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Axel Rudolph
Auslandspass Nr. 188042

Kriminal-Roman

Saga

1.

Den ganzen Tag hat es geregnet. Erst gegen Abend hat der Wind die Regenwolken vertrieben. Durch ziehende Wolkenfetzen zwängt sich schon ein bleicher, dunstumkränzter Mond zeitweise hervor.

Otto Brielow gefällt der Witterungsumschlag gar nicht. Mondschein — das hat ihm gerade noch gefehlt. Da ist die Lichtung. Wenn man sie überquert, sind es nur noch etwa zwanzig Minuten durch den Busch bis zum Dorf. Nee, lieber nicht! So oft der verdammte Mond aus den Wolken hervorguckt, liegt die ganze Lichtung in fahler Helligkeit da. Und drüben, hinter den Kiefern des Waldrandes liegt die Jagdhütte. Man kann sie von hier aus nicht sehen, wohl aber könnte gar leicht ein Jägerauge von dort den Mann entdecken, der die Lichtung überquert.

Nebel geistern um die Senke, spinnen Fäden von Gestrüpp zu Gestrüpp. Knorrige, einzelstehende Baumstrünke drohen schwarz und schattenhaft. Nasses, hartes Gras, Sumpfland, wirres Gestrüpp und schwarze Kiefernwälder. Drüben fällt das Mondlicht auf das geisterhaft bleiche Band eines Sandweges, der sich im hügeligen Gelände verliert. Eine Nacht und eine Landschaft, in der alle Geisterchen und Kobolde der Mark lebendig werden. Man könnte träumen von Frau Hake und Frau Huk, von Irrlichtern und Nebelgeistern.

Otto Brielow hat keinen Sinn für Sagen und nächtliche Spukstimmung in Heide und Moor. Er möchte jetzt auch viel lieber Frau Hake oder dem Teufel persönlich begegnen als etwa dem Wachtmeister Panz oder zum Beispiel dem Jagdpächter von Dahlen, der da drüben in der Hütte haust. Vorsichtig schlägt er einen weiten Bogen um die Lichtung, tastet sich im Finstern durch Wald und Buschwerk, bis er zwischen den Bäumen den hellen Streifen der Landstraße schimmern sieht. Das Jagdhaus des Herrn von Dahlen liegt jetzt hinter ihm. Drüben, jenseits der Landstraße kann ihm keiner was. Das ist schon Pritzower Gemarkung.

Otto Brielow will schon mit einem Satz seiner langen Beine über den Graben und auf die Landstraße, als er plötzlich stehenbleibt, sich einen Augenblick duckt und dann sich leise in den dunklen Graben zwischen Wald und Straße gleiten läßt.

Himmelarschundwolkenbruch, was ist das nun wieder? Da hält doch ein Personen-Kraftwagen auf der Landstraße, kaum fünfzig Schritt entfernt. Ganz unvorschriftsmäßig, ohne jedes Licht. Während Otto Brielow im Graben kauert und die Lage spannt, überlegt er angestrengt, was das bedeuten kann. Daß der Wagen die Lichter ausgeschaltet hat, ist zwar ungehörig, hat hier aber nicht viel zu sagen. Über die Straße Pritzow—Wiepswalde geht nachts kaum ein Verkehr, selbst bei Tage selten genug, seitdem die neue große Autostraße in Betrieb ist. Aber wie kommt der Wagen überhaupt hierher? Kaufmann Schulzens Wagen ist es nicht, der ist bedeutend kleiner. Und sonst hat niemand in Pritzow einen Kraftwagen. Hat etwa der Alte drüben in der Hütte Besuch? Ach Quatsch, dann wär der Wagen doch in den Seitenweg eingebogen, der kaum hundert Meter unterhalb direkt bis zur Jagdhütte führt. Jedenfalls würde er nicht einsam hier auf der Landstraße parken.

Otto Brielows Gedanken beginnen das einsame Auto mit unliebsamen Gestalten in Verbindung zu setzen. Wer kann schon nächtlicherweile hier dem Wald einen Besuch abstatten? Gendarmerie? Polizei? Hm, vielleicht ist es doch ganz gut gewesen, das, worüber man seit einer Stunde innerlich geflucht hat. Nämlich, daß der Rucksack heute wider Erwarten leer geblieben ist. Das wär so was, wenn man Otto Brielow jetzt hier geschnappt hätte, mit einem fetten Hund im Rucksack. Wirklich besser so. Aber sehen darf man sich trotzdem nicht lassen. Derartige Herren — wenn es wirklich solche Brüder sind — fragen dem Teufel ein Ohr ab, wollen ganz genau wissen, warum und wieso ein Pritzower Bauer zur Nachtzeit hier durch die Heide spaziert. — Nanu!? Was war das?

Otto Brielow hat sich in seiner Hockstellung jäh herumgeworfen, reckt den Hals und horcht angestrengt in den Wald. Ein Schuß! Ohne Frage war das eben ein Gewehrschuß. Von da drüben kam’s. Ziemlich weit her, oder — der Schuß müßte da drüben im Jagdhaus gefallen sein. Ach, ist ja lächerlich. Der alte Dahlen ist doch kein Blödsinniger, der zum Vergnügen in seiner Hütte rumballert! Muß also ein ganz Ende weitab gewesen sein. Jenseits der Lichtung, wahrscheinlich in dem Waldstück, das man die Meesekiste nennt. Aber wer zum Deubel kann da jetzt schießen? Dahlen ist nicht im Revier. Der sitzt in seiner Hütte. Das ist sicher, denn Otto Brielow hat vorhin an der Lichtung deutlich Lichtschimmer durch die Ritzen der Fensterläden sehen können. Der alte Dahlen ist viel zu vorsichtig, die Petroleumlampe in seiner Holzbude brennen zu lassen, wenn er auf Pirsch geht. Verfluchtzig, sollte da jemand anders den fetten Braten geholt haben? Ein jemand, der die Frechheit hat, im Auto herzukommen? Doch, so was gibt’s. Der Schlächter-Hans aus Wiepswalde hat früher immer die geschossenen Böcke in seinem Wagen heimgefahren. So lange, bis sie ihn erwischten und ihm Brandenburg-Görden verpaßten.

Otto Brielow ist selber kein Kraftfahrer, sonst wäre ihm wohl früher schon der Gedanke gekommen, der nun erst in ihm auftaucht: Wie, wenn der unbeleuchtete Wagen da vorne eine Panne hätte! Wenn am Ende ein Unglück da geschehen wäre! Er hat schon beschlossen, sich im Graben näher heranzupirschen, um auf jeden Fall mal festzustellen, ob man etwa seiner Hilfe bedarf, als urplötzlich die Scheinwerfer des Wagens aufflammen. So plötzlich kam das, daß Otto Brielow nur eben noch durch einen Satz seitwärts dem Lichtkegel entgehen kann, der breit und frech Landstraße und Graben erhellt, Motorengeräusch — eine Minute später gleitet der Wagen an der Stelle vorbei, wo Otto Brielow sich hinter einem Fichtenstamm duckt. Die Nummer kann er nicht erkennen, so schnell ist der Wagen vorüber. Eins aber hat er ganz deutlich gesehen: daß am Steuer ein Mann saß, ein Mann in einem hellen Mantel; wahrscheinlich war es ein Regenmantel.

Komisch — sinniert Otto Brielow —, der muß die ganze Zeit im Wagen gesessen haben. Wenn er neben dem Auto gestanden hätte, müßt’ ich ihn doch in seinem hellen Mantel vorher schon gesehen haben. Durch den Wald, etwa von der Jagdhütte her, kann er auch nicht gekommen sein. Kein Mensch kann im Dunkel hier so vorsichtig gehen, daß keine Zweige knacken und ich es nicht hören sollte.

Die Hauptsache bleibt: es waren also doch keine „Grünen“. Otto Brielow will schon beruhigt seinen Weg fortsetzen, als ein neues Geräusch ihn wieder haltmachen läßt. Diesmal kommt es aus dem Wald und klingt, als ob ein starkes Tier durch das Geäst bräche. Da geht einer — stellt Otto Brielow bei sich fest. Einer, der es eilig hat. Am Ende gar der Jagdpächter Dahlen, der vorhin auch den Schuß gehört hat und mal nachsehen will, was sich in seinem Revier tut? Dem möchte ich nun nicht gern in den Weg rennen. Warten wir lieber noch ’ne Kleinigkeit.

Otto Brielow tut es. Die Gefahr, hier im Dunkeln entdeckt zu werden, ist nicht groß. Herr von Dahlen hat keine Hunde. Das Knacken der Äste verliert sich. Der Mann, der dort in der Heide ging, scheint sich in ganz entgegengesetzter Richtung zu entfernen. Also ist es doch wohl Herr von Dahlen gewesen, der sich aufgemacht hat, um nach der Ursache des Schusses zu forschen. Denn dort drüben kommt man auf keinen Weg, der zu einer Ortschaft führt.

Noch fünf Minuten wartet Otto Brielow, dann geht er rasch über die Landstraße und taucht im jenseitigen Waldstück unter. Eine halbe Stunde später schleicht er durch das Zaunpförtchen an der Rückseite des Brielowschen Häuschens, gelangt richtig, ohne Muttern zu wecken, in seine Kammer und beginnt leise fluchend die nassen Langschäftigen auszuziehen.

Otto Brielow schläft fest und gesund, bis ihn das Tagewerk aus den Posen ruft. Aber während er das Vieh besorgt, gehen ihm doch wieder die sonderbaren Dinge der Nacht im Kopf herum. Das Auto! Der Schuß! Irgend etwas stimmte da doch nicht. Als er Franek, den Hofarbeiter von Bauer Günter, draußen vorbeischlurfen sieht, einen Henkelkorb am Arm, ruft er ihn kurz entschlossen an.

Franek — kein Mensch in Pritzow außer dem Ortsvorsteher weiß, wie er sonst heißt — ist ein kleiner, vermickerter Pole aus Oberschlesien, der einmal vor zehn Jahren hier untergekrochen und ebenso lange schon bei Bauer Günter im Dienst ist. Er bringt ab und zu frische Eier und Butter zu Herrn von Dahlen in die Jagdhütte und bestätigt auf Ottos Frage, daß er auch jetzt eben dorthin unterwegs ist.

„Wart mal, Franek“, entscheidet Otto und schließt die untere Hälfte der Stalltür. „Ich werd ’n Sticke mit dir gehn.“

„Kaffee trinken kommste!“ gellt aus dem Küchenfenster die energische Stimme von Mutter Brielow. „Schämste dir nich, faulet Aast, von de Arbeit wegloofen und rumdalbern!“

„Is jut, Mutter. Ick komm schon.“ Otto winkt dem zögernden Franek, mitzukommen, und tritt in die niedere Küche, wo seine Schwester Hilde schon wild mit den Kaffeetassen klappert und Mutter Brielow ächzend Eimer schleppt. Während Otto eine breite Stulle ohne Schwierigkeit in seinem Mund verschwinden läßt, mustert er nachdenklich das verschrumpelte alte Gesicht des Polen, der bescheiden auf dem Stuhl neben der Kochmaschine hockt.

„Haste heut nacht den Schuß gehört, Franek?“

„Hab ich nix gehört“, Franek schüttelt den Kopf, „hab ich geschlafen.“

„Wat vor ’n Schuß?“ erkundigt sich Mutter Brielow streng. „Wat geht det uns an, wenn eener schießt!“

„Na, ick meene ja man bloß, Mutter.“ Otto erzählt umständlich von dem Auto und dem Schuß. „Na, siehste, deshalb hätt ick Lust, mal den Jagdpächter zu fragen, wat ’n da los war.“

„Sind det deine Angelegenheiten?“ erbost sich Mutter Brielow. „Det sind jar nich deine Angelegenheiten, Otto! Da halt du man die Finger von. Otto war heut nacht in Wiepswalde, Franek. Hat wohl bei Jastwirt Bethge een’ zuville getrunken, det er und hat uff‘n Heimweg so ’n Unsinn jehört.“

„Jawoll. War in Wiepswalde“, echot Franek gehorsam.

„Mecht ick wissen, wat dabei zu jrienen is, Franek. Wenn ick sage, det Otto in Wiepswalde war, denn is det so.“

„Laß man, Mutter“, beruhigt Otto die Zürnende. „Franek is stieke. Und vor den ollen Dahlen hab ick keene Bange. Mit den kann ick reden, wie ick will. Wat meenste, Hildeken?“

Hilde Brielow, die Achtzehnjährige, zuckt ärgerlich die runden Schultern und dreht dem augenzwinkernden Bruder energisch den Rücken. Otto nimmt den letzten Schluck Kaffee und zwängt sich zwischen Bank und Tisch hervor.

