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Vorwort

Impressum

Was bisher geschah …

41 – Am liebsten würde sie …

42 – Nachdenklich, achtsam und …

43 – Elektra hielt es nicht …

44 – Glücklich war …

45 – Als Silvana nach einer …

46 – Nach dem opulenten …

47 – Bedächtig schwebte der …

48 – Etwa eine Stunde später …

49 – Es war Freitagmittag und …

50 – Rufe durchdringen meinen …

51 – Leise, Rosa auf dem Arm, …

52 – Seit einer halben Stunde …

53 – Bella war nicht …

54 – Minuten später …

55 – Erst als sie ausstieg, …

56 – Über die herzliche Begrüßung …

Impressum neobooks

SeelenFee - Buch Vier

Mystischer Liebesroman

Ich bin zu Hause zwischen Tag und Traum.

(Rainer Maria Rilke)

Vorwort

Hinweis:

Dieser Roman war bis Ende April 2021 ausschließlich bei Amazon unter dem Titel »Geliebte Seelenfee - Buch Drei – Die Wirrnisse der Liebe« gelistet. Unter dem neuen Titel »Seelenfee – Buch Drei« ist der Roman jetzt allerorts als eBook erhältlich. Am Inhalt gab es gegenüber dem ursprünglichen Werk keine Veränderungen.

Silvana Larbang, eine junge Frau unserer Zeit, ist erfüllt mit übersinnlichen Fähigkeiten, die es ihr ermöglichen, lebende und auch verstorbene Seelen zu helfen, zu retten und letztlich sogar zu erlösen. Doch noch ist sie sich dieser unvergleichlichen und verantwortungsvollen Veranlagungen nicht bewusst. Erst der schreckliche und viel zu frühe Tod ihrer besten Freundin Melissa lässt all das langsam erwachen. Mühsam, Schritt für Schritt, betritt sie sodann ihren wahren, tief in ihr ruhenden, Lebensweg, der voller Träume, Selbstzweifel und Überraschungen ist.

Neben Silvanas feinfühligem Wesen und ihrer Wahrhaftigkeit sind es surreale Träume - die sie nun so intensiv erlebt wie seit ihrer Kindheit nicht mehr -, die ihr erst verschwommen, doch dann klar und beinahe greifbar ihren Weg mehr und mehr aufzeigen.

Ohne es zu wissen, schöpft sie auf diesem beschwerlichen Weg zusätzlich Kraft aus der Erfüllung eines Versprechens, das sie ihrer verstorbenen Freundin Melissa in einem Traum gegeben hat. Voller Hingabe kümmert sie sich um die kleine Rosa, Melissas Tochter. Und manchmal sieht es so aus, als würde sich das Baby auch um sie kümmern.

Eine Liebe, die nicht sein darf, verwirrt sie zusätzlich, hilft ihr letztlich, wie nur wahrhaftige Liebe es vermag, wenn man sie zulässt, ihren Weg zu finden.

All das ereignet sich vor dem Hintergrund eines bürgerlichen Lebens, dem Silvana und Melissa entstammen, und einer Welt des egoistisch blasierten Adels, in die Silvanas verstorbene Freundin aus Liebe eingeheiratet hatte.

Buch 4 von 4

ca. 250 Normseiten

Impressum

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors. Das nachfolgende Werk ist frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt, auch stimmen Orte und ihre Beschreibungen nicht mit der Wirklichkeit überein. Markennamen sowie Warenzeichen, die im vorliegenden Werk Verwendung finden, sind Eigentum ihres rechtmäßigen Eigentümers.

Alles ist nur Fiktion, und doch – emotional und abstrakt betrachtet – wäre alles genau so möglich.

Axel Adamitzki

Scheiblerstraße 81

47800 Krefeld

adamitzki@t-online.de

Schlusslektorat: Bianca Weirauch, Weida

Was bisher geschah …

… Silvana Larbang kümmerte sich nach wie vor liebevoll um Rosa-Marietta, das neugeborene Baby ihrer verstorbenen Freundin Melissa. Auch sorgte sie auf wundersame Weise dafür, dass Rosa schnell wieder gesund wurde. Sie spürte, dass sie sich in Raymond verliebt hatte – und das durfte nicht sein. Deshalb versuchte sie, ihm aus dem Weg zu gehen.

In einem Gespräch mit Georg, dem Lebensgefährten ihrer Mutter, glaubte Silvana zu erkennen, wie die Anfänge ihres wirklichen Lebens aussehen könnten. Als sie dann endlich von ihrem möglichen Leben träumte und erkannte, dass es sicher nicht an Raymonds Seite im Landhaus sein würde, kam unausweichlich der Moment, in dem sie Raymond all das offenbarte.

Nachdem alles gesagt war, ihre Lebenswege kaum noch Gemeinsamkeiten zu haben schienen, sie aber dennoch viel füreinander empfanden – tiefe Gefühle, die sie verbanden, nicht trennten –, begannen sie spontan und schier unüberlegt eine »heimliche Liebe«. Diese Liebe, sicher ohne Zukunft, lebten sie wie zwei Teenager.

Schließlich tauchte Elektra wieder auf, die sich bei Raymond entschuldigen wollte. Raymond legte keinen Wert darauf. Silvana spürte, dass sie diese Frau gern treffen wollte, vielleicht sogar treffen musste. Da war etwas, von Frau zu Frau. Oder gar mehr.

41 – Am liebsten würde sie …

… nach New York oder besser noch nach Miami fliegen und sich selbst ansehen, was da los war.

Aber sie durfte nicht. Im Grunde wusste sie auch, dass es falsch wäre, dort unangemeldet in Erscheinung zu treten.

Bella ist erwachsen, eine Frau, nein, sie ist viel mehr, sie ist meine Geliebte, meine geliebte Bella. Warum versteht sie das nicht? Warum muss sie mir erneut wehtun?

Ohne Frage, sie hat ihr eigenes Leben. Ich will es ihr ja auch nicht nehmen, dachte Elektra. Sie wusste es, doch fiel es ihr schwer, das zu akzeptieren.

Und wenn sie als Schauspielerin wirklich so gut war, dass man ihr in Miami eine erste kleine Rolle anbot, dann sollte sie sich doch für ihre geliebte Bella freuen, oder?

Elektra freute sich ja auch, äußerlich, aber innerlich?, nein, innerlich freute sie sich nicht.

In ihr brodelte es. Seit Donnerstag, seit Bella ihr beim letzten Skypen von dieser kleinen Rolle erzählt hatte, seit Elektra wusste, dass sie wohl zwei weitere Wochen auf ihre Geliebte würde verzichten und warten müssen … seitdem brodelte es. Und immer wieder brach es aus ihr heraus. Maria hatte am meisten abbekommen und hatte sich am Ende gekränkt, dennoch mit viel Beherrschtheit zurückgezogen.

Entschlossen war Elektra dann nach Konstanz geflüchtet – bevor noch mehr »Scherben zusammengekehrt werden müssten«.

Bella hatte sie am Donnerstag noch einmal darum gebeten, es nicht zu tun. »Bitte, bitte, Leeki, fahr nicht nach Konstanz«, hatte sie gebettelt … doch vielleicht wollte und musste Elektra es genau deshalb tun.

Als sich Bella an diesem Donnerstag gemeldet hatte, hatte Elektra gehofft, sie würde ihr sagen, dass sie unterwegs zu ihr war, dass sie endlich in acht, neun Stunden wieder bei ihr sein würde, doch dann das … Miami!

Wenn für dich Miami so wichtig, so lebenswichtig ist, dann kannst du ja wohl auch verstehen, was Konstanz mir bedeutet. Ich muss da hin. Das hatte sie ihr nicht gesagt, hatte sie glücklicherweise nur gedacht. Sicherlich hätten diese Worte sehr viel zerbrochen.

Ohnmächtig vor Wut lief Elektra durch die Suite des Excelsiors hier in Konstanz.

Ray meldete sich auch nicht. War er nach ihrer ersten E-Mail etwa wieder geflüchtet? Sie lachte grell. Was für ein Schisser. Nein, von diesem armseligen Kerl wollte sie bestimmt kein Kind. Nicht mehr. Und genau das würde sie ihm jetzt gern ins Gesicht schleudern. Gut, dann morgen. Und dann werde ich hier für immer verschwinden. Zeit genug hatte sie mit ihm vergeudet. Wertvolle Zeit.

Sie stand am Fenster und sah blicklos hinaus.

»Du bist doch kein Mann, du bist eine Memme!«, stieß sie empört aus. Die Worte hallten durch den Raum, erschütterten beinahe alles, was sich ihnen entgegenstellte. Dennoch gab ihr auch das keine Genugtuung. Sie wollte … sie musste … Porzellan? Oh nein, es musste mehr sein, viel mehr. Das Herz zerriss ihr, da waren die wenigen Scherben einer Tasse, eines Tellers oder einer Vase nicht genug.

Das Hoteltelefon klingelte. Streitsüchtig lief sie hinüber zu einem kleinen Beistelltisch und riss das schnurlose Telefon aus der Ladestation.

»Was ist?«, schrie Elektra Gräfin von Memmingstetten in den Hörer. Die Kontenance ihres Standes war ihr im Moment … scheißegal. Das, was in ihr brodelte, wollte nur endlich heraus. Ungezügelt. Und kränkend.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau …« Die Empfangsdame des Hotels zuckte beinahe sichtbar zurück, brach kurz ab und atmete tief ein, Elektra hörte es deutlich.

»Was? Was soll ich entschuldigen? Dass Sie unfähig sind, einen vollständigen Satz zu formulieren? Da gibt es kaum etwas zu entschuldigen! Also, was wollen Sie? Mir mit ihrem Gestotter meine Zeit stehlen? Oder was?«

Was für eine Beschimpfung. Doch selbst diese schändliche Demütigung brachte kaum für mehr als ein paar Sekunden eine Art Befreiung.

