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Axel Bethke
Altsein ist auch nur ein Teil vom Ganzen
Eine Hundegeschichte, die Herzen und Augen öffnet


Inhalt
Cover
Titel
Widmung
Gedanken zum Anfang
Der erste Eindruck …
Berta
Anne
Bergsteiger
Lavendel
Maßregelung
Erkenntnisse
Plato
Leicht dement?
Altersstarrsinn
Nasenschein
Schwingungsbarometer
Ein Sonnenband
Überlegung
Stratege
Vorausschauend
Ein gebrauchter Hund
Traumatisches Erlebnis
Angst
Navigation
Toleranz
Eingeschnappt oder klüger?
Prioritäten
Liebesglanz
Schwarzer Hund
Erwartung
Leichtfertig
Wohlbefinden
Schönheitsideal
Wundern beim Wandern
Friedliche Koexistenz
Kira
Klare Sache
Bank im Wald
Ist Kira doof?
Notwendigkeit
Der arme, wehrlose Kleine …
Die andere Seite der Niederlagen
Normal und anormal
Ausraster
Inspiration
Flocki
Hoffnungsvoller Tod
Frühlingsfluss
Ein guter Tag
Stimmungsaufheller
Verblüffung
Ein nicht so guter Tag
Hausbesichtigung
Zwischenbilanz
Dunkles Erinnern
Geben und Nehmen
Dialog
Leben und Tod
Hoffnung
Arthrosetherapie
An solchen Tagen
Kleine Peinlichkeit
Nervensäge
Gottes Natur oder Gott ist Natur?
Kicherndes Glück
Liebeserklärung
Wie man’s auch sehen kann
Auf gutem Weg
Verhundlichung
Vorleben
Altersbedingtes Denken
Toll und kühn
Die Treppe
Alters(ein)sicht
Bedrohte Art
Risiko
Gutes Leben
Erfüllter Traum
War’s das?
Gedanken zum Ende
Impressum
Für
Caro,
Josef und Hanko
Wenn etwas schön ist,
bevor wir es dazu machen können,
ist’s Natur.
Gedanken zum Anfang
Seit bald siebzig Jahren weiß ich, wie es ist, von Hunden gemocht zu werden. Es ist die zuverlässigste, haltbarste Zuwendung, die ein Mensch haben kann.
Nein, ich werte menschliche Beziehungen nicht ab. Aber die sind immer Schwankungen unterlegen. Hunde schwanken nicht. Oder nur so, dass Menschen das nicht merken. Sie kennen kein Wenn und Aber, kein hübsch und hässlich, kein klug und dumm, kein reich und arm.
Das Hündchen der Diva, das aus der goldenen Schüssel frisst, würde sich bei Penner Paul in der Abrisshütte genauso wohl fühlen. Vielleicht noch wohler, weil sich beide wärmen würden.
Darum geht’s.
Auch Außenseiter
haben nicht nur
die Außenseite.
Der erste Eindruck …
… ist nur ein Bild, dazu Gefühlsdurcheinander. Erst die Perspektiven, die Sichtweisen und Auseinandersetzungen mit einem Thema machen das Bild interessant oder nicht.
Relativ.
Das Internet hatte mir folgende interessante Information aus Spanien gegeben: Grassy sei ein lieber, ruhiger und stubenreiner Opa. Er habe sein ganzes Leben (zwölfeinhalb Jahre) bei seinem Herrchen verbracht, der jetzt ins Altenheim ziehen muss. Grassy sei sehr friedlich, komme gut mit anderen Hunden aus. Auch lebte er einige Jahre mit einem zweiten Hund in der Familie.
Caro, meine junge Tierfreundin, bringt täglich, wenn sie arbeitet, ihren Hund Blacky zu mir. Sie ist Tierpflegerin in dem Tierheim, in dem in den nächsten Tagen Hunde aus Spanien erwartet wurden.
Ich fragte, ob Grassy mit kommen würde. »Nein«, sagte sie, »der hat doch kaum eine Vermittlungschance.«
»Doch, hat er«, sagte ich, »bestell den mal nach!«
Meine spätpubertäre Risikobereitschaft war wieder einmal mit mir durchgegangen. Natürlich kamen da Zweifel vom Kopf her. Aber der Bauch war eindeutig. Der kennt keine Argumente, der kennt nur mich.
