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Axel Rudolph
Inshallah
Ein Flieger-Roman von
Heinrich Weiler
Saga
1. Kapitel.
„Stop! Hallo! Stop, Madam!“
Der baumlange schwarze Polizeisoldat sah ärgerlich der jungen Dame nach, die unter seinen weitausgebreiteten, die neugierige Menge zurückhaltenden Armen hindurchgeschlüpft war.
Joy Cawler hörte auf den Ruf nicht. Sie lief schon weit vorne über den von der Sonnenglut hartgebackenen Lehm des Flugplatzes, dahin, wo eine Gruppe von Menschen das eben gelandete Flugzeug umdrängte.
„Glad to see you, Mr. Ring!“
„Eine wundervolle Leistung!“
„Im Namen des Britischen Gouvernements heiße ich Sie herzlich willkommen in Aden!“
Der wettergebräunte Sportflieger mit dem lachenden Jungengesicht schüttelte sich durch die Menge der ihm entgegengestreckten Hände. Joy Cawler stand ganz hinten und reckte den Hals. Vor ihr drängten sich die üblichen „Spitzen der Behörden“: Offiziere in Weiß und Khaki, dazwischen das Dunkelblau einer Marineuniform, Beamte der Hafen- und Zivilverwaltung, Piloten von der Flugstation. Auch die Kollegen von der großen Presse waren da. Natürlich! Mr. Webster von der „Times“ und Mr. Chilhurst vom „New York Herald“! Die ignorierten in der Gesellschaft ihrer hochmögenden Freunde vom „Officers“ und „Royal Yacht Club“ jede Absperrung. Vorläufig mußten sie sich allerdings wie Joy Cawler damit begnügen, die Hälse zu recken, denn erst kam einmal die offizielle Begrüßung des Fliegers.
Joy Cawler warf einen Blick seitwärts und sah grade in das eingefrorene Buster-Keaton-Gesicht des großen Chilhurst, und plötzlich bekam sie eine unbändige Lust, dem Kollegen einen Streich zu spielen. Sie drängte sich rücksichtslos nach vorne durch. Man warf ihr unwillige und befremdende Blicke zu, aber man machte ihr Platz. Einer Dame macht man immer Platz, besonders wenn sie jung und schön ist wie Joy Cawler.
Detlev Ring, der mit stillem Entsetzen eben beobachtet hatte, wie der Vertreter des Gouverneurs sich zu einer längeren Begrüßungsrede anschickte, schmunzelte plötzlich ganz vergnügt. Zwischen den hochoffiziellen Gesichtern tauchte da ein schmaler, gutgeschnittener Mädchenkopf auf, und ein Paar lustige Augen lachte ihn an.
„Zwei Worte nur, Mr. Ring!“
„Bitte, Madam! Jetzt ist nicht die Zeit...“ Einer der Herren vom Begrüßungskomitee suchte die Vorlaute beiseitezuschieben, natürlich ohne Aufsehen zu erregen, aber der deutsche Flieger reckte auf einmal ebenso den Hals, wie es Joy Cawler vorhin getan hatte, und die Augen in seinem braungebrannten Gesicht waren blank wie Messingknöpfe.
„Sie sprechen Deutsch, Madam?“
„Jawohl, Mr. Ring!“ Joy Cawler schüttelte die Hand des unwilligen Herrn mit dem offiziellen Gesicht von ihrem Arm. „Was wollen Sie denn? Sie hören doch, daß Mr. Ring sich mit mir zu unterhalten wünscht!“ Und ohne sich um die peinlich betroffenen Gesichtern des Empfangskomitees zu kümmern, nickte sie dem jungen Flieger kameradschaftlich zu. „Meine Mutter war eine Deutsche. Ich selber bin in Minneapolis, U. S. A., geboren, dreiundzwanzig Jahre, ledig, zwei Semester in Berlin studiert, zurzeit Vertreterin der ‚Western Eveningpost‘. Genügt Ihnen das? All right! Dann geben Sie mir bitte auch ein Interview!“
„Gern!“ Detlev Ring hatte Mühe, nicht laut herauszulachen. „Aber erst muß ich die Gentlemen ...“ Ergeben wandte er sich dem Mikrofon zu, das man vor ihm hinhielt, und sprach ein paar freundliche Worte hinein. Joys Bleistift fuhr über den Notizblock. „Vierte Etappe des Asienfluges ... von Bombay über den Indischen Ozean ... Non-stop-Flug von 3000 Kilometern in zwölf Stunden vierzig Minuten ... Durchschnittsgeschwindigkeit fast 250 Kilometer ... Dank für den überaus freundlichen Empfang ...“ Jetzt sprach der Vertreter des Gouverneurs wieder. Die üblichen Begrüßungsworte. „Hervorragende Leistung ... Neuer Triumph der Flugtechnik ... Wir sind stolz darauf, den Indienflieger in unserer Stadt ...“
„Eigentlich müßte man jetzt davonflitzen,“ dachte Joy Cawler, „sich ebenso rücksichtslos wieder rückwärtsdrängen wie vorhin hier in die erste Reihe. Die most honorable gentlemen da allein das ‚God save the King‘ und das Deutschlandlied anhören lassen. Im Telegrafenamt schnell den Bericht loskabeln, bevor Mr. Chilhurst die Empfangsfeierlichkeiten verdaut hat. Vorsprung von dreißig Minuten vor dem ‚New York Herald‘! Ein Rekord!“
Aber mitten in der feierlichen Rede des Regierungsvertreters sandte Detlev Ring einen vergnügten, augenzwinkernden Blick seitwärts zu der unverschämten kleinen Amerikanerin. Da blieb sie.
Tusch. Drei Hurras. Neues Händeschütteln. Endlich, während die Offiziellen mit wirklicher oder erheuchelter Sachkenntnis sich dem Flugzeug zuwandten und sich von Fritz Moll, dem ölbeschmierten Bordmonteur, die „Arja“ zeigen ließen, konnte Detlev Ring wieder ein paar Worte mit der kleinen Journalistin sprechen. Joy Cawler hatte schon ihren Bleistift gezückt.
„Haben Sie Sturm gehabt unterwegs, Mr. Ring? Eine Taifun?“
„Fabelhaft,“ lächelte der Flieger. „So ein paar Worte Deutsch sind bei der Landung ein schönerer Gruß als alle fremden Lobreden! Wie meinen Sie? Ach so, Ihre Frage? Nee, was meinten Sie? Ich hab eben nur ein bißchen der Heimatsprache nachgehorcht. Sie sprechen famos Deutsch, Miß ...“
„Joy Cawler! Deutsch sprechen manche Leute hier in Aden. Haben Sie keinen Taifun erlebt?“
„Das grade nicht. Ungefähr über Sokotra gab’s allerdings ’ne tüchtige Mütze voll Wind. Wir mußten ordentlich hochgehen, um ihm auszuweichen und nicht zuviel Zeit zu verlieren.“
„Taifungefahr über dem Indischen Ozean,“ notierte Joy begeistert. „Flieger entkommen durch Schnelligkeit der Vernichtung durch Wirbelsturm.“
„Machen Sie’s halbwegs, ja!“ bat Detlev Ring lachend. „So doll war’s nun nicht.“
„Ich muß einen interessanten Bericht bringen.“ Joy sah ihn komisch bittend an. „Wenn Sie keinen Sturm auf Lager haben, dann erzählen Sie mir bitte etwas anderes aus Ihrem Leben!“
„Nachher gern!“ Detlev wandte sich einen Augenblick um und beantwortete höflich eine Frage. „Sie sehen ja, jetzt komme ich unmöglich los. Frühstück im Kasino der Fliegerstation, hat mir eben einer der Gentlemen das Programm erklärt. Das ist nicht schlecht. Ich hab ’nen ordentlichen Hunger, und Fritz Moll, mein Monteur, knirscht schon förmlich mit den Zähnen vor Hunger. Aber wenn Sie ’ne kleine Stunde warten wollen ...? Ich zeig Ihnen dann gern meine ‚Arja‘ und erzähl Ihnen, was Sie wollen.“
„Abgemacht, Mr. Ring. Und ich zeig Ihnen dann Aden! Falls Sie es nicht vorziehen, in einem Regierungsauto durch die Stadt geschaukelt zu werden.“
„Brrr! Denn schon lieber ...“
„Mr. Ring!“ — „Sagen Sie bitte ...“ Das Gedränge um Detlev nahm wieder zu. Er mußte Fragen beantworten, Liebeswürdigkeiten dankend quittieren, Auskünfte geben. Auch die anderen Presseleute verlangten ihr Teil von ihm.
„Hallo, Fritz!“ Detlev hob sich auf den Zehenspitzen und winkte seinem Monteur zu. „Komm schon! Futter schütten!“ Die Gruppe der Herren hatte sich schon langsam in der Richtung auf das langgestreckte, flachdachige Gebäude der Fliegerstation hin in Bewegung gesetzt. Fritz Moll schüttelte den Kopf.