Erst als sie vernahm, wer da unten stand und mit ihr sprechen wollte, spürte sie, wie all ihr Hass und ihre Wut endlich ein billiges, nein, ein geeignetes, besser noch, das einzig passende Opfer, das hier in Konstanz neben Raymond möglich war, gefunden hatte.

»Eine Frau Larbang möchte Sie sprechen, Frau Gräfin«, hatte die Empfangsdame sehr leise in einem ruhigen professionellen Ton schließlich von sich gegeben, wobei die Worte dann doch ein wenig zitterten.

»Silvana Larbang?«, fragte Elektra nach, augenblicklich ruhig geworden. Der Gleichmut ihrer Stimme, ihrer Frage glich der einer lauernden Wildkatze.

»Ja, Frau Gräfin. Frau Silvana Larbang möchte Sie gern sprechen«, sagte die Empfangsdame, nachdem sie sich hinsichtlich des Vornamens vergewissert hatte.

»Ich lasse bitten.«

Oh ja, Silvana kam ihr gerade recht. Keine andere Frau, kein anderer Mensch kam ihr jetzt so recht. Silvana Larbang war ihrer Bella Eva Broderson, abgesehen von Bellas bräunlichem Teint, äußerlich außerordentlich ähnlich, erinnerte sich Elektra. Und sicher hatte diese Silvana auch eine billige Erklärung dieser Memme im Gepäck. Und noch etwas entzückte Elektra Gräfin von Memmingstetten: Diese Frau war ihr damals schon, vor Wochen, nicht im Geringsten gewachsen gewesen – ein Opferlamm.

Dass damals schon von dieser Frau, von Silvana Larbang, etwas Merkwürdiges ausgegangen war, etwas, das für einen kurzen Moment einen Zweifel in ihr geweckt hatte, daran wollte sich Elektra jetzt nicht erinnern.

Nachdem Silvana endlich vor ihr stand, sie freundlich begrüßt hatte und sie nun beinahe etwas unbedarft ansah, öffnete Elektras Ego sogleich alle Schleusen ihres Schattenseins. Wie auf Befehl. Und das war so … so anregend, oh ja, das war es, anregend und unsagbar befreiend. Doch langsam, meine liebe Leeki, ganz langsam, der Genuss liegt im Blick und auf der Zunge.

»Was kann ich für dich tun, Silvia?«

Silvia! Wieder, wie schon bei ihrer ersten Begegnung, schien Silvana die stichelnden Bösartigkeiten der Person vor ihr deutlich zu spüren. Doch diesmal zuckte sie nicht, ließ sich nicht irritieren. Sie stand nur da und sah Elektra noch immer freundlich an.

Elektras Ego duckte sich kurz weg ob dieser unverhofften Reaktion, trat aber beinahe noch größer wieder vor Silvana.

»Nun sag schon, was willst du? Hat dich Raymond, hat dich der Landgraf geschickt? Ist er wieder geflohen?« Elektra lachte. Höhnisch.

»Ray weiß nicht, dass ich hier bin. Er kann es sich aber vielleicht denken. Er hat mir Ihre letzte SMS gezeigt.«

Ray? Hat sie wirklich Ray gesagt? Und hatte sie tatsächlich diese SMS gelesen? Erstaunt sah Elektra Silvana an.

»Seit wann sagst du Ray zum Landgrafen? Fickt er dich endlich und erlaubt dir dafür, ihn zu duzen?«

Oh, was für vortrefflich boshafte Worte. Sie taten gut und sie beschrieben genau, was sie von dieser Liaison hielt … sollte es eine solche geben. Falls nicht, na mein Gott, die Worte würden sie schon nicht umbringen.

Doch die Worte trafen Silvana nicht so, wie Elektra es sich erhofft hatte. Im Gegenteil: Diese junge Frau vor ihr lächelte verhalten, und in diesem Lächeln lag nun beinahe so etwas wie aufrichtiges Mitgefühl. Am Ende sogar Mitleid?

Das missfiel Elektra, es missfiel ihr sogar sehr, und unverhofft durchzog sie mehr als ein Hauch Unsicherheit.

Oh nein, das durfte nicht sein.

Sie richtete sich auf. Zumindest versuchte sie es. Ich bin stark, für diese Frau hier vor mir zu stark, redete sie sich ein. Dennoch schien es, als verlor ihr Ego an Kraft. Noch einmal versuchte sie, das zu ignorieren.

»Bist du hergekommen, um mich stumm anzusehen?«

Silvana blickte ihr bedacht in die Augen. »Ich bin gekommen, um mit Ihnen zu sprechen, Frau Gräfin. Von Frau zu Frau«, sagte sie schließlich mit ruhiger Stimme.

Wie lächerlich und einfältig diese Person doch war. Von Frau zu Frau? Für wen hält sie sich?

Und wieder lachte Elektra hämisch.

»Was hätten wir beide wohl zu sprechen … von Frau zu Frau?«, sagte sie, doch der Klang ihrer Stimme, sie hörte es selbst, entsprach nicht mehr dem, was ihre Worte ausdrücken sollten. Diese Frau vor ihr schien nicht eingeschüchtert, sie wirkte stark, sehr stark. Auch ging mehr und mehr eine Strahlkraft von ihr aus, die eine beinahe unheimliche Besonnenheit erkennbar werden ließ, die unvermittelt in Elektra eindrang und etwas in ihr weckte. All das schien nicht von dieser Welt zu sein.

Aber … was war das?

»Sie haben recht. Offensichtlich habe ich mich geirrt«, sagte Silvana und holte Elektra mit ihren Worten zurück in die Wirklichkeit der Hotelsuite. Sichtlich enttäuscht – nichts hielt sie an äußerlichen Regungen zurück –, dennoch mit fester Stimme, fuhr sie fort: »Vielleicht halten Sie mich für töricht, am Ende bin ich es wohl auch …« Silvana lachte … über sich. »Dennoch möchte ich Ihnen noch etwas sagen: Ich hatte geglaubt, dass es da etwas gibt. Zwischen uns. Dass ich Ihnen irgendwie eine Hilfe sein könnte. Von Frau zu Frau. Ich weiß, das klingt lächerlich, ich klinge lächerlich, dennoch wollte ich, dass Sie das wissen. Aber jetzt bin ich mir sicher: Ich habe mich geirrt. Entschuldigen Sie, dass ich Sie belästigt habe.«

Silvana drehte sich um und ging zur Tür.

Elektra war sprachlos und beeindruckt. Auch wenn die Worte dieser Frau vor ihr tatsächlich einfältig, vielleicht sogar unterwürfig klangen, so war ihre Erscheinung das keineswegs. Und noch etwas spürte Elektra sehr deutlich: Diese Frau war durch und durch ehrlich.

Wirkte wahre Ehrlichkeit nicht oft genug arglos?

Dass ich Ihnen eine Hilfe sein könnte. Von Frau zu Frau … Glaubte diese junge Frau das wirklich?, fragte sich Elektra nun sehr ernst geworden. Nein, sie glaubte es nicht nur, sie schien es zu wissen.

Von Frau zu Frau hatte sich auch in ihr, in Elektra, in einem sehr ähnlichen Traum, wie er über Silvana in der letzten Nacht gekommen war, in der Seele festgesetzt – doch auch sie konnte sich nicht an diesen Traum erinnern. Aber da erwachte etwas in ihr.

Und plötzlich, als das boshafte Ego für einen Moment kleiner wurde und sich verunsichert neben Elektra stellte, als die andere Elektra, die verlassene, die verletzte, die weinende, die verzweifelte, mehr und mehr in Erscheinung trat, als ihre Seele sichtbar wurde, geschah es: Sie begriff, was sie verlieren würde, wenn diese Frau ihre Suite hier verlassen würde. Etwas würde zerbrechen, etwas würde sie unwiederbringlich verlassen, ihrer Seele auf ewig entrissen sein – sie, Elektra, sie selbst würde sich verlieren. Und der andere Teil ihres Selbst, ihr Schatten, ihre niederträchtige Wesensart, die jetzt ahnungslos tat, schien nur darauf zu warten.

Doch das durfte nicht sein, nein, denn ohne zu wissen warum, schien es ihr, als würde sie damit auch Bella, ihre Bella verlieren.

Und flüsternd erhob sich eine Stimme in ihr:

Sie ist gekommen, um mit dir zu sprechen, um dir zuzuhören. Und was tust du?

Wobei zuhören?, wehrte sich Elektra gegen diese Stimme.

Bei allem.

Bei allem? Aber ich kann sie doch nicht … Ich kenne sie doch gar nicht.

Doch, das tust du.

Sekundenschnell öffneten sich in Elektra Bilder aus der Tiefe ihrer Erinnerungen. Das erste Treffen: Silvia hatte sie sie unverschämterweise genannt, obwohl ihr der richtige Name bekannt war; und dann in der Hotellobby: Dort hatte sie sie mit überheblicher Verachtung gestraft, obwohl sie an Silvanas Stelle das Gleiche getan hätte: Raymond informieren, über das Erscheinen einer ehemaligen Liebe, die versuchte, alles durcheinanderzubringen; und schließlich das Durcheinander in Silvanas Wohnung: Sie hatte es veranlasst, aus Hass und vielleicht sogar aus Angst; und vor Augenblicken noch diese verabscheuungswürdigen Worte. All diese Bilder vernahm sie blitzartig. Doch sie wehrte sich:

Nein, das war nicht ich, das war …

Nicht du? Wer dann? Wer war es? Sag!

Ich weiß es nicht.

Doch, du weißt es. Sag es. Sag es nicht mir, sag es dir. Ganz laut.

Nein!

Ganz leise?

Nein!

Du hast Angst.

Ja, ich habe Angst.

Dann lass dir helfen.

Von wem? Etwa von ihr?

Ja, von ihr.

Aber ich kann doch nicht … Und wobei und wie überhaupt?

Erzähl ihr alles. Alles! Lass deine Seele wieder atmen.

Nein. Sie wird nicht zuhören. Kein Mensch will all das hören. Warum sie?

Sie ist hier, von Frau zu Frau, nein, mehr noch, von Seele zu Seele. Spürst du es denn nicht?