Und da ist er! Es hat geklappt. Caro übergibt mir ein wirres Bündel Wolle. Das strahlt nicht viel Leben aus. Nun sind wir zu dritt: Kira, die Kampfhundmischlingsdame, der Neue und ich.
Grassy, der alte Spanier, ist löwenfarbig, sehr langhaarig, sehr dick, sehr alt. Er hat die Größe eines lang gezogenen Igels. Die Körperform ähnelt einem wurstförmigen Sofakissen, ohne Bommeln. Das Zuchtziel dieser Rasse – falls es eine ist – war wohl ein Mopp. Übers Ausstauben etwas zu sagen, wäre sicher albern.

Grassy
Caro meinte: »Der muss auf Diät, hat ein kleines Gewichtsproblem.«
»Klein« ist relativ: Ein zwei Zentner schwerer Mensch, der normalerweise vierundsiebzig Kilogramm wiegen dürfte, hat prozentual das gleiche Übergewicht wie Grassy, und der wiegt zur Zeit acht Kilo.
Nach unserer ersten Nacht teilte ich dem Kleinen das Diätvorhaben in aller Deutlichkeit mit. Der stand auf, wackelte zur Tür, ging in die Küche und pinkelte seine Einverständniserklärung an den Kühlschrank. Das machte mich zwar nicht glücklich, aber bewies, dass der Hund bereit war, sein Zuhause zu akzeptieren.
Bei meiner Beschreibung von Grassy fiel mir ein, wie ich Berta und Anne kennenlernte. Ich lebte jahrelang erst in einem kleinen litauischen Dorf, dann in dessen Nähe, tief im Wald. In der Abgeschiedenheit wuchs die Harmonie mit den Tieren und gleichermaßen in mir.
Wäre das Dunkle nicht vom Hellen umgeben, könntest du’s gar nicht sehen.
Beobachtungen bringen Gedanken,
Gedanken schenken Bilder
und Bilder zeigen Ereignisse, die mal waren,
also Erinnerungen.
Berta
Unerwartet lag sie in der Scheune. Presste sich ins Heu. Zeigte die Zähne. Das stumpfe, graue Fell war oberhalb der Schwanzwurzel dunkel, fast schwarz und verkrustet. Das war angetrocknetes Blut, wie ich später feststellte. Ich ging langsam und ruhig redend auf sie zu. Ihre Nackenhaare sträubten sich, sie zog die Oberlippe noch höher, ließ leises, nachdrückliches Knurren vernehmen. Warum sie gerade in meiner Scheune lag, wer sie hier hineingeworfen oder gescheucht hatte, war mir egal. Sie lag hier und das war gut.
Ich ging zum Haus, holte Wasser und etwas Futter, stellte es in ihre Nähe. Als ich ein paar Stunden später nach ihr sah, waren die Schüsseln leer. Ich setzte mich auf einen Holzklotz und wusste nichts zu sagen. Wenn man immer alleine ist, verliert das Reden an Bedeutung. Also sang ich dem Hund etwas vor. Das sollte beruhigend wirken.
Berta, wie ich sie taufte, schien tolerant zu sein. Zumindest hatte sich ihre Angst durch meinen Gesang nicht vergrößert. Ich füllte nochmals ihre Schüsseln und ging ins Haus.
Sie wurde von niemandem vermisst, aber dass sie ein böser Hund sei, wussten alle. Jousas, mein Nachbar sagte: »Der Hund ist gefährlich, geh mit ihm zum Förster. Lass ihn erschießen.« Ich antwortete: »Ja, mein Geld ist bald zu Ende, dann muss ich vielleicht hier weg, hab kein Zuhause mehr. Gehst du dann mit mir zum Förster und lässt mich erschießen?« Er lachte mit einem Gesicht, als müsse er Magensäure runterschlucken. Abends schlief ich mit dem Gedanken ein: Hoffentlich ist Berta morgen noch da.
Sie war da und die nächsten zehn Jahre blieben wir unzertrennlich. Fuhren tausende Kilometer mit dem Auto. War ich irgendwo eingeladen und durfte Berta nicht mitbringen, fiel der Besuch aus. Sie war immer bei mir, hat mir in der Einsamkeit gezeigt, dass ich nicht allein bin. Was Beständigkeit, Treue und Zuverlässigkeit ohne Bedingungen ist, zeige sie täglich. Doch ob ihr Verhalten so ganz bedingungslos war? Wahrscheinlich erfüllte ich ihre Bedingungen genauso wie sie meine. Das bedurfte keiner Worte.