„Schicken Sie mir ’n Paar Stullen rüber, Ring!“
„Unsinn! Die Policemen bewachen die ‚Arja‘. Sie können ruhig mitkommen!“
„Sicher ist sicher.“ Fritz Moll warf einen mißtrauischen Blick auf die Polizeisoldaten, die drüben in langer Kette das Flugfeld gegen die Neugierigen absperrten. „Ick bleib man lieber selber hier. Dann kann uns keener. Aber vergessen Sie nicht die Stullen, Ring! Mir jauchzen förmlich die Gedärme danach!“
Joy Cawler blieb bei dem Flugzeug stehen und sah dem Flieger nach, der inmitten der Offiziere und Beamten über das Rollfeld schritt. Einmal wandte er sich um und winkte mit der Hand, aber es war nicht zu erkennen, ob das ihr galt oder dem Monteur. Schlaff und müde hingen in der Gluthitze von den langen Flaggenmasten die britischen und deutschen Fahnen. Um so lebhafter aber winkten drüben hinter der Absperrkette die Taschentücher und Hüte.
Einen Augenblick dachte Joy bedauernd an das Telegrafenamt und an Mr. Chilhurst, der sicher jetzt drüben vom Kasino aus bereits telefonisch seinen Bericht aufgab. Sie zuckte die Achseln. Mochte er! Es war schon besser, hier zu bleiben und zu warten. Erstens konnte man von Mr. Ring persönlich vielleicht aufregende Einzelheiten erfahren für einen Bericht, der selbst Mr. Chilhursts Reportage in Schatten stellen würde, und zweitens war dieser deutsche Asienflieger ein verteufelt gut aussehender netter Junge.
Vom Kasino her kam ein brauner Araberboy, bepackt mit einem Korb, Flaschen und Früchten. Fritz Molls Mund verzog sich zu erschreckender Breite. Er nickte der jungen Dame, die neben dem Flugzeug stand, vertraulich zu.
„Sehen Sie, Miß, das ist Kameradschaft! Ring kriegt nicht halb so viel da drüben im Kasino. Der muß zwischen zwei Bissen jedesmal fünf neugierige Fragen beantworten. Na, dann woll’n wir mal auspacken. Allah segne dich, mein Sohn!“ Er gab dem Braunen den leeren Korb zurück und hieb heißhungrig in die Leckerbissen ein. Mitten im Kauen sandte er der lächelnd zusehenden Joy einen Blick.
„Hab eben gehört, daß Sie Deutsch sprechen, Miß. Die beste Legitimation bei uns! Sind Sie vom Konsulat oder von der deutschen Kolonie hier?“
„Keines von beiden. Ich bin Journalistin.“
„Aha! Interview! Da brauchen Sie nicht erst zu warten, bis Ring wiederkommt. Hier, Fritz Moll aus Berlin kennt die Walze auswendig. Sie brauchen nicht mal zu fragen. Flugzeug ‚Arja‘, Pilot Detlev Ring und sein hervorragender tüchtiger Monteur Fritz Moll. Rundflug quer durch Asien. Erste Etappe: Ankara - Teheran. Ohne Zwischenlandung quer über den Taurus. Zweite Etappe: Teheran-Lahore. Panne bei Mesched. War ’ne böse Sache, Miß. Wenn Ring es nicht geschafft hätte mit dem Werkzeugkasten, hätten wir uns mitsamt der ‚Arja‘ in der verdammten Salzsteppe begraben lassen können, denn Reparaturwerkstätten sind da oben leider noch nicht angelegt. Dritte Flugstrecke: Tja, eigentlich wollte ich so’n bißken über den ollen Himalaya. Das Wetter war gut, und von oben sahen die Bergketten gar nicht so schlimm aus. Aber Ring war nicht dafür zu haben, und da hat er wieder mal recht gehabt. Als wir über Hindostan flogen, sahen wir, wie um die Berghäupter in Nepal der Schnee nur so emporstob. Muß ’ne eisige Sache sein da über dem Tschomulongma, und für Polarstürme ist unsere Maschine nicht eingerichtet. Wir kamen halbtot vor Hitze in Kalkutta an, allerdings mit fünfstündiger Verspätung. Das war das einzige Mal auf der Reise, wo wir nicht die Stundenkilometer rausgeholt haben, die wir uns vorgenommen. Achtundvierzig Stunden Aufenthalt in Kalkutta, dann ging’s wieder westwärts nach Bombay. Tadelloser Flug ohne Zwischenfälle. Na, und nun haben wir auch den Indischen Ozean geschafft. Aber Sie schreiben ja gar nicht, Miß?“
Joy hatte den Bleistift, den sie unwillkürlich zur Hand genommen, längst wieder sinken lassen. Diese einzelnen Phasen des deutschen lndienfluges kannte sie bereits auswendig. Funk und Telegraf hatten die Presseleute in aller Welt auf dem laufenden gehalten über die Stationen des Fluges.
„Wenn Sie das nicht interessiert,“ fuhr Fritz Moll gekränkt fort, „mehr wird Ihnen mein Kamerad Ring auch nicht erzählen können!“
Joy lächelte. „Ich warte auch deshalb nicht auf ihn. Sondern weil ich ihm Aden zeigen will, und weil er ...“ Sie zögerte eine Sekunde und fühlte eine Wärme in den Wangen, aber als ihr Blick das verdrießlich mißtrauische Gesicht des Monteurs traf, fügte sie freimütig hinzu: „Weil er mir gefällt!“
„Det is ’n Wort, Fräulein!“ Fritz Molls Ärger verflog im Nu. „Da haben Sie den richtigen Spurius, kann ick Ihnen flüstern, ’n besseren Kameraden gibts überhaupt nicht mehr auf dem Globus. Pferde stehlen kann man mit Detlev Ring. Ick könnt Ihnen Sachen erzählen, Sachen ...“ Er beendete den Satz nicht, sondern hob die Hand schattend vor die Augen. „Nanu? Da kommt er ja, senkrecht auf uns zu! Schon? Da hat er mindestens zwei Festreden ungenossen gelassen. Ick kenn doch die Brüder, wenn sie mal losgelassen sind!“
Detlev Ring kam mit langen Schritten über das Rollfeld gestelzt, rechts und links flankiert von zwei britischen Offizieren. Ein Fliegerkapitän und Captain Nicholls vom Kamelreiterkorps — stellte Joy fest, die bereits so ziemlich sämtliche Herren der Garnison vom Sehen kannte.
„Hat’s geschmeckt, Fritz?“ Detlev warf lachend einen Blick in den fast leeren Korb. „Also, die ‚Arja‘ kommt in den Schuppen dort drüben. Hier, der Captain, wird Ihnen behilflich sein, Fritz. Die Ruhetage, die wir hier haben, wollen wir benutzen, um die Maschine gründlich zu überholen.“
„Hat sie nicht nötig, Ring. Die fliegt unbesehen bis nach Tempelhof zurück.“ Detlev machte ein zweifelndes Gesicht.
„Ich weiß nicht, in den letzten Stunden wollte mir die Musik nicht recht gefallen.“
„Det macht die Hitze, Ring, ’n paarmal kam mir’s auch so vor, als ob der Motor ’nen anderen Ton hätte, aber det klingt nur anders hier in der Backofenluft.“
„Na, vorläufig also mal die ‚Arja‘ unterbringen.“
„Mach ich alleine, Ring. Geh’n Sie man ruhig ins Städtchen. Das Fräulein hier wartet schon ’ne halbe Stunde auf Sie!“
Aber Joy mußte noch länger warten. Der junge Flieger war einfach taub für den freundlichen Vorschlag des Monteurs. Erst als die „Arja“ wohlgeborgen im Schuppen stand, verabschiedete er sich von den britischen Offizieren und trat, lustig salutierend, zu der jungen Dame.
„Melde mich zur Stelle, Miß Cawler.“
*
Sie fuhren in einem der leichten Pferdewägelchen durch die Stadt. Viel gab es nicht zu sehen. Der falsche Pomp der langweiligen Verwaltungsgebäude und Kasernen ließ in Detlev nur eine wehmütige Sehnsucht aufsteigen nach den Türmen von Lahore und Delhi, dem rosenroten Dschaipur und dem göttlichen Marmorwunder des Taj Mahal.
Riesige Hafenanlagen, schwarze Kräne und Loren hinter den endlosen rußbedeckten Planken der Kohlenstation, Lagerschuppen, Zollgebäude, breite, mit rotem Sand bedeckte Promenaden, an denen die Palmen staubbedeckt und müde Spalier bildeten. Eselkarren, Lastwagen, schreiende, heulende Wagenlenker und Händler, Menschen aller Schattierungen, vom hellen Braun der Wüstensöhne Arabiens bis zum Ebenholzschwarz des Numidier. Flatternde Burnusse, halbverhüllte Gesichter, nackte braune Kinder und zerlumpte Weiber vor den Türen halbzerfallener, lehmgebackener Häuser im Eingeborenenviertel. In krassem Gegensatz dazu die vornehm abgeschlossenen Villen der Engländer in der Victoria Street, die sich von weißgekleideten braunen Boys bedienen ließen. Gegenüber, auf dem Vorplatz irgend eines Instituts. spielten arabische Zöglinge Fußball.
