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Axel Rudolph
Gebt uns ehrliche Waffen

Roman

Saga

I.

„Noch mehr Blumen, Mr. Hopkins!“

Charley hält ratlos dem Butler den riesigen Chrysanthemenkorb entgegen, den er eben an der Haustür einem Boten abgenommen hat. Auch Hopkins, der würdige Butler, macht eine verzweifelte Bewegung, als ob er sich allen Anstandsregeln zuwider am Kopf kratzen wolle, sieht sich suchend, wägend nach allen Seiten um.

Blumen, Blumen, Blumen. Üppige Chrysanthemen und feingliedrige, schlanke Rosenknospen, phantastische wilde Orchideen und Wildlinge aus den Wäldern am Potomac, mexikanische Christrosen und ganze Riesenbüsche von Azaleen. Die ganze weite „Hall“ eine Orgie von Farben und Duft, von den kleinen ovalen Marmortischen neben dem Eingang bis hinauf zu der Doppelglastür, die zum Wintergarten hinüberführt. Sie sieht sonst etwas nüchtern und streng aus, die Halle in der Villa Harnish, ganz so, als habe bei der Auswahl der Möbel hier noch ein Hauch jener ersten Harnishs gespukt, die sich im Lande Penns ansiedelten, in der Brust ein Herz und im Kopf eine Rechenmaschine trugen. Aber heute verschwinden die hochlehnig steifen Armstühle mit ihren feierlichen Wappenintarisien ganz unter der Flut der Blumen, die ihre bunten Flügel um die alten, steifen Gesellen schlagen. Marlene Dietrich würde zerplatzen vor Neid, wenn sie diese Halle mit dem Foyer des Roxy bei ihrer Premiere vergleichen könnte.

„Wohin damit, Mr. Hopkins?“

Immer noch hält Charley den Blumenkorb vor sich hin, und immer noch späht der Butler vergebens nach einem freien Platz. Schließlich gibt er sich einen Ruck:

„Wir müssen die Blumen noch mehr zusammenrücken. Los, Charley, Fred, George! Dort drüben an die Wand. Ja, so! Nein, das Arrangement vom Kriegsdepartement natürlich hier auf den Tisch, Idiot!“

Fred, der erst vor vierzehn Tagen neueingestellte jüngste Diener, setzt erschrocken den Riesenkorb, den er eben vom Tisch nehmen wollte, wieder hin. Sein Blick streift dabei die große, elfenbeinfarbene Karte, die an dem Korb befestigt ist. „Kriegsdepartement, Washington“, steht darauf.

Fred ist ein Greenhorn, ein harmloses. Während er schwitzend Blumenkörbe aus einer Ecke in die andere schleppt, vergißt er vollständig die Regeln, die man ihm auf der Dienerschule eingetrichtert hat, und fragt seinen Kollegen Charley neugierig: „Was hat denn Miß Jane mit dem Kriegsdepartement zu tun, daß man ihr von dort Blumen zum Geburtstag schickt?“

Charley, die korrekte Dienerseele, hat für diesen Vorstoß nur einen schweigenden, eisig-verachtungsvollen Blick, und George wirft aus den Augenwinkeln einen erschrockenen Blick nach dem Butler. Aber Mr. Hopkins ist heute in leutseliger Stimmung. Er läßt sich sogar dazu herab, dem Neuling höchstpersönlich eine Antwort zu erteilen:

„Wenn man die Tochter von I. T. Harnish ist ...!“ Und mitleidig fügt er hinzu: „Wann hat denn dich der Wind übers Wasser geweht — Greenhorn?“

Im selben Moment aber hebt Mr. Hopkins den Kopf. Seine Nase wittert in der Luft. Drinnen im Wintergarten sind die plaudernden Stimmen lauter geworden. Ein Mann wie Mr. Hopkins weiß sofort, was das bedeutet: Mr. Harnish und die Gäste nähern sich der Tür. Mit einer einzigen Handbewegung fegt der Butler die Diener aus der Halle: „Raus hier! Was jetzt noch kommt, wird einfach im Treppenflur aufgestellt.“

Dicht auf den Fersen der Hinauseilenden drückt der Butler die Tür ins Schloß, nimmt selber in einer Ecke Aufstellung, ruhig, würdevoll, unpersönlich: ein Stück Inventar des Hauses.

„Wonderful!“ Miß Daisy Glenn bleibt in der geöffneten Tür des Wintergartens stehen und starrt entzückt in die Blumenpracht. Neben ihr drängt sich Mildred Bruce, Gloria Proctor und die anderen Freundinnen Jane Harnishs, flattern — selber ein kostbarer Traum von duftigem Tüll, Seide, Crêpe, Farben und Blumen — wie Kolibris hinunter in die Halle, von einem Blumenarrangement zum anderen. Mr. Hopkins, der Butler, aber hat keinen Blick für diese lachende, lockende, tänzelnde Mädchenschar der amerikanischen obersten Fünfhundert. Seine Augen hängen fest und aufmerksam an dem Mann, der ruhig und selbstbewußt, mit der Würde des Hausherrn, hinter den Damen die zwei Stufen vom Wintergarten in die Halle hinabsteigt: Mr. I. T. Harnish.

Daisy Glenn flattert von einem Blumenstrauß weg auf Mr. Harnish zu und hängt sich an seinen Arm. „Entzückend, Mr. Harnish! Jane liebt die Blumen, nicht?“ Von der anderen Seite tänzelt die plantin-blonde Mildred heran, ungeduldige Neugier in der Stimme:

„Wo ist sie denn nun? Wo bleibt denn Jane?“

„Sie ist noch im Werk, liebe Mildred.“ Mr. Harnishs Stimme ist eine vollkommene Harmonie zwischen väterlicher Nachsicht und dem Respekt, den ein amerikanischer Gentleman einer Dame schuldig ist. „Wie jeden Tag.“

„Aber doch nicht heute?“

Mr. Harnish zuckt ein wenig die Schultern. „Heute wie immer. Sie kennen ja ihre Schrullen.“

Ein vorwurfsvoller Blick Daisy Glenns: „Oh! Sagen Sie nicht so, Mr. Harnish.“

„Ihren Arbeitseifer denn,“ verbessert sich Harnish lächelnd. „Seitdem Jane aus Deutschland zurück ist, bringt sie ja jeden Tag, den Gott werden läßt, im Laboratorium zu.“

„Merkwürdig!“

„Interessant!“

Die ebenfalls seit einiger Zeit jählings erblondete Gwendolyn mischt sich ein. „Ich weiß. Der junge Warren treibt denselben Sport. Er geht täglich in die Fabrik seines Vaters.“

I. T. Harnish sieht von seinen sechs Fuß auf das zierliche, duftige Persönchen herab, und in seine Stimme kommt etwas von dem trockenen Ernst, mit dem er drüben im Verwaltungsgebäude die Geschäfte seines Konzerns leitet.

„Sie irren, liebe Gwendolyn. Jane treibt keinen Sport. Sie arbeitet.“

Einen Augenblick lang ist es, als sei über die heitere Blumenpracht ein Schatten gefallen. Der Schatten der Harnish-Werke, die drüben aus Nebel und Dunstwolken ihre Schlote und Tanks emporrecken. Die jungen Damen fingern unruhig an ihren hauchfeinen Sommerkleidern, als könne das harte Wort, das da eben gefallen ist, sich festsetzen und einen Blütentraum zerstören. Arbeit? Natürlich. Arbeit muß sein. Männer arbeiten. Verdienen Geld. Machen Dollars. Das muß so sein. Aber man spricht doch nicht davon vor Damen! Und eine Lady arbeitet überhaupt nicht. Sie beschäftigt sich, treibt Sport, stellt Rekorde auf — was man will. Aber sie arbeitet doch nicht! Ganz im Innern nennen die Freundinnen die Arbeitswut Janes genau so, wie ihr Vater es eben genannt hat: eine Schrulle einen Spleen. Aber die Daisys, Mildreds und Gwendolyns würden sich lieber die rosigen Zünglein abbeißen, als dieses unhöfliche Wort auszusprechen.

Daisy Glenn bricht mit ihrer süßen Zuckerpuppenstimme den kurzen Bann des Augenblicks:

„Sie sollten noch einmal telephonieren, Mr. Harnish! Jane kann doch nicht an ihrem Geburtstag ihre Gäste im Stiche lassen.“

Für einen wohlerzogenen Gentleman ist der Wunsch einer Dame Befehl. Mr. Harnish macht eine zustimmende Verbeugung und geht zur Türe, die der Butler bereits aufgerissen hat. — — — — — — —

Dumpfe, von Chemikalien durchschwängerte Laboratoriumsluft. Über Retorten und Reagenzgläser beugt sich ein ernstes, herbes Frauengesicht, so gradlinig und nüchtern wie der ganze, praktisch eingerichtete Raum, in dem jedes Glas, jede Tabelle einen geheiligten Platz hat.

„Miß Harnish!“ Eine Assistentin in weißer Kittelschürze steht an der Tür. „Ihr Herr Vater hat eben wieder angerufen.“

Langsam richtet sich Jane Harnish von ihrer Arbeit auf, streicht sich mit einer ruhigen Bewegung das glatte, blonde Haar über den Kopf zurück.

„Ja, ich komme schon.“

Ein paar Anweisungen an die Assistentin während des Händewaschens, ein Umtauschen des Laboratoriumkittels mit einem hellen Staubmantel, der nicht viel anders aussieht, — Janes Gedanken sind immer noch bei der Arbeit. Schon im Begriff zu gehen, wendet sie sich nach der Assistentin zurück:

„Ist Dr. Westphal im Hause?“

„In seinem Labor, glaube ich.“

Jane Harnish macht kehrt und geht zurück durch den ganzen Raum zu der kleinen Tür, die ihr Labor mit den anderen Abteilungen verbindet. Draußen, in dem Verbindungsflur des langgestreckten Gebäudes, erregt ihr Auftauchen heute allerlei Aufsehen. Die Assistentinnen, die mit Tabletts voll Reagenzgläsern durch den Flur eilen, lächeln. Die jungen Assistenten, die fast alle eher einem Sportchampion ähneln als einem Mann der Wissenschaft, lächeln gleichfalls, sogar Gills, der alte Labordiener, zieht den Mund bis an die Ohren.

„Glückwunsch, Miß Jane!“ — „Ich gratuliere!“ — „Meinen herzlichsten Glückwunsch zum Geburtstag!“

Es liegt mehr als bloße, konventionelle Höflichkeit in diesen Geburtstagswünschen, ob sie nun feierlich hergesagt oder im Vorbeigehen ihr burschikos zugerufen werden. Das freundliche Lächeln der Kollegen gilt der Kollegin, nicht der Tochter des Chefs. Und Jane Harnish erwidert jedes Lächeln.

Erst als sie vor der Tür steht, die die Aufschrift „Labor Dr. Westphal“ trägt, verschwindet das Lächeln von ihrem Gesicht. Auch in dem großen Saal, den Jane nun durchschreitet, ist das Lächeln der dort arbeitenden Kollegen um eine Nuance zurückhaltender, die Glückwünsche etwas leiser und flüchtiger. Hier wird mit dem neuen Gas experimentiert, und das erfordert angespannte Konzentration. Eine Glastür führt vom großen Saal in das Privatlabor Dr. Westphals, das fast ebenso groß ist. Aber im Gegensatz zu dem Arbeitsbetrieb im Assistentensaal herrscht hier fast feierliche Stille. Nur wenige Tiegel und Retorten, dafür aber große Schränke voll Aktenbündel und Tabellen. Dr. Westphal, der Chefchemiker der Harnish-Werke, erhebt sich von seiner Schreibtischarbeit, als Jane Harnish eintritt und mit leichtem Gruß die Tür hinter sich zuzieht.

„Entschuldigen Sie die Störung, Dr. Westphal. Aber ich muß Sie fragen: Hat meine Vermutung, daß die Toxine der Cyanitgruppe zersetzend die Blutkörperchen angreifen, sich als stichhaltig erwiesen?“

Dr. Westphal sieht einen Augenblick vor sich hin, wie um seine Gedanken auf diesen Punkt zu sammeln.

„Unsere Tierexperimente haben bis jetzt Ihre Annahme bestätigt, Miß Harnish. Das Material darüber stellt Ihnen Dr. Banft morgen zur Verfügung. Es fragt sich aber, ob bei der wesentlich anders gearteten Zusammensetzung des menschlichen Blutes diese Erscheinung auch am menschlichen Organismus auftritt. Wir haben darüber bis jetzt noch keine Erfahrungen.“

Dr. Westphals Stimme klingt leise, leidenschaftslos, sachlich-kühl. Seine ruhigen Augen sehen an Jane Harnish vorbei. Jane haßt diese kalten Züge und weiß gar nicht, daß sie in diesem Augenblick nicht viel mehr sind als ein Spiegelbild ihres eigenen, kalt verschlossenen Gesichts.

„Danke!“ sagt Jane eisig. „Ich wollte es nur wissen, da ich Dr. Kemblay für heute die weitere Beobachtung überlassen habe. Ich mache heute Feiertag.“

„Oh, ich vergaß.“ Dr. Westphal macht eine förmliche Verbeugung. „Meinen ergebensten Glückwunsch zu Ihrem Geburtstag, Miß Harnish.“

„Vielen Dank. Mein Vater hat Ihnen eine Einladung zu unserer kleinen Feier geschickt?“

Dr. Westphal nickt. „Ich werde gern davon Gebrauch machen.“

Kühl und konventionell wie Dr. Westphals Worte ist Janes zustimmendes Kopfnicken. Nicht einmal das übliche, nichtssagende Lächeln der Dame vermag sie auf ihre Lippen zu zaubern hier in diesem leeren, großen Raum, vor diesem leeren, kalten Gesicht da. An der Tür wirft Jane Harnish unwillkürlich noch einmal einen Blick zurück durch die Glasscheibe und nimmt den Eindruck des scharf ausgearbeiteten Gelehrtenkopfs mit, der sich am Schreibtisch schon wieder über seine Arbeit gebeugt hat.

