaute die Fotoalben neben den anderen Alben im Schrank. Danach räumte ich die ganze Wohnung auf und mistete nebenbei einige Dinge aus. Am Abend fühlte ich mich wieder wohl und befreit. Nach Weihnachten ging ich zu einem Goldankauf und verkaufte meinen Ehering. Das Geld spendete ich einem wohltätigen Zweck.
Mein Ex-Kollege Richard, mit dem ich mich kurz nach Neujahr zum Mittagessen traf und dem ich von der Begegnung und meiner Aktion berichtete, meinte dazu, ich hätte sie noch gebraucht, um endgültig abzuschließen. Und wirklich – dachte ich bisher, ich hätte es schon getan, weil ich selten an meinen Ex-Mann denke und ihm auch schon lange nicht mehr nachtrauere, so war es doch jetzt irgendwie noch befreiender. Warum Dinge aufheben, die keine Bedeutung mehr haben? Richard sagte, dass dieser endgültige Abschluss dazu führen würde, dass, sollte ich meinem Ex noch einmal begegnen, ich noch nicht einmal aufgeregt wäre, sondern ihn wie einen alten Bekannten betrachten würde, den ich zufällig wiedergetroffen hätte und mit dem ich dann spräche oder nicht. Falls nicht, würde mich das nicht mehr belasten.
Ein Jahr zuvor, im Jahr 2010, hatte ich ihn schon einmal gesehen. Nach drei Jahren und sieben Tagen nach unserem Scheidungstermin. Ich fuhr mit dem Auto an ihm vorbei, in der Nähe meiner Wohnung. Ich hatte schon öfter gehofft, ihm zu begegnen, aber dass es heute passierte und in einer Gegend, in der ich es nicht erwartet hätte, haute mich um. Gestern hatte ich an ihn gedacht, als ich einen alten Koffer entsorgte, auf dessen Kofferschild sein Name stand. Ich hatte mir vorgestellt, dass er nun eine Frau und ein Kind hatte und dass er mich hoffentlich nicht vermisste, denn dann wäre unsere Trennung umsonst gewesen. Er stand an der Fahrertür eines Autos. Mein Körper reagierte sofort mit schwerer Atmung und zittrigen Händen. Bei der nächsten Gelegenheit wendete ich auf dem Mittelstreifen, in der Hoffnung, einige Sätze mit ihm sprechen zu können. Beim Vorbeifahren an ihm auf der Gegenspur bemerkte ich eine zweite Person. Es war dieselbe Frau wie damals. Ich war nicht mehr sicher, ob ich anhalten sollte. Als ich wieder wendete und auf die beiden zufuhr, gingen sie auf dem Bürgersteig, und dann sah ich das kleine Kind vor ihnen herlaufen. Es war zirka eineinhalb bis zwei Jahre alt. Ich hielt nicht an, sondern fuhr weiter – aber nur einige hundert Meter, dann fuhr ich rechts heran, denn ich konnte kaum noch atmen und das Lenkrad halten. Ich rief meine Freundin Katharina an.
Nach dieser ersten Begegnung ging es mir sehr schlecht. Nicht deswegen, weil ich seine Frau oder sein Kind, sondern weil ich ihn gesehen hatte. Ich musste unaufhörlich an ihn denken und viel weinen, ansonsten war ich apathisch. Diese Heftigkeit überraschte mich selbst, und sie hielt tagelang an. Ich vergoss zu dieser Zeit seinetwegen nur noch selten und wenige Tränen. Unsere Beziehung war für mich mittlerweile gefühlte zehn Jahre her, obwohl es erst dreieinhalb Jahre waren, weil in meinem Leben zwischenzeitlich so viel passiert war. Wenn ich damals noch manchmal weinte, dann deshalb, weil ich nostalgische Minuten hatte oder mich manchmal einsam fühlte. Es war ungefähr so, als ob ich um meine tote Großmutter weinte, um etwas, an das man sich in sentimentalen Minuten wieder erinnert. Oder so, als wenn man einen gefühlvollen Film sieht und man mit den Schauspielern zusammen weint. Wenn eine Liebe lange zurückliegt, dann weint man nicht aus Schmerz, sondern aus Erinnerung.
Das, was ich gesehen hatte, hatte ich geahnt, denn er wollte ein Kind. Aber etwas zu ahnen und zu sehen sind zwei verschiedene Dinge für die Psyche. Ich war erstaunt darüber, dass es sich um dieselbe Frau handelte. Ich musste an seine damaligen Worte denken, an dem Tag, an dem ich ihn zuletzt sah: „In meinem ganzen Leben habe ich nur eine Frau geliebt.“ Damit meinte er mich. Meine Logik und das Analysieren menschlichen Verhaltens sagten mir immer, es könne nicht die Frau von damals sein, mit der er mittlerweile eine Familie gegründet hatte. Aber ich war mir sicher, dass sie es war, die ich gesehen hatte.
Ich hatte noch keine neue Liebe gefunden. Ich hatte in den letzten Jahren drei Liebschaften gehabt, aber leider hielten sie nicht. Für mich ist es unvorstellbar, dass auf eine große Liebe gleich wieder eine neue Liebe folgt. Und Metin war meine große Liebe gewesen. Wenn man sich nach einer Trennung, die man nicht wollte, schnell wieder bindet, ist die neue Beziehung in den meisten Fällen nicht von Dauer.
Ich hatte damals gehofft, ihn einmal zu treffen, allein zu treffen. Ich würde ihn vielleicht kein zweites Mal sehen und niemals die Gelegenheit haben, mit ihm zu sprechen, und das machte mich noch trauriger. Mittlerweile war auch die zweite Gelegenheit verstrichen, die aber dazu führte, ihn wie einen Fremden zu sehen, mit dem man vor langer Zeit einmal bekannt gewesen war.
Eine Trennung wird wissenschaftlich in vier Phasen geteilt: Zuerst kommt die Schockphase, in der man das Gehörte bzw. Gesehene nicht wahrhaben kann. Das Gehirn gaukelt einem noch vor, alles wäre in Ordnung und nur ein böser Traum. Man kann die neue Situation nicht mit dem Verstand erfassen, so wie man es zum Beispiel auch nicht kann, wenn ein Mensch stirbt. Man denkt noch wochenlang: Morgen, wenn ich aufwache, ist alles wieder so, wie es einmal war. Dies gilt besonders, wenn man noch unter einem Dach wohnt, was bei uns nach der Trennungsaussprache noch sechs Wochen der Fall war.
Die zweite Phase ist die der aufbrechenden Gefühle. Der Schock, in dem man unfähig ist, auf die Extremsituation zu reagieren, weicht der Phase, in der man nur noch weinen kann und unsäglichen Schmerz hat, der den ganzen Körper einbezieht und mitreißt. Man kann nicht mehr klar denken, wie es noch in der Schockphase möglich ist, sondern man ist in dieser Extremsituation gefangen und denkt in jeder Sekunde an den Schmerz. Jede neue Situation zerreißt einen, man regiert und agiert, und doch hilft es nicht weiter, weil man weiß, dass die Trennung – und wie in meinem Fall auch die Scheidung – nicht rückgängig gemacht werden kann.
Ab der dritten Phase wird man wieder ein Mensch. Der Verstand schaltet sich ein, man sieht klarer und rationaler, ist wieder fähig, anderen Menschen zuzuhören und die Zukunft zu planen. Der Schmerz weicht Wehmut und Trauer.
In der vierten Phase atmet man auf. Man vergibt sich (und dem anderen) seine Fehler, schaut voller Tatendrang nach vorn, plant und ordnet sein Leben neu. Das alte Leben ist abgeschlossen, und man spürt Lebensfreude und Energie.
Die Länge der Phasen hängt ab von der Persönlichkeit, dem Alter, der Schwere der Trennung und den Lebensumständen. Es gibt hier verschiedene Theorien. Einmal las ich, dass sie die Hälfte der Dauer der Beziehung ausmachen kann, ein anderes Mal erfuhr ich, dass Frauen im Durchschnitt zweieinhalb Jahre und Männer eineinhalb Jahre leiden. Diese Behauptung machte mich sehr wütend, da ich nicht so lange leiden wollte. Selbst eineinhalb Jahre erschienen mir zu lang. Eine andere Theorie besagt, dass man pro Jahr des Zusammenseins einen Monat leidet.
Ich hatte mir von Anfang an vorgenommen, mich nicht gehen zu lassen, ging morgens geschminkt und gut gekleidet zur Arbeit, und ich saß nicht zu Hause herum, sondern ging viel aus. Ich nahm mir auch von Anfang an vor, diese vier Phasen abzukürzen und auf maximal ein Jahr zu reduzieren. Ich wollte nicht jahrelang leiden, ich wollte nicht, dass es mir lange schlecht geht, und ich bin stolz, dass ich nach zehn Monaten sagen konnte: Ich habe es geschafft, eine neuneinhalb Jahre lange Beziehung zu überwinden und voller Freude nach vorn zu blicken. Und nach einem Jahr war ich soweit, dass ich wirklich sagen konnte: Ich schaue nur noch nach vorn, es geht mir wieder sehr gut, ich habe alles hinter mich gelassen und denke nur noch selten, ganz nüchtern und vor allem dankbar, an meinen Ex und die gemeinsame Zeit. Ich schaffte es nicht zuletzt deshalb, weil ich ein Mensch bin, der gut analysieren, das Wesentliche vom Unwesentlichen trennen kann und einen starken Willen hat. Ich habe hart daran gearbeitet, diese Beziehung zu überwinden, ich nenne es „Extrembewältigung“. Ich bin durch den Schmerz hindurchgegangen und habe nie etwas verdrängt. Als es mir wieder gut ging, habe ich sogar mehrmals gedacht, dass es ein Glück und ein Geschenk war, diese schmerzhafte Zeit zu erleben, denn dadurch konzentrierte ich mich ganz auf mich selbst, wuchs über mich hinaus, lernte neue Menschen kennen, und letztendlich befreite ich mich auch von der Vergangenheit, vor allem von den unglaublich erdrückenden Selbstzweifeln und -vorwürfen.