„Bei der Hitze!“ Detlev trocknete sich unwillkürlich beim Anblick der mit wildem Elan gegen das Tor stürmenden Fußballer den Schweiß von der Stirn. „Unsereins graut schon bei dem Gedanken, sich in dieser Glut überhaupt bewegen zu müssen!“
„Wenn es Ihnen zu heiß ist, Mr. Ring, fahren wir zum Hotel. Sie wohnen doch im ‚Majestic‘, nicht wahr?“
„Ja. Man hat dort Zimmer für uns bestellt. Ich möchte zwar lieber im Schuppen bei meiner Maschine kampieren, aber das kann man ja wohl den Leuten nicht antun.“
Der Wagen mußte jählings halten. Eine Straßenkreuzung war förmlich verstopft von einem Zug, der langsam sich den Weg bahnte durch eine rasch zusammenströmende Menge brauner Menschen. Im ersten Augenblick sah Detlev nichts als ein Meer von wehenden Tüchern und aufwirbelndem Staub, durch den scharfer Kamelgeruch und das Geschrei der Treiber drang. Erst allmählich unterschied er die einzelnen Gestalten, die da hoch auf dem Rücken der Kamele über die neugierig herandrängende Menge schaukelten. Prächtige Wüstengestalten, Bronzegesichter in schweigender Verachtung, Entenflinten, malerisch verziertes Sattelzeug, ballenbepackte Lasttiere, funkelnde Frauenaugen über den verschleierten Tüchern. Plötzlich zuckte Detlev, der sich im Wagen aufgerichtet hatte, zusammen.
Die Frau dort auf dem mit roten Decken behangenen Kamel! Sie trug den Schleier wie die Araberinnen und war wie sie in einen weißen Burnus gehüllt. Aber der leichte Schleier schien mehr Schutz gegen den fliegenden Sand zu sein, als ein Mittel zum Verbergen. Ruhig und ungeniert sahen über dem Schleier ein Paar große, blaue Augen auf die Menschenmenge herab, und das Haar, das sich unter der Kapuze hervorstahl, war blond. Eine Europäerin! Eine weiße Frau! Detlev Ring faßte erregt den Arm seiner Begleiterin.
„Sehen Sie! Dort! Was ist das?“
„Leute aus dem Jemen!“ Joy zuckte die Achseln. „Anscheinend eine vornehme Arabergesellschaft. Vielleicht sogar eine Gesandtschaft des Imans. Seitdem die Wahabiten im Hedschas eingefallen sind, wimmelt es hier bei den britischen Behörden von offiziellen und geheimen Wüstendiplomaten.“
„Ja! Aber die Frau! Die Weiße! Haben Sie sie nicht gesehen?“
„Doch. Ich hatte sogar den Eindruck, daß sie im Vorbeireiten eben sehr interessiert zu Ihnen herüberblickte. Kennen Sie die Dame?“
„Keine Spur. Ich hatte nur ein so sonderbares Gefühl. Eine weiße Frau, ohne Begleitung mitten unter den Arabern!“
„Hm. Ich wunderte mich auch.“ Joy sah nachdenklich dem Zuge nach, der hinter Wolken rötlichen Staubes eben in einer Seitenstraße verschwand. „Besonders darüber, daß die Leute von der Straße keinen Anstoß daran nahmen. Die Araber pflegten sonst schamvoll und beleidigt wegzublicken, wenn eine Weiße ihnen so ‚herausfordernd’ ihr Gesicht zeigt.“
„Ich möchte wissen, wer sie ist.“ Detlev vergaß ganz, sich wieder niederzusetzen. Er war im Wagen stehen geblieben und blickte sinnend der Entschwundenen nach. Joy sah ihn etwas gekränkt von der Seite an.
„Die Durchfahrt ist frei. Wenn Sie sich jetzt nicht hinsetzen, Mr. Ring, fallen Sie mir noch in den Schoß, sobald der Wagen anzieht. Wer die auf arabisch aufgezäumte Dame ist, werde ich Ihnen spätestens morgen früh sagen können.“
„Wirklich?“
Joy lachte geringschätzig. „Wird nicht schwer herauszukriegen sein. Vielleicht wohnt sie sogar im selben Hotel wie Sie, Mr. Ring. Was hier in Aden einigermaßen prominent ist, wohnt im ‚Majestic‘. Wenn Ihnen also so viel daran liegt ...“
„Ich wäre Ihnen sehr dankbar. Es war da in dem Gesicht der Frau irgend etwas ... ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll ... Sie sah mich an ...“
„Ich wickle mich nächstens auch in so ein Bettlaken und halte mir eine Gardine vor den Mund.“ Die junge Amerikanerin schnitt eine lustige Grimasse. „Also schön, Mr. Ring. Ich werde Ihnen eine Probe meiner journalistischen Fixigkeit geben. Aber dafür müssen Sie mir auch allerhand versprechen.“
„Wenn ich Ihnen dienlich sein kann, — gern.“
„Sie können es. Erstens versprechen Sie mir, morgen mittag mit mir zu lunchen, sofern Sie nicht grade um die Zeit zum Gouverneur eingeladen sind. Zweitens nehmen Sie mich mit auf einem kleinen Rundflug, bevor Sie nach Europa starten. Wollen Sie? Großartig! Heute abend, spätestens morgen früh werde ich Ihnen melden, wer die schöne Pseudo-Araberin mit dem blonden Haar ist.“
2. Kapitel.
„Darf ich Ihnen den jungen Helden des Indienfluges vorstellen, Mrs. Soelter? Das ist Mr. Ring, der erst heute morgen mit seinem Flugzeug hier gelandet ist!“
Colonel Blake machte eine verbindliche Handbewegung, und Detlev Ring vergaß fast, seine Verbeugung zu machen. Er starrte überrascht in zwei große, direkt auf sein Gesicht gerichtete, blauschimmernde Augen. Die Frau, die der Colonel Mrs. Soelter genannt hatte, trug hier auf dem Gartenfest im „Majestic“ eine europäische Abendtoilette, die nicht anders war als die der übrigen Damen, aber Detlev wußte sofort: Ein Irrtum war unmöglich! Das waren die blauen Augen, die ihn heute mittag vom Kamelsattel herab angesehen hatten.
„Sie sind Deutscher, Herr Ring?“
In Detlevs Kopf begann sich sachte ein gewisses Mühlrad zu drehen bei dieser Frage, die eine tiefe, volle Altstimme in tadellosem Deutsch aussprach. Heiliger Wetterfrosch! Sprachen denn hier im englischen Aden alle Damen Deutsch? Erst die lustige kleine Amerikanerin! Und jetzt stand da diese schöne Unbekannte, die er vor wenigen Stunden als einzige weiße Frau inmitten einer Karawane von Wüstensöhnen gesehen hatte, und sprach ihn ganz gelassen in seiner Muttersprache an. Beinahe kam seine Überzeugung, daß Mrs. Soelter die geheimnisvolle Unbekannte sei, ins Wanken.
„Sie sehen mich so sonderbar an, Herr Ring. Überrascht es Sie so, daß ich Deutsch spreche?“
Detlev riß sich zusammen. „Allerdings, gnädige Frau. Denn ich glaube, Sie bereits heute vormittag gesehen zu haben, und zwar in einer rein arabischen Gesellschaft.“
„Sagen Sie bitte nicht ‚gnädige Frau‘ zu mir. Ja, ich sah Sie auch. Wenn mich nicht alles täuscht, sind wir ziemlich gleichzeitig hier in Aden angekommen. Sie mit Ihrem Flugzeug, und ich aus Mareb!“
Ein Lauschen war plötzlich in dem Gesicht der Frau. Sie sprach die letzten Worte fast mechanisch aus, als seien ihre Gedanken ganz wo anders. Einer der vornehmen Araber, die mit ihren weißen Mänteln eine Abwechslung in das Bild der Smokings und Uniformen brachten, strich eben dicht an ihnen vorüber.
„Die Hitze fängt an, mich Gespenster sehen zu lassen,“ dachte Detlev Ring ärgerlich, „oder ist es die ganze romantische Atmosphäre des Orients, die einen allerlei Geheimnisvolles vorgaukelt?“ Er glaubte eben gehört zu haben, daß der Araber Mrs. Soelter im Vorbeigehen ein paar Worte zuflüsterte, ohne sie auch nur eine Sekunde dabei anzusehen.