„Na, denn komm man, Franek.“

Mutter Brielow klappert wütend am Herd mit ihren Töpfen. „Ich denk, du willst auf Sehnitz zu und die Bretter holen!“

„Mach ick ooch, Mutter. Wird allens jemacht. Vor Mittag treff ick Tischler Wolter man doch nich.“

„Sonst haste woll nischt zu tun, wat? Otto, hör uff mir. Laß du andere Leute ihren Kram machen. Misch dir nich ein.“

„Will ick ooch jar nich. Bloß wissen möcht ick, wat da heute nacht jespielt worden is. Det Auto, Mutter ...“

„Ih, wat ick nich weeß, macht mir nich heeß.“

Mutter Brielow hat noch allerhand auf dem Herzen, aber ihr Schimpfen stört Otto nicht mehr. Er ist bereits draußen und schreitet bedächtig die Dorfstraße entlang. Neben ihm trippelt, Korb am Arm, eifrig der kleine Franek, wie ein Schuljunge, der beglückt seinen Lehrer begleiten darf.

Bei Tage sieht alles anders aus. Nichts Geisterhaftes ist an der glatten Landstraße, die sich zwischen den Kiefern und Fichten hinzieht, an der Heide, in die das Paar nun einbiegt und in der Otto Brielow jeden Baumstamm, jeden Ameisenhaufen kennt. Da ist das Jagdhaus, ein viereckiger, aus rohen Holzstämmen gefügter Bau mit einer kleinen Veranda vor der Tür. Etwa zehn Meter weiter rückwärts im Walde liegt der Holzschuppen, dicht dabei die Pumpe. Das Jagdhaus hat eine Küche, eine Wohnstube und ein Schlafzimmer. Es sieht sehr stilvoll und anheimelnd aus, wie es daliegt zwischen den hohen Kiefern. Die Vorderseite hat freien Blick über die große Lichtung. Über dem Eingang ist ein Hirschgeweih angenagelt.

Die grüngestrichenen Läden vor Fenstern und Tür sind geschlossen. Otto Brielow sieht es erstaunt im Näherkommen. Sollte Herr von Dahlen schon fort sein? Da müßt er doch durchs Dorf gekommen sein. Aber wozu so früh? Der erste Zug nach Berlin geht doch erst um 10,24 Uhr von der Bahnstation Wagenitz, und die Bahnstation kann Dahlen doch mit seinem Fahrrad in knapp einer halben Stunde erreichen.

Otto Brielow trampt mit seinen schweren Stiefeln auf die Veranda und pocht an die Tür. Ruft „Herr von Dahlen!“ In der Jagdhütte rührt sich nichts.

„Scheint nich mehr dazusein, Franek. Wenn er noch hier wär, hätt er doch sicher nich die Läden zugemacht.“

Franeks Mund steht offen. „Aber ich soll doch ... Pane von Dahlen hat gesagt, ich soll Eier bringen. Zehn frische Jaizi.“

„Wann hat er det gesagt?“

„Vorgestern, Pane Brielow. Wie ich bin hier gewesen mit Butter. Franek, hat Pane von Dahlen gesagt, iebermorgen zehn frische Eier. Jawohl, Pane, hab ich gesagt, werd ich bringen. Hat auch gehört fremdes Herr, wo war bei Pane von Dahlen.“

„War Besuch da?“

„Tak, Pane. Großes, junges Herr. Kenn ich nicht.“

„Hatte der so ’n hellen Regenmantel an?“

„Weiß nich, Pane Brielow. Saß in Stube und hatte keinen Mantel an. Aber Pane von Dahlen muß hier sein. Sonst er doch nich bestellen Franek mit frische Eier.“

Nochmaliges Rufen und Klopfen. Otto geht um das Häuschen, sucht durch die Läden zu blicken und kommt unverrichteter Sache zurück. „Keener da, Franek. Wirste deine Eier man wieder heimtragen müssen.“

Die unerwartete Abreise des Jagdpächters erörternd, gehen sie langsam durch den Wald zurück. Ein Dutzend Schritte nur, da bleibt Otto Brielow stehen, bückt sich und hebt etwas vom Boden auf.

„Nanu! Det is doch ... Det sieht doch fast aus, als ob det der Schlüssel zum Jagdhaus wär.“

Auch Franek betrachtet den langen, einfachen Schlüssel, den Otto in der Hand hält, und nickt eifrig. „Pia krew! Wird Pane von Dahlen haben verloren!“

„Will doch mal kieken, ob det wirklich sein Schlüssel is.“ Otto Brielow macht kehrt und geht entschlossen zur Jagdhütte zurück, steckt vorsichtig den Schlüssel ins Schloß. Wahrhaftig, er läßt sich ganz leicht rumdrehen. Die Tür geht auf.

Nur in die zunächstliegende Küche dringt das Tageslicht durch die offene Tür. Das nebenanliegende Wohnzimmer ist völlig dunkel, da die Läden fest geschlossen sind. Kalter Tabakgeruch hängt in der Luft. Dazu noch etwas, ein geringer, sonderbarer Geruch, der Otto Brielow verwundert schnuppern läßt. Er tastet sich im Finstern durch die Wohnstube, löst den Riegel und stößt den Fensterladen auf. Hell flutet das Sonnenlicht herein.

Eine Minute später torkelt Otto Brielow wieder aus der Tür, zu Franek, der, noch immer seinen Korb am Arm, erwartungsvoll auf der Veranda stehengeblieben ist.

„Franek!“ Ottos sonst so dröhnende, selbstgefällige Stimme ist heiser. Seine Augen sind ganz groß aufgerissen. „Lauf, was du kannst! Lauf schnell ins Dorf! Ruf beim Gastwirt Lange den Doktor an. Oder nee — sag Lange, er soll selber anrufen. Dein Polnisch versteht ja keiner. Der Doktor soll gleich hierherkommen, hörst du! Am besten auch ... ja, sag Lange, er soll auch gleich den Gendarm anrufen!“

„Jesus, Pane Brielow! Doktor? Gendarm? Hierher? Zu Pane von Dahlen?“

„Ja. Mach rasch, Mensch! Lauf! Da drinnen ...“ Otto zieht die Tür hinter sich zu und schüttelt sich wie in einem Frostschauer. „Drin liegt Herr von Dahlen. Er is dod!“

Gendarmerieposten Pritzow

In der zu meinem Postenbereich gehörenden Jagdhütte des Jagdreviers Röbelek bei Pritzow wurde heute morgen der Jagdpächter Felix von Dahlen in anscheinend bewußtlosem Zustand durch den Landwirt Otto Brielow aufgefunden. Fernmündlich verständigt, begab ich mich sofort dorthin und stellte folgendes fest:

Jagdpächter von Dahlen ist durch einen Schuß aus seinem eigenen Jagdgewehr ums Leben gekommen. Nach Aussage des sofort herbeigeholten Arztes Dr. Menke ist der Tod bereits zwischen zwölf und zwei Uhr nachts — mindestens sieben Stunden vor Auffindung der Leiche — eingetreten. Die Leiche lag in der Wohnstube der Jagdhütte, neben einem Sessel. Unmittelbar davor lag das Jagdgewehr, aus dem der tödliche Schuß abgegeben worden ist. Die Kugel, die aus nächster Nähe abgefeuert worden ist, hat die rechte Schläfe durchschlagen und ist ins Gehirn gedrungen. Lage der Leiche und der Waffe lassen die Annahme eines Unglücksfalles oder Selbstmordes zu.

Dem widerspricht jedoch die Tatsache, daß das Jagdhaus ordnungsgemäß verschlossen war. Der Landwirt Brielow, der zusammen mit dem Landarbeiter Franz Rapaschinsky den Toten fand, hat wenige Schritte vor dem Jagdhaus den Herrn von Dahlen gehörenden Türschlüssel gefunden und mittels dieses Schlüssels auch die Tür geöffnet. Ferner will der Landwirt Brielow in der vergangenen Nacht gegen zwölf Uhr einen Schuß aus der Richtung des Jagdhauses gehört und ein auf der Landstraße Pritzow—Wiepswalde parkendes, unbeleuchtetes Auto gesehen haben. Dieser Kraftwagen fuhr kurz nach dem Schuß in Richtung Wiepswalde davon. An seinem Steuer saß nach Aussage des Landwirts Brielow ein Mann in einem hellen Mantel, wahrscheinlich Regenmantel.

Da somit das Vorliegen eines Verbrechens wahrscheinlich erscheint, habe ich zur Spurensicherung das Jagdhaus unter Belassung alles Vorgefundenen unter Verschluß genommen. Ferner habe ich Sorge getragen, daß auch die nähere Umgebung des Jagdhauses bis zum Eintreffen der Mordkommission nicht betreten wird.

Der Kriminalpolizei habe ich unverzüglich Meldung erstattet.

Pritzow, den 4. April 1934.

gez. Panz,

Gend.-Oberwachtm.

Wachtmeister Panz sieht auf von dem kleinen Holztisch der Veranda, auf dem er seinen Bericht geschrieben hat. Franek hat mit seiner Botschaft nicht nur die Gendarmerie, sondern das ganze Dorf alarmiert. Ein gutes Dutzend Männer und Frauen sind mit ihm zur Jagdhütte zurückgekommen, von dem Wachtmeister aber in achtungsvolle Entfernung verwiesen worden, um nicht etwaige Spuren zu verwischen. Nur der Ortsvorsteher sowie Otto Brielow und Franek dürfen sich auf der Veranda aufhalten.

Wachtmeister Panz streift mit sorgenvollem Blick den noch immer etwas blassen Otto Brielow, der gegen seine sonstige Gewohnheit ganz still und kleinlaut geworden ist, seitdem der Arzt den Tod des Herrn von Dahlen festgestellt hat. Ja, der Otto Brielow! Daß der auch gerade die Sache hier entdecken mußte. Ist sonst ein guter Kerl, der Otto. Tüchtiger Arbeiter. Aber leider wohl im geheimen so ein bißchen Wildschütz. Nicht der einzige hier in der Gegend, bewahre. Es gibt eine Menge Bauern hier, denen die Jagdleidenschaft im Blute sitzt. Aber die meisten sind vorsichtig geworden und lassen die Finger davon. Otto Brielow nicht. Man hat ihm bisher noch nichts nachweisen können, aber jeder im Dorf weiß, daß er manchmal nachts „ausgeht“. Und ausgerechnet diese Nacht war er also hier in der Nähe.

Wachtmeister Panz starrt sinnend vor sich hin. Otto Brielow also. Er geht ihn nichts an, er kennt ihn nur, wie er jeden Bauern in seinem Postenbereich kennt. Aber da ist die Hilde, seine Schwester! Drüben steht sie zwischen den anderen Neugierigen. Bei ihr ist’s wohl weniger Neugierde als Sorge um den Bruder, die sie hergetrieben hat. Ja, da steht sie nun. Die Sonne flimmert auf ihrem hellen Haar. Und diese Hilde Brielow — es läßt sich nicht leugnen, daß Wachtmeister Panz sie sehr gerne hat. Er hat manchmal schon den Gedanken erwogen an eine Heirat. Hilde Brielow ist hübsch, jung, gesund, arbeitet wie ein Pferd, und Mutter Brielow ist auch nicht arm genug, um ihrer Tochter nicht eine Aussteuer mitgeben zu können. Wenn sie auch immer jammert und tut, als ob sie keinen Pfennig besäße. Und nun soll er also den Bruder ...? Ja, das hilft nun nichts. Dienst ist Dienst und Pflicht ist Pflicht.

Wachtmeister Panz hebt den Kopf zu dem Ortsvorsteher, der eben etwas gesagt hat. „Wie meinten Sie, Herr Thieme?“

„Ob da nich die Luders dahinterstecken, die vorige Woche in Gorz eingebrochen haben, mein’ ich. Sie wissen doch, Herr Panz, der Einbruch da in ’ner Jagdhütte. Man könnt sich denken, daß die Kerle sich noch hier rumtreiben und am End auch hier ... so ’n Gesindel ...“

„Wir müssen die Untersuchung abwarten. Brielow, kommen Sie bitte noch mal her. Wo waren Sie eigentlich vorige Nacht?“

„In Wiepswalde war ick. So ’n bißken.“

„Bei wem?“

Otto Brielow fühlt den Schweiß auf seiner Stirn. Verdammt nochmal, wenn man doch auf Muttern gehört und die Finger davongelassen hätte! Jetzt sitzt man drin. Der Wachtmeister wird sich in Wiepswalde umhören und ... „Also det mit Wiepswalde is Quatsch“, verbessert sich Otto verlegen. „Ick wollte nach Wiepswalde, aber ick bin denn bloß so ’n bißken durch die Heide gelaufen.“

„Nachts?“

„Bei Tach hab ick doch keene Zeit. Det is doch nich verboten, abends spazierenzulaufen.“

Wachtmeister Panz blickt ihn scharf an. „Otto, ich mein’s gut. Sagen Sie lieber die volle Wahrheit. Das mit dem Auto ist wohl ebenso Quatsch wie das mit Wiepswalde?“

„Nee, det stimmt. Wenn det nich jewesen wär, dann wär ick heute doch nich mit Franek hergegangen.“

„Sie meinen also, der Mann im Auto hat Herrn von Dahlen erschossen?“

„Oder der andere. Det kann ooch sein. Der, wo nachher sich durch die Heide dünne machte. Aber ick denke immer, det kann ooch janz anders zugegangen sein. Dahlen hat vielleicht det Jewehr reinigen wollen und da is noch ’n Schuß drin jewesen und ...“

„Wie erklären Sie sich dann, daß Sie den Schlüssel außerhalb gefunden haben?“

„Ja, det versteh ick ooch nich.“ Otto atmet schwer und wirft einen hilfesuchenden Blick auf Franek, der immer noch krampfhaft seinen Eierkorb festhält.

