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Von Bessarabien nach Belzig
Artur Weiß
Von Bessarabien nach Belzig
Meine Memoiren
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2012
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Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Vorwort
Das Land Bessarabien
Klöstitz entsteht
Familie Messinger
Gründung der Familie Weiß
Abendliches Treffen der Familien und Freunde
Abschluss der Ernte
Meine Einschulung in Klöstitz
Wochenendbesuch bei meinem Großvater
Kuh- und Schafhirten
Beginn des Hausbaues und mein 8. Geburtstag
Beginn der Umsiedlung nach Deutschland
Die Umsiedlung nach Deutschland
Donauschifffahrt über Semlin nach Deutschland
Ansiedlung in Polen (Warthegau)
Allgemeine Ereignisse auf unserem Bauernhof
Verbesserung der Lebensverhältnisse in der Familie
Das NS-Reich und die Kirche
Vater wird zur Wehrmacht einberufen
Mein HJ-Dienst
Erntefest und Sonstiges
Der letzte Urlaub unseres Vaters
Die letzten Wochen vor der Flucht
Die Flucht nach Deutschland
Neuanfang der Bessarabien Deutschen im Nachkriegsdeutschland
Berufliche Entwicklung und Familiengründung
Mein Familienleben sowie Berufliches
Mein beruflicher Aufstieg
Der Beginn meines beruflichen Untergangs
Das Ende meiner beruflichen Laufbahn
Meine Verhaftung und Erlebnisse in der U-Haft
Gerichtsverfahren und Urteilsspruch
Einzug in den DDR-Strafvollzug
Wieder zu Hause im Kreis meiner Familie
Schlusswort zum Bessarabien Film und Buch
Vorwort
Erst als ich meine Memoiren zu Papier gebracht hatte, reifte der Gedanke, ein Buch daraus zu machen. Der Grund war, dass ich die schrecklichsten Geschehnisse detailliert aufschrieb, um verständlich zu machen, was täglich vor meinen Augen, während der Flucht und später im Gefängnis geschehen war. Alles, was ich in meinem Buch niedergeschrieben habe, sind Ereignisse, hervorgerufen durch Diktaturen, die aufgrund ihrer politischen Interessen, den Menschen unermessliches Leid zufügten. Ich denke, dass es mir gelungen ist, mit Worten zu sagen, welch schmerzliches und seelisches Leid mir und meiner Familie zugefügt wurde. Den traumatisierten Eltern und ihren Kindern wurde keine psychiatrische Hilfe zuteil, die noch Lebenden leiden heute noch unter den damaligen Ereignissen. Durch die schriftlich tiefgründige Aufarbeitung der von mir als Kind, Jugendlicher und Erwachsener erlebten Gewalt, konnte ich mir alles von der Seele schreiben.
Der Inhalt des Buches behandelt den Zeitraum von 1813 bis 2013.
Der Aufruf des Zaren am 22. November 1813 ermunterte viele, aus dem Land Baden Württemberg als Kolonisten in das Steppenland Bessarabien zu ziehen.
Aus dieser KolonistenGruppe stammen meine Vorfahren, die in Freudenstadt um 1796 geboren wurden.
Sie ließen sich im Schagatal nieder und schufen sich bei harter Arbeit eine Heimat, die wir als ihre Nachkommen 1940 verlassen mussten.
Das Land Bessarabien
Die dünn besiedelte Steppenlandschaft Bessarabiens, begrenzt durch die Flüsse Dnejstr und Bruth sowie dem Schwarzen Meer, diente den Nomaden, unter anderem den Tartaren, als Weideland für ihre Viehherden.

Schafherde der Nomaden
Zeitgleich herrschte im deutschen Reich und europaweit eine witterungsbedingte Missernte, die flächendeckend Hungersnot zur Folge hatte. Auch litten die Menschen unter der Verbreitung gefährlicher Krankheiten und Seuchen. Das veranlasste den Zaren Alexander I. zu dem wirtschaftlichen Plan, der umsiedlungswilligen Bevölkerung Europas mit dem fruchtbaren bassarabischen Steppenland eine neue Heimat zu bieten.
So erging am 22. November 1813 ein Aufruf des Zaren an die deutschen Bauern, das Steppenland Bessarabiens mit tüchtigem Volk zu besiedeln, denn auch Russland hat durch die einstige Besiedlung des Schwarzmeergebietes und der Wolgarepublik gute Erfahrungen mit den deutschen Bauern gemacht. Dem Aufruf folgten tausende europäische Bauern, indem sie sich mit Ochsenkarren, Handwagen und auch zu Fuß auf den langen beschwerlichen Weg ins neue Siedlungsgebiet begaben.
Die Kolonisten schlugen mehrere verschiedene Wege ein, um hierher zu gelangen. Einerseits trug die Donau schiffsähnliche Gebilde, die sogenannten „Ulmer Schachteln“, mit denen sich cirka 2.500 Menschen auf den Weg machten. Während der fast einjährigen Reise durch Winter und Sommer wurden sie oftmals von den zu Hause herrschenden Krankheiten eingeholt, sodass von ihnen nur etwa 800 Menschen die neue Heimat erreichten.
Andererseits dienten verschiedene Landwege der Völkerbewegung. Der eine Wanderweg führte von Radzivil über Tiraspol, der andere begann schon bei Württemberg und führte über Lemberg nach Radzivil, knüpfte hier an und führte über Tiraspol in die Häfen von Galatz oder Ismail/Rumänien. Aus einer hier angereisten Kolonistengruppe kamen meine Vorfahren, die Familie Dieterle, deren Vater 1796 in Freudenstadt/ Baden Württemberg geboren wurde.

Mit den Ochsengespannen erreichten sie das Siedlungsgebiet*
In den langen Monaten der Entbehrung, bangend und hoffend auf das, was der Zar den Siedlern versprochen hat auch eingehalten wurde, sind nach und nach Hunderte in den rumänischen Häfen Galatz und Ismail angekommen. Erleichtert und zufrieden haben sie das Siedlungsgebiet erreicht, wo sie von den zaristischen Siedlungsbeamten empfangen wurden. Im Schagatal schlugen sie ihre Lager auf, in welchen sie längere Zeit leben sollten und gewillt waren, sich hier nicht nur eine Bleibe, sondern eine Heimat zu schaffen.
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* Foto aus der Sammlung von Akira Takiguchi
Klöstitz entsteht
Dann knieten sich die streng gläubigen Kolonisten auf den Steppenboden im Tschagatal nieder, wo ein Prediger Gott und dem Zaren für die neue Heimat dankte. Auch gedachten sie den vielen Toten, die auf dem langen schwierigen Weg in die neue Heimat ihr Leben ließen. Wie bei ihnen üblich, sangen sie die bekannten Kirchenlieder, unter anderem das Lied „Jesu geh’ voran auf der Lebensbahn“. Abschließend beteten sie gemeinsam das Vaterunser. Müde von der Wanderung versorgten sie sich und ihr Vieh, konzentrierten sich dann auf das, was auf sie zukommen würde. Die Kolonisten wurden von dem russischen Ansiedlungskomitee über ihre Privilegien informiert, die ihnen weitgehende Freiheiten einräumten, so durften sie die deutsche Sprache behalten und lehren. Neben vielen Vergünstigungen und Zahlungen war es ihnen freigestellt, ihrer Religion gemäß Kirchen zu bauen, Geistliche zu halten und ihre Religionsgebräuche nach ihrer Weise auszuüben. Auch waren sie für die kommenden zehn Jahre von allen Steuern und Abgaben befreit, danach musste die Schuld in Raten an das russische Reich zurückgezahlt werden. Desweiteren ging das Komitee daran, die Kolonisten zu erfassen und zu registrieren, um sie mit den notwendigen Ausweispapieren auszustatten, weil sie von nun an russische Staatsbürger deutscher Abstammung waren.
Nun war es an der Zeit, Unterkünfte für Mensch und Tier zu bauen, um den nahenden strengen bessarabischen Winter zu überstehen. Es blieb den Siedlern nicht viel Zeit, sodass sie improvisieren mussten, das bedeutete Lehmbuden oder Erdhäuser zu bauen.
Die Lehmbuden wurden aus Batzen gebaut, welche aus einem LehmStrohGemisch mittels einer Form hergestellte Lehmsteine waren, die in der Sonne getrocknet wurden. Der benötigte Mörtel zum vermauern wurde ebenfalls aus Lehm hergestellt. Einfacher war es, ein Erdhaus zu bauen, indem eine Grube ausgehoben wurde, die man mit Baumstämmen abdeckte, sie mit Steppengras und Erdreich beschichtete. Somit war die Gemeinde Klöstitz am Tschagatal am Fluss Tschag 1815 gegründet, dies wurde im neu gebauten Gebetshaus gebührend gefeiert und protokolliert.
Insgesamt waren es 494 Familien mit 2.578 Seelen, die sich 7.997 Desjatinen Steppenland teilten. Die Wirtschaft jeder Familie war somit 60 Desjatinen – etwa 65,55 Hektar groß und wurde mit Pferden und Ochsengespannen urbar gemacht. Dabei wurde den Klöstitzer Bauern alles abverlangt. In der Regel begann ihre Arbeit am frühen Morgen und endete spät in der Nacht.
Nun sollten viele Jahre mit harter Arbeit und Entbehrungen vergehen, bis Klöstitz eine eigenständige Gemeinde mit einer frei gewählten Gemeindevertretung wurde. Diese beschloss, Schulen, Gemeindehäuser und nicht zuletzt eine Kirche und ein Pfarrhaus zu bauen, die den Klöstitzern Klein und Groß zur Verfügung gestellt wurden.
Für die Aufrechterhaltung von Zucht und Ordnung war der Dorfschulze verantwortlich, dieser konnte auch Kurzhaftstrafen verhängen. In den Schulen und Ämtern dominierte Hochdeutsch, in den Familien und untereinander würde schwäbisch gesprochen. Die aus Deutschland mitgebrachten Sitten und Bräuche und auch die Sprache wurden in den Familien an die Nachkommen weitergegeben. Bei der Gestaltung des öffentlichen Lebens war es notwendig geworden, das kulturelle Treiben in Gang zu bringen. So wurden die verschiedensten Vereine gegründet, es begann mit Sport-, Gesang-, Musik-, Tanz- und Jagdvereinen, die alle eigenständig ihre Tätigkeiten – hauptsächlich in den Wintermonaten – ausübten.
Die Klöstitzer Behörden schafften es, das Dorf durch ihre Arbeit zu einer der größten Mutterkolonien Bessarabiens zu machen, woran die Kirche maßgeblich beteiligt war. In den Jahren um 1900 schafften es die Nachkommen der ehemaligen Kolonisten ihre Gemeinde zu einem Vorbild für andere Kolonien zu machen. Durch Fleiß und äußerste Sparsamkeit brachten es die Klöstitzer zu bescheidenem Wohlstand, aus welchen verschiedene Persönlichkeiten hervorgingen. Aus einigen Kleinbauern wurden über Generationen Gutsbesitzer, die in der Lage waren, Vorratswirtschaft zu betreiben, um bei Missernten die Ernährung der Gemeinde abzusichern. Die bekanntesten von ihnen waren Gottlieb Bodamar, Hoffmann und Gerstenberger, die ihre Ländereien schon um 1900 mit motorisierter Technik bestellen konnten. Ein fester Bestandteil der Klöstitzer war mittlerweile die Versorgung mit Dienstleistungen jeglicher Art. Die Landwirtschaft war in allen Dörfern der wichtigste Erwerbszweig, mussten die Bauern doch nicht nur sich selbst versorgen, sondern auch die Märkte, um auch finanziell abgesichert zu sein.
Die Bauernhöfe wurden meist von Großfamilien bewirtschaftet, auf dem oft bis zu zwölf Kinder heranwuchsen und deren Eltern und Großeltern lebten. Die Kinder wurden damals schon mit zehn bis zwölf Jahren zur Feldarbeit herangezogen.
Familie Messinger
So war es auch auf dem Hof des Großbauern Gottlieb Messinger, wo meine Mutter als viertes Kind von zwölf Geschwistern das Licht der Welt erblickte. Die Kinder wurden von den Eltern zur gegenseitigen Hilfe angeleitet, sodass die Älteren den Jüngeren bei der Toilette oder beim Anziehen halfen. Auch war es selbstverständlich, dass die Jüngeren die Sachen der Älteren auftrugen.

