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Lutz Kreutzer (Hrsg.)
Schaurige Orte in der Schweiz
Unheimliche Geschichten

Zum Buch
Schauer und Grusel in der Schweiz Zwölf schaurige Geschichten von zwölf Autoren über zwölf reale Orte in der Schweiz, angelehnt an Legenden und Ereignisse vom Mittelalter bis in die Gegenwart: Warum ein böser Ritter im Baselbieter Jura nach seinem Tod keine Ruhe fand. Auf welche Weise eine Lehrerin ihrem Schönheitswahn im Schloss Chillon erlag. Wie ein Poltergeist einen Zürcher Pfarrer das Fürchten lehrte und ein junger Kragenwäscher dafür mit seinem Leben bezahlte. Warum ein alter Bergsteiger um vier Männer in der Eigernordwand bangte. Wie der Riese Botti ein kleines Mädchen vor einem bösen Tier beschützte. Als ein Student in ein Sanatorium im Tessin einstieg. Weshalb unter dem Galgen in Ernen ein Toter lag. Wie eine Frau im Franzoseneinschlag bei Solothurn in den Bann verfluchter Seelen geriet. Warum traumatische Erlebnisse einen Rennläufer am Lauberhorn an seine Grenzen führten. Wie ein Mann in Luzern von einer drogenkranken Frau vereinnahmt wurde. Von den Wirrnissen eines Radfahrers am Malojapass. Warum ein Skilehrer im Wintersturm auf den Säntis stieg und den Wetterwart und dessen Frau erschoss.
Lutz Kreutzer wurde 1959 in Stolberg/Rheinland geboren und lebt in München. Er ist Autor von Thrillern, Kriminalromanen sowie Sachbüchern und Herausgeber von Kurzgeschichten-Bänden. Er coacht Autoren auf großen Buchmessen und Kongressen und richtet den deutschsprachigen Self-Publishing-Day aus. Der promovierte Naturwissenschaftler gründete am Forschungsministerium in Wien ein Büro für Öffentlichkeitsarbeit. Seine Reisen und alpinen Abenteuer nimmt er zum Anlass, komplexe Sachverhalte in spannende Literatur zu verwandeln. Lutz Kreutzer arbeitete lange als Manager in der IT- und Hightech-Industrie. Seine Arbeit wurde mit mehreren Stipendien gefördert. Mehr unter: lutzkreutzer.de
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Daniel Abt
Herstellung: Mirjam Hecht
Karte: Katrin Lahmer
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Frank Krautschick /
stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6788-2
Inhalt
Zum Buch
Impressum
Inhalt
Karte
01 Mord in eisiger Höhe
von Christine Brand
02 Maloja – kein Pass für schwache Nerven
von Daniel Badraun
03 Der Kragenwäscher
von Sunil Mann
04 Spuren der Zeit
von Lorenz Müller
05 Das Phantom
von Silvia Götschi
06 Der Galgen von Ernen
von Christine Bonvin
07 Der Oger von Grindelwald
von Lutz Kreutzer
08 Gottes Wille kennt kein Warum
Von Marc Girardelli
09 Der Ritter von Scheidegg
von Barbara Saladin
10 Der Schatz im Franzoseneinschlag
von Christof Gasser
11 Bottis Grab
von Marcus Richmann
12 Alt verknallt
von Michaela Grünig
Die Autoren
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Karte

01 Mord in eisiger Höhe
von Christine Brand
Auf dem Gipfel des Säntis, des höchsten Bergs im Alpstein, steht eine Wetterstation. Bis 1969 wurde das Observatorium selbst während des Winters durch einen Wetterwart bedient, der – abgeschnitten vom Rest der Welt – Tag für Tag die Wetterdaten hinab ins Tal rapportierte. Kaum jemand weiß, dass das Observatorium vor fast genau 100 Jahren zum Tatort eines schrecklichen Verbrechens wurde. Als im Februar 1922 die Meldungen des Wetterwarts Heinrich Haas fünf Tage lang ausblieben, stieg ein besorgter Säntisträger zum Gipfel. Dort fand er zu seinem Entsetzen die Leichen des Wetterwarts und dessen Frau Lena vor. Was sich genau in den letzten Tagen ihres Lebens ereignet hat, konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden. Es gab nur einen Überlebenden und Zeugen der Tat: den Säntishund »Sturm«.
Es ist eine schreckliche Geschichte. Ich wünschte, sie wäre nicht passiert. Wäre es möglich, ich würde sie ungeschehen machen. Doch das geht nicht. Es ist zu spät. Die anderen werden sagen, ich sei schuld an der ganzen Sache. Aber so einfach ist das nicht mit Schuld und Unschuld. Es gibt nie nur eine Wahrheit. Je einfacher etwas auf den ersten Blick erscheint, desto komplizierter ist es, wenn man genauer hinschaut. Doch lassen Sie mich von vorne beginnen. Ich werde Ihnen die Geschichte erzählen, die mir als die wahre erscheint. Meine Geschichte. Die Geschichte von Gregor Anton Kreuzpointner.
Ich befinde mich in einer alten Scheune, wie ich dies hier schreibe, sie liegt in der Nähe der Schwägalp am Säntis. Ein klägliches Versteck. Es ist kalt, meine Finger sind steif, ich kann den Stift kaum halten. Die Sonne hat sich längst hinter den Gipfeln weggeduckt, auch das letzte Licht des Tages stiehlt sich davon. Die Buchstaben werden undeutlich im flackernden Schein der Laterne. Und doch muss ich die Worte niederschreiben, ich will nicht schweigend von der Welt gehen.
Dass ich gehen muss, scheint unausweichlich.
Die Verzweiflung, die mich getrieben hat, war groß, nun ist sie der Resignation gewichen. Wenn sie mich finden, werde ich tot sein. Lebend werden sie mich auf jeden Fall nicht kriegen, so viel ist klar. Es ist kein großer Preis, den ich bezahle, denn mein Leben ist mir längst abhandengekommen. Dabei war so lange alles gut gegangen. Zu gut womöglich. Das Glück war ein falsches Versprechen, nicht mehr als eine Seifenblase, die schön und bezaubernd und verlockend erscheint und die in der nächsten Sekunde zerplatzt.
1911 bin ich in die Schweiz gekommen, aus Bayern, ich war 19, gelernter Schuhmacher. Elf Jahre ist das her. Wie die Zeit vergeht. Es fühlt sich an wie eine Ewigkeit – gleichzeitig kommt es mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich in Herisau die Stelle als Gummiarbeiter angetreten habe. Ich habe geschuftet wie ein Irrer, auch wenn der Heinrich später das Gegenteil behauptet hat, der Lügner, der falsche Hund. Ich weiß, wie man anpackt. Ich bin kein fauler Sack! Ich habe mich von ganz unten nach oben gekämpft, nur um dann umso tiefer zu fallen. Doch wie hätte ich das ahnen können?
Ich war ein fescher Kerl, bin es noch immer, einer, dem die Damen zukichern und der sie zum Erröten bringt. Sportlich war ich der Beste, ich hätte es auf den Skiern bis an die Spitze gebracht, ohne Zweifel, wenn man mich gelassen hätte. Auch am Berg bin ich nicht zu schlagen. All die reichen Herren wollten mich als Bergführer und Skilehrer haben. Das Geld steckten sie mir in Bündeln zu; ich müsse mich selbstständig machen, meine eigene Schuhmacherei gründen, mein eigener Chef sein, damit ich mehr auf den Sport setzen könne. Damit ich mehr Zeit für sie hätte. Sie haben mich bewundert, sie haben mich hofiert. Ich war ein Narr und dachte, sie wären meine Freunde.
Das Geld hat nicht lange gereicht. Ich war zu oft am Berg und zu selten in der Werkstatt. Heute, im Nachhinein, muss ich sagen: Die Berge waren meine Liebe und meine Leidenschaft – und jetzt sind sie mir zum Verhängnis geworden. Es wäre anders gekommen, wenn es den Heinrich Haas nicht gegeben hätte. Erst hat er mein Glück geraubt, dann nahm er sich, was für mich bestimmt gewesen wäre. Er hat mein Leben zerstört.
Neue Zürcher Zeitung,
25. Februar 1922
Unglücksfälle und Verbrechen.
Mitten in den Fastnachtstrubel hinein fällt die Nachricht einer entsetzlichen Bluttat, der zwei brave, pflichteifrige Menschen zum Opfer fielen, die auf einsamer Höhe von Mörderhand getötet wurden. Auf 2.500 Metern, auf dem Gipfel des Säntis, verrichtete der Wetterwart Heinrich Haas mit seiner Frau Lena seinen schweren Dienst, nur durch einen dünnen Draht mit der Welt in der Tiefe verbunden, ringsum von Eis und Schnee umgeben, gefangen im selbstgewählten Exil. Ein meisterhafter Träger, der dem Ehepaar Haas das Notwendigste zum Leben wöchentlich einmal auf den Gipfel brachte, war in der Winterzeit der einzige Bote aus dem Tale, wo ihre zwei Kinder der Sorge guter Freunde anvertraut waren. Jetzt hat er das Ehepaar tot aufgefunden, ermordet. Man kann es kaum fassen, dass bis da hinauf ein Mörder den Weg fand, dass diese kleine Stätte nicht gefeit war vor bösen Taten und schlimmen Menschen, die es in tiefer Einsamkeit fertigbringen, zwei bescheidene Menschen zu berauben und zu töten. Diese Weltverlassenheit war der Stundengenosse des Täters; er wusste, dass weitherum niemand ihn an seiner Tat hindern, niemand ihn beobachten und verscheuchen, niemand seinen Opfern zu Hilfe eilen konnte, er war mit ihnen allein im eingeschneiten Häuschen und ein Entrinnen gab es hier für sie nicht.
Ich hatte das Inserat in der Zeitung gelesen: Gesucht, Säntiswart! Das war vor drei Jahren, als ich gerade das erste Mal Konkurs anmelden musste. Ich wusste auf Anhieb, dass das meine Berufung ist: Wetterwart auf dem Säntisgipfel.
Der frühere Wetterwart war durchgedreht. Das kann passieren in der monatelangen Einsamkeit auf der Wetterstation auf dem Gipfel des Säntis, des höchsten Bergs im Alpstein, hier in der Ostschweiz. Aber ich versichere Ihnen: Mir wäre das nicht passiert. Diese Weite! Das Panorama! Vor einem liegen die Spitzen der Berninagruppe: Piz Bernina, Piz Morteratsch und Piz Boval. Vom Säntisgipfel aus kann man in sechs Länder sehen: die Schweiz, Deutschland, Österreich, Liechtenstein, Frankreich und Italien. Wer dort oben steht, sieht auf die Welt hinab. Wer dort oben steht, ist König. Und der Wetterwart, der die Daten des Observatoriums ins Tal hinabsendet und damit hilft, das Wetter vorherzusagen, ist gar der Kaiser. Höher kann man nicht aufsteigen. Fast hätte ich es geschafft.
Um zu verhindern, dass den neuen Wetterwart dasselbe Schicksal ereilt wie seinen Vorgänger, dass nicht auch er in den Wahnsinn abdriftet, sollte niemand mehr allein einen Winter dort oben verbringen: Nur noch Ehepaare durften sich bewerben. Ich zögerte keine Sekunde und bat Katharina um ihre Hand. Ich wollte sie heiraten und mitnehmen, sie liebte mich, sie würde mich begleiten, auch wenn sie aus gutem Hause stammte und das Leben dort oben nicht einfach sein würde. Dafür wartete ein Abenteuer auf uns, ein verantwortungsvoller Auftrag, höchstes Ansehen! Auf einen Schlag würde ich all meine finanziellen Sorgen los sein. Es war für mich keine Frage, dass wir so schnell als möglich heiraten und die Stelle erhalten würden. Ich hätte gemeinsam mit Katharina dort oben das Glück gefunden, so viel ist gewiss.
Dann begann ihr Vater, Fragen zu stellen. Ich war ihm wohl nicht gut genug, als Deutscher, als zugezogener Fremdling ohne begütertes Elternhaus. Ihr Vater hat sich umgehört, hat vom Konkurs erfahren. Und dann erzählt ihm der Heinrich, ich sei ein fauler Sack, arbeitsscheu, für nichts zu gebrauchen. Der Lügner! So war das nicht. Ich wollte mich verteidigen, doch es war zu spät, da hat mir schon niemand mehr geglaubt. Katharina lehnte meinen Antrag ab, und alleine hatte ich mit meiner Bewerbung um die Stelle als Wetterwart auf dem Säntis keine Chance mehr. Und dann kriegt sie ausgerechnet ebendieser Heinrich Haas. Das war Betrug! Der hinterhältige Mistkerl ist mit seiner Lena in die Wetterstation gezogen, hat die Kinder im Tal zurückgelassen. Wie er sich dafür feiern ließ! Postkarten hat er drucken lassen: Er posiert mit seiner Lena im Schnee, sie sägt das Holz, er spaltet es. Auf einer anderen Postkarte sieht man, wie sie ihm die Haare schneidet, während er ein Buch liest, darüber steht in gedruckter Schrift: Observatorium Säntis, Selbsthilfe: Frau Säntiswart Haas an der Arbeit.
