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LOR
WYSS
ICH
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LOR
Mit einer Silbe war die Kindheit abgetrennt. Sie nannte sich Lor, seit sie fortwollte, weg von den Eltern, weg von der Schwester, die ihr immer eine Schuhgröße voraus gewesen war. Die Eltern hatten für sie die Taufnamen Laure Elisabeth gewählt, zwei praktische Namen in einer Gegend, die von der Sprachgrenze zweigeteilt wurde. Er ging Französischsprachigen wie Deutschsprachigen gleichermaßen über die Lippen. Die Schwester, zwei Jahre vor ihr geboren, hieß Hilde und wurde von den Eltern, von Tanten und Onkeln Hildi genannt. Zu ihr sagten alle Lorli.
Nichts erinnerte an den Singsang eines Kinderreims, seit sie die Verkleinerung am Namensende verweigerte. Der neue Name gab wieder, wie Laure auf Französisch ausgesprochen wurde. Auf dem Einwohneramt bestand sie auf der Ausstellung eines Reisepasses in französischer Sprache. Sie studierte in Zürich, wohnte während der Semesterferien bei den Eltern im Dorf, das für die einen Leubringen hieß, für die anderen Évilard. Sie beharrte auf einem Passeport, partout, obwohl Französisch nicht ihre Muttersprache war. Zu Hause sprach man breiten Berner Dialekt mit bielerischer Färbung – Biudütsch.
Das Dorf mit den zwei Namen thronte oberhalb der Stadt Biel auf einer Sonnenterrasse des Jura, es gab ein Feuerwehrhaus und ein Schulhaus, aber keine Kirche, dafür Gaststätten, die «Beaulieu», «Beausite» oder «De la Gare» hießen und von Biel aus bequem mit der Drahtseilbahn zu erreichen waren. Zwischen Bauernhäusern standen Bürgerhäuser, manche im Alpenstil gebaut und umgeben von Zedern und Tannen.
Ich, Lor-Elisabeth Wyss, wurde am 20. Juni 1913 in Biel (Kt. Bern, Schweiz) geboren. Hier besuchte ich die städtischen Schulen und bestand im Herbst 1932 die Maturität am städtischen Gymnasium. Den folgenden Winter verbrachte ich in Paris, wo ich die Sorbonne besuchte. Während des Sommers 1933 machte ich eine halbjährige Lehrzeit auf dem Notariatsbureau meines Vaters in Biel. Im Herbst 1933 immatrikulierte ich mich an der Universität Zürich, wo ich zwei Semester neue Philologie studiert habe.
Den Lebenslauf schickte sie nach Berlin an die Kanzlei der Friedrich-Wilhelms-Universität mit der Bitte, für das Wintersemester 1934/35 zum Studium zugelassen zu werden. Sie fügte die Bestätigung der Universität Zürich bei, dass sie die Fächer Französisch und Deutsch belegt hatte, und von der Université de Paris die Bescheinigung vorzüglicher Sprachkenntnisse.
Auch in Zürich war ihr Biel zu nah, um von der Welt loskommen zu können, in die sie hineingewachsen war. Immer blieb sie die jüngere Tochter des hoch angesehenen Notars Werner Wyss, der als Freisinniger im Stadtrat politisiert hatte, nun im Kanton Bern Großrat war. Und stets war sie die Enkelin des hoch geachteten Jakob Wyss, der das Gymnasium in Biel wiedergegründet und die Elite der Stadt geschliffen hatte, Jahrgang für Jahrgang. In seinem Gymnasium hatten sie und ihre Schwester in den Bänken gesessen, entgegen seinem Willen, die Ausbildung hielt er für Mädchen zu streng. Aber der Vater hatte sich widersetzt und die Töchter in das Schulhaus geschickt, an dessen Giebel stand: «Die Erziehung der Jünglinge ist die Basis des Gemeinwesens.»
In Leubringen waltete Anna Berta Wyss und sah zu, wie die Töchter ein Leben führten, das sie sich womöglich auch gewünscht hätte, das ihr jedoch verwehrt geblieben war bis auf ihre Saison, diesen einzigen Sommer vor der Ehe, in dem sie auf dem Gornergrat im Wallis die Ausflügler bedient hatte.
Aber auch sie hatte einen Überblick. Sie war eine geborene Uhlmann aus der «Épicerie fine et Bonneterie Uhlmann», einem Geschäft, das in Biel an bester Lage die Waren eines Frauenlebens im Angebot hatte. Knöpfe, Nadeln, Nähfaden und Garn, Strümpfe und Unterwäsche, dann Kaffee und andere Genüsse aus Übersee. Nach der Schule hatte sie im Laden mitgehört, wie ihre Mutter die Kundschaft bedient und mit der Ware immer auch Neuigkeiten ins Packpapier eingewickelt hatte. Die Schwester und sie hatten Bestellungen auszuliefern, und mit dem Geld hatten sie auch dieses und jenes zurückgebracht, das sie gerade aufgeschnappt hatten. Ihre Kenntnisse über das weibliche Biel hatte sich Anna Berta Wyss seit Kindsbeinen erlaufen. Später hatte sie am Ladentisch Päckchen geschnürt.
Lor-Elisabeth Wyss, die mit dem Wort «ich» ihren Lebenslauf begonnen hatte, als gelte es, Hindernisse zu durchstoßen, um fortzukommen, schickte ihre Bewerbung in sicherer Entfernung von zu Hause, aus Hannover, ab.
Hanni, die Studienfreundin, kam aus Hannover und besaß einen seltenen norddeutschen Familiennamen, Zietzschmann, Johanna. Der Bruder nannte sie Hanne, wie in Deutschland üblich, aber sie hielt am schweizerischen «i» am Namensende fest. Sie wollte die Hanni sein, die in Zürich geboren worden war und die Schule besucht hatte, bis der Vater, ein Professor für Tieranatomie, an die Tierärztliche Hochschule Hannover berufen wurde. Gegen den Willen ihrer Mutter hatte sie sich nach Zürich zurückgekämpft und ein Studium der Rechtswissenschaften begonnen.
Für Hanni war eine, die auf den Skiern durch den Wald nach Biel ins Gymnasium gefahren war und die mit einem Ruderboot umzugehen verstand, eine passende Kameradin. Hanni war Mitglied im Deutschen Ruderclub, und am ersten Sonnentag im Frühling setzte sie sich ins Boot, ruderte den Zürichsee hinauf bis zur Halbinsel Au und wieder hinunter. Zu Beginn jeder Saison notierte sie in ihre Taschenagenda eine ähnliche Feststellung: «Schwer verbrannt! O jeh.» Sie sog alles auf, was sie für schweizerisch hielt. «Bärnedütsch vorlesen. Köstlich.»
Die Familie Zietzschmann pflegte einen Lebensstil, der so anders war als das, was Lor Wyss von ihrer eigenen Familie kannte. Die Freundin fuhr mit dem Auto ihres Vaters herum und gab Geld aus für Musik. In den Literaturstunden am Bieler Gymnasium war in Lor ein Idealbild von Deutschland entstanden, geprägt von den Epochen der Romantik und Klassik. Zeitgenössische Lyrik gab ihrem Lebensgefühl eine Form, diese Gedichtzeile von Rainer Maria Rilke: «... denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern.» Ein unerhörter Zuruf einer Autorität, die sie verehrte und die ihr das Recht gab, sich von den Eltern loszusagen. Die Freundschaft mit Hanni verhieß eine Verlängerung der Freiheit über den letzten Semestertag hinaus. Die Unabhängigkeit endete jeweils, wenn sie im Studentenwohnheim das Zimmer räumen und nach Leubringen zurückkehren musste. Mit Hanni reiste sie im Sommer durch Holland, dann anerbot es sich, auf der Rückreise in Hannover einen Zwischenhalt einzulegen, den sie so lange ausdehnte, bis die Ermahnung kam. Hanni notierte in ihre Taschenagenda: «Brief aus B: Lor geht heim.» Vor der Rückkehr aber beschlossen die beiden, in Berlin zu studieren.
EINFÄRBUNGEN
Das Kleid, dessen Farbe und die Frau, die diese Farbe und dieses Kleid trug, waren für ihn ein Ganzes. Wie keine andere gehörte für ihn die Farbe des Kleides zu ihr, als wäre es der Farbton ihres Wesens. Er schrieb im Dezember 1933 in seinen Taschenkalender:
«Lor mit dem blauen Kleid. Und ich bin unsinnig verliebt.» Am Abend saß er mit ihr am Tisch, und sie, die Freundin seiner Schwester, prüfte ihn in Biudütsch. Ein kehliges Kratzen, das in einen breiten Doppellaut überging und rollend zu Ende kam: Chlouser, Samichlous. Sie saßen beim Chlouser-Höck, tranken Wein, es waren noch Freunde dabei, für Ernst Zietzschmann saß am Tisch nur eine.
Weihnachten und Neujahr verbrachte er mit der Schwester bei den Eltern in Hannover. Die Entfernung kühlte seine Gefühle nicht ab, im Januar, als die Vorlesungen wieder begannen, hatte er genug Gründe, ihr an die Universität wiederzubegegnen. Er hatte sein Architekturstudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule abgeschlossen und besuchte seither an der Universität Vorlesungen in Germanistik, Französisch, Italienisch und Kunstgeschichte. Seinen Lebensunterhalt verdiente er mit Gelegenheitsarbeiten.
«In der Mensa spiele ich den dummen Jungen gegenüber Lor, die sich aufspielt + interessant macht. Hanne sitzt auf glühenden Kohlen.»
Eine Partie zu dritt. Er tat, als wäre alles Zufall, als wüsste er nicht, wen er über Mittag antreffen würde, dabei hatte er vor kurzem seine Verlobung in Hannover aufgelöst, und er sprach sich mit seiner Schwester ab. Die Schwester trieb das Spiel der Zwischenhändlerin, die dem Bruder half und zur Freundin hielt, auf beide Seiten Vertrauliches streute und fortwährend den Zufall inszenierte, eine gemeinsame Zugfahrt zuerst, wie ohne Absicht, dann die Einladung zum Chlouser-Abend, weitere Zusammentreffen hier und da, zu dritt schließlich eine Winterwanderung, die auf dem Albisgrat unversehens in einen heftigen Schneesturm führte, bei dem kein vernünftiger Wanderer sich auf den Weg gemacht hätte. Lor Wyss ließ sich alles gefallen, zog ihren Vorteil aus den Bemühungen der beiden, lockte und wies zurück im Bewusstsein, dass er nicht der Einzige war, der um sie warb.
«Hanne erzählt, dass sie wie eine große Dame bei Globus Wimpernfixativ + Lippenstift gekauft habe. Ich gerate in einige Unruhe angesichts der Auspizien.»
Ernst Zietzschmann war ein Genussmensch und hochempfindlich, zugleich seinen Gefühlen ausgeliefert. Eine Bemerkung seiner Schwester oder von Lor konnte ihn derart verunsichern, dass er sich kaum mehr auf seine Arbeit konzentrieren konnte und der Tag für ihn verloren war. Eine Bestätigung ließ ihn euphorisch werden und gab ihm Selbstvertrauen, das er augenblicklich wieder verlieren konnte. Die Schwester schürte seine Gefühle, ließ ihn groß und klein werden.
«Hanne ist gar nicht zufrieden mit mir + meinem Verhalten. Ich bin halt doch zu lammlig. C’est ça.»
Er schrieb auf, was sie ihm zutrug, was sie ihm riet und an ihm kritisierte. Ansonsten hielt er fest, ob er an diesem Tag viel oder wenig geleistet, mit wem er zu Mittag gegessen und mit wem er den Abend verbracht hatte. Er schwärmte von Landschaften und schönen Frauen, unterstrich Worte mit Nachdruck und sparte nicht an Ausrufezeichen. Für seine Tagesnotizen verwendete er Taschenkalender, preiswerte Pappausstattung ohne Goldschnitt, eine linierte Seite pro Tag, ein Vierteljahr pro Heft.
Der Zwischenhändlerin wurde das Doppelspiel mit der Zeit zu viel, und sie legte ihrem Bruder nahe, mit Lor endlich allein etwas zu unternehmen. An einem Nachmittag, an dem er sich langweilte, ging er zu Lor, dann suchten sie Hanni, und zu dritt gingen sie an die Bahnhofstraße. An Zürichs vornehmster Geschäftslage gab Lor aus, was sie aufbieten konnte, kaufte meterweise sirrendes Blau und beauftragte eine Schneiderin, ihr ein Abendkleid zu nähen. Anschließend tranken die drei in der Confiserie Sprüngli Kaffee. Daraufhin bewies er den beiden Frauen, dass ein Gentleman nicht «lammlig» war. Er leistete sich einen Smoking.
Hanni kaufte sich nichts.
Wochen vergingen, dann kam der Tag, an dem Ernst einen zusätzlichen Zettel benötigte, weil ihm die vorgesehene Seite im Taschenkalender nicht mehr ausreichte.
«Wir gehen heute abend tanzen. Tempo Vorbereitg. mit der Fliege. zu LOR. KURSAAL. In strahlender Schönheit schenkt sich mir diese liebe einzige Frau. Ihr Kleid, das neue, einst selbst ausgewählte, ist als ein Wunder um das Wunder ihres Körpers gelegt. Das strahlende Hellblau mit ganz wenig Silber steht ihr herrlich + einzig. Es fällt in einer weiten leichten Glockenbewegung, die Ärmelansätze sind glänzend, leuchtend blau gerafft. Kleine silberne Schmuckhalter über den Schultern. Der Rücken weit ausgeschnitten mit einem strahligen Netz von blauen Streifen, die zusammengehalten werden mit einem kl. Clip. [...]
Soll ich hier niederschreiben, von welcher Vollendetheit dieser Körper ist? Und wie weich er sich zu neigen weiß? Und welche ganze Anbetung er verdient?
Das Tanzen geht gut, nur sollte ich halt 10 cm größer sein, tant pis. Lieb hab ich sie doch.»
Er umwarb «sein junges Lieb» am Klavier mit Schubert und Mozart, Bach, Brahms, Beethoven und drückte seinen Überschwang in die Tasten. Er wäre gerne Pianist geworden und hatte sich für Architektur entschieden. Sie saß still neben ihm auf dem Bett, in dem Hanni schlief, seit sie vom Studentinnenheim zum Bruder gezogen war. Er rauchte Pfeife, wie seine Kollegen auch, und war sechs Jahre älter als sie.
«Sie hat ihr lb. blaues Kleid an, das ihre Gestalt so fest umschließt. Sie liest mir den einen Leopardi, ich ihr ein paar Eichendorffs vor. Dabei sitzt sie, ein schlankes herrliches Wesen, auf dem Sofa neben mir. Eichendorffs stille weite Landschaften klingen zu uns ins Zimmer. Dann soll sie lesen und legt dann mit einem Aufatmen das Buch weg: Lass uns aufhören, lass uns aufhören. Lass uns etwas anderes tun!
Dann wird das kleine Kerzenlicht weggestellt + sie bettet sich fest in meine Arme, ganz ganz fest und tausend Mal wird ihr Mund mein, tausend Mal. Und jedes Mal anders, und jedes Mal neu. Und dies selige Gefühl: Du bist bei mir.»
Er bewunderte ihr Wissen über Literatur, ihr Urteilsvermögen und ihre Eloquenz, vielleicht auch ihren Widerspruchsgeist. Ihm pflegte seine Mutter zu sagen: «Junge, Junge, du bist mundfaul.»
Und immer dieses Blau. Ein Sog, ein Rausch, eine nie gestillte Sehnsucht. Wie wenn er einen Bergsee beschriebe, kam ihm ihr Wesen vor: «frisch» und «hell», ihre Art «klar», ihre Gestalt «unberührt».
«Wie ich froh bin um ihre wunderbare Jugend, ihre eben 20 Jahre, ihr ganzes starkes Jungsein, das sich mir schenkt, unbeschränkt + froh.»
Zugleich aber erschien sie ihm abweisend, kühl und «undurchdringlich».
«Ob ich sie werde festhalten können?»
Das Erste, was Ernst Zietzschmann tat, als er 1931 in die Schweiz zurückkehrte, er suchte das Blau seiner Jugendzeit. An der Eidgenössischen Technischen Hochschule wollte er sein Architekturstudium abschließen. Am Tag nach der Ankunft in Zürich fuhr er mit einem Schulfreund in die Innerschweiz an den Vierwaldstättersee.
«Es ist ein Gang im Elysium. Die Maderaner Gipfel, die Riemenstalderberge + der Urirotstock. Unglaublich schöne Blicke. Weiter der Gang z. Seelisbergsee. Crocuswiesen mit Schnee. [...] Kaffee ob dem Rütli droben in der wunderwunderbaren Landschaft. Auf dem See wachsen die Schatten.
[...] Dampferfahrt üb. Gersau, Beckenried (200 Skiläufer) u. Vitznau, Sonnenuntergang. Ein weiteres non plus ultra. Der blauviolette Bürgenstock. Und rotgolden rollt d. Sonne am Pilatus hinab.»
Am nächsten Tag nahmen sie das Kursschiff nach Flüelen, mieteten ein Ruderboot, erreichten Isleten und schulterten die Rucksäcke.
«Es lässt sich nicht beschreiben, wie die weißen Berge über dem blauen See stehen.»
Ernst Zietzschmann war kein Glückseliger im Elysium, ihm fehlten die Niederlassungsbewilligung und das Schweizer Bürgerrecht. Nach seinem Architekturstudium schrieb er sich an der Philosophischen Fakultät der Universität ein, um seine Aufenthaltsbewilligung zu verlängern. Seine Gelegenheitsarbeit war Schwarzarbeit als Bauleiter oder Aushilfszeichner, das Honorar abhängig vom Geschäftsgang des Arbeitgebers und vom allfälligen Preisgeld aus Architekturwettbewerben. Die Fremdenpolizei war hinter ihm her, nachdem er wegen seiner Schwarzarbeit anonym angezeigt worden war. Er wurde ausgewiesen, einflussreiche Bekannte halfen ihm beim Verfassen des Einbürgerungsgesuchs, und ein Architekturprofessor vermittelte ihm ein Reisestipendium, sodass er für einige Monate nach Italien verschwinden konnte. Wieder in der Schweiz, hatte sich an seiner Situation nichts geändert, das Einbürgerungsgesuch war nicht entschieden, für die Aufenthaltsbewilligung gab er sich als Student aus, und für seinen Lebensunterhalt arbeitete er unerlaubt. Aber seine Schwester studierte inzwischen in Zürich, und er war Lor im blauen Kleid begegnet.
An eine Rückkehr nach Deutschland dachte er nicht, auch wenn ihn zuweilen das Heimweh plagte. Politischer Weitblick war es nicht. Als im März 1933 in Deutschland der Reichstag gewählt wurde und die Nationalsozialistische Partei große Gewinne erzielte, notierte er:
«Die Wahlen bringen einen tollen Sieg Hitlers.»
Seine Hochstimmung stieß bei den Freunden aus dem Gymnasium auf keine Gegenliebe, provozierte vielmehr angespannte Diskussionen und wurde zum wiederkehrenden Ärgernis. Er erwartete Anerkennung für seine Nation, die nach dem verhassten Friedensvertrag von Versailles verlumpt und verhungert war, die aber nun die auferlegten Schadenszahlungen für den Krieg hinter sich gebracht hatte und mit jeder Wahl bestätigte, dass in Zukunft mit ihr zu rechnen war. Er rieb sich besonders an Karl Schmid, einst der Klassenbeste, der sich für Politik interessierte, in der Schweizer Armee Leutnant war und Deutschlehrer am Gymnasium werden wollte.
«Tango [Karl Schmid] schimpft wieder auf Deutschland + tut düpiert über meine Begeisterungszumutung.»
Ernsts Cousin, mit dem er in München die Studentenwohnung geteilt hatte, hätte ihn gerne für die Partei gewonnen und hatte ihn in den Bürgerbräukeller zum Auftritt Hitlers mitgenommen.
In der Schweiz konnte sich Ernst Zietzschmann am Aufstieg der Nationalsozialisten begeistern, doch wenn ihm bei Besuchen in Hannover ein Aufmarsch begegnete, widerte ihn das Brüllen, Hackenzusammenschlagen und Salutieren an. Die politische Stärke bejubelte er, aber die Ästhetik dieser neuen Kraft stieß ihn ab.
«Niedergeschlagen durch den furchtbaren Betrieb. Blasse, hässliche Menschen. Fahnen. Schilder. Alles erscheint wie Manie. Mittags Kampfes Stimmung.»
In seinen Aufzeichnungen machte er nie eine Bemerkung, ob Lor über seine politische Schwärmerei hinwegging, ihr womöglich keine Bedeutung gab, oder ob sie ihn kritisierte wie Karl Schmid. Hingegen vermerkte er nach einem Fest siegesgewiss, dass er sich mit ihr bei seinen Freunden zeigen konnte.
«Und in allem ist das Licht + das Liebhaben meiner herrlichen Frau, meiner Lor. Stolz bin ich auf sie, wie sie als das schlankste + schönste Mädel Mittelpunkt ist. Rote weite Hosen über nackten Beinen. Am Fußgelenk eine rote Kette, Sandalen; ein herziges rot-weiß kariertes Blüsle. Nach Mitternacht wird sie ganz ganz lieb zu mir + schenkt mir ihren Mund.»
Er schätzte auch ihre Sportlichkeit, obwohl er einstecken musste, wenn sie auf ihren Skiern elegant davonstob.
«Beim 1. Schuss großer Sturz, dito beim 2. Ich in sinnloser Wut, Lor fährt alles sturzfrei, in herrl. Beherrschung ihres wunderbaren Körpers.»
In seinem Freundeskreis gab es ein weiteres Paar, ein heimliches: seine Schwester und Karl Schmid. Die Liebschaft war allerdings nicht von langer Dauer.