Dieses Bild zeigt vier Generationen Urgroßvater, Vater, Enkel und Urenkel
Die Schulbildung war zu dieser Zeit allen zugänglich, sodass aus Klöstitzer Studierenden gut ausgebildete Beamte hervorgingen, unteranderen ein General, der in der zaristischen Armee seinen Dienst ausübte. Nicht alle Kinder hatten das Glück die Schule bis zur 8. Klasse zu besuchen, sie wurden von ihren Eltern mit zehn oder zwölf Jahren aus der Schule genommen, weil sie im Haushalt und bei der Feldarbeit helfen mussten. So erging es auch meiner Mutter und den meisten ihrer Geschwister, sodass sie gerade soviel gelernt hatten, dass sie etwas lesen, rechnen und ihren Namen schreiben konnten. Dass die Kinder bei der Haus-, Hof-, und Feldarbeit helfen mussten, war eigentlich normal, weil kein Hehl daraus gemacht wurde, dass sie damit ihr tägliches Brot verdienten. Mit dieser Normalität lernten Kinder frühzeitig, dass nur durch Hände Arbeit das Leben finanziert werden kann. Unter diesen vorgegebenen Bedingungen wuchs die Generation meiner Eltern heran, die auch durch das Evangelium geformt und erzogen wurde. Die ihnen verbliebene Freizeit verbrachten sie in verschiedenen Vereinen, wie: Volkloregruppen, Stick-, Spinn- und Schneiderlehrgängen, wo die jungen Frauen an ihrer Aussteuer arbeiteten. Dies motivierte die Frauen, in ihrem späteren Leben selbst die Kleidung für ihre Familie herzustellen, was ohnehin Gang und Gebe war.

Spinn- u Stickgruppe
Das Jahr 1928 brachte der Familie Messinger einschneidende Veränderungen. Unerwartet verstarb die Mutter meiner Mutter, sodass sie ihre Stelle einnehmen musste, um die Großfamilie zu versorgen. Hier bewährte sich die von klein auf anerzogene Bereitschaft zu helfen und füreinander da zu sein. Von ihren Geschwistern unterstützt, nun schon als junge Frau, den Haushalt der Familie Messinger zu leiten, diese Tätigkeit verlangte ihr alles ab.
So verging die Zeit, bis der Vater meiner Mutter bemerkte, dass seine Tochter Anna hoffnungslos überfordert war. Das suchte er schleunigst abzustellen. Da bekanntlich die Zeit alle Wunden heilt, hat der Vater meiner Mutter seinen Schicksalsschlag in den letzten Jahren überstanden, sodass er sich wieder nach einer Partnerin sehnte. Wenn er tagsüber seine Kinder um sich hatte und seiner Arbeit nachging, so war er abends, wenn sich alle zurückgezogen hatten, allein. Das belastete ihn zunehmend. Im Frühjahr 1930 bei dem traditionellen Pferdemarkt im Nachbarort Tarutino, lernte er die Witwe Juliana Weiß kennen, die sich für ihn interessierte, was auf Gegenseitigkeit beruhte. Es sollte nicht viel Zeit vergehen, bis Juliana Weiß zu Familie Messinger nach Klöstitz zog, wohin sie ihren jüngsten Sohn, den 23-jährigen Alfred mitbrachte.
Zu dieser Zeit waren ihre anderen acht Kinder schon aus dem Haus. Dass wieder eine erfahrene Hausfrau auf den Bauernhof zog, war für alle eine Bereicherung, zumal sie einen stattlichen jungen Mann mitbrachte, der ordentlich zupacken konnte. Nun trat wieder eine Art Normalität im Haushalt ein und Anna wurde spürbar entlastet. Nun konnte sie doch wieder am öffentlichen Leben teilhaben. Es kam nicht selten vor, dass der Stiefbruder Alfred die Anna zu ihrem Jungfrauentreffen begleitete und sie sich dadurch näherkamen, was zunächst Aufsehen erregte, weil fälschlicherweise behauptet wurde, dass sie Geschwister seien. Doch dies entbehrte jeder Grundlage. Vielmehr kam es dazu, dass Verlobung gefeiert wurde, wo Alfred um die Hand von Anna anhielt, welche freudig einwilligte. Es ist nicht immer so, dass sich junge Leute kennen und lieben lernten, wie Alfred und Anna, die meine Eltern wurden. Hier hat wohl das Schicksal die Hand im Spiel gehabt.

Alfred Weiß, 20 Jahre

Verlobtes Paar, Anna und Alfred
Gründung der Familie Weiß
Im Frühjahr 1931 überraschte Alfred seine Mutter sowie seinen Schwiegervater Gottlieb Messinger dahingehend, dass er Anna im Spätherbst ehelichen wolle. Das bedeutete für das junge Paar, Arbeiten für den Bau einer Lehmbude, so nannte man die Übergangshütte, um eine Unterkunft zu haben, bis zur Fertigstellung eines Massivhauses. Den ganzen Sommer über wurden einige Tausend Batzen aus dem Lehmstrohgemisch mittels einer Form hergestellt, die in der Sonne getrocknet wurden, dies wurde alles per Handarbeit erledigt. Die Baustelle, auf der sich das junge Paar ein Heim schaffen wollte, war ein Teil des Erbes von Anna. Diese befand sich in der Klöstitzer Bergstraße. Um den Bau finanzieren zu können, arbeitete Alfred bei einem Bauunternehmen, da war er in seinem Element, weil er gelernter Maurer war. Bei der Verwirklichung seines Bauvorhabens halfen ihm seine Freunde aus Tarutino sowie die Geschwister von Anna, denn gegenseitige und unentgeltliche Hilfe unter den jungen Leuten war Ehrensache. Die Freude war groß, als die dreiräumige Lehmbude am 1. September 1931 bezugsfertig war. Danach wurde mit Hochdruck die Hochzeit vorbereitet. Gottlieb Messinger, der Vater von Anna, ließ es sich nicht nehmen die Hochzeit zu finanzieren, wobei ein Teil des Erbes von Alfred für die Einrichtung verwendet wurde. Am 24. September 1931 war am Vormittag die standesamtliche, am Nachmittag desselben Tages, in der Kirche zu Klöstitz, die kirchliche Trauung vollzogen. Gefeiert wurde auf dem Bauernhof von Gottlieb Messinger, der es an nichts fehlen ließ, wo auch seine edlen Weine verkostet wurden. Dies ging bis zum Morgengrauen, bis dann die letzten den Hof verließen. Worauf sich Alfred ganz besonders freute, war, dass er mit Anna in sein eigenes selbstgebautes Heim einziehen würde, was am 1. Oktober 1931 geschah.
Nun sind sie das geworden, was der Welt Lauf ist: auf eigenen Beinen stehen, eine Familie haben sowie das umsetzen, was ihnen ihre Eltern anerzogen und gelehrt haben. Sicherlich wird es einige Zeit dauern, bis sie ihren festen Weg gefunden haben, der für sie eigentlich schon vorprogrammiert ist. Wie es bei Selbstversorgern ist, muss zunächst für Vorräte gesorgt werden, um den langen und harten Winter in Bessarabien zu überstehen. Die Zeit verging wie im Fluge, Alfred und Anna hatten sich in ihrem Heim gut eingerichtet und fühlten sich wohl, wobei noch viel Arbeit verrichtet werden musste, dass sie ihr Ziel zu erreichten. Der Dezember 1931 war sicherlich für die jungen Leute zu einem besonderen Monat geworden, hatten sie doch allen Grund zur Freude. In den Morgenstunden des 11. Dezember schenkte Anna ihrem Alfred einen Sohn. Das war Grund genug, dass sich eine allgemeine Freude in ihrem Hause breit machte, waren sie doch nun eine Familie geworden. Nun gab es mich, was ich meinen Eltern zu verdanken habe, sie gaben mir den Namen Artur. Dies wurde in der Kirche zu Klöstitz durch eine Taufe von Pastor Emanuel Baumann, am 21. Dezember besiegelt.

