Читать книгу: «Lu die Kokotte»
I
Es roch noch immer nach Lorbeerblättern, Rosen und Veilchen. Die breiten Wände des ausgeräumten Eßsaales waren mit schwarzem Tuche überspannt. Vor den großen Spiegeltüren, die an beiden Seiten in die Nebenräume führten, standen noch gedrängt die Efeukästen und Palmen. Zwischen den Riesenkandelabern, die in gerader Linie nebeneinander unten im Saale standen, lagen die letzten Kränze; die wohl zu spät gekommen oder, da der Wagen sie nicht mehr faßte, aus Not zurückgeblieben waren.
Die eine Spiegeltür wurde aufgerissen.
»Fabelhaft, fabelhaft«, sagte der Professor.
»Es riecht überall gleich stark nach Menschen«, stöhnte Ida. »Man hätte, während wir auf dem Kirchhofe waren, wahrhaftig lüften können. Aber Rücksichten kennt sie nun einmal nicht, deine Nichte Fanny.«
»Hier ist’s erträglicher«, erwiderte der Professor, schnüffelte in den Eßsaal und schob sich durch die Tür. Ida folgte:
»Meinetwegen!«
Auch die andern kamen: Regierungsrat Störmer mit Gattin, Oberlehrer Sasse mit Frau, Hofbankier Walther nebst Gemahlin. Alle in tiefer Trauer. Die Männer in zugeknöpftem Gehrock mit Zylinder; gekränkt, ernst, würdevoll, kerzengerade. Die Frauen mit blassen Gesichtern, rotgeweinten Augen und traurig mitleidsvollen Mienen.
»Setzt euch«, sagte der Professor.
Sie schoben die Stühle, die durcheinander standen, in einen Halbkreis und setzten sich. Die Männer legten ihre hohen Hüte unter die Stühle, die Frauen zogen die Leinentücher aus den Taschen und weinten.
Nur der Professor stand noch.
»Ihr seid damit einverstanden, daß wir mit Fanny das Notwendigste gleich jetzt besprechen?«
Die Männer sagten »Ja«; die Frauen nickten mit den Köpfen.
»Kann man denn nicht wenigstens bis morgen damit warten?« schluchzte die Gemahlin des Hofbankiers Walther.
»Nein!« sagte kurz der Professor und unterdrückte damit den Widerspruch Sasses, der auch gerade den Mund auftat, um zu sprechen. Der Professor schritt würdevoll zur Tür, rief dem Diener und befahl mit tiefer Stimme:
»Sagen Sie meiner Nichte, daß die Familie sie hier erwartet.«
Der Diener zögerte: »Gnädige Frau haben mir streng befohlen, heute jeden Besuch . . .«
Weiter kam er nicht; der Professor schob ihn zur Seite. Man hörte, wie er mit starken Tritten über den Korridor schritt, jetzt stehen blieb, kräftig an einer Tür pochte, öffnete, eintrat . . .
Nun, da man nichts mehr hörte, atmeten die Frauen tief auf; die Männer räusperten sich; der Oberlehrer spuckte ins Taschentuch; der Regierungsrat sah’s und wandte sich ab; der erstaunte Diener schüttelte den Kopf und flüsterte: »Shocking!« Nur die Gemahlin des Hofbankiers schluchzte noch immer . . .
Da wurden von neuem die Tritte des Professors hörbar; die Frauen begannen wieder zu weinen; die Männer räusperten sich nicht mehr; der Oberlehrer steckte sein Schnupftuch in die Hosentasche; der Diener stand kerzengerade, und in die Tür trat: der Professor! An seinem Arme hing Fanny, die kaum die Füße rührte. Ernst und entschieden schob er sie neben sich her, führte sie zu einem Sessel und sagte kurz:
»Setz’ dich.«
Fanny glitt willenlos in den Sessel. Sie hatte längst keine Tränen mehr und stierte mit glanzlosen Augen teilnahmslos vor sich hin. Sie sah nichts und wußte nichts; weder was diese Menschen hier von ihr wollten, noch was nun weiter wurde. »Nur nicht denken, nicht denken!« rief sie sich zu, so oft sie aus ihrer Anästhesie erwachte.
Der Professor war anderer Ansicht.
»Wir haben bis jetzt geschwiegen«, begann er mit kräftiger Stimme; »nun aber ist es endlich an der Zeit zu reden.«
Das war ganz dumm, denn draußen schaufelten die Leichengräber noch an dem Grabe. Aber es wirkte. Einmal, weil es echt war, und dann, weil bei allen die Neugier, mehr von den Motiven zu hören, die »diesen lebensfrohen Menschen mitten aus der Fülle seines künstlerischen Schaffens« – das waren die Worte des Geistlichen gewesen – in den Tod getrieben hatten, größer war als die konventionelle Trauer, für deren Äußerung ja später noch Zeit und Gelegenheit genug blieb.
»Liebe Fanny,« fuhr er in feierlichem Tone fort, »das reine Wappenschild unserer Familie ist durch diesen gewaltsamen Tod und seine Zusammenhänge beschmutzt. Es ist unsere Pflicht, aus Pietät für die Toten« – hier schluchzte die Frau des Oberlehrers – »wie aus Rücksicht auf die lebenden Mitglieder unserer Familie, diesen Schandfleck zu tilgen.«
»Sehr richtig!« rief der Regierungsrat, und der Oberlehrer nickte so lebhaft mit dem Kopfe, daß ihm der Kneifer von der Nase flog.
»Und zwar so schnell wie möglich!« fuhr der Professor fort. »Ich habe daher den Rechtsanwalt Heinrich gebeten, gemeinsam mit uns zu beraten, was im Interesse des Rufes der Familie zu geschehen hat. Wir rechnen dabei mit Bestimmtheit auf dich, Fanny. Für dich kann es ja in dieser Stunde nur eine Pflicht geben: die Schuld deines seligen Mannes zu sühnen. Bist du dazu bereit?« fragte er sie.
Fanny saß teilnahmslos und hörte nichts. Als er ihr jetzt: »Bist du bereit?« in die Ohren brüllte, sah sie auf und sagte leise: »Ja«, ohne zu wissen, was man von ihr wollte. Es ist ja auch ganz gleich, dachte sie.
Der Professor gab ein Zeichen. Der Diener öffnete die Tür, und der runde, kleine Anwalt polterte herein. Wie drei aufeinandergestülpte Kugeln sah er aus, legte Hut und Mantel ab, schlug die Hacken zusammen, beugte den runden Oberkörper nach vorn und küßte der Gemahlin des Hofbankiers ehrfurchtsvoll die Hand, drückte die der Frau Regierungsrat mit verbindlichem Lächeln, grüßte mit kurzer Kopfbewegung zur Frau Oberlehrer hinüber und sagte, ohne sich zu bewegen, kurz und steif: »Tag!«, als er bei Fanny vorüberschritt. Dann setzte er sich neben den Professor.
»Was zunächst die finanzielle Seite dieses Trauerfalles angeht, so hat dein Mann trotz seines großen Einkommens, es waren wohl an die 60.000 Mark im letzten Jahre« – »hier lächelte die Frau des Hofbankiers Walther, aber der Frau des Oberlehrers stieg das Blut in den Schädel, und sie stieß ihren Mann an – »wie du ja weißt, keinen Pfennig Vermögen hinterlassen.«
Vorwurfsvoll fuhr er fort: »Du, Fanny, kanntest seine leichtlebige Art, aber leider: du machtest nicht einmal den Versuch, ihn zur Sparsamkeit anzuhalten; du bist also mit schuld daran, wenn du mit deinen Kindern heute mittellos dastehst; hättet ihr nur die Hälfte eures Einkommens jährlich zurückgelegt, so würdet ihr heute nicht der Familie zur Last fallen.«
Er trat einen Schritt vor.
»Blickt auf mich! Ich gehöre seit fünfzehn Jahren als Extraordinarius dem Lehrkörper der königlichen Universität an, bin Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums und seit nunmehr sechzehn Jahren Kandidat der nationalliberalen Partei im Kreise Dortmund-Hoerde. Es ist, wenn die heutige Konstellation bis zu den nächsten Wahlen anhält, durchaus nicht ausgeschlossen, daß ich eines Tages als Volksvertreter in den Deutschen Reichstag einziehe« – er machte eine Pause, denn er wollte die Wonnen dieser, wenn auch noch so fernen, Aussicht ganz genießen. – »Aber« – und er unterstrich jedes Wort – »ich brauche trotz der Verpflichtungen, die mir meine hohe soziale Stellung auferlegt, noch nicht die Hälfte von dem, was ihr jahrein, jahraus vergeudet habt. Ich lege Wert darauf, heute daran zu erinnern, daß ich vor zweiundzwanzig Jahren schon gegen diese Ehe Fannys mit einem Künstler war. Allen diesen mir so wesensfremden Menschen fehlt gerade das, was wir als die bedeutsamste Tugend von einem jeden deutschen Manne, gleichviel welcher Konfession und welcher politischen Richtung er angehört, entschieden fordern müssen: die innere Gebundenheit! Das Pflichtgefühl! Mit einem Worte: die Korrektheit! Wir brauchen keine Individualitäten! Die Begriffe von Moral und Recht stehen fest; sich ihnen anzupassen und unterzuordnen, ist die Pflicht eines jeden. Wem sie nicht passen, wer eigene Wege geht, den übergeben wir dem Arzte oder dem Staatsanwalt! – Und diese Korrektheit, die fehlte leider auch ihm, der dich zur Frau nahm und so mein Verwandter wurde, ohne daß ich mich bis zum heutigen Tage ihm verwandt fühlte. Ja, ich benutze diese Stunde, um ganz förmlich diese Absage an den nun in Gott Entschlafenen zu richten, dessen ganz freie, persönliche, an keine Prinzipien und keine Tradition gebundene Auffassung vom Leben, die sich über herrschende Moral und geltende Gesetze kühn hinwegsetzte, mir vom ersten Tage an zum äußersten zuwider war.«
Der Professor hatte gesprochen; seine Frau stand auf, trat an ihn heran, drückte ihm die Hand und sagte:
»Wie stolz ich auf dich bin!« Sie ging dann zu Fanny, die noch immer nicht wußte, was vorging, legte ihren Arm auf ihre Schulter und klagte:
»Wenn dein Mann ihm auch nicht gleich zu ähneln brauchte,« und dabei wies sie auf den Professor, der eben hinzutrat, »ein klein wenig nur von seiner Größe und Würde hätte ja genügt, um dich und die Kinder glücklich zu machen!«
Fanny schwieg; aber der Professor sagte: »Da magst du schon recht haben. Das darf uns aber nicht hindern,« und damit wandte er sich an den Anwalt, »so sehr euch meine Worte auch bewegt haben – man ist nun einmal Mensch und kommt aus seiner Haut nicht heraus – nunmehr den Gegenstand rein geschäftlich zu behandeln.«
Dr. Heinrich entnahm seiner Mappe ein Schriftstück.
»Bitte«, sagte der Professor.
»Was ich vorzutragen habe,« erklärte Dr. Heinrich, »ist an die Adresse der Frau Fanny Kersten gerichtet. Alle andern«, und er sah sie der Reihe nach an, »kennen den Inhalt. Ich habe aber den Eindruck, als wenn Frau Kersten den Vorgängen hier überhaupt nicht folgte.«
»Das wäre ja noch schöner«, erklärte entrüstet der Professor. »Ja, für wen sitzen wir denn hier und vergeuden die Zeit, die wir, weiß Gott, nutzbringender verwenden können?« Er wurde feierlich. »In zwei Stunden tritt im Rathause die Kommission, die über die Anlegung von zehn öffentlichen Bedürfnisanstalten beraten soll, zu ihrer ersten Sitzung zusammen. 30.000 Mark verlangt der Magistrat dafür! So etwas will durchdacht und auf seine Notwendigkeit hin geprüft sein! Die Interessen der Allgemeinheit stehen da in Frage, während es sich hier um das Einzelschicksal einer Familie handelt, die noch dazu durch eigene Schuld ins Unglück geriet.«
»Sie haben vollkommen recht«, sagte der Anwalt.
»Ich darf also bitten, liebe Fanny, daß du dich jetzt zusammenreißt. Du sollst Gott danken, daß du uns hast. Andere an unserer Stelle hätten sich längst zurückgezogen.«
Fanny, die mehr fühlte als hörte, was man sprach, richtete sich auf.
»Ja, was wollt ihr denn?« jammerte sie. »Laßt mich doch in Ruhe! Mir ist ja längst alles gleich! Beschließt! Und was ihr bestimmt, soll gelten und gut sein.«
»Wenn dem so ist,« sagte der Anwalt, »um so besser.« Und er entfaltete einen Bogen und las:
»1. Frau Fanny Kersten verpflichtet sich, innerhalb von vierzehn Tagen Berlin zu verlassen und ohne Genehmigung der Familie nicht nach dort zurückzukehren.
2. . . .«
»Halt!« unterbrach ihn der Professor. »Diese selbstverständliche Rücksicht auf uns bedarf wohl keiner Begründung?«
»Wenn mein Hiersein euch geniert – bitte!« – erwiderte Fanny; »mir ist es völlig gleichgültig, wo ich lebe.«
»Ich glaube, du mißverstehst uns«, sagte vermittelnd der Regierungsrat. »Du tust uns leid; von Herzen leid. Und was deinen Mann betrifft: ich für meine Person bedaure auch ihn!« – und zu den andern gewandt fügte er hinzu: »Wenngleich ich das nach außen natürlich nicht zu erkennen gebe.«
»Gott soll hüten«, sagte der Hofbankier Walther, der seine beste Kundschaft verlor, wenn der Skandal an die große Glocke kam.
Und der Regierungsrat unterstrich: »Nach außen, da müssen wir ihn natürlich ganz entschieden verurteilen und von ihm abrücken.«
»Was hat das alles nur mit meinem Fortgang aus Berlin zu schaffen?« fragte Fanny nervös.
»Man sieht,« erwiderte der Professor, »wie du an der Seite dieses Mannes jedes feine Gefühl verloren hast. Sonst könntest du nicht so naiv fragen.«
Und der Anwalt erläuterte: »Ihre Familie hat natürlich den Wunsch, daß alles, was sie und Dritte an diesen empörenden Skandal erinnert, aus dem Gesichtskreise Berlins verschwindet.«
»Natürlich,« bestätigte der Professor, »dadurch, daß du mit den Kindern hier lebst, man euch begegnet, von euch spricht, wird dauernd die Erinnerung an dies Unglück wachgehalten, in dessen letztem Zusammenhang man als Verwandte schließlich auch uns nennt. Seid ihr fort, sieht man euch nicht, so seid ihr und die ganze unglückselige Geschichte bald vergessen. In einer fremden Stadt weiß kein Mensch, wer ihr seid; ich meine, daß du selbst diesen Wunsch haben müßtest: schon mit Rücksicht auf deine Kinder.«
»Über meine Wünsche und Gefühle sprich bitte nicht!« forderte Fanny ziemlich energisch. »Das mache ich schon mit mir selbst ab. Es hat ja auch mit dem Geschäftlichen gar nichts zu tun. Und darauf wollen wir uns bitte beschränken; zumal nach der Offenheit, mit der ihr mir alle begegnet seid, und für die ich euch danke. Denn ich kenne nun eure Gesinnung.«
Sie stieß das alles bestimmt, aber ruckweise heraus; – eine Pause entstand, dann fragte sie plötzlich:
»Was also wird mit Harry?«
»Aber ich bitte,« sagte der Anwalt in unfreundlichem Tone, »wir wollen doch nach der Reihe gehen. Über das alles hat ja Ihre Familie bereits entschieden, und Sie haben Ihre Zustimmung, die juristisch verbindlich ist, zu diesen Entscheidungen ja bereits abgegeben. Also hören Sie mich zu Ende«, forderte er und fuhr fort: »Frau Kersten siedelt mit ihrem gesamten Mobiliar nach München über, woselbst sie eine Pension eröffnet, in deren Leitung sie von ihrer Tochter Luise unterstützt wird.«
»Dieser Vorschlag stammt von mir!« erläuterte die Frau des Oberlehrers. »Da werdet ihr endlich einmal den Wert des Geldes kennen lernen.«
»Laß doch das!« sagte die Frau des Hofbankiers und stieß sie an.
»Die Tragung der Kosten für die Übersiedlung«, fuhr der Anwalt fort, »bis zur Höhe von 1000 Mark hat in hochherziger Weise der Hofbankier und Geheime Kommerzienrat Walther übernommen«, und er krümmte abermals vor ihm und der Frau Gemahlin den Rücken. Dann las er weiter: »Frau Kersten erhält von der Familie im ersten Jahre einen Zuschuß von 3000, im zweiten einen solchen von 2000, im dritten einen von 1000 Mark und verpflichtet sich, die Darlehen zuzüglich 5 Prozent Zinsen vom fünften Jahre ab in monatlichen, noch näher zu bestimmenden Raten zurückzuzahlen.«
Alle sahen zu Frau Fanny hinüber; die aber verzog keine Miene; schien weder verlegen, noch dankbar, noch erstaunt; sagte nur, als der Anwalt im Lesen innehielt und sie ansah:
»Aber bitte, so lesen Sie doch weiter!«
Und Dr. Heinrich schüttelte entrüstet den Kopf und fuhr fort:
»Harry Kersten hängt seine Malerei an den Nagel . . .«
»Waas?« rief Frau Fanny dazwischen.
Aber er las mit erhobener Stimme zu Ende: »– und geht zum Bankier Alois Laqueur, einem Schwager des Hofbankiers Walther, nach Paris in die Lehre!«
»Nie!!« schrie Frau Fanny und sprang auf. »Nie dulde ich das! Harry ist Künstler durch und durch und taugt zu nichts anderem als zum Malen und geht zugrunde, wenn man ihn in irgendeinen Beruf zwängt, in den er nicht hineinpaßt.«
»Bist du noch immer nicht geheilt?« schrie der Professor. »Genügt dir die Enttäuschung noch nicht, die du an deinem Manne erlebt hast? Willst du sie durchaus an deinem Sohne noch einmal erleben?«
»Und dann träfe dich die Schuld, wenn es wieder so käme,« schrie die Frau des Oberlehrers, »dich allein.«
»Wir wollen aus dem Unglück lernen«, dozierte der Oberlehrer und stand auf; ein Zeichen, daß er zu einer seiner beliebten Reden ausholte; der Professor sollte ihn nicht in den Schatten stellen; was der konnte, konnte er auch.
»Wie oft habe ich euch gewarnt,« fuhr er fort und wandte sich zu Fanny, »wenn der Junge die Schule vernachlässigte und tagsüber, statt zu lernen, oben im Atelier deines Mannes saß. Jetzt solltest du endlich einsehen, wie schwer ihr euch an ihm vergangen habt, als ihr ihn Künstler werden ließet. Und das, obschon sich der Hofbankier Walther auf meine Vorstellungen hin bereit erklärte, ihn gegen seine Gewohnheit auch ohne das Zeugnis der Reife in sein Geschäft zu nehmen. – Ich werde den Affront nie vergessen: als ich mit der fröhlichen Botschaft zu deinem Manne kam und ihm das Resultat meiner erfolgreichen Bemühungen beim Hofbankier Walther verkündete, da nahm er ein halbfertiges Bild von der Staffelei, das einen nackten Frauenkörper darstellte, hielt es mir vors Gesicht – ich schloß instinktiv die Augen —«, sagte er zu seiner Frau gewandt, »und rief laut: ›Hier, sieh! Das hat mein siebzehnjähriger Bub heut’ früh, während du seine Kameraden mit Herodot traktiertest, in knapp zwei Stunden fertiggebracht – da sitzt noch das Modell!« – und er wies mit dem Pinsel auf einen Diwan, auf dem halbentkleidet eine junge . . .« – der Professor räusperte sich, der Oberlehrer besann sich – »und wenn du mir die Krone Frankreichs für meinen Harry brächtest: ich und mein Sohn schlügen sie aus, und er würde Maler!«
»Unverantwortlich!« – »Skandalös!« – »Ein netter Vater!« – »Das grenzt an Verbrechen!« surrte es durcheinander.
Aber Frau Fanny strahlte über das ganze Gesicht, auf dem breit der Kummer lag. Wie ein Regenbogen über trübe Wolken fährt, also spielten tausend Lichter jetzt in Fannys Augen, die in Gedanken an ihrem Manne hingen, ihm ins Atelier folgten, dort den Knaben sahen, sein Bild, das der beglückte Vater in den Armen hielt . . .
»Recht so!« schrie sie. »Ja, mein Harry wird Maler, wie es sein Vater war!«
»Du weißt nicht, was du sprichst!« brüllte der Professor.
»Die Aufregung ist ihr in den Kopf gestiegen«, schrie die Frau des Oberlehrers.
»Ich habe es gleich gesagt, man hätte ja auch bis morgen warten können«, zitterte die Frau des Hofbankiers.
Aber Fanny richtete sich auf:
»Nicht nötig, meine lieben Verwandten,« rief sie, »ich bin mir niemals über etwas so klar gewesen. Ihr habt mir heute erst so recht deutlich gezeigt, was ich an meinem Manne verloren habe. Wie sehr er Mensch war im Vergleich zu euch! Ihr hättet es nie gewagt, in seiner Gegenwart so zu reden, denn ihr wußtet, er wäre euch die Antwort nicht schuldig geblieben. Und wenn ihr gegangen wäret, dann hätte er hinter euch hergelacht, so herzlich, wie nur er lachen konnte, und hätte sich geschüttelt vor Vergnügen, wie er es oft tat, über eure Beengtheit, eure Vorurteile und die große Würde und Wichtigkeit, die ihr in alle äußerlichen Dinge legtet, eben weil es euch an jeder Innerlichkeit fehlt! – Heute zum ersten Male verstehe ich ganz, was er mit alledem meinte! – Und ihr wollt über ihn zu Gericht sitzen? Ihn schlecht machen vor mir? Ihr ihn? – Ich lache euch aus. – Ich weiß zwar nicht, was morgen wird. Aber hunderttausendmal lieber, als daß einer von euch heute mein Mann und der Vater meiner Kinder wäre, ist mir das Bewußtsein, daß er, der heute fortlebt in meinen Kindern, ein ganzer Kerl war!«
»Ein Verbrecher war er, der sich nur dadurch dem irdischen Richter entzogen hat, daß er sich eine Kugel in die Schläfe schoß«, schrie der Professor.
»Ich und seine Kinder verzeihen ihm! Und nur darauf kommt es an! Um eure Achtung und die der Welt hat er sich nie gekümmert. – Was er getan hat, das macht ihn mir und den Kindern auch nicht um so viel weniger liebenswert. Daß diese Margot, die er aus dem Dreck der Straße auflas, die so sündhaft war und so schön, die ihm den ganzen Sommer über zu seinen Bildern saß, der er das Höchste und Herrlichste, was er geschaffen hat, verdankt, die sich ihm an den Hals warf Tag für Tag und darum bettelte, daß er sie nahm« – sie lachte wehleidig – »nun, ich wußte es, als ich im Sommer in die Berge fuhr, daß es eines Tages dazu kommen würde. Es waren ja nur Menschen; Menschen von Fleisch und Blut. Und es hätten Gestalten sein müssen wie ihr, wenn es hätte anders kommen sollen. – Also es geschah, was so furchtbar und doch so natürlich war! Es geschah, ohne daß das Mädchen, noch er, noch ich, noch unsere Ehe, noch sonst jemand daran Schaden nahm. Im Gegenteil: in dieser Margot erwachte gerade jetzt so etwas wie ein moralisches Bewußtsein; ich habe mit ihr gesprochen. – Nun, ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß diese Margot zeit ihres Lebens nie einem Manne angehören wird, den sie nicht liebt. Ihr möget das beurteilen wie ihr wollt; für mich ist das jedenfalls der einzige Gradmesser für die Tugend einer Frau!«
Sie saßen alle da, sahen sich an und brachten vor Entsetzen kein Wort heraus.
»Und daß diese Margot«, fuhr Frau Fanny fort, »erst vier Wochen später sechzehn Jahre wurde – nun, ich glaube nicht, daß er es wußte – aber das ist auch gleich, denn hätte er es gewußt« – sie schüttelte den Kopf – »es wäre darum nicht anders gekommen. Ein unglücklicher Zufall: der Eklat war da! Ohne ihn war er noch heute – auch wenn längst alle darum wußten – der große, von allen gefeierte und umworbene Meister. Für euch mag dieser Zufall der Regulator eurer Gefühle sein! Ihr werdet das von mir und seinen Kindern nicht verlangen! – Ich bat, ich flehte ihn an, er möge die Folgen auf sich nehmen, suchte ihm klarzumachen, daß sie ja nichts an seinem Menschen, nichts an seiner Kunst, an meiner Liebe und der seiner Kinder ändern könnten. – Aber« – und sie richtete sich stolz vor dem Professor auf, der zornig vor ihr stand und sich nur schwer beherrschte – »er wollte die Hintertüren nicht benutzen, die ihr ihm botet. Er zog den freiwilligen Tod vor! Und wenn es einen Richter gibt dort oben – ich weiß es nicht – um seine Seele ist mir nicht bange!«
Sie war mit ihrer Kraft zu Ende, zitterte am ganzen Körper und wankte; die Frau des Hofbankiers stand auf und wollte sie stützen; der Anwalt hielt sie zurück; die Gattin des Regierungsrates faßte die Hand ihres Mannes und suchte Schutz; die Frau des Oberlehrers sah beschämt zur Erde; ihr Mann rückte an seinem Kneifer; der Hofbankier saß gelangweilt; der Regierungsrat schüttelte den Kopf und tat entrüstet – aber der Professor trat vor, stellte sich kerzengerade und sprach:
»Der Auftritt, dessen Zeugen wir und leider auch unsere Frauen soeben waren, und der so recht die Schamlosigkeit der Gesinnung, die hier herrscht, zum Ausdruck bringt, enthebt uns der Pflicht und Mühe, uns weiter um euch zu bekümmern. Ja, dieser Auftritt macht es mir und, wie ich glaube, auch den andern geradezu unmöglich, diese Schwelle noch einmal zu betreten.«
Diese Sätze sprach er ruhig und bedächtig; jetzt aber erhob er die Stimme, als spräche er in einem Riesensaale vor seinen Wählern:
»Damit du dich aber über den freiwilligen Abtritt deines sauberen Herrn Gemahls nicht täuschst, dessen Tod für dich noch etwas besonders Großes zu haben scheint, so will ich dir verraten, daß dein Mann auf deine Bitten hin allen Ernstes gewillt war, den Dingen ihren Lauf zu lassen;« – Fannys Ausdruck wurde zu Stein – »ich aber zwang ihn, sich und uns alle vor der Schmach einer Verhandlung und sicheren Verurteilung zu bewahren – ich habe ihm die Waffe in die Hand gedrückt und – dein Sohn wird es mir einmal danken —«
Fanny war unwillkürlich nahe an ihn herangetreten; sie wußte nicht, daß sie sich bewegte; auch jetzt, als sie die Faust erhob und sie dem Professor ins Gesicht schlug, wußte sie nicht, was sie tat.
Ein kräftiger Stoß des Professors warf sie zu Boden; alle stürzten hinaus.
»Im Kern verdorben!« sagte Dr. Heinrich an der Haustür.
Sonst sprach niemand was; und sie trennten sich ohne ein Wort des Abschieds. —
Oben im Saal roch es noch immer nach Lorbeerblättern, Rosen und Veilchen. Neben den letzten Kränzen, die wohl zu spät gekommen oder, weil der Wagen sie nicht mehr faßte, aus Not zurückgeblieben waren, lag regungslos Fanny.
II
Fanny saß im Salon an ihrem Schreibtisch; vor ihr lag ein großer Bogen, der mit Hunderten von Zahlen vollgeschrieben war. Sie rechnete; zum ersten Male seit Jahren. Addierte und subtrahierte, aber es wollte nicht stimmen.
Sie drückte auf die Klingel; der Diener kam.
»Rufen Sie meine Tochter; aber sie soll gleich kommen.«
»Sehr wohl, gnädige Frau!«
Sie begann von neuem; schrieb Zahlen um Zahlen; strich sie wieder aus; schüttelte den Kopf; gab es dann auf; trat an einen Bulschrank; öffnete ihn; schraubte eine schwere Kassette los, stellte sie auf den Tisch, schloß sie auf, entnahm ihr eine Reihe von Schachteln und Kästen, die sie zum Schreibtisch trug.
Luise trat ins Zimmer; schritt auf die Mutter zu, legte ihren Arm um sie, warf einen Blick auf das Papier, sah die Schachteln und Kästen und wußte, was vorging.
»Armes Mütterchen«, flüsterte sie. »Ja, wer das Rechnen nicht gewöhnt ist, wie wir, dem fällt’s schwer!«
Sie sah ihr Kind traurig an. »Es ist noch weit weniger, als ich dachte«, sagte sie.
»Wenn’s nur so lange reicht, bis der Harry sich durchgesetzt hat.«
»Das tut’s eben nicht«, erwiderte Fanny.
»Das muß es tun!« erklärte Luise so bestimmt, daß Fanny erstaunt aufblickte und ihr in die Augen sah.
»Sonderbar! Daß der Vater nie auf den Gedanken kam, dich so zu malen! Ich gäbe etwas darum, wenn ich das festhalten könnte.« Sie stand auf und trat auf sie zu: »Keines der vielen Bilder, die er von dir malte, ist so schön wie dies!« Dabei fuhr sie ihr mit der Hand übers Haar und küßte sie auf die Stirn:
»Vergiß nie die sonnige Jugend, die du ihm verdankst. Solche Erinnerung reicht oft fürs ganze Leben. Denke in Liebe an ihn, mein braves Mädel!« Luise erschrak; das klang ja wie Abschied vom Leben.
»Warum so feierlich, Mama? Du willst ihm doch nicht etwa . . .?« Sie scheute sich den Gedanken auszusprechen.
Aber Fanny beruhigte sie: »Aber nein! Glaubst du, ich werde dich allein lassen? Du würdest dich in dieser schlimmen Welt ja gar nicht zurecht finden ohne mich.«
»Sag’ das nicht«, erwiderte Luise; »ich habe mehr über das Leben nachgedacht als du glaubst.«
»Sieh mal an!« rief Fanny ganz erstaunt. »Wann hattest du denn Zeit dazu? Ich habe dich immer nur strahlend gesehen. Des Tags über tolltest du im Garten; gleich ob es Sommer oder Winter war. Und des Abends saßest du beim Vater, und ihr erzähltet euch Geschichten, die gewiß nicht traurig waren. Wo blieb meinem Sonnenkinde denn da noch Zeit, über das Leben nachzudenken?«
Luise wurde verlegen. »Dann war es wohl doch mehr mit dem Herzen, wenn ich dachte . . . als mit dem Verstande.« – Sie wurde nachdenklich. »Da magst du schon recht haben, Mütterchen, daß alles dann mehr Gefühle als Gedanken waren . . .«; und fast traurig fuhr sie fort: »Und da Vater mich nur mit dem Herzen denken lehrte, was wohl recht gut für frohe Zeiten war, so werde ich mich jetzt, wo ich kalt denken und berechnen muß, womöglich schwer im Leben zurecht finden.« Trostlos klang es, als sie sagte: »Oder gar nicht.«
Fanny faßte sie an die Schultern:
»Darum eben bin ich da«, sagte sie bestimmt, »und bleibe da! Denn jetzt brauchst du jemand, der für dich denkt; einen ganz kalten, nüchternen Menschen – weißt du, so einen, wie du ihn nie leiden mochtest.«
Luise wollte widersprechen – aber Fanny sagte:
»Gewiß, ich weiß ja; daß ich dich lieb habe, hast du trotz allem am Ende doch immer herausgespürt.«
»Ja, Mutter«, bestätigte Luise leidenschaftlich; »wenn ich auch . . .«
»Wenn du mit deinem heitren Sinn auch mehr zum Vater paßtest . . . Natürlich!« unterbrach sie Fanny. »Aber jetzt ist meine Stunde da, wo ich mein Kind so sicher durch alles Trübe und Schwere führen muß, daß es sich sein goldnes Gemüt erhält. Bis es eines Tages wieder ohne ernste Gedanken nur mit dem Herzen leben darf.«
»Statt, daß du mich teilnehmen läßt an deinen Sorgen«, antwortete Luise unzufrieden; »ich bin auch zu anderem gut als nur zum Lachen und Scherzen. Gerade weil ich leichter und heiterer bin als du und alles nicht so ernst nehme, gerade darum kann ich dir jetzt mehr sein als du mir.«
Fanny war starr: »Nein, wie du sprichst, Luise! Das kenne ich ja gar nicht an dir, als ob du in den paar Tagen ein anderer Mensch geworden wärest.«
»Durchaus nicht!« erwiderte Luise. »Oder hat es etwa schon einmal eine Situation in meinem Leben gegeben, in der du Gelegenheit hattest, mich kennenzulernen? Gerade im Unglück wird sich mein Temperament am besten bewähren, versuch’s mir!«
Sie ging an den Schreibtisch. Fanny sah sie noch einmal an, als stände sie vor einem Wunder. Aber Luise hielt bereits den großen Bogen mit den vielen Zahlen in der Hand, den ihre Mutter gerade vor ihr verbergen wollte.
»Was? Mit 150 Mark soll der Harry in Rom leben? Das ist ganz unmöglich!« rief sie. »Wo er bis jetzt monatlich 1000 hatte.«
»Wir werden uns alle an ein anderes Leben gewöhnen müssen«, sagte Fanny.
»Wir schon! Aber er? Niemals! Schon wenn er sein Atelier aufgibt, an das er gewöhnt ist, wird seine Kunst leiden. Harry muß weiterleben wie bisher«, erklärte sie ganz bestimmt; »sobald der bei seiner leichten und unpraktischen Art anfangen muß, mit Kleinigkeiten zu rechnen, verliert er sich. Ich kenne ihn! Tausende, die es könnten, deren Entwicklung es nichts schaden würde; aber niemals er! Verlaß dich darauf. Erst wird’s ihn amüsieren, und er wird denken: Pah, als ob es darauf ankäme! Dann aber wird’s ihm unbequem werden; ihn schließlich verstimmen, unlustig zur Arbeit machen! – Erst einmal muß er durch sein! Nachher, da kann man an seinem äußeren Leben so viel Änderungen vornehmen, wie man will. Bis dahin aber muß alles bleiben, wie es ist!«
Fanny hatte bis zu dieser Stunde ihr Kind nicht gekannt; hatte geglaubt, es werde nun wie ein Vögelchen mit gebrochenen Flügeln scheu und zaghaft umherflattern und nie mehr seine helle Stimme erheben. Sie hatte sich schon ein ganzes Programm zurechtgelegt, wie sie ihr Kind erheitern, alles Häßliche und Schmutzige, was nun kommen mußte, von ihm fernhalten würde. Und nun? – Dankbarkeit für ihren Mann war das erste, was sie empfand. Ja, in Luise lebte sein aufrechter Geist. Ein ganzer Kerl war sie mit ihren 19 Jahren, der das Leben gerade da bejahte, wo es am schwersten wurde; der sich nicht zimperlich den Verhältnissen unterwarf. Der seinen Willen erzwang! Wenn es sein mußte, auch gegen die Verhältnisse! – Ja, das war das Kind ihres Mannes. Und erst jetzt kam ihr so recht zum Bewußtsein, was auf seiten des Professors dazu gehört haben mußte, um den Widerstand ihres Mannes, der dem Leben selbst da, wo es nichts mehr bot, noch Reize abrang, zu brechen.
»Du willst mir also helfen?« sagte sie bloß.
»Welche Frage!« erwiderte Luise. »Harry darf nichts von den Verhältnissen erfahren. Wir dürfen überhaupt nicht über Geld mit ihm sprechen. Denn sobald er auch nur ahnte, wie es bei uns aussieht, gäbe er die Malerei auf . . .«
»Du meinst, er täte das?« unterbrach sie Fanny und schüttelte den Kopf.
»Bestimmt! Aber was innerlich aus ihm würde, ist eine andere Frage; froh würde er nie mehr!«
»Und leisten würde er auch nichts«, fügte Fanny hinzu.
»Und darum ist darüber überhaupt kein Wort zu verlieren«, bestätigte Luise, die noch immer den großen Bogen in der Hand hielt. »Damit freilich« – und sie vertiefte sich in die Zahlen – »werden wir nicht weit kommen. Aber hör’ mal, Mama,« sagte sie beinahe gekränkt, »da unterschätzt du Papa denn doch gewaltig, wenn du seine beiden letzten Bilder mit 8000 Mark ansetzt. Das Doppelte sind sie wert; und vielleicht das Vierfache, da es seine letzten sind.«
Fanny ging zum Schreibtisch; nahm aus einem Stoß von Papieren einen Brief heraus, gab ihn Luise und sagte:
»Lies!«
Und Luise las:
»Liebe Fanny! Da ich die prekäre Lage kenne, in die Du durch den Tod Deines Mannes geraten bist, so will ich Dir die letzten beiden Bilder Deines Mannes aus besonderem Entgegenkommen, und obgleich ich nicht recht weiß, wohin damit, abkaufen. Den Kaufpreis, den ich Deiner augenblicklichen Lage entsprechend ziemlich hoch bemessen habe, lege ich Dir in einem Scheck über 8000 Mark bei; setze aber voraus, daß es sich dabei wirklich um die letzten Bilder Deines seligen Mannes handelt, und behalte mir vor, falls sich etwa noch spätere Bilder von ihm vorfinden sollten, den Kauf rückgängig zu machen. Mit Gruß Dein Vetter
Theodor Walther.«
»Pfui Deibel!« rief Luise. »Wo ist der Scheck? Gib ihn mir; er muß ihn zurücknehmen und uns die Bilder wieder herausgeben.«
»Wir brauchen das Geld, Luise, das weiß er; bedenke, ehe wir die Bilder woanders unterbringen . . .«
»Das laß meine Sorge sein! . . . Noch heute, wenn es sein muß!«
Fanny stand nur immer und staunte ihr Kind an. Luises Lebhaftigkeit und Bestimmtheit gab auch ihr wieder Mut und Zutrauen; und was mehr war: sie fühlte, daß sie nicht mehr allein war. Daß ihr Kind, um das sie sich am meisten bangte, fester stand als sie; daß sie eine Gefährtin hatte in ihrer Sorge um Harrys Zukunft.
»Du bist ein Optimist, mein Kind! Vorläufig reißt man sich noch nicht um Vaters Bilder; im Gegenteil.«
»Was heißt das?«
»Denke dir, eine besonders empfindsame Natur schickt uns das eigene Porträt zurück mit der Begründung, daß es . . .« – sie stockte – »ich sollte es dir lieber nicht sagen, es wird dich kränken . . .«
»Ich dachte, wir wollen aufrichtig zueinander sein«, erwiderte Luise.
»Du hast recht«, sagte Fanny; »also er schreibt, daß er es mit seinen Ansichten über Moral nicht vereinen könne, ein Bild von der Hand dieses Mannes in seinem Hause zu haben.«
»Wer ist der Esel?« fragte Luise.
»Dein lieber Onkel, der Professor.«
»Daß ich noch frage!« rief sie aus. »Dieser Philister, der nie gefühlt hat, mit welcher himmlischen Ironie Papa ihn kerzengerade wie ein Stück Holz, starr und bewegungslos, auf die Leinewand warf.«
Fanny geriet in Bewegung; sollte sie nicht ehrlich gegen ihr Kind sein und ihm sagen, daß er es war, der den Vater in den Tod getrieben hatte? – Nein! Jetzt nicht! Vielleicht später, entschied sie; wenn die Zeit den ersten Eindruck etwas verwischt hatte!
»Und immer, wenn wir traurig sind – und das wird wohl oft sein in nächster Zeit,« sagte Luise, »dann stellen wir uns beide vor dies Bild; das wirkt unfehlbar! Wenn wir da ernst bleiben, steht es schlimm um uns.«
Sie ist doch noch ein halbes Kind, dachte Fanny; aber sie wird es, wie ihr Vater, zeit ihres Lebens sein! – Gott geb’ es! fügte sie hinzu. Man könnte ja auch dieses Bild verkaufen, dachte sie weiter, aber sie sprach es nicht aus. Wenn es die Wirkung hatte, dann sollte es als letztes Stück im Hause bleiben.
Luise stand am Telephon und mühte sich, Anschluß zu bekommen.
»Warum läßt du dich nicht von Franz verbinden?« fragte Fanny.
»Aber Mama,« erwiderte sie, »in vierzehn Tagen gibt es hier keinen Diener, keine Zofe mehr; es ist doch besser, man gewöhnt sich beizeiten.«
Sie war verbunden: »Hier Luise Kersten, ist Herr Casper da?«
– — – — – — – —
»Guten Tag, Herr Casper; sagen Sie, Sie kennen doch die beiden letzten Bilder von Papa?«
– — – — – — – —
»Ja! Eben die! – Wollen Sie sie haben?«
– — – — – — – —
»Den Preis müssen Sie nennen; ich weiß, Sie haben Papa lieb gehabt und werden zahlen, was sie wert sind.«
– — – — – — – — – —
»Mit 15.000 Mark? Aber natürlich bin ich damit zufrieden; soviel haben wir gar nicht einmal erwartet. – Wie schade, daß Papa das nicht mehr hört; er hat auf Ihr Urteil immer so viel gegeben.«
– — – — – — – — – —
»Ja, abgemacht! Ich danke Ihnen sehr! Adieu, Herr Casper!« —
Sie hängte den Hörer wieder an und wandte sich um.
»Bitte, Mama! Was sagst du nun zu deiner geschäftstüchtigen Tochter?«
Fanny war ganz aufgeregt: »Hast du dich auch nicht verhört?«
»Aber Mama!« erwiderte Luise und hatte Mühe, ihrer Mutter klarzumachen, daß jeder Irrtum ausgeschlossen war. – Schon stand sie wieder am Telephon und ließ sich mit dem Hofbankier Walther verbinden.
»So!« rief Luise in den Apparat. »Der Herr Geheimrat ist nicht zu sprechen? Dann sagen Sie, bitte, daß seine Nichte ihn zu sprechen wünscht und so lange hier wartet, bis er Zeit findet.«
Kaum eine Minute verging.
»Ah! Bist du’s, Onkel?«
– — – — – — – — – —,
»Danke, einigermaßen; – — Mama auch; hör’ mal, wir haben deinen Brief und Scheck erhalten. Wir danken dir für dein ›Entgegenkommen‹ » – das klang sehr ironisch – »möchten aber nicht gern, daß du gegen dein Gefühl . . .«
Hier unterbrach er sie wohl; denn sie hörte auf zu sprechen und bewegte nur lebhaft den Kopf.
»Also« . . . weiter kam sie nicht.
– — – — – — – —
»Wir wollen aber nicht!« brüllte sie schließlich in den Apparat. »Wir verzichten auf deine Gnade! Wir brauchen dich nicht!«
– — – — —
»So!« schrie Luise. »Ich wüßte nicht, seit wann du Bilder zu beurteilen verständst! Jedenfalls, uns sind sie mehr wert. Franz ist in einer halben Stunde mit dem Scheck bei dir und holt sie ab.«
– — – — – — – — – —
»Was, das geht nicht? Warum nicht?«
– — – — – — – — – —
»Du hast sie verkauft? An wen?«
– — – — – — – — – —
»So? Das geht mich nichts an? Vielleicht aber interessiert es mich, zu erfahren, wieviel du daran verdient hast.«
Ein Brüllen durchs Telephon. Der Geheimrat hing an.
»Verlaß dich darauf,« sagte Luise in aller Ruhe und hing den Hörer an, »er hat mehr als das Dreifache daran verdient, dein lieber Schwager . . . Aber ganz gut! Man ist nun wenigstens fertig mit dem Gesindel!«
Der Diener meldete den Kommerzienrat Mohr.
»Aber Sie sollten doch keinen Besuch . . .«
Luise unterbrach ihre Mutter:
»Mit Ausnahme des Herrn Mohr; ich habe das Franz ausdrücklich eingeschärft« – und zum Diener gewandt fuhr sie fort:
»Bitte in den Salon!«
»Was bedeutet das?« fragte Frau Fanny, die sich an die Selbständigkeit ihrer Tochter zwar allmählich gewöhnte, hier aber doch einigermaßen erstaunt war.
»Ich begreife dich nicht, Luise, seit seiner erfolglosen Werbung gehst du ihm überall aus dem Wege – besuchst nicht einmal Gesellschaften, auf denen du fürchtest, ihm zu begegnen, und nun . . .«
»Das war einmal«, erwiderte Luise und sah ihre Mutter traurig an; »diesen Luxus kann ich mir heute nicht mehr gestatten.«
»Soll das etwa heißen? – Aber nein, das ist nicht möglich – du kannst im Ernste nicht daran denken.«
»Doch Mama, ich denke daran, und zwar sehr ernstlich . . . in einer halben Stunde werde ich seine Braut sein.«
»Luise!« schrie Frau Fanny entsetzt, »bist du von Sinnen? Ich gebe das nie zu! Ich weiß, wie dir dieser rohe Mensch im Innersten zuwider ist – du willst dich opfern! – Lieber wollen wir anständig verhungern.«
»Und Harry?« warf Luise ein und sah der Mutter in die Augen. »Ja, wenn’s nur um uns ginge! Aber verlaß dich darauf, ich weiß, was ich tue. Ich vergebe mir nicht mehr, als unbedingt nötig ist. Dies Opfer aber muß sein! Es ist nicht etwa ein Gedanke, der mir so im Augenblick gerade kommt. Seit Vaters Tode habe ich Stunde um Stunde darüber nachgedacht – aber es gibt keinen anderen Weg. Es ist der einzige!«
»Du darfst das nicht!« erklärte Fanny; aber ihr Widerspruch klang schon zögernd: »Das geht zu weit.«
»Auch dann nicht, wenn ich mein Glück darin finde, Harry den Weg zu ebnen? Ja mehr: wenn ich darin eine Pflicht gegen den Vater sehe?«
Sie trat nahe an Frau Fanny heran:
»Sei ehrlich, Mama! Was nützt es, daß wir uns wehren? Wir werden den Vater nie vergessen! Du so wenig wie ich. Harry ist sein Vermächtnis! In ihm lebt das fort, was wir mit dem Vater zu Grabe trugen. Und darum werden wir ihn halten und durchsetzen um jeden Preis.«
Sie legte ihre Arme um Frau Fannys Hals und sah ihr in die Augen:
»Hab’ ich recht, Mama?« —
Frau Fanny schwieg.
»Siehst du!« sagte Luise. »Nun widersprichst du nicht mehr und – das mußt du mir versprechen – wirst zu allem, was nun kommt, ein fröhliches Gesicht machen.«
Sie schritt zum Schreibtisch; nahm wieder den großen Bogen mit den vielen Zahlen, riß ihn in tausend Fetzen und warf ihn in den Papierkorb. Dann ging sie hinaus, den Korridor entlang und trat in den Salon.
Als sie eintrat, erhob sich der Kommerzienrat langsam von seinem Sessel, ging ihr entgegen, nahm ihre Hand und sagte:
»Mein Fräulein, es tut mir leid, daß wir uns unter so traurig veränderten Verhältnissen wiedersehen. Meine Schuld ist es nicht, wenn ich mich heute darauf beschränken muß, Ihnen in dieser Form mein aufrichtiges Beileid auszusprechen.«
Dabei drückte er Luises Hand stärker, als es wohl nötig war, und sah ihr so fest in die Augen, daß sie, statt zu danken, nur eine kurze Bewegung machte, worauf er, noch ehe sie saß, wieder auf seinen Sessel glitt und die Beine übereinanderschlug.
»Daß es auch so kommen mußte!« sagte er; aber aus seinen Worten sprach mehr Spott als Mitgefühl.
So empfand es jedenfalls Luise; und dieser breite und schwere Mensch mit dem gelben Teint, seinen 44 Jahren, den falsch dreinschauenden Schlitzaugen hinter der goldenen Brille, dem aufgedunsenen, sinnlichen Mund und dem tiefschwarzen, sorgsam gescheitelten Haar ekelte sie an.
»Tut es Ihnen wirklich leid?« fragte sie ihn. »Ich habe das Gefühl, als müßten gerade Sie eine gewisse Genugtuung über unser Unglück empfinden.«
»Ich wäre ein schlechter Mensch, wenn ich das täte«, erwiderte er; aber er widersprach nicht.
»Nun, ich glaube, daß das Herz bei Ihren Entschließungen in den seltensten Fällen spricht«, sagte Luise.