Das kann nicht sein.

Überleg nicht mehr lang. Es sind nur noch drei Schritte bis zur Tür. Dann ist sie weg.

Aber alles, ihr alles erzählen, wie soll das gehen?

Fang einfach an. Deine Seele wartet. Schon lange. Öffne dich, öffne alle Schleusen, tue es auch für Bella.

Alle Schleusen?

Ja, alle. Und nun mach schon. Was hast du zu verlieren? Nichts. Und glaube mir, tust du es nicht, wirst du tot sein. Für immer. Auch wenn du noch jahrelang atmen wirst, wirst du tot sein, denn der Zugang zu deiner Seele wird sich für immer schließen. Nichts und niemand kann dann noch hinein oder heraus. Tue es jetzt, sage ihr alles. Sprich alles endlich einmal aus … laut. Sage dir alles! Dir! Mach den Weg zu deiner Seele endlich wieder frei. Nicht nur Bella wird dich dafür lieben, du selbst wirst es auch.

Dieser Kampf in ihr tobte kaum mehr als zwei Sekunden.

Es war einer jener seltenen Momente im Leben, der einem vom Schicksal geschenkt wird, in dem das Dasein eine neue Wendung bekommen könnte. Es fühlt sich an wie ein kleiner runder Durchlass, der sich öffnet … für Sekunden. Und man muss springen, ins Unbekannte, ins Leere, mit allen Konsequenzen. Tut man es nicht, bereut man es ein Leben lang.

Und was tat Elektra?

Sie sprang, oh ja, sie sprang.

»Bitte, warten Sie, Silvana«, sagte sie mit drängend verzweifelter Stimme, jetzt zwei Schritte hinter der Frau, von der sie nun glaubte zu wissen, dass sie so etwas wie ihr Schicksal sein könnte, mehr noch, offensichtlich ihr Schicksal war. »Bitte, warten Sie, Silvana. Es … es tut mir leid«, sagte sie, sehr kleinlaut geworden. In ihrer Stimme lag, neben dem Schauder vor dem Unbekannten, angsterfüllte Verzweiflung.

*

Bei all den Beschimpfungen, die diese Elektra über sie gegossen hatte, dachte Silvana immer nur an Rosa, an den Traum am Deich, an den roten Fleck auf dem weißen Sommerkleid, an das, was Rosa dieser Frau angetan hatte … weil sie ihrem Vater helfen musste.

Sie hatte hier und heute auf eine Geste gehofft. Ihre Worte waren ehrlich gewesen. Silvana hatte sich beinahe vor sich selbst gedemütigt. Doch ohne Erfolg, wie es schien – leider.

Dennoch fühlte sie sich gut. Sie hatte es versucht, sie war einer inneren Stimme gefolgt, die wohl auf ein Wunder gehofft hatte – vergebens. Von Frau zu Frau … offensichtlich hatte sie da etwas missverstanden.

Doch in dem Moment, als sie die Tür zum Gang öffnen wollte, als es schien, als gäbe es tatsächlich nichts zwischen ihnen, hörte sie: »Bitte, warten Sie, Silvana. Es … es tut mir leid«, und sie stockte.

Stumm stand Elektra Gräfin von Memmingstetten nun vor Silvana. Sie hatte sich verändert. Sekundenschnell.

Ihre schwarzen Augen, eben noch hasserfüllt und grün schimmernd, sahen sie, nein, bettelten Silvana verzweifelt und ängstlich an. Die Hände zuckten, schienen nach ihr greifen, sie berühren zu wollen, schrien plötzlich wie alles an dieser Frau nach ihrer, nach Silvanas Hilfe.

Die Wut und Feindseligkeiten waren verebbt, waren einer tiefen Angst gewichen. All das vernahm Silvana in den flehenden Gesten, die es da plötzlich gab.

War so etwas möglich? Eine solche Veränderung?

Offensichtlich schon.

»Von Frau zu Frau?«, murmelte Elektra.

Silvana nickte, obwohl sie jetzt noch viel weniger wusste, was das bedeutete.

Einen sehr langen Moment standen sich die beiden Frauen dann gegenüber. Etwas passierte zwischen ihnen. Nicht sichtbar … aber vielleicht ja doch. Obwohl … Gefühle an sich sind nicht sichtbar. Ihre Folgen, ihre Wirkungen – ein angsterfülltes Lächeln, ein vorsichtiger Blick in die Seele des anderen und schließlich in die eigene – können nach und nach sichtbar werden.

Und sie wurden es.

42 – Nachdenklich, achtsam und …

… verhalten setzte sich Elektra auf die große Couch im Wohnbereich der Suite. Mit ängstlich aufgerissenen Augen fixierte ihr Blick einen Punkt am Boden und verlor sich sogleich spürbar und tief in ihren Gedanken und Erinnerungen. Bald schon war sie bei sich. Silvanas Anwesenheit vernahm sie wohl kaum noch, doch fraglos fühlte sie die Nähe der anderen Frau.

Und dann kam es zu einer Offenbarung, die es im wirklichen Leben nur sehr selten gibt – in Träumen und Gedanken schon viel öfter, doch wurden diese Bilder nur selten in Worte gefasst. Auch würde jeder normale Mensch eine solche Offenbarung schlichtweg für unglaubwürdig halten. Aber was war an Silvana schon normal. Und sind es nicht oft erst die sonderbar scheinenden Dinge, Worte oder Gedanken, die wirkliche Veränderungen verursachen?

»Bella …«, begann Elektra kaum hörbar. »Ich lebe mit einer Frau zusammen. Obwohl … tue ich das überhaupt?

Ist es nicht eher der Wunsch danach?« Fragen, die sie sich selbst stellte und die sie sich mit einem ahnungslosen Schulterzucken beantwortete.

Silvana spürte deutlich, dass hier etwas von großer Bedeutung seinen Anfang nahm. Und sie wagte nicht, sich zu bewegen – zu empfindlich war der Moment.

Und sie wartete. Stumm und reglos.

Anfänglich sehr zaghaft fuhr Elektra schließlich fort: »Man kann das mit Bella nicht verstehen, wenn man nicht …« Sie brach ab und nickte schließlich ihren Gedanken zustimmend zu. »Ja, ich muss viel früher beginnen.« Und einen langen Moment kramte sie dann stumm ein weiteres Stück tiefer in ihren Erinnerungen, räusperte sich und begann zu erzählen. Von der Trennung von Raymond. Sie wusste damals nicht, warum sie die vollzogen hatte, vollziehen musste. »Alles stimmte zwischen uns, alles war unsagbar harmonisch. Und doch musste ich weg. Der Heiratsantrag … das war zu viel gewesen.

Aber ich wusste damals schon, dass Raymond das nicht verdient hatte«, sagte sie in einem Ton, der auch heute noch den Schmerz deutlich werden ließ, den sie damals wohl genau so empfunden und den sie durch ihre panikartige Flucht zusätzlich auch über ihren beinahe Verlobten gebracht hatte.

»Aber ich wusste damals noch nicht, was mir Frauen bedeuten. Wobei … In meinem Leben hat es bislang erst eine Frau gegeben. Doch die ist es und keine andere … meine Bella.« Ein verzagtes Lächeln umspielte ihr kurz den Mund, verschwand aber wieder hinter Erinnerungen, die voller Mühsal schienen.

»Doch vorher … Nach der Trennung von Raymond tobte ich mich erst einmal aus«, fuhr sie entrückt fort, »weil ich glaubte, dass es das war, was mich von ihm fortgejagt hatte. Mein schlechtes Gewissen trieb mich jahrelang um die Welt, von Event zu Event, von Einladung zu Einladung, von Ball zu Ball.

Und hier und da gab es auch immer wieder irgendeinen Kerl. Nie etwas Festes. Und immer war es einer dieser selbstverliebten Zyniker, die nur nehmen, rücksichtslos. Und … so schlimm es jetzt auch klingen mag, aber je rücksichtsloser sie waren, je weniger ich ihnen bedeutete, desto größer war der Kick, ja … der Kick. Gefühle waren nie im Spiel. Auch für mich nicht …« Elektra brach kurz ab und schien erneut ein paar Gedanken zu ordnen.

Was für eine traurige Seele, dachte Silvana und hätte fast geheult. Rasch nutzte sie die Stille, huschte drei Schritte zu einem Sessel, der außerhalb von Elektras Blickfeld stand, und setzte sich. Sie wollte die Gedanken der anderen Frau nicht unterbrechen, auch wollte sie nicht, dass Elektra ihr in die tränenverhangenen Augen sah.

Langsam, den Blick wieder starr nach innen gerichtet, fuhr Elektra dann fort: »All das änderte sich schlagartig, als ich von Raymonds Heirat erfuhr.

Dass der Adel im Gutshaus versammelt war und ich nicht dabei war, konnte ich verschmerzen, verstand ich sogar, dass Ray aber eine Bürgerliche geheiratet hatte, traf mich mitten ins Herz.«

Erschrocken wendete sie den Kopf und sah Silvana aufgeregt an. »Nein, bitte, Silvana, verstehen Sie mich nicht falsch, nicht die Tatsache, dass seine Frau … Ihre Freundin, eine Bürgerliche war, traf mich, viel mehr war es der Umstand, dass mir sofort klar war, dass er diese Frau abgöttisch lieben musste. Und dass damit seine Liebe zu mir … gänzlich erloschen war.

Diese Gewissheit traf mich damals beinahe wie … wie ein Todesstoß. Ja, wie ein Todesstoß.

Das mag übertrieben klingen, dennoch war es so: Ein Todesstoß … der auch tatsächlich etwas in mir beendete.«

Abermals brach Elektra ab, schloss die Augen und öffnete sie Sekunden später wieder. Und noch immer ruhte ihr Blick in der Vergangenheit. »Raymond hatte eine Frau an seiner Seite, die seine Familie gänzlich ablehnte, das wusste ich. Niemand musste mir das sagen. Ich kenne seine Familie zur Genüge.