Eines Tages erschien in Zürich Anna Berta Wyss, um sich vor Ort ein Bild zu machen von den Vorgängen, die ihr in Leubringen zu Ohren gekommen waren und deren Tragweite ihr mütterlicher Instinkt sofort erfasst hatte. Ernst Zietzschmann notierte: «Frau Wyss ist sehr sehr lieb.» Auch wenn er sich die Liebenswürdigkeit der Besucherin glauben machte, wusste auch er, dass ein solcher Besuch kurz vor Semesterende nichts Gutes verhieß, dass die Ferien genutzt werden würden, der Tochter die Flausen auszutreiben, ihr den Kopf wieder geradezusetzen, damit sie sich fortan aufs Studieren konzentriere. Die Liebschaft zog sich erst über wenige Wochen hin, und unversehens wurde die unbeschwerte Annäherung für ihn zur Nötigung. Ans Heiraten dachte er nicht in erster Linie.
«Es fallen meinerseits die ersten Worte wegen später. Ich werde dazu gedrängt durch die Entwicklung in Bern. Hätt sonst noch lange warten mögen.»
Bald darauf absolvierte er in den Semesterferien seinen Antrittsbesuch.
«Fahrt nach Biel. Ich horche manchesmal in mich hinein + mein Blut singt! Wonach? Auf dem Bhf. ist niemand. Warum? Telefon. Komm hinauf, Bueb. Die lb. dunkle Stimme ist’s. Die Fahrt durch Biel, das Warten am Bähnli + die Fahrt hinauf ist das Wahnsinnigste, was ich erlebt habe. Es bleibt nichts mehr in mir. Die Freude + Erwartung höhlen mich ganz ganz aus, und die Minuten sind von einer fast unertragbaren Schwere + Fülle. Oben ist sie: hell, lachend, lieb. Ja, sie ists, mein Meitschi. Im Schneegestöber mit ihr zu ihrem Haus, das groß + breit + hell auf weiter Wiesenfläche steht. Schnell Herr Wyss. Er ist kleiner als alle 3; Essen, ein wenig schwerer Anfang. Helle weite Zimmer. Lor zu Hause. In grünem Jumper + mit frisch geschnittenem Bubikopf. Und braun braun! Und dann ist sie auch lieb zum Bueb, einen kurzen Augenblick auf ihrem Zimmerle.
Und das Musizieren will nicht recht gelingen, weil in mir keine Ruhe ist. Und sie merkt das + will nichts mehr hören. Nach dem Tee (Unterhaltg. nach dem Essen ist Vater Hausmann, voyage au bout ... eh, wobei Lor natürlich opponiert.) hinauf in ihr Zimmerle. Wie wunderbar muss von hier oben der Blick sein auf das weite weite Land + die Berge. [...]
Abendbrot. Es geht nicht recht, das Essen. Abfahrt. Wieder mit dem Bähnli hinab. Mit dem Bähnli. Es wird still + stiller in mir. Und etwas würgt + würgt, bis der entsetzliche Zug endlich abfährt.
Ihre helle liebe Gestalt verschwindet.
Und eine dunkle dunkle Fahrt ins Nichts beginnt.»
Er sah Weite und Helligkeit, obwohl tatsächlich in Leubringen Himmel und Landschaft verhangen waren. Sein Antrittsbesuch war genau genommen misslungen, die Rückfahrt ernüchternd. Die Wortlosigkeit am Esstisch zwischen ihm und den potenziellen Schwiegereltern umging er, als er die Seite im Taschenkalender füllte und auf der nächsten weiterschrieb. Sein Interesse galt Vater Wyss, von Mann zu Mann. Mit Genugtuung stellte er fest, dass das Familienoberhaupt von geringerer Körpergröße war als Frau und Töchter, so wie er selbst eine Handbreit kleiner war als sein «Meitschi». Träumend sah er sich anstelle von Vater Wyss, und wieder leuchtete ihm dieses Blau.
«So früh aufstehen wie mein Lieb. Daran denken, wie sie aufwacht, aufsteht, das schöne junge Wesen, wie sie hinausschaut ins weite helle Land – sind Menschen in solch weiter Landschaft nicht von innenher anders, heller, klarer als andere, als jene Armen, deren ganzes Leben in den Steinschluchten einer Großstadt verdämmert? Dann geht mein Meitschi hinunter, um dem Vater das Morgenmahl zu richten.»
Mutter Wyss war ihm bereits in Zürich begegnet, «sehr sehr lieb». Gemessen an der Beachtung, die er ihr in seinem Tagebucheintrag schenkte, musste er sie nicht für maßgebend gehalten haben. Ihre Macht im Hintergrund schien ihm entgangen zu sein.
Das neue Semester begann, die Eltern Wyss beobachteten die Liebschaft eine Weile, dann rief frühmorgens Vater Wyss an und bestellte den Störenfried sogleich nach Leubringen.
«Dort wird mir die gr. gr. Vertrauensfrage gestellt, nachdem Frau Wyss in Zch. die schlimmsten Dinge gehört hat. Eine hübsche Zusammenstellung von Anschuldigung.»
Viel konnten die Eltern befürchten: eine Schwangerschaft und eine Pflichtehe, einen Deutschen als Schwiegersohn, ohne Niederlassungsbewilligung und Arbeitserlaubnis, aber auch ohne Willen, nach Deutschland zurückzukehren und dort die beruflichen Sporen zu verdienen. Die Tochter verloren. Das Schweizer Bürgerrecht würde ihr bei der Heirat aberkannt. Kein abgeschlossenes Studium. Was Vater Wyss vielleicht auch abwägte: die undemokratische Entwicklung Deutschlands im vergangenen Jahr, seit Adolf Hitler an der Macht war.
Die Eltern drohten ihrer Tochter, sie an die kurze Leine zu nehmen und ab sofort an der Universität Bern studieren zu lassen. Hilde, die Ältere, hatte sich dort vorbildlich ihrem Anglistik- und Germanistikstudium gewidmet und arbeitete nun an ihrer Dissertation.
«Mit Hanne. Die Buchen haben ihr Grün aufgetan. Und auf den Wiesen leuchten Lor’s Söiblueme! Wir sind in negativer Stimmung. Ob wir uns nicht falsch um dies Mädel bemüht haben? Ob alles Liebhaben nicht immer nur Egoismus war?»
Zur Beantwortung der Fragen reichte die Seite im Taschenkalender nicht, außerdem klingelte das Telefon. Nach dem Gespräch war Ernst Zietzschmann wieder beruhigt.
«Ihr Telefon: Alles in Ordnung, schafft wieder klaren Himmel!»
WOLLEN DÜRFEN
Eine Bieler Tochter aus bürgerlichem Haus durfte eine Heirat und einen eigenen Hausstand wollen. Sie durfte nach den obligatorischen Schuljahren die Pflegerinnenschule oder die Schule für Soziale Arbeit besuchen wollen oder die Handelsschule zur Vorbereitung auf die neuen Büroberufe, sofern Mitte der 1930er-Jahre die familiären Verhältnisse eine solche Ausbildung erlaubten. Eine Tochter, deren Großvater die Elite der Stadt geschliffen hatte, deren Vater ein Freisinniger war und eine einträgliche Kanzlei führte, durfte mehr wollen, als gemeinhin für Bieler Töchter zu wollen war. Sie hatte die Wahl: Sie konnte studieren nach ihren Neigungen und das Erbe des Vaters oder Großvaters antreten. Entschied sie sich für Rechtswissenschaften, durfte sie die Anstellung im väterlichen Notariat erwarten, entschied sie sich für ein anderes Studium und für den Lehrberuf, durfte sie bei der Stellensuche auf das großväterliche Ansehen bauen. Wollte sie doch nicht ledig bleiben und sich auf dem Gebiet der Väter vorwagen, blieb ihr der Weg der Mutter, eine Heirat, einen Hausstand und freie Stunden für den Frauenverein und für wohltätige Zwecke.
Vater Wyss hatte von seiner jüngeren Tochter verlangt, dass sie während eines halben Jahres in seiner Kanzlei Maschineschreiben und den erforderlichen Aufbau von Geschäftsbriefen erlernte, und wäre es nach seinem Willen gegangen, hätte sie sich auch die Schnellschrift aneignen sollen, für Diktate und Protokolle war Stenographie im Geschäftsleben so unabdingbar wie Maschineschreiben. Aber die Tochter hatte sich seinem Ansinnen verweigert, war nie zum Stenographiekurs erschienen, hatte statt Rechtswissenschaften ein Kurzstudium gewählt und beteuert, Sekundarlehrerin werden zu wollen. Hilde hatte eine spätere Anstellung am Gymnasium im Sinn.
Was für Lor zu wollen gewesen war, entsprach nicht dem, was sie wollte. Sie wusste, was sie keinesfalls wollte, bestimmt nicht, was die Mutter erwartete, sicher nicht, was der Vater wünschte, nie und nimmer, was die Schwester beherzigte.
Aber wusste sie, was sie denn sonst wollte? Ins Ausland sicher, ein Geliebter gewiss, ein Studium vielleicht.
In Briefen wäre nachzulesen gewesen, was sie gewollt hatte, aber Briefe existieren nicht mehr. Ernst Zietzschmann bewahrte einzelne Sätze von ihr auf. Wie Insekten im Harz sind ihre Äußerungen zwischen seinen Tagesnotizen eingeschlossen, ein Satz, den sie ihm beim Spaziergang gesagt hatte, ein Satz, als sie zum Semesterende im Studentinnenheim ihr Zimmer geräumt hatte, ein erster Satz am Telefon, als sie sich unerwartet aus Leubringen gemeldet hatte.
«Telefon. Wie geht’s Dir, Bueb? Mir geht’s gut!»
«Ich möchte wohl jetzt zu Dir kommen, Bueb!!»
«Gell, es war ein Traum, Bueb?»
«Ich bin doch zu jung, Bueb, um an solche Dinge zu denken.»
«Es wird schon gut werden, Bueb.»
«Bueb, wir können nie heiraten.»
Lor war hin- und hergerissen zwischen Vorsätzen und Verlangen. Dass sie noch zu jung sei, um an Heirat, Haushalt und Kinder zu denken, hieß nicht, dass sie sich nie verheiraten wollte, sie verlangte einen Aufschub der Entscheidung, um auskosten zu können, was lange den jungen Männern vorbehalten war. Das Studieren bedeutete gewonnene Zeit, zugestandene Freiheit, die ihre Mutter und ihre Großmütter vor der Heirat nicht hatten. Als Studentin konnte sie sich so viel vom Leben herausnehmen, wie für eine Notarstochter nur möglich war. Dass die erste Liebschaft ein Traum gewesen sei und dass sie ihn niemals heiraten könne, diese Sätze sagte sie möglicherweise unter dem Druck der Eltern und vielleicht auch, weil sie nicht länger von ihm bedrängt sein wollte.
Er schrieb ihre Sätze als Belege ihrer Liebe oder ihrer entzogenen Liebe auf, sie ließen ihn hoffen oder zweifeln. Ein Satz hatte ihn vermutlich mehr getroffen als alle anderen Sätze, die er von ihr zwischen seinen einschloss. Dieser Satz war ihm nicht nur unbegreiflich, sondern musste sein Inneres erschüttert haben.
«Eine eben gewonnene Klarheit zerstiebt an Deinem neuen Brief, der sehr hart ist + neue Rätsel bringt. ‹Ich werde nur einem Manne gehören, auf den ich auch verzichten kann.› Hilflos bin ich. Pfui.»
Sie hatte ihm mitgeteilt, dass er oder ein anderer nie ihr Ein und Alles sein werde. Den Grund, weshalb sie sich ihm nicht mit Haut und Haaren ausliefern wollte, weshalb sie auf Abstand und Unabhängigkeit pochte, verrät der aufbewahrte Satz allerdings nicht. Sie könnte ihn wirtschaftlich gemeint haben. Bei dieser Lesart würde das Verzichten-Können bedeuten, dass sie nicht einfach in Anspruch nehmen wollte, was ein Mann als Ernährer seiner Frau zu bieten hatte. Ihr Satz beanspruchte die Freiheit, eigene Entscheidungen treffen und Verantwortung für sich übernehmen zu können. Sie dachte womöglich an einen Broterwerb, der ihr neben Haushalt und Kindern Unabhängigkeit verschaffen konnte. Eine Kusine des Vaters und mütterlicherseits die Großmutter waren in der weiteren Familie die beiden Ausnahmen, sie verdienten ihr eigenes Geld und trugen mit ihrer Arbeit mindestens ebenso viel zum Familieneinkommen bei wie ihre Männer. Die Kusine bewirtschaftete in Twann einen Rebberg und nähte für Kundschaft. Die Großmutter hatte mit Geschäftssinn die «Épicerie fine et Bonneterie Uhlmann» geführt. Wirtschaftlich verstanden wäre der Satz von Lor Wyss auch ein generelles Aufbegehren gegen die Rechtlosigkeit und gesellschaftliche Zurückbindung der Frau, sobald sie heiratete. Das Schweizerische Zivilgesetzbuch erhob den Mann zum Haupt der Familie, stattete ihn mit dem Vorrecht aus, über den gemeinsamen Wohnsitz, über die Berufstätigkeit und das Vermögen seiner Frau zu bestimmen. Ihre Entscheidungsmacht dagegen lag einzig im Haushalt.
Lor Wyss könnte ihren Satz auch persönlich gemeint haben. Das Verzichten wäre ein Verzichten aus Nicht-Können. Der Satz enthielte die Botschaft, dass sie nicht mit Haut und Haaren lieben, sich nicht auf Gedeih und Verderb hingeben kann. Sie hätte eine Scheu vor fester Bindung zugegeben und die Angst, von seiner Heftigkeit erstickt zu werden.
Ernst Zietzschmann holte sich Rat bei der Schwester, und sie, die angehende Juristin, gab ihm eine Antwort, die rechtlich verstanden werden kann.
«Lange noch mit Hanne sprechen. Sie schilt mich, dass ich wieder gefragt habe. Lor will frei sein, will sich nicht beugen.»
Hin und wieder kam Mutter Zietzschmann nach Zürich, besuchte Verwandte und schaute beim Sohn nach dem Rechten, kochte ihm mittags, stopfte und flickte, was schadhaft und löchrig geworden war. Er vermerkte im Kalender:
«Mittags sehr sehr lieb sehr ruhig mit dem Muttel essen. Ein bissel musizieren. Das schmeckt. Du solltest halt doch immer hierbleiben. Dein Junge könnte Dich schon gebrauchen.»
Vor der Abreise nach Berlin schickte ihm Lor keine hausmütterliche Botschaft. In ihrem letzten Brief zitierte sie die berühmte Gedichtzeile von Hans Carossa:
«Verhänge die Spiegel! Weihe dich einer Gefahr!»
FESTSTELLUNGEN I, JEAN-PAUL MARCHAND
«Ich bin 1933 geboren und genau zwanzig Jahre jünger als Lor. Ihre Mutter Anna Berta Wyss-Uhlmann war die jüngere Schwester meiner Großmutter Marie Marchand-Uhlmann. Für mich war Lors Mutter einfach das Tanti Berti und ihr Vater der Onkel Werner. Als ich ein Kind war, fuhren wir im Winter bei Magglingen Ski, und gelegentlich besuchten wir auf dem Heimweg das Ehepaar Wyss zum Tee. Lor war damals verheiratet und bei ihren Eltern manchmal auf Besuch. Einmal nahm sie mich als Neunjährigen zwischen ihre Skier und raste im Karacho von Magglingen nach Leubringen und auf den letzten Schneeflecken hinunter bis in die Stadt.
Meine Großmutter war immer in Geldnöten, sie war als Verschwenderin bekannt und hat immer allen alles geschenkt. Sie war eine sehr stattliche Frau, behäbig, kochte sehr gut, aß auch gerne gut, trank gerne und redete gerne viel. Tante Berti dagegen war hochgewachsen und wurde nicht fest wie ihre Schwester. Sie gab auch nie so viel auf gutes Essen. Sie war eckiger, intellektueller in der Art, zurückhaltend und voller Vorbehalte. Zuweilen war sie auch verbeustigt, also sie wusste, was sie hatte, und das hielt sie zusammen. Tante Berti hatte etwas Sparsames, auch etwas Karges an sich, so wie Gotthelf einen bestimmten Typus von Bäuerinnen darstellte. Beide Schwestern spielten Klavier und liebten Chopin. Meine Großmutter war ausladend, wenn sie Chopin spielte. Bevor sie zwanzig waren, ließen sich die beiden Schwestern alle Zähne ausreißen und ein Gebiss einsetzen, weil es Mode war. Als Bub fragte ich mich immer, weshalb meine Großmutter so regelmäßige Zähne hatte. Das wirkte nicht natürlich, weil damals alle krumme Zähne hatten. Bei Tante Berti war es auch so, obschon die beiden sonst in ihrer Art sehr konträr waren. Etwas hatten sie gemeinsam. Sie waren gwunderig wie alle Uhlmanns, die ein großes Interesse an der äußeren Welt hatten. Sie wussten einfach alles, was in Biel passierte und was über andere Leute gesprochen wurde. Meine Großmutter kolportierte auch Gerüchte. Das tat Tante Berti nicht. Sie war disziplinierter, dadurch war sie als Mutter auch effizienter. Lor opponierte gegen den mütterlichen Gwunder und gegen die Bevormundung. Indem sie ins Ausland ging, kam sie ein wenig aus dem Fokus der Mutter und ihrer Tutel.
Bei unseren Besuchen saß Lors Vater, Onkel Werner, im Lehnstuhl, lächelte ein wenig und sagte nicht viel. Ein Stiller. Er hatte eine fliehende Stirn und ein Glatze. Körperlich war er sehr fest, von gedrungener Gestalt. Er glich äußerlich den Advokaten, wie sie Honoré Daumier gemalt hatte. Er hatte etwas Geschliffenes an sich, aber ihm fehlte das Flamboyante, das Schaupielerische und die Freude, in der Öffentlichkeit zu paradieren. Ich glaube nicht, dass er sich so gerne in der Öffentlichkeit bewegt hatte, obwohl er Stadtrat und Großrat gewesen war. Lor hingegen hatte diese Eigenschaften, dieses Auffällige, Schillernde und sehr Bewusste. Der Vater war softspoken, seine Tochter outspoken.
Der verehrteste Mann in der Familie war Lors Großvater, der Rektor des Bieler Gymnasiums. Jakob Wyss war ein sehr gestrenger Herr. Mein Vater kletterte einmal als Kind aus Übermut die Kletterstange hoch und rüttelte oben übermütig am Gerüst. Der Rektor holte ihn herunter und gab ihm eine Watsche, links und rechts. Voilà. Der Schriftsteller Robert Walser ging bei ihm in den Unterricht und schrieb über ihn, dass er seine Prügel vorschriftsgemäß und gerecht verteilt habe.
Jakob Wyss bewunderte das alte Rom sehr, vielleicht sogar mehr als Griechenland. In der Familie erzählte man sich, dass er sich mit 75 Jahren die Venen aufgeschnitten habe, in der höchsten Blüte seines Daseins, weil er der Welt das Schauspiel von seinem körperlichen Nachlassen habe ersparen wollen. Er habe verhindern wollen, dass andere über ihn bestimmen können, wenn er gebrechlich werde. Man erzählte sich auch, er habe sich die Venen beinahe auf altrömische Art geöffnet, im Freundeskreis, bei gutem Wein und Rezitationen von Horaz und anderen römischen Dichtern. Sein Herzleiden und der Selbstmord sind Tatsachen, der Rest ist Ausschmückung und Kolportage. Man erzählte sich diese Geschichte immer mit Bewunderung und Furcht, weil man Jakob Wyss für fähig hielt, in diesem Sinne den Klassizismus und die Selbstdisziplin auf die Spitze zu treiben.
Eigentlich hatte Jakob Wyss wie ein römischer Republikaner die Haltung, dass es zur Bestimmung und zur Aufgabe eines Menschen gehöre, sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Etwas von dieser Haltung vererbte sich in der Familie, ein Pflichtgefühl, ein Verantwortungsbewusstsein. Lorli musste sich irgendwie durch diesen Großvater verpflichtet gefühlt haben. Die Art, sich zu versagen, war jedoch ihrer Schwester fast angeboren. Hildi war zurückhaltend, im Denken sehr sachlich und nüchtern. Sie hatte etwas Trockenes, selbst ihre Stimme war verwundert trocken. Lor dagegen war energisch, heftig, getrieben von Widersprüchen und Ressentiments. Die Willensanstrengung, sich zurückzunehmen, gelang ihr nur bedingt. Aber Lor hatte einen selbstgestalterischen, objektiven Willen, und diesen Willen hatte auch Rektor Wyss.»
BERLINER WEGE
Mitte Oktober 1934 fuhr Lor Wyss mit ihrem «Passeport de la Confédération Suisse» über die deutsche Reichsgrenze, Hanni Zietzschmann reiste aus Hannover mit ihrer neuen Klingenthaler Geige im Gepäck nach Berlin.
Am Fehrbelliner Platz, wo die beiden Studentinnen täglich vorbeikamen, hielt die U-Bahn in einer braunen Säulenhalle, und auf den Schildern der Haltestelle saßen Käuzchen aus Email, als stiegen die Fahrgäste im Eichenwald ein und aus. An den Wänden prangten Darstellungen von Pferdeomnibussen und Dampfstraßenbahnen und adelten die Errungenschaft des unterirdischen Transports. Beim Kassenhäuschen gingen die Fahrgäste unter der Pforte des kriegerischen Fortschritts durch viel Schmiedeisernes mit Kurfürstenkrone, Lorbeer und Eichenlaub. Fehrbellin, so hieß die Ortschaft, wo der Kurfürst Friedrich Wilhelm mit einem Sieg den Dreißigjährigen Krieg beendet hatte und Preußen dank der Erfindung eines stehenden Heeres zur gefürchteten Macht aufgestiegen war. Die Bauherrschaft sah nicht vor, dass durch dieses Tor die Arbeiterschaft zog. Im roten Wedding wurde bei den Haltestellen auf jeglichen Schmuck verzichtet. Am Fehrbelliner Platz aber, im Westen Berlins, sollte der Mittelstand sein Kreuz gerade richten, gestärkt in seiner Untertanentreue und fortschrittsgläubig zur Arbeit gehen.