So hielt Großvater Gottlieb Messinger seinen 14. Enkel Artur auf dem Arm
Gottlieb Messinger, der mehrmalige Großvater, der nun auch der meine war, kam zu der kleinen Feier, um seinen vierzehnten Enkel auf den Arm zu nehmen, wobei er seiner Tochter Anna und Schwiegersohn Alfred gratulierte. Zu dieser Zeit lag Klöstitz tiefverschneit, sodass alle Gäste mit ihren Pferdeschlitten auf den Hof fuhren, um meine Taufe zu feiern. Die Taufe war in Bessarabien eine wichtige kirchliche Maßnahme, um dem Evangelium gerecht zu werden, denn das war zugleich die Aufnahme des Neugeborenen in die kirchliche Gemeinde.
Nun erlebte ich als Baby den ersten Winter mit meinen Eltern auf ihrem Hof, der einer der härtesten und schneereichste seit langem wurde. Der Schnee deckte draußen alle Arbeiten zu, sodass man im Haus das bevorstehende Weihnachtsfest vorbereiten konnte. Meine Mutter hatte es jetzt leichter, musste sie doch nicht mehr eine Großfamilie versorgen. Für die Bessarabier, somit auch für die Klöstitzer, war Weihnachten das Fest des Jahres, nicht des Schenkens willens, sondern um die Geburt Jesu Christi zu feiern, ist ihnen das Wichtigste. Unter dem geschmückten Weihnachtsbaum sangen sie wie eh und je die Lieder, die ihre Vorfahren aus Deutschland mitgebracht hatten.
Abendliches Treffen der Familien und Freunde
Weil es nicht nur in Klöstitz, sondern Landesweit üblich war die langen Winterabende gemeinsam mit Nachbarn und Freunden zu verbringen, luden meine Eltern diese in den Wochen nach dem Fest zu Sanges- und Bibelstunden ein. Diese Begegnungen festigten die Zusammengehörigkeit, bei Spielen, Nadelarbeit, Stickarbeiten und Schafwolle spinnen. Ganz wichtig war der Austausch von Neuigkeiten, weil es Medien, wie wir sie heute kennen, nicht gab. Auf diese Weise vergingen die Wintermonate, bis die wärmende Sonne den meterhohen Schnee schmelzen ließ und die Vogelschar mit ihrem Gesang den Frühling einläutete.

Junge bessarabische Familie
Das veranlasste meinen Vater gewisse Pläne für die Frühjahrsbestellung der Ländereien und Weinberge zu machen, welche das Erbe meiner Mutter waren, welche sie in Zukunft gemeinsam bewirtschaften würden. Daher kündigte Vater seine Arbeit im Bauunternehmen und nahm eine Stelle im Gutshof Gerstenberger an, um sich als Landwirt und Weinbauer zu profilieren. Ein Teil seines Lohnes war die Nutzung von Pferdegespannen sowie Landtechnik, um seine Ländereien zu bearbeiten, wobei ihn meine Mutter tatkräftig unterstützte. Die Hauptarbeit von Mutter war die Bestellung des Gartens (Krautgarten) in dem Obst, Gemüse und auch Paprika (Pfeffer) angebaut wurde. Das Heranziehen von Federvieh war auch ihre Aufgabe. Meine Eltern wussten aus Erfahrung, dass sie als Selbstversorger nur das haben würden, was sie sich selbst erarbeiten. Im Laufe des Frühjahrs und des Sommers wuchs eine zufriedenstellende Ernte heran, die Vater und Mutter im Schweiße ihres Angesichtes einbrachten. Auch die Fleischversorgung in Form von Schwein, Schaf und Federvieh war gesichert. Als Letztes wurde der Mais im Spätherbst geerntet, der ein wichtiges Nahrungsmittel darstellte. Auch Raps und Sonnenblumen, aus denen Speiseöle gepresst wurden, wurden eingebracht. Der wie bisher beschriebene Arbeitsablauf auf dem Bauernhof meiner Eltern war wie ein Programm, welches sich Jahr für Jahr wiederholen würde, wobei erwirtschaftete Überschüsse vermarktet wurden. Bislang kannten meine Eltern nur Arbeit, konnten sich dadurch verschiedene Anschaffungen machen, die in ihrem jungen Haushalt wichtig waren, sodass man sagen konnte, sie hatten es geschafft. Die Zeit blieb nicht stehen, dies merkten sie auch an ihrem Sohn Artur, der schon lägst durch die Lehmbude krabbelte und Mama und Papa (Date) sagen konnte. Wie im Fluge vergingen die letzten Wochen des Jahres 1932, es wurde wie üblich Weihnachten gefeiert bei hohem Schnee und klirrender Kälte. Der Januar 1933 wurde zu einem wichtigen Monat des Jahres, weil am 25. Januar meine Schwester Irma geboren wurde, somit kam noch mehr Leben ins Haus. So vergingen die nächsten Jahre bei gewohnter Arbeit, bei abendlichem Gesang und Bibelstunden, mit nun schon liebgewonnenen Nachbarn und Freunden.
Ab dem Frühjahr 1935 verbrachte ich die meiste Zeit bei meiner Großmutter, denn sie war krank. Ich machte ihr dann als vierjähriger Handreichungen. Wenn am Morgen mein Großvater mit seinen erwachsenen Kindern und Tagelöhnern auf die Steppe fuhr, um seine Ländereien zu bestellen, war Großmutter mit mir allein im Haus. Tagsüber wurde ich nach Erledigung der üblichen Hilfeleistungen von ihr verwöhnt. Sie las mir aus der Bibel vor und erzählte mir Märchen oder Geschichten, bis ich neben ihr einschlief. Mittlerweile war der Tagesablauf für mich Normalität geworden, auch das allabendliche Essen mit der Großfamilie.

Hier in der Wohnküche fanden Spinn- und Stickstunden statt

Großmutter mit KleinArtur auf dem Arm
Mein Großvater bemerkte, dass es seiner Frau immer schlechter ging, worauf er eine Betreuerin einstellte, die für sie sorgte und ihre Wunden an den Beinen (offene Beine) fachgerecht behandelte. Es war im Herbst 1935, die Maisernte hatte gerade begonnen, als ich wie so oft neben meiner Großmutter schlief. Ich wurde von der Betreuerin aus dem Schlaf geholt, weil meine Großmutter gestorben war. Es dauerte eine gewisse Zeit bis ich als Vierjähriger begreifen konnte, was geschehen war. Großvater versuchte mich zu beruhigen, was ihm aber nicht gelang, bis mich meine Eltern auf den Arm nahmen und mich trösteten. In den späten Abendstunden des gleichen Tages sind meine Eltern mit Irma und mir nach Hause gegangen, wobei mich der Verlust meiner Großmutter noch lange quälte. Ich hatte doch eine innige Beziehung zu ihr. In unserer Familie, insbesondere bei meinem Großvater und seinen noch im Hause lebenden Kindern, machte sich eine tiefe Trauer breit, hatte er doch nun die zweite Frau und die Kinder ihre Mutter verloren. Bei allem Respekt und aller Trauer, das waren die Worte meines Vaters, die er an meine Mutter richtete, muss die Maisernte weitergehen, zumal das Wetter nicht besser sein kann. Das bejahte Mutter mit einem Kopfnicken. Nun sollte eine neue Aufgabe auf mich zukommen, in dem ich als Babysitter für meine Schwester im Hause blieb, wenn Vater mit Muttern und Erntehelfern in die Steppe fuhr, um den Mais zu ernten, den sie auf dem Dreschplatz auf den Hof abluden. Die bergeweise angefahrenen Maiskolben wurden allabendlich auf dem Dreschplatz mit Nachbarfamilien sowie Helfern abgeblattet. Dabei wurde gesungen, Neuigkeiten ausgetauscht und der Weinkrug machte des Öfteren die Runde. Wir Kinder hielten uns an Melonen (Arbusen) und Weintrauben, die auf dem Tisch standen, bis wir übermüdet in dem Maisblätterhaufen einschliefen und wir morgens verwundert in unseren Betten aufwachten.
In unserer gefestigten und gläubigen Familie wuchsen wir beide heran. Es gehörte zum normalen täglichen Ablauf, dass zu jeder Mahlzeit ein Tischgebet gesprochen wurde. Der sonntägliche Kirchgang war ein Bedürfnis unserer Eltern, die uns beide danach in die Kinderkirche schickten, wo sie uns nachschauten, wie wir Hand in Hand hineingingen.