Melissa Scholz. Er muss sie wirklich sehr geliebt haben«, sagte sie, wobei sie den Namen … Melissa Scholz … kaum vernehmbar auf der Zunge zergehen ließ.

Abrupt drehte sie den Kopf und richtete ihren Blick erneut, klar und fragend, auf Silvana. »Sein Vater war bestimmt der Einzige, der nicht über ihn und auch nicht über beide herfiel, als Raymond seine Melissa in die Familie einführte, denke ich mal. Aber der … Hat Raymond Ihnen je von ihm erzählt?«

Silvana schrak zusammen, sie hatte nicht mit einer Frage gerechnet, sie war mit ihren Gedanken gerade an einem ganz anderen Punkt. Sie hatte versucht, sich vorzustellen, welch Tortur all das für die Frau hier vor ihr wohl gewesen sein musste. Jahrelang vor sich selbst weglaufen, ein schlechtes Gewissen haben und dann auch noch die letzte Verbindung zu einem Leben, zu einer Liebe verlieren, die ihr offensichtlich einmal sehr kostbar gewesen war. Das muss schrecklich gewesen sein.

»Nein«, sagte Silvan schließlich mit verwirrter Stimme, räusperte sich und fuhr fort: »Er hat noch nie von ihm, von seinem Vater erzählt. Auch Mel … Melissa hat mir nie etwas … doch, halt, einmal, am Telefon … von dem Unfall.«

»Aber Sie haben ihn doch kennengelernt? Auf der Hochzeit?«

Silvana zucke die Achseln. »Ich habe ihn gesehen. Aber kein Wort mit ihm gewechselt. Obwohl … wenn ich es recht bedenke … mehr als einmal hat er mich an den zwei Tagen, die ich dort war, beobachtend angesehen. Beinahe so, als wollte er nicht glauben, dass es mich gibt. Wer weiß, was Mel ihm von mir erzählt hat. Aber am Ende irre ich mich vielleicht auch.

Es ist zu lange her. Doch weiß ich ziemlich sicher, wir haben kein Wort … Nein … bestimmt nicht.«

»Das ist schade. Neben Raymond war er der einzig wirkliche Mensch in der Familie. Aber lassen Sie sich von ihm mehr erzählen. Es lohnt sich.«

Elektra wendete sich ab und ihr Blick verlor sich wieder irgendwo weit entfernt.

Und sie fuhr fort. Doch ihre Stimme hatte sich verändert, hörte sich jetzt gequält an. »Zwei, drei Monate nach der Hochzeit war ich zu einer Gala nach L. A. eingeladen worden. Gern hatte ich diese Einladung angenommen, zumal ich wusste, Henri-Severin, Raymonds Bruder, würde auch auf dieser Gala zu finden sein. Was auch stimmte.

Ich hoffte, er würde meine Traurigkeit … Ja, es gab da tatsächlich eine tiefe Traurigkeit, die Raymonds Heirat in mir ausgelöst hatte.

Jedenfalls hoffte ich, er würde nachempfinden können, was in mir vor sich ging, zumal er ja auch irgendwie anders gewesen war. In all seinen Lebensentscheidungen. Ich ersehnte am Ende sogar ein wenig familiäre Absolution. Ja, all das erhoffte ich tatsächlich.

Doch es kam ganz anders.

Eingangs schien es, als würde Henri-Severin mich verstehen. Er machte mir Mut, stellte Raymond dann aber bald schon als einen Versager hin, den ich fünf Jahre später sowieso verlassen hätte. ›Dann hättest du vielleicht die schönsten Jahre deines Lebens verschenkt‹, hatte er gesagt. Seine Worte waren schrecklich und furchtbar deprimierend, denn nun wusste ich, er hatte mich nicht verstanden. Gar nichts hatte er verstanden.«

Wieder stockte Elektra und presste schließlich die Lippen fest zusammen, so, als wollte sie sich verbieten, die nächsten Worte auszusprechen.

»Doch dann tat ich etwas«, fuhr sie endlich undeutlich flüsternd fort, »das ich glaubte, tun zu müssen, obwohl ich mich dafür vom ersten Moment an gehasst hatte … und auch heute noch schäme.

Viel weniger als Raymonds Andenken wollte ich Henri-Severins Zuspruch und Nähe in diesem Moment verlieren. Ich … ich fühlte mich so unsagbar allein und … einsam. Und er war da. Auch wenn er mich weniger und weniger verstand. Er war aber immer noch so eine Art Brücke zu Raymond. Und bald schon nickte ich nur noch zu all den Bösartigkeiten, die Henri-Severin über seinen Bruder, über seine Familie mit Ausnahme seines Vaters verlor.

Ich spürte, sollte ich ihm widersprechen, würde ich nicht nur seinen Zuspruch, den ich bitter nötig hatte, auch würde ich diese Brücke und am Ende sogar mich selbst verlieren.

Vielleicht klingt das jetzt irgendwie geschwollen, hochtrabend, gar pathetisch, aber so fühlte ich mich damals. Ich war dabei, mich zu verlieren. Und … ich hatte Angst vor der Konsequenz.« Wieder brach Elektra ab. Die Konsequenz, wie sie damals auch immer ausgesehen haben mag, hätte wohl erschreckende Ausmaße gehabt.

Silvana schloss die Augen. Von Frau zu Frau, hallte ihr plötzlich durch den Kopf.

Hatte sie so etwas erwartet? Nein, sicher nicht. Das, was hier vor sich ging, war viel mehr – es war ungeahnt erschreckend.

Und es sollte noch schlimmer kommen.

Nun gänzlich in sich versunken, fuhr Elektra fort: »Das Zusammensein mit Henri-Severin gab mir dennoch auch ein kleinwenig das Gefühl der Sicherheit. Bitterböse erkauft.

Aber dann, beim fünften Treffen, geschah das Entsetzliche … Ich verlor alles.

Zum ersten Mal war ich mit Henri-Severin in sein Appartement gegangen. Wir hatten uns vorher immer irgendwo zum Essen getroffen und dann dort noch lange miteinander gequatscht. Man konnte tatsächlich gut mit ihm quatschen, wenn es nicht um seine Familie ging.

Aber an diesem Abend, ich weiß es noch genau, da wollte ich mehr. Und ich spürte, auch Henri wollte mehr.«

Während sie sich völlig unbedarft in seiner Wohnung umgesehen hatte, spürbar enttäuscht von der Lieblosigkeit, die all die Dinge innehatten, die offensichtlich sein wahres Leben ausgemacht hatten, war er unversehens über sie hergefallen. »Ich wollte ihm noch sagen und zeigen, dass ich es auch wollte, aber es interessierte ihn nicht. Er wollte auch nicht mich, er wollte meinen Körper, schlimmer noch, er wollte meinen Schmerz.«

Wie ein Tier war er über sie gekommen. Böse, brutal und überstark. Sie hatte sich gewehrt, anfänglich, wollte dann nur noch rasch weg. »Aber das machte ihn noch mehr an. Er war einfach zu kräftig.« Ihr Widerstand war dann auch bald gebrochen. Am Ende hatte sie sogar geglaubt, sie hätte es verdient – diese »Strafe«.

Er hatte sie genommen, brutal, immer wieder und nur anal.

»›Ganz sicher hat dieser Schwächling sich nie getraut, dich so zu ficken, stimmt’s? Sag, dass es stimmt‹, hatte er wieder und wieder gebrüllt.« Worte, die Elektra heute kaum wagte zu wiederholen. Sie tat es aber, denn all diese Worte wollten endlich gesprochen und gehört werden.

»Auch schlug er mich dabei. Ich blutete. Im Gesicht. Unten. Überall. Es hat ihn nicht interessiert. Mir war es schließlich auch bald egal gewesen.«

Elektra stockte, und sie zitterte. Die Hände hatte sie in der Zwischenzeit unter ihren Oberschenkeln vergraben und ihr Oberkörper wippte vor und zurück, immer wieder vor und zurück. Und sie wagte nicht, Silvana anzusehen. Auch heute noch schien sie sich dafür zu schämen. Ihr war Leid angetan worden und sie schämte sich dafür. Was für eine grauenvolle und schrecklich verirrte Selbstverachtung.

Sie saßen jetzt beide auf der Couch, nur eine Handbreit voneinander entfernt, Silvana war vor Augenblicken von ihrem Sessel aufgesprungen und zu ihr geeilt, dennoch wusste sie nicht, was sie tun sollte. Eine ungeheuer schändliche Welt in Elektras Erinnerungen wollte jetzt vielleicht keine menschliche Nähe spüren, war sie doch durch die Nähe zu einem Menschen verursacht worden – sie wollte wohl nur ausgesprochen und vernommen werden.

Leise fuhr Elektra schließlich fort: »Ich hatte die ganze Zeit nur gebetet. Nicht um mein Leben, nein, … ›Lieber Gott, lass mich sterben. Jetzt, sofort‹, war mein Gebet gewesen.

Aber ich war nicht gestorben.«

Wieder stockte Elektra und schüttelte den Kopf. Nein, ich war nicht gestorben, schien sie sich zu sagen. Auch hatte es den Anschein, als hätte sie den tiefsten und dunkelsten Grund ihrer Beichte erreicht, denn mit veränderter, beinahe kraftvoller Stimme fuhr sie fort: »Nachdem er mich ein letztes Mal genommen, bestraft hatte, in der Zwischenzeit war es Morgen geworden, warf er mich aus seinem Appartement. ›Solltest du zur Polizei gehen, werde ich alles abstreiten‹, hatte er gesagt. ›Ich habe Freunde, einflussreiche Freunde, die beschwören werden, dass ich letzte Nacht gar nicht in L. A. war.‹

Wie lächerlich er war. Er hatte wirklich geglaubt, im Zweifelsfall damit durchkommen zu können.« Elektra schüttelte den Kopf. »Aber ich hatte nicht vor, zur Polizei zu gehen. Auch sah ich ihn nie wieder.

Doch schlimm ist, ab und an taucht er in einem schrecklichen Traum wieder auf. Ich werde ihn einfach nicht los.«

Vielleicht ja doch. Jetzt! Weil es endlich einmal ausgesprochen ist, dachte Silvana und wünschte es ihr von ganzem Herzen.