Die Ausgestaltung des Fehrbelliner Platzes hätte dem preußischen Aufstieg huldigen sollen, die unterirdische Halle wäre der Auftakt zum oberirdischen Pomp gewesen, hätten nicht ein Weltkrieg und die Abdankung des letzten deutschen Kaisers und preußischen Königs die Pläne versanden lassen. Im Herbst ernteten die Laubenpieper zwischen den Chausseen Kohl und Kürbisse, Fußballclubs spielten auf mindestens vier Feldern, und bevor der Zirkus im Winter gastierte, wurde auf dem Gelände wie immer um diese Zeit kräftig Bier gezapft.
Die nationalsozialistische Regierung bereitete nun die Durchgestaltung der Brache vor. Nach den Plänen sollten, im Halbrund angeordnet, Verwaltungsgebäude entstehen, dazwischen ein Triumphbogen, durch den dreißigtausend zur Platzmitte strömen und beim Ehrenmal Aufstellung nehmen sollten. Das Ehrenmal zum «Gedenken unserer für die deutsche Freiheitsbewegung gefallenen Kameraden» stand bereits. Nahe beim Eingang zur U-Bahn-Station ragte zwischen Fahnenstangen ein riesiger Findling aus dem Boden.
Das Maß der Zukunft setzte am Rand der Brache ein Bau mit gleißenden Fensterfluchten und einem Flachdach, das sich in den Himmel schob. Die Deutsche Lebensversicherung. Nicht weit davon ein langgestreckter Komplex mit dem ersten Bürohochhaus von Berlin. Die Reichsversicherungsanstalt der Angestellten. Dazwischen befand sich ein Häuserblock, dem anstelle des Dachs die Zwiebeltürme einer russischen Kirche aufgesetzt worden waren.
Beim Fehrbelliner Platz fanden die beiden Studentinnen an der Mansfelderstraße ein Zimmer in Untermiete. Die Mansfelderstraße führte hinter der Deutschen Lebensversicherung an Landhäusern und weiß gestrichenen Holzzäunen vorbei und endete bei den Garagen, in denen für die nahe gelegene «Automobil-Verkehrs-Übungs-Strecke» AVUS geschweißt und geschmiert wurde. Zwischen den Landhäusern entstanden die ersten Mietshäuser, als am Fehrbelliner Platz die Versicherungen bauten. Wer in einem der neuen Häuser zur Miete wohnte, besaß Geld für Annehmlichkeiten, jedoch nur für das Zweckmäßige. Das Treppenhaus war eng und schmucklos, verfügte jedoch über einen Personenaufzug. In der Beletage erstreckten sich die Wohnungen über vier, fünf Zimmer, besaßen ein Entrée mit angrenzendem Ankleideraum und ein Bad mit Wanne und eigenem Wasserklosett.
«Herrlich», notierte Hanni in ihrer Taschenagenda und fügte den Namen «Frau van der Polle» hinzu. Der Bruder schrieb in seinen Tagesnotizen «Madame v. d. Poll». Sicher ist, dass die Vermieterin Jüdin war, womöglich war sie die soeben verlassene Ehefrau des berühmten holländischen Fotojournalisten Willem van de Poll, der für das «Berliner Tageblatt» und die «Berliner Illustrierte» arbeitete. Allerdings führt das jüdische Adressbuch von Groß-Berlin keinen so oder ähnlich geschriebenen Namen auf.
Der Fehrbelliner Platz gehörte zum ländlichen Teil des Bezirkes Wilmersdorf. Die U-Bahn führte direkt zum Kurfürstendamm, und bis zum Grunewald war es nicht weit. Ärzte und Rechtsanwälte, Studienräte und Staatsbeamte, ferner die Angestellten aus den nahen Versicherungen hatten sich hier niedergelassen. Die Zimmerwahl der beiden Studentinnen war keine Absage an die bürgerliche Welt der Eltern. Sie hatten sich in Berlin einen Stadtteil gesucht, der in manchem den Orten ihrer Herkunft ähnelte.
Die Friedrich-Wilhelms-Universität befand sich Unter den Linden, an der Prachtstraße, die das Brandenburger Tor mit dem Stadtschloss, mit dem Lustgarten und dem Dom verband. Das Hauptgebäude war im einstigen Palais des Prinzen Heinrich von Preußen untergebracht. Im Vorhof hatte die Verwaltung gerade erst den verwilderten Garten gerodet und die frei gewordene Fläche für Aufmärsche gepflastert.
Die Studienbewerber mit deutschem Pass hatten für die Immatrikulation den «Fragebogen zur Feststellung der Abstammung» auszufüllen. Die Konfession des Vaters, der Mutter, der Großeltern väterlicher- wie mütterlicherseits musste nachgewiesen und ein allfälliger Konfessionswechsel offengelegt werden. Weiter prüfte der Fragebogen die Gesinnung.
«Welchen politischen Parteien haben Sie bisher angehört?»
«Welchen sonstigen Vereinigungen irgendwelcher Art haben Sie angehört?»
«Haben Ihr Vater oder Sie selbst im Weltkrieg an der Front für das Deutsche Reich oder für seine Verbündeten gekämpft?»
Für den «Nachweis über engere Beziehungen zum Deutschtum» stand ein ganzes Seitendrittel zur Verfügung. Manche hoben die väterliche Parteizugehörigkeit hervor, beteuerten, eine strenge, vaterländische Erziehung genossen zu haben, und schimpften zum Beweis auf die Weimarer Republik. Andere unterstrichen ihre heimatliche Verbundenheit mit der Uckermark oder dem Erzgebirge, nur unter Deutschen seien sie aufgewachsen, folglich mit jeder Faser ihres Daseins deutscher Denkungsart, deutscher Sitte und deutscher Kultur verpflichtet. Etliche verwiesen auf ihren Bruder oder ihren Cousin bei der SA, viele beteuerten, später dem Vaterland dienen zu wollen, und gelte es mit der Waffe in der Hand. Es gab auch solche, die ihre Unterschrift unter leeres Papier setzten.
Hanni Zietzschmanns Fragebogen ist wie der Großteil aller Fragebögen im Universitätsarchiv unauffindbar. «Möglicher Kriegsverlust», so die Umschreibung des Archivs für Akten, die einst existiert hatten.
Seit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler verschärfte das Rektorat fortwährend die Kontrollmaßnahmen. Zuerst hatten die Studienanfänger das Formular auszufüllen, später auch die Studierenden der höheren Semester. Zur Bewältigung der neuen administrativen Arbeit beauftragte das Rektorat Studierende, die sich im «Nationalsozialistischen Studentenbund» hervorgetan hatten. Der «Ausschuss zur Prüfung für das Studium von Nichtariern» begutachtete die Fragebogen, errechnete den Prozentsatz der «rassischen Abstammung» und entschied über Aufnahme oder Ablehnung, über Fortsetzung oder Abbruch eines Studiums. Der Studentenführer überprüfte den Entscheid und stempelte zur Legitimation den passenden Paragraphen eines kürzlich eingeführten Erlasses auf das Formular. Die Auswirkungen dieser Maßnahmen beschrieb der Rektoratsbericht der Jahre 1935 bis 1937 so:
«Mit solchen Handhaben ist es schon in verhältnismäßig kurzer Zeit gelungen, einen großen Teil der unsauberen Elemente in der Studentenschaft, die sich bei einer Großuniversität wie Berlin erfahrungsgemäß immer einschleichen und die die unklaren Führungsverhältnisse als außerordentlich bequem und angenehm für sich empfanden, zu fassen und zu eliminieren oder zu verdrängen.»
Lor Wyss musste als Ausländerin noch keinen Fragebogen ausfüllen, ein Bewerbungsschreiben reichte. Am selben Tag, als ihr Schreiben mit der Post eintraf, genehmigte der Stellvertreter des Rektors die Zulassung zur Immatrikulation. Danach ging die Akte durch etliche Hände, die überprüften, erfassten, ordneten. Jemand vertiefte sich stillschweigend in die Akte, nachdem der Stellvertreter des Rektors die Genehmigung erteilt hatte. Es mag am Ypsilon im Familiennamen gelegen haben oder am Vornamen, der beim heimlich Prüfenden einen Verdacht weckte. Der Umstand, dass die Antragsstellerin nirgends ihre Konfession angab, auch nichts über ihr Verhältnis zur deutschen Kultur geschrieben hatte, konnte als Indiz gedeutet werden. Jemand setzte auf ihre Bewerbung ein großes Fragezeichen neben den Genehmigungsstempel und fügte hinzu: «mos.?»
Jeder Beamte, jede Sekretärin kannte die Bedeutung der Abkürzung. In den drei Buchstaben manifestierte sich der Verdacht, dass es sich um den Antrag einer Studentin mosaischen Glaubens handeln könnte, einer Jüdin. Der «Ausschuss zur Prüfung für das Studium von Nichtariern» sah möglicherweise ohne Auftrag auch die Bewerbungen aus dem Ausland durch. Nationalsozialistisch gesinnte Studenten machten sich einen Sport daraus, Namen von jüdischen und kommunistischen Kommilitonen zu sammeln und ans Rektorat weiterzuleiten. Auch Universitätsangestellte, denen die offiziellen Maßnahmen zu wenig weit gingen, bespitzelten und denunzierten. Der Verdacht wurde mit feinem Bleistiftstrich auf der Akte hinterlassen, sodass er allenfalls leicht zu entfernen war, ohne auf dem Papier Spuren zu verursachen.
Bei der Immatrikulation gab Lor Wyss auf der Kanzlei ihre Studentenkarte ab. Die Silbe der Kindheit hatte sie vom Namen abgetrennt, aber als sie die Karte ausfüllen musste, endete die Weitläufigkeit wieder bei Biel. Was galt in der deutschen Reichshauptstadt ein Dorf, dessen Außerordentlichkeit sich darin erschöpfte, dass es zwei Ortsnamen besaß? Die ganze Wohnbevölkerung der Schweiz hätte Platz gefunden in den Mietshäusern von Groß-Berlin.
Familienname: Wyss
Rufname: Lor
Wohnung in Groß-Berlin: Wilmersdorf
Wohnort der Eltern: Leubringen
Straße Nr.: ob Biel
Mit dem Wort ob für oberhalb band sie das Dorf an die Stadt, deren Uhrmacherkunst auch in Berlin bekannt sein musste.
Die Akte mit der Verdächtigung lag bei der Immatrikulation auf dem Tisch. Was sich bei der Einschreibung abspielte, hinterließ auf Papier keinen Hinweis, der auf ein außerordentliches Geschehen schließen lässt. Auf dem Bewerbungsschreiben von Lor-Elisabeth Wyss befinden sich oben links der Genehmigungsstempel und die Unterschrift des stellvertretenden Rektors, daneben das Fragezeichen und die drei Buchstaben, rechts davon steht der Datumsstempel der erfolgten Immatrikulation. Danach ging die Akte wiederum durch etliche Hände, die überprüften, erfassten, ordneten. Denkbar ist auch, dass die drei Buchstaben und das Fragezeichen erst nach der Immatrikulation auf die Akte geschrieben wurden, allerdings stellt sich die Frage, weshalb das Fragezeichen nur beim Genehmigungsstempel und nicht auch beim Immatrikulationsstempel hingesetzt wurde.
Hanni Zietzschmann schrieb wie ihr Bruder Tagesnotizen in die Taschenagenda.
Als ersten Eindruck der Berliner Hochschule notierte sie: «Uni – trostlos». Dann: «Uni noch trostloser». Zur Immatrikulation bemerkte sie: «Mo von 9–½ 1 stehen. Anmeldg. zur Immatr. Furchtbar.» Am ersten Semestertag nahm sie das Deprimierende nicht mehr wahr. «Die Hörsäle sind hell + vornehm.» Am zweiten Semestertag musste sich etwas für sie Außerordentliches ereignet haben, denn sie notierte: «Martin Wolff!» An der juristischen Fakultät lehrte Martin Wolff bürgerliches Recht und Rechtsgeschichte. Im Jahr zuvor, als nationalsozialistische Studenten auf dem Opernplatz Bücher verbrannt hatten, waren der jüdische Rechtsprofessor wiederholt schikaniert und seine Vorlesungen gestört worden. Denkbar, dass nationalsozialistisch gesinnte Studenten vor den Studienanfängern ein Exempel statuierten und am zweiten Semestertag gegen den jüdischen Professor hetzten. Immer war irgendwo Geschrei und ergab sich eine Rempelei, rechtsgerichtete Studenten provozierten auf dem Vorhof zur Universität Korpsstudenten, bis irgendeiner zuschlug, Nationalsozialisten hinderten vor den Vorlesungssälen die verbleibenden jüdischen Kommilitonen am Eintreten, politisch unerwünschte Dozenten wurden mit Sprechchören niedergeschrien, kommunistische Studenten zündeten am Jahrestag der russischen Revolution Zettelbomben und ließen Aufrufe zum Sturz Hitlers durch die Luft wirbeln. Hanni notierte nach ihrem Eintrag zum zweiten Semestertag nichts mehr zu den Vorkommnissen an der Universität. Sie wurde von etwas anderem in Beschlag genommen.
Kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag hatte sie in der Philharmonie gesessen und gesehen, wie Elly Ney zum Konzertflügel schritt, mit unbändiger Mähne, die ihr Gesicht halb verdeckte, und in wallendem Abendkleid, das nur die Unterarme freigab, ihre Nacktheit geradezu hervorhob. Und wie sie spielte:
«Brahms f-moll Sonate!! I. Satz + Scherzo!! Bach Choralkantate (22) + Präludien + Fugen; Beethoven Sonate op. 110 As-Dur!! Schumann Carneval. Toll, phantastisch, mitreißend. Zugaben: Chopin Walzer Nr. 2; As-Dur Polonaise!! Haarig! Kraft, Dämonie! Brahmswalzer + Wiegenlied.
Das größte mitreißendste Konzert!! Eine Frau!! Gewaltigstes Musikerlebnis – sie verfolgt mich mit ihrem Spiel.»
Die Musik war so überwältigend wie der Anblick dieser Frau. Elly Ney hätte ihre Mutter sein können, aber was sie darstellte, war etwas anderes, als die Generation ihrer Mutter vorlebte. Elly Ney hatte eine Tochter, und sie war die Frau, die nicht nur Beethoven spielte, sondern neben diesem Titanen thronte. Musikkritiker beschwörten unermüdlich eine Übereinstimmung zwischen Komponist und Interpretin. So Carl von Pidoll:
«Es zeigt sich eine erschütternde Ähnlichkeit dieses Künstlergesichtes mit einem anderen, das uns allen tief vertraut ist – eine Ähnlichkeit, die sich nicht nur in äußeren Zügen aufzwingt, in Nase, Stirn, Augen, Schädelform, eine Ähnlichkeit, die noch stärker überzeugt durch das innere, verschleiert lodernde Feuer, das hier wie dort das Wesen des Ausdrucks bestimmt. [...]
Jenes Feuer, dessen Inhalt Trotz ist: nämlich für Glaube, Schönheit, Harmonie, Gerechtigkeit, Güte und Sauberkeit zu leben, zu kämpfen, zu sterben.»
Früh hatte sich Elly Ney auf das Werk von Beethoven konzentriert und begonnen, eine ähnliche Lockenfrisur zu tragen. Sie war längst eine bekannte Pianistin, als Hitler an die Macht kam.
Dank der nationalsozialistischen Kulturpolitik stieg ihr Ansehen und ihre Verehrung weiter. Sie war bald die Einzige, die Beethoven interpretierte, als jüdische Pianisten sein Werk nicht mehr spielen und nicht mehr auftreten durften. Im Dienst der nationalsozialistischen Organisation «Kraft durch Freude» gab sie überall Volkskonzerte und spielte mit Vorliebe vor Jugendlichen. Adolf Hitler, den sie verehrte, teilte sie mit, dass Kunst für sie «keine Profession, kein Handel, sondern Religion» sei. An Konzerten führte sie weihevoll in Beethovens Werk ein oder las aus seinem Heiligenstädter Testament vor, bevor sie zu spielen begann. Zum Beethovenfest 1938 verkündete sie der Hitlerjugend:
«Dieser große deutsche Meister erschüttert die Seelen durch das unfassbare Wunder seines Werkes. Schwer bedrängten ihn Gewalten und Mächte – doch er schuf sich Erlösung im Kunstwerk. Er bannte seine übermächtigen Erlebnisse, das schwerste Schicksal in die Form. [...]
So wird er uns zum Vorbild, zur Forderung und Verpflichtung.»
Elly Ney versprach ein Mysterium, das sich durch Beethovens Musik vollziehe, und redete gerne von «Erschütterung», von «Ergriffensein» und vom «Strömen der Seelenkräfte». Sie verhieß große Gefühle und den Glauben an die Formbarkeit des eigenen Lebens. Ihre Auftritte rührten bei Hanni Zietzschmann an eine Sehnsucht nach Hingabe und Bedeutung. Elly Ney wurde ihr weibliches Idol, dem sie wie ein Teenager erlag.
In Berlin nahm sie Geigenstunden bei Agnes Ritter, einer Nachwuchsmusikerin aus Hannover, die von Elly Ney zum Kaffee empfangen wurde. Am 18. Dezember schrieb sie in ihre Taschenagenda:
«Vielleicht – heute Abend – –? Stumpf geschlafen. ½ 7 im Funkhaus. Und dann saß ich neben ihr + blätterte um. Ich!!»
Als Erstes wurde im Radiostudio geprüft, ob sie die Noten zum richtigen Zeitpunkt zu wenden wusste, während Elly Ney spielte. Später wurde ihre Eignung zur Erledigung von Korrespondenz getestet. Daraufhin entschloss sich Hanni, ihr Studium aufzugeben oder zumindest zurückzustellen, um den Dienst bei ihrem Idol anzutreten. Der Bruder dachte an familiäre Erwartungen. Er kommentierte: «Einigermaßen verrückt. Arme Mutt.»
Ernst Zietzschmann zog seit dem Tag, an dem seine Schwester und seine Geliebte nach Berlin abgereist waren, über die Seiten seines Taschenkalenders einen Querstrich. Über dem Strich notierte er, was er aus Lors Briefen für erwähnenswert hielt, unter dem Strich wandte er sich seinem eigenen Leben zu. Vor Semesteranfang steht über dem Strich:
«Du bist in Potsdam + Sanssouci den ganzen Tag. Allein.»
«Du bist im Deutschen Museum.»
«Universität. Warten mittags in der überfüllten Mensa. Ekel im Hals.»
Bei Semesterbeginn blieb der Platz über dem Strich die ersten Tage leer. Am 8. November 1934 notierte er:
«Bekenntniskirche. Kaiserdamm. 15 000 Menschen. Dann nachts Funkturm.»
An diesem Abend sprach auf dem Gelände der Messe beim Kaiserdamm der Berliner Pfarrer Martin Niemöller. Er war einer der Anführer der Bekennenden Kirche, ein Bündnis, in dem sich soeben evangelische Theologen und Laien gegen die nationalsozialistisch gesinnten Deutschen Christen zusammengeschlossen hatten und sich Hitlers Kirchenpolitik widersetzten. Adolf Kurtz, Pfarrer in Berlin-Schöneberg, hielt ebenfalls eine Ansprache und schrieb in seinen Erinnerungen über diesen Abend:
«Zehn Tage danach [nach den Reformationsfeiern] fanden wiederum in den Ausstellungshallen am Kaiserdamm etwa 16 000 Menschen zusammen, in denen Niemöller, Präses [vermutl. Karl] Koch, [Thomas] Breit und Kurtz sprachen. Obwohl Parallelversammlungen in den Stadtmissionskirchen eingerichtet waren, in denen dieselben Redner sprachen, mussten wiederum Tausende wegen Überfüllung umkehren. Es bleibt unvergesslich, dass in dem Augenblick, als Niemöller das Wort sprach: ‹Die Pforten der Hölle werden die Kirche nicht überwältigen›, Gegner dazwischenriefen: ‹Aber Adolf Hitler wird es tun!›»
Hitler hatte nach seiner Ernennung zum Reichskanzler Kirchenwahlen angeordnet, die den Deutschen Christen im ganzen Land die Mehrheit in den Synoden brachten. Die Synoden beschlossen, dass der staatliche Arierparagraph auch in der Kirche gelte, und wer jüdische Vorfahren hatte oder mit einer Jüdin verheiratet war, verlor sein Kirchenamt. Auch hatten die Deutschen Christen gefordert, dass alles, was mit dem Judentum zusammenhänge, aus der Bibel zu entfernen sei. Martin Niemöller war ihnen verhasst, weil er zusammen mit anderen den Pfarrernotbund gegründet hatte, der den Ariernachweis ablehnte und Betroffene unterstützte. Daraus entstand die Bewegung der Bekennenden Kirche, die sich auf die Bibel als einzig verpflichtende Lehre und auf das Ideengut der Reformation berief.
Lor Wyss stand im Gedränge und hörte erstmals Martin Niemöller sprechen. Was sie nach den Reden nachts beim Funkturm tat, ist ungeklärt. Einmal warf sie in der Nacht für die Bekennende Kirche Nachrichten in Briefkästen und hätte, wäre sie dabei aufgegriffen worden, Beschimpfungen, Schläge und Fußtritte riskiert, je nach Lust des Uniformierten. Sie setzte ihr Leben nicht aufs Spiel, die Bekennende Kirche war nicht verboten wie die Sozialdemokratische Partei und die Kommunistische Partei. Aber die Versammlung in den Ausstellungshallen war die letzte von der Regierung erlaubte. Danach konnte die widerständische Bewegung nur noch in Kirchen geschlossene Zusammenkünfte abhalten.