»Woraus schließen Sie das?«
»Weil man nicht mit Sentiments arbeiten darf, um so große und vor allem so schnelle geschäftliche Erfolge zu erzielen wie Sie.«
»Ich bewundere Ihre Schärfe«, antwortete Mohr und sah sie groß an. »Ich wußte gar nicht, daß Sie auch über solche Dinge nachdenken.«
»Gewiß, mich interessieren auch Menschen, die ganz anders sind als ich.«
»Aber dies Interesse würde nie so weit gehen, um einem solchen Manne Ihr Vertrauen zu schenken.«
»O doch!« erwiderte Luise schnell. Der Kommerzienrat rückte näher; schob die Beine nach vorn, setzte die Brille zurecht und schnalzte mit der Zunge; er tat das immer, sobald er von Dingen sprach, die für ihn von Bedeutung waren.
»Dann haben sich Ihre Ansichten aber seit dem Tode Ihres Herrn Papa gewaltig verändert«, sagte er.
»Durchaus nicht«, gab sie zur Antwort. »Die Verhältnisse haben sich geändert. Ich kann heute nicht mehr wie damals nur nach meinen Gefühlen handeln; ich habe Rücksichten, meinetwegen auch Pflichten, die ich früher nicht hatte – das ist der ganze Unterschied.«
»Sieh einmal an! Wie amüsant!« entschlüpfte es ihm.
»Ich finde es höchst widerwärtig, daß es so ist – aber schließlich: meine Jugend war so schön, daß man auch ein kleines Opfer nicht gar so tragisch nehmen darf.«
»Sie sind sehr offen, mein verehrtes Fräulein«, erwiderte er und grinste ganz niederträchtig; »aber das reizt mich, das gefällt mir!«
»Um so besser! Denn es wäre mir unmöglich, Gefühle zu heucheln, wo . . .« sie stockte.
»Nun bitte!«
»Man braucht die Offenheit nicht weiter zu treiben, als es nötig ist!« erwiderte sie.
Aber er drang darauf. »Wenn ich Sie bitte! Ich sage Ihnen doch, das reizt mich, reizt mich ungemein. Sagen Sie’s nur! Nicht wahr, ich bin Ihnen widerwärtig! Oh, Sie haben es mir ja schon einmal gesagt; Sie haben einen Ekel vor mir! – Sehen Sie, so muß eine Frau sein, die ich liebe. Nur keine Süßigkeiten, kein Schmachten, keine liebevolle Hingabe!« – Der Schweiß trat ihm auf die Stirn, seine Augen tränten, und aus den Mundwinkeln lief ihm der Speichel. »Zwingen gegen Ihren Willen, jede Nacht von neuem, darin liegt der große Reiz; darum kann ich mir nicht wie andere Maitressen halten und Frauen kaufen, weil sie entweder lieben oder völlig apathisch sind – Sie aber . . .«
Luise schüttelte sich vor Ekel. Er war jetzt ganz nahe an sie herangerückt, seine schweißige Hand lag auf ihrem Schoß, und er sah sie so sudelig an, daß sie Übelkeit verspürte.
»Sie aber hassen mich«, fuhr er fort. »Sie werden sich immer von neuem wehren; sich vor mir verbergen; ich werde Sie immer von neuem erobern müssen; und Sie werden mich innerlich verfluchen, so oft ich Sie in meinen Armen habe.«
Er stand jetzt auf und wollte nach ihr greifen; seine Hand lag schon auf ihrer Schulter, und sie spürte den heißen Atem, der aus seinem Munde kam.
Sie hob den Stuhl in die Höhe und trat ein paar Schritte zurück.
»Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie Sie mir zuwider sind«, rief sie. »Ich könnte Ihnen ins Gesicht spucken.«
»Tun Sie’s, bitte, tun Sie’s!« brüllte er laut und stellte sich in seiner ganzen Breite vor sie hin. »Ich lechze danach!«
»Ich wollte das Opfer bringen!« schrie Luise; »Ihnen heute sagen, daß ich meine Weigerung von damals bedaure, daß ich mich anders besonnen habe und bereit bin, Ihre Frau zu werden; aber . . .«
Weiter kam sie nicht. Er brüllte jetzt vor Vergnügen.
»Frau?« rief er. »Sind Sie naiv, mein Kind! Heiraten! Sie! Nach dem, was vorgefallen ist? Sie womöglich in die Gesellschaft einführen! Mutter meiner Kinder werden lassen . . .! Oh, das wäre köstlich!«
Luise traute ihren Ohren nicht! Dies Vieh ist rasend, dachte sie; aber sie überzeugte sich, daß er ganz ruhig wurde, allmählich wieder in Haltung kam und jeden Wort abwog, das er sprach:
»Ich danke meinem Schöpfer, daß Sie mich vor zwei Monaten abgewiesen haben. Sonst säße ich heute schön in der Tinte! Wäre als naher Verwandter gesellschaftlich boykottiert und – was schlimmer ist – geschäftlich ruiniert. – Nein, mein Engel, davon kann natürlich keine Rede mehr sein! – Ich kenne Ihre Verhältnisse genau und weiß, daß Sie und Ihre Mutter, wenn Sie nicht betteln gehen wollen, keine Wahl mehr haben; – — darum habe ich mich beeilt, um als erster hier zu sein – Sie verstehen,« sagte er spöttisch – »denn Sie sind schön und jung – bald werden andere kommen.«
Luise stand regungslos an die Wand gelehnt und krallte die Fingernägel in die Tapete.
»Zu meiner Geliebten will ich Sie haben! – Und Sie werden ›Ja‹ sagen, so gewiß ich hier vor Ihnen stehe. – Heute und morgen werden Sie sich vielleicht noch sträuben – aber in ein paar Tagen, wenn Sie ruhiger geworden sind, dann werden Sie von selbst kommen.«
Er trat an sie heran; sie stand noch immer unbeweglich.
»Sie wissen, wo Sie mich finden! Ich bin für Sie immer zu sprechen. – Ich erwarte Sie! —«
Dann ging er.
Luise biß die Zähne aufeinander.
»Nie!« sagte sie; zitterte am ganzen Körper, starrte zur Tür und tastete schwankend zum nächsten Sessel, auf den sie wie tot niederglitt.
III
Als Harry nach des Vaters Tode von Mutter und Schwester Abschied nahm, da hatte Luise ihm in die Hand gelobt, daß sie mit allen großen und kleinen Sorgen, die sie bisher zum Vater getragen hatte, von nun an zu ihm kommen werde.
Sollte ihr erster Brief mit der Schilderung der bedrängten Verhältnisse beginnen, unter denen die Mutter litt? Sollte sie gar von der qualvollen Stunde ihrer Begegnung mit Kommerzienrat Mohr berichten? Das eine war so unmöglich wie das andere. Was sich in dieser Stunde zugetragen hatte, verbarg sie selbst vor der Mutter. Die wußte nur, daß Luise die abermalige Werbung weder angenommen noch abgelehnt, sich vielmehr ein paar Tage Zeit erbeten hatte, während der sie diesen bedeutsamen Schritt noch einmal erwägen wollte.
Wie schwer es doch war, zu lügen, wenn einem die Übung fehlte! Nicht einmal ein paar heitere Zeilen an ihren Bruder brachte sie fertig. So sehr sie sich zwang, alle Traurigkeit zu verbergen, aus ihren Worten klang es doch immer, als wenn sie das alles nur schrieb, um nicht von dem zu sprechen, was sie bedrückte. Das kam daher, daß sie so gar nicht Herr ihrer Gedanken war; die führten sie immer wieder zum Vater; dann wurde ihr schwer; sie hörte auf zu denken; vergaß alles andere; vergrub sich in ihrem Kummer; gab sich ihm willenlos hin.
Und denken mußte sie doch, wollte sie vorwärts kommen. – Wieviel leichter sie sich das alles gedacht hatte!
»Wenn nicht ein Wunder geschieht,« hatte die Muttee gesagt, »dann bleibt uns nichts anderes übrig, als Harry die Wahrheit zu sagen.«
Das war für sie das Zeichen, daß es kein Zögern mehr gab, daß sie handeln mußte. Sie schrieb:
»Lieber Harry!
Ich bringe ein Opfer, das fast über meine Kraft geht – das höchste, das ich bringen kann. Ich gebe mich auf! Denn ich werde mich diesem Manne geben, gegen den sich alles, was Weib in mir ist, auflehnt.
Seit acht Tagen lebe ich in dieser Vorstellung; und jedesmal, wenn ich in Gedanken das durchmache, was mir bevorsteht, gerate ich in Zustände, die unbeschreiblich sind.
Ach, Harry, wieviel froher und leichter wäre mir, könnte ich mit meinem Leben erwirken, daß uns geholfen wird!
Aber es geht nicht! Alles, was sonst in Frage kommt, genügt kaum, um für die Mutter zu sorgen, deren Herz sich durch den Auftritt mit dem Professor arg verschlimmert hat. Der Geheimrat ist für Davos. – Davos! Wenn er ahnte, wie es bei uns aussieht!
Aber du darfst: ja nicht denken, Harry, daß ich voll Bitterkeit dies Opfer bringe. Wenn es mir auch schwer fällt. Ich könnte laut heulen, wenn ich daran denke. Sieh mal, ich werde ja nicht seine Frau sein. Weißt Du, wie ich das meine? Dir erscheint das wahrscheinlich nur um so verächtlicher; mir hat es den schweren Entschluß erleichtert. Lach’ mich nicht aus! Ich habe nun mal so eine Art heiliger Vorstellung von allem, was mit der Ehe zusammenhängt. Es ist vielleicht töricht, was ich da empfinde; aber mir ist, als vollzöge sich damit erst die Weibwerdung des Mädchens; das Recht, Mutter zu werden; wenigstens dem Kinde gegenüber! Das gilt natürlich nur für Menschen, die aus Liebe zusammengehen. Und das bedeutete mir alles Glück, das ich für mich vom Leben erhoffte. Die Aussicht auf dies Glück begrabe ich nun für immer. —
Aber ich weiß auch, wieviel mehr ich leiden würde, wenn ich mir dies Bild aller Glückseligkeit durch eine Ehe mit diesem Menschen für immer zerstörte. Das Ideal, dem ich nun doch wenigstens in Gedanken und, wenn Gott es gut mit mir meint – bitte, Harry, lach’ nicht! Ich glaube in diesen Stunden mehr denn je an ihn! – auch in meinen Träumen nachgehen kann, bleibt mir! Und was ich tue, fasse ich rein als einen physischen Vorgang . . . Nein, nein! Harry, ich lüge, ich kann das alles nicht von meiner Seele trennen; da ich es niederschreibe, um mich zu beruhigen, zu stärken, zu ermutigen, bäumt sich alles in mir auf, und ich fühle, wie ich mich belüge . . . wie ich zu schwach zu dieser Lüge bin. – Ein Geschäft ist es, das ich mit ihm schließe, werde ich ihm ins Gesicht schreien, wenn er die Arme nach mir ausstreckt – aber ich werde zerbrechen . . . und zugrunde gehen . . .«
Sie legte die Feder fort, zerriß den Brief; strich sich das Haar aus der Stirn; fuhr mit der Hand über das heiße Gesicht . . . ihr war leichter; und sie konnte weinen.
Nebenan schlief die Mutter. Wenn die ihr Schluchzen hörte, wachte sie auf; kam und fragte, und sie mußte lügen. So schlich sie langsam zur Tür, die Treppe hinunter, lief in den Park weit hinein und heulte sich aus.
Matt kam sie wieder ins Haus, schlich die Treppen hinauf, setzte sich wieder an den Tisch, schob die Fetzen des Briefes beiseite, nahm eine Karte und schrieb:
»Mein lieber Harry!
Mir ist nun schon viel besser, und ich fühle mich freier. Alles, was ich jetzt tue, geschieht ohne Furcht, denn ich habe Dich lieb und glaube mit all der Kraft, deren ich fähig bin, an Dich. Denke an unseren lieben, guten Vater; aber in Freuden, so wie er es wünschte! Denke viel an ihn, dann werden sich unsere Gedanken oft begegnen.
Ich habe so viel Liebe im Herzen, Harry! Sie gehört ganz Dir, der Mutter und der Erinnerung an »ihn«. Ich werde nie einen anderen lieben als Euch! Denn ich müßte sonst unglücklich werden. So aber werden wir alle vielleicht noch einmal froh.
Deine Schwester Luise.«
Diesen Brief trug sie am nächsten Morgen selbst zur Post.
Dann nahm sie einen Bogen und schrieb:
Herrn Kommerzienrat Mohr!
Sie haben recht behalten: morgen nachmittag um 3 Uhr bin ich bei Ihnen. Und ich werde Gott danken, wenn man mich als Leiche von Ihnen trägt.
Luise.«
IV
Gegen Abend des nächsten Tages suchte Kommerzienrat Mohr den Universitätsprofessor Mallinger auf, mit dem er im dritten oder vierten Grade durch dessen Frau irgendwie verwandt war.
Als das Mädchen ihn meldete, drehte sich der Professor langsam an seinem Schreibtisch um und befahl mit sonorer Stimme:
»Sagen Sie dem Herrn Kommerzienrat, daß ich mich zwar für mein morgiges Kolleg noch nicht vorbereitet habe, daß ich ihn aber trotzdem bäte, abzulegen und näherzutreten.«
Der Professor mochte ihn nicht; kannte ihn kaum; hatte trotz der vielen Jahre, die er in seinem Hause verkehrte, kaum fünf Worte mit ihm gewechselt.
Das lag daran: Mohr galt als Lebemann. Man sprach sogar von einem Verhältnis, das er seit Jahren unterhielt. Einen rechten Begriff vermochte der Professor zwar damit nicht zu verbinden. Aber er hatte es im Gefühl, daß es etwas Anstößiges war, etwas, was der Ehe, der Institution des Staates, ins Gesicht schlug. Und das genügte ihm, um ihm diesen Menschen unsympathisch zu machen. Hinzu kam: für Mohr lag der tiefste Sinn des Lebens im Geldverdienen. Das an sich nahm er ihm nicht übel. Im Gegenteil! Aber daß er das Geld so leicht wieder unter die Leute brachte, anstatt es zusammenzuhalten, daß er es oft sogar in Lokalen ließ, in denen Frauen zweifelhaften Rufes verkehrten, verurteilte er scharf. Was aber das Schlimmste war: dieser Mohr sah in einem Universitätsprofessor durchaus keinen Honoratioren, der ihm besonderer Verehrung wert erschien; ja, es hatte sich ereignet, daß er auf einem Diner beim Hofbankier Walther zuerst den Oberlehrer Sasse und dann erst ihn begrüßte.
Alles das trat wieder in seine Erinnerung, als das Mädchen jetzt seinen Namen nannte; dennoch stand er auf und ging ihm entgegen!
»Was führt denn Sie, Herr Kommerzienrat, zu so ungewohnter Stunde in die Arbeitsstube eines Gelehrten?« fragte er ihn, als er eintrat.
»Sie gestatten wohl, daß ich mich setze?«
»Ich hatte nicht die Absicht, Sie stehen zu lassen,« sagte der Professor, »obschon meine Zeit beschränkt ist, da ich morgen um acht Uhr Kolleg und nachmittags Stadtverordnetensitzung habe, bei der ich gelegentlich des Müllabfuhrverbots den Standpunkt meiner Fraktion zu vertreten habe, ohne mich bisher mit der für die Kommune wie im besonderen für die Hausbesitzer äußerst wichtigen Materie mit der nötigen Gründlichkeit befaßt zu haben.«
Dem Kommerzienrat war das, obgleich er selbst Häuser besaß, ohne freilich je über die Müllabfuhr nachgedacht zu haben, höchst gleichgültig. Wie gut, daß Leute da waren, die sich über solche Dinge den Kopf zerbrachen, dachte er. Wozu so ’n Professor nicht alles gut ist! Aber er sprach es nicht aus. Da der Professor jedoch eine Antwort erwartete, so tat er interessiert und sagte:
»Gewiß, verehrter Professor, in einer Stadt wie Berlin muß die Müllabfuhr ja eine bedeutende Rolle spielen.« Was zur Folge hatte, daß der Professor sich leidenschaftlich über dies Thema ausließ, worauf Mohr ihn mit den Worten unterbrach:
»Sehr interessant, Herr Professor, aber der Grund, aus dem ich hier bin und es wage, Ihre Zeit in Anspruch zu nehmen, ist ein anderer.«
»Bitte, bitte!« sagte der gekränkt. »Ich weiß ja, daß die Politik nicht in Ihr Fach schlägt; ich bin in der Tat sehr beschäftigt, also bitte.«
»Ich hatte das Thema ja nicht angeschlagen,« erwiderte Mohr bissig, »ich weiß auch nicht, ob Sie aufmerksam wären, wenn ich von meinen Angelegenheiten sprechen würde.«
Entsetzt wehrte der Professor ab.
Nun ja, das fehlte gerade, daß er ihn in seine Abenteuer einweihte. Ihm genügte, was ihm seine Frau gelegentlich beim Schlafengehen erzählte; die bezog ihre Nachrichten von der Dame, die Mohr seit Jahren das Haus führte; auf Details verzichtete er gern; ließ sie sich nicht einmal von seiner Frau erzählen, der er erst kürzlich jedes Gespräch mit »dieser Person«, die solche Dinge um sich duldete und sie weitertrug, verboten hatte. Seine Frau freilich war ihm über den Mund gefahren, hatte ihn verächtlich von der Seite angesehen und gesagt:
»Es ist schlimm genug, daß ich mich seit zehn Jahren mit diesen Geschichten begnügen muß. Dein Verhalten mir gegenüber als Ehemann ist nicht derart, daß du das Recht hättest, mir dies harmlose Vergnügen zu verbieten.«
Und daß er diese Vorwürfe dulden mußte, war der vierte und vielleicht ernsteste Grund, aus dem er den Kommerzienrat haßte.
»Sie wissen,« begann Mohr, »daß ich mich seit Jahren für Ihre Nichte, Luise Kersten, interessiere.«
Der Professor, der sich kaum gesetzt hatte, sprang auf:
»Herr Kommerzienrat, ich muß Sie bitten, das interessiert mich nicht; wie mich nichts mehr interessiert, was mit diesen Leuten in Verbindung steht. Ich habe angeordnet, und diese Anordnung erstreckt sich auf alle, die in mein Haus kommen, daß der Name« – er vermied, ihn auszusprechen – »hier nicht mehr genannt wird.«
»Sie können doch Frau und Kinder nicht für das verantwortlich machen, was der Vater gesündigt hat.«
»Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Familie zu den weitgehendsten Opfern bereit war.«
»Davon ist mir allerdings nichts bekannt.«
»Diese Leute haben es aber unmöglich gemacht, daß jemand, der auf Reputation hält, sich überhaupt noch um sie bekümmert. Statt jede Erinnerung an diesen – nun ist er tot; de mortuis nil nisi bene, sonst würde ich sagen: Verbrecher – in den Kindern zu töten, wissen Sie, was diese Mutter da tut? Sie werden es nicht für möglich halten: sie führt ihn den Kindern noch als nachahmenswertes Beispiel vor Augen.«
»Dann muß man die Kinder dem Einfluß der Mutter entziehen«, erwiderte Mohr.
»Das wäre das beste«, sagte der Professor. »Wenn Sie jemand wissen, der das Opfer bringt und die Zeit hat. Das Vormundschaftsgericht hat sich natürlich an mich gewandt; ich sollte Gegenvormund werden; ich habe dankend abgelehnt.«
»Ich erfuhr es, und das ist auch der Grund, aus dem ich hier bin; um Sie zu bitten, Ihre Weigerung zu widerrufen.«
»Es wäre sündhaft von mir,« erklärte der Professor mit feierlicher Stimme, »wenn ich der Wissenschaft und der Kommune dieser Leute wegen auch nur eine Stunde meiner Wirksamkeit entzöge. Offen gesagt, ich verstehe überhaupt nicht, wie Sie nach alledem noch den Mut finden können . . .«
»Herr Professor!« sagte Mohr und mühte sich, feierlich zu erscheinen, »da reden Gefühle. Ich bin mir bewußt, daß es mich gesellschaftlich Opfer kosten wird . . . große . . . vielleicht vernichtende. Ich habe das alles erwogen. Aber wie gesagt: die Gefühle sind stärker. Muß es sein, so gehe ich aus Berlin heraus. Die Welt ist groß.«
Er mußte über sich selbst lachen, als er sich so sprechen hörte. Aber der Professor fuhr mit einem gewaltigen Ruck in die Höhe, stellte sich kerzengerade vor ihn hin, streckte ihm mit großer Würde die Hand entgegen und rief:
»Sie sind ein Held!«
Mohr lehnte die Huldigung ab. Einmal hatte das noch Zeit, bis er seinen letzten Trumpf ausspielte, und dann wußte er: je selbstloser er hier auftrat, um so sicherer kam er zum Ziel.
»Alle Liebe ist am Ende Egoismus, verehrter Herr Professor, und darum sind es auch alle Handlungen, die aus ihr entspringen.«
»Sie sind übermäßig bescheiden!« entschied der Professor und setzte sich wieder.
»Mir scheint kein Preis zu hoch für das, was ich fordere«, erwiderte Mohr. »Natürlich bin ich mit meinen 44 Jahren nicht mehr jung genug, um ohne Besinnung auf mein Ziel loszustürmen. Ich weiß, daß erst Gras wachsen muß über die furchtbaren Ereignisse der letzten Wochen.«
Der Professor stimmte zu.
»Ein, zwei Jahre vielleicht! Das scheint mir aber auch im Interesse der Zartheit und Jugend Ihrer Nichte zu liegen. Und Sie wissen ja, Herr Professor, wie schnell sich in einer Stadt wie Berlin alles vergißt. So wird auch das vergessen. In zwei Jahren denkt kein Mensch mehr daran.«
»Hoffentlich!« sagte der Professor.
»Was Ihre Nichte zunächst mal nach all den Aufregungen braucht, ist Ruhe und Schonung; es ist daher durchaus wünschenswert, wenn sich eine Zeitlang möglichst niemand um sie bekümmert. Ich weiß, das alles regt sie auf; selbst wenn es noch so gut gemeint ist.«
»Vor mir ist sie sicher«, sagte der Professor.
»Leider«, erwiderte Mohr. »Gerade von Ihrem Einfluß hatte ich so viel erwartet.«
Der Professor stand auf und gab abermals breit und feierlich eine Erklärung ab.
»Herr Kommerzienrat!« begann er. »Als Onkel und Senior der Familie habe ich natürlich das denkbar größte Interesse an der Rehabilitation der Familie Kersten. Daß diese vor den nächsten Reichstagswahlen erfolgt, ist für mich beinahe eine Lebensfrage. Denn ich weiß nicht, ob ich es ohne diese Rehabilitation mit meinem Gewissen werde vereinbaren können, vor meine Wähler hinzutreten. Diese Rehabilitation kann bei meinem Neffen nur durch besondere Leistungen, für die ihm meines Erachtens die sittliche Reife fehlt, bei meiner Nichte nur durch die Ehe mit einem Manne von Reputation erfolgen. Ich stehe nicht an zu erklären, und ich darf wohl für mich die Fähigkeit, Menschen zu beurteilen, in Anspruch nehmen, daß ich meine Nichte durch eine Ehe mit Ihnen als durchaus rehabilitiert betrachten würde.«
Mohr stand auf, reichte dem Professor die Hand und dankte ihm.
»Darf ich Ihre Zeit noch fünf Minuten in Anspruch nehmen?« fragte er.
»Ich bitte darum.«
»Sehen Sie,« begann Mohr, »mir liegt natürlich daran, daß diese Rehabilitation, von der Sie da sprachen, auch die träfe, zu denen ich durch die Ehe in ein näheres verwandtschaftliches Verhältnis trete; ich meine die Mutter und den Sohn.«
»Sehr begreiflich!« bestätigte der Professor.
»Ja, mir muß daran liegen, daß diese Rehabilitation stattfände, bevor ich offiziell . . .«
»Ich verstehe . . .«
»Das ist aber nur möglich, wenn jemand wie Sie als Vormund mit aller Energie die Geschicke dieser Leute lenkt und jeden Einfluß eines Dritten, wer immer es sei, ausschaltet.«
Das schmeichelte dem Professor; und das kam so deutlich auf seinem Gesicht zum Ausdruck, daß Mohr einen Augenblick lang fürchtete, er werde womöglich seinen Widerstand aufgeben und die Vormundschaft annehmen.
»Natürlich ist es bei Ihrer Position als Lehrer der akademischen Jugend, als Vertreter der Stadt wie als Parlamentarier . . .«
»Das letzte noch nicht«, berichtigte geschmeichelt der Professor.
»Nun, auch das ist ja wohl nur eine Frage der Zeit, einer recht kurzen, wie ich im Interesse des Ansehens unseres Parlaments hoffen darf.«
Der Professor krümmte dankerfüllt seinen breiten Rücken.
»Ich meine,« fuhr Mohr fort, »auf der einen Seite darf man Ihre wertvolle Kraft nicht der Allgemeinheit auf Kosten einer einzelnen Familie entziehen . . .«
Der Professor war begeistert. »Das habe ich auch gesagt! Und das war für mich das Entscheidende!« stimmte er zu.
». . . auf der anderen Seite aber verlangt eine Vormundschaft wie diese natürlich ein vollkommenes Aufgehen in den Interessen dieser Menschen, an denen Jahre hindurch schwer gesündigt wurde.«
»So ist es«, bestätigte der Professor.
»Ich höre nun, daß man Sie im Falle Ihrer Weigerung um Vorschläge gebeten hat, wer Ihres Erachtens wohl als Vormund in Frage käme. Nun . . .« – er stand auf und trat dicht vor den Professor hin – »ich bin, falls Sie mich für würdig erachten, bereit, diese Vormundschaft zu übernehmen.«
»Sie wollten!« rief der Professor und erhob sich.
»Vorausgesetzt, daß zwei Bedingungen erfüllt werden«, erwiderte Mohr.
»Die wären?« fragte er.
»Einmal muß jeder Einfluß eines Dritten aus der Familie ausgeschaltet werden.«
»Dafür stehe ich Ihnen ein,« versicherte der Professor, »und das zweite?«
»Ja, das zweite«, fuhr Mohr fort und setzte sich wieder. »Natürlich sorge ich dafür, daß die Familie unverändert in dem Stile fortlebt, in dem sie bisher gelebt hat.«
»Was?« rief entsetzt der Professor. »Wissen Sie auch, was das bedeutet?«
»Fünfzig- bis sechzigtausend Mark im Jahre, hat man mir gesagt«, erwiderte Mohr völlig gelassen.
»Und Sie wollen?« fragte der Professor und war ganz außer sich, fuchtelte mit der Hand in der Luft herum und schüttelte den Kopf.
»Ja!« sagte Mohr, als handle es sich um eine Bagatelle, »aber« – und nun legte er wieder Nachdruck in seine Worte – »nun kommt die zweite Bedingung: Ihr Neffe sowie die Mutter dürfen unter keinen Umständen wissen, daß das Geld von mir kommt.«
Der Professor sah ihn erstaunt an.
»Von mir werden sie ’s nicht erfahren«, sagte er.
»Ihre Nichte wünscht das so,« erläuterte Mohr, »und ich weiß nicht, weshalb man ihr diese belanglose Bitte nicht erfüllen soll. Die Empfindsamkeit der Mutter, Sie verstehen, die darunter litte; und dann der Bruder – nun, er mag mich nicht, würde das Geld von mir nicht nehmen, womöglich seinen Beruf aufgeben . . .«
»Das soll er nur!« unterbrach ihn der Professor. »Das ist das Gescheiteste, was er tun kann.«
»Ihre Nichte hängt mit ganz besonderer Liebe an ihm. Ihr sehnlichster Wunsch ist es, daß er Maler wird! Mag er also bleiben, wo er ist. Und was liegt schließlich daran, wenn der Junge glaubt, das Geld kommt von Ihnen.«
Der Professor wehrte entschieden ab.
»Von mir unter keiner Bedingung; wenn das jemand erfährt, was sollte man davon denken, daß ich diese Leute unterstütze. Aber Geheimrat Walther wird das gern an meiner Stelle übernehmen. Ich verbürge mich sogar dafür, daß er es tut. Er ist Spezialist in der Kunst, auf Kosten anderer wohltätig zu sein. Und dann nimmt es diese Frau auch lieber von ihm als von mir – sie hat ihre Gründe dafür – verlassen Sie sich darauf. – Nein! Glück haben die Leute! Wahrhaftig mehr als sie verdienen.«
»Ich darf also damit rechnen?«
»Sie dürfen!« erwiderte der Professor. »Ich gehe noch heute zum Vormundschaftsgericht und erledige alles; auch das mit meinem Schwager.«
Dann wurde er zum drittenmal feierlich, stellte sich kerzengerade, warf den Kopf zurück und sagte: »Und nun will ich in unser aller Interesse hoffen, daß Sie für die gewaltigen Opfer, die Sie bringen, auch Dank ernten.«
Mohr grinste über das ganze Gesicht. Das Geschäft war perfekt.
»Darauf können Sie sich verlassen!« erwiderte er. »Ich sorge schon, daß ich nicht zu kurz dabei komme.« Dann reichte er dem Professor die Hand und verabschiedete sich.
»Wie man sich doch manchmal im Menschen täuschen kann«, sagte der Professor, als Mohr draußen war, und vertiefte sich wieder in seine Akten über die städtische Müllabfuhr.
Mohr stieg in sein Automobil. Er hatte die Bedingungen erfüllt, die Luise stellte, den Kaufpreis bezahlt. Es war nur natürlich, daß er bei den großen materiellen Opfern, die er nun bringen mußte, auch an sich dachte, ihr Vormund wurde, sich das Verfügungsrecht über sie sicherte und so jede Einwirkung und Kontrolle eines Dritten ausschaltete.
V
Frau Fanny war mit dieser Regelung sehr zufrieden. Von allen Verwandten war ihr der Geheimrat Walther immer noch der liebste, denn er allein hatte hin und wieder so etwas wie einen großen Zug – im Gegensatz zu jener philiströsen Korrektheit und Beengtheit, die ihr an dem Oberlehrer und Professor so zuwider waren.
Auch daß sie den Geheimrat wie die übrige Familie erst am Tage, an dem Luises Verlobung mit Kommerzienrat Mohr offiziell wurde, wiedersehen sollte, war ihr sympathisch. Denn an diesem Tage – so glaubte sie – zahlte Mohr alles Geld, das der Geheimrat verauslagt hatte, zurück, so daß sie kaum noch nötig hatte, sich besonders bei ihm zu bedanken.
Wofür auch? Bürgte ihm Mohr doch selbst für den Fall, daß diese Verlobung aus irgendeinem Grunde zu keiner Ehe führte. Und darin lag für sie der beste Beweis für die große und aufrichtige Liebe ihres Schwiegersohnes, der bei der Launenhaftigkeit und Jugend Luises durchaus mit dieser Möglichkeit rechnen mußte.
Bis zur offiziellen Verlobung durfte Mohr auf Luises Wunsch und sehr gegen den Willen der Mutter ihr Haus nicht betreten und mußte alles, was er in seiner Eigenschaft als Vormund zu verrichten hatte, auf schriftlichem Wege erledigen. Nicht einmal sprechen durfte sie von ihm, wenn Luise nicht selbst davon anfing; das hatte sie ihrer Tochter versprechen müssen; und die hatte es damit begründet, daß ja nicht einmal Harry etwas von dieser Verlobung wußte.
Luise aber hatte keine ruhige Stunde mehr. Daß sie ihr ganzes Leben nun auf eine große Lüge stellte, drückte sie nicht. Das machte sie gern mit sich ab. Denn Lügen war hier gleichbedeutend mit Sich-Opfern; und sie wußte, daß dies Opfer in dem Augenblick seinen Zweck verlor, in dem die, denen es galt, darum wußten.
Was ihr geschehen war, das konnte ja nie ein Mensch begreifen; selbst die Mutter nicht. Wenn sie jetzt an ihr Herz flog und ihr alles erzählte, ihr sagte, was sie litt – die würde es aufnehmen, wie es eben eine Mutter aufnimmt; würde es für ihre Pflicht halten, zu begreifen, zu verzeihen, zu trösten, wiederaufzurichten. Ja, es wäre jene große, tragische Szene, die sie aus dem Leben, aus Dramen und Romanen kannte, bei der jede gute Mutter ihre große Stunde hat, in der sie sich für wenige Augenblicke über das Alltägliche erhebt und zur Tragödin wird.
Aber im Leben war am Ende doch immer die Mutter die Gerührte. Entweder das Kind war glücklich in seiner Sünde, dann stürzte es sich nur um so freier in die Arme des Geliebten; oder aber in ihm war etwas gebrochen; und dann konnte auch alle Rührung einer Mutter nichts mehr helfen.
Und was konnte von dem, was ihr geschehen war, die Mutter begreifen? Sie hatte einmal ein Buch voll Grauen gelesen, in dem die Heldin das Produkt eines Mörders und einer Dirne war. Als auf dem Richtplatz die Henker nach verzweifelter Gegenwehr den Mörder niederrangen und er sich verloren sah, da hatte dieser gewalttätige Mensch, der im Leben nie eine Rührung kannte, wie ein gequältes Kind dreimal, ehe der Kopf fiel, laut »Mutter!« geschrien! Und allen, die herumstanden, Staatsanwälten, Richtern, Zeugen, Henkern und deren Knechten was es kalt über den Rücken gelaufen.
Als dieser Mohr über sie herfiel, da hatte sie sich triebmäßig zur Wehr gesetzt. So fest sie entschlossen war, alles zu ertragen; sie hatte jede Macht über ihren Willen verloren und wie eine Verzweifelte gekämpft, die um ihr Leben rang; zwecklos, das wußte sie; und sie hätte auch jede Hilfe, die sich zu ihrer Befreiung bot, zurückgewiesen. In ihrer höchsten Not hatte sie, kaum noch bei Bewußtsein, den Kopf gehoben und mit zitternder Stimme »Vater, Vater!« gerufen.
Sie fühlte deutlich, daß in diesem Augenblick etwas in ihr zerbrach. Ihre Augen standen unbeweglich; aber die Tränen, die sie weinte, flossen ins Herz. Ihre Mädchenträume, an denen sie mit großer Liebe hing und an die sie noch nach des Vaters Tode mit der ganzen Tiefe eines unschuldsvollen Herzens glaubte, begrub sie in dieser Stunde, in der sie deutlich fühlte, daß sie eine andere wurde.
Alles, was sie im voraus gelitten hatte, verblaßte neben der Wirklichkeit.
Luise wußte nun, wie einem Menschen in der Stunde seiner Hinrichtung zumute war. Eine Abschlachtung war es gewesen; alles, was in ihr an Stolz, Mut, Freude, Hoffnung lebte, war tot. Jedes unmittelbare Gefühl erstorben. Sie konnte wohl noch anderen nachempfinden; sich auch im Geiste vorstellen, wie dieser oder jener Vorgang auf sie wirken würde, wenn sie noch die wäre, die sie damals war; ohne Mittelung des Verstandes aber war sie keines Gefühles mehr fähig.
Das schlimmste aber war: jedesmal, wenn sie wieder zu ihm mußte, ging sie mit dem Bewußtsein völliger Empfindungslosigkeit. Jedesmal aber verstand er es von neuem, sie zu peinigen und zu quälen. Und indem er klug berechnend gerade das, was sie am meisten an ihm haßte, bei jeder Begegnung fast unmerklich steigerte, brachte er sie jedesmal von neuem in Aufruhr und reizte sie dann so lange, bis sie sich in hellem Zorne doch wieder gegen ihn auflehnte. —
Und diese Qualen, von denen der Tod den armen Sünder für immer befreite, litt sie nun, so oft sie zu ihm ging, von neuem.
Die Mutter, die ihr elender Zustand erschreckte, drang darauf, daß der Hausarzt kam und sie untersuchte.
»Ersparen Sie sich die Mühe,« sagte Luise ihm und heuchelte Glück, »ich will es Ihnen verraten – aber Sie dürfen der Mutter nichts sagen . . .«
»Ich weiß schon,« lächelte der Arzt und Weltmann,
»Sie haben einen Geliebten.«
Luise nickte, sah zu Boden: »Ja!« sagte sie leise – »ich habe einen Geliebten.«
»Sie dürfen sich auf meine Diskretion verlassen. Natürlich werde ich etwas verordnen« – er streifte mit zwei Fingern die Augenlider nach unten – »Eisen, das kann auf keinen Fall etwas schaden. Aber«, fügte er mit ernster Miene hinzu und fühlte den Puls, »Sie dürfen dem Genuß, den ich Ihnen bei der nötigen Vorsicht ja gewiß gönne, nicht Ihre Gesundheit opfern. Ich begreife ja durchaus, zumal wenn man jung und leidenschaftlich ist; aber Maß, meine teure Freundin; das Leben ist lang, und man soll sich die Freuden deshalb auch möglichst lange erhalten.«
Dann verabschiedete er sich; ging vor zur Mutter, die ihn mit ängstlichem Gesicht erwartete.
»Nun, was fehlt ihr? Ist sie krank? – Um Himmels willen, Sie machen ein so ernstes Gesicht.«
Der Sanitätsrat setzte wieder das überlegene Lächeln des Weltmannes auf, faßte Frau Fanny leicht um die Schulter und beruhigte sie.
»Sorgen Sie dafür, daß Ihre Tochter bald unter die Haube kommt; für ihr Leiden gibt es nur ein Mittel, die Ehe.«
Dann ging er.
»Gott sei Dank!« sagte Frau Fanny laut und holte tief Atem. Und in Gedanken setzte sie hinzu: Wie gut sich das doch alles fügt; sie dachte an Mohr; er wird sie schon glücklich und gesund machen. —
Manchmal vergingen Tage, ohne daß Luise ihn sah.
Dann kamen wohl Stunden, in denen sie sich nach ihrem früheren Leben sehnte. Alles lebte dann wieder auf, was längst vergessen war; die langen Sommertage im Atelier des Vaters; sie hatten ja beide das Leben so lieb und konnten sich mit allem freuen wie die Kinder. Wenn es dunkel wurde, und Vater hatte nicht mehr Licht genug zur Arbeit, dann stiegen sie zum Dachgarten hinauf, saßen und schwiegen – über sich den Himmel, unter sich die Riesenstadt; ersannen Geschichten, die sie sich gegenseitig erzählten, die von Menschen handelten, die das Glück suchten und es immer fanden, wenn sie sich selbst nur treu blieben. Das schien so einfach und natürlich, daß sie fest daran glaubte und gar nicht dachte, daß es je anders kommen könnte. Daher die Feiertagsstimmung, in der sie lebte; daher die leuchtenden Augen und das freudvolle Herz, das sich nie die Zeit verwünschte und geduldig hoffte.
Häufig brach der Vater, der die Gedanken seines Kindes kannte, das Schweigen mit den Worten:
»Wer wird es werden? Doch ein Künstler?«
»Hoffentlich!« gab sie zur Antwort. »Denn wenn es ein Mensch ist, der in Zwang und Vorurteilen steckt, dann paßt er nicht zu dir und zu Harry.«
»Und zu dir?« fragte der Vater.
»Wie sollte er zu mir passen, wenn ihr euch nicht versteht?« fragte sie treuherzig.
Und wenn der Vater die Arme um sie legte und die Zukunft malte und erzählte, wie nur er erzählen konnte, so daß man alles glauben mußte, was er sagte, dann gab es keine Zweifel mehr, dann gewann alles Gestalt, dann schien, was sie hoffte und sann, der Erfüllung nahe.
An alles das dachte Luise mit so großer Innerlichkeit, daß sie erst jetzt den Brief bemerkte, den der Diener vor sie auf den Tisch gelegt hatte.
Von Harry! Sie griff danach und hing dabei noch ganz in ihren Gedanken; öffnete und las:
»Liebe!
Denke Dir, mein Freund, der junge Aletto, von dessen Begabung schon der gute Vater so große Stücke hielt, – der sich mit soviel Güte und Herz müht, mir über alle Traurigkeit hinwegzuhelfen, dieser prächtige Aletto, ohne dessen Freundschaft ich jetzt, wo ich Euch allein und traurig weiß, die Trennung kaum ertragen würde – dieser Aletto liebt Dich!
Ich hatte es längst gemerkt. Wenn wir des Abends beisammensaßen und mit dem Essen fertig waren, ohne daß von Dir die Rede war, dann wußte ich schon immer: jetzt bringt er das Gespräch auf irgendeine, oft recht ungeschickte Art auf Dich. Ich muß ihm dann von Dir erzählen – oft bis in den Morgen hinein, und er sitzt dabei und sieht mich an mit Augen, in denen sein ganzes Herz liegt.
Du weißt, ihm allein gebe ich mich, wie ich bin. Und Du begreifst daher, daß er auf diese Weise manches Gute über Dich zu hören bekam. Ich wollte schon, als ich jetzt in Berlin war, mit Dir davon sprechen. Aber der traurige Anlaß und die kurze Zeit schienen mir ungeeignet.
Als ich wieder nach Rom kam, holte er mich von der Bahn, und in seinen Augen standen tausend Fragen nach Dir. Und so sagte ich ihm – ehe er mich fragte: »Es geht ihr gut.«
Aber ich merkte schon, als wir vom Bahnhof aus zu mir nach Hause fuhren, daß er irgendeine große Freude mit sich herumtrug, und daß es ihm schwer fiel, mir nicht davon zu sprechen.
Je näher wir zur Villa kamen, um so deutlicher sah ich es.
»Laß mich vorausgehen«, sagte er, als wir zu Hause waren. Er riß alle Vorhänge auf, schob die Gardinen zur Seite und führte mich vor eine Staffelei, auf der in Lebensgröße . . . Dein Bild hing. Er hatte es, während ich fort war, aus dem Gedächtnis, mehr wohl noch aus dem, was ich ihm von Dir erzählte – denn Ihr saht Euch ja nur ein einziges Mal – auf die Leinewand gebracht.
»Wer ist’s?« rief er. Ich sah ihn nie strahlender, obschon so etwas wie ein Bangen in seinen Augen lag; er sorgte, ich könnte Dich nicht erkennen.
»Sie!« sagte ich nur, und er drückte mir die Hand und sagte mit Tränen in den Augen:
»Nicht wahr, so sieht sie aus?«
Ich habe nie ein Bild gesehen, in dem mehr Seele lag. Ich habe Stunden vor diesem Bilde gestanden; und so wenig ähnlich es nur im ersten Augenblicke schien – ich kann seitdem nicht mehr an Dich denken, ohne daß in meiner Vorstellung dies Bild aufsteigt.
Und dann sprach er zum ersten Male ganz offen mit mir von seiner Liebe.
Du sollst ihn genau kennenlernen und Dich dann entscheiden; ganz unabhängig von unserer Freundschaft; unabhängig auch von seinem Namen und seiner Kunst, die in so vielem an die unseres guten Vaters erinnert. Du sollst in ihm nur den Menschen sehen, obschon der ja von seiner Kunst kaum mehr zu trennen ist.
Weihnachten will er mich nach Berlin begleiten; jetzt ist der Oktober noch nicht zu Ende. Du hast Muße, Du Gute, Liebe, Dich mit dem Gedanken vertraut zu machen. Ich küsse Dich in brüderlicher Liebe!
Harry.«
Das also war das Glück!!
Es kam zu spät. – Sie verbarg das Gesicht in den Händen. Denn nun fühlte sie deutlich, daß es für sie gestorben war.
VII
Frau Fanny litt unter dem veränderten Wesen ihrer Tochter; die Diagnose des Hausarztes genügte ihr auf die Dauer nicht; diese völlige Wandlung mußte einen andern Grund haben. Sie quälte ihr Kind, bat es, doch offen zu sein, sich mit ihr auszusprechen, beobachtete sie und suchte auf alle Weise hinter ihr Geheimnis zu kommen.
So wurden selbst die Stunden zu Hause für sie zur Qual.
An Harry schrieb Luise:
»Ich lese Deinen Brief alle Tage; schilt mich nicht kindisch, wenn ich Dich bitte, mir nicht mehr zu schreiben, ehe Ihr kommt. Sieh, so lebe ich in der Stimmung fort, in die ich durch Deine Zeilen kam. Und das ist, glaube ich, gut so. Aus Deinen Karten an die Mutter lese ich, daß es Dir gut geht; was brauche ich mehr zu wissen, da ich ja Deinen Eifer, Dein Herz und Deine Gesinnung kenne.« —
Aber auch Mohr merkte diese Veränderung; alle Mühe, die er sich mit ihr gab, blieb fruchtlos. Ihr Widerstand war gebrochen, mochte er sie reizen, wie er wollte. Er sann Tag für Tag nach neuen Scheußlichkeiten, peinigte sie maßlos und ohne Erbarmen, verhöhnte und verspottete sie – aber sie blieb gleichgültig, kalt und empfindungslos.
»Glaube ja nicht, daß du mich los bist, wenn das Jahr um ist!« brüllte er sie eines Tages an, als sie im Begriff war, von ihm zu gehen.
»Es war so ausgemacht!« erwiderte sie kalt.
Er lachte laut auf.
»Habe ich es dir vielleicht schriftlich gegeben? Und selbst wenn: Abmachungen, die gegen die guten Sitten verstoßen, sind nichtig.«
»Ich wußte, daß Sie ein Schuft sind!« sagte sie völlig ruhig.
»Vielleicht paßt es mir, dich ein paar Monate länger zu behalten.«
»Sie wissen, daß ich Sie kompromittieren kann, wenn ich rede.«
»Nicht mehr als dich selbst.«
»Ich habe nichts mehr zu verlieren«, erwiderte sie.
»Oho!« sagte er, »liegt dir plötzlich gar nichts mehr an dem Renommee deines Bruders und deiner Mutter, um das du dich bei mir nun schon seit Monaten abrackerst?«
»Was soll das heißen?« erwiderte sie und erschrak.
»Ja!« grinste er laut, »du bist ein schlechter Geschäftsmann, Schatz! – Mir liegt nicht etwa daran, mich um das Geld herumzudrücken. In punkto Liebe bin ich empfindlich und lasse mir nichts schenken. Aber was glaubst du wohl, was geschieht, wenn dein Bruder von der Herkunft des Geldes etwas erfährt.«
Luise sah ihn entsetzt an. Und Mohr fuhr fort:
»Er würde auf der Stelle die Malerei an den Nagel hängen und nur noch einen Gedanken haben: Geld verdienen, um mir Heller und Pfennig dieses Sündengeldes« – er unterstrich dies Wort, um sie zu reizen – »zurückzuzahlen.«
Luise sah, wie alles vor ihren Augen sich drehte; sie wankte; er stand auf und nahm sie in seine Arme.
»Entsetzlich!« stieß sie mühsam hervor; »dann war ja alles umsonst!«
»Durchaus nicht!« erwiderte er. »Du wirst mir, falls ich Lust verspüre, einfach ein bißchen länger gefällig sein, als du dachtest. Das ist alles. – Im übrigen halte ich mein Wort; wie ich es jeden Monat bisher gehalten habe. Und wenn das Jahr um ist, gibt’s statt der erwarteten Verlobung die zwischen uns vereinbarte Abfindung.«
Er hielt sie noch immer im Arm; drückte ihren Kopf an seine Schulter, sah sie frech an und fragte:
»Was also wirst du tun?«
»Schuft!« stieß sie wieder hervor.
»Haßt du mich nun?« fragte er sie.
Luise schüttelte sich:
»Du bist ein Tier, vor dem man sich ekelt.«
»So ist’s recht!«
Sie suchte sich zu befreien, aber er schloß sie fest in seine Arme.
»So mag ich dich!« kläffte er mit heißem Atem und küßte sie; immer leidenschaftlicher, je mehr sie sich sträubte.
VIII
Am 20. Dezember kam Harry mit Aletto nach Berlin. Frau Fanny und Luise erwarteten sie an der Bahn.
Aletto war rot und verlegen wie ein Knabe, als er Luise die Hand reichte. Sie sah ihm fest in die Augen, und er sah zur Erde – beschämt wie ein Kind.
»Gratulier’ ihm!« rief Harry seiner Schwester zu. »Er hat auf der Weihnachtsausstellung den ersten Preis für das Porträt eines jungen Mädchens erhalten; etwas ganz Außergewöhnliches für einen Dreißigjährigen. Aber das Bild hat’s verdient.«
Harry ließ die Mutter los, trat zu Luise und sah ihr ins Gesicht.
»Teufel, ja!« rief er, »Du bist dem Bilde in den paar Monaten wahrhaftig ähnlich geworden. Aber so sahst du früher nicht aus.« Er ließ nicht einen Blick von ihr. »Wie ist denn das nur möglich, in den paar Wochen?«
»Laß sie nur!« sagte die Mutter. »Sie hört es nicht gern.«
Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren nach Hause.
