Читать книгу: «Voller Witz und Weisheit»

Alle verwendeten Bibelstellen sind entnommen aus: Lutherbibel, revidierter Text 1984, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung, © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Vorwort
Der Täter macht Ernst, der Weise einen Witz

Wunder über Wunder
Drei Männer wetteifern miteinander, wessen Rabbiner die größeren Wunder getan hat. Der eine Mann beginnt: »Kürzlich war unser Rabbi im offenen Wagen unterwegs, als plötzlich ein Platzregen kam. Unser Rabbi hat gebetet, die Hände zu Gott erhoben. Und was soll ich euch sagen, Gott hat den Regen geteilt. Links vom Wagen hat es geregnet und rechts vom Wagen hat es geregnet, und in der Mitte, wo der Rabbi gefahren ist, blieb es trocken.
Ein Wunder!« Nun erzählt der zweite Mann: »Unser Rabbi war an einem Freitag mit dem Auto unterwegs, als plötzlich der Wagen streikte. Es war kurz vor Sonnenuntergang, unmittelbar vorm Sabbat. Der Wagen fuhr nur noch ganz langsam. Unser Rabbi hat gebetet, seine Hände zu Gott erhoben. Und was soll ich euch sagen, Gott hat den Sabbat geteilt. Rechts vom Wagen war Sabbat und links vom Wagen war Sabbat, und in der Mitte, wo der Rabbi gefahren ist, war kein Sabbat. Ein Wunder!«
Und schließlich erzählt auch der dritte Jude: »Unser Rabbi hat kürzlich einen kleinen Jungen gesehen, wie er vor einer hohen Mauer steht und ein Schinkenbrötchen isst. ›Die Mauer soll doch gleich über dich stürzen‹, rief der Rabbi. Doch im selben Augenblick besann er sich und dachte, der kleine Junge weiß es sicher nicht besser. Unser Rabbi hat gebetet, die Hände zu Gott erhoben, dass die Mauer nicht über den Jungen stürzt. Und was soll ich euch sagen, die Mauer blieb stehen. Ein Wunder!«
Ein Unverständiger glaubt noch alles; aber ein Kluger gibt Acht auf seinen Gang.
(Sprüche 14,15)

Schweigen ist Gold
In einem Zugabteil sitzen sich zwei Juden gegenüber, ein älterer Herr und ein junger Mann, der sich vergebens abmüht, ein Gespräch zu beginnen. Schließlich versucht es der junge Mann mit der einfachsten Masche: »Verzeihung, der Herr, könnten Sie mir vielleicht sagen, wie spät es ist?« Der Herr antwortet nicht. Sie fahren Stunde um Stunde, und immer wieder versucht der junge Mann mit seinem Gegenüber ins Gespräch zu kommen. Schließlich nähert man sich der Endstation. Der junge Mann fasst sich noch mal ein Herz und sagt: »Verzeihung, mein Herr, jetzt habe ich Sie mehrmals höflich gefragt, was die Uhr ist. Und Sie gaben mir nicht eine Antwort!«
Nun wendet sich der Ältere an sein Gegenüber und sagt: »Lieber Mann, ich will Ihnen sagen, was gewesen wäre, wenn ich Ihnen gesagt hätte, was die Uhr ist. Ich hätte Ihnen gesagt, wir haben neun Uhr. Sie hätten mir gesagt, was ich für eine schöne Uhr habe. Ich hätte Ihnen gesagt: Ja, die Uhr ist ein wertvolles Stück. Sie hätten gesagt, wenn man eine so wertvolle Uhr hat, muss man auch machen gute Geschäfte. Ich hätte Ihnen gesagt, dass ich gute Geschäfte mache. Sie hätten mich gefragt, was für Geschäfte ich mache. Ich hätte Ihnen gesagt, dass ich in Papier und Kleber mache. Dann hätten Sie mich gefragt, wo ich wohne. Ich hätte Ihnen gesagt, in Przemysl. Sie hätten mich gefragt, ob ich habe ein schönes Haus. Ich hätte Ihnen gesagt, ich habe ein schönes Haus. Sie hätten mich gefragt, ob ich habe eine Familie. Ich habe eine Tochter. Sie hätten mich gefragt, ob die Tochter schön ist. Ich hätte gesagt, sie ist schön. Dann wären Sie gekommen, hätten einen Besuch gemacht. Dann hätten Sie bei mir angehalten um die Hand meiner Tochter. Jetzt frage ich Sie: Wozu brauche ich in meiner Mischpoche e Parech, was nicht emal an Uhr hat?«
Eine linde Antwort stillt den Zorn; aber ein hartes Wort erregt Grimm.
(Sprüche 15,1)
Jedem das Seine
Ein armer Jude findet eines Tages eine Geldbörse mit 700 Talern. Am Gemeindezentrum liest er einen Anschlag, dass ein reicher Jude seine Geldbörse verloren hat und dem ehrlichen Finder 50 Taler Finderlohn zahlen will.
Der arme Jude freut sich und bringt dem Reichen die Börse. Als der sein Geld wiederbekommt, bereut er schon sein Versprechen, einen Finderlohn zu zahlen. Also zählt er vor dem Armen das Geld nach und meint: »Wie ich sehe, hast du dir schon den Finderlohn herausgenommen, denn in meiner Börse befanden sich 750 Taler. Damit wäre also alles geregelt!« Doch der arme Jude will das nicht gelten lassen und bringt die Sache vor den Rabbi. Der hört sich in Ruhe beide Männer und ihre Standpunkte an. Der Reiche beschwört den Rabbi, dass er ihm glauben müsse.
»Ich glaube dir, dass in deiner Börse 750 Taler waren, aber ich glaube auch dem Finder, denn sonst hätte er die Börse gar nicht zurückgebracht, sondern behalten. Daher kann die Börse, die er gefunden hat, nicht von dir sein.« Der Rabbi gibt dem Armen die 700 Taler mit der Bitte, sie aufzubewahren, bis sich der Mann meldet, der 700 Taler verloren hat. Und wenn nicht, mag er sie behalten. Den Reichen aber bittet er, darauf zu warten, bis jemand seine Börse mit 750 Talern gefunden hat.
Beraube den Armen nicht, weil er arm ist, und unterdrücke den Geringen nicht im Gericht; denn der Herr wird ihre Sache führen und wird ihre Bedrücker bedrücken.
(Sprüche 22,22f)