„Zurückbleiben! Zum Donnerwetter, ich hab Ihnen doch gesagt, daß niemand ...“ Wachtmeister Panz starrt ärgerlich auf das Mädchen, das sich drüben aus der Gruppe gelöst hat und trotz seines Verbotes zur Veranda herübergelaufen ist.

„Ich laß mir nich verbieten, zu meinem Bruder zu gehn!“ flammt Hilde Brielow, sich dicht neben Otto drängend und seine Hand fassend. „Panz, det hätt ich nich von Ihnen gedacht! Pfui Deubel auch!“

„Ich ... Was wollen Sie denn eigentlich?“

„Meinen Sie, ich säh nich, was hier gespielt wird? Ich bin nich aus Dummbach, Herr Panz. Sie wollen Otto’n verhaften!“

„Mir? Weswegen denn? Sei doch stille, Hilde!“

„Nee, ick bin nich stille bei so wat! Wenn Otto die Nacht aus war, Herr Panz, det is ganz wat anderes. Gehn Sie ihn doch nach und nehmen Sie ’n hopp, wenn er in de Heide liegt. Aber so wat! Otto soll ’n Menschen umgebracht haben? Da sach ick ... da schrei ick ... und wenn Sie det zehnmal verbieten!“

„Nun mal Ruhe, Fräulein Brielow! Von Verhaften ist vorläufig noch keine Rede.“

„Wat wollen Sie denn von Otto’n? Denn lassen Sie ihn doch gehn. Komm, Otto. Du mußt doch noch nach Sehnitz wegen der Bretter!“

„Halt!“ Wachtmeister Panz hat unwillkürlich den Arm ausgestreckt. „Tut mir leid, Brielow, aber Sie müssen schon hierbleiben, bis die Kriminalpolizei kommt. Erstens müssen Sie als Zeuge gehört werden. Zweitens aber — wir wollen ehrlich sein, Brielow. Ehrlich währt am längsten. Daß ein gewisser Verdacht jeden trifft, der zur Tatzeit hier in der Umgegend war, ist Ihnen doch wohl selber klar.“

„Otto’n trifft kein Verdacht!“ Hilde pflanzt sich kampfbereit vor dem Beamten auf. Ihre Augen sprühen. „Damit Se et genau wissen, Herr Panz, Otto hat nich nötig, so wat zu tun! Ich weeß schon, wat Se denken. Sie meenen, Otto wär in ’t Revier gewesen und hätt’ womöglich den alten Dahlen übern Haufen geschossen. Damit der ihn nich anzeigt. Pustekuchen! Wenn ’t wirklich so wär, ich meen, wenn Otto wirklich gewilddiebt hätt, der alte Dahlen hätt ihn deswegen nich angezeigt. Mit den stand Otto sich sehr gut. Der hätt schon meintwegen den Mund gehalten!“

„Wieso Ihretwegen?“

„Sag’s ihm doch, Otto! Immer feste weg, sonst glaubt der noch wirklich, du hättst det hier getan! Damit Se ’t wissen, Herr Panz! Dahlen ging mir nach. Er hat selber zu Otto’n gesagt, er könne ihm ruhig ’n paar Böcke wegschießen, wenn ich ... na also, wenn ich mal in die Jagdhütte käm!“

Dem Wachtmeister steigt das Blut in die Stirn. „So, so. Das sind ja ... nette Sachen. Und Sie, Fräulein Brielow ...?“

„Wat Sie machen, sind wohl keene netten Sachen? Otto’n verdächtigen, daß er ’n Sticke Mörder wär! Aber nu wissen Sie det, Herr Panz. Wenn Otto hätt wildern wollen, da braucht er noch lange keinen totzuschießen. Und überhaupt — wer so wat denken kann, das ... das muß ’n ganz dummer Mensch sein!“

„Nun aber Schluß, Fräulein Brielow. Alles Weitere wird sich ergeben. Gehen Sie jetzt gefälligst ...“

Wachtmeister Panz bricht ab und sieht befreit nach dem Waldrand, wo ein Kraftwagen über den schmalen Weg holpert. Endlich! Die Mordkommission. Er rückt sein Koppel zurecht, geht der Gruppe, die dem Wagen entstiegen ist, entgegen und meldet. Eine Weile bleiben sie am Waldrand stehen, lassen sich Bericht erstatten und mustern die Gegend. Dann kommen sie auf das Jagdhaus zu. Neben dem Wachtmeister ein sehr sorgfältig gekleideter jüngerer Herr von der Staatsanwaltschaft und ein straffer, soldatisch aussehender Herr von der Kriminalpolizei. Dahinter der Polizeiarzt und der Fahrer, der ein Köfferchen trägt.

„Traf sich leider so ungünstig, daß der Kriminalkommissar nicht mitkonnte“, hört Otto Brielow den eleganten Herrn im Vorbeigehen zu Wachtmeister Panz sagen. „Mordsache in Berlin. Auch die Reserve-Mordkommission war unterwegs. Es ist schon ein Kreuz. Na, Kriminalassistent Becker wird also zusammen mit mir die Sache hier bearbeiten.“

„Jawohl, Herr Assessor.“

Dann sind sie drinnen in der Jagdhütte. Sachliche, nüchterne Tätigkeit. Photoauslöser schnappen. Magnesiumschwaden durchziehen den Raum. Systematische Suche mit der Lupe. Sorgsames Nehmen und Sicherstellen von Abdrücken. Messungen, Untersuchung der Mordwaffe, der Tür und der Fensterläden. Während der Assessor von der Staatsanwaltschaft mit Wachtmeister Panz das Inventar aufnimmt und jede Kleinigkeit aus den Taschen des Toten sorgfältig registriert, streift Assistent Becker methodisch die nähere Umgebung der Hütte ab, besichtigt den Holzschuppen, in dem noch das Fahrrad Dahlens steht, läßt sich genau die Fundstelle des Schlüssels zeigen, kniet mehrmals nieder und untersucht das Erdreich, macht zweimal einen Abdruck und vergewissert sich durch Nachfragen, ob jemand von den Anwesenden den Platz betreten hat.

Es dauert recht lange, bis Otto Brielow aufgefordert wird, in die Jagdhütte zu kommen. Die Leiche ist jetzt auf eines der Betten im Schlafzimmer gelegt worden und mit einem Laken bedeckt. An dem langen Tisch in der Wohnstube, unter den vielen Gehörnen und Geweihen sitzen Assessor Hakkedans und Kriminalassistent Becker. Wachtmeister Panz steht in straffer Haltung neben der Tür. Eine kleine Schreibmaschine ist aufgestellt und ein unbeschriebenes Blatt hängt heraus. Wie ein kleiner, gieriger Hund sieht sie aus, dem die Zunge aus dem Maul hängt.

Assistent Becker nimmt die Personalien auf.

„Otto Brielow, Landwirt, geboren am 15. 8. 1905 zu Pritzow, wohnhaft daselbst, ledig, evangelisch, nicht vorbestraft.“

„Zur Wahrheit ermahnt, gibt der Vernommene auf Befragen an ...“ Assistent Becker macht eine Pause, sieht von der Maschine auf und heftet seine ruhigen, scharfen Augen auf Otto Brielows erregtes Gesicht.

„So, nun erzählen Sie mal.“

2.

Es ist bereits spät am Nachmittag und die Lichter brennen schon in den Diensträumen des Polizeipräsidiums, als Kriminalkommissar John zurückkehrt, sich pustend aus seinem Mantel schält und die Aktentasche auf den Tisch wirft.

„Puh! Hat lange gedauert. Aber dafür ist der Fall auch gleich radikal erledigt worden. Hier, Stengel, bringen Sie die Akten gleich hinauf zum Herrn Oberstaatsanwalt. Die Mordsache Brunnenstraße ist für uns damit erledigt. Na, Sie sind ja durch mein Telephonat bereits im Bilde.“

„Jawohl, Herr Kommissar.“

John händigt dem Beamten einen Stoß Akten ein und nickt seinem zweiten Mitarbeiter zu. „Da sind Sie ja auch, Becker. Na, Sie waren draußen in dem Kaff? Wie heißt’s doch?“

„Pritzow, Herr Kommissar.“

„Richtig. Na, und? Wie war die Sache? Etwas für uns?“

„Ich bin von dem Vorliegen eines Verbrechens überzeugt.“ Assistent Becker nähert sich dem Schreibtisch, hinter dem John sich mit einem Erleichterungsseufzer niedergelassen hat, und schiebt einige Berichte vor ihn hin. „Der Jagdpächter von Dahlen ist nicht, wie zuerst angenommen, durch einen Schuß getötet worden, sondern durch einen Hieb mit einem hammerartigen Gegenstand, wie der Arzt zweifelsfrei festgestellt hat. Der Schuß muß dem Toten nachher beigebracht worden sein. Wahrscheinlich, um Selbstmord oder Unglücksfall vorzutäuschen!“

„Sieh da, sieh da!“ John studiert mit fachmännischer Schnelle den Bericht der Mordkommission und das ärztliche Gutachten. „Schädelknochen durch Schlag zertrümmert ... beide Wunden tödlich ... Schlüssel in der Nähe des Jagdhauses gefunden ... steht zu vermuten, daß der Täter ... Hm, haben Sie diesen Otto Brielow vorläufig festgenommen, Becker?“

„Nein, Herr Kommissar. Brielow ist ein in Pritzow ansässiger Landwirt, ein reichlich primitiver Mensch, den wir schnell genug erwischen würden, wenn er wirklich zu fliehen versuchte. Ich habe darum vorläufig von einer Festnahme abgesehen. Außer der von Brielow selbst erwähnten Tatsache, daß er sich zur Tatzeit in der Nähe des Jagdhauses befand, liegen ja eigentlich keine Verdachtsmomente gegen ihn vor. Wenn er aber zu türmen versucht ...“

„Hätten wir einen Beweis, meinen Sie? Falsch, lieber Becker. Gerade einfache Menschen machen oft derartige Dummheiten, aus reiner Angst, unschuldig in so eine Sache verwickelt zu werden. Aber sonst haben Sie recht. Das Material genügt noch nicht zu einer Festnahme. Hm. Ihre eigenen Eindrücke?“

„Auf Anhieb sieht es so aus, als ob Brielow der Täter sein könnte“, meint Becker bedächtig. „Er scheint wohl ein bißchen gewildert zu haben. Ein Zusammenstoß mit dem als sehr barsch geschilderten Jagdpächter könnte zu der Tat geführt haben. Auch die Einlassung des Brielow, er habe um die Tatzeit allerlei Verdächtiges bemerkt — den Mann im Auto und so weiter —, legt den Verdacht nahe, daß er uns auf falsche Spuren locken möchte. Andererseits — haben Herr Kommissar schon die Aussage der Hilde Brielow gelesen?“

John überfliegt rasch das Vernehmungsprotokoll, langt nach dem Rotstift und unterstreicht kräftig einige Stellen.