„Entschuldigen Sie mich, Herr Ring! Ich hoffe, daß wir nachher noch Gelegenheit finden, ein wenig zu plaudern.“
Da stand Detlev wieder allein. Verblüfft sah er ihr nach, wie sie sich mit geschmeidiger Sicherheit durch den von fröhlich plaudernden Menschengruppen bevölkerten Garten wand. Er sah sich um. Jemand fragen, wer diese Mrs. Soelter eigentlich sei? Den Colonel vielleicht oder einen der britischen Fliegerkameraden? Aber im nächsten Augenblick verwarf er den Gedanken. Warum nicht sie selbst fragen? Ihr helles Kleid verschwand eben im Dunkel des Parks, der sich außerhalb der von bunten Lichtern bestrahlten Gartenterrasse hinter dem Hotel dehnte. Detlev schlug die gleiche Richtung ein, aber es dauerte noch etwa zehn Minuten, bevor er unauffällig in den Park kommen konnte. Einige Seeoffiziere hielten ihn auf und verwickelten ihn in ein freundschaftliches Gespräch über seinen Indienflug.
Als Detlev endlich in den Park gelangte, war von Mrs. Soelter weit und breit nichts zu sehen. Wahrscheinlich war sie längst an irgend einer anderen Stelle wieder in die Gesellschaft zurückgekehrt. Detlev folgte mißmutig dem gewundenen Pfad zwischen den Palmen und Gebüschen. Er sah schon die Mauer auftauchen, die den Park rückwärts abschloß, als er sich plötzlich an der Hand gefaßt fühlte und zu seinem grenzenlosen Staunen Joy Cawler erkannte, die dicht neben dem Weg hinter einem Busch kauerte.
„Still!“ unterbrach die Journalistin seine erstaunte Frage. „Sie ist dort vorne, dort an der Gartenpforte! Sehen Sie nicht?“
Detlevs Augen bohrten sich in den Samtteppich der Tropennacht. Dicht an der Gartenpforte, im Schatten einer Sykomore stand Mrs. Soelter. Aber nicht allein. Neben ihr gewahrte er die Umrisse eines Mannes, der eifrig im Flüsterton auf sie einzusprechen schien. Ein paar harte Kehllaute drangen herüber, dann Mrs. Soelters etwas lautere, klangvolle Altstimme.
„Sie sprechen arabisch,“ flüsterte Joy. „Es hat keinen Zweck, sich näher heranzupirschen. Außer den Alltagsbrocken, die man hier im Straßenverkehr aufschnappt, versteh ich die Sprache doch nicht. Außerdem würden sie uns bemerken. Hinter der Mauer stehen draußen auf der Straße nämlich noch so ein paar braune Burschen, die den Garten beobachten, anscheinend um die beiden zu warnen, wenn jemand kommt.“
„Aber wie kommen Sie denn hierher?“
Joy sah ihn vorwurfsvoll an. „Hab ich Ihnen nicht versprochen, morgen früh zu berichten, wer die Unbekannte ist?“
„Ich weiß es schon!“
„Na, na, Mr. Ring. Wir wollen uns mal ein bißchen darüber unterhalten, ja? Aber nicht hier. Kommen Sie, wir drücken uns rückwärts durch die Büsche und mischen uns drüben in das Gartenfest. Ich hab sowieso einen höllischen Durst auf eine Limonade.“
„Aber ...“ Joy fing den besorgten Blick auf, den Detlev nach den beiden Gestalten an der Pforte warf und lächelte. „Ihre Besorgnis ist überflüssig. Die braunen Gentlemen da tun der Dame bestimmt nichts. Soweit meine Kenntnis der morgenländischen Sitten reicht, haben sie sie vorhin mit allen Anzeichen ergebenster Ehrfurcht begrüßt.“
An einer Biegung, die sie den Blicken der Späher an der Gartenmauer entzog, betraten Detlev und Joy wieder den Weg und schlenderten der Terrasse zu, von der lustiges Lachen und eine schelmischwehmütige Banjoweise herüberklangen.
„Sagen Sie mal, Miß Joy, sind Sie eigentlich eingeladen? Ich meine zu diesem ‚prominenten‘ Gartenfest.“
„Yes,“ sagte die Amerikanerin trocken. „Und zwar von einem der prominentesten Gäste, dem berühmten deutschen Flieger Mr. Ring persönlich. Ich möchte den sehen, der auch nur mit einer Spur von Befremden mich anschielt, wenn ich in Ihrer Begleitung jetzt auftauche.“
Es war in der Tat so. Niemand dachte daran, Anstoß an Joys Gegenwart zu nehmen oder nach ihrer Einladungskarte zu fragen, wie der peinlich korrekte Detlev im stillen befürchtet hatte. Captain Nicholls vom Kamelreiterkorps, der gleich bei ihrer Rückkehr auf die Terrasse Detlev entgegenkam, ließ sich seiner Dame vorstellen und war sofort mit Joy in ein lustiges Wortgeplänkel engagiert. Mitten in einem Satz brach er jedoch ab. Mrs. Soelter war wieder da. Weder Detlev noch Joy hatten sie aus dem Garten kommen sehen, aber sie stand plötzlich inmitten einer Gruppe von älteren Herren, unter denen Detlev Sir John Donegal, den Vertreter des Gouverneurs, und Colonel Blake erkannte. Er sah jetzt auch, was ihm vorhin, als er ihr gegenüberstand, in seiner Überraschung entgangen war: daß Mrs. Soelter zu ihrem europäischen Abendkleid einen typischen Araberschmuck in den Ohren trug und daß ihr ernstes Gesicht gar nicht recht zu dem sorglos-heiteren Ton dieses Gartenfestes paßte.
„Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, meine Herrschaften. Ich muß Mrs. Laila ... Teufik Bey vom Türkischen Generalkonsulat bat mich, ihm eine Unterredung mit ihr zu vermitteln.“
Joy pfiff halblaut wie ein ungezogener Gassenjunge vor sich hin, als der Captain eilig auf Mrs. Soelter zuging. Detlev faßte sich unwillkürlich an die Stirn.
„Was soll nun das wieder bedeuten? Wie nannte der Captain eben die Dame? Laila? Ich denke, sie heißt Mrs. Soelter?“
„Ist das alles, was Sie über unsere Araberin herausgekriegt haben, Mr. Ring?“
„Ja ... das heißt: Colonel Blake nannte sie so, als er mich vorstellte. Ich habe kaum zwanzig Worte mit ihr gewechselt.“
Joy sah ihn mitleidig an. „Da kann ich Ihnen mit mehr dienen.“
„Also los, Miß Cawler! Spannen Sie mich nicht auf die Folter. Ich brenne vor Neugierde!“
„Nur vor Neugierde? Also schön. Aber erst müssen Sie mir die Limonade besorgen. Eher rede ich keinen Ton.“
Als Detlev das Getränk vom Büfett brachte, saß Joy in einer Ecke der Terrasse, die einen guten Überblick bot, und sah nachdenklich zu Mrs. Soelter hinüber, die neben einem eifrig auf sie einredenden türkischen Herrn ihr grade gegenüber an der Brüstung stand.