Dabei hätte ich auf dem Bild sein sollen, mit meiner Katharina. Lange Zeit habe ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Ich habe meine Kunden auf den Säntisgipfel geführt, manchmal bin ich auch alleine hochgestiegen. Ich versuchte weiterzumachen, eröffnete erneut eine Schuhmacherei, führte daneben meine eigene Berg- und Skischule. Doch es war, als hätte sich auf einmal alles gegen mich verschworen. Das Geld ging aus, die Schulden wuchsen, die Pfändungen häuften sich. Wieder folgte ein Konkurs. Niemand war mehr bereit, mir zu helfen. Doch ich brauchte Geld, um zu überleben.
Es war nicht mein Fehler. Heinrich Haas war für meine Misere verantwortlich. Er allein. Obwohl ich den seelenlosen Schuft dafür verachtete, war er meine letzte Chance. Ich brauchte Geld. Er verdiente genug. Er war es mir schuldig.
Neue Zürcher Zeitung,
26. Februar 1922
Unglücksfälle und Verbrechen.
Dieser Tage ging die Meldung durch die Presse, dass die Telegraphenverbindung und die Telephonleitung nach der Säntisstation offenbar durch Schneedruck zerstört worden und der Säntiswart mit seiner Frau von jeder Verbindung zur Außenwelt abgeschnitten sei. Die Meldung erregte kein Aufsehen, da an den Leitungen schon öfters Defekte vorgekommen sind. An einen Unfall wurde nicht gedacht. Am Samstag wurde nun gemeldet, dass der Säntiswart und seine Frau ermordet worden sind. Säntisträger Josef Anton Rusch unternahm am Samstag einen Aufstieg nach der Beobachtungsstation und fand zu seinem Schrecken das Ehepaar Haas als Leichen auf. Der Mann lag im Freien, die Frau im Stationsgebäude. Genaue Einzelheiten fehlen noch, da der Säntisträger keine weitere Untersuchung vornahm. Übermittelt ist einzig, dass das Arbeitszimmer, in dem die tote Ehefrau gefunden wurde, verwüstet war. Eine polizeiliche Untersuchung ist eingeleitet. Zur Sicherstellung des Tatbestandes begab sich am Sonntagmorgen um drei Uhr früh eine Abordnung der Gerichtsbehörden von Appenzell aus an Ort und Stelle. Über die Täterschaft kursieren verschiedene Gerüchte. Wie wir aus St. Gallen erfahren, glaubt man, dem Mörder auf der Spur zu sein.
Ich erinnere mich nicht mehr, was in meinem Kopf vorgegangen ist, als ich aufbrach. Es war die absolute Ausnahmesituation. Ich sah keinen Ausweg mehr, also trieb es mich hinaus, nur dieses eine Ziel im Sinn, der Berg, der Säntis, ohne eine Ahnung, was ich machen würde, wenn ich dort ankommen sollte.
Ich habe nicht damit gerechnet, den Gipfel zu erreichen. Keine Ahnung, warum ich die Nasenlöcherroute wählte, sie ist nach den zwei nebeneinanderliegenden Höhlen benannt, an denen sie vorbeiführt. Die Route ist im Sommer gefährlich, im Winter kommt sie einem Selbstmord gleich. Vielleicht hatte ich genau das im Sinn: sterben – dort oben, wo ich es am schönsten fand. Selbst das hat nicht funktioniert.
Der Kampf im Schnee. Die Kälte zerfrisst dich. Alle Kraft ist weg, dein Körper ist leer, doch du treibst ihn weiter und weiter, obwohl du blind bist und die Welt aus nichts anderem mehr besteht als dem undurchdringlichen Weiß und deinem Keuchen. Die dünne Luft rasselt in der Lunge, du denkst, zwei Schritte noch, dann fällst du um, doch dann werden es drei, dann noch einer und noch einer, du weißt, wenn du nur kurz innehältst, dann schläfst du ein, dann bist du tot. Noch ein Schritt, plötzlich der Schatten vor dir: die Hütte. Die Wetterstation. Das Observatorium. Geschafft. Du bist ganz oben auf dem Gipfel des Säntis. Ankommen. Anklopfen. Wärme.
Doch die Wärme hat nicht lange angehalten. Hätte mich doch eine Lawine zu Tal gerissen. Sie hätte zwei Leben gerettet, und ich wäre einen heldenhaften Bergtod gestorben. Es sollte anders kommen.
Neue Zürcher Zeitung,
27. Februar 1922
Unglücksfälle und Verbrechen.
Wie wir soeben vernehmen, haben die hiesigen kantonalen Polizeibehörden Steckbriefe gegen zwei Männer erlassen, die als Täter beim grausigen Doppelmord infrage kommen könnten. Die Fahndung richtet sich gegen einen in Herisau eingebürgerten Ausländer, um den Schuhmacher und Skilehrer Kreuzpointner, der vor einiger Zeit in Konkurs geraten war. Die andere betrifft einen Mechaniker Müller, der nach den Feststellungen des Polizeikommandos schon seit einigen Tagen nicht mehr in seine Behausung zurückgekehrt ist.
Wahrscheinlich war der in der Region bekannte Kreuzpointner der letzte Besucher des Observatoriums auf dem Säntis, er soll dort einige Tage verweilt haben. Wie die kantonale Polizeidirektion in Appenzell auf Anfrage hin mitteilt, gab der Säntiswart Haas in seinem letzten Dienstbericht bekannt, dass sich Kreuzpointner bei ihm befinde, dass er ihn ständig belästige, dass er aber hoffe, sich seiner bald entledigen zu können. Schon früher gab seine Ehefrau bei einem telephonischen Gespräch an, dass ihr auffalle, dass Kreuzpointner oft auf dem Gipfel erscheine und dass er offenbar ihren Mann um finanzielle Hilfe angehe. Noch am letzten Sonntag telephonierte Frau Haas mit der Frau des Säntisträgers Rusch und berichtete von dem ungebetenen Gast. Sie fragte nach baldigem Proviant, weil das Essen knapp werde. Das letzte Lebenszeichen vom Observatorium kam am Dienstag von Frau Haas, als sie sich vom Dienstchef des Telegraphenamtes in St. Gallen beraten ließ, wie mit dem unangenehmen Gast am besten zu verfahren sei. Man vermutet, dass Kreuzpointner mit der Tat in Verbindung zu bringen ist, da man von anderen Besuchern des Säntisobservatoriums nichts weiß.
Zuerst hieß es, dass Haas und seine Frau erstochen worden seien. Nach den letzten Mitteilungen der Mannschaft aber, die sich am Morgen um drei Uhr früh von Appenzell aus auf den Säntis begab, sind die beiden Eheleute erschossen worden. Bereits am Nachmittag waren die Männer mit den Leichen wieder ins Tal zurückgekehrt, doch weitere Berichte stehen noch aus.
Als ich in der Säntishütte ankam, merkte ich sofort, dass ich nicht willkommen war. Statt mir Tee und Brot anzubieten, fragte Lena, was ich schon wieder hier suche. Keine Freundlichkeit, sie sprach, als speie sie Gift. Ich setzte mich an den Tisch und verlangte nach Stärkung, entkräftet wie ich war. Da kam Heinrich herein. Er war nicht viel freundlicher als seine Alte. Aber weiß der Teufel, vielleicht hatte er ein schlechtes Gewissen. Er wies Lena an, mir Essen aufzutischen, und sagte, ich könne bleiben über Nacht, doch am nächsten Morgen müsse ich mich wieder an den Abstieg machen.
Es war nicht meine Absicht zu gehen. Wohin auch? Im Tal erwartete mich nichts Gutes, keine Frau, die um mich bangte, nur Gläubiger, die mir Geld abnehmen wollten, das ich nicht hatte. Noch sagte ich nichts, ich wollte nur schlafen, mehr nicht.
Am nächsten Tag blieb ich. Das Wetter war stürmisch, ich weigerte mich, unter diesen Bedingungen den Abstieg zu wagen. Sie protestierten. Ich rührte mich trotzdem nicht: Ich würde nur gehen, wenn sie mir Geld gaben, erklärte ich. 300 Franken. Erst lachten sie mich aus. Dann verfluchten sie mich. Schließlich versuchten sie, mir aus dem Weg zu gehen; schwierig, in der kleinen Hütte. Sie verweigerten mir das Geld und bald auch das Wort. Und wenn sie doch zu mir sprachen, dann nur, um mich zum Gehen aufzufordern. Die Schwere des Schweigens wurde unerträglich. In der unliebsamen Stille lag die Vorahnung, dass bald etwas passieren würde. Nichts Gutes.
Am dritten Tag belauschte ich Lena am Telefon. Ich kann nur ahnen, mit wem sie sprach. Sie klagte über einen »unliebsamen Gast« und fragte, wie sie ihn dazu bringen könne zu gehen. »Unliebsam« nannte sie mich! Am Abend kochte Lena Kartoffelsuppe, dazu gab es altes Brot und getrocknete Wurst. Ich sagte, ich hätte das Gespräch gehört. Heinrich polterte, er wurde ausfällig und brüllte, ich solle gehen. Wenn ich nicht sofort verschwinden würde, erstatte er Meldung, es gehe nicht, dass ich mich hier auf ihre Kosten breitmache, die Nahrung werde schon knapp. Erneut forderte ich Geld, sonst würde ich keinen Wank machen, 500 Franken jetzt. Das war keine Erpressung, das Geld stand mir zu, und noch viel mehr, stellen Sie sich vor, wie viel das Wetterwartpaar in den drei Jahren verdient hat dort oben in der Hütte, Geld, das meines hätte sein sollen. Ihr ganzes Leben stand mir zu – mir, nicht ihnen. Durch einen gemeinen Betrug haben sie mich um das Leben gebracht, das für mich bestimmt gewesen wäre. Ich schlug auf den Tisch. Sturm, der Hund, bellte wild. Doch ich fürchtete ihn nicht. Er mochte mich, er war auf meiner Seite. Lena flehte mich an zu verschwinden. Nicht ohne das Geld, erklärte ich. Wir stritten laut und lange, sie wollten nicht begreifen, dass sie mich um mein Leben betrogen haben. 1.000 Franken hätte ich verlangen sollen, das wäre das Mindeste gewesen. Sie hatten kein Einsehen. Ein Wunder, dass an diesem Abend nicht die Fäuste flogen. Irgendwann sind wir schlafen gegangen.
Am vierten Tag war ich immer noch da. Erneut gab es nur Streit. So konnte es nicht weitergehen. Wenn sie mir nicht geben wollten, was mir zustand, würde ich es mir einfach nehmen. Irgendwo musste Heinrichs Waffe sein. Irgendwo war auch ihr Geld versteckt. Sie würden damit herausrücken, wenn ich sie nur das Fürchten lehrte.
Neue Zürcher Zeitung,
28. Februar 1922
Unglücksfälle und Verbrechen.
Zum Doppelmord auf dem Säntis. Es liegen erste Erkenntnisse vor, wie der Säntiswart Haas und seine Ehefrau hoch oben auf dem Berg ums Leben gekommen sind. Der Säntisträger Rusch, der gemeinsam mit seinem Sohn die Toten gefunden hat, erstattete Bericht über sein schreckliches Erlebnis. Nachdem der Kontakt zu Heinrich Haas und seiner Ehefrau abgebrochen war, machte sich Rusch gemeinsam mit seinem Sohn ahnungslos auf den Weg, um die Bruchstelle in den Leitungen zu suchen. Sie gelangten bis zur Rehalp, aber bis dorthin war die ganze Leitung instand. Zweifelhaftes und schlechtes Wetter, Regen und Schneefall verhinderten tagelang einen höheren Aufstieg. Erst am Samstagmorgen erzwangen sich die beiden berggewandten Träger den Aufstieg bis zu jener Stelle, an der die Telephonleitung nunmehr als unterirdisches Kabel verlegt ist. Sie konnten bis dahin keinen Schaden an der Leitung feststellen. Da wurden die Träger stutzig: Sie ahnten, dass droben im Observatorium etwas passiert ist. Rasch wurden die Schneeeisen an die Füße geschnallt und nach herben Mühen die Säntisspitze erreicht. Das Rufen der Namen des Ehepaars Haas verklang unbeantwortet. Nur das Winseln des Hundes Sturm war von drinnen zu vernehmen. Erwartungsvoll, von bangen Zweifeln gequält, öffneten sie die Tür des Beobachtungshäuschens. Doch welch Anblick wurde ihnen zuteil! Mitten in einem wüsten Durcheinander lag Frau Haas, bleich und blutbefleckt. Vorsichtig und behutsam sichteten die beiden Männer alle Räumlichkeiten, tasteten sich schließlich durch den unterirdischen Gang zum Windmesserhäuschen empor. Alles leer! Mit einem Spreizschritt waren sie im Freien. Da – wer beschreibt ihr Entsetzen – kaum 20 Meter unterhalb des Häuschens, auf der Toggenburger Seite, lag das zweite Opfer: Wetterwart Haas.