»Es ist kalt bei euch geworden«, sagte Harry, als er durch die Räume schritt.
»Der gute Vater fehlt«, meinte Frau Fanny.
»Gewiß!« bestätigte Harry. »Aber auch ihr seid anders, als ihr früher war’t. Es ist, als wenn mit ihm alles Leben hier ausgelöscht wäre.«
»Es sind kaum drei Monate, daß er tot ist«, vermittelte die Mutter.
»Aber ist denn gar nichts von ihm zurückgeblieben!« rief er ganz verzweifelt. »Es ist, als wenn er nie gewesen wäre!«
»Wir haben genug geweint!« klagte Frau Fanny.
»Das hat er nicht gewollt«, sagte er vorwurfsvoll. »Ihr mußtet euch wehren. Dazu gehört mehr Kraft! Wie ich es tat; mußtet gegen eure trüben Gedanken ankämpfen, statt sie weiterzuspinnen. Vor allem du, Luise, mußtest dir deinen frohen, heiteren Sinn erhalten, den er so an dir liebte.«
Luise sprach kein Wort. Er nahm ihre Hand und sagte: »Es war Zeit, daß ich kam. Nun aber bleibe ich und gehe nicht eher, als bis du wieder die alte bist.«
Dann ging er auf sein Zimmer.
– — – — – — – — – —
Sie saßen am dritten Nachmittage oben im Atelier des Vaters: Luise, Harry und Aletto.
Auch heute gelang es Harry wieder, die Lebzeit des Vaters so deutlich zu gestalten, die Atmosphäre so völlig mit der Wärme seines Herzens zu erfüllen, daß die Erinnerung in allen gegenständlich wurde.
Und indem so Vergangenes gegenwärtig wurde, fühlte man auch die Empfindungen von damals wiederkehren. Und die hielt er fest, belebte und vertiefte sie, bis aus ihnen alte Hoffnungen neu erwachten.
Dann kam es, daß sich Luises Starrheit löste, ihre Augen lebten, ihre Träume wiederkehrten und ein Bild ihrer Zukunft entstand, ganz wie damals, als der Arm des Vaters sie umschlungen hielt.
Und Aletto stand vor ihr mit leuchtenden Augen, schüchtern wie ein Knabe, nahm sie leicht am Arm, kaum daß sie’s merkte, und gelobte still, daß er sie lieben werde bis an sein Ende.
Und am dritten Tage stürzte er vor sie hin und sagte ihr alles; leidenschaftlich mit vielen Worten.
»Du bist die Erfüllung!« hauchte sie nur; fuhr ihm mit der Hand übers Haar, sah ihm tief in die Augen: »Du! – Ja, ich liebe dich!«
Dann plötzlich – als wäre ein Blitz in sie gefahren – fiel alle Freude von ihr ab; wich alle Spannung; die Augen stierten glanzlos; starr wie in Todesangst; das Gesicht wurde aschgrau, zuckte und verzerrte sich; der ganze Körper geriet in zitternde Bewegung; sie spreizte die Finger; riß die Lippen auseinander – wollte schreien. Kein Ton kam – alle Glieder wurden steif, sie schlug wie ein Brett nach vorn über und blieb regungslos liegen.
Sie trugen sie in ihr Zimmer und legten sie auf die Chaiselongue. Es dauerte wohl eine Stunde, ehe die Besinnung wiederkehrte. Sie lehnte den Arzt ab: bat so dringend, Aletto zu sprechen, daß man ihn zu ihr ließ.
Aletto kam, ängstlich um sie besorgt, und konnte doch das Glück nicht unterdrücken. Sie hatte ihm ja gesagt, daß sie ihn liebte – sie hatte ihn »du« genannt.
»Ganz dicht neben mich müssen Sie sich setzen – es darf uns niemand hören«, sagte sie.
Aletto nahm ein Kissen; trug es vor die Chaiselongue und setzte sich zu ihr.
»Sie müssen mich ruhig anhören. Ganz bis zu Ende! Versprechen Sie mir das?«
»Wie können Sie zweifeln?« gab er zur Antwort.
»Ich muß Ihnen wehe tun« – er erschrak – »aber ich habe Sie lieb.«
Er nahm ihre Hand und wollte sie küssen; aber sie zog sie zurück.
»Hören Sie mich an!« und nun begann sie:
»Der Vater starb . . .« und sie schilderte ihm den ganzen Jammer, der hinter ihr lag.
»Und nun wissen Sie’s!«
Aletto schluchzte wie ein Kind; er saß vor ihr auf den Knien und preßte den Kopf in die Hände:
»Sie tun mir leid«, sagte sie; dann richtete sie Alettos Kopf hoch und sah ihm voll Rührung in die Augen.
»Bin ich Ihre erste Liebe?« fragte sie zaghaft.
Er sah sie groß an und nickte.
»Ja!«
Da ließ sie seinen Kopf los, wandte sich zur Seite und weinte bitterlich.
Auch er war ja der erste, den sie liebte!
Nach einer Weile sagte sie: »Es ist sehr schwer für mich, daß ich Ihnen so wehe tun muß; ich hätte Sie lieber glücklich gemacht – — aber Sie sind jung; Sie werden es verwinden.«
Doch Aletto dachte nicht an sich.
»Was müssen Sie durchgemacht haben!« klagte er.
Sie setzte sich auf, bewegte leicht den Kopf und hauchte: »Ja! – Ich habe gelitten.«
»Sie müssen hier heraus – so schnell wie möglich – weit fort – wo Sie nichts erinnert.«
Sie sah ihn mit Augen, in denen kaum noch Leben lag, an und sagte mit einer Stimme, die schwer und müde war:
»Sie vergessen – ich kann nicht – ich bin gebunden!«
Er wandte sich ab.
»Steigt Ihnen nun der Ekel auf?« fragte sie. »Und wenn es ginge: es wäre zu spät.«
Aber Aletto widersprach:
»Kein Mensch, der fühlt, kann Sie verurteilen . . . Sie haben sich aufgeopfert!«
»Gewiß!« sagte Luise. »Aber ich habe mehr getan: ich habe mich aufgegeben. Glauben Sie nur, es ist zu spät; ich weiß das – ich fühle das!«
»Sie müssen vergessen!« sagte er. »Sie brauchen jemand, bei dem Sie sich alles vom Herzen weinen, bis die toten Gefühle wieder lebendig werden; einen Menschen, der Sie lieb hat, brauchen Sie.«
Sie schüttelte den Kopf, sah ihn wehmütig an:
»Sie sind ein Kind!« sagte sie.
»Möglich; aber ich fühle, daß meine Liebe zu Ihnen stark genug ist.«
Weiter kam er nicht. Sie sprang auf, stürzte auf ihn zu:
»Aletto!« schrie sie; »wissen Sie, was Sie reden? Begreifen Sie, was das bedeutet? Bringen Sie mich nicht ganz um meinen Verstand.«
»Ich liebe Sie!« wiederholte er mit großer Bestimmtheit.
»Wollen Sie mich zu Ihrer Frau machen – sind Sie bei Sinnen? Ich sagte Ihnen doch, was mit mir vorgeht – daß ich für Geld – nicht einmal – Dutzende von Malen – daß ich beschmutzt bin, da – bis oben hin —«
»Das sind Sie nicht!«
»Ich bin es!« rief sie.
»Nicht für mich«, gab er zur Antwort.
»Aber für die Welt!«
»Was liegt an der!« erwiderte Aletto.
»Sie leben in ihr.«
»Ich brauche sie nicht!«
»Das ist eben Ihr Irrtum! Sie brauchen sie wie jeder andere auch. Ja! Eine Strecke lang – heute und morgen, da geht’s ohne sie. Aber eines Tages, da kommt die Reaktion. Bei einem früher, beim andern später! Aber sie kommt!«
»Dann werde ich der erste sein!« beteuerte er.
»Das hat schon mancher gedacht.«
»Ich will doch sehen,« sagte er trotzig, »ob ich mir meine Eigenart der Welt gegenüber nicht erhalten kann!«
»Schwärmer!« sagte Luise. »Bisher ist noch jeder daran gescheitert, der den Versuch nicht rechtzeitig aufgegeben hat.«
Und nach einer kurzen Weile fuhr sie fort:
»Das ist ja gerade die große Traurigkeit im Leben, daß Sie und ich und wir alle, die wir mit unserer Eigenart nicht recht hineinpassen in diese Welt, uns schließlich doch in irgendeiner Form in sie hineinzwängen müssen.«
»Es gibt Ausnahmen!« warf Aletto ein.
»Es gibt keine!« sagte sie bestimmt. »Wenn es je einen Menschen gab, der unbekümmert um die Welt sein Leben lebte, so war’s mein Vater. Sie kannten ihn. Und was war der Schluß?« Sie änderte ihre Stimme und sprach ruhig: »Ich hätte es nie geglaubt – aber als es darauf ankam, versagte auch er – so weit reichte sein Mut nicht, die öffentliche Ächtung ertrug er nicht.« – Sie machte eine Pause. – »Und was er zurückließ?« – Sie zuckte leicht zusammen und wies auf sich: »Es steht vor Ihnen – wenn er mich heut’ so sähe, ich glaube nicht, daß er gegangen wäre . . . Er würde die Welt mit anderen Augen sehen – wie ich sie anders sehe – seit jenem Tage . . . da ich das wurde, was ich heute bin.«
Aletto wandte sich ab.
»Und nun denken Sie, es wäre Ihr Kind, das so vor Ihnen stände, wie ich jetzt . . . das so wurde, weil Sie . . .« – weiter sagte sie nichts – »was würden Sie tun?«
Aletto fuhr zusammen. »Ich würde mich umbringen!« schrie er leidenschaftlich.
Um Luises Mund zuckte ein Lächeln. »Und die Frau wollen Sie zur Mutter Ihrer Kinder machen?« fragte sie bitter.
Aletto blieb die Antwort schuldig.
»Sehen Sie’s nun? Aber sprechen wir heute nicht weiter«, sagte sie.
»Und morgen?« fragte er treuherzig.
»Wenn Sie dann noch wollen; ich tue gern alles, um Ihnen über die Enttäuschung hinwegzuhelfen.«
»Ich will!« sagte er mit großer Bestimmtheit. »Denn ich werde morgen nicht anders denken als heute.« Er griff nach ihrer Hand.
»Einen Augenblick noch«, bat sie ihn. »Denn nun muß ich Ihnen auch sagen, weshalb ich Ihnen das alles erzähle.«
Aletto verstand sie nicht.
»Ich habe nämlich eine große Bitte«, sagte sie.
»Sie dürfen von mir fordern, was Sie wollen«, erwiderte Aletto.
»Sie besitzen Vermögen?« fragte sie ihn.
»Genug, um ganz meiner Kunst leben zu können.«
Luise war enttäuscht. »Dann wird es freilich kaum möglich sein«, sagte sie.
Aber Aletto hatte längst ihre Gedanken erraten.
»Es ist nicht nur möglich, es ist gewiß!« sagte er freudig.
»Was?« fragte Luise erstaunt.
»Ich gehe noch heute zu diesem Kommerzienrat! Ich übernehme alles! Sie sehen mich erst wieder, wenn das geordnet ist,« rief er ganz glücklich, nickte ihr zu und ging.
Luise stand und sah ihm nach und rührte sich nicht.
»Hätte ich doch an ihn gedacht!« schluchzte sie.
IX
Kommerzienrat Mohr saß in seinem Privatkontor und las in einem Brief, der schwarz umrändert war. Die letzte Seite las er laut. Er tat das stets bei Dingen, die ihm wichtig waren oder Freude machten.
»Ich kann auch heute nicht schließen, ohne Ihnen für alles Gute, das Sie an uns tun, von Herzen zu danken.
Wo wären wir heute ohne Sie! Ich muß es immer wieder bedauern, daß sich Menschen im Verkehr so wenig kennenlernen. Das kommt wohl daher, daß gerade die Besten selten aus sich herausgehen, wenn sie unter Menschen sind. Hätte meine Luise Sie früher gekannt – so, wie sie Sie heute kennt —, sie hätte schon damals freudig in Ihre Werbung gewilligt.
Welch gütiges Geschick, daß Ihre Liebe standhaft blieb! Weiß ich doch mein Kind geborgen!
Ihre dankbar ergebene
Frau Professor Fanny Kersten.«
Er schnalzte mit der Zunge und schob den Brief in eine kleine Mappe, in der er die »Korrespondenz Professor Kersten« aufbewahrte. —
Ganz schmerzlos wird das eines Tages kaum enden, dachte er. Ich hasse sentimentale Liebschaften; wenn aber die Gefühlswalze gar von der Mutter aufgezogen wird, dann geht’s selten ruhig ab. Er stand auf.
Auf alle Fälle: es war der Mühe wert. So viel Stolz und Widerstand hatte ich selten bei einer Frau zu brechen. Und wie schnell sie den Wesenszug meines Charakters erkannt hat. Haß hat gute Augen. Seitdem müht sie sich ab, möglichst gleichgültig zu erscheinen. Und ich habe doppelte Arbeit.
Er ging im Zimmer umher.
Ein Diener kam und meldete Herrn Aletto aus Rom.
Mohr zog die Schultern in die Höhe.
»Darf ich ihn vorlassen, Herr Kommerzienrat?«
»Unsinn! Ich kenne ihn nicht; wer hat ihn herbestellt?« fragte er wütend.
»Er sagte, er käme in persönlicher Angelegenheit.«
»Das kann jeder Esel sagen. In welcher?«
»Darüber könne er nur mit dem Herrn Kommerzienrat selbst sprechen!«
»Schicken Sie ihn ins Sekretariat – oder sonstwo hin.«
»Das habe ich versucht – aber er macht es so dringend . . .« Im selben Augenblick öffnete sich die Tür und Aletto trat ein.
»Sie werden mich nicht abweisen!« sagt er bestimmt; »ich bin . . .«
»Das werden wir sehen«, unterbrach ihn Mohr; »was ist das für eine Kühnheit! Hier meldet man sich an – dazu sitzt mein Sekretär im Vorzimmer und verteilt Besuchszeiten . . . Sie befinden sich hier in keinem Trödelladen, wo jeder ein- und ausgeht, wie’s ihm paßt.«
»Ich muß Sie sprechen«, wiederholte Aletto; wenn möglich noch bestimmter als zuvor.
»Das ist doch eine seltene Dreistigkeit«, schrie Mohr zum Diener gewandt; der sah verlegen zur Erde, zog leicht die Schultern in die Höhe und flüsterte:
»Meine Schuld ist es nicht, Herr Kommerzienrat.«
»Sagen Sie, bitte, dem Diener, daß er sich entfernt«, forderte Aletto.
»Das wird ja immer besser!« brüllte Mohr. »Wer sind Sie?«
»Das werde ich Ihnen sagen, sobald der Diener draußen ist.«
Mohr gab dem Diener wütend ein Zeichen, und er ging.
»Also!!« sagte er und zitterte vor Wut.
»Ich heiße Aletto, bin Kunstmaler und habe die Absicht, Fräulein Kersten zu heiraten«, sagte er ruhig und sicher.
Mohr fuhr zusammen; einen kurzen Augenblick; dann fragte er ziemlich bestimmt:
»Was geht das mich an?«
»Man sagte mir, daß Sie der Vormund sind«, erwiderte Aletto und ließ ihn nicht aus den Augen.
Der Kommerzienrat biß die Lippen aufeinander – schnalzte mit der Zunge – überlegte – bot Aletto einen Stuhl an – ging an seinen Schreibtisch und setzte sich.
»Danke! Ich stehe!« sagte Aletto kurz.
»Wie Sie wollen«, erwiderte Mohr.
»Ich sagte Ihnen bereits,« begann Aletto, »aus welchem Grunde ich bei Ihnen bin.«
»Wollen Sie mir, bitte, noch einmal Ihren Namen nennen«, bat der Kommerzienrat.
»Aletto, Sohn des verstorbenen Akademieprofessors Henrico Aletto, Kunstmaler aus Rom.«
»Ich danke«, sagte er kurz und machte eine Bewegung, aus der Aletto entnahm, daß er entlassen sei.
»Was bedeutet das?« fragte er lebhaft.
»Ich werde Erkundigungen über Sie einziehen und je nachdem diese ausfallen, Ihnen Nachricht zukommen lassen, ob es Zweck hat, auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Das wird, denke ich, in drei bis vier Wochen möglich sein.«
»Ich bedaure!« erklärte Aletto. »Ich betrachte Ihre Einwilligung nur als Formalität . . .«
»Erlauben Sie mal«, unterbrach ihn Mohr.
Aber Aletto fuhr unbekümmert fort: ». . . die das Gesetz nun mal verlangt.«
»Und die ich, falls es das Interesse meines Mündels fordert, verweigern werde.«
Er wollte weitersprechen; aber Aletto trat dicht an ihn heran, sah ihm fest in die Augen und wiederholte:
»Es ist lediglich Formsache, ich sagte Ihnen das schon, wenn ich um Ihre Einwilligung bitte. Denn wir werden uns heiraten – verlassen Sie sich darauf – auch gegen Ihren Willen.«
Den Kommerzienrat reizte die Entschiedenheit, mit der Aletto für seine Liebe focht. Zweifellos liebte Luise diesen Menschen und begehrte ihn. Und je mehr sich ihre Leidenschaft zu Aletto vertiefte, um so bestimmter mußte sich alles gegen ein Zusammensein mit ihm auflehnen. Der Gleichmut, mit dem sie jetzt alles ertrug, und gegen den er erfolglos kämpfte, war dann gebrochen. Und deshalb war ihm dieser Aletto durchaus willkommen. Er peitschte die Gefühle Luises auf, riß sie aus ihrer Empfindungslosigkeit und Stumpfheit; brachte alles wieder in Bewegung, rief in ihr wieder jenen wilden, ungestümen Trotz wach, der gerade nachzulassen drohte, und den er bei ihr über alles liebte. Ja, Kommerzienrat Mohr war ein Gourmet in Liebesdingen. Dieser Aletto, das erkannte er deutlich, bedeutete für ihn einen Glücksfall sondergleichen. Nun hieß es, gescheit sein, geschickt operieren und sich nicht durch unüberlegtes Handeln um die Vorteile dieses Zufalls bringen.
»Ich sage ja nicht nein«. lenkte Mohr ein. »Aber Sie werden zugeben, daß es meine Pflicht ist, mich genauer über Sie zu informieren. Wie gesagt, ich stehe Ihrem Plane, mein Mündel zu heiraten, durchaus nicht ablehnend gegenüber. Nur will ein derartiger Schritt in so jugendlichem Alter doch bedacht sein. Ich weiß nichts von Ihrem Lebensgang, Ihrer Familie, Ihren Verhältnissen, Sie werden zugeben . . .«
Aletto erinnerte sich jetzt, daß der eigentliche Zweck, aus dem er hier war, ja die Regelung des Finanziellen war. Daß der Kommerzienrat so sprach, fand er durchaus natürlich. Im Grunde konnte es für diesen Halunken ja gar nichts Günstigeres geben, als wenn er Luisen, die er auf dem Gewissen hatte, in eine gesicherte Ehe half. Und daß er obendrein noch sein Geld zurückerhielt, mußte ihm diese Wendung nur um so willkommener machen. Viel besser also, dachte Aletto, schon Luises wegen, wenn sich alles in Ruhe erledigt. Und er kämpfte allen Haß, der ihn immer von neuem packte, wenn er diesem Menschen in die Augen sah, gewaltsam nieder.
»Ich verstehe Sie durchaus,« sagte Aletto, »und da ich die Auskünfte nicht zu scheuen brauche, so habe ich gegen Ihren Vorschlag nichts einzuwenden. Nur möchte ich bei dieser Gelegenheit eine Regelung in Vorschlag bringen, die für mich so wichtig ist, daß ich von ihr meine Werbung abhängig mache!«
Der Kerl ist fabelhaft, dachte Mohr. Ein verbindliches Wort – ja, nicht einmal das, nur mein veränderter Tonfall genügt ihm, und er knüpft Bedingungen an seine Werbung, ohne noch zu wissen, ob sie mir überhaupt genehm ist . . . Aber er sprach es nicht aus. Im Gegenteil: er blieb verbindlich, machte eine kurze Handbewegung und sagte:
»Bitte!«
Und Aletto begann.
»Meine Braut«, sagte er, und Mohr gab sich Mühe, ruhig zu bleiben, »hat mir mit großer Offenheit erzählt, daß die Zuschüsse, von denen sie augenblicklich leben, nicht von der Familie, sondern von Ihnen fließen.«
Der Kommerzienrat setzte sich gerade und nickte zustimmend.
»Ich weiß nicht, ob Ihnen mein Mündel auch gesagt hat, daß Herr Professor Kersten ohne einen Pfennig Vermögen zu hinterlassen . . .«
»Ich weiß«, wehrte Aletto ab.
»Man kann daher nicht gut von Zuschüssen sprechen; es ist in Wirklichkeit denn auch so, daß ich den Unterhalt der Familie bestreite.«
»Eben, eben!« warf Aletto ein. »Das muß ein Ende nehmen, und zwar von heute ab.«
Mohr sah ihn groß an und staunte.
»Wie denken Sie sich das?« fragte er ihn.
»Indem ich das von heute ab übernehme – natürlich in der gleichen Form, in der es bisher von Ihrer Seite aus geschah.«
»Sie wollen . . .?«
»Desgleichen werde ich Ihnen diejenigen Summen zurückerstatten, die Sie bisher verauslagt haben.«
»Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht, Herr Aletto; . . . aber im übrigen: das alles sind Dinge, die sich dann ganz von selbst finden werden.«
»Wann?« fragte Aletto.
»Nun, ich meine, wenn es sich zeigt, daß ich Ihrer Werbung meine Zustimmung geben kann, dann würde ich mit Rücksicht auf die Jugend meines Mündels und auf die besonderen Verhältnisse im Hause Kersten auf alle Fälle dafür sein . . .«
»Bitte!« warf Aletto ungeduldig ein.
». . . daß mit der offiziellen Verlobung noch ein Jahr gewartet wird.«
»Das ist vollständig ausgeschlossen!« rief Aletto erregt. »Dafür liegt nicht die geringste Veranlassung vor.«
»Das dürfte sich so im Augenblick schwer entscheiden lassen«, erwiderte Mohr in aller Ruhe.
Aletto aber verlor seine Haltung.
»Ich lasse mich auf keinerlei Versprechungen ein, die in der Zukunft liegen; ich bestehe – und zwar aus ganz besonderen Gründen– darauf, daß jetzt, in diesem Augenblick, die ganze Angelegenheit geregelt wird.«
»Aber . . .« warf der Kommerzienrat ein und wollte etwas erwidern; doch Aletto ließ ihn nicht zu Worte kommen.
»Wollen Sie oder wollen Sie nicht?« fragte er mit großer Bestimmtheit.
Mohr überlegte: »Und zwar aus ganz besonderen Gründen«, wiederholte er sich. Was mochte er damit meinen? Daß Luise ihm etwas von ihren Beziehungen erzählt hatte, war ausgeschlossen! Der Gedanke allein war widersinnig! Immerhin konnte sie ihm angedeutet haben, daß auch er Interesse für sie habe – hm, das leuchtete ihm ein – und zwar ein Interesse, das nicht nur das eines Vormundes war. Gewiß, so mochte es sein! So erklärte sich dann auch Alettos Erregtheit, der das Gefühl hatte, einem Nebenbuhler gegenüberzustehen.
Er stand also auf, tat verlegen, suchte nach Worten, sah zur Erde und sagte:
»Ich weiß nicht, ob Luise Ihnen gesagt hat . . .«
»Was?« fragte Aletto.
»Auch ich liebe Luise.«
Es fehlte nicht viel, und Aletto saß ihm an der Kehle. Dieser Mensch wagte es . . .
»Ich habe einen Vorschlag,« stammelte Mohr, als er die drohende Haltung Alettos sah, »ich trete zurück!«
»Ah!« sagte Aletto.
»Vorausgesetzt, daß die Familie Ihre Werbung meiner vorzieht!«
»Das wird sie!« rief Aletto. »Ich bin einverstanden und habe nur eine Bedingung . . .«
»Die wäre?«
»Keinen Aufschub!«
»Wie ist das zu verstehen?«
»Sehr einfach! Eine sofortige Zusammenkunft, der ich natürlich beiwohne.«
»Das wird schwer zu erreichen sein.«
»Ich bestehe darauf.«
»Ich werde es versuchen.«
»Um wen handelt es sich?« fragte Aletto.
»Nun, vornehmlich um den Professor Mallinger als Senior der Familie, dann den Geheimen Kommerzienrat Walther, den Oberlehrer Sasse und eventuell noch um den Regierungsrat Störmer, auf den man aber eventuell verzichten kann.«
»Wollen Sie sich, bitte, mit den Herren telephonisch in Verbindung setzen!«
»Gewiß! Und wohin lasse ich Ihnen Nachricht geben?«
Aletto schüttelte den Kopf. »Gar nicht! Ich bleibe bei Ihnen!«
»Was?« rief Mohr entsetzt, und Aletto erklärte mit großer Bestimmtheit:
»Ich gehe, bis der Familienrat zusammentritt, nicht von Ihrer Seite.«
Der Kommerzienrat riß das Maul weit auf und schnalzte mit der Zunge; das freilich erschwerte den Fall bedenklich. Aber – und er beruhigte sich schnell – mit den Leuten wird dieser Tolpatsch nicht umzugehen wissen; er wird es an der nötigen Reserviertheit und den Formen fehlen lassen; und daran wird er mehr als an seinen Gründen scheitern.
Er kannte diese Menschen; wer sie bei ihren Schwächen nahm, blieb Sieger.
»Meinetwegen!« sagte er daher in aller Ruhe; »ich hoffe, die Zeit wird Ihnen nicht lang werden.« Er ließ sich mit dem Professor, dem Geheimrat Walther und dem Oberlehrer Sasse verbinden; der Zufall wollte es, daß er sie alle antraf; und es wurde für eine Stunde später ein Rendezvous in der Wohnung des Professors vereinbart.
Während Aletto, den Rücken zur Stube, am Fenster stand, gab der Kommerzienrat noch eine Reihe geschäftlicher Anweisungen, befahl sein Automobil, sagte zu
Aletto kurz:
»Bitte!«
Sie gingen die Treppe hinunter, bestiegen den Wagen und fuhren, ohne ein Wort zu sprechen, zur Wohnung des Universitätsprofessors.
– — – — – — – — – —
X
»Was werden wir wieder zu hören bekommen?« sagte der Geheimrat Walther, als er ins Arbeitszimmer des Professors trat und ihn, wie den Oberlehrer, der gewohnheitsgemäß fünf Minuten vor der vereinbarten Stunde erschienen war, begrüßte.
»Er wird nicht mehr zahlen wollen«, erwiderte der Professor; und der Oberlehrer nickte, rieb sich die Hände vor Vergnügen und sagte:
»Meine Frau hat einen seinen Spürsinn; schon am vorigen Ultimo hat sie’s vorausgesagt; . . . wie schade, daß wir kein Telephon haben, es würde ihr Freude machen . . .«
Ein Blick des Professors strafte ihn; und um seine Entgleisung gut zu machen, fuhr er fort: »Nicht als ob meine Frau den Leuten das Almosen nicht gönnt! Nur sind wir nach allem Vorangegangenen der Meinung, daß die Hälfte auch genug gewesen wäre!«
»Man soll der Wohltätigkeit keine Schranken setzen«, dozierte der Professor. – Gewiß wäre die Hälfte übergenug, dachte er; er hat ganz recht . . . aber man spricht es nicht aus.
»Und was geschieht wirklich,« fragte besorgt Geheimrat Walther, »wenn dieser Mohr seine Zahlungen an Kerstens aus irgendeinem Grunde einstellt? Wie soll ich es erklären, daß ich plötzlich ohne jeden Grund meine Hand von der Familie ziehe, nachdem ich monatelang, ohne mich sonst um sie zu kümmern, pünktlich und regelmäßig bezahlt habe?«
»Hast du dich denn für eine bestimmte Zeit verpflichtet?« fragte der Professor.
»Das nicht«, erwiderte Walther.
»Also liegt auch keine juristische Verbindlichkeit vor!« erklärte er. »Und moralisch, glaube ich, haben wir alles getan, was in Anbetracht der Verhältnisse möglich war.«
Abermals stimmte der Oberlehrer bei: »Meine Frau meint sogar, daß es moralischer gewesen wäre, man hätte sich gar nicht mehr um sie gekümmert; und ich muß sagen, in gewissem Sinne hat sie nicht ganz unrecht; denn das echte deutsche Familienleben hatte in diesem Hause wohl nie eine Heimstatt.« Und dabei dehnte sich seine breite Brust, daß es aussah, als müsse der enge Gehrock auseinander platzen.
Im selben Augenblick meldete das Mädchen den Kommerzienrat Mohr und Aletto.
»Ich lasse bitten«, rief der Professor, und in der Tür erschien Mohr und Aletto.
Der Kommerzienrat stellte vor. Die Herren verbeugten sich.
»Und welchem Umstande verdanken wir Ihre Anwesenheit?« fragte der Professor, zu Aletto gewandt.
»Sie werden gleich hören«, antwortete Mohr; »ich werde Ihre Zeit wohl etwas länger in Anspruch nehmen – es wäre daher vielleicht gut, wenn wir uns setzen.«
»Bitte!« sagte der Professor, und sie setzten sich um einen runden Tisch herum, der in der Mitte des Zimmers stand.
Der Oberlehrer zog aus Gewohnheit sogleich Bleistift und Notizbuch aus der Tasche; der Professor hauchte an sein Pincenez und bearbeitete es mit seinem Leinentuch; der Geheimrat faltete die Hände und dachte an seine Geschäfte. Und der Kommerzienrat, dem zumute war, als handle es sich um ein wichtiges Geschäft, das ihm ein anderer streitig machte, schnalzte mit der Zunge und begann:
»Um mich kurz zu fassen: dieser Herr hier bewirbt sich um die Hand des Fräulein Kersten.«
»Was?« sagten alle drei zur gleichen Zeit und rissen die Mäuler auf und waren so erstaunt, daß sie gar nicht daran dachten, sie wieder zu schließen.
»Er kam zu mir und bat mich als Vormund pflichtgemäß um meine Einwilligung. Natürlich fühlte ich mich außerstande, zu entscheiden, wer von uns beiden der Würdigere ist.«
Es entstand eine Pause, in der einer den andern fragend ansah. Dem Geheimrat lag es auf den Lippen, ob denn der neue Bewerber auch die finanziellen Lasten, die mit diesem Personenwechsel verbunden waren, übernehmen würde; aber er dachte, es wäre taktvoller, wenn erst mal die ideelle Seite der Sache behandelt würde.
»Ich begreife gar nicht«» sagte denn auch schon der Professor, »ich dachte, daß die Frage längst entschieden sei. Also sind es ältere Rechte, die dieser Herr geltend macht.«
»Nein!« antwortete Aletto.
»Worauf sonst stützen Sie Ihre Forderung?« fragte er ihn.
»Welche Forderung?« fragte Aletto.
Der Professor sah erst ihn, dann den Kommerzienrat an; schüttelte den Kopf und sagte nach einer Weile:
»Ja, ich denke, Sie fordern, daß wir in Ihre Ehe mit der bewußten Dame einwilligen. Sie werden uns dann also schon erklären müssen, worauf Sie eigentlich Ihren Anspruch gründen.«
»Auf unsere Liebe!« erwiderte Aletto mit dem selbstverständlichsten Gesichte von der Welt.
»Pappelapapp!« fuhr ihn der Professor an. »Für solche Luxusartikel scheint mir augenblicklich die ganze Situation der Familie wenig zugeschnitten zu sein. Aber selbst wenn sie es wäre, so würde sich der spezielle Fall doch damit erledigen, daß Herr Kommerzienrat Mohr, was Ihnen nicht bekannt zu sein scheint, bereits der von der Familie anerkannte künftige Gatte der betreffenden Dame ist. Und damit erübrigt sich wohl jede weitere Diskussion.«
Aletto wollte erwidern. Aber Mohr kam ihm zuvor.
»Sie werden begreifen, meine Herren, daß ich lediglich aus der Priorität nicht ein Recht herleiten möchte; da müssen doch andere Faktoren den Ausschlag geben.«
»Vergessen Sie nicht, daß wir in einem Rechtsstaat leben,« belehrte ihn der Professor, »in dem alles seine Ordnung hat. Das wäre ja helle Anarchie! Denken Sie doch, wo das hinführen würde!«
Aletto sah bald: mit diesen Leuten zu diskutieren, war zwecklos. Diese Menschen ließen sich nicht überzeugen; sie klebten an Begriffen und verurteilten alles, was nicht herdenmäßig ihre ausgetretene Straße ging. Nur was sie dachten und taten, war das Normale; während alles, was nicht in dem engen Kreise ihrer beschränkten Einsicht lag, für sie nicht existierte.
»Schließlich ist aber eine Ehe doch nicht nur ein Zweckverband!« sagte Mohr sehr gegen seine Überzeugung. »Ich weiß mich von allen Sentiments frei; aber am Ende muß doch auch so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden sein. – Und was die geschäftliche Seite der Angelegenheit betrifft, so würde durch den Eintritt des Herrn Aletto in meine Position die Lage unverändert bleiben.«
Geheimrat Walther begann wieder Interesse zu gewinnen.
»Denn,« fuhr Mohr fort, »Herr Aletto verpflichtet sich zu den gleichen Leistungen, wie ich sie der Familie Kersten gegenüber übernommen habe!«
Ganz gegen seine Absicht sagte der Geheimrat: »Soo!«
»Es bliebe also lediglich das Ideelle, womit wir uns zu beschäftigen hätten. Und da« – er wurde pathetisch – »muß ich denn doch sagen, daß der große Altersunterschied zwischen Fräulein Luise und mir entschieden zugunsten des Herrn Aletto spricht. Hinzu kommt – und das bedingt moralisch meinen Verzicht«, daß Fräulein Luise sich bereits für Herrn Aletto, also gegen mich, entschieden hat.«
»Das ist ja unglaublich!« rief der Oberlehrer.
»Was gab es denn da noch zu entscheiden, wo wir uns einmal in corpore für Sie erklärt hatten?« fragte mit großem Ernst der Professor. »Das ist ja ein völlig gesetzloser Zustand!«
»Aber das sieht ihr ähnlich!« brüllte der Oberlehrer.
»Ganz der Papa!« Und in seiner Wut schrieb er in sein Notizbuch eine dicke 5 und unterstrich sie.
»Ehrlos ist es!« sagte der Professor. »Ein anständiger Mensch hält sein gegebenes Wort! Sie durfte ihre Gefühle gar keinem anderen Manne zuwenden, nachdem wir uns einmal für Sie entschieden hatten. Jedenfalls ist diese Sinnesänderung für uns ohne jede Bedeutung – res judicita!« rief er sehr bestimmt.
Aber Geheimrat Walther, der durchaus den Geschmack Luises teilte und dem jugendlichen Aletto entschieden den Vorzug vor dem verschlagenen Mohr gab, sagte nicht ohne Ironie:
»Es gibt auch ein Wiederaufnahmeverfahren, lieber Onkel!«
»Nur falls neue und triftige Gründe vorliegen«, erwiderte er.
»Eben! Eben!« sagte der Geheimrat und wandte sich an den Kommerzienrat: »Nicht wahr, Sie würden Fräulein Kersten doch unter gar keinen Umständen gegen ihren Willen heiraten?«
»Man wird ihr den Willen aufoktroyieren!« sagte der Oberlehrer, noch ehe Mohr eine Antwort geben konnte.
Der Geheimrat wiederholte seine Frage. Mohr stand auf und erklärte: »So schwer mir der Verzicht fällt, aber es ist mir nach meiner ganzen Veranlagung absolut unmöglich, mit einer Frau zusammen zu leben, die mich nicht liebt.«
»Also«, sagte der Geheimrat, »bleibt uns gar keine Wahl – — – es sei denn, daß du, lieber Onkel, falls du den einen ablehnst und der andere verzichtet, bereit bist, an Stelle des Kommerzienrats Mohr die Mittel vorzuschießen.«
Der Professor ging der Beantwortung dieser Frage, die für sein Votum entscheidend war, aus dem Wege, indem er sich erhob und folgende Erklärung abgab:
»Herr Kommerzienrat! Wir können uns Ihren Argumenten nicht verschließen. Wir genehmigen daher Ihren Verzicht und erklären uns gleichzeitig damit einverstanden, daß Herr Aletto an die frei gewordene Stelle tritt. Alle übrigen Abmachungen bleiben bestehen und gehen mit dem heutigen Tage auf Herrn Aletto über. Wir erklären aber schon heute, daß diese Entscheidung unwiderruflich ist, und daß wir uns weiteren Personalveränderungen gegenüber schon aus ethischen Gründen prinzipiell ablehnend verhalten werden. – Von Herrn Aletto erwarten wir, daß er trotz seiner Jugend die Ehre, in unsere Familie aufgenommen zu werden, zu würdigen weiß und nun seinerseits seine ganze Kraft daran setzen wird, das moralische Bewußtsein in der Familie Kersten zu vertiefen.«
»Bravo!« rief der Oberlehrer.
Alle erwarteten nun, daß Aletto sich erheben, danken und seiner Freude Ausdruck geben würde. Statt dessen stand Mohr auf und sagte:
»Lassen Sie nun auch kurz noch den Vormund zu Worte kommen. Als solcher muß ich in Anbetracht der Jugend meines Mündels darauf bestehen, daß vor Ablauf eines Jahres kein offizieller Schritt in dieser Angelegenheit geschieht. Das auch mit Rücksicht auf Sie, meine Herren, denn die Welt würde eine Verlobung so unmittelbar nach dem traurigen Fall mit Recht als verfrüht und pietätlos empfinden. Die Liebesleute mögen sich in der Zwischenzeit schreiben und sehen . . . sie sind jung genug . . .«
»Das ist ganz ausgeschlossen!« rief Aletto dazwischen und sprang auf.
»Das ist schon mit Rücksicht auf uns ganz selbstverständlich«, sagte der Professor.
»Und ich erkläre Ihnen allen, daß ich mich nie und nimmer darauf einlassen werde«, rief mit aller Bestimmtheit Aletto. »Wollen Sie Skandal vermeiden, so ist es in Ihrem Interesse . . .«
»Ich protestiere mit aller Entschiedenheit!« rief Mohr dazwischen.
»Nun ja!« schrie der Professor; »wir sind noch gar nicht blamiert genug; der eine Skandal ist kaum vergessen, schon droht ein neuer.«
»Ich habe gleich gegen die Aufnahme eines Künstlers in unsere Familie protestiert!« rülpste der Oberlehrer und überschlug sich fast, so aufgeregt war er.
In aller Ruhe und Bestimmtheit wiederholte Aletto:
»Ich würde nicht ein Wort weiter reden, wenn es nicht im Interesse der jungen Dame läge, daß dieser Schritt mit Ihrem Wissen und Willen geschieht; . . . mir persönlich ist ein Skandal natürlich äußerst gleichgültig.«
»Fabelhaft!« schrie der Professor.
»Was sind das alles für Menschen!« rief der Oberlehrer und faßte sich an den Kopf.
Aletto ging achtlos darüber hinweg.
»Da Sie aber, wie mir scheint, nichts so sehr fürchten wie den Skandal, so bitte ich Sie, zu erwägen, ob es nicht in Ihrem eigenen Interesse liegt, meinem Vorschlage beizustimmen.«
Der Geheimrat suchte zu vermitteln:
»Was in aller Welt, junger Freund, drängt denn derart, daß diese Heirat Hals über Kopf stattfinden muß?«
»Das möchte ich auch wissen!« sagte Mohr.
»Das sieht ja gerade aus, als ob Gründe vorlägen . . .«
»Schon um diesen Schein zu vermeiden,« unterbrach ihn Mohr, »protestiere ich als Vormund mit allem Nachdruck.«
Aletto beugte sich jetzt zu Mohr und flüsterte ihm in erregtem und bestimmtem Tone zu: »Machen Sie dem Theater ein Ende!«
»Das werde ich tun!« erwiderte der laut und erhob sich:
»Meine Herren!« sagte er in großer Erregung und schnalzte mit der Zunge. »Da die dringende Gefahr besteht, daß Herr Aletto seine Drohung wahr macht, so möchte ich mein Mündel der sicheren Obhut eines von Ihnen anvertrauen.«
Die drei sahen sich verdutzt an.
»Na ja, das fehlte noch!« rief der Oberlehrer. »Das Gesicht meiner Frau möchte ich sehen, wenn ich mit der Luise nach Hause käme!«
Auch der Geheimrat Walther lehnte mit Rücksicht auf seine erwachsenen Töchter, für die seine Nichte kein Umgang sei, ab.
Der Professor entschuldigte sich mit Vorlesungen, Sitzungen und Würden.
Schließlich stand der Geheimrat auf und erklärte, daß es aus diesem Dilemma nur einen Ausweg gäbe, und das wäre der: Herr Kommerzienrat Mohr, der in diesem Falle ja schon so viele Beweise seiner Menschenfreundlichkeit gegeben habe, kürzt in aller Interesse die Wartefrist, die er sich anfangs gesetzt hat, ab und heiratet Luise Kersten auf der Stelle!
Dem Oberlehrer und Professor schien dieser Vorschlag sehr plausibel; Mohr aber war auf diese Wendung nicht vorbereitet.
»Da stecken Sie das arme Geschöpf schon lieber in die Fürsorge!« rief Aletto. »Da ist sie jedenfalls besser aufgehoben als bei diesem Herrn.«
»Waas?« schrien alle durcheinander und waren entsetzt.
Der Kommerzienrat war in großer Erregung aufgesprungen. Alles kam jetzt darauf an, Zeit zu gewinnen.
»Ich bin bereit!« rief er. »Sobald sie zu mir kommt, werde ich mit ihr sprechen.«
»Nanu?« fragte der Geheimrat. »Meine Nichte besucht Sie?«
Wütend über seine Entgleisung brüllte Mohr:
»Was fällt Ihnen ein! Ich lasse mich nicht verhören!«
Aber da stand auch schon der Professor:
»Meine Herren!« rief er, »ich bitte um Ruhe! Ich habe eine Erklärung abzugeben. Ich muß Sie entschieden bitten, in meinem Hause alles zu vermeiden, was auch nur den Schein des Anstößigen an sich trägt. Schon die Feststellung, daß ein Mädchen aus ehemals gutem Hause einen unverheirateten Mann in seiner Wohnung aufsucht, geht zu weit. Eine solche Konversation dulde ich in meinem Hause nicht!«
Aber der Oberlehrer bekam Appetit. Teufel, das fing ja an, pikant zu werden! Wer konnte wissen, was man da noch alles zu hören bekam? Und er fühlte förmlich, wie sein verwandtschaftliches Gefühl erwachte. Am Ende war es ja seine Nichte; und so unerquicklich es war . . . dazu war man ja Mann!
»Ich verstehe durchaus deine Scheu, lieber Onkel«, begann er; »aber mir scheint doch, wir müssen uns überwinden und, so hart es uns ankommt, den Fall erörtern.«
Mohr sah: jetzt kam die Entscheidung, die zur Katastrophe führte, wenn er nicht auf dem Posten war. Er überlegte: diese Leute verlangten, daß er Luise auf der Stelle zum Traualtar führte. Und in der Tat: die Gründe, die dagegen sprachen, hatte er selbst beseitigt, um Luise vor Alettos Nachstellungen zu schützen. Wie schlecht hatte er operiert! Wie gerissen dieser verschlagene Aletto, der ihm, fast ohne ein Wort zu reden, fußbreit den Boden abgerungen hatte. Soviel stand fest: Aletto wußte um alles! Zwar würde er die Schmach Luises diesen Leuten nicht preisgeben! Davor war er wohl sicher! – Aber wenn er es doch tat? – Einen Augenblick sann er nach; eben wollte der Professor dem Oberlehrer erwidern, da stand er auf und erklärte ruhig und bestimmt.
»Ich leugne nicht, Fräulein Luise besucht mich hin und wieder. Aber trotz ihrer leidenschaftlichen Veranlagung sind unsere Beziehungen dank meiner Reserve über das unter Brautleuten übliche Maß von Zärtlichkeit nie hinausgegangen.«
Weiter kam er nicht; Aletto ging ihm an den Hals; schlug ihm die Fäuste ins Gesicht.
»Schuft! – Glauben Sie’s ihm nicht! Sie liebt ihn nicht – sie liebt mich! – Er hat sie gezwungen – jedesmal mit Gewalt! – Und jetzt macht er sie gemein; so gemein macht er sie!«
Noch ehe die anderen dazwischentraten, hatte sich Mohr von ihm befreit; Aletto war zur Tür gewankt, hatte nach seinem Hut gegriffen und war die Treppe hinuntergestürzt. Er hatte das bestimmte Gefühl, als müsse Luise in diesem Augenblicke zusammenbrechen.
Er stürzte an Häusern und Menschen vorüber; sah nichts; hörte nur immer ihren Schrei; warf sich in Angst und Sorge um sie in den nächsten Wagen und fuhr zu ihr.
Der Kommerzienrat tat, als wäre nichts geschehen.
»Ich halte es als Gentleman unter meiner Würde, mich gegen die Verleumdungen dieses konfusen Menschen zu verteidigen, der in seiner Verliebtheit nicht weiß, was er spricht.«
Der Professor stimmte dem zu und gab eine Ehrenerklärung ab, in der es hieß:
»Wir verurteilen auf das Entschiedenste das unqualifizierbare Benehmen des Herrn Aletto und haben zu Herrn Kommerzienrat Mohr das volle Vertrauen, daß er seine Pflichten als Vormund auf das gewissenhafteste erfüllt. – Im Interesse unserer Familie, sowie um der Wiederholung von Auftritten vorzubeugen, dessen Zeuge wir soeben sein mußten, bitten wir ihn jedoch, alle die Familie Kersten betreffenden Angelegenheiten künftighin ohne unser Zutun selbständig zu erledigen.«
Der Kommerzienrat dankte; bat um eine schriftliche Ausfertigung dieser Erklärung, die er auch erhielt, und der auf seinen Wunsch der Zusatz beigefügt wurde, daß es nach Ansicht der Familie im Interesse des Mündels läge, wenn dieses möglichst bald aus dem häuslichen Milieu heraus in die Obhut einer vom Vormunde zu bestimmenden Familie käme.
Dann standen sie alle auf und verabschiedeten sich.
»Ich will nur eilen, daß ich nach Hause komme!« sagte der Oberlehrer, als er aus der Haustür trat. »Nein, daß meine Frau auch nie dabei sein kann, wenn es mal was zu erleben gibt – mir ist ganz heiß geworden.« Und er nahm den Hut ab und wischte sich mit der Hand den Schweiß von der Stirn. Dann gab er dem Geheimrat Walther die Hand, was dem sehr eklig war, und sprang auf die nächste Elektrische.
»Auf ein Wort noch!« rief der Geheimrat und zog Mohr beiseite. »Wer zahlt am nächsten Ersten?« »Auf alle Fälle bürge ich Ihnen dafür.«
»Danke«, sagte der Geheimrat.
»Entweder,« fuhr Mohr fort, »es gelingt mir doch noch, den Herrn Aletto zu überzeugen . . .«
»Ihre Privatangelegenheiten interessieren mich nicht,« unterbrach ihn der Geheimrat; »Ihre Garantie genügt mir.« Dann zog er seinen Hut, wandte sich kurz um und stieg in sein Automobil.
Mohr schickte seinen Wagen nach Hause, ging zu Fuß durch den Tiergarten und faßte seine nächsten Entschlüsse.
Oben öffnete der Professor sämtliche Fenster; hielt seine Frau, die eben in sein Zimmer wollte, zurück und sagte, indem er sich durch die Tür schob:
»Erst muß hier die schmutzige Luft hinaus!«
Und als sie ihn fragte, was denn geschehen sei, sagte er nur:
»Die Sünden der Väter rächen sich!«
»Gottlob, daß du dir nichts vorzuwerfen hast«, erwiderte sie und sah stolz zu ihm empor.
Er reichte ihr mit großer Würde die Hand:
»Hätte ich Zeit gehabt, uns eine Familie zu gründen, verlaß dich darauf, Ida, um unsere Tochter brauchte sich kein Fremder zu kümmern.«
XI
Aletto stürzte atemlos, ohne anzuklopfen, in Luises Zimmer.
»Es ist Ihnen also nichts geschehen?« rief er und war erstaunt und griff nach ihren Händen.