„Das tat gut.“ Joy gab das leere Glas zurück und nickte Detlev zu. „Setzen Sie sich ein wenig neben mich, Mr. Ring. Ich hab Ihnen eine Menge zu erzählen.“
„Sie wissen, wer die Dame ist?“
„Well. Sie heißt Mrs. Soelter. Lydia Soelter, wenn Sie es ganz genau wissen wollen, und von den Arabern, die ihren Namen nicht aussprechen können, wird sie Laila genannt.“
„Laila?“
„Ja. Gefällt Ihnen der Name, Mr. Ring? Er duftet so nach Romantik, nicht? Nach arabischen Wundernächten, orientalischen Märchen, Haremsgittern und Fata Morgana.“
„Sie spotten, Miß Cawler.“
„Durchaus nicht. Es liegt tatsächlich ein Hauch von Geheimnis um die Dame. Sie soll die Tochter eines deutschen Arztes und Forschers sein, der irgendwo im Jemen gestorben ist. Sie soll selber schon seit Jahren dort oben leben, als einzige Europäerin bei den Jemeniten.“
„Sie betonen das ‚sie soll‘, Miß Cawler. Weiß man es denn nicht genau?“
Joy zuckte die Achseln. „Genau weiß man überhaupt nichts auf diesem Planeten. Hier in Aden ist sie heute zum ersten Male aufgetaucht, im Gefolge einer offiziellen Gesandtschaft des Imam, die bei den Engländern Hilfe gegen die Wahhabiten suchen soll. Man erzählt sich allerlei Geheimnisvolles von ihr, aber persönlich ist sie bisher niemand hier bekannt gewesen. Die Araber ... hm ... die wissen vielleicht mehr von ihr, aber sie schweigen sich aus.“
„Und was ist Ihre eigene Meinung, Miß Cawler?“
Joy sah ihn einen Augenblick ernst an. „Daß Sie besser tun, sich nicht um Mrs. Soelter oder Mrs. Laila zu kümmern, lieber Herr Ring. Es kümmern sich genug andere um sie.“
„Wie meinen Sie das?“
„Well, diese merkwürdige Dame muß irgendwie eine Ausnahmestellung bei den Jemeniten einnehmen. Welcher Art, das ist mir auch noch unklar. Aber Tatsache ist, daß man sie, eine Europäerin, im Gefolge der Gesandtschaft des Imam duldet, obwohl gerade die Jemeniten sich sonst streng von allem Europäischen abschließen.“
Detlev fühlte einen schmerzlichen Stich in der Brust. „Meinen Sie etwa, daß Lai ... daß Mrs. Soelter mit irgendeinem der braunen Würdenträger — verheiratet sein kann?“
„Kaum. Denn dann würde man ihr nicht gestatten, nach Aden zu reisen und sich ohne Schleier hier zu zeigen. Aber einfach eine Europäerin, die sich im Jemen angesiedelt hat, ist sie bestimmt auch nicht. Strengen Sie doch Ihre Augen an, Mr. Ring. Haben Sie nicht bemerkt, daß sie gradezu eine Leibwache um sich hat? Die Jemeniten — es sind natürlich alles vornehme Araber, die man hier aus diplomatischen Gründen eingeladen hat — halten sich diskret von ihr entfernt, aber sie lassen sie nicht aus den Augen. Und die ‚Audienz‘ vorhin im Park? Ich weiß nicht, wer der Araber war, aber zu der Gesandtschaft des Imam gehörte er nicht. Es war überhaupt kein Jemenit.“ Joy schwieg einen Augenblick und sandte einen grübelnden Blick nach Lydia Soelter, zu der sich drüben außer dem türkischen Diplomaten auch Captain Nicholls gesellt hatte. „Wenn ich nicht bestimmt wüßte, daß der brave Lawrence als Fliegersoldat in Aldershot sitzt, wäre ich versucht zu glauben, daß Oberst Lawrence hier wieder mal spukt.“
„Das ist bizarr!“ Detlev lachte nervös auf. „Sie wollen doch nicht etwa behaupten, daß diese wundervolle Frau dort ein — Mann sein könnte!“
„Oberst Lawrence hat schon oft in Frauenkleidern und orientalischen Schleiern operiert,“ sagte Joy trocken.
„Ihre Phantasie in Ehren, aber diese Frau ...“
„Sie sieht nicht danach aus,“ gab Joy zu, „aber irgend etwas stimmt da nicht. Sie sehen ja selbst, wie sich die Herren Militärs und Diplomaten um sie bemühen. Der Colonel Blake, Sir John, Captain Nicholls, Teufik Bey. Bloß ihrer schönen Augen wegen tun sie das bestimmt nicht.“
„Warum nicht, Miß Cawler? Ich könnte mir denken, daß diese eigenartige Schönheit sämtliche Herren Adens fesselt. An Spionage zu denken, erscheint mir in bezug auf Frau Soelter, oder wie sie immer heißen mag, fast beleidigend.“
Joy verzog spöttisch den Mund. „Oh, ich hatte nicht die Absicht, der Dame zunahe zu treten, Mr. Ring. Es braucht nicht gerade Spionage dahinter zu stecken. Man kann auch Politik sagen. Seitdem Ibn Saud marschiert, kreuzen sich hier in Aden viel verworrene Fäden. Politik ist Geschäft und Geschäft ist Politik geworden.
*
Das Gartenfest nahm seinen Gang. Daheim im alten Europa gab es auch Feste, aber auf den Gesichtern der Menschen dort lag auch beim fröhlichsten Gelage immer noch ein gewisser Ernst, ein Widerschein der schweren Zeit, die jeder durchkämpft hatte. Auch in England. Die Wirtschaftsnot, das Gespenst der Arbeitslosigkeit lasteten überall. Hier draußen aber merkte man wenig davon. Hier waren die Engländer noch immer ein Geschlecht von Herren, die die goldenen Schlüssel zum Orient in den Händen hielten. Auf all diesen ruhigen, sorglos-heiteren Gesichtern stand noch die stille selbstverständliche Überzeugung des „Rule Britannia“. Die Damen flirteten und machten Konversation. Die Offiziere sprachen vom Sport und vom Dienst. Die Verwaltungsbeamten und Diplomaten machten zwischen Tee und Tanz hohe Politik, lächelnd, überlegen, selbstsicher wie Leute, die gewohnt sind, Völker und Herrscher als Schachfiguren in ihrem Spiel hin und her zu schieben.
Um so ernster und verbissener sahen die Gesichter der Araber aus. Man erwies den Turban-Würdenträgern des Imam von Jemen geflissentlich die Achtung, die den Gesandten eines befreundeten Souveräns gebührt. Man betonte diese Aufmerksamkeit sogar heute ganz besonders. Captain Nicholls und ein höherer Seeoffizier waren ihnen sozusagen als offizielle Adjutanten beigegeben. Der Vertreter des Gouverneurs unterhielt sich in herzlicher Freimütigkeit mit ihnen. Die Damen der Diplomatie lächelten ihnen zu. Aber die braunen Gesichter der Jemeniten wurden dadurch um keinen Deut fröhlicher. Wer kannte dieses Getue besser als die Orientalen, die Meister der diplomatischen Höflichkeit. Wer wußte besser als die braunen Männer der Wüste, daß alle offiziellen Zeremonien und Höflichkeitsbeweise nichts anderes waren als die selbstverständliche Pflicht der Gastfreundschaft. Die Jemeniten machten sich wenig aus den Europäern. Der Imam hatte seit Jahren sein Land streng abgeriegelt gegen das Eindringen der Zivilisation. Trotz des „vierzigjährigen Freundschaftsbundes“, den der Imam mit dem Kaiser von Indien geschlossen, hatten die englischen Kaufleute und Industriellen taube Ohren im Jemen gefunden. Keine einzige Konzession zum Bau von Eisenbahnen war erteilt worden. Nein, um sich von den Engländern feiern zu lassen, waren die Gesandten Imam Jahjas nicht nach Aden gekommen. Aber Ibn Saud, der braune Napoleon der Wüste, der unversöhnliche Feind des Imams, war mit seinen Wahabiten aus der Wüste hervorgebrochen. Er, der den Scherif Hussein aus dem heiligen Mekka vertrieben und das ganze Hedschas erobert hatte, rückte von Asir aus gegen das Reich des Imam. Seine Krieger marschierten in Reih und Glied wie europäische Soldaten und hatten die langen Entenflinten mit modernen Maschinengewehren vertauscht. Wenn nicht England zu einem festen Bündnis mit dem Imam zu bewegen war, so standen für das Reich von Jemen böse Tage bevor. Die Gesandtschaft war gekommen, um den Gouverneur zum Abschluß dieses Bündnisses gegen Ibn Saud zu bewegen. Aber der Gouverneur war krank, wie es hieß. Seine Vertreter hatten die Gesandten des Imam mit allen Ehren empfangen, aber all diese Freundschaftsversicherungen und Ehrenbezeugungen — das wußten die Jemeniten — bedeuteten keine Hilfe, keine Aussicht auf einen diplomatischen Schritt bei Ibn Saud und noch viel weniger ein Hilfskorps gegen die herandrängenden Wüstenstämme.
Das Gartenfest wurde in zwanglosen Formen gehalten. Es gab — Detlev stellte das mit aufrichtiger Erleichterung fest — keine offizielle Abendtafel mit Trinksprüchen und Reden. Aber gegen Mitternacht mußte er doch ein wenig aus seiner Zurückhaltung als einfacher Gast heraus. Der Colonel Blake benutzte eine Pause der Musik, um mit ein paar höflichen und herzlichen Worten den deutschen Indienflieger zu feiern.
Detlev hatte auf seinem Asienflug in den verschiedensten Städten schon viele solcher Trinksprüche über sich ergehen lassen müssen. Er wußte selbst nicht, warum ihn hier bei den Worten des Colonels eine verlegene Unruhe überkam und seine Wangen sich rot färbten. Vielleicht war es, weil er während der ganzen Rede die großen, blauen Augen Lydia Soelters aufmerksam, wie in stummem Forschen auf sich ruhen fühlte.
Lydia Soelter war auch eine der ersten, die ihm nach der Rede des Colonels die Hand drückten. „Ich hätte gern noch mit Ihnen gesprochen, Herr Ring,“ sagte sie, ihm ernst in die Augen schauend, „aber ich muß jetzt gehen. Darf ich Ihnen noch meinen Freund vorstellen? Er heißt Sikri ben Abdullah und ist ein Verwandter des Imam Jahja.“
Der hochgewachsene Araber führte grüßend die Hand gegen Stirn und Brust, ohne seine ernste Miene zu verändern. Detlev hatte den Eindruck, daß er ihm gegenüber eine Zurückhaltung an den Tag legte, die nicht auf Sympathie schließen ließ. Er begann auch sofort, eifrig auf arabisch mit Lydia zu reden. Zwei andere der Jemenitischen Gesandtschaft schoben sich unauffällig heran und bildeten förmlich eine Schutzwehr, die Lydia von den übrigen Herren und Damen trennte. Detlev hielt ihre Hand einen Augenblick fest.