Wie genau sich das schauerliche Drama zugetragen hat, bleibt bis zur Festnahme des Mörders ein ungelüftetes Geheimnis. »Von hinten erschossen«, lautet kurz und knapp der ärztliche Befund über den gewaltsamen Tod des Heinrich Haas. Die Vermutung liegt nahe, dass der Mörder nach vollbrachter Tat sich der wehrlosen Frau erinnerte, die ihm zur Verräterin werden konnte. Damit war ihr Schicksal besiegelt. Auch sie wurde meuchlings von hinten erschossen. Unten im Tal sind zwei unmündige Kinder zu Waisen geworden.
Ich musste nicht lange suchen: Die Waffe lag in der untersten Schublade des Schreibtischs in Heinrichs Arbeitszimmer. Ein Browning, Kaliber 7,65. Ich nahm sie an mich. Bevor ich zurück ins Bett schlich, zerstörte ich die Telegraphen- und Telefonleitung – die einzige Verbindung zum Rest der Welt. Es war mitten in der Nacht. Niemand hat mich gehört.
Am nächsten Morgen blieb ich lange in der kleinen Kammer liegen. Erst als ich vernahm, dass Heinrich das Zimmer verließ, um ins Windmesserhäuschen hinaufzusteigen, stand ich auf. Ich zog mich an, nahm die Waffe, überlegte mir genau, wie ich vorgehen musste. Heinrich würde eine Zeit lang beschäftigt sein. Lena war ein leichteres Opfer: Ich war sicher, dass sie mir alles geben würde, was sie besaß, wenn sie in den Lauf der Waffe blickte. Danach wollte ich sie in die Küche sperren, meine Beute und meine Sachen packen und zum Abstieg aufbrechen. So konnte ich mir genügend Vorsprung verschaffen. Heinrich würde Lena nach der Arbeit finden, doch Alarm schlagen konnte er nicht, die Leitung ins Tal war gekappt. Wohl würde er die Verfolgung aufnehmen, aber er ist nur halb so schnell wie ich. Keine Chance. Sobald der Heinrich im Tal ankäme, wäre ich längst über alle Berge.
Es war ein guter Plan. Doch nichts lief so, wie ich es vorgesehen hatte. Wenn die Lena bloß nicht ein solcher Sturkopf gewesen wäre!
Sie reagierte ruhig und gefasst, als ich die Waffe auf sie richtete. Sie wirkte nicht einmal überrascht. Ich forderte sie auf, mir all ihr Geld und allen Schmuck zu geben, sonst würden sie und Heinrich den Abend nicht mehr erleben. Aber dieses Weib zeigte keine Angst! Wütend herrschte sie mich an, ich solle endlich das Weite suchen. Doch so spricht man nicht mit mir, nicht sie, deren Mann mir mit hinterhältigen Lügen die Verlobte vertrieben und mich betrügerisch um meine Stelle als Wetterwart gebracht hatte. Lena weigerte sich, mir das eine oder das andere zu geben, sie nannte mich einen miesen Lump, die Schlampe. Ich habe nicht damit gerechnet, dass sie sich zur Wehr setzt. Plötzlich ging alles blitzschnell. Sie drehte sich weg, griff nach einem Holzscheit neben dem Kamin und wollte es mir an den Kopf schleudern. Instinktiv duckte ich mich, gerade im rechten Augenblick, das Scheit knallte an die Wand, ich richtete mich auf, sie schrie, drehte sich erneut um, auf der Suche nach dem nächsten Holzstück.
Ein Schuss löste sich.
Vielleicht habe ich auch bewusst geschossen.
Ich weiß es nicht, kann’s nicht mehr sagen heut. Es ging zu schnell. Womöglich war es ein Reflex, den Finger krümmen, eine leichte Berührung nur, es braucht nicht viel. Der Knall war schrecklich.
Einen Moment lang war ich wie gelähmt. Sturm, der Hund, war verstört unter den Tisch gekrochen. Und Lena lag da, vor dem Fenster, regungslos. Der Kopf auf dem Stickrahmen, an dem sie zuvor gearbeitet hatte, der linke Arm über den rechten gekreuzt, die Beine leicht angezogen. Holzpantinen an den Füßen, eine Schürze mit weißen Punkten. Neben ihrem Kopf das Stehpult. Darüber an der Wand ein Abreißkalender. Der Zettel trug noch das Datum vom Vortag. Der Blick in das Zimmer zeigte mir ein irreales Bild, ein abstraktes Gemälde, dessen Inhalt ich zwar erkannte, aber nicht verstand.
Nie werde ich den Anblick vergessen.
Auch nicht den Wirbelsturm von Gefühlen, der durch meinen Körper fuhr. Klar, da war zum einen die Panik – was hatte ich getan? Gleichzeitig verspürte ich Stolz, weil ich mir das nicht habe gefallen lassen, so springt man mit einem Kreuzpointner nicht um. Und dann spürte ich eine freudige Aufregung, Erregung fast, dass ich tatsächlich getan hatte, was ich mir nie zugetraut hätte, einen Menschen getötet, die Lena erschossen! Mein erster klarer Gedanke danach war: das Geld. Fast gleichzeitig erinnerte ich mich daran, dass da noch jemand war: Heinrich. Er durfte nicht sehen, was ich getan hatte. Ich musste verhindern, dass er zurückkommt. Im nächsten Augenblick funktionierte ich wieder: Ich würde auch Heinrich töten. Es gab keinen anderen Weg, wenn ich nicht am Galgen enden wollte.
Hinter der Tür lag der Korridor, in den Felsen gehauen. Ich schlich durch den finsteren Tunnel. Es roch nach Feuchtigkeit. Ich stieg lautlos die abgetretenen Stufen zum Windmesserhäuschen hoch, öffnete das kleine Türchen nach draußen so leise, dass der Wind das Geräusch verschluckte. Da vorne im Schnee stand er. Heinrich. Ich hatte Glück, er wandte mir den Rücken zu.
Dieses Mal war es ganz einfach. Alles fällt einem leichter, wenn man es schon mal getan hat. Mit dem Töten verhält es sich nicht anders.
Er hat mein Leben zerstört.
Ich habe ihm sein Leben genommen.
Bald werde ich ihm folgen.
Neue Zürcher Zeitung,
1. März 1922
Unglücksfälle und Verbrechen.
Zum Doppelmord auf dem Säntis. Die Legalinspektion der Leichen des ermordeten Ehepaares Haas wurde Montagvormittag im Krankenhaus Appenzell vorgenommen von den Amtsärzten Doktor Hildebrand aus Appenzell und Professor Doktor Bells aus St. Gallen. Haas wurde getötet durch einen Rückenschuss, der aus der Brust wieder austrat. Seine Frau erhielt einen Schuss in die Brust und das Geschoss blieb im Körper stecken. Es wurde bei der Obduktion gefunden. Zum Zwecke einer größeren Wirkung der Geschosse hat der ruchlose Mörder die Spitze der Kupfermantelgeschosse scharf angefeilt. Beide Schüsse trafen edle Körperteile: Lunge, Herzbeutel, große Schlagadern, sodass bei beiden Personen der Tod sofort eingetreten sein muss.
Weiter ist zu berichten, dass der Mörder am Tatort Kabel an Telephon und Telegraph ausgestöpselt hatte. Die Verwüstung des Zimmers im Erdgeschoss des Observatoriums, in dem die tote Lena Haas gefunden worden ist, scheint nicht wie anfänglich vermutet durch einen Kampf verursacht worden zu sein, sondern durch den verzweifelten Hund Sturm, der mehrere Tage mit der Toten eingesperrt gewesen ist.
Die Bestattung der beiden Opfer der grausamen Mordtat auf dem Säntis findet am Mittwochvormittag um einviertel zehn in Appenzell statt. Wer die beiden liebenswürdigen Säntiseinsiedler gekannt hat, wer ihnen, wie der Schreiber dieser Zeilen, im Leben nähergestanden, wird ihnen ein schönes Gedenken wahren über das Grab hinaus.
Es war so still nach ihrem Tod. Am liebsten wäre ich einfach dortgeblieben. Aber das ging nicht. Früher oder später würde Säntisträger Rusch heraufsteigen, die Toten entdecken. Also machte ich mich bereit für den Abstieg. Ich wusste, dass ich ein paar Tage Vorsprung haben würde. Ich packte ein, was ich fand: wenig Bargeld, Schmuck, Heinrichs teure Uhr. Sturm, den Hund, hätte ich am liebsten mitgenommen. Ich sperrte ihn bei der toten Lena ins Zimmer ein.
An den Abstieg erinnere ich mich nicht mehr. Mein Kopf war leer. Zurück im Tal dachte ich, dass jeder es mir ansehen müsste. Ich war nicht mehr derselbe Mensch. Ich war jetzt ein Mörder. Doch niemand merkte etwas. Sie grüßten mich, sie schwatzten mit mir, die Ahnungslosen. Aber ich wusste, es war nur eine Frage der Zeit, bis sie die Toten finden würden. Ich erinnerte mich an Lenas Telefonat, als sie vom »unliebsamen Gast« gesprochen hatte, fürchtete, dass sie oder Heinrich jemandem meinen Namen genannt haben könnte. Noch am ersten Tag zurück in der Stadt machte ich Lenas Schmuck und Heinrichs Uhr zu Geld. Viel zu wenig habe ich dafür gekriegt, aber es würde reichen, um den Zug nach Deutschland zu nehmen, denn bleiben konnte ich nicht.
Doch dann sah ich das Flugblatt, darauf mein Bild: Kreuzpointner, mutmaßlicher Doppelmörder, gesucht! Ich war steckbrieflich zur Fahndung ausgeschrieben. In dem Moment ahnte ich, dass meine Flucht womöglich nicht gelingen würde. Dass das Flugblatt gar mein Todesurteil bedeutete, realisierte ich erst später. Wer würde mir jetzt noch ein Bahnbillet verkaufen? Wie sollte ich unerkannt über die Grenze gelangen? Als Erstes musste ich die Waffe loswerden, verkaufen ging nun nicht mehr, also deponierte ich sie neben einem Briefkasten. Zurück in meine Wohnung konnte ich nicht, bestimmt wurde sie überwacht. Ich musste mich verstecken. Im Kopf ging ich alle Möglichkeiten durch und fand doch keine Lösung – weil es keinen Ausweg mehr gibt. Ich, Gregor Anton Kreuzpointner, bin am Ende.
Neue Zürcher Zeitung, 2.
März 1922
Unglücksfälle und Verbrechen.
Die Verdachtsmomente für den mutmaßlichen Mörder des Ehepaars Haas, Kreuzpointner, häufen sich von Stunde zu Stunde. Es wurde heute festgestellt, dass er letzten Mittwoch den ersten Morgenzug zur Fahrt von Gais nach St. Gallen benutzte (die letzte Wettermeldung des Säntiswarts ist die vom Dienstagnachmittag). Es konnte ferner ermittelt werden, dass Kreuzpointner letzten Samstag durch Vermittlung einer anderen Person Schmucksachen verkauft hat, die zur Appenzellertracht der ermordeten Frau gehörten, ebenso eine Herrenuhr, von der die Mutter und die Schwester von Frau Haas ebenfalls mit Bestimmtheit erklärten, dass die dem Ehemann Haas gehörte. In Kreisen der Justizbehörden ist zu vernehmen, dass noch andere schwere Belastungsgründe dafür sprechen, dass Kreuzpointner der Täter sein muss.
Gestern hat überdies ein Unbekannter bei einem Briefkasten ein Paket deponiert, das er in einiger Zeit abzuholen versprach. Das Paket wurde der Polizei übergeben, die feststellte, dass dasselbe eine ungereinigte Pistole enthielt, deren Kaliber mit derjenigen des Säntismörders zu tun hat. Da Kreuzpointner noch im Besitze der Schlüssel des Säntisobservatoriums ist, wird in Appenzell mit der Möglichkeit gerechnet, dass er versuchen würde, allenfalls nochmals nach dem Säntis zurückzukehren.
Jetzt sitze ich hier in dieser Scheune, ich friere, es ist unklar, ob die Kälte nur von außen oder nicht doch auch von innen kommt, aus meiner mörderischen Seele. Ich hatte gedacht, dass es für mich ein Davonkommen geben könnte. Es war ein Trugschluss. Lasse ich mich draußen blicken, werden sie mich verhaften, und was dann passiert, ist absehbar: Niemand wird mich anhören, niemand wird verstehen, niemand wird Erbarmen haben. Sie werden mich verurteilen, zum Tode durch den Strick oder, noch schlimmer, durch die Guillotine. Darum muss ich tun, was nicht zu vermeiden ist. Sie kommen immer näher, ich kann es spüren. Ein paar Stunden noch, ich darf nicht zu lange zögern.
Was für ein Leben. Was für ein Ende. Hätte ich doch diese eine falsche Abzweigung vermieden. Hätte es den Heinrich Haas bloß nie gegeben. Alles wäre anders gekommen. Alles wäre gut geworden. Doch nun endet es in der Katastrophe.