„Also — nach der Aussage der Schwester hat Dahlen ihr bereits seit längerer Zeit nachgestellt. Er hat ihr gesagt, wenn sie ihn mal in der Jagdhütte besuchen wolle, könne ihr Bruder Otto ihm gut und gern ein paar Böcke wegschießen. Hm.“

„Ich habe mich in Pritzow informiert, Herr Kommissar. Die Aussage der Hilde Brielow ist nicht unglaubhaft. Mehrere Ortsbewohner bestätigen, daß von Dahlen ein Auge auf das hübsche Mädchen geworfen hatte und ihr gelegentlich nachstieg. Herr von Dahlen war zwar verheiratet, aber nichtsdestoweniger ein großer Jäger vor dem Herrn. Nicht nur in Bezug auf seine Rehböcke.“

„Sie meinen also, Otto Brielow hätte sich durch seine hübsche Schwester zu helfen gewußt, wenn er von dem Jagdpächter beim Wildern ertappt worden wäre. Na, wollen mal sehen. Was ist das hier für ein Abdruck? Frauenschuh?“

„Durch den Regen waren brauchbare Spuren da draußen nicht feststellbar, Herr Kommissar. Auf dem Kienboden des Waldes schon gar nicht. Diese Fußspur fand ich zwei Meter von der Tür der Jagdhütte entfernt. Die Spitze des Schuhs zeigt nach der Hütte.“

„Hilde Brielow?“

„Nein, Herr Kommissar. Der Abdruck ist viel zu klein für ihre Füße. Ich möchte noch bemerken: auch die Angabe des Brielow über das Auto ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich habe an der Landstraße eine Schleifspur festgestellt. Ein Kraftwagen scheint wirklich dort, nahe am Waldrand, geparkt zu haben.“

„Fußspuren dabei?“

„Nein.“

„Hm. Haben Sie ’ne Ahnung, wer der Mann im Auto gewesen sein könnte?“

„Nur eine Vermutung, Herr Kommissar. Es könnte sich vielleicht um den Mann handeln, der vorgestern Dahlen in seiner Hütte besuchte und dort einen heftigen Streit mit ihm hatte.“

„Was für ein Mann?“

„Aussage des Franek Rapaschinsky. Hier, Herr Kommissar.“ Becker weist auf das nächste Blatt des Berichtes. „Franek Rapaschinsky hat vorgestern nachmittag Herrn von Dahlen auf dessen Wunsch Butter gebracht und dabei einen fremden, ihm unbekannten Herrn in der Jagdhütte vorgefunden. Beim Verlassen der Hütte hat er gehört, daß Dahlen und der Fremde sehr heftig miteinander redeten. Er ist stehengeblieben und hat gelauscht. Verstanden hat er nichts, aber deutlich gehört, daß sich die beiden Männer heftig stritten. Sowohl Dahlen wie der Fremde waren sehr laut und erregt. Schließlich hat Franek ein Klirren gehört, als ob jemand in der Hütte voller Wut eine Tasse oder ein Glas auf den Boden geworfen habe. Da er die schlechte Laune Dahlens fürchtete, hat er nicht weiter gehorcht, sondern sich davongemacht.“

„Die Beschreibung, die der Zeuge von diesem fremden Besucher hier gibt, ist höchst mangelhaft. Damit können wir nichts anfangen. Schade. Den Mann müßten wir auf jeden Fall einvernehmen.“

„Jawohl, Herr Kommissar. Es ist der Bildhauer Hans Brögli, wohnhaft Wittelsbacherstraße 136.“

Kommissar John hebt überrascht die Brauen. „Nanu. Wie haben Sie das so fix festgestellt, Becker?“

„Ich bin sofort nach der Rückkehr vom Tatort zu der Wohnung des Herrn von Dahlen gefahren und habe dessen Ehefrau und Tochter einvernommen. Frau von Dahlen nahm die Nachricht von dem jähen Ende ihres Mannes merkwürdig gefaßt auf, wenn sie auch begreiflicherweise zuerst tief erschrocken war. Fräulein Irmgard, die Tochter, dagegen zeigte ein auffallendes Entsetzen und war fast einer Ohnmacht nahe, als ich die traurige Mitteilung brachte. Als ich nach dem Besucher zu fragen begann, sagte sie mir gleich hastig, ihr Verlobter, Herr Brögli, sei vorgestern in der Jagdhütte gewesen. Ich hatte den Eindruck, daß Fräulein von Dahlen annahm, ich wisse bereits den Namen. Durch Frau von Dahlen erfuhr ich dann weiter, daß Herr Brögli zwar noch nicht offiziell verlobt mit dem Fräulein ist, daß aber die beiden zu heiraten beabsichtigen. Herr Brögli ist vorgestern nach Pritzow gefahren, um dieserhalb mit Herrn von Dahlen zu sprechen. Dahlen war entschieden gegen das Verhältnis seiner Tochter mit Brögli.“

„Interessant. Haben Sie schon festgestellt, was dieser Brögli für ein Mann ist?“

Becker zieht sein Merkbuch zu Rate. „Hans Brögli, von Beruf Bildhauer, ist gebürtiger Schweizer. Geboren am 20. August 1904. In Berlin gemeldet seit 1926. Ungünstiges ist über ihn nicht bekannt.“

„Weiter, lieber Becker. Ich seh Ihnen an, daß Sie noch was in petto haben.“

„Jawohl, Herr Kommissar. Nachdem Frau von Dahlen sich zurückgezogen hatte, hab ich nochmals mit der Tochter gesprochen. Sie sagte mir, Brögli sei nicht mehr in Berlin. Er sei heute früh in Geschäften nach Hamburg gefahren, wo er einige Zeit zu bleiben gedenke. Fräulein von Dahlen will noch heute vormittag um 11 Uhr mit Brögli telephoniert und sich von ihm verabschiedet haben.“

„Und das stimmt nicht?“

„Nein, Herr Kommissar. Ich bin von Dahlens aus direkt zu der Wohnung des Brögli gefahren. Er ist in der Tat verreist. Nach Hamburg ist er indessen nicht gefahren. Seine Zimmerwirtin, Frau Lehmann, hat gehört, wie er heute früh telephonisch mit Fräulein von Dahlen gesprochen und ihr gesagt hat, er reise heute noch nach Zürich. Das war um acht Uhr heute früh. Kurz vor neun Uhr erschien die der Frau Lehmann wohlbekannte Irmgard von Dahlen in der Wohnung Bröglis, der bereits zur Abreise fertig war. Die beiden gingen zusammen fort. Der Hauswart Fabian, der ebenfalls Fräulein von Dahlen vom Sehen kennt, hat in Bröglis Auftrag eine Taxe herbeigerufen und auch gehört, daß Brögli dem Fahrer als Ziel den Anhalter Bahnhof angab. Fräulein von Dahlen fuhr mit Brögli zusammen fort. Danach ist also die Aussage Irmgards von Dahlen falsch.“

„Sie deckt ihn“, nickt John. „Ganz klar. Hat Hamburg angegeben, obwohl sie genau weiß, daß er in die Schweiz gefahren ist, und ihn wahrscheinlich selbst zum Bahnhof gebracht. Haben Sie zu erfahren versucht, was Brögli in der vergangenen Nacht gemacht hat?“

„Jawohl, Herr Kommissar. Etwas Bestimmtes war bis jetzt nicht zu ermitteln. Die Zimmerwirtin nimmt an, daß ihr Mieter die Nacht über zu Hause war. Gesehen hat sie ihn nicht. Brögli besitzt natürlich seine eigenen Schlüssel und kann Wohnung und Haus verlassen, ohne gesehen zu werden.“

„Und die Unterredung in der Jagdhütte? Hat Fräulein von Dahlen sich nicht über das Ergebnis ausgelassen? Sie hat doch sicher mit ihrem Verlobten darüber gesprochen?“

„Ganz recht, Herr Kommissar. Ihrer Aussage nach war Brögli sehr aufgebracht und verbittert, als er von Pritzow zurückkehrte.“

„Halt. Wann war das?“

„Vorgestern abend ist er bei Dahlens gewesen und hat mit den Damen gesprochen. Herr von Dahlen soll rundweg seine Einwilligung zu der Verlobung verweigert und Brögli sogar in schroffster Form jeden weiteren Verkehr mit seiner Tochter verboten haben.“

„Hm. Also bestätigt es sich, daß die beiden in der Jagdhütte sich heftig gestritten haben. Der Schuhabdruck, lieber Becker? Stammt er etwa von Fräulein von Dahlen?“

„Kaum, Herr Kommissar. Ich nahm bereits Gelegenheit, zu vergleichen. Es ist der Abdruck eines auffallend kleinen Frauenschuhs. Auch Fräulein von Dahlen hat größere Füße.“

Kommissar John lehnt sich in seinem Stuhl zurück und denkt angestrengt nach. „Ein Mann ist bestimmt im Spiel, Becker. Daß eine Frau allein Dahlen niederschlagen konnte, halte ich für unwahrscheinlich. Ich merke, Sie tippen auf den Brögli. Er kommt zur Jagdhütte, um die Hand der Tochter Dahlens zu erbitten. Dahlen weist ihn schroff ab. Sie geraten in Streit. Brögli fährt wütend, vielleicht tödlich beleidigt, nach Berlin zurück. Möglicherweise ist er ein rachsüchtiger Mensch. Kann auch sein, ein verbrecherischer Charakter, der keine Bedenken trägt, das Hindernis, das zwischen ihm und Irmgard von Dahlen steht, aus dem Weg zu räumen. Er fährt in der Nacht noch einmal nach Pritzow zurück, und — hm. Möglich, daß Sie recht haben, Becker. Vielleicht auch nicht. Aber ob nun Otto Brielow oder Brögli oder XYZ der Täter ist, wir haben jedenfalls Grund, uns diesen Herrn Brögli mal vorzuknöpfen. Wann sagen Sie, sind die beiden zum Anhalter Bahnhof gefahren. Gegen 9,30 Uhr? Sehen Sie doch mal im Fahrplan nach, wie die Züge ...“

„Bereits geschehen, Herr Kommissar. Ein D-Zug Berlin—Basel geht um 10,28 Uhr vom Anhalter Bahnhof ab. Er kommt um 23,52 Uhr in Basel an.“

„Sehr schön. Da hätten wir ja noch Zeit. Das heißt, falls Herr Brögli nicht so vorsichtig gewesen ist, sich einen falschen Paß zu besorgen. Denn zur Herausgabe eines Signalements ist es schon zu spät. Wir haben ja auch nur eine mäßige Beschreibung zur Verfügung. Auf jeden Fall drahten Sie dringlich an die Grenzstelle Basel. Der Schweizer Staatsangehörige Hans Brögli, geboren am 20. 8. 1904, ist im Betretungsfalle anzuhalten und nach Berlin zu überstellen. Wissen Sie was, geben Sie die Nachricht vorsichtshalber gleich an alle Grenzstellen da unten. Vielleicht verläßt er früher den Zug und sucht über eine andere Grenzstelle in die Schweiz zu kommen.“

„Jawohl, Herr Kommissar. Und Otto Brielow?“

„Ganz richtig, daß Sie auch an den denken. Könnte am Ende doch so was wie eine Wilderer-Tragödie vorliegen. Aber der ist uns ja sicher, wie Sie selbst sagen. Ich nehme an, daß die Gendarmerie in Pritzow den Mann im Auge behalten wird?“

„Ich habe den Oberwachtmeister in diesem Sinne instruiert.“

„In Ordnung. Vielleicht fahre ich morgen mal selber raus und seh mir die Jagdhütte an. Bißchen frische Luft täte mir verdammt wohl.“

„Das wäre sehr gut, Herr Kommissar. Es ist da nämlich noch etwas ...“

„Na, was drucksen Sie denn, Becker? Kenn ich ja gar nicht an Ihnen. Also was ist noch?“

Assistent Becker gibt sich einen Ruck. „Etwas Bestimmtes nicht, Herr Kommissar. Nur — ich habe den Eindruck, daß in der Jagdhütte nach etwas gesucht worden ist.“

„Wieso?“ John greift wieder nach dem Bericht der Mordkommission und schaut hinein. „Geld und Wertsachen bei den Toten gefunden ... Allem Anschein nach nichts entwendet ... keinerlei Unordnung, die auf Raubmord schließen läßt ... Hm. Sind Sie der Ansicht, Becker, daß Dahlen irgend welche besonderen Wertobjekte in seiner Jagdhütte hatte?“

„Schwerlich, Herr Kommissar. Es ist nur ... In der Schreibtischlade im Jagdhaus fand ich ein wüstes Durcheinander von allerdings unwichtigen Briefen und Papieren, während sonst alles in der Jagdhütte von musterhafter Ordnung zeugte. Frau von Dahlen bestätigte mir auch, daß ihr Mann geradezu pedantisch ordnungsliebend war. Herr Assessor Hakkedans meint allerdings, dieser Unordnung im Schreibtisch sei keine Bedeutung beizumessen.“

Kommissar John hört nur noch halb hin. Er sitzt plötzlich ganz aufrecht und seine Augen haben einen fernen, entrückten Blick. Seine etwas kurzen, dicken Finger kribbeln.