„Da sitzt er nun wie die große giftige Spinne im Netz,“ geht es ihr durch den Sinn, während sie zurück durch die Labors wandert. „Kennt keinen anderen Ehrgeiz, als neue Gase, neue Kombinationen zu ersinnen, die eine giftiger und furchtbarer als die andere, lagert den lauernden Tod hübsch in Gläser und Flaschen und denkt nur an seine Wissenschaft, nicht an die Menschen, die einmal sich darunter winden werden. Der Dr. Gerhard Westphal!“ Ein bitterer Zug legt sich um Janes Mund. Einmal, ja einmal, da hat Gerhard Westphal anders ausgesehen. Damals, als sie drüben jenseits des großen Wassers im alten lieben Heidelberg bei ihm im Hörsaal saß, damals, als der Privat-Dozent der Chemie Dr. Gerhard Westphal nach den Vorlesungen wie ein junger Student mit ihr durch die Neckardörfer streifte, lustig, übermütig, sich ausschütten wollte vor Lachen über die Amerikanerin, die nichts begriff von der Schönheit seiner Heimat, und so lange lachte, bis auch Jane Harnish ihre amerikanische Nüchternheit vergaß, herzlich mitlachte und durch das Lachen hindurch einen Hauch jener alten, romantischen Welt Heidelbergs verspürte. Bis sie dann eines Tages eine Fahrt machten zu den Höchster Farbwerken. Bei der Besichtigung dort war es gewesen. Da hatte Gerhard Westphals Gesicht plötzlich einen strengen, harten Zug bekommen, und seither war das Grübeln nicht mehr aus ihm gewichen. Jane Harnish war nach Beendigung ihrer Studien nach Hause zurückgefahren. Und nach einem Jahr war dann der Name Gerhard Westphals als des Entdeckers eines neuen Gases durch alle Fachblätter gegangen. Die Edgewood-Werke waren aufmerksam geworden und hatten sich den Mann herübergeholt durch das Angebot eines Arbeitsfeldes, wie es die Heimat ihm niemals bieten konnte. Gerhard Westphal war der Chefchemiker der Harnish-Werke geworden.

Der bittere Zug um Jane Harnishs Mund bekommt etwas Verächtliches. Schwindel, die ganze Alt-Heidelberg-Romantik. Das also war das Ende des freien, stolzen Burschenliedes: Chefchemiker der Harnish-Werke, der Mann, der aus tausend Retorten, mit allen Fähigkeiten seines Geistes den Tod braute für eine Welt!

In ihrem eigenen Labor hat der erste Assistent, Dr. Murphy, bereits Janes Platz eingenommen und sich in die Arbeit vertieft. Die Laborantin öffnet ihr beflissen die Tür, sieht ihr mit einem leisen Anflug von Neid nach. Vier Stunden Morgenarbeit im Labor! Heute, an ihrem Geburtstag! Wo sie es doch gar nicht nötig hat, sie, die einzige Tochter des großen I. T. Harnish. Unzufrieden macht sich die Laborantin an die Tabellen. Wenn Miß Harnish nicht den Spleen hätte, im Labor zu arbeiten, sondern täte, was ihr zukommt: sporteln, tanzen, reisen, flirten — man könnte längst befördert sein hier im Werk! — — — — — — — — — — — — — — —

Draußen im Werkshof, vor der Tür des Laboratoriums, steht ein eleganter, fabrikneuer Roadster. Jane Harnish geht um ihn herum und besieht ihn kennerhaft von allen Seiten. Ein leises Lächeln huscht dabei über ihr ernstes Gesicht. Der gute Daddy! Vor einigen Wochen hat sie einmal davon gesprochen, daß dieser neue Autotyp ihr gefallen könnte. Nur so nebenbei. Und schon hat er ihr zum Geburtstag den Wagen verschrieben.

Jane Harnish setzt sich ans Volant, probiert sachkundig die Zündung, die Bremsen aus, gibt Gas — der Wagen springt an wie ein Vollblut-Fohlen, das zum ersten Male von der Leine gelassen wird.

Mitten durch die Harnish-Werke geht die Fahrt. An Hallen und Maschinensälen vorbei, hoppla, über Eisenbahnschienen und Drehscheiben. Alles hier im Werk atmet Amerika. Keine Spur von dem unfreundlichen Durcheinander der großen Fabriken, die Jane Harnish während ihres Studienaufenthaltes drüben in Europa kennengelernt hat. Keine rauchgeschwärzten Mauern, keine vernachlässigten, ungepflasterten Wege. Hier ist alles sauber, freundlich im Stil, frisch. Für modernste Maschinen die modernsten Einrichtungen, praktisch, den hygienischen und sanitären Forderungen entsprechend, dabei weitausgedehnt die Anlagen, fast eine Verschwendung von Raum. Sinnbild des weiten Landes, in dem die Fabrik steht. Man könnte diese Fabrikstadt mit ihren breiten, sorgsam asphaltierten Straßen, ihren schnittigen Sandsteinhallen und Gebäuden für ein Erholungsheim halten. Wenn nicht die bedrückende Luft wäre. Dicke, stickig-dumpfe Luft, die über dem ganzen Werk liegt und die freundlichen Farben der Gebäude verblassen läßt. Aus diesem weißlichgelben Qualm, der aus den Schloten steigt, und den der Wind wieder herunterdrückt, daß er wie Nebelschwaden über die niederen Dächer streicht, weht etwas wie Warnung, etwas Undefinierbares, das die Freude an den schönen Anlagen langsam erstickt. Vielleicht kommt es auch daher, daß der Himmel bleischwer und grau über dem Werk hängt, heute wie alle Tage. Vielleicht ist es der Geruch der Chemikalien, der graues Unbehagen weckt, sich beklemmend auf den Atem legt. Trotz ihrer musterhaften Einrichtungen bedrückt diese Fabrikstadt mehr als alle schwarzen Höfe und Maschinenhallen der alten Welt.

Der Wagen biegt um eine Ecke. Breit, massig, unheimlich wuchten über zwerghaft niederen Dächern die gewaltigen Tanks hervor, glotzen augenlos über das Werk hinaus, drohend, stumm: die Ätylenanlage, der Phosgentank, der — Tank III.

Über Jane Harnishs Gesicht läuft jedesmal ein kleines nervöses Zucken, wenn sie an diesem Eisenungetüm vorbeifährt. Der Tank III steht da wie ein Klotz, von Riesenhand in die Erde gestoßen für Ewigkeiten. Und doch hält nur eine dünne Eisenwand die furchtbaren Dämonen gefangen, die in seinem Innern brodeln. Dämonen, die, entfesselt, ganz Edgewood in ein schaurigstilles Totenfeld verwandeln würden. Selbst die Arbeiter, die ein Leben lang zwischen Gasen und Chemikalien, giftigen Dämpfen und lauernden Gefahren verbracht haben, werfen manchmal scheue Blicke nach dem Ungetüm.

Mannsgroße Plakate warnen, Anschläge mit ausführlichen Schutzvorschriften bedecken die Außenwand der Wärterhäuschen. Rund um den Tank patroulliert ein Mann mit einem verbissenen Bulldoggengesicht. Ein Mann, dem man trotz der unauffälligen Zivilkleidung auf zehn Schritte den Werkdetektiv ansieht, auch wenn man die typische Wölbung seiner Hüftentasche nicht bemerkt. Etwas abseits ein zweiter Mann vom gleichen Schlage im Gespräch mit einem Soldaten in der Uniform des in Edgewood stationierten 1. Gas-Regiments.

Jane stoppt ihren Wagen ab und winkt dem Soldaten. Der Zivilist greift gelassen grüßend an seine Melone. Jane beugt sich ein wenig aus dem Wagen vor, das konventionelle, nichtssagende Lächeln der amerikanischen Dame im Gesicht.

„Ist Sergeant Bixton aus Washington zurück?“

Der Soldat salutiert fast dienstlich:

„Nicht gesehen, Miß Harnish. Heute morgen war er noch nicht beim Appell.“

„Thank you.“

Der Wagen springt wieder an. Der Mann mit der Melone schiebt, dem Wagen nachsehend, einen neuen Wrighley in die Mundhöhle.

„Gute Chancen für Sergeant Bixton. Der Leutnant ist ihm sicher.“

Der Soldat nickt vergnügt. „Hat er längst verdient. Kein besserer Soldat im Gas-Regiment als Sergeant Bixton.“ — — — — — — — — — —

Am Werktor IV hält der alte Nel Croft den Pförtner am Rockknopfe fest. Die Hände des alten Arbeiters zittern. In seinen Triefaugen steht ein eindringliches Bitten. Der Pförtner fühlt einiges Mitleid mit dem Mann, aber schließlich kann er nicht gegen seine Instruktionen handeln. Nel Croft hat keine Kontrollkarte, sondern nur einen Krankenschein. Folglich darf er ihn nicht ins Werk lassen. Eine klare Sache.

„Aber ich muß ins Werk!“ Die brüchige Stimme des Alten blubbert vor Erregung. „Sie müssen das doch einsehen, Mr. Corner. Seit acht Wochen bin ich krank. Sie wissen doch, was es an Krankengeld gibt. Meine Tochter hat auch nur Halbschicht in dieser Zeit. Wir schulden im Konsum, wir schulden die Miete. Wo soll das hin, wenn ich nicht arbeiten darf?“

„Wenn Sie doch krank sind ...“

„Krank?“ In dem abgezehrten Gesicht des Alten zuckt und rüttelt es. „Natürlich bin ich krank. Eine Gasvergiftung geht nicht so schnell wieder weg. Aber ich bin doch aus der Behandlung entlassen. Ich kann wieder arbeiten und ich will arbeiten. Verstehen Sie mich, Mr. Corner?“

Der alter Croft will einen Schritt vorwärts machen, gibt es aber wieder auf. Der Pförtner steht wie ein Fels. Da gibt es kein Vorbeikommen. Behutsam schiebt er den alten Mann ein wenig zurück, dem Ausgang zu.

„Mr. Carter ist heute nicht da. Gehen Sie morgen zu ihm ins Büro, so gegen zehn Uhr. Er wird Ihnen dann wohl eine neue Arbeit verschreiben, irgendwo in einer anderen Abteilung.“

Ein krankhaft eigensinniger Zug breitet sich über das Gesicht des Alten. „O no! Ich will in keine andere Abteilung! Ich werde weiter beim Phosgen arbeiten, Mr. Corner.“ Seine Stimme steigert sich plötzlich zu einem schrillen Kreischen. „Bei dem Teufelszeug, das mir die halbe Lunge verbrannt hat! Nirgends anders.“ Der Pförtner hat schon unwillig die Hand gehoben, um den krankhaften Ausbruch des Alten zu dämpfen, aber die Stimme des alten Croft wird ebenso plötzlich, wie die angestiegen ist, wieder ganz still und hilflos: „Ich habe dieses Gas gern,“ sagt er leise. Und als der Pförtner ihn mißtrauisch-zweifelnd ansieht, fügt er in einem greisenhaft-kindischen Ton hinzu: „Es ist doch ein Teil von mir. Ich trag es ja in meinem Körper.“

„Verrückt,“ denkt der Pförtner. Aber er kommt nicht mehr dazu, eine Antwort zu geben. Er läßt den Alten stehen und springt, von einem Hupensignal geweckt, dienstbeflissen an das Tor, um Miß Harnish hineinzulassen. Ais er sich umwendet, ist der alte Croft verschwunden. Er hat den Augenblick benutzt, um sich in den Werkshof zu schleichen und sich seitwärts um einige Schuppen zu drücken.

„Ohne Kontrollmarke,“ brummt der Pförtner verärgert, doppelt verärgert, weil er weiß, daß er seinen Posten nicht verlassen und dem Unbotmäßigen nachsetzen kann. „Aber warte nur, mein Alter! Mußt ja heut abend denselben Weg raus. Da kriegst du von mir eine Zigarre, an der du vierzehn Tage zu rauchen hast.“

Janes Wagen fliegt unterdessen die Landstraße entlang, die von den Harnish-Werken zum Villenviertel von Edgewood führt, eine tadellose, breite, asphaltierte Autostraße. Sie sticht in ihrem Gesamtbild etwas ab von den üblichen Autostraßen Amerikas, denn die Fußsteige an beiden Seiten sind ungewöhnlich breit und — was man in Amerika selten sieht — belebt. Auf den großen Fahrstraßen durch die Staaten ist die Spezies der Fußgänger fast ausgestorben. Die Entfernungen von einer Stadt zur anderen sind zu groß, als daß man sie zu Fuß zurücklegen könnte. Man hat auch keine Zeit dazu. Selbst die Tramps denken nicht mehr daran, zu Fuß zu tippeln. Die Alten, die an der Tradition hängen, nisten sich nach wie vor in den Güterzügen ein. Die jüngere Generation läßt sich von vorüberfahrenden Autos mitnehmen.