Ich bin kein schlechter Mensch. Nein, das bin ich nicht. Ich bin auch kein wirklicher Mörder, es ist einfach passiert. Wäre es möglich, ich würde es ungeschehen machen. Doch das geht nicht. Es ist zu spät. Ich habe nur noch einen Wunsch: Wenn alle anderen behaupten, ich sei schuld an der ganzen Sache, dann stehen Sie hin und sagen Sie laut: »So einfach ist das nicht mit Schuld und Unschuld. Denn es gibt nie nur eine Wahrheit.« Bitte teilen Sie den Menschen mit: »Gregor Anton Kreuzpointner war kein schlechter Mensch.« Das ist mein letzter Wille.
Neue Zürcher Zeitung,
6. März 1922
Unglücksfälle und Verbrechen.
Zum Doppelmord am Säntis: Auffindung des Mörders Kreuzpointner. Kreuzpointner, der Mörder des Säntiswarts und seiner Frau, wurde heute von einem Jäger und Wildhüter in einer Scheune im Äckerli auf der Schwägalp (am Fuße des Säntis) erhängt aufgefunden. Die Leiche war noch warm. Vergangene Woche haben Wildhüter und Polizisten alle Sennhütten des Säntisgebietes wiederholt nach Kreuzpointner abgesucht. Doch am Donnerstag war der Stadel, wo der Mörder seinem Leben ein Ende setzte, leer gewesen. Nun hatte er die Hütte verrammelt. Die Leiche lag bäuchlings auf einer Pritsche, die Schnur war an einem in der Decke steckenden Nagel befestigt. In den Kleidern befand sich weder Geld noch sonst etwas Wertvolles …
Die Leiche wurde, nachdem die Behörden einen Augenschein genommen hatten, noch am Samstagabend nach Urnäsch gebracht und am Sonntag seziert. Da die Appenzeller sich sträuben, den Mörder auf einem ihrer Friedhöfe zu begraben, durfte er zu Forschungszwecken der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich übergeben werden.
02 Maloja – kein Pass für schwache Nerven
von Daniel Badraun
Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen meinen neuen Chef kurz vorstelle. Steffen Schmidt ist 48 Jahre alt, im besten Alter und glücklicher Single. Seit zwei Monaten ist er Eventmanager im Maloja Palace. Sein Auftrag ist es, die Geschichte des Hauses, erbaut zwischen 1882 und 1884, weiterzuschreiben. Die glamouröse Anfangsphase des Hotels endete leider bereits nach wenigen Monaten, weil in Italien die Cholera ausbrach und die Grenzen geschlossen wurden. Der belgische Graf Camille de Renesse erlitt mit seinem Unternehmen Schiffbruch und verlor sein ganzes Vermögen.
Für die New-Palace-AG soll Schmidt eine Tradition weiterführen und den einen oder anderen Traum des Barons wahr werden lassen. Das ist eine Herausforderung, die ganz nach seinem Geschmack zu sein scheint. Und ja, ich, Gregor Lüscher, bin natürlich mit dabei als erster Assistent des Chefs. Vorerst jedenfalls. Es würde uns freuen, wenn wir Sie schon bald zu unseren neuen Gästen zählen dürften.
*
Ein Alpenpass hat zwei Seiten. Normalerweise startet man auf der einen Seite und fährt hoch bis zum Hospiz, bis zum höchsten Punkt mit der Tafel, auf der die Höhe über Meer angegeben ist. Dann geht es auf der anderen Seite hinunter in ein neues Tal, in eine neue Region. Eine Passfahrt ist für viele Flachländer etwas Besonderes, sowohl für Motorradfans, die das ultimative Kurvengefühl suchen, als auch für Automobilisten. Umgeben von einer schützenden Blechschicht erleben diese die Bergwelt aus einer sicheren Distanz.
Im Engadin sind Passfahrten eine Notwendigkeit. Um das Tal zu verlassen, müssen Bewohner und Gäste über die Berge. Steffen als Zugezogener ärgert sich jedes Mal, wenn ihm der Weg in den Süden versperrt wird. Das Hindernis versucht er möglichst schnell hinter sich zu lassen, mit einer ordentlichen Ladung PS unter der Haube.
Etwas langsamer geht es bei den Radfahrern, die für eilige Automobilisten ein weiteres Ärgernis sind. Aus eigener Muskelkraft überwinden sie mit energischen Kurbeldrehungen Höhenmeter um Höhenmeter. Es gibt die Tourenfahrer mit schwer bepackten Rädern, die schwitzend ihre Routenwahl verfluchen und sich später ganz oben stolz in den Armen liegen, ein Foto für ihren Social-Media-Account schießen und danach die Abfahrt in Angriff nehmen.
Wer mit dem Mountainbike am Berg herumkurvt, befährt das einsame Tal, als hätte er es selber entdeckt, und springt über Steine wie ein Zicklein, das zum ersten Mal aus dem Stall darf. Die Mountainbikerin und der Mountainbiker fahren gerne auf rauen Wegen, je wilder, desto besser. Wenn sie am Abend schmutzbespritzt nach Hause kommen, war es ein guter Tag für sie, von dem sie noch lange erzählen können. Für Steffen ist das nichts, er schwitzt lieber im hoteleigenen Fitnessstudio oder in der Sauna spätabends, wenn die Gäste längst an der Bar sitzen.
»Wenn du hier im Tal so richtig ankommen, Wurzeln schlagen und die Berge spüren willst«, sagt Greg, sein engster Mitarbeiter, immer mal wieder, »musst du sie selber erobern.«
Mitarbeiter ist eigentlich falsch, Greg ist der Untergebene, der Assistent, doch Steffen will nicht, dass ein zu großes Gefühl der Hierarchie aufkommt, denn Greg hatte sich ebenfalls für die Führungsstelle beworben, die Steffen als Fremder mit besten Qualifikationen nun innehat. So bemüht er sich um einen kollegialen Ton, lässt aber nie Zweifel aufkommen, dass er am Ende das letzte Wort haben würde.
Greg gehört zu den harten Mädels und Jungs, die das Rennrad für ihre Passfahrten nehmen. Sie legen keinen Wert auf Firlefanz, was sie brauchen, findet in den Rückentaschen des Trikots Platz. Die behelmten und in den Farben ihrer Lieblingsteams gekleideten Rennradfahrer sind die Musketiere der Pässe. Auf ihren Leichtgewichträdern, die oft mehr kosten als ein Kleinwagen, fahren sie die steilsten Rampen hoch, vergleichen dann auf dem Handy ihre Leistung mit anderen und stürzen sich wagemutig den Berg hinunter, oft schneller als die ortsunkundigen Automobilisten, die sie auch in engen Tunnels überholen. Zu Hause duschen sie und sind bereit für den Alltag. Sie werden von der Lust am Leiden und von der unstillbaren Suche nach den eigenen Grenzen angetrieben.
Wie gesagt, erst fährt man hinauf, dann wieder hinunter. Erst kommt die Anstrengung, dann das Vergnügen. Bei einem normalen Pass wie dem Bernina, dem Flüela oder dem Albula ist das so.
Als Greg Steffen anbietet, zusammen den Malojapass unter die Räder zu nehmen, willigt dieser ein. Zu schnell, wie ihm jetzt bewusst wird. Der Maloja ist tückisch. Wenn man vom Engadin her kommt, erlebt man eine gemütliche Anfahrt, vorbei an tiefblauen Seen. Wer am Morgen in Richtung des Ortes Maloja radelt, muss nicht mal gegen den Wind ankämpfen, der fast täglich ab 11 Uhr vom Comer See her aufkommt, zur Freude der Windsurfer und Segler auf den alpinen Gewässern.
Steffen hat nur eine kurze Anfahrt. Vom Hotel Maloja Palace, in dem er eine Suite bewohnt, ist es nicht weit bis zum Parkplatz am südlichen Ende des Dorfes, wo ihn Greg erwartet. Einige Reisende machen Fotos und fahren dann weiter Richtung Italien. Steffens Rennrad ist knallrot, ein Schnäppchen. Sehr bequem zum Fahren, findet er nach einer Proberunde. Das Wenige, was man für eine kurze Passfahrt braucht, hat er in die Taschen seines Trikots gesteckt. Er fährt in den Farben eines belgischen Teams, das ist er dem Hotelgründer schuldig. Greg und er würden wie Profis unterwegs sein. Wie Profis, jedoch mit einer Bankkarte für die gehobene Küche in einem südlichen Ristorante.
Sie fahren bei schönstem Wetter mit tiefblauem Engadiner Himmel los, von der Frische des Alpentales hinunter in die feuchte Hitze von Chiavenna, und verbringen dort hinter dicken Mauern mit Blick auf die Mera zwei gemütliche Stunden.
Das üppige Essen nach der leichten Abfahrt ist ein Genuss, angereichert mit Gregs Erzählungen.
»Eine Fahrt den Pass hinauf ist eine Fahrt durch die Geschichte«, erzählt er und hebt lachend sein Glas. »Uns wird ganz schön viel Blut entgegenfließen.«
Da nickt Steffen noch unternehmungslustig.
Nach dem Essen schwingen sich die Männer auf die Sättel, klicken die Schuhe in die Pedale ein und fahren ohne Eile über das Kopfsteinpflaster der Altstadt. So müsste die weitere Tour sein, denkt Steffen. Langsam an den stattlichen Häusern der wohlhabenden Familien vorbeirollen, die einst viel Geld mit dem Handel über die Alpenpässe gemacht haben. Ab und zu einen Blick in die schattigen Innenhöfe werfen, um die Tische der Straßencafés kurven, auf denen große Gläser mit kühlen Getränken stehen.
Als sie den Aufstieg in Angriff nehmen, eine ausgiebige Mahlzeit im Magen, Veltliner Pizzoccheri mit reichlich Käse und Butter überbacken, danach ein gutes Stück Fleisch mit Kroketten, davor ein großes Bier gegen den Durst, zum Essen ein sonnendurchfluteter Wein und Grappa zum Kaffee, merkt er, dass die 36 Kilometer zurück ins Engadin, zurück ins Hochtal, nicht einfach werden. Denn im Gegensatz zu den anderen Alpenpässen beginnt der Maloja auf 1.800 Metern und führt hinunter bis ins italienische Chiavenna, mit gerade mal 333 Metern über Meereshöhe. Was in einer guten Stunde genussvoller Abfahrt erledigt ist, wird umgekehrt zu einer fast nicht enden wollenden Qual.
Die Sonne brennt mit gefühlten 40 Grad auf die Dächer der Stadt. Zwischen den Gipfeln über ihnen braut sich ein Gewitter zusammen, dunkle Wolken kleben an den steilen Felswänden, die sich rund um die italienische Kleinstadt am Alpenrand erheben.
Erst geht die Fahrt an eintönigen Betonbauten vorbei durchs Stadtrandgebiet. Gleich außerhalb von Chiavenna beginnt die erste Steigung, die nicht ohne ist. Steffen konzentriert sich auf Gregs Hinterrad und versucht, die Atmung zu kontrollieren. Vier Umdrehungen einatmen, vier ausatmen. Lisa, Lara, Lisa, Lara. Lisa hatte darauf bestanden, dass ihre Tochter ähnlich heißen sollte wie sie, was er lächerlich fand. Jetzt aber passen die Namen zum Rhythmus.
Das Tempo ist eine Herausforderung, die er annehmen muss. Nicht schlapp machen, keine Blöße bieten, schon gar nicht am Anfang. Greg wird schon sehen, wie er beißen kann. Er wird Asphalt und Höhenmeter fressen, so wie er die Spezialitäten vertilgt hat. Im Hotel ist Steffen als energischer Macher bekannt. Diese Straße wird ihn nicht in die Knie zwingen.
Die Beine schmerzen von Anfang an, wohl eine Folge der Haltung am engen Tischchen in der Osteria. Das gibt sich, denkt Steffen, sobald die Muskeln in Bewegung sind, sobald das Blut zirkuliert, das Herz ordentlich pumpt und die gesamte Maschinerie mit Sauerstoff versorgt wird.
Piuro, die Straße wird noch etwas steiler, sie ist von mächtigen Felsbrocken gesäumt. Erste Tropfen fallen auf den nassen Asphalt und verdampfen in der Nachmittagshitze, der Geruch nach Reifengummi und Staub nimmt ihm fast den Atem. Dann größere Tropfen, die um ihn herum zerplatzen, seine verschwitzten Arme nässen, über Brillengläser und Wangen laufen, Staub und Salz wegwaschen. Plötzlich öffnet sich der Himmel. Prasselnder Regen, sie sind sofort bis auf die Haut durchnässt. Vor ihnen ein Parkplatz mit Unterstand. Anhalten, ausschnaufen, die Beine ausstrecken.
»Dort oben am Conto«, Greg deutet auf einen Berg rechts über ihnen, »löste sich im September 1618 nach tagelangem Regen eine gewaltige Gesteinsmasse und begrub das antike Plurs samt seinen 2.000 Bewohnern unter sich.«
Sie stehen schweigend da. Nach einigen Minuten beginnt Steffen im feuchten Trikot zu frösteln. »Warten bringt nichts«, sagt er und steigt auf sein rotes Rad. Greg übernimmt wieder ungefragt die Führung.