„Gefällt mir nicht“, murmelt er abwesend vor sich hin. „Gefällt mir ganz und gar nicht.“ Dann seufzt er auf, kommt zu sich und fährt mit der Hand über seine Glatze. „Lieber Becker, wir haben’s ja leider schon oft genug erlebt. Anfangs sieht ein Fall ganz klar und einfach aus. Und dann tappt man auf einmal doch im Düstern und die Geschichte erweist sich als höchst verwickelt. Ich fürchte fast, so wird’s auch diesmal werden. Was Sie da eben sagten, schmeißt uns alles über den Haufen, sowohl die Wilderergeschichte wie die vermutliche Täterschaft des Brögli.“

„Aber, Herr Kommissar“, wendet Becker erschrokken ein. „Ich habe doch nur ... Es war nur ein ganz persönlicher Eindruck, den ich erwähnte.“

„Ja, ja. Versteh schon. Aber mir kribbelte es in den Fingern, als Sie eben die Unordnung im Schreibtisch erwähnten. Böses Zeichen. Glauben Sie mir, Becker, dieses — hm — Fingerspitzengefühl ist wichtiger als alles andere. Wer das nicht hat, der soll in Gottes Namen die Kriminalistik an den Nagel hängen und sich einen anderen Beruf suchen.“ Kommissar John hat sinnend, halb zu sich selbst gesprochen. Nun wirft er die Anwandlung ab, packt seine Papiere zusammen und steht auf. „Also veranlassen Sie die Benachrichtigung der Grenzstellen, Becker. Dann haben wir mal wieder unseren Feierabend verdient. Ich seh Sie wohl nachher noch bei mir zu Hause? Soviel ich weiß, hat meine Frau Würstchen mit Kartoffelsalat. Und Waltraut ist auch daheim.“

„Herr Kommissar ...?“

„Na, was denn, Mann? Soll ich glauben, daß Sie meinetwegen so oft zu uns kommen? Mich können Sie tagsüber hier wohl genügend genießen.“

„Verzeihung, Herr Kommissar, wenn ich aufdringlich ...“

„Ach, Blech. Freu mich immer, Sie zu sehen, lieber Becker. Das wissen Sie doch. Und meine Frau und mein Mädel freuen sich auch. Also bis nachher denn.“

„Besten Dank, Herr Kommissar.“

3.

„Uff! Endlich mal wieder vernünftig gefuttert!“ Kriminalkommissar John schiebt seinen Teller zurück, lehnt sich behaglich in seinen Stuhl und läßt eine Flasche Bier ins Glas glucksen. Er liebt es, gut und lange zu essen, kommt aber selten dazu. Oft genug muß Frau Margarete John seufzend das Mittagessen in die Röhre stellen, weil ihr Mann mal wieder nicht los kann vom Präsidium. Und kommt er dann endlich, hat er kaum Zeit, ein paar Bissen herunterzuschlingen. Muß gleich wieder weg.

Frau John sieht, wie ihr Mann die Stiefel abstreift, und holt ihm schweigend die warmen Hausschuhe. Sie standen längst schon zum Anwärmen am Ofen, aber es ist besser, nicht darüber zu reden. John liebt es nicht, wenn man allzu besorgt um ihn ist.

Frau John seufzt innerlich ein bißchen. Sie hat es nicht immer leicht. So vieles ist anders gekommen. Als sie im Jahre 1912 Alfred John heiratete, dachte noch niemand an die Polizeilaufbahn. John hatte die Rechte studiert und besaß ein kleines, väterliches Vermögen, das ihm erlaubte, eine Anwaltspraxis aufzumachen. Aber dann war der Krieg gekommen, und nachher war das Geld entwertet. John war nicht zusammengebrochen in dem allgemeinen Elend. Kurz entschlossen war er damals zur Polizei übergetreten.

Die bitteren Jahre, da Alfred John sich als Anwärter mit seinen kleinen Tagesgeldern durchschlagen mußte, gehören der Vergangenheit an. Als es seiner Energie damals gelang, eine weit verzweigte Falschspielerbande zu entlarven, hatte man ihn fest angestellt. Heute ist Alfred John längst wohlbestallter Kriminalkommissar, bezieht ein auskömmliches Gehalt und kann sich die hübsche Vierzimmerwohnung in der Lessingstraße leisten. Aber Frau Margarete hat sich nie innerlich so recht mit dem aufreibenden Beruf ihres Mannes abfinden können.

„Hast doch noch ein paar Würstchen aufgehoben, Grete? Becker kommt wohl noch heut abend.“ John nickt seiner Frau zu und blickt dann zu seinem Liebling hinüber, der zwanzigjährigen Waltraut, die mit hochgezogenen Beinen in einem breiten Sessel hockt und in ein Buch vertieft ist. „Was liest du denn so eifrig, Mäuschen?“

„Magelhaens.“ Etwas ärgerlich kommt die Antwort. Waltraut denkt: Wenn Vater doch endlich mal das dumme „Mäuschen“ sich abgewöhnen würde. Ich bin doch kein Kind mehr!

John trinkt langsam und mit Genuß das schäumende Bier. Seefahrtgeschichten — denkt er —, das hat sie von mir. Man müßte wirklich mal raus aus dem Trott. Sich den frischen Wind um die Ohren wehen lassen. Zum Beispiel mal nach den Kanarischen Inseln. Oder die afrikanische Westküste entlang. Es gibt da billige Gelegenheiten. So mit einem Bananendampfer. Waltraut müßte natürlich mit. Vielleicht auch Grete. Der täte das ganz besonders gut. „Im nächsten Urlaub reisen wir“, sagt er laut und vergnügt. „Paß mal auf, Grete, das wird ’ne Sache. Nicht auf so ’nem schwimmenden Hotel, sondern ganz gemütlich als einzige Fahrgäste auf einem soliden deutschen Frachter. Was meinst du dazu?“

„Ja, das wäre fein, Alfred.“ Frau John nickt mütterlich, sofort bereit, den Gedanken, der ihrem Mann Freude macht, weiterzuspinnen. Ach ja, wenn er es doch nur wahrmachen wollte. Alfred sehnt sich ja schon jahrelang nach so einer Seereise. Aber er kommt nie dazu. Auch diesmal würde es nichts werden. Irgend etwas würde schon dazwischenkommen.

„Und du, Mäuschen? Machst du mit?“

Waltraut John schrickt ein bißchen zusammen und sieht herüber. „Was denn, Vater? Ich war so vertieft ins Lesen.“

„Kohl nicht, Mäuschen. Hast ja eben gar nicht gelesen, sondern in die Luft geplinkert. Du, das machst du in letzter Zeit häufig. Was träumst du denn so?“

Georg John, der fünfzehnjährige Sekundaner, schließt mit vernehmbarer Wucht seine Logarithmentafeln und grient die Schwester wissend an. „Die Lililili-Iiebe“ summt er vor sich hin.

„Orsch, ich verbitte mir deine Dämlichkeiten!“

„Was denn? Wollen wir wetten, daß du eben wieder an deinen Herrn Zaber gedacht hast, Waltraut?“

„Ich kann denken, woran ich will. Kümmer du dich um deine Schularbeiten.“

Frau John winkt heimlich und ängstlich den Kindern zu. Ihr Mann streckt sich behaglich im Sessel. „Zaber? Wer ist das?“

„Waltrauts Schwarm“, beeilt sich der Sekundaner aufzuklären. „Sie hat ihn in Potsdam beim Segelklub ...“

„Danke“, fährt die Schwester dazwischen. „Das kann ich selbst erzählen. Also, Vater, den Herrn, von dem Orsch da fabelt, hab ich im Segelklub kennengelernt. Du weißt doch ... Herr Zaber, von dem ich dir neulich erzählte. Wir lagen doch beim Ansegeln in einer unerhörten Flaute fast die ganze Nacht draußen vor Sakrow fest mit Herrn Teubners ‚Godenwind‘.“

John erinnert sich undeutlich. „So, so. Hoffentlich hat sich der Herr anständig betragen?“

„Aber Vater! Herr Zaber! Dieser Kavalier!“

„Er hat wie ein getreuer Rittersmann an Bord Wache gehalten, während Waltraut pennte“, grinst Georg. „Das hat sie mir schon zwölf- und einhalbmal erzählt. Traun, muß Liebe schön sein.“

Waltraut wirft ihr Buch wütend zur Seite. „Vater, sag dem dummen Bengel doch, daß er seinen Unsinn lassen soll! Aber das ist ja nur purer Neid. Weil er selber noch ein grüner Junge ist und Herr Zaber ein Mann, ein ...“

„Ein Heros! Ein Genie! Der letzte Ritter ohne Furcht und Tadel!“ ruft Georg in komischer Begeisterung. „Übrigens sieht er tatsächlich gut aus, Vater. Alles, was recht ist.“

John scheint die Sache nicht recht zu gefallen, aber er bemüht sich, es nicht zu zeigen. Er kennt doch sein Mädel. Waltraut ist vernünftig genug und weiß, was sie zu tun und zu lassen hat. Schließlich muß sie es auch wissen. Auf einen Sack Flöhe kann man aufpassen, auf ein junges Mädchen nicht. Anscheinend gleichgültig erkundigt er sich, was dieser Herr Zaber denn für ein Mann sei.

Waltraut ist sofort zur Auskunft bereit. Etwas überhastig berichtet sie, Herr Zaber sei Mitte der Dreißig, Großkaufmann, sehr gut aussehend und von tadellosen Formen. Ein gut Teil seines Lebens habe er auf Reisen zugebracht, sei lange in Amerika und Australien gewesen. Zaber sei ein Mann, der fabelhafte Dinge erlebt habe und wunderbar erzählen könne. Im Segelklub schätze man ihn allgemein als glänzenden, liebenswürdigen und interessanten Gesellschafter.

„Was Orsch sagte, ist einfach lächerlich“, schließt Waltraut ihren Hymnus. „Ich hab überhaupt nicht geschlafen an Bord. Herr Zaber hat erzählt und ich hab zugehört. Ihm selber war es furchtbar peinlich, daß wir so lange draußen liegen mußten. Ist ja Unsinn, denn Wind konnte er doch nicht herbeizaubern. Aber Herr Zaber ist ja so korrekt. Übrigens will er herkommen und sich bei Mutter und dir entschuldigen, wie er es nennt. Hast du etwas dagegen, Vater, den Herrn kennenzulernen?“

„Nee. Kennt Herr Teubner ihn auch?“

„Aber natürlich, Vater. Herr Teubner hat ihn mir doch erst vorgestellt im Klub.“

„Na, dann ist die Sache ja in Ordnung. Teubner weiß schon, mit wem er verkehrt.“

„Man kann sich auch keinen besseren Verkehr denken als Herrn Zaber“, erklärt Waltraut kategorisch.

John brennt sich eine Zigarre an. „Bist ja mächtig eingenommen von dem Herrn, Mäuschen. Na ja, mag ein ganz netter Mann sein. Aber ... weißt du, Mäuschen, Becker ist auch nicht ohne.“

„Ach, Becker!“

„Sag das nicht so wegwerfend, Kind.“ John wird unwillkürlich eifrig. „Becker ist erste Klasse. Als Mensch wie als Beamter. Ein grundsolider, treuer Kerl.“

„Ich mag ihn ja auch ganz gern“, lenkt Waltraut vorsichtig ein. „Aber Herr Becker und Herr Zaber — also, das läßt sich doch gar nicht vergleichen, Vater.“

„Seit ich ihn gesehen, glaub ich blind zu sein!“ zitiert Georg spöttisch. Sein Vater wirft ihm einen lächelnden Blick zu.

„Na, mach’s halbwege, Junge. Neulich sah ich einen Jüngling, der mit seiner Schulmappe hinter Teubners Elly herstiefelte, so versonnen, daß er seinen eigenen Vater nicht gewahrte. Na na, du brauchst nicht so entsetzt dreinzublicken, Georg. Ich blase nicht die Asche von deinen Kohlen. Aber sei auch du — traun! — so nett und laß Waltraut in Ruhe.“

Beschämt, mit roten Ohren greift Georg wieder nach seinen Lehrbüchern. Während Frau John in der Küche hantiert, lehnt der Kommissar in seinem bequemen Stuhl zurück und sinnt.

Die Kinder! Georg? Nun, der macht vorläufig die wenigsten Sorgen. In der Schule kommt er gut mit, zeigt Begabung für Geometrie und Algebra. Die Betragensnote könnte manchmal besser sein, aber — ach was, kein richtiger Junge, der nicht mal Streiche macht. Ein paar Jahre hat er noch bis zum Abitur. Was dann später wird, muß man abwarten.

Weniger beruhigt denkt John an seinen Ältesten, den Herbert, der in München Kunstgeschichte studiert. Herbert hat das sanfte, weiche Wesen der Mutter. Schlecht ist er nicht, im Gegenteil, ein braver junger Mensch. Aber zu schlapp, viel zu schlapp. Kommissar John hat nun mal einen Widerwillen gegen junge Menschen, die weiche Knochen haben und sich in Bücherweisheit vergraben. Kunstgeschichte studiert der Herbert! Hat sogar schon ein paar kleine Schriften herausgegeben und wird von seinen Lehrern als vielversprechendes Talent gerühmt. John hat sich ehrlich bemüht, die Gedankenwelt seines Ältesten zu erfassen. In stillen Stunden hat er sich hingesetzt und aufmerksam gelesen, was Herbert über die alten italienischen Maler schrieb. Aber er findet sich nicht zurecht darin. Er, der nüchterne Verstandesmensch, kann dem Aufgehen in all diesem ästhetischen Zeug keinen Geschmack abgewinnen. Und Herbert fühlt, daß zwischen seiner Welt und der des Vaters ein Abgrund klafft. Er ist scheu und verlegen, wenn er in den Ferien daheim ist und der Vater mit gutmütigem Spott über seine Studien spricht. Vielleicht verachtet er innerlich den Vater als Banausen. Nicht zu ändern. John ist ehrlich genug, sich einzugestehen, daß er seinen Ältesten nie begreifen wird. Trotzdem hat er ihn gern, und es bedrückt ihn oft genug, daß er dem Jungen so fremd gegenübersteht. Ein Glück, daß Herbert seine Mutter hat. Die versteht ihn, die verhätschelt und bewundert ihn. Kommissar John weiß, daß sie dem Jungen heimlich Geld schickt, obwohl Herbert ein festes monatliches Taschengeld bezieht, und er läßt ihr das Vergnügen und stellt sich unwissend. Hoffentlich wird aus Herbert doch ein ganzer Kerl werden.