Ich habe alle Gedanken, Gefühle und Worte, die ich in dieser unsagbar schweren Zeit gehabt, durchgemacht und gehört habe, aufgeschrieben. Ich musste schreiben und schreiben, das half mir bei der Trauerbewältigung. Die Dialoge haben sich so zugetragen wie beschrieben. Ich las meine Zeilen immer und immer wieder, weil es für mich so unfassbar war, was mir passierte. Ich möchte mit diesem Trauertagebuch allen Frauen helfen, die in derselben Situation sind, Mut zu haben, nach vorn zu blicken und immer daran zu denken, dass das Leben weitergeht, auch ohne den geliebten Partner, von dem man verlassen wurde oder den man verließ, aus welchem Grund auch immer. Der so oft angewendete Satz „Die Zeit heilt alle Wunden“ klingt in der Anfangs-Trauerzeit, in der man glaubt, niemals darüber hinwegzukommen, wie Hohn und ist ein schneller, aber schlechter Trostspender von Freunden und Verwandten, die am Anfang genauso unter Schock stehen, sogar mitleiden und helfen möchten. Aber er stimmt wirklich. Wenn die Gefühle dem Verstand weichen und man nach und nach die alte Beziehung rein rational betrachten kann, verschwinden Gefühle wie Trauer, Wut, Schmerz, Enttäuschung, Ärger und Verachtung. Die Zeit heilt auch die Wunden, weil man nach und nach vergisst und man sich auf sein neues Leben konzentrieren muss, dass einem intensiver als vorher erscheint.
Traurige Rückfälle kann es aber immer wieder geben, so wie nach meinen beiden Begegnungen. Dennoch: Ich bin dankbar, dass er mein Mann war – und froh, dass er mich verlassen hat.
Diesbezüglich möchte ich noch anmerken, dass jede Beziehung und jede Trennung anders verläuft. Hier gibt es keinen Standard. Mein Buch ist für Frauen geschrieben, die eine Trennung und Scheidung durchleben, und es beinhaltet einige Tipps, die ich anwendete, um schneller aus dem tiefen Tal zu kommen. Dennoch bin ich nur eine Frau von Millionen Frauen, die dieses Schicksal erleiden. Es gilt nicht für alle Frauen gleichermaßen. Es ist keine Abrechnung mit meinem Ex-Mann. Wir verstehen uns wieder sehr gut. Es richtet sich auch nicht gegen ein Volk oder eine Gruppe von Menschen. Es ist einfach nur meine Geschichte. Ich schrieb sie per Hand innerhalb von wenigen Monaten, aber es kostete mich viele Jahre, es abzutippen, da es sowohl eine mentale als auch psychische Anstrengung war. Deshalb bitte ich um Respekt.
1. Juni 2021
Einleitung
Metin und ich hatten uns im März 1997 in seinem Heimatland, der Türkei, kennen- und lieben gelernt, als mir in einem Ferienclub, in dem er seit mehr als zehn Jahren arbeitete, eine Stelle im Büro angeboten wurde. Meine Freundin Verena kannte den Clubmanager, und als er sie fragte, ob sie eine Saison lang bei ihm im Büro arbeiten wolle, verwies sie auf mich. Ich wollte damals meinen Job im Vertrieb einer Textilfirma wechseln. Metin holte mich vom Flughafen ab, und wir waren uns sofort sympathisch. Ich blieb eine Woche dort, um mir den Job anzusehen und mich zu entscheiden, ob ich die Saison dort verbringen wollte, und in dieser Zeit verliebten wir uns ineinander. Zunächst verliebte er sich in mich. Ich war etwas zurückhaltender und stand einer türkischen Liebe skeptisch gegenüber. Nach meinem Aufenthalt telefonierten wir viel, unter Zuhilfenahme seiner deutschen Kollegin, die für ihn dolmetschte. Es entstand so etwas wie eine Fernliebe, und ich vermisste ihn immer mehr. Acht Wochen später flog ich wieder zu ihm, um zu wissen, ob es auch von meiner Seite aus Liebe ist. Es war eine sehr innige und romantische Woche. Ich wohnte dieses Mal in einer kleinen türkischen Pension im Ort, die von Europäern geleitet wurde. Nach dieser Woche stand für mich fest, dass ich mich sehr in ihn verliebt hatte. Er war hinreißend, romantisch und bodenständig, las mir jeden Wunsch von den Augen ab, hatte in der Zwischenzeit einige Brocken Deutsch gelernt, sich in dieser Woche Urlaub genommen, und sie war eine der schönsten in meinem Leben. Wir fuhren mit seinem Fischerboot an der Küste entlang zu einsamen Stränden, spazierten durch die schöne hügelige Natur und redeten noch mit Händen und Füßen. Noch sechs Besuche meinerseits sollten folgen, bevor er endgültig nach Deutschland kam.
Er kam aus einem kleinen Ort in der Nähe von Bodrum, wuchs am Meer auf und verbrachte dort fast sein ganzes Leben. Bis zu unserer Heirat im Juni 1998 flog ich noch viermal zu ihm, im Herbst 1997 besuchte er mich für drei Wochen in Berlin, um meine Stadt und mein Leben kennenzulernen. Ich bestand darauf, denn für mich stand schon am Anfang unserer Liebe fest, dass ich nach unserer Heirat nicht in seinem Land leben wollte. Es gefiel ihm bei mir, und er konnte sich vorstellen, nach der Heirat in Berlin zu leben. Wir beschlossen, uns in seinem Ort für einige Zeit eine Wohnung zu nehmen, um das Zusammenleben zu probieren, was in Deutschland nicht ohne Weiteres möglich war. So arbeitete ich im Frühjahr 1998 für einige Zeit in derselben Ferienanlage, bis ich nach unserer Heirat, die in der Türkei stattfand, nach Hause flog, mir einen Job suchte und er im August 1998 mit zwei Taschen nachkam. Im Mai 1999 heirateten wir in Deutschland kirchlich. Ich hatte ihm diesen großen Wunsch schon am Anfang unserer „Heiratsgespräche“ geäußert, und er war sofort einverstanden.
Die erste Zeit war sehr hart. Wir wohnten beengt in meiner 40-qm-Wohnung, die eineinhalb Zimmer hatte, von denen das eine Zimmer ein Durchgangszimmer war. Er musste die deutsche Sprache lernen und sich zurechtfinden, ohne seine Familie, ohne Freunde und ohne die türkische Sonne, die auch im Winter scheint. Ich musste plötzlich für zwei arbeiten, nach der Arbeit Essen kochen, mit ihm Deutsch lernen, ihm die deutsche Lebensweise zeigen und viele Dinge erklären, und abends saß ich oft am PC bis in die Nacht, um zusätzlich zu meinem neuen Job als Sekretärin in einem Architekturbüro noch verschiedene Schreibarbeiten für Studenten und Firmen zu erledigen. Wir hatten genug Geld zum Leben, eine Wohnung in der City, ein Auto, wir konnten ins Restaurant oder ins Kino gehen und alles tun, was andere Paare auch tun, nur nicht so häufig. Ich hielt das Geld zusammen, was er nicht so gut konnte. Was nach Abzug unserer Kosten und etwas Erspartem übrig bleib, teilten wir immer. Ich behielt niemals mehr für mich. Ich hatte nette Freundinnen und eine nette Familie, die ihn mit offenen Armen und voller Neugierde empfingen, und dennoch lag ich in den ersten Monaten unseres gemeinsamen Lebens oft nachts wach und spürte eine unerträgliche Verantwortung und Existenzangst, sodass ich unsere erste gemeinsame Zeit, die eigentlich neben unserer wunderschönen Zeit in der Türkei die Schönste hätte sein müssen, nicht richtig genießen konnte.
Nach sechs Monaten fand ich über die Zeitung eine Arbeit für ihn in einer Autoreparaturwerkstatt, die er leider nur einige Monate behielt, da es der Firma finanziell schlecht ging. Es folgten bis zu unserer Trennung im August 2006 noch drei weitere Arbeitsverhältnisse. Das Längste behielt er eineinhalb Jahre, das Kürzeste sechs Wochen. Es waren 400-Euro-Jobs oder Jobs, in denen er drei Tage in der Woche zu tun hatte. In den acht Jahren unseres gemeinsamen Lebens in Deutschland hatte er insgesamt nur drei Jahre gearbeitet. Ich hatte fast die ganzen Jahre über unermüdlich Bewerbungen geschrieben, die Zeitungen und das Internet nach Jobs durchgeforstet, mit ihm bei Zeitarbeitsämtern gesessen, damit er in deren Kartei aufgenommen wurde, ihm Vorschläge gemacht und im ganzen Freundeskreis gefragt. Leider war er bei der Arbeitssuche nicht so unermüdlich wie ich, und so brach ich regelmäßig einen Streit vom Zaun, beschimpfte ihn als faul und stumpfte nach einigen Jahren innerlich immer mehr und mehr ab. In der Türkei hatte er einen guten Job gehabt und relativ gut verdient, und anfangs wollte ich dasselbe für ihn in Deutschland. Er bekam Jobs angeboten, die ich für unter seiner Würde hielt. Ich verdiente gut und konnte uns beide unterhalten, wir flogen ein- bis zweimal im Jahr in den Urlaub, und ein- bis zweimal im Jahr flog er zusätzlich zu seiner Familie in die Türkei. Nach einigen Jahren wäre ich allerdings froh gewesen, wenn er nur irgendeinen Job angenommen hätte.
Zwei Jahre nach seiner Ankunft bezogen wir in der Nähe des Tegeler Sees eine größere Wohnung. Es war eine schöne Gegend und nicht mehr mitten in der Stadt.
Er war ein herzensguter, freundlicher und gütiger Mann mit einem guten, geradlinigen Charakter, der auf fast alle meine Wünsche einging und mich über alles liebte, was er mir bis sechs Monate vor unserer Trennung mehrmals wöchentlich sagte. Er war bei allen Menschen beliebt, und wenn er Arbeit hatte, arbeitete er wie ein Pferd. Er lernte schnell Deutsch, zunächst an der Volkshochschule, später mit einer türkischen Studentin, die mit ihm die Grammatik übte, und er fügte sich gut ein in unser Leben in Deutschland, wofür ich ihn oft bewunderte, ebenso für seine Toleranz. Er war eifersüchtiger als ich, obwohl ich ihm in all den Jahren nie einen Grund dafür gab, wie ich meinte. Wenn ich mit meinen Freundinnen ausging, wünschte er mir immer nur viel Spaß. Umgekehrt war es genauso. Erst im Laufe der Ehe, als unser Sexualleben nicht mehr so aufregend war wie am Anfang, kam in ihm der Gedanke auf, dass ich ihn betrügen könnte, wenn ich auf einer Dienstreise war. Da dies nie der Fall war, tat es mir immer leid, wenn er nach meiner Rückkehr diese Befürchtungen äußerte, und er blieb misstrauisch.
Im Jahr 2003 verlor er seinen Vater und ich meinen Bruder. Dadurch änderte sich meine Einstellung zu vielen Dingen. Der Alltag mit meiner oft harten Arbeit im Vertrieb einer großen Firma, mein Part der täglichen Organisation unseres Lebens, die wir uns nach einiger Zeit teilten, der Haushalt und die Suche nach Arbeit bekamen einen neuen Stellenwert. Es hatte für mich fortan Vorrang, dass wir gesund waren und uns liebten, und ich hörte auf, ihm Vorwürfe zu machen wegen seiner Nachlässigkeit, sich eine Arbeit zu suchen. Ich versuchte zufriedener zu sein, während er immer unzufriedener wurde.