In den ersten Wochen besuchte Lor Wyss in Berlin häufig die Familie des Studienrates Blankenburg. «Lebhafte Familie», notierte Hanni Zietzschmann, und ihr Bruder vermerkte, dass die Familie über eine «Hausorgel» verfüge. Diese Bekanntschaft war vielleicht Zufall, das bildungsbürgerliche protestantische Milieu hingegen war Lor aus Biel vertraut. Die Familie Blankenburg vertrat die Haltung der Bekennenden Kirche und bot ihr Erklärungen zu den Vorkommnissen. Die Bekennende Kirche kämpfte gegen die staatliche Einmischung und für kirchliche Selbstbestimmung. Sie leistete keinen politischen Widerstand gegen den nationalsozialistischen Staat, noch bezog sie Stellung für die Juden. Ihr Kämpfen galt allein der eigenen Sache. Den Menschen bot die Bekennende Kirche einen Ort, an dem eine Botschaft verkündet wurde, die nicht der offiziellen entsprach. Es war ein Ort der individuellen Verweigerung, des persönlichen Protests. In den Ausstellungshallen erlebte Lor Wyss die Kraft einer Menschenmasse, beim nächtlichen Verteilen von Nachrichten machte sie die Erfahrung der eigenen Handlungsfähigkeit.
An der Universität suchte sie sich Nischen und besuchte die Pädagogikvorlesungen der altgedienten Professoren Eduard Spranger und Nicolai Hartmann, beide waren Konservative, aber keine Nationalsozialisten. Im Gutachten zur Aufnahme in den NSD-Dozentenbund steht über Nicolai Harmann: «Dem Nationalsozialismus gegenüber hat er sich zwar frei gehalten von der Überheblichkeit, der die Bewegung vor 1933 vielfach begegnete, aber er ist auch von sich aus nicht zum Nationalsozialismus gekommen.» Begeistert hörte sie die öffentliche Vorlesung «Glaube und Frömmigkeit Friedrich Hölderlins» von Romano Guardini, der als Gastprofessor für Katholische Weltanschauung eine Sonderstellung an der Universität hatte.
Kein Interesse hatte sie für die Vorlesungen Emil Dovifats, der an der Universität das neue Fach Zeitungswissenschaft und Allgemeine Publizistik lehrte und seinen Studenten eine praxisbezogene Einführung in den Journalismus bot.
Am Abend, als Lor Wyss auf dem Messegelände unter den Aufbegehrenden stand, saß Hanni Zietzschmann im Theater und sah das Drama «Spielereien einer Kaiserin» von Max Dauthendey, der im nationalsozialistischen Kulturbetrieb wegen seiner Themen zunehmend an den Rand gedrängt wurde. Die «Sekretärin von Frau Ney», wie sie sich selbst nannte, arbeitete auf Abruf und zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn Elly Ney gerade zwischen zwei Konzertreisen in Berlin weilte oder wenn sie jemanden brauchte, der an einem Konzert die Notenblätter wendete.
«8.00 Uhr auf. Zur Ney. Helfen. Einräumen. Sortieren. ½ 12 zu Baronin Arnim. Ney übt op. 111!!! (2. Satz) Ich ordne Korrespondenz – puh.
½ 1 geht sie fort.
Ich heim.
Schlimmes Halsweh. [...]
Zurück ins Hotel Victoria. Sie ½ 5 zurück. Arbeit – Schufterei bis Abends.»
Und am nächsten Tag:
«Nicht geschlafen: Halsweh. Schlimm – Fieber.
½ 9 bei der Ney.
Helfen. Diktieren an Chefredakteur des Dresdner Anzeigers wegen mieser distanzloser Kritik.
Sie ½ 11 ab nach Wien.
Geld –
Hotel. Frierend.
Taxi. Für Tippeuse.»
Sie vertrat die Interessen einer ambitionierten Pianistin, die sich sehnlich wünschte, für den Führer spielen zu dürfen, verhandelte mit Walter Stang, einem Abteilungsleiter mit Einfluss im Amt des «Beauftragten des Führers für die gesamte geistige und weltanschauliche Erziehung der NSDAP», besprach sich mit Friedrich W. Herzog, dem Leiter der Musikabteilung der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde, telefonierte mit Funk und Presse.
Hanni Zietzschmanns Kulturgenuss war bürgerlich, für Modernes und Avantgardistisches interessierte sie sich weniger. Aber sie begleitete einen kunstverständigen Verehrer zu Ausstellungen von Käthe Kollwitz oder Otto Dix, deren Werke wenige Jahre später als «Entartete Kunst» galten. Sie saß auch mit Lor in der Singakademie unter aufgebrachten Studenten und hörte die Musik des avantgardistischen Komponisten Paul Hindemith. Nach der Aufführung klatschten und stampften die Studenten aus Protest. Soeben war Hindemith an der Hochschule für Musik zum unerwünschten Professor erklärt worden, und Propagandaminister Joseph Goebbels hatte ihn öffentlich als «Scharlatan» und «atonalen Geräuschmacher» verleumdet. Für Hanni war das Gehörte nicht «herrlich herrlich herrlich» wie die Konzerte von Elly Ney, doch sie schrieb: «Hindemith gut! Ovationen.»
Bewegte Hanni Zietzschmann die Hetzjagd auf jüdische Kommilitonen und Professoren, oder nahm sie die Vorfälle an der Universität ungerührt hin, schaute weg? Brachte ihr Wille, im Leben von Elly Ney eine Rolle zu spielen, ihr Unrechtsbewusstsein zum Schweigen? Mit der Geigenlehrerin Agnes Ritter sprach sie über Paul Hindemith und über Wilhelm Furtwängler, der sein Amt als Dirigent der Berliner Philharmoniker aus Protest wegen Hindemith vorübergehend niederlegte. Danach notierte sie: «Traurig am Abend.»
In ihren Tagesnotizen fühlte sie mit Elly Ney, demonstrierte Arbeitseifer. Konzerte von Pianisten wie Frederic Lamond oder Walter Gieseking maß sie stets an den Interpretationen ihres Idols, und niemand konnte nach ihrem Verständnis ebenso großartig spielen. Zur nationalsozialistischen Kulturpolitik äußerte sie sich in ihren Einträgen weder begeistert noch ablehnend. Sie verriet auch keinen Stolz, dass sie nun mit Regierungsvertretern verhandelte. Stolz war sie aber auf ihre Nation, als die Saarländer am 13. Januar 1935 für die Eingliederung ins Deutsche Reich stimmten. Mit drei Ausrufezeichen kommentierte sie das Abstimmungsresultat. Einmal erlaubte sie sich eine negative Bemerkung. «Unangenehme Bekanntschaft», notierte sie über den Musikabteilungsleiter der Nationalsozialistischen Kulturgemeinde Friedrich W. Herzog.
Am Ende eines Arbeitstages bei Elly Ney notierte sie ab und zu: «müde», «todmüde». Dann: «Schöner Sonntag mit der Lor. Endlich wieder einmal. Gemütlich essen zu Haus.»
Lor begleitete ihre Freundin nach der Abstimmung im Saarland zum Konzert von Elly Ney in Dresden. An diesem Abend wurde ihr möglicherweise erstmals bewusst, in welchem Milieu sich Hanni bewegte. Elly Ney wallte in Abendrobe durch den Saal, setzte sich einer Hohepriesterin gleich an den Flügel und stimmte zur «Heimkehr der Saar» das Horst-Wessel-Lied an. Ein Schmettern und Brummen aus allen Stuhlreihen. Danach, als wieder still war, spielte sie Beethoven.
Drei Wochen nach diesem Konzert notierte Hanni in ihrer Taschenagenda:
«Lor ist lieb. Vieles Unausgesprochene ist nicht mehr trennend.»
Hanni benannte ihre Erleichterung, dass sich Lor, nachdem sie ihr eine Zeitlang nicht «lieb» erschienen war, nun wieder umgänglich zeigte. Das Ungesagte war nicht aus der Welt geschafft. Nur belastete das Unstimmige Hanni nicht mehr, seit sich Lor nicht länger ablehnend benahm und das Unvereinbare überspielte. War Elly Ney das Trennende, und Lor trug Hanni nach, dass sie sich mit einer Nationalsozialistin eingelassen hatte? Grollte sie vielleicht, weil sie sich in Berlin von ihrer Freundin allein gelassen fühlte? Rieben sie sich aneinander, seit sie zusammenwohnten?
SOLO FÜR CELLO
In Berlin lernte Lor Cello spielen. Sie nahm Privatstunden und übte, den Bogen über die Saiten zu führen. Abstrich, Aufstrich, bis es nicht mehr kratzte. Abstrich: C–G–d–a. Aufstrich: a–d–G–C. Merke: Cäsar geht durch Athen. Und: Ach du großes Cello. Ab und auf, auf und ab, bis die Saiten sangen.
«Du schreibst an mich 2 innig lb. Briefe.»
«Mittags ein ganz herrlich-lieber Brief von Dir da, Du gute lb. Frau!»
«Mittags ist ein kalter fürchterlicher Brief von Dir da.»
In Zürich notierte er den Erhalt ihrer Briefe und bewies sich ihre Treue oder bestätigte sich seine Angst, sie könnte einem anderen schöne Augen machen.
«Und dass Du nicht schreibst, regt mich sehr auf. Ich schreibe einen hässlichen Brief an Dich. Und zerreiße ihn.»
Sie nahm Stunden beim besten Cellisten von Berlin. Ernst Silberstein spielte im Klingler-Quartett, das weltberühmt war für Deutung und Klang. Beethoven trug es mit moderner Sachlichkeit und verhaltener Leidenschaft vor. Sie hatte noch nie ein Instrument gespielt, überhaupt wenig Interesse am Musizieren gezeigt. In Leubringen stand in der Stube ein Klavier, die Mutter spielte Chopin und hatte es recht weit gebracht.
«Telefon Berlin. Wollen wir heiraten? Im Frühling. Meitschi, was Du da sagst, ist so ungeheuerlich, dass ich es fast nicht glauben kann.»
Ein Taumel am ersten Advent. Unverhofft gab sie ihm ihr Jawort, auf das er gedrängt hatte und nicht bekam. Im Ungewissen musste er sie ziehen lassen. Drei Monate waren vergangen seit ihrer Abreise.
Sie nahm Unterricht aus Verliebtheit und nahm Stunden aus Protest. Wer unter den Studenten wagte bei einem Juden Musikstunden zu nehmen? Ernst Silberstein, der Solist, war an der Berliner Oper entlassen worden. Karl Klingler hielt zu seinem Cellisten, auch wenn die Reichsmusikkammer dem Quartett mit Auftrittsverbot drohte.
In Zürich jubelte Ernst Zietzschmann, die Saar wurde deutsch und das Reich war in Europa wieder eine Macht.
«Dies ist der größte herrlichste Festtag für das deutsche Vaterland. Ich bin den ganzen Tag in großer Freude.»
Er hatte ein Vaterland, und er hoffte auf die Schweizer Staatsbürgerschaft und war zerknirscht, als ein Freund seinen Jubel nicht verstand.
Als in Berlin an der Friedrich-Wilhelms-Universität das Semester zu Ende war, kehrte Lor Wyss mit ihrem «Passeport de la Confédération Suisse» und dem Cello zurück, Hanni Zietzschmann reiste mit ihrer Klingenthaler Geige und zerschlagenen Hoffnungen heim. Sie notierte einen Satz ohne Trost:
«Ich habe Schuld –»
Elly Ney hatte sich vor Semesterschluss von ihrer Helferin getrennt. Karl Klingler löste sein Quartett auf, um den Cellisten nicht zu entlassen. Die Musikhochschule entzog ihm seine Professur, Ernst Silberstein emigrierte nach Amerika.
Abstrich, Aufstrich, ab und auf bis die Bogenwechsel geschmeidig gingen. In der Familie Zietzschmann spielte der Sohn Klavier, die Tochter Geige. Zum Trio fehlte das Cello. Sie nahm Unterricht aus Verliebtheit, aber was trennte, das sprach sie nicht aus.
Er war im besten Heiratsalter von 28 Jahren und seit kurzem Mitarbeiter an der Eidgenössischen Technischen Hochschule. Vat und Mutt sahen ihm die aufgelöste Verlobung in Hannover nach und stimmten seinen Plänen zu.
«Vat erfährt von Lor. Er ist ganz wunderbar lieb zu mir und sagt: ‹Ja.›»
«Ich sage der Mutt, dass ich die Lor heiraten will. Oh Du liebe Mutt bist einverstanden. Weißt Du, dass das unendlich viel bedeutet, mein Mutting?»
Die Zukünftige war jung, 22 Jahre, und hatte auch einem anderen Briefe geschrieben. Dieser andere notierte in sein Tagebuch, bevor sie nach Berlin ging:
«Einige Male in der letzten Zeit war mir erlaubt worden, in den Fluss zu steigen. Beschäftigung mit L.W. und ein anfängerisches träumerisches Briefe-Wechseln (gestern schrieb ich vier Maschinenseiten an sie).»
Armin Kesser war ein Jahr älter als Ernst Zietzschmann, wie er ein Deutscher und aufgewachsen in der Schweiz. Als junger Mann zog er nach Berlin, stieg zum beachteten Kritiker und Essayisten auf, brillant, auf der Höhe der Zeit, umworben von Bert Brecht, Alfred Döblin, Klaus Mann und Bernard von Brentano, bis Hitler Reichskanzler wurde. In Zürich war er Emigrant ohne einen Boden unter den Füßen, der für ihn fruchtbar gewesen wäre. An der Universität suchte er ein intellektuelles Milieu, vielleicht auch eine Frau, und begegnete Lor.
Aus Berlin erhielt er von ihr einen Brief, den er vernichtete wie alle ihre anderen. Ins Tagebuch notierte er:
«Brief von L.W., die erwartete schwarze Mitteilung.»
Bald darauf kam sie überraschend auf Besuch, sie war auf der Durchreise.
«Ich habe mich gefreut, aber zugleich war ich über das Formlose irritiert. Der Briefwechsel schien mir viel wirklicher u. eigentlicher als ihre Gegenwart. Enttäuschung? Ich kann es nicht sagen, denn L. schien mir zerstreut, durchgeschüttelt, unklar.»
Sie war jung, und er gab ihr einen Rat, den sie nicht hören wollte und den er ihr vielleicht nicht ganz uneigennützig gab. «
Sie möchte heiraten, und ich habe den Verdacht, dass es ein Loskauf von zu Hause ist. Ich empfahl ihr, eine Zeitlang selbständig zu leben. Ich war nicht ganz ohne Absichten gegen sie, aber es schien ihr zu gefallen.»
Aus der Warte von Vater Wyss war sie kein Kind mehr, aber immer noch eine Tochter, die es, mangels Einsicht und Reife, zu lenken galt. Er verlangte von ihr zuerst den Studienabschluss, das Patent als Fachlehrer auf der Sekundarstufe in den Fächern Französisch und Deutsch, bevor das Heiraten zu wollen sei.
KOCHEN I
Mama und Mutt nahmen die Ausbildung an die Hand. Zum einen galt es, die Grundlagen für das Gelingen einer Ehe zu legen. Zum andern musste der familiäre Anspruch und die heimatliche Eigenart gesichert werden bei einer Verbindung, die über Landesgrenzen hinweggehen sollte.
«Koch Rezepte» stand auf dem Leinenumschlag des Buches, das lauter weiße Seiten besaß und ein Register, das von «Suppen» über «Pudding» bis zu «Getränke» und «Verschiedenes» reichte. Auf der Schmutztitelseite hatte die Mutter mit Tinte ihren Wahlspruch hingeschrieben, den die Tochter sehen konnte, wenn sie ihr Buch aufschlug.
«‹Sei froh, wenn Du kochen kannst für jemand›, sagt die Mutter.»
Der Satz war hintergründig. Er mag als generelle Ermunterung gemeint gewesen sein, aber auch eine heimliche Spitze enthalten haben gegen die Tochter, die der Vater gefördert hatte, die nicht nur das Gymnasium, sondern auch die Universität besuchen durfte, viel mehr als einst sie, die Mutter. Diese Tochter war ihr entglitten, doch nun, und darin lag ein mütterlicher Triumph, wollte sie ihrem Beispiel folgen.
Mama unterwies die Heiratswillige im Einmachen und im Sterilisieren. Nicht zu viel Wasser! Und Achtung: kleine Flamme! Sie führte die Tochter in die Zubereitung des Sauren Bratens ein, ließ sie Schweinefleisch klopfen und mit Rüben, Zwiebeln, Lorbeer und Gewürznelken in Essig und Wasser einlegen. 4 Tage stehen lassen (Winter 8 Tage). Und nicht vergessen: immer wenden. Dasselbe Prozedere mit Rindfleisch für den Sauren Mocken nach Berner Art, dann folgten Kotelet, Schnitzel und Kalbsvoressen. Die Mutter hütete die Rezepte ihrer Desserts, für die sie berühmt war, Orangenspeise, Zitronencrème Sabayon und für den heimischen Stolz die Ungekochte Schokoladen Crème, für die nur eine «Lindt» verwendet werden durfte. Denn unter den Schweizer Schokoladen besaß ihrer Meinung nach einzig «Chocolat Lindt» die nötige Sämigkeit, und dass sie aus Bern kam, erhöhte ihren Wert.
Hilde, die Schwester, unterstützte das Bestreben der Mutter und wusste, wie Truites au bleu, Croûtes aux champignons und Diplomate zuzubereiten waren und notierte die Anleitungen in Lorlis Buch.
Mutt brachte ihrer zukünftigen Schwiegertochter die Herstellung von Kochbutter bei und die Zubereitung von Schmalz als Brotaufstrich, für den reines Schweinefett mit 1 Zwiebel, 1 Lorbeerblatt, Pfefferkörnern u. 1 geschälten Apfel kurz gekocht wurde. Weiter führte sie die Schweizerin zu den Speisen hin, mit denen ihr Sohn groß geworden war. Kartoffelbällchen, Königsberger Klopse und Kaiserschmarren. Bei den Klößen, den Vogtländischen, fügte die Heiratswillige hinzu: nur für Sachsen! u. Thüringen! Die deutschen Länder waren ihr so wenig vertraut wie die Speise, sie schrieb: Klose.
Die Autorität von Mama und Mutt galt nicht uneingeschränkt. Mit der Ernsthaftigkeit, mit der sie die Anleitungen der Mütter aufschrieb, trug sie auch Rezepte von Freundinnen ein und fügte in Klammern ihre Namen hinzu. Die Rezepte taugten nicht für die Ernährung einer Familie, Zuckermandeln und Salzmandeln, Tomatenküchlein, Griesköpfli und Schokoladentorte waren die Speisen, die sich die Studentinnen auftischten, wenn sie einander einluden.
Die Gerichte ihres Zukünftigen notierte sie ebenfalls, billige und nahrhafte Junggesellenverpflegung: Risotto mit Emmentaler oder Käshaber, ein Grieskuchen aus Milch, Eiern und Käse, serviert mit Salat.
Im Rezeptbuch stand auf der Schmutztitelseite über dem Wahlspruch der Mutter mit Bleistift hingeschrieben ein weiterer Satz:
«‹Kü-Ko›, sagt der Vater.»
Aus Sicht des Vaters könnte die Mutter ein «Kü-Ko» gewesen sein, ein Küchen-Kommandant, der sein Regiment aus Dienstmädchen und Töchtern entschlossen anführte, weil es außer Haus für Frauen nichts zu kommandieren gab. Wer der wahre Regent im Hause sein muss, das sagte der Vater seiner studierten Tochter auf dem Standesamt und beim Bankett. Dem deutschen Schwiegervater Otto Zietzschmann fielen die Ermahnungen auf, und er schrieb in sein Tagebuch zum 6. Februar 1937:
«[...] Kurz nach 6h sind wir alle ‹im Staat› und gehen hinunter, wo sich alles im Empfangsraum versammelt und wir dann den Erwartungsvollen vorgestellt werden. Es ist eine sehr nette Gesellschaft echter Bärner, mit denen man sehr bald nahe kommt! Zum Schlusse erscheint das jg. Paar: Ernscht in seiner ruhigen Freundlichkeit, von allen Fam.-Mitgliedern frdl. empfangen. Und Lor in ihrer Jugendfrische strahlend im hellen duftigen Blau. Mit viel Herzlichkeit und ohne Versteifung plaudert man zusammen. Dann geht’s zum reizend gedeckten Tische. [...]
Herr Wyss leitete mit einer herzlich gehaltenen Rede an das Brautpaar, vor allem aber an die Gäste, ein, indem er noch einmal auf die Stellen aus den 3 Paragraphen der Schw. Bundesversammlung* hinwies: das Haupt der Familie sei der Mann, im Hause herrsche die Frau.»
Vater Wyss schickte seine Tochter mit schweizerischen Grundsätzen nach Schweden, wo das Paar die Ehe beginnen wollte. Die Vorliebe der jungen Hausfrau galt, gemessen an der Anzahl beschriebener Seiten im Rezeptbuch, dem süßen Beiwerk, nicht der alltäglichen Kost.
STOCKHOLMER WEGE
Die Sprache, die sie lernte, war ihr so unvertraut wie die Rolle, in die sie mit dem festen Willen schlüpfte, es richtig zu machen. «Hustru» lautete auf Schwedisch die Anrede, die sie für sich in Anspruch nehmen konnte, sie war eine verheiratete Frau, född Wyss, eine geborene Wyss, boende på Lappkärrsvägen 44, wohnhaft an einer Straße in Stockholm, deren Namen ins Deutsche übertragen so viel bedeutete wie Sumpfweg oder feiner, als Moorfleckenweg übersetzt werden konnte. Für die Formulare der «Zentralen Sozialbehörde» lernte sie auf die Frage «Syftet med vistelsen» zu antworten: Vistelse hos maken, Grund meines Aufenthalts ist mein Mann.