Der falsche Heiratsvermittler
Ein Jude möchte seinen Sohn gut verheiraten, möglichst also mit einer Braut aus einer bekannten und vermögenden Familie. Er wendet sich mit seinem Anliegen an den Schadchen. Und der besucht den berühmten Bankier Rothschild. »Herr Baron, ich hätte da ganz im Vertrauen einen wunderbaren Ehemann für ihre bezaubernde Tochter.« Doch Rothschild weist ihn ab: »Machen Sie sich bitte keinerlei Hoffnung. Um meine Tochter bewerben sich so viele ausgezeichnete Männer.« Doch der Schadchen setzt nach: »Aber was halten sie vom Vizepräsidenten der Weltbank als Schwiegersohn?« Rothschild sichtlich beeindruckt: »Nun, einen solchen Bewerber würde ich wohl akzeptieren!«
Am nächsten Tag fliegt der Schadchen nach Washington, und es gelingt ihm tatsächlich, zum Weltbankpräsidenten vorzudringen. »Herr Präsident, ich hätte da ganz im Vertrauen einen wunderbaren Vizepräsidenten für Sie.« Der Präsident verärgert: »Kein Interesse, auf diese Position bewerben sich so viele exzellente Leute.«
Doch der Schadchen setzt nach: »Aber was halten Sie vom Schwiegersohn vom Bankier Rothschild?« Der Präsident sichtlich beeindruckt: »Den würde ich natürlich allen anderen vorziehen!«
Ein wahrhaftiger Zeuge rettet manchem das Leben; aber wer Lügen ausspricht, übt Verrat.
(Sprüche 14,25)