Dennoch verfiel ich durch unsere Lebensumstände mehr in die männliche und er in die weibliche Rolle, was unserer Beziehung nicht gut tat. Hinzu kam es zwischendurch immer wieder dazu, dass ich abends überarbeitet und mit schlechter Laune nach Hause kam, mich über Kleinigkeiten aufregte und die tägliche Arbeit, die ich daheim zu erledigen hatte wie Einkaufen, Putzen, Kochen, Papierkram, Telefonate etc. mich oft überforderte. Ich hatte das Gefühl, mich niemals ausruhen zu können, außer am Sonntag, wenn Metin nach dem Frühstück verschwand (was mir nichts ausmachte, denn er traf sich nur mit seinen Freunden, und ich freute mich, dass er Freunde hatte, die sogar zum Teil aus seinem Heimatort kamen) und ich mich daran gewöhnte, den Tag allein oder auch mit Freundinnen zu verbringen.
Dennoch: Wir hatten viele Freunde, mit denen wir oft zusammen waren, wir feierten, wir liebten uns trotz vieler Streits, und mir war in den ganzen Jahren in jeder Minute bewusst, dass ich menschlich gesehen den besten aller Männer hatte, der anderen Frauen nicht nachstellte, mich von Herzen liebte und mit meinen Macken leben konnte. Ich dachte niemals daran, dass wir uns einmal trennen würden, denn für mich geht eine Ehe bis zum Tod. Ich bin der Ansicht: Wenn man sich für einen Menschen entschieden hat und ihn heiratet, geht man mit ihm durch alle Höhen und Tiefen und sollte sich nie wieder trennen, es sei denn, aus ganz schwerwiegenden Gründen. Für mich hätte es nur zwei Gründe gegeben: Gewalt und Drogen.
Unsere Ehe war kinderlos, was er unter allen Umständen ändern wollte, ich aber nur unter der Voraussetzung, dass er eine dauerhafte Arbeit hätte, ansonsten hätte ich nach wenigen Monaten Pause wieder ganztags für drei Personen arbeiten gehen müssen, was mich komplett überfordert hätte. Ich lag oft schweißgebadet und angstvoll nachts wach, wenn die Babyfrage wieder auf dem Tableau war, und mein Verstand sagte mir, es wäre nicht gut, in unserer Situation ein Kind zu bekommen. Nach und nach bekamen alle seine Freunde Kinder, die zum Teil von Sozialhilfe lebten. Nur wir hatten keine Kinder. Oft beneidete ich meine Freundinnen und Kolleginnen, die Kinder hatten und entspannt sein konnten, da ihre Männer eine regelmäßige Arbeit hatten und so viel Geld nach Hause brachten, dass die Frauen ein bis zwei Jahre zu Hause bleiben konnten, bevor sie wieder halbtags arbeiten gingen. Irgendwann bemerkte ich, dass er immer die Wohnung verließ, wenn die kleinen Kinder meiner Schwester bei uns waren. Nach und nach sah er keine Zukunft mehr für uns beide, irgendwann kam auch sein Satz „Sozialhilfeempfänger bekommen auch Kinder“ und forderte mich ab dem Frühjahr 2006 mehrmals während eines Streits auf, einen Anwalt aufzusuchen, um mich über die Formalitäten einer Scheidung aufklären zu lassen.
Dies tat ich am 15. Juni. Ich dachte nicht an eine Scheidung, ich ordnete das Gespräch beim Anwalt für mich als eine Art Informationsgespräch ein. Da Metin keine Arbeit hatte und wir kurz nach seiner Einreise nach Deutschland einen Ehevertrag aufgesetzt hatten, auf den ich sehr zu seinem Unmut bestanden hatte, war es für mich auch wichtig zu wissen, was im Fall einer eventuellen Scheidung finanziell auf mich zukommen würde. Da ich das Gespräch erst einmal für mich selber verarbeiten wollte, erzählte ich Metin erst drei Tage später ganz rational davon. Wir waren uns beide des Schrittes dieses Gespräches beim Anwalt bewusst, wir rissen uns wohl unbewusst wieder zusammen, und dadurch normalisierte sich unser Leben wieder. Wir stritten nicht mehr so oft, und einige Wochen lang war es ein schöner Sommer wie jeder andere auch, mit Biergarten, Strandbars, Freunde treffen, schwimmen gehen und vielen anderen Aktivitäten. Die Fußballweltmeisterschaft fand in Deutschland statt, und wenn Deutschland spielte, trafen wir uns mit Freunden zum gemeinsamen Fernsehen, oder wir lagen zu zweit auf unserem Bett, tranken ein Bier, wedelten mit dem Deutschland-Fähnchen und freuten uns. Mitte Juli verbrachten wir ein harmonisches Wochenende an der Ostsee, schwammen, radelten und spazierten durch die Gegend. Alles war wie immer – jedenfalls für mich.
Als Metin mir am Abend des 30. August 2006 nach einem Streit mitteilte, dass er mich definitiv verlassen wollte, um ein neues Leben anzufangen, ging es uns beiden schlecht. Ich erinnere mich noch, dass ich trotzdem erleichtert war, dass er es ausgesprochen hatte und nicht ich. Am nächsten Morgen teilte er mir mit – wir hatten wohl beide in der Nacht kein Auge zugemacht –, dass ich ihn vier Wochen in Ruhe lassen solle. In dieser Zeit sollte ein Grundstück, das seine Familie besaß, verkauft werden, und das wollte er abwarten. Dieser Verkauf war für ihn äußerst schlimm, es war sozusagen ein Symbol für den Verkauf seines Lebens, seiner Heimat, und auch deshalb war er völlig bodenlos geworden und fiel in ein tiefes Loch. Mein Schockzustand begann. Wir wohnten unter einem Dach, schliefen in getrennten Zimmern, und ich plante in diesem Zustand mein weiteres Leben ganz rational ohne ihn. In diesen Wochen hatte ich meinen Sommerurlaub genommen, den ich nun ohne ihn verbrachte, und ich sah ihn nur selten, da er am Tag kaum zu Hause war. Ich ging sehr vorsichtig mit ihm um. Ich fragte ihn nicht, was er machte und wie er seine Tage verbrachte. Anfangs frühstückten wir noch zusammen, dann hörte auch das auf. Den 16. September 2006 – es war ein Samstag – verbrachten wir ruhig gemeinsam in unserer Wohnung, und als ich abends fragte, ob er mit mir zusammen essen wolle, wurde er ärgerlich. Er fühlte sich von dieser Frage eingeengt, kam einige Minuten später zu mir und meinte, er wolle schon am morgigen Tag mit mir final sprechen.
17. September
Ich war den ganzen Tag mit meiner Freundin Katja zusammen, die ich schon über dreißig Jahre kenne. Wir machten eine Radtour bei herrlichem Wetter. Als sie mich empfing, fing ich an zu weinen und erzählte, dass Metin und ich uns trennen werden. Sie war schockiert und nahm mich in den Arm, während ich weinte und erzählte. Allerdings erschien mir in diesem Moment eine Trennung rational auch besser, als unsere Ehe so fortzuführen, wie sie war.
Danach fuhr ich kurz zu meinen Eltern. Ich wollte eigentlich noch nicht über die Trennung berichten, aber als mein Vater fragte, wo Metin wäre, bekam ich glasige Augen, was beide bemerkten. Ich erzählte aber nichts, und sie fragten nichts. In meinem Elternhaus wurde niemals viel über Gefühle oder private Dinge gesprochen, und es wurden nicht viele Fragen gestellt. Darüber war ich jetzt sogar dankbar.
Wieder zu Hause, saß Metin schon auf der Couch und wartete auf unsere Aussprache. Ich setzte mich zu ihm, mein Herz klopfte so laut, dass ich kaum atmen konnte. Wir bemühten uns beide um Ruhe und Höflichkeit, was auch gelang. Im Einzelnen warf er mir an diesem Abend vor, dass ich niemals freiwillig auf einen Urlaub in die Türkei mitgekommen wäre. Ich hätte seine Mutter niemals von mir aus angerufen, wir wären niemals mit dem Auto in die Türkei gefahren, so wie andere Türken auch. Wir wären nach Florida und Ägypten und in viele Länder Europas gereist, aber niemals per Auto in die Türkei. Meine Familie und ich hätten ihm kein Geld gegeben, damit er das ganze Grundstück hätte kaufen können, was nun verkauft werden sollte. Er hätte sich wie ein Hund zu Hause gefühlt und Angst vor mir gehabt, da ich ihn oft herumkommandiert hätte und zu ordentlich sei. Er würde sich einsam fühlen, da seine Freunde alle in einem anderen Bezirk wohnten und der Weg zu ihnen weit wäre. Und last, but not least hatten wir keine Kinder, die er sich wünschte. Er plante auszuziehen, sich eine Arbeit zu suchen, noch ein bis zwei Jahre in Deutschland zu verbringen, Geld beiseite zu legen und in die Türkei zurückzugehen. Er wollte dort seinen deutschen Pass zurückgeben und eine Familie gründen. Zum Schluss sagte er: „Ich werde vielleicht keine Frau finden, die so intelligent ist wie du. Wir können weiter befreundet sein. Du kannst mich auch in der Türkei besuchen.“ Ich versuchte alle seine Vorwürfe rational zu widerlegen und zu entkräften und erklärte, warum ich dies oder jenes so oder so gemacht hatte. Auf meine Frage, warum er sich in den letzten drei Jahren nicht selbst um eine Arbeit gekümmert hatte, sagte er leise: „Ich habe gesucht. Ich weiß nicht, ich wollte dieses Leben nicht, ich hatte keine Lust.“
Es war ein endgültiges Trennungsgespräch, ich konnte nichts mehr retten. Er hatte sich alles gründlich überlegt und sich lange vorbereitet, während ich auch noch Monate später das Gefühl hatte, dass die Trennung plötzlich für mich kam. Danach ging ich ins Bad, setzte mich auf den Badewannenrand und weinte bitterlich, weil ich das alles nicht wollte. Ich wäre gern zu ihm gegangen und hätte mich in den Arm nehmen lassen, aber das war jetzt nicht mehr möglich.