»Was sollte mir denn geschehen sein?« fragte Luise.
»Gott sei Dank!« sagte er und atmete auf. »Mir war ganz deutlich so . . .«
»Was ist Ihnen denn?« unterbrach ihn Luise, die seine große Erregung sah. »Waren Sie bei ihm? Haben Sie ihn gesprochen?«
»Ja!« sagte er lebhaft. »Ich habe stundenlang bei diesen Menschen gesessen. Ich werde mich nie mit ihnen verständigen!«
»Das habe ich mir gedacht,« nickte Luise, »und was soll nun werden?«
Aletto trat dicht an sie heran.
»Luise!« sagte er, und sie fühlte, wie bewegt er war.
»Sie müssen Vertrauen zu mir haben.«
»Wissen Sie nicht, daß ich es habe«, erwiderte sie.
»Dann kommen Sie mit mir! – Ohne Besinnen – heute noch!«
»Was haben Sie vor?« fragte sie erstaunt und sah, daß es ihm ernst war.
»Kommen Sie!« wiederholte Aletto.
»Wo wollen Sie hin?«
Und nun erzählte er ihr alles noch einmal; daß noch nichts verloren sei; nur müsse sie sich jetzt entscheiden; ihm nach England folgen und seine Frau werden; und er machte ihr klar, daß an ihrer schnellen Entschließung das Schicksal der ganzen Familie hänge.
Luise sah das wohl ein: sie konnte Harrys Zukunft sichern, konnte, noch ehe dieser Mohr sie ganz zugrunde richtete, sich selbst retten . . . aber sie fühlte deutlich: der Preis war Aletto. Über sein Schicksal entschied sie in dieser Stunde. Und noch einmal suchte sie, ihn zu überzeugen.
Aber Aletto widerlegte alle ihre Bedenken.
»Das sind Sentiments, die Sie beherrschen, Luise! Keine Tatsachen. Was Sie voraussehen wollen, vermag kein Mensch zu bestimmen.«
Aber Luise blieb fest.
»Wenn ich Sie nicht lieb hätte, Aletto! Wenn es mir gleichgültig wäre, was aus Ihnen wird, glauben Sie mir, ich überlegte nicht lange – aber leider . . .«
»Luise ich begreife ja, daß Sie bedenken und erwägen, ehe Sie handeln. Nach allem, was Sie durchgemacht haben, ist das ja nur natürlich. Aber natürlich ist auch, daß Sie daher zu schwarz sehen. Glauben Sie mir: Sie stehen jetzt vor der Entscheidung, Ihrem Leben die große Wendung zu geben! Sie müssen heraus! Kein Bedenken kann stark genug sein, um Sie davon zurückzuhalten. Und wenn es wirklich wahr ist, daß Sie mich lieb haben . . .«
»Aletto!« sagte sie und sah ihm in die Augen.
Er legte die Hände auf ihre Schultern:
»Dann komm!« bat er.
Sie standen sich gegenüber; dicht beieinander; Luise war’s, als wüchsen seine Hände fest an ihren Körper. Sie stand und rührte sich nicht.
»Komm’, Luise!« wiederholte Aletto; und Mund und Augen baten so zärtlich, daß sie leise die Arme hob, furchtsam, als wenn sie sich wehrte.
»Willst du nun kommen?« flehte er laut. »Wenn du mir vertraust und mich lieb hast, so wehr’ dich nicht länger!« – Er zog sie an sich.
»Hier sollst du bleiben – unter meinem Schutz!«
Luise dachte an nichts mehr; dicht, ganz dicht schmiegte sie sich an ihn.
»Ja!« flüsterte sie. »Aletto! Ich bin ja dein! Ganz dein! – Weißt du, – wo keine Menschen sind, – da mußt du mit mir hin. – Niemand darf da sein – nur wir zwei!«
»Wir zwei!!« wiederholte Aletto und küßte sie. – »Niemand außer uns!«
»Niemand!!« wiederholte Luise . . . Dann zuckte sie plötzlich zusammen – fuhr erschreckt auf – sah sich furchtsam um. »Doch . . . doch! . . .« zitterte sie, »jemand!«
»Was ist dir?« fragte Aletto und erschrak.
»Siehst du denn nicht? – Er! Er! – Er ist ja da!«
»Wer? – Niemand ist da«, beruhigte er sie und zog sie wieder an sich; aber sie riß sich los.
»Doch! Doch! Immer wird er da sein so wie jetzt! – Immer, wenn ich bei dir bin, dann wird er vor uns stehen . . . . . Aletto!!« schrie sie laut. »So geh’! Du darfst nicht! Sieh, ich bin schwach! So sei du stark! Reiße dich los! – Es gibt etwas, nenne es Ahnungen, nenne es Schicksal, nenne es, wie du willst – es wird dein Unglück! Glaub’ es, Aletto!« Sie warf sich vor ihm hin: »Geh’!!« bettelte sie.
Aber er beugte sich zu ihr; hob sie behutsam auf wie eine Kranke.
»Du bist arg herunter mit deinen Nerven, du Liebe, Gute!« sagte er zärtlich, »Komm’!« und er führte sie zu einem Sessel, fuhr ihr mit der Hand über die Stirn:
»In ein paar Wochen – unter andern Menschen – in anderer Luft – und du wirst sehen, wie das alles ganz anders ausschaut, und bis dahin, wenn die dummen Gedanken wiederkehren . . .«
»Nein!« sagte Luise und schüttelte den Kopf. Sie war entschlossen, sich ein zweites Mal zu opfern.
»Nein!« wiederholte sie, ». . . ich . . . ich«; sie brachte es nicht heraus.
»Was ist?« fragte Aletto, der sah, wie sie sich quälte, und stand ganz hilflos.
»Du mußt nämlich wissen,« stammelte sie – »daß ich dich . . .« Sie stockte abermals.
»Nun?« rief Aletto.
». . . dich gar nicht mag!« – stieß sie heraus, ». . . daß . . . ich . . . ihn . . . liebe.«
»Du . . .« weiter kam Aletto nicht.
». . . und ihn immer geliebt habe . . . daß ich mich ihm an den Hals geworfen habe . . . daß er auch . . . nicht der einzige ist . . . daß ich mich auch andern . . .«
Sie sah ihn nicht an; aber sie fühlte, wie er litt.
». . . daß alles, was ich dir sagte . . . Lüge war . . . und Verstellung . . .«
Aletto wollte sich auf sie stürzen.
»Rühr’ mich nicht an!« sagte sie kalt. »Ich kann . . . ja nichts dafür . . . daß ich so bin!«
»Warum? Warum das alles?« brüllte Aletto.
». . .weil er es so wollte!« gab sie zur Antwort.
»Weil er mich los sein wollte – und weil ich alles tun muß, was er verlangt.«
Dirne! lag es Aletto auf den Lippen, er stürzte hinaus, um es nicht auszusprechen.
Luise stand wie leblos; eine geraume Zeit; dann hob sie den Kopf; und wer ihr Gesicht sah, mußte glauben, daß sie zufrieden war.
XII
Am nächsten Morgen erhielt Luise folgenden Brief:
»Verehrtes Fräulein!
Da ich nicht wünsche, daß die Kosten für die Studien meines Freundes Harry aus nicht reinen Quellen fließen, so habe ich sämtliche Verpflichtungen des Herrn Kommerzienrat Mohr übernommen und ihm auch die bereits gezahlten Beträge zurückerstattet. – Auch von meinem Verzicht auf Ihre Hand habe ich ihn als Vormund in Kenntnis gesetzt.
Nach alledem habe ich nur noch den einen Wunsch, daß Harry von allen diesen Dingen vorläufig nichts erfährt. Seine dem Abschluß nahe Entwicklung könnte dadurch eine Störung erfahren, die ihn bei seiner Veranlagung leicht um Jahre zurückwirft. Nach der Gestalt aber, die die Dinge nun leider genommen haben, scheint es mir im Interesse aller zu liegen, daß Harry sich möglichst schnell durchsetzt und auf eigenen Füßen steht.
Ich möchte nicht nach Rom zurückkehren, ohne Ihnen alles Gute für Ihre Zukunft gewünscht zu haben.
Ganz ergeben!
Aletto.«
Luise saß lange vor dem Briefe und weinte. Dann stand sie auf, zog sich an und fuhr zu Mohr.
Der empfing sie in bester Stimmung.
»Sieh da! Luise! Unaufgefordert! Es geschehen noch Zeichen und Wunder.«
»Ich muß Sie sprechen!« sagte sie kurz.
»Bitte! Du weißt, daß ich deinetwegen die wichtigsten Geschäfte im Stiche lasse.« – Er nahm ihr den Mantel ab.
»Setz’ dich!«
»Aletto war bei Ihnen?« fragte sie.
»Ja – es tut mir leid . . . um deinetwegen; er ist ein netter Bursche; noch nicht ganz trocken hinter den Ohren. Aber ich glaube, du hättest etwas aus ihm gemacht! . . . Schade! . . . Aber er will nicht . . . Er ist ein Kind; es stört ihn, daß du und ich . . .«
»Darüber wird er mit Ihnen kaum gesprochen haben«, unterbrach sie ihn. »Und ich wünsche ebensowenig, mich mit Ihnen davon zu unterhalten.« »Du hast ganz recht, Schatz! Schade um die Zeit; reden wir von uns. Was gehen uns andere an! – Aber willst du nicht endlich den Hut abnehmen und dir die Handschuhe ausziehen?«
»Danke! Ich möchte wissen, ob das Finanzielle endgültig zwischen Ihnen und Aletto geregelt ist.«
»Ja, allerdings! – Aber wieso interessiert dich das?« fragte er. »Da er durchaus darauf bestand und Harrys bester Freund ist, so hatte ich keinen Grund, es ihm abzuschlagen . . . Indessen, ich hoffe, daß zwischen uns darum alles beim alten bleibt.«
»Sind Sie verrückt?« schrie Luise und sprang auf. »Sie werden Ihre Schändlichkeit nicht noch weiter treiben und mich jetzt endlich in Ruhe lassen.«
Er sah sie an, schüttelte den Kopf und sagte: »Das glaube ich kaum!«
»Genügt es Ihnen nicht, daß Sie mich um alles, was ich vom Leben zu erwarten hatte, gebracht haben? Lassen Sie mir nun wenigstens das Letzte, damit ich als anständiger Mensch irgendwie oder irgendwo weiterleben kann.«
Der Kommerzienrat stand auf und trat vor sie hin: »Ich will dir mal etwas sagen«, begann er; »wenn du dich hier etwa als das kleine ehrbare Mädchen aufspielst und anfängst, sentimental zu werden, dann gehst du mir auf die Nerven. Solch Zeug verfängt bei mir nicht. Ich habe dir ein Geschäft vorgeschlagen und du hast nach zahlenmäßiger Prüfung in dies Geschäft eingewilligt. Auf diese sehr einfache Art bist du meine Geliebte geworden. – Ich mache dir das nicht etwa zum Vorwurf, im Gegenteil! Ich liebe solche glatten und geraden Geschäfte. Man weiß da wenigstens, woran man ist, und ist vor Überraschungen sicher. Es fällt mir aber gar nicht ein, nur weil es dir augenblicklich gerade so paßt, jetzt plötzlich den sentimentalen Liebhaber zu spielen.«
»Das ist auch durchaus nicht meine Absicht«, erwiderte Luise. »Jedenfalls wußten Sie, daß ich mich ohne die Not, in der wir lebten, eher umgebracht hätte, als mich von Ihnen auch nur mit den Händen berühren zu lassen.«
Aber das verletzte ihn nicht.
»Ich habe niemals Wert darauf gelegt, daß du mir aus Neigung angehörst; im Gegenteil!« erwiderte er in aller Ruhe.
»Und ich danke Gott, daß der Zwang nun zu Ende ist! – Ehe ich mich noch einmal wegwerfe, eher bekenne ich vor aller Welt, was ich hier gelitten habe.«
»Für ein Mädchen, das sich einmal des Geldes wegen weggeworfen hat, wird die Welt wenig übrighaben!«
Luise zuckte zusammen.
»Also lassen wir das«, sagte sie; »ich bin heute zum letzten Male hier – das schwöre ich Ihnen – und zwar nur, um Sie zu bitten, an meine Mutter ein paar Zeilen zu schreiben; ihr mitteilen, daß Herr Aletto die Unterhaltungskosten übernommen und Sie in meinem Auftrage um Entbindung von dem Eheversprechen gebeten habe. Daß Sie dem Wunsche stattgeben und gleichzeitig die Vormundschaft niedergelegt haben. Das ist meine letzte Bitte an Sie! Alles das kann – wenn Sie wollen – in vollkommener Ruhe vor sich gehen. Von Ihnen hängt es ab. Kein Mensch braucht von allen diesen Dingen je etwas zu erfahren.«
Der Kommerzienrat überlegte: seine Position war schwach. Er hätte auf Alettos Vorschlag nicht eingehen sollen. Der aber hatte mit dem Vormundschaftsgericht gedroht, und das wäre trotz seiner großen Beziehungen unter Umständen unbequem geworden!
»Was hast du vor?« fragte er sie; und da sie ihn ansah, als verstände sie nicht, so fragte er: »Ich meine, was du beginnen willst.«
»Nichts!« gab sie zur Antwort.
»Willst du heiraten?«
»Nein!«
»Ist es da nicht klüger . . . aber so setz’ dich doch und ziehe dir endlich die Handschuhe aus und lege den Hut ab.«
»Danke!«
»Ich meine . . . da du doch sagst, daß du an eine Ehe nicht denkst, so solltest du dir das Leben doch wenigstens so angenehm wie möglich machen. Meine Geschäfte gehen gut – besser denn je – und da wir doch nun einmal zusammen sind, so meine ich, du vergäbst dir nichts, wenn zwischen uns alles beim alten bliebe.«
»Und wenn ich verhungern müßte!« rief Luise.
»Aha!« erwiderte Mohr ironisch.
»Was soll das heißen?« fragte sie zornig.
»Nun,« sagte er und sah sie spöttisch an – »es amüsiert mich immerhin, wie du jetzt die Moralische spielst; möglich, daß du bei einem andern damit Eindruck machst – bei mir nicht! Also gib dir keine Mühe und sei vernünftig.«
Luise zitterte vor Erregung.
»Schweigen Sie!« rief sie wütend und beherrschte sich kaum noch.
»Wie du mich erheiterst!« brüllte er und trat nahe an sie heran. Und als er den Arm nach ihr ausstreckte, verlor sie die Fassung und schlug wie rasend um sich; sie bekam eine Nadel, die aus dem Haar glitt, zu fassen; stieß sie ihm ins Gesicht; er heulte laut auf; immer von neuem stieß sie zu; wußte selbst nicht, wohin; bis er die Kraft verlor, sie losließ und zusammenbrach.
Jetzt erst sah Luise, was sie angerichtet hatte.
»Herr des Himmels!« rief sie und stürzte zur Klingel.
Der Diener kam. Hob seinen Herrn auf und schleppte ihn zur Chaiselongue.
»Helfen Sie! Fräulein!« bat er. Aber sie lehnte ab.
Er war arg zugerichtet. Das eine Auge war verletzt; die Lippe durchstochen; überall lief das Blut aus tiefen Wunden. Aber er blieb bei Bewußtsein.
»Kanaille!« fletschte er durch die Zähne und richtete sich auf; »den Arzt – telephonieren Sie – schnell! – Diskret! Niemand darf etwas erfahren – niemand! – Raus! Vorwärts!«
»Sofort! Herr Kommerzienrat!« und der Diener stürzte zur Tür hinaus, telephonierte, holte eine Schüssel mit warmem Wasser und half seinem Herrn, bis der Arzt kam, so gut es eben ging.
Luise achtete nicht auf ihn, brachte schnell Haar und Kleidung in Ordnung; fragte dann, ohne zu ihm hinzusehen:
»Werden Sie den Brief an meine Mutter schreiben?«
»Kanaille!« fluchte er abermals. »Ja!« Und als sie sich zur Tür wandte, riß er noch einmal alle Kraft zusammen:
»Halt!« rief er ihr zu.
»Was ist noch?« fragte Luise.
»Da!« und er wies auf seinen Schreibtisch. »Oben – im ersten Schub – zieh’ auf! – der Schlüssel steckt . . .«
Luise öffnete.
»Da rechts liegt ein Kuvert – Kunstmaler Kersten steht drauf – das nimm mit – als Erinnerung an mich – hast du’s?«
»Ja«, sagte Luise; schob das Kuvert, das fest versiegelt war, in die Tasche und ging ohne ein Wort des Abschieds.
Auf der Treppe löste sie das Siegel. In dem Kuvert steckte verschlossen ein zweites, darauf stand:
»Wie ich mich an Luise Kersten dafür rächte, daß sie meine Werbung zurückwies.«
»Es enthält den Vertrag, den ich mit ihm schloß«, dachte Luise; es war eine gründliche Revanche.
Sie wollte das Kuvert erst, ohne es zu öffnen, zerreißen. Wohin damit? dachte sie, öffnete es dann doch und las:
»Kopie
An den Herrn Ersten Staatsanwalt am Landgericht II, Moabit
Ich habe in Erfahrung gebracht, daß der Kunstmaler Professor Kersten, wohnhaft Ulmenstr. 24, mit seinem Modell, einer gewissen Margot Klein, die das sechzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat, im unerlaubten Verkehr steht.
Es gelang mir, mit der p. p. Klein bekannt zu werden, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie nach langem Leugnen dahin zu bringen, daß sie mir ihren Umgang mit Professor Kersten eingestand.
Wenn ich diese Anzeige anonym erstatte, so geschieht das lediglich, weil es dem von mir seit Jahren zum Schutze minderjähriger und alleinstehender Mädchen mit Hingabe und Erfolg geführten Kampfe gegen gewissenlose Verführer schaden würde, wenn mein Name einer breiten Öffentlichkeit bekannt würde.«
Luise kam über den ersten Satz nicht hinaus. Sie stierte völlig apathisch auf das Papier – las Wort für Wort – verlor den Zusammenhang – buchstabierte – begann von vorn – da stand ja – ganz deutlich – daß er – und auf dem Umschlag —
Er war auf die Erde gefallen, sie hob ihn auf, las noch einmal; da stand:
»Wie ich mich an Luise Kersten dafür rächte, daß sie meine Werbung zurückwies.«
Jetzt erst begriff sie den Zusammenhang.
– — – — – – —
»Ich muß zu ihm!«
Sie ballte das Papier zusammen und steckte es in die Tasche.
»Ob er allein ist?«
Sie stürzte die Treppe hinauf.
»Ich nehme die Lampe – die brennende Lampe!«
Sie zog an der Klingel.
»Verschließe die Tür!«
Auf dem Gang erschien der Diener.
»Ich muß zu ihm!«
Ehe er nach ihrem Begehren fragte, stürzte sie an ihm vorbei, in Mohrs Zimmer – auf den Tisch zu, auf dem die Lampe stand – griff danach . . . der Kommerzienrat lag auf der Chaiselongue – sprang stöhnend auf; riß aus dem Schub seines Schreibtisches, der noch offen stand, einen Revolver; drückte ab.
Die brennende Lampe fiel ihr aus der Hand; in tausend Scherben; erlosch. Der Diener stürzte herein; warf sich auf Luise – das ganze Personal lief zusammen.
Und während der Hausarzt vor Mohrs Bett saß und ihn zu dem glücklichen Ausgang dieses niederträchtigen Attentats beglückwünschte, irrte Luise in den Straßen umher, bis sie völlig erschöpft zusammenbrach, aufgelesen, in einen Wagen gepackt und in das nächste Krankenhaus befördert wurde.
XIII
Frau Fanny wartete seit Stunden auf die Rückkehr ihres Kindes. »Ich fahre zu Liebers nach Wannsee«, hatte Luise gesagt, als sie gestern nachmittag fortgegangen war. Da blieb sie oft über Nacht. Und Frau Fanny gönnte ihr diese Zerstreuung. Sie hoffte, daß ihr Kind bei diesen heiteren Menschen, den einzigen, mit denen auch ihr Mann einst gern verkehrte, ihre alte Lebensfreude wiederfinden werde.
Die Haustür ging. Das wird sie sein, dachte Frau Fanny und sah zur Uhr. Es war halb elf. Die Klingel wurde gezogen. Das Mädchen öffnete. Worte wurden gewechselt. Frau Fanny erkannte die Stimme – fuhr zusammen.
»Sagen Sie dem Professor,« rief sie dem Mädchen, das eben in die Türe trat, zu, »und wenn er mir das Glück ins Haus brächte, ich bin für ihn nicht zu sprechen.«
Der Professor schob das Mädchen beiseite.
»Willst du warten, bis die Polizei kommt?« rief er in großer Erregung. »Es ist ja gerade, als wenn ihr es hier alle darauf abgesehen hättet, ins Unglück zu rennen.«
Frau Fanny kehrte ihm den Rücken.
»Noch ist Luise zu retten, wenn wir uns eilen«, sagte der Professor.
Sie wandte sich entsetzt um.
»Was?« rief sie. »Was ist mit Luise? – Wo ist sie? Was ist ihr geschehen?«
Der Professor sah sie an, kalt und ruhig, und zeigte keine Spur von Erregung.
»Aber so habe ich es erwartet!« sagte er.
»So red’ doch!« rief Fanny. »Was ist . . .?« Sie stürzte in ihrer Not auf ihn zu, Furcht und tausend Bitten in den Augen – aber er wich zurück.
»Laß nur!« sagte er. »Und dann, wenn ich bitten darf: Distanz!«
Frau Fanny zitterte am ganzen Körper.
»Was ist mit meinem Kinde?« brüllte sie; und aus ihrer Stimme schrie so laut die Angst, daß der Professor zusammenfuhr – einen Augenblick, dann stand er wieder kerzengerade, kalt und überlegen.
»Du wußtest natürlich, daß sie einen Geliebten hat?« fragte er sie.
»Bist du verrückt?« gab Fanny entsetzt zur Antwort.
»Menagier’ dich!« schrie er sie an.
»Wie kommst du zu solcher Frage?«
»Willst du mir antworten oder nicht?« fragte er sie.
»Ich wiederhole: Wußtest du, daß Luise mit diesem Kommerzienrat verkehrt?«
»Was? – Mit Mohr? Meine Luise? – Sie wollten heiraten – soviel ich weiß – sie mochte ihn nie – sie tut’s ja nur wegen Harry – und dann – aber das ist ja ausgeschlossen – wo sollte denn und wann . . .?«
»Hier also sind sie jedenfalls nicht zusammengekommen?« und da sie schwieg und ihn groß ansah, so fragte er weiter: »Ich meine, du hast ihnen nicht etwa Gelegenheit verschafft oder gewährt? – Bei deinen Ansichten wäre das ja immerhin . . .«
»Erich!« schrie Frau Fanny entsetzt. »Was fällt dir ein?«
Es störte ihn, daß sie ihn beim Vornamen nannte.
Er beschloß, kurz zu sein.
»Du weißt also wirklich nichts davon?« fragte er.
»Nichts!« antwortete sie bestimmt. »Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, daß außer einigen Briefen zwischen den beiden nichts . . .«
»Nun, dann will ich dir sagen,« und er zog zwei Briefe aus der Tasche, »daß sie seit Monaten den außerehelichen Beischlaf miteinander vollziehen.«
Fanny brachte kein Wort heraus, so sehr sie sich quälte; sie zitterte und gestikulierte; wankte zum nächsten Stuhl, auf den sie niederglitt.
»Seit Monaten!« wiederholte der Professor und ließ kein Auge von ihr. »Sie hat ihm das Haus eingelaufen!«
»Die Ärmste!« brachte Frau Fanny mühsam heraus.
»Was?« rief der Professor mit schneidender Stimme. »Du bedauerst sie noch?«
»Unsagbar!« antwortete Fanny mit Tränen in der Stimme. »Was muß sie gelitten haben!« – Und schluchzend fuhr sie fort: »Du mußt nämlich wissen, sie hat sich aufgeopfert.«
»Tischst du mir auch dies Märchen auf?« brüllte er sie an. »Ihr haltet einen doch für naiver als man ist. Das Haus hat sie ihm eingelaufen, sage ich dir doch. Und wenn sie dir erzählt hat, daß sie ihn nicht mag, so tat sie’s, um dich sicher zu machen, damit du nicht hinter die Wahrheit kamst. Schlimm genug, daß du dein eigenes Kind so wenig kennst.«
»So verlogen ist mein Kind nicht«, sagte Fanny. »Wozu auch? Sie wußte ja, daß es mich nur glücklich macht, wenn sie den Mann liebt, den sie heiratet.«
»Heiratet?« fragte der Professor und sah sie groß an. »Was meinst du damit? Du redest dir doch etwa nicht ein, daß der Kommerzienrat Mohr sie heiraten wird?«
»Selbstverständlich wird er das tun!« erklärte Frau Fanny mit aller Bestimmtheit.
»Nun, mir ist nicht bekannt, daß man eine Frau, die man zu heiraten gedenkt, vorher zu seiner Geliebten macht.«
»Wer hat dir das gesagt?«
Der Professor hielt noch immer die Briefe in der Hand.
»Frag’ ihn selbst! Oder noch besser: Laß dir von Aletto erzählen.«
»Was weiß denn der davon?« fragte Frau Fanny.
»Nun, er ist doch ein hübscher Mensch – sie hat sich auch ihm an den Hals geworfen – wundert dich das? Mich nicht.«
»Das lügst du!« schrie Fanny. »Meine Luise ist doch keine . . .« Sie sprach es nicht aus; aber der Professor sagte:
»Nun, wenn sie es noch nicht ist, dann ist sie jedenfalls auf dem besten Wege, es zu werden. – Da, lies!«
Und er reichte ihr einen der beiden Briefe, die er in der Hand hielt. »Er ist von Aletto – du kennst wohl seine Handschrift – an den Kommerzienrat.«
Und Fanny las:
Sehr geehrter Herr Kommerzienrat!
Fräulein Kersten hatte mir eröffnet, daß und weshalb sie seit Monaten zu Ihnen in Beziehungen steht. Ich hatte Sie daraufhin aufgesucht, um mit dem Einverständnis der jungen Dame eine Lösung dieser Beziehungen zu erwirken. Nachdem mir aber Fräulein Kersten heute bekannt hat, daß sie mit ihrem Herzen nach wie vor bei Ihnen ist und nur, weil Sie sich von ihr zurückziehen wollten, auf meine Werbung eingegangen ist, habe ich meine Beziehungen zu der jungen Dame abgebrochen, wovon ich hiermit Sie als Vormund in Kenntnis setze.
Hochachtungsvoll Aletto, Kunstmaler.«
Der Professor nahm ihr den Brief aus der Hand und gab ihr den zweiten, den Mohrs Anwalt ihm noch in der Nacht geschrieben hatte.
Sehr verehrter Herr Professor!
Im Auftrage des Herrn Kommerzienrat Benno Mohr habe ich Ihnen folgendes zu unterbreiten:
1. Nachdem Herr Aletto aus Gründen, die Sie aus beigefügtem Schreiben des Herrn Aletto ersehen, die Absicht, Ihre Nichte, Fräulein Kersten, zu ehelichen, aufgegeben hat, erschien diese gestern nachmittag im Hause meines Klienten, des Kommerzienrats Mohr, um ihn zur Wiederaufnahme seiner durch das Dazwischentreten des Herrn Aletto abgebrochenen Beziehungen zu bestimmen.
2. Als mein Klient aus wohlbegreiflichen Gründen das Ansinnen ablehnte, geriet Fräulein Kersten in große Erregung und stürzte sich auf meinen Klienten, den sie mit einer Nadel derart rücksichtslos bearbeitete, daß er mehrfach schwere Verletzungen, vornehmlich am linken Auge, dessen Sehkraft gefährdet ist, davontrug.
3. Einer Anzeige wegen schwerer Körperverletzung würde ohne Zweifel stattgegeben werden. Die Folgen einer solchen Verhandlung mit seinen Begleiterscheinungen, Zeugenaufgebot usw. zu schildern, erübrigt sich.
4. Lediglich mit Rücksicht auf die meinem Klienten wertvollen Beziehungen zu Ihrem Hause und dem des Geheimrats Walther ist dieser bereit, von einer Anzeige abzusehen, falls die Familie dafür Sorge trägt, daß Fräulein Kersten umgehend Berlin auf längere Zeit verläßt und ins Ausland geht.
5. Zu den mit der Übersiedlung und Unterbringung Ihrer Nichte verbundenen Kosten trägt mein Klient Mark 3000 bei.
Sie haben die Güte, verehrter Herr Professor, mich umgehend davon in Kenntnis zu setzen, daß Sie mit den Vorschlägen meines Klienten, der sich Ihnen durch mich bestens empfiehlt, einverstanden sind.
Hochachtungsvoll
Dr. Kluge, Rechtsanwalt und Notar.«
»Du siehst,« begann der Professor, als Fanny zu Ende war, »wohin eure Erziehungsmethode führt. In einem Falle in den Tod; im andern ins Gefängnis oder auf die Straße. – Vielleicht, daß du unsern Lebensformen nun doch allmählich Verständnis abgewinnst.«
Frau Fanny vermochte nichts mehr zu unterscheiden; sie begriff nichts mehr. Aber sie fühlte sich schuldig; verantwortlich für alles! Sie hatte ihren Mann gekannt. Besser als irgend wer. Keine andere Frau hätte geschwiegen wie sie. Darauf war sie noch stolz gewesen. Nicht einmal der Zusammenbruch hatte sie bekehrt.
Und Luise! Sie wußte, daß es ein Kind war, das Leitung brauchte. Statt dessen stützte sie sich noch auf sie; ließ sie selbständig entscheiden, wo selbst Alter und Erfahrung schwer das Richtige fanden.
»Noch ein paar Monate so weiter, und Luise kommt völlig unter die Räder«, sagte der Professor; »verlaß dich darauf. Du bist zu schwach! Sie muß – für ein paar Jahre wenigstens – völlig deinem Einfluß entzogen werden.«
»Das glaube ich auch!« hauchte Frau Fanny.
»Und du wirst uns allen danken, wenn du sie dann als reifen, innerlich gefestigten Menschen wiedersiehst.«
»Wenn ihr das erreicht!« zitterte Fanny. »Ich will es euch danken; denn ich weiß ja selbst nicht mehr . . .«
»Hier« – er unterbreitete ihr einen Bogen – »unterschreib’! Es enthält deinen Verzicht auf die vormundschaftlichen Rechte und Pflichten gegenüber Luise, die von heute ab auf den Geheimrat Walther übergehen, der sich ihrer wie ein zweiter Vater annehmen wird.«
»Und es passiert ihr nichts?« fragte Fanny und preßte die Hand auf ihr krankes Herz, das so laut und so stark wie am Todestage ihres Mannes schlug.
»Unterschreib’,« wiederholte er, »und es geschieht ihr nichts.«
Er gab ihr seine Füllfeder in die Hand; und sie unterschrieb.
»Es ist gewiß gut so!« sagte sie.
Der Professor gab ihr die Hand und ging. Draußen gab er dem Mädchen Anweisungen, die Luise betrafen.
»Gott sei Dank«, sagte er, als er unten war, »nun wird man doch endlich seine Ruhe haben.«
»Das dumme Herz!« flüsterte Fanny, als ihr das Mädchen aus den Kleidern half.
»Ich werde an den Arzt telephonieren«, sagte das Mädchen besorgt.
»Lassen Sie nur!« wehrte Fanny und lächelte sanft.
»Er kann mir nicht helfen; – und er soll auch nicht!« —
XIV
Luise lag die ganze Nacht über völlig apathisch; ließ willenlos alles mit sich geschehen; verweigerte auf jede Frage, die man an sie stellte, die Antwort; hatte kein Gefühl und keine Gedanken mehr.
Als man ihr den Besuch des Professors meldete, richtete sie sich zum ersten Male auf, sah ängstlich zur Tür und sagte: »Bitte!«
Der Professor trat ein, ohne zu grüßen; legte seinen Zylinder auf den Tisch; knöpfte den Pelz auf, streifte den Handschuh von der rechten Hand, trat vor ihr Bett.
»Bist du imstande, mich anzuhören?« fragte er kalt.
»Ja!« antwortete Luise.
Und er las ihr den Brief vor, den Mohrs Anwalt an ihn gerichtet hatte.
Luise schüttelte den Kopf.
»Das ist alles unwahr«, sagte sie in aller Ruhe.
»Ich bat ihn, mich freizugeben, aber er wollte nicht; er suchte mit Gewalt . . .«
Der Professor wehrte mit beiden Händen ab.
»Schweig’!« rief er mit eisiger Stimme.
»Er ist ein Schurke!« hauchte Luise.
»Und trotzdem hast du dich ihm an den Hals geworfen.«
»Das ist nicht wahr!« schrie Luise laut und richtete sich hoch auf.
»Dann hast du Aletto also belogen?«
Luise sah ihn groß an; woher wußte er das?
»Ja«, sagte sie.
»Und du verlangst, daß ich dir das glaube?«
»Nein«, erwiderte sie, »das verlange ich nicht . . . und es ist auch zwecklos, daß ich es dir erzähle.«
»Ich verzichte gern darauf; ob der oder der oder beide; das bleibt sich am Ende ganz gleich.«
»Findest du?« fragte sie traurig. »Ich kann das nicht finden.« Und sie träumte mit großen Augen vor sich hin.
»Ich habe mit dem Anstaltsarzte gesprochen. Dir fehlt nichts weiter; du leidest unter einer starken Nervenabspannung; übrigens durchaus natürlich bei deinem Lebenswandel! – Deiner sofortigen Abreise steht also nichts im Wege; im Gegenteil: Andere Luft und andere Umgebung können deiner Gesundheit nur förderlich sein, meint der Arzt. Du fährst noch heute Abend um 10 Uhr 25 – und zwar nach Paris. Ich habe dir Billet und Schlafwagen besorgt; auch eine Empfehlung an eine Pension in der Avenue Hoche gebe ich dir mit. Sie gehört der früheren Erzieherin von Walthers Kindern, einer Madame Berthe de Cyliane; einer ausgezeichneten, zuverlässigen Dame; du wirst dich ihrer erinnern. Hier sind die 3000 Mark; lege sie vernünftig an und suche dir als Erzieherin oder sonst auf anständige Weise dein Brot zu verdienen. – Im übrigen hoffe ich, daß du unsere Güte nun zum letzten Male in Anspruch genommen hast. Nach dem, wie du dich aufgeführt hast, haben wir alle nur den einen Wunsch, möglichst schnell zu vergessen, daß wir jemals mit dir in noch so loser verwandtschaftlicher Beziehung gestanden haben. – So!«
Und dann legte er die Billette, das Geld und das Empfehlungsschreiben auf den Tisch, der vor ihrem Bett stand.
Luise, die kaum ein Wort von dem, was der Professor redete, begriff, nahm automatisch die Billette vom Tisch.
»Nach Paris also!« wiederholte sie tonlos. »Hm – und wo bleibt die Mutter?«
»Das laß deine Sorge nicht sein. Sie hat wohl endlich eingesehen, wohin ihre Erziehungsmethode führt. Sie hat in unsere Forderung eingewilligt, die Dispositionen über dich fürs erste uns zu überlassen. Sobald sie dieser Abmachung zuwiderhandelt, entziehen wir ihr jede Unterstützung, und sie kann sehen, wo sie bleibt. Wenn dir also daran liegt, daß sie zu leben hat, so versuche keine Annäherung an sie, bevor wir die Zeit für gekommen erachten. Hier« – und er griff in die Tasche – »ist dein Gepäckschein. Du findest alles, was du brauchst, an der Bahn. – Du kannst Gott danken, daß du uns hast; ohne uns säßest du heute hinter Schloß und Riegel. – Du hast es nun noch einmal in der Hand, ein anständiger Mensch zu werden. Im übrigen erwarte ich von dir, daß du an den Kommerzienrat, der sich auch in dieser Affäre wieder als Gentleman benommen hat, ein paar Worte der Entschuldigung schreibst.«
»Was?« fragte Luise entsetzt. »Ich soll an diesen . . .« und sie zog unter dem Kissen die Kopie des Briefes hervor, den der Kommerzienrat an die Kgl. Staatsanwaltschaft gerichtet hatte, und reichte sie dem Professor, der noch immer stand.
»Lies! Aber erschrick nicht! – Diesen Brief schrieb der Gentleman Mohr.«
Luise erwartete, daß der Professor aus allen Himmeln fallen würde. Aber er las und verzog keine Miene; und als er zu Ende war, sagte er nur: »Ein neuer Beweis für seine große Rechtlichkeit!«
Luise war starr; brachte kein Wort heraus; zeigte ihn auch nicht das Kuvert mit der Aufschrift, das sie in der Hand hielt.
Er reichte ihr den Brief zurück, knöpfte den Pelz zu, nahm den Zylinder vom Tisch und sagte:
»Damit ist meine Mission erfüllt. Adieu!« Dann ging er.
Luise rührte sich nicht.
Die Wärterin kam und half ihr beim Aufstehen.
»So reden Sie doch endlich mal«, bat die Schwester; »solange Sie hier sind, haben Sie noch kein Wort gesprochen.«
Aber Luise schwieg.
»Wenn ich an Ihrer Stelle wäre und heute abend nach Paris führe, ich wäre in anderer Stimmung; verlassen Sie sich darauf! – Wer wird denn das Leben so schwer nehmen!«
Luise sah sie an und nickte:
»Sie haben recht, das sollte man nicht!« – Dann holte sie tief Atem und sagte: »Wer weiß, wenn erst alles da innen tot ist – vielleicht daß man’s dann leichter nimmt.«
»Aber gewiß!« bestätigte die Schwester freudig.
»Unser Vater hat uns nichts hinterlassen, als er starb, als einen Spruch – er stammt, glaube ich, von Goethe – aber er hat uns bisher durchs Leben geholfen und wird uns auch weiter helfen:
Willst du dir ein hübsch Leben zimmern,
Mußt dich ums Vergangne nicht bekümmern.
Das Wenigste muß dich verdrießen,
Mußt stets die Gegenwart genießen,
Besonders keinen Menschen hassen
Und die Zukunft Gott überlassen.«
»Wer das kann!« seufzte Luise. »Aber Sie haben recht, man muß es versuchen. Mein Vater dachte auch so; wie oft zitierte er die Plato-Nietzsche’schen Worte: ›Das Leben insgesamt ist des großen Ernstes nicht wert; trotzdem . . .‹ »
Sie wollte es leichter nehmen! Ganz gewiß! – Sie machte sich schnell fertig, und als sie am Zoologischen Garten in den Zug stieg, der sie nach Paris führte, da erschien es ihr fast, als wollte es ihr gelingen: »sich um Vergangenes nicht zu bekümmern und die Zukunft Gott zu überlassen«. —
XV
Berthe de Cyliane hatte in Paris nie eine Pension besessen; sie stammte von kleinbürgerlichen Eltern in Bordeaux, die Lubin hießen und ihre Tochter Therese nannten. Therese war als Vierzehnjährige mit dem Wanderzirkus Huret, der aus Toulon in ihre Heimatstadt gekommen war, mit Wissen und Willen der Eltern fortgezogen, die froh waren, daß sie eins ihrer acht Kinder irgendwie und irgendwo untergebracht hatten.
In Enghien hatte sie Henri Guerlain, der Direktor des Boulevard Montmartre, »entdeckt«. Hier trat sie nun als »The little countess« in dem schmutzigen Varieté auf dem Boulevard de Clichy allabendlich auf und sang vor den Dirnen und Apachen der Butte schmierige Lieder, deren Text sie selbst nicht verstand.
Als Guerlain mit dem monatlichen Wechsel seines Repertoires wie üblich auch seine Geliebte wechselte, behielt er gegen seine Gewohnheit Therese bei sich, obschon verschiedene Kleinstadtdirektoren hohe Preise für »The little countess« boten. Und Guerlain, der ihre Beliebtheit kannte, machte nun sogar einen regelrechten Vertrag mit ihr. Sie bekam 10 Francs für den Abend und freie Kostüme, mußte dafür aber außer als »The little countess« nun noch als internationale Soubrette auftreten, und bekam als solche den stolzen Namen »Berthe de Cyliane, etoile de Bruxelles«, wie große Bildnisplakate, die vor dem Theater aufgestellt waren, verrieten. Und niemand ahnte, daß »The little countess« und »Berthe de Cyliane » ein und dieselbe Künstlerin war. Und Berthe de Cyliane, die es nun nicht mehr gerne hörte, wenn man sie Therese Lubin nannte, brachte es in der Kunst, wie auf der Bühne so auch im Leben verschiedene Rollen zu spielen, bald zur Meisterschaft.
Eines Tages besuchten die Brüder Laqueur, die Söhne des Millionärs Alois Laqueur aus der Rue Croix des Petits Champs und seiner Gemahlin Charlotte, née Walther aus Berlin, auf einem Montmartre-Bummel das Theater Guerlains, und der ältere, Henri, verliebte sich in Therese, nahm sie von der Bühne, für die sie nicht die leiseste Begabung zeigte, fort und bildete sie für die Bühne des Lebens aus, auf der sie sehr schnell reussierte.
Als er sie eines Tages bei einem Treubruch ertappte, wurde sie auf sechs Monate strafversetzt; und zwar nach Berlin zu seinem Onkel, dem Hofbankier Walther der für seine Töchter damals gerade eine französische Erzieherin »aus gutem Hause« und »mit soliden Grundlagen« suchte, und seine Schwester Charlotte Laqueur um Vermittelung angegangen war. Henri hatte sich sofort bereit erklärt, Ausschau zu halten und stellte schon am nächsten Tag seiner Mutter Mademoiselle Berthe de Cyliane, »die Tochter eines hohen Offiziers aus Toulon«, vor, die eigentlich nur »au pair« zur Erlernung der deutschen Sprache Aufnahme in einer der ersten Berliner Familie suchte.
Mademoiselle Berthe de Cyliane machte auf Frau Charlotte Laqueur einen vorzüglichen Eindruck. »Man merkt ihr die Kinderstube an«, schrieb sie ihrem Bruder; »in jeder Beziehung eine vollendete Dame.« Und Geheimrat Walther dankte und bestätigte, als Berthe de Cyliane kaum acht Tage bei ihm war, diesen Eindruck und stellte im Verhalten seiner Töchter, die ihren früheren Gouvernanten fast täglich Anlaß zu Klagen gegeben hatten, eine sehr erfreuliche Veränderung zum Guten fest.
Als fünf Monate herum waren, schrieb Henri Laqueur, er habe ihr verziehen, sie solle zurückkehren, und legte 200 Francs für die Reise bei. Berthe de Cyliane erbat daraufhin eine Rücksprache mit Frau Geheimrat Walther und verkündete ihr, daß ihre Schwester, die ein vornehmes Familienpensionat in Paris unterhielte, plötzlich erkrankt sei. So wenig sie das sittenlose Paris liebe und so schwer ihr die Trennung von den Töchtern der Frau Geheimrat falle: ihre Eltern verlangten, daß sie ihrer kranken Schwester zur Seite stehe; es bliebe ihr daher keine Wahl; sie müsse fort.
»Entsetzlich!« rief Frau Geheimrat Walther ein über das andere Mal. »Ich habe mich, seitdem Sie im Hause sind, überhaupt nicht mehr um meine Kinder zu bekümmern brauchen. Keine Beschwerde! Weder von Ihnen noch von seiten der Kinder! Aber so geht es mir immer; habe ich schon mal Glück mit einer Gouvernante, schon muß sie fort.« Und sie mühte sich mit allen Mitteln, sie zum Bleiben zu bestimmen. Aber Berthe de Cyliane war ein Charakter und blieb fest.
»Ich bin es gewöhnt, Madame,« sagte sie, »jeden Wunsch meiner Eltern ohne Widerspruch zu erfüllen.«
Die Frau Geheimrat seufzte: »Sie sind ein Juwel! Bei uns kennt man das nicht! Aber versprechen Sie mir, daß Sie zurückkehren, sobald die Gesundheit Ihrer Schwester es zuläßt.«
»Nicht eine Stunde länger als nötig bleibe ich in Paris«, versprach Berthe de Cyliane und packte ihre Koffer.
Am Abend sprach der Geheimrat selbst mit ihr; seine Frau Charlotte, geborene Laqueur, schlief längst. Und am andern Morgen erzählte Berthe, daß sie ein Telegramm erhalten habe, nach dem es der kranken Schwester besser gehe. Sie verschob daher ihre Abreise; und erst als Henri Laqueur drahtete:
»Bist du morgen nicht hier, so bleib’, wo du bist; wer weiß, welcher Esel dich in Berlin zurückhält«, verschlimmerte sich der Zustand ihrer Schwester derart, daß sie noch mit dem Nachtzug nach Paris fuhr.
Die Familie Walther – Vater, Mutter und Töchter – weinten ihr heiße Tränen nach. Nach ihrem Fortgang wurde es schlimmer als es je gewesen war; kein Fräulein hielt es länger als acht Tage bei Walthers aus. Auf jedes Telegramm, das die völlig verzweifelte Mutter mit der Bitte, Berthe möge zurückkehren, nach Paris sandte, kam die gleiche Antwort:
Zustand leider unverändert. Ich harre aus in Erfüllung meiner Pflicht. Ihre dankbar ergebene
Berthe de Cyliane.
XVI
Als der Fall Luise Kersten in der Familie Walther erörtert wurde, da erklärte die Frau Geheimrat sofort kategorisch:
»Da gibt’s nur einen Ort, an dem sie sich bessert; man schickt sie nach Paris zu Berthe de Cyliane.«
Die Töchter grinsten und stießen sich unter dem Tische an; auch der Geheimrat hatte Bedenken; da er sie aber nicht äußern konnte, so drang seine Gattin mit ihrem Vorschlag durch; sie schrieb einen mütterlichen Brief an Berthe de Cyliane, in dem sie »der unvergessenen Erzieherin und Freundin ihrer Töchter« ihre leider völlig aus der Art geschlagene Nichte Luise Kersten ans Herz legte.
Dies Schreiben brachte die Zofe mit einem Stoß anderer Post Berthe de Cyliane, als sie sie wie üblich des Mittags weckte, ans Bett. Auch von Annemarie, Geheimrats ältester Tochter, war ein Brief dabei.
Berthe de Cylianes Lügenhaftigkeit war pathologisch; sie glaubte stets, was sie sprach. Und wenn sie bei Frau Walther die sittsame Gouvernante spielte, war es ihr für den Augenblick bitter ernst damit. Wer ihr Verstellung oder gar Heuchelei vorwarf, tat ihr unrecht. Sonst wäre sie bei der Lektüre dieses Briefes gewiß in helles Gelächter ausgebrochen. So aber sann sie ernstlich nach, ob es nicht möglich war, diese Nichte, an die sie sich von ihrem Berliner Aufenthalt her nur noch unklar erinnerte, tatsächlich als Pensionärin bei sich aufzunehmen.
Sie ließ sich Tinte und Feder bringen und schrieb:
»Sehr verehrte Frau Geheimrat!
Ich sehe mit großer Freude der Ankunft Ihres Fräulein Nichte entgegen. Was in meinen Kräften steht, um sie auf den Weg der Tugend zurückzuführen, das soll, darauf verlassen Sie sich, geschehen. Mit aufrichtigem Dank für das mich ehrende Vertrauen und der ergebenen Bitte, mich dem Herrn Geheimrat und den lieben Töchtern zu empfehlen, bin ich Ihnen, Frau Geheimrat, sehr ergeben.
Berthe de Cyliane.«
Dann sah sie die übrige Post durch. »Ah, von Annemarie!« Sie öffnete und las:
»Einzige Berthe! Wenn Du den Brief meiner Mutter, der zugleich mit diesem zur Post kommt, vor meinem liest, dann sehe ich, wie Du vor Schreck aus dem Bette fällst. Jedenfalls beglückwünsche ich Dich zu Deiner neuen Würde als Pensionsmutter, für die Du nach den bei uns gezeigten Proben entschieden Talent hast. Ich bin neugierig, wie Du Dich aus der Affäre ziehst.
Meine Cousine Luise Kersten, die der Familienbann getroffen hat, ist eine Pute! Weißt Du, so eine von denen, die »in Gefühl und Charakter machen« und damit natürlich auf Schritt und Tritt anrennen. Du verstehst mich: unmodern, tugendhaft, korrekt bis in die Fingerspitzen, opfert sich für andere auf und lebt in dem Kinderglauben, daß bei allem, was geschieht, am Ende doch immer die Absicht und nicht der Erfolg entscheidet; mit einem Worte: ein Dummchen, zu dem ich Dir mein aufrichtig empfundenes Beileid ausspreche.