Beim Meisabblatten auf dem Dreschplatz, waren Jung und Alt dabei

Die Großeltern durften sich auf dem Bänkle ausruhen
Inzwischen bereitete Mutter das gute Mittagessen vor, worauf wir uns beide schon freuten, weil es sonntags immer etwas Besonderes gab. Wenn auch meine Eltern tagein, tagaus Schwerstarbeit leisten mussten, reichte es oft nur zum Notwendigsten. Weil manchmal nicht genug zu essen da war, wenn durch Dürre die Ernte schlecht ausfiel. Es kam nicht selten vor, dass ich des Nachts aufwachte und großen Hunger verspürte, weil ich beim Abendbrot nicht satt wurde. Der Rat meiner Mutter war dann: Trinke Wasser, dann bist du satt. Schon als Fünfjähriger verspürte ich die allgegenwärtige Armut unserer Familie, was mir meine Eltern so erklärten, dass man diese in Demut ertragen müsse, weil das die einzige Möglichkeit ist. Was meinen Eltern anerzogen wurde, haben sie an uns Kindern weitergegeben, das war: Ehrlichkeit, Gehorsam und Fleiß. Mir wurde es zur Aufgabe gemacht, Gänse, Enten und Puten zu hüten, solange sie noch Küken waren. Wenn wir Kinder unsere Aufgaben sorgsam erledigt hatten, gab es ein Lob und zum Abendessen einen Leckerbissen. Natürlich kam es vor, dass wir beim Spielen unsere Aufgaben vergaßen, was von Vater streng geahndet wurde und ich als Ältester zu spüren bekam.
Abschluss der Ernte
Die Bauern von Klöstitz, somit auch meine Eltern, hatten ihre Ernte unter Dach und Fach gebracht, was Anlass zur Freude gab, weil die Ernährung für Mensch und Vieh für den kommenden Winter gesichert war. Es war auch gut so, weil es wieder einmal Dezember wurde und der Winter wieder mit viel Schnee seinen Einzug hielt, was den Dorfbewohnern oft große Schwierigkeiten bereitete, den Kindern aber Freude. Mit ganz viel Freude bauten wir einen Schneemann, wobei uns Vater half, meistens endete es mit einer Schneeballschlacht. Meinen fünften Geburtstag haben wir am 11. Dezember 1936 hinter uns gebracht. Wie üblich begannen auch wieder die abendlichen Zusammenkünfte, wo bekannte Kirchenlieder gesungen wurden und die Spinnräder wieder surrten. In der Woche des 3. Advents brachte Mutter uns Kinder früher als sonst ins Bett, weil sie mit Vater zur Bibelstunde gehen wollte. Sie gingen mit den Worten: „Seid schön artig, wir kommen in zwei Stunden wieder.“ Mutter löschte die Petroleumlampe im Zimmer und verließ dann mit einer Stalllaterne die Hütte. Im stockdunklen Zimmer schliefen wir dann bald ein, bis ich durch ein Geräusch aufschreckte. Das Geräusch war wie ein Kratzen an der Außentür und dann am Fenster, unter dem unser Bett stand. Wir krochen unter die Decke, waren vor Angstschweiß gebadet, abwechselnd wiederholte sich das kratzende Geräusch, bis es dann still wurde. Am Morgen erzählte ich den Eltern, was sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte. Vater überprüfte dieses und stellte Kratzer an Tür und Fenster fest, auch waren Wolfspuren zu sehen.
Erschrocken rief Mutter: „Um Gotteswillen Alfred, nicht auszudenken, wenn den Kindern etwas passiert wäre.“ Durch den Kälteeinbruch Ende des Jahres 1936 waren die Grenzflüsse Dnjester und Pruth zugefroren. Wenn das geschah, kamen die Wölfe von der Ukraine über den Dnjester und aus den Karpaten über den Pruth nach Bessarabien. Die Wolfsrudel richteten großen Schaden unter den Schafsherden an, sodass der Jagdverein eine Treibjagd anberaumte, woran auch Vater teilnahm. In den drei Tagen der Jagd, wurden zahlreiche Wölfe erlegt, das beruhigte die Klöstitzer.

Bauern bereiten ihre Pflüge für die Getreideernte vor – die Frauen waren immer mit dabei.