Wir sehen nur, was fehlt
Eine Großmutter ist mit ihrem kleinen Enkelkind am Strand.
Das Kind spielt fröhlich am Wasser, die Oma schaut aus dem Liegestuhl beglückt zu. Da kommt plötzlich eine riesige Welle heran, und als das Wasser zurückströmt, ist kein Enkelkind mehr da – einfach weggespült. Erschrocken beginnt die Großmutter zu wehklagen: »Großer Gott, wie konntest du mir das antun? Bin ich keine gute Mutter und Großmutter? Habe ich nicht alles für meine Familie getan? Habe ich nicht deine Gebote von Kind auf gehalten? Und nun das?« Eine Stimme aus dem Himmel antwortet: »Beruhige dich, ist ja schon gut!« Gleich darauf rollt wieder eine riesige Welle auf den Strand, und als das Wasser zurückgeht, spielt das Enkelkind wieder am Strand, lacht und freut sich, als wäre nie etwas gewesen. Und wieder ertönt die Stimme aus dem Himmel: »Ich habe dir dein Enkelkind wieder gegeben. Bist du nun zufrieden?« Darauf die Großmutter: »Aber das Kind hatte ein Hütchen auf!«
Seid dankbar in allen Dingen; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus an euch.
(1. Thessalonicher 5,18)
Goldbergs Garten
Goldberg hatte den schönsten Garten im Städtchen. Und jedes Mal, wenn der Rabbi vorüberging, blieb er am Gartentor stehen und rief Goldberg zu: »Der Herr als Schöpfer und du als Gärtner, ihr seid gute Partner!«
»Danke Rabbi«, antwortete Goldberg und verbeugte sich.
So ging das Tag um Tag, Woche um Woche und Monat um Monat, zweimal täglich rief der Rabbi auf dem Weg zur Synagoge und zurück dem Goldberg zu: »Der Herr und du, ihr seid gute Partner!«
Irgendwann wurde es Goldberg zu viel, und er ärgerte sich über die Worte des Rabbi, die doch als Kompliment gemeint waren. Als der Rabbi wieder einmal vorüberging und Goldberg zurief: »Der Herr und du, ihr seid gute Partner!«, erwiderte Goldberg: »Das mag schon sein, Rabbi, aber ihr hättet den Garten mal sehen sollen, als er noch Gott allein gehörte!«
Baut Häuser und wohnt darin, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte.
(Jeremia 29,5)
Die besondere Brautwerbung
Einst trafen der Kaufmann Abraham Gugenheim und der Rabbi Moses Mendelssohn zusammen. Der reiche Kaufmann bewunderte den gelehrten Rabbi und lud ihn zu sich nach Hause ein. Und im Blick auf seine Tochter fügte er hinzu, dass er den Rabbi nur zu gern als Schwiegersohn haben würde. Mendelssohn aber hatte große Angst vor einem Besuch und einer Werbung um die Tochter, denn er war durch einen großen Buckel sehr verwachsen und entstellt. Doch eines Tages fasste er Mut, besuchte die Familie Gugenheim in Hamburg und lernte auch die hübsche Tochter der Kaufmannsfamilie kennen. Und wie er befürchtet hatte, war die Tochter erschrocken über sein Aussehen und ließ ihm das durch ihren Vater sagen. Beim Abschied war er noch kurz mit dem Mädchen allein, und sie erzählten, ohne dass das Mädchen ihn ansah. Plötzlich fragte die Tochter Mendelssohn: »Glauben Sie daran, dass die Ehen auf Erden im Himmel geschlossen werden?«
»Gewiss!«, antwortete Mendelssohn, »Sie wissen, dass nach einer talmudischen Sage bei der Erschaffung eines Kindes im Himmel die Partnerin aufgerufen wird. Nun wurde mir eine Frau aufgerufen, und dabei hieß es, sie würde einen Buckel haben. Aber ich schrie: Lieber Gott, ein Mädchen muss schön sein und darf keinen Buckel haben. Gib mir lieber den Buckel und lass das Mädchen wohlgestaltet sein!« Als Mendelssohn das zu dem Mädchen gesagt hatte, stand sie auf und fiel ihm um den Hals.
Wer eine Ehefrau gefunden hat, der hat etwas Gutes gefunden und Wohlgefallen erlangt vom Herrn.
(Sprüche 18,22)

Wer andern eine Grube gräbt ...
Kommt ein Mann zum Rabbi und jammert: »Rabbi, jemand hat mir gestohlen meinen wertvollen Regenschirm, den mit dem echten Goldknauf. Was mich aber am meisten besorgt, ist der Gedanke, dass es einer von meiner eigenen Mischpoche war. Etwa der Schwager, die Schwiegermutter, was weiß ich, womöglich gar der Vater, Gott behüte, oder mein eigener Bruder. Stell dir vor, eventuell ein Dieb in der eigenen Familie!«
Der Rabbi hat einen guten Rat: »Lad die ganze Mischpoche zum Kaffee ein, den Schwager, die Schwiegermutter, was weiß ich, den Vater, Gott behüte, und den Bruder. Und wenn getrunken ist der Kaffee und gekostet der Kuchen, holst du das Gute Buch, zündest an die Kerzen und mit schöner Stimme liest du ihnen vor die Heiligen Zehn Gebote. Und wenn du dann kommst zu dem Gebot: Du sollst nicht stehlen, blickst du auf in die Runde und schaust dir die Mischpoche an, und der Schuldige wird sich verraten. Mach es so und dann komm, um zu berichten!«
Schon bald ist der Mann wieder da und berichtet freudestrahlend von seinem erfolgreichen Kaffeetrinken mit der Familie. »Es war einfach großartig, Rabbi, die ganze Mischpoche war da. Und nach dem Kaffee und Kuchen hab ich angezündet die Kerzen und aus dem Guten Buch die Heiligen Zehn Gebote vorgelesen, dem Schwager, der Schwiegermutter, was weiß ich, dem Vater, Gott behüte, und meinem Bruder. Und was soll ich dir sagen, wie ich komme zu dem Gebot: Du sollst nicht ehebrechen, da ist mir eingefallen, wo ich den Schirm hab stehen lassen!«