Ich hatte wenig Zukunftspläne, aber wenn einmal einer auftauchte, kam Berta immer darin vor. Drückte das Jetzt beängstigende Dunkelheit in Kopf und Bauch, konnte Berta Gefühle lesen. Sie schob ihren schlanken, grauen Kopf unter meine Hand, das half.
Ich glaube nicht, dass ich sie vermenschlicht habe, eher hat sie mich »verhundlicht«. Sie traf Entscheidungen, schlichtete Streit auf ihre Art, verhielt sich manchmal aggressiv, bedrohlich, und ich erkannte meist erst später die Sinnhaftigkeit. Besonders ablehnend verhielt sie sich gegenüber den Auswirkungen des Alkohols. Das kam mir als abstinent lebender Alkoholiker sehr entgegen. Denn was bindet stärker als ein gemeinsamer Feind? Selbst heute, nach so vielen Jahren, wenn ich intensiv an sie denke, zieht sich zuweilen Wasser in den Augenwinkeln zusammen.
Berta hatte fünf Tage nicht gefressen. Die vielen Spritzen der Tierärztin erschienen im Nachhinein nur die Rechtfertigung für das stolze Honorar zu sein. »Der Hund hat Gelbsucht«, sagte sie. Am letzten Nachmittag saß Berta, während ich die anderen Tiere versorgte, an den Zaun gelehnt und blickte zum Wald. Dann kam sie sehr langsam, fast schleppend mit ins Haus. Sie legte sich neben mich aufs Sofa. Meine Hand lag auf ihrem Kopf. Ich spürte die krankhafte Hitze an den Lefzen.
Es war dunkel geworden. Eine sternlose Nacht. Berta stand auf, trank, ging zur Tür. Sie sah mich an. Ihr Blick sagte: Du warst mir genau so wichtig wie ich dir! Dann sah sie auf die Türklinke. Ich öffnete. Berta ging in die Nacht, sie wollte beim Sterben allein sein.
Ich erinnere mich an so viele Fahrten, Ausflüge und Ereignisse mit Berta. Eigenartig ist allerdings, dass mir nur Besonderheiten – Bertas Verhalten in besonderen Situationen oder das Verhalten fremder Menschen auf ihr Erscheinen – im Gedächtnis geblieben sind. Dazugehörige Alltäglichkeiten sind völlig gelöscht, als wären sie gar nicht passiert.
Vielleicht liegt das daran, dass Berta und ich im Alltag unzertrennlich waren, eine Einheit. Uns konnte niemand etwas vom Anderen wegnehmen. Wir waren uns gegenseitig sicher. Deshalb reduziert sich die Erinnerung aufs Wesentliche, auf echtes Erleben. Unwichtige Normalität ist Oberfläche, die muss der Kopf nur zurate ziehen, wenn’s innerlich nicht stimmen würde.
Aber zwischen uns war alles klar. Der Tag war verlässlich und gefahrlos, wenn wir zusammen waren, die ganzen zehn Jahre lang.
Einer schlechten Erinnerung kann ich durch Betrachten und Bedenken das Grauen nehmen. Eine schöne Erinnerung kann ich, wenn ich sie betrachte, am Leben erhalten.
Mein Hund nascht gerne Kaffeebohnen,
die regen auf und an.
Er meint, es müsste sich doch lohnen,
im Ziegenstall mit einzuwohnen,
dann käm er ständig dran.
Anne
Sand, Kiefern, Wacholder, größere Moos- und Flechteninseln. Weit und breit kein Mensch. Die Sonne gestattete Schlangen und Eidechsen vitales Gehusche.
Meine Hunde und ich waren an der weißrussischen Grenze. Rotweiße Pfähle wiesen uns darauf hin, dass wir schon einige Male den illegalen Grenzübertritt begangen hatten. Aber weißrussische Pfifferlinge sind genau so schmackhaft wie litauische.
Die Hunde verschwanden in einem Wacholderdickicht. Dann ein schriller, durchdringender Schrei, als hätte man jemandem den Fingernagel ohne Betäubung herausgerissen. Ich brüllte die Hunde zurück. Bei irgendeinem Wildtier hätten Berta und Pico gebellt. Aber sie kamen erregt und schwanzwedelnd auf mich zu.