Dann ist da noch Waltraut, sein Liebling. Dunkelblond, etwas klein geraten in der Gestalt. Wie der Vater. Etwas zu breite, derbe Hände. Auch wie der Vater. Keine Schönheit, aber eine frische, sympathische Mädchenerscheinung, kräftig, gesund, sportgewohnt, mit lebhaften, wilden Kulleraugen.

Waltraut ist nun in den Jahren, da man damit rechnen muß, daß sie eines Tages einen Schwiegersohn angeschleppt bringen wird. Das ist nun mal der Lauf der Welt. Bisher hat sie allerdings nicht ihr Herz verloren, wie man so sagt. John weiß, daß sein Mädelchen einen Haufen Herrenbekanntschaften hat, junge Leute aus dem Sportklub, Jugendfreunde, mit denen sie Ausflüge macht und tanzen geht. Vielleicht war auch gelegentlich eine kleine, harmlose Jugendliebelei dabei gewesen. Aber etwas Ernsthaftes war es bisher nicht. Dabei wird Waltraut doch nächsten Monat schon zwanzig. Wenn sie ...

Ja, da ist also der Kriminalassistent Becker. Daß er in Waltraut verliebt ist bis über die Ohren, könnte ein Blinder sehen. John ist vielleicht der erste gewesen, der es gemerkt hat, und im Laufe der Zeit hat er sich an den Gedanken gewöhnt, sein Kind einmal als Frau dieses ehrenhaften, fleißigen Mannes zu sehen. Wenn nur der Becker nicht so schüchtern wäre. Das heißt: Im Dienst konnte man ihm so was beileibe nicht nachsagen. Da ist er stramm und energisch genug. Aber sobald er mit Waltraut zusammenkommt, ist er von einer Schüchternheit, die fast komisch wirkt. Junge Mädels schätzen das nicht sehr. Es ist verständlich, daß Waltraut sich für andere Männer begeistert, wie jetzt zum Beispiel für diesen Herrn Zaber. Na, vielleicht würde doch noch mal ... Nur nicht daran rühren. So ein Blümchen muß man still gedeihen lassen. Kommissar John ist kein Haustyrann, sonst hätte er niemals seinem Ältesten erlaubt, sich den von ihm gewünschten Beruf zu erwählen.

An der Tür klingelt es. Gleich darauf geleitet Frau John den Assistenten Becker herein und verschwindet wieder in der Küche. Noch ehe der Gast die Anwesenden richtig begrüßt hat, ist Frau John wieder da, mit Besteck und einem Tablett voll dampfender Schüsseln.

„Sie müssen nachexerzieren, Herr Becker. Mein Mann hat schon gegessen.“

„Herzlichen Dank. Aber ich müßte wohl erst ...“ Becker sieht seinen Vorgesetzten fragend an und platzt dann rasch heraus mit der Neuigkeit, die er bringt. „Herr Kommissar, wir wissen bereits, von wem der Fußabdruck bei der Jagdhütte herrührt!“

„Im Falle Dahlen? So?“

„Jawohl, Herr Kommissar. Kurz nachdem Sie fortgegangen waren, meldete sich ein Fräulein Janka Bolana in Präsidium bei mir und gab an, vorgestern abend bei Dahlen in der Jagdhütte gewesen zu sein.“

„Das müssen Sie mir mal erzählen, Becker.“

Frau John gibt ihrem Mann eine leichte Kopfnuß. „Schon wieder deinem eigenen Grundsatz untreu, Alfred? Du sagst doch immer: Zu Hause wird nicht gefachsimpelt.“

„Ja ja, Grete. Mag ich auch nicht, die paar Heimstunden hab ich gern für mich. Der Beruf frißt einen ja sowieso schon mit Haut und Haaren auf. Aber das hier ist wichtig. Es handelt sich um einen neuen Fall, der ... Na, Becker, schießen Sie los!“

Frau John nimmt ergeben eine Handarbeit vor. Sie weiß: nun wird Becker doch das gute Essen, sein Lieblingsgericht, erst halbkalt bekommen.

„Ich habe das Protokoll mitgebracht, Herr Kommissar.“ Becker zieht ein paar Bogen hervor und reicht sie über den Tisch. „Janka Bolana hat in der Abendzeitung von dem Tod Dahlens gelesen und ist gleich zum Präsidium gestürzt, um Näheres zu erfahren. Im Verlauf der Unterredung stellte ich dann fest, daß die Bolana mit Dahlen befreundet war und ihn vorgestern abend in seiner Jagdhütte besucht hat. Mir fiel auf, daß sie sehr kleine Füße hat, und ich nahm daher gleich einen Abdruck. Er stimmt mit dem bei der Hütte gefundenen vollkommen überein.“

John hat das Protokoll durchgelesen und legt es auf den Tisch. „Janka Bolawinsky, Künstlername Bolana, 36 Jahre alt, Leiterin einer choreographischen Schule“, wiederholt er sinnend das Gelesene. „Welchen Eindruck hatten Sie von ihr, Becker?“

„Ich glaube, daß sie die Wahrheit sagt. Wenigstens im wesentlichen. Die Bolana ist ein etwas verblühtes, aber sehr schickes und pikantes Persönchen. Sie war sehr aufgeregt, teils über die unerwartete Todesnachricht, teils wohl auch aus Angst, selber in die Sache verwickelt zu werden. Daß sie vorgestern bei Dahlen war, sagte sie mir aus freien Stücken. Er soll sie eingeladen haben, ihn da draußen zu besuchen. Angeblich interessierte sich Dahlen für ihre Tanzschule und wollte sich daran finanziell beteiligen. Na ja ...“

John wirft einen vorsichtigen Blick nach seiner Tochter. „Ich denke mir schon das meine, Becker. Hm, die Tänzerin sagt aus, daß sie gestern abend bis 23 Uhr Tanzunterricht gegeben hat?“

„Soweit ich in der Eile feststellen konnte, ist das richtig, Herr Kommissar. Zwei der von Fräulein Bolana angegebenen Zeugen hab ich telephonisch erreicht. Sie bestätigen die Einlassung der Bolana.“

„Da kann sie also gestern nicht draußen gewesen sein. Die angegebenen Personalien stimmen?“

„Jawohl. Nach Auskunft des Meldeamtes sind sie richtig.“

John schenkt sich ein neues Glas Bier ein. „Da hätten wir dann also die Dame, die zu dem Fußabdruck gehört. Ist mir offen gestanden sehr lieb, denn es vereinfacht die Sache. Man rennt oft so einer Spur nach und verliert kostbare Zeit mit Dingen, die sich schließlich als gänzlich harmlos erweisen. Kennt Fräulein Bolana den Bildhauer Brögli?“

„Nein. Ihrer Aussage nach hat sie den Mann nie gesehen.“

„Werden das alles ja noch nachprüfen. Für alle Fälle können wir die Bolana morgen noch mal vorladen. Aber vormittags, lieber Becker. Am Nachmittag möcht ich selber mal zur Jagdhütte rausfahren. Hm. Geuer hat heute Nachtdienst?“

„Zingsheim, Herr Kommissar.“

„Richtig, Zingsheim. Haben Sie ihm gesagt, daß er mich anrufen soll, wenn Nachricht von einer Grenzstelle über Brögli eingehen sollte?“

„Jawohl.“

„Na dann ... lassen Sie das Essen nicht kalt werden, lieber Becker. Meine Frau glubscht schon.“

Nach dem Essen wird bei Bier und einer Zigarre noch eine Stunde geplaudert. Nicht von dienstlichen Angelegenheiten, Kommissar John weiß seinen Assistenten zum Erzählen zu bringen. Von seiner Heimat an der schwarzen Wupper erzählt Becker, von Burger Bretzerln und der schwindelhohen Konstruktion der Müngstener Brücke, von seinen Vorfahren, die ehrsame, alteingesessene Schwertschmiede waren im Remscheider Land.

Georg, der Sekundaner, ist näher gerückt und hört interessiert zu. Auch Waltraut hat John an den Tisch gelotst, aber sie hat ihr Abenteuerbuch mitgenommen und guckt von Zeit zu Zeit verstohlen hinein, um darzutun, wie wenig sie die Erzählung Beckers fesselt.

Um halb zwölf — Georg ist schon zu Bett, und Assistent Becker ist eben im Begriff, sich von Frau John zu verabschieden — ruft der Beamte vom Innendienst an. Telephonische Meldung der Grenzkriminalpolizei. Der Bildhauer Hans Brögli, geboren am 20. 8. 1904, ist bei der Paßkontrolle im D-Zug Berlin—Basel angehalten und vorläufig in Gewahrsam genommen worden.

4.

„Else Bollmann?“ Irmgard von Dahlen dreht die Besuchskarte, die das Mädchen hereingebracht hat, etwas unschlüssig in den Fingern. Das ist doch Hans Bröglis Modell. Das junge Mädchen, von dem er in letzter Zeit oft gesprochen hat. Was will denn die? Aber — vielleicht weiß sie etwas von Hans! — Irmgard springt auf, wischt sich die Tränenspuren aus dem Gesicht und geht selber zur Tür, um die Besucherin zu empfangen.

„Womit kann ich Ihnen dienen, Fräulein Bollmann?“ Irmgard mustert erstaunt das kaum zweiundzwanzigjährige Mädchen, das sich ohne Scheu in dem ihr angebotenen Sessel niedergelassen hat. Daß diese Else Bollmann so schön sein könnte, hat sie nie gedacht. Schlanke, wunderbar ebenmäßige Figur, ein sanftes, geradezu klassisch geschnittenes Gesicht, kluge, etwas spöttisch dreinblickende Augen. Dazu sehr elegant gekleidet, geschmackvoll, ohne aufgeputzt zu wirken. Irmgard ist ein vernünftiges, klardenkendes Mädchen. Bisher hat sie sich nie Gedanken gemacht über die Frauen und Mädchen, mit denen Hans Brögli in seinem Atelier arbeiten muß. Erst in diesem Augenblick, als das „Modell“ vor ihr sitzt, hat sie ein leises, unangenehmes Gefühl bei dem Gedanken, daß Hans täglich ein paar Stunden mit diesem schönen Mädchen zusammen war, daß sie ihm Modell gestanden hat.

„Ich komme natürlich wegen Herrn Brögli“, reißt die Stimme der Besucherin Irmgard aus ihrem Bann. „Das stimmt also wirklich, daß man Herrn Brögli verhaftet hat?“

Es zuckt verräterisch um Irmgards Lippen. „Ja. Gestern stand es ja in der Zeitung.“

„Na, nu weinen Sie man nicht gleich, Fräulein von Dahlen“, bittet Else Bollmann burschikos. „Das ist doch heller Unsinn, daß Herr Brögli den alten Dahlen ... ich meine, daß er Ihren Herrn Vater umgebracht haben soll. Hat die Polizei wieder mal tüchtig ins Fettnäpfchen gehauen. Aber sie wird Herrn Brögli freilassen müssen.“

Irmgard zieht wie im Schmerz ein wenig die Brauen zusammen. Der Ton gefällt ihr nicht. Sie selber hat die letzten 24 Stunden wie in einem Fieberzustand zugebracht, ist fast zu Ende mit ihren Kräften, und dieses „Modell“ kommt da und redet, als ob das alles, das Gräßliche, Furchtbare, mit einem belanglosen Trostwort abzutun sei.

