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STARGEFLÜSTER
KÜSSE AM FILMSET


AVA LENNART


Copyright © 2016 by

Zoch/Kapfhamer, Ava Lennart GbR

Liesl-Karlstadt-Str. 19

82152 Planegg

ava.lennart@gmail.com

www.avalennart.com

www.facebook.com/AvaLennart

Coverdesign: Marie-Katharina Wölk, Wolkenart

unter Verwendung einer Idee von Sylvia Togni, Agentsy, und eines Fotos von XiXinXing und Zigi bei Bigstockphoto.com

Lektorat/Korrektorat: K. Schwaben-Beicht, ABC-Lektorat

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Personen und Handlung sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Für beste Freundinnen

„Ein Star ist ein Mensch, von dem alle wissen, was er gerade tut, ausgenommen seine Frau und seine Kinder.“

ROCK HUDSON

DER ANRUF


Salomé de Bertrand löste nur unwillig ihren Blick von der Portfolioanalyse. Ihre Assistentin Keira stand in der Tür und zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Er hat gesagt, es sei privat und wichtig“, rechtfertigte sie die Störung. Salomé konnte sich gerade noch verkneifen, mit der Zunge zu schnalzen. Keira war die Tochter eines Ehepaares, das schon seit Jahren Hausmeisteraufgaben für die de Bertrands in einem der Wohnhäuser an der Park Avenue innehatte, und gab wirklich ihr Bestes, den Job als Salomés persönliche Assistentin zu erfüllen. Aber sie war einfach zu nett. Sie hatte Salomé schon mehrfach Anrufer durchgestellt, die von der guten Margret, ihrer vormaligen Assistentin, bereits nach Nennung ihres Namens abgewürgt worden wären. Nach einem kurzen Nicken zu Ted, von dem die Analyse stammte, verließ dieser diskret den Raum, und Salomé griff zum Hörer.

„Ja bitte?“ Zu ärgerlich, dass Keira vergessen hatte, ihr mitzuteilen, wer am anderen Ende der Leitung war.

„Salomé de Bertrand?“ Die samtene Stimme, und vor allem der charmante schottische Akzent, ließ die Erinnerung an die laue Sommernacht in Südfrankreich vor etwa einer Woche aufblitzen, in der sie heftig mit einem unglaublich attraktiven Kerl geflirtet hatte. Sollte er etwa …?

„Wer möchte das wissen?“ Salomé bemühte sich, ihre Stimme professionell klingen zu lassen. Ein leises Lachen ertönte in der Leitung, und ihr Herz erhöhte seine Schlagzahl.

„Wow. Das ist sehr sexy, wenn du die toughe Bankerin mimst, Zaza. Hier ist Nate Hamilton.“

Salomé räusperte sich. Er war es. Und er nannte sie bei ihrem Kosenamen Zaza, von dem nur ihre engsten Freunde und Familienangehörigen wussten. Und er. Unerklärlicherweise wurde sie noch aufgeregter. Mit zitternden Fingern strich sie sich durch ihr glattes schwarzes Haar und flüchtete sich in vermeintliche Coolness.

„Nate ... Hamilton? Hmm?“ Insgeheim freute sie sich diebisch, ihn zappeln zu lassen. „Ah, Nate! Ich erinnere mich. Du bist doch der Bruder von Colin. Du warst sein Begleiter bei der Geburtstagsfeier meines Vaters.“

Salomé vernahm ein leises Ächzen.

„Wenn du so willst. Der Bruder von Colin also.“

Salomé spielte ihr Spiel weiter und blieb still. Wieder hörte sie Nates leises Lachen, das ihre Knie weich werden ließ.

„Glaubst du, ich merke nicht, was du hier treibst, Zaza? – Ich bin für ein paar Tage in New York. Wir sind in Südfrankreich recht schroff von Colin“, er betonte den Namen seines Bruders bewusst, „unterbrochen worden. Ich ...“

Nate machte eine kurze Pause, und Salomé, immer noch zitternd vor Freude über seinen unerwarteten Anruf, wartete begierig auf seine nächsten Worte.

„… ich möchte dich gerne wiedersehen, Zaza.“

Obwohl sie damit gerechnet hatte, bewirkte Nates schlichter Satz, dass Salomés Herz wie ein Vogel in ihrer Brust flatterte. Bevor sie noch über eine Antwort nachdenken konnte, fuhr Nate bereits fort.

„Da gibt es ein kleines japanisches Restaurant in Chelsea, in das ich dich gerne entführen möchte. Wann und wo kann ich dich heute Abend abholen?“

Salomé fühlte sich ein wenig überrumpelt. Sie hatte eigentlich vorgehabt, den Abend in Ruhe in ihrem Apartment zu verbringen. Die Rückreise aus Südfrankreich, wo sie ihren Sommerurlaub mit ihren Eltern und ihrem Bruder Philippe auf dem familieneigenen Anwesen Mirabel verbracht hatte, und der enge Zeitplan der letzten Arbeitstage hatten sie ganz schön geschlaucht. Und morgen war in aller Herrgottsfrühe ein Frühstückstreffen mit Jonathan Hawk angesetzt, einem der aktuell begabtesten Fondsmanager.

„Heute Abend?“

„Ja, das ist etwas kurzfristig, ich weiß. Aber ich bin nur noch bis übermorgen in der Stadt, Zaza. Und morgen Abend habe ich eine berufliche Verpflichtung, die ich nicht absagen kann.“

Salomé sog die Luft ein. Sie war es als Geschäftsführerin einer Bank gewohnt, in geschäftlichen Angelegenheiten rasche Entscheidungen zu treffen und sich innerhalb von Sekunden für eine andere Strategie zu entscheiden. Weshalb also nicht heute Abend?

„Okay. Ich werde allerdings erst spät hier rauskommen. Vor neun geht es nicht.“ Sie nannte ihm die Adresse ihres Apartments.

„Gut, ich freue mich.“

Nates Offenheit verwirrte sie. Sollten Männer nicht subtiler flirten? Als sie aufgelegt hatte, bemerkte sie erst, wie ihre Hand zitterte. Was zum Teufel war los mit ihr?

Wenn sie ehrlich war, war sie Nate dankbar, dass er sie davor bewahrte, in der Stille ihres Apartments sich nach ihrer fernen Familie zu sehnen. Ganz besonders vermisste sie diesmal ihre neu gewonnene Freundin Julia. Diese hatte den Sommer über auf Mirabel mit Salomés Vaters zusammen seine Memoiren geschrieben. Dort hatte sie auch Salomés Halbbruder Mathieu kennen- und lieben gelernt. Und jetzt waren beide verlobt und erwarteten ein Kind.

Salomé checkte mit einem raschen Blick die Zeit in Europa und wählte Julias Nummer. Ted, der vermutlich noch vor der Tür wartete, würde ihr die paar zusätzlichen Minuten nachsehen. Wem, wenn nicht Julia, konnte sie von ihrem Date mit Nate erzählen? Lustig, wie sich das reimte.

„Zaza, bist du das?“, meldete sich Julia fröhlich. „Ich bin gerade draußen.“

Salomé schloss lächelnd die Augen. Sie konnte sich lebhaft vorstellen, wie ihre Freundin vor dem verwunschenen, pflanzenbewachsenen Haus ihres Halbbruders Mathieu stand.

„Julia, ich wollte nur sichergehen, dass mein Bruder Mathieu noch gut zu dir ist.“

Julia lachte freudig auf. „Du willst sicherlich nicht im Detail hören, wie gut er ist, oder?“

Salomé grinste. Sie vermisste das tägliche Herumalbern mit Julia. Salomé hatte sich selten so gut mit einer anderen Frau verstanden. Ihre langjährige Freundin und Mitbewohnerin in New York, Allegra, war in letzter Zeit viel zu wenig da, um zu quatschen. Sie war Ärztin bei „Ärzte ohne Grenzen“ und hielt sich die meiste Zeit in Krisenregionen auf.

Salomé freute sich, dass die Liebe zwischen Mathieu und Julia trotz anfänglicher herber Rückschläge endlich auf der richtigen Spur war. Wenn Liebe so war, wie diese beiden es lebten, konnte Salomé nur neidisch werden.

„Nein, lass mal lieber. Ist alles okay mit dem Baby?“ Julia war im ersten Trimester ihrer Schwangerschaft, und Salomé konnte es kaum erwarten, Tante zu werden.

„Ja, alles super. Mathieu behandelt mich leider wie ein rohes Ei. Das halte ich nicht mehr lange aus.“

Aus Julias frischem Tonfall schloss Salomé, dass ihre Freundin es alles andere als schlimm fand, von Mathieu auf Händen getragen zu werden. Salomé beschloss, ihr brennendes Anliegen loszuwerden.

„Julia, du wirst nicht glauben, wer sich gerade bei mir gemeldet hat!“

„Doch nicht etwa der sexy Schotte?“

Salomé war verwirrt, wie zielsicher Julia ins Schwarze getroffen hatte.

„Doch, genau der. Nate. Er ist in New York.“

„Wow. Der ist aber schnell. Das Fest ist doch gerade mal fünf Tage her. Ich habe dir doch gesagt, der verschwindet nicht so einfach aus deinem Leben. Er hatte ja auch keine Chance, so wie Inès seinen Bruder Colin unter ihre Fittiche genommen hat.“

Salomé lächelte. Ihre Mutter Inès hatte den schottischen Künstler Colin Hamilton bei einer Ausstellung in Südfrankreich entdeckt. Inès kehrte, begeistert von dessen ungewöhnlich ausdrucksstarken Bildern, in das Feriendomizil der Familie de Bertrand in Roquebrune zurück und erwarb sogleich eine Handvoll Porträts. Der gut aussehende Künstler hatte es Inès so angetan, dass sie ihn nebst Begleitung spontan zu der großen Geburtstagsfeier ihres Mannes Charles auf das Anwesen einlud.

Colin wählte als Begleitung für das Fest seinen Bruder Nate. Die beiden attraktiven Männer, die statt eines Smokings im schottischen Kilt aufschlugen, ließen die Herzen der weiblichen Gäste kollektiv höherschlagen. Salomé tanzte mit beiden, aber der hochgewachsene Nate umgarnte sie an diesem Abend mit seinem Old-School-Charme. Als es hinter den Kulissen turbulenter wurde – Philippe und ihr Halbbruder Mathieu hatten eine handgreifliche Auseinandersetzung, die fast in einem Unglücksfall endete –, beeindruckte Nate Salomé durch seine pragmatische Hilfe.

Als sie sich bei einem Tanz gerade näherkamen, tauchte Colin leider auf und zog Nate mit dem Hinweis auf die frühe Abreise am nächsten Morgen aus Salomés Armen von der Tanzfläche. Soweit Salomé ihrer champagnerumnebelten Erinnerung trauen konnte, hatte Nate sich mit einem bedauernden Blick von ihr verabschiedet. Er hauchte einen zarten Kuss auf ihre Wange und flüsterte dabei etwas Schottisches in ihr Ohr. Dessen Sinn hatte sich der überrumpelten Salomé erst später erschlossen, als ihr Gehirn die Worte zu einem halbwegs verständlichen Satz aneinanderreihte.

„See ye soon, ma Bonnie.“

„Auf bald, meine Schöne.“ Wie meinte er das?

Das aufregende Flirren, das diese Worte in Salomé auslösten, war am nächsten Morgen nur noch eine verschwommene Erinnerung. Dann hielten auch schon die letzten Tage der Sommersaison Salomé davon ab, weiter an Nate zu denken. Mathieu und Julia feierten ihre Verlobung. Ein Abschiedsessen jagte das nächste, und gleichzeitig strukturierte Salomé bereits die ersten Arbeitswochen in ihrem New Yorker Büro vor, die nach ihrer jeweils langen Sommerpause erfahrungsgemäß sehr hektisch würden.

Bei ihrer Abreise umarmte Julia Salomé fest. „Ich wünsche mir für dich, Zaza, dass du dein Glück auch bald findest“, hauchte sie ihr dabei ins Ohr.

Salomé seufzte leise.

„Ist denn da kein Mann in New York, der sich auf dich freut, Zaza?“

„Nein. Wie denn auch? In New York habe ich wegen meines Arbeitspensums keine Zeit für ein richtiges Privatleben.“

„Du und kein Privatleben? Das kann ich mir nicht vorstellen. Die lebensfrohe Zaza, die ich hier in Südfrankreich kennengelernt habe, nimmt jede Möglichkeit mit, sich zu amüsieren.“

„Glaube mir, du würdest die New-York-Zaza nicht wiedererkennen. Vom Leben in New York bekomme ich nur die unzähligen offiziellen Veranstaltungen mit. Aber das gehört eben zum Job. Und die Menschen, die ich auf Galas und Ausstellungseröffnungen kennenlerne, sehe ich meistens nur dort und nie privat. Es ergibt sich einfach nicht, weil alle zeitlich so eingebunden sind. So geht es mir ja selbst auch. Die Leute, mit denen ich privat in New York Kontakt hatte, lassen sich an einer Hand abzählen.“

Julia schüttelte ungläubig den Kopf. „Wie hältst du das aus? Das ist ja wie bei Doktor Jekyll und Mister Hyde. Die zwei Leben der Zaza.“

Zaza lachte laut über Julias Vergleich. Dann zuckte sie nur die Achseln.

„Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Wenn die langen Sommer in Frankreich mit dem de Bertrand-Clan nicht wären, in denen ich sein kann, wie ich wirklich bin, wäre ich schon durchgedreht.“ Ihr Mund verhärtete sich kurz, dann winkte sie ab. „Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Schließlich habe ich die Ehre, die Dependance unserer Bank in New York zu leiten und den nordamerikanischen Markt abzudecken. Da muss man privat Abstriche machen.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Philippe so viele Abstriche macht wie du.“

Salomé verdrehte die Augen beim Gedanken an ihren Bruder.

„Philippe ist ja auch ganz anders als ich. Deshalb darf der ja auch nur den asiatischen Markt machen.“ Sie kicherte, denn Julia wusste, wie gerne Salomé ihren Bruder aufzog und sich nicht verkneifen konnte, ihm unerwünschte Tipps für die Bankgeschäfte in seinem Bereich zu geben.

„Warum nur habe ich das Gefühl, du lenkst vom Thema ab? Sprachen wir nicht über Männer?“

Salomé grinste schief. „Die guten Männer, denen ich mein wahres, wildes Ich offenbaren möchte, sind anscheinend nicht in New York.“

Julia blickte sie fragend an. „Ach – und wo sollen die sein?“

„Och … Vielleicht auf Partys in Südfrankreich?“

Es dauerte nach dieser Bemerkung etwa eine Zehntelsekunde lang, bis Julia begriff, dass Zaza von dem blauäugigen Schotten Nate mehr als angetan war.

„Wart’s nur ab, Zaza. Ich hab da so ein Gefühl, als würdest du den bald wiedersehen.“

Zaza hatte die Achseln gezuckt. „Schön wär’s.“

Und jetzt hatte er sich gemeldet.

„Und, trefft ihr euch?“, fragte Julia in ihrer direkten Art.

„Ja, heute Abend. Er ist nur noch zwei Tage da, und morgen haben wir beide keine Zeit. Wir gehen japanisch essen.“ Salomé versuchte vergeblich, ihre Aufregung vor Julia zu verbergen.

Julia lachte. „Zaza hat ein Date mit Nate! Zaza hat ein Date mit Nate! “, summte sie ausgelassen vor sich hin.

Salomé verdrehte die Augen. Dann hörte sie, wie Julia leise mit jemandem sprach. Das konnte nur ihr Halbbruder Mathieu sein.

„Hallo, Schwesterchen. Was höre ich, du hast also ein Date mit Sexy-Nate?“

Salomé konnte sich leider nicht über die ungewohnt vertrauliche Anrede ihres neuen Halbbruders freuen. Jetzt reichte es! So dämlich, wie dieser Satz klang, würde das Rendezvous mit Nate hoffentlich nicht werden.

„Ich muss dann mal wieder mit meinem Portfoliomanager ins Meeting“, unterbrach sie Mathieus Necken. Sein tiefes Lachen schallte aus dem Hörer, bevor Salomé auflegte.

Salomé konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ein aufgeregtes Ziehen machte sich in ihrer Brust breit. Ob Nate noch so beeindruckend sein würde, wie sie ihn an diesem lauschigen Abend auf Mirabel empfunden hatte? Würde sie es für ihn sein?

Sie wagte sich gar nicht vorzustellen, wie der heutige Abend verlaufen würde. Seit Jahren war sie nicht mehr so aufgeregt vor einer Verabredung gewesen. Sie hatte ja auch schon eine Weile kein richtiges Date gehabt. Warum bloß war sie so nervös?

Bevor sie der Frage weiter nachgehen konnte, riss Keira sie aus ihren Träumereien. „Salomé. Ted muss gleich zu einem Meeting. Haben Sie noch kurz Zeit für ihn?“

„Klar. Schicken Sie ihn rein, Keira.“

Den weiteren Nachmittag kam Salomé nicht mehr dazu, über ihr Date mit Nate nachzudenken. Das undefinierbare Gefühl, dass etwas Großes bevorstand, hielt allerdings an.

DATE MIT NATE


Die Türen des Hotelaufzugs glitten lautlos auf. Nate rückte nervös sein Basecap tiefer in die Stirn und schlug den Kragen seiner Jacke hoch. Er betrat die Lobby des modernen Hotels, in der nicht das kleinste Detail der Innenarchitektur dem Zufall überlassen worden war. Mit einem raschen Blick vergewisserte er sich, dass der Weg zum polierten, von futuristischen Lampen eines dänischen Designers angestrahlten Rezeptionsdesk, das den Aufzügen gegenüber lag, frei war.

Der Concierge, George, wie Nate anhand des Schildes auf seiner Uniform erkennen konnte, hob den Blick und lächelte ihn erwartungsvoll an.

„Mister Hamilton, was kann ich für Sie tun?“

Nate legte den Zettel mit der Adresse von Salomés Apartment auf den Tresen.

„Können Sie mir bitte ein Taxi rufen, George, das mich zu dieser Adresse bringt?“

„Selbstverständlich. Ihre Agentin, Miss Cary, hat bereits einen Fahrer für Sie ausgesucht. Ich gebe ihm sofort Bescheid.“

Ein älteres Paar betrat das Hotel, und durch die sich langsam schließende Tür war das Rufen einer dicht gedrängten Menschenmenge, die den Eingang hinter einer Absperrung belagerte, zu vernehmen. Nate blickte hoch und schüttelte ungläubig den Kopf. Er kramte auch noch die Sonnenbrille aus seiner Jacke, obwohl er gehofft hatte, das würde nicht nötig sein.

„Kann ich Ihnen sonst noch behilflich sein, Mister Hamilton?“, fragte George aufmerksam und blickte ebenfalls Richtung Eingangstür.

Nate räusperte sich. Er war diesen Trubel um seine Person nicht gewöhnt. Seit der Premiere von Highlander-Resurrection war die Hölle los. Er hoffte, das würde sich mit der Zeit wieder beruhigen. Nate verzog sein Gesicht, als er daran dachte, sich der Meute zu stellen. Dabei wollte er viel lieber in Ruhe der angenehmen Aufregung in seinem Bauch nachspüren, die das bevorstehende Date mit Salomé bei ihm auslöste.

„Gibt es im Hotel einen Blumenladen?“

„Der Fahrer kann Sie an einem vorbeibringen. Ich schlage vor, Sie verlassen das Hotel durch die Tiefgarage, Mister Hamilton. Ihr Fahrer erwartet Sie dort.“

Dankbar hellten sich Nates Gesichtszüge auf. „Besten Dank, George.“

George nickte wieder freundlich, seine Miene blieb ansonsten professionell zurückhaltend. Nate notierte sich innerlich diesen Gesichtsausdruck, falls er jemals die Rolle eines Concierge spielen sollte. Als er sich auf dem Weg in die Garage befand, klingelte sein Smartphone. Im Display war der Name seiner Agentin Cary eingeblendet. Was wollte die jetzt schon wieder? Seufzend nahm Nate ab.

„Hi, Nate. Wie ist die Anprobe gelaufen?“

„Alles okay. Was gibt es?“

„Ich wollte dich nur an die Pressekonferenz morgen früh um neun erinnern. Gegen zwölf mittags gibt es ein Meet & Greet in deinem Hotel mit anschließendem Interview durch einen Reporter der Village Voice, das spätestens um drei Uhr beendet sein dürfte. Deinen Auftritt auf der Charitygala konnte ich, wie gesagt, nicht absagen. Das heißt, der Fahrer holt dich um sieben Uhr im Hotel ab. Auf dem Weg zur Veranstaltung nehmt ihr dann deine Begleiterin für den Abend mit. Wir konnten das neue Amandas Secrets-Model Ivana dafür buchen.“

Nate konnte sich vage an das Gesicht des Models erinnern. „Ivana also. Hmm.“

„Du bist der Stargast des Abends und wirst direkt nach der Begrüßungsrede des Veranstalters auf die Bühne gerufen werden. Es werden ein paar Worte von dir erwartet. Ich habe ein Dossier mit Informationen zusammengestellt und dir gerade gemailt. Mach was draus. Und vergiss nicht: immer schön lächeln und mit allen einflussreichen Damen tanzen.“

Nate verzog genervt sein Gesicht. „Das hatten wir doch bereits besprochen, Cary. Danke trotzdem.“

„Ich dachte nur, eine kleine Erinnerung könnte nicht schaden. Und vergiss bitte bei der Pressekonferenz morgen nicht, was wir abgemacht haben. Weiterhin kein Wort über Liz.“ Carys Mahnung klang spitz. „Außerdem möchte ich dich daran erinnern, dass wir kommende Woche nochmals kurz hier sind. Du hast das Fotoshooting mit der Dream-Man und eine Pressekonferenz zu Highlander-Resurrection 2, bevor du für die Drehvorbereitungen nach Schottland reist. Und denk daran: Seit vorgestern die Premiere von Highlander-Resurrection so ein riesiger Erfolg war, bist du in eine andere Liga aufgestiegen. Also verhalte dich auch danach.“

Nate seufzte. Sollte sein Leben fortan so weitergehen? Irgendwie hatte er sich das anders vorgestellt.

„Ja, Cary. Ist alles vermerkt. War’s das?“

Cary mit ihren feinen Antennen ließ sich nicht so leicht abschütteln. „Wo bist du, und was machst du heute Abend? Ich dachte, ich komme vorbei, und wir gehen die Drehbücher durch. Welche hast du schon gelesen?“

„Ich gehe aus, Cary. Privat.“ Nate wurde ungeduldig. Er war zwischenzeitlich in der Garage angelangt und nahm in dem wartenden Fahrzeug Platz. Der Fahrer kannte offenbar das Ziel, denn er fuhr ohne weitere Fragen los.

„Denk bitte daran, Nate, dass du morgen fit sein musst. Geh früh schlafen.“

Nate schnaubte. Das wurde ja immer grässlicher. Da hätte er ja gleich bei seiner Mama wohnen bleiben können. Um Cary zu ärgern, verfiel er denn auch in denselben gelangweilten Tonfall, mit dem er seiner nervenden Mutter zu Teeniezeiten begegnet war: „Mach ich, Cary. Gute Nacht.“ Bevor Cary noch etwas einfiel, beendete Nate rasch das Gespräch. Er wandte sich an den Fahrer. „Haben Sie eine Idee, wo ich noch eine rote Rose kaufen kann?“


Kurz vor neun meldete der Portier Salomé telefonisch den Besucher.

„Sagen Sie ihm bitte, ich bin gleich unten, Conrad.“

Salomé holte tief Luft, um sich zu beruhigen, und steckte ihre Ohrringe an.

Sie war später als gedacht aus dem Büro weggekommen und hatte nach einer schnellen Dusche ein Turbostyling hingelegt. Ihr fast schwarzes Haar war noch nicht ganz getrocknet. Sie blies ungeduldig ihren gestuften Pony aus ihrer Stirn. Ihre auffallend hellblauen Augen hatte sie mit sanften braunen Akzenten betont und sich für einen dezenten Lippenstift im Nudeton entschieden.

Ratlos hatte sie vor ihrer Kleidervielfalt gestanden. Was sollte sie tragen? Was war angemessen?

Sie wusste so gar nicht, welcher Typ Nate war und in welche Art von Restaurant er sie heute führen würde. Sie hatte ihn bisher nur in schottischer Tracht gesehen. Der Gedanke an sein muskulöses Bein, das unter dem Kilt hervorgeblitzt hatte, ließ sie unruhig werden.

Salomé, die den ganzen Tag in Business-Klamotten verbringen musste, liebte in ihrer Freizeit einen unauffälligen, bequemen Look. Ihre Abendgarderobe für die amerikanischen Veranstaltungen war eher konservativ. Nur in Frankreich gönnte sie sich kleine Extravaganzen. Beim Fest ihres Vaters hatte Nate sie in einem rosafarbenen Hauch von Dior erlebt. Was sollte sie nur für das Date mit Nate anziehen?

Wieder hatte sie über den Reim schmunzelnd das Gesicht verzogen und sich kurzentschlossen entschieden.

Sie unterzog sich einem letzten prüfenden Blick im Spiegel. Der auffällige Gürtel, den sie zum kleinen Schwarzen gewählt hatte, peppte dessen dunklen Look auf. Salomé schlüpfte in schwarze Pumps und warf sich eine leichte Kaschmirstola über, bevor sie sich mit starkem Herzklopfen auf den Weg in die Lobby machte.

Conrad begrüßte sie mit einem strahlenden Lächeln. Er hatte einen Narren an ihr gefressen, insbesondere seit sie ihm jährlich aus ihrem Sommerurlaub in Frankreich einen Korb voll Delikatessen mitbrachte.

„Ah, Miss de Bertrand ...“

Salomé liebte es, wie amerikanisch er ihren französischen Nachnamen aussprach.