Nun, ihre Ideale sind ihr teuer genug zu stehen gekommen! Wenn je, dann ist jetzt die Gelegenheit da, sie umzukrempeln. Du tust auf alle Fälle ein gutes Werk damit, wenn Du versuchst, der dummen Pute ein bißchen Lebensklugheit beizubringen.
Sie ist jedenfalls in allem das Gegenteil von dem, was Mama schreibt. Leider! Weder verderbt, noch raffiniert, noch leichtsinnig, noch oberflächlich; somit also das Langweiligste, was sich denken läßt. Ob es Dir daher gelingen wird, eine mondaine Frau aus ihr zu machen, bezweifle ich.
In allem also das Gegenteil von meiner Schwester und mir, die wir unserer Lehrerin Berthe alle Ehre machen und bei bester Gesundheit und denkbar bestem Renommee uns köstlich »ausleben« und nichts von all den schönen Dingen »auslassen«, die einer höheren Tochter unserer Zeit verboten sind. Herrgott, es ist doch zu schön, ein bißchen leichtsinnig zu sein!
Deine Anne Marie.«
»Ist es! Ist es!« bestätigte Berthe, stieg in ihr Bad und überlegte, was sie mit ihrer Pensionärin, die um 4 Uhr in Paris eintraf, beginnen solle. Aber das »Lever de Berthe«, von dem man sich in Pariser Lebekreisen Wunderdinge erzählte, und zu dem Henri oft mit seinen Freunden erschien, nahm sie bald so in Anspruch, daß sie erst wieder an Luise dachte, als sie in einem Auto saß und zum Lunch nach dem »Pavillon de Madrid« fuhr.
Henri Laqueur und sein Bruder Marcel erwarteten sie. Sie zeigte ihnen die Briefe und erbat ihren Rat.
»Sehr einfach!« sagte Henri. »Wir bringen sie in einer anständigen Pension unter, und du schreibst unserer Tante, daß bei dir alles überfüllt gewesen sei.«
»Nicht einmal eine Lüge!« stimmte Marcel bei. »Denn ich den überzeugt, es wäre überfüllt, wenn du eine Pension hättest.«
»Wie sieht sie aus?« fragte Henri.
»So, wie eure Cousine sie schildert – genau so! Weder verderbt noch raffiniert, noch leichtsinnig, noch oberflächlich. Solche Frauen haben doch alle denselben Ausdruck – dabei ist sie nicht einmal häßlich – soweit ich mich erinnere – im Gegenteil!«
»Das wäre eine Frau für dich!« rief Henri; und Marcel erwiderte:
»Dasselbe dachte ich schon, als Berthe die Briefe vorlas.«
»Himmlisch! Die Idee ist himmlisch!« schrie Berthe vor Vergnügen. »Was soll sie denn auch in einer Pension, da langweilt sie sich ja zu Tode.« Und sie erzählte, um Marcel zu reizen, Wunderdinge aus Luises Leben, von dem sie in Wahrheit doch gar nichts wußte. »Wir holen sie ab, alle drei, und gehen mit ihr in die Capucines, da gibt’s heute ein neues Stück.«
»Nur nicht überstürzen!« riet Marcel. »Wenn wir gleich mit der Tür ins Haus fallen, dann riskieren wir, daß sie mit dem nächsten Zuge wieder nach Berlin fährt. Du erwartest sie natürlich an der Bahn; aber allein! Ohne uns! Nimmst ihr einen Strauß mit – einen Pensionsstrauß – nicht etwa für 30 Francs Orchideen, wie’s deine Gewohnheit ist; empfängst sie herzlich und sagst ihr . . .«, er dachte nach – »ja, was sagst du ihr gleich am besten . . . Halt! Ich hab’s.«
»Nun?« fragte Berthe, die ganz aufgeregt war.
»Du bist verlobt!«
»Mit wem?« rief Berthe und strahlte über das ganze Gesicht.
»Natürlich mit Henri! Mit wem wohl sonst.«
»Erlaub mal!« widersprach der.
»Auf Verlobung steht ja Gott sei Dank noch keine Ehe,« beruhigte ihn Marcel. »So geht’s am besten; du bist seit zwei Monaten verlobt und hast natürlich auf Wunsch deines Herrn Bräutigams« – er machte eine kurze Verbeugung vor seinem Bruder – »die Pension aufgeben müssen.«
»Himmlisch!« rief Berthe. »Wie schade – werde ich zu ihr sagen – wären Sie zwei Monate früher gekommen, dann hätten Sie das Pensionat übernehmen können; es brachte mir 30.000 Francs Überschuß im Jahre!«
»Richtig!« bestätigte Henri. »Das ist ungefähr die Summe, die du mich jährlich kostest.«
»Also abgemacht!« wiederholte Marcel. »Du holst sie ab, bringst sie in ein gut bürgerliches Hotel – am besten ins Mirabeau, das liegt günstig, – und wir treffen uns um 7 zum Diner bei Marguéry; da fällt sie nicht auf; denn wer weiß, wie sie aussieht.« Dann stießen sie an und tranken auf das Wohl von Marcels neuer Freundin.
XVII
Luise hatte während der Fahrt kein Auge geschlossen. Sie war sich klar geworden: fehlte ihr jetzt die Kraft, um zu vergessen, dann gab es für sie auch keine Möglichkeit mehr, weiterzuleben. Und bevor sie sich dahin durchgerungen hatte, war es auch zwecklos, über die Zukunft nachzudenken.
Und was war bisher bei allem Denken herausgekommen? Am Ende entschied doch immer das Schicksal, und es war daher gleichgültig, ob man sich dagegen auflehnte oder sich treiben ließ. Und ehe sie wurde wie die liebe Familie, lieber ging sie zugrunde.
Die liebe Familie! Bei der Ehrbarkeit und Heuchelei so dicht beieinander wohnten, daß sie sich nicht nur in allem, was sie tat, sondern selbst in dem, was sie dachte, von gesellschaftlichen Rücksichten leiten ließ und so gar nicht merkte, daß selbst ihre Ehrbarkeit am Ende nichts anderes als Heuchelei war.
Um aber von diesem moralischen Popanz innerlich frei zu werden, über ihn zu lachen und ihn zu verspotten, dazu war die Erinnerung in ihr noch zu lebendig, obschon sie deutlich fühlte, daß darin eine Schwäche und Beengtheit lag.
»Ich brauche nun nur noch an mich zu denken«, sagte sie sich ein über das andere Mal. »Ich will alle Kraft zusammenreißen! Ich will vergessen! Ich will leben!«
Pünktlich um 4 Uhr lief der Zug in die Gare du Nord ein. Berthe erkannte Luise bereits am Wagenfenster und winkte ihr mit einem Strauß dunkelroter Nelken zu, half ihr beim Aussteigen, begrüßte sie ungezwungen und drückte ihr herzlich die Hand. Seit langem war Luise kein Mensch so freundlich begegnet.
»Wie lieb Sie sind!« sagte Luise ein über das andere Mal. »Hat man Ihnen denn nicht mitgeteilt, was für ein schlechter Mensch ich bin?«
»Natürlich hat man das!« erwiderte Berthe.
»Ja und trotzdem . . .« sagte Luise erstaunt.
»Weil Sie mit den Leuten nicht leben können, sind Sie für mich noch lange nicht minderwertig; im Gegenteil! – Sie haben nur einen Fehler: Sie nehmen den ganzen Krempel zu ernst.«
»Welchen Krempel?« fragte Luise.
»Nun, das bißchen Leben! Hätten Sie meine Jahre und Erfahrungen hinter sich – Sie dächten in erster Reihe nun endlich mal an sich und nähmen das Leben von der leichten Seite.«
Luise sah sie groß an. »Merkwürdig!« sagte sie. »Was Sie mir da raten, das predige ich mir seit Tagen ununterbrochen.«
»Ausgezeichnet!« rief Berthe. »Ich sehe schon, wir werden gut miteinander auskommen.«
»Ich will es hoffen«, antwortete Luise.
Sie waren durch die Bahnhofssperre links zur Douane gekommen. Luise hatte ihre Koffer geöffnet, und Berthe hatte auf den ersten Blick die für ihre verwöhnten Begriffe recht mangelhafte »Equipierung« Luises erkannt. Jedem Kleidungsstück, das der Zollbeamte mit seinen schmutzigen Fingern aus dem Koffer hob, so solide und modern es war, fehlte das Letzte: die persönliche Note.
Als die Formalitäten erledigt waren, nahm Berthe Luise unter den Arm und geleitete sie zu ihrem Wagen.
»Und nun, meine Teure, eine kleine Überraschung . . .«, und sie erzählte von ihrer Verlobung, von der Aufgabe ihres Pensionats und daß Luise daher zunächst mal in ein Hotel müsse; morgen würde man weiter sehen. —
Dann stiegen sie in den Wagen und fuhren zur Rue de la Paix. Berthe hatte, bevor sie zur Bahn fuhr, ein behagliches Zimmer für Luise gewählt; dies und jenes Stück auf einen andern Platz gerückt; einen kleinen Teetisch mit Rumpelmeierschem Gebäck gedeckt, hier und da ein paar frische Blumen verteilt, so daß der behagliche Raum kaum noch an ein Hotelzimmer erinnerte.
Berthe, die sonst nichts anrührte und alles von ihrer Zofe und ihrem Mädchen machen ließ, half und bückte sich, kramte unter Kleidern und Hüten und suchte für den Abend heraus, was ihr am passendsten schien. Luise überwand die Scham, sich vor Berthe zu entkleiden; sie stieg ins Bad, das mit dem Zimmer verbunden war, ließ sich frisieren und zog sich dann mit Berthes Hilfe für den Abend an.
Als sich Luise in dem Spiegel sah, kannte sie sich kaum wieder; die Frisur hatte sie völlig verändert; ihr Gesicht schien länger und schmaler; noch blasser sah sie aus als zuvor, aber sie lehnte alle Versuche Berthes, die ihr Porzellantöpfchen mit Guerlains »Rouge de Chine« und ihre Quaste mit Cotyschem Poudre l’Effleurt stets bei sich trug, ab und weigerte sich, mit künstlichen Mitteln irgendwelcher Art nachzuhelfen.
»Sie sind ein Schäfchen«, sagte Berthe. »Aber vielleicht haben Sie recht; Sie sehen ganz allerliebst aus, und wie ich Marcel kenne, werden Sie gerade so ganz sein Geschmack sein.«
»Marcel? – Wer ist Marcel?« fragte Luise erstaunt. Berthe, die seit Stunden an nichts anderes als an die Vereinigung Marcels mit Luise dachte, hatte sich vergaloppiert; jetzt ausweichen, hieß den Fehler nur vergrößern; also sagte sie möglichst unbefangen:
»Marcel ist mein Schwager; der Bruder meines Bräutigams. Er haßt alle deutschen Frauen; und zwar leidenschaftlich und ausnahmslos. – Als wir ihm von Ihrer Ankunft sprachen, da geriet er . . .« – sie stockte – »es ist vielleicht kränkend, wenn ich es Ihnen sage.«
»Aber bitte, bitte,« erwiderte Luise, »durchaus nicht; ich finde das im Gegenteil äußerst lustig, zumal doch seine eigene Mutter eine Deutsche ist.«
»War!« verbesserte Berthe. »Und sie hört es nicht gern, wenn man sie daran erinnert. Natürlich hat das bei Marcel nichts Persönliches.«
»Das glaube ich gern, denn er kennt mich ja gar nicht«, meinte Luise.
»Wollen Sie’s glauben, er wollte erst gar nicht mit uns zusammen sein, als er hörte, daß Sie kommen.«
Luise lachte laut auf. »Von der Seite habe ich also nichts zu befürchten«, sagte sie. »Das ist immerhin eine Beruhigung.«
Dann fuhren sie den großen Boulevard hinunter zu Marquéry. Henri und Marcel erwarteten sie. Luise kannte sie von Walthers her dem Namen nach; war völlig unbefangen und plauderte bald wie mit alten Bekannten.
»Wundern Sie sich gar nicht?« fragte Marcel nach einer Weile.
»Worüber?« fragte Luise und sah ihn an.
»Ich meine, Sie müßten sich wundern, daß wir vier so ganz für uns und ohne die mindeste Tante oder den leisesten Onkel fast wie selbständige und erwachsene Menschen beieinander sitzen. Würde man denn damit bei Ihnen in Deutschland nicht Anstoß erregen?«
»Richtig!« bestätigte Luise. »Sehen Sie, meine Begriffe haben sich derart verwirrt, daß ich nicht einmal mehr merke, in was für unmögliche Situationen ich mich begebe. Und was viel schlimmer ist . . .«
»Nun?« fragte Marcel.
»Ich fühle mich durchaus nicht geniert; ich kann mir nicht einmal etwas dabei denken.«
»Gott! Wie unverdorben Sie sind!« entschlüpfte es Marcel; und er erschrak.
Aber Luise lachte: »Unverdorben nennen Sie das? Mein Onkel, der Professor, würde es einen moralischen Defekt nennen und die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.«
»Meines Erachtens kommt es doch immer nur auf das Bewußtsein an«, meinte Marcel. »So ist beispielsweise eine Frau, der ich zufällig in der Eisenbahn gegenüber sitze, und der es Freude macht, daß ich mich an ihren übereinandergeschlagenen Beinen und den Reizen ihrer durchbrochenen Bluse errege, tausendmal verdorbener als ein liebestolles Ding, das sich in seinem Unverstande dem Geliebten in die Arme wirft.«
»Gewiß, an sich schon«, bestätigte Luise. »Aber wer fragt heutzutage nach dem Bewußtsein oder gar nach der Gesinnung? Wer nun einmal in der Gesellschaft lebt . . .«
»Ja!« unterbrach sie Marschel. »Wenn Ihnen an dem Urteil der Gesellschaft liegt! Ich dachte, darüber wären Sie längst hinaus. Wie wir!«
»Wie Sie?« fragte Luise und war erstaunt.
»Gewiß! Glauben Sie, sonst säßen wir hier? Ja, kennen Sie denn die Geschichte meines Bruders nicht? Hat Berthe sie Ihnen denn nicht erzählt?«
»Ich hatte noch keine Gelegenheit,« erklärte Berthe,
»Fräulein Kersten weiß nur, daß wir verlobt sind.«
»Nun, dann will ich sie Ihnen mit ein paar Worten erzählen«, sagte Marcel. »Mein Bruder verliebte sich in Berthe, als eine entfernte Verwandte von uns in ihrem Pensionat war. Ich brauche Ihnen über Berthe als Menschen nichts zu sagen; Sie kennen sie von Berlin her. Mein Bruder warb um sie; Berthe willigte ein; somit war alles in Ordnung, wenn . . .«
»Nun?« fragte Luise.
»Ja, wenn meine Eltern nicht gewesen wären!«
»Und was taten die?«
»Als Henri es erzählte, kreischte meine Mutter: Eine Zimmervermieterin als Schwiegertochter – und fiel in Ohnmacht. Und der Vater klopfte Henri auf die Schulter und sagte in aller Ruhe:
»Mach keine Witze, Henri. So etwas macht man zu seiner Geliebten, aber man heiratet es nicht! Amüsier’ dich ein paar Monate mit ihr! Dann wird es Zeit, daß ich mich nach einer Frau für dich umsehe, die du heiraten kannst.‹
›Und was wird dann ans Berthe?‹ fragte mein Bruder.
›Deine Sorgen‹, erwiderte mein Vater. ›Dann wird sie ein anderer übernehmen.‹
›Ich war der Erste . . .‹ warf Henri ein und dachte, daß dies die Auffassung unsres Vaters ändern würde; der aber sagte in aller Ruhe: ›Einer muß den Anfang machen! Oder willst du etwa die soziale Frage lösen? Überlaß das andern. Kümmere dich ums Geschäft!‹«
»Immer dasselbe, überall dasselbe!« rief Luise. »Und was werden Sie nun tun?« fragte sie und wandte sich an Henri.
Der war verlegen und fand keine Antwort, denn er wußte noch immer nicht, worauf Marcel eigentlich hinaus wollte.
Aber Berthe, die selbst die Lügen andrer glaubte – auch dann noch, wenn sie, wie hier, die Wahrheit kannte – seufzte laut und klagte:
»Ach, wenn Sie wüßten, Liebste, Beste, was ich durchgemacht habe!«
»Sehen Sie sich die beiden an«, sagte Marcel. »Sie werden auch ohne den elterlichen Segen glücklich werden; und was wird am Ende den Eltern anders übrig bleiben, als sich damit abzufinden? Berthe ist dadurch, daß sie sich auf anständige Weise selbst ernährt hat, gesellschaftlich zwar auf Jahre hinaus arg kompromittiert.«
»Unglaublich!« rief Luise.
»Empörend!« bestätigte Berthe.
»Ist es bei Ihnen anders?« fragte Marcel.
»Aber nein, es ist genau so«, erwiderte sie.
»Nun also! Wie kann Sie das dann so in Erstaunen setzen?«
»Wenn alle Menschen so dächten wie Sie und Ihr Bruder, dann würde es anständiger auf der Welt zugehen!« sagte Luise; und Marcel sah, wie sie sich innerlich erwärmte.
»Wenn es auf das Denken ankäme!« erwiderte er. »Denken tun schon viele so wie wir; aber danach handeln, sehen Sie, sich über das Gerede der Leute hinwegsetzen, der gesellschaftlichen Heuchelei ein Schnippchen schlagen – so, wie’s mein Bruder tut, den Mut haben nicht viele.«
»Endlich einmal unter Menschen!« sagte Luise. »Wie froh ich bin!«
Diesen Gefühlsausbruch benutzte Berthe, die längst merkte, wie klug und wirksam Marcel operierte, um Luise die Hand über den Tisch zu reichen. Die griff freudig zu.
»Auf gute Freundschaft!« sagte Berthe.
»Von ganzem Herzen!« erwiderte Luise. Sie faßten alle vier an. Und da es sich herausstellte, daß sie in ihren Gefühlen immer deutlicher übereinstimmten, so faßte Luise mehr und mehr Vertrauen, und es schien ihr, als wenn sie endlich unter Menschen war, mit denen sie leben konnte.
Gegen Mitternacht trennten sie sich. Henri fuhr mit Berthe nach dem Place Pigalle; Berthe wollte tanzen. Marcel begleitete Luise ins Hotel.
Der schwere Burgunder lag allen in den Gliedern; Berthe trank ihn wie Wasser, und die Folge war: die Kinderstube in Bordeaux trieb Blüten, und sie vergaß alles, was sie sich an Manieren mühselig angeeignet hatte. Marcel kannte das und trieb daher zum Aufbruch; denn ihm war es bitter ernst mit der Eroberung Luises.
Kokotten reizten ihn längst nicht mehr. Freuden, bei denen die Frau kalt blieb, ekelten ihn. Die Frauen vom Theater waren launenhaft, ehrgeizig und berechnend; und da sie mit dem Verstande liebten, so waren auch sie kalt. Die Midinettes waren Studentinnen der Liebe, und er scheute die Mühen, von denen später doch andre profitierten. Die Frauen und jungen Mädchen schließlich, die bei seinen Eltern verkehrten, forderten Rücksichten und waren unbequem, unter Umständen gefährlich. Und dann: diese Art Frauen war immer dann unerreichbar, wenn man sich am zärtlichsten nach ihnen sehnte; war man mit seinen Gedanken aber mal woanders, dann konnte man sicher sein, daß sie einen überraschten und zur Last fielen.
Luise war ein ganz besonderer Typ; ohne einen dieser Fehler zu haben, besaß sie fast alle Vorzüge, war dabei gescheit und reizvoll und wußte sich zu benehmen. Kurz: Marcel war entschlossen, sie zu seiner Geliebten zu machen.
»Wenn es uns doch gelänge, Sie alles vergessen zu machen, was hinter Ihnen liegt«, sagte Marcel, als sie im Wagen saßen, und berührte leise ihre Hand.
»Es ist so rührend von Ihnen allen, daß Sie sich so um mich bemühen«, erwiderte Luise.
»Ich hatte auch schon Enttäuschungen,« sagte Marcel, »ich kenne die Leiden – es gibt nur ein Mittel: gütige Menschen! – Es hilft nicht, daß man verstanden und daß einem vergeben wird – man muß jemand haben, der mitfühlt – so wie ich mit Ihnen; – zusammen weinen können – seine Schmerzen zu einem Leide einen« – in einem Romane hatte er das gelesen – »zueinander halten – ganz fest —«; er legte den Arm um ihre Schulter und drückte ihre Hand. Er beugte sich zu ihr. »Sehen Sie, so denke ich mir unsere Freundschaft«, sagte er, »daß Sie mit allem Kummer zu mir kommen!«
Luise traten die Tränen in die Augen; unwillkürlich erwiderte sie seinen Händedruck.
»Sie sind so gut!« sagte sie.
Er nahm ihr das Spitzentuch aus der Hand und trocknete ihre Tränen.
»Die letzte für mich!« sagte er und küßte sie auf die Augen.
Luise glühte vom Wein; sie wehrte sich nicht; er küßte sie auf den Mund; er drückte sie an sich. Dann half er ihr aus dem Wagen, nahm ihren Arm und führte sie bis vor ihr Zimmer.
»Bis morgen!« sagte er.
Dann ging er.
Luise fiel schwer und müde auf die Chaiselongue; spät in der Nacht wachte sie auf, wankte zur Tür, machte Licht; riß sich die Kleider vom Leibe; warf sich aufs Bett, heulte laut wie ein Kind. Erst gegen Morgen schlief sie ein und schluchzte noch immer.
XVIII
Es war schon Mittag, als Luise am nächsten Tage erwachte. Ihr Bett war übersät mit roten Rosen; neben ihr saß Berthe de Cyliane und lächelte ihr zu, als sie die Augen aufschlug. Berthe beugte sich über ihr Bett und küßte sie auf die Stirn.
»Guten Morgen, mein Lieb«, sagte sie zärtlich. Luise nickte.
»Sie sind schon da?« fragte sie leise. »Ich bin noch sehr müde – und mein Kopf schmerzt – ich bin es nicht gewöhnt, so viel zu trinken . . .« – sie setzte sich auf – »was war das bloß« – und sie mühte sich, sich der Vorgänge von gestern abend zu erinnern, – »es war sehr spät gestern . . . nicht wahr?«
Erst jetzt sah sie die Rosen auf ihrem Bett. Sie lächelte . . . fuhr mit den weißen Händen über sie hin, ließ sie durch die Finger gleiten . . . »Wie hübsch das ist!«
»Ein Morgengruß von Marcel«, sagte Berthe und nickte ihr zu.
Luise sah sie scheu an.
»Was will er?« fragte sie ängstlich und verbarg Arme und Hände unter die Decke.
»Er liebt! . . . Zum ersten Male! . . . Er ist ein so guter Kerl . . . Sie haben Glück.«
»Wir haben uns ja erst ein einziges Mal gesehen . . . da kann er doch nicht . . .«
»Aber gewiß! Aber gerade! Sehen Sie Henri und mich; am ersten Abend, als er mich von seiner Loge aus sah« – sie war zerstreut – »wir haben uns nämlich im Theater kennen gelernt, na, und das hält nun schon zwei Jahre an.«
»Wie?« fragte Luise. »Zwei Jahre lang sind Sie schon verlobt?«
»Ja, wenn es nach ihm gegangen wäre, wären wir längst verheiratet; – ich aber bestand auf eine Prüfungszeit; ich wollte erst wissen, ob er so stark und fest in seiner Liebe ist, um auch ohne die Einwilligung der Eltern mit mir glücklich zu werden. – Und schließlich: was haben wir schon versäumt? . . . Wie gesagt, ich freue mich, daß ich die Flitterwochen noch vor mir habe. – Aber bei Ihnen geht das natürlich schneller. Wir haben für Sie mit gewartet«, sagte sie sehr vergnügt, denn sie freute sich immer, wenn sie talentvoll lügen konnte. – »Sie haben es also uns zu danken, wenn Sie statt nach zwei Jahren, schon nach drei Monaten Marcels Frau werden.«
Luise hatte ihr mit großem Interesse zugehört.
»Also heiraten will er mich?« wiederholte sie langsam.
»Selbstredend«, erklärte Berthe. »Wenn er Ihnen das nicht verspricht, dürfen Sie sich gar nicht erst mit ihm einlassen.«
Luise sah sie erstaunt an.
»Überhaupt, was heißt denn das? Sie sind genau aus so gutem Hause wie er, sind doch sogar entfernt verwandt mit ihm – also! Sehen Sie, mein Vater war Offizier, ich habe es mir als Kind auch nicht träumen lassen, daß ich eines Tages auf mich selbst angewiesen sein werde. Aber ich fühle mich darum nicht schlechter als andere. Nur – und das, liebe Freundin, ist die Hauptsache im Leben einer Frau – wir müssen uns unseres Wertes bewußt bleiben. Wie eine Frau auftritt, so wird sie behandelt.«
Sie reichte Luise die Hand.
»Wenn wir zusammenhalten, dann werden auch die Eltern mit der Zeit ihren Widerstand aufgeben. Nur, folgen Sie in allem mir. Ich kenne mich aus. Halten Sie Marcel fest! Tun Sie alles, was er verlangt – aber tun Sie nichts, bevor er Ihnen die Ehe versprochen hat.«
»Ich kann mir gar nicht denken,« sagte Luise, »was weiß er denn von mir? . . . Kennt er mich denn?«
»Wenn Sie vor einer Stunde bei mir gewesen wären – Sie würden nichts mehr fragen. Jetzt heißt es zugreifen; das Glück ist da.«
Luise schüttelte den Kopf.
»Das alles kommt so schnell – so unvermittelt . . . Zwischen meiner Ankunft und jetzt liegt kaum eine Stunde, in der ich Zeit hatte, nachzudenken.«
»Was?« sagte Berthe. »Nachdenken wollen Sie? Eine Frau handelt nach dem Instinkt; sobald sie anfängt, nachzudenken, begeht sie bestimmt eine Dummheit.«
»Da haben Sie recht,« bestätigte Luise, »was ist bei all meinem Denken bisher herausgekommen? Nur immer das Gegenteil von dem, was ich bezweckte.«
»Sehen Sie!« rief Berthe erfreut. »Versprechen Sie mir, daß Sie es sich abgewöhnen wollen. Vertrauen Sie sich in allem mir an, dann wird Ihnen alles glücken, ohne daß Sie auch nur eine Stunde lang zu denken brauchten. Das Denken überlassen Sie den Männern; unsere Aufgabe besteht darin, dafür zu sorgen, daß die Männer so denken, wie wir es wünschen.« – Sie sah nach der Uhr. »Es ist halb eins; Henri und Marcel erwarten uns. Also aufstehen, Liebling!« – Sie deckte sie auf. »Wie schön Sie sind!« – Sie betrachtete sie genau. – »Und damit wollten Sie deutschen Unterricht geben, Sie Närrin!«
Im Hotelvestibül warteten Henri und Marcel.
»Nie hat mich eine Frau mehr gereizt als diese Luise«, sagte Marcel. »Sie gehört zu jenen seltenen Frauen, die einem Dutzend Männer angehören können und dabei doch tugendhaft bleiben.«
»Und was hast du vor?« fragte Henri.
»Köstlich! Diese Frage!« erwiderte er. »Was man so im allgemeinen mit Frauen, die man begehrt, vorzuhaben pflegt.«
»Du vergißt, daß sie unsern Kreisen angehört.«
»Was folgt daraus?«
»Daß man sie nicht kompromittieren darf.«
»Seit wann kompromittiert sich eine Frau unserer Kreise dadurch, daß sie einen Liebhaber hat? Das ist mir neu!«
»Der Fall bei ihr liegt anders«, erwiderte Henri. »Ja, wenn sie den Rückhalt hätte und in der Gesellschaft verkehrte, dann bliebe sie Dame, auch wenn jeder wüßte, daß sie einen Geliebten hat; so aber, wo sie auf sich selbst angewiesen ist, darf sie sich den Luxus eines Liebhabers nicht gestatten; oder sie hört eben auf, eine anständige Frau zu sein.«
»Das hat sie in dem Augenblick aufgehört zu sein,« erwiderte Marcel, »in dem sie die Familie ohne Begleitung und ohne Empfehlung nach Paris expedierte. Sie ist nun einmal kompromittiert. Und ob sie sich hier nun sittsam und tugendhaft aufführt, indem sie Stunden gibt und hungert, oder ob sie die Dame spielt und das große Leben mitmacht: daran, daß sie kompromittiert ist, ändert das eine so wenig wie das andere. Sie ist und bleibt eine von denen, auf die man mit Fingern zeigt, voll Verachtung, wenn es ihr schlecht geht und sie sich abquält; voll Neugier und Interesse, wenn sie sich vormittags zu Pferde im Bois und abends in großer Toilette in der Loge zeigt. – Wer ihr wohl will, wie ich, wird ihr zu dem letzten raten.«
»Willst du ihr das alles sagen?« fragte Henri.
»Nein,« erwiderte Marcel, »oder doch nur, wenn es unbedingt nötig ist. Sie wird sich meiner Logik so wenig verschließen wie du. Zunächst aber versuche ich es mit der Gefühlsseite. Seitdem die Mädchen unserer Kreise die Liebe als ›der Neuzeit nicht mehr entsprechend‹ ablehnen und belächeln, suche ich sie mir außerhalb des Hauses. Und mir scheint diese Luise dafür besonders geeignet.« —
»Da kommen sie!« unterbrach ihn Henri, und aus dem Lift stiegen Berthe und Luise.
»Sie haben lange gewartet?« fragte Luise und sah Marcel fest in die Augen.
»Seit ich Sie gestern verließ«, antwortete Marcel.
»Oh«, erwiderte Luise.
»Und Sie?«
»Ich habe geschlafen«, sagte sie treuherzig; »ich habe fest geschlafen bis vor einer halben Stunde. Ich habe zuviel getrunken gestern und zuviel gesprochen, scheint mir; mir sind noch jetzt alle Glieder so schwer wie gestern abend – —«
Sie fuhren zu Arménonville. Alles rings war in Blüte! In einer Laube, die tief im Garten hinter dem Grün von tausend jungen Sträuchern lag, stand die mit roten Rosen besäte Tafel.
Erst gegen Abend brachen sie auf, um durch den Frühling nach Versailles zu fahren.
Du sagte Marcel Luise alles. Er sprach mit Worten von seiner Liebe, die sie rührten; erzählte ihr von seinen Eltern und daß er sie heiraten werde – auch gegen deren Willen.
Luise gab sich ganz der Stimmung hin. Sie glaubte ihm und war ihm dankbar.
Als sie auf der Terrasse des Hotel des Réservoirs zu Abend aßen, machte Berthe den Vorschlag, über Nacht zu bleiben. Luise widersprach nicht. Als sie auf ihre Zimmer gingen, schloß Marcel sie in seine Arme.
»Bleibst du bei mir?« fragte er zärtlich.
»Wo sollte ich hin?« gab sie zur Antwort.
»Du wirst bei mir bleiben, solange ich lebe«, sagte Marcel und drückte sie an sich.
»Sprich nicht«, bat sie ihn. Und so oft er etwas sagen wollte, bat sie ihn, zu schweigen.
– — – — – — – — – —
Sie lag im Halbschlummer neben ihm und träumte.
Alles sah sie noch einmal; wie helle Schatten zogen an der Wand die Bilder an ihr vorüber; greifbar – lebten – unnatürlich groß – kamen und gingen – sprachen sie an – bettelten und drohten – — »Du wirfst dich weg!« schrie eine Stimme, und ihr Vater stand drohend vor ihr; – »Laß sie doch!« rief die Mutter, »sie ist eine Hure!« und trat nach ihr mit den Füßen; und der Bruder spie sie an; – — sie wagte nicht, sich zu bewegen. – Marcel lag neben ihr und schlief. – — Aber die Bilder lockten noch immer – — sie fuhr in die Höhe; – — sprang auf – —
»Da! Da!« – und sie riß an ihrem Herzen und warf es der Mutter vor die Füße; »So, nun bin ich frei, bin eine Hure!« – und mit einem lauten Aufschrei stürzte sie nach vornüber; schlug mit dem Kopf schwer auf. – — Marcel erschrak, machte Licht; »– an der Wand lag sie – regungslos – weiß wie der Tod – die Augen weit geöffnet.
Er trug sie ins Bett und wachte; – sie sah ihn nicht – ihre Gedanken irrten noch immer. – — Sie sah noch immer Gesichte – aber sie litt nicht mehr – — ihre Seele war tot.
XIX
Als Luise am nächsten Morgen die Augen aufschlug, lag sie in Marcels Armen.
»Weißt du, wo du bist?« fragte er zärtlich.
Sie riß die Augen weit auf und nickte; richtete sich auf, sah ihn groß an und sagte:
»Jetzt bin ich deine Geliebte.«
»Aber nein«, wehrte Marcel.
»Doch! Doch! – — Und ich glaube, es ist gut so. Man muß sich nur klar sein; dann erträgt man alles.«
»Aber du weißt doch, ich werde dich heiraten«, sagte er zärtlich.
»Dann werde ich deine Frau sein; jetzt aber bin ich deine Geliebte.«
»Ich werde jedem sagen, daß du meine Braut bist«, versicherte Marcel.
Luise schüttelte den Kopf.
»Das mußt du nicht tun«, sagte sie; »ich will für das gelten, was ich bin. Einmal, weil . . . aber das begreifst du nicht« – — sie blickte traurig vor sich hin – sah ihn nicht an – — »weißt du, das hängt mit meiner Kindheit zusammen . . . und mit dem Vater . . . wir träumten viel . . . auch davon . . . anders freilich . . . so ganz anders dachten wir uns das alles, wenn es sich eines Tages erfüllen würde . . . das große Glück! – —«
Sie riß sich aus ihren Gedanken, wandte sich zu Marcel, suchte fröhlich zu scheinen: »Aber das ist nun vorbei – es war das letztemal; ich will es vergessen; muß es vergessen! Nicht wahr?« Sie sah ihn groß an. »Es geht auch anders«, sagte sie entschieden.
Sie fuhr ihm mit der Hand durchs Haar.
»Bist ein lieber Kerl! Ich will an nichts mehr denken . . . hörst du? Ich versprech’ es dir. So wie gestern und heute, so muß es wochenlang fortgehen – nicht Zeit zum Denken darfst du mir lassen; dann – dann wird schon alles gut werden.«
»Dafür will ich sorgen«, sagte Marcel und gab ihr die Hand. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin.«
Dann ging er in sein Zimmer, badete, zog sich an, schrieb ein paar Zeilen an Berthe, bat sie, sogleich Luise aufzusuchen, ihr zu helfen, sie in Stimmung zu erhalten und ihr viel Gutes über ihn zu sagen.
Als sie am Frühstücktisch zusammentrafen, teilte Marcel seinem Bruder Henri und Berthe in aller Form mit, daß er sich soeben mit Luise verlobt habe.
Beide taten überrascht und beglückt.
»Ist es möglich?« rief Berthe und umarmte erst Luise, dann Marcel, und malte in tausend Farben die Zukunft.
»Heute vormittag muß ich ins Bureau,« sagte Marcel, »du, Berthe, bleibst bei meiner Luise.« Er griff in die Tasche und reichte ihr sein Scheckbuch: »Aber nicht überziehen, Berthe. Alles, was nötig ist, schaffst du natürlich für sie an, und bis wir eine passende Wohnung gefunden haben, kann ja Luise bei dir bleiben.«
»Selbstverständlich,« sagte Berthe, »ich habe genug Platz, um eine ganze Familie aufzunehmen.« – Und als Luise von Unbequemlichkeiten und Zur-Last-Fallen sprach, schmeichelte Berthe:
»Im Gegenteil, Sie werden mir eine liebe Gesellschaft sein und mir helfen, die Zeit vertreiben. Für eine nette Zofe sorgen wir zunächst, und dann geht’s an die Besorgungen. Oh, ich kenne Marcels Geschmack genau; in allem: in Kleidern, Hüten, Parfüms und . . .« – sie kniff kokett die Augen zusammen – ,«selbst in Wäsche und Dessous. Anfangs gefiel er mir nämlich besser als Henri.« – Und als der ein böses Gesicht machte, streichelte sie ihn und sagte: »Anfangs – — jetzt nicht mehr, wo ich dich genau kenne.« Und zu Luise gewandt, flüsterte sie: »Er ist nämlich so bequem.«
»Was bin ich?« fragte Henri.
»Lieb bist du, Schatz«, sagte sie und war so zärtlich, daß er sie ansah und fragte:
»Hast du einen Wunsch?«
»Welche Frage!« rief Berthe. »Du hast mich weniger gründlich studiert als ich dich. Da!« – und sie hielt ihm Marcels Scheckbuch unter die Nase – »denke dir, ich werde mit Luise zu Cadolle fahren und die raffiniertesten Corsets esthétiques zu sehen bekommen. Wir werden uns bei Alphonsine die neuesten Frühjahrshüte zeigen lassen und in der Rue Halery die kostbarsten Spitzen bewundern. – Du weißt, Henri, ich bin nun einmal nicht für platonische Genüsse.«
»Ich glaube, ihr werdet ganz gut zueinander passen«, sagte Marcel; »ihr ergänzt euch vorzüglich.«
»Eine Frau ändert sich schnell«, sagte Berthe, »zumal in Paris. L’appetit vient en mangeant, und du kannst dich darauf verlassen, Marcel,« – dabei hielt sie das Scheckbuch in die Höhe – »dein Leichtsinn soll gründlich belohnt werden; ich werde in Luise die Lust für alles, was schön und teuer ist, zu wecken suchen.«
Henri gab ihr eine Fünfhundert-Francs-Note, die sie nicht gerade überwältigt in ihre Tasche steckte.
Aber Luise ekelte dieser Handel. Mehrmals lag es ihr auf den Lippen, zu widersprechen. Sie hatte ja alles, was sie brauchte, wollte sie sagen. Aber das schien ihr lächerlich neben der Eleganz von Berthe. Und nach ihrem Vorsatz: Nichts Halbes! schwieg sie und beschloß, sich in die Welt und Vorstellungen dieser Menschen zu zwingen, unter denen sie ja nun zu leben bestimmt war. In ihr Schicksal durch eigene Entschlüsse einzugreifen, hatte sie aufgegeben.
Vierzehn Tage nahm die äußere Umwandlung Luises in Anspruch.
Madame Escama vom Institute de Beauté am Place Vendome verbrachte jeden Morgen zwei Stunden an ihrem Bett; pflegte die Haut vom Kopf bis zu den Füßen, die, an sich schon zart und weiß, bald wie Elfenbein glänzte; gab der Brust durch Creme Georgia Festigkeit und harmonische Formen, pedikürte die Füße. Vormittags und gegen Abend erschien Monsieur Noérat und probte Frisuren; Mad. Demilliers kam mit ganzen Legionen von Hüten; bald wurde der Hut der Frisur, bald die Frisur dem Hute angepaßt.
Vor und nach dem Lunch, das sie jetzt täglich in der Stadt bei Henri nahmen, ging’s zu Drécoll und Redfern, zu La Croix, zu Grunwaldt und Lalalnme; kaum, daß man Zeit fand, bei Riz oder Rumpelmayer eine Tasse Tee herunterzugießen, denn schon um halb fünf erschien wieder Noérat für die Abendfrisur und die Maniküre; Monsieur Meyer vom Boulevard des Italiens kam und probierte Schuhe; Mad. Delbecq aus Bruxelles breitete unterdessen auf Stühlen und Tischen kostbare Wäsche und erläuterte und pries jedes Stück wie ein Gelehrter das Kunstwerk eines alten Meisters. Für Berthe waren es Festtage; sie genoß die Freuden und Qualen einer Frau von Welt.
»Endlich,« – so sagte sie eines Nachmittags, als Lalalmne, Meyer, Mad. Delbecq und die Maniküre sich auf die Füße traten, – »endlich hat unser Leben Stil; wir müssen Mittel finden, um uns diese Erregungen dauernd zu erhalten.«
Und als Mad. Delbecq die seidenen Nachthemden, die bis zur Erde reichten und doch nur wenige Gramm wogen, über Berthes Körper goß, da wehrte sie mit den Händen ab und rief:
»Ich kann nicht mehr! Mir ist schon ganz schwindlig! Wie werde ich mir in meinem Spitzenhemd heute nacht vorkommen!«
Und als Mad. Delbecq den Preis nannte, 250 Francs, und versicherte, daß Frau X. und Frau Y. – und sie nannte zwei Damm der Gesellschaft – sowie die Liane de Briés und die Otéro nur solche Hemden trügen, da stand es bei ihr fest: entweder sie wurde die Frau Henris oder eine Liane de Briés.
Anders Luise. Ihr war das alles sehr unbequem, und in den ersten Tagen hatte sie oft das Gefühl, ihre Natur werde doch stärker als ihr Wille sein; was dann geschah, wenn es ihr nicht gelang, ohne an Vergangenes zu denken, nur dem Tage zu leben, das wußte sie freilich nicht. Also zwang sie sich immer wieder, und die Freundlichkeit und respektvolle Art, in der ihr hier alle, von der Zofe bis zu Marcels Freunden, begegneten, trug dazu bei, daß sie sich allmählich an dies Leben gewöhnte. Schließlich machte es ihr sogar Freude, wenn sie des Abends in die Loge trat und aller Augen von der Bühne weg sich auf sie richteten; wenn Damen und Herren im Bois stehenblieben und sich nach ihr umsahen; wenn sie des Nachts in den Garderoben Billetts über Billetts erhielt, in denen vornehme Herren um eine Annäherung, Damen der Gesellschaft um die Adresse ihres Schneiders oder Hütemachers baten.
Berthe sah das mit großer Freude. Luise mußte nur richtig geleitet werden, dann konnte sie leicht eine der ersten Frauen von Paris werden. Wie die Liane de Briés und andere es waren, deren Millionen Zins auf Zins im Keller des Crédit Lyonnais lagen, die ihr Hotel, ihr Landhaus, ihr Automobil besaßen, deren Schmuck mit 500.000 Francs versichert und beinahe die Hälfte wert war; die einen fetten Bankier und einen kahlköpfigen Marquis mit Wissen ihrer Frauen zu Freunden hatten, an deren Stelle im Juli und August, wenn sie in Biarritz oder Trouville waren, ein reicher Amerikaner trat; und die schließlich fürs Herz einen Tenor von der Opera Comique oder einen jungen Dichter – niemals aber, wie die jungen Frauen der Gesellschaft, einen Akrobaten oder Artisten aus dem Nouveau Cirque – zum »Geliebten« hatten.
Luise hatte Kinderstube! Berthe, die keine hatte, war klug genug, um zu wissen, was das bedeutete. Daß es mehr war als Schönheit und Raffinement – Tugenden, mit denen man wohl jeden Mann erobern konnte. Kinderstube aber war gleichbedeutend mit Takt; und Takt war die Kunst, durch die man Männer fesselte. Takt war nötig, um ihre Stimmungen, über die sich die Männer oft selbst nicht klar waren, zu erkennen. Ein Mann, der geschäftlichen Ärger hatte, gehörte nicht zu Antoine, sondern in die Parisiana; einen Mann, der sich moralisch bedrückt fühlte, ließ man, selbst wenn man eine Loge zu einer Premiere und einen neuen Hut hatte, mit seinem Freunde allein ausgehen; freilich nicht, ohne diesen vorher instruiert zu haben. Einen Mann schließlich, der sich in Gedanken mit andern Frauen beschäftigte, behandelte man besonders zärtlich; man lobte die Rivalin, aber nicht ohne sie gleichzeitig in liebenswürdigster Weise ein bißchen lächerlich zu machen: »eine ganz reizende Person, wenn sie nur nicht so geschmacklos in der Wahl ihrer Männer wäre. Immer die Dümmsten sucht sie sich aus!« – Nur keine Eifersuchtsszenen! – Und vor allem Takt gehörte dazu, um niemals einem Mann auf die Nerven zu fallen. Das war das Abc der Liebe. Zärtlichkeiten zur falschen Zeit wirkten oft katastrophaler als in gleichgültiger Stunde ein Treubruch.
Das alles wußte Berthe und fühlte auch, daß dies Essentialien der Liebe waren, die sie im Gegensatz zu Luise nicht völlig beherrschte. So war es ihr unmöglich, für einen Wunsch die rechte Stunde abzuwarten; Herr ihrer Launen zu sein; vergnügt zu scheinen, wenn sie verstimmt war; und auf ein Vergnügen zu verzichten, wenn dem Mann die Stimmung dazu fehlte. – Aber Luise! Ja, die verstand das alles!
Und noch etwas! Die große Gefahr aller dieser Frauen: die Liebe! Einmal vielleicht im Leben bot sich ihnen die große Chance, daß ein unabhängiger Mann mit großem Vermögen bereit war, alles für sie zu tun. – Da, in diesem Augenblick verliebte man sich gewöhnlich in einen armen Teufel. Ein kurzer Kampf, und die Entscheidung fiel fast immer zugunsten des letzteren. Man hatte verspielt! Man gab sich auf! Nach drei Monaten kam die Reue zu spät! – Die Liebe, das wußte auch Berthe, war der größte Feind aller dieser Frauen.
In Luise aber hatte ein großes Erlebnis, über das sie nie sprach, das sie nur schattenweise hin und wieder andeutete, jedes Liebesgefühl getötet.
»Quelle chance! Quelle bonne chance!« rief Berthe laut, als sie das alles erwog. »Mit ihrem Takt und meiner materiellen Veranlagung können wir in ein paar Jahren die ersten Frauen von Paris sein!«
»Aber« – und diese Konzession war sie ihrem Gewissen schuldig – »erst will ich versuchen, eine anständige Frau zu werden! Von Henri hängt es ab! Heiratet er mich nicht, so trägt er die Verantwortung für alles, was geschieht.«
Ganz heimlich aber gestand sie sich, daß ihr die erste Lösung doch wohl lieber wäre.
XX
»Ja,« sagte Luise, »wenn es etwas gäbe, um sich das Denken ganz abzugewöhnen.«
»Es gibt etwas«, erwiderte Berthe.
»Das wäre?«
»Gib mir Pleinpouvoir, über dich und dein Schicksal zu verfügen«, sagte Berthe.
»Das ist ein bißchen viel verlangt«, meinte Luise.
»Allerdings, es setzt Vertrauen voraus.«
»Das habe ich.«
»Mehr als zu irgendeinem Dritten?«
Luise schwieg.
»Aha,« sagte Berthe gekränkt, »ich habe es gewußt. Natürlich Marcel! – Habe ich recht?«
»Ja, ist denn das nicht ganz natürlich? Begreifst du das denn nicht? Steht dir denn nicht auch Henri näher als ich?«
»Einmal kenne ich Henri seit zwei Jahren«, erwiderte Berthe. »Du Marcel seit kaum drei Monaten, und dann« – sie überlegte – »wenn ich ehrlich sein soll: nein! Du stehst mir näher als er. Das ist vielleicht eigentümlich, liegt aber wohl daran, daß unser Schicksal so viel Gemeinsames hat.«
»Ich wüßte nicht,« erwiderte Luise, »wie ich mit meinem Gewissen zurecht kommen sollte, wenn es jetzt noch auf der ganzen Welt jemand gäbe, der mir näher stände als Marcel.«
»Ich finde, du solltest aus deinen Erfahrungen gelernt haben, daß für Menschen, die auf sich selbst angewiesen sind und vorwärts kommen wollen, das Gewissen ein sehr unbequemer Ballast ist. Dein Leben hätte sich gewiß anders gestaltet, wenn bei allem, was du tatest, die Zweckmäßigkeit und nicht das Gewissen entschieden hätte.«
»Da hast du recht«, sagte Luise.
»Wie bei mir. Hätte ich ein Gewissen oder, was noch schlimmer ist, gar ein Herz für die Männer, um mich stände es heute schlimm.«
»So hast du das alles also aus Berechnung getan?« fragte Luise.
»Selbstverständlich,« erwiderte Berthe, »und ich ruhe nicht eher, als bis ich auf eigenen Füßen stehe, ohne auch nur auf eine einzige meiner heutigen Bequemlichkeiten verzichten zu müssen.«
»Aber das hast du doch alles in demselben Augenblick, in dem Henri dich heiratet.«
»Vorläufig bin ich nichts weiter«, erwiderte Berthe, »als irgendeine seiner Angestellten, die er ohne Kündigungsfrist an die Luft setzen kann.« – Nach einer Weile sagte sie: »Genau wie du.«
»Berthe!« rief Luise entsetzt.