Nach den ersten gemeinsamen Wochen in Stockholm schrieben Ernst und Lor Zietzschmann dem angesehenen Zürcher Theologen Emil Brunner einen Brief. Er hatte sie in der Kirche von Greifensee getraut, ihnen zuvor das Pflichtbewusstsein geschürt und Ehrfurcht vor der Aufgabe eingepflanzt.
«6.4.1937
Lieber Herr Professor!
Zwei Monate sind ins Land gegangen, seitdem ich mein Bündel schnürte, um vom hohen Norden gen Süden zu reisen und mir meine Frau zu holen. Es war eine richtige große und beschwerliche Reise, vierzig Stunden lang, auf der ich Musse und Ruhe hatte, mich von Herzen zu freuen und dankbar zu sein, dass ich mir diese Frau aus dem hoch über dem Schweizer Land liegenden Leubringen erwählen durfte und erkämpft hatte. Es war ein rechter Kampf gewesen mit dem höchsten Einsatz, dem eines vollwertigen, höchst liebens-würdigen Menschen.
Sie, lieber Herr Professor, gaben uns am 9. Februar das Recht vor Gott und der Welt, nun zusammen zu sein und einander zu gehören. [...] Hoch-Zeit, genommen als absolut einmaliger Begriff, wurde es erst draußen in Greifensee. Erst in dem Augenblick, als Sie dort standen und zu uns beiden Ihre freundschaftlich-persönlichen Worte über Sinn + Bedeutung dessen, was wir da miteinander beschlossen hatten, sagten. [...]
Wir merkten als glücklichsten Besitz, dass außer uns Dreien ein Viertes im Bunde war, dessen Beauftragter Sie waren und dessen Wort und Willen Sie uns eindeutig und kompromisslos mitgaben. Dass es kompromisslos sei, musste ich wieder hören. Es war gut so, dies klar und deutlich zu vernehmen. [...]
Wir sind zwei Monate beieinander. Wir haben gemeinsam die äußeren Bedingungen geschaffen, in Wohnung und Arbeitsplan. Die Arbeit beansprucht etwas zu viel. Viele Sonntage. Viele Nächte. Das darf nicht so bleiben. Es ist Unordnung, Widersinn. Es kann nichts Gutes aus diesem Gehetze entstehen.»
Sie schrieb:
Lieber Herr Professor,
es plagt mich sehr, dass Sie so lange keine Nachricht von uns bekommen haben. Sicher warfen Sie uns – und mit Recht – Undank vor, und es ist doch genau das Gegenteil der Fall. Es vergeht kein Tag, so darf ich wohl sagen, an dem ich nicht durch irgend etwas an das erinnert werde, was Sie uns am 9. Februar sagten. Wir wollten Ihnen schon lange lange danken, aber Ernst sitzt tatsächlich fast Tag und Nacht am Zeichentisch, und für private Angelegenheiten bleibt überhaupt keine Zeit. Und ich wollte nicht allein schreiben. [...] Sie haben uns klar und deutlich gesagt, was Ehe ist und wodurch allein sie möglich ist. Sie sagten auch, Ehe sei eine Stiftung Gottes. Und so ist man also vom Augenblick an, da der Bund geschlossen ist, beteiligt an einer Institution Gottes. Das weiß ich nun ganz fest seit dem Tag in Greifensee, und es hat Wesentliches bei mir geändert. Die frohe Gewissheit dieser Tatsache hat mir den größten Teil einer frühern Unsicherheit genommen (am einzelnen Individuum liegt ja nicht so viel, dachte ich). Ich gehe seitdem mit der größten Fröhlichkeit u. viel Mut ans Werk, trotzdem u. gerade weil ich die Pflichten und strengen Forderungen kenne.
Emil Brunner wird der Braut und dem Bräutigam gesagt haben, dass sich die Ehe einzig auf ein Bündnis zweier Menschen mit Gott dauerhaft gründen lasse. Dass erst das Gelöbnis der Treue vor Gott und im Bund mit Gott der Ehe den notwendigen Halt gebe. Er wird ihnen weiter gesagt haben, dass die Ehe aus Liebe entstehe und das Geschlechtliche nicht bloß als Mittel zur Zeugung diene, sondern auch ein Ausdruck der Zuneigung sei. Dass jedoch eine Ehe, die nur auf Liebesgefühle und auf das Geschlechtliche baue, rettungslos verloren sei. Dort, wo der Glaube eines jeden echt und lebendig sei, seien Eheprobleme zu überwinden, während dort, wo der rechte Glaube fehle, die Ehen häufig an den Schwierigkeiten zerbrächen. So ungefähr könnte er ihnen die Tragweite der Ehe erläutert haben, wie er die Ehegemeinschaft 1932 in seiner wegweisenden Ethik «Das Gebot und die Ordnungen» dargelegt hatte.
Ernst Zietzschmann wäre kaum aus eigenem Antrieb nach Schweden gezogen, nachdem er endlich eingebürgert worden war. Doch in der Schweiz gab es wenig Arbeit und zu viele Architekten. Die Auftragslage war derart schlecht, dass ihm die Stelle an der Eidgenössischen Technischen Hochschule gekündigt wurde.
Er und Lor verlobten sich, bevor er mit einer Empfehlung in der Tasche nach Stockholm fuhr und wagte, was die Abenteuerlustigen unter den arbeitslosen Jungarchitekten aus der Schweiz und anderen Ländern auch versuchten. Wie Wanderarbeiter zogen sie von einem schwedischen Architekturbüro zum nächsten, stellten sich überall dort vor, wo gerade ein Großprojekt geplant wurde und sie hoffen konnten, dass der Chef sie mit offenen Armen empfing. Erhielten sie eine Anstellung, zeichneten, radierten sie ohne Unterlass, änderten, passten an und bangten alle sechs Monate um die Verlängerung der Arbeitserlaubnis.
Ernst Zietzschmann verdingte sich bei Sven Ivar Lind, der den schwedischen Pavillon für die bevorstehende Weltausstellung 1937 in Paris baute und am Stadtrand von Stockholm das nationale Fußballstadion «Råsunda» plante. In Zürich schloss Lor Wyss ihr Studium ab. Ihm bereiteten die zukünftigen Ausgaben nach der Heirat Kummer.
«Für die Fertigstellung der Zeichnungen + die 3. Ausschreibung (Råsunda) sind 4 Tage Nachtdienst nötig. Am Ende gibt es 2 Tage bis ’n [nach] 3h. Lind ist unermüdlich + schließt mit einem ganz durchgearbeiteten Nachtpensum. [...] Meine finanzielle Lage ist nur bei vieler Nachtarbeit einigermaßen gut. Das muss anders werden, wenn ich heiraten will. Die Einrichtung + Anschaffung vieler Dinge wird das Ersparte auffressen.»
Ruhelos wie vor der Heirat saß er nach der Heirat am Reißbrett, tagsüber im Architekturbüro, abends und an den Wochenenden zu Hause, führte aus, setzte um, was sein Arbeitgeber von ihm wollte.
Emil Brunner las die Briefe, die er aus Schweden erhielt, genau, und er unterstrich die Stellen, die ihm wichtig erschienen, er las mit dem Blick des Seelsorgers, der die Vorgeschichte dieser Eheschließung kannte und der darin geübt war, kleinste Anzeichen einer Unstimmigkeit zu diagnostizieren.
Im Brief von Ernst unterstrich er die Worte «dankbar zu sein» und «diese Frau». Im Brief von Lor markierte er Tag und Nacht am Zeichentisch. Die Bemerkung der jungen Ehefrau missfiel ihm.
Damit eine Ehe gedeihen könne, und dies wird er dem Brautpaar deutlich gesagt haben, sei ein «wirkliches Zusammenleben» von Mann und Frau unabdingbar. In seiner Ethik warnte er vor schädlichen Folgen, wenn neben der Arbeit gerade noch ein halbes Wochenende für die Lebensgemeinschaft übrig bleibe. Er urteilte als gut besoldeter Theologe, der in gesicherten Verhältnissen lehrte und schrieb und das Privileg freier Abendstunden und eines Wochenendes einfordern konnte, wohl wissend, dass Arbeitslosigkeit, Hungerlöhne und Schichtarbeit vielen Erwerbstätigen keine freie Zeit ließen.
Der Braut wird er gesagt haben, dass nach der göttlichen Ordnung ihr natürlicher Wirkungsbereich zunächst die Familie sei. Aber er gab ihr womöglich noch etwas anderes mit auf den Weg. Als «ein Zeichen unglaublicher Weltfremdheit» brandmarkte er in seiner Ethik die weitverbreitete Ansicht, die Frau gehöre ins Haus. Der Frau von heute könne nicht verboten werden, so schrieb er, nach einer Kompensation außer Haus zu suchen, wenn die Hausarbeit ein Frauenleben nicht mehr ausfülle. Der Maßstab waren für ihn wiederum bürgerliche Verhältnisse, in denen der Ehemann genug verdiente für den Lebensunterhalt von Frau und Kinder. Doch er rechtfertigte die Berufstätigkeit, die zur individuellen Entfaltung einer Frau beitrug, die für den Unterhalt der Familie aber nicht notwendig war. Dem Bräutigam wird er ins Gewissen geredet haben, in dieser Frage den Willen seiner Frau zu respektieren.
Emil Brunner strebte nach einer im Alltag anwendbaren theologischen Ethik und berücksichtigte in seinen Überlegungen auch wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen, setzte sich mit Psychologie und Naturwissenschaften auseinander. Mit mancher seiner Ansichten zur Ehe ging er weit über das hinaus, was theologisch anerkannt war. Die «moderne Freiheitsbewegung der Frau» beurteilte er als «notwendig und segensvoll». Er trat für die Einführung des Frauenstimmrechts und Frauenwahlrechts ein und befürwortete die Empfängnisverhütung. Er wagte in seiner Ethik «Das Gebot und die Ordnungen» die Feststellung:
«Die Frau von heute will nicht ein Kind bekommen, weil und wann es sich so gibt, sondern dann, wenn und weil sie dazu bereit ist.»
Doch bei aller Anerkennung der Emanzipation stieß Emil Brunner deswegen die althergebrachte hierarchische Ordnung der Geschlechter nicht um.
Er trat für die «Selbständigkeit und persönliche Gleichberechtigung» der Frau mit dem Mann ein und hielt am theologischen Lehrsatz fest, dass dem Manne das Führungsrecht in der Familie zufalle. In seiner Ethik verteidigte er idealistisch die Haltung, dass der Mann in einer ebenbürtigen Ehe die Eigenständigkeit der Frau weder missachten wolle noch könne. Die Frau nehme seine gerechte Führung gerne hin und wisse sich mit Sachverstand durchzusetzen, wenn er ungerecht handle.
Emil Brunner bezog Stellung gegen die politischen Entwicklungen in Italien und Deutschland und stand der Bekennenden Kirche nahe. Seine Ethik wurde im Deutschen Reich verboten, und der Verlag in Tübingen musste die unverkauften Exemplare der zweiten Auflage 1938 einstampfen.
In Zürich lehrte er an der Universität systematische und praktische Theologie und lud, was für einen Professor außergewöhnlich war, die Studenten zu «offenen Abenden» zu sich nach Hause ein, er hörte zu, beantwortete Fragen, alle diskutierten, manchmal wurde Karten gespielt, manchmal gesungen und musiziert. An der Universität wirkte er als Seelsorger, er hielt «Morgenpredigten für Studenten», gab Abende für Pfadfinder und Bibelstunden für Berufstätige. Der Weg zu Glauben und Bekehrung führte für ihn nicht über die Predigt, sondern über persönliche Gespräche und Unterstützung bei Lebensproblemen. Ernst Zietzschmann hatte sich im Auf und Ab seiner Gefühle an Emil Brunner gewandt, sein provisorisches Leben, die widersprüchlichen Signale aus Berlin, nichts, was ihm eine Perspektive gegeben hätte. Er hatte um eine Sprechstunde gebeten.
«Ich komme zu Ihnen, verehrter Professor, in der Not, im Willen, endlich einmal Halt zu bekommen.»
Nach dem Gespräch hatte er in seinen Taschenkalender notiert:
«Er sagt mir ganz schlichte große Dinge um Gott und das Leben in ihm. ‹Sie sind ein diffuser Aesthet.› In großem Glück heimlaufen.»
Emil Brunner bekannte sich zur Oxfordgruppenbewegung des Amerikaners und lutherischen Theologen Frank Buchman, der predigend und bekehrend von Land zu Land zog. Seine Bewegung besaß in den Dreißigerjahren in der Schweiz, in den Niederlanden und in Skandinavien große Anziehungskraft. Die reformierte Kirche war Emil Brunner zu lebensfern, in der Oxfordbewegung sah er dagegen sein Ideal einer regen Laiengemeinschaft verwirklicht. In einer Notiz hielt er fest:
«Eines der Hauptübel unserer Kirche ist dies, dass sie ihren Gliedern nichts zu tun gibt, dass sie nichts von ihnen verlangt. Die Oxford-Gruppe verlangt von ihren Leuten, dass sie sich hinfort als aktive Christuskämpfer wissen. Und betätigen.»
Missionarisch erstellte er Namenslisten nach Stadtquartier, Geschlecht und Verwendbarkeit des Einzelnen für die Bewegung. Er unterschied zwischen «Helfern», «Bereiten» und Personen, die er zum «offenen Abend» oder zur gemeinsamen Bibellektüre einladen wollte.
Den Namen Ernst Zietzschmann setzte er bald auf die Liste «Akademiker, Studenten, Junge Männer, die zum Helfen in Gruppen eingeladen werden könnten». Jedem «Helfer» wies er einen Neuling zu, den er betreuen und mit dem er über gemeinsame Interessen, über Alltagsprobleme und über den Glauben reden sollte.
Den Namen Hanni Zietzschmann trug Emil Brunner in der Liste der «Studentengruppe – Anf. November 1935» als «Aktive» ein. Nach dem Aufenthalt in Berlin hatte sie in ihre Taschenagenda notiert:
«Überall Schwierigkeiten, in mir selbst, in meiner Umgebung. Nirgends ein fester Punkt. Keine Ruhe.»
Der Name Lor Wyss stand auf keiner seiner Listen. Sie hatte zusammen mit Hanni an einem Einführungswochenende auf dem Bürgenstock teilgenommen, aber zu einer «Aktiven» in einer Studentengruppe wurde sie nicht. Vielleicht suchte sie in der Zürcher Gruppe einen Bezug zum Erlebnis in Berlin, als sie im Menschengedränge Martin Niemöller zugehört hatte. Auch verband sie der Besuch der Vorlesungen und Predigten von Emil Brunner mit ihrer Freundin und ihrem Geliebten.
Ernst Zietzschmann sah in Emil Brunner einen «väterlichen Freund». Sie unterschrieb ein halbes Jahr vor der Heirat einen Brief im Namen der beiden Kinder: Lor. Beide fühlten sich in der Pflicht, die Erwartungen und Anforderungen zu erfüllen, um sich dem verehrten Mentor würdig zu erweisen.
«[...] Sie haben in jedem Sinne Recht behalten, Herr Professor, damals in Greifensee, auch mit der ausgesprochenen Erwartung, dass wir zunächst einmal nur Zeit haben für uns. Es gilt ja vieles: Es gilt alles. Es gilt ein Leben einzurichten. Das ist schön, festlich, einmalig, schwer oft. Noch nicht allzu oft. Aber wir freuen uns aller Aufgaben. Gegenüber der Zeit und der beruflichen Entwicklung habe ich oft Mühe, Geduld zu haben. Meine Frau hat umso mehr Zutrauen + Ruhe. So ist alles gut.
Ich freue mich, an einem ganz frühen Morgen nun endlich Zeit gefunden zu haben zu diesen Zeilen, mit denen ich Ihnen nochmals danke, mit denen ich Sie bitte um Grüße an Ihre Frau Gemahlin und Ihre Söhne. Ihr Ernst Zietzschmannn»
Sie schrieb:
[...] Es ist ja erst ein kleiner Anfang, diese zwei Monate. Aber wir merkten doch schon, wo die wahre Freude und der richtige Weg zu finden sind. [...] Es ist mir auch klar geworden, wie sehr wir uns Ihnen als Seelsorger verpflichtet haben, seitdem Sie uns getraut haben. Ich werde wohl oft eine Mahnung hören, wenn ich an Sie denke, und nicht immer eine angenehme. Aber es ist doch mein größter Wunsch, dass es dabei bleibt, dass wir von Zeit zu Zeit zu Ihnen kommen dürfen.
Hier in Schweden hat das Leben mit großem Schuss angefangen. Zwar war ich bis jetzt mit Wohnungeinrichten u. Schwedisch lernen beschäftigt u. habe noch keine andere Arbeit aufgenommen. Ernsts strenge Arbeit wird bald zu Ende sein, und was wird, ist noch unsicher. Die Unsicherheit sagt mir im Grunde sehr zu, u. ich möchte nicht, dass es anders wäre. [...]
Mit herzlichen Grüßen auch an Frau Professor bin ich Ihre dankbare Lor Zietzschmann.
Die Unsicherheit des Wanderarbeiters setzte Ernst zu, mehr noch, dass er die Ideen eines anderen ausführen musste und seine Arbeit unsichtbar blieb. Er hätte gerne ein eigenes Architekturbüro eröffnet und unter seinem Namen gebaut.
«Wie sieht wohl meine Zukunft aus? Werde ich jemals in Zürich Aufgaben finden? Gibt es in der Schweiz überhaupt noch Aufgaben? War es beruflich gesehen richtig, Schweizer zu werden? Ja. Denn in Deutschland ist kein innerliches Leben meiner Art möglich. So lass dich nicht immer wieder durch die Bauaufgaben betören. [...] Gibt es wohl einmal wieder Zeiten wie [...] 1920 in Deutschland? Wohl nicht. Wir müssen anderweitig Raum + Aufgaben finden. Deutschland ist verschlossen, alle anderen Länder umso mehr.»
Ernst Zietzschmann orientierte sich am Neuen Bauen, am sachlichen Stil, wie ihn in Deutschland Bruno Taut und Mies van der Rohe vertreten hatten, bevor die Nationalsozialisten den monumentalen neoklassizistischen Stil durchsetzten. Das Neue Bauen erreichte Schweden mit einer Verzögerung, und als Ernst Zietzschmann nach Stockholm zog, standen die ersten Verwaltungsgebäude und Wohnsiedlungen im funktionalen Baustil.
«Herrliche Wohnungen sehe ich draußen in Ekhagen [...], wo es mir außerordentlich gut gefällt. In großen Bäumen stehen sehr anständig gebaute helle dreistöckige Häuser (Lift ist bei drei Stockwerken entbehrlich). Ein See in der Nähe. [...] So werde ichs auch mal haben. Eine Frau in einer Wohnung, meine Frau. Die für mich da ist, für die ich da sein darf.»
Die Häuser, die seine architektonischen Ansprüche befriedigten, waren streng, schmucklos, besaßen Fenster in allen Größen und standen zu den Nachbarhäusern und zur Straße so, dass jede Wohnung in den langen Wintern und kurzen Sommern möglichst viel Licht erhielt. Fachleute, Neugierige und Delegationen fuhren zu Studienzwecken zu dieser Vorzeigesiedlung hinaus. «Ekhagen», Eichenforst, wie das Stadtgebiet hieß, verwandelte sich erst allmählich in Stadt, und hier ließ sich die obere Mittelschicht nieder. Der Wunsch ging in Erfüllung, Ernst Zietzschmann erhielt am Sumpf- und Moorfleckenweg «Lappkärrsvägen», eine dieser viel bewunderten Wohnungen.
Sein Traum von einer Frau in seiner Wohnung, seiner Frau, entsprach nicht dem, was er auf den Straßen und bei der Arbeit beobachtete.
«Die selbständige schwedische Frau hat einen eigenartigen Charme.»
Er führte nicht weiter aus, was ihm am Wesen der Schwedinnen merkwürdig vorkam. Ihre Eigenständigkeit musste im Widerspruch gestanden haben zu seinen inneren Bildern von einer Frau. Seine zukünftige Frau hatte für ihn bereit zu sein, während er für sie da sein konnte, wann er wollte. Ihre Hingabe verstand er als ihre Pflicht ihm gegenüber, seine Anteilnahme ihr gegenüber betrachtete er als Freiwilligkeit.
Ende April, als der Pavillon von Sven Ivar Lind auf dem Ausstellungsgelände in Paris errichtet wurde und auch die Baupläne für das Fußballstadion ausgereift waren, ging das junge Paar auf Hochzeitsreise.
«Gestern früh hat Lor bis fünf Minuten vor acht Uhr genau und gut und fröhlich eingepackt. Wir ließen ein Paar Schuhe ungeputzt stehen, um den Anschluss nachher wieder zu finden. Die Arbeit ist vom Zeichenbrett weggenommen, und Lor hat beim Plätten der Hosen das Unterlagspapier wieder völlig zerstört. Wir wollen Ferien haben.»
Mit dem Zug reisten sie nach Göteborg, wo sie den angebrochenen Tag verbrachten, bis am Abend ihr Schiff fuhr.
«Beim Aufwachen ist England in Sicht. Im Süden schiebt sich eine breite Landzunge vor. Kohlenkrähne: schwarze Dampfer zeigen den großen Hafen an. Kleine runde Segelboote. Die Spannung steigt. Wir fahren i. d. Themsemündung ein. Schiff an Schiff überholen wir. Schwarze Segel. Grün schimmert das Land durch den Nebel. Unfasslich grün.»
In London führte Lor Zietzschmann ihren Ehemann in die weitere Verwandtschaft ein. Ein Cousin der Mutter hatte sich hier als Kaufmann niedergelassen. Die Stadt wirkte auf Ernst abstoßend. Bis auf die Gemäldeausstellungen und die englischen Gärten fand er in London nichts, das seine Augen befriedigte.