Um sie herum kühle, tropfende Nässe. Die Brillengläser sind angelaufen, mit den feuchten Handschuhen versuchen sie, etwas Klarheit zu schaffen. Immer wieder schaut Steffen zum gegenüberliegenden Hang hinauf. Nebelschwaden ziehen über die Baumwipfel. Wenn jetzt der Berg käme, was dann? Nach vorn schauen, über den Lenker gebeugt, Gregs Hinterrad nicht verlieren. Das Hinterrad ist sein Ein und Alles. Die Mittelachse zwischen Gregs muskulösen Waden.
Auf der Straße fließt das Wasser wellenförmig abwärts, die vorbeirauschenden Autos bespritzen die nassen Männer immer und immer wieder. Dann tauchen plötzlich Gesichter auf, schimmern durch den Asphalt. Nasen und Ohren und Fratzen im Wasser, die schreien.
»Hast du das gesehen, Greg?«
Keine Antwort. Nur das Zischen der Reifen auf dem Asphalt.
Wir sind die Vergessenen, die im Stein Versunkenen, verurteilt zu ewiger Verdammnis. Wir sind verborgen in der Tiefe, erstickt im Schlamm. In den großen Vorratsräumen unserer Häuser lagern Reichtümer, Seidenstoffe aus fernen Ländern, Edelmetalle und Specksteintöpfe aus heimischer Produktion. Doch was haben die uns genützt? Ein weiteres Leben konnten wir uns nicht kaufen, sosehr wir auch bitten und beten. Wenn es regnet, erinnern wir uns an jene Nacht, als der Berghang kam, ins Tal hinunterrauschte, alles mitriss und unter sich begrub. Gierig und unberechenbar.
Wenn es regnet, kommen wir herauf und holen uns müde Wanderer, unvorsichtige Kinder beim Beerensuchen, gierige Pilzsammler. Und natürlich auch mal einen Rennradfahrer, der seine Kollegen verloren hat und alleine unterwegs ist. Ihnen allen zeigen wir unsere Schätze, führen sie hinunter in unsere Häuser und lassen sie nie mehr gehen.
Nicht hinsehen, denkt Steffen, nicht hinsehen, das ist der Alkohol, das Cholesterin im Blut. Er darf Gregs Hinterrad nicht aus den Augen verlieren und alles ist gut. Doch dann ist der Reifen nur noch verschwommen zu sehen hinter einem Regenschleier, aus dem ihn feurige Augen anstarren. Auf der Straße zerfließende Gesichter, Wangen, die blutrot aufspritzen, wenn er darüberfährt. Nasses Frauenhaar, das achtlos im Schmutz liegt, wickelt sich um seine Speichen, verklemmt die Gangschaltung, blockiert das Tretlager, sodass Steffen kaum vorwärtskommt. Wenn er stürzt, dann wird er in den offenen Mäulern landen, verschwinden im Schlund der Vergessenen.
Ich pfeife auf euch, denkt Steffen, er will es laut herausschreien, auch wenn nur ein Gurgeln aus seiner Kehle kommt, ein heiseres Krächzen. Mich kriegt ihr nicht, nicht mich und nicht mein rotes Fahrrad, das feuerrot und nicht blutrot ist.
Ein himmelweiter Unterschied, den Männer oft nicht kennen, denn Farben sind ja nicht ihr Ding, das sagte auch Karin, als er sie auf ihren Lippenstift ansprach. »Das ist nicht blutrot, sondern feuerrot, feuerrot wie die Liebe.« Und dabei hatte sie ihm zugezwinkert. Eine eindeutige Einladung, wie er fand. Was sie aber nicht gemeint hatte.
Karin, denkt Steffen, feuerrot wie die Feuerwehr. Er drückt die Beine durch, spürt, wie die Kraft in seine Muskeln schießt, und sieht, wie sein Vorderrad fast wie von selbst durch das Wasser pflügt. Endlich. Die Straße wird flacher. Und plötzlich ist das Hinterrad von Greg weg. Nach rechts abgebogen auf einen Parkplatz.
»Komm!«, ruft der Untergebene seinem Chef zu, der viel hilfloser ist, als er es gerne zugeben möchte, und zieht ihn mit zu einem Haus auf der anderen Straßenseite. Ein Grotto. Wärme, Licht und Leute. Summende Geschäftigkeit. Die Regale voller Flaschen für Kunden aus der benachbarten Schweiz. Steffen überlässt Greg die Verhandlungen und stellt sich neben einen Elektroofen, der angenehme Wärme verbreitet.
Sie trinken Espresso und Grappa, stecken sich noch eine kleine Flasche Kräuterschnaps für später in die Trikottasche und verlassen das Lokal.
Das Unwetter hat etwas nachgelassen und ist in einen erträglichen Landregen übergegangen. Die Straße ist nun wieder besser befahrbar. Der Grappa wärmt den Bauch, der Kaffee gibt dem gesamten Organismus einen Kick, sodass sie nun wieder besser vorwärtskommen. Bald erreichen sie die Grenze. Weiter hinauf geht die Fahrt gegen Bondo, den Ort, an dem sich am 23. August 2017 ein enormer Bergsturz mit Murgang ereignete. Steffen hatte das Ereignis und seine Folgen am Fernseher verfolgt, sah, wie große Baumaschinen die Geröll- und Schlammmassen beiseite räumten, wie verängstigte Anwohner um ihre Sicherheit fürchteten.
Bei der Talfahrt am späten Vormittag war ihm die lange Betonbrücke über das Auffangbecken nicht aufgefallen, sie waren auf der alten Straße durch Promontogno gefahren und hatten im Garten beim Hotel Bregaglia einen Kaffee getrunken. Das Hotel sei, erklärte Greg, eine Zwischenstation für die erholungssuchenden Feriengäste auf dem Weg ins Engadin gewesen. Ein Ort, um sich zu akklimatisieren. Das würde Steffen jetzt auch gerne. Sich ein Zimmer nehmen und sich akklimatisieren. Stattdessen fährt er weiter aufwärts und hofft, dass die Schinderei irgendwann vorbei sein würde.
Eine Verbotstafel am Straßenrand weist darauf hin, dass diese Strecke für Fahrräder gesperrt ist. Greg kümmert sich nicht darum. Im Nieselregen wirkt das Betonband wie eine Hängebrücke, die über einem Meer von Händen schwebt, die nach ihr greifen. Als Steffen aus dem Sattel geht, um besser sehen zu können, hört er die Klagen der toten Wanderer, die weit oben im Tal von den Schlammmassen mitgerissen und nie gefunden wurden. Er sieht, wie die Hände aufsteigen, das Geländer der Brücke packen und sie hin- und herschwingen, sodass eine Pendelbewegung entsteht. Hin und her, dass sich die gesamte Fahrbahn verdreht und ihm schlecht wird davon.
Steffen würde am liebsten absteigen und über das Geländer kotzen, doch da ist Greg, der regelmäßig kurbelnd an der Spitze fährt, ungerührt auf seinem Rennrad sitzt, als würde er sich an einer großen Rundfahrt für den Schlussspurt bereitmachen. Vor diesem Mann kann und darf er keine Schwäche zeigen. Natürlich sollte auch Karin nicht erfahren, dass er die Nerven verloren hat wegen ein paar Toten, die bei schönstem Wanderwetter hinweggefegt wurden. Euer Pech, denkt Steffen und weicht einer Hand aus, die auf der Fahrbahn liegt und nach seinem Rad greift.
Wieder macht die Brücke eine Pendelbewegung, er muss ausweichen, um nicht zu stürzen. Ausweichen nach links auf die Gegenfahrbahn, weil es eben nicht anders geht, sonst ist ein Sturz über die Leitplanke ins Meer der Hände nicht abzuwenden.
Da, Hupen, ein dunkler Wagen, der auf ihn zurast, von oben herunter aus dem Tunnel geschossen kommt, als hätte ihn ein Riese hinaus in den Regennachmittag katapultiert. Das Gesicht einer Frau, verkrampfte Hände am Steuer, wehendes Haar. Die Scheinwerfer strahlen in seine Richtung. Sie will ihn erwischen, unter dem vielen Blech begraben, denn sie ist die Rächerin, die sich die herumstreunenden Opfer holt. Lisa, Lara, denkt er, das war es also mit uns. Und mit Karin und all den anderen Frauen.
Im letzten Moment schwingt die Brücke zurück, zwingt ihn zu einer Lenkbewegung nach rechts, die ihm das Leben rettet, was die Frau mit einem wütenden Hupen quittiert. Greg schaut zurück, macht eine Handbewegung und schüttelt den Kopf. Ist er wütend, weil er so unkonzentriert fährt? Oder einfach nur froh, dass ihm ein Haufen Scherereien erspart geblieben sind?
Eigentlich dürften sie mit ihren Rädern auch nicht durch den Tunnel, doch es ist der schnellste Weg in den oberen Teil des Bergells. Durch die Betonröhre zieht und pfeift es, ein Lied, das die Toten zurückruft und die Lebenden auffordert, sich im Zwischenreich zu ihnen zu legen. Steffen würde sich nur allzu gerne zu Lisa legen, die ihm aus dem Feuer zuwinkt. Er möchte Lara umarmen, die lachend über einen Knochenhaufen springt. Ja, seine beiden Weiber treiben es bunt, seit er nicht mehr da ist. Trieben es damals auch schon, als er noch das Sagen hatte in der Dachwohnung mit Seeblick, nur dass er es nicht mehr sah mit seinen Scheuklappen.
»Du bist für mich gestorben«, sagte Lisa, als er auszog, gezwungenermaßen mit eingezogenem Kopf. »Viel Spaß im Fegefeuer!« Nun muss allerdings sie in der Hitze herumtanzen nach diesem tragischen Autounfall.
Tunnelende. Klare Sicht. Frische Luft. Zwei Kurven, dann sind sie beim steinernen Kuss, bei zwei Felsblöcken, die gegeneinanderlehnen und einen Durchgang für die Autos bilden.
»Küss mich mit deinen feuerroten Lippen!«, hatte er zu Karin gesagt, oder es gedacht, als er sie berührte, ihre Wärme spürte, ihre Hüften, was ihm einen Schauer durch den Körper jagte. »Küss mich und bleib ewig nah bei mir!«
Der Moment war flüchtig, eigentlich wie zufällig, wenn auch durch ihn herbeigeführt im engen Durchgang zwischen der Rezeption und den Büros dahinter. Steffen hatte gewartet, bis Karin ihm die Post brachte, ging an ihr vorbei hinaus, entschuldigte sich, als hätte er sie erst jetzt bemerkt, atmete den Geruch ihres Parfums und ihrer Haare ein. Eine kurze Berührung, knisternder Stoff und die Härte, die sich augenblicklich in seinem Schritt bildete. Wohin mit all diesen Empfindungen? Die Hand an ihrer Hüfte, kurz und brennend. Ihr Blick. Verzweifelt oder lustvoll? Und was spielte das für eine Rolle, wenn er sie begehrte?
Stampa und Borgonovo bemerkt Steffen kaum, so rasend ist der Schmerz. Es zieht ihn innerlich zusammen, seine Rippen werden von Drähten zugeschnürt, sodass er kaum atmen kann, so als verwandelte er sich Zentimeter für Zentimeter in eine der mageren Figuren des Bildhauers Alberto Giacometti, der hier geboren wurde und auf dem Friedhof liegt, an dem sie vorbeiradeln. Ein lang gezogener Kopf, die Wangen eingefallen, das Kinn spitz und Finger, die kaum von Fleisch bedeckt sind und sich voller Angst an den Lenker krallen.
Steffen greift nach hinten, da ist die Flasche mit dem wohltuenden Kräuterschnaps. Medizin, bitter und stark. Ein erster Schluck treibt die Geister in die Wiesen hinaus, ein zweiter holt die roten Lippen zurück und ein dritter hilft gegen die Verzweiflung an diesem nie enden wollenden Pass.
»Wir fahren durch Vicosoprano«, entscheidet Greg und biegt von der Kantonsstraße ab.
Es ist kaum zu glauben, dass es in diesem Tal auch ebene Flächen gibt. Die Häuser des Dorfes stehen eng zusammen, beugen sich über sie und bilden enge Schluchten. Das Kopfsteinpflaster schüttelt sie durch. Greg erzählt von Hexen, über die hier gerichtet wurde, zeigt ihm den Pranger und beschreibt die Schmerzen, die die Verurteilten unter der Folter spürten.
»Das Tal ist verflucht«, sagt Greg am Ortsausgang. Vielleicht denkt das Steffen auch nur, als sie endlich das freie Feld erreichen und den Abhang vor sich sehen.
»Verflucht ist nur die nächste Steigung«, versucht Steffen, einen Scherz zu machen. Seine Stimme klingt nach Schnaps und hohlen Phrasen.
Wieder einige lang gezogene Kehren, erst an Maiensäßen vorbei, dann führt die Straße durch den Wald. Die Rampe, die hinauf nach Casaccia führt, erkämpft Steffen mit leerem Blick. Es ist der Versuch, ohne jeden Gedanken an irgendwas und irgendjemanden aufwärtszufahren, weil der Alkohol hilft oder betäubt oder stumpf macht. Lisa, Lara. Lisa, Lara. Lisa, Lara. Ich vermisse euch! Ich wollte nicht, dass euch etwas passiert.