„Ich hoffe, gnädige Frau, Sie geben mir die Erlaubnis, Sie wiederzusehen in diesen Tagen, die ich noch in Aden zubringe?“
„Vielleicht ... ich weiß nicht ...“ Lydia löste ihre Hand aus der seinen, und Detlev sah mit Erstaunen: Sie war plötzlich ganz scheu und verlegen geworden, fast wie eine wirkliche Araberin. Als sie inmitten ihrer braunen Begleiter, von Colonel Blake geleitet, davonschritt, sah Detlev sich nach Joy Cawler um. Er brauchte nicht lange zu suchen. Sie stand kaum drei Schritte von ihm entfernt und betrachtete ihn mit einem sonderbaren Ausdruck.
„Ich habe inzwischen mit Captain Nicholls getanzt,“ sagte Joy, als er zu ihr trat. „Haben Sie sich mit Laila verabredet?“
Detlev machte ein mißmutiges Gesicht. „Ich mag diese dumme Bezeichnung ‚Laila‘ nicht. Sie ist doch keine Araberin! Für mich heißt sie Frau Lydia Soelter.“
Joy nickte. „Ich verstehe, Mr. Ring. Sie fiebern nach dieser Dame. Das ist schade. Hoffentlich erleben Sie keine Enttäuschung.“
„Aber liebe Miß Cawler! Ich weiß nicht einmal, wo Frau Soelter hier in Aden wohnt!“
„Oh, dem kann abgeholfen werden!“ Joy winkte lebhaft dem vorübergehenden Captain Nicholls. „Sagen Sie doch, Captain! Wo ist Mrs. Soelter abgestiegen? Ich nehme an, hier im ‚Majestic‘, nicht?“
Nicholls verhielt den Schritt. „Sie hat ein Apartement hier im Hotel genommen und wollte ursprünglich hier wohnen. Aber sie hat soeben ihr Programm geändert. Sie wird privat wohnen, in dem Haus, das der Gesandtschaft des Imam gehört.“
„Ein orientalisches Haus also? Warum das?“
Captain Nicholls zuckte die Achseln. „Sollten Sie als fixe Journalistin noch nicht die neueste Sensation gehört haben, Miß Cawler? Seit einer halben Stunde flüstert man in allen Ecken davon: Boten Ibn Sauds sind unerwartet heute in Aden aufgetaucht. Das diplomatische Spiel beginnt!“
3. Kapitel.
„So, so. Ich brauch mich nicht zu beeilen?“ Der tüchtige Fritz Moll lachte. „Das heißt, ins Hochdeutsche, übersetzt ja wohl, daß Sie’s gar nicht eilig haben, aus dem Backofen hier fortzukommen. Sie, Ring, seien Sie vorsichtig! Ick hab da allerhand schaurige Geschichten gehört von Leuten, die in Haremsfenster reingeklettert sind. Und die braunen Brüder hier sehen auch gar nicht aus, als ob sie sich ihre Mädels wegnehmen ließen. Recht haben sie! Würd auch mit der Faust dazwischenfahren, wenn daheim irgend ’n Fremdländischer mit meinem Mädel scharmuzieren wollte!“
„Blech, Fritz! Ich kümmere mich nicht um die orientalischen Schönheiten. Das wissen Sie doch noch von Lahore her. Aber wenn Sie es durchaus wissen wollen: Ich hab eine Frau hier kennengelernt ... nee, nicht die nette kleine Amerikanerin meine ich ... eine ganz andere, ne richtige Landsmännin, und die möchte ich allerdings ...“
„Geschenkt, Ring. Weiter brauch ich nischt zu wissen. Aber wat die ‚Arja‘ angeht: Übermorgen steht die Kiste gebrauchsfertig auf dem Rollfeld, tiptop überholt, vom Propeller bis zum Schwanz. Det lassen Sie man bloß meine Sorge sein. Und sagen Sie dem Captain, der hier im Flughafen die Sache fingert, er soll seine Leute nicht allzu liebenswürdig sein lassen. Ick hab mir richtig geschämt jestern, wie wir die ‚Arja‘ in den Schuppen rollten und vier Mann sie vorsichtig hinten begleiteten. Schwanzpiloten brauchen wir nicht. Die ‚Arja‘ ist wahrhaftig wendig genug.“
Detlev Ring machte sich auf den Weg in die Stadt, ohne sich um die verwunderten Blicke zu kümmern, die dem „Herrn“ galten, der zu Fuß durch die Straßen schritt, ein in Aden seltenes Ereignis. Es war die erste Stunde der Abendkühle. Auf der Hafenpromenade, die den ganzen Nachmittag wie ausgestorben in der Sonnenglut gelegen hatte, begann das Leben sich zu rühren. Motorräder knatterten, ein Korso von langsam fahrenden Wagen und Autos zog an Detlev vorbei. Ein paarmal grüßten ihn aus dem Wagen heraus Offiziere der Garnison. Ein paar junge Damen, die mit zwei Leutnants der Fliegerstation in einem offenen Auto saßen, sahen dem deutschen Flieger interessiert nach.
„Wollen wir Mr. Ring nicht einladen mitzufahren, lieber Reginald? Stoppen Sie doch!“
Der junge Offizier schüttelte lächelnd den Kopf. „No, meine Teuerste. Mr. Ring hat die Blattern.“
„Oh! Sagen Sie das nicht!“
„Im Ernst, wir tun ihm kaum einen Gefallen, wenn wir anhalten und ihn auffordern mitzukommen. Einen Gentleman, der auf dem Weg zu einer Dame ist, soll man in Ruhe lassen.“
„Eine Dame?“ Die rotblonde Miß machte vor Neugier Telleraugen. „Jemand hier aus der Gesellschaft?“
„Nein, Sie kennen sie nicht, liebe Mabel. Eine amerikanische Journalistin, die erst seit einigen Wochen in Aden ist. Cawler heißt sie. Mr. Ring hat sich gestern abend auf dem Gartenfest sehr intensiv mit ihr unterhalten. Schätze, daß er eben jetzt auf dem Weg zu einem kleinen Stelldichein ist.“
Detlev hörte nichts von dem Klatsch, der hinter seinem Rücken ging. Er traf allerdings in einem kleinen Café Joy Cawler, aber die Verabredung bezog sich nicht auf ein Stelldichein. Joy hatte ihm versprochen, ihm heute das Haus zu zeigen, in dem Lydia Soelter Wohnung genommen hatte.
Es war eigentlich kein Haus zu nennen, dieser Wohnsitz der jemenitischen Gesandtschaft mitten im Eingeborenenviertel Adens, viel eher ein ganzer Komplex von Gebäuden. Lehmgebackene hohe Mauern mit blinden oder holzvergitterten Fenstern und maurischen Ornamenten, Vorhöfe, ausgedehnte Seitenflügel, sogar ein schlankes Minarett, das sich nadelspitz über dem Innenhofe erhob. Detlev stand lange im Schatten eines Torweges gegenüber dem Gebäude und betrachtete unruhig die Fenster. Wie ein Gefängnis sah dies aus, die hohen Mauern, hinter dem Hof erst hoch oben die kleinen Fenster mit ihren gitterartigen Holzverkleidungen.
„Sie spähen umsonst, Mr. Ring,“ sagte Joy mit gutmütigem Spott. „Es wird kein Tüchlein aus irgendeinem Fenster da oben wehen, und die schöne Laila wird auch nicht hinter Schleiern auf Sie herabblicken. Sie hat nämlich Besuch zurzeit.“
„Besuch?“
„Yes. Sie müssen sich nicht etwa einbilden, daß Laila — verzeihen Sie, Mrs. Soelter — so etwas wie eine Gefangene in diesem für arabische Begriffe fürstlichen Palast da ist und sich etwa nach dem blonden Königssohn sehnt, der sie trotz Aufseher und Wächter, aus ihrem Verlies herausholt. So romantisch ist die Sache gar nicht. Mrs. Soelter hat das Hotel ‚Majestic‘ mit diesem Haus freiwillig vertauscht aus Gründen der hohen Politik. Sikri ben Abdullah, ihr Adjutant oder Berater, hat ihr die Zweckmäßigkeit dieses Wohnungswechsels klar gemacht. Es scheint, daß sich mehr Leute hier in Aden für Mrs. Soelter interessieren, als den jemenitischen Diplomaten recht ist.“
„Wohnt der Araber auch da drüben?“
„Sikri ben Abdullah? O nein! Der ist ein viel zu strenger Rechtgläubiger, als daß er mit einer weißen Frau, die so schamlos ist, ihr Antlitz allen Männern preiszugeben, unter einem Dache wohnen sollte. Es wohnt überhaupt keiner von der Gesandtschaft hier. Die braunen Gentlemen sind in einem anderen Palast abgestiegen als Gastfreunde eines hier ansässigen vornehmen Hamdaniten. Mrs. Soelter haust allein hier mit einigen ihr anscheinend treu ergebenen Dienern. Das heißt, wie treu sie sind, wollen wir dahingestellt sein lassen, denn bei einem Araber weiß man nie genau, wie weit seine Ergebenheit reicht.“
Detlev starrte noch immer nach den Fenstern. „Sie sagten, Mrs. Soelter habe Besuch?“ fragte er, ohne den Blick zu wenden.