„… ich habe heute die Zitronencreme probiert. Einfach köstlich.“

Salomé lachte ihn an und sah sich dann aufgeregt um. Sie runzelte verwirrt die Stirn. Von der Sitzgruppe im Empfangsbereich erhob sich ein Mann in Jeans und Lederjacke, dessen Gesicht unter dem tief ins Gesicht gezogenen Basecap und der Sonnenbrille kaum zu erkennen war. War das etwa Nate?

Während er auf sie zukam, nahm er Brille und Kappe ab, und Salomé blickte in strahlende Augen über dem breit grinsenden Mund.

Das war unverkennbar der Nate, mit dem sie in Südfrankreich den Abend über geflirtet hatte. Er war noch attraktiver, als sie ihn in Erinnerung hatte. Dunkelblonde Locken fielen in seine Stirn. Eine Strähne reichte bis an die hohen Wangenknochen. Ein charmantes Grübchen am Kinn lenkte von der ein wenig zu großen Nase ab. Am meisten fesselte Salomé sein ausgeprägter Mund, bei dem feine Linien darauf schließen ließen, wie gerne dieser Mann lachte.

Er trat dicht vor sie und strahlte eine unglaublich männliche Präsenz aus. Salomé spürte Verlangen in sich aufsteigen. Sie erkannte sich kaum wieder. Es war erstaunlich, welche tief in ihr verborgen geglaubten Seiten dieser Mann zum Leben erweckte. Allein seine Nähe ließ ihre Gedanken in ihr Schlafzimmer wandern. Wie konnte das sein? Sie hatte ihn erst ein einziges Mal gesehen, und doch reagierte ihr Körper mit einer Intensität auf seine Männlichkeit, dass sie nervös wurde. Sie musste sich zusammenreißen, äußerlich gelassen zu bleiben.

„Hi“, krächzte sie und räusperte sich sogleich, um ihre Stimme zu klären.

„Hallo, Schönheit.“ Er neigte sich vor und küsste sie auf französische Art auf beide Wangen.

Salomé wallte ein Hauch seines herben Rasierwassers in die Nase. Er überreichte ihr eine rote Rose. Sie grinste gerührt. Wie schön altmodisch er war. „Ich habe dich kaum erkannt, so ohne Kilt.“

Nates Lächeln vertiefte sich. „Aye, Tracht erschien mir dann doch übertrieben für ein japanisches Restaurant.“ Mit einem Blick auf den neugierig zu ihnen hin schielenden Conrad fügte er hinzu: „Lass uns los. Unser Wagen wartet draußen.“

Er hielt ihr seine Hand hin, die sie wie selbstverständlich ergriff. Seine Finger waren warm und seltsam vertraut. Salomé bat Conrad, die Rose zu versorgen und folgte ihm.

Bevor sie das Haus verließen, setzte er sich zu Salomés Erstaunen wieder die Brille und die Kappe auf und schlug seinen Kragen hoch. Während er vorsichtig nach links und rechts spähte, zog er Salomé eilig zu dem wartenden Fahrzeug. Als sie auf der Rückbank saßen, stieß Nate erleichtert seinen Atem aus. Salomé schmunzelte. Er bemerkte ihre Reaktion.

„Glaub mir, es ist nicht einfach, berühmt zu sein.“

Salomé entfuhr ein Kichern. Sie hatte bereits auf dem Fest seinen Humor bemerkt. „Oh, ja! Als Bruder von Colin Hamilton hat man sicher einige Spießrutenläufe zwischen Paparazzi zu bewältigen.“

Er starrte sie mit offenem Mund an und fuhr sich dann seufzend über sein Kinn. Dabei brummte er irgendetwas Schottisches vor sich hin.

„Mal im Ernst, was soll die Maskerade? Wirst du verfolgt?“

„So kann man es nennen, ja.“

Als er keine weiteren Erklärungen abgab, ließ Salomé das Thema fallen. Sie genoss es, mit ihm durch das nächtliche New York zu fahren, entlang der gigantischen Wolkenkratzer, von denen hier unten nur die imposanten Eingänge in Chrom und Stahl zu sehen waren. Der unablässige Strom von Menschen, die an den Fußgängerampeln zu einem ungeduldigen Halt gezwungen waren, der krasse Gegensatz von extrovertierten Nachtvögeln und armen Schluckern – das alles rauschte an ihnen vorbei, während er immer noch ihre Hand hielt und offenkundig auch nicht vorhatte, diese loszulassen.

Erstaunlicherweise fühlte sich die Berührung vertraut an. Sein Daumen strich sanft über ihren Handrücken und sandte von dort flirrende Signale ihren Arm hoch. Sie sprachen nicht, doch es war ein angenehmes Schweigen. Seine ungewohnte Nähe überschwemmte Salomés Sinne mit Eindrücken: sein würziger Geruch nach einem herben Rasierwasser und seiner Lederjacke. Wie konnte es sein, dass die Wärme, die seine bloße Präsenz ausstrahlte, die Härchen an ihrem Unterarm zu einer Gänsehaut aufstellte?

Salomé nahm jedes Detail glasklar wahr. Die vorbeiziehenden Straßenszenen, der kurz rasierte Nacken des Chauffeurs, eine Fluse auf der Kopfstütze vor ihr. Schon wieder war sie verwirrt darüber, was nur mit ihr los war. Das war ein Date und nichts weiter. Sie war kein Backfisch und auch keine Jungfrau mehr. Bleib cool, Zaza, ermahnte sie sich selbst.

Allzu bald stoppte der Wagen, und wenig später folgte Salomé Nate in ein unscheinbares Lokal, das auf den ersten Blick einen geschlossenen Eindruck machte. Sie schienen die einzigen Gäste zu sein. Nachdenklich blickte sie sich in dem leeren Raum um.

„Bist du sicher, dass die geöffnet haben?“

„Aber ja doch.“

Im selben Moment näherte sich ihnen ein freundlicher junger Mann japanischer Herkunft. „Guten Abend, Mister Hamilton. Es ist mir eine Ehre.“ Neugierig betrachtete er Salomé und begrüßte auch sie freundlich. „Folgen Sie mir, bitte.“

Er führte sie an einen gedeckten Tisch im hinteren Teil des Lokals und rückte Salomés Stuhl zurecht. Als er gegangen war, um die Getränke zu holen, neigte Salomé sich vor.

„Nate, kennst du den Laden hier? Ich meine ja nur, das ist in New York kein gutes Zeichen, wenn wir die einzigen Gäste sind“, flüsterte sie ihm zu.

Nate grinste. „Keine Sorge, Zaza, ich habe alles unter Kontrolle.“

Bei seinen Worten zog Salomé die Brauen hoch. Da er sie weiterhin mit unerschütterlichem Selbstvertrauen anblickte, verbiss sie sich jeden weiteren Kommentar und legte die Serviette auf ihren Schoß.

„Ich hoffe, du nimmst mir nicht übel, dass ich bereits bestellt habe. Es gibt ein hervorragendes Kyoto-Menü.“

Salomé nickte zustimmend. Zu ihrem Erstaunen war der erste Gang köstlich. Sie konnte nun noch weniger verstehen, weshalb der Laden nicht vollgepackt mit Gästen war.

Nate hatte sie beobachtet und prostete ihr lächelnd zu. Das Funkeln in seinen Augen ließ sie einen kurzen Augenblick die Fassung verlieren. Sie spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen. Krampfhaft suchte sie nach einem Gesprächsthema, das sie von der Hitze ablenkte, die in ihre Wangen stieg. Nervös nippte sie an ihrem vorzüglichen Wein.

„Weshalb bist du in New York?“, begann Salomé das behutsame Ausfragen, das ihr hoffentlich mehr über diesen aufregenden Date-Nate offenbaren würde.

„Ich habe beruflich hier zu tun.“

Aha, eine kryptische Antwort. Anscheinend liefen die „beruflichen Unternehmungen“ nicht so erfolgreich, sonst würde er doch offener darüber berichten.

„Bist du auch Maler wie dein Bruder Colin?“

Nate wollte gerade die Stäbchen zum Mund führen und hielt inne. „Maler? Nein.“

„Es reicht ja auch, wenn einer in der Familie berühmt und erfolgreich ist“, stichelte Salomé.

Nates Augen weiteten sich. „Da hast du wohl recht, Zaza.“ Vergnügt tunkte er ein Sashimi in die hauseigene Sojasoße.

„Nate, ist dein Job so schlimm, dass du nicht darüber sprechen kannst? Was ist so schwierig daran, mir zu sagen, was du machst?“ Ungeduldig blickte Salomé ihn an.

„Nichts ist schlimm daran.“ Nate zuckte unschuldig die Schultern. „Ich bin Schauspieler.“

Salomé blickte ihn interessiert an. Schauspieler also. Das Aussehen dafür hatte er auf jeden Fall. Vielleicht trat er am Broadway auf? „Und an welchem Theater spielst du?“

Nate verschluckte sich an dem Schluck Sake, den er gerade aus einem der filigranen Schälchen schlürfte. „Meine Theaterzeit liegt schon einige Jahre zurück. Ich bin eher Filmschauspieler.“

Salomé war immer noch nicht zufrieden. „Und kenne ich einen Film, in dem du mitgespielt hast?“

Nate musterte sie und rieb sich sein Kinn. „Wie es scheint … nicht, Zaza.“


Nate blickte erstaunt in die erwartungsvollen hellblauen Augen Salomés. Er konnte es kaum glauben: Es schien, als würde sie ihn nicht kennen. Zunächst war er davon ausgegangen, das wäre für sie alles nur ein Spaß. Vor allem, weil sie immer wieder auf seinen bekannten Bruder Colin anspielte. Diese Fassade würde sich nicht so lange durchhalten lassen, wäre es nur ein Spiel. Davon war er zwischenzeitlich überzeugt.

Salomés Fragen waren ernsthaft interessiert, und sie schaute so unschuldig, dass es ihm in diesem Moment wie Schuppen von den Augen gefallen war: Sie hatte keinen Schimmer, wer vor ihr saß. Kurz überlegte er, ob sein Ego beleidigt sein sollte. Dann überkam Nate ein ungewohnt angenehmes Gefühl: Er hatte mit dieser zauberhaften Frau die einzigartige Chance, nur um seiner selbst willen gemocht zu werden. Mit einer solchen Möglichkeit hatte er, seit er im Fokus der Medien und seiner Fans stand, nicht mehr gerechnet.

Bevor er vor etwa drei Jahren ins Kinofach wechselte, trat er in der Rolle des umschwärmten Oberarztes Dr. Moss in der HBO-Krankenhausserie Medical Statement auf. Im Laufe dieser Zeit war er mehr und mehr ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit gerückt. Er erhielt Fanpost von zumeist weiblichen Fans aus aller Welt. Anfangs hatte er diese Aufmerksamkeit genossen und versucht, jeden einzelnen Fanbrief und jede Facebook-Anfrage persönlich zu beantworten. Als er vor etwa eineinhalb Jahren Opfer einer unglaublich penetranten Stalkerin geworden war, die eines Nachts nackt in seinem Schlafzimmer gestanden und hysterisch gekreischt hatte, sie wollte ein Kind von ihm, war sein Enthusiasmus für die Fans allerdings merklich abgeebbt. Mittlerweile twitterte eine Agentur für ihn.

Sein älterer Bruder Colin, der mit seiner „ernsthaften“ Kunst zu Ruhm gekommen war, hatte für Nates Fernsehbekanntheit nur ein amüsiertes Schnauben übrig.

Nate selbst hatte sich seine Schauspielkarriere auch ernsthafter vorgestellt. Immerhin besaß er ein Diplom der Royal Scottish Academy of Music and Drama, wo er in Glasgow seine Ausbildung gemacht hatte. Bei seinem Aussehen blieb es nicht aus, dass amerikanische Casting-Agenturen recht bald auf ihn aufmerksam geworden waren.

Schotten und auch Iren waren im amerikanischen Fernsehen anscheinend sehr begehrt. Vielleicht lag es auch daran, dass er zur Aufbesserung seiner Einkünfte neben seinem ersten Engagement an einer kleinen Bühne in Edinburgh als Unterwäschemodel seinen durchtrainierten Oberkörper vor der Kamera präsentiert hatte.

Bei seiner ersten Einladung nach L. A. hatte er verblüfft sein Sixpack im Megaformat auf den großen Werbetafeln, die die Straße vom Flughafen säumten, registriert. Ihm war bis dahin nicht bewusst gewesen, dass sein Konterfei und sein Oberkörper am anderen Ende der Welt bereits zu Ruhm gekommen waren. Die Freunde in Edinburgh wollten es dann auch erst glauben, als Nate ihnen ein Foto vom North Beverly Drive schickte, auf dem sein halbnackter Körper die gesamte Hauswand eines Kaufhauses einnahm.

Er hatte sich nicht verkneifen können, die Nachricht mit „Size does matter“, „Größe spielt eine Rolle“, zu betiteln. Sein guter Freund Stuart, ein begnadeter Webdesigner, hatte Nate das Foto damals postwendend verfremdet zurückgeschickt. Nate hatte fassungslos schmunzelnd auf die überdimensioniert aufgeblasenen Lippen gestarrt. Bei seiner schottischen Clique trug er fortan den Spitznamen „Bigmouth“, „Schwätzer“.

Seit seiner Ankunft in L. A. hatte seine Karriere so rasant an Fahrt aufgenommen, dass Nate manchmal nicht hinterherkam. Neben der Krankenhausserie spielte er in kleineren Nebenrollen mehrerer Kinofilme. Letzten Sommer hatte er dann die begehrte Hauptrolle in der Neuverfilmung des Achtzigerjahre-Filmhits Highlander ergattert. Highlander-Resurrection hatte vor zwei Tagen Weltpremiere in New York gefeiert, und seitdem stand Nates Leben kopf.

Er lächelte. Sollte er Salomé erzählen, dass er extra für diesen Abend das gesamte Lokal gebucht hatte?

Nate hätte es auch bevorzugt, im Stimmgemurmel anderer Gäste mit ihr zu speisen, als recht verlassen in dem kleinen Lokal. Solche Normalität war ihm leider nicht mehr vergönnt.

Es wunderte Nate, dass Zaza überhaupt nichts von dem Starrummel um ihn mitbekommen hatte. Seit Wochen waren die Zeitungen, Plakatwände und Busse voll von seinem Konterfei. Selbst auf dem Weg hierher waren sie an einigen Plakaten mit seinem Bild vorbeigefahren.

Zugegeben, er sah auf dem Filmplakat anders aus als in natura. Er war als archaischer Krieger mit piktischer Körperbemalung und zottigen, geflochtenen Haaren abgebildet, der vor seiner glänzenden nackten Brust eine Streitaxt und einen schottischen Dolch kreuzte. Wie konnte es sein, dass eine so intelligente Frau, die mit beiden Beinen fest im Leben stand und eine Position bekleidete, in der jeder Vorsprung an Information zählte, ihn nicht kannte? Was wohl passieren würde, wenn sie realisierte, dass er ein Kinostar war?

Nate wollte es zu gerne herausfinden.

Sie redeten über dies und das, und Nate genoss es, mit dieser schönen, klugen Frau zu reden. Sie schien über viele Themen fundiert informiert zu sein. Merkwürdig, dass Boulevardthemen davon gänzlich ausgeklammert waren.

„Liest du überhaupt keine Zeitung, Zaza?“

Salomé bedachte ihn mit einem spöttischen Blick.

„Selbstverständlich lese ich Zeitung, Nate. Weshalb fragst du? Ich verfolge online die großen Nachrichtenanbieter. Im Büro steht mir zudem täglich eine Auswahl an großen nationalen und internationalen Tageszeitungen zur Verfügung.“

Nate krauste die Nase.

„Und die liest du alle von vorne bis hinten durch?“

„Nein, natürlich nur die Teile, die mich interessieren und die für meinen Job wichtig sind. Hauptsächlich Finanzen und Weltpolitik.“

„Und den Kulturteil? Boulevard, Feuilleton?“

Salomé senkte verlegen den Blick.

„Ja, weißt du, ich habe bei meinem Zeitplan morgens genau zwanzig Minuten, um alle Meldungen des vergangenen Tages zu scannen. Dann beginnen die Meetings. Zu mehr ist keine Zeit. Es sei denn, ich muss abends zu einem kulturellen Event. Meine Assistentin Keira stellt mir morgens ein Portfolio an gezielten Informationen zusammen.“

„Gehst du nie ins Kino? Oder ins Theater?“

Salomé räusperte sich. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Ich habe dafür einfach keine Zeit“, flüsterte sie, während sie ihre Stoffserviette glatt strich.

Ihre Verlegenheit rührte eine Saite in seinem Inneren, und er hätte gerne in diesem Moment ihre Hände in seine genommen.

„Und wenn du an einem Kiosk Zeitschriften kaufst … da fallen dir doch sicherlich die Cover der Boulevardblätter auf?“

„Ich kaufe keine Zeitschriften an Kiosken, Nate. Das macht, wenn überhaupt, Keira. Außer in meinen Ferien in Frankreich ...“ Ihr Blick schweifte ab.

Zu gerne hätte Nate gewusst, was ihr gerade eingefallen war.

„Klatsch interessiert mich nicht besonders. Mein Bruder Philippe ist auch schon Opfer dieser Schmierfinke geworden … gerade noch in diesem Sommer.“ Sie verzog geringschätzig das Gesicht. „Das ist wirklich etwas, worauf ich verzichten kann.“

Das konnte Nate sehr gut verstehen.

„Fernsehen wirst du doch sicherlich ab und an?“

„Was soll eigentlich diese ganze Fragerei über meinen Medienkonsum? Arbeitest du nebenher noch für ein Marktforschungsinstitut? Vielleicht solltest du mehr Energie auf deine Schauspielkarriere verwenden.“

Sie zwinkerte ihm zu und gab ihm mit einem breiten Grinsen zu verstehen, dass sie ihn foppen wollte.

„Davon abgesehen: Ja, ich schaue fern, vor allem, wenn ich Sport treibe. In meinem Sportstudio bieten sie alle Nachrichtenkanäle an, wo ich regelmäßig Börseneinschätzungen und Marktentwicklungen verfolgen kann.“

Sie grinste schief. Ihr war bei dieser Aufzählung offenbar selbst bewusst geworden, wie sehr sie sich auf nur ein Thema, nämlich Wirtschaft, konzentrierte. Wie, um sich zu rechtfertigen, deutete sie mit ihren Essstäbchen auf ihn.

„Und wie sieht denn dein Wissen bezüglich Börsenbewegungen und Banken aus?“

Nate konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.

„Aye, du hast recht. Wir sind ganz schön verschieden, was das angeht. Ich lese eher den Gesellschaftsteil der Zeitung, und meine Agentin schickt mir tonnenweise Zeitschriften, die sich ausschließlich mit Klatsch und Tratsch beschäftigen.“

Konnte das sein? Bestand ihr ganzes Leben nur aus Banken, Marktanalysen und Finanzen? Was machte sie in ihrer Freizeit? So, wie es klang, hatte sie sowieso kaum Freizeit, wenn sie sich noch beim Sport mit Wirtschaftsthemen beschäftigte.

„Du bist ein seltenes Geschöpf, Zaza“, stellte Nate fest, gab endlich dem Drang nach und legte seine Hand auf ihre.

ABSERVIERT


Salomé durchzuckte es wie ein Blitz. Nates Hand wieder auf ihrer zu spüren, erfüllte sie in der intimen Atmosphäre des Restaurants mit einer Hitze, die sich von ihren Fingern über ihren Bauch bis in ihren Unterleib zog. Das Bild, das sich einem Außenstehenden – wenn es denn einen gegeben hätte – bieten musste, entsprach ihrer urtümlichsten Vorstellung eines romantischen Rendezvous. Erst die rote Rose und jetzt das. Fehlte nur noch der Stehgeiger. Das kitschbedürftige Mädchen in Salomé schmolz förmlich dahin. Gleichzeitig erschreckte sie das Gefühl, total die Kontrolle zu verlieren. Sie wollte diesen Mann.

Jetzt.

Für immer.

Geschockt über ihre Gedanken, entschied sie, diesem Gefühl auf gar keinen Fall nachzugeben. Das letzte – das einzige – Mal, als sie so intensive Gefühle gehabt hatte, war sie fürchterlich verletzt worden, und das saß immer noch tief.

Salomé fühlte Nates Hand weiterhin auf ihrer. Sein Daumen streichelte jetzt zart ihren Handrücken, und sie spürte noch etwas anderes als die Hitze des ersten Moments: Das Gefühl von Geborgenheit, das diese Berührung in ihr auslöste, verwirrte sie aufs Neue. Wieder war seine Berührung ganz selbstverständlich. Er ließ ihr überhaupt keine Chance, sich unwohl zu fühlen. Sollte sie sich denn unwohl fühlen?

Salomé war verwirrt. Eigentlich war sie mit sich sehr zufrieden, stolz auf das, was sie aus eigenem Antrieb erreicht hatte. Aber wenn jemand wie Nate heute Abend bohrte und nach ihrem Privatleben fragte, verunsicherte sie das. Es wirkte in ihren eigenen Ohren furchtbar fad, wie wenig sie am Leben teilnahm oder Dinge tat, die für andere ganz selbstverständlich waren. Lediglich die Aufenthalte in Frankreich, in denen sie ihr lebensfrohes Wesen zeigen konnte, hielten Salomé davon ab, sich selbst für eindimensional und uninteressant zu halten.

In New York war sie auch eher Salomé als Zaza. Allein, dass Nate sie mit ihrem Spitznamen, den ihr Philippe als Kind verpasst hatte, ansprach, verwischte die scharfen Grenzen zwischen ihren beiden Welten. Wie lange würde sie diesen Wechsel ihrer Persönlichkeiten, diese – Wie hatte es Julia genannt? – Dr. Jekyll-und- Mister-Hyde-Nummer in ihrem Leben noch durchziehen? Vielleicht war heute Abend die Gelegenheit, gar nicht erst wieder in ihren besessenen New-York-Trott zu verfallen? Die schönen Seiten des Lebens auch hier in dieser großartigen Stadt öfter zu genießen. Ihr kam eine Idee.

„Hast du Lust, im Anschluss in den Central Park zu gehen? Meine Assistentin Keira hat mir erzählt, dort findet heute Abend ein Open-Air-Konzert der Metropolitan Opera statt. Die New Yorker picknicken auf der großen Wiese zu den Opernarien. Die Atmosphäre soll ganz toll sein ...“ Sie stockte, als sie Nates panisches Gesicht sah. Opern waren anscheinend nicht sein Ding.

„Zaza, das hört sich toll an. Aber wenn es dir recht ist, würde ich Menschenaufläufe gerne vermeiden.“ Nate schaute auf seine Armbanduhr.

Salomé runzelte enttäuscht die Stirn und überlegte, ob er sie langweilig fand. Wahrscheinlich wollte er den Abend rasch beenden, und sie hatte ihn mit ihrem Vorschlag in die Ecke gedrängt. Oh Gott, wie peinlich! Aber warum hielt er dann immer noch ihre Hand?

„Zaza, leider muss unser Abend zu zweit gleich enden.“

Salomés Kehle wurde enger, und sie setzte sich gerader hin. „Wie bitte?“

Nate musterte irritiert ihr sicher verwirrt aussehendes Gesicht.

„Oh nein. So war das nicht gemeint. Es war nicht geplant, aber mein Bruder weiß, dass ich in der Stadt bin. Er hat heute Abend eine Vernissage und war schon zu Tode beleidigt, weil ich nicht kommen konnte. Ich musste ihm hoch und heilig versprechen, später noch vorbeizuschauen. Wäre das okay für dich, mit mir dorthin zu gehen?“

Erleichterung durchflutete Salomé, und sie stieß die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatte. Ihr Herzschlag beruhigte sich. Sie war noch nicht so weit, sich von ihm zu trennen. Obwohl sie ihn erst zum zweiten Mal gesehen hatte, empfand sie eine unglaubliche Nähe zu ihm. Diese starke Anziehung verwirrte sie, war aber gleichzeitig zu aufregend. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, jetzt alleine in ihr leeres Apartment zurückzukehren.

„Colin ist auch in New York? Ich würde mich freuen, ihn wiederzutreffen, und seine Bilder gefallen mir. Wo stellt er aus?“

Nate strahlte sie an und verstärkte den Druck seiner Hand.

„Nicht weit entfernt. Eine angesagte Galerie in der Spring Street.“ Er erhob sich und zog sie aus dem Lokal, während er dem freundlichen Kellner zum Abschied zunickte.

„Müssen wir nicht erst zahlen?“, flüsterte Salomé.

Nate schaute sie mit diesem wissenden Schmunzeln an und schüttelte den Kopf. „Habe ich bereits.“ Er setzte sich das Basecap wieder auf.

„Ich muss dieses Lokal unbedingt weiterempfehlen. Das Essen war so exzellent. Die haben es nicht verdient, keine Kundschaft zu haben.“

Nates Grinsen verstärkte sich, während er ihr die Tür aufhielt. Der Wagen, mit dem sie gekommen waren, wartete vor dem Lokal. Sie stiegen ein, und Nate ergriff wie selbstverständlich wieder Salomés Hand.

Während der Fahrt plauderten sie entspannt über Colins Bilder. Seine Kunst war auf Porträts konzentriert, die so fein gezeichnet waren, dass sie wie fotografiert wirkten. Durch die Verwendung von ungewöhnlichen Farbkombinationen entstand ein subtiler Effekt, der den Betrachter anrührte.

Nate berichtete, wie lange Colin als erfolgloser Künstler in Paris in einer Kommune gewesen wäre, bevor er diesen einzigartigen Stil gefunden hätte, und beide lachten herzlich über das Klischee des armen Malers. Mit Leidenschaft erzählte Nate von seinen Besuchen in Paris und bei der verrückten Künstlerclique. Er hatte eine fesselnde Art, wenn er sprach.