20. September
Es ging mir sehr schlecht. Ich hatte Magenschmerzen, eine innere Unruhe, war konzentrations- und appetitlos, und die Tränen kamen andauernd. Wenn ich tagsüber im Büro weinen musste, ging ich zur Toilette. Es sollte mir niemand anmerken, was in mir vorging, auch nicht meine mir gegenübersitzende Kollegin Anita. Ich konnte kaum arbeiten, starrte viel auf meinen Bildschirm oder aus dem Fenster. Wenn Metin und ich uns abends sahen, suchte ich unter Tränen das Gespräch, um ihm zu sagen, dass ich die Trennung und eine Scheidung nicht wollte, was ihn jedes Mal wütend machte. Er sagte, er hätte sich noch nicht um eine Wohnung und um eine Arbeit gekümmert. Ich solle aber unsere Wohnung kündigen.
22. September
Nach der Arbeit, die ich wieder irgendwie schaffte, aber nur langsam und mit halber Kraft, fuhr ich zu meiner langjährigen Freundin Anna. Wir redeten und redeten über unsere Beziehungen, und es tat gut, gute Freundinnen zu haben. Wenn ich nicht geredet hätte, wäre ich erstickt. Anna hatte zurzeit auch Stress mit ihrem Freund. Sie kann sehr gut analysieren, ist sehr diplomatisch und beleuchtet die Dinge von allen Seiten.
23. September
Mit Anna besuchte ich unsere gemeinsame Freundin Katja. Wir kochten und sprachen über die Trennung von Metin und mir. Auch Katja ging es zurzeit nicht gut, sie erwog ebenfalls eine Trennung von ihrem Freund. Wir sprachen ganz sachlich und rational über uns und unsere Beziehungen, was sehr gut tat. Nach diesen Gesprächen hatte ich das Gefühl, ich könne den Abend, die Nacht und den morgigen Tag besser überstehen.
26. September
Ich suchte wieder das Gespräch mit Metin. Er wurde wütend und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Ich sprach nicht von Schuld, aber er sagte unter anderem: „Du denkst, ich bin schuld? Ich komme aus einem kleinen Dorf. Als ich neu war in Deutschland, kam ich in eine andere Welt. Wenn ich gewusst hätte, wie das wird, wäre ich nicht gekommen. In der Türkei macht man, was der Mann sagt. Ich habe kein Kind. Du wolltest nicht, dass es muslimisch wird. Du wolltest nicht im weißen Kleid in der Türkei heiraten. Du wolltest nicht, dass ich einen türkischen Imbiss eröffne, du wolltest nicht, dass ich weiterhin nachts Dönerfleisch ausfahre. Vielleicht gehe ich in eine andere Stadt. Ich denke, ich komme allein klar. Du wirst sehen, das ist gut für uns. Vielleicht kommst du mich in der Türkei besuchen. Du hast nur mich gewollt. Du wolltest sonst nichts von der Türkei. Du hast gedacht, du nimmst dir etwas heraus und machst es so, wie du willst.“ Er nannte dann zwei Beispiele von türkisch-deutschen Ehen mit Kindern, in denen der Mann auch nicht arbeitet. „Du wolltest ein Haus kaufen? Erst einmal muss man eine Familie gründen. Genau wie dein Bruder und deine Schwester.“
Ich versuchte wieder, alle seine Vorwürfe zu widerlegen und erklärte, dass ich es damals, als ich hörte, dass einige türkische Imbissbesitzer von einer Bande erschossen wurden, für keine gute Idee hielt, einen Imbiss zu eröffnen und dass die Arbeit als Fahrer für einen Dönerlieferanten, der ausschließlich abends und nachts ausliefert, einer Ehe nicht dienlich ist, wenn man sich nur am Samstag und Sonntagvormittag sieht. Aber es half nichts, er wurde wütender und wütender. Ich weinte und weinte.
27. September
Nachdem mich Metin jedes Mal, wenn wir uns sahen, fragte, ob ich den Scheidungsanwalt schon wegen eines Termins angerufen hätte, tat ich es heute. Es standen zwei Termine zur Auswahl, wobei ich den zweiten bevorzugt hätte, Metin bestand aber auf dem schnellstmöglichen. Die Bestimmtheit seines Entschlusses tat mir unglaublich weh.
2. Oktober
Ich verbrachte die letzten vier Tage im Haus meines Bruders bei München, um auf seine beiden Kinder aufzupassen. Er selbst machte mit meiner Schwägerin einen Kurzurlaub. Der Ortswechsel tat mir gut, ich machte ausgedehnte Radtouren oder ging bummeln und kümmerte mich nachmittags und abends um die Kinder, und in den Nächten konnte ich sogar gut schlafen. Ich hatte am Abend meines Eintreffens nur mit meiner Schwägerin gesprochen. Sie war total schockiert und nahm mich gleich in den Arm. Am nächsten Morgen schickte sie mir eine liebe SMS. Abends rief ich Metin an und bat ihn um einen Neuanfang, der sich aber weiterhin unversöhnlich zeigte. Ich hatte Angst vor dem, was auf mich zukommen würde und wollte gar nicht mehr heimfahren.
4. Oktober
Wir saßen nachmittags gemeinsam beim Anwalt und reichten die Scheidung ein. Das Gespräch dauerte zirka eine Stunde. Ich sprach langsam und wählte die Worte bedächtig. Zuvor erklärte ich ihm, dass nur mein Mann die Scheidung wollte und ich zustimmte, weil ich ihn gehen lassen musste. Mein Name wurde an erster Stelle genannt, womit ich nicht einverstanden war. Der Anwalt erklärte, dass es sich nur um eine Formalie handelte. Ich musste mich die ganze Zeit beherrschen, um nicht zu weinen. Es sollte auf dem Papier eine einvernehmliche Scheidung sein, und dank unseres langjährigen Ehevertrages und Kinderlosigkeit sollte alles schnell über die Bühne gehen. Der Anwalt fragte: „Welches Trennungsdatum soll ich eintragen?“ Wir bestimmten ein Datum, das dreizehn Monate zurück lag. Wieder auf der Straße, weinte ich hemmungslos. Metin und ich sprachen nicht mehr viel, als wir noch einen Häuserblock zusammen gingen. Dann fuhr er mit der U-Bahn zu seinem Freund, ich fuhr nach Hause. Ich war wie paralysiert und konnte nicht fassen, was wir gerade gemacht hatten. Es war absurd, vor einem Scheidungsanwalt zu sitzen, wenn man es selbst gar nicht wollte.
9. Oktober
Metin war in den letzten vier Tagen in der Türkei bei seiner Familie gewesen, um an dem Grundstücksverkauf teilzunehmen. Ich hatte ihn zum Flughafen gebracht, und beim Abschied hatten wir uns nur die Hand gegeben, ich hatte ihm viel Glück gewünscht und bestellte seiner Familie viele liebe Grüße. Wir waren schon auf dem Weg, Fremde zu werden. Er wollte seiner Mutter noch nichts von unserer Trennung erzählen, genauso wie ich es gegenüber meiner Familie und den meisten unserer Freunde noch nicht tat. Es war wie nach dem Motto „Was man nicht sagt, ist auch nicht passiert“. Wir gingen in den letzten Tagen höflich miteinander um. Ich schlich durch die Wohnung und wollte ihn nicht verärgern. Ich war durch den Aufenthalt bei meinem Bruder etwas zur Ruhe gekommen und konnte wieder durchatmen. Dennoch hämmerte der Gedanke unserer Trennung in jeder Sekunde in meinem Kopf.
10. Oktober
Ich fragte Metin, ob er mit mir im Restaurant essen wolle. Er war einverstanden. Ich hoffte, an einem neutralen Ort, an dem wir nicht streiten konnten, noch einmal freundlich über alles reden zu können. Dies gelang uns auch. Er sagte, ich wäre hundertprozentig schuld an der Trennung. Er hätte sich ein Kind gewünscht. Er würde jetzt unter der Trennung mehr leiden als ich. Ich bezweifelte das. Ich erklärte ihm, wie schlimm diese Trennung, die ich nicht wollte, für mich sei, geschweige denn eine Scheidung. Wir sprachen auch wieder über unser Sexualleben, das in den letzten Jahren nicht gut war, und wir gaben uns gegenseitig die Schuld daran. Wir hatten es in allen Bereichen vernachlässigt, und es verlief immer gleich. Wir hatten des Öfteren unsere Wünsche verbal geäußert, jedoch hatten wir uns gegenseitig keine Mühe mehr gegeben, sie zu befriedigen. Er warf mir vor, seit langer Zeit nicht mehr von mir aus zu ihm gekommen zu sein und dass ich sonntags lieber allein oder mit einer Freundin eine Radtour gemacht hätte, als mich um ihn zu kümmern. Besonders diesen Vorwurf fand ich ungerecht, denn er verließ mich am Wochenende oft schon nach dem Frühstück, um sich mit seinen Freunden zu treffen.
Er wollte eventuell jetzt schon in seine Heimat zurückgehen, da er sich sowohl Sorgen um meine Schwiegermutter machte, die eine Operation vor sich hatte, als auch um seinen Bruder. Die beiden machten ihm ständig Sorgen. Metin telefonierte ein- bis dreimal in der Woche mit seiner Mutter, und nie hatte ich ihn hinterher gut gelaunt erlebt. Seine Mutter erzählte immer, wie schwer ihr Leben wäre, und sein Bruder bemühte sich auch niemals um eine Arbeit und lebte in den Tag hinein. Metin war meistens wütend auf seinen Bruder, und wenn ich mich einschaltete und ihm zustimmte, nahm er ihn stets in Schutz. Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu ihnen gehabt, und ich mochte seine ganze Familie sehr gern.
Metin erzählte, dass er fast jeden Abend mit einem seiner türkischen Freunde im Krankenhaus wäre, da die Frau des Freundes kürzlich einen Unfall gehabt hätte, dort einige Monate würde verbringen müssen und er ihm aufgrund fehlender Sprachkenntnisse beim Dolmetschen half. So auch an diesem Abend, an dem wir nach dem Essen wieder in verschiedene Richtungen gingen.
14. Oktober
Den Vormittag verbrachte ich mit Ausmisten und packte eine Flohmarktkiste. Als ich mit Tränen in den Augen zwei Stofftiere, die als Brautpaar verkleidet waren und die wir zu unserer Hochzeit geschenkt bekommen hatten, in die Kiste packte und sie Metin vorher zeigte mit den Worten „Das alles ist jetzt vorbei“, war er sogar sehr lieb: „Du musst das verstehen. Sei nicht so traurig. Das ist das Beste für uns.“ Dann diskutierten wir wieder. Unsere Themen waren unter anderem: schlechter Sex, meine Saunabesuche, die er so hasste, Situationen, in denen mich andere Männer eventuell „oben ohne“ gesehen hatten (zum Beispiel beim Umziehen nach dem Schwimmen, obwohl ich immer aufgepasst hatte), und meine Ex-Freunde, die ihm immer ein Dorn im Auge waren (obwohl ich zu keinem Kontakt hatte). Schließlich war ich vierunddreißig Jahre alt, als wir uns kennenlernten. Ihm war bewusst, dass er dieses Problem bei fast jeder Frau haben würde.