»Warum soll man die Dinge nicht beim richtigen Namen nennen«, erwiderte Berthe. »Wer vorwärts will, muß sich zunächst über sich selbst klar sein, – oder liegt es etwa anders? – Wenn die Gebrüder Laqueurs etwas ganz Besonderes tun, dann werden sie jede von uns eines Tages mit 20.000 Francs abfinden, oder – und das ist wahrscheinlicher – sie setzen uns eine monatliche Rente von 200 Francs aus, mit der wir Zimmervermieterinnen oder die Frauen von Vorstadthoteliers werden können. Was mich anbelangt, ich habe andere Ambitionen.«
Deutlicher konnte es Berthe Luisen nicht zeigen, wo sie nun angelangt war. Und als Luise jetzt an sie herantrat und sie fragte:
»So glaubst du also nicht, daß Henri und Marcel uns heiraten werden?« – da hatte sie die Hoffnung auf eine Ehe bereits aufgegeben.
»Wenn ich du wäre,« erwiderte Berthe, »verlaß dich drauf: in zwei Monaten wäre ich seine Frau, – ob er es gern täte oder nicht.«
»Ich würde ihn nie drängen oder auch nur bitten«, sagte Luise.
»Eben, eben, das weiß ich, und darum muß eben ein anderer für dich handeln. Willst du dich mir nun anvertrauen? Aber auch in allem?«
Luise überlegte nicht lange. »Du findest dich in der Welt besser zurecht als ich«, sagte sie. »Und dann: was habe ich noch zu verlieren. Also . . .« und sie streckte ihr die Hand hin, ». . . ich unterwerfe mich dir in allem.«
»Es soll dein Schade nicht sein«, versicherte Berthe.
»Ich spreche noch heute mit Henri und Marcel. Es ist gut, wenn du dabei bist. Nur darfst du dich nicht durch Versprechungen und Rücksichten zu irgend welchen Konzessionen herbeilassen, sondern mußt zu mir halten.«
Luise versprach es, und als sie des Abends auf Berthes Wunsch, statt wie verabredet, in großer Toilette auf dem Dache des Hotel de Maurice zu soupieren, in einem kleinen Zimmer bei Larne saßen und eben mit 75er Chateau Lafite auf die Zukunft anstießen, fragte Berthe:
»A propos! Wie steht es eigentlich damit?«
»Womit?« fragten Henri und Marcel gleichzeitig und sahen sie an.
»Nun, wir haben doch eben auf unsere Zukunft angestoßen«, sagte Berthe. »Ach so! Du meinst – ich verstehe —« erwiderte Henri verlegen und sah zu Marcel hinüber – »die Zukunft – na, ich meine, wenn wir bis zu unserm Lebensende so vergnügt wie heute beieinander sitzen, dann können wir die Zukunft getrost Zukunft sein lassen.«
»Das meine ich auch«, sagte Marcel und hob das Glas in die Höhe.
»Also prost, Kinder, wir sollen leben, bis hundert Jahre wie heut!«
Aber Berthe winkte ab.
»Wir verzichten auf die Ehre, noch jahrelang eure Mätressen zu spielen, um eines Tages, wenn wir Fett ansetzen, einem jüngeren Jahrgange Platz zu machen.«
»Aber Berthe!« rief Henri entsetzt. »Wo bleibt die Dame; du verfällst ja in deinen Zirkuston.«
Marcel nahm Luise am Arm und wollte aufstehen.
»Komm, Luise,« sagte er, »ein außereheliches Unwetter zieht herauf; wir wollen sehen, trocken nach Haus zu kommen.«
»Eine bequeme Art, sich um die Antwort herumzudrücken«, rief Berthe.
»Ich wüßte nicht, was es zu beantworten gäbe«, erwiderte Marcel.
»So frag’ ihn doch«, wandte sich Berthe an Luise.
Eine Pause entstand. Luise quälte sich zu sprechen, aber sie brachte die Frage nicht über die Lippen, sah ihn nur an mit großen Augen.
»Frag’ ihn!« forderte Berthe energisch.
»Nicht wahr,« hauchte sie nur, »wir werden uns heiraten?«
Und Marcel fand nicht den Mut, nein zu sagen; er nickte nur und sagte leise:
»Gewiß.«
»Wann?« fragte Luise.
Da stand er verlegen, zog die Schultern in die Höhe:
»Sobald es geht.«
»Worauf wartest du?« fragte sie.
Er wußte keine Antwort.
»Sind die Eltern im Wege?«
»Ja«, sagte er.
Luise empfand keine Bitterkeit gegen ihn; sie fand das alles ganz natürlich und quälte ihn – gegen ihr Empfinden – eigentlich nur, weil Berthe es verlangte. Sie schämte sich und wäre am liebsten davongelaufen.
Aber Berthe rief spöttisch:
»Also warten wir, bis sie gestorben sind.«
Marcel sah, daß Luise litt. Er kannte den Grund nicht und dachte, sie sei enttäuscht, weil er zögerte und ihrer Frage auswich. Sie tat ihm leid.
»Wenn es nach mir ginge,« sagte er, »aber ich habe eine alte Mutter.«
Luise nahm seine Hand.
»Laß!« sagte sie weich. »Ich habe dich ja nie darum gebeten.«
Berthe protestierte gegen diesen Verzicht.
»Ich dulde es nicht,« rief sie, »daß du ihr gutes Herz in dieser Weise ausnutzt. Die Art, in der du ihr Tiefe und Gemüt vortäuschst, die du nie besessen hast, ist niederträchtig!« – Und dann erzählte sie, trotz des Widerspruchs Henris, der immer von neuem versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, den ganzen Hergang, vom ersten Augenblick an, als der Brief der Frau Geheimrat Walther Luises Ankunft meldete; wie sie damals mit allem Raffinement die Schlingen legten, in denen sich Luise dann ahnungslos verfing.
Luise wurde blaß und hatte nur einen Wunsch: Fort von hier! Aber sie konnte sich nicht rühren; wie Blei lag es ihr in den Gliedern, und sie saß da und starrte vor sich hin und hörte kaum, was gesprochen wurde.
»Luise ist meine Freundin«, rief Berthe erbittert; »kann sie auch keine anständige Frau mehr sein, so soll sie wenigstens eine große Kokotte werden und wissen, wozu sie sich wegwirft. Die Zeit, die sie mit euch vertrödelt, um in ein paar Jahren in den Folies Bergérs oder der Rat mort herumzusitzen, kann sie nutzbringender anwenden.«
»Pfui!« rief Marcel. »Schämst du dich nicht?«
»Quatsch!« antwortete Berthe. »Was nützt mir das Schamgefühl, wenn ich nichts zu essen habe. Wenn ihr von Frauen, von denen ihr wißt, daß sie von der Liebe leben müssen, Sentiments fordert, so sorgt gefälligst zuvor dafür, daß sie sich diesen Luxus auch gestatten können. Solange wir von euren Launen abhängen und nicht wissen, was nach euch wird, solange . . .«
»Wenn es das ist,« unterbrach sie Henri und lächelte seinem Bruder verständnisinnig zu, »kann euch leicht geholfen werden, ihr schlauen Racker!«
Luise brannte es unter den Füßen. Wie ein Stich schnitt ihr jedes Wort, das hier gesprochen wurde, ins Herz. Sie quälte sich ab, Berthe am Weitersprechen zu hindern, ihr ins Wort zu fallen; suchte die Arme zu heben, um ihr die Hand vor den Mund zu halten – vergebens. »Ich nicht! Ich nicht!« wollte sie schreien. »Sie spricht für sich!« Aber sie brachte kein Wort heraus. Als Henri jetzt energisch sagte:
»Also setzen wir uns! Erledigen wir das Geschäftliche; eure Ansprüche bitte!« Da sprang Luise auf und stürzte zur Tür hinaus.
Ehe ihr Marcel folgte, war sie unten, saß in einem Automobil und fuhr nach Haus.
»Laß sie«, log Berthe, die froh war, daß sie nun ungeniert reden konnte, ohne Gefahr zu laufen, ihr Prestige bei Luise zu verlieren. »Es war so vereinbart, daß sie nach Hause fährt, sobald wir anfingen, von unsern Geschäften zu reden; sie versteht nichts davon und weiß, daß ihre Interessen bei mir besser aufgehoben sind als bei ihr.«
»Bitte«, sagte Marcel, der schon in der Tür stand, um sie zurückzuholen, und kehrte um. »Ich will ihre Chancen nicht verschlechtern.«
Sie setzten sich.
»Also!« sagte Henri.
Berthe entwickelte ihr Programm. »Ehe oder Trennung, und« – fuhr sie fort – »da die Ehe ja an dem euch sehr genehmen Widerspruch eurer Eltern scheitert, so kommt wohl nur das letzte in Frage.«
»Nein, wie verständig du bist!« rief Henri.
»Danke«, erwiderte Berthe. »Und, um nicht viel Worte zu machen: weder Luise noch ich haben die Absicht, uns zur Ruhe zu setzen. Ich meine, wenn ihr etwa die Idee hattet, uns einen Teesalon in Enghien oder gar eine Schneiderstube auf dem Montmartre einzurichten, wir verzichten. Wir wollen leben, genau wie ihr.«
»Und weshalb, wenn ich fragen darf,« sagte Henri, »muß diese Trennung schon jetzt und dann vor allem, warum so plötzlich stattfinden?«
»Weil wir vorwärts kommen wollen und keine Zeit mehr zu verlieren haben. – Also, kurz heraus: wir verlangen eine Wohnung in einer der Seitenstraßen des L’Arc de Triomphe und einen Mietvertrag auf zwei Jahre.«
Henri und Marcel sahen sie groß an.
»Und auf eben diese Zeit eine monatliche Apanage von je 5000 Francs.«
»Ihr seid verrückt!« sagte Marcel.
»Möglich,« erwiderte Berthe, »aber das brauchen wir, um standesgemäß auftreten zu können, bis wir im Gange sind.«
»Köstlich!« rief Henri. »Eine Wohnung in einer der Seitenstraßen des L’Arc de Triomphe, so wie ihr sie braucht, kostet im Jahre mindestens 15.000 Francs.«
»So etwa hatten wir es auch taxiert«, erklärte Berthe.
»Das freut mich«, erwiderte Henri und verbeugte sich spöttisch. »In Zahlen ausgedrückt, bedeutet das nicht mehr und nicht weniger als . . .«
»250.000 Francs,« fiel ihm Berthe ins Wort, »damit seid ihr uns los; das heißt, wenn ihr wollt. Denn wir sind beide nicht abgeneigt, euch wöchentlich einmal zum Tee bei uns zu sehen.«
»Es ist wirklich rührend nett von euch«, erwiderte Henri, »und zeugt von großer Pietät, daß ihr bei der Gestaltung eures künftigen Lebens auch an uns gedacht habt. Ich zweifle übrigens nicht, daß ihr mit euren Talenten sehr bald eine Rolle in Paris spielen werdet.«
»Verlaß dich drauf«, erwiderte Berthe. »Denn wenn wir davon nicht überzeugt wären, so würden wir euch nicht aufgeben; denn ein gewisses Risiko ist es immer. – Also, sind unsere Vorschläge akzeptiert?«
»Ist der Entschluß, der uns völlig überraschend kommt, definitiv?« fragte Henri.
»Unwiderruflich!« erklärte Berthe.
»Willst du uns dann vielleicht erklären, wie wir dazu kommen, euch abzufinden, wo wir augenblicklich gar kein Interesse an dieser Trennung haben?«
Berthe sah ihn wie versteinert an.
»Was?« sagte sie. »Du . . . du . . . willst überhaupt nicht? . . .«
»Nicht einen Centime«, erklärte Henri bestimmt und ließ seine Augen nicht von ihr. »Anders wäre es natürlich, wenn es uns eines Tages aus irgendeinem Grunde gepaßt hätte, euch zu verabschieden; dann wäre es selbstverständlich unsere moralische Pflicht gewesen, euch durch eine kleine Rente oder auf irgendeine andere Weise Existenzmöglichkeit zu schaffen.«
Berthe war sprachlos. Sie sah zu Marcel hinüber, der nickte und sagte:
»Ich bin ganz Henris Ansicht.«
»Ihr weigert euch also . . . das ist ja unmöglich! – Das wäre ja so hundsgemein . . . so niederträchtig wäre das . . .«
Henri hielt ihr die Hand vor den Mund:
»Du bist hier nicht in der Zirkusgarderobe,« sagte er, »bei deinem musikalischen Clown.«
»Sehr fein, mir meine Vergangenheit vorzuwerfen«, kreischte Berthe. »Aber soviel steht fest: mein Clown Albert war tausendmal anständiger als du! Als ich dem damals sagte, daß es deinetwegen zwischen uns aus sein müsse, da bot er mir zwei Drittel seiner Gage, wenn ich bei ihm bliebe.«
»Was soll nun werden?« fragte Marcel.
»Sehr einfach«, erwiderte Berthe. »Wir werden bei euch bleiben, uns wie die Kletten an euch hängen, euch überall nach Möglichkeit kompromittieren, bis ihr uns sagt: ›Assez, wir haben genug!‹«
Henri schüttelte überlegen den Kopf.
»Nicht zu machen, teuerste Berthe«, sagte er. »Ihr habt uns den Stuhl vor die Tür gesetzt. Es wäre degoutant, wollten wir auch nur eine Stunde noch gegen euren Willen mit euch zusammen sein. Es ehrt euch, daß ihr so ehrlich wart, uns von euren Absichten zu unterrichten, bevor ihr uns hintergingt. Wir werden uns dafür dankbar zeigen, indem wir euch ein freundliches Andenken bewahren.«
Er reichte ihr mit großer Höflichkeit die Hand.
»Affe!« sagte sie.
»Madame«, erwiderte er und machte eine kurze Verbeugung.
»Ist das dein letztes Wort?« fragte sie wütend.
»Das letzte Wort überlasse ich gern dir«, sagte er höflich. »Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte.«
»Gentleman«, sagte sie in verächtlichem Ton, ging zur Tür, nahm ihre Garderobe und verschwand.
Als Berthe draußen war, ging Henri auf Marcel zu, drückte ihm die Hand, grinste über das ganze Gesicht und sagte:
»Ich gratuliere.«
»Trotzdem tut es mir leid,« erwiderte Marcel, »daß ich Luise nicht wiedersehen soll.«
»Unsinn«, sagte Henri. »Schlag’ sie dir aus dem Kopf. So eine bekommst du alle Tage wieder.«
Dann nahm er Marcel an dem Arm.
»Komm’«, rief er, »den Abend müssen wir feiern!«
»Zu Abbaye de Théléme!« rief er dem Chauffeur zu. – »So billig wären wir die Weiber nie wieder los geworden.«
XXI
Luise stürzte sich in ein Automobil, das vor Larue hielt.
»Ins Bois!« rief sie dem Chauffeur zu.
Am Place de la Concorde ließ sie halten und den Wagen öffnen.
So also sah das neue Leben aus! Das, was man den bürgerlichen Tod nannte, war also doch mehr als eine bloße Redensart. Unter ihrem Verkehr mit dem Kommerzienrat hatte ihre Selbstachtung nicht gelitten. Anders bei Marcel. Sie wußte, daß sie damit einen Schritt tat, der entscheidend für ihr ganzes Leben war. Damals ging auch eine Veränderung in ihr vor, das spürte sie deutlich. Aber diese Veränderung war doch mehr äußerer Natur. Sie hatte das Gefühl, als wären ihre rein äußerlichen Beziehungen zur Welt und zu den Menschen jetzt andere geworden. Sich selbst gegenüber aber blieb sie, was sie war.
Nun aber erkannte sie ihren Irrtum. Erkannte, wo das Verächtliche und Erniedrigende dieser Wandlung lag. Was sie heute abend erlebte, bedeutete für sie in der Tat die Umkehrung aller Werte, an die sie sich bisher geklammert hatte, – den Verlust ihrer Selbstachtung.
Rücksichten hielten sie längst nicht mehr. Aber sie war bisher doch immer froh gewesen in dem Bewußtsein, trotz allem, was vorgefallen war, auch heute noch jeden ihrer Schritte wenigstens vor sich selbst verantworten zu können.
Seit heute abend konnte sie das nicht mehr. Seit heute abend schämte sie sich vor sich selbst. Sie hatte geglaubt, die Wege Berthes gehen zu können, ohne sich selbst aufgeben zu brauchen. Das war der wesentliche Irrtum, über den sie sich nun klar war.
»Mutter muß wissen, wie es um mich steht!« – Sie erschrak, als sie sich bei diesem Gedanken ertappte.
»Mutter,« sagte sie immer wieder vor sich hin, »gute, gute Mutter! – So habe ich mich noch nie gesehnt . . . nach deinen guten Augen, Mutter . . . und nach deinen lieben Worten . . . ich fühle ja, daß du bei mir bist mit deinen Gedanken . . . Mutter, so wie in dieser Stunde habe ich es noch nie gefühlt, wie du dich sorgst um mich . . . dein armes Kind . . . und dich nach ihm bangst . . . Mutter!!« schrie sie ganz laut und rang die Hände, ». . . wo, wo bist du? So komm’ doch und laß mich nicht allein! Hilf doch! Ich gehe ja unter.«
»Mutter!!« kreischte sie in die stille Nacht.
Entsetzt wandte sich der Chauffeur um. Luise stand hoch aufgerichtet im Wagen und stierte mit weitgeöffneten Augen zum Himmel. Es war sternklare Nacht. Er wagte nicht, sie anzureden; erst nach einer Weile fragte er leise:
»Madame, soll ich umkehren?«
»Ja«, sagte sie tonlos und nannte ihre Wohnung.
– — – — – — – — – —
Zwei Briefe lagen auf ihrem Schreibtisch. Sie öffnete, las:
»Süßer Schatz! Ich biete Dir 2000 Francs pro Monat, wenn Du bei mir bleibst. Glaub’ mir, es ist nicht so einfach, in Paris von heut auf morgen Ersatz zu finden! Tausend Küsse!
Marcel.«
Der zweite Brief:
Berlin, den 7. Mai 1912.
»Liebe Luise! An Stelle Deines Bruders, der mit seinem Freunde auf einer Weltreise begriffen ist, habe ich Dir namens der Familie die Mitteilung zu machen, daß am 4. Mai Deine liebe Mutter am Herzschlage gestorben ist. Die Beerdigung hat gestern in aller Stille stattgefunden. Da sie kein Vermögen hinterlassen hat, so erübrigt sich eine weitere Korrespondenz.
Prof. Dr. Mallinger, Stadtrat.«
XXII
Am nächsten Vormittag stand Berthe in Besuchstoilette, mit Hut und Handschuhen vor dem Bett Luises, die gleichgültig und teilnahmslos zu allem nickte, was Berthe sagte.
»Ich darf also alles tun, was ich für richtig halte?« fragte sie.
»Was du willst«, erwiderte Luise; »in mir ist alles tot. Ich habe nur ein Gefühl: Leere.«
»Du bist schwach; in ein paar Tagen habe ich dich wieder hoch«, versicherte Berthe.
Aber Luise schüttelte den Kopf.
»Nie mehr!« sagte sie. »Jetzt bin ich reif.«
»Was soll das heißen?«
»Daß der letzte Widerstand gebrochen ist, . . . nun mag kommen, was will; ich wehre mich nicht mehr. Mir ist alles gleich . . . alles.«
»Du bist krank«, sagte Berthe und nahm ihre Hand. »Ich muß nun fort! In einer Stunde bin ich zurück.« Dann ging sie.
Luise richtete sich auf; sah sich im Zimmer um; griff nach dem Brief Marcels und des Onkels, die sie vom Bett aus erreichen konnte; las beide noch einmal; stierte vor sich hin, schüttelte den Kopf.
»Ich fühle nichts mehr! – Alles leer in mir. – Nun will ich alles vergessen. Als wenn nie etwas gewesen wäre. Jetzt will ich ganz das sein, wozu ihr mich gemacht habt!«
Sie stand auf, rief die Zofe.
»Selma!«
Die Zofe kam.
»Ich will ins Bois.«
»Aber Madame,« sagte Selma entsetzt, »das geht doch unmöglich.«
»Warum sollte das nicht gehen?« fragte Luise.
»Aber Madame sehen ja aus wie der Tod.«
»So! Tue ich das? – Aber das täuscht! Heute gerade will ich mein neues Leben beginnen – so frisch fühle ich mich . . .« Dabei wankte sie und stützte sich auf die Bettlehne. ». . . Verstehen Sie, Selma, heute fangen wir an! Sie müssen Ihrem Schatz kündigen.«
»Aber Madame«, sagte Selma entsetzt.
»Sie dürfen sich nicht mehr an einen einzigen klammern! Das ist zu rechtschaffen! Das sieht die Welt nicht gern – Sie müssen ganze Arbeit tun. Eine rechtschaffene Dirne hat zehn an jedem Finger!«
»Madame! Madame!« schrie Selma. »Sie reden im Fieber.«
»Nun, ich werde es Ihnen vormachen —,« Selma half ihr in die Strümpfe.
»Sehen Sie, Sie müssen auch seidene Strümpfe tragen, und Ihre Füße müssen pedikürt sein und nach Coty l’Effleurt duften; denn auch das Geschäft einer Kokotte will erlernt sein. Oder aber, Sie schicken Ihren Schatz zum Henker und werden fromm; dann aber gehen Sie in ein Kloster . . .«
»Wollen sich Madame nicht lieber hinlegen? – Ich werde den Arzt holen«, bat Selma ängstlich.
»Ich bin so frisch wie ein Fisch im Wasser.«
»Soll ich vielleicht Herrn Marcel telephonieren?«
»Marcel? Marcel? – Ah so! – Nein, nein! Er bietet mir 2000 Francs monatlich. Meine Freundin Berthe meint aber, ich könnte mit meinen Talenten 15.000 im Monat verdienen. Ich werde ihm also schreiben, daß ich seinen Vorschlag akzeptiere, seit gestern aber im Preise so gestiegen bin, daß ich für dies Honorar ihm höchstens einen Nachmittag in der Woche opfern kann. Glauben Sie, daß er annimmt? Ich bin überzeugt – so, wie man sich selbst einschätzt, sagt Berthe, so schätzen einen auch die andern ein. – Ah, ich habe sehr viel Talent für eine große Kokotte – — ich rate Ihnen, bleiben Sie bei mir; Sie werden viel bei mir lernen und gute Geschäfte machen.«
Selma war hilflos. An sich fand sie alles, was Madame Luise sagte, verständig und klug; wenn Berthe de Cyliane so gesprochen hätte, sie wäre keinen Augenblick erstaunt gewesen. Nur zu Luises Art paßte es nicht. Sie war so anders als Berthe und als die andern Frauen ihres Kreises, die sie kannte. Und so konnte sich ein Mensch doch unmöglich von einem Tage zum andern verändern.
»Sagen Sie, haben Sie so etwas wie ein Gewissen?« fragte Luise.
»Aber gewiß! Selbstverständlich!« versicherte Selma.
»Das müssen Sie loszuwerden suchen. Das ist die Hauptsache. Damit lassen sich keine Geschäfte machen. Sehen Sie, mein Gewissen ist tot. Es darf nichts unecht an einer Kokotte sein. Sie muß sich völlig klar sein über sich selbst damit sie niemals mit sich in Konflikt gerät. Das verstimmt, kostet Zeit, und Zeit ist für unsereins Geld. Verstehen Sie das? – So, und nun telephonieren Sie für einen Wagen nach Longchamps.«
Sie war mit ihrer Toilette fertig.
»Aber erst bringen Sie mir die Orchideen, die vorn im Salon stehen.«
»Madame können doch unmöglich mit ganz nüchternem Magen – und dann mit dem Fieber —«
»Sie dürfen mir nie zur Vernunft oder gar ins Gewissen reden, wenn Sie bei mir bleiben wollen«, sagte Luise. »In dem Augenblick, wo ich nachgebe und weich werde, bin ich verloren! Also, wenn Sie mir wohlwollen, dann wissen Sie nun, wie Sie sich zu verhalten haben.«
Luise streifte sich einen Handschuh hoch und ging zur Tür.
»Aber wenigstens eine Tasse Schokolade sollten Madame doch nehmen, bevor Sie . . .«
»Nein, aber einen Kognak, wenn er bei der Hand ist.«
»Gewiß! Gewiß!« Und Selma stürzte und holte vom Eis Meukow aus dem Jahre 1811. Luise goß hastig ein Glas herunter. – Ein zweites – ein drittes. Dann winkte sie mit der Hand und ging.
Selma sah ihr entsetzt nach.
»In die ist der Teufel gefahren«, sagte sie und schlug ein Kreuz.
XXIII
Laqueurs saßen beim Lunch. Der Diener überreichte auf einem silbernen Tablett eine Karte.
»Berthe de Cyliane«, las Herr Laqueur, und darunter stand: »In Angelegenheit Ihres Sohnes Marcel.«
»Sonderbar«, sagte Laqueur zu seiner Frau. »Wo sie dich doch kennt! Gewiß will sie dich sprechen.«
»Nein!« sagte der Diener. »Madame bat ausdrücklich um eine Rücksprache mit dem gnädigen Herrn.«
»Ich lasse bitten.«
Er stand auf und ging in den Salon, in dem Berthe de Cyliane ihn erwartete.
Er verbeugte sich, stellte sich vor, bot ihr einen Sessel an.
»Mein Besuch ist kühn, sein Grund ungewöhnlich. Ganz kurz . . .« Und sie erzählte wahrheitsgemäß alle Hergänge bis zum gestrigen Abend.
Laqueur hörte aufmerksam zu.
»Und was soll ich dazu tun?« fragte er. »Meine Söhne sind erwachsene Menschen. Es schickt sich nicht, daß ich mich um ihre Aventuren kümmere.«
»Hier gilt es einen Skandal, wenn nichts Schlimmeres zu vermeiden«, erwiderte Berthe. »Bei dem Temperament Ihrer Nichte . . .«
»Ich sagte schon einmal,« verbesserte Laqueur, »die Dame ist nicht meine Nichte – ich kenne sie nur aus Briefen meiner Schwester, die in Berlin lebt, und die wohl entfernt mit ihr verwandt ist.«
»Nun, jedenfalls ist sie nicht die erste beste«, erwiderte Berthe.
»Sie meinen also, wenn ich Sie recht verstehe, daß sich durch eine Summe Geldes – sagen wir mal . . .«
Er machte absichtlich eine Pause.
»Hunderttausend Francs«, schnappte Berthe sofort ein.
»Gut . . . also, daß sich durch hunderttausend Francs ein Skandal vermeiden ließe?«
»Wir haben uns ausgezeichnet verstanden«, sagte Berthe und glaubte, den Scheck schon in der Tasche zu haben. »Denn, wenn ich ganz aufrichtig sein darf, die richtige Frau für Ihren Sohn wäre sie doch nicht.«
»Und Sie glauben, falls man ihr diese Summe nicht gibt oder ihr eine geringere anbietet, daß dann . . .« Er hielt abermals inne, und wieder ergänzte Berthe seine Rede und sagte:
»Ein unabsehbarer Skandal zu erwarten wäre.«
»Ich verstehe,« sagte Laqueur, »das arme Mädchen besitzt demnach gar keine Mittel.«
»Nicht einen Pfennig«, versicherte Berthe. »Sie ist mit 3000 Francs nach Paris gekommen, aber was ist das? Nicht wahr, Sie wissen so gut wie ich, wie lange eine Frau mit unseren Gewohnheiten damit reicht. Das Geld ist allein für Coiffüren und Parfümerien draufgegangen.«
»Hm«, sagte Laqueur und nahm einen Bogen aus seinem Schreibtisch. »Wenn Sie mir das alles eidesstattlich hier versichern wollten, die Mittellosigkeit und daß die Dame auf das Geld ihrer Liebhaber angewiesen ist, und daß« – er schrieb das alles nieder, während er sprach, – »der beabsichtigte große Skandal unterbleibt, falls —« Und um Berthe in Sicherheit zu wiegen, legte er den Federhalter beiseite und sagte mit feierlicher Miene: »Sollte sich die Angelegenheit nicht auch mit 75.000 Francs erledigen lassen?«
»Das ist ausgeschlossen«, erklärte Berthe mit aller Bestimmtheit. »Ich müßte dann jede Verantwortung ablehnen.«
Laqueur griff wieder zur Feder.
»Ich werde es ihm von seiner Erbschaft abziehen«, sagte er und schrieb weiter. – »So, und nun, mein Fräulein, Ihre Unterschrift. Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie zu mir kamen; ich fürchte nichts so sehr wie den Skandal.«
»Ich dachte es mir«, sagte Berthe und setzte ihren Namen unter das Schriftstück.
»Das Geld lasse ich durch meine Bank überweisen. Sie haben doch ein Konto?«
Sie sah ihn groß an.
»Also nicht. Nun, dann wird es Ihnen ins Haus geschickt. Die Adresse steht ja wohl auf dem Schriftstück.« Er suchte. »Richtig – Rue de Richelieu; aber wir sind uns einig: sollte es trotz Ihrer Zusicherung zu einem Skandal kommen, so . . .«
»Zahle ich Ihnen das Geld zurück«, fiel ihm Berthe ins Wort.
Er verbeugte sich, und sie ging.
Als sie draußen war, war das erste, was sie dachte: Hätte ich 150.000 Francs gefordert, ich hätte sie auch bekommen. Aber dieser Besuch brauchte ja nicht der letzte zu sein, den sie Herrn Laqueur machte. Noch war ja nur Luises Rechnung beglichen. 100.000 Francs für kaum drei Monate. Auf dieser Basis wollte sie ihre Ansprüche gegen Henri, dem sie mit wenigen Ausnahmen zwei Jahre lang Treue gehalten hatte, geltend machen.
Herr Laqueur kniff den Bogen fein säuberlich zusammen, bestellte sein Automobil, nahm Hut und Handschuhe und fuhr zum Polizeipräfekten.
Dem trug er den Fall vor und gab die eidesstattliche Versicherung der Berthe de Cyliane zu den Akten. Der Präfekt ließ die Personalien feststellen, füllte ein Formular aus und verfügte, daß die stellungslose, unverehelichte Luise Kersten aus Berlin als lästige Ausländerin auszuweisen sei und innerhalb 24 Stunden Paris zu verlassen habe.
Und da ihm Herr Laqueur als ein Mann mit großen Beziehungen bekannt war, so sorgte er dafür, daß die Zustellung noch am selben Tage erfolgte.
XXIV
Luise war nach Longchamps gefahren. Sie hatte sich einen Logenplatz genommen, auf den sie nach dem ersten Rennen nicht mehr zurückkehrte. Sie hielt es kaum fünf Minuten auf ein und derselben Stelle aus, lief unruhig hin und her und hatte den Wunsch, sich zu betäuben; sie sehnte sich nach einem Sumpf, in dessen Schmutz sie versänke, so tief, daß nichts mehr sie emporziehen könnte.
Zweimal sprach man sie an. Man lud sie nach Arménonville nach den Rennen. Sie sagte zu und speiste und trank mit einem alten Herrn, der ihr eine 500-Francs-Note unter den Teller schob und dafür nichts weiter verlangte, als ihre weißen und gepflegten Füße zu küssen. Um sieben Uhr hatte sie ein Rendezvous im Pavillon de Madrid mit einem Russen, einem animalischen Kerl, der den Kaviar mit Löffeln aß und den Champagner aus Wassergläsern trank, der Luise, wie ein wildes Tier seine Beute, ins Auto und vom Auto in sein Zimmer trug, und der die halbe Nacht hindurch seine Leidenschaft an ihr austobte.
Als sie gegen Morgen nach Haus kam, saß Berthe heulend und übernächtig in ihrem Zimmer.
»Gott sei Dank, daß du da bist«, rief sie ihr entgegen und umarmte sie.
Luise griff in die Tasche und warf einen Stoß von Banknoten auf den Tisch.
»Da,« sagte sie, »mein Debut! Bist du zufrieden? Ich bin empfindungslos; es hat mich keine Überwindung gekostet.«
»Du bist von Sinnen«, rief Berthe. »Du verplemperst dich und verdirbst dein ganzes Renommee!«
Luise lächelte.
»Das ist kein Witz«, sagte Berthe. »Das Leben einer großen Kokotte muß vor allem Stil haben, und sie muß mehr auf ihren guten Ruf halten, als eine Frau der Gesellschaft. Der Reiz einer Kokotte liegt darin, daß es Mühe macht, sie zu erobern; der Reiz einer verheirateten Frau liegt in ihrem Ruf, daß sie sich gern erobern läßt. Ich kenne eine Kokotte, die dadurch groß geworden ist, daß sie allen Werbungen Rothschilds gegenüber standhaft blieb. Sämtliche Millionäre der Pariser Börse haben sich um die Frau gerissen; jeder wollte wenigstens einmal im Leben das Gefühl kennenlernen, vor Rothschild etwas voraus zu haben. Sie besitzt heute Millionen und hat sich längst aufs Land zurückgezogen.«
Luise ging zum Schreibtisch und sah nach ihrer Post.
»Da ist eine Zustellung,« sagte Berthe, »ich habe für dich unterschrieben.«
Luise öffnete und las. Berthe sah, wie sie erschrak.
»Was ist?« fragte sie ängstlich.
»Eine Lappalie«, erwiderte Luise. »Ich muß in 24 Stunden Paris verlassen, falls ich nicht vorziehe, zwangsweise an die Grenze befördert zu werden – das ist alles.«
»Wa—a—s?« schrie Berthe. »Auch das!«
»Im ersten Augenblick bekam ich einen Schreck«, sagte Luise. »Aber schließlich, was ist dabei? Ist es nicht ganz gleich, wo ich lebe? Männer gibt es überall; ich werde nach Wien gehen oder nach London oder noch besser nach Berlin; da kann man mich doch nicht ausweisen.«
Berthe tobte; riß ihr den Bogen aus der Hand.
»Lästige Ausländerin!« las sie laut. »Das hat alles der saubere Herr Laqueur in Szene gesetzt. Aber warte nur, Bürschchen, du sollst mich kennenlernen. Krümmt man mir auch nur einen Fingernagel, dann setzt es einen Skandal, von dem sich dieser Herr Laqueur sobald nicht wieder erholen soll. Dann wird es sich vielleicht deutlicher zeigen, als ihm lieb ist, wer von uns beiden mehr zu verlieren hat . . . Erpressung! Es ist ja lächerlich! Als ob Henri nicht ganz genau wußte, von der ersten Stunde an, weshalb ich mit ihm zusammen bin.«
»Was ist denn geschehen?« fragte Luise, die erst jetzt die große Veränderung sah, die mit Berthe vorgegangen war. Sie war verweint und sah verstört aus. In ihrer Hand hielt sie einen Lettre pneumatique, den sie auseinanderknitterte und Luise zu lesen gab:
»Liebe Berthe! Du hast mit Deinem heutigen Besuche bei unserem Vater eine große Dummheit begangen. Er will gegen Dich wegen versuchter Erpressung Anzeige erstatten. Angesichts Deines plumpen Vorgehens zweifle ich nicht, daß man seiner Klage stattgeben wird. Aus einem letzten Rest von Sympathie warne ich Dich und lege Dir einen Scheck über 2000 Francs bei. Du wirst selbst wissen, was Du unter diesen Umständen zu tun hast. Mit bestem Gruß
Henri.«
»Was bedeutet das alles?« fragte Luise, und Berthe erzählte ihr von ihrem Besuch beim alten Laqueur, von seinem Entgegenkommen und seiner Bereitwilligkeit, die geforderte Summe zu zahlen. Und als sie auf das Schriftstück zu sprechen kam, das sie unterschrieben hatte, geriet sie in große Erregung und rief zornig:
»Bauernfängerei! Aber er soll mich kennenlernen!«
»Warum willst du dich in Gefahr begeben,« warnte Luise, »statt ihr aus dem Wege zu gehen?«
»Ich halte das Ganze für einen Bluff. So bequem aber mache ich es ihm nicht«, wütete Berthe.
»Hiernach aber . . .« und sie wies auf ihre Urkunde, ». . . scheint mir, daß dieser Laqueur keine halbe Arbeit tut.«
Berthe sann nach.
»Vielleicht hast du nicht ganz unrecht,« sagte sie, »und dann, es wäre gewissenlos, dich jetzt allein zu lassen.« Sie stützte den Kopf in die Hände und überlegte.
»Ich reise mit dir«, erklärte sie bestimmt. »Wir gehen nach Berlin, legen uns andere Namen zu . . . in zwei, drei Monaten kräht kein Hahn mehr nach der ganzen Geschichte. Es sind schon andere als wir nach Paris zurückgekehrt und leben hier, ohne daß man sie behelligt.«
»Ich bin so schwach, daß ich mich nicht mehr aufrecht halten kann«, klagte Luise.
»Du kannst morgen in der Bahn schlafen, soviel du willst«, erwiderte Berthe, die am Schreibtisch saß und telephonierte; »jetzt muß gehandelt werden; jede Minute ist kostbar.«
»Ist Herr Prasch da?« rief sie durch den Apparat.
– — – — – — – — – —
»So, wann kommt er denn?«
– — – — – — – — —
»Himmel, es ist ja erst halb sieben. Gut, so sagen Sie ihm, er muß noch heute vormittag – coute que coute – meine sämtlichen Möbel abholen und auf den Speicher bringen lassen. Ich reise abends, und bis dahin muß das letzte Stück aus dem Hause sein.« —
Dann schrieb sie einen Pneumatique an Henri:
»Lieber Henri! Ich erhielt Deine Warnung. Da meine Nerven diesem ungleichen Kampfe nicht gewachsen sind, so strecke ich die Waffen und verlasse noch heute Paris. Ich reise nach Boulogne, von wo aus ich mit dem nächsten Schiffe nach Buenos-Aires fahre, wo sich hoffentlich der junge Gutsmann – Blanco meiner annimmt. Das alles tue ich Dir zuliebe – kann es aber nur dann, wenn Du mir umgehend noch 3000 Francs für den Hauswirt und die Reise sendest. Luise geht mit mir und erwartet von Marcel ein Gleiches. Das soll nicht etwa eine Erpressung sein; vielmehr geschieht es nur, um Euren und Eures Vaters Wunsch zur Ausführung zu bringen. Denn mit unserer Übersiedlung nach Neuilly dürfte Euch kaum gedient sein; weiter aber kämen wir mit unseren augenblicklichen Mitteln nicht. Lebe wohl! Ich gehe ohne Groll von Dir! Aber vergiß ja nicht, das Geld zu schicken.«
Luise war, als ihr Berthe diesen Brief vorlas, längst auf die Chaiselongue gesunken und eingeschlafen; sie schlief so fest, daß sie von all dem Lärm, den das Kommen und Gehen der Leute verursachte, von dem Zusammenräumen der Möbel und dem Packen der Sachen nichts hörte.
Erst zwei Stunden vor Abgang des Zuges weckte sie die Zofe, brachte ihr eine Tasse Schokolade und sagte, daß sie der Reise wegen nun aufstehen müsse; auch warteten die Leute auf die Möbel; die ganze Wohnung, bis auf ihr Zimmer, sei schon ausgeräumt.
Luise wußte gar nicht, was vorging.
»Möbel – — Reise – —« wiederholte sie im Halbschlaf. »Wer will reisen? Und wohin?« fragte sie. Selma erzählte ihr alles noch einmal; sie wußte Bescheid, denn Berthe hatte die Gewohnheit, nichts für sich zu behalten.
Allmählich kamen auch Luise die Vorgänge wieder ins Bewußtsein; und bald erinnerte sie sich wieder an alles. Anfangs war ihr, als wenn sie das alles nur geträumt hätte; sie dachte zurück; sie suchte die Zusammenhänge; aber sie fühlte bald: sie fand sich nicht mehr zurecht . . . je mehr sie überlegte, um so mehr verwirrten sich ihr die Begriffe – — Nein! Nein! Sie durfte nicht denken – sie mußte sich treiben lassen.
Sie stand noch im Unterrock, als Berthe reisefertig in ihr Zimmer trat, sie umarmte und küßte und ihr freudig erzählte:
»Es ging alles am Schnürchen: ich habe den Wirt erledigt, die Eisenbahnbillette in der Tasche, den Spediteur bezahlt, tausend kleine Dinge gekauft; und hier ist der Rest.« Sie legte das Geld auf den Tisch und zählte: »1000 Francs, 2000, 2500, 3000, 3500, 4000, beinahe 4500 Francs haben wir übrig; das ist mehr als genug; Selma nehmen wir natürlich mit; du brauchst nur ein- und auszusteigen und dich um nichts zu kümmern; ich erledige alles; nur eins mußt du wissen: du heißt von heute ab Lu Courcelles . . . hier . . . du siehst, ich habe trotz der Kürze der Zeit an alles gedacht —« und sie gab ihr ein Schächtelchen mit Visitenkarten.
»Wie kommst du denn auf den ausgefallenen Namen?« fragte Luise.
»Sehr einfach«, erwiderte Berthe; »die Karten hatten sie bei Talbot vorrätig. Irgend jemand hatte sie bestellt und dann vergessen abzuholen; er zeigte sie mir als Vorlage . . . und da du Luise heißt, so kam mir der Gedanke . . .«
Luise lächelte. »Lu Courcelles«, wiederholte sie, »mir ist es recht – sogar ganz lieb, daß ich nicht unter meinem Namen reise – nur brauche ich Zeit, mich daran zu gewöhnen.«
»Unsinn,« rief Berthe, »von Zeit ist gar keine Rede. In anderthalb Stunden geht unser Zug. Schnell, mach’ dich fertig; ich habe für sechs Uhr bei Voisin ein kleines Souper bestellt; so ganz ohne Feierlichkeit will ich denn doch nicht aus Paris hinaus. – Einen Augenblick —« sie trat an den Schreibtisch, nahm den Hörer vom Telephon, ließ sich mit der Telegrammaufnahme verbinden und gab auf: »Hotel Esplanade, Berlin. Reserviert morgen abend zwei Zimmer, je ein Bett, Salon, Bad, Zofengelaß. Liane de Villiers.«
»So,« – sie hing den Hörer an – »die Gebühren kann die Pariser Post in Berlin einziehen.«
»Also Liane de Villiers«, wiederholte Luise, die sich mit Selmas Hilfe inzwischen fertig angezogen hatte.
»Ich bin so frei«, erwiderte Berthe; »wenn du willst, kannst du dich auch de Courcelles nennen; aber wenn wir uns beide so nennen, dann glaubt man’s keiner.«
»Aber nein,« erwiderte Luise, »ich lege nicht den geringsten Wert darauf.«
»Ich war auch beim Direktor Guerlain vom Theater Boulevard Montmartre,« – sie kramte in ihrer Tasche – »da, ein Vertrag für dich für den Monat Mai – natürlich nur als Ausweis für die Berliner Polizei, daß du Künstlerin bist – 200 Francs Konventionalstrafe habe ich dafür zahlen müssen.«
»Für was?« fragte Luise.
»Glaubst du, Guerlain macht es aus Gefälligkeit, weil ich ihm seinerzeit mit Henri davongelaufen bin? Hier —« und sie zeigte ihr den §6 des Vertrages —
Lu Courcelles hinterlegt 200 Francs, die verfallen, falls sie am 1. Mai ihr Engagement nicht antritt.«
Ich habe denselben Vertrag. – — Und nun komm! – Selma, Sie wissen Bescheid, 20 Minuten vor Abgang des Zuges.«
»Jawohl, Madame.«
Berthe nahm Luise unter den Arm und ging.
XXV
»Zur Besinnung kommt man bei dir überhaupt nicht«, sagte Luise, als sie in den Wagen stiegen. »Von dem Tage an, an dem ich in Paris ankam, bis zu meiner Abreise habe ich faktisch nicht eine Stunde gehabt, von der ich hätte sagen können, daß sie mir gehörte.«
»An das Tempo, liebe Lu, wirst du dich jetzt gewöhnen müssen. Die nächsten Wochen entscheiden über deine Zukunft. Läßt man dir jetzt Zeit, viel nachzudenken, so läufst du Gefahr, melancholisch zu werden, – na, und eine Kokotte mit melancholischem Einschlag ist wie eine Vergnügungsreise bei schlechtem Wetter.«
»Es gibt nichts mehr, was mich verstimmen könnte«, erwiderte Lu; »da es nichts mehr gibt, was mich irgendwie innerlich angeht.«
»Um so besser«, sagte Berthe; »um so größeres Interesse wirst du von nun an auf dein Äußeres verwenden. Auf deine Kleidung vor allem, die du bisher viel zu nebensächlich behandelt hast.«
Lu nickte. »Das mag stimmen«, sagte sie. »Ich weiß kaum, was in meinen Schränken hängt. Dabei habe ich in den vier Wochen hier doch eigentlich nichts anderes getan, als gegessen, getrunken, anprobiert und Einkäufe gemacht.«
»Eine Frau muß in ihrer Garderobe Bescheid wissen wie ein Pfarrer in der Bibel«, erwiderte Berthe; »ich kenne jedes Stück von dir« – und sie begann aufzuzählen, was Lu in ihren Koffern hatte.
»Vier Schneiderkleider; zwei von Redfern, eins von Worth, eins von Drécoll; dazu 24 Blusen, fünf Teagowns, fünf Matinees, drei Peignoirs. Einen Zobelmantel, einen Blaufuchs, den ein Bote auf meinen telephonischen Anruf hin erst vor einer Stunde mit der quittierten Rechnung gebracht hat. Den Mantel habe ich dabehalten, die Rechnung an Marcel gesandt; zwei Abendmäntel – nein, drei!« – sie dachte nach – »den schwerseidenen von Leferre habe ich doch nicht etwa vergessen? – Nein, richtig, er ging bei dir nicht mehr hinein – er liegt in Selmas Koffer; denk’ daran, wenn wir auspacken; – einen Automantel, einen Reisemantel, einen langen Visitenmantel, die vier Abendroben von Paquin, zwei einfache Theaterkleider; ein seidenes, zwei Samtkostüme, Atlasfurreaus, eins, zwei, drei Federhüte, zwei Toques, den Karton mit Coiffüren, Pelzcharpes, vier Muffen, den Stiefelkoffer, die große Tasche mit Fächern, Schleiern, Gürteln, Spitzen, Handschuhen, – ein Dutzend langer Schweden habe ich dir heute noch besorgt —, Colchis; dann habe ich bei Coty drei Flakons von deiner Mischung Cyclamen, Ambre antique mit ein paar Tropfen Houbigeant »Inconnu«, die die Kleinigkeit von 275 Francs gekostet haben, herstellen lassen. Dein Koffer mit Dessous ist eine Sehenswürdigkeit für sich; die Zollbeamten werden dich für eine Reisende in Spitzen halten. Ich habe vorsichtshalber ein paar Tropfen Thisbé hineingespritzt, damit die Sachen etwas Persönliches haben.«
Lu bezweifelte, daß die preußischen Zollbeamten für derartige Ausdrucksformen des Persönlichen das nötige Verständnis hätten.
»Dann werde ich es diesen Barbaren beibringen, und wenn wir zwei Stunden an der Grenze liegen!« wetterte Liane, die in Toilettenfragen keinen Spaß verstand.
Und als beide eine Stunde später den Train de luxe bestiegen, da sprach Liane noch immer von Lus Toiletten und allem, was dazu gehörte.
»24 Paar seidene Strümpfe, darunter . . .«
In diesem Augenblick setzte sich der Zug in Bewegung; Liane fiel Lu um den Hals und küßte sie.
»Es war das einzige Mittel, um in der Stunde des Abschieds von Paris nicht melancholisch zu werden«, sagte Liane; »jetzt ist es überstanden, und wir können wieder von was anderem reden.«
XXVI
Lu lag die ganze Nacht im Halbschlummer; bei jedem Geräusch, das auf dem Gange hörbar wurde, fuhr sie auf. Die Brust war ihr wie zusammengeschnürt; das Herz klopfte; das Blut stieg ihr zu Kopf; die Muskeln zuckten; Angstgefühle quälten sie.
Als Liane sie gegen Mittag weckte, lag sie blaß und in Schweiß gebadet, klagte über einen starken Druck im Kopf, über Müdigkeit in Armen und Beinen. Die Wirbelsäule schmerzte sie, und in den Füßen hatte sie das Gefühl, als liefen Haufen von Ameisen darin umher.
Sie hatte keine Lust, sich zu erheben, war gegen ihre Gewohnheit sogar gereizt, als Liane sie mit liebenswürdigen Scherzen zu ermuntern suchte.
»Überreizt, meine kleine Freundin«, sagte Liane. »Oh, ich kenne das! Aber das bringen wir bald weg; so etwas darf man nicht aufkommen lassen. Dagegen gibt’s nur ein Mittel: Zerstreuung; müde Beine macht man durch Tanzen unempfindlich; einen Katzenjammer durch Alkohol.«
Aber Lu wies alles zurück.