„In der Tat. Bewundern Sie meine journalistische Allwissenheit, Mr. Ring! Ich kann Ihnen wahrheitsgemäß berichten, daß eben um diese Stunde Captain Nicholls einer Einladung Mrs. Soelters gefolgt ist und irgendwo da oben hinter den Gitterfenstern seinen Mokka nimmt.“
„Ach, der nette Captain vom Kamelreiterkorps? Er kennt wohl Frau Soelter bereits länger?“
„So weit gehen meine Informationen nicht, aber es ist leicht möglich, daß er sie früher bereits kennengelernt hat. Nicholls ist als Beauftragter, des Gouverneurs oft im Jemen und in Assir gewesen. Sein Besuch bei Mrs. Soelter heute hat auch einen diplomatischen Anstrich. Meine Verbindungen reichen leider nicht so weit, daß ich Ihnen sagen könnte, was und worüber er mit ihr verhandeln soll, aber ich weiß immerhin, daß er offiziell im Auftrag des Gouvernements sie um diese Unterredung gebeten hat. Allerdings ...“ Joy sah Detlev, dessen Gesicht unwillkürlich eine deutliche Erleichterung zeigte, teilnehmend an ... „Es tut mir leid, Mr. Ring, aber als gewissenhafte Berichterstatterin bin ich verpflichtet, Ihnen mitzuteilen, daß den guten Captain Nicholls nicht nur die Dienstpflicht in das Haus da treibt. Er hat ein sehr starkes und ausgesprochen menschliches Interesse an der Dame.“
„Woher wissen Sie das? Hat er es Ihnen gesagt?“
Joy lächelte überlegen. „Meine Augen sind noch leidlich gut, und ich habe sie gestern abend auf dem Fest offen gehalten. Mehr gehört nicht dazu, um festzustellen, daß Captain Nicholls ebenso blind verliebt ist in die geheimnisvolle Dame wie — Sie selbst, Mr. Ring!“
Detlev zog unwillig die Augenbrauen zusammen. „Ich denke nicht daran, Miß Cawler.“
„Möglich, daß Sie nicht daran denken. Aber so etwas hat auch nichts mit dem Denken zu tun, sondern höchstens mit dem Fühlen.“
Nun mußte auch Detlev lächeln. Seine Augen rissen sich langsam von dem schweigenden Haus los. „Sie triefen ja förmlich von Weisheit, Miß Cawler!“
„Weil ich eine kluge alte Dame bin.“ Joy warf einen Blick auf die immer länger und dunkler werdenden Schatten in der Gasse. „Wollen wir jetzt weitergehen, Mr. Ring? Die Dunkelheit kommt hier schnell, und bei der miserablen Beleuchtung hier im Araberviertel kann man sich Hals und Beine brechen.“
Detlev nickte zögernd. Es hatte wirklich keinen Sinn, wie ein verliebter Primaner hier zu stehen und das Haus anzustarren. Er nahm sich vor, heut abend noch einen kurzen Brief zu schreiben und Lydia Soelter um ein Wiedersehen zu bitten. Irgendein Bote würde sich ja wohl im Hotel finden, der den Brief ohne Zeitverlust in ihre Hände bringen könnte. Er war mit Joy schon ein Stück die Gasse hinaufgegangen, als er plötzlich stehen blieb und verwundert zurücksah. Vier oder fünf Araber waren eben auf der anderen Seite der Gasse vorübergegangen. Sie trugen nicht den Turban der Jemeniten, sondern den Stirn- und Nackenschleier der Beduinen und hatten außerdem Mund und Nase mit Tüchern umwickelt nach Art der nordafrikanischen Tuaregs. Tuaregs oder verwandte Stämme aber gab es hier in Aden natürlich nicht. Detlev, dem diese Unterschiede in der Bekleidung der Araber nicht so geläufig waren, hätte vielleicht den Männern nicht soviel Beachtung geschenkt wie Joy, die ihnen interessiert nachschaute, wenn ihn nicht etwas anderes stutzig gemacht hätte. Gleich hinter den Arabern kam ein Auto, ein geschlossener, ziemlich hochrädiger Ford, an dessen Steuer ebenfalls ein Araber saß. Der Wagen fuhr langsam die Gasse hinunter, so langsam, daß es aussah, als ob er mit den rasch ausschreitenden Männern gleichen Schritt halten wollte.
Es war schon reichlich dunkel, aber die helle, weißgelbe Front des Gesandtschaftshauses war noch deutlich erkennbar. Detlev sah genau, wie die vier Araber dort Halt machten und anscheinend mit dem Pförtner oder sonst jemand im Innern durch die kleine Pforte in der Außenmauer verhandelten. Kaum zehn Schritte weiter hatte auch das Auto Halt gemacht. Plötzlich gewahrte Detlev, wie eine rasche Bewegung durch die Gruppe ging. Die Pforte mußte wohl von innen geöffnet worden sein. Ein Arm stand eine Sekunde lang steil in die Luft gereckt, Detlev hörte einen gurgelnden Laut wie den Notruf eines Mannes, den harte Fäuste im Entstehen erstickten. Dann huschten die Araber rasch und lautlos durch die Pforte.
„Was war das, Miß Cawler?“ Detlev wandte sich erregt zu Joy, die ebenfalls befremdet nach der Pforte sah. „Gehört das etwa zu den üblichen Besuchszeremonien hier bei den Arabern?“
„N ... ein.“ Joy schüttelte verwundert den Kopf. „Das sah ja förmlich aus, wie ...“
„Wie ein Überfall!“ Detlevs Stimme flog vor Erregung. „Kommen Sie! Wir müssen sofort hin!“
Die Amerikanerin haschte nach seinem Rockärmel und hielt ihn fest. „Nicht so schnell, Mr. Ring! Ich glaube, wir tun am besten, wenn wir uns nicht in diese Dinge mischen.“
„Aber Ly ... Frau Soelter! Wenn Sie etwa in Gefahr ...“
„Die Verhältnisse um diese Dame sind ebenso mysteriös wie sie selbst. Wir wissen nicht, was da vorgeht, und die Araber können höchst ungemütlich werden, wenn man sich unberechtigterweise in ihre eigenen Angelegenheiten mengt. Vergessen Sie nicht, daß Mrs. Soelter nicht allein ist! Captain Nicholls ist bei ihr und wird sie vor einer etwaigen wirklichen Gefahr schon zu schützen wissen.“
„Ist er wirklich im Haus? Sind Sie dessen ganz sicher?“
„Absolut.“
Detlev zögerte. Aber seine innere Unruhe war zu groß. Er riß sich los und begann die Gasse zurückzugehen. „Warten Sie hier auf mich, Miß Cawler! Ich muß wissen, was das eben zu bedeuten hatte!“
„Wenn Sie müssen ... dagegen läßt sich nichts machen.“ Joy hatte ihn mit zwei Sprüngen eingeholt und ging an seiner Seite. „Aber dann gefälligst nicht ohne mich.“
Einen Augenblick lang hatte Detlev trotz seiner Erregung ein warmes, wohliges Gefühl. Unwillkürlich streifte sein Blick das Mädchen, das resolut an seiner Seite gleichen Schritt hielt, und ein Fetzen des alten Liedes vom guten Kameraden flog ihm durch den Sinn.
„Erst mal das Auto!“ Joy zog Detlev von der Pforte weiter zu dem still harrenden Wagen. „Hallo! Warten Sie auf Captain Nicholls?“
Der Autolenker antwortete nicht. Nur zwei glühende Kohlenaugen sahen einen Augenblick die unerwünschte Fragerin drohend an. Joy wiederholte ihre Frage langsamer in dem Kauderwelsch von Englisch, Arabisch und Türkisch, das hier am Tor Arabiens im Verkehr zwischen den Engländern und Eingeborenen angewandt wurde.
Der braune Autolenker wandte schweigend den Kopf wieder geradeaus und sah an ihr vorbei.
„Er tut so, als ob er nicht verstände,“ wandte Joy sich in deutscher Sprache an Detlev. „Entweder ist das absichtliche Verstellung, oder der Mann müßte wirklich aus dem Inneren des Landes sein.“
„Lassen Sie den Burschen doch!“ Detlev zog seine Begleiterin zu der Tür. Die Pforte war nur angelehnt. Er stieß sie auf und spähte in den Hof. Nichts Verdächtiges. Still und leer lag der Hofraum, stumm und verschlossen das Haus dahinter. Aber die nach innen aufgehende Tür, die Detlev weiter zurückdrückte, stieß gegen etwas Weiches. Ein Mensch lag da! Ein brauner Mann mit zuzammengebundenen Händen und Füßen, einen Tuchknebel im Mund. Offenbar der Pförtner. Da gab es für Detlev kein Halten mehr.