Was murren denn die Leute im Leben? Ein jeder murre wider seine Sünde!
(Klagelieder 3,29)
Alles umsonst
Ein Fuchs findet einen besonders verlockenden Weinberg.
Die herrlichen Trauben reizen seine Gier. Aber der Weinberg ist sicher eingezäunt. Der schlaue Fuchs umschleicht den Zaun und findet eine winzige Öffnung, durch die er in den Weinberg eindringen will. Doch die Öffnung ist zu eng. In einer Mischung von Klugheit und Gier beschließt der Fuchs, so lange zu fasten, bis er durch den Spalt hindurchpasst.
Nach einer Woche endlich ist er so mager, dass er hinein kann. Nun frisst er sich an den wunderbaren Früchten satt und wird wieder so dick, dass er nicht mehr ins Freie gelangt. So muss er wieder lange fasten und sich verstecken, bis er hinaus kann. Als er endlich draußen ist, dreht er sich zum Weinberg um und ruft: »Weinberg, Weinberg! Wie schön bist du, und wie herrlich schmecken deine Trauben. Aber man hat keinen Nutzen von dir. So hungrig man zu dir hineinkommt, so hungrig geht man wieder aus dir heraus!«
So ist es wohl auch mit den Weinbergen des irdischen Ruhmes, der Macht und des Reichtums. Sie sind so verlockend und scheinen herrlich. Aber so nackt, wie wir auf die Welt kommen, werden wir sie auch wieder verlassen.
Wie einer nackt von seiner Mutter Leibe gekommen ist, so fährt er wieder dahin, wie er gekommen ist, und trotz seiner Mühe nimmt er nichts mit sich in seiner Hand, wenn er dahinfährt.
(Prediger 5,14)

Guter Rat ist teuer
Mojsche ist bekannt für seine klugen Ratschläge, aber er lässt sie sich auch gut bezahlen. Eine Frau bittet ihn um Rat: «Ich habe eine Tochter, aber kein Geld, sie zu verheiraten. Bitte helft mir!«
»Ich gebe euch einen guten Rat. Leiht euch schöne Kleider und viel Schmuck, und fahrt nach Wien. Dort lasst ihr euch beim teuersten Juwelier der Stadt eine große Auswahl echten Schmuck vorlegen. Und dann tut ihr so, als nähmt ihr plötzlich eine Handvoll von den Schmucksachen und rennt hinaus. Aber nichts nehmen, nur so tun. Der Juwelier wird euch nachlaufen und die Polizei rufen. Man wird bei euch nichts finden. Ihr nehmt euch einen Anwalt und droht mit einer Beleidigungsklage. Dann wird euch der Juwelier Geld bieten, um die rufschädigende Klage loszuwerden. Und ihr habt nun die Mitgift für eure Tochter.«
Auf der Hochzeit der Tochter erzählt sie ihrer Freundin, dass Mojsche ihr so wunderbar geholfen habe. Die Freundin hat auch eine heiratswillige Tochter, und so geht sie auch zum Mojsche.
»Ich will euch ebenfalls helfen. Ihr macht es genau wie eure Freundin, kleidet euch elegant, behängt euch mit geliehenem Schmuck und geht zu demselben Juwelier in Wien. Aber ihr tut nicht nur so, als nähmt ihr den Schmuck, sondern ihr nehmt wirklich eine Handvoll und rennt davon.« Die Freundin befolgt den Rat. Kaum rennt sie aus dem Laden, da wollen die Angestellten des Juweliers ihr nachrennen und sie packen.
Der Chef aber ruft schadenfreudig: »Halt! Den Trick kenne ich schon. Zweimal falle ich nicht darauf herein. Lasst sie nur laufen!«
Und so war auch der anderen Frau geholfen.