Er sagte: „Sag mir, was ich falsch gemacht habe, außer dass ich nicht arbeite. Du hast viele Bewerbungen für mich geschrieben und auch keine Arbeit gefunden.“
Ich konnte die Tränen nur mühsam zurückhalten: „Alles was wir zusammen gemacht haben, ist vorbei: Essen, Freunde treffen, Urlaub …“
Er antwortete: „Das können wir doch weiter machen. Du kannst immer zu mir kommen.“ Anscheinend war er hin- und hergerissen Dann sagte er noch: „Es gibt zwei Beatrice’ – eine herzliche und eine egoistische.“
21. Oktober
Wir hatten uns eine Woche nicht gesehen. Einige Nächte hatte Metin nicht zu Hause geschlafen. Einige Male lag in der Schmutzwäsche fremde Unterwäsche, die er sich anscheinend von einem Freund geliehen hatte, als er bei ihm nächtigte. Ich hatte alle körperlichen Symptome: Herzklopfen, Atemnot, Weinkrämpfe, Blasenstörungen, Ruhelosigkeit und Appetitlosigkeit. Dennoch hatte ich meiner Familie und den meisten Freunden noch nichts gesagt. Ich war in einer Art Warteposition und ungläubigem Schockzustand.
Wir frühstückten zusammen. Er war sehr wütend und beschimpfte mich fortwährend. Es ging wieder um ein Kind, das ich unter den gegebenen Voraussetzungen nicht haben wollte, obwohl er immer wieder für einige Zeit gearbeitet hatte und geholfen hätte, die Familie zu ernähren. Es ging um sein Traumauto BMW, das ich aus Kostengründen nicht kaufen wollte. Es ging um ein Haus, das ich stattdessen kaufen wollte. Er hätte sich an seinen religiösen Festen immer allein gefühlt, da ich das Gefühl für muslimische Feste nicht gehabt hätte. Er hätte meinetwegen kirchlich geheiratet. Ich hätte immer an Urlaub gedacht. So ging es weiter und weiter. Ich weinte und weinte. Er sagte: „Deshalb bin ich nie hier: Weil du immer weinst. Ich möchte das nicht mehr sehen.“
Er zeigte mir ein ausgefülltes Formular, mit dem er Sozialhilfe beantragen wollte. „Ich muss allein aufstehen.“
Ich sagte ihm, dass er bis zur Scheidung keinen Anspruch darauf hätte. Ich verteidigte mich: „Ich habe mich doch um alles gekümmert!“
„Was hast du denn gemacht? Du bist hundertprozentig schuld. Ich habe alles für dich gemacht. Alles. Du hast Geld, ich habe nichts.“
„Ich habe immer nur für uns gedacht und gearbeitet. Wir haben immer alles geteilt, was ich verdiente. Ich habe keinen Cent mehr gehabt als du. Du wirst dich wundern, wenn du allein wohnst.“
22. Oktober
Ich musste es nun im Freundeskreis bekannt machen. Ich hatte an alle Freunde, die es noch nicht wussten, per Brief die Nachricht über unsere Trennung geschickt. Nach und nach die Freunde mündlich zu informieren, war mir nicht möglich, weil es mir so wehtat. Es war besser, es alle auf einmal wissen zu lassen. Ich hatte eine Zeichnung von zwei Pinguinen aufgeklebt, die auf zwei Eisschollen in verschiedene Richtungen treiben, und einen Fünfzeiler geschrieben, in dem wir unsere Trennung bekannt gaben, uns gegenseitig für alles bedankten und uns vorgenommen hatten, niemals schlecht über den anderen zu sprechen.
26. Oktober
Als ich abends nach Hause kam und Metin sah, fing ich wieder an zu weinen. Ich musste mich aber beherrschen, da ich mit meinem Ex-Kollegen Richard, der in der Stadt war, zum Essen verabredet war. Leider hatte er im selben Restaurant, in dem ich das letzte Mal mit Metin gegessen hatte, eine Reservierung vorgenommen. Ich erzählte Richard stockend, aber beherrscht von unserer Trennung, ich hatte mich im Griff, und er hörte gut zu, war sehr betroffen und wünschte mir Glück. Als Langzeitverheirateter konnte er meine Situation zwar nicht so richtig nachvollziehen, versuchte aber trotzdem, mir beizustehen und gab mir einige Ratschläge. Als ich zu Hause ankam, war Metin immer noch da, was mich sehr verblüffte. Ich hatte nicht vermutet, ihn zu sehen. Er hatte etwas getrunken. Es war ihm ein großes Bedürfnis, mit mir zu reden. Wir hatten ein liebes Gespräch.
„Danke für alles. Ich MUSS allein aufstehen. Wir können weiterhin befreundet sein, aber das willst du nicht. Ich kenne dich. Ruf mich in einem Jahr an und frag: Was hast du gemacht, wie geht es dir? Du hast zu früh allen Bescheid gesagt. Was ist, wenn wir wieder zusammen sind?“
An diese Worte klammerte ich mich immer, wenn er sie sagte. Gleichzeitig war ich Realist genug, um zu wissen, wie lange ein Jahr dauert und was in diesem Jahr alles passieren kann.
„Aber du willst dich von mir scheiden lassen. Du willst mit deiner geschiedenen Frau wieder zusammen sein?“
„Es ist nur ein Papier. Ich möchte nicht, dass du weinst. Bitte mach es mir nicht so schwer. Deshalb gehe ich abends immer weg.“
Nach dem Gespräch ging es mir wesentlich besser. Zum Schluss umarmten wir uns. Er wollte mit mir Sex haben. Ich sagte, dass ich dann wahrscheinlich weinen müsste. Wir taten es nicht.
28. Oktober
Morgens sagte ich ihm, dass es mir seit unserem letzten Gespräch besser ginge. Er freute sich. Wir umarmten uns nochmals. Es ging mir so gut, dass ich mit ihm durch die Wohnung ging und ihm die Möbel zeigte, die er mitnehmen sollte, da er keine hätte. Er sagte, er bräuchte nur die Dolby-Surround-Anlage, alle anderen Möbel würde er sich vom Erlös des Grundstücksanteils kaufen.
29. Oktober
Metin schlief nicht zu Hause. Mein Bruder kam mit seiner Familie für ein paar Tage nach Berlin. Sie wohnten in einem Hotel. Abends gingen wir alle mit meiner Schwester und ihrer Familie, meiner Mutter, ihrem Bruder und seinen Kindern zum Essen. Ich informierte meine Familie darüber, dass Metin und ich uns einvernehmlich getrennt hatten und dass, sollten sie ihn treffen oder sollte er ab und zu wieder dabei sein, es schön wäre, wieder unbeschwert zusammenzusitzen. Ich wollte nicht schlecht über ihn sprechen. Es fiel mir unendlich schwer, das zu sagen, ich musste mich sehr darum bemühen, nicht die Fassung zu verlieren, und ich hoffte, dass das, was ich sagte, sich realisieren ließe.
Unsere Wohnung hatte ich gekündigt. Mir war klar, dass ich nach einem Auszug Metins nicht allein dort wohnen wollte. Meine Schwester Patrizia bot mir an, in ihr Haus zu ziehen, was sicher für einige Wochen gehen würde, bevor ich mir ein Zimmer in einer WG nehmen wollte. Sie wohnte zwar im Umland Berlins – aber bloß nicht allein wohnen!
1. November
Ich erhielt eine Postkarte meiner lieben Freundin Verena. Auf dem Bild war eine weiße Taube zu sehen, die aus einem offenen Käfig flog. Der Text: „Manchmal denkt man, es ist stark, festzuhalten. Doch es ist das Loslassen, das wahre Stärke zeigt.“ Sie hatte nur ein Herz gemalt und „deine Verena“ unterschrieben. Ich las den Text wieder und wieder, weinte und weinte und war unendlich dankbar, sie zur Freundin zu haben.
3. November
Ich war für zwei Tage mit einer Kollegin in Köln auf einer Messe. Es ging mir unglaublich schlecht, am liebsten hätte ich wie jeden Tag ununterbrochen geweint, aber ich musste mich beherrschen und mich auf die Gespräche konzentrieren und ließ mir nichts anmerken. Abends ging ich mit ihr essen und beim Verdauungsspaziergang am Kölner Dom vorbei. Wir gingen hinein. Es fand gerade eine Messe statt. Die Atmosphäre beruhigte mich etwas. Als ich endlich in meinem Hotelzimmer war, bekam ich plötzlich fürchterliche Bauchschmerzen und musste mich übergeben. Mir war total übel, ich bekam Schüttelfrost und schlief erst mitten in der Nacht ein. Am nächsten Morgen waren die Symptome Gott sei Dank verschwunden. Anscheinend hatte mein Körper total verrückt gespielt.
Wieder zu Hause angekommen, fühlte ich mich unendlich einsam, mein ganzer Körper schmerzte, und ich schrie und weinte vor Schmerz und Kummer. Ich schmiss mich auf mein Bett und trommelte mit den Fäusten gegen das Kissen. Mein Weinkrampf wollte nicht enden. Ich wusste nicht, wie ich die nächsten Monate überstehen sollte.