Als Elektra dann Monate später von seinem tödlichen Unfall erfahren hatte, hatte sie nichts empfunden. Weder Genugtuung noch Trauer.

»Um Raymonds Vater tut es mir heute noch sehr leid«, sagte Elektra mit wehmütiger Stimme, stand auf und ging zum Fenster. Sie blickte hinaus, die untergehende Sonne konnte sie nicht sehen, dennoch schien die Gewissheit sie innerlich zu beruhigen, auch dieser Tag würde nun bald seine Vollendung finden, wie jeder andere auch.

Schließlich drehte sie sich um und sah Silvana ängstlich an, wobei es eine andere Angst als noch vor Minuten war. Es war die Angst, sich offenbart und verwundbar gemacht zu haben, es war die Angst, für all das Gesagte ausgelacht oder gar weggeworfen werden zu können, es war die Angst vor dem Urteil eines fremden Menschen, dem Urteil, das bewerten, nein, mehr noch, sie hatte Angst vor dem Urteil, das sie abwerten könnte. Als Mensch.

Und schnell sagte sie: »Möchten Sie nicht lieber gehen, Silvana? Ich würde es Ihnen nicht verübeln.«

Was für eine Frage. Nach einer solchen Beichte. Aber vielleicht die einzig legitime Frage einer nackten Seele.

Silvana schüttelte den Kopf. Natürlich würde sie jetzt nicht gehen. Auch vernahm sie mehr und mehr einen bitteren Schmerz, ausgelöst durch all die schrecklichen Erlebnisse dieser Frau, der ihr direkt in die Seele drang. Von Frau zu Frau, nein, von Seele zu Seele schien jetzt angebrachter. Vor Minuten noch gänzlich unvorstellbar.

Obwohl Silvana nicht gehen wollte, auch nicht gehen konnte, wusste sie nicht, was sie tun sollte. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und hätte die junge Frau, die noch immer verzagt, ängstlich und mit hängenden Schultern am Fenster stand, in den Arm genommen. Aber das schien ihr dann doch unangemessen.

Stattdessen sagte sie, auch weil sie spürte, dass Elektra mit all dem, was in ihr rumorte, wohl noch nicht gänzlich am Ende angelangt war: »Wollen wir nicht rausgehen, ein wenig durch die Stadt laufen und dann irgendwo einen Kaffee trinken? Im Laufen erzählt sich vieles sehr viel leichter. Zumindest ist das bei mir so.«

Elektra sah Silvana lange und aus tiefer Seele an, schüttelte nachdenklich den Kopf und hatte plötzlich Tränen in den Augen. Schließlich sagte sie: »Wer sind Sie, Silvana? Ein Engel?«

Silvana stand auf und lachte verlegen, eine Träne drückte augenblicklich und eine merkwürdige Frage huschte ihr dabei durch den Kopf. Sind Engel Heilige? Oder Heilige Engel?

Doch wusste sie, dass sie weder das eine noch das andere war. Gleichwohl fragte sie sich wieder einmal, wer sie eigentlich wirklich war. Und fand erneut keine Antwort.

*

Minuten später waren sie Teil der frühabendlichen Stadt. Menschen, die an ihnen vorbeigingen, hielten sie sicher für zwei Fremde, die nur zufällig den gleichen Weg hatten. Elektra irrte innerlich durch ihre dunkle Vergangenheit, öffnete hier und dort eine Tür, schloss sie wieder, bis sie schließlich die Tür fand, nach der sie wohl gesucht hatte. Silvana war sprachlos und wagte kaum über das Gehörte nachzudenken.

Nachdem sie so eine Weile stumm durch enge Gassen gelaufen waren, fanden sie bald schon wieder … fanden ihre Seelen wieder zueinander und Elektra erzählte schließlich weiter.

In den nächsten fünf Tage nach diesem »Zwischenfall« – sie sprach tatsächlich selbst von Zwischenfall!, genauso wie sie vorher in ruhigem Ton von Strafe gesprochen hatte – hatte sie sich in einem einfachen Hotel verkrochen.

»Ich begann zu ordnen. Meine Gedanken. Mein Leben. Nie wieder wollte ich einen Mann an mich heranlassen. Merkwürdigerweise war das ein Gedanke, der mir leichtfiel. Und auch unsagbar guttat.«

Und diesen Gedanken musste Gott wohl als Gebet erhört haben, denn einen Tag bevor sie zurückwollte – über New York nach Europa, wohin genau, hatte sie nicht gewusst, vielleicht zu Freunden nach Mailand –, war ihr Bella über den Weg gelaufen.

»Bella war Bedienung in einem Café. Ihre Augen waren zum Überlaufen angefüllt mit Traurigkeit. Das fiel mir sofort auf. In Amerika, besonders in L.A., achtet man mehr auf das Lächeln, auf die weißen Zähne, die dabei zum Vorschein kommen. Weniger auf die Augen. ›Geht es gut?‹, fragt man. Rhetorisch. Niemand möchte etwas anderes als ein ›Ja‹ hören. Wie es einem wirklich geht, interessiert keinen Menschen. Und auch echten Augenkontakt vermeidet man tunlichst. Das sind meine Erfahrungen.

Als Bella mitbekam, dass mir ihre Traurigkeit nicht verborgen geblieben war, lächelte sie kleinherzig. Es war das erste und einzig echte Lächeln, das sie, während sie bediente, von sich preisgab.

Und ihr ging es tatsächlich noch schlechter als mir, wie sie mir am gleichen Abend noch erzählte.

Zufällig … Nein, es gibt keine Zufälle«, sagte Elektra, schüttelte nachdrücklich den Kopf, als wollte sie der Zufälligkeit auf keinen Fall auch nur den geringsten Platz einräumen, und fuhr fort: »Jedenfalls hatten wir gleichzeitig das Café verlassen. Ich wollte zurück ins Hotel, packen, um den nächsten Flieger nach New York zu nehmen, und für Bella war die Arbeit an diesem Tag einfach nur beendet.

Als ich ihr noch einen schönen Abend wünschen wollte, sah ich wieder diese traurigen Augen. Und da konnte ich nicht anders: Ich nahm sie in den Arm. Und sie …? Was tat sie?« Aus großen Augen sah Elektra Silvana an. »Sie begann bitterlich zu weinen und ließ mich nicht mehr los.« Elektra schüttelte den Kopf, und augenblicklich verlor sie sich wieder in ihren Erinnerungen.

Silvana schwieg, hörte wieder nur einfach zu und dachte jetzt nicht darüber nach, wie merkwürdig all das, was hier passierte, doch war. Wie war eine solche Nähe, die man sicher schon als intim bezeichnen konnte, in so kurzer Zeit möglich?, war eine Frage, die immer wieder in ihr hochstieg und genauso schnell wieder zum Schweigen gebracht wurde. Für Antworten hatte Silvana jetzt keine Zeit – sie wollte und musste einfach nur zuhören.

»Ich nahm sie mit in mein Hotel«, fuhr Elektra fort. »Am Ende war es reiner Egoismus. Da gab es jemanden, dem es noch schlechter ging als mir. Und merkwürdig war, ihr zu helfen, sie wie ein kleines Mädchen im Arm zu halten, lenkte mich nicht nur von all meinen Problemen ab, es gab mir sogar Kraft. Es war irgendwie unwirklich.

Verstehst du das? Entschuldigung, verstehen Sie das, Silvana?«

Silvana lächelte. Aber nicht der Frage wegen, sondern weil ihr das Du dieser Frau beinahe vertrauter erschien als dieses fremde Sie.

»Sagen Sie ruhig Du.«

»Ja … Gern. Aber nur, wenn du es auch tust.«

Oh nein! Silvana spürte, wie sie innerlich kurz zuckte.

Aber warum eigentlich?

Offensichtlich gab es hier kein Oben und Unten, auch gab es kein Ablehnen mehr. Doch der erste Eindruck, vor Wochen geprägt, saß tief. Und das alles hier ging auch viel zu schnell. Menschen sind normalerweise nicht so. Obwohl … in ihrer Nähe war es oft anders. Also …

»Gut. Ich versuche es, Elektra.«

»Das freut mich. Und … da wäre noch etwas …« Verschämt ließ Elektra den Blick fallen. »Könntest du mich jetzt einmal … ganz kurz nur … in den Arm nehmen?«

Hastig zuckte Silvana äußerlich zurück, etwas, das Elektra nicht verborgen blieb. Doch verstand sie es falsch. Sie konnte ja nicht wissen, dass Silvana es schon längst gern getan hätte, doch hatte sie nicht gewusst … Und im Moment hatte sie die Frage nur überrascht.

»Nein, bitte, vergiss es wieder«, sagte Elektra. »Oh mein Gott, das könntest du jetzt tatsächlich falsch verstehen … Nein, es tut mir leid. Lassen wir das. Manchmal bin ich ziemlich unbeholfen, auch wenn viele das nicht wissen oder gar sehen. Entschuldige. Und …«

Weiter kam sie nicht mit ihrer stotternden Erklärung, die durchweg sinnlos war. Im nächsten Moment lag sie in Silvanas Umarmung. Und sie begann bitterlich zu weinen.

*

Ein paar Minuten später, nachdem sich Elektra wieder halbwegs beruhigt hatte, gingen sie weiter und saßen bald schon in einem Café.

Und Elektra fuhr dann mit all dem, was ihr heute noch auf der Seele brannte, fort: »Gern würde ich dir noch von Bella erzählen.

Ich weiß nicht warum, aber merkwürdigerweise fällt es mir nicht schwer, dir all das zu erzählen.