Hier aber kommen Scharen von Fußgängern dem Auto entgegen; es sind Arbeiter, die nach Edgewood zur Schicht gehen. Es ist etwas Eigenartiges um diese Arbeiter von Edgewood. Sie haben nichts gemein mit den grauen Massengestalten der Fabrikarbeiter und Bergleute in den europäischen Industriegebieten. Man sieht keine zerschlissenen Kittel und Anzüge, die von Armut und Not reden, keine verbitterten, abgezehrten Gesichter, aus denen der ungestillte Hunger eines unwillig getragenen Daseins spricht. Es sind amerikanische Arbeiter, first class workmen. Edgewood bezahlt seine Arbeiter gut. Harnish und seine Geschäftsfreunde haben längst erkannt, daß es sich bezahlt macht, den Arbeiter bei guter Stimmung zu halten. Und dennoch haben diese Arbeiter von Edgewood etwas, das sie unterscheidet von den selbstbewußten Workmen in anderen amerikanischen Fabriken. Sie gehen nicht, sie trotten. Langsam und schwerfällig, als laste ein Druck auf ihnen. Irgendwie sind alle diese Gesichter den stumpfen, verbitterten Bergmannsgesichtern der alten Welt verwandt, den Menschen, die unter Tage arbeiten, denen die Sonne nur in Feierstunden scheint. Das ist das Gas. Es liegt auf den Leuten von Edgewood wie ein immerwährender Alp, dumpf, erstickend, atembeengend. Es rasselt im Husten des Mannes, der tagsüber im giftigen Nebel stand. Es droht in den zerfressenen Fingern des Arbeiters, der seinen Lohn im Kampf mit Säuren und giftigen Dämpfen erarbeitet. Es spukt in den Träumen der Arbeiterfrauen, die ängstlich hinüberstarren zu den drohenden Tanks, unter deren Schatten ihre Männer leben und schaffen.

Ein junger englischer Maler hat einmal ein Bild von Edgewood gemalt, ein Bild grau in Grau, eine Nebelstadt, die aus fahlgelben, drohenden Schwaden emporwächst. Das Bild ist von der Jury ausgelacht worden, und man hat dem Phantasiegebilde jede Ähnlichkeit abgesprochen mit den wirklichen, mustergültig sauberen, modernen und freundlichen Arsenalen von Edgewood. Und doch hat dieser Maler die Wirklichkeit besser gesehen als alle Kameraplatten der Welt. Er hat das Edgewood gemalt, wie es in den Gesichtern der Arbeiter geschrieben steht.

Einzeln und in Gruppen trotten die Arbeiter der Belegschaft an Janes Wagen vorbei. Hier und da tippt einer grüßend an die Mütze. Andere drehen den Kopf über die Schulter und sehen dem eleganten Car nach. Und man weiß nicht recht, was in diesen Augen geschrieben steht: Wunschträume, Erfolgsbewunderung, Neid oder Feindseligkeit.

Jane Harnish fliegt in ihrem Wagen aus der Dunstatmosphäre der Werke hinaus, dem Villenviertel entgegen, das im blendenden Sonnenlicht des Sommertages daliegt.

Schon von weitem winken von der Veranda der Villa Harnish duftige Spitzentüchlein dem ansausenden Wagen entgegen. Schmetterlingsgeflatter den wohlgepflegten Gartenweg entlang, als Jane in elegantem Bogen einschwenkt und stoppt. Küsse, Umarmungen, Gratulationen.

„Oh, Jane! Warum bleibst du so lange?“

„Wir sind schon über eine Stunde hier!“

„Mildred ist sogar hierher geflogen!“

„Und ich bin heut Morgen ohne Frühstück weg. Mutter fiel beinahe in Ohnmacht.“

Im Triumph führen die Freundinnen das Geburtstagskind zur Veranda hinauf, wo Mr. Harnish lächelnd wartet. Jane nickt ihrem Vater zu. Aber im nächsten Augenblick steht wieder der ernste Zug in ihrem Gesicht.

„Du, Vater. Die Ätylenanlage wirkt allzu stark. Wir produzieren seit gestern...“

Harnish schließt ihr lächelnd den Mund. „Heute nicht, Jane. Heut sprechen wir mal nicht vom Werk. Gefällt dir der neue Wagen? Wir können ihn sonst umtauschen.“

Jane schüttelt dem Vater die Hand. „Nein, er gefällt mir sehr gut. Dank dir, Daddy.“

„Und die Blumen, Jane!“ Daisy Gleen zieht ihre Freundin den anderen voran in die Halle. „Sieh doch nur, diese Pracht!“

Einen Augenblick neigt Jane das Gesicht hinab in die Blütenfülle. Dann wendet sie sich an ihren Vater.

„War Bixton noch nicht hier?“

„Vor dem Lunch. Kind? Würde das sich schicken? Aber wart nur! Wird nicht so lange dauern bis halb Edgewood antritt. Hab so was gehört von Festzug, Aufmarsch usw. Auch ...“ Harnish bricht betroffen ab und sieht seine Tochter an, die plötzlich mit erhobenem Kopf in die Luft sieht und eine kleine Handbewegung macht, als wolle sie Schweigen gebieten. „Was hast du denn?“

„Riecht ihr nichts?“

Daisy Gleen lacht herzlich. „O ja! Blumendüfte! Wer’s nicht riecht, muß bös erkältet sein!“

Janes Hand scheucht das Scherzwort beiseite wie eine Fliege. Ihre Augen suchen den Vater.

„Mir ist doch, als ob ... Vater! Gas?“

Einen Augenblick schnuppert auch Harnish unruhig in der Luft, schüttelt dann den Kopf.

„Ich rieche nichts. Gespenster, Jane. Du hast dich überarbeitet.“

„Vielleicht.“ Jane nickt und der angespannte Ausdruck in ihrem Gesicht verschwindet langsam. „Ich bin tatsächlich nervös.“

Mr. Harnish hält es für Zeit, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Er schlägt vor, einen Spaziergang zu machen. Daisy widerspricht. „Jetzt, vor dem Lunch, Mr. Harnish. Nein, bis dahin gehört lane uns ganz allein.“ Und während Jane die Freundinnen in den Wintergarten hineinbugsiert, wirft sie in der Tür dem zurückbleibenden Harnish eine Kußhand zu:

„Auf Wiedersehen nachher — Daddy!“

Eine Sekunde lang sieht Harnish mit leisem Schmunzeln auf die Glastür, hinter der das lustige Mädchengeplauder verklingt. Dann steckt er beide Hände in die Hosentaschen und wendet sich an den Butler, der noch immer in geruhsamer Würde an der Türe steht. Mr. Harnishs liebenswürdig-scharmante Stimme klingt auf einmal trocken und geschäftsmäßig:

„Wer wartet?“

„Mr. Utterson, in der Bibliothek. Außerdem noch im Vorzimmer Sergeant Bixton.“

„Bixton?“ Harnish hebt rasch den Kopf.

„Er wünscht Mr. Harnish persönlich zu sprechen,“ fügt der Buttler schnell hinzu.

„Herein mit ihm!“

An dem Butler vorbei tritt ein gutaussehender hochgewachsener Mann in die Halle, einer jener amerikanischen Männertypen, deren trainiertem, beherrschtem Sportgesicht man nie ansieht, ob es nun fünfundzwanzig oder fünfundvierzig Jahre alt ist. Mr. Harnish nickt dem in der Nähe der Tür Stehenbleibenden vertraulich zu:

„Well, Sergeant? Schriftlich oder mündlich?‘

„Beides.“ Sergeant Bixton zieht aus seiner Rocktasche einige verschlossene und versiegelte Briefe und reicht sie dem Großindustriellen hin. Harnish reißt sie auf und überfliegt den Inhalt, gibt sie dann mit einer verächtlichen Handbewegung dem wartenden Butler:

„In die Bibliothek. Utterson erledigt das.“

Kaum hat sich die Tür hinter dem Butler geschlossen, da streckt Harnish die Hand nach seinem Besucher aus:

„Und weiter? Das kann nicht alles sein.“

„In der Tat, Mr. Harnish. Aber das Weitere bringe ich nur mündlich. Der Staatssekretär meinte ...“

„Ein gesprochenes Wort ist weniger gefährlich als ein schriftliches. Also los: Die Ausfuhrerlaubnis ist erteilt?“

„Der Staatssekretär beauftragte mich, Ihnen mitzuteilen, daß in Übereinstimmung mit der an Shefal Brothers erteilten Ausfuhrerlaubnis einem Export in dem von Ihnen angeregten Sinne nichts im Wege steht.“

„Sehr gut.“ Harnish steckt befriedigt die Hände wieder in die Hosentaschen und beginnt im Zimmer auf und ab zu marschieren. „Das Quantum?“

„Wird Ihnen überlassen.“

„Also unbeschränkte Ausfuhrerlaubnis. Ausgezeichnet.“

„So sagte der Staatssekretär. Aber eine schriftliche Bestätigung erhielt ich nicht.“

„Nicht nötig. Staatssekretär Deventer hält sein Wort.“ Harnish unterbricht seinen Marsch und bleibt vor dem Sergeanten stehen. „Sonst noch was?“

Der Mann vor ihm sieht ihm grade in die Augen. Irgend etwas zuckt leise in seinem Gesicht.

„Nichts von Belang, Mr. Harnish. Nur ...“

„Na, was denn? Heraus damit!“

Bixton nimmt einen Anlauf. „Es ist nur ... Der Staatssekretär wunderte sich, daß Sie einen einfachen Sergeanten als Kurier in einer so wichtigen geschäftlichen Angelegenheit schickten.“

Breitbeinig bleibt Harnish vor dem Sergeanten stehen, ein ganz leises Lächeln um die schmalen Lippen.

„So, so. Er wundert sich? Und Sie, Bixton, Sie wundern sich wohl auch?“

„Ich muß gestehen ...“

„Sollte wohl gar einen meiner Sekretäre damit betrauen, wie? Utterson oder den smarten Brokers?“ Harnish nimmt seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf. „Nee, mein Junge. Das sind Geschäftsleute. Gewiß, sie sind mir ergeben. Natürlich. Sonst wären sie nicht in meinen Diensten. Aber ihre Ergebenheit hat eine Dollargrenze. Wenn der Chef eines Bankhauses einem kleinen Kassierer einen Check über 100 000 Dollar anvertraut, und der geht dann damit durch, dann verdient er Prügel. Der Chef nämlich. So ist es auch hier: Einem Utterson oder Brokers ein Millionenobjekt anvertrauen, hieße genau so handeln. Hätte wenig Respekt vor ihnen, wenn sie die Konjunktur nicht ausnutzten, und damit zur Konkurrenz gingen.“

„Ich verstehe ...“ Ein klein wenig Bitterkeit liegt in der Stimme Bixtons. „Mich halten Sie für dumm.“

Wieder bleibt Harnish vor dem Sergeanten stehen.

„Machen Sie mich nicht wild Mann! Wer redet von dumm? Aber Sie sind Soldat, Bixton. Für euch Soldaten gelten andere Werte: Vaterlandsliebe, Ehre, Treue. Ihr habt Ideale. Damals im Krieg, da haben Sie täglich, stündlich Ihr Leben aufs Spiel gesetzt für das Vaterland. Wäre es denkbar, daß Sie die Interessen dieses Landes verraten könnten für eine halbe Million Dollar, he?“

Ein Lachen drüben, hart und doch froh:

„Nicht mal für Rockefellers Bankkonto.“

Harnish nickt ruhig wie jemand, der etwas bestätigen hört, was er längst weiß. Macht eine Handbewegung zu Bixton hin: „Da haben Sie das Geheimnis.“ Und nimmt seine Wanderung wieder auf. Ein-, zweimal marschiert er durch das Zimmer, in Gedanken schon ganz bei dem kommenden großen Geschäft. Dann fällt ihm plötzlich ein, daß der Sergeant immer noch dasteht. Er reißt ein Blatt aus seinem Checkbuch, füllt es mit ein paar fliegenden Zügen aus und reicht es dem Sergeanten.

„An der Kasse, Bixton. Machen Sie sich einen vergnügten Tag mit Ihren Kameraden.“

„Vielen Dank, Mr. Harnish.“ Bixton zögert, ein ganz klein wenig nur, aber Harnish hat es schon bemerkt.

„Was noch, Bixton? Wollen Sie Leutnant werden? Ich spreche gern mit Ihrem Obersten darüber.“

„Danke. Das ist es nicht. Die Beförderung ist mir schon vom Regiment in Aussicht gestellt worden.“

„Also was dann?“

Sergeant Bixton schluckt und druckst ganz gegen seine Gewohnheit. „Da ist noch etwas anderes ... Mr. Harnish ...“ Plötzlich hebt er den Kopf und sieht dem Manne vor ihm grad und fest ins Gesicht: „Ist es wirklich im Interesse des Vaterlandes, daß wir jetzt Giftgaswaffen an das — Ausland verkaufen?“

Eine Sekunde lang liegen die Augen der beiden Männer fest ineinander. Dann pfeift Harnish leise durch die Zähne, wendet sich ab und nimmt seinen unterbrochenen Marsch von neuem auf. Einen Augenblick denkt er daran, daß das eigentlich schön ist, dieses ehrliche Vaterlandsgefühl, das da aus der bangen Frage spricht. Aber natürlich muß man dem Jungen die Flausen aus dem Kopf treiben. Er läßt sich in einen der Sessel fallen und deutet mit einer kurzen Kopfbewegung auf einen zweiten hin. Erst als auch Bixton sich gesetzt hat, beginnt Harnish, langsam und bedächtig.