Der Regen hat aufgehört. Weit oben der fast wolkenlose Abendhimmel. Ein kalter Wind bläst von den Gipfeln talabwärts, trocknet ihre Trikots, kühlt die Haut und das darunter liegende Fleisch. An eine Jacke hatte Steffen nicht gedacht, er wollte nur schnell den Pass runterfetzen, essen und dann zurückkehren ins Oberengadin, wo er sich einigermaßen sicher und geborgen fühlt. Hier unten ist das Tal eng und voller Schatten, die über die Straße kriechen, nach den Herzen der Fröhlichen greifen und kräftig zudrücken.
Darum treibt es die Leute schon seit Jahrhunderten hinauf an die Seen, ans Licht, das Rilke beschrieben und Segantini gemalt hat. Von der stickigen Hitze der Poebene suchten viele den Weg hinauf zum Licht, das die St. Moritzer und Silser Hotelpioniere zu reichen Leuten machte. Baron Camille de Renesse mit seinem Palace wollte alles bisher Gebotene in den Schatten stellen. Sein Maloja Palace sollte das größte und mondänste Hotel in den Alpen werden, gebaut für den gelangweilten Hochadel und die Industriellen, die ihren Reichtum unter die Leute bringen wollten.
Das Bergell diente damals und dient auch heute als Durchgangstal, als düsterer Gegenpart zur Weite der Oberengadiner Seenlandschaft. Findet jedenfalls Steffen. Greg scheint fasziniert zu sein von der Passstraße, vom engen Tal und den Dörfern voller Geschichte und von den Geschichten, die einfach so am Wegrand herumliegen. Steffens Assistent erzählt gerne, das ist auch bei der Arbeit so. Daneben kann man sich wirklich nicht konzentrieren. Karin hingegen scheint Gefallen zu finden am jugendlichen und humorvollen Greg, der sie oft zum Lachen bringt. Diese Schwatzhaftigkeit, das beschließt Steffen keuchend, wird er gleich morgen zum Gesprächsthema machen. Es wird Zeit, dass er durchgreift. Auch wird er das Bergell – wenn überhaupt – nur noch alleine befahren.
Jede Steigung geht einmal vorbei. Auch die Rampe oberhalb von Vicosoprano. Eine letzte weite Ebene vor dem Talabschluss. Vor dem Aufstieg Casaccia, der Ort, an dem zur Römerzeit die Straße über den Septimer abbog. Greg, das wandelnde Lexikon. Steffen ist froh, dass der andere neben ihm fährt und für Ablenkung sorgt, von einem Gaudenzio von Novara erzählt, der im vierten Jahrhundert das Christentum ins Tal brachte und von den undankbaren Heiden geköpft wurde. Jahreszahlen zum Bau der Wallfahrtskirche, die in der Reformation geplündert wurde und seither als Ruine oberhalb des Dorfes steht. Die Geschichten helfen ihm über die Krämpfe hinweg, die abwechslungsweise die Waden und die Oberschenkel befallen und die er bekämpft, indem er die Beine ganz durchstreckt. Kurz vor dem Ort trinkt er den letzten Rest Kräuterschnaps zur Stärkung, das muss für die restlichen 350 Höhenmeter reichen.
»Wir sehen uns oben«, ruft ihm Greg zu und nimmt die Straße hinter dem Dorf in Angriff.
Steffen versucht mitzuhalten. Vergeblich. Der Kopf bringt die Beine nicht mehr zum Drehen, sodass er Greg ziehen lassen muss. Morgen, denkt er, morgen im Büro ist die Situation eine andere, da mache ich dich so richtig zur Schnecke, kleiner Greg.
Denkt er und kämpft sich hinauf. Links oben das Gerippe der Kirche, von der Greg vorhin gesprochen hat. Hinter sich ein Keuchen. Ein weiterer Rennradfahrer, der die Schlusssteigung in Angriff nimmt, denkt Steffen und spannt die Muskeln etwas an, dich lasse ich nicht so schnell vorbei. Es gelingt ihm, das Keuchen in Schach zu halten. Was, denkt er, wenn das Greg ist? Vielleicht musste er austreten und ist jetzt hinter ihm. Oder er ist selber am Rand der Erschöpfung. Diese Vorstellung gefällt ihm. Mal schauen, was passiert, wenn er einen Zwischenspurt einlegt. Steffen geht aus dem Sattel und drückt die Kurbeln. Lisa, Lara. Lisa, Lara. Habt ihr gesehen, wie ich das mache? Mit links, meine Lieben, mit links.
Einige Meter geht das so. Steffen voraus, doch das Keuchen bleibt an ihm dran. Dann der Hammer. Ein Wadenkrampf, den er nicht kontrollieren kann und der sein Bein völlig blockiert. Keine Möglichkeit, um zu reagieren. Eine Umdrehung noch, dann geht gar nichts mehr. Er versucht vergeblich, den Fuß vom Pedal zu lösen, und verliert das Gleichgewicht. Das Rad kippt samt Fahrer nach links, mit Hüfte und Schulter kracht er auf den Asphaltbelag. Der Schmerz zuckt heiß und hell durch seine Gelenke.
Als Steffen aufblickt, steht ein Mann neben ihm. Das Keuchen kommt vom Kopf, der aber nicht auf dem Hals sitzt. Den trägt der Mann locker unter dem Arm.
»Dumm gelaufen«, sagt der Kopf, als Steffen ächzend aufsteht und den Schaden an seinem Körper begutachtet wie die Karosserie eines beschädigten Fahrzeuges.
»Kann man sagen«, brummt er. »Scheißtag und Scheißtal!«
»Mich haben sie auch drangenommen«, sagt der Geköpfte und lächelt, »wenigstens wurde ich heiliggesprochen, was man von dir nicht sagen kann.«
Steffen will etwas erwidern, doch der Mann steigt nun die Straßenböschung hinauf und verschwindet zwischen den Bäumen.
Mit zitternden Beinen steigt Steffen wieder auf sein rotes Rennrad. Der Lenker ist nicht mehr ganz gerade, das Fahren geht aber einigermaßen. Er wählt den kleinsten Gang, fährt nun ganz langsam aufwärts, nimmt Kehre um Kehre, fast in Zeitlupe geht es an den Leitplanken entlang. Ich verstehe dich, Graf de Renesse, denkt Steffen, der wollte mit diesem Tal hier unten nichts zu tun haben. Das Hotel dreht dem Pass und dem Bergell den Rücken zu, schaut auf den See hinaus, auf die großen Wiesen. Ein Golfplatz sollte die Gäste anlocken und Bootsfahrten auf dem Silsersee würden die Herzen erfreuen.
Das Hotel müsste etwas für Verliebte sein, denkt er, etwas für Karin und mich. Die Ohrfeige, das möchte er ihr gleich morgen sagen, die war nicht gerechtfertigt. Natürlich hätte er sie nicht in diesen Putzraum hineindrängen sollen, ihr an den Hintern greifen und versuchen, den engen Rock hochzuziehen. Irgendwie war es ein Notfall. Ein nicht mehr zu kontrollierender Drang nach Nähe, nach Befriedigung. Und dann diese Klatsche. Sie schob ihn zur Seite, ordnete ihre Kleider und war weg, bevor er sich erklären konnte. Er will das nachholen. Wird ihr sagen, dass er an jenem Morgen den Anruf bekommen hatte wegen Lisa und Lara. Der Wagen ausgebrannt. Ein stinkendes Gerippe. Und von seinen beiden Liebsten blieb nur verkohltes Material übrig. Das alles musste er Karin sagen, wenn er morgen zur Arbeit kam.
Für Leute, wie er selbst einer war, wollte Steffen Träume wahr werden lassen. Die Ideen des Grafen weiterdenken. Es gab diese Geschichte vom Speisesaal, den er unter Wasser gesetzt haben soll, damit die Gäste mit Gondeln zum Buffet fahren konnten. Irgend so etwas sollte doch möglich sein. Der direkte Seeanschluss mittels eines Kanals steht auch ganz oben auf seiner Wunschliste. Ein Haus, in dem Träume wahr werden, so etwas schwebte ihm vor. Illusionen wecken, die Gäste erlösen, wie er sich selber erlösen muss aus diesem Albtraum. Neue Bilder an die Stelle der alten setzen.
Lisa, Lara, Lisa, Lara. Tränen laufen Steffen über das Gesicht. Er wollte doch nicht weggehen, wollte sie beschützen, doch das war nicht mehr möglich. Und so ging alles in Flammen auf, er hätte es verhindern können, denkt er, wenn er dabei gewesen wäre, wäre das nicht passiert.
Wie der Graf musste auch er Träume erfüllen, Glück bringen, Schuld tilgen. Doch was hatte es Camille gebracht? Ich darf dich doch so nennen, fragt er, als schon der Turm Belvedere oben am Pass sichtbar wird, den der Graf als persönliche Residenz gebaut hatte. Um sich gegen das Bergell und die Geister zu schützen, denkt Steffen, eine Burg, die das Böse abwenden soll. Auch das war ein Traum, den Renesse nicht realisieren konnte.
Steffen spürt, wie das Dunkle den Pass hinaufkriecht und ihm auf den Fersen bleibt, lauert, um zuschlagen zu können, wenn er eine Schwäche zeigt. All die verschütteten Menschen, die verbrannten Hexen und der enthauptete Heilige, sie sind hinter ihm her, und plötzlich weiß er, dass ihm nur der Turm des Grafen Sicherheit geben kann. Diese Gewissheit gibt ihm Kraft, hilft ihm, die Straße zu meistern und den Kulminationspunkt des Passes zu erreichen, bevor ihn die Welle von Blut, die die Straße heraufschwappt, einholt und wegschwemmt.
Von Gregor keine Spur. Das ist Steffen nur recht. Er fährt hinüber zum Turm Belvedere, lehnt sein Rennrad gegen die Mauer und nimmt die Champagnerflasche, die neben dem Eingang steht.
»Danke, Camille«, sagt er und steigt langsam die Treppe zum obersten Stockwerk hinauf.
*
Der belgische Graf, sagt man, habe sich im Champagnerrausch vom Turm Belvedere oben am Pass ins Bergell gestürzt, in den Tod. Andere Quellen berichten, dass er 1904 in Nizza gestorben sei, wo er christliche Literatur verfasst haben soll. Das ist fast zu wenig dramatisch.
Steffen Schmidt, unser ehemaliger Eventmanager, muss die Geschichte gekannt haben. Möglicherweise wollte er, weil er seiner Aufgabe nicht gewachsen war, dem Grafen nachfolgen. Bei seinem Sturz in die Tiefe erlitt er schwere Verletzungen, die nun in einer Zürcher Privatklinik behandelt werden und, wie man hört, nur langsam ausheilen. Was an seelischen Narben zurückbleibt, kann niemand sagen. Den Stresstest, den ich mit ihm durchgeführt habe, hat er jedenfalls nicht bestanden. Als sein Vertrauter und engster Mitarbeiter bin ich selbstverständlich bereit, all seine Funktionen zu übernehmen.
Ach ja, noch etwas: Karin und ich werden bald heiraten, meinen Antrag hat sie schon angenommen.
03 Der Kragenwäscher
von Sunil Mann
Um 1701 wird das Antistitium, das Pfarrhaus neben dem Zürcher Großmünster, von einem Poltergeist heimgesucht, der den obersten Kirchenvorsteher Antonius Klingler und seine Frau in Angst und Schrecken versetzt. Der Teufel selbst soll die Hand im Spiel haben, meint der Antistes und merkt erst viel später, was es mit dem Spuk auf sich hat.
*
Wieder haben sie ihn gemartert, gepeinigt im Namen Gottes und seinen Körper dabei fast in Stücke gerissen. Schier besinnungslos vor Schmerz starrt er in die Dunkelheit, sein Mund staubtrocken, die Kehle rau von all den Schreien. Er hat sich nicht gerührt, keinen Zentimeter, zusammengekrümmt liegt er da, hingeworfen wie ein räudiger Kadaver.
Manchmal glaubt er, Stimmen zu hören, ein lockendes Wispern aus dem Fluss, Flüstern auf den Gängen, aus den finstersten Ecken fixieren ihn glühende Augen. Doch wenn er blinzelt, ist da nur noch diese undurchdringliche Schwärze, die ihn tröstend umschlingt, ihn allmählich durchdringt, jede Nacht ein Stückchen mehr. Bis alles schwarz wird, bis er selbst zu Dunkelheit wird, sich auflöst, nicht mehr ist. Weit und breit kein Licht, der letzte Hoffnungsschimmer vor Tagen schon verglommen.
Er verliert beinahe das Bewusstsein, schreckt auf, die Zunge klebt am Gaumen, das Gefühl zu ersticken. Ein nicht enden wollender Albtraum. Angst ist längst nur noch ein Wort, bedeutungslos nach allem, was sie ihm angetan haben, geblieben ist einzig die Sehnsucht nach Erlösung.