Salomé wäre spätestens jetzt darauf gekommen, dass er Schauspieler sein musste. Seine tiefe Stimme und die deutliche Artikulation, die die verschiedenen Stimmen und Stimmungen perfekt modulierte, faszinierten sie. Sie hing an seinen Lippen und war sich ihres nackten Oberarms, der jedes Mal, wenn sich Nate zu ihr neigte, seinen warmen Körper streifte, mehr als bewusst. Und er neigte sich oft zu ihr hin.

Sie fühlte sich so, wie sie sich noch nie in New York gefühlt hatte, obwohl sie bereits drei Jahre hier war: lebendig und schön. Dieses Gefühl war ansonsten ihrem zweiten Leben an der Côte d’Azur vorbehalten gewesen. Lächelnd blickte sie auf die vorbeirauschenden Lichter dieser beeindruckenden Stadt und genoss das aufgeregte Rieseln in ihrer Brust. Zum ersten Mal konnte sie die Begeisterung der Menschen für diese Stadt wirklich nachvollziehen.

Der Wagen stoppte vor einem Fabrikgebäude in SoHo. Nate legte seine Hand auf Salomés unteren Rücken, während er sie durch die große Glastür in den Ausstellungsraum schob. Die zarte Berührung beschleunigte ihren Herzschlag.

Trotz der späten Stunde tummelte sich eine illustre Gästeschar zwischen Colin Hamiltons raffiniert beleuchteten Bildern. Musik und fröhliches Stimmengewirr drangen bis zur Tür, und die Stimmung schien auf dem Höhepunkt zu sein. Unglaublich gut aussehende Männer und Frauen prosteten sich gegenseitig zu und schienen sich blendend zu amüsieren. Offenbar war Colin begehrter, als Salomé angenommen hatte, denn einige Gesichter kannte sie aus ihrem Banken- und Charityumfeld.

„Ah, da ist unser Highlander ja endlich!“, ertönte Colins hallende Stimme von der gegenüberliegenden Seite des Raumes.

Die kleine Gruppe von Gästen um ihn herum quittierte Colins Bemerkung mit ausgelassenem Gelächter. Einige applaudierten sogar. Salomé spürte, wie Nate sich neben ihr anspannte. Die beiden Brüder begrüßten sich auf die typisch männliche Art, indem sie sich während einer breiten Umarmung gegenseitig auf die Schulter klopften.

Salomé grinste, als ihr bewusst wurde, dass diese Geste wohl kosmopolitisch war. Zumindest die Männer der Familie de Bertrand verhielten sich ebenso bei Zuneigungsbekundungen.

Aufmerksame Fotografen hatten die sich umarmenden Brüder in ein Blitzlichtgewitter getaucht. Erstaunlich, wie hoch die mediale Aufmerksamkeit an Colins Werk war. Er schien richtig berühmt. Andererseits waren die sich umarmenden Brüder sehenswert. Zwei blutjunge Schönheiten, die mit Sicherheit Models waren, starrten die beiden hochgewachsenen Schotten mit offenem Mund an.

Fehlt nur noch Sabber, der aus ihrem Mund läuft, dachte Salomé schmunzelnd.

Colin hatte sie über Nates Schulter erspäht. Nach einem nachdenklichen Stirnrunzeln erhellte sich sein Gesicht.

„Das darf doch nicht wahr sein! Du bist doch Salomé de Bertrand, oder? Die Welt ist ein Dorf!“ Er zog die überrumpelte Salomé in eine überschwängliche Umarmung. Als er sie losließ, nickte er Richtung Nate.

„Dass wir uns so schnell wiedersehen! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie dieser Bursche hier mir während des gesamten Rückfluges die Ohren vollgejammert hat, weil ich ihn von der Tanzfläche und aus deinen Armen gezogen habe“, sagte Colin in unverminderter Lautstärke zu Salomé.

Nate räusperte sich lautstark. Doch sein Bruder grinste nur wissend und hob entschuldigend die Arme.

„Ich sage nur, wie es ist, Bro.“

Salomé wandte sich verlegen den großformatigen Bildern zu. Sie erkannte zwei der Porträts, die ihre Mutter Inès in Frankreich erstanden und anscheinend für die New Yorker Ausstellung zur Verfügung gestellt hatte. Dass sie nichts davon gewusst hatte – unglaublich. Sie nahm sich in diesem Moment vor, zukünftig häufiger mit ihrer Mutter zu sprechen. Sie hätte es schade gefunden, Colins Vernissage zu verpassen.

„Wie geht es Inès? Ihre Bilder kommen hier in New York besonders gut an. Ich hatte heute schon bei mindestens zwei Interviews konkrete Fragen dazu.“

„Ich nehme an, es geht ihr ausgezeichnet. Sie ist mit meinem Vater zurzeit in der Schweiz. Wir sehen uns alle bald in Frankreich wieder. Mein Halbbruder heiratet.“

„Ah, sicherlich diese charmante Deutsche! Wie hieß sie noch gleich?“

Während sie entspannt über Julia und Mirabel plauderten, wandten sich Salomé und Colin den weiteren Bildern zu. Nates Bruder freute sich über ihr Interesse, hakte sich bei ihr ein und begann freimütig, vom Schaffensprozess zu erzählen.

Als sie sich umschaute, ob Nate mit ihnen kam, sah sie ihn inmitten einer Gruppe von Gästen und Presseleuten stehen, die förmlich an seinen Lippen hingen. Wahrscheinlich versuchten die Journalisten, ihm Insiderinformationen über seinen Bruder zu entlocken.

Mit halbem Ohr registrierte Salomé, wie Nates Smartphone klingelte und er sich ein wenig von der Gruppe zurückzog. Sie war froh, einen Moment Abstand zu ihm zu haben und ein wenig zur Besinnung zu kommen. Der Adrenalinpegel, auf dem sie surfte, wenn er bei ihr war, sie seinen Geruch wahrnahm und am meisten, wenn er sie berührte, führte zu einem permanent erhöhten Herzschlag. Für eine kurze Pause war sie dankbar.

Doch auch jetzt schweifte ihr Blick immer wieder in seine Richtung. Er sah so unverschämt gut aus. Die beiden Models schienen das Gleiche zu denken, sie hatten kichernd die Köpfe zusammengesteckt und schauten ihn unverwandt an.

Während Colin noch über ein skurriles Erlebnis mit einem französischen Pigmentverkäufer berichtete, fiel ihr auf, wie zärtlich Nates Gesichtsausdruck war, während er telefonierte. Er blickte verträumt und lächelte. Wer mochte da am Telefon sein?

Colin und sie näherten sich wieder den anderen Gästen. Nate hatte ihre Rückkehr bemerkt und beendete sein Gespräch. Salomé hörte gerade noch, wie Nate mit liebevoller Stimme ins Telefon hauchte.

„Bye, Bonnie, ich muss jetzt Schluss machen. Ich vermisse dich auch. Ich zähle die Stunden, bis ich wieder bei dir bin. … Ich dich auch. Pass auf dich auf ... Kuss!“

Ihre euphorisierte Stimmung erfuhr einen herben Dämpfer. Mit wem sprach er nur? Nannte er etwa jede Frau Bonnie?

Nate sah sehr gut aus und wohnte weit, weit entfernt. Wo eigentlich? In L. A.? In Schottland?

Salomé war eine pragmatische Frau. Ihr ging in diesem Moment auf, dass sie so gut wie nichts über ihn wusste. Außer, dass er Schotte war, einen Künstler zum Bruder hatte und als Schauspieler arbeitete. Vielleicht hatte er auch eine Frau, und dieser Flirt mit ihr war nur ein amüsanter Zeitvertreib?

Ein heftiger Stich fuhr in ihr Herz. Sie kam sich so naiv vor. Weshalb hatte sie ihn nicht intensiver ausgehorcht? Weshalb hatte er nicht mehr von sich erzählt?

Salomé spürte, wie sie innerlich ihre Mauern hochfuhr. Das beherrschte sie bis zur Perfektion, seit sie damals von diesem unerträglichen Severin Wallberger an der Nase herumgeführt worden war und nur das beherzte Eingreifen ihres Vaters einen Skandal hatte verhindern können.

Viel zu spät war sie aus ihrer verliebten Trance erwacht. Das Aufwachen und der dann folgende Aufprall waren zu hart gewesen. So hart, dass dieser Fehler ihr immer noch als stets simmernder Schmerz nachhing. Salomé hatte sich damals geschworen, nie wieder so naiv ihr Herz einem Mann auf dem Silbertablett zu servieren. Und dieses Credo hatte sie bislang durchgehalten. Sie flirtete zwar gerne, zumindest in ihrem Zweitleben in Frankreich, aber sobald die Beziehung zu einem Mann ernsthaftere Züge annahm, verhielt sie sich so wachsam, als würde sie ein Minenfeld überqueren. Es war Zeit, dieses Stadium in ihrer Beziehung zu Nate einzuläuten.

Als Nate sein Smartphone wegsteckte und sich lächelnd zu ihr umdrehte, straffte sich Salomé innerlich. Er legte seinen Arm um ihre Taille. Anstatt wie zuvor ein erotisches Kribbeln zu fühlen, nahm Salomé die Berührung an ihrer Hüfte jetzt wie ein unangenehmes Brennen wahr. Mit Genugtuung stellte sie fest: Es lag alles an der inneren Einstellung!

Sie blieben noch eine halbe Stunde in der Galerie und hielten Small Talk. Dann schob Nate sie wieder in den wartenden Wagen. Erwartungsvoll wandte er sich ihr zu.

„So, Pflichtteil erledigt. Ich hoffe, es war okay für dich. Noch Lust auf einen Absacker?“

Sein breites Lächeln war unglaublich sexy, und Salomé wankte in ihrem Entschluss, cool zu bleiben. Sie tat einen Moment so, als müsste sie abwägen, dabei konnte sie es kaum erwarten, Abstand zu Nate zu bekommen.

„Nein. Es ist schon spät, und ich habe leider morgen um sechs Uhr dreißig ein Frühstücksmeeting. Ich sollte wirklich schlafen gehen.“

Nate nahm wohl ihre veränderte Stimmung wahr und sah sie stirnrunzelnd an. Sie erwiderte unverbindlich lächelnd seinen forschenden Blick. Dann zuckte er die Schultern und gab dem Fahrer Anweisung, Salomés Apartment anzusteuern.

Nate begleitete Salomé in die Lobby. Der Concierge nickte ihnen freundlich zu. Als sie beide vor den mit Marmor verkleideten Aufzügen ein wenig befangen voreinander standen, war sich Salomé absolut bewusst: Dieser Augenblick war bei jedem Date eine wichtige Weggabelung. Conrad zog sich diskret in einen kleinen Raum hinter seinem Tresen zurück.

Salomé schaute Nate fest in die Augen. In der indirekten Beleuchtung der Lobby konnte sie diese im Schatten der Basecap kaum ausmachen.

„Also dann. Vielen Dank für den schönen Abend, Nate.“


Nates Mundwinkel zuckten amüsiert, so offensichtlich war es, wie sie ihn abservieren wollte. Was um alles in der Welt hatte bei ihr diesen Stimmungsumschwung bewirkt? Sie waren doch vor dem Galeriebesuch bereits auf einem ganz anderen Level gewesen.

So nah, wie er vor ihr stand, konnte er die zarten Sommersprossen auf ihrer feinen Nase erkennen, aber auch den müden Schatten unter ihren Augen. Sein Herz krampfte sich unversehens zusammen, und er hätte am liebsten ihren Kopf zu sich gezogen und ihr durch einen Kuss Sterne in diese blauen Augen gezaubert. Aber durfte er das denn?

Er war in einer Phase seines Lebens, wo er alle, die er liebte – allen voran Liz - vernachlässigte. Er war teilweise monatelang wegen der Dreharbeiten abwesend und befand sich auch in den übrigen Zeiten in einem engen Terminkorsett. Und dann noch dieser ganze Starrummel. Welche Frau würde das mitmachen? Wenn er ehrlich zu sich war, hatte er überhaupt keine Zeit für eine Frau und sollte sich auch keiner zumuten. Fairerweise sollte er Salomé hier und jetzt verlassen und ihr die Chance auf ein ruhiges Leben geben.

Aber er konnte nicht von ihr lassen. Ihre Augen waren wie Magneten, und er spürte das pulsierende Leben durch seinen Körper pumpen, wenn er in ihrer Nähe war. Dieses Gefühl hatte er bereits auf dem Fest in Südfrankreich gehabt. War das erst knapp eine Woche her? Es kam ihm vor wie ein fernes Märchen.

Die gesamte Stimmung des Abends, Salomés luftiges langes Kleid und ihre unbändige Lebensfreude in dieser Nacht hatten ihn verzaubert und ihm seitdem schlaflose Nächte bereitet. Sie war wie eine Droge, und er war schlicht und einfach angefixt. Verdammt, er war ein impulsiver Mensch, und alles an dieser Frau weckte in ihm hauptsächlich einen sehr männlichen Impuls.

Ohne lange zu überlegen, legte er seine Arme um sie und zog sie in eine feste Umarmung. Wie erwartet, versteifte sie sich sofort. Er ließ sie nicht los, vergrub seine Nase in ihrem Haar und inhalierte ihren berauschenden Duft, während er zärtlich mit einer Hand über ihren Rücken streichelte. Mit einem leichten Ächzen gab sie unmerklich nach und schmiegte sich an ihn. Nate lächelte in sich hinein.

„Well, ma Bonnie. See ye soon“, flüsterte er in ihr entzückendes kleines Ohr. Bewusst wählte er fast die gleichen Worte, die er ihr bereits an dem Abend in Frankreich in ihr Ohr gehaucht hatte. Als wären diese ein Talisman, die Garantie, sie bald wiederzusehen.

Er hörte sie ungläubig schnauben, und sie begann, sich aus seiner Umarmung zu befreien. Ihre Wangen waren zart gerötet, und wieder rührte ihr Anblick an sein Herz. Sie räusperte sich, und er biss sich angesichts ihres kläglichen Versuchs, die Fassung zu erlangen, wieder auf die Lippe, um ein Grinsen zu unterdrücken.

„Okay, Nate. Ich muss jetzt wirklich nach oben. Gute Nacht.“ Nate nickte nur ernst und verließ dann, ohne sich noch einmal zu ihr umzudrehen, die Lobby.


Salomé schaute ihm fassungslos hinterher, als er das Haus verließ. Noch nicht einmal ein kleiner Blick zurück zu ihr! Ihr Herz hämmerte. Wie machte er das? Wie konnte er in einem Moment so unglaublich zärtlich sein und im nächsten so unglaublich cool? Und weshalb benahm er sich so?, war die noch viel wichtigere Frage.

Sie schloss kurz die Augen, immer noch überwältigt von dieser intensiven Szene, als er sie umarmt hatte. Sie hatte noch den Geruch seines Rasierwassers in der Nase. Wie ärgerlich, dass sie ihre Fassade hatte sinken lassen und weich geworden war. Benommen drehte sie sich um und machte sich auf den Weg nach oben. Nur gut, dass sie ihn wahrscheinlich so bald nicht wiedersehen musste. Das würde genügen, um ihren Verstand wieder die Oberhand gewinnen zu lassen.

Als sie die Tür zu ihrem dunklen Apartment schloss, fiel ihr ein, dass sie Nates Rose bei Conrad vergessen hatte.

STARGAST DES ABENDS


Googeln oder nicht googeln? Salomés Finger zuckten, während sie sich diese Frage stellte. Dann siegte die Neugier. Gerade, als sie „Nate“ eingegeben hatte, klopfte es energisch an ihrer Bürotür. Ertappt schloss sie ihr Laptop und überlegte, ob sie vorgeben sollte, ein paar Dokumente auf ihrem Schreibtisch zu ordnen. Wie albern. Sie war erwachsen und konnte googeln, wen immer sie wollte. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf, bevor sie den Besucher hereinbat.

Salomé blickte in Teds besorgte Augen, als er ihr wortlos auf seinem Tablet eine Eilmeldung der Financial Times vorlegte. Ihre Stirn krauste sich tiefer, je weiter sie im Text vorankam. Dann gab sie einen empörten Laut von sich.

„Das darf doch nicht wahr sein! Davon hat er heute früh kein einziges Wort erwähnt.“

„Warum sollte er auch? Er wollte wahrscheinlich noch die letzten Stunden als angesehener Banker genießen und sich in der Bewunderung einer schönen Frau suhlen.“

Salomé verzog ihr Gesicht. Das musste sie Ted lassen: Er hatte es raus, Vorgänge und Motivationen rasiermesserscharf zu sezieren, und traf mit seiner Einschätzung immer genau den Punkt. Sie ärgerte sich über den verlorenen Morgen.

Dieses Frühstücksmeeting mit dem begehrten Fondsmanager Jonathan Hawk, zu dem sie sich heute früh nach einer recht schlaflosen, kurzen Nacht geschleppt hatte, war also überflüssig gewesen. Eine pfiffige Journalistin der Financial Times hatte ihn bei Insidergeschäften überführt, und die Behörden hatten sich sicherlich bereits seiner angenommen.

Schade. Seine außergewöhnlichen Ideen für die Gründung eines neuen Fonds, die er ihr heute früh mit leuchtenden Augen skizziert hatte, hatten Salomé mehr als beeindruckt und sie kurzzeitig das leise Ziehen in ihrem Herzen, wann immer sie an Nates Umarmung gedacht hatte, vergessen lassen. Eigentlich hatte sie heute noch die Rechtsabteilung anweisen wollen, einen reizvollen Exklusivvertrag für Hawk zu entwerfen.

„Glück im Unglück würde ich sagen. Nicht auszudenken, wenn das später herausgekommen wäre und uns die Anleger reihenweise verlassen hätten“, fasste sie das Fiasko abschließend zusammen.

Ted nickte zustimmend und fragte: „Bist du heute Abend auf der Gala?“

„Ja, selbstverständlich. Wir sind schließlich einer der Hauptsponsoren. Mein Bruder Philippe und seine Verlobte werden ebenfalls dort sein. Also denke ich, ich werde auch ein wenig Spaß haben. Komm doch auch. Bei uns am Tisch wäre sicherlich noch ein Platz frei.“

Ted druckste ein wenig verlegen herum, was nichts damit zu tun hatte, dass ein einziger Sitzplatz bei dem Gala-Event die Bank an die fünftausend Dollar kostete.

„Nein, so gerne ich dein Angebot annähme. Aber ich habe heute Jahrestag mit Sarah. Und ich habe ihr versprochen, mit ihr ins Kino zu gehen. Sie will unbedingt diesen neuen Shootingstar in dem Blockbuster, der gerade Premiere hatte, sehen. Sie steht total auf diesen Highlander-Typ.“

Salomé blickte ihn ausdruckslos an. Ted winkte ab, weil er wusste, dass sie mit solchen Themen überhaupt nichts anfangen konnte.

„Ist ja auch nicht so wichtig. Ich bin gleich nach der Mittagspause wie besprochen im Meeting mit Johnson & Abt. Ich hoffe, die zieht sich nicht wieder ewig. Ich schicke dir dann eine kurze Zusammenfassung und wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß heute Abend. Wir sehen uns dann Montag, okay?“ Mit einer winkenden Geste verließ Ted den Raum.

Salomé klappte ihr Laptop wieder auf und las sich alle Nachrichtenmeldungen zur Verhaftung von Jonathan Hawk durch.

„Gucklöcher in der Chinese Wall“, lautete ein mehrseitiger Artikel, in dem eine Journalistin ein ganzes Nest an Bankern und Firmenmagnaten ausgehoben hatte, die, entgegen sämtlichen Regeln der Finanzmärkte, ihr Konsortium genutzt hatten, um Aktienemissionen künstlich zu pushen.

Du meine Güte. Salomés Herzschlag erhöhte sich. Hoffentlich würde dieser Finanzskandal die de Bertrand-Bank dBB nicht beeinträchtigen. Selbst wenn ihre Familienbank nicht Teil dieses Bankenkonsortiums war, begleitete sie regelmäßig Start-up-Unternehmen bei ihren IPOs, ihren Börsenstarts. Nicht auszudenken, wenn das Vertrauen der Unternehmen in die Glaubwürdigkeit der Finanzanalysen und Equity Story von dBB geschwächt würde.

Sie wählte die Nummer ihres Vaters Charles, um die Strategie für eine Stellungnahme im Falle der zu erwartenden besorgten Anfragen der Anleger mit ihm abzustimmen.

Ihr Mittagessen ließ Salomé ausfallen und sich von Keira mit einer Suppe aus einem nahen Deli versorgen. Während sie die nicht mehr ganz heiße Köstlichkeit schlürfte, hielt sie inne. Die Verlockung war groß, Nates Namen zu googeln. Sollte sie?

Unerklärlicherweise bereitete ihr der Gedanke Lampenfieber. Gerade deswegen rief sie ihre Vernunft zur Ordnung. Wenn sie sich jetzt ablenken ließ, wäre der ganze Tag verloren. Sie hatte sich mit ihrer zukünftigen Schwägerin Dominique um vier Uhr bei sich zu Hause verabredet. Louis, der begnadetste Visagist Manhattans, würde dort vor der Gala an ihnen den letzten Feinschliff vornehmen. Bis dahin blieb nicht mehr viel Zeit. Dieser blöde Skandal um Jonathan Hawk hatte ihr das für heute geplante Pensum durcheinandergebracht.

Kurz vor vier hetzte Salomé in die Lobby ihres Apartmenthauses. Dominique erhob sich freudestrahlend aus einem der cremefarbenen Sessel im Wartebereich. Conrad folgte ihr und hielt zwei Kleidersäcke im Arm.

„Ah, Miss de Bertrand. Sie haben Ihre rote Rose gestern Abend bei mir vergessen.“

Salomé spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg. Dominique hob fragend ihre Augenbrauen. Zu ihrer Erleichterung erschien just in diesem Moment Louis mit seiner Entourage. Nach einer raschen Dusche konnte Salomé ein wenig entspannen und genoss die kundigen Hände von Louis’ Team.

„Das ist ja fast so schön wie bei Inès in Frankreich“, brummte sie genießerisch, als ihr eine Nackenmassage verabreicht wurde. Ihre Mutter verbrachte ihre Sommermonate niemals ohne ihr Beautyteam, und Salomé, Julia und auch Dominique waren ebenfalls in den Genuss dieses Luxus gekommen. Dominique seufzte bei der Erinnerung.

„Ja, das war herrlich. Hier, zur Einstimmung.“ Sie reichte Salomé ein Glas Champagner.

Salomé grinste und prostete ihr zu. Sie freute sich auf den Abend. Er würde sie ablenken. Nate war gestern. Ihr Leben ging weiter und kam ihr gar nicht so übel vor.

„Erzähl schon, Zaza, wer schenkt dir in Manhattan eine Rose? Und noch dazu eine rote?“

Salomé war versucht, Dominique die Wahrheit zu erzählen. Aber sie hatte überhaupt keine Lust, sich den spöttischen Bemerkungen ihres Bruders Philippe auszusetzen, für den der Fakt, dass seine Schwester einen ernsthaften Verehrer hatte, ein gefundenes Fressen wäre. Nicht auszudenken, wenn auch noch ihr Vater davon erfahren würde. Also gab sie sich betont gleichmütig.

„Ach, nur ein Werbegeschenk von einer Ausstellungseröffnung, auf der ich gestern war. Der Künstler kam sich wohl besonders originell vor“, log sie.

Als Salomé aus der Limousine stieg, war die Hektik des Tages wie weggeblasen. Sie fühlte sich wunderschön in ihrer körperbetonenden nudefarbenen Chanelrobe mit den eleganten Schmetterlingsapplikationen. Bisher hatte sie bei solchen Anlässen konservative Abendroben von amerikanischen Designern getragen. Aber die Zeit in Frankreich hallte noch nach, und ihre Mutter hatte ihr das Kleid extra für diesen Anlass geschickt.

Louis hatte seine ganze Kunst in Salomés Styling eingebracht. Sie grinste.

Der Moment früher am Abend, als sie sein Werk an ihr betrachten durfte, war unvergesslich. Louis liebte die Dramatik.

„So, nun noch ein Hauch von Mauve auf deine Lippen. Voilà! Du bist fertig, Salomé!“

Sie hatte ergriffen geschluckt, als sie sich selbst im Spiegel gesehen hatte. Wow! Ihr sonst modern gestuftes, dunkles Haar war wie bei einem amerikanischen Filmstar in weiche Wellen gelegt und harmonierte perfekt mit dem Vierzigerjahre-Stil des Kleides.

„Was hat Louis mit deinen Augen gemacht?“ Dominique drehte begeistert Salomés Gesicht zu sich, damit sie Louis’ Werk genauer studieren konnte.

„Das nennt man Sparkling-Eyes. Siehst du hier, Chérie: Den unteren Lidstrich habe ich mit diesen glitzernden Elementen versehen, das obere Lid mit einem schwarzen Lidstrich.“ Der zufriedene Gesichtsausdruck des Meisters zeigte, wie Louis es liebte, seine Arbeit zu erläutern.

„Das will ich auch haben, bitte, Louis!“ Dominique zog einen Schmollmund, als Louis abwehrend die Hände hob.

„Nein, das passt heute nicht zu deinem Kleid. Dafür habe ich mir etwas anderes für dich ausgedacht. Du wirst begeistert sein, glaube mir, Dominique.“

Dominique hatte gespielt geseufzt und sich Louis’ kundigen Händen überlassen.