4. November
Metin und ich hatten uns eine Woche nicht gesehen und gesprochen. Er hatte nur eine Nacht zu Hause geschlafen. In der Post war ein Nachsendeantrag für ihn. Ich bekam einen erneuten Adrenalinstoß. Ich konnte durch das Brieffenster seine neue Adresse lesen. Sie war in einem Bezirk, in dem die meisten Türken in Berlin wohnen. Ich zitterte und weinte, als ich den Brief öffnete und mich vergewisserte. Ich beschloss, dort hinzufahren, wenn es dunkel war. Er war wirklich ausgezogen! Ich konnte nicht mehr klar denken und kaum noch atmen. Um 16.30 Uhr stand ich vor seinem Haus. Zwei Türken kamen aus einem Laden, der sich im Erdgeschoss befand. Ich fragte sie nach ihm, sie sagten mir, er wohne im Hinterhaus im Erdgeschoss. Als ich durch den Hof ging, konnte ich in ein Zimmer schauen, in dem das Licht brannte, und sah ihn. Vor dem Fenster gab es keine Gardinen. Ich ging zur Wohnungstür, wollte klingeln und spähte vorher durch den großen Spion. Ich sah den Flur, der in ein Zimmer mündete. Ich sah ihn umhergehen, dann sah ich eine schwarze Katze. Metin hasste Katzen. In diesem Moment kam eine junge Frau mit schulterfreiem T-Shirt und hochgesteckten Haaren aus einer Tür, die rechts vom Flur abging. Es war wahrscheinlich das Bad. Ich konnte nicht mehr atmen und war wie gelähmt. Sie ging zu ihm. In diesem Moment erhielt er einen Anruf und sagte danach auf Türkisch zu ihr, dass seine Frau vor fünf Minuten hier gewesen wäre. Anscheinend hatte ihn einer der Männer informiert. Er verzog das Gesicht. Sie sahen sich einen Moment schweigend an. Ich klingelte. Es dauerte einen Moment, bis er die Tür öffnete. Ich war wie panisch und stürmte an ihm vorbei durch den Flur in das Wohnzimmer, von dem aus die offene Küche und das Schlafzimmer abgingen. Ich sah sie nicht. Ich sah nur ein leeres Wohnzimmer mit einem Fernseher und einigen Flaschen auf dem Boden, eine leere Küche und im Schlafzimmer eine Matratze und einige Tüten. Er schrie: „Was machst du hier?“ Ich riss die Badezimmertür auf, und da saß sie auf dem Wannenrand. Sie war Türkin und sah aus wie Anfang zwanzig, das heißt zirka fünfzehn Jahre jünger als er, und ich fand sie ausgesprochen unattraktiv. Ich fragte sie, ob sie Deutsch versteht. Sie nickte. Ich fragte Metin, wie lange das schon ginge mit ihr. Er sagte: „Zwei Wochen.“ Ich schrie ihn an, dass er letzte Woche noch Sex mit mir haben wollte. Er schrie zurück, dass wir seit zwei Monaten getrennt wären.
Er wollte mit mir auf die Straße gehen, wo wir weitersprachen. „Ich habe gesagt, dass ich allein leben wollte. Ich habe gesagt: Ruf mich in einem Jahr an.“ Ich fragte: „Liebst du sie?“ Er antwortete: „Nein, aber ich probiere. Ich bin schon alt, und wir hatten kein Kind.“
„Ich bin schockiert. Erst sagst du, du willst allein leben, dann hast du schnell eine andere Frau.“
„Das ist mein Leben! Wir leben nicht zusammen. Die Wohnung gehört mir allein.“
„Sie hat eine Katze. Wenn die Katze auch da ist, wohnt sie bei dir.“
Ich redete ohne Zusammenhang: „Ich bin erstaunt, wie schnell das bei einer türkischen Frau geht. Oder du kennst sie schon länger und hast mich angelogen. Ich dachte, du hättest mehr Geschmack, sie ist sehr hässlich. Eine Frau mit Stil und Verstand macht das nicht.“
Als ich wieder in meinem Auto saß, rief ich Patrizia an und erzählte unter Tränen das soeben Erlebte. Sie war tief bestürzt und konnte es nicht glauben. Sie und Metin hatten sich auch immer gut verstanden. Danach rief ich Metin nochmals an, und wir hatten im Prinzip denselben Dialog wie wenige Minuten zuvor auf der Straße.
Ich konnte nicht wegfahren, ich musste noch einmal zurück- gehen, spähte noch mehrmals durch den Spion und die Fenster und drehte zwischendurch immer eine Runde um den Block, um meine Gedanken um das Gesehene, das so unfassbar war für mich, irgendwie zu ordnen. Einmal liefen beide herum und räumten etwas auf, das andere Mal sah ich beide, sich umarmend, auf der Matratze liegen. Dann stand er auf und hängte Handtücher vor die Fenster.
Irgendwann fuhr ich nach Hause. Mein Martyrium fing jetzt erst an. Solange wir noch zusammen wohnten, hatte ich auf einen Neuanfang gehofft, aber nun war er weg, noch dazu mit einer anderen Frau, und die Realität war schockierend.
Ich trank eine ganze Flasche Rotwein, fing an zu rauchen und weinte stundenlang. Mein Schmerz kannte keine Grenzen.
5. November
In der Nacht machte ich kein Auge zu. Ich dachte nur an ihn und sie und machte mir ohne Ende Vorwürfe, dass ich auf allen Ebenen versagt hätte und dass er jetzt heiße Nächte mit ihr verbringen würde. Der Gedanke, dass er eine andere Frau umarmte und mit ihr schlief, war unerträglich. Mein Magen schmerzte, und ich lief wie ein Tiger in der Wohnung hin und her, unfähig zu einem klaren Gedanken. Mittags rief ich ihn an. Ich rechtfertigte mein gestriges Kommen: Ich hatte durch die Post von seiner Wohnung erfahren und wollte ihn sprechen. Woher sollte ich wissen, dass er nicht allein war?
„Ich wollte nicht, dass du weißt, wo ich wohne. Es ist schon vorbei mit ihr.“
„Bist du traurig?“
„Nein. Ich habe heute überlegt, ich gehe schnell in die Türkei zurück.“
„Du schläfst mit einer anderen, und ich wasche noch deine Wäsche.“
„So war das nicht.“
„Du kannst mir glauben: Das ist das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann.“
„Ja, das glaube ich.“ Dann sagte er noch: „Du respektierst meine Mentalität nicht.“
Der Tag war ein Albtraum. Ich machte einen Plan bis zu meinem Auszug: Ich musste einige Möbel verkaufen und weiter ausmisten. Am Schlimmsten war es, die Couch zu sehen, auf der er oft gelegen hatte, und seine leere Kleiderschrankhälfte.
Verena hatte mir einen Brief geschickt mit einem selbst verfassten Gedicht über den trüben November, Kummer und Schmerz. Es endete: „Denn wenn die dunklen Nebelschleier sich demnächst auch wieder heben, ist jeder Tag wie eine Feier, und weiter geht das schöne Leben.“ Das Gedicht war zwei A4-Seiten lang. Wie viel Mühe hatte sie sich gegeben …
6. November
Es ging mir so schlecht, dass ich mittags das Büro verlassen musste. Ich hatte starke Magenschmerzen, nicht mehr an mich halten können und meiner Kollegin Anita von der Trennung erzählt. Meine schlechte Verfassung war ihr schon seit Wochen aufgefallen. Sie umarmte mich und lud mich zu sich nach Hause ein, um einen entspannten Nachmittag mit ihrer Familie zu verbringen. Ich dankte und sagte ab – ein intaktes Familienleben war das Letzte, was ich gerade gebrauchen konnte. Sie lud mich ein, immer zu kommen, wenn ich mich schlecht fühlte, und sie bot sich an, mit ihrem Mann vorbeizukommen, wann immer ich Hilfe bei den anstehenden Wohnungsarbeiten bräuchte. Sie war so lieb, und das tat gut.
Als ich vor meinem Wohnhaus ankam, kam Metin die Treppe herunter. Er lud seine Sachen in das Auto seines Freundes. Als er mich sah, sagte er: „Entschuldigung, ich wollte nicht, dass du das siehst mit der Frau.“ Ich ging nach oben, er kam hinterher. Es ging um die Dolby-Surround-Anlage und den Fernseher.
„Ich habe gestern einen Fernseher gekauft. Ich wollte noch mal sagen: Sie wohnt nicht bei mir. Ich habe sie zweimal getroffen.“
„Aber ihre Katze ist bei dir.“
„Ich soll eine Woche auf ihre Katze aufpassen. Ich sage ihr, in drei Tagen soll die Katze weg. Ich will auch nicht mehr. Nochmal Entschuldigung. Ich komme noch einmal und hole den Rest. Ich schaffe nicht alles.“
„Wenn du nochmal kommst, kannst du das Auto nehmen. Es ist vollgetankt.“
„Ich nehme deine Sachen nicht. Ich komme morgen und hole den Rest.“
Ich glaubte nicht, was er gerade über sie gesagt hatte.
Dann ging er. Es war wohl einer der schlimmsten Momente bei einer Trennung: wenn die Haustür zufällt, und der andere ist definitiv weg. Ich stand noch lange regungslos da, aber mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Aus seiner Sicht war es richtig, dass er ging. Er war konsequent und brauchte Freiheit.
Abends besuche ich Tatjana, die Freundin meines Onkels, in ihrer Wohnung. Bloß nicht allein zu Hause bleiben! Hauptsache, ich konnte darüber reden.
7. November
Ich musste geschäftlich nach Leipzig zu einer Veranstaltung. Es war ein stundenlanges Martyrium. Ich war den ganzen Tag unkonzentriert. Die Gespräche mit anderen Menschen nervten mich, weil ich nicht zuhören konnte. Als ich wieder zu Hause war, ließ ich den ganzen Kummer wieder heraus und schrie vor Schmerz. Ich hatte die letzten vier Tage in jeder Sekunde an Metin gedacht. Ich vermisste ihn unendlich. Ich konnte nichts mehr essen und hatte schon abgenommen. Ich trank wieder Rotwein und rauchte. Wir hatten Post von meinem Cousin und seiner Frau aus Mannheim, die sehr bestürzt waren über unsere Trennung. Die beiden schickten ein paar tröstende Zeilen. „Eure Nachricht hat uns aus heiterem Himmel erreicht und sehr traurig gemacht. Da dies nun ohne Zweifel eine schwere Zeit für euch ist, würden wir uns über ein Zeichen von euch freuen, sobald die Zeit etwas Abstand gebracht hat. Natürlich haben wir hier in unserer Wohnung ein Gästebett und freuen und jederzeit auf einen Besuch, um ordentlich gedrückt zu werden.“
Wir vier hatten uns sehr gut verstanden und einiges miteinander unternommen und viel gelacht. Das alles war nun vorbei. Mein Schmerz kannte keine Grenzen.
8. November
Ich las viel im Internet über Erste Hilfe für Liebeskummer-Kranke. Ich las, dass ich mir täglich etwas Gutes gönnen, mich täglich weiterhin schön machen und pflegen sollte, keinen Kontakt zum Ex haben und jede Einladung annehmen sollte, jeden Tag einzeln angehen und nur von heute auf morgen denken sollte, nicht unkontrolliert traurig sein sollte, sondern zu vorgegebenen Zeiten, viel reden sollte, die Wohnung umgestalten sollte, mir etwas Schönes zum Anziehen kaufen sollte und erkennen sollte, dass ich die wichtigste Person in meinem Leben bin. Die Tipps, die ich zum Teil schon beherzigte, taten mir gut. Ich ging jeden Tag gepflegt und gestylt ins Büro, auch wenn mir der Kummer ins Gesicht geschrieben stand. Denken konnte ich sowieso fast nur von heute auf morgen, alles andere überforderte mich völlig – aber reden tat mir gut.