Der Gerechte weiß um die Sache der Armen; der Gottlose aber weiß gar nichts.
(Sprüche 29,7)
Gastfreundschaft
Rabbi Schmuel von Brysow war ein hoch geachteter Chassid. Und er war sehr reich. Eines Tages kam eine große Gruppe von jüdischen Kaufleuten nach Brysow. Und weil der Sabbat anbrach, wollten sie den Festtag über in der Stadt bleiben. Sie fragten bei Rabbi Schmuel an, ob sie in seinem Hause wohnen und das Sabbatmahl mit ihm teilen könnten. Rabbi Schmuel bot ihnen beides an, nannte aber einen sehr hohen Betrag als Bezahlung. Die Reisenden waren befremdet, dass ein Chassid für seine Gastfreundschaft Bezahlung verlangte. Aber sie hatten keine andere Wahl, blieben beim Rabbi. Und dann aßen und tranken sie über den Sabbat, was sie nur eben konnten. Ja, sie verlangten noch edle Weine und ausgewählte Speisen. Sie zögerten nicht, alle möglichen Sonderwünsche zu äußern, weil sie an die hohe Summe der Bezahlung dachten. Als die Kaufleute nach dem Sabbat ihre Reise fortsetzen und dem Rabbi die vereinbarte Summe zahlen wollten, wehrte der lächelnd ab und meinte: »Glaubt ihr wirklich, ich würde Geld annehmen für das Vorrecht, Reisenden Gastfreundschaft zu gewähren?« Die Kaufleute fragten verwirrt zurück, warum er dann den hohen Preis genannt habe. Und der Rabbi erklärte ihnen: »Ich fürchtete, es könnte euch peinlich sein, reichlich zu essen und die besten Weine zu kosten, wenn ihr euch als meine Gäste fühlt. Und mal ganz ehrlich, hatte ich nicht recht damit?«
Gastfrei zu sein, vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
(Hebräer 13,2)

Klug ist nicht klug genug
Zwei begabte Absolventen einer Talmudschule bewerben sich um die Stelle eines Rabbiners. Die Prüfungskommission wird sie nach einem Predigtvortrag beurteilen. Der eine bereitet sich gründlich vor, arbeitet eine gute Predigt aus, der andere tut nichts und will seiner Intuition vertrauen. Die Nacht vor der Anhörung verbringt der erste damit, seinen Vortrag Wort für Wort auswendig zu lernen, laut und immer wieder. Der ändere muss, weil sie das Zimmer teilen, wohl oder übel zuhören und findet keinen Schlaf.
Am nächsten Tag tritt die Kommission zusammen, beide Bewerber werden hereingerufen, und das Los entscheidet, dass der, der sich auf sein Improvisationstalent verlassen hat, beginnen soll. Dem fällt aber im Moment nichts ein, und so trägt er Wort für Wort den Sermon seines Mitbewerbers vor.
Die Prüfer sind sehr beeindruckt und tauschen schon mal bewundernde Blicke aus. Dann ist der zweite Bewerber an der Reihe. Und der weiß sich natürlich nicht anders zu helfen, als seine eigene Rede noch einmal Wort für Wort zu wiederholen.
Nun sind die Prüfer noch mehr beeindruckt und kommen sofort darin überein, dass der zweite die Stelle des Rabbiners bekommt. Denn jemand, der eine Predigt nach nur einmal anhören so vollständig wiedergeben kann, muss ein Könner sein.
Ein Fauler dünkt sich weiser als sieben, die da wissen, verständig zu antworten.
(Sprüche 26,16)
Das Leben ist herrlich
Ein Mann klagt einem erfahrenen Rabbi sein Leid: »Mein Leben ist nicht mehr auszuhalten, wir wohnen mit sechs Personen in einem Zimmer. Ich ertrage die Enge, den Lärm und das Durcheinander nicht mehr. Was soll ich nur machen?« Der Rabbi überlegt lange und rät ihm dann energisch: »Nimm deinen Ziegenbock noch mit in euer Zimmer!« Der Mann erhob mit aller Macht Einwände. Doch der Rabbi beharrte auf seinem Rat: »Tu, was ich dir gesagt habe, und komm nach einer Woche wieder!«
Nach einer Woche kam der Mann zum Rabbi. Er war total entnervt, völlig erschöpft und restlos am Ende. »Rabbi, wir halten es nicht mehr aus. Der Ziegenbock stinkt fürchterlich. Die Tage sind eine einzige Qual, die Nächte schlaflos und schlimm!« Der Rabbi sagte nur: »Stell den Ziegenbock wieder in den Stall zurück und komm nach einer Woche wieder zu mir!«
Die Woche verging, und als der Mann zum Rabbi kam, strahlte er über das ganze Gesicht: »Rabbi, das Leben ist herrlich. Wir genießen jede Minute. Kein Ziegenbock, kein Gestank. Nur wir sechs in einem Zimmer. Das Leben ist herrlich!«
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