Über Rafi, über unsere Liebe, die gänzlich anders war, als viele Menschen auch heute noch glauben zu wissen, möchte ich jetzt nicht sprechen. Eines nur: Er war ein wundervoller Mann, völlig anders, als man ihn in der Presse oder gar im Internet dargestellt hat und es noch immer tut. Wie er wirklich war, hat nicht einmal seine engste Familie gewusst.«

Elektra trank einen Schluck Kaffee und erzählte dann weiter, von der ersten Nacht, als Bella in ihrem Arm gelegen und bitterlich über den Verlust ihrer Liebe, Gabrielle, eine junge Frau aus L. A., geweint hatte. Dass sie von einer lesbischen Liebe gesprochen hatte, hatte Elektra erst Stunden später begriffen.

»Ich war unsagbar naiv, was das betraf. Aber vielleicht war auch tief in mir etwas, das die Liebe zwischen zwei Frauen als völlig normal ansah und nur darauf gewartet hatte, endlich geweckt zu werden.

Und das tat Bella, durch Worte, durch Gesten und durch ihre unverkrampfte Offenheit. Aber nicht gleich.

Wirklich ernst wurde es erst zwei Wochen später. Bella hatte gespürt, dass es da in mir etwas gab … Sie hatte es einfach gefühlt, wie sie mir später erzählte.

Alles hatte mit einem Streicheln begonnen. Ihre Hände … es war wunderbar, sie zu spüren.«

Die Liebe zu Bella tat ihr gut, erschreckte sie aber auch. Sie begehrte eine Frau. Das war anfänglich, trotz dieser rasch verspürten Normalität, unsäglich befremdlich, dennoch schön, sehr schön … beinahe zu schön.

Und so war das gekommen, was kommen musste: »Nach weiteren zwei Wochen trennte ich mich von Bella. Obwohl … ich trennte mich nicht, ich rannte davon. Wieder einmal. Doch dieses Mal wusste ich, ich konnte nicht entkommen. Ich wusste, wenn ich überleben wollte, musste ich zurückkehren.

Findest du das übertrieben? Meine Worte? Meine Gedanken? … Mein Entzücken?«

Silvana lächelte, und sie schüttelte den Kopf. Liebe ist ein Wunder und wer findet für Wunder schon die passenden Worte. Und sie schwieg nur und hörte weiter zu.

»Und im Moment, als ich endlich wusste, dass ich zurückwollte, zu Bella zurückmusste, da geschah es. Es war auf dem Geburtstagsempfang eines Schauspielers, der Name ist so unwichtig wie dessen Schauspielkunst.

Ich weiß es noch wie heute, es war dort sterbenslangweilig. Ich wollte gerade gehen, zu Bella, ich wusste, ihre Schicht würde gleich enden, ich wollte ihr endlich … da lief mir Rafi über den Weg. Rafi, der Mann meines Lebens.

Eigentlich wollte ich nichts von ihm. Aber da war etwas … er war so ganz anders. Dennoch …

Noch in derselben Nacht hatte ich wieder mit Bella das Bett geteilt. Und obwohl ich Rafi bald schon heiratete, mit ihm und bei ihm lebte, gab es immer wieder auch Bella. Rafi wusste es.

Es war für uns drei eine schöne Zeit, aber wie gesagt, davon vielleicht irgendwann einmal mehr.«

Mit dem Tod ihres Mannes hatte sich dann alles geändert. Bella war mehr und mehr zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Auch hatte Elektra aus Kolumbien weggewollt. »Ich wollte endlich ›richtig‹ mit Bella zusammen sein. Das wäre auf Perdida nie gegangen.«

Aber dann war es geschehen. »Letztes Jahr. Es war der zweite Oktober. Ein Samstag. Ich werde es nie vergessen. Es war … es war schrecklich.«

43 – Elektra hielt es nicht …

… mehr aus. Sie sprang auf. »Bitte, Silvana, lass uns noch ein paar Schritte gehen. Ich kann hier nicht mehr sitzen.«

Silvana nickte und war ebenfalls gleich auf den Beinen. Sekunden später waren sie zurück auf der Straße. Dunkel und leer war es in der Stadt geworden.

»Wollen wir zum Hafen? Vielleicht noch eine Kleinigkeit essen?«

Wieder nickte Silvana nur.

»Oder möchtest du nicht doch lieber gehen?«

Nein, bestimmt nicht, dachte Silvana. Sie fühlte in der Zwischenzeit eine merkwürdige Verantwortung für diese Frau, die vielleicht das erste Mal in ihrem Leben so offen über sich sprach. Und als Antwort hakte sie sich bei Elektra ein. Merkwürdig, wie leicht mir all das fällt.

Und schweigend gingen sie los.

Lange hallte nur das Klackern ihrer Absätze von den Wänden der Häuser wider. Ein junges Pärchen huschte an ihnen vorbei und verschwand küssend und beglückt in einer dunklen Seitengasse. Irgendwo bellte ein Hund und weit vor ihnen fuhr ein Auto hupend los.

Bald schon saßen sie dann in einem Bistro am Hafen und aßen Fingerfoods. Und Elektra erzählte schließlich weiter. Vom zweiten Oktober.

»Bella war einen Tag in L. A. gewesen. Irgendwas erledigen, hatte sie gesagt. ›Nichts Wichtiges‹, wie sie schwor, was nicht wirklich richtig, aber auch nicht falsch war.

Als sie wieder zurück war, ich hatte sie vom Flughafen abgeholt, da war sie völlig verändert. Sie schien innerlich tot zu sein. Und wie sich dann sogleich herausstellte, schien es nicht nur so. Ich hatte furchtbare Angst um sie.«

Nachdenklich blickte Elektra auf ein Sardellen-Oliven-Häppchen, und leise fuhr sie fort: »Sie war bei einem Frauenarzt gewesen, wollte sich erkundigen, wie das mit einer künstlichen Befruchtung so vor sich geht. Aber bei einer Routine-Untersuchung, die gleich mitgemacht wurde, ergab sich dann, dass ihre Frage für sie keine Antwort nötig hatte.« Wieder stockte Elektra, atmete tief durch und fuhr dann leise fort: »›Ich werde keine Kinder bekommen können. Ich bin fünfundzwanzig und kann keine Kinder bekommen‹, hatte sie mir heulend ins Ohr geflüstert und war schon am Flughafen direkt in meine Arme gefallen.

Ich hatte versucht, sie zu beruhigen. Doch das war nicht möglich. Und am Ende des Tages kam es dann zu einem entsetzlichen Streit, der, und das glaube ich heute noch, leider wohl noch immer nicht gänzlich beigelegt ist.« Elektra schloss die Augen und ergänzte leise: »Um ihr meine Liebe zu beweisen, wollte sie … sollte ich ein, nein, … sollte ich unser Kind bekommen. Unser Kind! Das … das war mir zu absonderlich. Verstehst du das, Silvana?«

Silvana nickte. Also so war das: Bella wollte das Kind! Und sie sagte: »Und deshalb diese verrückte Sache mit Raymond? Entschuldige bitte meine Direktheit.«

»Er hat es dir erzählt?«

»Ja.«

Verlegen sah Elektra Silvana an, und sie lenkte kurz ab. »Dann seid ihr wohl tatsächlich sehr eng miteinander, oder?«

Eng miteinander! Was für eine eigentümliche Beschreibung für eine Liebesbeziehung, dachte Silvana. Und sie sagte nur: »Ja, das sind wir.«

Aber wie dieses »Engsein« genau aussah, davon wollte sie heute nichts erzählen. Elektra und ihre Bella standen hier im Mittelpunkt … nichts anderes.

»Ja, und deshalb diese verrückte Sache mit Raymond«, wiederholte Elektra nachdenklich leise Silvanas Frage als Antwort.

»Und deshalb ist Bella jetzt weg?«, fragte Silvana kaum vernehmbar.

»Nein, nein. Eigentlich haben wir uns längst versöhnt, hatte ich geglaubt. Jetzt ist sie in New York, weil sie ihre Zelte dort endgültig abbrechen wollte und dann … Spätestens übermorgen wollte sie zurück sein. Nun fliegt sie aber morgen nach Miami. Eine erste kleine Rolle. Sie ist Schauspielerin.

Sie sagt, dass sie zurückkommt, aber ich … Ich weiß nicht mehr, was ich noch glauben soll.«

Elektra erzählte ihr nun noch, dass Bella schon beinahe zwei Wochen weg war. »Und erst in zwei Wochen wird sie wieder bei mir sein. Das ist entsetzlich. Ich bin so … so unsagbar hilflos. Und ich habe Angst. Vielleicht kommt sie ja nie zurück.

Verstehst du mich jetzt?«

Silvana nickte wieder nur.

Und kaum hörbar, wobei sie verstohlen auf ihren Teller blickte, sagte Elektra: »Ich weiß nicht warum, aber ich musste dir das alles erzählen. Obwohl … Noch nie hab ich so mit einem Menschen gesprochen. Über mich. Über meine tiefsten Ängste. Auch kann ich mir nicht vorstellen, je mit einem anderen Menschen all das …« Sie hob den Kopf und sah Silvana nun flehend an: »Und bitte, lach nicht. Ich weiß, das, was ich dir jetzt noch sagen möchte, klingt vielleicht entsetzlich eigenartig, aber das ist es nicht … zumindest nicht für mich.

Du, und nur du, bist mir, meiner Seele unsagbar nah.« Sie zuckte unsicher und verschämt die Achseln. »Das klingt doch wirklich verrückt, oder?

Ich liebe Bella. Nur sie. Und du … du bist mir dennoch bald näher, als ich es mir selbst bin. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken sollte. Verrückt, oder?«

Noch einmal stockte sie, doch ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort: »Und jetzt sag, bitte, und ehrlich, wie ist das gerade für dich? Wie … wie fühlst du dich? Vielleicht … benutzt?«

Benutzt? Um Gottes willen. »Nein, bestimmt nicht. Auch möchte ich, dass du weißt: Nie werde ich mit irgendjemandem über all das hier sprechen. Nie!«

Ihr würde sowieso kein Mensch glauben. Eine solche Seelenbeichte – diese offenen Worte kamen wohl einer solchen Beichte sehr nahe –, wie sie sie eben erlebt und gehört hatte, war selbst zwischen sehr vertrauten Menschen kaum möglich. Selbst mit Mel hatte sie nie so offen gesprochen, zumindest konnte sie sich spontan nicht daran erinnern. Und Mel war ihre beste Freundin gewesen.