Patrizia besuchte mich abends, um Flüge zu buchen. Im April wollte meine Familie anlässlich des Geburtstags meiner Mutter auf eine Mittelmeerinsel fliegen. Ich heulte ohne Ende. Sie war genauso bestürzt. Es tat sehr gut, mich bei meiner Schwester, die mich verstand, auszuweinen. Es tat auch gut, sich auf einen Urlaub zu freuen. Ein kleiner Lichtblick am Horizont!
9. November
Ich schlief seit Wochen in den Nächten maximal drei Stunden, und das noch nicht einmal am Stück. Ich sah aus wie der Tod auf Latschen und aß kaum. Damit ich wenigstens ein paar Kalorien zu mir nahm, trank ich jeden Abend einen halben Liter Kakao mit Vollmilch, bevor ich zum Rotwein griff. Mein erster Gedanke beim Aufwachen war: Metin ist weg! Mein zweiter Gedanke: Er hat eine andere! Es fühlte sich an wie Messerstiche, der ganze Körper schmerzte, in meinem Kopf hämmerten Millionen von Gedanken, und ich fühlte mich unendlich schuldig. Ich hatte das Gefühl, nichts wert zu sein. So ging ich durch den Tag. Ich konnte niemandem mehr zuhören, ich schaute nicht mehr fern, las nichts mehr, nichts interessierte mich. Im Büro war ich oft aggressiv. Ich konnte es nicht ertragen, wenn mir jemand etwas erzählte, da ich mich auf gar nichts mehr konzentrieren konnte und oft unhöflich das Gespräch abwürgte oder verkürzte. Ich dachte immer nur: Mein Mann, den ich von Herzen liebte, hatte mich verlassen und lag nun mit einer anderen Frau im Bett! Ich nahm alle seine Vorwürfe an und verurteilte mich deshalb. Ich saß oft vor dem Internet und googelte Worte wie „Liebeskummer“, „Lückenfüllerin“ oder „Verarbeitung Liebeskummer“ und las stundenlang in der Hoffnung, dass es mir danach besser gehen würde. Ich las, auf welch unterschiedliche Weisen Frauen und Männer Liebeskummer verarbeiteten. Ich fand weitere Erste-Hilfe-Anleitungen für Liebeskummer-Kranke. Ich druckte mir vieles aus, was ich diesbezüglich an Literatur aus dem Internet bekam, und verschlang diese. Die beste Rache sollte übrigens sein, ein glückliches Leben zu beginnen. Davon war ich noch weit entfernt, wollte es aber gern. In der Mittagspause kaufte ich drei Bücher über Liebeskummer. In einem Buch war ein Kapitel den Lückenfüllern gewidmet. Besonders Männer nahmen sich schnell eine, um sich abzulenken und die innere Einsamkeit zu überdecken. Zweisamkeiten mit Lückenfüllern halten aber nicht lange. In den meisten Fällen nur so lange, bis es dem Getrennten emotional wieder gut geht. Es war meine Hoffnung, dass es bei Metin und seiner Neuen auch so war.
Nachmittags ging ich zu meiner Hausärztin, da ich die unentwegten Magenschmerzen nicht mehr ertragen konnte. Ich konnte mich bei ihr nur mühsam beherrschen, nicht in Tränen auszubrechen. Sie schaute immer wieder auf meinen Ehering, den ich auf jeden Fall im Büro bis zum Tag der Scheidung tragen würde. Dann gab sie mir etwas gegen die Bauchschmerzen, ein Antidepressivum und eine Broschüre mit Namen von Psychotherapeuten in meinem Bezirk.
Meine Mutter hatte mir eine Broschüre von Selbsthilfegruppen in den Briefkasten gesteckt. Darauf hatte sie geschrieben: „Du bist wer!“
Ich brauchte so schnell wie möglich Hilfe. Ich saß niemals depressiv herum, außer wenn ich Rotwein trank und Zigaretten rauchte (ich wunderte mich, wie schnell aus einem Nichtraucher ein Raucher werden konnte), ich lief immer wie eine Gehetzte herum, immer unruhig und immer überlegend, was ich als Nächstes tun könnte.
Abends fuhr ich zu Katja zum Essen. Ihre Schwester Vanessa war auch da, sie hatte sich gerade von ihrem Ehemann getrennt. Katja hatte nach wie vor Kummer mit ihrem Freund. Es tat uns allen drei so gut, sich gegenseitig auszusprechen. Ich musste immer reden, etwas anderes als mein Kummer und der meiner Freundinnen interessierte mich zurzeit nicht.
10. November
Im Büro fing ich mitten in der Arbeit an zu weinen. Anita fragte mich, ob ich eine Runde mit ihr drehen wollte. Die kalte Luft tat mir gut. Ich erzählte ihr ein paar Sätze, keine Details, aber gerade so viel, dass es mir gut tat. Ich war ihr so dankbar, weil sie mir eine Menge Arbeit abnahm, die ich zurzeit nicht bewältigen konnte. Die anderen Kollegen sollten es nicht erfahren. Ich wollte mir einen Ort bewahren, an dem ich mich normal geben und an dem ich normal behandelt werden wollte. Außerdem hätte es sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen.
Abends hielt ich es nicht zu Hause aus. Ich fuhr wieder zu ihm. Die Haustür war angelehnt, und ich konnte ohne Probleme durch den Hof in sein Fenster spähen. Sie waren zwar durch Tücher verhängt, aber links und rechts von ihnen waren Spalte. Sie saßen auf einem zusammengefalteten Karton, sahen fern, tranken Rotwein und rauchten. Auf dem Herd stand Essen. Dann beugte sie sich zu ihm herüber, und sie küssten sich. Ich fand, er sah dabei merkwürdig aus, steif und mit halb verrenktem Hals, so, als ob er keinen Spaß dabei hatte. Den hatte er sicher auch nicht. Es war sicher ein merkwürdiges Gefühl für ihn, plötzlich eine andere Frau zu küssen. Ich konnte sehen, dass er noch keine Möbel hatte – bis auf die Küchenmöbel, die schon halb aufgebaut waren. Auf jeden Fall hatte er mich angelogen. Es war nicht aus zwischen ihnen, sondern es ging weiter. Ich konnte sie mir genau ansehen. Sie war höchstens vierundzwanzig und dünn, und ich fand sie sehr unattraktiv. Die Augenbrauen hatte sie rasiert und mit einem Stift nachgezeichnet. Sie konnte ihm unmöglich gefallen.
Ich wollte ihnen keinen schönen Abend gönnen, also rief ich ihn von zu Hause an und fragte ihn, wann er die restlichen Sachen holen wollte. Er sprach müde und langsam vom Alkohol: „Ich weiß noch nicht. Wann bist du denn nicht da? Vielleicht am Montag.“
Ich wollte ihn aus der Reserve locken: „Hat denn deine neue Freundin ein Auto? Ich würde es dir ja bringen, aber dann ist sie da, und das will ich nicht.“
„Nein, nein, hier ist keiner.“
„Doch, ihr wohnt doch zusammen. Du musst mich nicht anlügen.“
Ich fragte, ob seine neue Freundin einen Job hätte. Er sagte, er wolle jetzt nicht reden, und wir hängten ein.
Nach dem Telefonat ging es mir besser, und ich hatte keine Bauchschmerzen mehr. Er hatte mich angelogen! Er hatte mich nicht verdient! Meine Liebe war vorbei! Ich spürte plötzlich einen Energieschub.
Sie hatten sich einfach so geküsst, ohne dass er über sie herfiel. Wenn wir uns geküsst hatten, wollte er immer gleich Sex. Außerdem war er Raucher. Das waren die Gründe, warum wir uns nur noch selten geküsst hatten, außer beim Sex. Es tat sehr weh zu sehen, dass er eine andere küsste.
Ich rief Vanessa an und erzählte, was ich gesehen hatte. Sie fragte, warum ich dort hingefahren wäre. Ich antwortete, dass ich die Trennung schneller verarbeiten würde, wenn ich die Dinge mit eigenen Augen sehen würde. Auch wenn es mir unglaublich wehtat. Nur so konnte ich versuchen, das Gesehene mit meinem Verstand aufzunehmen und mich nicht selbst zu belügen.
Ich nahm eine halbe Tablette Antidepressiva. Ich schlief genauso wenig und wachte zwischendurch zweimal auf, aber wenn ich schlief, dann tief.
11. November
Es war ein Samstag. Ich hatte die schlimmste Woche aller Zeiten hinter mir, sämtliche Liebeskummer-Symptome und war nur am Weinen. Die halbe Tablette wirkte noch. Ich war bleischwer und saß bis um 14.00 Uhr untätig nach dem Frühstück an meinem Esstisch herum. Innerlich war ich jedoch total unruhig. Ich hatte die ganze Zeit die gestrigen Bilder vor Augen. Ich konnte heute nicht einmal weinen, so gelähmt war ich. Ich wollte schnell aus der Wohnung ausziehen, die zu Ende Januar gekündigt war.
Nachmittags rief ich ihn an. Es sprudelte aus mir heraus. Ich bemühte mich, freundlich zu sprechen, um einen Streit zu vermeiden. Ich sagte ihm, dass er irgendwann angefangen hatte, sich mit seinen Freunden zu vergleichen. „Aber sind sie wirklich besser? Sind sie glücklicher? Ich glaube nicht. Wenn die Liebe zur Routine wird und der Alltag die Liebe erdrückt, muss man Gemeinsamkeiten finden und mehr Zeit zusammen verbringen. Ich machte immer Vorschläge wie Sport, Kultur, Ausflüge. Das machte dir keinen Spaß. Irgendwann erwiderten wir auch unsere körperlichen Annäherungsversuche nicht mehr. Und mein Verantwortungsbewusstsein und mein Pflichtbewusstsein überdeckten die Liebe. Vielleicht hätte ich mich auch mehr für Autos und Elektronik interessieren müssen.
Ich habe dich immer für deinen guten Charakter und mentale Festigkeit bewundert.
Mir geht es jetzt viel schlechter als dir. Du hast dich monatelang auf die Trennung vorbereitet, für mich kam sie plötzlich. Ich würde alles tun, um unsere Trennung ungeschehen zu machen, ich wünsche mir so sehr, dass wir noch einmal von vorn anfangen können.