Im Dickicht sah ich eine Senke, mit Müll gefüllt. Ich hielt die Hunde am Halsband. Die zerrten zum Müll. Zwischen Flaschen, Gläsern, Bauschutt und stinkenden Schlachtabfällen bewegte sich etwas. Es war ein zierlicher Hund, braun, mit langem Fell. Als ich ihn aufheben wollte, schmiss er sich auf den Rücken und schrie. Es war wieder dieser Angstschrei von vorhin. Ich zog mein Hemd aus, wickelte ihn ein und verschnürte das Bündel mit Ärmeln und Zipfeln. Am See wusch ich das Hemd mit dem Hund und den Hund mit dem Hemd. Der Gestank nahm eine andere Geruchsnote an, das war’s. Nachdem mir das Hündchen mehrmals in die Finger gezwickt hatte, ergab es sich seiner Vorsehung.
Die Kleine brauchte nicht lange, um sich bei uns heimisch zu fühlen, genauso wie ich es mit Berta erlebt hatte. Ich nannte sie Anne, nach einem Lied von Hermann van Veen, den ich so gerne hörte. Da hieß es: »Anne, die Welt ist nicht so schön. Doch du kannst sie ein bisschen schöner färben …« Und das hat sie dann auch gemacht.
Ihre Ängstlichkeit entsprach der zarten Statur. Aber sie ging weder Auseinandersetzungen mit Hühnern, Küken noch mit Wachteln aus dem Weg und konnte recht bedrohlich bellen, wenn sie hinter Berta stand.
Wovon sie sich einmal ernährt haben musste, war tief in ihrer Erinnerung verwurzelt, allerdings nicht negativ. Ihr ganz besonderer Leckerbissen wurden die Hinterlassenschaften der Ziegen.
Ganz besonders klar erinnern wir uns an Ereignisse, die Gefühlsspurenhinterlassen haben.
Hundeerfahrung bedeutet,
dass Hunde aus Erfahrung wissen,
wie sie mit uns
umzugehen haben.
Bergsteiger
Ich habe eine zehnstufige Steintreppe zur Veranda. Die erklimmt Grassy in der unnachahmlich, graziös-souveränen Fortbewegungsart einer dicken Raupe. Oben angekommen, ist er von sich so begeistert, dass er mit dem ganzen Körper wedelt. Der Schwanz reicht ihm nicht zum Freuen.
Sein Ja zum Leben und diese Fröhlichkeit sind einfach beispielhaft. Je näher du dem Ende kommst, sagt mir der kleine Hund, um so ausgiebiger solltest du dich freuen, wenn es dein Inneres anbietet.
Dabei kann einem sogar das Klagen vergehen.
Tiere kennen keine bösen und keine hinterhältigen Taten, nur notwendige.
Weisheit hält nichts
vom Klagen,
weil sie
Auswege findet.
Lavendel
Inzwischen ist in unsere Beziehung der Alltag eingezogen. Ein wahrlich harmonischer Alltag. Der kleine Hund hat sich eingeordnet. Ich habe alle seine »Gebrechen« registriert, aber er scheint sie gar nicht als solche anzusehen. Vielleicht empfindet er sie, mit dreizehn Jahren, als altersgerecht.
Sein Gehör verhindert, dass er bei meinen Tor-Schreien, wenn ich Fußball schaue, aufschreckt, und seine Augen lassen ihn noch so viel sehen, dass er nirgendwo gegen läuft. Das reicht!
Oben rechts besitzt er nur noch einen Zahn. Damit schlägt er unheilbare Wunden in Papiertaschentücher. So wird aus Gnadenbrot Gnadenbrei. Allerdings muss irgendwo im Untergrund etwas modern oder faulen. Dieser Mundgeruch ist furchtbar!!!
Grassy lutscht gern an Gräsern und das werde ich uns zunutze machen: Ich stelle den Blumentopf mit dem Lavendel auf die Treppe. Bald wird der blühen. Grassy denkt dann, es sei Gras.
Damit wäre auch dieses Problem gelöst und wir können uns gemeinsam auf die wichtigen Dinge unseres Daseins konzentrieren: Fressen und Freuen.