Doch wie kam es hier dazu? Lag es an ihr? Gab es etwas an ihr, in ihr, das diese Offenheit anderer Menschen heraufbeschwor?

All die Menschen auf dem Gutshof, die sie Heiligsprechen lassen wollten, würden Ja sagen. Und merkwürdig war, dass Silvana heute selbst nicht mehr bereit war, grundsätzlich Nein dazu zu sagen. Warum und was es aber genau war, das sie an sich hatte, das wusste sie leider noch immer nicht. Doch war das wohl jetzt auch nicht wichtig.

»Ich danke dir, Silvana«, unterbrach Elektra Silvanas Gedanken. Voller Angst hielt sie ihren Blick auf Silvana gerichtet. »Und … was sagst du?«

Was ich sage? Diese Frage traf Silvana ziemlich unvermittelt. Ich weiß nicht! Was soll ich sagen? Was will sie hören?

Einen langen Moment überlegte Silvana, trank einen Schluck Pinot Grigio und spürte, dass Elektra wohl auf mehr als nur ein paar tröstende Worte von ihr wartete. Es fühlte sich beinahe so an, als würde sie auf einen Ratschlag, mehr noch, auf ein »Lebensrezept« warten. Sie hatte gebeichtet und nun sollte der »Sündenerlass« erfolgen. Durch sie, durch Silvana.

Aber stand ihr ein solcher »Sündenerlass« überhaupt zu? Waren sie in diesen letzten zwei, drei Stunden tatsächlich zu zwei Menschen geworden, die einander so sehr vertrauten, dass sogar ein »Sündenerlass« möglich sein könnte? Wäre das nicht eher anmaßend?

Für sie, für Silvana, war seit ein paar Monaten vieles möglich, das für normale Menschen unmöglich erschien.

Aber galt das hier auch?

»Warum fliegst du nicht zu ihr, zu deiner Bella?«, fragte Silvana schließlich sehr unverfänglich. Fraglos kein »Sündenerlass«, eher ein sinnfälliger Rat, auf den die Frau vor ihr sicher schon selbst gekommen war. Aber egal. Irgendwo musste Silvana einen Anfang setzen, auch um zu sehen, ob ein »Sündenerlass« tatsächlich gewünscht war.

Elektra atmete schwer. »Das geht nicht. Aber das jetzt zu erklären, wäre zu … Glaube mir, es geht einfach nicht. Ich darf nicht.«

Ich darf nicht? Wie merkwürdig. Ich darf nicht klang beinahe wie eine plumpe Ausrede, die irgendwie nicht zu den letzten Stunden und zu der Beichte dieser erwachsenen Frau passen wollte. Aber Silvana wollte nicht insistieren.

Doch plötzlich, wie aus dem Nichts, stieg ein entsetzlicher Argwohn in ihr auf. War Elektra etwa gekommen, um …? Wollte sie sich bei Raymond am Ende nicht nur entschuldigen? Ging es noch immer um das Kind? … für Bellas Seelenfrieden?

Nein, der Gedanke schien, nach allem, was in den letzten Stunden zwischen Elektra und ihr entstanden war, zu absurd. Dennoch … Die »gehässige Elektra« saß noch immer in Silvana.

Aber vielleicht, wenn sie vorsichtig …?

»Elektra, entschuldige bitte mein etwas merkwürdiges Ansinnen«, begann sie dann auch äußerst bedachtsam, zumindest glaubte sie, ihre Worte mit Bedacht gewählt zu haben, »das mir eben durch den Kopf geht, aber ich muss dich das jetzt fragen: Wenn all das Schreckliche, nicht das vor langer Zeit Erlebte, sondern das, was dich wohl gerade umtreibt, eigentlich nur mit Bella zu tun hat, warum bist du dann hier? In Konstanz? Wohnst du jetzt hier irgendwo in der Nähe? Oder willst du dich nur ablenken und dich bei der Gelegenheit bei Raymond entschuldigen?«

Ihre Worte waren dann wohl doch etwas zu hart gewählt, vielleicht auch zu unbeholfen, und sie waren damit auch gewiss von einem »Sündenerlass« weit entfernt.

Elektra hob den Blick und sah Silvana lange in die Augen, schließlich zuckte sie die Achseln, und sie sagte: »Ich weiß, das alles klingt sehr merkwürdig. Aber ja, ich wollte und will mich bei ihm nur entschuldigen. Ich möchte nach allem, was ich hier verursacht habe, nicht erneut einfach so verschwinden … nach Zürich. Dort lebe ich jetzt.

Ich möchte wiederkommen dürfen, ohne mich dann schämen zu müssen. Ich möchte auch keine mit Schuld bepackten Albträume bekommen, wie damals, die dann wieder nur zögerlich verschwinden. All das möchte ich nicht noch einmal erleben, schlimmer noch … nicht noch einmal durchleben.

Ich weiß, das klingt jetzt bestimmt wieder furchtbar theatralisch, aber so fühle ich mich.

Vielleicht wäre ein Gespräch mit Raymond vor Stunden noch anders verlaufen, nein, sicher wäre es das. Aber das ist vorbei.«

Ein kleinmütiges Lächeln huschte Elektra über das Gesicht, während sie erneut die Achseln zuckte.

»Und außerdem …«, fuhr sie fort, griff in ihre Handtasche und zog ein paar Papiere hervor.

Ein Klingelton, den Silvana bestimmt schon zwei-, drei- oder gar viermal vernommen hatte, lenkte sie kurz ab. Denn dieses Klingeln – es war der Klingelton eines Smartphones – kam aus Elektras Handtasche. Elektra, die es bestimmt auch hörte, schien es nicht zu stören.

»Hier«, sagte sie nur und schloss rasch ihre Tasche. »Das sind die Urkunden für die zwei Obstbaumwiesen. Die Wiesen gehören jetzt Raymond. Die Urkunden wollte ich ihm morgen geben. Oder irgendwann per Post schicken. Aber vielleicht, wenn du mir diesen Gefallen erweisen würdest …?

Ich bin mir ziemlich sicher, Raymond hat kein großes Interesse, mich noch einmal zu sehen. Ich könnte es ihm nicht einmal verübeln.

Doch er soll wissen, dass mir alles sehr, sehr leidtut. Wenn du ihm das ausrichten würdest. Und er möge mir all das, was ich hier und … egal … was ich verursacht habe, nicht mehr nachtragen. Würdest du das für mich tun?«

Ja, natürlich würde Silvana das. Keine Sekunde musste sie darüber nachdenken. Auch war sie sich ziemlich sicher, dass das wohl im Moment der richtige Weg sein würde.

Und das erste Mal konnte Silvana verstehen, dass Raymond dieser Frau einmal sehr nahegestanden hatte. Diese Seite an ihr, diese erschöpfende Empathie, die sie jetzt zeigte, war wahrlich liebenswert.

»Und noch etwas, wenn ich schon dabei bin. Ich möchte mich auch bei dir endlich in aller Form entschuldigen. Für alles. Für meine Frechheiten, für all die Beschimpfungen und besonders für das Chaos, das man vor Wochen in deiner Wohnung verursacht hat. Ich … All das tut mir heute schrecklich leid.«

Silvana nickte nur. Dieser merkwürdige Vorfall hatte sie damals schon nicht sonderlich in Panik versetzt, auch hatte sie jetzt nur noch das Entsetzen ihrer Mutter vor Augen, die damals ihren Trost nötiger als sie selbst gehabt hatte. Alles andere war längst vergessen.

Sie wollte kein Wort mehr darüber verlieren, etwas anderes war jetzt viel wichtiger: »Sag, was hast du nun vor, bis deine Bella zurück ist?« Vielleicht war ein Blick nach vorn der beste, der einzig wirkliche »Rat«, den Silvana Elektra jetzt geben konnte.

»Nichts!«, antwortete Elektra, ohne lange zu überlegen, zuckte dabei die Achseln und ließ ihren Blick stumm auf den Tisch fallen.

Nichts? Nur ein Wort! Silvana wollte es kaum glauben. Was für ein vernichtendes Urteil über sich selbst.

»Was hast du denn in den letzten Tagen gemacht, seit Bella weg ist?«

»Auch nichts. Gewartet.«

Silvana schüttelte innerlich den Kopf. Mit so viel … ja, was war es? Angst? Selbstmitleid? Selbstverachtung? Lebensverneinung? … hatte sie nicht gerechnet.

Vor ihr saß eine wunderschöne Frau, intelligent, eloquent, die die Blicke nur so auf sich zog, die zudem wohl auch noch unsagbar reich war, die aber dennoch scheinbar mit ihrem Leben nichts anfangen konnte? Sicherlich, sie hatte viel Entsetzliches erlebt, aber auch viel Schönes. Dennoch schien das Entsetzliche, das Albtraumhafte sie zu bestimmen.

Wie traurig, bedrückend und düster das doch war.

Und plötzlich kam Silvana ein anderer Gedanke: War sie, war Elektra am Ende einer dieser Schatten, der auf sie wartete?

Konnte das sein?

Einen kurzen Moment sah sie sie etwas genauer an. Nein, sie konnte keinen Schatten entdecken.

O mein Gott, wie töricht sie doch manchmal war, etwas sehen zu wollen, was sie längst schon wahrgenommen hätte.

Und sie lächelte abfällig. Über sich. Über ihre Naivität.

»Was ist? Was hast du?«, fragte Elektra unsicher, mit einem nach Hilfe suchenden Blick, der versuchte, dieses Lächeln zu verstehen.

»Nichts weiter«, sagte Silvana nur, denn etwas anderes ging ihr plötzlich durch den Kopf, etwas, das vielleicht tatsächlich eine Hilfe sein könnte, und sie fuhr fort: »Was würdest du tun, wenn deine Bella jetzt hier wäre?«

Sekundenschnell veränderte sich Elektras Miene. Sie strahlte plötzlich.