Nach Erinnerung nachgestelltes Bild: Das Anfertigen einer Gabel aus einem Weidenstämmchen
Vorsichtshalber verhängte der Dorfschulze eine nächtliche Ausgangssperre. Kurzfristig war das pulsierende Leben der Dorfbewohner gestört, kam aber zum Neujahrsbeginn 1937 wieder voll in Schwung. Der Winter 1937 hatte Bessarabien, somit auch Klöstitz fest im Griff, durch meterhohen Schnee sowie Verwehungen kam die Versorgung der Einwohner ins stocken, was bis Ende März andauerte. Durch Schneeverwehungen war unsere Lehmbude bis zum Dach zugeweht, sodass Vater alle Mühe hatte, die Tür nach draußen frei zu bekommen, um in den Stall zu den Haustieren zu gelangen. Die vergangenen Jahre bei den härtesten Wintern in der Lehmbude zu wohnen, war eine Zumutung für die Familie geworden. Da war es für Vater zu einer Dringlichkeit geworden, dies abzuändern, zumal seine Familie immer größer wurde. Es gehörte schon im Winter zur Normalität, dass trotz Ofenheizung Minusgrade in der Wohnküche waren und das Trinkwasser in den Eimer gefror. An einem Winterabend, als die ganze Familie um den warmen Ofen saß, hörte ich, dass meine Eltern das jahrelang Ersparte zum Bau eines Massivhauses verstärkt einsetzen wollten.
Den Winter 1937 nutzte Vater mittels einer Arbeit in einer Dachsteinfabrik. Der Lohn dafür waren die Steine für sein geplantes Haus, was von nun an sein Hauptziel war. So vergingen die Wochen und es wurde März, er brachte Tauwetter mit sich, das die Schneemassen schmelzen ließ. Die Bauern bereiteten sich zur Frühjahrsbestellung vor.
Zu einem besonderen Tag wurde der 14. Juli 1937, mein Bruder Helmuth wurde geboren. Nun hatte ich in Zukunft eine Aufgabe mehr - auf ihn aufpassen zu müssen. Außergewöhnliches geschah in diesem Jahr nicht mehr, nur das Übliche wie in den Jahren zuvor. So endete es auch mit meinem sechsten Geburtstag und dem Weihnachtsfest. Der Winter zur Jahreswende 1937/38 zeigte sich von einer besseren Seite, wodurch die Klöstitzer spürbar entlastet wurden.
Meine Einschulung in Klöstitz
Für meine Eltern und mich sollte das Jahr 1938 zu einem besonderen werden, weil ich als ihr ältester Sohn eingeschult wurde, womit für mich ein neuer Lebensabschnitt begann. In der Osterzeit des gleichen Jahres gingen die Eltern mit ihren Schulanfängern unter Glockengeläut in die Kirche, wo Pastor Baumann uns allen seinen Segen gab. Danach ging es über den Ringplatz in die Klöstitzer Schule, wo wir 108 Schulanfänger auf die Klassenzimmer verteilt wurden.
Zu dieser Zeit gehörte Bessarabien zum rumänischen Staatsgebiet, somit hatte ich einen rumänischen Lehrer, der uns in seiner Sprache unterrichtete, wobei wir zweimal wöchentlich Deutschunterricht hatten. Das Territorium Bessarabien ist ja rechtmäßig ukrainisches und teils moldawisches Staatsgebiet, wurde aber immer schon von Rumänien beansprucht. In einer Blitzaktion nutzte Rumänien 1918 den Zustand des geschwächten Russlands und besetzte überraschend Bessarabien, was von Russland zunächst geduldet wurde. Rumänien dementierte die meisten vom Zar seinerzeit zugestandenen Rechte der Schwabendeutschen in Bessarabien, zeitweilig war auch die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit bei Strafe verboten. Rumänien war aus dem 1. Weltkrieg als Großrumänien hervorgegangen, dem Königreich wurde demzufolge die Bukawina, Siebenbürgen, das Südliche Banat, die ganze Dobrudscha und andere Gebiete zugestanden. Den Deutschen in Bessarabien wurden 1930 durch König Karl den 2. ihre Identität und ihre Rechte wieder eingeräumt. In den Schulen wurden weiterhin strenge Maßregeln angelegt, die das rumänische Bewusstsein immer in den Vordergrund stellten. Es war an der Tagesordnung, dass Ungehorsam mit Stockhieben geahndet wurde.
Es war normal, dass wir Jungs mit kahlgeschorenen Köpfen zur Schule gingen. Wenn dem nicht so war, sorgte der Lehrer durch ziehen an den Haaren dafür, dass wir zum Friseur gingen. Der allmorgendliche Apell sowie das Singen der damaligen rumänischen Nationalhymne, Strammstehen mit zum Gruß erhobener rechter Hand, war der Schultagsbeginn in der Klöstitzer Schule. Die damalige Hymne, die mit den Worten: Drä Jaskaretschele begann, sollte sich für immer in meinem Gedächtnis festsetzen. Von Hause aus wurden wir Kinder streng erzogen, in den Schulen wurde es jedoch durch die rumänischen Lehrer von Fall zu Fall weit überzogen. Unsere Schulausrüstung bis zur zweiten Klasse war eine Schiefertafel, auf welcher das Schreiben gelehrt wurde, dazu eine rumänische Fibel. Außer der Hymne wurden uns beim Gesangsunterricht auch rumänische Kinderlieder gelehrt. Wenn ich in den Sommermonaten barfuß zur Schule ging, führte mich der Weg an der schönen weißen Klöstitzer Kirche vorbei. Sie zeigte sich wie immer majestätisch, wenn sie von den ersten Sonnenstrahlen erfasst wurde, denn sie war nicht nur das Prunkstück, sondern der Stolz des Dorfes. Wenn dann auf dem Ringplatz vor der Kirche die Schulglocke erklang, strömten die Schüler in ihre Klassenzimmer. Beim Betreten des Klassenraumes durch den Lehrer rief der Klassenälteste auf Rumänisch Strebs (Achtung! ) Das hieß, aus der Schulbank rauszutreten und Haltung anzunehmen. In der Haltung verharrend, grüßte der Lehrer die Schüler mit den Worten, Sena Datte, was wir mit erhobener rechter Hand erwiderten. Die Schule sowie alles drum herum wurden allmählich zum Alltag. Das Neue war, dass ich jeden Tag mit vielen Klöstitzer Kindern zusammen kam. Täglich fielen mir Unterschiede auf bei Jungs und auch bei Mädchen, das war in erster Linie die Kleidung und es gingen nur einige barfuß, wofür ich des Öfteren gehänselt wurde, was mich veranlasste meinen Eltern davon zu erzählen. Sie erklärten mir, dass Armut keine Sünde sei, anders ist es, wenn Reiche die Armen brüskieren oder gar beschimpfen, weil ihnen die Voraussetzung fehlt, dies nachzuvollziehen.
Mittlerweile ist Erntezeit geworden, wo alle Hände voll zu tun hatten. Dies bedeutete für mich, nach Erledigung der Schulaufgaben bei der Erntearbeit zu helfen oder mit Vater auf die Steppe zu fahren.
Mit meinen Schulkameraden spielen zu gehen kam nur selten vor, vielmehr bekam ich immer wieder zu hören, „ ... du bist der Älteste und musst deinen Geschwistern und uns Eltern helfen... .“ An mich wurde das weitergegeben, was meinen Eltern von zu Hause aus anerzogen worden war. An dieser Grundeinstellung kam ich nicht vorbei, sie blieb mein ständiger Wegbegleiter.
Wochenendbesuch bei meinem Großvater
Die Freude war immer ganz auf meiner Seite, wenn ich nach dem Schulschluss an einem Wochenende zu meinem Großvater gehen durfte, der auf seinem ehemaligen Hof, den er seinem jüngsten Sohn Benjamin übergeben hatte, seinen Lebensabend verbrachte.
Mein Großvater war wie alle Bauern ein Pferdenarr. Diese wurden von ihnen selbst gezüchtet, dafür hatten sie ein bis zwei Zuchtstuten, denn Pferde waren ja in der Landwirtschaft nicht wegzudenken. Voller Stolz zeigte er mir immer wieder seine Fohlen (Hutsch), die auf dem Hof rauf und runter galoppierten, so hatten wir viel Spaß an ihnen. Wenn dann am Samstagabend Onkel Benjamin mit seinen Erntehelfern oder auch Tagelöhnern von der Steppe mit seinem Pferdegespann auf den Hof fuhr, begann ein hektisches Treiben, mussten doch alle Tiere versorgt werden.
Die Frauen sorgten in der Zwischenzeit für das leibliche Wohl der Erntearbeiter, die nach ihrer Arbeit an dem langen Tisch, der mit Brot, gebratenem Paprika, Schafskäse, Fleischgerichten und mit Wein gedeckt war, ihren Platz einnahmen. Dieser allabendliche Ernteschmaus dehnte sich oftmals über Stunden aus, wo so mancher ein Glas Wein zu viel zu sich nahm, es dann nicht mehr bis zu seinem Bett schaffte und dann im Strohschober landete. Auf dem Gut Gerstenberger, wo mein Vater als Erntehelfer arbeitete, war es Tradition, dass sogenannte Ernteessen abgehalten wurden, nur in einem größeren Umfang, wo bis zu vierzig Personen beteiligt waren.
Wenn das Getreide (Weizen, Gerste und Hafer) gemäht war, wurde es auf Haufen gebracht, auch Kabitzen genannt, dann auf Pferdewagen verladen und zum Dreschplatz gebracht. Dort wurde das Getreide ausgebreitet und dann mit einer von Pferden gezogenen Steinwalze (Dreschstein) ausgedroschen.
Hinter dem Dreschstein wurde ein Schleppschlitten, der an der Unterseite mit Messerklingen versehen war, mitgezogen, welcher das Stroh zu Häcksel zerschnitt. Zur Beschwerung dieses Schleppschlittens durften wir als Kinder immer rundherum mitfahren. So wurde Lage für Lage Getreide aufgebracht und niedergewalzt, bis dann am Abend der Drusch zusammengeschoben und mittels einer Putzmühle die Spreu vom Korn getrennt wurde.
Diese Art zu dreschen war aufwendig und nur mit Muskelkraft von Mensch und Tier zu bewältigen. Alle Familienmitglieder, ob groß oder klein, mussten hierbei mit anpacken.
Gutsbesitzer und Großbauern hatten es diesbezüglich leichter, weil sie Dreschmaschinen die mit Traktoren angetrieben wurden besaßen, wo das Getreide gereinigt die Maschine verließ. Wenn auch die Klöstitzer Bauern immer Schwerstarbeit leisten mussten, so waren sie doch mit dem was sie hatten glücklich und zufrieden. Auch waren sie mehr oder weniger stolz mit dem Erreichten.
All diese Abläufe prägten mich schon als Sechsjähriger dahingehend, dass ich als Tagelöhner bei anderen Bauern bei der Ernte half, um so mein Taschengeld zu verdienen. Mein erster Ernteeinsatz endete am Abend mit blutigen Händen, weil sie den rauen Sojapflanzen nicht gewachsen waren.
Kuh- und Schafhirten
Es gab auch lustige Dinge an die ich mich gerne erinnere: Wenn am frühen Morgen der Kuhhirte mit seiner langen Peitsche knallend durch die Straße ging, war es das Zeichen, die Kühe (Vieh) auf die Straße zu treiben. Übermütig sprangen wir dann aus unseren Betten, denn es war wie ein Schauspiel, zuzusehen, wie von allen Seiten das Vieh von den Höfen wie dressiert zu einer Herde anwuchs, die von dem Hirten in die Steppe hinausgetrieben wurde.
Ebenso war es, wenn im zeitigen Frühjahr, der von einigen Bauern gedungene Schäfer, auch peitschenknallend, die Schafe abholte und sie wie der Kuhhirte in die Steppe trieb. Wir Jungen neckten den Schäfer mit dem Spruch:
Schäferle, Schäferle hiet die Schof
Schmeiß dem Hund dei Schlappa noch
Der Schlappa isch varrissa
der Schäfer isch verschissa
Er reagierte peitschenknallend, indem er auf uns zukam, wir aber lachend und schadenfroh davonliefen. Die Schafherde blieb bis zum Spätherbst in der Obhut und Pflege des Schäfers. Sie wurden täglich vom Schäfer gemolken, sodass jeder Bauer einmal im Wechsel die ganze Milch bekam. Davon wurde der wohlschmeckende bessarabische Schafkäse hergestellt.
Jeder Tag des Jahres 1939 brachte seine Ereignisse, so auch der 24. April, wo mein Bruder Herbert das Licht der Welt erblickte. Nun war er das vierte Kind in unserer Familie, der in die Enge hinein geboren wurde und Aufmerksamkeit aber auch gewisse Versorgung beanspruchte.
Noch amüsanter ging es im Spätherbst beim traditionellen Schlachtfest zu, wo nicht nur Schweine sondern auch das Federvieh geschlachtet wurden. Diese Arbeiten verrichteten die Hausfrauen mit ihren Helfern, die auch die Gänse rupften. Alle Federn wurden in Säcken aufbewahrt und im Winter beim gemütlichen Zusammensein gerissen. Mit diesen gerissenen Federn wurden Kopfkissen und Zudecken gefüllt. Der Metzger und Vater verarbeiteten das geschlachtete Schwein, und wir Kinder halfen fleißig mit, denn da gab es leckeres Wellfleisch. Lustig war immer das Wurstanmessen, da bekam man unverhofft vom Metzger ein Stück Darm um die Ohren gehauen. Dafür rächten wir uns, indem der Schweineschwanz dem Metzger hinten an die Schürze gehängt wurde. Das durch die Schlachtung angefallene Fleisch wurde nach althergebrachter Methode haltbar gemacht. Das war pökeln, räuchern und braten und danach wurde alles in der Vorratskammer eingelagert. Die zuverlässige Kühlung brachte der Winter, welcher sich mittlerweile mit den ersten Nachtfrösten angemeldet hat. Die Ernte war eingebracht, alle Vorratskammern waren gefüllt, so konnte es ohne Sorge Winter werden, um wieder die abendlichen Zusammenkünfte zu feiern und die wohlverdiente Ruhe zu genießen. Eine der abendlichen Beschäftigungen war das Federnreißen, was eine mühevolle Pusselarbeit war, aber bei Klatsch und Gesang wurde auch das geschafft. Bei einer Bibelstunde Ende November 1939, die bei uns im Hause stattfand, dankten die zahlreich versammelten Bauern ihrem Herren und Lebensbegleiter für die üppig ausgefallene Ernte. Bei dieser Predigt, die mein Vater hielt, lobte er die Frömmigkeit sowie den Zusammenhalt der Nachbarn und aller Klöstitzer Bauern, denn Zufriedenheit ist Balsam für die menschliche Seele und Gemüt.
Beginn des Hausbaues und mein 8. Geburtstag
Anlässlich meines achten Geburtstages sowie des nahenden Weihnachtsfestes, zog Vater in einem Gespräch mit Mutter Bilanz über die vergangenen Jahre. Da stellten sie fest, dass die Familie ständig gewachsen war und sich gefestigt hatte. Auf Grund der Feststellung beschlossen sie, im Frühjahr 1940 mit dem Bau des Hauses zu beginnen, weil es Unzumutbar geworden war, mit vier Kindern noch länger in der Lehmbude zu leben. Die notwendigen Baumaterialien hatte Vater sich in den vergangenen Jahren nach und nach angeschafft und auf dem Grundstück gelagert. Mit diesem Vorsatz gingen die Eltern daran das Weihnachtsfest 1939 vorzubereiten, für das Vater sich zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum geleistet hat. Weihnachtsbäume wuchsen nicht in Bessarabien, sondern wurden aus der Ukraine oder aus den Karpaten eingeführt, daher waren sie sehr teuer. Am Heiligen Abend ging Vater mit uns dreien, Irma, Helmuth und mit mir, in die Kirche.