„Halten Sie Wache hier, Joy! Ich gehe hinein!“
„Ich ebenfalls!“
„Nein!“ Detlevs sonst so gutmütige Augen bekamen auf einmal einen stählernen Glanz. „Sie bleiben hier! Es muß jemand hier draußen sein, auf den ich mich verlassen kann!“
„All right! Das ist ein Wort!“ Joys Augen strahlten vor Befriedigung. „Haben Sie Waffen? Nein? Dann nehmen Sie für alle Fälle das Ding hier mit!“ Sie nestelte einen kleinen Browning aus ihrer Handtasche und reichte ihn Detlev. „In diesen Gegenden ist so ein Gebrauchsgegenstand manchmal wichtiger als Puderdose und Lippenstift. Gehen Sie, Mr. Ring! Und verlassen Sie sich drauf, ich werde dafür sorgen, daß Mrs. Soelter nicht etwa in dem Rumpelkasten da davonflitzt, bevor Sie zurück sind!“
Mit wenigen Sprüngen war Detlev über die alten, zerbröckelten Steinfliesen des Hofes. Drei Türen hatte das Hauptgebäude. Er stürmte auf gut Glück durch die mittelste, die weit offen stand. Drinnen im Vorraum hielt er einen Augenblick ratlos inne. Nach allen Seiten führten von dort verschlossene, schön getäfelte und mit Intarsien ausgelegte Türen und außerdem eine gewundene Treppe hinauf in die oberen Stockwerke.
„Frau Soelter! Lydia Soelter!!“
Niemand antwortete auf den Ruf. Aber hinter einer der verschlossenen Türen begann plötzlich eine Faust zu hämmern. Ohne sich zu besinnen, sprang Detlev auf die Tür zu, bearbeitete sie mit Fußtritten, warf sich fünf- bis sechsmal wie ein Sturmbock dagegen, bis sie nachgab und aufflog.
„Frau Soelter!?“
„Yok, effendi!“ Ein Araber gurgelte ihm unter einem halbgelösten Tuch entgegen. Hinten im Raum wälzten sich noch drei andere braune Gestalten und suchten sich von Fesseln zu befreien. Detlev löste mit ein paar raschen Griffen vollends die Bande des Mannes, der offenbar einer der Diener des Hauses war.
„Wo ist Mrs. Soelter?“
Der Araber verstand die englische Frage nicht. Aber seine Gedanken strebten demselben Ziele zu wie Detlevs. Während er rasch seine Kameraden befreite, hob er den Kopf und verdrehte die Augen nach der Decke zu.
„Laila! Da oben! Schnell!“
Detlev stürmte die Treppe hinauf. Hinter ihm fuhren wie Besessene die vier befreiten Araber in dem Vorraum umher, stürzten in eine andere Kammer und kamen sofort wieder zum Vorschein. Als Detlev sich auf dem Treppenabsatz umblickte, sah er die braunen Männer nachstürmen. Ihre Hände hielten plötzlich lange Speere und krumme Messer, und in ihren Augen blitzte ein fanatischer Haß.
„Hier!“ Der von Detlev zuerst Befreite schoß an dem zögernd vor den vielen Türen des oberen Stockwerks Haltmachenden vorbei und riß eine derselben auf. Trotz der Erregung registrierte Detlevs geschultes Fliegergehirn im Nu die Vorgänge in dem orientalisch eingerichteten Erkerzimmer. Captain Nicholls stand da mit verschränkten Armen und schmal zusammengepreßten Lippen aufrecht, aber wehrlos in einer Ecke. Zwei der eingedrungenen Araber hielten ihre tadellos modernen Pistolen auf ihn gerichtet. Seine eigene Pistole lag außerhalb seiner Reichweite auf dem Fußboden. In der anderen Ecke, auf dem Ruhebett, lag Lydia Soelter. Ihre Augen waren weit offen, aber ein Tuch um den Mund hinderte sie am Schreien, und die beiden anderen Araber waren eben dabei, sie wie ein Paket zu verschnüren und transportfertig zu machen.
„Allah!!“ Die Diener stürmten an Detlev vorbei mit wild geschwungenen Waffen in das Zimmer. Detlev selbst riß Joys Browning heraus. Auch Captain Nicholl hatte sofort die neue Situation erfaßt. Seine Fäuste fuhren dem einen seiner sich erschrocken umwendenden Bedroher gegen die Schläfe, entwanden im nächsten Moment dem Taumelnden die Pistole.
Alles ging in Sekundenschnelle vor sich. Detlev war instinktiv schützend vor Lydia gesprungen. Nicholls fluchte wie ein Türke, und auch Detlev hielt seine Waffe unschlüssig in den Händen. Es war unmöglich zu schießen, denn die arabischen Hausdiener hatten sich unter wildem Geschrei auf die Eindringlinge gestürzt, wälzten sich balgend mit ihnen herum, so daß man Freund und Feind nicht unterscheiden konnte. Plötzlich aber schrie einer der Eindringlinge, offenbar der Anführer, irgend etwas auf Arabisch. Seine Leute rissen sich mit einer verzweifelten Anstrengung von ihren Gegnern los. Zwei von ihnen bluteten stark aus Wunden, die ihnen die Messer der Hausdiener zugefügt hatten, aber sie besaßen Kraft genug, mit den anderen zur Türe zu stürzen.
„Halt!“ Nicholls feuerte einen Schuß über die Köpfe der Diener hinweg und stürzte vor. „Aus dem Weg, ihr Esel! Man kann ja nicht ...“
Es war schon zu spät! Die Eindringlinge waren schon aus dem Zimmer, stürzten in wilder Hast die Treppe hinab und dem Ausgang zu, verfolgt von den Dienern. Nicholls wandte sich erregt an Detlev, der. Lydia von ihren Fesseln gelöst hatte und die Schweratmende stützte. „Haben Sie Leute unten, Mr. Ring?“
„Ja ... nein ...“ Detlev dachte einen Augenblick an Joy, aber die konnte unmöglich die fliehenden Araber aufhalten.
„Das Telefon!“ Nicholls sah sich suchend im Zimmer um. Lydia Soelter, die sich auf dem Diwan aufgerichtet hatte, sagte mit einer Ruhe in der Stimme, die angesichts des eben überstandenen Schreckens Detlev verblüffte. „Es ist kein Fernsprecher hier im Hause, Captain.“
Nicholls fluchte. „Natürlich nicht! Der ‚Vater des Geizes‘ duldet ja keine ‚Neuerungen‘ in seinem Gebiet. Nehmen Sie sich der Lady an, Mr. Ring. Ich muß ...“ Ohne den Satz zu vollenden, stürmte er davon, um die Verfolgung aufzunehmen. Detlev griff nach Lydias Hand.
„Sie wundern sich wohl, Frau Soelter, daß ich grade zur rechten Zeit hier eingreifen konnte?“
„Nein, ich wundere mich nicht.“ Lydia sah mit einem fast visionären Blick an ihm vorbei irgendwo ins Leere. „Als ich Sie gestern sah, wußte ich schon, daß Sie irgendeine Rolle in meinem Leben spielen würden.“
Detlev fühlte wieder ein Wundern über die Ruhe, mit der sie sprach. Er sah sie besorgt an. „Vertrauen Sie sich mir an, Frau Lydia. Was waren das für Banditen, die Sie vorhin überfielen?“
Ein schwaches, wehmütiges Lächeln trat auf ihre Lippen. „Es waren keine Banditen, Herr Ring. Wahabiten waren es, Leute Ibn Sauds, und sie wollten mir persönlich nichts Böses tun. Gestern abend schon haben sie mit mir verhandelt und mir den Vorschlag gemacht, nicht nach Mareb zurückzukehren, sondern mit ihnen nach Rijad zu ziehen. Da ich es ablehnte, haben sie heute versucht, mich gegen meinen Willen dorthin zu entführen.“
„Also doch Gewalt! Stellen Sie sich doch unten den Schutz der Engländer! Man wird im Hotel ‚Majestic‘ kaum wagen können, was man hier in diesem einsamen Haus gewagt hat.“
Lydia Soelter sah vor sich hin. „Es ist nicht nötig. Jetzt, wo wir wissen, was die Wahabiten beabsichtigen, wird man mich auch hier zu schützen wissen. Setzen Sie sich, Herr Ring! Wir wollen warten, bis der Captain zurückkommt, und ich will Ihnen in dieser Zeit erklären, was Ihnen jetzt sicher noch unbegreiflich und geheimnisvoll erscheint.“
Бесплатный фрагмент закончился.