»Die Hunde haben’s gut bei ihnen«, sagte sie. Das ist möglich, dachte ich, wusste aber: Ich hab’s noch besser bei den Hunden.

Grassy an seinem Lieblingsplatz
Wie kann man
jemandem helfen,
der aus Gewohnheit ständig
klagt und jammert?
Ihm einen Grund geben.
Maßregelung
Alter schützt vor Lernen nicht, könnte das folgende Ereignis beweisen: Kira und Grassy nehmen ihre Mahlzeiten getrennt ein. Kira im Bad, Grassy in der Küche. Sind beide fertig, inspizieren sie die Schüssel des anderen. Und sollte nur noch ein Krümelchen zu finden sein, findet es der andere triumphierend und tut, als wäre es eine ganze Mahlzeit.
Vor ein paar Tagen war Grassy zu früh fertig. Er tippelte gedankenverloren den gewohnten Weg. Ich saß im Wohnzimmer und hörte einen Schrei aus Angst, Schuld, Wut, Ärger und Enttäuschung. Der kleine Kerl hatte vergessen, dass Kira Kampfhund-Gene hat. Er ließ sich von mir trösten und sagen: »Wir alten Kerle sollten immer so tun, als ob die Frauen Recht haben.«
An den folgenden Tagen sah ich die Konsequenz des Kleinen. Nach jedem Essen blieb er auf der Türschwelle stehen, bildete sozusagen ein Spalier für Kira. Erst wenn sie an ihm vorbei war, machte er sich hemmungslos über ihre Schüssel her. Je des gefundene Stückchen bestärkte seine Gewissheit: Dieser besondere Genuss ist Folge meines devoten Verhaltens.
Dass er ihr heimlich die Zunge rausstreckte, könnte eine Wunsch-Sinnestäuschung von mir sein.
Eben durchzuckte mich ein Lächeln und darauf stand: Nicht nur meine Hunde sind mir treu, ich ihnen auch.
Ist mir ein Mensch unsympathisch,
aber mein Hund mag ihn
(oder umgekehrt),
sollte das ein Grund sein,
meine Gefühle zu überdenken.
Erkenntnisse
Ich habe diesen alten Hund aufgenommen, um ihm zu geben, was ich habe: einen erträglichen, zufriedenen Lebensabend. Und nun hat der kleine Kerl den Spieß umgedreht, er schenkt Freude ohne Ende.
Am Anfang unseres Zusammenseins habe ich mehrfach in der Nacht geprüft, ob er noch atmet. Das lässt mich heute schmunzeln. Tagtäglich nimmt seine Vitalität zu. Vom wehleidig-humpelnden Greis ist er zum stolzen Spanier geworden. Er begrüßt die Hausbewohner mit seinem ureigensten Ganzkörperwedeln. Nach jedem Beinchenheben scharrt er angeberisch wie ein Löwe. Bekomme ich Besuch, baut er sich in Kampfhundmanier auf, lässt minutenlang sein heiser-nerviges Bellen hören und schützt mich so vor überflüssiger Kommunikation.
Selbst seine Gebrechen scheinen einen Sinn zu haben. Weil er alles gehört, alles gesehen hat, was für ihn wichtig war, hat er sich eben für Sehschwäche und Schwerhörigkeit entschieden. Im Gegensatz zu mir kommt er ohne Brille, Zahnprothesen und Hörgerät aus. Er hört und sieht allein auf das, was von innen kommt; seine lebensbejahende Fröhlichkeit ist einmalig. Sollte aber doch mal etwas ganz Besonderes am Wegesrand sein, informiert ihn die Nase.
Noch eine beispielhafte Auffälligkeit entdeckte ich kürzlich. Grassy ist zuweilen räumlich und zeitlich total desorientiert, darum lebt er eben einfach lustig weiter! Mit anderen Worten: Er nimmt es nicht zur Kenntnis, dass seine Zeit vielleicht schon abgelaufen ist, lässt sich von dem leiten, was der Tag ihm gibt, was sein Inneres ihm schenkt. Spürt er mich im Seelengrau, findet er einen Weg, sein kleines Köpfchen in meine Hand zu schmiegen. Und auch das tut er mit ganzer Hingabe, genießt es, als wär’s das erste Mal. Nein, vielleicht ist’s für ihn das erste Mal, weil er eben das Mal zuvor vergessen hat.