Letzte Weihnacht in Klöstitz
Auf dem Weg dahin hat uns das Glockengeläut begleitet. Mutter ist indes zu Hause geblieben bei meinem kleinen Bruder Herbert. Während unserer Abwesenheit hat sie die Geschenke unter den Tannenbaum gelegt, der ganz besonders schön geschmückt war. Die Predigt des Pastors Baumann war wie immer ergreifend und kam bei den Gläubigen der überfüllten Kirche gut an. Danach gingen wir vier unter einem sternenklaren Himmel durch hohen Schnee stampfend nach Hause. Unterwegs erzählte uns Vater vom Christkind, auf das wir Kinder uns sehnsüchtig freuten. Als wir den Hof betraten stand Mutter an der Haustür und rief uns zu, das Christkind war schon da. Irma und ich liefen so schnell wir konnten in das Haus, Vater mit Helmuth auf dem Arm folgte uns. Mutter zog uns die dicken Wintersachen aus, wobei sie sagte: „So Kinder, jetzt gehen wir gemeinsam in die weihnachtlich geschmückte Stube.“ Die Tür öffnete sich und wir schauten in eine von Kerzenlicht erhellte Stube, wo ein bis zur Zimmerdecke ragender Tannenbaum stand, der ebenfalls mir Kerzen (Talglichtern) bestückt war. Minutenlang blieben wir staunend mit Freudentränen in den Augen stehen, weil es so eine Weihnachtsstube noch nie bei uns gegeben hatte. Langsam näherten wir uns dem Christbaum und schauten auf den flackernden Lichterglanz. Unsere Eltern stimmten in die Stille hinein das Weihnachtslied „Oh, Du Fröhliche“ an, das wir Kinder auswendig kannten. Gemeinsam sangen wir alle Strophen und beteten das Vaterunser. Mutter verteilte dann die Geschenke, die noch nie so üppig ausgefallen waren, weil es meistens die alten Spielsachen mit neuer Farbe oder die Puppe mit einem neuen Kleid gab. Auch stand für jeden ein Weihnachtsteller unter dem Weihnachtsbaum bereit. Wir Kinder freuten uns und waren überglücklich, weil wir so reichlich noch nie beschenkt worden waren. Dies ließ uns für eine Weile die bittere Armut vergessen. Weil wir Kinder in Armut aufwuchsen, erfreute uns jede Kleinigkeit und wir waren somit leicht zufriedenzustellen.
Am 1. Weihnachtsfeiertag gingen meine Eltern zur Kirche, zuvor bereitete Mutter den Feiertagsbraten vor, wobei es meine Aufgabe war, auf meine Geschwister aufzupassen und mit ihnen zu spielen. Wenn dann die Glocken das Ende der Kirche einläuteten, hielt ich Ausschau nach meinen Eltern, weil mein kleiner Bruder Herbert nicht zu beruhigen war. Wir alle waren guter Dinge, als Mutter den Gänsebraten auf den Tisch stellte, sowie die dazugehörigen Strudeln und Beilagen. Oft hörte man es, wie gut es allen schmeckte, auch der eigene Wein fehlte nicht auf dem Tisch. Ähnlich wie der erste Feiertag verlief auch der Zweite, wo wiederum die Eltern die Kirche besuchten, in welcher meine Mutter getauft, konfirmiert und auch getraut wurde. Die Taufe ihrer vier Kinder ließen meine Eltern auch in der Kirche von Pastor Baumann vollziehen, in welcher fast alle Generationen der ehemaligen Klöstitzer Kolonisten kirchlich betreut wurden. Der ganze Stolz der Klöstitzer war ihre Kirche, die in dem Zeitraum um 1867 erbaut wurde, alle waren finanziell oder fronarbeitsmäßig beteiligt. Der 51 Meter hohe Glockenturm ragte majestätisch in den blauen Steppenhimmel, dessen Glocken am 13. Oktober 1868 die Gemeinde zur Einweihung einluden, wobei die eintausend Sitzplätze nicht ausreichten. Die Baukosten des stattlichen Bauwerkes betrugen immerhin 42.000 Rubel (126.000 Goldmark). Damit konnte sich Klöstitz rühmen die größte und schönste Kirche des bessarabischen Kirchspiels zu haben. Gebetshäuser, die in der Kolonistenzeit erbaut wurden, waren mehr und mehr durch den Bau stattlicher Kirchen zu Gemeindehäusern oder Schulen umgebaut worden. Dies war auch durch die starke Bevölkerungszunahme notwendig geworden. Wenn man bedenkt, dass in der Gemeinde Klöstitz bis zu 400 Schüler in fünf Schulen von fünf bis sechs Lehrern unterrichtet wurden, wo es immer geordnet und diszipliniert zuging. Die von den Schülern mitgebrachte häusliche Erziehung war für die Lehrkräfte äußerst hilfreich, weil sie keine großen Anstrengungen machen mussten, um den Kindern Zucht und Ordnung und bedingungslosen Gehorsam beizubringen. Durch diese straffe Schule bin auch ich als fast Neunjähriger gegangen, wo mir die Härte anerzogen wurde, die mir in meinem späteren Leben sehr hilfreich werden sollte.
Die Jahreswende 1939/40 brachte unserer Familie einen Trauerfall ins Haus, mein kranker Lieblingsgroßvater Gottlieb Messinger verstarb Wie immer zu dieser Jahreszeit lag hoher Schnee. Für die Trauergemeinde war es ein Kraftakt zum Friedhof zu gelangen, der etwa 1,5 Kilometer außerhalb des Dorfes lag. Der Sarg mit den sterblichen Überresten war auf einem Pferdewagen aufgebahrt, mit seinen zwei Lieblinspferden davor, auf dem ich neben dem Kutscher, Onkel Benjamin, Platz nehmen durfte. Mühevoll auf dem Friedhof angekommen, haben die Leichenträger den Sarg in die Grube abgesenkt. Als dann Pastor Imanuel Baumann die Andacht hielt, war mir weh ums Herz, weil ich nach Großmutter einen weiteren Freund verloren hatte.
Trotz aller Trauer ging Vater daran, seinen Plan eines neuen Hauses fortzusetzen, dies wurde aber durch gewisse weltpolitische Ereignisse gestoppt, weil von Umsiedlung nach Deutschland die Rede war. Vorahnungen einer sich anbahnenden Umsiedlung gab es schon im Oktober 1939, dies konkretisierte sich zunehmend und verunsicherte die Klöstitzer Bauern. Nun setzte nicht nur in unserer Familie eine Stagnation sowie Ratlosigkeit ein, denn alles stand auf dem Spiel und alle Planungen wurden zunichte gemacht.
Beginn der Umsiedlung nach Deutschland
Für alle 93.000 Bessarabiendeutschen brach eine Welt zusammen, weil alles, was sie sich in ihrem Leben erarbeitet hatten, nur noch die Hälfte oder gar nichts mehr wert war. So erging es auch meinem Vater, der sein ganzes Baumaterial zu Schleuderpreisen verkaufen musste, vieles verschenkte, oder wertlos liegen lassen musste. Obwohl es feststand, dass durch den HitlerStalinNichtangriffspakt die Aussiedlung nach Deutschland stattfinden würde, haben alle Bauern ihre Felder wie eh und je bestellt, jedoch fehlte es ihnen an dem sonst vorhandenen Elan. Die Situation nutzend, machten alle die das Geschäft ihres Lebens, die nicht nach Deutschland auswandern durften. So auch der Federjude, der alles billig aufkaufte, was er sonst teuer bezahlen musste. Als Junge sammelte ich beim Schlachtfest die Schweineborsten und Mutter gab mir Gänsefedern, womit ich mir beim Federjuden mein Taschengeld verdiente. Es blieb den Bessarabiendeutschen nichts weiter übrig, als das Beste aus dieser Situation zu machen und abzuwarten, was auf sie zukommen würde. Sie konnten es nicht verhindern in das Räderwerk der Weltpolitik zu geraten, wo sich zwei Diktatoren insgeheim Europa aufteilten. So kam es, dass der Diktator Stalin Rumänien am 25. Juli 1940 ein Ultimatum setzte, Bessarabien binnen einer Woche zu verlassen, was kampflos über die Bühne ging. Dies aber löste eine Welle der Gewalt von Seiten der Rumänen aus, die raubend sowie plündernd durch die Höfe zogen und alles mitnahmen, was nicht Niet- und Nagelfest war. Sie nahmen den Bauern Pferde mit Wagen weg, beluden sie und fuhren mit ihrer Beute vom Hof, wer sich wehrte, riskierte sein Leben, es gab auch übergriffe auf Klöstitzer Frauen. Darauf reagierte mein Vater mit weiteren vier Bauern, indem sie ihre Pferde anspannten, ihre Wagen mit Wertsachen beluden und in die Steppe hinausfuhren, wo sie sich in den Weinbergen und Maisfeldern versteckten, was viele andere Bauern auch taten. Das veranlasste die Rumänische Armee, Patrouillen in die Steppe hinaus zu schicken, um die Bauern zu suchen, sie festzunehmen oder bei Widerstand zu erschießen. Den zweiten Tag im Versteck hörten die Männer ein Pferd wiehern, worauf ihre Pferde antworteten, dies verriet das Versteck der Bauern. Ehe sie sich versahen standen zwei berittene Rumänische Soldaten vor ihnen, die ihre Waffen auf sie richteten und sie auf Rumänisch aufforderten, die Hände hochzuheben. Die fünf Bauern wurden nicht nur massiv mit den Waffen bedroht, sondern auch geschlagen und aufs Äußerste beschimpft. Mein Vater selbst war mal rumänischer Soldat und erwiderte in ihrer Sprache, wobei er ihnen aus seiner Proviantkiste (Steppkäschtle) Essen und Wein anbot, was sie sofort annahmen, denn es war ein glühendheißer Tag. Vater reichte ihnen zunächst einen Tonkrug mit Wein, den sie im Wechsel austranken. Die Wirkung ließ nicht lange auf sich warten. Während die beiden je einen Riegel Schinken mit Brot verzehrt hatten, war auch der zweite Weinkrug geleert, sodass der eine von ihnen Volltunken im Maisfeld seinen Rausch ausschlief. Der Andere aber bedrohte sie mit seiner Waffe, schoss in Abständen in die Luft, wobei er wiederholt rief: „Ich werde euch alle erschießen.