„Vor allem, mein Lieber: Ist es Ihnen klar, daß ich im Dienste der Landesverteidigung arbeite?“

Bixton nickt beistimmend. „Es wurde uns oft genug in der Instruktionsstunde eingeprägt: Die Harnish-Werke sind ein wichtiges Glied der nationalen Verteidigung und stehen unter direkter Kontrolle des Kriegsdepartements.“

„Na sehen Sie! Dienst bei mir ist Dienst am Vaterlande. Sonst würde man mir wohl kaum einen Sergeanten als Kurier zur Verfügung stellen, nicht? Sie sind nur Patriot, Bixton. Ich bin außerdem noch Geschäftsmann. Muß für Absatzmärkte sorgen. Je mehr die Industrie blüht, um so mehr Millionen können wir in die Landesverteidigung stecken. Leuchtet Ihnen das ein?“

„Gewiß, aber ...“

„Bleiben Sie mir mit Ihrem Aber vom Leibe, Bixton! Meinen Sie, der Staatssekretär würde die Erlaubnis erteilen, wenn sie den Interessen des Landes zuwiderliefe?“

„Schwerlich.“

„Na also! Auch Shefal Brothers haben ja neulich Waffen an das Ausland geliefert.“

Jetzt wird Bixton warm. „Maschinengewehre und Infanteriemunition. Und an Mexiko. Warum nicht? Ob die Brüder da unten sich mit unseren Patronen gegenseitig die Köpfe kaputtschießen, kann uns natürlich egal sein. Hier aber handelt es sich um Giftgase! Um Waffen, die bisher im Interesse der Landesverteidigung streng geheim gehalten worden sind. Die neuesten Gase, Projektors und Lancierrohre! Ich weiß wirklich nicht, ob ...“

Harnish hat die eben angezündete Zigarre wieder aus der Hand gelegt und ist aufgestanden. Ganz dicht tritt er an den Sergeanten hin, der sich gleichfalls erhoben hat.

„Und wenn ich Ihnen nun sage, Bixton: Diese Waffen bedeuten keine Gefahr mehr für uns? „Harnish greift in die Tasche und zieht aus einer Ledermappe ein Blatt hervor, hält es dem Sergeanten vor die Nase. „Hier, Bixton. Der Beweis. Sie sind als Gasmann geschult, können eine Formel lesen. Bixton.“ Ein Triumphieren kommt in Harnishs sonst so trockene Stimme — „ein neues Gas! Ein Gas, das zehnfach stärker wirkt als Lewisit! In wenigen Tagen beginnen wir mit den praktischen Versuchen.“

„Wirklich, Mr. Harnish?“ Bixtons Augen fressen förmlich die neue Formel in sich hinein. Seine Augen strahlen. „Dann freilich!“ Mit einem Ruck nimmt er plötzlich militärische Haltung an:

„Alles in Ordnung, Mr. Harnish. Und mein dummes Zweifeln nehmen Sie nicht übel?“

Harnish schlägt ihm auf die Schulter, wohlwollend und vergnügt wie selten. „Nonsens, Bixton! Gehen Sie zu Ihren Kameraden. Das heißt — halt,“ unterbricht er sich plötzlich, und ein leises Zwinkern kommt in seine Augen — „wissen Sie eigentlich, was heute für ein Tag ist?“

Eine leichte Befangenheit malt sich in Bixtons Zügen. „Ich glaube ... Miß Harnish hat heute Geburtstag, nicht?“

„Akkurat! Und da treten Sie hier an, so mir nichts, dir nichts, ohne einen kleinen Blumenstrauß?“

Bixton lächelt verlegen, hilflos. „Mr. Harnish, wie könnte ich ...“ aber Harnish unterbricht ihn mit einer wegwerfenden Handbewegung:

„Reden Sie keinen Unsinn, Bixton! Jane schätzt Sie sehr. Oder meinen Sie, ich wüßte nichts von eurer Freundschaft, von abendlichen Spazierfahrten unten am Fluß und so, von einem gewissen Bixton der um das Werktor lungert, sobald er dienstfrei ist, he? Meinen Sie, ich sei blind?“

Da steht nun Bixton, blutübergossen, verschämt wie ein Schuljunge trotz seiner dreiunddreißig Jahre.

„Verzeihen Sie, Mr. Harnish, daß ich ohne Ihr Wissen ...“

„Blödsinn!“ Harnish schneidet sich gemütlich eine neue Zigarre an. „Jane tut, was sie will. Wenn sie Gefallen findet an dieser Freundschaft — gut. Und wenn sie mehr will — auch gut. Sie sind ein braver Bursche, Bixton, Amerikaner, keiner von den blutigen Ausländern. Die Tochter I. T. Harnishs braucht nicht nach dem Bankkonto zu fragen, und dem Schwiegersohn I. T. Harnishs steht der Weg zu Stellung und Ansehen offen.“

„Mr. Harnish!“ Bixton hat plötzlich ein Gefühl, als höre er tausend donnernde Wasser um seinen Kopf brausen.

Harnish redet sich künstlich in Begeisterung:

„Wofür haltet ihr mich denn, he? Für einen Haustyrann? Für einen Snob? Dollarprotz? Unglückliche Liebe des armen Mannes zur Millionärstochter? Geschmacklos! Mode von vorgestern. Trägt heute niemand mehr. Nee, mein Junge! Meine Tochter will ich glücklich sehen. Wenn Jane Sie liebt — ich hab sie stark im Verdacht. Und Sie, mein Lieber, wissen es natürlich schon?“

Bixton schnappt förmlich nach Atem. „Ich ... ich habe nie gewagt, mit Ja ... mit Miß Harnish darüber zu sprechen.“

„Allzu bescheiden.“ Harnish pafft wie ein Schlot. „Bleib nur ja Soldat, Bixton, hörst du? Werd mir ja kein Kaufmann! Will dir mal was sagen, Junge. Mach, daß du in die Stadt kommst! Verschaff dir einen Blumenstrauß und tritt hier an als Gratulant! Betrachte dich als eingeladen! Sprich dich aus mit Jane! Und wenn der Geburtstag mit einer Verlobung endet — all right. Ich mach euch keinen Knoten in den Faden.“

„Mr. Harnish ... ich ... ich ...“ Mit beiden Händen greift Bixton nach den Händen Harnishs, gerührt, selig.

Harnish wehrt ab. „Mach, daß du fortkommst, Bixton! Daß Jane dich nicht hier findet, so ganz ohne Blumenstrauß.“ Während er den von innerer Seligkeit fast Taumelnden zur Tür bugsiert, verändert sich plötzlich sein Gesicht. Aus dem gebefreudigen Strahlen taucht für einen Moment wieder die trockene, harte Geschäftsmaske auf. Er faßt den Sergeanten an der Schulter und dreht ihn zu sich herum.

„Ja so, die Formel. — Die neue Gasformel haben Sie natürlich vergessen.“

Bixton ist zu selig, um in diesem Augenblick lügen zu können. Seine hellen Augen strahlen Harnish förmlich an.

„Vergessen? Nie im Leben werd ich die vergessen, Mr. Harnish. Es war Pentaetyldicyanit.“

Harnishs Lider werden für eine Sekunde ganz schmal.

„Schade,“ sagt er trocken. „Wäre besser, Sie hätten sie sich nicht so genau gemerkt.“ In seine Stimme kommt ein Klang wie von Stahl:

„Die Formel ist Staatsgeheimnis, Sergeant.“

Einen Augenblick sieht Bixton ihn verblüfft, verständnislos an. Dann reißt er sich zusammen zu streng militärischer Haltung:

„Selbstverständlich — Mr. Harnish.“

II.

Auch Gerhard Westphal hat heute früher Feierabend gemacht als sonst. Sein kleiner, für einen Chefchemiker der Harnish-Werke viel zu anspruchsloser Ford hat ihn schon kurz nach Mittag nach Hause gebracht. Die höheren Angestellten der Werke haben sehr hübsche, kleine, villenartige Häuschen, eine kleine Stadt für sich. Und das hübscheste davon gehört Gerhard Westphal. Es liegt ganz draußen auf den Hügeln, die Edgewood umgeben und von denen man hinuntersehen kann auf die Werke und Arbeiterkolonien. Es hat alle Bequemlichkeiten, die das moderne Amerika zu bieten vermag; helle, freundliche Räume, mit praktischer Sachlichkeit gebaut und ausgestattet, alles klar, sauber, stilvoll. Gerhard Westphal hat nicht viel verändert an diesen Räumen, die ihm als Wohnung zugewiesen wurden, keine deutsche Studentenbude daraus gemacht, kaum ein paar persönliche Möbelstücke darin aufgestellt. Es ist eine Wohnung, kein Heim. Westphals Heim, das ist die Arbeitsstätte, das Labor, der Schreibtisch in seinem Büro. Da ist es warm trotz der Leere, die von dem allzu großen Raum ausgeht. Wenn er aber nach Hause kommt in diese Wohnräume, die trotz ihrer Bequemlichkeit kalt und spröde sind wie Glas, dann überkommt ihn immer ein leises Frösteln. Wohl hängt im Herrenzimmer über dem Mammutschreibtisch ein altes Bild aus der Heimat und darunter eine verblichene Mütze der Burschenschaft „Alemannia“. Aber diese Symbole von einst wirken sonderbar lächerlich und deplaciert hier. Gerhard Westphal vermag keine Zwiegespräche mehr mit ihnen zu führen. Sie sind stumm geworden in diesen Räumen.

Während er seinen Anzug mit dem Smoking vertauscht, fällt sein Blick im Spiegel auf sein eigenes, mißmutiges Gesicht, und er schneidet unwillkürlich sich selber eine Grimasse. Wieviel hätte man heute noch arbeiten können drüben im Labor. Vielleicht ... vielleicht wäre man heute grade ein Stück weitergekommen. Ob Dr. Osborne, der erste Assistent, auch die Beobachtungen sorgsam genug registrieren wird? Ob die Verbindung, die das Dicyanit mit dem Ätylen eingegangen ist, weiter fortschreiten wird? Oder ob der Versuch, den Dr. Osborne mit der A-Gruppe unternommen hat, doch noch zu einem positiven Ergebnis führen wird?

Dr. Westphal seufzt leise. Das hilft nun nichts. Diese Geburtstagsfeier im Hause Harnish ist sozusagen Dienst. Er kommt sonst nie in die Villa Harnish, kennt den großen I. T. Harnish kaum. Aber heute ist alles eingeladen, was in den Werken eine prominente Stellung einnimmt. Da muß man schon. Resigniert bindet Dr. Westphal seine Krawatte. Schließlich wird es nicht ewig dauern. In der Nacht kann man schnell noch einen Sprung ins Werk machen und nachsehen, wie das Dicyanit reagiert hat.

Ob man ein anderes Geschenk mitbringen sollte als den obligaten Blumenstrauß? Irgend etwas Persönliches? Da liegt in irgendeiner Schublade noch eine Zeichnung, die Gerhard Westphal selber vor Jahren angefertigt hat: die Pension Mohr in Heidelberg, das laubumsponnene Haus, in dem Jane Harnish während ihrer Studienzeit gewohnt hat. Kein Kunstwerk, aber mit Liebe und Schwung angefertigt, sauber schraffiert und ausgeführt. Man könnte das Blatt in eine hübsche Mappe legen und mitnehmen. Vielleicht macht es ihr Spaß.

Dr. Westphal beginnt in den Schubfächern seines Schreibtisches zu kramen. Stöße von Tabellen, Formeln, Berechnungen, lose Blätter mit Aufzeichnungen und kaum leserlichen Hieroglyphen. Ganz unten findet er das gesuchte Blatt. Ganz nett, wenn auch nichts Besonderes. Und da sind auch noch andere Blätter mit Zeichenstudien: eine gutgemeinte, aber mißlungene Zeichnung der Heidelberger Schloßruine, Skizzen vom Hörsaal, Zeichnungen von chemischen Apparaturen, sogar Versuche zu Porträtstudien, halb ausgeführte Skizzierungen von Frauenköpfen, en face, en profil, von rückwärts — und all diese Köpfe haben in ihren reinen, strengen Linien eine Ähnlichkeit mit Jane Harnish.

Unwillig legt Westphal die Blätter obenauf in die Schublade. Auch die Zeichnung der Pension Mohr. Jane Harnish. Ihr Gesicht steht vor ihm, wie er es heute im Labor sah, wie er es seit Jahr und Tag sieht hier in Edgewood: kalt, abweisend, hochmütig, ganz Tochter des großen I. T. Harnish, Erbin der größten Giftgaswerke der Welt. Damals, ja damals waren sie Kameraden, er und die junge Amerikanerin. Heute ist er für sie nichts als einer der Angestellten ihres Vaters. Etwas geschmacklos, denkt Gerhard Westphal, daß sie bei jeder Gelegenheit die Distanz so betont, als hätte sie Angst, unser einstiges freundschaftliches Verhältnis könnte sie kompromittieren. Ich denke, weiß Gott, nicht daran, auf das Einst zurückzukommen. Den Kameraden von damals, die liebe und dabei klug-verständige Jane — einen Augenblick zögert Westphal in Gedanken, dann gesteht er sich selber mit der schonungslosen Wahrhaftigkeit eines analytisch geschulten Denkers — na ja, die hab ich einmal ... sehr lieb gehabt. Aber die Tochter I. T. Harnishs, die Frau, die gefühllos ihrem Bankkonto nachjagt und für die die ganze Chemie nur eine kaltschnäuzige Gewinnkalkulation ist ... Nee, es ist schon besser, bei dem üblichen Blumenstrauß zu bleiben.

Dr. Westphal wirft noch einen sehnsüchtigen Blick nach den Tabellen und Berechnungen, die auf seinem Schreibtisch warten, und klingelt dann Mammi, der schwarzen Haushälterin, um sich Hut und Mantel bringen zu lassen.

Im Wagen gewinnen die Arbeitsgedanken wieder die Oberhand. Ellenlange Formeln ziehen wie eine Laufschrift durch sein Gehirn, Atome schießen zusammen und auseinander und bilden neue Verbindungen, die sein Gehirn fast mechanisch registiert. Als der Wagen hält, muß Dr. Westphal sich erst besinnen, wohin er eigentlich gefahren ist. Der Blumenstrauß, der, in Seidenpapier eingehüllt, neben ihm auf dem Sitz liegt, bringt ihn in die Gegenwart zurück. Ach so, ja — Jane Harnish.