Ich fühlte mich auch einsam, wenn du am Sonntag nach dem Frühstück gingst und erst abends nach Hause kamst. Ich habe fast nie etwas gesagt, um dir die Freiheit zu lassen. Ich wusste, wie wichtig es für dich ist, deine Freunde zu treffen.“
„Glaubst du wirklich, dass ich glücklicher bin als du? Ich habe im letzten Monat alles verloren. Ich suche momentan keine Arbeit.“
„Was sagt sie denn, wenn du nicht arbeitest?“
„Das ist ihr egal. Wir sind eine andere Mentalität. Sie kann gehen oder bleiben. Vielleicht wird sie in ein paar Monaten gehen.“
„Sie geht bestimmt nicht mit dir in die Türkei.“
„Das stimmt. Mit welchem Recht bist du zu mir gekommen?“
„Ich hatte eine Woche nichts von dir gehört.“
„Ich wollte es dir sagen, aber dein Bruder war da.“ Dann sagte er: „Sie ist sehr intelligent. Du hattest jeden Tag nach der Arbeit schlechte Laune. Im Moment denke ich gar nichts. Ich will mit meiner Mentalität zusammen sein. Du hast alles falsch gemacht.“
„Meine Familie weiß nicht, dass du eine neue Freundin hast.“
„Danke.“
Ich wollte wissen, wie er die Wohnung gefunden hatte und ob er oder das Amt sie bezahlte. Er war sauer über die Fragen und beantwortete sie nicht.
Ich sagte: „Ich muss das wissen, weil wir noch verheiratet sind.“
„Du denkst nur ans Geld.“
„Geld ist total unwichtig.“
Das Geld von seinem Grundstücksverkauf war sicher schon aufgebraucht: Er hatte einige Möbel gekauft, eine Waschmaschine, einen Fernseher, Geschirr, er musste essen, er rauchte. Ansonsten musste ich ihm bis zur Scheidung Trennungsgeld zahlen.
Am Abend stellte ich die Möbel im Schlafzimmer um, was ich längst hätte tun müssen. Es gab mir das Gefühl von Abstand zu ihm. Ich weinte das erste Mal um 19.00 Uhr, so lange konnte ich mich halten. Ich war jetzt wütend darüber, dass er so schnell eine andere hatte. In der Nacht schlief ich besser als zuvor, wachte allerdings zweimal auf und stritt laut mit ihm. „Du hat jetzt eine Frau, mit der du die Probleme, die du mit mir hattest, nicht mehr hast. Geht sie auch für dich arbeiten? Sagst du zu ihr: ‚Kauf mir ein Auto‘ oder ‚Ich muss in die Türkei fliegen, buche mir den Flug’? Hat sie gefragt, was du beruflich machst? Hast du gesagt: ‚Seit drei Jahren nichts’? Und sie hat gesagt: ‚Das macht nichts. Hauptsache, wir haben jetzt guten Sex.‘ Eine intelligente Frau verliebt sich nicht in einen Mann, der gerade frisch getrennt ist und der keine Arbeit hat. Ich überweise dir Geld, und ihr lebt davon. Vielleicht kaufst du ihr davon ein Geschenk oder schöne Unterwäsche?“ Ich kochte vor Wut.
12. November
Ich fühlte mich total gedemütigt und war sehr wütend. Patrizia sagte: „Wut ist ein gutes Zeichen.“ Ich heulte nur dreimal kurz – vor Selbstmitleid. Meine körperlichen Schmerzsymptome waren nicht mehr so stark. Ich dachte weiterhin ununterbrochen an sie und ihn, mein Gehirn konnte einfach nicht glauben, dass es vorbei war. Ich mistete weiterhin meine Schränke aus, was gut tat, und inserierte einige Dinge und Möbel in der Zeitung und bei ebay-Kleinanzeigen.
13. November
Morgens hatte ich wegen der anhaltenden Blasenschmerzen einen Termin beim Urologen. Nach dem Büro traf ich meine Freundin Annette. Sie fand es unmöglich, dass er mich nicht über seinen Auszug informiert hatte. Ferner sagte sie: „Ihr wart neuneinhalb Jahre zusammen. Das ist, als ob er dich plötzlich wegschmeißt. Und das mit der Frau klingt alles sehr überstürzt.“ Alles, was meine Freundinnen sagten, tat mir gut.
15. November
Meine liebe Freundin Verena wollte wissen, wie es mir geht. Ich schrieb zurück: „Es geht mir ganz schlecht. Es wird noch Monate andauern. Ich bin kein Mensch mehr und lese viele einschlägige Bücher, rede viel, bin viel außer Haus. Allein in der Wohnung drehe ich durch. Gestern holte er wieder Sachen und heute den Rest. Seit drei Tagen sind die Magenschmerzen nicht mehr so stark, und ich war schon wütend, das hilft. Aber immer nur kurz. Kein Schlaf, kein Essen, Unruhe, Schmerzen, Blasenentzündung … war beim Arzt … wirklich helfen konnte er nicht. Spritzte in die Schilddrüse (beruhigt) und gab Tabletten. Nächste Woche gehe ich zu einer Gruppe. Ich mache mir viele Vorwürfe. Die schnelle Trennung, Auszug, die Neue. Vorletzte Woche sagte er mir, er hätte sie zweimal getroffen, und es wäre vorbei. Er log, sie sind noch zusammen, ich glaube, sie wohnt bei ihm. Männer nehmen in der Situation nun mal schnell eine Neue, egal, wie/wer sie ist. Hauptsache, sie sind nicht allein. Als ich es herausbekam, sagte er, er kenne sie seit zwei Wochen. Ich glaube ihm nicht. Das macht mich fertig. Ich weiß, er kann machen, was er will, aber es ist zu viel auf einmal zu verkraften.“
Sie antwortete: „Warum machst DU dir Vorwürfe? Lass dir nicht den Schwarzen Peter zuschieben! Du bist hier das Opfer! Ich schicke dir eine Umarmung und einen dicken Schmatz!“
Ich schrieb: „Deine Worte sind Balsam. Dennoch – er ist von mir gegangen, aus diversen Gründen. Und mit vielem hat er recht. Auch wenn ich oft nur reagierte, die Dinge sich verselbständigten und er auch viele Macken hat. ER hat MICH verlassen. Ein Schmerz ohne Ende. Der einzige Vorwurf, den ich ihm machen kann, ist, dass er sich nicht um einen Job bemühte, jahrelang nicht. Das war belastend. Deshalb war ich oft schlecht gelaunt. Ich war immer so pflichtbewusst, dass Spaß und Sex auf der Strecke blieben.“
Nachmittags stieg wieder die Wut in mir hoch. Ich machte eine Liste: „Vorteile/Nachteile Trennung“. Die Punkte auf der Seite „Vorteile“ waren länger, dafür waren die Punkte auf der Seite „Nachteile“ emotionaler und lagen im menschlichen Bereich, was schwerer wog.
Ich rief ihn vom Büro an. Es war ein ruhiges Gespräch. Wir wollten beide keinen Streit mehr. Ich fragte ihn, ob wir essen gehen wollten. „Ja, vielleicht morgen.“
„Es ging alles so schnell. Ich kann nicht mehr essen, schlafen, arbeiten.“
„Tut mir leid. Ich schaue, ob ich Zeit habe. Ich habe keine Möbel, das ist das Problem.“
„Nimm Möbel mit. Ich weiß nicht, wie lange du die Frau kennst. Als ich neulich in deiner Wohnung war, sagtest du, du kennst sie erst zwei Wochen. Ich glaube, du kennst sie länger.“
„Nein, das stimmt nicht. Ich will nicht mehr mit deinen Regeln leben. Auch nicht mit den Regeln anderer Menschen. Wir können uns immer sehen, ich kann dir auch helfen.“
„Du musst nicht mehr mit meinen Regeln leben. Wohnt sie bei dir?“
„Nein, nicht immer.“
„Alle fragen jeden Tag, ob es mit uns wirklich vorbei ist. Es kann keiner glauben.“
„Ich rufe dich an.“
„Du musst doch nicht jeden Abend nach Möbeln schauen.“
„Ich habe noch anderes zu tun.“
Nach dem Telefonat ging es mir besser. Ich fühlte mich zum ersten Mal seit Wochen ausgeruht und hatte mit einem Schlag fast keine körperlichen Beschwerden mehr. Und ich war voller Vorfreude auf ein Essen mit ihm.
16. November
Ich hätte es endlich dabei belassen sollen. Natürlich sollte ich ihn nicht mehr sehen, aber das konnte ich noch nicht. Abends fuhr ich wieder zu ihm, um zu spionieren. Ich hatte nichts vor und hielt es allein nicht zu Hause aus. Die Haustür war wieder nur angelehnt. Ich schlich durch den Hof ins Hinterhaus und spähte durch den Spion. Sie saß vor dem Fernseher. Er kam aus dem Schlafzimmer, anscheinend hatte er geschlafen, und ging duschen. Danach saugte er. Sie sprachen über die Anschaffung eines Föns. Gott sei Dank sprachen sie deutsch. Ich drehte eine Runde auf der Straße. Als ich wieder vor der Wohnungstür durch den Spion spähen wollte, öffnete sie die Tür und erschrak. Sie hatte ihre Jacke an und war gerade am Weggehen. Es war 21.00 Uhr. Ich erschrak nicht minder, ließ es mir aber nicht anmerken. Ich sagte „Guten Abend, ich möchte mit Metin sprechen.“ Er kam schnellen Schrittes zur Tür. Ich sagte: „Wir wollten doch essen gehen.“ Zu ihr sagte ich: „Du kannst jetzt gehen.“ Sie ging schnell und wütend davon. Er war auch wütend, dass ich gekommen war, griff seine Jacke, und wir gingen auf die Straße. Er versuchte noch, sie zu entdecken und drehte sich nach allen Seiten um, aber sie war schon weg. Er sagte, es ginge ihm sehr schlecht. Er kenne sie seit dreieinhalb Wochen. Er mochte eigentlich keine Türkinnen, die in Deutschland aufgewachsen waren, so wie sie. Er sagte, dass er mich nicht sehen möchte, das mache ihn traurig, wenn er mich leiden sehe. Mein Erscheinen zeige ihm wieder einmal meinen Egoismus. „Ich weiß nicht, wie das mit ihr gekommen ist. Ich wollte eigentlich keine Türkin. Ich stehe jetzt zwischen zwei Frauen.“
Ich nahm ihn im Auto mit in die City, er wollte dort durch die Nacht laufen. Beim Abschied umarmten wir uns. Er sagte, dass er mich doch weiterhin sehen und sprechen möchte.
Ich rief ihn später an und wollte, dass er zu mir kommt. Er sagte, sie hätte ihm eine SMS geschickt, und es wäre nun vorbei zwischen ihnen. Sie schrieb, sie wollte nicht dauernd seine Ex sehen. Er machte einen verzweifelten Eindruck. Obwohl es mir so schlecht ging und ich innerlich leicht frohlockte, dass sie wütend war auf ihn, tat er mir leid. „Es war deine Entscheidung wegzugehen. Ich habe dich lieb. Ich komme nicht mehr. Wir sprechen uns.“
„Ich will dich auch sehen. Wir gehen bald essen.“
Бесплатный фрагмент закончился.