„So leicht dürfen wir leider die Sache nicht nehmen“, sagt Irmgard verweisend. „Ich habe große Sorge um Hans ... um Herrn Brögli.“

„Sagen Sie man ruhig Hans“, lächelt die Besucherin. „Glauben Sie, ich nenn’ ihn im Atelier ‚Herr Brögli‘? Nein, bitte, Fräulein von Dahlen, machen Sie nicht so eisblöckige Augen. Da ist nämlich gar nichts bei. Daß man sich beim Vornamen nennt, ist nun mal so üblich in den Kreisen der schönen Boheme.“

Irmgard nickt verstehend. „Wissen Sie etwas über Hans? Ich meine, etwas, das in der ... der Sache von Wichtigkeit wäre?“

Else Bollmann schlägt ein wohlgeformtes Bein über und hebt ein wenig die Schulter. „Was Besonderes weiß ich nicht. Nur, daß der ganze Verdacht Quatsch ist. Hans Brögli soll Herrn von Dahlen erschossen oder erschlagen haben? Da lachen doch die Hühner. Wenn’s umgekehrt wär, könnt man’s eher glauben.“

„Ich verstehe Sie wohl nicht, Fräulein Bollmann?“

„Na, ich mein’s ja auch nicht so wörtlich. Ich wollte nichts Nachteiliges über Ihren Herrn Vater sagen. Mir kam nur eben so der Gedanke, daß Herr von Dahlen wohl eher einen Grund gehabt hätte, Hans Brögli auf den Weg zu helfen, als umgekehrt.“

„Mein Vater? Wollen Sie mir nicht erklären ...?“

„Nee, ich werd’ mich hüten. War ja auch nur so ’n Gedanke.“

„Ein etwas sonderbarer Gedanke, Fräulein Bollmann.“

Einen Augenblick macht das „Modell“ ein etwas schuldbewußtes Gesicht, dann beginnen ihre Augen wieder zu lachen. „Nu sind Sie mir böse, Fräulein von Dahlen. Ich hab immer das Pech, daß ich gleich rauskolke, was mir durch den Sinn rutscht. Na, nun hab ich’s also bei Ihnen verdorben. Und dabei hatte ich die schöne Hoffnung, daß wir beide uns verstehen würden.“

„Ich bin nicht böse, Fräulein Bollmann. Aber ich glaube, es wäre am besten, wenn Sie offen sagten, was Sie hergeführt hat. Oder wollten Sie vielleicht meine Mutter sprechen?“

Else macht eine entsetzt abwehrende Bewegung. „Bloß nicht, Fräulein von Dahlen! Zu Ihnen bin ich natürlich gekommen. Als ich in der Zeitung von Bröglis Verhaftung las, zerbrach ich mir das Köpfchen, was man da machen könnte. Am liebsten wär ich gleich zur Polente gelaufen. Aber das hat keinen Zweck. Ich hätte da ja doch bloß die Herren allesamt ‚Rindvieh‘ genannt, und sie hätten mich rausgeschmissen oder eingebunkert. Da dacht’ ich eben an Sie und hoffte, wir zwei beide könnten uns zusammensetzen und vernünftig überlegen, wie Hans Brögli aus der Klemme rauskommt. Wir haben ihn doch beide gern.“

„Sie auch?“ Irmgard beißt sich auf die Lippen. Das Wort ist ihr gegen ihren Willen herausgefahren. Aber Else Bollmann merkt ihre Verwirrung nicht.

„Na, nicht zu knapp“, erklärt sie selbstbewußt. „Wissen Sie, Fräulein von Dahlen, im Grunde sind die Männer durch die Bank ekelhafte Gebilde. Ich hab Schulen besucht in der Beziehung. Ich kenn die Bande. Mir macht da so leicht keiner was vor, mit was für einem Schmus er auch kommt. Na, man lebt nur einmal und so ’n bißken für ’s Herz muß man ja haben. Zur Madonna hab ich nu mal kein Talent. Aber die Herren Kavaliere — nee, bei mir abgemeldet. Da lob ich mir meinen Max. Der ist Kellner, tüchtiger Junge in seinem Fach. Und vernünftig. In vier oder fünf Jahren wird er so viel zusammen haben, um einen Gasthof zu pachten. Na also, da weiß man doch, woran man ist, nicht? Das heißt ... immer bei der Wahrheit bleiben ... gegen Hans Brögli würd ich meinen Max ja nu unbesehen eintauschen.“

Irmgard macht eine Bewegung, als wolle sie sich erheben. „Fräulein Bollmann, es ... es ist mir peinlich, über ... diese Dinge zu sprechen. Wenn Sie mir sonst nichts mitzuteilen haben ...?“

„Ganz verkehrt“, sagt Else Bollmann und hat plötzlich einen nüchternen, entschlossenen Blick. „Meist kommen im Leben immer die Schwierigkeiten und Mißverständnisse, weil die Beteiligten sich nicht miteinander aussprechen. Hab’ das oft genug in Romanen gelesen und will mich immer kugeln vor Lachen, wenn da so ein schreckliches Rätsel nicht gelöst werden kann, bloß weil der eine oder andere so verbohrt ist, zu schweigen, statt hinzugehen und frisch von der Leber weg zu reden. Na, so dumm wollen wir zwei beide doch nicht sein, Fräulein von Dahlen?“

Irmgard fühlt das Wahre in den Worten und zwingt sich zur Ruhe. „Sie ... Sie lieben also Hans Brögli?“

„Huh! Lieben klingt so feierlich. Wollen mal ganz ehrlich sein, Fräulein von Dahlen. Ich mag ihn gern, und wenn ich ihn kriegen könnte, würd ich sogar meinen Max laufen lassen. Weil Hans Brögli so ein famoser Kerl ist. Zuerst, als ich zu ihm kam und er sich nur für die Arbeit interessierte, habe ich gedacht: Nachtigall, dir hör ick trappsen! Bist nicht der erste, der mit dem ‚fanatischen Künstler‘ auf mich Eindruck machen wollte! Aber allmählich bin ich dann dahintergekommen, daß Hans Brögli wirklich das ist, was man einen Charakter nennt. Manchmal ist er mir sogar eine Kleinigkeit zu ledern und spießig in seinen Ansichten.“

„Ich nehme an, Sie wissen, wie ich zu Hans Brögli stehe?“

„Na klar. Darum hab ich Sie doch aufgesucht. Sehen Sie, Fräulein von Dahlen, erst hatte ich Bedenken, so schlankweg zu Ihnen zu kommen. Aber dann fiel mir ein, daß ich Sie ja schon kenne.“

„Sie kennen mich?“

„Bloß vom Sehen, und es ist auch schon so circus zwo Jahre her. Da war ich mal bei der Mangold. Ein sogenannter Verehrer von mir hatte das Bedürfnis, mir ein neues Kostüm zu schenken, und ich wollte der guten Mangold was zu verdienen geben. Na, da habe ich Sie also da im Modesalon gesehen.“

Irmgard fühlt eine Hitze unter der Stirnhaut. „Haben Sie das auch Hans Brögli erzählt? Daß ich Vorführdame bei der Mangold war?“

„Warum denn? Von Hans Brögli habe ich nur mal bei ’ner unpassenden Gelegenheit erfahren, daß seine Verlobte Irmgard von Dahlen heißt und Modezeichnerin bei Jürgens & Söhne ist.“

„Ja“, sagt Irmgard aus stillem Nachsinnen heraus, „ich war damals Mannequin. Meine Eltern haben es nie erfahren. Hier zu Hause hab ich damals gesagt, ich sei Sekretärin im Modenhaus Mangold. Sonst hätten meine Eltern es nicht erlaubt. Und ich mußte doch arbeiten und etwas verdienen. Man kann doch nicht ewig als Haustöchterchen sich von den Eltern päppeln und ernähren lassen.“

„So ungefähr hab ich mir’s gedacht“, bestätigt Else Bollmann herzlich. „Fräulein von Dahlen ist richtig — dacht ich mir —, eine Frau, die in die Welt paßt und sich nicht geniert, zuzupacken, wo ’s nach Arbeit riecht. Zu der kann man hingehen, — dachte ich. Fräulein von Dahlen und ich, wir werden uns schon verstehen. Hab ich recht?“

„Ja“, sagt Irmgard entschlossen und streckt der Besucherin impulsiv die Hand hin. Sie weiß selber nicht recht, wie es gekommen ist, aber von Minute zu Minute gefällt ihr Else Bollmann besser.

„Alsdann gahn mers an — sagte die waschechte Weanerin aus Berlin J.W.D.“ — lacht Else. „Also was ist denn nun eigentlich mit Hans Brögli los? Wie kommt die löbliche Polizei zu dem dämlichen Verdacht?“

Irmgard erzählt, was sie weiß. Von dem Besuch Bröglis in der Jagdhütte, von seinem Streit mit ihrem Vater, von der Weigerung des Vaters, in die Verlobung einzuwilligen.

„Ist die Einwilligung denn so nötig?“ erkundigt sich Else interessiert. „Sie müssen doch in ein paar Jahren mündig sein.“

„Ich bin 26 geworden, also bereits mündig.“ Irmgard kann einen kleinen Seufzer nicht unterdrücken. „Von mir aus bedurfte es Papas Segens nicht. Ich würde mit Hans in die Welt gehen, wann und wie es ihm beliebte. Ich fürchte mich nicht. Aber Hans selber will das ja nicht. Er sagt, es gehe gegen sein Gewissen, mich meinen Eltern zu entfremden.“

„Sieht ihm ähnlich genug.“

„Ja, Hans ist aus einer alten Schweizer Familie mit sehr strengen Grundsätzen. Davon kommt er nicht los, obwohl er freier Künstler geworden ist.“

„Hab’ ich gemerkt. Schad, daß die anständigen Männer manchmal so ’n Brett vor ’m Koppe haben. Sagen Sie mal, Fräulein von Dahlen, hat Ihr Vater Ihnen verraten, was er eigentlich gegen Brögli hatte?“

„Persönlich hatte er wohl nichts gegen Hans. Aber mein Vater fühlte sich verpflichtet, streng über meine Tugend zu wachen. Wie Väter nun mal sind. Mich einem ‚Künstler‘ zu geben, lehnte er entschieden ab.“

„Schau, schau! Der Herr von Dahlen!“ Else spitzt den Mund wie zum Pfeifen. „Ich sagte vorhin, daß eher Herr von Dahlen umgekehrt ... und so weiter. Das war natürlich nicht so wörtlich gemeint. Aber vielleicht hatte Ihr Vater doch noch einen anderen Grund, weshalb er Hans Brögli nicht ausstehen konnte.“

„Welchen meinen Sie?“

„Na, lassen wir ’s. Er ist Ihr Vater.“

Irmgard sieht sie fest an. „Sagten Sie nicht vorhin, alle Mißverständnisse kämen nur durch das — Schweigen?“

„Au! Das saß!“ Else Bollmann reckt sich auf. „Natürlich haben Sie recht, Fräulein von Dahlen. Darf ich offen reden?“

„Ich bitte Sie herzlich darum.“

„Also ohne lange Vorrede: Ihr Herr Vater geruhte mich recht annehmbar zu finden. Er sehnte sich nach näherer Bekanntschaft mit mir. In allen Ehren natürlich. Da er annahm, daß Hans Brögli als mein Brötchengeber auch über meine — Freundschaft zu verfügen hätte, machte er ihm den Vorschlag, mich sozusagen ihm zu übereignen.“

„Wer hat Ihnen das gesagt?“

„Hans Brögli bestimmt nicht. Der ist viel zu vornehm, der Esel, um mir so was zu erzählen. Von Herrn von Dahlen persönlich hab ich’s gehört. Ich stand nämlich, ihm unbewußt, im Nebenzimmer hinter dem Vorhang, als er im Atelier das hübsche Geschäftchen mit Hans machen wollte.“

„Und Hans? Was sagte er?“

„Nicht viel. Aber doch genug, daß Herr von Dahlen einsah, daß Hans Brögli kein ... Mädchenhändler ist. Sollte mich nicht wundern, wenn er deshalb so schlecht auf Hans zu sprechen war.“

Irmgard hebt ihr rot gewordenes Gesicht. Etwas Rührendes liegt in der Offenheit, mit der sie die Besucherin anschaut.

„Ich glaube, da irren Sie sich, Fräulein Bollmann. Ich bin nicht blind und weiß, daß mein Vater manches ... nun ja, manches tat, was ich nicht gutheißen kann. Auch Mutter weiß es nur zu genau. Aber in diesem Falle tun Sie ihm unrecht. Er sorgte sich wirklich um mich. Viel zu sehr leider. Wenn ’s nach ihm gegangen wäre, so hätte ich als wohlbehütetes Gänslein in Watte gepackt werden müssen. Es war wirklich väterliche Fürsorge, die ihn gegen den Gedanken an meine Heirat mit Hans einnahm. Manchmal habe ich gedacht ...“ Irmgards Stimme wird ganz leise ... „daß Vaters heißer Wunsch war: Ich solle ein anderer Mensch werden als ... er selbst es war.“

Jetzt ist es Else Bollmann, die herzlich ihre Hand über das Tischchen streckt. „Ich hab ja gewußt, daß Sie ’n feiner Kerl sein müssen, Fräulein von Dahlen. Lassen Sie uns jetzt mal nachdenken, was wir für Hans Brögli tun können.“

„Ich weiß es nicht“, sagt Irmgard mit zerquälten Augen. „Ich hab schon an so vieles gedacht, aber es ist alles nichts. Wenn Hans nur ... wenn er nur nicht bereits ... eingestanden hat!“

Else Bollmann erschrickt heftig. „Sie ... Sie glauben, daß er die Tat begangen hat!?“

„Nein, nein! Er hat es nicht getan! Aber trotzdem ... verstehen Sie doch: Seine plötzliche Abreise! So kurz nachdem das da draußen in der Jagdhütte passiert war! Fast wie eine ... Flucht! Er sagte mir, er wolle nach Zürich, zu seinen Eltern.“

„Und kann das denn nicht wahr sein? Fräulein von Dahlen, das ist ja furchtbar! Reden Sie nicht, ich merk es Ihnen doch an. Sie glauben ... Sie fürchten, daß Hans Brögli es getan hat!“

Irmgard antwortet nicht, aber in ihren bangen Augen liegt ein schweigendes Eingeständnis.