Schwer atmend liegt er auf dem harten Boden, wie lange schon, weiß er nicht. Tag und Nacht in Dunkelheit, er hat jedes Zeitgefühl verloren. Durch die dicken Mauern ist das gleichmäßige Rauschen des Flusses zu hören. Leise tropft Feuchtigkeit von den Steinen, kriecht in seine Kleider, klebt eisig kalten Stoff an seine Haut. Er schlottert. Weint leise.
Mit einem Weidling haben sie ihn zum Wellenberg gefahren, dem Gefängnisturm mitten in der Limmat, eine kurze Fahrt vom Rathaus. Das hier ist nicht der Oetenbach, das Stadtgefängnis, hierher werden die Schwerverbrecher gebracht. Verhältnismäßig angenehm in den oberen Etagen, da gibt es zwar auch keine Heizung, aber immerhin dreimal täglich warme Mahlzeiten, er weiß das vom Hörensagen. Ihm stellen sie Wasser und Brot hin.
Die Folterkammer hingegen ist ihm nur zu gut bekannt. Dort haben sie ihn kurz nach seiner Ankunft auf das »Bänkli« gesetzt, wie man das in Zürich nennt, auf die Streckbank gebunden, haben mit dem Handhebelrad das Seil angezogen, bis es fest gespannt war, und ihn über Nacht in dieser Position zurückgelassen. Allerdings ohne das Geständnis von ihm zu erhalten, auf das sie alle so gehofft hatten.
Dass der Aufenthalt im Wellenberg nur kurz ist, haben sie ihm gleich am ersten Tag klargemacht. Der Pfarrer Zeller vom Fraumünster und Diakon Ulrich, die ihn jeden Tag besucht und mit ihm gebetet haben, ihm zugeredet haben, mal sanft, dann wieder mit aller Härte, damit er gestehe, damit er endlich die Wahrheit bekenne.
Dabei hat er die Angelegenheit zu Beginn kaum ernst genommen. Mit Witz und Scharfsinn wollte er sich verteidigen, so sicher war er sich, dass sich der Kleine Rat über die Lächerlichkeit des Tatbestands im Klaren sein musste. Doch mit der Wut des Antistes, des obersten Pfarrers am Großmünster und Vorsitzenden der reformierten Kirche, hat er nicht gerechnet, nicht mit seinen furiosen Memorials, in denen er ihn, Bernhard Wirz, der Zauberei und Hexerei beschuldigte und behauptete, der Teufel habe seine Hand im Spiel gehabt, Wirz habe gar mit Satan selbst paktiert.
Bernhard Wirz hat tatsächlich gedacht, er käme heil aus der ganzen Sache raus. Doch er hat sich geirrt, so gründlich wie noch nie in den 29 Jahren seines Lebens.
Er stöhnt, versucht, seine Position zu verändern, sich aufzurichten, gibt den Versuch gleich wieder auf. Tastet mit der Hand über die tropfende Decke des Verlieses, sie hängt tief, an ein aufrechtes Sitzen ist nicht zu denken. Zwei solche »Hüsli« gibt es im Wellenberg, beide zuunterst im Turm zu finden, niedrige Zellen ohne Fenster.
Langsam dreht sich Bernhard zur Seite, der Schmerz verschlägt ihm den Atem. Es fühlt sich an, als stünde sein Körper in Flammen. Die Gelenke überdehnt, ausgekugelt womöglich, die Wirbelsäule ein glühender Spieß, der seinen Körper durchbohrt, der Rücken geschändet. Höllenqualen, kaum auszuhalten.
Als die Verhöre auf der Folterbank keine Resultate zeigten, haben sie ihm die Hände auf dem Rücken zusammengeschnürt und ihn an der Winde hochgezogen, haben ihm einen Stein an die gefesselten Füße gehängt und ihn immer wieder verhört, immer wieder dieselben Anschuldigungen, immer wieder dieselben Fragen, doch er hat bloß das Nötigste gestanden, bis sie von ihm abließen, der Ratsherr Gessner und Zunftmeister Bodmer. Nur um am nächsten Tag wiederzukommen und die Tortur fortzuführen.
Bernhard starrt in die Dunkelheit. Pedell ist er, ist er gewesen, Abwart des Kirchenrates, er hat auf eine Anstellung innerhalb der Kirche gehofft. Dass er ins Antistitium, das Pfarrhaus des Kirchenvorstehers, gerufen wurde, war das Glück, das sich als sein Unglück herausstellen sollte.
Er schließt die Augen und verwünscht zum tausendsten Mal den Poltergeist. Lauscht auf das Gurgeln des Wassers, das sich an der Turmmauer bricht, auf das Wispern der Stimmen, die jäh verstummen, sobald er sich nach ihnen umsieht. Der Aufenthalt im Wellenberg ist nur kurz, haben sie ihm gesagt. In der Zwischenzeit hat er herausgefunden, weshalb.
Turbental, 21. April 1705
Geliebter Bernhard,
was soll ich sagen? Du hast dein Versprechen lange gehalten, hast meinen Namen nicht erwähnt, obschon sie Dich aufs Bänkli gesetzt und ins Hüsli geworfen haben. Dafür danke ich Dir. Dass Du mich nun doch verraten hast, nach tagelanger Folter, will ich Dir verzeihen. Man hat mich rechtzeitig gewarnt und ich bin noch am selben Tag nach Turbental geflüchtet, zu meinem Schwager, Diakon Steinbrüchel, wo ich mich verstecken will, bis sich die Lage beruhigt hat. Bis Gras über die Sache gewachsen ist.
Lieber Bernhard, ich wünschte, Du hättest auf mich gehört, hättest meinen Hinweis ernst genommen, den ich Dir bei unserem heimlichen Rendezvous auf dem Lindenplatz gegeben habe. Dass mein Onkel, der Antistes, tobe vor Wut, auf Rache sinne und zum Äußersten entschlossen sei, selbst auf Folter wolle er nicht verzichten. Spaß versteht er keinen, das war schon immer so, doch jetzt ist er ernsthaft beleidigt. Er nimmt sich sehr wichtig, lässt sich sogar mit »Exzellenz« anreden, aber das weißt Du ja alles. Hast Dich oft genug über ihn lustig gemacht, ihn wegen seines geradezu kindlichen Aberglaubens verspottet. Dummheit und Selbstüberschätzung, eine gefährliche Mischung, ich habe Dich gewarnt. Aber Du wusstest es ja besser, wolltest in der Stadt bleiben und Dich mit Humor und Charme rausreden, so wie Du es immer getan hast.
Ich wünschte mir so, geliebter Bernhard, wir hätten mehr Zeit gehabt in jener Nacht, dieser eine Kuss hat meine Leidenschaft wieder geweckt, mehr als mir vielleicht lieb ist.
Aber warte … Von unten sind Stimmen zu hören, alle reden durcheinander, Aufregung herrscht.
Nun gut, es gibt Neuigkeiten, keine guten, befürchte ich. Mein Bruder ist eben eingetroffen, er kommt direkt aus Zürich und berichtet, dass die Frau Oberpfarrerin fuchsteufelswild sei und mich beschuldige, faul zu sein, mit Dir unter einer Decke zu stecken. Diese einfältige Schnepfe, wenn die wüsste! Oder hast Du es bereits gestanden? All unsere gemeinsamen Nächte in der Stube? Ich hoffe nicht!
Mein Bruder meint, ich müsse auf der Stelle meine Sachen packen, der Bürgermeister und der Rat haben angeblich einen Boten losgeschickt, um mich vorzuladen. Sie wollen mich verhören, und Du weißt, was das heißt. Die schrecken vor nichts zurück, um die Wahrheit zu finden. Oder das, was sie für die Wahrheit halten.
Mein Bruder meint, es sei das Klügste, für einige Zeit von der Bildfläche zu verschwinden, mein Schwager will gar nicht erst wissen, wohin ich gehe. Morgen um fünf in der Früh ist Aufbruch. Aber ich werde Dir weiterhin schreiben, liebster Bernhard, selbst wenn ich es nicht wage, meine Briefe abzuschicken.
In Liebe
Deine Regula
Diese plötzliche Stille, als sie die Sihlbrücke erreichen. Nur das Knarren der Holzplanken unter den schweren Schritten ist zu hören und Pfarrer Zellers pfeifender Atem, selbst der Diakon ist verstummt und geht nun schweigend neben ihnen her. Immer wieder hält Zeller inne, gönnt seinem Schutzbefohlenen und sich selbst eine Verschnaufpause, sie kommen nur langsam voran. Hinter ihnen drängen sich städtische Würdenträger, die Schaulustigen folgen mit etwas Abstand.
Was für eine feierliche Prozession!, denkt Bernhard Wirz, trotz seiner wenig erbaulichen Situation blitzt Schalk in seinem Blick auf. Wie oft wird man schon von einem Pfarrer höchstpersönlich durch die Stadt geführt, die Straßen voller Zuschauer, die einzig gekommen sind, um einen zu sehen?
Als hätte er diese frohe Regung gespürt, legt Zeller ihm die Hand auf die Schulter, weist ihn mit sanftem Druck vorwärts und murmelt dazu ein Gebet, so leise, dass es kaum zu verstehen ist.
Es dauert einen Moment, bis sich Bernhards Augen an das Halbdunkel der gedeckten Brücke gewöhnt haben. Ruhig ist er geworden in den letzten Tagen, in sich gekehrt und vor allem erleichtert, dass die Tortur und die endlosen Nächte im Hüsli endlich ein Ende gefunden haben. Mühsam setzt er einen Schritt vor den andern, leise stöhnend, jede Bewegung begleitet von unbeschreiblichem Schmerz.
Ein freundlicher Tag, dieser 13. Mai im Jahre 1705, ein Mittwoch, der Weg vom Fischmarkt über die Rathausbrücke, den Rennweg hinab bis zur Sihlbrücke war gesäumt von Menschen. Es kommt nicht oft vor, dass ein Mitarbeiter der Kirche zum Schafott geführt wird. Und dann auch noch der Pedell, der im Antistitium gewohnt hat, die rechte Hand seiner Exzellenz, des Kirchenvorstehers! Eine Sensation im kleinen Zürich.
Köpfe reckend, drängte sich das Publikum entlang der Strecke, selbst aus den Fenstern der Häuser lehnten Menschen. Die meisten Arbeiter hatten von ihren Vorgesetzten freibekommen, ein Volksfest, keiner wollte sich das Spektakel entgehen lassen. Bernhard kannte etliche Zuschauer und winkte den einen freundlich zu, andere grüßte er mit einem Nicken. Wohlwissend, dass er in der Stadt nicht nur als Pedell bekannt war, sondern ebenso als Frohnatur und Lebemann, der oft spätnachts – und selten nüchtern – in den Kaschemmen im Kratz anzutreffen war, dem Quartier der Wäscherinnen, Kesselflicker und Prostituierten hinter dem Fraumünster. Dort war er schon gesehen worden, wie er mit dem Scharfrichter und seinen Knechten Schnaps trank und als Musiker verkleidet zum Tanz aufspielte. Ein verbi divini minister und angehender Kanzelprediger! Dass er darüber hinaus unzählige Liebschaften unterhielt, versteht sich von selbst. Mehrere junge Frauen hielten sich für seine zukünftige Braut, wie im Verlauf der Ratsverhandlungen bekannt geworden war.
Schwer atmend bleibt Bernhard am Ende der Brücke stehen, eine kurze Pause bloß. Im Rücken die Tore der Stadt, vor ihm die weiten Felder und Bauernhöfe von Aussersihl, eine friedliche Szene. Doch sein Blick wandert unweigerlich zur Kapelle St. Jakob und dem dazugehörigen Friedhof.
Sie haben ihn am frühen Vormittag aus dem Wellenberg geholt und vors Rathaus geschleppt, wo sein Urteil verlesen wurde.
»Helf dir Gott!«, hat der Junker ihm noch zugerufen, ehe sich der Zug in Bewegung gesetzt hat.
Bernhard zuckt zusammen, als urplötzlich die Armsünderglocke im Kapellenturm zu schlagen beginnt, er spürt die Hand des Pfarrers, die seine Schulter drückt, und seine Nackenhaare sträuben sich.
Ein ungestümes Klingeln reißt die Frau Oberstpfarrer aus dem Tiefschlaf. Erschrocken richtet sie sich auf und starrt in die Dunkelheit, das Herz schlägt ihr bis zum Hals. Juli 1701. Die erste Nacht im Antistitium nach ihrem Kuraufenthalt in Bad Zurzach, deshalb dauert es einen Moment, bis sie sich zurechtfindet, bis sie begreift, woher der Lärm kommt. Wieder klingelt das Glöckchen, schrill und fordernd, und ein kalter Schauer läuft ihr über den Rücken. Verängstigt rutscht sie tiefer unter die Decke, zurrt die Schlafhaube fest und wartet, die Fäuste um die Bändel geballt, dass das Glöckchen endlich verstummt. Es ist durch eine Schnur direkt mit dem Kinderzimmer des kleinen Dorotheelis verbunden, eingerichtet vor einiger Zeit, als das Kind krank war, damit es schnell und auf simple Weise nach der Mutter rufen konnte. Nur ist das Dorotheeli immer noch mit seinem Vater, Antistes Antonius Klingler, im Hardturm, dem Landsitz der Familie, wo sie auf der Rückreise haltgemacht haben, das Zimmer also unbewohnt.