III.

Es ist schwer zu entscheiden, ob es Janes Geburtstag ist, den Edgewood feiert, oder nur den Geburtstag der Tochter I. T. Harnishs. Jane hat Freunde um ihrer selbst willen in Edgewood. Ihr ruhig-anspruchsloses, aufrichtiges Wesen, ihre ernste Arbeit und ihr Gerechtigkeitsgefühl, das sie im Werk oft genug für einen Unterdrückten eintreten ließ, haben ihr Freunde geworben. Es gibt aber auch Leute in Edgewood, die ihr nicht grün sind. Denn Jane Harnish ist verschlossen, zurückhaltend, oft so sehr, daß es ihr als Hochmut ausgelegt wird. Eines aber ist sicher: Ganz Edgewood feiert heute den Geburtstag der Tochter des ersten Bürgers der Stadt. Gleich nach dem Lunch sind die Abordnungen anmarschiert, ein regelrechter Festzug, während noch die Autos der Gäste in langen Reihen vor der Villa Harnish anfuhren. Da sind die Abordnungen der Werksleute, Beamten und Angestellten der Fabriken. Jedes Ressort, jede Abteilung hat eine Deputation geschickt: die Direktion, die kaufmännischen Büros, die Laboratorien, die Eisengießerei, die Arbeiter, die Gasleute, die Werkpolizei und die Werkfeuerwehr. Das Offizierskorps des Gasregiments ist fast vollzählig unter den Gästen. Uniformen des Unteroffizier- und des Soldatenklubs beleben den festlich-heiteren Zug, der an der Veranda vorbeidefiliert. Fahnenabordnungen der Sportklubs von Edgewood, eine lustige Gruppe des St. Lawrence-College, dessen Protektor I. T. Harnish ist, und in dem auch Jane ihren ersten Unterricht genossen hat. In buntem Gemisch die verschiedenen Deputationen der Stadt: Vereine, Klubs, Studentenverbände, Angestellte großer Firmen und Betriebe, die indirekt abhängig sind von den Harnish-Werken. Musikbanden schmettern ihre Märsche, Fahnen und Blumengewinde wogen über dem Zug, taktfest brüllen die jungen Collegemen und -girls die ulkigsinnlosen Kampfrufe ihres Campus.

Und nicht minder bunt wogt das Getriebe oben auf der breiten Veranda, von der aus Harnish und seine Gäste dem Zug zusehen. Immer noch kommen neue Gäste, Geschäftsfreunde aus anderen Städten, Mitglieder der „Society“, offizielle und offiziöse Amtspersonen der Stadt. Immer wieder muß Jane Hände schütteln, Glückwünsche entgegennehmen, während unten ein „Hipp, hipp, hurra“ nach dem anderen aus den Reihen der Vorüberdefilierenden steigt.

Surren und Brummen schwillt in der Luft an, erfüllt fast den Äther mit gleichförmigem Dröhnen: Die Flieger der Militärstaffel von Edgewood lassen es sich nicht nehmen, bei der Feier mitzuwirken.

„Sieh nur, Jane! Die Flieger! Entzückend!“ Daisy Glenn drängt sich aufgeregt an die Seite der Freundin. Augen und Gläser richten sich aufwärts zu den Flugzeugen, die in exakter Staffelung sicher und ruhig ihre Kreise über der Villa ziehen. „Achtzehn Stück,“ konstatiert Daisy befriedigt. „Die ganze Escadre.“ Ganz schnell wirft sie einen fast ehrfurchtsvollen Blick auf den ruhig und gelassen neben seiner Tochter stehenden Harnish und neigt sich dann anerkennend zu Jane.

„Dein Vater ist ein großer Mann in den Staaten, Jane.“

„Hallo!“ jubelt an der anderen Seite die blonde Gwendolyn und schwenkt wie verrückt ein kleines Sternenbanner in der Luft, „seht doch! Sie werfen Bomben mit Blumen ab, direkt über dem Haus!“

Auch Jane schaut empor zu den Riesenvögeln, von denen sich tropfenweise kleine schwarze Punkte lösen, mit rasender Geschwindigkeit in die Tiefe sausen, zwanzig Meter über der Erde plötzlich zerplatzen und einen Regen von bunten Feldblumen über die Veranda streuen. Mitten im begeisterten Applaus der Gäste lacht Jane ein wenig gezwungen auf:

„Hoffentlich kommt keine Verwechslung vor.“ Und als Daisy Glenn sie unschuldig fragend ansieht, ergänzt sie trocken: „Mit den Bomben — mein’ ich.“

Zum Glück geht das Wort verloren im Jubel der Menschen. Nur Daisy und Harnish, die zunächst stehen, haben die Bemerkung gehört. Und nur einer — Harnish — hat den bitteren Zug gesehen, der sich dabei um Janes Mundwinkel legte.

Auch Jonny Bixton sieht die Flieger, als er von der Stadt her mit langen Schritten die Straßen zum Villenviertel hinaufsteigt. Aber er jubelt nicht. Er verschluckt so etwas wie einen ehrlichen Soldatenfluch, als er die Blumen aus der Luft herunterrieseln sieht. Kein Wunder, daß er sich in Edgewood die Beine abgelaufen hat nach einem Blumenstrauß. Alle Gärtnereien, jeder Blumenladen — ausverkauft. Nur noch halbverwelkte Schnittblumen und ein paar Töpfe, mit denen man beim besten Willen nicht in der Villa Harnish antreten kann. Die Ladeninhaber zucken bedauernd die Achseln: „Wir hatten uns eingedeckt, Sir. Aber die Waren gingen ja ab wie warme Semmeln. Geburtstag im Hause Harnish. Da ist’s kein Wunder, nicht wahr?“

Sergeant Bixton ist trotz seines Glücksgefühls nicht in rosiger Stimmung, als er die Halle der Villa betritt. Hopkins, der Butler, merkt es und setzt pflichtschuldigst gleichfalls eine sorgenvolle Miene auf. Vielleicht ist es diese Jammermiene, die Bixton auf den Gedanken bringt, dem Butler sein Leid zu klagen. „Keine Blumen!‘ Hopkins wiegt bedauernd den Kopf. „Schlimm! Sehr schlimm! Der Gentleman kann natürlich nicht ohne Blumen als Gratulant erscheinen. Aber vielleicht ...“ kein Zug verändert sich in dem alten Dienergesicht, nur ganz hinten in seinen Augen blitzt ein verschmitztes Lichtlein auf, während er sich ein wenig zu dem Gast neigt: „... vielleicht kann ich dem Herrn behilflich sein.“ Mit einer runden Handbewegung weist Hopkins auf die Körbe und Sträuße, die dichtgedrängt die halbe Halle füllen. „Go on!“ Bixton erfaßt mit einem Blick die Situation, greift aufs Geratewohl einen Orchideenstrauß aus der Menge heraus und hält ihn dem Butler unter die Nase: „Wieviel?“

Tief in Hopkins korrektem Dienerherzen tobt ein stiller Kampf. Aber auf eine so sachliche und präzise Frage gibt es nur eine Antwort.

„Zwei Dollar, Sir!“ lispelt der Butler. Den Schein, den Bixton ihm gibt, läßt er mit einer kleinen zustimmenden Verbeugung in seiner Hosentasche verschwinden. Das „Danke!“ schenkt er sich diesmal. Es ist besser, so schnell wie möglich über dieses kleine Extrageschäftchen hinwegzugehen.

Drinnen im Saal hat Dr. Westphal sich inzwischen durch die Menge der Bekannten und Mitgäste hindurch Howdoyoudo’t. Er kann zufrieden sein. Harnish behandelt ihn mit ausgesprochenem Respekt, sogar mit Auszeichnung. Er hat ihn selber einer Reihe von großen Tieren der Gesellschaft und Finanz vorgestellt und jedesmal hinzugefügt: „Der beste Mann, den die chemische Wissenschaft in Amerika hat.“ Auch die anderen behandeln ihn aufmerksam. Schließlich ist Dr. Westphal der Mann, der das neue Gas gefunden hat. Ein Millionenobjekt, sagt man. Also ein Mann, der gewissermaßen Harnish ein paar Millionen geschenkt hat, ein Mann, der Vorteile bringen kann. Das imponiert auch den Dollarmenschen, die sonst nicht viel übrig haben für einen „Man of science“ und die Wissenschaft als ein wenig fruchtbringendes Liebhabergebiet betrachten. Nun steht Westphal, von Harnish selber präsentiert, endlich vor dem Geburtstagskind und kann seinen Spruch herleiern.

„Oh, wirklich? Auch Sie?“

Es liegt fast etwas Beleidigendes in Janes Worten, und die Art, in der sie seinen Blumenstrauß nimmt, streift fast an die Grenze des konventionell Erlaubten. Westphal fühlt eine Röte des Unmuts in sein Gesicht steigen, und Harnish beeilt sich, auch hier mit Nachdruck darauf aufmerksam zu machen, daß er Mr. Westphal zu großem Dank verpflichtet sei.

Jane nickt. „Ich weiß die großen Fähigkeiten Dr. Westphals wohl zu schätzen, Vater.“ Und im Bestreben, ihre Unfreundlichkeit gutzumachen, wendet sie sich an die Freundinnen, die sie — wie Sterne die Sonne des Tages — in flimmerndem, duftigem Kranz umgeben:

„Mein Vater hat keinen besseren Mitarbeiter als Dr. Westphal.“

Gerhard horcht verwundert auf. Warum nur klingt eine unverkennbare leise Bitterkeit durch diese Worte? Aber er kommt nicht dazu, darüber nachzudenken. Jane Harnish hat Brixton bemerkt, der sich etwas verlegen an die Gruppe herangedrückt hat, seine Orchideen in der Faust. Lebhaft, angeregt winkt sie dem Sergeanten zu.

„Gestatten Sie auch mir, Miß Harnish ...“

„Oh — Jonny! Wie lieb von Ihnen!“ Kameradschaftlich, herzlich streckt Jane ihm ihre Hand entgegen. Dr. Westphal ist erledigt und tritt, aufatmend, wie nach einer überstandenen Audienz, einen Schritt zurück. Die Freundinnen sehen sich vielsagend an. Jonny? Wieso — Jonny? Ihre Neugier wird rasch gestillt, denn Harnish klopft dem jungen Mann jovial auf die Schulter:

„Darf ich Ihnen Sergeant Bixton vorstellen, liebe Daisy? Mein Kurier und außerdem ein guter Freund Janes.“

„Oh!“ Daisy Glenn macht aus Gewohnheit ihre Flirtaugen, während sie dem Sergeanten die Hand reicht. Mildred Bruce kann eine ganz kleine Spitze nicht unterdrücken:

„Ich glaube, ich habe Sie schon mal gesehen, Mr. Bixton. Fuhren Sie nicht neulich über die Strandpromenade? Am Mittwochabend, glaub ich.“

„Ja, wir fuhren an dir vorbei!“ fällt Jane gelassen ein. „Wir machten gerade unsere abendliche Spazierfahrt.“

„Oh!“ Mildres märchentief verlogene Kinderaugen sitzen auf Stielen. Ringsum stehen die Plappermäuler offen vor Erstaunen. Mr. Harnish beeilt sich, der Situation die Spitze abzubrechen:

„Mr. Bixton ist ein hervorragender Soldat, meine Damen. Hat als ganz junger Bursche am Weltkrieg teilgenommen. Dekoriert von General Pershing und Marschall Foch.“

„Indeed?“ Das Interesse der jungen Damen wird lebhaft.

„Haben Sie diese Uniform im Krieg getragen?“

„Bitte, Mr. Bixton, schreiben Sie Ihren Namen hier in mein Buch! Hier — gleich hinter Mr. Schmeling!“

„Sie müssen uns vom Krieg erzählen, Mr. Bixton. Der Krieg war so interessant!“

„Der Krieg war furchtbar.“

Hart und schwer fallen Janes Worte in das Geplätscher. Seltsam, ihre Augen suchen dabei Gerhard Westphal, der sich im Hintergrund hält. Westphal begegnet dem Blick und fühlt einen Moment lang einen kalten Schrecken. Was ist das? Was da aus Jane Harnishs Augen zu ihm hinüberströmt, das ist nicht Unfreundlichkeit oder Hochmut. Das ist Haß, eine Welt von Haß.

Aber schon geht das Geplauder weiter. „Yes, deary.“ Der Gastgeberin widerspricht man nicht, wenn sie auch noch so seltsame Ansichten äußert. Die jungen Damen pflichten eifrig bei: „Wie wahr! Er war furchtbar! Man konnte im Krieg nicht mal zur Saison nach London fahren.“

Janes Augen ziehen sich von Dr. Westphal zurück, heften sich wieder auf Bixton, der nicht recht weiß, wie er sich an dem lustig dahinhüpfenden Gespräch beteiligen soll. Ihre Hand spielt mit einer Blume.

„Sind Sie gern Soldat, Jonny?“

Bixton sieht verwundert auf. Sein „Ja“ kommt so erstaunt-selbstverständlich, so ganz ohne Pathos, daß niemand an seiner Aufrichtigkeit zweifeln kann.