“ Mit vorgehaltener Waffe zwang er die fünf Männer Aufstellung zu nehmen, was ihnen den Todesschweiß auf die Stirn trieb. In seinem Wahn legte er auf die Männer an, drückte auch ab, doch es löste sich kein Schuss, weil er das Magazin leer geschossen hatte. Wie auf ein Kommando stürzten sich die Bauern auf den Soldaten, rissen ihn zu Boden und fesselten sie beide aneinander. Den Schreck in ihren Gliedern steckend, schauten sie sich gegenseitig an und waren froh, dass ihr Schutzengel das Schlimmste verhütet hat. Nach einer kurzen Beratung schnürten sie die beiden Soldaten auf ihre Pferde, die dann das Weite suchten. Als die Männer sich wieder gefasst hatten, packten sie alles zusammen und fuhren mit ihren Gespannen in ein anderes Versteck. Die Rumänen verließen Bessarabien am 25. Juni 1940, noch in der Nacht kehrte Vater mit seinen Freunden nach Hause zurück. Mit gedämpfter Stimme erzählte er Mutter seine Erlebnisse im Maisfeld, als er und seine Freunde um ihr Leben bangen mussten. Da hörte ich meine Mutter zum ersten Mal bitterlich weinen. Durch die Abzugsattacken der Rumänen hatte das friedliche Leben der Bessarabiendeutschen großen Schaden genommen. Wenn man bedenkt, was das zaristische Russland für die deutschen Kollonisten getan hatte, nicht nur eine Bleibe sondern ihnen eine Heimat gaben, so hat es jetzt den Anschein, dass ihnen alles genommen würde. Bei hastig einberufenen Versammlungen wurde den Klöstitzern im Beisein russischer und deutscher Mitglieder der Umsiedlungskommission die bevorstehende Umsiedlung nach Deutschland bekanntgegeben.
Nun ist es zur traurigen Gewissheit geworden, dass sich zwei Diktatoren am, durch Fleiß und ehrlich erworbenen Eigentum der Bessarabiendeutschen, bereichern werden. Allen voran Diktator Stalin, der nicht nur das russische Volk in Angst und Schrecken versetzte sondern jetzt auch die Nachkommen der ehemaligen Kollonisten verdrängt, wo sie 125 Jahre glücklich und zufrieden lebten. Nach tiefgründiger Überlegung kamen die Bessarabier zu der Überzeugung, dass es die bessere Variante wäre dem Ruf Deutschlands zu folgen: Kommt heim ins Reich. Die Rumänen haben nur einen Teil unseres Eigentums mitgenommen, die Russen aber alles. Hier habe ich als Neunjähriger zusehen müssen, wie meinen Eltern nicht nur ihr Eigentum, sondern auch uns die Heimat genommen wurde. An vielen Abenden wurde in versammelter Runde über die bevorstehende Umsiedlung gesprochen. Wo sonst gesungen und gelacht wurde, hörte man nur noch Klagen. Männer und Frauen trauten sich abends nicht mehr auf die Straße, wegen den betrunkenen und randalierenden Russen. Es hatte nicht nur den Anschein, sondern es ist eine bittere Wahrheit geworden, dass ein Leidensweg der Bessarabier begonnen hat. Am 28. Juli 1940 besetzte die sowjetische Rote Armee das Territorium Bessarabiens. Hitler hatte ja ein Jahr zuvor im HitlerStalinPakt diese Region insgesamt der Sowjetunion zugestanden, verlangte aber die Umsiedlung der dort lebenden deutsch- stämmigen Bevölkerung ins Deutsche Reich. Am 5. September 1940 schlossen die Sowjetunion und das Deutsche Reich in Moskau einen Umsiedlungsvertrag. Er ermöglichte allen Bessarabiendeutschen die Rückkehr nach Deutschland. Jeder Bewohner ab vierzehn Jahren konnte die Entscheidung darüber selbst treffen. Mit der Anwesenheit sowjetischer Truppen Ende Juni 1940 hatten sich in Bessarabien bestürzende Veränderungen ergeben. Jeder Bauer hatte ein Erntesoll abzuliefern, Schulen wurden geschlossen, Krankenhäuser und Apotheken beschlagnahmt, Banken und Industrieunternehmen enteignet. Man befürchtete die baldige Deportation nach Sibirien. Schlimmes ließen auch die nächtlichen Verhaftungen von Gutsbesitzern und Angehörigen andere Volksgruppen in Bessarabien erahnen. Nahezu geschlossen entschied sich im September 1940 die 93.000 Personen umfassende deutsche Volksgruppe zur Umsiedlung. Diesen Rückzug aus 125 alten Siedlungsgebieten deutscher Ostsiedler feierte die NSPropaganda als „Heimkehr ins Reich“.
Gründe der deutschstämmigen Bevölkerung, in die Umsiedlung einzuwilligen, sie sogar als Rettungsmaßnahme anzusehen, waren:
• Furcht vor Rechtlosigkeit (Deportation)
• Aufgabe des eigenen Bodens (Zwangskollektivierung)
• Ende des deutschen kulturellen und kirchlichen Lebens
• einsetzende Verarmung in Bessarabien
Die Umsiedlung nach Deutschland
Das einzige Thema seit Wochen ist die Umsiedlung nach Deutschland, überall sieht man Gruppen diskutierender Männer und Frauen, die sonst lachenden Gesichter der Menschen sind verschwunden. Vater zimmert seit Tagen am Treckwagen, mit dem er unsere Habseligkeiten zum Donauhafen Galatz bringen will, dabei habe ich ihm Handreichungen gemacht.
Inzwischen packte Mutter in Kisten und Leinensäcke das Wichtigste ein, wobei sie sich von so manchem für immer trennen muss. Wir Kinder schauten unsren Eltern bei ihrer unfreiwilligen Arbeit zu, die ihnen sehr schwer fiel und Mutter die Tränen in die Augen trieb. Unsere Nachbarin Emma Mammel kam des Öfteren rüber, um sich Rat bei Muttern zu holen, weil sie wie wir alle, aus der Lebensbahn geworfen wurde. Sogar unser bulgarischer Hirtenhund „Tschornik“ merkte, dass alles anders war wie sonst. Er heulte jetzt jede Nacht, was er vorher nicht getan hatte.
Inzwischen war es Abend geworden und Vater stellte seine Arbeiten am Pferdewagen ein, um das verbliebene Vieh zu versorgen. Mutter rief uns zum Abendessen, wo Vater das Abendgebet sprach, in welchem er darum bat, dass er mit seiner Familie gut in Deutschland ankommen möge. Danach saßen wir alle stumm beieinander bis Mutter das Lied „Im schönsten Wiesengrunde“ anstimmte, welches schwermütig klang. Meine beiden Brüder Helmuth und Herbert schliefen schon in seliger Ruh. Sie bekamen von all den bevorstehenden Veränderungen nichts mit, was ihnen vieles ersparte. Als dann Irma und ich zu Bett gingen, hörte ich Vater sagen: „Anna, morgen werden wir den Treckwagen beladen.“ Dann gingen sie beide zum Abschlussgottesdienst in die Kirche. Auf dem Weg dorthin, hat sie das Glockengeläut begleitet.
Es war schon am frühen Morgen, als ich durch lautes Reden geweckt wurde, durch das Fenster waren SSMänner zu sehen, die das Gepäck kontrollierten, registrierten und mit Stempeln versahen. Ein Offizier übergab meinen Vater ein Schriftstück, mit den Worten: „Das Gepäck kann verladen werden.“ Dann verließ das SSKommando den Hof. Die Nachbarn halfen sich gegenseitig beim Verladen ihrer Habe, die auf ein Minimum geschrumpft war. Es fehlte nur noch das Pferdefutter für mindestens drei Tage und das Proviantkästchen (Steppkäschtle) für Vater. Als alles verstaut war, überprüften die Eltern noch einmal, ob nichts vergessen wurde, wobei Vater sagte: „Anna, das ist alles, was uns nach harter zehnjähriger Arbeit geblieben ist.“
So verging der Tag mit Sorge und innerer Angst, was sich auch abends nicht änderte, weil es für Vater die letzte Nacht war, die er in seiner Lehmbude verbringen würde. Zur Schlafenszeit beteten wir gemeinsam das Vaterunser, danach begaben wir uns dann zur Nachtruhe. Mutter aber hörte ich noch lange weinen.