«Die Oxfordstreet ist voller Automobile, daneben kein einziges Fahrzeug. Bondstreet, die vornehme Geschäftsstraße, ist mit weißen Coronationfahnen* geschmückt. Die einzige geschmackvolle Dekoration. Gesandten- + Politikerviertel. Mayfair. In der City alles leer. Und wie mit einem Schlag kommt man in Inderviertel, in eine wimmelnde stinkende widerliche Welt. Kilometerweit dehnt sich dies furchtbare Viertel aus. Inder, Christen, Juden, Kinder, Kinder, Kinder.»
Nächstes Ziel war Paris, wo er auf dem Bauplatz der Weltausstellung, die drei Wochen später eröffnet werden würde, die Wirkung des schwedischen Pavillons überprüfen wollte.
«Er [schwedischer Pavillon] wirkt ein wenig steif + gerade. Schweizer Pavillon ist fröhlich + ausstellungsmäßig. [...] Auf dem Bau zuerst niemand. Der Eindruck des Steifen verdichtet sich. Es ist sehr viel zu tun übrig. Trotzdem sind wir nicht allzu sehr im Rückstand. Engld. + Amerika haben noch Monate zu tun. Die Großstaaten sind im A. [Ausstellungsbau] fast fertig.
Die Antithese Russland – Deutschld. wirkt krass + lächerlich. Russld. stürmt mit zwei verrückt überdimensionierten Gestalten auf Dtschld los, das in einem Säulen – trostlos – Turm den Adler mit Hakenkreuz in die Höhe reckt. Die Ornamentik ist peinlich. Noch mehr, wenn man denkt, dass es sich um Ausstellungsbauten handelt. Am Schluss sehe ich Lind + werde von ihm behandelt wie ein völlig Unbekannter. Es ist eine grenzenlose Schweinerei.»
Die Aufmerksamkeit für seine Ehefrau beschränkte sich in seiner Beschreibung der Hochzeitsreise auf wenige Sätze. «Lor schwelgt. Ihre Studentenzeit ist rings hier herum», schrieb er, als sie in Paris ankamen und in der Nähe des Boulevard Saint-Michel ein Hotelzimmer bezogen.
«Lor sieht aus wie eine Pariserin.»
Und als er aufgewühlt war, weil ihn Sven Ivar Lind wie einen Wanderarbeiter behandelt hatte, notierte er:
«Lor ist geduldig + elend lieb. Ich brauche sie so sehr.»
IN GRAUEN STUNDEN I
Die Seiten im Gästebuch füllten sich mit Heiterem und Harmlosem, «tack ska du ha», vielen Dank. «Leider blieben sämtliche Geistesblitze weg» und Datum, «besten Dank für eure Küche», «tack». Darunter folgte ein Reigen aus Namen: Zucker, Freund, Meyer, Taesler, Bächtold, Schlachter und wieder Meyer, nicht identisch, Taesler, Zucker, Bächtold und Bengtsson, Klaglund, Fröhlicher, Schlachter und Niemeier. Lustige Gesellschaften hinterließen Darstellungen von Fondue-Essen und Karikaturen, die den Gastgeber zum Zampano aufbliesen mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und erhobener Faust oder ihn zum Ernstli schrumpfen ließen, der eine Lola mit Schmollmund an sich drückte. Tack, tack. An manchen Abenden wurde musiziert, Ernst am Klavier, der eine oder andere Besucher brachte seine Geige, sein Cello oder die Gitarre mit. Die gespielten Werke trug der Gastgeber im Gästebuch ein: viel Beethoven, etwas Haydn und Mozart, immer wieder Bach, Vater und Söhne.
Ein feiner Riss zog sich durch die heile Welt im Gästebuch. Dieser Riss war in Wirklichkeit eine Kluft, die nach Nation, Herkommen und Religion trennte. Im Gästebuch ließ sich der Riss ablesen an der Art, wie jemand dankte.
«Ohne große Worte: Ihr habt uns hier alles mit Euch teilen lassen, und wir haben oft gesagt: ‹Wie hätte es nur gehen sollen ohne ...› Dieses dumme Kind wäre mir jedenfalls verzweifelt ohne Eure Rückendeckung: Und das können wir mit den Maßstäben des Gästebuchs nicht vergelten.
Ob’s Euch etwas bedeutet, wenn wir sagen: Ihr beide steht in unserem jetzt beginnenden gemeinsamen Leben ganz vorne an –
Allen unseren Dank»
Im Frühjahr 1938, als der Dankende für seinen Eintrag nach passenden Worten suchte, gab es für ihn und seine Familie nur noch ein Neubeginnen und Vorwärtsschauen. Das vergangene Leben war ein verlorenes. Noch rechtzeitig hatte er mit seiner Familie Schweden erreicht, bevor das Land Juden an der Grenze zurückwies, wenn sie keine Einladung oder keine Einreisevisa in andere Länder vorweisen konnten.
Ein anderer Gast klebte einen Zettel ein, auf dem er eine Strophe des Lieds «An die Musik» von Franz von Schober notiert hatte:
«Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden, Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, Hast Du mein Herz zu warmer Lieb’ entzunden, Hast mich in eine bessre Welt entrückt, in eine bessre Welt entrückt.»
Dazu schrieb der Gast in schönster Schnörkelschrift:
«Allem voran der Dank an die junge Hausfrau für eine Crème, so wundersam und fein wie die lieblichste Musik. Dass Sie mir Gelegenheit geben, die ‹holde Kunst› mit Ihnen auszuüben, dafür danken wir Ihnen herzlich.»
An diesem Abend saß der Dankende mit Ernst Zietzschmann am Klavier, und sie spielten vierhändig Schubert und Mozart. Wer unter den Gästen hastig Jena, Leipzig und Berlin hinter sich gelassen, wer sich von Russland über Finnland nach Schweden durchgeschlagen hatte, der hatte sich auf seinem Fluchtweg nicht mit einem Instrumentenkoffer beladen. Geige und Cello spielten die Gäste, die beruflich nach Stockholm umgezogen waren und wohlgeordnet einen kleinen Haushalt mitgebracht hatten.
Diejenigen unter den Besuchern, die nicht erfahren hatten, wie leicht eine Existenz beschnitten und zerstört werden konnte, dankten mit treuherzigen Worten. Wer an sichere und beständige Verhältnisse glaubte, der schrieb mit der Einfalt der Unversehrten ins Gästebuch.
«Alles Gute in Schweden!
Ist’s auch nicht ein Eden,
so wartet doch Euer,
in Zukunft, wenn nicht heuer,
die vielgeliebte Schweiz
Stockholm, 13.–25. August 1938
die Schwester u. Schwägerin, Hildi.»
Hilde Wyss kam gerade von Berlin, wo sie für den Schweizerischen Evangelischen Pressedienst führende Pfarrer der Bekennenden Kirche interviewt hatte. Martin Niemöller war ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert worden. Hilde machte nach dem Augenschein in Berlin Ferien in Schweden.
Bei Zietzschmanns saßen im Wohnzimmer Juden und Christen, Deutsche und Schweizer, Kommunisten, Sozialdemokraten und Liberale. Die Ehepaare ohne Kinder waren häufig politische Flüchtlinge und meist so alt wie die Gastgeber. Die eine und andere Ehe zerbrach, andere gründeten Familien. Die Zuckers hatten die Sowjetunion verlassen, als die stalinistischen Verfolgungen begannen. Er hatte als Einrichtungsarchitekt in Berlin gearbeitet, sich auf Beleuchtung spezialisiert und war dem berühmten Architekten Bruno Taut als Assistent nach Moskau gefolgt. Unter den ausgewanderten Deutschen hatte er seine Frau, eine Laborgehilfin, kennengelernt. Die Taeslers waren mit der Erfahrung sibirischer Kälte nach Schweden geflohen, er stammte aus der Mark Brandenburg, hatte bei Bruno Taut Architektur studiert, sie war Dolmetscherin und kam aus der deutschen Gemeinde von Odessa. Wie Ernst Zietzschmann waren Helmuth Zucker und Werner Taesler geprägt von den Ideen des Neuen Bauens.
Die Familien unter den Gästen waren jüdisch, die alleinstehenden Männer meist auch, mit freien akademischen Berufen und politischer Vergangenheit. Dieser und jener schrieb für schwedische Zeitungen und trat für ein besseres, demokratisches Deutschland ein.
Es war die Musik, die den Gastgeber und die Gäste miteinander verband, und es war Einsamkeit. Jeder kämpfte mit seiner Art des Alleinseins. Ernst Zietzschmann machte die Kontaktlosigkeit des Ausländers zu schaffen, der keinen Bezug zu den Ansässigen fand. Mehr als einmal beklagte er sich in seinen Briefen an Emil Brunner über die Zurückhaltung der Schweden:
«Ich meine auch nun mit meiner Frau, dass es kein Land sei hier für Menschen mit kulturellen Ansprüchen und dem Anspruch einer gewissen wissenschaftlichen Einstellung des Nebenmenschen. Amerikanismus auf Schritt + Tritt. [...] Sie lassen sich überhaupt nicht ein in irgendwelche Bindungen.»
Er war ein enthusiastischer Gastgeber, der die Männer für sich einzunehmen wusste und den Frauen charmierte, die eine und andere umgarnte. Er teilte seine Freude am Musizieren aus dem Stegreif, wie es zu Hause bei seinen Eltern Brauch war, «Gemütsabende» nannte Vater Zietzschmann solches Beisammensein. An Emil Brunner schrieb Ernst:
«Wohl sind Stunden der tiefsten Weihe, draußen in der Natur, bei Bachs Kantaten + Passionen [...]. Und doch bleibt es nur ein Rausch, der das Persönliche aufhebt, [...] der mich mich selbst vergessen macht.»
Lor stand in der Küche, wandte an, was ihr Mama und Mutt mitgegeben hatten, entzückte mit Desserts aus Biel, bis in Schweden Zucker, dann Eier, Butter und alles andere rationiert wurden. Die ersten Lebensmittelkarten, die nach Kriegsbeginn in Umlauf kamen, waren für Kaffee und Tee. In ihr Kochbuch notierte sie die Anleitungen, wie in Schweden Preiselbeeren eingemacht und Grahambrot gebacken wurde. Ihre Käsecrème rührte sie aus eineinhalb Litern Milch, aus zwei bis drei Eiern und nicht mehr als zweihundert Gramm Käse an, die Mischung, so ihre Notiz im Rezeptbuch, reichte für 8–10 Pers., zusammen mit Kartoffeln oder Reis oder auch geröstetem Brot.
Im Gästebuch ist nicht nachzulesen, dass Lor jemals an einem der Abende Cello gespielt hatte.
Die «Gemütsabende» waren für die Gäste, die wie der Gastgeber irgendwann zurückkehren und ihr früheres Leben fortführen wollten, eine willkommene Abwechslung und halfen über das vorübergehende Alleinsein hinweg. Die Einsamkeit der Flüchtlinge war Verlorenheit. Irene Taesler, die deutschstämmige Russin aus Odessa, fasste die Unordnung und Verwirrung im Flüchtlingsleben mit einem Satz zusammen:
«Der Kamm liegt bei der Butter.»
Die meisten Flüchtlinge kämpften mit der Angst, jederzeit aus Schweden ausgewiesen werden zu können. Die schwedischen Behörden erteilten für drei, höchstens sechs Monate Aufenthaltsgenehmigungen. Die Polizei verfolgte einen antikommunistischen Kurs und zog Erkundigungen über die Tätigkeit der politischen Emigranten ein. Werner Taesler, der in Sibirien im Kusbass Industrieanlagen mitgebaut hatte, stand unter Beobachtung von allen Seiten, nicht nur von der schwedischen Polizei. Die Botschaft des Deutschen Reiches hätte ihm wieder einen gültigen Pass ausgestellt, wäre er ihren Einladungen zu nationalsozialistischen Veranstaltungen gefolgt. Seine Weigerung wertete die Botschaft als kommunistisches Bekenntnis, das Existenzrecht als deutscher Bürger wurde ihm abgesprochen, man setzte einen Spitzel auf ihn an. Unter den geflüchteten Genossen galt er ebenso als Verräter, weil er sich vom Kommunismus losgesagt und sich der SoPaDe, der Sozialdemokratischen Partei der deutschen Emigranten, angenähert hatte. Wer wollte, konnte ihn jederzeit bei der schwedischen Geheimpolizei als sowjetischen Agenten oder als deutschen Spion denunzieren. In seinen biografischen Notizen schrieb Werner Taesler Jahrzehnte später:
«Da wir in einer recht gewissenlosen Zeit leben, hängt sich auch zwischen mein Gewissen und meine Äußerungen ein fast undurchdringlicher Vorhang. Nicht nur die nackte Angst vor Überraschungen der Polizei des Gastlandes; viel schlimmer: Das Misstrauen gegen die ‹großen› Bewegungen unserer Zeit wird zuweilen zu einem Misstrauen gegen die Bewegungen in uns selbst. [...] Weil ich mich nicht dem geistigen Schematismus der totalitären Diktaturen fügen will, auch nicht den alten ‹Bewegungen› folgen kann, besinne ich mich auf mich selbst.»
Für die Emigranten war es nicht dasselbe, ob sie zu Zietzschmanns auf Besuch gingen oder an einen der Orte in der Stadt, wo sich die Vertriebenen und Gestrandeten trafen. In der Gemeinschaft der Flüchtlinge teilten sie ihr Schicksal, mit dem Misstrauen war jeder allein. Bei Zietzschmanns herrschte eine kultivierte bürgerliche Ordnung. Die Musikabende vermittelten für ein paar Stunden den Schein greifbarer Normalität. Der Kamm lag nicht bei der Butter. Womöglich spielte auch eine Rolle, dass die Gastgeberin eine Schweizerin war, der Gastgeber zwar deutscher Herkunft, aber in der Schweiz aufgewachsen und eingebürgert.
Im Hochsommer 1939 besuchten Otto und Elisabeth Zietzschmann ihren Sohn und die Schwiegertochter. Schnappschüsse von sonnigen Tagen entstanden. Darunter ein Foto auf fahrendem Motorboot, die Schwiegertochter in kecken Shorts, die Schwiegereltern lachend und zwischen sich eine große, halboffene Papierrolle, vielleicht eine Karte der Schären. Otto Zietzschmann schrieb auf die Bildrückseite: «Der Kriegsplan. Aug. 39». Im Gästebuch wünschte er sich ein Wiedersehen im nächsten Jahr. Doch der Krieg begann am 1. September mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen.
Ernst schrieb wie gewohnt das Musikprogramm ins Gästebuch, die Namen jedoch, die darunter eingetragen wurden, waren andere. Unter den Emigranten wuchs die Beklemmung mit jedem Land, das besetzt wurde. Die Fluchtwege waren abgeschnitten, als die Wehrmacht im April 1940 auch Norwegen und Dänemark eroberte. Die Glücklichen konnten Schweden noch vor dem Krieg mit irgendeinem Visum verlassen. Die Verarmten verschwanden in einen Vorort von Stockholm oder ließen sich auf dem Land nieder. Wie viele Emigranten verlor Werner Taesler bei Kriegsbeginn seine Stelle. Er zog mit Irene und dem Baby westwärts nach Guldsmedshyttan, im Gepäck die Erfahrung, wie in ärmlichen Verhältnissen bei sibirischen Temperaturen zu überleben war. Denkbar, dass sich manche unter dem Eindruck der Kriegsereignisse abkapselten, andere den Musikabenden fernblieben, weil neue Gäste dazugestoßen waren. Wer kam, hatte eine Arbeit und eine Aufenthaltserlaubnis oder besaß einen schwedischen Pass. Oft spielte Gerhard Wahl Violine, ein routinierter Kammermusiker aus Karlsruhe, der wie sein Vater schon Geigen baute. Im Musikladen seiner Frau, einer Schwedin, reparierte er Instrumente. Er war wie Ernst Anfang dreißig und ein Gefreiter der deutschen Armee. Einen Befehl zum Kriegsdienst erhielt er jedoch nie.
Bei der Geheimpolizei und der Ausländerkommission war Gerhard Wahl registriert als Mitglied der NSDAP und reger Teilnehmer beim Deutschen Kulturbund. Nach dem Krieg konnte ihm nachgewiesen werden, dass er für die Partei ein Amt ausgeübt hatte und ab 1941 als «Kassawart» die Finanzen der Auslandsorganisation in Schweden verwaltet hatte.
PROFIL EINES VERDÄCHTIGTEN
Am 15. Oktober 1940 wurde der Schweizer Bürger Zietzschmann, Otto Richard Ernst, wohnhaft an Lappkärrsvägen 44, erster Stock, in einem Raum der Stockholmer Kriminalpolizei vernommen. Der Beamte fragte nach dem Grund der Auswanderung, ließ sich sämtliche Arbeitgeber und Bauprojekte aufzählen, überprüfte, ob die Steuern ordnungsgemäß einbezahlt wurden, und verlangte den Vertrag des laufenden Arbeitsverhältnisses. Der Verhörte gab zu Protokoll, dass er die Stelle beim Bauunternehmen des Südkrankenhauses zwei Wochen vor Kriegsbeginn angetreten habe. Er zeichnete Ansichten und Aufrisse des zukünftigen städtischen Krankenhauses, das alle Hospitale Skandinaviens in den Schatten stellen sollte. Der Chefarchitekt Hjalmar Cederström ließ Behandlungsräume, Patientenzimmer, selbst die Teeküche, als Modell in Originalgröße bauen und vollständig einrichten, um die Zweckmäßigkeit mit Ärzten und Krankenschwestern zu testen, bevor er die Pläne für gut befand. Der Verhörte gab zu Protokoll, dass er gleich nach seiner Ankunft in Schweden beim Chefarchitekten vorgesprochen habe, aber damals keine Aussicht auf eine Anstellung bestanden habe.
Der Anlass für die Befragung war die Verlängerung der Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis um weitere sechs Monate. Der Polizist eröffnete das Vernehmungsprotokoll mit dem Satz:
«Er wurde ehelich von arischen Eltern geboren und wuchs im Elternhaus in Zürich auf.»
Wessen Worte wurden hier zu Papier gebracht? Enthält die Aussage das Selbstverständnis des Verhörten oder die Sichtweise des Protokoll führenden Beamten?
Verwendete Ernst Zietzschmann diese Worte, dann strich er hervor, was er angesichts der Weltlage für vorteilhaft hielt. Arisch und schweizerisch zu sein erschien nach dem ersten Kriegsjahr wie eine doppelte Garantie. Er zählte auf das Land seiner Eltern, das sich als der große Sieger erwies und Dänemark, Norwegen, Niederlande, Belgien und Luxemburg und nun auch Frankreich unterworfen hatte. Und er zählte auf die Eidgenossenschaft und ihr Abseitsstehen. Er wiegte sich in Sicherheit, er hatte Arbeit, Geld und Privilegien, verglichen mit den Flüchtlingen unter seinen Freunden. Den Wortlaut des Protokolls bestätigte er mit seiner Unterschrift.
Aus Sicht des Polizisten war zwar erwiesen, dass der Verhörte ein Schweizer Bürger mit gültigem Pass war, aber darüber hinaus konnte ihm vieles fragwürdig erscheinen. Dieser erste Satz im Vernehmungsprotokoll könnte ebenso seine Formulierung gewesen sein, eine Demonstration, worin er als schwedischer Beamter und Bürger eine Gefahr vermutete. Polizeilich war nicht auszuschließen, dass einer mit deutscher Herkunft und gewechselter Staatsbürgerschaft für das Deutsche Reich spionierte oder allenfalls auch als kommunistischer Agent unterwegs war. Schweden war umklammert von der Wehrmacht, die Sowjetunion hatte Finnland überfallen, und Finnland musste dem übermächtigen Nachbarn Gebiet abtreten.
Gegen einen möglichen Verdacht sprach wiederum die Aussage des Verhörten, «nie an einer politischen Tätigkeit irgendwelcher Art teilgenommen» zu haben, «auch nicht Mitglied einer solchen Vereinigung gewesen» zu sein. Außerdem hatte er erklärt, sollte er keine weitere Aufenthaltserlaubnis erhalten, mit seiner Ehefrau in die Schweiz zurückkehren zu wollen.
Möglicherweise beabsichtigte der Beamte jedoch mehr zu erfahren, als für eine Verlängerung des Aufenthalts nötig war. Im Frühjahr hatten zwei Privatpersonen Anzeige erstattet.
«Ingenieur Borell, private Telefonnummer 40 42 17, der am Südkrankenhaus angestellt ist, hat mitgeteilt, dass im selben Büro zwei Ausländer angestellt sind, welche wahrscheinlich Nachrichtentätigkeit im Dienst einer fremden Macht betreiben.
Unter dem Personal im Architekturbüro am Südkrankenhaus hat seit langem eine feindliche Stimmung gegenüber den beiden Ausländern geherrscht, weil diese in Zeiten eine Anstellung erhalten haben, in denen schwedische Architekten arbeitslos sind. Die beiden Ausländer sind darüber hinaus unkundig und haben die Anstellung sichtlich nur erhalten, weil sie politische Flüchtlinge sind. Einem jüngeren schwedischen Architekten ist in den vergangenen Tagen wegen Arbeitsmangels gekündigt worden, und das Personal ist der Meinung, dass es angezeigter wäre, dass Arbeit in erster Linie Schweden angeboten wird.
In der letzten Zeit haben die beiden Ausländer flüsternd Telefongespräche geführt. Beide sind beobachtet worden, wie sie Karten des Schärengartens von Stockholm und von Gotland studiert haben, sowie sind beide Inhaber von teuren Kameras, welche fleißig angewendet werden. Der Anzeigeerstatter meint den tschechischen Staatsbürger Riedel und den schweizerischen Staatsbürger Zietchmann.»
Doktor Hansson, Mitglied der Krankenhausdirektion, berichtete der Polizei, ihm sei zu Ohren gekommen, dass zwei ausländische Architekten mit Landkarten, die sie unter den Konstruktionszeichnungen liegen haben, «heimlich» täten und unter Umständen «illegaler Tätigkeiten irgendeiner Art» verdächtigt werden könnten. Der Zuträger wünschte eine «äußerst konfidentielle» Behandlung seiner Mitteilung und anerbot sich, falls erforderlich, weitere Erkundigungen einzuziehen.