»Ich … Wir … wir würden unser Leben genießen. In unserem gemeinsamen Zuhause. Und wir würden umherfliegen. Mal hierhin, mal dorthin. Wir würden uns Städte ansehen. Immer für ein, zwei Tage. Und anfangen würden wir mit Istanbul. Dort soll es wunderschön sein, hat man mir erzählt. Istanbul, die Stadt am Bosporus, an der Trennlinie vom Orient zum Okzident«, sprudelte es aus ihr heraus. Und mit verklärtem Blick ergänzte sie: »Ja, das würde ich, das würden wir tun. Zusammen.«

Was für eine Antwort. Was für Träume, so einfach, so schnell erfüllbar, zumindest für die Frau hier vor ihr. Warum also … wartete sie nur?

»Und warum machst du das nicht dann schon einmal … allein?«

»Allein? Wozu?«

»Für dich.«

»Allein. Für mich? Das ist Unsinn. Nein, das wäre kein … kein Vergnügen. Das geht auch gar nicht. Auch würde mich zu viel an mein früheres ›Umherirren‹ erinnern.«

Ja, damit hatte sie wohl recht. »Dann mach es nicht allein. Gibt es denn sonst niemanden in deiner Umgebung, der dich …?«

»Nein. Doch. Natürlich …«

Silvana schrak zurück, vor ihrer Frage, die ihr plötzlich einen haarsträubenden Gedanken mitten in den Kopf setzte. Bitte, sag jetzt nicht, dass ich das bin.

»Da gibt es zwei Hausmädchen, meinen Fahrer und dann noch Maria, meine …« Elektra lächelte verschmitzt. »… meine mütterliche Privatsekretärin.

Wenn sie das jetzt gehört hätte, hätte sie sicherlich wieder schweigsam und verschämt den Blick fallen gelassen.

Sie liebt mich. Manchmal hab ich das Gefühl, ich bin die Tochter, die sie nie bekommen hat. Und hörst du …?« Wieder war dieses Klingeln aus ihrer Tasche vernehmbar. »Das ist sie. Wir sind … na ja, ich war nicht sehr freundlich zu ihr gewesen. Beleidigt hatte sie sich zurückgezogen. Ich bin dann augenblicklich verschwunden. Das war Donnerstag. Und jetzt macht sie sich Sorgen. Sie hat seitdem bestimmt schon mehr als zwanzigmal versucht, mich zu erreichen.«

Diese Worte machten Silvana traurig. Irgendwie wollten sie nicht mehr zu der Frau passen, die sie in den letzten Stunden kennengelernt hatte. Dennoch gab es sie, wird es sie wohl immer geben, diese andere Elektra – mit all der Unbeständigkeit ihrer Gefühle. Menschen sind so, hörte sie eine Stimme in sich. Ja, die Menschen waren so.

»Was hast du, Silvana?«

»Ach, nichts.«

»Doch bitte, sag es mir.«

»Na gut: Warum tust du das?«

»Was? Was tue ich?«

»Menschen, die dir wohlgesonnen sind, die dich vielleicht sogar aus tiefster Seele lieben, vor den Kopf stoßen?«

Elektra senkte den Blick. Und sie schluckte trocken. Silvanas Worte hatten sie offensichtlich tief im Herzen getroffen.

»Es tut mir leid.«

»Sag das nicht mir, sag es ihr, deiner Maria.« Noch vor Stunden hätte es diese Worte nicht gegeben.

Beinahe wie bestellt, klingelte es wieder in Elektras Tasche.

Elektra nickte Silvana zu – dann werde ich das jetzt machen, sollte das wohl heißen – und zog ihr Smartphone hervor. Und im Moment, als sie das Gespräch annehmen wollte, blickte sie noch einmal kurz auf das Display, und sie erschrak.

»Es ist nicht … Es ist Bella!«

Und sie sprang auf.

»Bella, schön dass du …« – »Zehnmal schon?« – »Nein, ich hab nichts gehört. Du weinst ja! Was ist passiert?«

Und dann hörte Elektra einen langen Moment nur zu. Der Mund, die Augen, alles eben noch angespannt, begann sich zu lösen.

Silvana begriff nun, wie sehr Elektra ihre Bella wohl liebte. Ja, es war Liebe.

Minuten später, kurz nachdem Elektra ein weiteres Telefonat geführt hatte, sich bei Maria tatsächlich entschuldigt und sie bei der Gelegenheit auch noch mit ein paar »Aufträgen« betraut hatte, verließen sie das Bistro.

Elektra schien zu schweben.

»Bella kommt zurück. Jetzt. Direkt aus New York. Maria kümmert sich gerade um alles.«

»Und was ist mit Miami?«

»Das hat sich zerschlagen«, sagte Elektra mit einem beiläufigen Lächeln in der Stimme.

Zerschlagen. Was für eine unscheinbare Bemerkung. Bellas Traum hatte sich für heute zerschlagen. Am Telefon hatte sie wohl darüber geweint. Und hier …? Hier sah Silvana ein Lächeln über dieses albtraumhafte Unglück, das es für die Frau in New York sicherlich gegeben hatte.

War das Liebe?

Silvana schwieg. Auch innerlich.

Zehn Minuten später waren sie wieder vor Elektras Hotel.

»Ich danke dir, Silvana. Ohne dich … Nein, Worte können kaum ausdrücken, was ich empfinde und was du für mich getan hast, zumindest keine Worte, die mir jetzt einfallen würden.

Ich bin dir von ganzem Herzen und aus tiefster Seele dankbar. Und hier«, sie reichte Silvana ein Kärtchen. »Dort findest du meine private Mobilnummer. Für den Fall, dass du einmal meine Hilfe brauchen solltest. Und nicht nur dafür. Ich würde mich freuen, wenn du dich bei mir melden würdest. Ich weiß noch so gar nichts von dir. Doch wüsste ich gern viel mehr, auch würde ich dich gern wahrhaftig kennenlernen. Aber vielleicht … Ja, ich denke, Raymond würde das vielleicht nicht gefallen.

O mein Gott, wie kompliziert das alles doch ist. Obwohl … Ganz unschuldig daran bin ich wohl leider nicht. Es tut mir schrecklich leid.« Traurig sah sie Silvana an, doch der Blick änderte sich sogleich, wurde leutselig und mit fester Stimme sagte sie: »Am besten gibst du die Nummer direkt bei dir ein und rufst mich eben an. Dann kann ich dich gleich richtig abspeichern.«

Silvana tat Elektra den Gefallen, wusste aber nicht … wobei Elektra ihr je behilflich sein könnte.

Aber augenblicklich sollte dieser kleine Anflug von Überheblichkeit eine niederdrückende Antwort bekommen.

»Wenn es mit Raymond wirklich ernst werden sollte, dann wirst du seine Familie auch kennenlernen. Ich meine richtig. Und glaube mir, sie werden dich … Du wirst mehr als einmal weinen. Ich weiß, wovon ich spreche.«

Erschrocken sah Silvana Elektra an. Sogar sie, die Gräfin, hatte Probleme gehabt?

Wie richtig war dann erst ihre Entscheidung gewesen. Und wie sehr musste Mel ihn wirklich … Und bei ihrem nächsten Gedanken, abstrus und hässlich, lief ihr sogleich ein entsetzlicher Schauer über den Rücken, und ihr wurde kalt, fürchterlich kalt, alles Leben verkroch sich einen Moment weit weg von ihr, irgendwo in einem leeren Nichts: War Mel, war ihre Mel am Ende sogar froh über ihr Schicksal gewesen? Hatte sie ihr diesen schrecklichen Traum von ihrem Ableben am Ende voll Freude, voll erlösender Freude geschickt?

Nein! Dieser Gedanke, diese Ahnung, es könnte sich tatsächlich so … nein, das durfte nicht sein.

Silvana schloss die Augen. Sie musste weg, nach Hause, diesen unheilvollen Gedanken hier in der Dunkelheit zurücklassen.

»Was ist mit dir, Silvana? Geht es dir nicht gut? Was hast du? Soll ich dich nach Hause bringen?«

»Nein, nein. Es ist nur …«

Elektra schien zu spüren, was in Silvana vor sich ging. Und sie trat den einen Schritt, der sie trennte, auf Silvana zu und nahm sie in den Arm.

»Wenn irgendetwas ist, meine Freundin«, sagte sie eindringlich und mit fester Stimme, die keinen Zweifel an ihren Worten zuließ, »egal was, dann zögere nicht. Glaube mir, und das sage ich nicht nur so, auch wenn es erneut schrecklich überhöht klingen mag, du bist mir eine Freundin geworden, die ich … die ich so noch nie hatte. Und die ich nie mehr verlieren möchte. Also … wenn es irgendetwas gibt, wobei ich dir helfen kann, dann zögere nicht«, wiederholte sie ihre Bereitschaft, Silvana eine Freundin sein zu wollen. »Auch wenn dein und mein Leben sehr unterschiedliche Wege beschreiten werden«, fuhr sie ruhig fort, wobei sie Silvana noch immer liebevoll im Arm hielt, »und wir vielleicht auch länger nichts voneinander hören, trotzdem … Ich bin dir für die letzten Stunden unsagbar dankbar. Und all das, was da eben passiert ist, ist für mich noch immer unfassbar und … auch schön. Und befreiend. Trotzdem wird es wohl noch eine lange Zeit brauchen, bis ich verstanden habe, was da alles wirklich passiert ist. Noch einmal danke ich dir, Silvana. Von ganzem Herzen. Du … du bist ein so wertvoller Mensch.

Und bitte … ich möchte es auch noch einmal deutlich betonen, und da wiederhole ich mich gern: Ich bin für dich da, Silvana. Immer. Egal wann, egal wo. Zögere nicht. Nie!

Versprich mir das. Alles andere würde mich traurig machen.«

Silvana verharrte einen Moment, schließlich nickte sie. Unmerklich. Sie hatte Tränen in den Augen.

Nie hätte sie geglaubt, sich in den Armen dieser Frau, dieser Freundin, einmal tatsächlich wohlfühlen zu können.

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230 стр.
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9783753189437
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