Nun also schwebte Salomé neben Philippe und Dominique wie eine Prinzessin in den Veranstaltungssaal des Manhattan Penthouse 5th Avenue. Die Bedenken, für den Anlass zu europäisch overdressed zu sein, zerfielen, als sie die opulenten Roben der anderen Damen begutachtete. Diese Gala war einer der gesellschaftlichen Events des Jahres. Die Reichsten des Landes hatten sich zu dieser humanitären Charity-Veranstaltung zusammengefunden. Und hatte nicht sogar ein Star aus Hollywood sein Kommen angekündigt und sollte den Preis an einen armenischen Arzt im Exil überreichen, der ganzen Scharen von Kindern in Krisenregionen das Überleben gesichert hatte?

Philippe und Salomé waren gerade in ein ernstes Gespräch über den Finanzskandal um Hawk vertieft, als der Organisator der Veranstaltung, Howard Bench, begleitet von zurückhaltendem Applaus der Anwesenden, das Stehpult erreichte und mit einem strahlenden Lächeln um Ruhe bat. Bench war für seine schonungslosen Reden bekannt.

„Liebe Freunde und Gönner. Seien wir ehrlich. Wir sind heute hauptsächlich hier, um unser Gewissen zu beruhigen. Aber was ist an diesem Impuls falsch, wenn wir damit tatsächlich helfen?“

Verhaltenes Gelächter ertönte. Howard Bench fuhr in ähnlichem Stil kurz und treffend fort.

Salomé hing an Benchs frechen Worten und bekam zunächst nicht mit, wie sich am Eingang des Saales ein Raunen erhob. Philippe blickte sich bereits suchend um.

Bench hielt in seiner Rede inne. Dann deutete er begeistert auf den Eingangsbereich des Saales, und jeder im Saal reckte nun den Hals, um zu erkennen, was dort vor sich ging.

„Und kann es schaden, wenn wir uns – nennen wir es unlauterer – Methoden bedienen, um helfendes Geld zusammenzubringen?“, rief Howard Bench in Richtung eines Paares, das in der Saaltür stand.

Salomé konnte außer Silhouetten nichts erkennen, weil sie der Scheinwerfer, der auf das Stehpult gerichtet war, anstrahlte. Sie vermutete, es handelte sich um den Hollywoodstar, und nahm gelassen noch einen Schluck Champagner zu sich.

„Meine Damen und Herren, mit Freude teile ich Ihnen mit, dass wir dieses Jahr einen sehr begabten Darsteller gewinnen konnten, den diesjährigen Outstanding-Contribution-to-Humanity-Award, also unseren Tower, zu überreichen. Begrüßen Sie mit mir Nathan Hamilton und seine wunderschöne Begleiterin Ivana Kalinka.“

Salomés Kopf fuhr herum. Der frenetische Applaus, der nach diesen Worten einsetzte, wurde von dem Rauschen in ihren Ohren übertönt. Wie in Zeitlupe sah sie Nate, mittlerweile von mehreren Spots hell angestrahlt, freundlich nickend durch den Raum schweben. Er trug einen eleganten Smoking, hatte das dunkelblonde Haar zurückgegelt, was seine hohe Stirn betonte, und sah umwerfend aus. Am Arm führte er eine überirdische Schönheit, die mit ihren langen Beinen und den High Heels fast so groß war wie er.

In Salomés Hirn herrschte Leere. Am Rande nahm sie wahr, wie Philippe sich zu ihr neigte.

„Ist das nicht der Nate, der bei uns auf Mirabel war?“

„Stimmt, jetzt erkenne ich ihn auch. Der war doch einer von den Jungs im schottischen Kilt, oder?“, warf Dominique leise ein.

Salomé nickte und konnte den Blick nicht vom Geschehen lösen. Nate führte seine Begleiterin an einen Tisch direkt vor der Bühne, deutete eine leichte Verbeugung an und stieg dann die Stufen hoch.

Fassungslos starrte Salomé die Frau an, die offenbar Nates Freundin war. Also doch! Er hatte eine Freundin. Jetzt hatte sie Gewissheit. Wie konnte er nur! Gestern hatte er es für einen Moment geschafft, sie glauben zu lassen, er wäre ernsthaft an ihr interessiert. Und nun saß da eine andere Frau, unanständig schön, und lächelte Nate hingebungsvoll an.

Er hatte Howard Bench die Hand geschüttelt und sich dem immer noch applaudierenden Publikum zugewandt. Salomé schluckte. Sie hatte den anfänglichen Schock überwunden, und ihr Verstand lief auf Hochtouren. Die einsetzende Erkenntnis ließ sie leise ächzen. Das konnte doch nicht wahr sein. Er war berühmt, und sie hatte es nicht gewusst. Er hatte ja erzählt, dass er Schauspieler sei. Aber er hatte nichts von einem Hollywood-Superstar erwähnt. Kein Wunder, dass er dazu passend die atemberaubend schöne Freundin hatte.

Mit einem Mal ergab sein ganzes geheimnisvolles Verhalten von gestern Abend einen Sinn. Seine Vermummung, dass er nicht zu den Menschenmassen in den Central Park wollte und sie die einzigen Gäste in dem japanischen Lokal gewesen waren. Wie peinlich! Sicherlich hatte er das gesamte Lokal gebucht und sich köstlich über ihre dummen Sprüche amüsiert. Stöhnend verbarg Salomé ihr Gesicht in den Händen.

„Zaza, was tust du? Du zerstörst dein Make-up“, hörte sie Dominique leise murmeln.

Salomé schluckte. Sie brauchte einen Moment für sich. Als sie sich gerade erheben wollte, um die Damentoilette aufzusuchen, fasste Philippe sie am Arm.

„Zaza, das geht nicht. Dein Einsatz kommt gleich.“ Salomé schaute ihn panisch an. Kaum hatte Philippe geendet, erscholl auch bereits Howard Benchs dröhnende Stimme im Raum.


„Meine Damen und Herren! Es ist mir eine besondere Ehre die entzückende Vertreterin des diesjährigen Hauptsponsors dBB zu begrüßen. Salomé de Bertrand, die Präsidentin der de Bertrand-Bank New York!“

Nate sog scharf die Luft ein. Was hatte Howard gesagt? Zaza war hier?

Er blinzelte gegen die Scheinwerfer in die Richtung, in die Howard deutete, und entdeckte sie, halb erhoben an einem der nahen runden Tische. Sie wirkte geschockt. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Nate an. Dann schien sie sich zu besinnen. Sie richtete sich auf, zeigte ein strahlendes Lächeln und schwebte wie ein Engel auf Nate zu. Er schluckte.

Wow. Sie sah aus wie eine Göttin. Benommen starrte Nate auf die unzähligen goldschillernden Schmetterlinge, die ihre durch das Kleid betonten Hüften umschwirrten. Irgendetwas war mit ihren Augen. Sie wirkten so groß und klar.

Howard Bench hatte Salomés Hand ergriffen und schien von ihr eine Begrüßung des berühmten Hollywoodstars zu erwarten.

Nate blickte verwirrt auf die von Salomé dargebotene Hand, die er automatisch ergriff. In dem Moment, in dem ihre kleine, warme Hand seine berührte, überkam ihn ein heftiger Impuls, dem er instinktiv nachgab. Er zog sie an sich und küsste erst die eine, dann ihre andere Wange. Im Saal war erneut ein Raunen zu vernehmen, gespickt mit vereinzelten Lachern. Wie gerne hätte er Salomé den erstaunten Ausdruck vom Mund geküsst, der leicht offen stand und ihm verlockend nah war.

Ganz der Showman, neigte er sich erklärend zum Mikrofon und hauchte mit seiner sinnlichsten Stimme, garniert mit seinem weichen schottischen Akzent:

„Bei uns in Schottland habe ich gelernt, dass man Französinnen zur Begrüßung zweimal küsst.“

Er perfektionierte die Rolle des frechen Schuljungen, indem er die Achseln hob und offen in die Menge grinste. Plötzlich fühlte er sich am Revers seines Smokings gepackt. Salomé verpasste ihm nun ihrerseits drei Küsse auf seine Wangen. Zwischen den Küssen blickte sie ihn mit ihren hellen blauen Augen so herausfordernd an, dass ihm ganz schwindelig wurde. Das Publikum johlte bereits.

Dann beugte sich Salomé vor und sagte in ihn perfekt imitierender Stimmlage ins Mikrofon: „Tja, ich bin überhaupt keine Französin. Da musste wohl jemand Mister Hamilton mal beibringen, dass man Schweizerinnen sogar dreimal küsst.“

Der Saal brüllte vor Lachen. Und auch Howard Bench neben ihnen konnte sich kaum gerade halten.

„Köstlich, köstlich!“, wieherte er, während er sich die Lachtränen aus den Augen tupfte.

Beschwichtigend hob Salomé ihre Arme und stellte sich erhobenen Hauptes an das Stehpult. Sie wartete einen Moment, bis sich die Gäste beruhigt hatten, und begann mit ihrer Rede.

„Wie viel schöner ist es, wenn wir sogar lachen, während wir helfendes Geld aufbringen.“ Sie zwinkerte Howard Bench zu, der sie bewundernd ansah. Salomé setzte in gewohnter Souveränität ihre Rede fort und stellte den Anwesenden, ohne auch nur ein einziges Mal Notizen zu bemühen, die Projekte und Errungenschaften der Organisation vor. Unaufdringlich gelang es ihr dabei, das selbstlose Engagement von dBB einfließen zu lassen.

Nate tat, als würde er ihren Worten zuhören. Während er äußerlich den aufmerksamen Filmstar mimte, versuchte er, die Stürme, die diese Frau in seinem Innern ausgelöst hatte, zu bändigen. Er hatte oft gelesen und sogar gemimt, wie es sein würde, aber noch nicht am eigenen Leib erfahren.

Dieser Moment brannte sich für immer in sein Gedächtnis. Salomés kontrollierte Gestik, die sanften Fältchen um ihren Mund, eine vorwitzige Haarsträhne, die sich während des Kusstausches aus ihrer Frisur gelöst hatte und nun ihre hohen Wangenknochen streichelte, das Blitzen ihrer Augen. Sein Blick wanderte unmerklich tiefer und versank im Spiel ihrer zarten Halsmuskeln, streifte die Linie ihrer perfekten Schlüsselbeine und verharrte bei der weichen Wölbung ihrer Brüste, die vom Dekolleté dieses atemberaubenden Kleides sanft nach oben gedrückt wurden.

Nate schluckte. Ihm wurde heiß, und unbewusst griff er sich an seinen Kragen. Plötzlich wurde ihm klar, dass er soeben unter den Blicken des ganzen Saales Salomés Brüste angestarrt hatte. Er riss sich zusammen und fixierte stattdessen ihre gepflegten Hände, die sanft über das Pult strichen und in kontrollierten Gesten ihre Rede untermalten. Als sie sich mit ihrer Hand während eines Zwischenapplauses strahlend die Haarsträhne hinters Ohr schob, war es gänzlich um Nate geschehen.

Er hatte sich zu ihr hingezogen gefühlt, sie begehrt und unbedingt wiedersehen wollen. Als er sie jetzt beobachtete, potenzierten sich diese Gefühle und etwas veränderte sich unmerklich und unwiderruflich in ihm. Er schluckte trocken.

Wie sollte er das nur Liz beibringen?


Der offizielle Teil der Preisverleihung war überstanden. Salomé schmerzte der Kiefer nach dem anstrengenden Dauerlächeln. Howard Bench hatte sie nach ihrer Rede nicht vom Podest lassen wollen. Und so stand sie während der Ansprache von Nate weiterhin im Scheinwerferlicht.

Sie musste zugeben, Nate machte seine Sache mehr als gut. Sie hatte schon befürchtet, er werde den gesamten Abend die Rolle des schottischen Lausbuben beibehalten. Zu ihrer Verblüffung hatte er mit ernster Miene seine Ehre zum Ausdruck gebracht, eine wichtige Rolle an diesem Abend zu spielen, der ihm „ein Herzensanliegen“ sei. Die Worte, mit denen er dem Preisträger den recht klobigen Tower verlieh, ließen durch geschickt platzierte Details darauf schließen, wie gut Nate vorbereitet war.

Nach Nates Rede stürmten die Fotografen und Journalisten zum Podium. Das Publikum, das sich inzwischen erhoben hatte und den Rednern und dem Preisträger mit Standing Ovations zujubelte, verursachte einen solchen Lärm, dass Salomé kaum verstand, was die hektischen Fotografen riefen. Sie stellte sich in Pose, und Nate rückte an ihre Seite. Im ersten Moment wollte sie sich vor ihn schieben, bis ihr wieder bewusst wurde, dass die Fotografen wohl eher ihn als sie ablichten wollten. Daran musste sie sich erst gewöhnen. Welch ein Trubel!


Nate stellte sich ganz dicht neben Salomé und musste ein Grinsen unterdrücken, denn er hatte Salomés Impuls, sich vor ihn stellen zu wollen, deutlich gespürt. Er legte seinen Arm sanft um ihre Schulter, und sofort wurde ihm wieder heiß. Er musste sich extrem beherrschen, um sie nicht hier vor allen Zuschauern und der versammelten Presse filmreif in seine Arme zu ziehen und mit einem besitzergreifenden Kuss zu markieren. Was löste diese Frau nur in ihm aus?


Als Salomé nach ein paar gnädigen Minuten der Besinnung in den Waschräumen an ihren Tisch zurückkehrte, hatte ihr Bruder Nate bereits jovial unter seine Fittiche genommen und dem Star zur Freude der weiteren Tischgäste einen Platz freigeschaufelt.

Auch Nates Freundin saß bereits neben Dominique und unterhielt sich mit ihr. Wie hieß sie noch gleich? Salomé hatte bei ihrem Namen an einen russischen Tanz denken müssen, „Kalin-kakalin-kakalin-kakala“. Wenn ihre Freundin Julia jetzt da wäre, hätte sie mit ihr über diesen Gag kichern können. Höflich begrüßte sie die Schönheit, die ihre Hand besitzergreifend auf Nates Unterarm abgelegt hatte.

Salomé versuchte, den Stich in ihrem Herzen zu ignorieren. Die Frau machte doch einen total unterbelichteten Eindruck! Schönheit hin oder her. Was fand er nur an ihr? Moment mal! War sie etwa eifersüchtig? Wie lächerlich. Sie hatte doch überhaupt keine Besitzansprüche an ihn. Er sah heiß aus und basta. Das dachten mindestens Tausend – oder Millionen! – andere Frauen auch von ihm. Weshalb also nicht sie?

Salomé saß, wie hätte es auch anders sein sollen, direkt neben Nate, der bereits nach wenigen Minuten wie zufällig sein Bein gegen ihres presste. Ihr Herz schlug bis zum Hals. Was sollte das? Sie hatte nicht vergessen, welche Worte er gestern einer anderen Frau ins Telefon gesäuselt hatte. Diese saß ihm nun direkt gegenüber, und er hatte nicht einmal in dieser Situation den Anstand, sich zurückzuhalten. Er schien sie sogar zu ignorieren. Wie konnte dieser Mistkerl es wagen, derart offensiv mit einer anderen Frau, nämlich ihr, zu flirten?

Bittere Wut schwappte Salomés Kehle hoch, und sie umfasste ihr Besteck fester, um ihr Zittern zu kontrollieren. Nate dachte wohl, nur weil er ein Star war, würde ihn jede Frau willig anspringen. Wenn Salomé ihren Blick hob und die verklärten Gesichter der Frauen im Saal betrachtete, die ihn offen angafften, schien er damit gar nicht falsch zu liegen. Sogar Dominique verhielt sich seltsam aufgesetzt und strich mehrfach in einer betont weiblichen Geste ihre Haare hinters Ohr. Still lauschte Salomé dem Geplauder am Tisch und versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bekommen, vor allem die Hitze zu ignorieren, die jede Bewegung seines Beines an ihrem tief in ihren Bauch sandte.

„Was ist los, Salomé? Bist du nicht zufrieden? Du bist sonst bei solchen Anlässen immer so sprühend.“ Salomé fühlte Dominiques musternden Blick auf sich.

„Doch. Ich bin nur ein wenig müde. Es war ein langer Tag.“

In diesem Moment wurde die Hintergrundmusik, die während des Dinners vom Band gekommen war, diskret ausgeblendet, und auf der Bühne nahmen Musiker ihre Plätze ein. Ein dunkelhäutiger Sänger betrat unter höflichem Applaus die Bühne, und schon war der Saal mit tanzbarer Jazzmusik erfüllt. Die ersten Paare begaben sich auf die Tanzfläche. Salomé spürte, wie Nates Bein an ihrem Bein begann, im Takt zu zucken. Auch seine Fingerspitzen trommelten unbewusst im Takt auf die Tischdecke, während er mit Philippe über die anstehenden Dreharbeiten zum zweiten Teil des Highlander-Erfolges sprach. Da näherte sich eine elegante, ältere Dame lächelnd ihrem Tisch.

„Mister Hamilton, würden Sie die Freundlichkeit haben, mit mir zu tanzen?“, richtete sie sich unverblümt an Nate, der sicherlich mehr als halb so alt war wie sie.

Nate lächelte sie höflich an und erhob sich mit einer kurzen entschuldigenden Geste Richtung seiner Freundin, die ihm lächelnd zunickte. Er wandte sich auch Salomé und Dominique zu, als ob er eine Erlaubnis bräuchte, und führte die Dame formvollendet zur Tanzfläche.

Salomé konnte kaum glauben, dass die Begeisterung für Nate anscheinend keine Altersgrenze kannte. Unruhe machte sich bei den weiblichen Gästen breit, als sie Nate auf der Tanzfläche erspähten.

„Mein Gott, kann der tanzen“, wisperte Dominique neben ihr. Der Mund der Verlobten ihres Bruders stand staunend offen.

Salomé schnaubte ungläubig. Das war ja nicht zu fassen, wie gestandene Frauen seinetwegen zu kichernden Teenagern mutierten. Endlich konnte sie sich dazu überwinden, ebenfalls zur Tanzfläche zu schauen. Neidlos musste sie anerkennen, dass Nate sich wie schwerelos gleitend über die Tanzfläche bewegte. Sie wusste, wie gut er tanzen konnte. Bereits auf dem Fest ihres Vaters war sie in den Genuss gekommen, ihn als Tanzpartner zu haben. Was sie allerdings überraschte, war, wie elegant und mühelos seine Bewegungen von außen wirkten.

Sie wandte den Blick ab und fixierte vermeintlich gelangweilt die Blumendekoration auf dem Tisch, in deren Mitte geschickt getarnt ein Lesegerät für Kreditkarten auf seinen Einsatz wartete. Es konnte ja nicht jeder eine Ausbildung zum Musicalstar haben, redete sie sich ein, um das Thema für sich abzuschließen.

Philippe erhob sich und bat Dominique zum Tanz. „Dom, ich kann ja kaum mit ansehen, wie du zur Tanzfläche schielst. Komm, wir tanzen uns ins Geschehen.“

Dominique kicherte und ließ sich willig von Philippe entführen.

„Du musst doch zugeben, dass Nate umwerfend aussieht. Aber du bist natürlich viel, viel schöner“, gurrte sie ihren Verlobten an.

Philippe kniff Dominique dezent in den Hintern und erstickte ihr leises Quieken sogleich mit einem saftigen Kuss.

Salomé lächelte dem schönen Paar hinterher. Philippe hatte sich verändert seit diesem Sommer. Ob es an der Verlobung lag? Er war ausgeglichener als zuvor. Erwachsener. Sie hatte kaum noch das Bedürfnis, ihn aufzuziehen, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht lassen konnte. Dabei hatte sie noch im Sommer daran gezweifelt, ob er mit Dominique zusammenbleiben wollte, so heftig hatte er mit Julia geflirtet.

Die Geschehnisse des Sommers hatten anscheinend ihre Wirkung gezeigt. Salomé lächelte versonnen.

Philippe hatte viel zu verarbeiten. Immerhin hatte ihr Vater diesen Sommer Philippe und ihr einen Halbbruder, Mathieu, präsentiert und Philippe damit als Erbfolger entthront. Wobei das nicht stimmte: Mathieu zeigte keinerlei Interesse an der Bank oder dem Vermögen der de Bertrands. Oder lag es an Philippes grässlichem Unfall in der Nacht des Festes, ihn besonnener werden und reifen zu lassen? Vielleicht hatte auch das längst überfällige Gespräch, das Philippe mit Dominique geführt hatte, den entscheidenden Schalter bei ihm umgelegt.

Als die beiden an der Tanzfläche angekommen waren, erwachte Salomé aus ihren Gedanken, und ihr wurde mit einem Male bewusst, dass sie mit Nates Freundin allein am Tisch saß. Es wäre unhöflich gewesen, nicht mit ihr zu sprechen. Sie verspürte allerdings nicht die geringste Lust dazu. Sie hatte inzwischen mitbekommen, dass Ivana ein berühmtes Amandas Secrets-Model war, was bedeutete, den Olymp im Modelhimmel erreicht zu haben. Eine Sache interessierte Salomé an ihr allerdings doch. Sie überlegte gerade, wie sie Ivana geschickt darüber aushorchen könnte, wie lange sie denn schon mit Nate zusammen war, als eine tiefe Stimme hinter ihr erklang.

„Darf ich bitten, Miss de Bertrand?“ Salomé hob den Kopf und sah in das attraktive Gesicht des Arztes, der den Tower überreicht bekommen hatte.

„Ja, gerne, Doktor Hagopian.“ Lächelnd ergriff sie seine Hand und beschloss, diesen Abend trotz ihres inneren Aufruhrs zu genießen.


Nate sah Salomé aus dem Augenwinkel heraus mit dem gut aussehenden Arzt tanzen. Wie er ihn beneidete. Ihr Gesicht strahlte, und sie schien seine Aufmerksamkeit zu genießen. Sie wirkte nicht mehr so angespannt wie während des Dinners. Weshalb nur benahm sie sich so verhalten ihm gegenüber? Salomé nahm es ihm doch nicht etwa übel, sie nicht bereits gestern über seine Bekanntheit aufgeklärt zu haben?

Er sehnte sich danach, mit ihr zu tanzen. Verflucht! Hoffentlich ebbte der Ansturm dieser aufdringlichen Frauen bald ab. Aber was tat er nicht alles dafür, die Spendierfreudigkeit für den guten Zweck in die Höhe zu treiben. Cary hatte ihm nochmals eingeschärft, dass er nach der überwältigenden Premiere von Highlander-Resurrection in einer anderen Liga spielte. Auftritte zu Charityzwecken würden von nun an zu seinen laufenden Verpflichtungen gehören.

Eine gefühlte Ewigkeit beglückte er Damen auf der Tanzfläche, mit denen er eigentlich nicht tanzen wollte. Jedes Mal, wenn ein Lied endete, tippte ihm schon die nächste auf die Schulter. Sein aufgesetzter Charme, mit dem er seine Rolle perfekt ausfüllte, erschien ihm selbst schal. Dem glücklichen, teilweise törichten Lächeln seiner Tanzpartnerinnen nach fiel das anscheinend nicht auf.

Nate spürte den unbändigen Drang, Salomé von der Tanzfläche zu reißen und in einer dunklen Ecke irgendwo in diesem Gebäude mit seinem echten Charme schwindelig zu machen. Nur sie und er. Allein.

Das Lied verklang, und Nate konnte es kaum fassen, dass nicht bereits mit den letzten Takten eine Hand auf seiner Schulter die Ablösung ankündigte. Mit einem galanten Handkuss verabschiedete er seine selig lächelnde Tanzpartnerin und suchte Salomé. Es versetzte ihm einen leisen Stich im Magen, als er sie immer noch in den Armen dieses Arztes entdeckte. Die beiden unterhielten sich anscheinend so angeregt, dass sie das Ende des Songs gar nicht wahrgenommen hatten. Dabei glitten sie auch noch mühelos über das Parkett. Ein schönes Paar! Nate konnte ein Knurren gerade noch unterdrücken. Mit wenigen Schritten war er bei ihnen.

„Doktor Hagopian, darf ich Ihre charmante Tanzpartnerin für den nächsten Tanz entführen?“

„Selbstverständlich, Mister Hamilton.“

Hagopian nickte Salomé kurz zu und übergab ihre Hand an Nate. Sein höflicher Blick konnte nicht über den Missmut hinwegtäuschen, sie einem anderen Mann zu überlassen.

Salomé lächelte ebenfalls freundlich, selbst noch, als sie Nate in die Augen schaute. Also war sie doch böse darüber, sie nicht über sich aufgeklärt zu haben. Nate nahm sich vor, alle Register seines Charmes zu ziehen, um ihr wieder das Funkeln in die Augen zu zaubern, das ihn auf Mirabel bereits so fasziniert hatte.

Er spürte ihre Hüfte an seiner Hand. Ihr zartes Parfum stieg ihm in die Nase, und ihr Duft löste eine ganze Kaskade von Begehren aus. Gerade wollte er dieses himmlische Wesen näher an sich ziehen, als die Band unerklärlicherweise das Stück unterbrach und ein Gong ertönte. Die tanzenden Paare wandten sich neugierig dem Podest zu, auf dem ein strahlender Howard Bench stand und wartete, bis das Stimmengemurmel abebbte. Frustriert entließ Nate Salomé aus seinen Armen. Als Howard die volle Aufmerksamkeit des Saales hatte, neigte er seinen Kopf über das Mikrofon. Sämtliche Augen waren erwartungsvoll auf ihn gerichtet.

„Meine Damen und Herren. Entschuldigen Sie bitte die Unterbrechung. Sie dürfen gleich weitertanzen. Soeben wurde ich informiert, dass die Spendensumme des heutigen Abends die Summe von zehn Millionen Dollar erreicht hat. Das ist doch einmal einen Zwischenapplaus wert, finden Sie nicht?“

Die Gäste brachen in begeisterten Beifall aus. Zehn Millionen waren auch für die anwesenden High Networth Individuals eine ordentliche Summe, vor allem wenn man bedachte, dass der Abend noch andauerte und weiter gespendet werden konnte.