Sonnenaufgang in der Steppe

So verließ Vater seinen Hof und Klöstitz *
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* Foto aus der Sammlung von Akira Takiguchi
Als am Morgen des 30. September die Sonne glutrot über der Klöstitzer Steppe aufging und mit ihren wärmenden Strahlen das urbargemachte sowie fruchtbare Land erfasste, rüsteten sich die Bauern, auch mein Vater, zur Abfahrt zum Donauhafen Galatz. Die Pferde waren versorgt, so konnten sie vor den Planwagen gespannt werden, wobei ich Vater half. Er sprach die ganze Zeit kein Wort mit mir, dann aber sagte er zu mir: „Artur geh, hole deine Mutter und deine Geschwister“, was ich bereitwillig tat. Als wir auf ihn zugingen, empfing er uns mit den Worten: „Anna nun wird es ernst.“ In dem Moment setzte das Glockengeläut ein, was das Zeichen zur Abfahrt war. Vater verabschiedete sich von uns Kindern und unserer Mutter, wobei ihm die Tränen über die Wangen rollten. Dann ergriff er die Leinen und die Pferde setzten sich in Bewegung. Der Treckwagen rollte vom Hof zur Straße, wo schon andere unterwegs zur Sammelstelle waren.

Wir folgten dem Wagen zur Straße, wo Vater noch einmal anhielt, uns noch einmal in den Arm nahm, noch einmal auf seinen Hof schaute, wobei er sagte: „Nun ade, du mein Liebheimatland.“ Dann fuhr er auch Richtung Sammelstelle, schaute aber nicht mehr zurück. Dann lief plötzlich Tschornik dem Wagen nach, weil er dachte, es ginge zur Steppe. Wohl oder übel musste ich hinterher, um ihn zu holen, blieb aber bei Vater bis er sich in den Treck eingereiht hatte. Dann noch einen letzten Händedruck zwischen Vater und Sohn. Mit Glockengeläut zog die Wagenkolonne den Hügel hinauf, auf der Tarutinower Straße Richtung Donauhafen Galatz. Wehmütig sah ich unserem Wagen nach, bis er hinter „Küst“ seinem Hügel verschwand. Mein Hirtenhund wäre dem Wagen nachgelaufen, wenn ich ihn losgelassen hätte.

Auch mein Onkel Friedrich Uhlich schaute noch einmal auf sein Dorf zurück *

Mit Handgepäck und Herbert in der Blacht sind die Frauen abfahrbereit
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* Foto aus der Sammlung von Akira Takiguchi
Lange stand ich noch am Wegesrand, wo sich Abschiedsszenen abspielten, die nicht zu beschreiben sind. Dazu das Glockengeläut, das weit über die Steppe hinausschallte. Niedergeschlagen und traurig ging ich mit Tschornik den Weg nach Hause zurück, wo ich Mutter weinend mit meinen Geschwistern antraf. Wenig später gab es Mittagessen, wonach Mutter mit der Nachbarin, Emma Mammel, zum Abschiedsgottesdienst in die Kirche ging, ich durfte wieder einmal auf meine Geschwister aufpassen. Für die Klöstitzer war geplant, dass erst die Männer mit Pferd und Wagen, danach Frauen mit Kindern zwei Tage später mit Bussen abtransportiert werden. Nun war Vater schon einen Tag und eine Nacht mit seinem Gespann unterwegs, sodass der Tag der Abreise für Frauen und Kinder näher kam. In den frühen Morgenstunden des 2. Oktober 1940 erinnerte uns der Ruf unserer Glocken daran, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen.

Abschied von Daheim
Mit den Worten: „Kinder kommt“, ging Mutter in die Stube, kniete vor dem Kreuz und dem Bild Christi nieder, was wir Kinder mit gefalteten Händen auch taten. Sie betete für sich, ihren Mann und ihre Kinder, dass die Ausreise nach Deutschland gelingen möge, schloss dann ihr Gebet mit den Worten: „Lieber Gott, warum lässt du es zu, dass uns alles genommen wird.“ Langsam ging Mutter zur Haustür mit meinen Bruder Herbert in der Blacht (Tragetuch), sagte dann: „Nehmt euer Kleingepäck und schaut euch noch einmal um, hier solltet ihr groß und glücklich werden.“ Dann gingen wir alle bepackt aus der Haustür, Irma nahm Helmuth an der Hand, ich versuchte Tschornik zum Bleiben zu überreden, was mir nicht gelang. Er folgte uns bis zum Bus. Dort trafen wir auf klagende und weinende Menschen. Hier wurden Kranke, Alte und Behinderte in extra Busse mit Betreuung verladen. Auch unser Bus füllte sich bis auf den letzten Platz, bis es dann hieß, abfahren. Es ging die Tarutinower Straße hinauf, vorbei an freigelassenen herumirrenden Haustieren. Am Küst seinen Hügel hielten die Busse an, wo viele ausstiegen, so auch meine Mutter, um sich von dem im Schagertal liegende Klöstitz für immer zu verabschieden.

Betende Frauen auf dem Steppenboden

Meine Mutter weinend mit Herbert in der Blacht auf dem Steppenboden
Am Wegesrand spielten sich die bittersten Szenen ab, was ich durch das Busfenster gut beobachten konnte. Mutter kniete mit vielen anderen auf dem Steppenboden nieder, wo sich auch unser Hirtenhund Tschornik neben ihr niederlegte. Dieser Anblick trieb mir als Neunjährigen die Tränen in die Augen, ist uns doch Tschornik bis zum Hügel nachgelaufen. Vom Kirchturm her war nicht nur Glockengeläut zu hören, sondern auch das Heulen der Hunde schallte bis zum Hügel herauf. Es hatte den Anschein, als wollten sie sich gemeinsam mit den Frauen ihr Leid von der Seele weinen. Die herzzerreißendste Szene war, als sich eine Frau auf den Steppenboden warf, ihre Hände in die Erde grub und dabei rief: „Heimatland, ich lass dich nicht los!“ Sie wurde von zwei Männern behutsam in den Bus gebracht, wo dann auch der Ruf erklang: „Alles einsteigen, die Schiffe im Donauhafen Galatz warten schon auf uns!“
Unser Bus setzte sich in Bewegung, durch das Heckfenster sah ich, dass Tschornik unserem Bus nachlief, was mir in der Seele wehtat. Durch den aufgewirbelten Steppenstaub verlor ich meinen Hirtenhund Tschornik letztendlich aus den Augen, sodass nur noch das Schluchzen der Frauen und das Weinen der Kinder zu hören waren. Dann wurde es still, ganz still, bis eine alte Frau das Lied „Nun ade, mein lieb Heimatland“ anstimmte.
Sie sang erst leise, dann etwas lauter bis schließlich alle anderen aus voller Kehle mitsangen. Um die Mittagszeit wurde irgendwo in der Steppe Pause gemacht, wo alle ihr Essen auspackten, Großfamilien hatten sogar Gekochtes dabei. Nach einiger Zeit drängte die Begleitmannschaft zur Weiterfahrt, weil erst die Hälfte der 150 Kilometer geschafft war. Während der Weiterfahrt kam es immer wieder zu klagenden Szenen, andere wieder starrten in Gedanken vor sich hin, ihre Gesichter zeigten Ratlosigkeit vielleicht war es auch Angst vor dem, was auf sie zukommen würde. Durch das monotone Motorengeräusch trat eine allgemeine Ruhe ein und die ganze Situation entspannte sich merklich. Am späten Nachmittag erreichten wir das Hafengebiet, wo die Donauschiffe vor Anker lagen. Mit Blasmusik wurden wir an Bord gebracht. Es herrschte bedrückende Enge auf den sechsundzwanzig Ausflugsdampfern der deutschen, jugoslawischen und ungarischen Donauflotte, Schlafgelegenheit gab es nicht. Etwas Freude kam auf, als die Treckwagenfahrer an Bord kamen und die Familien wieder vereint waren.
Die Treckwagen mit den Pferden mussten am Hafen zurückgelassen werden, weil sie von den Russen beschlagnahmt wurden. Am Abend des 2. Oktobers 1940 waren alle Klöstitzer an Bord der Schiffe, als dann die Schiffssirenen ertönten und die Fahrt donauaufwärts nach Semlin, in das damalige Jugoslawien, begann.
Die Flussschiffe beförderten jeweils 400 bis 1.000 Passagiere. In den fünfundvierzig Tagen der Umsiedlungsaktion pendelten sie auf der Donau unablässig auf und ab. Die Schifffahrt Richtung Deutsches Reich begann in russischen beziehungsweise rumänischen Donauhäfen Galatz, Kilia oder Reni. Sie dauerte zwei Tage und zwei Nächte und endete nach knapp 1.000 Kilometern donauaufwärts in den Häfen Prachovo und Semlin nahe Belgrad, im damaligen Jugoslawien. Diesen Reiseweg hatten auch die Vorfahren der deutschen Umsiedler 125 Jahre zuvor zurückgelegt, jedoch donauabwärts.
Zurück blieben: 374.000 Hektar Kulturland, 7.000 Hektar Weinberge, unzählige Siedlungshäuser, Schulen, Kirchen, Bet- und Rathäuser, Mühlen, Fabriken, Genossenschaftsbetriebe, Brücken und Brunnen, Haustiere und Viehherden. 150 deutsche Dörfer und Siedlungen, vereinsamt und fast menschenleer, zeugten von der Kulturleistung deutscher Siedler in 125 Jahren.
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