Else Bollmann denkt nach, eine kleine, scharfe Falte auf der Stirn. „Kann Brögli nicht nachweisen, wo er in der Nacht gewesen ist?“

„Doch. Er war zu Hause und schlief.“

„Bah!“ Else macht eine verächtliche Handbewegung. „Das ist höchstens ’ne Behauptung, aber kein Beweis. Er kann ausgegangen sein, ohne daß jemand es gehört oder gesehen hat.“

„Ja, ich fürchte, so wird die Polizei auch sagen.“

„Mag sie das.“ Else Bollmann steht plötzlich auf. Ihr schönes Antlitz sieht aus, als sei es bereits von Brögli in harten Marmor gehauen. „Aber ich kann Sie beruhigen, Fräulein von Dahlen. Hans Brögli hat Ihren Vater nicht getötet. Er kann ’s gar nicht getan haben. Weil er um die Zeit ganz woanders war.“

„Wo!?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber der Polizei werd’ ich ’s schon klarmachen.“

Irmgard hebt in neuer Hoffnung den Kopf. „Haben Sie denn einen Zeugen? Jemand, der beweisen kann, wo Hans zur Tatzeit war? Er sagte mir doch, daß er allein zu Hause war und geschlafen hat.“

„Na, immer sagen uns die Herren der Schöpfung nicht die Wahrheit. Verlassen Sie sich darauf, ich hab’ einen Zeugen. Noch dazu einen, auf den ich mich verlassen kann. Also ich fahre jetzt gleich zum Alex und werd’ der Polizei mal ’ne Bogenlampe anstecken. Hoffentlich sind Sie mir nicht böse, Fräulein von Dahlen, daß ich Sie überfallen hab.“

„Im Gegenteil. Ich ... ich wünschte, wir beide lernten uns näher kennen.“

Es liegt so viel unbewußte Herzlichkeit in Irmgards Zügen, daß Else ihr kräftig die Hand schüttelt. „Abgemacht. Soweit es an mir liegt. Passen Sie auf, Sie und ich — wir werden Hans Brögli schon auf die Beinchen helfen.“

„Und Sie wollen mir nicht sagen, wo Hans ...?“

„Nein, das kann ich nicht sagen.“ Else Bollmann löst sanft ihre Hand aus der Irmgards. „Aber vielleicht erfahren Sie es bald. Durch die werte Polizei.“

Um die Hofzäune in Pritzow wuchert der Klatsch. Eine Pflanze, die auch in der Stadt üppig genug gedeiht. Aber hier auf dem Dorf hält sie sich länger und verbreitet sich rascher als in den Städten. Otto Brielow traut sich kaum noch von seinem Hof runter, schämt sich, jedem Nachbarn ins Gesicht zu sehen.

Verdacht! Die Frauen aus dem Dorf kommen und gehen im Brielowschen Anwesen, sitzen in der Küche bei Mutter Brielow, schwatzen aufgeregt, beklagen jammernd den guten Otto und können nicht genug hören und erzählen. Und was sie alles wissen! Da soll in Friesack ein Landstreicher gefaßt worden sein und schon eingestanden haben, daß er den alten Dahlen erschossen hat. Nein, schwört eine andere, Dahlen hat sich selber erschossen. In seiner Berliner Wohnung haben sie seinen Abschiedsbrief gefunden. Die dritte weiß es noch genauer: Franek, der „Pollak“, muß es gewesen sein. Der hat heimlich den Schlüssel fallen gelassen, so daß Otto ihn finden mußte.

So klatschen und tratschen die Frauen. Die Männer aber kommen nicht. Weder der Nachbar Krüger noch der Pächter Scholz, die sonst abends fast immer ein Stündchen ’rüberkamen, um zu klönen. Der sonst so lustige Schmied, bei dem Otto einen Gaul beschlagen läßt, ist wortkarg und vermeidet es, von dem Mord zu sprechen. Im Gasthaus wird abends dafür um so mehr gedröhnt. Es sind durchaus nicht alle im Dorf der Meinung, daß Otto Brielow der Täter sei. Im Gegenteil, die meisten sagen, daß man so etwas Otto nicht zutrauen könne. Aber es gibt auch einige, die vorsichtig andeuten, etwas könne doch daran sein, und es als sehr dumm bezeichnen, daß Otto zugegeben hat, daß er so nahe bei der Jagdhütte war.

Otto Brielow verflucht selber hundertmal am Tage die Neugierde, die ihn an jenem Morgen zu Dahlens Jagdhaus trieb. Wenn er nicht den Toten gefunden hätte, wenn er überhaupt den Mund gehalten und nichts von seinen nächtlichen Beobachtungen erzählt hätte, dann wäre vielleicht kein Mensch darauf gekommen, ihn mit dem Mord in Verbindung zu bringen. Aber nun hat er die Dummheit einmal begangen und wer weiß, was noch alles daraus werden kann.

Daß ganz Pritzow sich aufregt, ist kein Wunder. Wenn der Pächter Dahlen auch kein Pritzower war, sein Revier gehört immerhin zur nächsten Nachbarschaft, und es ist unheimlich zu denken, daß so nahe beim Dorf ein Mord geschehen ist. Vorgestern waren sie wieder draußen bei der Jagdhütte, ein Berliner Kriminalkommissar mit seinen Begleitern und der Wachtmeister Panz. Sie haben das Unterste zuoberst gekehrt, nachher noch stundenlang beim Ortsvorsteher gesessen und Verhöre abgehalten. Otto Brielow, Hilde Brielow, Franek, sogar Mutter Brielow und der Bauer Günter wurden vernommen. Erst gegen Abend ist die Kommission wieder abgefahren.

Seither hat man nichts mehr von der Polizei gehört. Aber jedermann ist sich natürlich klar darüber, daß fieberhaft weitergesucht wird, und als heute, um die Mittagsstunde, Wachtmeister Panz vom Gemeindeamt her ernsten Gesichts über den Dorfplatz geht, folgen ihm aus Fenstern und Türen gespannte Augen und stellen fest, daß er auf den Weg einbiegt, der zum Brielowschen Gehöft führt. Zehn Minuten später, noch ehe der Beamte den Hof erreicht hat, fliegt bereits wie ein Lauffeuer die Kunde durch das Dorf: Wachtmeister Panz ist zu Brielows gegangen, um Otto’n zu verhaften!

Sonderbar, wie nahe oft das Gerede der Wahrheit kommt. Niemand in Pritzow weiß etwas Tatsächliches, aber Wachtmeister Panz steht wirklich in der Brielowschen Küche und in seiner Brusttasche steckt ein Schreiben der Staatsanwaltschaft, in dem die Gendarmerie ersucht wird, den Landwirt Otto Brielow als hinreichend verdächtig vorläufig festzunehmen und nach Berlin zu überstellen.

Von Mutter Brielow gerufen, kommt Otto herein, Spuren von Stallmist an Joppe und Arbeitshosen. „Wat soll ick denn nu schon wieder, Panz?“

Der Wachtmeister grüßt flüchtig und ist darauf bedacht, die Mädchenaugen zu meiden, die ihn vom Herd her halb ängstlich, halb haßerfüllt anstarren. „Ja, das ist nu mal nicht anders, Brielow. Ich muß Sie mitnehmen.“

„Hat det denn nich Zeit bis heut abend? Die Arbeit ...“

„Es geht leider nicht anders.“

„Na, ooch noch. Denn aber dalli, damit det bald überstanden is.“

Otto Brielow langt nach seiner Schirmmütze und macht Miene, zur Tür zu gehen, aber Wachtmeister Panz hält ihn mit einer Handbewegung zurück.

„Wollen Sie sich nicht erst etwas umziehen, Brielow? Ich meine man nur.“

Ottos Gesicht verliert die Farbe. Er hat verstanden. Nicht zu einem neuen Verhör beim Ortsvorsteher geht es, sondern ...

„Mutter“, sagt Otto Brielow mit unsicherer Stimme. „Jib mal den blauen Anzug her. Und ’n reinet Hemde. Ick komm’ nich wieder.“

Die Frauen schreien auf. Hilde wirft die Arme vors Gesicht und weint jämmerlich. Mutter Brielow aber überwindet ihren Schrecken sofort. Mit zusammengekniffenen Lippen fährt sie zwischen Stube und Küche herum, bringt Wäsche und Sonntagsanzug, schneidet hastig Brot und holt ein Stück Speck aus der Räucherkammer. Was zu essen muß doch der Otto mithaben.

Während Otto sich mit fahrigen Fingern umzieht, wartet Wachtmeister Panz schweigend und geduldig.

„Panz“, schluchzt Hilde auf, „is det denn möglich? Sie glaub’n wirklich, det Otto ’n Menschen umjebracht hat?! Und nu woll’n Se Otto’n in ’t Jefängnis bringen?“

Wachtmeister Panz räuspert sich, um die Kehle klar zu bekommen. „Na, immer mit der Ruhe, Fräulein Hilde. Wird nicht alles so heiß gegessen, wie ’s gekocht wird. Wenn Ihr Bruder unschuldig ist, wird sich das schon erweisen.“

„Warum habt ihr ’t nur auf Otto’n abgesehen?“ beharrt das Mädchen, sich mit der Schürze die Augen trocknend. „Den alten Dahlen kann doch ooch jemand anders umjebracht haben!“

„Wer zum Beispiel?“

„Na, irgendwer. Zum Beispiel ich! Wenn ich mich nu hätt wehren müssen gegen det olle Ekel und ich hätt ihm ...“

„Fang du ooch noch an, dämlichet Jör!“ faucht Mutter Brielow dazwischen. „Mit so dumme Lügen kannste Otto’n nich helfen! Panz, det is bloß Quatsch, wat se da dröhnt! Hilde war die Nacht jar nich draußen. Se schläft doch mit mir zusammen. Ick wer’ ja woll wach wer’n, wenn det Meechen etwan nachts aus’m Hause schleichen will. I, det wär so det Richtige!“

Wachtmeister Panz beruhigt Mutter Brielow, er habe selbstverständlich nicht geglaubt, daß ihre Tochter in Frage käme. Dann wendet er sich an Otto.

„Na, sind wir so weit?“

Otto Brielow nickt stumm. Neues Aufweinen Hildes. Mutter Brielow steckt ihrem Sohn rasch noch ein paar Mark in die Tasche. „Gräm dir man nich, Otto. Du hast det nich getan. Keener kann dir det nachweisen. Jeh du man. Sach der Pollezei de Wahrheit, dann kann dir keener wat. Und sorg dir bloß nich. Ick werd schonst fertig hier. Det mach ick schonst allet, Otto!“

„Verjiß nich, Mutter: Wenn die Gelbe ooch morjen nich frißt, mußte ’n Tierarzt anrufen!“

„Otto!“ Hilde hängt sich an den Bruder. „Soll ick mitkommen?‘

„Quassel nich, Hildeken. Bleib du man bei Muttern.“

Wachtmeister Panz ist ernst und schweigsam, als er seinen Gefangenen zum Ortsvorsteher bringt, wo inzwischen bereits das von der Bahnstation herbeigerufene Auto wartet. In dem Beamten hat sich immer mehr die Überzeugung durchgerungen, daß Otto Brielow nicht der Täter ist. Trotz der unleugbaren Verdachtmomente. — Wachtmeister Panz findet die Ansicht des Ortsvorstehers immer wahrscheinlicher, nämlich, daß der oder die Einbrecher, die in letzter Zeit in der Umgegend hausten, auch hier die Hand im Spiel haben. Der Verhaftsbefehl hat ihn darum nicht wenig überrascht. Aber — bedeutet das denn, daß die Kripo wirklich von der Schuld Otto Brielows überzeugt ist? Dann hätte sie ihn doch gleich am ersten Tage festgenommen. Wachtmeister Panz hat, seitdem er den Befehl bekam, darüber nachgedacht und glaubt, den Schlüssel gefunden zu haben. Manchmal schreitet man zu einer Festnahme, nur um den wirklichen Täter sicher zu machen. Jawohl, so wird der Fall auch hier liegen.

Wachtmeister Panz fühlt sich beruhigt bei diesem Gedanken. Daß ganz andere Gründe für die Kriminalpolizei maßgebend waren, daß nämlich an dem Jagdgewehr von Dahlens bei der genauen Untersuchung Fingerabdrücke Otto Brielows festgestellt worden sind, das weiß Wachtmeister Panz noch nicht.

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9788711445105
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