Jane macht eine Bewegung, als ob sie etwas erwidern wollte, aber eine der jungen Damen kommt ihr zuvor:

„Waren die Deutschen sehr schlimm im Kriege, Mr. Bixton?“

Bixton kann ein kleines Lächeln nur mühsam unterdrücken. „Die Deutschen sind tüchtige Burschen.“ Eine Erinnerung läßt ihn auftauen und gesprächiger werden, als es sonst seine Art ist. „Ich lag bei Chateau Tierry einmal vier Stunden lang mit einem von ihnen in einem Granattrichter. Wir waren beide verwundet hineingerollt. Während das Artilleriefeuer über uns wegging, verbanden wir uns gegenseitig, so gut es gehen wollte.“

„Warum haben Sie ihn nicht getötet, Jonny?“

Maßlos verblüfft starrt Bixton die Fragerin an. Ganze vier Sekunden braucht er, um die Frage zu verdauen. Dann schüttelt er vorwurfsvoll den Kopf.

„Wir waren beide verwundet, Miß Jane. Lagen im selben Loch. Die nächste Granate, ob deutsch oder amerikanisch, konnte uns beide erledigen. Kameraden.“

„Aber doch feindliche Kameraden. Ganz ehrlich, Jonny: Als Sie da mit dem Deutschen zusammen in dem Granattrichter lagen, was haben Sie da gedacht?“

Bixton besinnt sich. „Nun, ich dachte,“ sagt er langsam, „ich dachte, daß es gut sei, einmal Atem zu schöpfen, und daß wir beide jetzt Ruhepause hätten. Ein schlechter Boxer, der den Gegner angreift, wenn der Ringrichter den Gang abgepfiffen hat.“

Harnish nickt zustimmend mit dem Kopfe:

„Fair play im rauhesten Sport. Warum nicht?“ —

„Mr. Harnish!“ Der Butler hat sich durch die Gesellschaft geschlängelt und überreicht seinem Herrn eine Karte. Harnish nimmt sie vom Tablett, wirft einen Blick darauf und zieht die Augenbrauen hoch:

„Ach, du lieber Gott! Professor Elkins, Präsident der Vereinigung der Friedensfreunde.“ Er zuckt die Achseln und wendet sich fragend an Jane: „Kann ihn nicht gut abweisen lassen.“

„Warum auch?“ Jane hatte sich in ihrem Sessel etwas aufgerichtet. „Ich freue mich, ihn kennenzulernen.“

Professor Elkins ist ein eleganter Fünfziger vom ausgesprochenen Typ des amerikanischen Salon-Gelehrten. Ein Paar gute, etwas kurzsichtige Augen versöhnen mit seiner für einen Mann der Wissenschaft reichlich auffallenden Eleganz. Alles in allem: ein interessanter Mann, dem man seine Erfolge in der älteren Damenwelt der Society ohne weiteres glaubt. Für die Freundinnen Janes ist Professor Elkins eine kleine Sensation, denn bei seinem Erscheinen ist die von Daisy aufgeworfene Frage, ob die „Friedensfreunde“ eine neue Kirche sind oder nur eine alte republikanische Gesellschaft aus dem amerikanischen Bürgerkrieg, noch nicht voll geklärt, der Professor also jedenfalls noch von einem mystischen Halbdunkel umgeben. Und nichts reizt die im hellsten Sonnenlicht lebende Lady so sehr wie das Dämmerdunkel.

Auf die Vorstellung Harnishs macht Professor Elkins eine tiefe Verbeugung vor Jane:

„Miß Harnish? Dann kommt mein Dank gleich an die richtige Adresse.“ Jane winkt ab: „Erwähnen Sie es nicht, Herr Professor!“ Aber niemand kann Professor Elkins am Reden hindern, wenn er reden will. Und so erfährt Harnish zu seinem Erstaunen, daß Professor Elkins gestern für die „Vereinigung der Friedensfreunde“ einen von Miß Harnish unterschriebenen Scheck über 2000 Dollar erhalten hat, einen Scheck, der, wie Professor Elkins mit Nachdruck erklärt, anstandslos von der Bank honoriert wurde. Auch die Freundinnen sehen Jane erstaunt an, wenngleich aus einem anderen Grunde als Harnish. Nur zweitausend Dollar? Ist das nicht etwas wenig für Jane Harnish, die das Recht hat, jede beliebige Zahl auf die Blankoschecks ihres Vaters zu setzen? Woher soll man auch wissen, daß diese 2000 Dollar nichts zu tun haben mit den Schecks I. T. Harnishs, sondern einen guten Teil der Jahresgage darstellen, die Jane als Chemikerin des Werkes bezieht?

„Sie werden mein Erstaunen, mein freudiges Erstaunen begreifen, Mr. Harnish,“ fährt der Professor fort, „grade aus Ihrem Hause eine derartige Spende zu erhalten.“ Und etwas pathetisch fügt er hinzu: „Uns trennen ja schließlich Welten!“

Harnish zieht die Brauen hoch. „Wieso?“

In Professor Elkins’ Gesicht kommt jener kleine spitzfindig-ironische Zug, der ihn zum gefürchteten Diskussionsredner in den Versammlungen macht:

„Wir bekämpfen die Waffen — Sie produzieren sie.“

Harnish nickt gelassen. „Yes. Noch mehr Waffen. Noch viel mehr Waffen. Granaten, Maschinengewehre, Tanks, Gase. Muß so sein.“ Seine Stimme bekommt einen warmen, fast herzlichen Klang. „Ich habe heute das erstemal das Vergnügen, Sie zu sehen, Professor Elkins, und von Janes Spende wußte ich nichts. Aber ich billige sie. Durchaus. Sie ist mir sogar lieb. Nur in der Zahl hat sie sich wohl vergriffen. Ich werde Ihnen morgen einen Scheck über 20 000 Dollar zugehen lassen. Und die Damen ...“ Harnish macht eine runde Handbewegung zu den neugierig lauschenden Ladies hin, „... ich bin überzeugt, die Damen werden sich ebenfalls gern an der Spende beteiligen.“

„Sicherlich!“ — „Schreiben Sie mir Ihre Adresse auf, Herr Professor!“ — „Ich werde meinen Vater bitten, so zu tun, wie Mr. Harnish.“ —

Professor Elkins verbeugt sich dankend nach allen Seiten. Etwas betreten, mit leicht zusammengekniffenen Augen. Harnish lächelt dünn.

„Sie fürchten, lieber Professor, daß Sie eine Geldspende von mir, dem Rüstungsfabrikanten, kompromittieren könnte?“

Elkins fährt sich mit dem Taschentuch leicht über die Stirn. „Ganz kraß gesagt, ja, Mr. Harnish. Indessen ... ich gestehe wirklich ...“

Harnishs breite, siegelringgeschmückte Hand legt sich wohlwollend auf die Schulter des Professors:

„Sie wollen doch den Frieden?“

Professor Elkins schaut auf. Seine Unsicherheit ist wie weggeblasen. In seine Augen kommt ein warmes, gutes Licht:

„Im Namen der Menschheit — ja!“

„Na, sehen Sie!“ Harnish nickt befriedigt. „Da stimmen wir schon überein. Wir wollen auch den Frieden. Darum produzieren wir Waffen. Jawohl! Reden Sie nicht, lieber Professor, sondern hören Sie mal ganz ruhig zu! Es gibt immer Verbrecher unter den Menschen, böse Elemente. Gegen die kleinen, die höchstens eine Gangsterbande hinter sich haben, genügt die Polizei, die Sie doch gewiß bejahen werden. Gegen die großen aber, die ganze Völker aufhetzen, müssen wir eine Wehrmacht haben, eine starke Macht, mit allen Kampfmitteln, die diese Gegner des Friedens selber besitzen. Unsere Wehrmacht soll in erster Linie groß genug sein, um unsere Küsten zu schützen. Wir wollen aber darüber hinaus Polizei sein, wollen die üblen Elemente der ganzen Welt zwingen, ihre verbrecherischen Gelüste zu unterdrücken. Auf daß endlich einmal Ruhe wird in der Welt!“

Es ist still geworden in dem kleinen Kreis in der Palmennische des Wintergartens. Harnish hat nicht laut gesprochen, eher leise. Aber in seiner Stimme hat eine so grollende, stahlharte Eindringlichkeit gelegen, daß selbst die Mündchen der Marzipanprinzeßchen ringsum verstummt sind.

Zum zweiten Male fährt Professor Elkins sich mit seinem Seidentuch nervös über die Stirn:

„In der Tat ... Mr. Harnish ... ich bin nicht ganz einig mit Ihnen ... immerhin, ich muß gestehen, daß Ihre Auffassung ein ganz neues Licht auf manche Probleme wirft und daß ich ...“ er atmet hörbar auf und fährt dann rasch fort ... „... erst jetzt mich ganz berechtigt fühle, die hochherzige Spende Miß Harnishs im Namen der Vereinigung der Friedensfreunde dankbar anzunehmen. Vielleicht ... vielleicht geben Sie mir eine Möglichkeit, einmal die angeschnittenen Probleme ausführlich mit Ihnen zu erörtern. Hier würde es ...“ mit einer vollendeten Verbeugung gegen die Damen ... „gewiß die Ladies allzu sehr langweilen.“

Harnish nickt freundlich. „Jederzeit, lieber Professor! Senden Sie mir nur vorher eine Zeile.“ Ein kurzer Händedruck der beiden Männer, während Harnish gleichzeitig einen fragenden Blick des bereits seit einigen Minuten erwartungsvoll herüberschauenden Butlers mit einem Kopfnicken beantwortet. Hopkins, der Butler, wendet sich um und hebt die Hand. In der nächsten Sekunde beginnt die auf der Estrade halb hinter Blattpflanzen verborgene Musikkapelle den ersten Tango zu intonieren. Das schwirrende Geplauder im Saal verstummt. Die Gruppen lösen sich auf in Paare. Zehn, zwölf Gentlemen stürzen beflissen auf Jane Harnish zu. Aber Jane kommt allen zuvor. Sie ist aufgestanden und hat wie etwas Selbstverständliches Bixtons Arm genommen. Krebsrot vor Stolz, von fragend verwunderten Blicken und erregtem Tuscheln gefolgt, führt Jonny Bixton die Tochter I. T. Harnishs zum Tanz.

Nachdenklich sieht Gerhard Westphal der Tanzenden nach. Zum ersten Male seit langer Zeit beschäftigt ein Problem sein Gehirn, das nicht mit chemischen Formeln zu lösen ist.

IV.

Um dieselbe Zeit, während die Empfangsräume der Villa Harnish ein Gewoge von festlich gekleideten, lächelnden Menschen sind, lockende girrende Geigenklänge um die leise vibrierenden Kronleuchter schwirren, läuft auf der breiten Landstraße, die vom Werk zum Villenviertel führt, ein Mensch, eine Frau in einem einfachen, blauen Kattunkleid und ausgetretenen Schuhen, läuft ... läuft mit aufgelöstem, fliegendem Haar, mit schreckverzerrtem Gesicht, läuft, ohne sich um die erstaunten Gesichter einiger Arbeiter zu kümmern, die ihr vor einer Haustür nachsehen.

„Hallo, Mary! What’s the matter?“ Ein junger Arbeiter, der ihr entgegenkommt, bleibt, den Weg versperrend, mitten auf der Straße vor ihr stehen. Die Frau sieht ihn an, wild, verzerrt. Ihr Atem stöhnt, zerpflückt die Worte, die sie hervorstoßen will. Mit einer jähen Armbewegung stößt sie den Burschen beiseite, läuft ... läuft ... läuft ...

In der Villa Harnish heben ein paar tanzende Paare verwundert die Köpfe. Die Musik spielt, der Tanz geht weiter. Aber es ist eine Unruhe im Saal. Immer mehr Leute sehen fragend nach der Türe. Hier und da bricht ein Paar den Tanz ab. Köpfe stecken sich zusammen. Immer lauter, immer mehr die Musik übertönend, dringt aus dem Vestibül ein sonderbarer Lärm, das gelle Kreischen einer entfesselten, leidenschaftlichen Frauenstimme.

Mr. Harnish macht mit gerunzelter Stirn ein paar Schritte auf die Tür zu. Der Tanz stockt. Da ist der Butler, Ratlosigkeit in dem eingefrorenen Dienergesicht. Harnish fährt ihn an:

„Was ist das für ein Spektakel da draußen, he?“

Hopkins hebt die Arme wie zwei matte Flügel. „Da ist eine Frau ... Mr. Harnish ... sie tobt und schreit ... läßt sich nicht abweisen ... will unbedingt zu Ihnen ...“

„Was für eine Frau? Da soll doch ...“ Harnish geht ärgerlich mit langen Schritten quer durch den Saal auf die Tür zu. Im selben Augenblick aber fliegen die Türflügel schon auf, schlagen heftig rückwärts gegen ein paar mannshohe Cloisoné-Vasen. Einer der Diener taumelt, von einem Fauststoß getroffen, rücklings in den Saal. Ein zweiter sucht mit Gewalt die Frau festzuhalten, die sich in den Saal drängen will.

„Loslassen!“ gellt die schrille Stimme der Frau. „Verdammter Hund! Knecht! Lump! Laß los!“ Mit einem wilden Ruck hat sich die Frau auch von dem zweiten Diener losgerissen, stürzt auf Harnish zu, das Haar wirr in die Stirn hängend, die Bluse aufgerissen, die Fäuste geballt, Wut und Entsetzen im Gesicht:

„Ihr Hunde! Ihr Schweine!“ Harnish weicht unwillkürlich einen Schritt zurück vor dem Haß, der ihm wie Feueratem aus der keuchenden Stimme entgegenloht. Einige Damen schreien entsetzt auf und drängen sich ängstlich an ihre Kavaliere. Jäh bricht die Musik ab. Durch das plötzliche Schweigen aber schrillt die Stimme eines verzweifelten Weibes:

„Mein Vater! Sie schlagen ihn tot! Sie treten ihm mit Füßen ins Gesicht! Er hat den Tank III geöffnet!“

„Hopkins! Bixton! Masken!!“ I. T. Harnishs Stimme ist heiser. Sein beherrschtes Gesicht ist unwahrscheinlich weiß geworden.