Ein Poltergeist!, denkt Frau Klingler voller Grauen und rutscht noch tiefer unter die Decke, während das Glöckchen zwei weitere Male klingelt.
Am nächsten Morgen eilt sie als Erstes ins Zimmer ihrer Tochter, doch, wie erwartet, ist Dorotheelis Bett leer und unbenutzt. Obschon sie innerlich aufgewühlt ist, lässt sich Frau Oberstpfarrer nichts anmerken, als sie sich in die Küche begibt. Das Gesinde braucht nicht zu wissen, dass sie sich in der Nacht geängstigt hat. Schließlich ist sie für ihre Strenge und mehr noch ihre Sparsamkeit bekannt, manche Angestellten fürchten sich regelrecht vor ihr. Man könne ihr nichts recht machen, tuscheln sie hinter ihrem Rücken, das ist der Klinglerin durchaus bekannt. Das Bild einer vor Furcht zitternden Herrin würde nur ihre Autorität untergraben, sie womöglich zum Gespött in den Kammern der Mägde machen. Deswegen gibt sie sich noch unerbittlicher als sonst, selbst Tränen rühren sie nicht.
Gleich nach dem Frühstück befiehlt sie, das Haus auf Vordermann zu bringen, die Böden zu schrubben, das Bettzeug zu waschen, da der Hausherr bald anreise. Danach kontrolliert sie alle Ecken auf liegen gebliebenen Staub, späht hinter jeden Schrank, fährt mit dem Finger prüfend über Regale und Ablagen. Und wenn sie auf etwas stößt, das nicht zu ihrer Zufriedenheit erledigt ist, brüllt sie nach den Mägden, der Anna und dieser Bernerin, deren Namen sie immer vergisst, oder schimpft die Haushälterin Regula aus, die nichtsnutzige, faule Nichte ihres Mannes.
Doch je näher der Abend rückt, desto banger wird ihr, desto heftiger erfasst sie die Angst vor der Nacht, bis sie schließlich nach dem Abendbrot Anna zur Seite nimmt.
»Du schläfst heute in meiner Kammer«, befiehlt sie und bemerkt nicht, wie die Magd unauffällig die Augen verdreht.
»Wieso?«, will die junge Frau wissen.
Sekundenlang starrt Frau Klingler Anna an, bis ihr eine Ausrede einfällt: »Damit du mir Wasser holen kannst, sollte ich aufwachen und Durst verspüren.«
»Wie Sie meinen.« Anna zuckt mit den Schultern.
»Ich verbitte mir diesen Ton!«, ruft die Klinglerin ihrer Angestellten hinterher, doch die junge Frau steigt bereits die Treppe ins obere Stockwerk hinauf.
Es ist kurz nach Mitternacht, als die Frau Oberstpfarrer von einem entfernten Schlurfen geweckt wird. Mit angehaltenem Atem lauscht sie in die nächtliche Stille und schreit entsetzt auf, als das Geräusch plötzlich aus dem Zimmer über ihr erklingt.
»Was ist los?« Schlaftrunken meldet sich Anna von der anderen Seite des Bettes.
»So hör doch!«, flüstert Frau Klingler.
»Ich kann nichts …«
Jetzt kommt das Schlurfen von den Lauben, es klingt nach Holzschuhen.
»Er ist es!« Frau Klinglers Stimme zittert, Anna greift nach ihrer Hand.
Beinahe gleichzeitig fällt eine Tür krachend ins Schloss und beide Frauen kreischen auf. Dann herrscht wieder Stille.
»Wir wollten Sie nicht beunruhigen, liebe Frau Klingler, aber …«
»Wovon sprichst du, Anna?«
»Als Sie zur Kur in Bad Zurzach waren …«
»So red doch!«
»Das geht schon die ganze Zeit so, jede Nacht. Im Saal, dann wieder in den Kammern, auf den Lauben, in der Küche. Er lärmt herum, knallt Türen zu, geht mit schweren Schritten die Treppen hinauf und hinab, dabei schlägt sein Degen klirrend gegen jede Treppenstufe. Und er pfeift wie …«
»… ein Rittmeister.« Mit einem kraftlosen Stöhnen lässt sich die Klinglerin in die Kissen zurücksinken und ist froh um die Dunkelheit. Denn sonst hätte Anna bemerkt, wie blass sie geworden ist.
Hans-Konrad, du bist es, denkt sie und das blanke Entsetzen packt sie, du bist es tatsächlich. Du bist zurückgekommen.
Erst im Juni ist ihr Sohn aus erster Ehe, ein ungehobelter Geselle mit miserablen Manieren, von einem Pferdehuf tödlich getroffen worden. Dies, obschon er mit Pferden besser umgehen konnte als mit Menschen, nicht umsonst hat man ihn zum Rittmeister ernannt. Ein schlichtes Gemüt, der Hans-Konrad – und der Enkelsohn des reichsten Mannes von Zürich. Auf den Gassen der Stadt munkelt man seither, dass Frau Klingler nach dem Tod ihres Sohnes etliche Hundert Gulden von seinem Erbe unrechtmäßig abgezweigt habe.
Deshalb!, begreift die Frau Oberstpfarrer in diesem Moment. Deshalb spukst du jetzt durch mein Haus, Hans-Konrad.
Am nächsten Tag lässt die Frau Oberstpfarrer schleunigst die Kutsche bespannen und eilt zu ihrem Gatten, der sich noch immer im Hardturm aufhält. Als sie Antonius in die Arme fällt, bricht sie zusammen und weint so bitterlich, dass er sich ernsthaft Sorgen um sie macht.
Am selben Tag trifft die Familie im Antistitium ein, sie wird bereits von ihren verängstigten Angestellten erwartet. Die Mägde sind den Tränen nahe, auch die Haushälterin Regula ist fahl im Gesicht und wirkt fahrig. Der Poltergeist macht ihnen Angst.
Die Bernerin berichtet unter Tränen, das Gespenst habe ihr eines Nachts die Bettdecke weggerissen, während die Pfarrersfamilie in Bad Zurzach weilte, die rein weibliche Belegschaft hätte daraufhin den Pedell Bernhard Wirz gebeten, während dieser Zeit zu ihnen zu ziehen und sie zu beschützen. Daraufhin sei die Situation etwas erträglicher geworden.
»Na, dann soll der junge Mann doch wieder herkommen«, meint der Antistes, der Oberstpfarrer, während er beherzt das Haus betritt und gleich als Erstes ein Gebet spricht.
»Aber wir können unmöglich hinten in den Belegschaftsräumen bleiben«, wirft Anna ein. »Wir sterben vor Angst. Angeblich hat es dort schon früher gespukt!«
»Aber wo wollt ihr denn übernachten?«, wundert sich Frau Klingler.
»Wir richten unsere Betten in der Stube ein«, erklärt Regula, die sich offenbar bereits im Vorfeld Gedanken zur Lösung des Problems gemacht hat. »Dann kann der Herr Wirz auch gleich dort sein Lager errichten und uns vor dem bösen Geist beschützen.«
»Was für eine großartige Idee!« Der Antistes nickt wohlwollend.
Der Poltergeist ängstigt den Geistlichen zwar, aber er sieht es als seine Herausforderung an, den Teufel zu vertreiben, der zweifelsohne hinter dem Ganzen steckt. Denn dem Antichristen den Garaus zu machen, das ist sein ganzer Ehrgeiz, wo er ihn vermutet, lässt er ihn seine Macht, seine gnadenlose Härte spüren, wofür er weitherum geachtet wird. Ihm ist es zu verdanken, dass erst Anfang Juli Elsbetha Rutschmann aus Wasterkingen der Hexerei überführt worden ist. Auch ihre Tochter Anna und die Schwägerin Margaretha haben sich auf der Folter zur Wahrheit bekannt. Sie haben gestanden, sich lüstern dem Teufel hingegeben und Zauberei betrieben zu haben, indem sie einen Ochsen den Wagen nicht mehr haben ziehen und das Bein eines Kindes haben anschwellen lassen, Küchlein sind beim Backen nicht aufgegangen, Läuse wurden in den Haaren einer Bäuerin gefunden. Die Rutschmann wurde unten an der Sihl bei lebendigem Leib verbrannt, das Mädchen und die Schwägerin wurden erst enthauptet und dann eingeäschert. Doch noch sind die Hexenprozesse nicht zu Ende, weitere Angeklagte aus demselben Dorf harren im Wellenberg ihrem Urteil.
Doch alles Beten hilft nichts. Der Poltergeist ist längst nicht nur nachts unterwegs, neuerdings verrückt er sogar tagsüber Gegenstände. Als Regula beim Mittagessen aufspringt, fällt ein Buch vom Regal, ein Sessel verschiebt sich knarrend, als Bernhard die Stube betritt, Kerzenständer fallen um. Die schönen Schuhe der Angestellten sind eines Morgens unauffindbar, sodass keiner von ihnen zum Gottesdienst gehen kann, der Antistes stolpert beinahe über einen Degen, der mit der Scheide gekreuzt vor der Studierkammer liegt, flankiert von zwei Pistolen. So umtriebig das Gespenst auch bei Tageslicht ist, seine schweren Schritte sind weiterhin um Mitternacht auf den Treppen des Pfarrhauses zu vernehmen, Türen werden zugeknallt, Fenster sperrangelweit aufgemacht. Dem Dorotheeli reißt er im Schlaf die Decke weg.
»Mir hat er die Schlafhaube vom Kopf gezupft!«, schluchzt die Bernerin eines Morgens. »Sie flog zum einen Fenster hinaus und beim nächsten wieder herein!«
Tröstend drückt Anna ihren Unterarm, während der Antistes Bernhard Wirz zu sich winkt.
»Sie zeichnen ab sofort alle Vorkommnisse auf, ich will, dass dieser Spuk dokumentiert wird, als Beweis für die Nachwelt«, trägt er dem jungen Mann auf. »Wir werden das Werk Diarium Tragediae Diabolicae nennen«, sagt er, ehe er sich mit der Bibel unter dem Arm in sein Arbeitszimmer aufmacht, um gegen das Böse anzubeten. Längst ist ihm zu Ohren gekommen, dass man sich in der Stadt über ihn lustig macht, ihn für abergläubisch hält.
Was weiß das gewöhnliche Volk schon, was hier vor sich geht?, fragt er sich grimmig, während er sich hinkniet. Wissen die überhaupt, gegen wen ich diesen Kampf führe?
»Kragenwäscher« nennen die Leute den Poltergeist spöttisch, weil man an einem Sonntag vor dem Gottesdienst die steifen Mühlsteinkragen, die zur Würdentracht der Ratsherren und Seelsorger gehören, nicht im Ankleideraum vorgefunden hat, wo sie eigentlich hingehören, sondern dieselben im Hofbrunnen schwimmend entdeckte.
Der Oberstpfarrer schlägt die Bibel auf und vertieft sich in sein Gebet, doch in derselben Nacht schreit Anna das ganze Haus zusammen, weil ein ungewohntes Geräusch sie geweckt hat.
»Ich hatte fürchterliche Angst und musste mich überwinden, überhaupt nachzusehen«, berichtet sie.
Die Klinglerin nickt aufmunternd und der Antistes tauscht einen raschen Blick mit Wirz. Ein gewichtiger Eintrag für das Tagebuch.
»Ich schlich die Treppe hinab und da stand er, direkt vor dem Audienzzimmer, ein riesiger Mönch. Er leuchtete irgendwie und trug eine weiße Kutte, in der Mitte einen schwarzen Streifen …«
»Ein Skapulier?«, will der Antistes wissen, doch die Magd schüttelt bloß irritiert den Kopf. »So, wie du es beschreibst, handelte es sich um eine Ordenstracht des Klosters Wettingen.«
Anna sieht den Oberstpfarrer hilflos an und er lächelt ihr gütig zu.
Zürich, den 12. Januar 1702
Geliebter Bernhard,
zehn Tage ist es nun her, seit mich der Antistes aus dem Dienst entlassen hat. Er nimmt es mir übel, dass ich mein Eheversprechen nicht einhalten wollte und den Johannes Waser habe sitzen lassen. Aber ich liebe doch Dich! Nur, wie hätte ich ihm das erklären sollen, wie? Du weißt selber, wie stur er sein kann. Vermutlich hätte er es nicht verstanden, hätte gedacht, Du seist nur an meinem Vermögen interessiert. Viel ist es ohnehin nicht, aber die Summe ermöglicht mir zu überleben, bis ich eine neue Anstellung gefunden habe.
Manchmal frage ich mich, ob wir es zu weit getrieben haben. Aber dann wiederum war es jede Sekunde wert, ich hatte noch nie so viel Spaß in meinem Leben wie mit Dir, lieber Bernhard.
Wie ich höre, hat der Spuk im Pfarrhaus aufgehört? Der Antistes tönt herum, er habe den Teufel mit der bloßen Macht der Worte Gottes vertrieben, er allein. Überall lässt er sich dafür feiern und man jubelt ihm allenthalben zu. Manche lachen zwar über ihn, aber das merkt der Narr natürlich nicht.
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