Nate allerdings biss sich vor Ungeduld auf die Lippe. Er konnte es kaum abwarten, den Tanz wieder aufzunehmen und allein mit Salomé zu reden. Endlich erklangen Howards erlösende Worte: „Das wollte ich nur mitteilen – und nun viel Spaß noch.“

Die Band stimmte die ersten Takte eines Cole-Porter-Songs an, und Nate wandte sich charmant lächelnd zu Salomé um, die Arme bereits halb geöffnet. Sein Lächeln gefror, als neben ihm nicht Salomé, sondern Howard Benchs Frau stand. Diese interpretierte Nates Geste in ihrem Sinne und begab sich sogleich begierig in seine Arme. Verzweifelt blickte Nate sich um und machte Salomé am Rand des Parketts aus, wo sie gerade von Howard Bench zum Tanzen geführt wurde. Nate seufzte. Was nicht ist, kann ja später noch werden, versuchte er, sich aufzumuntern.

Sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Es wurde spät, und Nates Einsatz bei der Damenwelt fand kein Ende. Irgendwann bemerkte Nate, wie Salomé, Philippe und Dominique vor Howard Bench und seiner Gemahlin standen. An ihren Gesten erkannte er, dass das Trio sich verabschiedete. Salomé wandte sich suchend Richtung Tanzfläche, und als sie ihn entdeckte, hob sie die Hand, um ihn zum Abschied zu grüßen.

In diesem Moment wurde es Nate zu bunt. Galant führte er seine Tanzpartnerin an den Rand der Tanzfläche. Selbst ihm kam die Ausrede, die ihm auf die Schnelle einfiel, fadenscheinig vor, aber es war ihm egal. Leider hielt ihn Howard Bench, von dem er sich verabschieden musste, länger auf, als ihm lieb war. Er riss sich zusammen, nicht im Laufschritt aus dem Saal zu stürmen.

In der Eingangshalle erhaschte er gerade noch einen Blick auf Salomés Schmetterlingsrobe, bevor die Eingangstür hinter ihr ins Schloss fiel.

„Zaza!“, rief Nate laut, obwohl er wusste, dass sie ihn nicht hören konnte.

Einige der umstehenden Ballbesucher beäugten ihn neugierig.

Entgegen jeder Vernunft lief er los und durchmaß die Halle mit langen Schritten. Als er die Glastür passierte, setzte sofort ein ohrenbetäubendes Gekreische ein. Nate nahm es nicht wahr. Er war ganz auf die anfahrende Limousine konzentriert.

„Zaza!“, rief er nochmals.

Der Wagen hielt. Mit einem Surren öffnete sich die abgedunkelte Scheibe. Salomé blickte ihn fragend an. Nicht nur, dass die Dinge, die er ihr soeben noch dringend hatte sagen wollen, ihm nicht über die Lippen kamen. In diesem Moment wurde ihm bewusst, wie viele Augen ihn beobachteten.

„Ich wollte mich noch von dir verabschieden“, sagte er deshalb nur.

Salomé reichte ihm wortlos ihre Hand, die er fast verzweifelt ergriff. Die Limousine fuhr an, und ihre Hand entglitt ihm. Nate starrte wie in Trance den Rücklichtern des Fahrzeugs hinterher. Dann begann er blinzelnd wahrzunehmen, dass um ihn herum die Hölle ausgebrochen war. Die Ordner hatten alle Hände voll damit zu tun, die ekstatische Masse hinter der Absperrung zu halten. Ein Blitzlichtgewitter regnete auf ihn nieder.

„Nate, Nate! … Hierher! … Nate, ich lieeeebe dich!“, rief die wogende Menge ihm zu.

Obwohl ihm überhaupt nicht danach zumute war, setzte er sein lausbubenhaftes Lächeln auf, ergriff ihm entgegengestreckte Hände, ließ sich für Selfies umarmen und fand sogar einige charmante Worte gegenüber den aufdringlichen Reportern, die ihm ihre Mikrofone unter die Nase rammten.

Innerlich allerdings war er ganz woanders. Er konnte das Bild von Salomé, wie sie mit dem Arzt getanzt hatte, nicht abschütteln. Was dieses für ihn bis dahin unbekannte Gefühl zu bedeuten hatte, darüber wollte er allerdings lieber nicht nachdenken. Fakt war: Diesen Abend hätte er sich anders gewünscht. Ganz anders.

Das unterschwellige Brennen der Eifersucht hielt an, als ihm einfiel, dass seine heutige Begleiterin noch irgendwo sein müsste. In diesem Moment trat Ivana lächelnd nach draußen und hängte sich bei ihm ein. Es hatte schon Vorteile, wenn man einen Profi für eine solche Veranstaltung dabeihatte. Keine Fragen, keine Vorwürfe, keine Diskussionen. Zusammen posierten sie noch eine Weile für die Journalisten und Fotografen, bevor er seinen Fans ein letztes Mal zuwinkte, in seine eigene Limousine stieg und ins Hotel zurückfuhr.

ALLEGRA


Noch bevor Salomé die Haustür zu ihrem Apartment geschlossen hatte, kickte sie gedankenverloren die hohen Schuhe von den schmerzenden Füßen. Mit einem erleichterten Seufzer schaltete sie das Licht an.

„Wurde Zeit, dass du endlich aufkreuzt, du Rumtreiberin!“

Erschrocken fuhr Salomé herum, und sie stieß einen freudigen Schrei aus, als sie erkannte, wer sie da angesprochen hatte.

„Allegra!“

Als sie das schiefe Grinsen ihrer lang vermissten Mitbewohnerin und besten Freundin sah, war Salomés Müdigkeit wie weggeblasen. Blitzschnell lagen sich beide in den Armen und quietschten wie vierjährige Mädchen.

Salomé hatte eine Mitbewohnerin gesucht, weil sie es überdrüssig gewesen war, abends in eine leere Wohnung zu kommen. Diese Rechnung war nicht ganz aufgegangen. Salomé hatte die Bitte ihrer ehemaligen Klassenkameradin Allegra, mit der sie schon auf dem Schweizer Internat innig befreundet gewesen war, ihr ein Zimmer zu vermieten, jedoch nicht abschlagen wollen. In den seltenen Phasen, in denen Allegra in Manhattan war, kam Sonne in Salomés New Yorker Leben. Die beiden Freundinnen redeten dann unablässig, klebten aneinander und genossen das Leben als junge, ungebundene Frauen. Leider waren diese Phasen viel zu selten und meist zu kurz. Wenn Allegra wieder abreiste, kam Salomé ihre Wohnung umso einsamer vor.

„Wer ist hier die Rumtreiberin? Seit wann bist du da? Wo kommst du überhaupt her? Und wie lange kannst du bleiben?“ Erschrocken bemerkte sie, wie mager ihre Freundin geworden war und wie abgekämpft sie wirkte. Einzig das Strahlen der braunen Augen lenkte davon ab, dass selbst Allegras sonst so blonder Lockenkopf stumpf und schlaff am Kopf klebte. Salomés Herz zog sich vor Sorge zusammen.

Allegra erwiderte fest die Umarmung, bevor sie sich aus ihr löste und mit einen anerkennenden Pfiff Salomés Kleid kommentierte. „Die Frage ist doch eher, wo du herkommst, du Schmetterlingswesen?“

Salomé winkte ab.

„Ach, nur von dieser Gala.“

„Gala? Seit wann siehst du zu diesen Events nicht mehr aus wie Sarah Palin?“

Salomé verdrehte die Augen bei Allegras Anspielung auf die erzkonservative amerikanische Politikerin. War ja klar, dass ihrer Freundin nicht entgehen würde, dass sie keine Lust mehr auf ihre amerikanische Kostümierung hatte. Viel zu lange hatte sie sich angepasst. Jetzt hatte sie Lust auf neue, individuellere Wege.

Allegras scharfem Verstand entging selten etwas. Gerade wegen dieser außergewöhnlichen Fähigkeit hatte Salomé mehr als einmal erfolglos versucht, ihr einen hochdotierten Job in ihrer Bank schmackhaft zu machen. Damit hätte sie nicht nur eine fähige Mitarbeiterin gewonnen, sondern auch eine konstant anwesende Mitbewohnerin. Sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Salomé konnte nicht verstehen, weshalb jemand freiwillig das Leben führte, das Allegra sich erwählt hatte. Immer auf Abruf, als Ärztin in Krisen- und Kriegsgebieten dem unaussprechlichen Elend ausgesetzt. Niemals sesshaft sein. Keine Aussicht auf eine dauerhafte Partnerschaft. Für Letzteres war Allegra ohnehin nicht gestrickt. Das hatte nichts damit zu tun, dass sie auf Frauen stand, womit sie ganz offensiv umging. Allegra genügten heiße Affären mit gleichgesinnten Frauen, meistens der Umstände halber Krankenschwestern oder Ärztinnen, von denen sie Salomé in weinschwelgenden Nächten vorschwärmte.

Anfangs war Salomé ein wenig geschockt gewesen, als sie von Allegras sexueller Orientierung erfahren hatte. Sie kannte Allegra schon ewig und hatte sie als beste Freundin ins Herz geschlossen. Erst nach dem Schulabschluss gestand Allegra sich ein, mit Männern nichts anfangen zu können. Sie liebte Frauen. Kaum war der Schalter einmal umgelegt, ging sie umso offener mit ihrer Neigung um. Sie flirtete, was das Zeug hielt. Kurzzeitig befürchtete Salomé, Allegra würde mehr in ihrer Freundschaft sehen. Sie wollte ihre Freundin nicht wegen unerwiderter Liebe verlieren. Allegra hatte – mal wieder – Salomés Gedanken gelesen und lauthals gelacht.

„Zaza, glaub mir, du bist so was von nicht mein Typ!“

Salomé hatte nur erleichtert grinsen können. Mittlerweile wusste sie, dass Allegras Puls bei zierlichen Frauen, die eine gewisse Dominanz ausstrahlten, in die Höhe schnellte.

Fasziniert war Salomé auch davon, dass Allegra ganz uneitel war. Sie war nicht so naiv, zu glauben, dies hinge mit ihrer sexuellen Orientierung zusammen. Sie kannte keine Frau wie Allegra, die so wenig Wert auf Äußerlichkeiten legte. Der es so egal war, ob ihre Augenbrauen gezupft, die Beine rasiert waren, die Bluse farblich zum Rock passte oder die Frau am Restauranttisch nebenan ihr Lachen zu laut fand. Ein Fakt, der Inès’ Blutdruck in die Höhe treiben würde. Schließlich lebte Salomés Mutter seit ihrer Kindheit in einem engen Korsett aus „Manieren und Anstand“ und beschäftigte eine ganze Entourage, die allein für die Pflege ihrer Schönheit zuständig war. Salomé fragte sich oft, wie Inès sich eigentlich verhalten hätte, wenn Philippe und sie nicht so folgsame Musterkinder gewesen wären.

Als Salomé Allegra das erste Mal darauf angesprochen hatte, weshalb diese Äußerlichkeiten so unwichtig für sie seien, hatte Allegra nur die Achseln gezuckt.

„Zaza, wenn du zwei Drittel deines Lebens auf harten Pritschen und ohne fließendes Wasser verbringst und täglich Kinder in deinen Armen sterben, wird dir anderes wichtig.“

So viel Bewunderung Salomé vor Allegras Einsatz an der Menschheit auch empfand, sie selbst konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, sich freiwillig diesem Elend zu stellen. Auch wenn das vollkommen oberflächlich klang. Wenn Allegra erst einmal von riesigen Insekten erzählte, mit denen sie morgens aufwachte, fand Salomé ihren vergleichsweise beschaulichen Job als Bankchefin unglaublich spannend und erfüllend.

Leider war Allegra in letzter Zeit nur noch für Zwischenstopps zu Hause. Sie hatten sich seit Mai nicht gesehen. Wen wunderte es also, dass Salomé in diesem Augenblick unglaublich froh war, ihre vertraute Freundin wiederzuhaben. Wie sehr sie Allegra vermisst hatte! Und genau zur rechten Zeit: Endlich konnte sie mit jemandem über die verwirrenden Gefühle, die dieser Schauspieler in ihr auslöste, reden.

Ihr Gesicht musste ihre Gedanken widergespiegelt haben, denn Allegra zog sie mit einem satten Grinsen ins Wohnzimmer.

„Bevor ich dir auch nur ein Sterbenswörtchen von Nepal erzähle, musst du mir sagen, wie der Kerl heißt, der dir Sterne in die Augen und Schmetterlinge aufs Kleid zaubert.“

Allegra bugsierte Salomé in Richtung Sitzlandschaft und stupste sie in die Kissen. Salomé kicherte und hob abwehrend die Hände. Allegras gespielt strenger Blick machte Leugnen zwecklos.

„Ist ja schon okay. Es gibt gar nicht so viel zu erzählen. Ich habe auf der Sommerparty meines Vaters mit einem netten Mann getanzt, und er ist gerade in New York. Also hat er angerufen, und wir hatten einen netten Abend zusammen.“

„Netter Mann, netter Abend?“ Allegra zog fragend ihre Brauen hoch.

Diese waren so wildwüchsig, dass Salomé einen Moment irritiert innehielt.

„Ja, nur nett.“

Die Miene ihrer Freundin blieb skeptisch.

„Kenne ich ihn?“ Salomé wollte gerade verneinen, als sie stutzte. Nate war immerhin berühmt. Weshalb sollte Allegra ihn nicht kennen?

„Könnte sein“, gab sie daher vage zur Antwort.

„Kannst du es ein bisschen genauer eingrenzen? Er ist also aus Manhattan?“

Salomé schüttelte den Kopf. Unerklärlicherweise war es ihr gerade jetzt furchtbar peinlich, sich ausgerechnet in ein Hollywood-Sexsymbol verknallt zu haben. Oberflächlicher konnte es ja kaum sein.

„Zaz, jetzt sag schon, wir sind doch hier nicht bei ‚Wer bin ich?’“

Nervös zupfte Salomé einen Faden aus einem Sofakissen.

„Also ... vielleicht kennst du ihn sogar. Er ist Schauspieler. Und hat gerade so einen Blockbuster-Highlander-Film im Kino.“

Allegra runzelte nachdenklich die Stirn. Dann erhellte sich ihr Gesicht.

„Du hast dir doch nicht etwa diesen Typen mit dem eingeölten Wahnsinnsoberkörper geschnappt, der auf jedem Plakat in der Stadt hängt und bei dem selbst ich überlege, wieder ans andere Ufer zu wechseln?“ Begeistert schlug sie auf die Sofalehne.

Salomé räusperte sich kleinlaut. Ihr waren diese Plakate erstmals heute Nacht auf der Rückfahrt von der Gala aufgefallen. Wie blind sie gewesen war, Nate auf ihnen nicht erkannt zu haben.

„Ich hab ihn mir nicht geschnappt. Wie ich bereits gesagt habe, wir sind nur einmal ausgegangen. Ein netter Abend, du erinnerst dich? Außerdem hat sich herausgestellt, dass er bereits vergeben ist.“

„Er ist verheiratet?“

Salomé zuckte die Achseln.

„Ich weiß es nicht genau. Er hatte auf jeden Fall eine Frau dabei heute Abend.“

„Ich dachte, du seist mit ihm ausgegangen? Und da hat er eine andere Frau mitgebracht?“ Allegra war verwirrt.

„Nein … ja. Also, gestern ist er mit mir essen gegangen, und ich hatte das Gefühl, er wäre echt an mir interessiert. Ich habe mich gefühlt wie ein Teenager, zittrige Hände, Kribbeln im Bauch, weiche Knie ... das ganze Programm. Dann hat er kurz telefoniert und dabei verliebt ins Telefon gesäuselt, und mir ist klar geworden, dass er sicher eine andere hat. Und heute ist er als Stargast bei der Gala aufgetaucht … mit einer Frau. Die sahen so unglaublich gut aus zusammen, er Schauspieler, sie Model, das perfekte Promipaar eben.“

„Und wie hat er sich dir gegenüber verhalten?“

„Das war die absolute Katastrophe! Er hat sich neben mich gesetzt und sein Bein die ganze Zeit an meines gedrückt. Stell dir vor, seine Freundin sitzt gegenüber und er flirtet mit mir, als wäre sie nicht da! So ein Mistkerl! Und als ich gehen wollte, kam er sogar ohne sie zum Auto gerannt. Aber wir sind sofort weggefahren.“

„Er ist hinter dir hergerannt? Also dann ist er sicher nicht vergeben!“ Allegra sprang begeistert auf. „Ich fasse es nicht. Jahrelang Ebbe in deinem Bett und dann so ein Sahneschnittchen. Zaz, ich hole den nepalesischen Wein, und dann musst du mir alles haarklein erzählen.“

„Ich war nicht mit ihm im Bett.“ Salomé verdrehte die Augen.

„Was nicht ist, kann ja noch werden.“ Allegra verschwand summend in ihrem Zimmer.

„Habe ich dir nicht gerade erzählt, dass er vergeben ist?“, rief Salomé hinterher.

„Papperlapapp!“

Salomé schüttelte lächelnd den Kopf und nutzte die Wartezeit, um die Chanelrobe gegen eine bequeme Jogginghose und einen Schlabberpulli zu tauschen.

Als die beiden Frauen wenig später wieder beim Sofa zusammenfanden, beäugte Salomé misstrauisch die etikettlose Flasche in Allegras Hand.

„Ich wusste gar nicht, dass es in Nepal Wein gibt.“

Allegra grinste über das Ablenkungsmanöver.

„Gibt es eigentlich auch nicht. Also, zumindest nicht da, wo ich war. Man muss nur die richtigen Leute kennen.“ Allegra goss die bernsteinfarbene Flüssigkeit in die Küchengläser. „Cheers! Auf muskelbepackte Sexgötter und wahre Freundinnen auf dem Sofa.“

Salomé grinste über den für Allegra typischen Trinkspruch und stieß an. Nach dem ersten Schluck blieb ihr allerdings die Luft weg.

„Was zum Teufel ist das denn?“, konnte sie gerade noch mit brennendem Hals krächzen.

Allegra lachte wieder schallend. Gott, wie hatte Salomé die ungebändigte Lebensfreude Allegras vermisst.

„Okay, ich geb’s zu: Es ist eher Schnaps als Wein. Und vielleicht auf einer Basis vergorener Ziegenmilch. Aber er wärmt und desinfiziert. Vor allem, wenn man nach einem Erdbeben zwischen Schuttbergen hausen muss, ist das mehr als praktisch.“ Einen Moment runzelte Allegra die Stirn und war auf einmal innerlich sehr weit weg.

Salomé brannten die Fragen auf der Zunge, wie vorher der Schnaps. Aber heute Abend war nicht der geeignete Moment, Allegra über das Elend auszuhorchen, das sie erlebt hatte. Erfahrungsgemäß würden die kommenden Tage einzelne Informationshappen von ihr kommen.

Salomé stellte das Glas beiseite und dachte sehnsüchtig an den Champagner, den sie vor nicht mal einer Stunde auf der Gala zu sich genommen hatte. Womit sich ihre Gedanken wieder auf Nate konzentrierten. Wie klug seine Ansprache gewesen war. Seine Ausstrahlung ließ auch sie nicht kalt: diese Mischung aus Mann und Charmeur, Stärke und Humor. Und diese samtene Stimme mit dem schottischen Akzent. Und wie sexy sein muskulöser Körper in dem edlen Smoking ausgesehen hatte. Und wie er roch.

Ihr wurde ganz flau bei der Erinnerung daran. Sie gestand sich ein: Sie war genauso verrückt nach ihm wie die anderen Frauen. Wie gerne sie mit ihm getanzt hätte. Aber er war doch vergeben! Sie musste sich ihn aus dem Kopf schlagen.

Allegra hatte sich wieder gefangen. Sie unterbrach Salomés Tagträume, indem sie die Hände laut zusammenschlug.

„Hallo, hier bin ich. Jetzt schieß endlich los! Wie hast du ihn noch mal kennengelernt?“

Als Salomé Stunden später etwas schwindelig in ihrem Bett lag, grübelte sie über Allegras Ratschläge nach. Typisch Allegra, hatte diese ihr geraten, den Stier bei den Hörnern zu packen.

„Man lebt nur einmal und das nur sehr kurz. Du triffst dich noch mal mit ihm und fragst einfach, wer diese Frau war, mit der er telefoniert hat und was er mit dem Model am Laufen hat. Dann hast du wenigstens was getan. So passiv kenne ich dich gar nicht. Tz, tz. Wird Zeit, dass ich mal wieder in deinem Leben aufräume.“

Wie froh Salomé war, dass Allegra ihr den Kopf zurechtgerückt hatte. Mit einem Mal schien alles möglich. Sie knuffte ihr Kopfkissen und sank in unruhigen Schlummer.


„Hey, Bigmouth, lebst du noch? Dachte schon, weibliche Fans haben dich als Sexsklaven verschleppt “, fragte Sean in seiner direkten Art.

Nate hatte ihn vermisst. War es wirklich schon Wochen her, dass er mit seinem besten Freund telefoniert hatte?

„Ja, sorry. Strengt halt an, wenn jede Nacht drei Frauen befriedigt werden wollen. Und dann noch tagsüber die lästigen Dreharbeiten. Da bleibt keine Zeit zum Telefonieren mit schottischen Schafhirten.“ Er liebte das Geplänkel mit Sean.

Es tat gut, dessen Lachen so nah bei sich zu hören, obwohl dieser am anderen Ende der Welt saß. Sean wusste, dass Nate kein Typ für einen One-Night-Stand war. Schon gar nicht, seit es Liz gab. Er gehörte zu den wenigen Menschen, denen Nate voll vertraute.

„Jetzt mal ehrlich, wie geht es dir?“

„Wie man’s nimmt. Durch die Premiere von Highlander-Resurrection bin ich für die Öffentlichkeit wohl noch interessanter geworden. Meine Agentin hat mir jetzt sogar einen persönlichen Leibwächter verordnet. Leo ist beeindruckend. Er hat mich heute Morgen vom Privatjet abgeholt und steht seitdem vor meiner Tür.“

Seans Grinsen am anderen Ende der Leitung war fast hörbar. Nate wusste, dass Sean es nicht lassen konnte, weiter zu sticheln.

„Bigmouth hat also einen Babysitter bekommen. Wie rührend. Meinst du, er wird dich auch in den Schlaf singen?“ Sean konnte sich kaum mehr halten vor Lachen.

Nate gab ein grunzendes Geräusch von sich, ging aber nicht auf ihn ein.

„Zu deiner Frage: Alles ist immer noch sehr faszinierend. Ich hetze von Talkshow zu Pressetermin. Gestern wurde mir ein Amandas-Secrets-Model als Begleitung aufgedrückt, und ich musste mit zwei Dutzend Omas auf einer Gala tanzen, während mir die einzig aufregende Frau im Saal von Ferne zuwinkte. Das war ungefähr so wie im Traum, wenn man durch zähe Masse läuft und nicht zu seinem Ziel kommt.“

„Also, wenn du mal keinen Bock mehr auf den Job als Hollywoodstar hast, übernehme ich gerne. Schließlich verdienst du mit einem Film so viel wie unsereiner in zehn Jahren nicht. Und ein Topmodel als Begleitung – darüber kannst auch nur du dich beschweren. Welches denn eigentlich? Die Blonde mit dem Bauchnabelpiercing?“

„Also sie war brünett. Ivana irgendwas.“

„Doch nicht etwa die Kalinka!“

„Ja, mag sein. Ist mir egal. Ich habe kaum drei Sätze mit ihr gewechselt.“ Nate ignorierte Seans Stöhnen. „Ich hätte jedenfalls nicht gedacht, dass berühmt sein so einsam macht.“

Einen Moment war es still in der Leitung. Nate war verblüfft, wie automatisch dieser Satz über seine Lippen gekommen war. Fühlte er sich wirklich einsam? Er räusperte sich.

„Aufregende Frau, eh?“

Nate seufzte. War ja klar, dass Sean zu gut zugehört hatte. Er war ihm trotzdem dankbar, dass er seine letzte Bemerkung überging. Nate fuhr sich durch die Haare.

„Ja, sehr aufregend.“

„Aus New York?“

„Wie man’s nimmt. Das erste Mal habe ich sie vergangene Woche in Südfrankreich gesehen. Dort haben wir uns kennengelernt und zusammen getanzt.“

„Und was macht die auf einer Gala in New York mit lauter Omas?“

Nate schnaubte belustigt.

„Sie ist die Tochter einer Schweizer Bankiersfamilie und leitet die New Yorker Filiale. Die Bank war Schirmherrin der Gala.“

Sean pfiff anerkennend.

„Bankierstochter. Klingt nach ziemlich großer und kluger Nummer.“

Nate hörte leise Glas klirren. Er kannte Sean so gut, dass er wusste, dieser goss sich gerade ein Glas Whisky ein. Ein Blick auf seine Armbanduhr sagte ihm, dass es in Schottland schon Abend war, während hier in L. A. gerade mal der Vormittag begann.

„Ja, klug ist sie. Leider so klug, dass sie sich instinktiv von mir fernhält. Das Schlimmste kam zum Schluss. Ich sah, wie sie die Gala verlässt, und bin schreiend hinter ihr hergerannt. Am Auto hat sie mich dann kalt abserviert. Und die Presse mutierte zu einer blutrünstigen Bestie. Es war grausam, so stehen gelassen zu werden.“

Nate klemmte den Hörer zwischen Kinn und Schultern und goss sich ebenfalls ein Glas Whisky ein. Warum nicht? Heute war weder Leseprobe noch Kampftraining. Auch Cary war kein Termin vor die Flinte gekommen, den sie ihm noch schnell hätte aufdrücken können. Selbst Liz war bis zum Abend bei einer Freundin. Nate hatte also ausnahmsweise mal frei.