Wer immer klagt, was er alles versäumt habe, sollte Hinsehen lernen.
Wahrscheinlich hätte ich mir
dieses Leben nicht ausgesucht,
wenn nicht etwas in mir gewusst hätte,
dass ich’s so hinkriege.
Plato
»Er soll furchteinflößend aussehen, liebenswürdig sein und sich natürlich gut mit meiner Hündin Berta verstehen«, sagte ich zum Tierheimleiter. Berta und ich waren in Deutschland und suchten einen neuen Mitbewohner für unseren Waldbauernhof in Litauen. Ich lebte mit den Tieren allein dort. Weit weg von Menschen. In den letzten Monaten waren immer mal wieder Typen erschienen, die Schnaps, Zigaretten, Geld wollten. Berta konnte zwar laut und wütend bellen, das beeindruckte die Kerle aber nicht.
Wir gingen die Zwingerreihen ab. Und da war er: ein Tierheim-Ladenhüter, eine Kreuzung zwischen Rottweiler und Berner-Sennenhund mit der Masse eines ausgewachsenen Freilandschweines, neun Jahre alt, kampfvernarbtes Gesicht, hängende Unterlippe. Er lief langsam, Gelenke und Gewicht hatten etwas gegeneinander. Plato kam aus dem Zwinger, ich hockte mich nieder, der Hund setzte sich vor mich. Berta, interessiert und entspannt, kam dazu. Es war ein Kennenlernen mit unausgesprochener, dreifacher Sympathie.
Ich konnte ihn nicht gleich mitnehmen. Der Leiter rief: »Plato, komm.« Plato blieb bei uns. Berta und ich gingen in den Zwinger. Plato folgte. Ich sagte: »Das ist er! Ich hole ihn morgen ab.« Der Tierheimleiter meinte: »Für ihn brauchen Sie nichts zu bezahlen. Der ist zu alt. Sie werden aber sicher noch einige Monate Freude an ihm haben.« Am nächsten Tag fuhr ich mit meinem Tiertransport, bestehend aus Plato, Berta, elf Chabo-Hühnchen plus Hahn zurück in unsere Waldidylle. Aus den prophezeiten »einigen Monaten« wurden dreieinhalb Jahre.
Platos Freundlichkeit und Geduld machten ihn zu einem Weisen auf dem Hof. Ohne Bellen schaffte er es, Konflikte gewaltfrei zu entschärfen. Nur sein Erscheinen, sein vernarbter, dicker Kopf brachten Streitende zur Ruhe. Es gab nur eine einzige Unstimmigkeit zwischen uns, gleich zu Anfang, nachdem er bei mir war, und die lief folgendermaßen ab: Ich sah, wie Plato mit gesenktem Kopf, irgendwie schuldbeladen, über die Wiese schlich. Etwas an seinem Gesicht war anders. Es schien, als hätte er die Backen aufgeblasen. Ich schrie (der Hund hörte etwas schwer): »Plato, aus!« Der Hund senkte den Kopf noch tiefer, öffnete widerwillig das Maul. Da fielen drei (!) Zwerghuhn-Eier heraus, sie gingen nicht mal im Gras kaputt. Ein konsequenter Erzieher sollte in solchen Situationen nicht lachen, ich weuß. Aber Konsequenz macht auch nicht immer Spaß.
Einige Tage später standen wieder die aufdringlichen Typen vor dem Tor, die nicht begreifen konnten, dass es männliche Menschen gibt, die keinen Schnaps trinken. Normalerweise wären die Kerle unaufgefordert aufs Grundstück gekommen. Aber Plato wurde sichtbar. Sein Brummen hörte sich wie ein Knurren an. Ich griff demonstrativ ins Halsband, rief »Stopp!« und tat, als müsse ich Plato vom Tor wegziehen. So verlief der letzte Versuch, Schnaps, Zigaretten oder Geld zu schnorren. Obwohl der Große etwas auf Diät sein sollte, bekam er an diesem Abend eine reichliche Portion.
Plato entwickelte sich zu einer regelrechten Plaudertasche. Er hat circa zwanzigmal in den dreieinhalb Jahren gebellt. Aber wir verstanden uns auch so, weil Kommunikation mehr als Quatschen ist. Sein Gehör wurde mit der Zeit schlechter. Ich brauchte nur auf den Oberschenkel zu schlagen, das hieß »Komm!« und er folgte.