Steil richtet sich Jane auf, löst sich aus den Armen Bixtons und geht mit ruhigem Schritt auf die Frau zu.

„Wer — sind Sie?“

Ist es die ruhige Frage Janes, ist es die Reaktion nach der furchtbaren Aufregung — die Frau wird plötzlich ganz klein, kriecht förmlich in sich zusammen. Der Haß erlischt in ihren Augen, ein wildes Schluchzen durchschüttert ihren Körper. Jane führt sie zu einem Sessel und kauert sich bei ihr nieder.

„Ruhig, ruhig! Was ist mit dem dritten Tank?“

„Der Tank ist dicht,“ sagt hinter Jane eine ruhige Stimme.

Jane hebt mit einem Ruck den Kopf und wendet sich um.

„Sie ...!“

Gerhard Westphal sieht ganz ruhig in diese Augen, die wieder sprühen von verhaltenem Haß. Diesmal begegnet er Janes Blick fest und sicher, es spielt sogar ein winziges Lächeln um seinen Mund, sarkastisch fast.

„Ich weiß, daß der Tank dicht ist, Miß Harnish. Denn sonst wären wir schon ...“

Auch Harnishs Augen hängen an dem Sprecher. Sein Gesicht entspannt sich, die Farbe kehrt zurück. Jane antwortet nicht. Sie hat sich, Westphal den Rücken drehend, wieder zu der Fremden gewandt und streichelt ihre verkrampften Hände. Das Schluchzen der Frau löst sich in ein leises Weinen, aus dem ein gestammeltes Erzählen quillt:

„Mary Croft heiß ich, Madam. Wir arbeiten im Werk, mein Vater und ich. Er ist krank, nicht ganz richtig im Kopf, seitdem er gasvergiftet ist. Die Detektive haben ihn erwischt, als er gerade den dritten Tank öffnen wollte. Ich kam dazu, wie sie auf ihn einschlugen. Da bin ich hergerannt ... weiß nicht wie ... hab immer nur fortgestoßen, wer mich aufhalten wollte ... Helfen Sie doch! Sie schlagen ihn tot!“ Die Stimme der Frau flammt wieder auf, kreischend, mißtönend, daß sich die Damen entsetzt die Ohren zuhalten. „Sein Gesicht war nur noch ein Blutklumpen!“

„Vater!“ Jane hebt die ruhigen, grauen Augen zu Harnish, der schweigend dasteht und sich die Unterlippe zerbeißt, gleitet hinüber zu dem Freund:

„Bixton! Rufen Sie sofort das Werk an. Man soll ihn nicht schlagen. Mr. Harnish verbietet es!“

„Er weiß ja nicht, was er tut!“ wimmert die Frau. Ihre Worte überstürzen sich, wiederholen sich. „Er war ja von Sinnen! Ist ja krank!“ Mit einer kraftvollen Bewegung reißt sie sich von Jane los, springt auf, lodernd, rasend:

„Hätt er’s nur getan! Dann wär jetzt alles aus! Dann wärt ihr alle hin! Ich! Ihr alle! Mörder! Blutsauger! Schufte, ihr! Jetzt stirbt er allein!“

Wild hysterisch beginnt sie plötzlich zu singen, ein paar Takte der Internationale: „Völker, hört die ...“ bricht jäh wieder ab und sinkt wimmernd auf den Stuhl zurück: „Jetzt ... ist er wohl längst schon totgeschlagen.“

„All right, Mr. Harnish!“ Bixton kommt hastig aus dem Vorzimmer zurück. „Keine Gefahr. Der Tank ist dicht geblieben.“

Ein Paar leere Augen sehen ihn an. Zweimal leckt Harnish sich kurz über die trockenen Lippen. Dann hat er sich in der Gewalt.

„Das weiß ich längst, Bixton. Denn sonst ...“ Er verschluckt etwas und wirft einen kurzen Blick auf Westphal, der gedankenvoll Jane beobachtet, die um die weinende Frau bemüht ist. „Dr. Westphal hat recht.“ Harnishs Stimme klingt wieder sachlich und bestimmt. „Und ... der ... Kerl?“

„Ein Arbeiter namens Croft hat versucht, den Tank zu öffnen. Wurde von den Wächtern dabei erwischt.“

„Und totgeschlagen!“ Ein Wimmern vom Sessel her. Bixton zieht die Brauen hoch.

„Man hat ihn übel zugerichtet. Aber jetzt hat ihn die Polizei bereits ins Hospital transportiert.“

Ein Aufschrei. Ungläubig starrt die Frau den Sergeanten an.

„Er lebt? Sagst du, daß er lebt, Soldat?“

„Ruhig, Mary Croft, ruhig! Du hörst ja ... „Jane beugt sich wieder über die Frau und drückt sie in den Sessel zurück.

Harnish wendet sich mit einem Ruck zu den Gästen, die erschrocken, verständnislos sich um die Gruppe geschart haben:

„Ein verrückter Attentäter.“

„Ein Kommunist!“ echot grollend ein älterer Gentleman in Harnishs Nähe. Mary Croft fährt wieder auf:

„Jetzt soll er Kommunist sein! Damit ihr ihn ins Zuchthaus schicken könnt! Kapitalistenbande! Er ist kein Kommunist! Nie gewesen! Hat gar nichts damit zu tun! Ich! Ich bin Kommunistin! Daß ihr’s wißt! Aber nicht er! Er ist krank! Nicht Kommunist! Krank!“

„Lassen Sie das Geschrei!“ Harnishs Worte kommen scharf und Gehorsam heischend. Seine Selbstbeherrschung ist nahe am Ende. „Warum, zum Teufel, arbeitet er denn, wenn er krank ist?“

„Wir müssen doch leben, Herr!“ Marys Stimme ist plötzlich wieder ganz hilflos und ergeben geworden. „Das Geld langt doch nicht. Wo sollen wir denn hingehen? Ich erwarte ein Kind. Bald schon. Und Schulden ...“

„Sei ruhig, Mary!“ Mit einer stillen, behutsamen Bewegung streicht Jane ihr über das wirre Haar, ein paar ihrer Freundinnen schieben sich mitleidig, furchtsam näher heran. Jane streckt die Hand aus: „Gebt mal ein Glas Wasser.“

Eifrig hält Daisy Glenn ihr Täschchen hin:

„Hier, Jane. Eau de Cologne.“

Hinter ihrem Rücken flüstert Mildred vorwurfsvoll der platinblonden Gwendolyn zu: „Gib ihr doch einige von deinen Pralinés, Gwen.“

Mary Croft springt plötzlich von neuem auf. Selbst Janes sportgewohnte Arme vermögen sie nicht zu halten. „Ich will zu ihm! Ich will sehen, ob er lebt!“

Als sie aus der Tür ist, geht es wie ein Aufatmen durch die Gesellschaft. Ein Summen von Stimmen schwirrt durch den Raum. Menschen umdrängen Mr. Harnish, fragend, beklagend, debattierend. Menschen umdrängen Jane, neugierig, schwatzend, bedauernd. Daisy Glenn ist noch fast fassungslos.

„Was war das nur, Jane?“

Jane sieht sie an und fühlt einen Augenblick einen unverständlichen, törichten Haß gegen dieses sorgfältig zurechtgmachte Schönheitsköniginnen-Gesicht.

„Ein Ruf aus der Welt, die ihr nicht kennt!“ sagt sie kurz und dreht der Freundin fast unhöflich den Rücken.

Harnish hat sich aus der Menge zurückgezogen und diskutiert etwas abseits mit Bixton und einigen Herren der Werksdirektion den Vorfall, jetzt wieder ganz der Herr der Harnish-Werke. Blödsinn, einen kranken Menschen ins Werk zu lassen! Kann ja namenloses Unheil anrichten. Harnish packt in Erinnerung an den ausgestandenen Schrecken die blinde Wut:

„Der Mann, der diesen Croft eingelassen hat, fliegt. Und der alte Esel selber natürlich auch!“

„Willst du den kranken Mann davonjagen, jetzt, nachdem man ihn zu Schanden geschlagen hat, Vater?“ Jane ist zu der Gruppe getreten, Empörung im Gesicht. Harnish lenkt ein. „Warum sie mich nur alle für einen Unmenschen halten? Ich glaube, sogar du, Jane? Meinetwegen können sie ruhig wohnen bleiben in der Kolonie. Aber ins Werk kommt mir der Idiot nicht mehr.“

„Klar, Mr. Harnish,“ wirft einer der Direktoren ein. „Wir können keine Verrückten im Werk brauchen.“

Jane ist noch nicht zufrieden. „Wie kannst du überhaupt erlauben, daß deine Detektive einen Menschen balbtot schlagen! Verhaften können sie ihn. Aber doch nicht mißhandeln!“

Ehe Harnish antworten kann, ist hinter Jane wieder Westphals ruhige Stimme:

„Das hat der Mann sich selber zuzuschreiben.“

„Ihre Ansicht brauch ich nicht zu hören, Dr. Westphal.“ Eine abgrundtiefe Verachtung liegt in dem Blick, mit dem Jane den Chefchemiker mißt. „Die ist ja gegeben. Ein Menschenleben ist für Sie ...“

„Erlauben Sie, Miß Harnish.“ Bixtons starkes Gerechtigkeitsgefühl zwingt ihn, sich einzumischen. „Es waren nicht nur die Detektive, die den alten Croft verprügelten. Auch Arbeiter. Recht war’s gewiß nicht, aber die Leute waren sinnlos vor Todesangst, als sie den Mann am dritten Tank hantieren sahen. Das entschuldigt sie.“

Sekundenlang sieht Jane den Freund an. Eine scharfe Erwiderung liegt ihr auf der Zunge. Plötzlich aber senkt sie den Kopf: „Ja ... Das ... versteh ich,“ sagt sie leise.

Die Musik spielt längst wieder. Es wird auch wieder getanzt. Aber eine rechte Stimmung will nicht wieder aufkommen. Der Mißklang war zu schrill. Als aufmerksamer Wirt fühlt Harnish die laue Stimmung im Saal. Willkommene Gelegenheit. Draußen im Park flammen eben die bunten Girlanden der Glühbirnen auf. Harnish beeilt sich, seinen Gästen eine Promenade durch den illuminierten Park vorzuschlagen. Lebhafte, freudige Zustimmung antwortet ihm. Man ist froh, über den peinlichen Zwischenfall hinwegzugleiten. Die Daisys, Mildreds, Glorias und Gwendolyns sind Feuer und Flamme. Eine Polonaise im Park! Jane, das Geburtstagskind, muß natürlich an der Spitze gehen. Aber Jane entschuldigt sich. Sie habe Kopfweh. Daisy Glenn schlägt sich vor den Kopf. Natürlich! Wie konnte man nur vergessen. Die Frau mit ihrem Geschrei muß ja die arme Jane entsetzlich aufgeregt haben.

„Weißt du was, Jane?“ huschelt sich Daisy an die Freundin. „Wir lassen die anderen gehen. Ich bleib bei dir. Wir setzen uns ganz still in eine Ecke. Ich mixe dir einen richtigen Martini und singe dir was vor, ja?“

„Wir wollen Jane lieber allein lassen.“ Harnish hat die Kleine sanft am Arm gefaßt und von Jane weggezogen. „Bixton mag ihr inzwischen Gesellschaft leisten. Ich glaub, er hat ihr sowieso was zu sagen.“ Die letzten Worte sind mehr an Jane gerichtet, die verwundert ihre Augen von dem Vater zu dem nervös an seinem Jackett fingernden Bixton gleiten läßt, während Harnish behutsam, aber unwiderstehlich die enttäuschte Daisy zu den bereits gruppenweise abwandernden Gästen führt. Es ist natürlich eine Ehre, am Arme I. T. Harnishs in den Park zu gehen, aber Daisy wäre doch lieber bei Jane zurückgeblieben. Noch an der Tür wirft sie einen zögernden Blick zurück. Bixton? Was hat denn Mr. Bixton Jane zu sagen? Mr. Harnish legt mit hochgezogenen Brauen den Finger an den Mund:

„Staatsgeheimnis, liebe Daisy!“

V.

„Nun, Jonny? Was hast du mir denn so Wichtiges zu sagen?“ Hinter den beiden Menschen fällt leise raschelnd ein japanischer Perlenvorhang zusammen. Jane weist mit einer leichten Handbewegung auf einen Sessel in dem kleinen japanischen Kabinett, das die beiden umfängt.

Bixtons Augen hängen an dem herben Mädchengesicht, und plötzlich überfällt ihn eine sonderbare Mutlosigkeit. Er weiß, daß er dieses Gesicht da liebt, ehrlich und aufrichtig. Ist kein Gedanke in ihm gewesen an eine andere Frau, seitdem diese hellgrauen Augen auf ihm lagen. Aber weiß er denn, ob Jane ...? Sie hat ihn bevorzugt auf den Bällen, die die Angehörigen des Werkes und die Garnison im letzten Winter veranstalteten. Sie hat geduldet, daß er abends am Werktor auf sie wartete und sie im Wagen nach Hause begleitete. Sie hat Spaziergänge mit ihm gemacht am Flußufer entlang, lange Spaziergänge, auf denen sie ernste, ruhige Gespräche geführt haben. Sie hat Freundschaft mit ihm geschlossen und ihn niemals verleugnet, ob er sie nun in Gesellschaft mit seinem Obersten oder mit großen Tieren der Hochfinanz traf. Aber wer sagt denn, daß sie ihn liebt? Nie ist ein Wort von Liebe zwischen den beiden gefallen. Und doch hat es Tage gegeben, an denen Jonny Bixton wie in einem Taumel heimwärts zu seiner Kaserne gegangen ist. Weil er in ihren Augen ein Licht gesehen hatte, das nichts zu tun hatte mit Freundschaft und Kameradschaft.