Dieser Zustand war so ungewohnt, dass er zunächst nichts mit sich hatte anfangen können. Seltsam aufgeputscht war er durch seine Villa gestreift. Er hätte natürlich eines der drei Drehbücher lesen können, wie Cary es ihm schon seit Wochen ans Herz legte. Aber er griff lieber zum Telefon, um seiner alten Heimat ein Stück näher zu sein. Eine gute Entscheidung. Trotz der wenigen Worte und der Entfernung von Tausenden von Kilometern fühlte sich Nate seinem Freund sehr nah. Wie es aussah, würde er mit ihm über die verwirrenden Gefühle sprechen können, die Salomé in ihm auslöste.

„Sie hält sich fern von Bigmouth Nate Hamilton?“ Seans lachender Bass schallte wieder durch den Hörer.

Nate ließ die bernsteinfarbene Flüssigkeit im Glas um die Eiswürfel kreisen.

„Sláinte!“

„Sláinte.“ Nate prostete dem leeren Wohnraum zu und nahm den ersten Schluck.

„Und was genau an ihr ist so aufregend, das die Zigtausend Frauen, die dich zukreischen, nicht haben?“

Nate zögerte einen Moment. Konnte er Salomé in Worte fassen?

„Zunächst einmal: Sie kreischt nicht.“

„Aha, womit das mal wieder bewiesen wäre.“

„Bewiesen?“

„Na, dass man die Dinge – und Frauen – begehrt, die schwer zu haben sind. Und weiter?“

„Sie ... ist ... es ist schwer zu erklären. Es ist nicht nur ihr Aussehen, obwohl das schon atemberaubend ist. Sie ist charmant, unaufgeregt, ungefiltert. Wenn sie lächelt, ist mein Gehirn wie leergefegt, und ich ... bin auf elementare Körperfunktionen reduziert.“

„Körperfunktionen, so?“

„Also was ich meine: Ich vergesse, wer und was ich bin. Ich bin nicht Nate der Superstar. Ich bin einfach nur ein Mann. Und ich will sie. Ich möchte sie in meine Höhle verschleppen und jedem anderen Mann, der sie auch nur ansieht, mit einem Holzknüppel eins über die Rübe ziehen. Klingt dämlich, ist aber so!“

Nate grinste, als er Seans Husten am anderen Ende der Leitung hörte. „Verträgst du keinen Whisky mehr?“

Sean japste und klärte seinen Hals.

„Sorry, das wäre dir auch passiert, wenn ich mein Steinzeit-Ego vor dir ausgebreitet hätte. Höhle. Mannomann! Dich hat es anscheinend wirklich erwischt.“

„Scheint so.“ Nate sah sein schiefes Grinsen in der verschwommenen Spiegelung der Fensterscheibe.

„Warum hält sie sich von dir fern? Bist du im Fred-Feuerstein-Kostüm vor ihr rumgetanzt?“

Jetzt war es an Nate, vor Lachen den Whisky zu verschütten.

„Nicht ganz. Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Unglaublich, aber sie hat tatsächlich nicht gewusst, wer ich bin.“

„Wieso kannte sie dich nicht? Lag sie in letzter Zeit im Koma?“

Nate lachte wieder. Einfach, weil es so guttat. Dieses Telefonat mit Sean war Balsam für seine Seele.

„So in etwa. Sie interessiert sich halt nicht für diese Themen. Sie kennt eher die Börsenmeldungen. Klingt langweilig, ist sie aber nicht. Das habe ich an dem Abend in Frankreich gemerkt.“

„Du Armer. Das war sicher ein herber Schlag für dein Ego?“

„Nein, im Gegenteil. Du kannst dir nicht vorstellen, wie aufgeregt ich war. Endlich mal wieder ein Mädchen, das ich ohne diesen Hype kennenlernen durfte.“

„Wie hat sie reagiert, als du es ihr gesagt hast?“

„Also, ich habe es ihr nicht direkt gesagt.“

„Sondern?“

Nate seufzte. „Ich wusste nicht, dass sie auch auf dieser Gala sein würde, auf der ich als Stargast geladen war und mit einer anderen Frau aufgetaucht bin. Sie kann ja nicht wissen, dass ich diese Frau gar nicht gut kenne. Ihr Blick hat mehr als tausend Worte gesagt. Ich wollte mit ihr tanzen und ihr alles erklären, aber es hat sich einfach nicht ergeben.“

„Wow. Und seitdem ist sie wütend auf dich. Verstehe ich irgendwie.“

Nachdenklich nahm Nate noch einen Schluck.

„Nein. Also ja, ich nehme an, dass sie es nicht so prickelnd fand, es so herauszufinden. Sie ist halt eine stolze Frau. Ich denke, das bekomme ich schon hin. Eigentlich war sie schon am Abend davor bei unserem Date von einem Moment auf den anderen merkwürdig zurückhaltend.“

„Was hast du zu ihr gesagt? Lass uns in meiner Höhle vögeln gehen?“

Nate verdrehte die Augen.

„Sean, der Witz ist langsam durch! Unsinn. Wir waren noch bei Colin. Er hatte eine Ausstellungseröffnung. Ich habe kurz mit Liz telefoniert. In der Zeit hat Colin sie rumgeführt und ihr die Ausstellung gezeigt. Danach war sie wie ausgewechselt. Ich hatte das Gefühl, sie wollte mich so schnell wie möglich loswerden.“ Nate ging im Geiste den Abend durch.

„Vielleicht hat Colin etwas über dich zu ihr gesagt, und sie war da schon sauer, dass du ihr nicht erzählt hast, wer oder was du bist?“

„Ich habe ihn direkt am nächsten Morgen angerufen. Er behauptet, nein. Vor allem hat er wohl kein Wort über mich als Filmstar verloren. Sie hätten angeblich nur über Kunst und Salomés Mutter geredet. Vielleicht kann er sich nur nicht so gut erinnern. Er hatte ordentlich einen sitzen.“

„Und wenn du sie einfach fragst? Dann kannst du dich auch entschuldigen, dass du ihr nicht gleich gesagt hast, sie könne sich in der Schlange der Verehrerinnen hinten anstellen.“

„Unglaublich witzig, Sean“, knurrte Nate in Seans ausgelassenes Gelächter.

„Hat die Lassie auch einen Namen?“

„Der ist sehr außergewöhnlich – wie sie selbst. Sie heißt Salomé.“

Sean schnaubte durch den Hörer.

„Dann nimm dich umso mehr in Acht. Du weißt schon, dass einst eine Salomé sehr blutrünstig war und den Kopf ihres Geliebten auf einem Silbertablett forderte.“

„Kann das sein, dass du irgendeinen Scherzdrops in deinem Glas hast?“

„Nein, das meine ich todernst. Ich will nicht klingen wie deine Agentin. Aber überlege selbst, ob das gerade der beste Zeitpunkt ist, sich zu verlieben. Sieh ihr Desinteresse als ein Zeichen. Es ist wahrscheinlich besser so, Nate. Viel Zeit wirst du die nächsten Monate nicht haben. Und an Liz brauche ich dich auch nicht erst zu erinnern.“

Nate starrte gedankenverloren durch die großen Wohnzimmerscheiben in den makellos gepflegten Garten.

„Ja, da hast du wohl recht. Ich sollte mich von ihr fernhalten.“ Nate legte den Kopf nach hinten und kippte den letzten Schluck Whisky in seinen Rachen.


Der Morgen nach der Gala – ein Sonntag – begann traumhaft. Salomé liebte das gemütliche Beisammensein mit Allegra am überladenen Frühstückstisch. Wie ein eingespieltes Ehepaar las jede konzentriert die New York Times. In einträchtigem Schweigen schenkten sie sich wechselseitig Kaffee ein oder reichten einander Zeitungsrubriken. Allegra quittierte Salomés ungewohnte Frage nach dem Kulturteil mit neugierig hochgezogenen Brauen, bevor sie ihr diesen reichte.

Salomé hätte diese Frühstücke stundenlang ausdehnen können. Diese häusliche Stimmung beruhigte ihre Nerven und ihr aufgewühltes Herz. Die Idylle wurde diesmal allerdings durch ihr Smartphone unterbrochen, das im regelmäßigen Takt durch eine kurze Tonfolge eingehende Nachrichten anzeigte. Salomé hatte diese, so gut es ging, bisher ignoriert und seelenruhig weiter Kaffee geschlürft. Als wieder ein Jingle eine neue Nachricht ankündigte, wurde Allegra zappelig.

„Da möchte jemand dringend mit dir kommunizieren.“

Salomé blickte von ihrem Artikel auf und zuckte nur die Schultern.

„Wie hältst du das nur aus, Zaza? Selbst ich sterbe vor Neugier, wer das ist. Meinst du, das ist dein Hollywood-Beau?“ Mit den für sie üblichen weit ausholenden Gesten erreichte sie endlich Salomés Aufmerksamkeit.

„Ja und? Ich kann das doch später lesen. So wichtig wird es schon nicht sein.“

„Und wenn er in Gefahr ist?“

Salomé schnaubte abfällig. „Gefahr? Wir sind doch nicht im Dschungel.“

„Es könnte doch sein.“

„Höchstens, weil eine Horde notgeiler Teenies und sensationshungriger Reporter hinter ihm her ist.“

Allegra lachte laut. „Ja eben. Da ist es deine Pflicht, ihn zu retten.“

„Meine Pflicht ist gar nix. Du kannst dir nicht vorstellen, wie nervig das Leben als Promi ist. Ich dachte ja schon immer, die de Bertrands hätten es schwer mit der Klatschpresse Südfrankreichs. Aber das Spalier von weiblichen Fans, die gestern vor dem Veranstaltungsort der Gala standen und kreischten, war beängstigend.“ Sie starrte einen Moment auf den Tisch.

„Diese Frauen sind so hemmungslos, Allegra. Die lynchen eine Nebenbuhlerin doch glatt.“

„Apropos: hemmungslos. Ebensolcher Sex mit diesem Astralkörper würde doch schon reichen, oder etwa nicht? Wer sagt denn, dass es was Ernsthaftes sein muss?“

Salomé zögerte einen verräterischen Moment zu lange mit einer Antwort. Allegra neigte sich ungläubig vor.

„Jetzt sag nicht, du empfindest was für ihn und willst mehr?“

Salomé verzog ihr Gesicht und nahm einen Schluck aus der Kaffeetasse, ohne auf Allegras Frage einzugehen. Diese ließ sich verblüfft im Stuhl zurückfallen.

„Ich glaub es ja nicht. Du bist verknallt, vielleicht sogar mehr. Und das, ohne mit ihm im Bett gewesen zu sein.“

„Allegra. Ich. Bin. Nicht. Verknallt.“ Jetzt hielt es Salomé nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie raffte die Zeitung zusammen und leerte verärgert ihre Tasse in den Ausguss. Als sie zu Allegra blickte, hatte diese die Arme vor der Brust verschränkt und sah sie abwartend an. Salomé hob resigniert die Arme.

„Ich weiß ja auch nicht. Okay, er ist toll. Das denken Zigtausend andere Frauen außer mir ebenfalls. Das macht es kompliziert, verstanden? Ich habe im Moment keine Zeit dafür. Und erst recht keine Lust, mit den ganzen hysterischen Fans zu konkurrieren. Und es sind ja nicht nur Fans. Du solltest mal die Fotos von Partys sehen. Ständig posiert er neben einem klapperdürren Model. Und erst diese Kalinkakalinka! Neben der sehe ich aus wie Aschenputtel. Nenn mir einen Grund, weshalb er da ausgerechnet was Ernsthaftes mit mir anfangen sollte?“

„Die Frage meinst du jetzt nicht ernst? Zaz, du bist eine der schönsten, interessantesten, warmherzigsten und smartesten Frauen, die ich kenne.“

Salomé lächelte schief bei der Fülle an Komplimenten.

„Okay, das ‚smart‘ muss ich gerade noch mal überdenken. Vielleicht ist er einsam und auf der Suche nach der wahren Liebe? Das wär doch dann was für dich, Zaz.“

Abwehrend hob Salomé die Hände.

„Trotzdem. Ich habe einen Ruf zu verlieren. Mein Vater würde es nicht gutheißen, wenn seine Tochter als aktuelle Flamme eines Sexsymbols durch die Regenbogenpresse geistert. Lass einfach gut sein und uns lieber planen, was heute noch läuft. Wir können in den Park und anschließend in die Nachmittagsvorstellung ins Kino. Was hältst du davon?“

„Au ja, da gibt es diesen Highlander-Film, den ich unbedingt sehen muss.“

Salomé warf das Geschirrtuch nach Allegra, die quiekend aus der Küche floh.

In diesem Moment surrte ihr Smartphone erneut. Sie kapitulierte und las die eingegangenen Nachrichten. Mit leisem Bedauern stellte Salomé fest, dass keine einzige Nachricht von Nate war. Sie hatte ihm durch ihr Verhalten wohl erfolgreich klargemacht, dass da nichts zwischen ihnen laufen würde. Genauso, wie sie es wollte, oder?

Neben fünf Nachrichten von neugierigen Familienmitgliedern, darunter Julia, die anscheinend im Internet eines der gestern Abend geschossenen Bilder von Nate und ihr gefunden hatten, war eine Meldung von Keira dabei, die ihr Anrufe mehrerer Verwandten ausrichtete.

Salomé verzog das Gesicht. Das grenzte ja an Stalking! Eine weitere Nachricht war von einem Dr. Tigran Hagopian. Salomé stutzte. War das nicht der armenische Preisträger, mit dem sie sich gestern so angeregt unterhalten hatte? Sie hatten sogar getanzt. Obwohl Salomé dabei hauptsächlich damit beschäftigt gewesen war, Nate zu beobachten, der die Damen souverän übers Parkett geführt hatte. Dr. Hagopian bat dringend um Rückruf. Was er wohl wollte? Vielleicht fand er den Tower zu klobig und wollte ihn zurückgeben? Schmunzelnd legte Salomé ihr Smartphone beiseite.

Erst einmal fuhr sie den Laptop hoch und öffnete den Link zu einer der Klatschseiten, den ihr Keira geschickt hatte. Das Bild, das sich öffnete, ließ ihr Herz bis zum Hals klopfen. Sie und Nate in voller Gala-Montur. Die Fotografen hatten das Bild so beschnitten, dass Howard Bench und der armenische Arzt nicht zu sehen waren und es anmutete, als hätten Nate und sie nicht nur zufällig nebeneinandergestanden. War es überhaupt Zufall gewesen?

Je mehr Salomé darüber nachdachte, desto unsicherer wurde sie. Ihr Blick heftete sich auf das Foto. Nate sah so gut aus. Es war deutlich erkennbar, dass seine Hand auf ihrem Rückendekolleté ruhte. Er hatte seinen Kopf zu ihr hingeneigt, und ein verträumtes Lächeln lag auf seinen Lippen. Direkt daneben prangte ein Bild von Nate mit dem Model, einander zugewandt und professionell in die Kamera lächelnd. Kein Wunder, dass dies die Journalisten zu der Unterschrift „Sexiest man alive unersättlich?“ inspiriert hatte.

Die nächsten Fotos verschlugen Salomé kurzzeitig die Sprache: Eine Bilderfolge zeigte Nate, wie er vom Eingang des Gebäudes, in dem die Gala stattgefunden hatte, zu ihrem Auto gerannt kam und sie ihm ihre Hand entzog, die aus dem Fenster hing. Die Nahaufnahme zeigte einen verzweifelt blickenden Nate, der an ihrer Hand zerrte. Das durfte ja nicht wahr sein!

Die Bildunterschrift sagte alles: „Der Highlander verliebt!“

Salomé, die den Umgang mit solch freien Interpretationen der Klatschpresse eigentlich gewohnt war, schluckte trocken. Zugegeben, sie und Nate wirkten auf dem ersten Bild sehr harmonisch. Weshalb nur war er ihr nach draußen gefolgt? Er wusste doch, dass die Pressehyänen dort lauerten. Und wo um alles in der Welt war die Kalinkaka?

Ihr Blick heftete sich abermals an seinen Gesichtsausdruck auf dem letzten Bild. Warum bloß hatte Nate sie so angeschaut? War er vielleicht tatsächlich in sie verliebt? Auf dem anderen Foto lächelte er eine andere Frau an. Er spielte einfach eine Rolle. Oh, Gott, das war zum Verrücktwerden!

Ein anerkennender Pfiff riss Salomé aus ihren Träumen.

„Wow. Also wenn der nicht auf dich steht!“, merkte Allegra in ihrer unverblümten Art an, während sie Salomé über die Schulter blickte. Hastig klappte Salomé den Laptop zu und versuchte, ihre Aufregung zu überspielen.

„Egal. Sollen wir los?“

Allegra lachte wieder schallend.

Der Nachmittag war zu schön, um ihn im Kino zu verbringen, und so schlenderten die beiden Freundinnen durchs spätsommerliche New York. Allegra lauschte Salomés Erzählungen von den Geschehnissen auf Mirabel, wie auch Salomé mit zunehmender Ergriffenheit Allegras Berichten von ihrer Arbeit im Erdbebengebiet zuhörte. Sie gönnten sich Hotdogs mit Relish und Sauerkraut an einem der Straßenstände und schlürften jede einen großen Cappuccino-to-go auf den Stufen des Metropolitan-Museums, während sie die zum Central Park vorbeihastenden Menschen kommentierten. Es war ein perfekter Nachmittag in Manhattan.

Als sich beide am frühen Abend wieder ihrem Apartmenthaus näherten, wartete bereits eine Meute Fotografen auf sie.

„Salomé! Miss de Bertrand! Wie haben Sie Nate kennengelernt?“, stürmten die Fragen auf sie ein.

„Oh, nein. Die sind wegen des Fotos mit Nate hier.“ Salomés schaute Allegra entschuldigend an.

Für eine Flucht war es zu spät. Allegra genoss allerdings den Trubel, zog Salomé an ihre Seite und posierte vor den Fotografen.

„Salomé! Hierher. Zu mir. Ist Nate wirklich in Sie verliebt?“

„In diese Frau kann man nur verliebt sein. Vergessen Sie nicht zu schreiben, dass der Erlös aus den Fotos den Erdbebenopfern in Nepal zugutekommt!“, rief Allegra den irritierten Paparazzi zu.

Salomé musste kichern. Gut gelaunt entkamen sie dem Trubel und winkten Conrad im Vorbeirauschen zu, bevor dieser auch nur eine Frage stellen konnte.

Zu Salomés Erleichterung warteten am nächsten Morgen nur noch ein paar versprengte Paparazzi vor ihrem Haus und dem Bürogebäude, die sich damit zu begnügen schienen, sie nur abzulichten.

Allegra textete vormittags begeistert, dass die meisten Zeitschriften im Zusammenhang mit dem Foto zu Spenden für die Erdbebenopfer aufriefen. Salomé rief die entsprechenden Seiten auf und tatsächlich: Sogar Salomés Engagement in diversen anderen Bereichen wurde lobend erwähnt. So hat die Sache doch noch etwas Gutes, stellte Salomé fest. Sie war dennoch erleichtert, dass die Aufregung um ihre Person in den nächsten Tagen abflaute.

Doch die Ruhe war trügerisch.

„Nennen Sie mich bitte Tigran.“

Salomé blickte in die schokoladenbraunen Augen und musste zugeben, dass der armenische Arzt die Kunst des Flirtens vollendet beherrschte. Sie hatte Dr. Hagopians beharrlichem Werben nach ein paar Tagen nachgegeben und sich mit ihm zu einem Dinner verabredet. Tigran hatte sie in ein versteckt gelegenes armenisches Restaurant an der Lower East Side entführt. Salomé war nicht nur überrascht von den unbekannten, köstlichen Speisen, sondern auch darüber, dass sie sich keine einzige Sekunde in seiner Gegenwart langweilte. Tigran verstand es, in intelligenter, spritziger Art von seinem Leben zu erzählen, und war erfreut, dass Salomé durch ihr Engagement in der Stiftung, aber auch durch Allegras Berichte eine ebenbürtige Gesprächspartnerin war.

Als sie das Restaurant verließen, legte Tigran seine Hand auf Salomés Rücken und führte sie nach draußen. Die Berührung war nicht unangenehm. Kaum hatte Salomé einen Schritt vor die Tür gemacht, ging ein Blitzlichtgewitter auf das Paar los. Instinktiv nahm Tigran Salomé in den Arm und zog sie schützend an sich.

„Salomé. Was ist mit Nate?“

„Salomé, wer ist der neue Lover?“

„Salomé, bringt Nate es nicht?“

Bevor Tigran sie in ein rasch herbeigerufenes Taxi bugsieren konnte, prasselten diese Fragen in sämtlichen Variationen auf sie nieder. Eine Weile fuhren sie schweigend durch New York. Salomé musste den Schock über diesen unerwarteten Ansturm erst einmal verarbeiten.

„Es tut mir leid. Damit habe ich nicht gerechnet. Danke für deine Hilfe.“ Sie legte ihre Hand auf Tigrans Arm.

Der Arzt hatte nachdenklich aus dem Fenster gestarrt. Er wandte sich ihr zu. „Wer ist Nate?“

Salomé vergrub das Gesicht in ihren Händen und stöhnte auf.

„Es ist nichts mit Nate. Das wünschen die sich nur.“

„Doch nicht etwa Nate Hamilton?“

Salomé nickte.

„Es gab einige Fotos von der Gala in der Presse.“

Selbst im spärlichen Licht, das im Taxi herrschte, konnte sie bemerken, wie sich Tigrans Gesichtsausdruck veränderte. Unvermittelt schnalzte er mit der Zunge.

„Salomé. Du bist eine sehr schöne Frau. Aber bitte versteh: Ich bin Armenier.“

Salomé hob fragend die Augenbrauen.

„Ich kann mir in meinem Privatleben keinen Skandal erlauben.“

„Skandal?“

Tigran machte eine unwirsche Handbewegung. „Egal, ob du wirklich etwas mit diesem Nate hast. Allein der Eindruck, ich ginge mit einer Frau aus, die eine Liaison mit einem Hollywoodstar hat, schadet meinem Ruf.“

Salomé war so verblüfft, dass ihr noch nicht mal ein ungläubiges Schnauben gelang. Sie atmete tief durch. Was sollte das? Glaubte dieser Mann etwa, sie habe es nötig, sich seine Moralpredigt anzuhören?

„Ich verstehe“, antwortete sie nur knapp, obwohl sie überhaupt nichts mehr verstand. Soeben beim Dinner war er ihr als weltoffener, gebildeter und moderner Mann erschienen – und nun so ein Steinzeitverhalten.

Tigran nickte erleichtert und wies den Taxifahrer an, zu Salomés Apartmenthaus zu fahren. Im Verlauf der weiteren Fahrt sprach keiner mehr ein Wort. Mit einem unterkühlten Nicken verabschiedeten sie sich voneinander. Im Aufzug nach oben kam endlich das ungläubige Schnauben aus Salomés Kehle, das sich in herzhaftes Lachen ausweitete. Sie war durch das Wechselbad der Gefühle so überspannt, dass sie immer noch kicherte, als sie die Haustür aufschloss. Allegra, die in Bademantel und Socken vor dem Fernseher saß, musste ein paar Minuten warten, bis ihre Freundin sich so weit gefangen hatte, um alles zu erzählen.


Nate schaute regungslos in Carys triumphierendes Gesicht. Die kleine Frau, auch heute in einem grauen Businesskostüm mit flachen Schuhen, hatte sich vor ihm aufgebaut.

„Hab ich’s dir nicht gesagt? Die Dame war wohl eine Nummer zu groß für dich!“ Cary fuhr sich durch das kinnlange schwarze Haar. Ihre grünen Augen blitzten ihn durch die Gläser ihrer großen Nerdbrille an.

Nate konnte nicht antworten. Hinter seiner Stirn ratterte es. Stirnrunzelnd betrachtete er wieder die Bilder auf der Homepage der You Know?, eine von mehreren Klatschzeitungen, die die Story heute als großen Aufmacher hatten. Er unterdrückte den Impuls, Cary das Tablet aus der Hand zu schlagen. Das unterschwellige Gefühl der Eifersucht, das seit der Gala in ihm geschlummert hatte, schwappte heiß seine Kehle hoch.

Das linke Bild zeigte eine beschwingte Salomé, die vor einem charmant grinsenden Dr. Hagopian, der vertraulich seine Hand an ihren Rücken gelegt hatte, ein Restaurant verließ. Im Bild daneben schmiegte sich Salomé in die Arme ihres Kavaliers.

Die letzten Tage waren immer wieder Schnappschüsse von Salomé in der Klatschpresse aufgetaucht. Das erste bildete sie zusammen mit einer sich sehr ungezwungen gebenden, blond gelockten Frau ab. Weitere Aufnahmen zeigten sie beim Betreten der Bank oder vor ihrem Fitnessstudio. Nate konnte nicht leugnen, dass ihn jedes Mal ein wohliger Schauer durchrieselte, wenn er die dazugehörigen Unterschriften studierte: „Nates schöne Freundin“ oder „Sie hat sich Nate geschnappt“.

„Schön wär’s.“ Er unterdrückte ein Seufzen.

Nachdem das Date in New York so danebengegangen war, hatte er durch diese Klatschmeldungen wenigstens ein bisschen Anteil an ihrem Alltag. Bislang hatte er sich zurückgehalten, sie noch einmal zu kontaktieren. Er redete sich ein, es wäre besser so. Selbst Sean hatte das gesagt. Außerdem verdiente eine Frau wie Salomé es, ausgiebig umworben und nicht als Termin dazwischengequetscht zu werden. Wie sollte er das anstellen, wenn seine Tage von Cary minutiös durchgeplant waren? Besser nach dem Dreh.

Das heutige Bild allerdings brachte diesen Entschluss ins Wanken. Panik wallte in ihm auf. Was, wenn dieser Arzt sie ihm wegschnappte?