Er überlebte Berta, half mir sehr über diesen Verlust hinweg. Schließlich kam der Tag, als der große Kerl gar nicht mehr aufstehen konnte. Mühte sich, knickte ein, jammerte. Die Ärztin sagte: »Er hat doch viel mehr gehabt, als er erwarten konnte.« Dann gab sie ihm die Spritze. Sein großer Kopf lag auf meinem Schoß und sog die Tränen auf.
Ohne diese außergewöhnlichen Ereignisse und Erfahrungen wäre mein Leben geradlinig und langweilig gewesen und ich müsste ihnen noch heute nachjagen.
Ein bisschen dement schützt davor,
nachtragend zu sein.
Leicht dement?
Es geht dahin; wie’s kommt, ist’s recht.
Bei Hunger wird gegessen.
Da malmt die Kuh, dort schluckt der Specht
und ich kau selbstvergessen.
Ja, selbst vergessen ist nicht schlecht,
wenn grad die Launen stressen.
Mich wiederfinden, wär mir recht.
Wen könnt ich sonst vergessen?
Die meisten Fehler der jungen Jahre
kann man erst im Alter
genießen.
Altersstarrsinn
Zu wissen, wo man etwas ändern kann, was anderen nützt, ist ein edles Ziel.
Ich wollte edel sein und begann Grassys Fell zu kürzen. Dieser Sommer zeigte nämlich die Wirkung des Klimawandels von morgen. Stückchen für Stückchen, Strähne für Strähne fiel dem Kleinen vom Körper. Seine Geduld war begrenzt, meine auch.
Wir einigten uns auf Teilzeitarbeit, sind schließlich beide Rentner, müssen uns von nichts mehr treiben lassen. So blieb Grassy halbfertig: sein Körper edel geschoren, sein Kopf löwenwollig und die kurzen Beine sehen wie mittelalterliche Pluderhosen aus. Das hat was.
Mit abnehmender Haarfülle wuchs Grassys Selbstbewusstsein (bei mir wäre das umgekehrt), angefangen bei der stolzen Körperhaltung über die Wandergeschwindigkeit bis zu nachdrücklichen Willensäußerungen und Bestimmer-Tendenzen. Er macht jetzt Sofa und Schoß zur Chefsache und wer hier Chef ist, steht mittlerweile auch fest.
Er weiß einfach, mit welchem Charme er auf die Nerven geht, hat mich voll im Griff.
Caro nennt das Altersstarrsinn.
Ich nenne das Selbstfindungsergebnis.
Wo Humor und Menschlichkeit verschmelzen, wächst akute Infektionsgefahr.
Von Menschen nicht mehr gebraucht,
vermisst, gefragt zu sein,
machte mich erst traurig und lähmte.
Da merkte ich,
wie sehr mich die Hunde brauchen,
und ich wurde wieder interessant,
sogar für mich.
Nasenschein
Seitdem ich weiß, dass Grassy das Großvatergetrödel beim Spaziergang gar nicht braucht, stellt sich die Frage, warum er’s tut. Zumal er durchaus in der Lage ist, auf dem Nachhauseweg die Leine richtig fest nach vorn (!) zu straffen.
Ich denke, die Beantwortung der Frage hängt mit seinen Defiziten zusammen. Bekanntlich sieht er sehr schlecht und hört noch schlechter. Aber seine Nase ist überragend. Kira guckt, riecht, hört am Anfang jeder Wanderung nach allen Seiten. Unwichtiges lässt sie unbeachtet, kann es ganz schnell ignorieren. Nur bei Interessantem lässt sie sich Zeit. Grassy kann das nicht. Er muss dem Geruch ein Bild zuordnen oder, noch komplizierter, dem Geruch ein Geräusch und dem Geräusch ein Bild. Und das dauert eben.
Außerdem ist er alt, hat Lebenserfahrung, kennt ja schon so viele bemerkenswerte Erscheinungen. Der Kleine muss Ereignisse suchen, in denen er die erschnüffelten Bilder findet. Daraus könnten dann ganz besondere Erinnerungen zutage treten. Aber das dauert noch länger.
Nicht dass ich ungeduldig bin. Aber meist sind Kira und Blacky schon vom Horizont verschluckt, wenn Grassy den zweiten Strauch in Nasenschein nimmt (Augenschein geht ja nicht).