»Laß mich allein,« bat sie bestimmt, »ich vertrage dich jetzt nicht.«
»Oh, oh,« rief Liane gekränkt, »bitte, bitte. Ich werde dir Selma schicken; in dreiviertel Stunden sind wir in Berlin.«
Als sie im Hotel waren, fühlte sich Lu so matt, daß Liane und die Zofe sie aus den Kleidern nahmen und ins Bett trugen. Damit sie Ruhe hatte, und um selbst nicht durch Rücksichten beengt zu sein, nahm Liane noch ein Zimmer hinzu, das auf der anderen Seite des Flurs lag.
Dem Hotelarzt erzählte Liane von einer in die Brüche gegangenen Verlobung, von argen Enttäuschungen, unter denen Lu litt, von dem Trubel der plötzlichen Reise, von ihrer Lustlosigkeit und ihrem Lebensüberdruß. Das sei auch der Grund ihres Berliner Aufenthaltes; denn der Pariser Arzt habe Luftveränderung angeordnet, Zerstreuung und andere Menschen.
Der Arzt fühlte Lus Puls, beklopfte ihr Herz, fragte nach Appetit und Verdauung und verordnete Chinin, Luft und Zerstreuung.
»Nicht wahr,« sagte Liane freudig, »sie muß unter Menschen?«
»Natürlich,« bestätigte der Arzt, »und zwar in heitere Gesellschaft, um auf andere und bessere Gedanken zu kommen.«
»So laßt mich wenigstens jetzt allein«, bat Lu; und da sie nur einen Wunsch hatte: niemand zu sehen und nicht zu denken, so klagte sie über Schlaflosigkeit und erhielt Veronal. Nach einer Stunde lag sie in festem Schlummer; sie träumte; zum ersten Male war sie wieder daheim, sah Vater und Mutter – und war glücklich. – —
»Zerstreuung,« sagte Liane zum Arzte, als sie aus Lus Zimmer kamen, »das ist sehr lieb und nett von Ihnen; aber wie soll ich es anfangen, ich spreche wenig deutsch und kenne Berlin kaum.«
»Oh,« erwiderte der, »Berlin ist eine sehr vergnügte Stadt. Alle Pariser, die hierher kommen, versichern, daß es als Vergnügungsstätte Paris längst überholt hat. Ich kenne es zu wenig und weiß nicht, ob es sich schickt, daß Damen ohne Herren diese Orte aufsuchen. Aber ich weiß, daß es im Palais de Danse, bei Mascotte, bei Riche, bei Maxime, in der Moulin rouge, im Sanssouci, in der Chat noir, im á la Bredy, in der Bar Bohéme, im Monbijou sehr lustig hergehen soll.«
»Aber mein Bester,« erwiderte Liane, »ich spreche ja nicht von unserm Paris; oh, ich weiß wohl, wie man sich bei uns amüsiert; aber hier in Berlin kenne ich mich nicht aus.«
Aber der Arzt versicherte, daß alles, was er genannt hätte, Berliner Vergnügungsstätten seien, worauf Liane erwiderte:
»Oh, sehr scharmant, Herr Doktor, daß Sie mir das alles in meine Muttersprache übersetzen, aber ich möchte doch lieber die deutschen Bezeichnungen kennen.«
»Das sind die deutschen Bezeichnungen, – jedenfalls, es gibt keine anderen«, erwiderte der Arzt. Liane lächelte und sagte:
»Ist die deutsche Sprache so arm? – Aber Sie sagten, ohne Herren könne eine Dame nicht gut dahingehen. Was tut man da? Wo findet man Herren, die einen begleiten?«
»Ah so! Ja, aber natürlich . . . das freilich weiß ich nicht! – — Dazu kenne ich den Geschmack der gnädigen Frau zu wenig. Aber —« und er verwies sie auf die Fife-o’clock-teas in den großen Hotels.
Dann verabschiedete er sich und erzählte dem Hotelmanager im Vestibul, daß er der Pariserin von Nr. 89 Zerstreuung verordnet habe, daß es den Damen aber an dem nötigen Anschluß fehle. Der nickte verständnisvoll, verschwand in der Telephonzelle, und schon nach einer Stunde empfing Madame Liane de Villiers einen Strauß Orchideen und einen Brief. Der Diener, der beides brachte, wartete auf Antwort.
»An Liane de Villiers!
Verehrteste!
Ich bin sehr glücklich, von meinen Pariser Freunden zu hören, daß Sie hier sind.
Eine Pariser Frau von Welt in unserm gräßlich eintönigen Berlin zu wissen, ist immer ein beruhigendes Gefühl.
Oh, diese Berliner Nächte! Gewiß: des Nachts sind alle Katzen gleich grau; aber auch alle Frauen der Berliner Nächte sind gleich gräulich. Endlich! Endlich wieder einmal eine Pariserin! Ich bin neugierig, ob Sie mich noch kennen. Lange ist es her, daß wir mit Freunden bei Paillard saßen.
Darf ich Sie um 6 Uhr zum Tee im Sanssouci erwarten? An Ihren Orchideen will ich Sie erkennen.
Empfangen Sie, gnädige Frau, die Versicherung aufrichtiger Gefühle von
Ihrem Georg Held.«
»Keine Ahnung«, sagte Liane, als sie den Brief las, zu Selma. »Ich entsinne mich genau jedes einzelnen, den ich seinerzeit im Hause des Geheimrats Walther kennen lernte.«
»Und außerhalb des Hauses?« fragte Selma schelmisch.
»Ich bitte sehr! Außer mit dem Grafen Schönborn und dem jungen Bentheim habe ich den Geheimrat« – sie erschrak und verbesserte sich schnell – »was rede ich da für einen Unsinn – ich meine natürlich Herrn Laqueur – nie betrogen.«
»Aber selbstverständlich!« bestätigte Selma.
»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Selma . . .«
»Aber ich bitte,« wehrte diese, »das ist doch gar nicht nötig; ich glaube es ja auch so.«
»Doch! Doch! Sie sollen nicht schlecht von mir denken. Graf Schönborn und der junge Bentheim waren die einzigen, mit denen ich damals ein paarmal zusammengekommen bin – aber —« sie las noch einmal, »Georg Held – nie habe ich auch nur den Namen gehört. Schiffbauerdamm? Was ist das überhaupt für eine ausgefallene Gegend. Ein anständiger Berliner hat im Tiergarten zu wohnen, und wenn er aus Posen oder Breslau zugereist ist, am Kurfürstendamm und allenfalls in der Kaiserallee . . . so viel Berliner Kultur habe ich mir in den paar Monaten angeeignet, um das zu wissen . . . aber Schiffbauerdamm . . .! Wo ist das überhaupt?« fragte sie Helds Diener.
»An der Weidendammer Brücke, gnädige Frau.«
»Weidendammer Brücke?« Sie schüttelte den Kopf.
»Ja, wohnen denn da überhaupt anständige Leute?«
»Wenige«, erwiderte er.
»Und warum wohnt Ihr Herr Held da?«
»Seit fünfundsiebzig Jahren.«
»Was?« rief sie entsetzt.
»Ich wollte sagen, seit fünfundsiebzig Jahren ist das Haus in der Heldschen Familie.«
»So – na, das muß ja gut aussehen! Wie alt ist denn da Herr Held?«
»Der alte Herr Geheimrat geht jetzt ins fünfundsiebzigste, und der Herr Sohn ist dieser Tage zweiunddreißig geworden.«
»Und dieser Brief ist von Held Vater oder Held Sohn?« fragte Liane.
»Aber, aber!« rief der Diener, der selbst an die sechzig sein mochte, und war ganz empört. »Da muß ich doch bitten – wenn ich auch nur der Kammerdiener bin – aber in den vierzig Jahren, in denen ich im Hause bin, hat der Herr Geheimrat mit keiner andern Dame Beziehungen unterhalten als mit der gnädigen Frau – dafür lasse ich meinen Kopf.«
»Verzeihung, Alterchen,« sagte Liane und klopfte ihm auf die Schulter, »mir ist es ja auch viel lieber, daß es der Sohn ist . . .« Sie ging an den Schreibtisch.
»Teurer Freund,« schrieb sie, »also werden wir uns endlich wiedersehen! . . . Wie ich mich freue,
Ihre Liane de Villiers.«
Der Diener bekam eins der noch nicht umgewechselten 5-Francs-Stücke und verschwand.
»Neugierig bin ich ja auf den Jungen,« sagte sie, als er fort war, »aber da ich weder den Grafen Schönborn noch den jungen Bentheim im Telephonbuch finde, so bleibt mir gar keine Wahl. Auf alle Fälle wird er mir als geborener Berliner ja die richtigen Tips geben können.«
Sie badete, ließ sich massieren, lunchte, ruhte eine Stunde aus, dann zog sie sich an und fuhr, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß Lu noch immer fest schlief, ins Sanssouci.
Unterwegs fiel ihr ein, daß ja kein Mensch ihren neuen Namen kannte. Dieser Held also irrte sich; es lag eine Verwechselung vor; offenbar existierte tatsächlich eine Frau, die Liane de Villiers hieß oder sich doch so nannte. Hoffentlich hatte die kein zu schlechtes Renommee, unter dem sie nun leiden mußte, und vor allem keine Schulden, für die man sie nun womöglich verantwortlich machte.
Sie überlegte, ob sie umkehren sollte. Nein! entschied sie und stand nach wenigen Minuten in der Garderobe des Sanssouci.
Der junge Held in Cutaway und hellgrauer Weste, die Orchidee im Knopfloch, erwartete sie, ging sofort auf sie zu, redete sie in französischer Sprache an und gab seiner Freude Ausdruck, sie wiederzusehen.
»Habe ich mich verändert«, fragte sie ihn und wußte nun, daß sie ihn nicht kannte.
»Nicht die Spur! Besser sehen Sie aus; jünger, frischer; ich hätte Sie unter hundert Pariserinnen herausgefunden.«
Sie fand das fabelhaft!
»Bei Paillard also waren wir das letztemal zusammen?« fragte sie ihn.
»Ganz richtig,« erwiderte Held, »dieser Abend wird mir unvergeßlich bleiben.«
Sie staunte. »Und durch wen erfuhren Sie, daß ich in Berlin bin?«
Held legte die Hand an den Mund: »Geheimnis! Verehrteste, solche Liebesdienste müssen durch Diskretion belohnt werden.«
»Aber meine Reise kam ganz unerwartet . . .«
Held machte ein ernstes Gesicht und nickte:
»Ich weiß! Ich weiß!« sagte er teilnahmsvoll und drückte ihr die Hand.
Liane sah ihn groß an.
»Sie haben viel durchgemacht!« sagte er. »Sie hingen sehr an Ihrem Herrn Bräutigam?«
»Lassen wir das«, bat sie ihn. Jene andere Liane de Villiers war also verlobt gewesen. »Durch wen wissen Sie, daß ich . . . nicht mehr . . .« – sie zögerte – ». . . seine Braut bin?«
»Durch ihn selbst«, sagte er frech.
»So?« erwiderte Liane.
»Ja,« fuhr er fort, »und als mein Diener gegen Mittag im Hotel den Bescheid erhielt, daß Sie mit dem Train de luxe eingetroffen seien, da hatte ich eine kindische Freude . . .«
»Und nach wem erkundigte sich Ihr Diener im Hotel?« fragte Liane.
»Nun, nach wem wohl,« erwiderte Held zärtlich und drückte ihr die Hand, »natürlich nach meiner lieben, süßen, kleinen Lu.«
Das Gesicht, das Liane jetzt machte, war so dumm, daß er selbst ganz verlegen wurde, den Mund weit aufriß und sie groß ansah.
Sekundenlang saßen sie sich so gegenüber.«
»Lu?« fragte sie nach einer Weile.
»Ja, Sie . . . ja, ich . . . ja, sind Sie denn nicht? – Aber natürlich! . . . Sie sind doch heute vormittag aus Paris gekommen und im Hotel Esplanade abgestiegen.«
»Aber Lu bin ich nicht«, lächelte Liane.
»Dann sind Sie am Ende gar . . .?«
»Sie kennen also meine Freundin Lu?« unterbrach sie ihn.
Jetzt wußte er überhaupt nicht mehr, was er sagen sollte.
»Dasselbe wollte ich Sie fragen . . . ja – — gehören Sie denn zusammen?«
»Aber natürlich! Lu ist meine beste, meine einzige Freunden . . .« Und vergnügt fuhr sie fort:
». . . Nein, wie ich mich freue, daß Lu in Ihnen einen so guten Freund hat . . . sie ist wirklich herunter und braucht jemanden, der sich mit ihr beschäftigt. Sie müssen sehr lieb zu ihr sein.«
»Dieser Esel von Manager«, entfuhr es Held.
»Was für ein Manager?« fragte Liane.
»Er hätte mir doch sagen müssen, daß Sie zusammengehören.«
Liane nahm den Brief auf der Tasche, den sie von Held erhalten hatte.
»Aber woher kennen Sie meinen Namen, was soll dieser Brief?«
»Himmel!« rief er. »Sie sind Liane de Villiers!«
Auch Liane wußte jetzt nicht mehr, was sie denken sollte.
»Ja, kennen Sie mich denn?« fragte sie.
»Keine Spur«, entfuhr es ihm. – — »Oder doch – natürlich – — sonst wäre ja dieser Brief sinnlos.«
»Ja aber . . .«
»Ich dachte, wir wären erst für morgen nachmittag verabredet . . . nein,« – er schüttelte den Kopf und entnahm der Brieftasche einen kleinen Wochenblock – »hier sehen Sie!« – und er zeigte ihr das Blatt —
». . . Mittwoch 6 Uhr Sanssouci Liane de Villiers und heute – — heute – — haben wir doch erst Dienstag . . . ich sehe, ich muß doch etwas für meine Nerven tun. – — Ich bin oft so zerstreut in letzter Zeit . . . aber schuld, schuld hat nur dieser blöde Manager.«
»Aber was ist das nur für ein Manager?« fragte Liane.
»Das kann ich Ihnen nicht erklären«, sagte Held, der sich allmählich in die Situation fand, während sie Liane nur immer verschleierter wurde. »Also, Sie gehören zusammen«, wiederholte er; »na, dann möchte ich mir erlauben, Sie beide für heute abend einzuladen. Ich bin mit ein paar guten Freunden im Theater; zwei Plätze in unserer Loge sind noch leer; machen Sie uns mit Ihrer Freundin das Vergnügen, sagen Sie ja und kommen Sie mit.«
»Wenn Sie mit Lu gut bekannt sind, liegt kein Grund vor, nein zu sagen«, erklärte Liane, trank ihren Tee aus, sagte zu und ging.
»Völlig unverständlich«, sagte sie ein über das andere Mal, als sie im Auto saß. – — Im Hotel suchte sie zunächst Lu auf; die schlief noch immer, als sie ins Zimmer trat. Liane setzte sich auf ihr Bett.
»Ich soll dich grüßen«, sagte sie leise. Lu fuhr erschreckt in die Höhe.
»Von wem?« fragte sie lebhaft.
»Rate!«
»Nicht! Nicht! Quäle mich nicht!« rief sie und sah so krank und blaß aus, daß Liane sie zärtlich in die Arme schloß und ihr leise zuflüsterte:
»Von deinem Freund Held, Georg Held . . . er meint es gut mit dir.«
Lu schüttelte den Kopf: »Ich kenne ihn nicht.«
»Wenn du munter bist, wirst du dich erinnern.«
»Nein!« sagte Lu. »Bestimmt nicht.«
»Der Sohn des bekannten Geheimrats Held, Schiffbauerdamm. – Nun? – Nicht wahr, jetzt weißt du’s.«
»Ich habe keine Ahnung!« versicherte Lu.
Lianes Blick fiel auf einen Brief, der ungeöffnet im Glaskasten an der Tür lag. Sie stand auf und nahm ihn heraus.
»Nanu? . . . Die Handschrift kenne ich doch?«
»Von wem ist er?« fragte Lu hastig.
»Darf ich ihn öffnen?«
»Schnell!« trieb Lu.
Und Liane öffnete und las:
»An Lu Courcelles!
Verehrteste!
Ich bin sehr glücklich, von meinen Pariser Freunden zu hören, daß Sie hier sind.
Eine Pariser Frau von Welt in unserm gräßlich eintönigen Berlin zu wissen, ist immer ein beruhigendes Gefühl.
Oh, diese Berliner Nächte! Gewiß: des Nachts sind alle Katzen gleich grau: aber auch alle Frauen der Berliner Nächte sind gleich gräulich. Endlich! Endlich wieder einmal eine Pariserin! Ich bin neugierig, ob Sie mich noch kennen. Lange ist es her, daß wir mit Freunden bei Paillard saßen.
Darf ich Sie morgen um 6 Uhr zum Tee im Sanssouci erwarten. An Ihren Orchideen will ich Sie erkennen.
Empfangen Sie, gnädige Frau, die Versicherung aufrichtiger Gefühle von
Ihrem Georg Held.«
»Ich kenne ihn nicht«, wiederholte Lu.
»Fabelhaft!« rief Liane. »Ich glaube es gern! Ich kenne ihn auch nicht, aber er ist ein netter Kerl. – — Da ist noch etwas« – und sie nahm einen Hotelzettel aus dem Kasten, auf dem stand: »Unten ist ein Strauß Orchideen abgegeben worden.«
»Natürlich!« sagte Liane. »Aber nun steh’ auf; du weißt, was der Arzt gesagt hat, du muß dich zerstreuen; wir werden am Abend mit unserm gemeinsamen Freunde Held ins Theater und dann soupieren gehen. Er ist ein netter Kerl. Gefällt er dir nicht, so gehört er mir.«
»Ich verzichte im voraus!« sagte Lu.
»Das gebe ich nicht zu«, erwiderte Liane; »ich schicke dir jetzt Selma und die Friseurin – mach’ dich so hübsch wie irgend möglich; dir fällt es ja nicht schwer; ich glaube beinahe, daß es sich lohnt.« Dann ging sie auf ihr Zimmer.
– — – — – — – — – —
Zur gleichen Zeit fuhr Held in einem Automobil im Hotel Esplanade vor. Er ging ins Zimmer des Managers, der aufsprang und ihn höflich begrüßte.
»Da haben Sie was Schönes angerichtet!« sagte Held; und mehr im Scherz fügte er hinzu: »Eigentlich müßte ich Ihnen diesmal die Gratifikation zu Neujahr kürzen.«
»Worin habe ich gefehlt?« fragte der Manager.
»Wie lautet unsere Abmachung?« fragte ihn Held.
»Daß ich Herrn Held von der Ankunft jeder alleinreisenden, eleganten jungen Dame, von der ich annehmen darf, daß eine Annäherung für Herrn Held von Interesse ist und Zweck verspricht, unverzüglich telephonisch zu benachrichtigen habe. – Ist das nicht erst heute wieder geschehen?« fügte er hinzu.
»Ja, aber Sie haben mir nicht gesagt, daß die Damen zusammengehören. Ich habe natürlich beiden denselben Brief geschickt.«
»O je«, rief der Manager.
»Sie kennen ja den Inhalt«, sagte Held.
»Gewiß, ich hatte schon manche Unannehmlichkeiten deswegen.«
»Aber nicht genug damit; ich habe mich geirrt und die Rendezvous-Zeiten der beiden Damen verwechselt.«
»Und was ist geschehen?«
»Fragen Sie noch? Ich habe versucht, der einen einzureden, daß sie die andere ist.«
»Teufel ja . . . nun und?«
»Sie hat es sich ganz einfach nicht einreden lassen. Was ich nun der andern sagen soll, weiß ich nicht. Jedenfalls« – und er nahm aus der Tasche ein kleines Kuvert und gab es ihm – »schicken Sie den Damen, welcher, ist jetzt natürlich ganz gleichgültig, diese Billette hinauf, und wenn sie sich nach mir erkundigen, so sagen Sie nur, Sie kennen mich gut; ich hätte keine Fehler weiter: nur, ich wäre ein bißchen zerstreut. Sie sollten sich über den Vorfall und seinen Zusammenhang nicht weiter den Kopf zerbrechen. Denn glauben Sie mir, eine hysterische Frau kann bei so etwas um den Rest ihres bißchen Verstands kommen.«
Der Manager versprach’s, und Held ging.
XXVII
Liane ruhte nicht eher, als bis Lu eine halbe Flasche Lansson heruntergegossen hatte.
»Du siehst aus wie der Tod!«
»Mir ist auch so!« erwiderte Lu.
Dann stiegen sie ins Auto und fuhren ins Theater.
»Willst du nicht wissen, wohin wir fahren?« fragte Liane, als sie in die Königgrätzer Straße bogen.
»Nein«, sagte Lu.
In der Behrenstraße erwartete sie Held vor dem Theater.
»Sie haben lange auf uns gewartet«, sagte Liane, als sie aus dem Wagen stieg. »Da!« – und sie wies auf Lu – »beschweren Sie sich bei Ihrer Freundin – sie ist schuld, daß wir uns verspätet haben.«
»Entschuldigen Sie«, sagte Lu und sah ihn an; Gott sei Dank, sie kannte ihn nicht.
Dann führte er beide in die Orchesterloge und tat, als wenn er seit Jahren mit ihnen bekannt wäre. Das Theater hatte längst begonnen. Die Damen legten die Mäntel ab. Alle Herren und Damen in der Loge sahen auf. Held knipste die elektrische Birne an und stellte vor:
»Elsa Forselia, eine rassige Schönheit, aber ohne moralische Grundsätze.«
»Wie oft«, kreischte Elsa Forselia, »habe ich dir gesagt, wenn du mich Damen vorstellst, so kannst du dir diesen Zusatz ersparen!«
»Werd’s mir merken«, erwiderte Held; dann nahm er Herta Flohr unter den Arm: »Und dies hier, meine Damen, ist Herta Flohr, die schickste und begehrteste Frau der halben und die beste Tänzerin der ganzen Welt. – Hier Anny de Lévenny, auf deutsch Anna Lehmann, eine vielgewandte Dame aus . . . wo stammst de doch gleich her?«
»Aus Südfrankreich«, erwiderte Anny mit erkünsteltem Akzent.
»So! . . . als wir vorige Woche zusammensaßen, warst de aus Brest.«
»Na ja!« wollte sie sagen; aber schon lag ihr Liane am Hals:
»Eine Landsmännin, scharmant!« Und ein Redestrom in französischer Sprache ergoß sich über Anny Lehmann, die kein Wort verstand und regelmäßig, wenn Liane Atem schöpfte und eine Panse entstand, »Wuie« sagte, lächelte und mit dem Kopfe nickte.
»Das dauert mir zu lange«, sagte Held; »ihr könnt euch nachher weiter unterhalten; außerdem stört ihr die Vorstellung. Vorwärts!« Und er stellte Anna Lehmann beiseite und schob Elise Arnhold vor: »Dies die Frau mit dem Stich ins Bürgerliche; der Typ für alternde Junggesellen, die auf behagliche Häuslichkeit und gute Behandlung mehr Wert legen als auf rauschende Froufreus und durchbrochene Strümpfe. —
Und nun die Herren! ’ran! Dr. Paul Haak, Christ mit ausgelöschter Vergangenheit und deutsch-konservativer Gesinnung; bei der Kgl. Preußischen Regierung beschäftigt; Leutnant der Reserve. – Max Freudenheim; Landjunker; völlig assimiliert, nur Äußeres und Benehmen mahnen noch an seine Väter. – Dr. Geldern; Tolstoianer; Misanthrop, Melancholiker, Moralist mit Wedekindschem Einschlag. – Fritz Helldorf, Krösus mit Riesenrente und unbegrenztem Kredit. – Graf Seydlitz mit Riesenstammbaum und unbegrenzten Schulden. – Und nun, meine Damen und Herren, mache ich Sie mit den beiden reizvollsten Pariserinnen bekannt: Mademoiselle Liane de Villiers und Mademoiselle Lu Courcelles.«
»Sehr angenehm,« sagte Thielscher, der gerade auf der linken Seite der Bühne stand und verbeugte sich in die Loge hinein, »vielleicht bemühen sich die Herrschaften auf die Bühne, damit dem Publikum nicht so viel von Ihrer Unterhaltung verloren geht.«
Man klatschte, und aller Augen wandten sich zur Loge, in der Herta Flohr, Anny de Lévenny und Elsa Forselin sich möglichst zur Geltung zu bringen suchten. Lu weigerte sich, nach vorn zu gehen und setzte sich so, daß niemand sie sehen konnte.
»Eine reizende Frau, diese Liane de Villiers,« sagte Anny de Lévenny zu Paul Haak, »scharmant! Wir haben glänzend miteinander konfersiert.« Aber sie mühte sich doch, eine Fortsetzung dieser Konversation zu vermeiden, und hielt sich den ganzen Abend über in respektvoller Entfernung von Liane.
»Ein schönes Theater«, sagte Liane.
»Nicht wahr?« erwiderte Elsa Forselia.
»Ganz innenarchitektonisch«, meinte Herta Flohr.
»Absolut«, bestätigte Elsa.
»Ich verstehe nicht ganz den Zusammenhang der Handlung,« fragte Liane nach einer Weile, »hat das alles denn einen Sinn?«
»Welche Frage?« antwortete Elsa überlegen. »Ich besuche das Stück heute zum 21. Male; ich bin nicht ungebüldet, aber ich muß gestehen, man entdeckt jedesmal neue Schönheiten, die einem bisher entgangen waren.«
»Georg hätte doch lieber das erstemal mit Ihnen in ein Theater gehen sollen, in dem es nicht so sehr auf das ankommt, was gesprochen wird«, meinte Herta.
»Zu Reinhardt in den Faust,« bestätigte Elsa, »da wird zwar auch viel gesprochen, aber das stört nicht, denn die Ausstattung ist feenhaft!«
»Nun passen Sie auf«, rief Herta Flohr. »Jetzt kommt die berühmte Komödie ›Oedipus‹,« sagte Herta, »die gibt Reinhardt auch; aber den ganzen Abend über nichts weiter; und nun denken Sie, was hier daneben noch alles geboten wird!« —
»Sie können ja gar nichts sehen«, wandte sich Held auf französisch an Lu.
»Ich danke, ich sehe genug«, erwiderte sie und sprach Deutsch.
»Sie sprechen Deutsch?« fragte er ganz enttäuscht.
»Ich bin Deutsche«, erwiderte Lu.
So eine Dummheit! Wozu sagt sie das? dachte Liane.
Und Anny de Lévenny schüttelte spöttisch den Kopf:
»Ich habe das auf den ersten Blick gesehen«, sagte sie zu Dr. Haak. »Auch diese Liane spricht ein miserables Französisch.« – Sie fühlte sich wieder sicher und rückte ihren Stuhl in die vordere Reihe.
»Dann haben Sie aber lange in Paris gelebt«, sagte Held. »Ich hätte geschworen, daß Sie eine Französin sind.«
»Ich hatte eine gute Schule«, erwiderte Lu und wies auf Liane.
»Ich habe es sofort an Ihrem Akzent gemerkt,« sagte Freudenheim, »daß Sie Süddeutsche sind.«
»Ich bin Berlinerin«, erwiderte Lu.
Herta Flohr lachte laut auf. »Nicht einmal Süddeutsche!« rief sie. »Na, George, da hast du dich aber mal fein in die Tinte gesetzt mit deinen reizvollsten Pariserinnen.«
Freudenheim grinste schadenfroh und rückte näher an Lu heran.
»Sagen Sie, woher kennen wir uns eigentlich?« fragte er sie.
Lu erschrak; sie sah ihn groß an . . .:
»Etwa . . .?«
Er grinste frech: »Nun? Woher meinen Sie?«
»Kennen Sie mich wirklich?« fragte sie ganz bestürzt.
»Ich glaube«, sagte er und kniff die Augen zusammen.
»Ich flehe Sie an – ich bin es nicht – Sie irren sich —« jammerte Lu.
»Sie sind es!« sagte er jetzt bestimmt.
»Nun denn: ja,« sagte sie, »aber Sie verraten mich nicht; versprechen Sie’s mir; ich würde unter die Erde sinken vor Scham.«
»Unter einer Bedingung.«
»Jede«, erwiderte Lu.
»Also . . . meine Bitte ist erfüllt?« fragte er sie.
»Welche? Sie haben ja noch gar nichts gesagt.«
Er sah sie frech an: »Gibt es noch etwas anderes, als was ich meine?«
»Was meinen Sie?«
»Nein, diese Verstellung«, sagte er ziemlich laut; »was kann es denn schon für ’n Wunsch sein, den eine Frau wie du einem Manne erfüllen kann?«
Lu glaubte erst, daß er sich irrte, als er sie mit Du ansprach – aber nein – gewiß nicht, denn sie begann jetzt zu begreifen.
»Sie . . . Sie sind . . .« stammelte sie.
»Also einverstanden?« fragte er in aller Ruhe, als handle es sich um einen Kuhhandel.
»Ich soll . . .?«
»Heute nacht mein sein . . .« – er hielt ihr die Hand hin. »Schlag’ ein!« sagte er.
Lu saß da und rührte sich nicht; sie stierte ihn groß an; ihr Herz ging schnell; sie zitterte am ganzen Körper – sie wollte etwas erwidern – aber so sehr sie sich quälte, sie brachte kein Wort heraus.
»Sie, . . . das . . . ist . . . ja . . . Irrsinn!« keuchte sie, und ihre Stimme bebte.
Schön, so werde ich also allen erzählen, daß du . . .« er machte eine Pause.
Da hob sie zitternd den Arm und gab ihm die Hand.
»Abgemacht!« sagte er und schob seinen Stuhl zurück.
Er lachte in sich hinein.
»Die arme Person hat Kummer?« fragte ihn Geldern.
»Ich beobachte sie seit einer halben Stunde.«
»Unsinn! Angst hat sie«, erwiderte Freudenheim.
»Wovor?«
»Weiß ich? Wahrscheinlich hat se was auf’m Kerbholz, ’ne kleine Hochstapelei oder was Ähnliches. Jedenfalls, als ich ihr sagte, daß ich sie kenne – denn eine Berliner Kokotte, die so elegant auftritt, muß man doch unbedingt schon irgendwo gesehen haben – in Baden-Baden oder Ostende oder Monte Carlo – da bekam sie einen Riesenschreck – vielleicht hielt sie mich für einen Detektiv – meine Sorge – jedenfalls wird sie heute nacht aus Liebe mit mir zusammen sein.«
»Aus Liebe nennst du das?« sagte Geldern und war empört. »Aus Furcht!«
»Was dasselbe ist,« erwiderte Freudenheim, »denn einen Mann, den eine Kokotte fürchtet, liebt sie auch; ob dabei ihre moralischen Qualitäten den staatlichen Anforderungen genügen, ist für die Zwecke, die ich verfolge, sehr nebensächlich. Ich werde jedenfalls meine Brieftasche und meine Goldsachen bei Hiller deponieren, bevor ich mit ihr ins Hotel gehe.«
Geldern wandte sich ab. »Ich habe dafür kein Verständnis«, sagte er.
»Schade für dich«, erwiderte Freudenheim und lachte.
In der Pause schlug Held vor, ins Foyer zu gehen. Nur Lu lehnte ab: ihr Kopf, die lange Reise, die vielen Menschen, – das alles führte sie als Grund an.
»Zieraffe,« sagte Herta, »wir sind ihr nicht fein genug.«
»Oder«, meinte Anny, »sie fürchtet, ich könnte Franzée mit ihr parlieren.«
»Sie wagt sich nicht einmal ins Foyer«, flüsterte Freudenheim und bat Geldern, bei ihr zu bleiben. – Geldern blieb allein mit ihr zurück.
»Ist es Ihnen lieber, wenn Sie allein sind?« fragte er sie.
Sie sah ihn an.
»Haben Sie denn niemand, mit dem Sie sich aussprechen können?« fragte er weiter. »Sie quälen sich ja furchtbar.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Keine Menschenseele auf der ganzen Welt?«
»Keine«, sagte sie traurig.
»Aber den Wunsch hätten Sie?«
»Ich weiß nicht.«
»Man sieht es Ihnen an: Sie haben Kummer.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein?« sagte er und war erstaunt. »Dann sehnen Sie sich nach irgend etwas?«
»Wonach sollte ich mich sehnen?« fragte sie.
»Aber Wünsche haben Sie – unerfüllte Wünsche?«
»Ich habe längst keinen Wunsch mehr«, sagte sie breit und schwer.
»Sie stehen allein?«
»Das tue ich«, stöhnte Lu.
»Und fühlen sich einsam?«
»Mir ist am wohlsten, wenn ich allein bin – das heißt, Sie stören mich nicht.«
»Ich meine es gut mit Ihnen«, sagte er weich.
Sie nickte.
»Sie wissen?« fragte er erstaunt.
»Ich fühle es«, erwiderte Lu.
Nach einer Weile fragte Geldern:
»Sie leiden?«
»Ja«, nickte sie.
»Ich möchte Ihnen helfen.«
Sie sah ihn dankbar an.
»Darf ich?«
»Mir kann kein Mensch helfen«, sagte sie. – Sie quälte sich mit jedem Wort, und man fühlte, wie sie litt.
»Aber was ist Ihnen,« fragte er lebhaft, »so reden Sie doch.«
»Ich kann einfach nicht weiter!« stieß sie hervor.
Sie schien verzweifelt. »Ich kann einfach nicht weiter« – der Ton, in dem sie das sagte, schnitt ihm ins Herz.
»Und auch nicht zurück?« fragte er nach einer Weile.
Lu fuhr zusammen.
»Wie meinen Sie das?« zitterte sie und sah ihn ängstlich an. »Oder wissen Sie etwa auch?«
»Nein!« sagte er. – »Aber ich weiß: wie es auch ist, Sie müssen sich Ruhe schaffen.«
»Auf Ruhe würde ich ja verzichten, – wenn ich nur weiter wüßte.«
»Haben Sie eine Unvorsichtigkeit begangen?« – Deutlicher durfte er nicht werden, um sie nicht zu kränken.
»Irgend etwas Unüberlegtes?«
»Ich habe zu viel überlegt – meist für andere – das war mein Unglück. Und nun, wo ich am Ende bin, fehlt mir der Mut oder die Kraft – ja, ich weiß ja selbst nicht, was es ist, jedenfalls fehlt mir das letzte; – ich kann einfach nicht – sehen Sie es mir denn nicht an; – mir stockt der Atem, wenn ich nur daran denke, ich soll mit diesem . . . da, fassen Sie mich an« – sie legte ihre Hand auf seine – »mir wird eiskalt bei dem Gedanken« – sie schüttelte sich – ». . . irgendwas in mir wehrt sich – ob es Scham ist? Oder Ekel? Oder« – sie sah ihn ganz verzweifelt an – »jedenfalls, ich kann nicht!«
»So ist es das!« sagte Geldern mehr zu sich selbst. – »Und seit wann . . .?« Er scheute sich, den Satz zu Ende zu führen.
»Lange genug, um zu wissen, daß es nicht geht!«
Die Pause war zu Ende; die andern kamen wieder in die Loge.
»Lieber Freund,« sagte Liane zum Grafen Seydlitz, »daß Ihr Pedigree bis in die Zeit des Großen Kurfürsten zurückreicht, haben Sie mir nun schon ein Dutzend Mal erzählt.«
»Ist es Ihnen denn ganz gleich, mit wem Sie zusammen sind?« fragte er gekränkt.
»Durchaus nicht«, erwiderte Liane. »Aber, da es sich ja um keine Ehe, sondern nur um eine Nacht handelt, so ist Ihr lückenloser Stammbaum ein zu platonisches Vergnügen, um über die materiellen Mängel hinwegzutäuschen. Aber so kommen Sie endlich, Graf, wir müssen zurück, es hat längst angefangen.«
»Ich sehe den Schmarren heute zum elften Male«, erwiderte er.
»Das spricht sehr für Ihre Gründlichkeit«, entgegnete Liane. »Aber da ich zum ersten und wahrscheinlich zum letzten Male hier bin, so begleiten Sie mich jetzt vielleicht in die Loge.«
»Gern«, erwiderte er verärgert; und zu sich selbst sagte er: Früher war so ’ne Person froh, wenn unsereins mal zu ihr herabstieg . . . als ob da jemals von Geld die Rede gewesen wäre, – auf seiten der Frau jedenfalls bestimmt nicht; aber heute treiben einen die Frauenzimmer mit ihren sozialistischen Ideen ja geradezu in die Ehe.
Als sie in die Loge traten, standen Freudenheim und Geldern dicht beieinander.
Freudenheim grinste spöttisch, und Liane hörte deutlich, wie er sagte:
»Da hast du dir wieder einen netten Bären aufbinden lassen; dir können die Weiber auch einreden, was sie wollen.«
Sie verstand nicht, was Geldern sagte – aber er widersprach wohl, denn Freudenheim klopfte ihm auf die Schulter und meinte:
»Du fällst noch einmal gehörig rein mit deiner Gutgläubigkeit.«
XXVIII
Nach dem Theater saßen sie bei Hiller; hinten in dem großen Zimmer.
Geldern führte Liane.
»Sagen Sie, Herr Doktor, geht es alle Abende bei Ihnen so lustig zu?« fragte sie nach einer Weile ironisch.
»Mich dürfen Sie nicht fragen,« erwiderte Geldern, »es geschieht alle paar Jahre einmal, daß ich solche Eskapaden mitmache.«
»Diese Menschen passen doch gar nicht zueinander!« meinte sie. »Was führt sie zusammen?«
»Der Stumpfsinn!« erwiderte Geldern. »Sie soupieren zusammen und reden von Weibern, vom Sport, von der Mode und vom Theater, und wenn das Pensum erschöpft ist, setzen sie sich an den runden Tisch, trinken Whisky und machen ein Jeu; in demselben Augenblick sind alle Gegensätze ausgeglichen, haben alle die gleichen Interessen, und sie gleichen sich wie ein Ei dem andern.«
»Und die Frauen?« fragte Liane.
»Sie sehen ja! Die leiden alle nicht an geistiger Überanstrengung; und solange sie den Mund nicht auftun, ist ihre Gesellschaft immer noch erträglicher als die ihrer Tischherren; einige sprechen nicht einmal falsch Deutsch.«
»Gibt es nicht bessere Kreise?« fragte Liane.
Geldern schüttelte den Kopf.
»Besseres kaum. Vielleicht Ausgeglicheneres. – Stillos, werden Sie sagen; und ich stimme Ihnen zu. Anfang der neunziger Jahre gab es bei uns noch so etwas wie eine Jeunesse dorée; da existierten ungeschriebene Gesetze für die Formen, in denen man sich des Nachts bewegte. Glauben Sie mir, daß damals mehr Takt und mehr Kinderstube dazu gehörte, sich auf den Parketts des nächtlichen Berlins, als in den Tiergartensalons zu bewegen. Heute ist – wie alles andere – auch das Berliner Nachtleben amerikanisiert; der Grad des Vergnügens hängt heute lediglich von der Zahl der Menschen, die einen gesehen haben, von der Größe und Pracht der Lokale und der verausgabten Summe ab.«
Helldorf, der etwas von der Unterhaltung erlauscht hatte, nahm das Gespräch auf und fragte Lu, die neben ihm saß:
»Langweilt Sie nun nicht der ganze Klöngel?«
»Mir fehlt der Sinn dafür«, erwiderte sie.
»Mir auch; mir imponiert überhaupt nichts weiter als Geld, und es macht mich krank, zu wissen, daß andere mehr haben als ich.«
»Dann müssen Sie nur mit Menschen zusammenkommen, die weniger haben als Sie«, meinte Lu. »Das kann nach dem, was man vorhin von Ihrem Reichtum erzählte, doch nicht schwer fallen.«
»Sie meinen den Adel?« Das ist verflucht teuer, sage ich Ihnen; denn die verkehren natürlich nur meines Geldes wegen mit mir; – um mich anzupumpen.«
»Warum suchen Sie sich Ihren Umgang nicht unter Künstlern und Gelehrten; das denke ich mir doch auch viel anregender als . . .« und sie wies auf die Gesellschaft, die hier zusammensaß.
»Ach wat! An Anregung liegt mir nu schon gar nichts. Und meinen Sie, die Künstler pumpen nicht? Vielleicht kleinere Beträge; dafür sehen se so unmöglich aus und haben so schlechte Manieren, daß man sich nirgends mit ihnen sehen lassen kann.«
»Sie haben demnach keinen Sinn für Kunst?« fragte Lu.
»Nee,« sagte Helldorf, »’ne schöne Frau is mer lieber; aber auch nur, wenn se bequem is.«
»Was meinen Sie damit?«
»Eine, mit der man nicht zu schmusen braucht; die gut aussieht und einem nicht mit ihrer Liebe auf die Nerven fällt.«
»Solche Frauen sollten doch leicht zu finden sein.«
»Bei uns in Deutschland?« Er schüttelte den Kopf.
»Hier glaubt jede Frau, selbst das Ballhausmädchen, daß es einen für den Lappen, den man ihm schenkt, lieben muß. Und wissen Sie, was das bedeutet, von einer deutschen Frau geliebt zu werden? Ich versichere Sie, es gibt nichts Rücksichtsloseres als solche Liebe.
Des Morgens schon klingelt sie einen aus dem Schlafe, – man fährt auf, erschrickt und denkt Wunder, was geschehen ist – um zu fragen, ob »der süße Schnuck« auch gut geschlafen hat; dabei hat sie einen aus lauter Liebe des Nachts vorher so lange bei sich festgehalten, daß man mit einem schweren Schädel und einer Stimmung daliegt, in der man sämtliche Frauen zum Teufel wünscht.
Des Mittags schleppt sie einen zu ihrem Schneider, damit sie nur ja in allem auch unsern Geschmack trifft. Dabei benutzt sie unsere Gegenwart nur, um uns für alle ihre Wünsche gefügig zu machen. Sie wählt natürlich sich eine Stunde, zu der der Modesalon überfüllt ist. Denn sie kennt uns genau und weiß, daß wir zu feinfühlig sind, um in Gegenwart von Fremden nein zu sagen oder gar eine Szene heraufzubeschwören, für die sie an solchen Tagen infolge einer Migräne, von der sie uns durch ein Riechfläschchen, das sie sich alle Augenblicke unter die Nase hält, warnend in Kenntnis setzt, ganz besonders prädestiniert ist.
Beim Lunch quält sie uns mit Eifersucht – meist, um dahinter ihr Rendezvous zum Five o’clock tea zu verbergen, denn indem sie uns zwingt, sie von unserer Treue zu überzeugen, lenkt sie uns davon ab, ihrer Untreue nachzuspüren. Und wenn sie dann ihr Rendezvous glücklich hinter sich hat – die einzigen Stunden, die sie uns Ruhe gönnt, – glaubt sie ihr beschwertes Gewissen dadurch erleichtern zu müssen, daß sie ihre Zärtlichkeiten verzehnfacht. Sind wir müde und wollen nach Haus, gleich denkt sie: Halt! Er hat etwas gemerkt; und die Folge ist, daß sie nicht eher ruht, als bis wir, oft ganz gegen unsere Absicht, auf dem Altar der Liebe geopfert haben.
Und wenn wir dann eines Tages das Bedürfnis fühlen, uns zu verändern, dann geht sie, um auf die Abfindungssumme zu drücken, in ihrer Liebe gar so weit, daß sie Gift nimmt; das natürlich nicht tödlich wirkt. Oder sie stürzt sich in einer belebten Gegend, in der Nähe eines Rettungsbootes und eines Schutzmannes, mit einem gellenden Aufschrei ins Wasser; natürlich wird sie gerettet. Aber der Skandal bleibt an uns kleben. – Glauben Sie mir nun,« – und er holte Atem – »daß es kein Vergnügen ist . . .«
Lu war für einen Augenblick belustigt. ». . . Und gibt es denn gar keinen Schutz gegen alle diese Gefahren?« fragte sie ihn.
»Aber natürlich! Ich bin sofort bereit, unter folgenden Bedingungen mit Ihnen abzuschließen.« Und er zog aus seiner Tasche ein gedrucktes Formular, entfaltete es und breitete es vor ihr aus. Es enthielt einen Vertrag mit unzähligen Paragraphen. Alle Fälle waren behandelt, die bei einem auf freier Liebe begründeten Verhältnis zwischen zwei in der großen Welt lebenden Menschen möglich waren. Bis in die kleinsten Details: allein zwölf Trennungspunkte gab es, und je nach der Dauer der Beziehungen und dem Grunde ihres Abbruchs waren bestimmte Abfindungssätze vorgesehen.
»Prachtvoll,« sagte Lu, als sie das Schriftstück durchgelesen hatte, »bei Ihnen sollte man in die Schule gehen; Sie töten in einem den letzten Rest von Idealismus.«
»Bitte!« sagte Helldorf, zog einen Füllfederhalter aus der Tasche und reichte ihn Lu. »Unterschreiben Sie!«
Sie zögerte.
»Überlegen Sie nicht lange; alles Risiko liegt bei mir; ich verlasse mich stets auf den ersten Eindruck, und der gibt mir in allen Fällen recht.«
Lu hielt den Halter in der Hand und wußte nicht, was sie tun sollte.
Alle wurden aufmerksam.
»Ein sonderbarer Geschmack!« flüsterte Herta; sie sagte es ganz leise, aber es herrschte so lautlose Stille, daß jeder es hörte und Freudenheim rief über den Tisch:
»Bitte aber den Vertrag erst ab morgen zu datieren.«
»Kümmern Sie sich gefälligst um Ihre Angelegenheiten«, erwiderte Helldorf.
»Heute« – und er wies auf Lu – »ist diese Dame jedenfalls meine Angelegenheit.«
»Das werden wir ja sehen!« brüllte Helldorf.
»Fragen Sie sie doch!« überschrie ihn Freudenheim.
Allen sah jetzt auf Lu.
»Nun?« sagten beide fast gleichzeitig.
Liane gab ihr ein Zeichen, sich für Helldorf zu entscheiden.
»Müssen solche Dinge denn öffentlich verhandelt werden?« fragte Geldern.
»Ich finde auch, das ist ein Mangel an Delikatesse«, meinte Liane.
Daß die Konkurrenz dieser beiden Frauen gefährlich war, hatte Annie auf den ersten Blick erkannt; endlich konnte sie ihrem Ärger Luft machen.
»Nein, wie feun!« rief sie spöttisch. »Wir Französinnen sind in solchen Dingen sonst gar nicht so überempfindlich.«
Liane lächelte. »Das liegt wohl daran, daß Sie aus einer andern Gegend stammen!« sagte sie.
»Bitte!« wiederholte Helldorf und wies mit dem Finger auf das Papier, das noch immer vor Lu lag.
Freudenheim war aufgestanden.
»Nun! Wird es bald!« forderte er energisch.
»Lassen Sie sich nicht einschüchtern und unterschreiben Sie!« sagte Helldorf.
»Komm’! – Oder . . .« drohte Freudenheim.
Lu quälte sich in die Höhe; ließ den Halter fallen . . .
»Was?« rief Helldorf, dem sonst jede Frau gehörte, um die er warb.
Freudenheim grinste überlegen; ließ sie nicht aus den Augen; hob die Hand und wies mit dem Finger zur Tür.
»Geh’!« sagte er.
Lu krampfte die Hände und hob den Kopf; ekelhaft sah er aus!
»Geh’!« wiederholte er und hielt noch immer den Arm in die Höhe.
Sie schüttelte sich.
»Nein!« sagte sie; und dies ›Nein‹ klang so scharf, als durchschnitte es die Luft.
»Ich warne dich! – Zum letzten Male – —« Und als er über den Tisch nach ihrer Hand griff, da warf sie blitzartig die Arme in die Höhe und krallte die Finger.
Freudenheim beugte sich nach vorn über.
Da nahm Helldorf ein Glas und warf es ihm ins Gesicht. Die Scherben flogen umher und der Sekt spritzte nach allen Seiten. Die Frauen sprangen auf und brüllten wie besessen; griffen im ersten Schreck nach ihren Gläsern und schleuderten sie gegen Freudenheim, der sich wie rasend auf Helldorf stürzte. —
Geldern und Liane hatten Lu, die wie entgeistert noch immer an ihrem Platze stand, unter den Arm genommen und hinausgeführt.
»Nun müssen Sie sich erst von dem Schreck erholen«, sagte Geldern und sah nach der Uhr; es war dreiviertel eins. »Eine schlechte Zeit!« meinte er. Sie gingen über den Damm, die Linden hinunter.
»Es bleibt nur die Bar im Hotel«, meinte Liane.