Nates Blick fror an Salomés entspanntem Gesicht auf der ersten Abbildung fest. Wie unglaublich gut sie aussah! Sie hatte diese hoheitsvolle Aura, die von ihrer geraden Haltung und eleganten Kleidung unterstrichen wurde. Ihre funkelnden Augen und ihr lachender Mund bildeten die herzliche Nuance, die das Gesamtbild abrundete. Nate atmete tief ein. Sie war perfekt. Perfekt für ihn. Er vermisste sie so sehr.

Es war anhand der Aufnahme schwer zu sagen, was sie für diesen Arzt empfand. Sie wirkte auf jeden Fall glücklich. Vielleicht war es schon zu spät? Seine Kiefermuskeln spannten sich an, als er cool Carys Blick begegnete.

„Ach, Cary. Du weißt doch, wie solche Fotos zustande kommen. Das heißt doch gar nichts.“ Nate war selbst erstaunt, wie gekonnt gelangweilt sein Tonfall klang. Das war echt oscarreif.

Irritiert ließ Cary das Tablet sinken.

„Hast du die Schlagzeile gesehen? „Nate war gestern.“ Wie sollen wir das nur geradebiegen? Wo du gerade auf der Liste der einflussreichsten Männer im Filmbusiness auf Platz zweiundzwanzig stehst. Du sackst garantiert ab durch diese Geschichte.“

Carys Mund wirkte verkniffen. Ein untrügliches Zeichen, dass sie mit ihrem Latein am Ende war. In Nate, dem es herzlich egal war, welchen Platz in welchem Ranking er belegte, solange er auf Salomés Platz eins stand, regte sich Kampfgeist. Er musste handeln und nicht abwarten. Jetzt sofort!

„Ganz einfach. Wir beweisen der Welt, dass ich nicht gestern war! Organisiere einen Flug nach New York!“

FRANZÖSISCHHHHHH


Die Hitze in ihrem Inneren wurde unerträglich. Schweißperlen sammelten sich zu Rinnsalen zwischen ihren Brüsten, die rhythmisch auf und ab hüpften. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, und der Atem kam stoßweise. Lange würde sie dieses Tempo nicht mehr durchhalten. Ihre Beine begannen zu zittern. Sie stöhnte und verlangsamte den Rhythmus. Vergeblich fischte sie mit der freien Hand nach ihrem Handtuch. Sie erspähte es auf dem Boden. Unerreichbar.

Rigoros drückte sie den roten Stopp-Button.

Welcher Teufel hatte sie nur geritten, das Advanced-Hiking-Program-Plus auf dem Stepper einzuschalten? Immer noch nach Luft schnappend, beugte sie sich einen Moment vornüber, um ihren Körper zu beruhigen.

Eine Hand kam in ihr Blickfeld. Eindeutig männlich. Die Hand hielt ihr das Handtuch hin. Vage fühlte Salomé sich an den letzten Sommer erinnert, als wechselnde Verehrer ihrer Freundin Julia nach ihrem morgendlichen Schwimmtraining ebenfalls das Handtuch gereicht hatten. Auf Anmache, vor allem hier im Fitnessstudio, hatte sie keine Lust.

Salomé richtete sich auf und hatte bereits einen Spruch auf der Zunge, der ihrem Gegenüber garantiert verdeutlichen würde, dass sie nicht interessiert war, als ihr Herz vor ihrem Verstand begriff, wer da vor ihr stand. Es pochte so stark, dass Salomé zu ersticken drohte. Nate!

„Woher weißt du, dass ich hier bin?“, keuchte sie, entwaffnet von seinem Anblick, während sie automatisch das Tuch entgegennahm und sich geistesabwesend das Dekolleté abtupfte.

Nate heftete seinen Blick hungrig auf ihre schweißglänzende Haut und räusperte sich.

„War nicht schwer. Ich musste mir nur aufmerksam die Bilder von dir im Internet anschauen. Eins davon zeigte dich vor diesem exklusiven Studio.“

Salomé verzog gequält das Gesicht. Diese Fotos! Im Büro hatte man sie bereits darauf angesprochen. Auf den alarmierten Anruf ihres Vaters hin hatte sie die ganze Sache als haltlose Erfindung der Klatschpresse heruntergespielt. Wie es schien, hatte er das geschluckt. Vor allem, weil seitdem keine weiteren Bilder mehr von ihr und Nate erschienen waren. Dieser Anruf hatte einmal mehr bestätigt, dass ihr Instinkt richtig gewesen war: Charles wäre über eine Verbindung seiner Tochter mit einem Hollywoodstar „not amused“.

Das hatte sie alles diesem Mann zu verdanken, der jetzt, wie üblich getarnt mit Basecap und hochgestelltem Kragen, vor ihr stand.

„Ich wusste gar nicht, dass du so schnell wieder in New York sein würdest.“ Sie sog am Strohhalm ihrer Plastikflasche und hoffte so, gelassener rüberzukommen, als sie sich fühlte.

Nate versenkte die Hände in seinen Hosentaschen.

„Doch. Ein unaufschiebbarer Termin.“

„Aha.“ Einen Augenblick lang herrschte befangenes Schweigen.

„Hör mal. Ich konnte mich das letzte Mal gar nicht richtig von dir verabschieden.“

Salomé sah es sofort wieder vor sich: Nate, den ganzen Abend umschwärmt von den älteren Damen der New Yorker High Society auf der Tanzfläche und dann an der Limousine die kurze Berührung durch das geöffnete Fenster.

„Außerdem fühle ich mich verantwortlich. Die Paparazzi belagern dich anscheinend meinetwegen.“

Salomé zuckte mit den Schultern und verstaute die Flasche in der Sporttasche. Sie fand, es wäre eine coole Geste, die Tasche über ihre Schulter zu hängen, so, als ob sie im Aufbruch wäre. Sogleich runzelte Nate die Stirn.

„Also, Zaza. Was ich eigentlich sagen will: Was hältst du davon, wenn ich das wiedergutmache und dich heute zum Dinner einlade?“

Salomé konnte sich einen spöttischen Laut nicht verkneifen. Musste er sie an diesen Abend erinnern, an dem sie sich lächerlich vor ihm gemacht hatte, weil sie nicht wusste, wie prominent er war? Allein beim Gedanken daran schoss ihr vor Scham die Röte in die Wangen.

„Wie soll das gehen, Nate? Hast du schon wieder ein ganzes Lokal gebucht?“

Sein jungenhaftes Grinsen scheuchte einen Schwarm Schmetterlinge in ihrem Magen auf. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Sie durfte diesen Mann nicht toll finden! Er hatte am Telefon doch eine andere „Bonnie“ genannt.

„Nein, heute mal ganz spontan. Du darfst sogar was aussuchen.“

Salomé stutzte.

„Und das geht so einfach? Du und wilde Horden von hysterischen Fans in einem Restaurant?“

Sein Lächeln flackerte kurz. Dann riss er sich offenbar zusammen.

„Wir können es ja mal versuchen. Das hier ist New York. In Los Angeles würde ich das, ehrlich gesagt, lieber nicht tun.“

Salomé wurde bewusst, sie konnte jetzt kaum noch kneifen. Dinner? Er hatte doch eine andere Frau. Durfte sie das? Auf der anderen Seite: Dinner war unverfänglich. Warum also nicht? Da konnte ja nichts passieren. Es sprach schließlich nichts dagegen, ihn besser kennenzulernen. Und alle anderen geplanten Beschäftigungen heute Abend schienen im Vergleich dazu fad.

„Und wenn ich schon etwas anderes vorhabe?“

Das Grinsen schlich sich wieder in Nates Mundwinkel.

„Hast du nicht. Zumindest nichts Besseres!“

„Oh, wir sind heute gar nicht eingebildet.“

Nate lachte laut auf.

„Also, was ist nun. Ja oder ja?“

Salomé musste jetzt auch lachen.

„Okay. Aber nur, wenn du mich vorher noch unter die Dusche lässt.“ Der Blick, den Nate ihr zuwarf, ließ sie ganz schwach werden. Er dachte doch wohl jetzt nicht an sie, wie sie nackt unter der Dusche stand? Sie selbst hatte zumindest dieses Bild vor Augen, allerdings war er auch dort. Nackt. Das wurde ja immer besser! Sie wollte Nate aus ihren Gedanken verbannen. Wieso also schob sich der Gedanke von ihr und diesem Sexgott eng umschlungen unter der Dusche vor ihr inneres Auge? Wo sollte das nur hinführen?

Nates Stimme war belegt.

„Klar. Wir treffen uns in der Lobby.“


Salomé grinste, als sie wenig später Nates Leibwächter gegenüberstand.

„Das ist Leo. Er wird uns begleiten“, stellte Nate ihn knapp vor.

Er erkannte in Salomés Augen das, was er selbst gedacht hatte, als Cary den Leibwächter angeschleppt hatte: Leo, der Salomé mit ernster Miene von oben bis unten scannte, war zweifellos durchtrainiert, sah jedoch nur ... drollig aus.

Der etwa dreißigjährige Mann mit lateinamerikanischen Zügen beindruckte mit einem Sixpack, das sogar durch sein eng anliegendes schwarzes T-Shirt sichtbar war. Nate vermutete, dass sein Bizeps einen größeren Umfang hatte als Salomés Oberschenkel. Sein Gesicht hingegen wirkte durch die warmen braunen Augen und die hochgezogenen Mundwinkel völlig harmlos. Eher so freundlich wie bei Balu, der Bär. An diesem Teddybär-Image änderte auch die Narbe nichts, die sich quer über seine rechte Wange zog.

Nate musterte Salomés zuckende Mundwinkel und flüsterte ihr zu: „Er war bei den Marines.“ So, als würde das alles erklären.

„Aha. Gute Tarnung“, wisperte Salomé mit hochgezogenen Brauen, und Nate biss sich vor unterdrücktem Lachen auf die Lippe.

Nach einer rasanten Fahrt – Nate erschloss sich nicht, weshalb Leo es so eilig hatte – hielten sie direkt vor dem Eingang des von Salomé vorgeschlagenen Restaurants, das in einer kleinen Seitenstraße in Tribeca lag. Nate bestand darauf, dass Leo im Wagen blieb. Nach einer kurzen Diskussion gab der Leibwächter nach. Sein unglücklicher Gesichtsausdruck ließ in Nate kurz Mitleid aufflammen. Er hielt sich gerade noch zurück, seine Anweisung zu widerrufen, und folgte Salomé in das französische Restaurant Chez Gustave.

„Ah, Mademoiselle Salomé!“, begrüßte sie ein rundlicher Herr in den Sechzigern, über dessen Bauch eine blütenweiße Schürze spannte.

„Salut, Gustave!“

Salomé tauschte mit Gustave die üblichen Küsschen, und beide sprachen eine Weile angeregt auf Französisch miteinander. Obwohl Nate diese Sprache beherrschte, war er viel zu angespannt, um den Sinn des Small Talks zu verstehen. Salomé hatte mit ihrer Vermutung, er meide öffentliche Restaurants, ins Schwarze getroffen. Er hatte nur ihr zuliebe so cool getan. In Wirklichkeit stand ihm vor lauter Panik, dass sich gleich eine hysterisch kreischende Menschentraube um ihn scharen würde, der Schweiß auf der Stirn. Nate war schon lange nicht mehr ohne falschen Schnurrbart in einem öffentlichen Restaurant essen gewesen. Bisher schien alles ruhig, aber er hatte auch noch nicht das Basecap abgenommen.

Soweit er das überblicken konnte, war der Laden rappelvoll. Sie würden wohl wieder gehen müssen. Sollte er vielleicht doch seinen Promi-Bonus ausspielen?

„Xavier!“, rief Gustave in diesem Moment einem jungen Mann zu, der hinter der Bar rumwuselte.

Dieser wusste anscheinend sofort, was von ihm verlangt wurde. Er verschwand kurz in einem Nebenraum und quetschte dann einen weiteren Tisch zwischen die Gäste, denen die dadurch entstehende Enge anscheinend überhaupt nichts ausmachte. Nate war verblüfft.

„Die bekommen dafür Gustaves berühmte Zitronencreme spendiert“, flüsterte Salomé dem immer noch erstaunten Nate zu.

Salomés Connection reichte offenbar aus, um hier einen Tisch zu ergattern. Wow, war das sexy! Verlangen überkam ihn. Hoffentlich war dieser Xavier bald fertig mit dem Aufdecken. Er musste sich unbedingt setzen, damit die verräterische Ausbuchtung in seiner Hose nicht so auffiel.

„Dabei ist das gar nicht Gustaves, sondern Fredos Creme. Ich importiere sie, weil Fredo, der gerissene Kerl, das Rezept nicht rausrückt. Ich vermute fast, er weiß es gar nicht, und seine Frau Joline macht die Creme.“

Salomés Mundwinkel zuckten verräterisch, als sie Nates verwirrte Miene sah. Musste er das verstehen? Fredo? Joline?

Als der Tisch fertig eingedeckt war, nahmen beide Platz, und Nate legte die Serviette auf seinen Schoß.

Gustave erschien und ratterte freudestrahlend eine wohlklingende Folge an französischen Speisen herunter. Während Salomé ihm lächelnd zuhörte, war Nates Blick auf seine schöne Begleiterin gerichtet. Sein Gehirn war wie leergefegt. Er starrte auf ihre Hand, die in einer weiblichen Geste das Haar hinter die Schultern schob. Sie hatte schöne Hände. Zart, aber doch kräftig. Ob sie Klavier spielte? Er wusste noch viel zu wenig von ihr und nahm sich vor, dies rasch zu ändern.

„Was möchtest du essen?“

Ertappt riss sich Nate aus seinen Gedanken. „Wähle du. Ich begebe mich gerne in deine Hände.“

Salomé errötete und warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. Als Nate die Zweideutigkeit seines Satzes auffiel, stahl sich automatisch das jungenhafte Grinsen in sein Gesicht. Salomé blinzelte und räusperte sich, bevor sie sich wieder an Gustave wandte.

„Willst du diese Kappe nicht endlich abnehmen?“, fragte sie, als Gustave ihre Bestellungen entgegengenommen hatte.

Nate seufzte und riss sich das Basecap vom Kopf. Adieu Intimität. Er zog die Schultern hoch in Abwehr des erwarteten Ansturms. Doch es blieb still. Sofern man das gemütliche Geplapper der Restaurantgäste als still bezeichnen konnte.

„Alles okay?“, frage Salomé, die Nate amüsiert beobachtet hatte.

„Ja … alles okay. Scheint zumindest so.“

In diesem Moment erschien der junge Xavier mit Wein und einem Glas Pastis. Salomé stellte den Pastis vor Nate und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Hier, zur Beruhigung. Eigentlich wollen Frauen ja, dass man ihretwegen nervös ist. Ich finde, du kannst langsam runterkommen. Hier hast du nichts zu befürchten. Gustave ist cool und seine Gäste auch. Man muss eben nur die richtigen Orte kennen.“

Ein Kribbeln breitete sich von der Stelle aus, an der Salomés Hand lag. Nate schwitzte.

„Kein Wunder, dass du noch nichts von mir gehört hattest, wenn du dich nur an solchen Orten aufhältst.“ Er nahm einen großen Schluck von der milchigen Flüssigkeit.

Salomé schien ernsthaft über seinen Satz nachzudenken, während ihr Finger über den Rand des Weinglases strich.

„Du könntest recht haben. Mirabel ist auch so ein Ort. Als du auf der Geburtstagsfeier meines Vaters warst, ist keine Frau in Ohnmacht gefallen.“

„Mir hätte es gereicht, wenn eine schwach geworden wäre.“ Nate schaute sie durchdringend an.

Jetzt war es an Salomé, trocken zu schlucken.

Langsam begann Nate, sich zu entspannen. Er blickte sich um. Gustave hatte es geschafft, die Bistro-Atmosphäre nach New York zu bringen. Durch die enge Bestuhlung war die Stimmung familiär und gesellig. Die Gäste saßen an viereckigen Tischchen, auf denen weiße Decken lagen. Die Wände waren bis Brusthöhe in dunklem Holz getäfelt, und unzählige kleinformatige Fotos in antiken Rahmen zeigten Gustave mit seinen Gästen. Viele der abgebildeten Personen waren prominent, Politiker, Sportstars, Schauspieler. Jetzt wurde Nate auch klar, weshalb er hier kein Aufsehen erregte. Neben den Größen, die auf den Fotos abgebildet waren, war er eine vergleichsweise kleine Nummer.

„Möchtest du Brot?“ Salomé hielt Nate das geflochtene Körbchen mit knusprigen Baguettescheiben hin.

„Brot? Ich hatte ganz verdrängt, dass es Menschen gibt, die noch Brot essen. In Kalifornien ist Brot mittlerweile fast so verpönt wie Zigaretten.“

„Tja, wir sind aber hier nicht in Kalifornien, sondern in Frankreich“, stellte Salomé fest, während sie demonstrativ Butter auf eine Scheibe Baguette strich.

„Habe ich was verpasst?“

Nate grinste sie an, und Salomé bemerkte ihren Versprecher.

„Komisch, nicht wahr? Wenn ich hier bin, kommt es mir vor, als wäre ich in Frankreich.“ Sie warf ihm einen schwer zu deutenden Blick zu.

Ein Zischen am Nachbartisch unterbrach sie, Xavier karamellisierte dort eine Creme Brulée. Salomé strahlte Nate an.

„Himmlisch, wie das duftet, nicht?“

Gustave servierte die Vorspeise, eine französische Lauchsuppe.

Nate konnte sich an Salomés sinnlicher Art zu essen nicht sattsehen. Sie brummte genießerisch, als sie den ersten Löffel Vichyssoise zu sich nahm und dann herzhaft in das Baguette biss. Ihre buttrigen Lippen glänzten, und er keuchte leise, als Salomés rosige Zungenspitze erschien und unbewusst ihre Lippen sauber leckte. Seine Temperatur stieg. Er lockerte seinen Hemdkragen.


„Nate, bist du noch da?“

Anstatt zu antworten, beugte er sich langsam vor, und wie in Zeitlupe sah Salomé Nates Gesicht näher kommen. Was sollte das? Wollte er sie etwa küssen? Wie hypnotisiert starrte sie auf seine sinnlichen Lippen und fand die Idee auf einmal gar nicht so schlecht. Eine Sekunde später fühlte sie Nates Daumen an ihrem Mundwinkel. Die Berührung jagte einen flirrenden Schauer durch ihren ganzen Körper. Unweigerlich öffnete sie ihre Lippen und holte tief Luft. Nate zog seine Hand zurück, und Salomé spürte den Verlust körperlich. Seine Stimme klang rau.

„Du hattest da einen Krümel, Zaza.“

Salomé nickte nur. Die Geräusche der anderen Gäste schienen unwirklich gedimmt. Warum sonst konnte sie trotz des Trubels im Bistro ihre eigene beschleunigte Atmung hören? Wie schaffte es dieser Mann nur, dass sie sich ihres Körpers und ihres Begehrens so bewusst wurde?

Ihre Brustwarzen zogen sich zusammen und drängten sich auf der Suche nach seiner Nähe gegen ihre Seidenbluse. Ein sehnsuchtsvolles Ziehen pochte zwischen ihren Beinen. Verschwommen nahm sie wahr, wie Xavier die Vorspeise abtrug, während sie in den Tiefen von Nates Augen versank. Gleichzeitig nagte eine beharrliche Stimme in ihr. Du darfst nicht schwach werden, Zaza. Er ist vergeben. Du darfst ihm nicht vertrauen. Er will dich nur erobern und wird dich dann fallen lassen.

Gustave rettete sie mit zwei Schüsseln Moules frites. Die Muscheln mit Pommes frites dufteten herrlich. Erleichtert, dass der Zauber gebrochen war, richtete Salomé ihre Aufmerksamkeit auf das Gericht.


Nate war verwirrt. Während ihre Blicke ineinander versunken gewesen waren, hatte er eine unglaubliche Nähe zu dieser Frau gespürt. Fast hatte er das Gefühl gehabt, er und Salomé wären die einzigen Gäste in dem Bistro. Dann hatte ihr Blick geflackert, und der intime Moment war vorbei gewesen. Jetzt galt ihre Aufmerksamkeit wieder ganz dem Essen.

Salomés Begeisterung über das Gericht ließ sie in die Hände klatschen. Er musste schmunzeln. Diese bereits vertraute Geste von ihr, wenn sie sich freute, rührte ihn zutiefst an.

Während des weiteren Essens war die Stimmung zwischen ihnen außergewöhnlich harmonisch. Der Wein löste ihre Zungen, und inbrünstig diskutierten sie über Themen, die sie bewegten. Wobei sie einen Bogen von Colins Kunst über den neuesten Finanzskandal zu den vielversprechendsten Regisseuren schlugen.

Salomé hatte eine Art, von ihrer Kindheit und Jugend auf Mirabel zu erzählen, dass Nate sie als bezopftes Mädchen vor seinem inneren Auge sah. Er fieberte nachträglich mit ihr über die Entdeckung ihres Halbbruders Mathieu diesen Sommer und die stetig wachsende Freundschaft zu Julia. Salomé klärte Nate über die berühmte Zitronencreme auf, die Fredo, der beste Freund ihres Halbbruders Mathieu, in seiner kleinen Cabane am Meer zubereitete und die, so Julias Vermutung, sogar dafür verantwortlich war, dass Salomé bald Tante würde.


Nate erzählte von seinen Rivalitäten mit Colin und der Kindheit in den schottischen Highlands. Sie lachte herzlich, als Nate ihr sehr bildhaft von seinen ersten Schauspielerfahrungen im Schultheater berichtete, dem er angeblich nur wegen einer Becky beigetreten wäre, in die er damals unsterblich verliebt gewesen sei.

Während sie lauschte, betrachtete sie sein schönes Gesicht. Er ließ sich einen Bart stehen. Für seine Rolle als Highlander, wie sie vermutete, und wirkte dadurch noch männlicher. Er war geistreich und amüsant.

Ihr war die knisternde Erotik, die sie umhüllte, mehr als bewusst. Und sie konnte Nate ansehen, dass es ihm genauso erging. Die Berührungen ihrer Hände und ihrer Knie waren alles andere als zufällig. Salomés Blick heftete sich mehr als einmal auf Nates leuchtende Augen und versank in ihnen.

Dieses kleine Bistro bildete eine Insel in ihrem Leben, auf der alles möglich schien.

„Das ist also Fredos berühmte Zitronencreme?“, fragte Nate in diesem Moment.

Statt einer Antwort nickte Salomé, schob sich langsam den Löffel in den Mund und lutschte diesen genussvoll ab, während sie sinnlich die Augenlider senkte. Mit Genugtuung registrierte sie, wie Nates Blick sich weitete. Sie begann zu kichern.

„Du Hexe!“, zischte Nate und grinste dabei von einem Ohr zum anderen.

Das Bistro leerte sich. Nate beglich die Rechnung. Und Gustave ließ es sich nicht nehmen, von Xavier einen Schnappschuss von sich und dem berühmten Gast machen zu lassen. Leo stand an der Tür und hielt sie für sie auf. Ganz der Bodyguard checkte er die Straße und nickte kurz, als die Luft rein war.

Draußen fiel Salomé auf, wie sie doch etwas schwindelig war. Gustave hatte es mit dem Nachschenken eindeutig zu gut gemeint.

„Noch Lust auf einen Absacker?“

Salomé zog scharf die Luft ein. Er hatte sie das schon einmal gefragt. War „Absacker“ etwa ein Codewort für mehr, und das war seine Masche? Unvermittelt stand ihr wieder die Szene vor Augen, als sie das Ende des Telefonats zwischen Nate und seiner Freundin – oder Frau – belauscht hatte. Inzwischen kannte sie diese Frau sogar. Das kam überhaupt nicht infrage.

„Besser nicht.“ Salomé blickte die Straße entlang und scannte diese bereits nach einem Taxi.

Nates Blick verengte sich. Er war offensichtlich enttäuscht. Sie konnte ihn verstehen. Die Stimmung im Bistro war eindeutig mehr als nur nett gewesen.

„Wie meinst du das: ‚Besser nicht‘? Wir hatten so einen schönen Abend. Genau wie bei unserem ersten Date. Und dann schlägt deine Stimmung um. Ich verstehe das nicht, Zaza.“

Salomé stieß ungeduldig die Luft aus. Okay. Augen zu und durch. Auch wenn sie es nach dem schönen Abend bedauerte, dass sich hier ihre Wege wohl trennen würden.

„Hör zu, Nate. Ich wollte nicht lauschen. Aber auf Colins Vernissage hast du telefoniert, und ich konnte nicht verhindern, deine letzten Worte zu hören. Du hast dich sehr inbrünstig und liebevoll von jemandem verabschiedet. Und dann habe ich deine Freundin ja kennengelernt auf der Gala. Du erinnerst dich?“

Nate blickte sie verblüfft an. Seine Stirn runzelte sich. Salomé setzte zu weiteren Erklärungen an.

„Also, es ist ja okay, wenn du mit jemandem zusammen bist. Aber bitte versteh: Ich bin einfach nicht der Typ für eine Affäre.“ So, jetzt war es raus.

„Zusammen? Affäre? Was meinst du?“ Nate fasste sich nachdenklich an die Stirn. Dann verzog sich sein Gesicht, und zu Salomés unendlicher Irritation brach er in schallendes Gelächter aus. Jetzt war es an ihr, die Stirn in Falten zu legen.

„Du bist eifersüchtig“, spottete Nate.

Salomé klappte verblüfft der Mund auf.

„Was? Weshalb sollte ich eifersüchtig sein?“

„Gib es zu, du bist es. Sonst hättest du nicht so reagiert.“

Langsam wurde es Salomé zu bunt.