All das Gedenke ist mir sowieso zu umständlich, ich erfreue mich einfach an Grassys Schnüffelerleben.
Solange mir der Kopf noch Fragen stellt und Antworten anbietet, ist das Leben lebenswert.
Fröhlichkeit
geht künstlich
nicht.
Schwingungsbarometer
Es war vorschnell und deshalb wahrscheinlich falsch: Ich glaubte nämlich, Grassys Nase sei das einzig richtig funktionierende Sinnesorgan. Nein, das Erspüren, Erfühlen, Empfangen geringster Erschütterungen ist noch so ein Informationsmagnet.
Dass Hunde Mitgefühl haben und auf unseren Seelenzustand reagieren, habe ich ja schon beschrieben. Aber aus hauchhaften Regungen, z. B. dem Husten einer Ameise, Mitteilungen zu entnehmen, ist doch bemerkenswert.
Neulich trat ich leicht, aber sinnlos-trotzig auf den Waldboden. Der Zwerg ärgerte mich mal wieder, wandertechnisch. Er guckte erstaunt auf, als sei etwas nicht ganz so Gutes in seinen Körper gedrungen, hatte das Treten als Vibration wahrgenommen, hatte es gefühlt.
Sein Langzeitgedächtnis fing an zu arbeiten. Es suchte nach ähnlichen Ereignissen aus der Vergangenheit, wie er sich damals verhalten hatte und was richtig war. Danach konnte er entscheiden, was heute von Vorteil wäre. Genauer gesagt: Ob er mich weiter ärgern könnte oder nicht. Ganz schön durchtrieben. Oder?
Woher stammt eigentlich die Behauptung, der Mensch sei die Krone der Schöpfung? Tiere können mit übler Nachrede, Hass, Neid, Missgunst, Gier nicht viel anfangen. So haben sie’s mir auch vermiest.

Grassy
Alles Tun aus Liebe, ohne Absicht,
kann eine Quelle sein, die in dir entspringt
und über dich hinaus
unaufhörlich
durch andere fließt.
Ein Sonnenband
Grassy versucht immer, in meiner Nähe zu sein, das reicht ihm. Ihm muss keiner sagen: »Ich hab dich lieb.« Das fühlt der, wenn’s so ist.
Kira, ihn und mich verbindet ein »Sonnenband«. Das sendet warme, leuchtende Lebensfreude von einem zum andern. Genau dann, wenn der’s gerade braucht. So bekommen meine depressiven Anwandlungen eine helle Umrandung, die mir sagt, wo es hingeht. Ein Sonnenband sollte jeder kennen. Es entsteht überall, wo ehrliche Zuwendung zu Hause ist, ohne Berechnung, ohne Absicht.
Ein wenig unersättlich ist Grassy schon. Menschen, die mich besuchen, bekläfft er so lange, bis sie ihn liebkosen. Vielleicht will er Kira und mir sagen: Nehmt alles Gute mit! Oder: Wer das Gute erzwingt, verstellt den Platz für Schlechtes, denn Schlechtes ist Last und die kommt von allein.
An Gutem bleiben oft nur die kleinen, fast unbewussten, ehrlichen Taten.
Interesse am Leben
kommt von
Interessen im Leben.
Überlegung
Was wäre, wenn ich meine Hunde nicht hätte? Spaziergänge würden an der Mülltonne enden. Suizidgedanken wären unterhaltsam, denn …
… wer sollte mir zeigen, wie in Würde Altern geht,
… wer könnte mir zeigen, wie ich mit »Gebrechen« umgehe,
… wem könnte ich Liebe, Zärtlichkeit, Zuwendung geben,
… wer sollte mir Liebe, Zärtlichkeit, Zuwendung geben,
… wem könnte ich ehrliche Freude schenken,
… wer würde mir ehrlich Freude zeigen,
… wer wäre überhaupt ehrlich,
… warum sollte ich noch Regelmäßigkeit pflegen,
… wozu sollte ich mich noch überwinden,
… wofür trüge ich Verantwortung,
… wer würde etwas von mir wollen?
Vor allem aber: Wer würde auf mein Schweigen antworten?
Frieden wächst nicht von oben nach unten oder umgekehrt. Frieden kann nur von innen nach außen wachsen.
Бесплатный фрагмент закончился.