Was das Direktionsmitglied diskret anbahnte, tat der Untergebene unverhohlen. Ingenieur Borell betrieb Arbeitsplatzpolitik. Die Angst vor Arbeitslosigkeit saß vielen im Nacken, und es hieß, die zugezogenen ausländischen Fachkräfte und die Emigranten nähmen den Schweden die Arbeitsplätze weg. Und überall nistete das Misstrauen gegenüber Flüchtlingen. Womöglich versprach sich Ingenieur Borell, seine Karriere mit Herumspionieren und Denunzieren zu befördern, zumindest verschaffte er sich Befriedigung, sollte ihn der Neid auf die Fotokameras angetrieben haben.
Ernst Zietzschmann schaute durch seine Kameralinse mit dem Blick eines Touristen auf der Suche nach schönen Landschaften, die ihn beglückten, weil sie so andersartig waren als die Gegend, in der er aufgewachsen war. Er fotografierte Weite und Leere, Wasser, Himmel und Stein. Mit romantischem Entzücken nahm er Ruderboote, Fischerkähne und dunkelrot gestrichene Holzhäuser auf. Im Tagebuch beschrieb er den Farbenrausch in den Stockholmer Schären.
«Manchmal übermannt mich ein ungeheures Glücksgefühl, dass ich hier oben sein + arbeiten + schauen darf. [...]
Ich habe auf der letzten Strecke der Insel Möja entlang schon lange gesehen, wie sich an einer Stelle das Meer öffnet. Wie dort eine dunkle ungeheuere Farbe über dem Wasser liegt. [...] Unendlich weit liegen sie [die Eilande] im Blau + träumen ihr Inselleben. In den blauesten Ausschnitten, aber nur bei scharfem Zusehen erkenntlich, erscheinen blaue unwirkliche Schatten, nur Lichtschattierungen. Kleine weiche Gebilde. Und in dieser unfasslichen Lichtfülle, im äußersten Paradies, so scheint es, dort gleiten Segelboote.»
Das verstohlene Hantieren mit Landkarten während der Arbeitszeit und in der Pause diente der Vorbereitung für Wochenendausflüge und Ferientage.
Anfang August rief der Landesvorstehende Ljunggren von Drottningholm in Stockholm bei der Geheimpolizei an, und ein Beamter protokollierte:
«[...] dass ein Schweizer Staatsbürger namens Otto Richard Ernst Zietzschmann, geboren am 8.5.1907, diesen Sommer von Zahntechniker Ekstrand eine Villa auf Adelsö [Insel im Mälaren] gemietet habe, wo er sich an Samstagen und Sonntagen aufhielt.
Der Landesvorstehende gab weiter an, dass er von Personen, die im Umkreis wohnen, darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Zietzschmann ganze Nächte draußen auf dem See zu sein pflegte, ohne dass er dabei fischte. Keiner hatte jedoch beobachtet, womit er sich auf dem See beschäftigte. In den umliegenden Orten Adelsö und Björkö gab es keine irgendwelchen militärischen Geheimnisse. Es könnte denkbar sein, dass sich Z. mit der Auslotung der Wassertiefe beschäftigte, was jedoch der Landesvorstehende nicht für wahrscheinlich hielt. Der Landesvorstehende wies jedoch darauf hin, dass der Södertälje-Kanal genau in diese Gegend mündet.»
Die Personenakte von Ernst Zietzschmann füllte sich mit Meldungen, verursacht durch ein Verhalten, das in Kriegszeiten provozierte. Einmal ruderten er und Lor mit einem anderen Paar um die Insel Björkö, gingen an Land und hatten Feldstecher bei sich, ein Ausflug, wie er jedem Urlauber einfallen kann. Ein Adjutant der Flugmeldedienstkompanie erstattete Anzeige, weil er die Erkundungsfahrt der vier Personen «mit Rücksicht auf die dortigen militärischen Anlagen nicht als angebracht» hielt. Die Silvesternacht 1939 feierte das Paar mit befreundeten Schweizern im bewachten Gebiet der Festung Vaxholm, ohne vorher die Aufenthaltsgenehmigung einzuholen, die seit Kriegsbeginn notwendig war.
Lor Zietzschmann, geborene Wyss, war für die Geheimpolizei die Frau in seiner Gesellschaft, die Sozia, die bei den Unternehmungen mitmachte, aber für die Observation ohne Bedeutung war. Sie beantragte keine Arbeitserlaubnis, Anzeigen lagen nicht vor.
Bei der Polizei trafen keine Meldungen von Hausnachbarn ein, dass an Lappkärrsvägen 44, im ersten Stock, Emigranten, ehemalige Kommunisten, ein- und ausgingen, und dass nach Kriegsbeginn ein Parteigänger der NSDAP jede zweite Woche mit seiner Geige erschien. Auch wurde keine Meldung erstattet, dass Ernst Zietzschmann auf der deutschen Botschaft in Stockholm ein Konzert gab.
Die Kriminalpolizei hatte für einige Wochen eine Post- und Telefonkontrolle angeordnet, aber sie erbrachte keinen Beweis für eine verdeckte Agententätigkeit. Das Profil des Verdächtigten verdichtete sich in keine Richtung. Die gesammelten Meldungen und Anzeigen zeigten nur das verschwommene Bild eines Bedenkenlosen.
PROFIL EINER WIDERSTÄNDISCHEN
Der Spruch «Sei froh, wenn Du kochen kannst für jemand», kam ihr immer entgegen, wenn sie ihr Rezeptbuch öffnete, die Schutzseite umblätterte und beim Register weiter aufschlug. Die Seite riss vom vielen Gebrauch ein, aber Mutters Wahlspruch und Vaters «Kü-Ko» hatten Bestand. Zu Kriegszeiten konnte der Spruch durchaus anders gelesen werden, als ihn die Mutter zu Friedenszeiten beabsichtigt hatte.
Sei froh, wenn Du kochen kannst, während andere nicht wissen, wovon sie sich ernähren sollen.
Sei froh, wenn Du kochen kannst für jemand, und es ist Krieg.
Aber war zu Kriegszeiten fraglos für jeden Gast zu kochen?
Was wusste und ahnte Lor Zietzschmann vom Geigenbauer aus Karlsruhe, der manchmal in Begleitung seiner schwedischen Frau zu den Musikabenden kam und vielleicht auch mit dem kleinen Kind?
Die Zwangslage, in die Lor Zietzschmann geriet, war unausweichlich. In Berlin hatte sie Cello gelernt aus Protest. In Stockholm empfing sie als Ehefrau die Gäste ihres Mannes, der keinen Unterschied machte zwischen Verfolgten und solchen, die versteckt oder offen mit den Nationalsozialisten sympathisierten. Ihr Ehemann sah nichts Fragwürdiges darin, auf der deutschen Botschaft zu musizieren.
Sie verschloss sich nicht, beobachtete, hörte hin, ließ sich erzählen, stellte Fragen. Sie orientierte sich an christlichen, humanistischen Werten wie ihre Schwester. Hilde hatte sich dem Christlichen Studentenverein angeschlossen und vor Lor Vorlesungen bei Emil Brunner besucht. Als sie ein Jahr nach Lor für einige Tage in Berlin weilte, besuchte sie, vielleicht auf Empfehlung von Lor, Versammlungen der Bekennenden Kirche und hörte Martin Niemöller predigen. In ihrem Lebensbericht schrieb sie fünfzig Jahre später:
«Nach den Erlebnissen in Deutschland mit Nationalsozialismus und Bekennender Kirche stand für mich fest, dass ich eine Arbeit auf kirchlichem Gebiet suchen wollte.»
Sie las von Arthur Frey, dem Leiter des Schweizerischen Evangelischen Pressedienstes, ein Buch über den Kirchenkampf in Deutschland und fragte ihn an, ob er für sie Arbeit habe, sie erhielt eine Anstellung als Redaktorin.
Lor fand im fünfzehn Jahre älteren Berthold Josephy einen Förderer. Er kam als Vertriebener nach Stockholm, entlassen an der Universität Jena, wo er Allgemeine Wirtschaftslehre, Finanz- und Versicherungswissenschaften gelehrt hatte. Er war ein konservativer Liberaler, vielleicht mehr ein liberaler Konservativer. Die Kriminalpolizei hielt in den Akten ungenau fest:
«Vor der nationalsozialistischen Revolution hatte er der Deutschnationalen Partei angehört.»
Damit war vermutlich die Deutschnationale Volkspartei gemeint, die sich gegen Ende der Weimarer Republik der NSDAP angenähert hatte. Berthold Josephy pflegte Umgang mit Mächtigen aus Finanz und Industrie. Er lebte von Artikeln für die antinationalsozialistische Zeitschrift des schwedischen Arbeitgeberverbandes. Seine Zeit verwendete er für das entstehende Buchmanuskript «Recht und Macht in der Gesellschaft. Liberalismus und Sozialismus».
Ein Kommissar der Kriminalpolizei befragte zur Einschätzung dieses Emigranten eine vertrauenswürdige Nachbarin und protokollierte:
«Frau Ingrid Eleonora Ström [...] hat angegeben, dass der oben genannte Josephy seit zwei Jahren im selben Haus wohnhaft ist und dass er immer ruhig und ordentlich aufgetreten ist. Vor etwa einem Jahr starb seine Ehefrau. Josephy, der unvollendet ist und sich nur gestützt auf zwei Stöcke ‹vorwärtsschleppen› kann, beschäftigt sich mit irgendeiner wissenschaftlichen Arbeit und hält sich deshalb viel in der Königl. Bibliothek auf.
Josephy, der eine Wohnung mit drei Zimmern und Küche mietet, für die er 1850 Kronen pro Jahr bezahlt, hat zwei schwedische Staatsangehörige zur Untermiete, einen Musiker und eine Krankenschwester. Er empfängt nicht besonders viel Besuch, und mit anderen Ausländern scheint er sehr selten Umgang zu pflegen. Viel Geld hat er nie gehabt, aber er bezahlt seine Miete immer pünktlich. Über Politik spricht er nie und er hat weder Sympathien oder Antipathien in die eine oder andere Richtung geäußert.
Frau Ström, die mit einem Fregatten-Kapitän der Königl. Flotte verheiratet ist, ist der Auffassung, welche sie auf den persönlichen Kontakt stützt, den sie als Vizehausmeisterin mit Josephy hat, dass dieser absolut nicht irgendeiner illegalen Betätigung verdächtigt werden kann.»
Lor Zietzschmann hätte eine Doktorandin von ihm sein können. Nicht auszuschließen, dass sie seine Manuskripte auf der Maschine ins Reine tippte, ihm Bücher aus der Bibliothek holte und zurückbrachte und im Witwerhaushalt half. Er förderte sie intellektuell und betreute ihre erste Übersetzung aus dem Schwedischen. Sie übertrug von Hans Åkerhielm Predigten, Gebete und Artikel aus der Soldatenzeitung. Der Feldprediger war im ersten Kriegswinter mit den schwedischen Freiwilligen nach Finnland gezogen, um gegen die Sowjetarmee zu kämpfen. Die Kälte von Lappland demoralisierte die ungenügend ausgerüsteten Soldaten, Hans Åkerhielm rief zum Durchhalten auf, beschwor das notwendige Selbstopfer und versprach das Paradies. Missionarisch mischte er christliche Gedanken mit Nationalismus und bot den Freiwilligen eine Sinn gebende Erklärung für das Töten und Getötet-Werden.
Berthold Josephy übernahm die Aufgabe des Herausgebers. Im Vorwort rechtfertigte er den Kampf mit der Überzeugung desjenigen, der sich uneingeschränkt mit Land und Kultur solidarisierte.
«Es galt, dem Brudervolke beizuspringen. [...] Vor allem aber weil der Angriff geführt wurde von dem Erbfeind nordischer Kultur schlechthin, dem alle wirklichen schwedischen Kriege gegolten haben: Russland. [...] Frieden um jeden Preis, nur nicht um den einer russischen Oberherrschaft – so lautet die pazifistische Formel in schwedischer Variante. [...] Was sich auf dem Schlachtfeld zusammenfand, war eine Bruderschaft der gemeinsamen Heimat, der gemeinsamen Kultur, des gemeinsamen Glaubens.»
Das, was möglicherweise für ihn zwiespältig gewesen war und sein Fortkommen als Wirtschaftswissenschaftler gehemmt hatte, ließ er in der Emigration hinter sich. In Stockholm schloss er sich der Deutschen Gemeinde an. In den Akten der Kriminalpolizei steht, dass er «nicht vollkommen arischer Herkunft» sei. Seine Vorfahren waren Juden aus Schlesien. Die Schwestern und die Mutter wurden im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.
Hans Åkerhielms Predigten «Schwert unterm Kreuz» erschienen 1941 im Evangelischen Verlag in Zollikon bei Zürich. Denkbar, dass Berthold Josephy den Verleger kannte oder Emil Brunner die Publikation ermöglichen half. Vielleicht kam die Veröffentlichung auch durch Hilde zustande. Ihr Chef beim Evangelischen Pressedienst, Arthur Frey, leitete auch den Verlag.
Lor Zietzschmann hatte zuvor begonnen, Emil Brunners populäres Buch «Unser Glaube» ins Schwedische zu übertragen. Doch die ersten Kapitel, die sie zusammen mit einer Schwedin übersetzt hatte, entsprachen nicht den Ansprüchen des Verlags. Sie musste Emil Brunner ihr Scheitern mitteilen und wehrte sich für ihre Arbeit.
Stockholm. 10. Februar 1938
Unser lieber Freund!
[...] Es ist natürlich ganz klar, dass, wenn es zum Vorteil des Buches ist, ich sofort zurücktrete, auch wenn es mir leid tut, wenn ein Berufener die Sache allein in die Hand nehmen will. [...] Ich gebe die Sache nicht ganz gern aus der Hand, da ich das Gefühl habe, sie werde sich schließlich sehr lang hinausziehen, was Dir selber wohl schlecht passt. Zudem bin ich nach wie vor überzeugt, dass ein noch so gewandter Übersetzer, wenn er nur Hochdeutsch kennt, den oft charakteristisch schweizerischen Ausdrücken nicht gerecht werde. [...]
Wir haben gestern unsern Hochzeitstag gefeiert und dachten viel an die Feier in Greifensee vor einem Jahr. Wir sind Dir von Herzen dankbar, dass Du uns damals zugesagt hast, und Dein Vertrauen in uns ist uns eine ständige Verpflichtung. Bei Deinem Besuch hast Du auch sogleich einige mürbe Stellen entdeckt. Es geht seitdem langsam, aber ständig etwas besser. [...]
Mit vielen herzlichen Grüßen
Ernst und Lor Z.
Die Behauptung, für die Übersetzung seien Kenntnisse des schweizerischen Hochdeutschs notwendig, war ein verkehrtes Argument für ein Buch, das im Glauben unterweisen wollte und keinen literarischen Anspruch hatte. Das Argument verriet mehr ihre Liebe zur Sprache. Und sie hätte die angefangene Übersetzung nicht hergeben wollen, weil es ein Anfang war. Eine vage Aussicht fiel in sich zusammen. Noch vor der Heirat, als sie gerade ihr Studium abschloss, hatte sie Emil Brunner ihren Vorschlag unterbreitet. Die mürben Stellen im Zusammenleben mit Ernst waren vielleicht ebenso ein Grund, weshalb sie die Übersetzung ungern aus der Hand gab.
Bei Berthold Josephy erhielt sie weltanschauliche und politische Orientierung, das Übersetzen war neben dem Haushalt eine Aufgabe und gab ihr eine Bestimmung.
Nach der ersten Übersetzung kam von Arthur Frey der Auftrag, die Schrift «Einsamkeit und Gemeinschaft» des Bischofs Eivind Berggrav aus dem Norwegischen ins Deutsche zu übertragen. Der Bischof von Oslo, das Oberhaupt der norwegischen Staatskirche, verweigerte die Zusammenarbeit mit den nationalsozialistischen Besatzern. Er befürwortete die Opposition mit Worten und war gegen Widerstand mit Gewalt.
Arthur Frey erteilte ihr auch gleich einen nächsten Auftrag. Sie solle die Botschaften des unbeugsamen Osloer Bischofs, die Protestschreiben und Stellungnahmen der norwegischen Kirche auffinden und übersetzen. Das Auffinden brauchte Kontakte zu Leuten, die möglicherweise Abschriften der Dokumente besaßen oder die wiederum Kontakte hatten, die über Abschriften verfügten. Sie brauchte Kuriere, die mit den Papieren nach Schweden kamen. Erste Kontakte hatte sie geknüpft, als sie Emil Brunners «Unser Glaube» übersetzt hatte, und die wichtigen Namen waren ihr bekannt: Arvid Runestam, der Führer der schwedischen Oxford-Bewegung, der an der Universität Uppsala lehrte und Bischof wurde, oder Manfred Björkquist, der das Bildungszentrums der schwedischen Kirche leitete und dann Bischof wurde.
Mit diesem Auftrag wurde Lor Zietzschmann zu einer Verbündeten in einem riesigen kirchlichen Netzwerk und erfüllte eine Aufgabe in der Verbreitung von Nachrichten. Damit nahm sie eine oppositionelle Haltung ein zum Krieg, zu Deutschland, zu Ernst, dem das Musizieren wichtiger war als die politische Einstellung.
Die Übersetzungen erschienen unter dem Namen Laure Wyss.
Der Evangelische Verlag veröffentlichte 1941 die Predigten von Hans Åkerhielm, danach publizierte er jedes Jahr eine weitere Schrift zum Kampf der Kirchen in Skandinavien. Mit den Publikationen beabsichtigte der Verlag immer auch Bekehrung und Mobilisierung in eigener Sache. Die Schriften sollten Leser für den Glauben und für die Gemeinde gewinnen und kirchliche Kreise aufrütteln. Die schwedischen Feldpredigten stellte der Verlag in den Dienst der geistigen Landesvereidigung. Im Klappentext steht:
«Wir können uns kaum ein Buch denken, das die Widerstandskraft unseres Volkes so zu festigen vermöchte wie dieses Finnlandbuch. Wer diese Predigten und Andachten zu sich sprechen lässt, steht getrost auch in unserer schweizerischen Gegenwart. Einen so großen Dienst wird dieses Buch uns leisten!»
Die «Norwegischen Kirchendokumente» sollten Pfarrern, Kirchenpflegern und Gemeindehelfern Beispiel sein für die eigene Arbeit.
«Wie viel ist daraus auch für unsere eigene protestantische Kirche im Blick auf ihre Neubelebung zu lernen, wie gewinnen wir wieder Liebe und Achtung für die Kirche Christi, die ihr Herr auf so schweren, aber auch so wunderbaren Wegen führt, um sie zu seinem Dienst zuzubereiten.»
Im März 1941 empfingen Ernst und Lor Zietzschmann ein letztes Mal Gäste, an diesem Abend wurde ausgiebiger gespielt als gewöhnlich, Mozart, Bach, Brahms und Gluck. Die schwedischen Behörden hatten einem Großteil der ausländischen Arbeitnehmer keine Bewilligungen mehr erteilt. Die Wanderarbeiterschaft setzte sich für Ernst in der Schweiz fort.
Lor legte ihre Manuskripte zuoberst in den Koffer, die begonnene Übersetzung von «Einsamkeit und Gemeinschaft» des Osloer Bischofs, vermutlich auch die fertigen Übersetzungen von Hans Åkerhielms Predigten und schließlich die gesammelten Protestschreiben der norwegischen Kirche. Die Zugfahrt über Berlin durch das Deutsche Reich war ein Wagnis. Der Status als Ehefrau, die ihren Mann begleitete, machte sie unverdächtiger. Doch hätte sich ein deutscher Beamter bei der Gepäckkontrolle das Papierbündel herausgegriffen, wäre sie der Willkür des Dienst tuenden Beamten ausgeliefert gewesen, hätte ein Verhör, vielleicht Schikanen über sich ergehen lassen müssen und hätte wahrscheinlich das Papierbündel nicht mehr zurückbekommen. Auch Ernst wäre nicht unbehelligt geblieben. Er hatte davon gewusst und seine Frau gewähren lassen.
An der Schweizer Grenze bei St. Margrethen wurden Reisende mit Schweizer Pass, Rückkehrer wie Ernst und Lor Zietzschmann, mit einem kostenlosen Teller Gerstensuppe willkommen geheißen.
DAVOSER WEGE
Im Kur- und Fremdenort Davos nannten die Einheimischen die Kantonsstraße «Promenade». Die Straße gehörte dem Kanton Graubünden und besaß für den Automobilverkehr einen guten Ausbaustandard. Sie führte die Bergflanke entlang und verband Davos-Dorf mit Davos-Platz. Im Frühjahr 1942 ließen sich Ernst und Lor Zietzschmann in Davos-Platz unweit der Promenade nieder. Während des Krieges war die Promenade ein Laufsteg der Triumphe und Niederlagen.
Vor dem Dorf, im Wolfgang, befand sich an der Kantonsstraße die «Deutsche Heilstätte» für Tuberkulosekranke, das größte deutsche Sanatorium und zugleich Treffpunkt aller Reichsdeutschen im Ort. Die Promenade begann bei den ersten Hotels im Ort, die alle ihre Bedeutung um fünf Buchstaben angehoben hatten, neuerdings Sporthotel Seehof oder Flüela Sporthotel hießen, seit die Parsennbahn die Skifahrer zum Weißfluhjoch brachte. Spaziergänger, die beim Vorübergehen nicht ehrfürchtig zur mittleren Bahnstation hochblickten, sahen auf der anderen Talseite das «Deutsche Kriegerkurhaus», einen mächtigen Bau, der über dem Eingang zum Flüelatal thronte. Hier kurten die Schwindsüchtigen und Kriegsgeschädigten der Wehrmacht. Nach einer sanften Steigung erreichten die Promenierenden den Schiabach und das «Konsul-Burchard-Haus», das die Einheimischen nur das «Braune Haus» nannten, weil es wie alle deutschen Heilanstalten im Ort stramm nationalsozialistisch geführt wurde. Auch in einem kleinen Betrieb wie dem «Bernina» grüßten Personal und Patienten mit «Heil Hitler!». Bei Sondermeldungen im Radio traten alle Patienten an, die kräftig genug waren, das Bett zu verlassen.