„Fakt ist, wir haben doch gar nichts miteinander. Weshalb also sollte ich eifersüchtig sein? Aber solange du eine Freundin oder vielleicht sogar eine Frau hast, wird auch nicht mehr aus uns werden. Auch dass du ein Filmstar bist, ändert nichts an meiner Haltung.“

Sie wandte sich ab, wurde jedoch von Nates Hand, der sie am Arm zurückhielt, sanft gestoppt. Herausfordernd reckte sie ihm ihr Kinn entgegen. Er hob seine Hand und fuhr mit dem Daumen sacht die Linie ihrer Lippen nach, was ihre kühle Fassade wackeln ließ.

„Wir haben also nichts miteinander, Bonnie? Interessant!“, flüsterte er. Ihr Herz flatterte wie ein eingesperrter Vogel. „Tut mir leid, wenn du da einiges missverstanden hast. Ich ...“, er suchte nach Worten. „Ach, was soll’s! Also zuerst einmal: Mit der Frau, mit der ich auf der Gala war, Ivana, hatte ich lediglich eine geschäftliche Vereinbarung. Das ist so üblich. Schauspieler und Models besuchen gemeinsam wichtige Veranstaltungen, werden zusammen fotografiert, und der eine profitiert vom Image des anderen. Für beide ist es besser, nicht alleine bei einer Gala zu erscheinen. Die Fotos sehen dann einfach ... geselliger aus, und es gibt keine Fragen, warum man alleine ist. Das ist alles.“

Salomé runzelte die Stirn.

„Und da läuft nichts zwischen euch? Sie ist nicht deine Freundin?“

„Nein. Ich kenne sie nicht mal richtig. Ich habe sie am Abend der Gala zum ersten Mal gesehen und vielleicht zehn Sätze mit ihr geredet.“

„Okaaaay.“ Salomé war nur halb überzeugt.

„Das Telefonat bei meinem Bruder in der Galerie ist eine andere Sache.“

Unmerklich presste Salomé ihre Kiefer fest aufeinander. Jetzt würde sie erfahren, wer diese Bonnie war.

„Es ist eigentlich vereinbart, mit niemandem darüber zu reden. Aber das scheint ein dringender Fall für eine Ausnahme zu sein. Bitte, lass es mich erklären!“

Salomé seufzte. Welche Geschichte würde er ihr wohl jetzt auftischen?

„Zaza, ich habe keine Freundin und auch keine Frau. Die Person, mit der ich neulich Abend telefoniert habe, ist auf jeden Fall das wichtigste weibliche Wesen in meinem Leben. Ich habe mit Liz gesprochen.“

„Mit deiner Mutter?“, warf Salomé, deren Herzschlag sich wieder beschleunigte, ungeduldig ein. Sie mochte gerne klare Ansagen, und das ging ihr alles zu langsam.

Nate schnaubte amüsiert.

„Nein, nicht meine Mutter. Liz ist meine Tochter.“

Salomé sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. Die Stille zwischen ihnen war greifbar.

„Oh“, hauchte sie dann. „Du hast eine Tochter?“

„Ja, sie heißt Liz. Sie ist fünf Jahre alt und wohnt mit mir und unserer Kinderfrau Rosie in L. A. Sie hat mich angerufen, weil sie mich vermisst hat und nicht einschlafen konnte.“

Salomé musste diese Information erst einmal verdauen.

Nate hatte also ein Kind.

Oh mein Gott, wie es sie erleichterte, dass er nicht der miese Typ war, den sie sich die gesamte vergangene Woche eingeredet hatte. Er flirtete nicht am Telefon mit einer Frau, während er ein Date mit einer anderen hatte. Und er saß nicht mit seiner Freundin am Tisch, während er an einer anderen sein Knie rieb.

Sie war so erleichtert, dass sie kurz darüber nachdachte, ob Nate vielleicht recht hatte. War sie eifersüchtig? Weshalb sollte sie es sein? Zwischen ihnen war ja nichts. Oder doch? Er war anscheinend anderer Ansicht. Seine angespannte Miene verriet ihr, dass sie ihm noch eine Reaktion schuldete.

„Das habe ich nicht gewusst.“

„Ja, das weiß keiner. Cary fand es nicht förderlich für meine Karriere, und ich brauche dir hoffentlich nicht zu sagen, dass das eine streng vertrauliche Information ist.“

Salomé nickte. Gleichzeitig strich sie über ihren Mund, als würde sie ihn mit einem Reißverschluss versiegeln.

„Und die Mutter?“

„Was hast du eigentlich mit meiner Mutter, Zaza?“

Salomé verdrehte die Augen, konnte aber ein Schmunzeln nicht verhindern. „Nein, ich meine die Mutter von Liz.“

Nate hob eine Hand und strich ihr eine Haarsträhne hinters Ohr.

„Was soll mit ihr sein? Sie war eine Schauspielkollegin in der Krankenhausserie, in der ich am Anfang meiner Karriere gespielt habe. Wir hatten eine kurze Affäre. Sie wurde schwanger. Sie wollte das Kind nicht, also habe ich Liz zu mir genommen. Mehr gibt es da nicht zu erzählen.“ Nate lächelte.

„Also, was ist nun mit dem Absacker?“ Dabei blickte er sie so intensiv an, dass Salomés Herz stolperte.

„Nun gut. Aber wirklich nur einen.“ Nates Erleichterung war so offensichtlich, dass Salomé kichern musste.

„Also wohin?“

Nate legte den Arm um sie und zog sie stürmisch zu der Limousine. Leo wollte gerade die Autotür öffnen, als eine Gestalt um die Ecke kam. In diesem Moment ging das Gekreische los. Ein Fan zückte ein Smartphone und war ganz aus dem Häuschen, Nate nachts auf der Straße zu begegnen.

Mist, er hatte ganz vergessen, das Basecap wieder aufzuziehen, so entspannt war der Abend mit Salomé gewesen. Leo stellte sich blitzschnell vor Nate und schirmte diesen und Salomé, die den Kopf so weit wie möglich gesenkt hielt, von den aufgeregten Fans ab. Bevor noch weitere Schaulustige angelockt werden konnten, stiegen sie in den Wagen. Aufgewühlt nahm Salomé neben Nate Platz. Durch die verdunkelten Scheiben konnten sie sehen, wie die aufdringlichen Fans mit allen Mitteln versuchten, einen Blick in das Innere des Autos zu werfen. Behutsam setzte Leo die Limousine im Schritttempo in Bewegung.

„Es tut mir leid. Es ist grässlich, aber das ist halt so“, zuckte Nate entschuldigend die Achseln.

„Ich habe nur gerade überlegt, wo du dir vorstellst, einen ruhigen Absacker mit mir trinken zu können, wenn die Fans wissen, dass du in der Stadt bist? Twitter pfeift es wahrscheinlich jetzt schon von den Dächern.“

Nate grinste schief.

„Also, das ist jetzt sehr peinlich.“ Nate kratzte sich demonstrativ am Kopf, und sein Lausbubengesicht verfehlte seine Wirkung auf Salomé nicht. Sie ahnte, was jetzt kommen würde.

„Es gibt eigentlich nur einen Ort, an dem wir ungestört sind.“

„Lass mich raten: dein Hotelzimmer?“

Vermeintlich zerknirscht hob er die Hände.

„Du kannst immer noch Nein sagen.“

„Ist schon gut. Ich wollte immer mal von einem Star aufs Zimmer verschleppt werden.“

Statt eines Grinsens küsste Nate mit einem übertrieben glutäugigen Blick die Fingerknöchel ihrer Hand.

Obwohl Salomé wieder kicherte, pochte in Wahrheit ihr Herz vor Aufregung wie verrückt.

LICHTERMEER


Berauscht vom Wein und von dem prickelnden Gefühl, in seiner Nähe zu sein, fragte Salomé: „Wetten, du traust dich nicht, mit mir an deiner Seite durch das Spalier deiner Fans das Hotel zu betreten.“

Er verengte den Blick, dachte einen Moment nach, reckte dann stolz sein Kinn und hielt ihr seine Hand hin, um die Herausforderung anzunehmen. Sie schlug verblüfft ein.

„Leo, kannst du uns bitte vor dem Haupteingang rauslassen?“ Nate drückte Leos Schulter von hinten und ignorierte die hochgezogene Braue. „Danke, Mann.“

Schon meldete sich ihr schlechtes Gewissen. War sie zu weit gegangen?

Salomé offenbarte sich einen Moment später, wie gut Nates Schauspielkünste waren. Ohne großartig etwas an seinem Äußeren zu verändern – er zupfte höchstens den Kragen ein Stück höher und vergewisserte sich, dass seine Haare nicht unter der Kappe hervorlugten, verwandelte er sich vor ihren Augen in einen gebrechlichen Mann.

Salomé biss sich vor unterdrücktem Lachen auf die Lippen, als er ihr zitternd eine Hand entgegenstreckte und sich von ihr umständlich aus dem Wagen helfen ließ. In gebückter Haltung, angestrengt an Salomés Arm hängend, trippelte er wie ein Neunzigjähriger durch die Fans, die gelangweilt ihre Blicke abwendeten und weiter Ausschau nach ihrem Idol hielten. Kaum hatten sie die Drehtür erreicht, erhöhten sie ihr Tempo und hechteten lachend in einen der Fahrstühle.

Bereits im Aufzug schwante Salomé, wie sehr sie sich geirrt hatte, als sie sich vor der Fahrt eingeredet hatte, dem Charme Nates widerstehen zu können und es wirklich nur bei einem kurzen Drink zu belassen. Nate hatte wie selbstverständlich in der Lobby des Hotels ihre Hand ergriffen, und Salomés sämtliche Gedanken waren auf das Gefühl ihrer jetzt ineinander verschränkten Finger gerichtet.

Statt der sonst in Aufzügen üblichen gedämpften, nervenberuhigenden Musik hatte sie in der geräumigen Kabine des Fahrstuhls eine Ballade erwartet, gesungen von einer eindringlichen männlichen Stimme. Sie kannte diesen Song. „Sail Away“ von David Gray. Das war vor Jahren einmal eines ihrer absoluten Lieblingslieder gewesen, die allerdings auch heute noch monatlich wechselten.

Sie wandte sich Nate zu, begegnete seinem brennenden Blick, und alle vernünftigen Gedanken und Fragen waren wie weggefegt. Eine fiebrige Sehnsucht erfasste sie. Eine gefühlte Ewigkeit versank sie in seinen Augen, deren Versprechen ihr einen wohligen Schauer ihren Nacken hinab sandten.


Die Atmosphäre im Aufzug war so erotisch aufgeladen, dass Nate sich kaum beherrschen konnte. Er sah exakt den Moment in Salomés Augen, als diese nachgab. Hatte sie soeben noch sämtliche Schutzmauern der Vernunft um sich hochgezogen, zerfielen diese genau in jener Zehntelsekunde. Ihre Lippen öffneten sich unmerklich vor Erstaunen. Dieses Signal und ihr leichtes Blinzeln nahmen Nate den Atem.

Diese Frau faszinierte ihn unfassbar. Vor allem ihre verschiedenen Facetten. Er hatte sie schon auf dem Fest in Südfrankreich begehrt, als sie ihn als ein sprühendes Charmebündel in einem Hauch von Rosa offen angeflirtet hatte. Ihr Verhalten in New York, ihr vergebliches Bemühen um Beherrschtheit, rührte sein Herz, das sich in diesem Moment weit öffnete. Zugleich überkam ihn eine Welle des Verlangens.

Die coole Musik – Wie hieß noch gleich der Song? – dröhnte mit seinem Herzschlag um die Wette. Instinktiv umfasste Nate Salomés Hüfte, zog sie an sich und begann, sich mit ihr im Takt der Musik zu bewegen. Tanzen war eine seiner großen Leidenschaften, das war bereits bei seinem Schauspielstudium so gewesen. Wenn man als Mann gerne tanzte, flogen einem die Frauenherzen zu. Im Moment interessierte ihn nur das Herz einer einzigen Frau: Salomé. Endlich tanzte er wieder mit ihr.

Nate hauchte ihr ins Haar: „Ich kann mich erinnern, dass der Wetteinsatz ein Tanz war. Darf ich bitten, Madame?“

Sie kicherte nervös.

„Fragt man nicht immer vor dem Tanz? Außerdem haben wir um gar nichts gewettet.“

Statt einer Antwort zog er sie noch näher an sich und wiegte sie gekonnt hin und her. Nate spürte ihren nachgiebigen Körper, der sich an seinen schmiegte. Der Duft, der von ihr ausging, war betörend, und er entdeckte ein entzückendes kleines Muttermal an ihrer Halsbeuge. Es kostete ihn unendliche Selbstbeherrschung, seine Lippen nicht darauf zu senken.

„What will be, will be“, sang er leise den Text des Songs in ihr Ohr.

Salomé lächelte und legte ihren Kopf an seine Brust.

Viel zu schnell war die Aufzugfahrt beendet. Seine Suite lag im obersten Stockwerk des Hotels und hatte eine atemberaubende Aussicht. Nate führte Salomé an seiner Hand durch den Raum, öffnete die Terrassentür und schob sie auf die Dachterrasse.

„Entschuldige mich einen Augenblick.“ Er bestellte telefonisch etwas beim Zimmerservice, während er Salomé, die verträumt in die Ferne blickte, durch die Glastür im Auge behielt.

Er trat wieder zu ihr. Unter ihnen lag das eindrucksvolle Lichtermeer von New York. Die Nachtluft war mild, und der typische New-York-Sound aus Verkehr und Polizeisirenen war um diese Uhrzeit gedimmter. Nate legte den Arm um sie, und sie standen eine Weile einträchtig nebeneinander.


Salomé wurde mit einem Mal klar, dass sie genau jetzt an keinem anderen Ort und mit keinem anderen Menschen dieser Welt zusammen sein wollte. Ihr Herz pochte intensiver.

Sie war lange nicht mehr mit einem Mann alleine gewesen. Ihr Job in New York und ihre vielen Geschäftsreisen ließen ihr keine Gelegenheit, mit Männern auszugehen. Sie wurde zwar oft eingeladen, aber ihr selbst auferlegter Ehrenkodex verbot ihr, sich mit Geschäftspartnern einzulassen.

Und diesen Sommer in Südfrankreich war sie nicht in der Stimmung gewesen, sich mit einem Mann einzulassen. Es war bei belanglosen Flirts auf Partys geblieben. Sie hatte so viele andere Dinge im Kopf gehabt. Sie hatte eine neue Freundin gefunden, Julia, die ihr bereits nach dieser kurzen Zeit sehr ans Herz gewachsen war. Und dann die wahnsinnige Neuigkeit, dass sie einen Halbbruder hatte, von dem sie bisher nichts wusste. Sie hatte sich ausgiebig Zeit genommen, Mathieu kennenzulernen und in die Familie de Bertrand einzuführen.

Salomé überkam ein Hauch von Panik, ob sie nicht verlernt hatte, mit einem Mann beisammen zu sein. Oh mein Gott! War es wirklich schon fast ein Jahr her, dass sie Sex gehabt hatte? Und das war eine sehr kurze Affäre gewesen. Mit einem Galeristen, bei dem sehr bald klar war, dass es sich nur um körperliche Anziehung und nicht mehr handelte. Was aber war das hier mit Nate?

Das beklemmende Gefühl erfasste sie, das sie schon so lange begleitet hatte. Seit jenem Sommer, den sie am liebsten aus ihrer Erinnerung streichen würde. Sie wollte es verdrängen. Sie sehnte sich nach einem Mann, nach Nate Hamilton. Das wurde ihr in diesem Augenblick klar. Und sie verbot der warnenden Stimme in ihrem Kopf, ihr diesen Abend zu verderben. Was sollte schon geschehen? Der weitere Verlauf dieser Nacht war so klar vorgezeichnet, dass sich sämtliche Befürchtungen in Luft auflösten und Salomé sich unvermittelt ihrer Weiblichkeit bewusst war. Sie war eine Frau, er war ein Mann. So einfach war das. Mit Liebe und Schwäche hatte das nichts zu tun.


„Es ist unglaublich schön hier! Ich lebe jetzt seit drei Jahren in dieser Stadt und habe diese Atmosphäre noch nie so intensiv wahrgenommen.“

Salomé stieß einen tiefen Seufzer aus, und damit war es um Nate geschehen. Er zog sie in seine Arme und hatte das Gefühl, sie nie mehr loslassen zu wollen. Er drückte seine Lippen in ihre dunklen Haare und atmete ihren Duft tief ein.

„Ja, es ist wunderschön, hier mit dir zu stehen“, flüsterte er in Salomés Ohr. Mehr zu sagen war er nicht in der Lage. Er hauchte einen zarten Kuss auf das Muttermal an ihrem Hals, und ihr leises Stöhnen ermunterte ihn, weiterzumachen.

Er spürte an seinen Händen, wie die Erregung die Härchen auf ihren Armen aufstellte. Sanft ließ er seine Lippen ihren Hals hinauf gleiten und näherte sich über die Kinnlinie langsam ihrem Mund. Salomé hatte die Augen geschlossen und reckte sich ihm entgegen. Nate legte ganz zart seine Lippen auf ihre. Ihr Mund war so weich und warm. Unendlich zart strich er mit seiner Zungenspitze ihre Unterlippe entlang und bat um Einlass. Mit einem Seufzen öffnete Salomé ihren Mund und schlang gleichzeitig ihre Hände um seinen Nacken, um ihn an sich zu ziehen. Der anfangs zaghafte Kuss wurde leidenschaftlicher. Nate spürte Salomés weiche Brust an seiner und gab auf, zu ergründen, wessen Herz rascher pochte.


Vor Salomés geschlossenen Lidern explodierten Lichtblitze, als sie Nates Lippen auf ihren spürte. Sie konnte überhaupt nicht mehr aufhören, seinen Mund zu schmecken, zu fühlen, zu beißen. Sie schmiegte sich fest an seinen Körper und fühlte, wie sich seine Erregung an ihren Bauch drückte. Die Vorstellung brachte sie um den letzten Rest ihres Verstandes, und ein lustvolles Keuchen entfuhr ihr.

Seine Hände schienen überall zu sein und strichen ihre Flanken, ihr Hinterteil entlang, während ihre Finger ebenfalls über seinen Rücken flatterten und wie von selbst begannen, sein Hemd aus der Hose zu ziehen und die warme, samtene Haut seiner Hüften zu erkunden. Salomé stand in Flammen.


Es klopfte energisch an der Zimmertür. Nate seufzte. Es kostete ihn unendliche Anstrengung, seinen Mund von ihrem zu lösen. Keuchend schaute er ihr in die Augen und strich sanft mit seinen Fingern über ihre Wange.

„Vergiss nicht, wo wir waren, Zaza.“

Salomé schaute ihn nur atemlos fragend an.

„Der Zimmerservice. Du erinnerst dich an unseren Absacker? Nicht, dass du annimmst, ich hätte dich unter Vortäuschung falscher Tatsachen hierhergelockt. Ich bin gleich wieder bei dir“, raunte er heiser.


„Möchtest du einen Schluck trinken?“, rief Nate ihr zu, nachdem der Kellner das Zimmer wieder verlassen hatte.

Salomé stand immer noch auf der Terrasse und versuchte, die überwältigenden Gefühle zu ergründen, die der Kuss in ihr ausgelöst hatte. Wann hatte er etwas beim Zimmerservice bestellt? Brachte er regelmäßig Frauen hierher und die Angestellten folgten vorher festgelegten Instruktionen?

Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr und gesellte sich zu Nate, der ihr einen Kelch mit Champagner reichte. Beim Blick in seine blitzenden Augen schalt sie sich. Sie sollte aufhören, so misstrauisch zu sein. Das war ungerecht. Um auf andere Gedanken zu kommen, betrachtete sie die geschmackvoll eingerichtete Suite.

„Was ist das denn?“, fragte sie, als sie auf dem Servierwagen längliche Kekse in einer silbernen Schale entdeckte.

„Das ist Shortbread, eine schottische Spezialität.“ Nate lächelte ertappt und rieb sein Kinn. „Ich esse dieses süße Zeug für mein Leben gern. Überall auf der Welt versuche ich sofort, den Hotelkoch dazu zu bringen, mir dieses Gebäck herzustellen. Dann fühle ich mich gleich ein wenig wie zu Hause.“

„Der gefährliche Highlander ist also ein richtiges Schleckermäulchen. Das wird ja immer interessanter. Erst das Tanzen, jetzt die Süßigkeiten. Was hast du denn noch für heimliche Leidenschaften?“ Salomé blickte ihn über ihr Champagnerglas hinweg neckend an.

„Das wirst du schon noch herausfinden.“

Nates Stimme klang dunkel und verführerisch. Er trat ganz nah an Salomé heran und nahm ihr das Glas aus der Hand. Dann hob er ihr Gesicht sanft mit zwei Fingern an, bis sie ihm ganz zugewandt war, und küsste ihre Stirn, dann ihre Wangen, dann das Kinn. Salomés Knie wurden weich. Sie blickte ihm in die Augen, und die beunruhigend tiefe Leidenschaft, die Salomé auf der Terrasse gefühlt hatte, war sofort wieder da. Ihr war in diesem Moment gleich, ob er nur mit ihr spielte.

Ohne den Blick von seinem zu lösen, streifte Salomé Nate das Jackett von seinen breiten Schultern. Er hob belustigt eine Braue. An seinem schweren Schlucken bemerkte sie allerdings, dass er ebenso erregt war wie sie. Sie hatte schon erkannt, dass er gerne die Lausbubennummer mimte, wenn er nervös war. Unbeirrt begann sie, Knopf für Knopf seines Hemdes zu öffnen, und seine Pupillen weiteten sich mit jedem Knopf mehr, bis er die Lider schloss. Er wankte, als sein Hemd zu Boden flatterte und er mit entblößtem Oberkörper vor ihr stand.

Herrlich. Salomé sog scharf die Luft ein und strich über seine bronzefarbene, sehr muskulöse Brust. Er öffnete die Augen. Er sieht wahrlich wie ein Highlander aus, kam es ihr in den Sinn, als sie den nun wilden Ausdruck seiner Augen wahrnahm. Nate neigte sich vor und küsste sie wieder, diesmal feucht und verlangend. Salomé ergab sich den Empfindungen, die er in ihr auslöste.

„Komm“, hauchte sie und zog ihn an seiner Hand in den angrenzenden Raum, der nur das Schlafzimmer sein konnte. Langsam genug, damit ihre Lippen sich nicht trennen mussten.

Der Raum mit bodentiefen Scheiben war dämmrig und nur durch das wenige Licht aus dem Wohnzimmer und dem milchigen Schein der niemals schlafenden Stadt erleuchtet. Salomé drückte Nate bestimmt auf das Bett. Er beobachtete sie gebannt. Mit einer einzigen Bewegung streifte sich Salomé ihre Pumps von den Füßen, schob den Bleistiftrock zu ihren Hüften hoch und näherte sich ihm raubtierartig. Sie hörte sein leises, genießerisches Brummen, das ihr signalisierte, er wollte sie ebenso wie sie ihn. Köstlich langsam setzte sie sich auf ihn und spürte seine Härte genau in ihrer Mitte durch den zarten Seidenstoff ihres Höschens. Jetzt war es an Nate, scharf die Luft einzuziehen. Er stöhnte leise.

„Bonnie, was machst du mit mir?“ Seine Hände erkundeten ihre festen Schenkel links und rechts von seiner Hüfte. Weiter hielt er sich zurück und harrte offenkundig der Dinge, die da kommen mochten.

Salomé stöhnte lustvoll.

Wie lange war es her, dass sie solche Gefühle für einen Mann gehabt hatte? Hatte sie jemals so empfunden wie jetzt gerade? Diese unbändige Kraft, die von ihm ausging, machte sie einerseits total an, sodass sie kaum ihre Sinne beisammenhalten konnte. Andererseits rührte diese machtvolle Stellung, wie sie auf ihm saß, etwas noch viel Tieferes in ihr an. Er musste einen sehr starken Charakter und ein gutes Selbstbewusstsein haben, dass er nicht den Spieß umdrehte und sich auf sie legte – so, wie das viele Männer taten, um ihre Dominanz zu demonstrieren.

Salomé war hin- und hergerissen. In ihrem Job war sie immer die Starke und Dominante. Bei einem Mann mochte sie es deshalb sehr gerne, wenn er die Initiative ergriff und sie einfach nahm. Nate Hamilton löste etwas ganz anderes in ihr aus: Sie spürte ganz deutlich, dass er sie genauso wollte wie sie ihn. Nicht nur durch seine Erregung, die sie unverkennbar durch den zarten Stoff an ihrer intimsten Stelle wahrnahm und deren Nähe sie fast um den Verstand brachte. Sie sah es auch in seinen Augen. Sie konnte eine Verbindung zu ihm fühlen, die über das körperliche Beisammensein hinausging.

Wie schaffte er das nur, wo er doch nur dalag und sich ihre Berührungen gefallen ließ? Salomé spürte alles andere als Macht, sondern vielmehr Selbstbestimmung und Respekt. Das waren neue Gefühle für sie beim Zusammensein mit einem Mann. Ein süßer Schmerz fuhr ihr in die Brust, als ihr die Ungeheuerlichkeit ihrer Empfindungen bewusst wurde. Nate, Nate, Nate, hämmerten ihre Gedanken, die voll von ihm waren.

Sie ergriff seine Hände und legte sie sich auf die Schultern. Zärtlich strich er mit seinen Fingerspitzen über den seidigen Stoff vom Schlüsselbein ihr Dekolleté hinunter, über die weiche Haut ihres Busens. Die Knospen ihrer schweren Brüste zogen sich vor Lust zusammen. Salomé entfuhr ein kehliges Stöhnen, was ein leichtes Zittern in seinem ganzen Körper auslöste. Nate schloss die Lider.

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445 стр. 9 иллюстраций
ISBN:
9783754178010
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Bookwire
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Третья книга в серии "Endlich-Reihe"
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