„Nun, Jonny? Janes Hand spielt etwas müde mit den Blumen, die Jonny Bixton ihr gegeben und die sie aus dem Blumenwust des Festsaales mit hinübergerettet hat in diesen stillen Winkel. Der Sergeant reißt sich zusammen und räuspert sich ein wenig:

„Darf ich zunächst ... Ihr Vater war so gütig, mich heute einzuladen. Darf ich fragen, ob es auch Ihnen recht ist, Jane, daß ich hier bin?“

Ein ganz leises, müdes Lächeln geht über Janes schmales Gesicht. Sie nimmt eine der Blumen aus Jonnys Strauß, führt sie leicht an die Lippen und befestigt sie dann an ihrer Brust. Ein langer, ruhevoller Blick hält Jonnys Augen gefangen.

„Zufrieden mit der Antwort — Jonny?“

Bixtons Brust hebt sich unter einem schweren Atemzug. Seine Hände machen eine halbe Bewegung über den kleinen Tisch hinüber, als wollten sie die Hände des Mädchens ergreifen. Halten verzagt inne. Heiser klingt die Stimme vor Erregung:

„Jane, ich ... ich wollte Sie fragen ...“

Das Mädchen sieht das Zucken im Gesicht des Mannes. Sie liest deutlich in den brennenden Augen, was jetzt kommt, und ein Erschrecken tritt in ihr Gesicht. Unwillkürlich hebt sie abwehrend die Hand:

„Nicht, Jonny ... Sie sollen das nicht ...!“

Aber Bixton vermag nicht mehr einzuhalten. Selbst wenn er wollte, die Worte brechen über seine Lippen, ohne daß er sie einzudämmen vermag:

„Jane ... ich bitte Sie ... werden Sie ... meine Frau!“

Sekundenlang hängt ein schweres Schweigen zwischen den beiden. Bixton lauscht atemlos seinen eigenen Worten nach. Jane sinnt vor sich hin, jetzt mehr traurig als erschrocken. Um ihre Mundwinkel zuckt es leise. Dann versucht sie die Sache scherzhaft zu nehmn.

„Junge, woher nimmst du heute die Courage?“

„Mr. Harnish ... er hat mit mir gesprochen ... er ... Jane, er hat nichts dagegen.“

Einen Augenblick ist Jane doch überrascht, „Also daher der Mut?“

Bixtons Augen leuchten. „Ja. Ihr Vater ist ein herrlicher Mensch, Jane.“

Nachdenklich schaut das Mädchen vor sich hin. Kleinlich, nein kleinlich ist Vater nicht. Daß er ohne weiteres bereit ist, Bixton als Schwiegersohn anzunehmen, nur weil er ihr gefällt — das sieht Daddy ähnlich. Einen Augenblick lang hat Jane das Gefühl, als habe sie dem Vater etwas abzubitten, ein kindlich-gutes, gerührtes Gefühl. Aber dann wandern ihre Gedanken wieder zurück zu dem Mann, der da vor ihr sitzt und in banger Erwartung an ihren Lippen hängt. Und die kindlich-guten Gedanken zerfliegen. Was nützt das alles, wenn ... Es geht ja nicht. Janes Hände, die nervös mit den Blumen auf dem Tisch gespielt haben, werden ruhig. Zusammennehmen. Und ihm nicht zu wehe tun, dem armen ... lieben Jungen.

Langsam hebt Jane Harnish die Augen.

„Hör mich mal ruhig an, Jonny. Was du da eben gesagt hast, versprich mir, daß du mich nie mehr fragen willst, ob ich deine Frau werden will!“

„Ich liebe dich, Jane,“ sagt Jonny Bixton still und einfach.

„Als ob ich das nicht wüßte!“ Janes Stimme bebt von einer Bewegung, die zu unterdrücken über ihre Kraft geht. „Längst, Jonny. Längst hab ich das in deinen Augen, in jeder deiner Bewegungen gelesen, auch wenn du es nicht zeigen wolltest.“

Bixton sieht verlegen zu Boden. „Ich kann mich schlecht verstellen, Jane.“

„Darum hab ich dich so gern,“ sagt das Mädchen ernst. „Aber versprich mir, daß du nicht mehr fragen willst! Deine Frau kann ich nicht werden.“

Bixton läßt den Kopf hängen. „Dann — liebst du einen anderen. Vielleicht den jungen Warren?“

Ein wehmütiges Lächeln huscht über Janes Züge. Sie schüttelt den Kopf. „Nein, Jonny. Weder Mr. Warren, noch sonst jemanden.“

Bixton hat das Gefühl, als müsse er aufspringen und das Mädchen in seine Arme reißen, aber er traut sich nicht. Es ist nicht der Respekt vor der Dollarerbin, der Tochter des Millionärs. Jonny Bixton ist kein Kriecher, sondern ein freier Amerikaner. Aber eben deshalb traut er sich nicht. Er weiß nichts zu tun, als ganz verschüchtert zu sagen:

„Aber dann ist ja alles gut, Jane. Warum wollen Sie dann nicht ...“ Jonny Bixton vollendet den Satz nicht. Er starrt erschrocken Janes Gesicht an, das plötzlich wie verwandelt erscheint. Asche, graue, traurige Asche ist Janes Gesicht.

„Es geht nicht, Jonny. Wie soll ich dir das nur erklären? Sieh mal, wir sind beide junge Menschen, gesund, kräftig, lebenswarm. Kannst du dir ... kannst du dir eine Ehe zwischen uns beiden vorstellen ... ohne Kinder?“

„Wäre das denn so schlimm?“ Behutsam tastet Bixton sich an die Frage heran. „Ein liebes Baby ...“ Wieder hält er erschrocken inne, denn Janes Gesicht sieht in diesem Moment fast verzerrt aus.

„Nein! Nein!“ Wie ein heiseres Bellen klingt das. „Ich will kein Kind in die Welt setzen. Nicht in diese Welt.“ Ein nervöses Schüttern geht durch Janes Körper. Mit Gewalt zwingt sie sich zur Ruhe, preßt die Hände zusammen, daß die Knöchel weiß werden, als könne sie damit den Aufruhr in ihrem Inneren zerdrücken. „Jonny,“ flüstert sie ängstlich, „verstehst du denn nicht, daß man die Verantwortung nicht auf sich laden darf, solange der grinsende, fahle Tod aufgereckt neben uns steht? Jetzt ist er nicht mehr da. Aber eben, eben war er noch hier, mitten unter uns, in den irren Augen des armen Mädchens, in dem schreckensblassen Gesicht meines Vaters.“ Ein kurzes, hartes Auflachen: „Hast du das nicht gesehen? Er wurde blaß! Der große I. T. Harnish wurde blaß!“

„Jane!“

Das Mädchen macht eine müde Handbewegung. „Nein. Du verstehst das nicht, Jonny. Du kennst das Gas und wagst es, an Heirat zu denken. Willst Kinder in die Welt setzen, unschuldige, süße kleine Wesen, die später einmal ... du ...“ Janes Gesicht kommt ganz nahe an Bixton heran, ihre Stimme wird zum Flüstern: „... du, das Werk frißt Kinder.“

„Jane! Um Gottes willen!“ Besorgt nimmt Bixton die Hände des Mädchens in die seinen. „Liebe Jane! Beruhige dich doch! Du bist nervös, überarbeitet, krank. Vielleicht hat dich die Sache eben zu stark erregt. Ich bitte dich ...“

„Laß nur, Jonny!“ Langsam löst Jane ihre Hände aus der Umklammerung. „Wie lange bist du hier in Edgewood? Laß sehen, ein Jahr, glaub’ ich, oder schon anderthalb, nicht wahr? Ich lebe insgesamt zehn Jahre hier. Eines Tages, in zwei, in fünf oder zehn Jahren wirst du auch verstehen, was ich dir sage. Heute mußt du schon glauben, ohne zu verstehen. Ich darf nicht deine Frau werden.“

„Jane! Du bist krank. Soll ich nicht den Arzt ...?“

„Nein, nicht!“ Jane Harnish steht auf und streicht sich über die Stirn. Ein langer, trauriger Blick streift das ratlose Gesicht des Mannes. „Geh jetzt, Jonny! Ich brauche Ruhe. Du hast recht. Ich bin wirklich etwas überarbeitet.“

Auf der Freitreppe vor der Villa stößt Bixton auf Mr. Harnish, der eben aus dem Park zurückkommt. Harnishs Gesicht weiß nichts mehr von dem aufregenden Zwischenfall mit Mary Croft. Ein wohlwollendes Lächeln legt sich darüber, als er den Sergeanten sieht.

„Na? — Schwiegersohn?“

„Noch nicht, Mr. Harnish.“

„Haben Sie nicht mit Jane gesprochen?“

„Doch, Mr. Harnish. Aber ... Miß Harnish sagte, sie könne meine Frau nicht werden.“

„Ach!?“ Mr. Harnish kneift die Augen zusammen und pfeift ganz leise durch die Zähne.

„Das ... tut mir leid, Bixton. Hatte, offen gestanden, anderes erwartet. Der Teufel kennt sich in den Frauen aus. Dachte bestimmt, daß Sie ... Aber Janes Willen respektiere ich. Und Sie, mein Junge, werden ihn auch respektieren müssen.“

Bixton sieht gar nicht niedergeschlagen aus. Trotz der Ablehnung. Denn Janes Versicherung, sie liebe keinen anderen, und ihre Erklärung, weshalb sie nicht heiraten wolle, überstrahlt in ihm alles andere und läßt die Zukunft hell erscheinen.

„Vielleicht ändert Miß Harnish doch noch ihre Meinung. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Mr. Harnish.“

„Recht so!“ Harnish drückt dem jungen Manne kräftig die Hand. „Immerhin ist es besser, wenn Sie vor den anderen vorläufig nicht davon sprechen.“

„Versteht sich von selbst, Mr. Harnish.“

„Wie gesagt ... es tut mir leid, mein Junge. Gehen Sie in den Garten zu den Gästen, verstanden? Und ...“ Mr. Harnish, schon im Begriff zu gehen, wendet sich noch einmal um und kommt dicht an Bixton heran ... „Was ich ihnen heute vormittag sagte: Die Gasformel, die Sie sich unnötigerweise so gut gemerkt haben ...“

„Die habe ich vergessen,“ lächelt Jonny Bixton.

Einen Augenblick sehen die beiden Männer sich in die Augen. Dann nickt Harnish leicht mit dem Kopf: „Es ist gut, Bixton,“ und geht in das Haus.

„Merkwürdig,“ denkt Harnish, während er durch das Vestibül in den Wintergarten geht, „daß ich mich so täuschen konnte! Glaubte doch bestimmt, daß Jane diesen Burschen ... Na, dann nicht. Wie sagte der Junge? Er hofft, daß Jane ihre Ansicht ändern wird? Da schießt er vorbei, der gute Bixton. Ich kenne doch Jane. Wenn sie Nein sagt, dann meint sie auch Nein.“ Im Grunde ist die Sache ja erledigt. Jane will eben nicht, und damit basta. Aber die Geschichte geht Mr. Harnish doch ein wenig im Kopf herum. I. T. Harnish ist nicht gewohnt, daß seine Kalkulationen sich als falsch erweisen. Er geht durch den Wintergarten, um seine Tochter zu suchen. Sie ist nicht da. Auch das kleine japanische Kabinett nebenan ist leer. Aber auf dem Tisch liegt ein Blumenstrauß, der einzige in diesem Zimmer. Mr. Harnish hat ein phänomenales Gedächtnis. Nicht nur für wichtige Geschäftssachen, sondern auch für Kleinigkeiten. Er kann wochenlang die Nummern eines Banknotenbündels, das er flüchtig durchgezählt hat, in seinem Hirn ohne Mühe reproduzieren. Er braucht nur den Namen eines seiner vierhundert Beamten zu hören und erinnert sich sofort an alle Daten und Namen des Lebenslaufes, der ihm vor Jahren einmal vorgelegen hat. Auch jetzt erkennt er in dem Blumenstrauß auf dem Tische sofort den Geburtstagsgruß Bixtons.

Nebenan im Wintergarten macht sich Hopkins zu schaffen. Mr. Harnish nimmt den Strauß und ruft den Butler an:

„Hopkins! Sind das nicht die Blumen, die Mr. Bixton gebracht hat?“

Yes, Sir. Ich ... ich glaube.“

Mr. Harnish besieht den Strauß. Orchideen sogar. Wo hat der Junge die in der Eile hergekriegt? Man sollte meinen, das Gemüse sei heute nicht mehr aufzutreiben in Edgewood und Umgebung.

„Wo er sie her hat, wissen Sie wohl nicht?“

Hopkins ist eine Perle von einem Butler. Er hat nur einen Fehler, der einem Diener nicht ziemt, aber vielleicht ist dieser Fehler Schuld daran, daß er bereits dreißig Jahre im Hause I. T. Harnish ist: Er kann seinen Herrn nicht belügen. So sagt er denn auch jetzt auf die direkte Frage Harnishs gottergeben:

„Doch, Mr. Harnish. Auch das. Mr. Bixton hat sie — draußen in der Halle — von mir gekauft.“

„Sieh da!“ Harnish sieht seinen Butler scharf an. „Machst Geschäfte mit Miß Janes Blumen, he? Wieviel hat er dir dafür gezahlt?“

Hopkins macht ein zerknirschtes Gesicht, und seine Hand zuckt schon nach der Hosentasche, um das Geld herauszugeben:

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Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
220 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711445075
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Bookwire
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