Die Spaziergänger gelangten auf der Promenade nach dem «Braunen Haus» und dem Schiabach, gewissermaßen dem alpinen Ärmelkanal, ins «Englisch Viertel», schlenderten an der anglikanischen Kirche, der englischen Bibliothek und dem Angleterre & Parkhotel vorbei, sahen hinunter auf die hoteleigene Crocketwiese und auf den angrenzenden Kurgarten. Hier trieben zwischen den Spazierwegen neuerdings Kartoffeln und Karotten. Das Viertel hatte sich mit Kriegsbeginn geleert, die Engländer, nach den Deutschen die zweitgrößte Kolonie in Davos, die Niederländer und Franzosen waren unverzüglich abgereist.
Nach dem «Englisch Viertel» erreichten die Promenierenden die ersten Bürgerhäuser und Geschäfte von Davos-Platz. In den deutschen Sanatorien hingen Listen mit denjenigen Unternehmen, die ein Nationalsozialist meiden sollte, das Modehaus Bloch, das Café Schneider, wo der Hitler-Gruß nicht geduldet wurde, oder die Buchhandlung, die unerwünschte Literatur verkaufte. Die Ladenzeile führte zum Amüsierviertel, bergseits mit der Talstation der Zahnradbahn, die zur Schatzalp hochfuhr, dem Palace Hotel & Kurhaus mit dem Konzert- und Bühnensaal, talseits mit der Aussichtsterrasse, den Arkaden und dem Lichtspieltheater. Nachmittags nach vier Uhr, wenn auf den Balkonen der Sanatorien die Liegekuren zu Ende gingen und die Patienten auf der Promenade den ärztlich verordneten Spaziergang unternahmen, füllten sich die Stuhlreihen entlang des Palace Hotel & Kurhauses. Die Fassade strahlte Sonnenwärme ab, und das Äugeln, Spienzeln und Spitzeln begann.
Die Sitzenden sahen Kurgäste und Sportive vorüberschlendern, Schüler aus dem nahen Fridericianum, der Kaderschmiede der NSDAP, Angestellte aus den Sanatorien, Pflegerinnen und Laborantinnen, junge Davoserinnen zu zweit, zu dritt, schwatzend und kichernd. Die Lungenkranken maßen ihre Schritte vorsichtig ab, jeder auf seine Art ringend, die einen kiechend, giemend, die andern rasselnd. Den Sitzenden entging nicht, wer zum deutschen Konsulat abbog, das sich unterhalb der Aussichtsterrasse befand, oder gerade von dort kam.
Für die nationalsozialistisch Gesinnten unter den Spaziergängern war das Amüsierviertel vom Sommer 1943 an ein ständiges Ärgernis. An der Fassade des Palace Hotel & Kurhauses wärmte sich nachmittags der Kriegsfeind den Rücken und schaute den Dorfschönheiten nach. In den Stühlen saßen Piloten der US Army, die ihre Bombeneinsätze auf deutsche Städte geflogen und sich am Fallschirm aus abgeschossenen Flugzeugen gerettet hatten oder gerade noch mit ihrer Maschine hatten notlanden können. Alle im Rang eines Unteroffiziers oder Offiziers, wurden sie von den Schweizer Behörden zuvorkommend behandelt und mangels Touristen in Hotels einquartiert. Abends drang aus dem «Palace» Musik auf die Promenade, Heuler von Glenn Miller, in der Hotelbar spielte der Kriegsfeind zum Tanz auf.
Die Spaziergänger, die das Amüsierviertel und die Talstation der Schatzalpbahn hinter sich gelassen hatten, kamen an weiteren Arztpraxen, Gastbetrieben und Läden vorbei, bis sie nach vier Kilometern das Ende der Promenade erreicht hatten und am «Platz» standen. Von hier aus führten Straßen in alle Himmelsrichtungen, hier befanden sich der Handelshof, das Postamt, das Ratshaus und Sankt Johann.
Ernst und Lor Zietzschmann sahen von ihrer Wohnung durch die Südfenster zu Sankt Johann und zum Ratshaus hinüber, durch die Nordfenster zum Pädagogium Fridericianum, wo zum Geburtstag Hitlers und bei wichtigen Siegen der Wehrmacht das Hakenkreuz über dem Dach flatterte.
Im ersten Brief an Emil Brunner zeichnete Ernst ein lichtes Bild von einem verschonten Dorf, in dem einzig die Tuberkulosekranken einen Schatten warfen.
«Uns beide, meine Frau und mich, hat das Leben in die Bergwelt hinaufgeholt, wo ich bei Arch. Gaberel arbeite, meist für Krankenhausbau, d.h. Sanatorien. Eine Welt von Elend und Hoffnungslosigkeit paart sich hier oben mit der wunderbaren Natur. Ich bin froh, meine mir in Stockholm besonders lieb gewordenen Spezialaufgaben wieder bearbeiten zu dürfen. Das Leben hier oben ist besinnlicher + ruhiger als in den Städten. Und das habe ich sehr nötig.
Die Zeit in Schweden [...] will mir heute im Lichte der gesamten fünf Jahre, die wir dort verbrachten, doch immer wertvoller werden. Ja, oft sehnen wir uns zurück nach den großzügigen Aufgaben, nach der Weite des Landes und dem Meer.
Wir sind heute beide dankbar + froh, dass wir arbeiten dürfen, Lor an Übersetzungen, ich am Reißbrett. Millionen werden heute die Häuser zerstört und das Leben verstümmelt. Welch unverdientes Geschenk, am Morgen gesund aufstehen zu können + ruhig seiner Arbeit nachgehen zu dürfen.»
So wenig sagend und so gesetzt hatte er aus Schweden nie berichtet, als wäre seine berufliche Unzufriedenheit verflogen und als wären die Schwierigkeiten im Zusammenleben ausgestanden. Oder schrieb er so positiv, weil nichts überwunden war und die Ehe schlingerte? Hätte Lor dem Seelsorger eher von mürben Stellen im Eheleben berichtet? Emil Brunner bewahrte von ihr keinen Brief aus Davos auf.
Das Fotoalbum füllte sich mit Bildern von Wochenenden. Zu viert beim Aufstieg mit Skiern, beladene Rücken und angestrengte Gesichter. Zu fünft in der Berghütte vor vollen Tellern. Zu siebt in der Sonne bei der Rast, müdglücklich. Sie geschmeidig am Hang, die Skier parallel, fliegend der Schnee. Er im Anzug auf dem Felsvorsprung, sie am Seil hinter ihm in Bluse und weiter Hose. Piz Grialetsch, Piz Vadret, Piz Palü und immer braun. Auf der Parsenn brach er sich auf der Piste das Bein.
Hätte Lor den Alltag in Davos so harmlos dargestellt wie Ernst?
Die Gegensätze waren offenkundig zwischen dem, was sie im Dorf beobachten und hören konnte, und den Texten, die sie übersetzte. Neben ihrer Schreibmaschine lagen die Predigten des dänischen Dichterpfarrers Kai Munk. Wenn er in seiner Dorfkirche von Vedersö eine biblische Geschichte erzählte, geisselte er den politischen Ungeist der Gegenwart. In seiner Predigt über die Klage von Jerusalem mahnte er:
«Es gibt eine Versuchung für kleine Völker, passiv zu resignieren; das ist eine Versuchung für uns alle. Man kann der Versuchung nachgehen, so lange und so oft, bis es eines Tages heißt: Jetzt bist Du gewogen und zu leicht befunden.»
Den Regierenden Dänemarks warf er Gefügigkeit gegenüber den deutschen Besatzern vor, der Bevölkerung Bequemlichkeit und Opportunismus. Er forderte die Dänen auf, für christliche Werte einzustehen und sich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu wehren.
«Aber noch gibt es viele hier im Lande, die glauben, Leiden bestehe darin, dass die Schnellzüge nicht mehr verkehren, dass das Auto in der Garage stehen und der Kaffee ersetzt werden muss.
Und dann das Lesen von Kriegsbüchern, die erzählen, wie es andere haben. Das ist fast das Schrecklichste. Man genießt den Zusammenbruch Frankreichs bei der letzten guten Zigarre. Man liest bewundernd vom hoffnungslosen Kampf der Finnen gegen die Übermacht, während man selbst nicht einen Finger für die Ehre seines eigenen Landes rühren wollte, ja, beim bloßen Gedanken daran sich vielleicht bekreuzigte.»
Sah sie, dass der dänische Pfarrer auch die schweizerischen Verhältnisse tadelte, während sie die Predigt über den reichen Mann und den armen Lazarus übersetzte? Als der Evangelische Verlag die Predigten 1944 veröffentlichte, war Kaj Munk bereits tot. Er wurde ermordet von Nationalsozialisten.
Sie übersetzte auch die norwegischen Kirchendokumente, die sie aus Stockholm mitgebracht hatte. Während sie in Davos lebte, legten die Pfarrer in Norwegen aus Protest gegen die nationalsozialistische Einmischung in kirchliche Angelegenheiten ihr staatliches Amt nieder. Der Osloer Bischof Eivind Berggrav war verhaftet worden und wurde gefangen gehalten. Die kirchliche Opposition ließ sich nicht brechen. Eine neue Kirchenleitung rief die Bevölkerung auf, die Verfolgung der Juden in Norwegen zu verhindern. Der Aufruf wurde in allen Kirchen vorgelesen und dem nationalsozialistischen Ministerpräsidenten überbracht. Erstmals hatte sich eine Landeskirche für die Rettung der Juden eingesetzt. Das kirchliche Netzwerk funktionierte, Kuriere beförderten und übergaben heimlich Papiere, und die neuen Protestschreiben aus Norwegen trafen in Davos ein. Der Evangelische Verlag publizierte die «Norwegischen Kirchendokumente» 1943.
Ernst Zietzschmann arbeitete bei einem Vorbild seiner Studentenzeit. Der Architekt Rudolf Gaberel hatte in den Alpen gewagt, was andere in den Metropolen begonnen hatten. Er vertrat die schweizerische Spielart des Neuen Bauens. Seine Sanatorien waren kühne Kuben, um die sich die Liegehallen wie Bänder schlangen. Licht, Luft und Zweckmäßigkeit bestimmte die Linienführung. Das Rathaus hatte Rudolf Gaberel vom altertümlichen Pickelhaubenturm befreit und zum Regierungshochhaus aufgestockt.
Auch am Kirchturm hätte er gerne die Schindelkappe geschleift und stattdessen nachts vom Turm in Großbuchstaben «SANKT JOHANN» durchs Tal leuchten lassen. Als Ernst bei ihm arbeitete, war er im fortgeschrittenen Alter, hörte schlecht, und je weniger er verstand, desto mehr misstraute er den Angestellten. Große Bauvorhaben hatte er nicht mehr, aber Umbauten und kleine Neubauten für Schweizer Sanatorien und für die «Deutsche Heilstätte».
Das «Deutsche Tuberkulosen-Hilfswerk» kaufte mit der Zustimmung des Gemeinderates in Davos leer stehende Gebäude auf, ließ renovieren und umbauen. Nach den ersten Siegen der Wehrmacht reisten aus dem Deutschen Reich die Patienten und Kurgäste wieder zahlreich an, und insgesamt übertrafen die Übernachtungen sogar die Zahlen der beiden letzten Friedensjahre. Selbstgewiss hielt der Verkehrsverein im Jahresbericht 1942/43 fest:
«Das 4. Kriegsjahr dieses in seinem gewaltigen Ringen noch unabsehbaren Krieges sieht Davos glücklicherweise noch in einer tragbaren Wirtschaftslage. [...]
Der Verkehrsverein ist sich bewusst, dass diese Frequenzsteigerung zu einem guten Teil den deutschen Betrieben zu danken ist, während unsere Propaganda beanspruchen darf, die Steigerung der Schweizer Gäste herbeigeführt zu haben. [...] Gleichzeitig mag auch der Wunsch ausgesprochen werden, dass es Deutschland gelingen möge, seine Davoser Betriebe weiterhin aufrecht zu erhalten, die allerdings von unserer Werbung unabhängig sind und durch andere Kanäle gespiesen werden, sodass wir hier nicht wesentlich zu ihrer Förderung eingreifen können, da dafür die Devisenlage entscheidend ist.»
Als sich abzeichnete, dass das Deutsche Reich den Krieg nicht mehr gewinnen konnte und die Reichsmark nur noch spärlich floss, gaben im Dorf die Amerikaner ihr für Schweizer Verhältnisse exorbitantes Sackgeld von wöchentlich elf Dollar aus.
Ernst Zietzschmann erhielt Uniform, Gasmaske und Tornister und rückte zum HD ein. Über den Hilfsdienst in der Schweizer Armee schrieb er Jahrzehnte später in seinem Lebensbericht:
«Karl Schmid will mich zunächst in die Gotthardfestung als Architekt holen, aber [...] der Churer Geniechef beordert mich nach Süs, wo ich eine HD-Gruppe zu befehligen bekomme. Sie sind alle beschädigt, dienstuntauglich für die normale Truppe, teilweise romanischer Zunge. Beim Hauptverlesen auf dem Kirchplatz von Süs tritt eine stolze Truppe an. Ich wohne bei einem Bäckermeister + darf mit den Offizieren in einer Wirtschaft essen. [...] Oft per Velo zum Dienst über den Flüelapass. In den Bauernhöfen bekam der HD Obmann stets Speck + gutes Essen. Es war Krieg!! Wir bauten Wege, Brücken, Notspitäler. [...] Alle diese ab 1943 bis 18.02.1945 geleistete Militärzeit war eine herrliche Zeit, da ja der Krieg weit ab von uns geschah.»
FESTSTELLUNGEN II, PAULA LOTMAR
«Ich bin Jahrgang 1918 und war fünf Jahre jünger als Lor. Sie war, wie ich das nenne, eine ererbte Freundin, weil sie dank der Vermittlung von anderen zu mir kam. Meine Schwester war viel älter als ich und hatte eine gute Freundin, die wiederum bekannt war mit Ich-weiß-nicht-mit-wem in Biel, ich vermute, mit der Schwester von Lor, und als dann durchgesickert war, dass ich in Davos eine Anstellung gefunden hatte, hieß es, geh doch bei der Lor vorbei. Ich kannte sie nicht, meine Schwester auch nicht. Sie war die einzige Person in Davos, bei der ich vorbeigehen konnte und einen Grund hatte, sonst kannte ich ja keinen Menschen dort oben. Ich bin Stadt-Bernerin und Lor war Biel-Bernerin, wir konnten also miteinander Berndeutsch reden. Das war etwas. Ich kam 1943 nach Davos und wohnte in Davos-Dorf in Untermiete bei einem schwedischen Masseur. Lor wohnte mit ihrem Mann am anderen Ende der Promenade.
Ich hatte die Schule für Soziale Arbeit besucht und war in Davos Fürsorgerin bei der Patientenorganisation ‹Das Band›. Die Stelle hatte ich sofort angenommen, weil ich Skifahren und Bergsteigen wollte. Ich musste mich um die Tuberkulosekranken kümmern und besuchte sie in den Sanatorien, wenn sie in den Hallen und auf den Balkonen ihre Liegekur machten. Ich organisierte Unterhaltung, Filmvorführungen und Vorträge und versuchte, Patienten, die bald aus der Kur entlassen wurden, Arbeitsstellen zu vermitteln. Für ‹Das Band› arbeiteten auch Männer, die den Kranken zeigten, wie sie Portemonnaies und andere Gegenstände aus Leder nähen konnten, damit sie während der Kur etwas zu tun hatten und ein wenig Geld verdienten. Die Lederwaren verkaufte ich in Dörfern und Städtchen.
Die Sanatorien lagen weit auseinander, häufig besuchte ich die ‹Zürcher Heilstätte Clavadel›, die am Berghang über dem Eingang zum Sertigtal lag. Auf dem Hinweg musste ich im Wald hinauflaufen, im Winter mit den Fellen an den Skiern, und durfte dabei keine Hosen tragen. Ich musste im Röckli erscheinen, das weiß ich noch gut, Fürsorgebesuche in Skihosen, so etwas machte man einfach nicht. Auf dem Rückweg war mein Rucksack gefüllt mit Lederwaren für den Verkauf.
Eigentlich war der Alltag ziemlich schlimm, denn die ‹Deutsche Heilstätte› war das Zentrum der Nationalsozialisten, und das war im Dorf zu spüren. In diesem Nazinest machten sie, was sie wollten. Als ‹Band›-Fürsorgerin hatte ich mit diesem Sanatorium gar nichts zu tun. Aber es war speziell für mich grauenhaft, weil ich Jüdin bin. Ich habe keine Ahnung vom Judentum, auch heute. Ich bin in erster Linie ein Mensch. Die Frau meines Großvaters war einfach jüdisch. Aber ich muss sagen, mir blieben mehr die lustigen Erinnerungen. Einmal, bei einem Krankenbesuch, lagen alle schon auf dem Balkon. Da hörte ich, wie einer im Liegebett zu seinem Nachbarn sagte, die anderen hätten die Musiksendung ausgesucht, die sie im Radio hören wollten. Dann sagte er zum Nachbarn: ‹Weisch, wenn Obst im Programm steht, ist es sowieso ein Seich.› Obst meinte Opus.
Ab und zu war ich bei Lor und Ernst Zietzschmann zum Mittagessen eingeladen, wenn ich von einer Heilstätte zur anderen unterwegs war und dabei in Davos-Platz vorbeikam. Ich wusste, dass sie Besuch haben von einem Musiker, einem Cellisten, der häufig bei ihnen war. Ernst Zietzschmann spielte Klavier, das fand ich schön. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass der Cellist für die Deutschen herumspioniert hatte und ein Nazi durch und durch gewesen war. Er war ein Spion, so nenne ich ihn, ein Zuträger, der sich bei Zietzschmanns eingeschlichen hatte.
Lor war eine gutaussehende Frau und viel größer als ich. Sie kochte und sorgte für die ganze Haushaltung und machte, was man so tun musste als Frau. Ihr setzte zu, dass sie keine Kinder bekam, und sie nahm deshalb ein Flüchtlingskind auf. Zu Ernst Zietzschmann hatte ich gar nie so eine nähere Beziehung. Dass er einen deutschen Namen hatte, ursprünglich Deutscher war, das habe ich von mir weit weg geschoben, das ist natürlich klar. Er hatte mehr oder weniger Sympathien für die Deutschen. Darunter litt sie.
Das große Erlebnis mit Lor war eine Bergtour. Ich weiß nicht, woher wir die Fahrräder hatten, ich glaube, sie besaß eines, vielleicht organisierte sie mir eines. Wir radelten den Flüelapass hinauf, auf der Passhöhe ließen wir die Fahrräder stehen und stiegen auf das Flüelahorn. Zuerst folgten wir einem Weglein, dann einem Kletterweglein. Dort oben, dort oben waren wir unglaublich glücklich.»
IN GRAUEN STUNDEN II
In Davos dankten die Gäste für die Abwechslung, die einen für die Ferientage, die sie mit Skifahren und Wandern zugebracht hatten, die anderen dafür, dass sie, fernab von großen Konzertsälen und städtischen Hausmusikzirkeln, zu Musikgenuss kamen.
«Endlich wieder eine Oase in der Musikwüste von Davos!»
«Sogar den Schnee im Mai vergisst man dabei!»
Die meisten setzten nur ihre Unterschrift hin, und wer mehr ins Gästebuch schrieb, blieb zugeknöpft und rettete sich in Allerweltspoesie. Kein Überschwang wie an Stockholmer Abenden, keine Wehmut, die Existenz verloren zu haben. Hin und wieder machte einer deutlich, dass er nicht zu den Gezeichneten und Kranken gehöre, und setzte seinen Doktortitel zum Namen oder unterschrieb mit «cand. pharm.». Die Schwindsüchtigen schwiegen.
An den ersten Musikabenden weilte Hilde auf Besuch. Die Schwester war mitten im Krieg aus Kairo zurückgekehrt, als Witwe und mit einem Säugling. Die Stelle beim Schweizerischen Evangelischen Pressedienst hatte sie aufgegeben und war nach der Heirat ihrem Mann, einem Bauingenieur, nach Kairo gefolgt. Er war, wenige Wochen nach der Geburt des Sohnes, an Typhus gestorben. Seit der Rückkehr wohnte sie bei den Eltern und arbeitete wieder als Journalistin. Als einziger Gast aus Davos erschien ein älterer Mann mit seiner Geige. Im Gästebuch zitierte er Wilhelm Busch:
«Schauerliches wird erreicht,/Wenn der Mensch die Geige streicht,/Oder in der Abendröte/Einsam bläst auf einer Flöte!»
Von da an brachte er sein Cello mit. Seinem Namen versuchte er einen Witz abzuringen, weshalb es ihn nach Davos verschlagen hatte. Ins Gästebuch schrieb er:
«Rolf van Leyden (Staubenleyden oder Staubenlerche).»
Er war ausgezehrt und gebeugt von chronischem Asthma, im Frühling quälte ihn Heuschnupfen, und im Krampf konnte er die übervolle Lunge nicht auspressen. Einzig Davoser Luft linderte sein Leiden.
Ein Einkommen hatte er keines. Er war Berufsmusiker, aber Unterricht durfte er als Kurgast aus dem Ausland nicht erteilen. Er wohnte im Alexanderhaus, einer deutschen Heilstätte, die von Diakonissinnen geführt wurde. In ihrer Kapelle hatten sie 1936 den Leichnam des Landesgruppenleiters der NSDAP, Wilhelm Gustloff, aufgebahrt, der vom jüdischen Studenten David Frankfurter erschossen worden war.
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