»Gut!« sagte Geldern; und sie fuhren nach Haus.
XXIX
Als sie in der Bar saßen, sagte Liane:
»Ich hatte immer geglaubt, es sei nur ein Märchen, daß man sich in Deutschland prügelt, sobald man in Stimmung kommt.«
»Wird das Folgen haben?« fragte Lu.
»Ich denke«, erwiderte Geldern.
»Wird man mich auch mit hineinziehen? . . . Gar meinen Namen in die Blätter bringen?« fragte sie weiter.
»Es gibt für eine Frau keine bessere Empfehlung, als wenn sich zwei in der Gesellschaft bekannte junge Leute ihretwegen duellieren«, versicherte Geldern.
»Nein, nein!« rief Lu in großer Erregung. »Man soll meinen Namen nicht nennen – man soll mich in Frieden lassen.«
»Aber Lu,« sagte Liane und suchte sie zu beruhigen, »es kennt dich ja niemand; kein Mensch weiß, daß du es bist; – im übrigen solltest du dich freuen – es ist ein Glückszufall sondergleichen.«
»Da hat ihre Freundin recht,« bestätigte Geldern,
»Sie werden mit einem Male berühmt werden.«
»Ich will nicht berühmt werden«, beteuerte Lu.
»Du weißt nicht, was du sprichst«, sagte Liane. Und zu Geldern gewandt, fuhr sie fort: »Die arme Lu ist leidend; aber es hat nichts zu sagen, meint der Arzt, es geht vorüber. Sie muß auf andere Gedanken kommen und Zerstreuung haben.«
»Ich glaube, der Arzt irrt«, sagte Lu. »Ich brauche Ruhe; Zerstreuung hatte ich in den letzten Wochen mehr als genug.«
»Man darf ihr keine Zeit lassen, ihren Gedanken nachzugehen«, erklärte Liane. »Die arme Lu hat viel durchgemacht im Leben.«
»Laß das!« bat sie.
»Nein!« widersprach Liane. »Doktor Geldern muß das wissen; er denkt sonst, du bist immer so verschlossen und wortkarg wie heute. – Sie haben ja gar keinen Begriff,« – wandte sie sich an Geldern— »wie ausgelassen Lu sein kann; sie ist die liebenswürdigste und anregendste Gesellschafterin, die ich kenne.«
»Gib dir keine Mühe«, sagte Lu. »Doktor Geldern weiß, wie’s in mir aussieht.«
»Wie?« fragte Liane. »Hat sie Ihnen erzählt, wie traurig es ihr ergangen ist?«
»Tatsächliches nicht«, erwiderte Geldern. »Ich weiß nur, daß sie Kummer hat.«
»Das geht vorüber!« versicherte Liane. »Muß vorübergehen! Was sollte wohl sonst aus ihr werden? Sie muß sich jetzt in dies Leben zwingen, wenn sie nicht untergehen will.« Sie beugte sich zu Geldern hinüber. »Glauben Sie mir, ich kenne mich aus«, flüsterte sie ihm zu. »Ich habe Dutzende von Frauen groß werden und untergehen sehen. Lu hat die größten Chancen von allen Frauen, die ich je gekannt habe. Wenn sie es klug anfängt und mir folgt und sich nicht von ihren Stimmungen unterkriegen läßt, dann ist sie in ein paar Jahren die erste Frau von Paris.«
»So hör’ doch endlich auf«, wehrte Lu verstimmt; »sprich mal von etwas anderem als immer von mir.«
Aber Liane ließ sich nicht abbringen.
»Nur eins muß sie noch lernen,« fuhr sie fort, »Überwindung! Eine Prinzessin kann sich ihren Mann auch nicht nach ihrem Geschmack wählen. Aber laß nur,« – und sie klopfte auf ihre Hand und nickte: ihr zu – »ein paar Male und dann hast du dich daran gewöhnt. Am Ende kommt nämlich jede einmal dahinter, daß ein Mann wie der andere aussieht, und daß die Unterschiede ganz woanders als im Äußeren oder gar im Charakter liegen. Suchen Sie ihr das klar zu machen«, bat sie Geldern. »Lu hat den ganzen Tag über geschlafen und kann Ihnen noch ein halbes Stündchen Gesellschaft leisten; ich bin seit früh auf den Beinen und totmüde.«
Sie stand auf und gab ihm die Hand, dann küßte sie Lu und sagte ihr Gutenacht.
»Sie begleiten mich wohl an den Fahrstuhl!« wandte sie sich an Geldern.
»Gewiß!« Und zu Lu sagte er, »Ich bin im Augenblick zurück.«
Lu nickte, und er folgte Liane.
»Sagen Sie,« fragte Liane lebhaft, »dieser Helldorf wird doch auf den Vertrag zurückkommen.«
»Der setzt durch, was er will«, erwiderte Geldern.
»Und wenn ihm morgen früh die Leber durchschossen wird, der schließt die Augen nicht, bevor er ihre Unterschrift hat.«
»Dann schlaf’ ich beruhigt!« sagte sie. »Und nun bitte, lieber, guter Doktor; tun Sie mir den Gefallen und setzen Sie ihr den Kopf zurecht.«
Geldern versprach’s. »Wenn ich nur einen Anhalt hätte und irgendwie wüßte . . .«
»Sie brauchen nichts weiter zu wissen,« unterbrach sie ihn, »als daß sie Anfängerin ist, aus guter Familie stammt und daher noch nicht über den Berg ist – mit anderen Worten: noch rückfällig wird . . . Reue hat.
Da sie aber unter keinen Umständen jemals wieder zurück kann, so muß sie vorwärts! Sie verstehen das?«
»Ja!« sagte Geldern. »Gute Nacht!«
»Gute Nacht!« rief sie und verschwand im Fahrstuhl. —
Geldern kehrte zu Lu zurück.
Nun freilich wußte er Bescheid.
»Sie meint es gut mit Ihnen«, sagte er, als er sich setzte.
»In ihrer Art vielleicht«, erwiderte Lu. »Sie denkt dabei wohl auch an sich; aber sie hat keine Ahnung, wie es in mir aussieht!«
»Aber ich.«
»Wie?« fragte sie erstaunt.
»Ich weiß, wie es in Ihnen aussieht, teuerste Lu.«
»Wie können Sie das wissen . . .? . . . Das weiß kein Mensch . . . ich selbst weiß das kaum.«
»Ich aber weiß es!« wiederholte er bestimmt. »Auch ich habe durchgemacht und gelitten; vielleicht weniger als Sie – vielleicht auch mehr. Jedenfalls habe ich das Gefühl – hatte es vom ersten Augenblick an – als brauchten wir beide uns nur anzusehen, um zu wissen . . .« – er hielt inne – »es ist sehr traurig, was ich Ihnen da sagen muß.«
»Reden Sie!« bat Lu und sah ihn an.
»Daß Ihnen und mir . . .« – er hielt abermals inne. —
»Bitte!« quälte sie.
». . . Nun, daß uns beiden niemand helfen kann!«
Er machte eine Pause; sie riß die Augen auf und starrte ihn an. Dann fuhr er fort:
»So, wie Sie aussehen, sehen Menschen aus, die verloren sind – die verspielt haben – die verzichten müssen – genau wie ich. – Sie, liebe Lu, werden nie das töten können, was da innen sitzt« – und er wies auf sein Herz – »den Gegendruck – die Verantwortung – die Reaktion – nennen Sie’s, wie Sie wollen; – das aber ist Ihr Verhängnis! – Sie werden niemals eine Kokotte werden!«
Lu nickte. – »Da haben Sie recht«, sagte sie. »Das ist ja mein Unglück.«
»Und mir, sehen Sie, geht es ähnlich. Ich habe alles, was in mir an Tiefe des Gefühls und an Leidenschaft lebte, einmal im Leben als Einsatz für ein Glück gewagt.«
»Und?« fragte Lu und hing an seinem Munde.
Er sah sie verzweifelt an.
»Ich habe verspielt!« wiederholte er. »Ich hatte auf eine Frau gesetzt, die auf jeden, der sie sah, den Eindruck eines gütigen und sanften Kindes machte, im Gegensatz zu Ihnen, die Sie bestimmt allen kalt und lieblos scheinen, die in Wahrheit aber eine kalte, lieblose und verlogene Dirne war, – wie Sie nach meiner Überzeugung ein gefühlvolles, treues und gütiges Geschöpf sind! – — Das ist meine ganze Geschichte«, sagte er nach einer Weile. »Und nun die Ihre!«
Er nahm ihre Hand, umschloß sie leicht; und sie erzählte . . . alles; von Anfang an; bis zu der Stunde! – —
– — – — – — – — – —
Als sie zu Ende war, hielt er noch immer ihre Hand; sie weinte jetzt; aber ihr war leichter.
»Arme Lu!« sagte er und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, das naß von Tränen war; er schüttelte den Kopf:
»Sonderbar! . . . So hat mich das ergriffen!«
Dann half er ihr auf und begleitete sie bis an ihr Zimmer.
»Niemand soll morgen zu Ihnen, bevor ich mit Ihnen gesprochen habe. Ich werde unten sagen, daß man Sie schlafen läßt.«
Sie gaben sich die Hand.
»Jetzt ist mir, als brauchte ich nicht zu schlafen,« sagte sie, »als könnte ich wach liegen bis zum Morgen, ohne traurig zu sein!«
XXX
Am nächsten Morgen brachte ihr Liane ein Briefchen ans Bett. Lu war munter, setzte sich auf und bat:
»Lies ihn mir vor.«
Liane öffnete; las, wie alle Frauen, die Unterschrift: »Du, von Geldern!« rief sie. »Wie lieb von ihm; er will dich wieder mit Helldorf zusammenbringen.«
»So! – — Will er das?« lächelte Lu.
»Hat er es dir denn nicht gesagt?« fragte Liane erstaunt. »Er hatte es mir doch versprochen.«
»Aber natürlich,« sagte Lu, »er hat mir die ganze Nacht hindurch von nichts anderem als immer nur von ihm gesprochen; – freilich . . .« und sie schüttelte den Kopf.
»Was?« fragte Liane.
»Nun,« meinte Lu und sah nach der Uhr, »es ist schon dreiviertel elf; wer weiß, ob Helldorf noch am Leben ist. Solche Art Händel pflegt man bei uns bei Tagesanbruch auszutragen.«
»Entsetzlich!« rief Liane. »Denke, wenn ihm was passiert ist; welch Unglück für dich!«
»Für ihn!« verbesserte Lu.
»Für dich«, wiederholte Liane. »Denn du sitzt da, wenn dieser Freudenheim ihn erschossen hat.« Und sie redete sich in große Erregung. – »Natürlich!« rief sie. »So ist es! Er wäre sonst ja längst hier mit seinem Vertrage, wenn er noch am Leben wäre!« Dabei hielt sie noch immer Gelderns Brief in der Hand. »Pechvogel!« sagte sie und fuhr ihr mit der Hand übers Haar. »Eine neue Enttäuschung! Anstatt daß dieser unsympathische Mensch dran hätte glauben müssen. – Jedenfalls heißt es jetzt auf dem Posten sein; steh’ schnell auf! Die nächsten Tage spricht man von nichts anderem in Berlin. Die Zeit muß man ausnutzen! Meinetwegen hat sich zwar noch niemand erschießen lassen; leider! Aber ich kenne das! Die Reporter werden kommen! Himmel! Da fällt mir ein: du besitzt ja nicht einmal eine anständige Photographie – ob wir ihnen meine geben? – Schließlich, da wir doch immer zusammen gesehen werden . . .«
»Natürlich!« stimmte Lu bei. »Gib ihnen nur deine . . . das ist auch meiner Bekannten wegen viel besser. – Übrigens, so lies doch endlich den Brief, da wird doch gewiß Genaueres über Helldorfs Ende stehen.«
»Richtig, diesen Brief hatte ich längst vergessen.« – Sie öffnete und las: »›Arme Lu‹ – da haben wir’s!« schrie Liane und zog ihr Spitzentuch aus der Tasche. »Arme Lu,« wiederholte sie traurig, »er ist tot.«
»Was?« fragte Lu und fuhr erschreckt in die Höhe. »Steht das da?« und sie wies auf den Brief.
»Du hörst doch, warum sollte er sonst ›Arme Lu‹ schreiben.«
»Lies weiter«, drängte Lu.
Liane fuhr fort; mit Tränen in der Stimme.
»Arme Lu, ich bin im Vestibul, um Sie abzuholen; die Luft wird Ihnen gut tun; kommen Sie! Ihr Werner Geldern.«
»Nun?« fragt Lu und lachte. »Ist er tot?«
»Ich muß sagen,« erwiderte Liane und schüttelte den Kopf, »so etwas Unklares ist mir noch nicht vorgekommen; gewiß will er es dir schonend beibringen.«
Lu sprang aus dem Bett, stürzte zum Schreibtisch, schrieb:
»Guten Morgen, lieber Doktor; in einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen! Lu.«
Dann klingelte sie nach Selma und bestellte Tee.
»Nein, diese Ruhe!« dachte Liane. »Sie hat doch weniger Gemüt, als ich annahm. Wenn ich denke, wie stolz und aufgeregt ich wäre, wenn sich meinetwegen . . .«
»Du wirst also, während ich fort bin, die Reporter empfangen«, sagte Lu; goß den Tee herunter, gab ihr die Hand. »Lebe wohl, Liane!«
»Herrgott, du bist schon fertig?« Selma lief bis auf den Flur nach, schloß schnell noch eine Öse und rückte eine Schleife gerade.
»Madame Lu ist ganz verändert seit gestern«, sagte Selma, als sie wieder ins Zimmer trat.
»Heut früh ist einer der reichsten jungen Leute ihretwegen im Duell gefallen«, sagte Liane mit Pose und legte die Finger auf die Lippen.
Selma schlug die Hände zusammen.
»Ist’s möglich?!« rief sie. »Und dabei ist Madame so aufgeräumt?« Sie schüttelte den Kopf.
»Das verstehen Sie nicht«, belehrte sie Liane.
»Nein,« erwiderte Selma, »das verstehe ich wirklich nicht.« Und verließ das Zimmer. —
– — – — – — – — – —
»Da bin ich!« sagte Lu und gab Geldern die Hand.
»Und die Nacht war besser als die vorigen?« fragte er sie.
»Ich konnte wach liegen, ohne zu weinen«, erwiderte Lu.
»Ich habe kein Auge geschlossen«, sagte Geldern.
»Mich hat Ihr Schicksal wieder ein gutes Stück vorwärts gebracht. – Vielleicht so weit, wie ich ohne Ihr Erleben nie gekommen wäre.« – Und nach einer Weile sagte er: »Mein Verzicht ist ein endgültiger; um jede Stunde wäre es schade, die ich darauf verwende, mein Leben wieder in die Bahn zu leiten, in der es früher lief.«
Sie gingen die Bellevuestraße hinunter in den Tiergarten.
»Haben Sie dadurch, daß Sie sich in einem Menschen irrten, denn den Glauben an die ganze Menschheit verloren?« fragte Lu.
Geldern schüttelte den Kopf.
»Nein,« sagte er bestimmt, »ich hatte mich nie um die Menschen und ihr Urteil gekümmert. Soweit es irgend ging, immer so gelebt und gehandelt, wie es meiner Natur entsprach. – Ohne Heuchelei!«
»Das gibt es?« fragte Lu.
»Nein!« erwiderte er. »Das gibt es eben nicht. Im Leben, da geht es ohne Heuchelei nicht ab. – Aber was wollen Sie?« fragte er weiter. »Die Menschen fühlen sich ja ganz wohl dabei und wünschen es sich gar nicht anders. Und da die herrschende Moral zu jeder Zeit nichts anderes als der Wunsch und Wille der gerade herrschenden Gesellschaft ist, so gibt es für den einzelnen natürlich nur drei Möglichkeiten; mit der Gesellschaft leben und sich ihrer Moral unterordnen; über ihr und ihrer Heuchelei stehen und sich über sie lustig machen – ich kann Sie versichern, das ist sehr spaßig, und man kommt aus dem Lachen gar nicht heraus – oder drittens, sich entrüsten und gegen ihre Verlogenheit ankämpfen; das verbittert, ruiniert die Gesundheit und bringt, da man im besten Falle ein Zugeständnis, nie aber eine Änderung erreicht, schließlich zur Raserei.«
»Sie haben recht«, erwiderte Lu. »Wenn man weder die Kraft hat, dagegen anzukämpfen, noch die Möglichkeit zu bessern, noch den Mut sich darüber hinwegzusetzen, so muß man sich unterordnen; kann man das seiner ganzen Veranlagung nach aber nicht, so geht man unter. – Wie mein Vater, und wie ich nun.«
»Natürlich kann der einzelne nicht helfen«, sagte Geldern. »Wenigstens nicht auf die Art, wie die Tolstoianer es versuchen; so geht es natürlich nicht.«
»Richtig, Tolstoianer«, sagte Lu. »Als solcher stellte Sie man mir ja gestern vor. Offen gesagt, ich weiß nicht, was das bedeutet.«
»Der Esel hat keine Ahnung«, sagte Geldern. »Weder von dem, was Tolstoi wollte, noch von dem, was mich bewegt. Meine ganze Entwicklung ist nichts anderes als das Produkt des Unrechts, das man mir zugefügt hat. Wie überhaupt immer nur die Verhältnisse den Menschen machen. Wäre ich damals konsequent gewesen, ich hätte einen Revolver nehmen und die Nächstbeteiligten der Reihe nach niederschießen müssen. Denn es gibt Verbrechen, die man selbst sühnen muß, da unser Gesetz keine Bestimmung und unsere Gesellschaft kein Gewissen dafür hat.«
»Solche Fälle gibt es wohl«, bestätigte Lu.
»Natürlich! Nehmen Sie den gewöhnlichsten Fall: jemand verspricht einer Sechzehnjährigen die Ehe – verführt sie – schwängert sie – verläßt sie – treibt sie dadurch in den Tod. Ja, was glauben Sie wohl, was geschieht? Nichts! Dieser qualifizierte Mord ist straffrei, und die Gesellschaft sagt: Gott, was wird das schon für eine gewesen sein.«
»Ich kenne solchen Fall!«, sagte Lu. »Die Folge war: daß sich für den Helden, um den sich zuvor niemand gekümmert hat, nun plötzlich alle Welt interessierte.«
»Da haben Sie’s«, erwiderte Geldern. »Aber es ist zwecklos, dagegen Sturm zu laufen. Es ist genau so aussichtslos, als wenn Sie in der Gesellschaft etwa predigen wollten, es sei schamlos, Feste zu geben und Jagden zu reiten, während Millionen Menschen im größten Elend schmachten.«
»Also, was sollte man nach Ihrer Ansicht tun?« fragte Lu.
»Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte Geldern. »Natürlich genügt es nicht, zu resignieren und sein Gewissen damit zu täuschen, daß man an dem allgemeinen Unrecht nicht teilnimmt und so viel, als man eben noch entbehren kann, zur Linderung der Not hergibt.«
»Was heißt überhaupt entbehren können«, fragte Lu. »Ein sehr relativer Begriff ist das.«
»Gewiß«, stimmte Geldern bei. »Der eine wird das Rauchen einstellen und zu Fuß gehen, um den Sechseromnibus zu sparen, während bei dem andern das Gewissen erst bei der dritten Flasche Pommery erwacht.«
»Selbstverständlich«, bestätigte Lu.
»Nein! Um das soziale Gewissen der Menschen aufzupeitschen, fühle ich mich weder fähig noch berufen. Der Wunsch, jemanden zu bessern, setzt voraus, daß man ihn liebt, zum mindesten aber Interesse für ihn hat. Ich empfinde aber für die Menschen weder das eine noch das andere; sie sind mir gleichgültig und uninteressant; ja, ich finde sie nicht einmal komisch genug, um wie andere über sie zu lachen. Ihre Geschäftigkeit und Wichtigtuerei, ihr Ehrgeiz und ihre Eitelkeit, ihre Unnatur und ihre Gespreiztheit, ihre Mitleidslosigkeit und ihre Heuchelei, das alles ist eintönig und schablonenhaft: mit einem Wort: es langweilt mich. Jedes Tier, jede Pflanze in ihren tausend Variationen ist interessanter.«
Lu nickte. »Aber was können schließlich die Menschen dafür, daß sie so sind; sie wären vielleicht froher und freier, wenn sie anders wären.«
»Sie könnten schon; aber sie wollen nicht. Sehen Sie, Jesus, der Jude, wußte, wo der Herd allen Übels sitzt. Den Sinn seiner Lehre aber haben die Propheten in geistreiche Doktrinen verkapselt, so daß man durch die Fülle der Schalen kaum noch den edlen Kern erkennt. Das eine große Übel, gegen das er vor 2000 Jahren kämpfte, weil er in ihm den Herd aller andern Übel sah – die Unbarmherzigkeit der Menschen, – und lediglich die Vollendung dieses Kampfes konnte doch die Aufgabe des Christentums durch die Jahrtausende sein! – herrscht noch heute, in Kraft und Wirkung tausendfach gesteigert! Und so ist auch die heutige Moral von Anfang bis zu Ende nichts anderes als ein einziger Spott und Hohn auf seine Lehre, die sich doch in dem einen Wort erschöpft: Barmherzigkeit.«
»Da stimme ich Ihnen bei!« sagte Lu. »Das Leben ist unbarmherzig.«
»Die Menschen sind’s«, versicherte Geldern; »die Reichen vor allem, weil sie kein Herz für die Armen haben. Mit dem Geben allein aber ist es nicht getan; denn die Seele leidet oft mehr als der Körper; und arm ist jeder, der beladen ist – arm bin ich – arm sind Sie.«
»Ich erwarte für mich nichts mehr von den Menschen«, sagte Lu.
Er drückte ihre Hand.
»Wir wollen versuchen, ohne sie fertig zu werden.«
»Ja«, sagte sie.
»Aber wenn wir im Leben jemandem begegnen, an dem die Menschen sich so versündigt haben, daß er nicht weiter kann, – das waren ja Ihre Worte gestern – dann wollen wir nicht erbarmungslos an ihm vorübergehen, sondern uns seiner annehmen.«
»Das wollen wir!« sagte sie aus vollem Herzen.
»Und mit Ihnen, Luise, will ich den Anfang machen.«
Wie ein zärtliches Liebeswort traf es ihr Herz, als er sie Luise nannte.
»Sie wissen nun, daß Sie geborgen sind«, sagte er.
Sie sah ihn an und dankte.
»Und daß Ihnen kein Mensch mehr etwas zuleide tut.«
»Ich weiß es«, flüsterte sie.
»Zunächst müssen wir jetzt an Ihre Gesundheit denken«, sagte er. »Sie sind arg herunter mit Ihren Nerven.«
»Das bin ich.«
»Sie werden in ein Sanatorium gehen, und niemand außer mir wird wissen, wo Sie sind. Ich habe eine alte Tante, die wird Sie begleiten. Wenn Sie allein sein wollen, wird sie Ihnen nicht zur Last fallen; und wenn Sie Menschen brauchen, wird sie um Sie sein. Sie werden alle Tage von mir hören; und in ein paar Wochen . . .« – er blieb stehen. ». . .Reichen Sie mir die Hand, Luise«, bat er.
»Gern!« sagte sie und gab ihm die Hand.
»In ein paar Wochen«, wiederholte er, »werden Sie soweit zur Ruhe gekommen sein, daß wir an die Gestaltung Ihres neuen Lebens denken können.«
»Und Sie glauben, daß es das gibt?« fragte Luise.
»Bestimmt glaube ich das«, erwiderte er. »Denn es ist mehr als nur gemeinsames Leid, das uns eint. Es ist auch mehr, als etwa nur eine Auflehnung oder ein Protest gegen die Gesellschaft; es ist ein gemeinsames Abstoßen und Tilgen abgestorbener Teile, ein Aufräumen mit längst überwundenen Begriffen, ein endgültiges Erlöschen letzter Gefühle – und es wird ein neues Leben sein, wenn wir diese Wandlung nicht nur mit dem Verstande vollziehen . . . sondern auch mit dem Herzen.«
Luise nickte.
»Mir will es scheinen, als ob das wohl möglich wäre«, sagte er mit Wärme und sah sie an.
»Mir auch«, flüsterte Luise.
Dann gingen sie Hand in Hand und sprachen lange kein Wort.
Nach einer Weile sagte Geldern:
»Glauben Sie auch, Luise, daß, wenn man zusammen fühlt, man nicht zu sprechen braucht?«
»Ich habe das Empfinden, als würde es unsere Gedanken stören, wenn wir sprechen würden«, sagte sie.
Dann schwiegen sie wieder.
XXXI
Liane bereitete sich auf den Empfang der Journalisten vor. Sie legte besondere Sorgfalt auf Frisur und Toilette, zog ihr elegantestes Teagown an, sprengte im Salon mit Baylay ›Ess‹, verteilte hier und da einen Tuff roter Rosen, legte zerstreut auf den Tisch ein paar Hefte der ›Revue des deux Mondes‹, der ›L’Art et les Artistes‹, der ›Modes‹ und ein paar moderne Romane, nahm die ›Jeanne d’Arc‹ von Anatole France in die Hand und warf sich kokett auf die Chaiselogue, neben der ein Taburett stand, auf dem ihre goldene Lorgnette, eine Sévres-Dose mit Bonbons, eine Schachtel Maranis, ihr Spitzentaschentuch, ein goldner Handspiegel, ihr Puderdöschen und ihr goldenes Etui für Zigaretten lagen. Sie wartete; aber es kam niemand.
Als sie eine Stunde so gelegen hatte, ließ sie sich mit einer Zeitungsredaktion verbinden. Es entwickelte sich folgendes Gespräch:
»Hier Redaktion des Morgenblatts.«
»Hier Esplanade-Hotel.«
»Ja, bitte.«
»Ich sollte nur im Auftrage der Baronesse Lu Courcelles anfragen, ob Herr Helldorf seinen Verletzungen erlegen ist?«
»Helldorf? Bei uns ist, soviel ich weiß, gar kein Herr dieses Namens – wollen Sie, bitte, einen Augenblick am Apparat bleiben?«
»Gern . . . Na? . . . Mon Dieu! . . . Das dauert ja . . .«
»Hier . . .«
»Endlich!«
». . . der Lokalredakteur des Morgenblattes; wer dort?«
Liane wiederholte ihre Frage.
Was? Der bekannte Helldorf? Der Sohn von . . .«
»Ja, eben der.«
»Was ist mit dem?«
»Sie wissen gar nicht?«
»Keine Ahnung . . . das heißt, wir wissen schon . . . unsere Reporter haben natürlich . . .«
»Sehen Sie! . . . Also bitte, keine Schonung: Lebt er? Oder hat ihn dieser unsympathische Freudenheim erschossen?«
»Erschossen?«
»Natürlich . . . sie haben doch nicht etwa mit Degen gekämpft . . . das wäre ja . . .!«
»Himmel, wie interessant! Ein Duell zwischen . . . wann war das? Ein’ Moment, ich hole nur Bleistift und Papier.«
»Aber ich denke, Sie wissen . . .?«
»Natürlich . . . selbstverständlich weiß ich, nur die Einzelheiten . . . ein’ Moment.«
»Sonderbar,« sagte Liane für sich.
»So, da bin ich wieder. Also, wenn ich bitten darf . . . wer waren die Kombattanten?«
»Aber, mein Herr, ich verstehe Sie gar nicht!«
»Sie verstehen mich nicht . . . so . . . spreche ich so undeutlich . . . dann werde ich mir erlauben, Sie aufzusuchen. Wer sind Sie doch? . . . Hotel . . .?«
»Esplanade.«
»Natürlich, Esplanade. An wen wende ich mich?«
»Chambre 217/218, Lu Courcelles.«
Der Redakteur verbeugte sich tief:
»Sehr verbunden, Frau Baronin. Ich stürze mich in ein Auto, in anderthalb Minuten bin ich bei Ihnen.«
Liane lag kaum wieder auf der Chaiselongue, da klopfte es schon, und herein trat mit großer Lebhaftigkeit ein kleiner Herr:
»Da bin ich!«
»Gut, daß Sie kommen«, rief sie . . . »Also?«
»Ich wollte von Ihnen hören . . .«
»Lebt er?« fragte sie ungeduldig.
»Wer?«
»Nun, Helldorf. Wer sonst?«
»Sie haben also noch nichts von dem Ausgang des Duells gehört?« fragte er.
»Nichts Bestimmtes. Vor einer Stunde etwa war einer seiner Freunde hier . . .«
»Ja . . . und?« fragte der Redakteur ganz aufgeregt.
»Nun – er wollte nicht recht mit der Sprache heraus . . . er sagte nur immer: arme Lu.«
»Was sagte er?« Dabei nahm er Notizbuch und Bleistift heraus und blätterte nach einer leeren Seite; sein Auge fiel auf: weibliche Wasserleiche; Kanal, zwischen 20- 30 Jahren; – Apachen, Gartenstraße, Überfall, Schutzmann. – »So, da haben wir eine leere Seite!« Und im Augenblick stand auch schon da: Duell Helldorf . . . »Also, arme Lu . . . was bedeutet das?«
Liane tat verlegen und sah zur Seite.
»Nun, darüber möchte ich . . .« – Sie nahm ein Bonbon und bot auch ihm an; er beugte sich über die Sévres-Dose, und da er nichts herausbekam, so machte er die Finger naß und fuhr nun so kräftig in die zarte Porzellandose, daß ein halbes Dutzend Bonbons an seinen Fingern kleben blieben, die er in den Mund steckte und ablutschte. Liane nahm ihr Spitzentuch vom Taburett und führte es an den Mund. Sie spürte Übelkeit.
»Nun also, verehrteste Baronesse«, sagte er mit vollem Munde und schnalzte mit der Zunge . . .
»Sie werden begreifen,« verstellte sich Liane und tat geniert, »meine Beziehungen zu Herrn Helldorf . . . und schließlich war es ja in der Tat eine arge Dreistigkeit dieses Herrn Freudenheim, wo er doch wußte, daß zwischen mir und Helldorf . . .«
»Halt!« rief der Reporter und fuhr mit dem Bleistift in die Luft. »Wer ist Freudenheim? Vermutlich der andere Kombattant?«
»Ja, ich denke, das wissen Sie alles?« sagte Liane.
»Natürlich – aber! Sehen Sie!« – und er hielt ihr sein Notizbuch hin – »da steht es ja!« – er hatte es in diesem Augenblick hingeschrieben – »nur, um es von Ihnen bestätigt zu erhalten. Wir können nämlich gar nicht gewissenhaft genug sein . . . also Ihretwegen . . . wie interessant . . . Und wo kam es zu dem Zusammenstoß?«
»Gestern nacht bei Hiller.«
»Hiller«, wiederholte er und sah nicht mehr von seinem Notizbuche auf. »Bitte, fahren Sie fort.«
Und Liane erzählte von dem Renkontre.
»Leider mußte es dies traurige Nachspiel haben«, sagte sie.
»Gott sei Dank!« rief der Reporter. »Die Chose ist bildschön – und wird fein aufgemacht. – Nur über den Ausgang wüßte ich gern noch Genaueres.«
»Aber ich sagte Ihnen doch: Arme Lu.«
»Hat wer gesagt?«
»Sein Freund.« – Sie seufzte und führte das Taschentuch vors Gesicht.
»Wessen Freund?«
»Helldorfs natürlich«, sagte sie schluchzend. »Dem andern würde ich keine Träne nachweinen.«
Er stand auf und klopfte ihr wenig zart auf die Schulter.
»Nur noch einen Augenblick, Frau Baronin, halten Sie sich, bitte, aufrecht! Sie müssen mir unbedingt noch etwas über den Ausgang des Duelles sagen.«
»Aber genügt Ihnen denn das nicht?«
»Nein! Nein!« erklärte er bestimmt.
»Wenn ich Ihnen doch sage, daß sein Freund arme Lu . . .«
»Ach so, daraus schließen Sie . . . natürlich . . . zum mindesten kann ein gewissenhafter Reporter daraus entnehmen, daß die Verletzungen schwerer Natur sind und an seinem Aufkommen gezweifelt wird.« Er suchte im Telephonbuch. »Ich würde mich ja gern noch an Ort und Stelle erkundigen . . . aber im Telephonbuch, da steht weder der eine noch der andere . . . und dann« – er sah nach der Uhr – »in einer halben Stunde muß es im Satz sein . . . also« – er steckte Bleistift und Notizbuch in die Tasche – »vielen Dank.«
Liane stand auf.
»Und wenn Sie mich erwähnen,« sagte sie mit Tränen in der Stimme, »nicht wahr – ich weiß: häßlich bin ich nicht; auch nicht ohne Geschmack; aber ich möchte doch nicht gern, daß Sie mich als die erste beste hinstellen. – Sehen Sie, wenn Sie da etwa von mir sprechen,« – und sie hielt ihm den Anatole France unter die Nase – »wenn Sie Zeit hätten, ich studiere gerade die Jeanne d’Arc; nach diesem und jenem, was mir nicht ganz verständlich ist bei France, hätte ich Sie gern gefragt . . . vielleicht kommen Sie einmal zum Tee.«
»France kenne ich nicht«, erwiderte der Reporter. »Aber zum Tee komme ich gern einmal.«
»Vielleicht sehen Sie sich hier noch ein bißchen um; da« – und sie wies auf den Tisch – ». . . die neuesten französischen Romane . . .«
»Danke, danke!« sagte er. »Es ist die höchste Zeit, daß ich in die Druckerei komme. – Ein anderes Mal.« Und er verbeugte sich und ging.
Kaum war er draußen, da kam er schon wieder herein:
»Noch eins: es hat doch kein anderes Blatt die Nachricht außer uns?«
»Von mir nicht«, beteuerte Liane.
»Versprechen Sie mir, wenn es einer meiner aufdringlichen Kollegen etwa wagen sollte, Sie zu belästigen, daß Sie ihn dann nicht empfangen?«
»Mein Ehrenwort!« Und als er sich wieder zum Gehen wandte, da sagte sie unfreundlich: »Aber so sehen Sie mich doch wenigstens einmal genau an, damit Sie wissen, wie ich aussehe.«
»Total überflüssig«, rief er ihr zu. »Das alles habe ich im Handgelenk.«
»Wo?« rief Liane entsetzt; aber als sie aufsah, war er schon längst zur Tür hinaus.
Sie überlegte, welche Blätter außerdem in Berlin noch in Frage kamen, telephonierte noch an mehrere Redaktionen und empfing dann die Besuche einer Reihe anderer Reporter, bei denen sich alle Vorgänge fast unverändert wiederholten. Und abends las man in den Blättern:
»Ein sensationelles Duell
Helldorf jun. schwer verwundet
Kurz vor Schluß der Redaktion geht uns die Nachricht zu, daß in der Frühe des heutigen Morgens im Grunewald ein Pistolenduell zwischen Fritz Helldorf, dem in der Berliner Gesellschaft allgemein bekannten Sohn des rheinischen Großindustriellen Eugen Helldorf, und dem Leutnant der Reserve Max Freudenheim stattgefunden hat, bei dem Fritz Helldorf, wie verlautet, durch einen Schuß, der vermutlich die Lunge verletzte, so schwer verwundet wurde, daß an seinem Aufkommen gezweifelt wird.
Wir sind in der Lage, unsern Lesern über die Vorgeschichte dieses Duells folgendes zu berichten. Der Sohn eines bekannten Großindustriellen H. gab gestern zu Ehren der wegen ihrer Schönheit gefeierten Pariser Schauspielerin Lu Courcelles, die sich bekanntlich seit einigen Tagen in Berlin aufhält und im Hotel Esplanade abgestiegen ist, ein Fest bei Hiller, an dem unter anderen auch die Herren Freudenheim und Helldorf teilnahmen.
Im Laufe des Abends gerieten die beiden Herren Lu Courcelles’ wegen in Streit, der bald in Tätlichkeiten überging und das heutige Duell zur Folge hatte, über das übrigens bei Drucklegung dieser Zeilen auf dem Kgl. Polizeipräsidium, das fieberhaft recherchiert, noch nichts bekannt war.
Mademoiselle Lu Courcelles hatte trotz eines Nervenchoks, den sie infolge der Aufregung des heutigen Tages erlitten hat, die Liebenswürdigkeit, einen unserer Mitarbeiter im Hotel Esplanade zu empfangen.
Mademoiselle Courcelles, die unter dem Namen ›La belle Lu‹ in Pariser Theater- und Lebekreisen allgemein beliebt und bekannt ist, äußerte sich wie folgt: ›Ich bin von dem unglückseligen Ausgang des Duells auf das tiefste erschüttert. Ich suche durch die Lektüre von Anatole France meine Gedanken abzulenken; aber es gelingt mir nicht!« – Sie beklagte sich dann bitter, in einen öffentlichen Skandal verwickelt zu werden, wird aber trotzdem nicht eher nach Paris zurückkehren, als bis sich das Schicksal Helldorfs entschieden hat. Eine Konventionalstrafe von 5000 Francs an eine Pariser Bühne, auf der sie morgen auftreten sollte, verfällt heute.
Über den Grund des Renkontres befragt, äußerte sich Madame Lu de Courcelles wie folgt: ›Herr F.‹ – sie scheute sich, den Namen auszusprechen – ›hatte mich nicht mit dem Respekt behandelt, den ich verlangen darf, und den ich gewöhnt bin, und die Folge war, daß Herr Helldorf ein Sektglas nahm und es ihm ins Gesicht warf. Es entstand eine allgemeine Deroute. – Nun, Sie werden begreifen, für mich lag, da ich ja kein Berichterstatter bin,« fügte sie mit liebenswürdigem Lächeln hinzu, ›kein Grund vor, länger in dieser Gesellschaft zu bleiben. Ich nahm den Arm meiner Gesellschafterin und fuhr in mein Hotel, aus dem ich mich seitdem noch nicht herausgerührt habe.‹ Mademoiselle Courcelles verfiel dann in ein konvulsivisches Schluchzen, so daß ich es für taktvoll hielt, mich zu entfernen.«
Dies konvulsivische Schluchzen kehrte in fast allen Blättern wieder; viele brachten das Ereignis an hervorragender Stelle in gesperrter Schrift. Das Morgenblatt schloß:
»Wir hoffen, über diesen Fall, der der beteiligten Personen wegen allgemein großes Aufsehen erregt und in der Gesellschaft viel besprochen wird, morgen unseren Lesern Genaueres mitteilen zu können.« Und darunter als nächste Nachricht stand:
»Herr Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Laßmann berichtete in der gestrigen medizinischen Gesellschaft vor einem erlesenen Kreise von Gelehrten über eine grundlegende Entdeckung, durch die unsere Krebsforschung in völlig neue Bahnen gelenkt und die Aussicht auf erfolgreiche Bekämpfung des Krankheitserzeugers befestigt wird. – Über diese epochemachende Entdeckung des deutschen Gelehrten können wir aus Mangel an Raum unsern Lesern erst in der nächsten Nummer unseres Blattes Näheres mitteilen.«
Diese Zeitungsberichte hatten zur Folge – einmal:
Als Helldorf am Morgen nach dem Renkontre vom Grafen Seydlitz und von Georg Held, die er des Nachts zu seinen Kartellträgern erkoren hatte, geweckt wurde, da hatte er die Vorgänge vom vergangenen Abend nur noch sehr lose in der Erinnerung.
»Richtig«, sagte er, als Held rekapitulierte, und setzte sich auf.
»An sich«, meinte Held, »ist es ja etwas jungenhaft, eines solchen Frauenzimmers wegen sein Leben aufs Spiel zu setzen. Das tun Studenten, aber keine ernsten Menschen.«
Aber Seydlitz widersprach.
»Jrund is Nebensache,« dozierte er, »und wenn’s ’n Droschkenjaul is, um den man in Streit jerät, Nebensache; sobald ’ne tätliche Beleidigung vorliegt, muß jeschossen werden.«
»Seydlitz hat recht«, entschied Helldorf. »Ich habe nach meinen Erfahrungen das Schießen zwar ein für allemal abgeschworen – aber es hilft nichts.«
Es klingelte, und der Diener brachte die Karten zweier Herren.
»Aha«, sagte Helldorf. »Aber ich kann doch unmöglich im Bett empfangen. – — Die Herren in den Salon«, befahl er dem Diener; und zu Held und Seydlitz sagte er: »Sagt, ich sei krank, Ihr habt Pleinpouvoir. Handelt, wie Ihr’s für richtig haltet.«
Und Held ging mit Seydlitz nach vorn und empfing die Herren.
»Wir kommen im Auftrage des Herrn Freudenheim«, begann der eine. Und der andere fuhr fort:
»Herr Freudenheim hat in den letzten zehn Jahren fünf Ehrenhändel mit der Pistole und sieben mit schweren Säbeln ausgefochten. Es kann ihn daher nicht der Vorwurf treffen, daß er nicht jederzeit bereit sei, für seine Ehre sein Leben einzusetzen. Wenn er also geneigt ist, den gestrigen Vorfall mit der beiderseitigen Erklärung des Bedauerns als beigelegt zu betrachten, so geschieht das, weil er meint, daß es sich für zwei seit Jahren gut miteinander bekannte junge Leute aus gutem Hause nicht verlohnt, einer internationalen Kokotte wegen, zu der keiner von beiden bisher in Beziehungen stand, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.«
»Dieser Auffassung«, sagte Held, »trete ich in jeder Beziehung bei.«
»Das freut uns ungemein«, erklärten die Herren.
Aber Seydlitz sagte: »Jrund is Nebensache; und wenn’s ’n Droschkenjaul is, um den man in Streit jerät, Nebensache; sobald ’ne tätliche Beleidigung vorliegt, muß jeschossen werden.«
Trotzdem gelang es Held, durch Abgabe gegenseitiger Erklärungen den Streitfall beizulegen, und das Duell unterblieb.
Freudenheim war aufs Land zurückgekehrt, und Helldorf saß, wie jeden Mittwoch nachmittag, bei Haaks Freundin, Herta Flohr, und trank Tee, als das Abendblatt mit der Nachricht von dem Duell und seiner lebensgefährlichen Verletzung kam.
»Teufel!« rief er. »Das ist eine nette Bescherung.«
Aber Herta heulte laut auf, fiel ihm um den Hals und küßte ihn zärtlich.
»Nein, Fritz«, jammerte sie und war ganz außer sich. »Da bist du nun seit zwei Stunden bei mir und schwebst in Gefahr, und ich weiß es nicht.«
»Aber Kind, so beruhige dich doch, es ist ja kein Sterbenswort daran wahr.«
»Doch! Doch!« widersprach Herta.
»Aber so überleg’ doch: bin ich denn vorhin nicht genau so lieb zu dir gewesen wie an jedem Mittwoch?« fragte er.
Aber Herta lehnte alle Vernunftgründe ab.
»Wenn es doch in der Zeitung steht!« wiederholte sie ein über das andere Mal. »Hier, ganz deutlich!« Und sie hielt ihm das Blatt hin. »Ein anderer kann es doch nicht sein! So lies doch, es ist ja ganz sicher, daß du gemeint bist! Entsetzlich!«
Und je bestimmter er widersprach, um so erregter wurde sie.
»Ich bitt’ dich, sag’ mir die Wahrheit, schone mich nicht. Hat dieser ekelhafte Kerl auf dich geschossen? Schwebst du in Lebensgefahr? – — Natürlich! Du siehst ja aus wie der Tod! – — Himmel!« schrie sie laut. »Du wirst doch nicht etwa hier – — bei mir! – — Das wäre ja schrecklich! Was sage ich dann dem Paul – — wenn man dich hier findet – — er ist schon immer eifersüchtig auf dich – —« und sie rief laut ihre Zofe.
»Martha, schnell ein Automobil für den Herrn von Helldorf! Aber laufen Sie, ehe es zu spät ist – —«
Dann holte sie seinen Hut und Überzieher aus dem Entree und half ihm hinein.
»Nicht wahr, Lieb,« und sie sah ihn ganz ängstlich an, »du nimmst es mir nicht übel, – aber du siehst es ein, daß du bei mir . . . Gott nein! Wie du aussiehst; so eil’ dich nur! Du Ärmster!«
Helldorf kam gar nicht zu Worte.
»Lebe wohl!« rief sie ihm zu und schlug die Tür zu. Dann ging sie wieder in den Salon.
»Gott sei Dank!« sagte sie und atmete auf. »Den Paul wäre ich los gewesen, wenn er bei mir gestorben wäre!« —
Als Helldorf nach Hause kam, erwarteten ihn schon Held und Graf Seydlitz mit großer Ungeduld.
»Eine nette Bescherung!« rief er, als er ins Zimmer trat. »lrréparable!«
»Ich habe jleich jesagt,« erklärte Seydlitz, »Jrund is Nebensache, und wenn’s ’n Droschkenjaul is, um den man in Streit jerät, Nebensache, sobald ’ne tätliche Beleidigung vorliegt, muß jeschossen werden!«
»Das glaube ich jetzt auch,« sagte Held, »nachdem der Vorfall einmal publik ist – — es gibt heute abend keinen Klub und keine Gesellschaft, wo man nicht davon spricht.«
»Selbstredend«, erklärte Helldorf.
Man setzte sich mit Freudenheim in Verbindung, der die gleiche Auffassung hatte; und am nächsten Morgen hatte Helldorf, der leichtsinnig genug war, in die Luft zu schießen, das Pech, daß seine Kugel Freudenheim in die linke Schulter drang, von wo man sie nur mit Mühe und Gefahr am übernächsten Tage entfernen konnte.
Morgens und abends brachten die Zeitungen lange Berichte, die von Liane inspiriert waren; in allen illustrierten Blättern sah man ihr Bild: »Lu de Courcelles, die berühmte Pariser Schönheit, deretwegen dieser Tage zwischen zwei Herren der Berliner Gesellschaft ein Pistolenduell stattfand, bei dem einer der Duellanten lebensgefährlich verletzt wurde«, stand darunter. Mit jeder Post erhielt Liane Liebes- und Engagementsanträge; beides zu teilweis ungewöhnlich günstigen Bedingungen. In dieser Woche war Liane, die sich von nun an nur noch Lu de Courcelles nannte, die berühmteste Frau beider Welten.
XXXII
Geldern hatte noch am selben Tage mit seiner Tante gesprochen. Auch ihr hatten die Menschen kein Leid erspart, und so hatte sie Sinn und Herz für alle Schmerzen, die andere litten. Sie war sofort bereit, sich Luises anzunehmen, kam ihr gütig wie eine Mutter entgegen und empfand es wie eine Wohltat, daß sie ihr helfen durfte.
»Man kämpft gegen das Unrecht anderer nicht an, indem man Gleiches mit Gleichem vergilt«, sagte sie; »damit gibt man ihnen ja nur recht; man muß vielmehr ihre schlechten Taten in ihrer Wirkung aufheben; muß die aufrichten, die sie verdammen, und denen Gutes tun, die sie ins Unglück stürzen.«
»Das muß man«, bestätigte Geldern.
»Aber darauf kommt es zunächst nicht an«, sagte die Tante; »laß die Menschen laufen! Ob sie sich nun kränken oder lustig machen, uns soll es gleich sein. Hier« – und sie nahm Luises Hand – »gibt’s Besseres zu tun. Das Gescheiteste: man kümmert sich überhaupt nicht um die Menschen. Man braucht sie nicht, es geht auch ohne sie.«
»Nun Luise, glauben Sie jetzt, daß Sie in den richtigen Händen sind?« sagte Geldern und wies auf die Tante.
»Wenn ich nicht viel sage,« erwiderte Luise, »so ist es, weil sich so vieles in mir regt, wofür ich nicht die Worte finde. – Ich kann es nicht sagen, was es ist . . . als ob es anfinge, hell in mir zu werden . . . ich kann wieder vorwärts sehen . . . und mir ist, als ob etwas vor mir läge . . . irgendein Ziel – nicht mehr diese große Leere wie bisher – ob es nun das Ende ist – oder das neue Leben . . .?« – sie schüttelte den Kopf – ». . . das weiß ich nicht.«
Die Tante nahm sie in den Arm.
»Es ist das neue Leben, mein Kind«, sagte sie mütterlich; »lassen Sie uns nur ein paar Wochen weiter sein, dann wird sich’s schon zeigen.«
Man beschloß, noch am gleichen Abend zu fahren; Geldern übernahm es, Liane zu verständigen, der man alles, was Luise gehörte, überlassen wollte. Das Nötigste, was Luise brauchte, kaufte man in Berlin, alles andere sollte an Ort und Stelle besorgt werden.
Geldern verständigte seinen Freund, der im Taunus ein Sanatorium hatte, telephonisch und meldete sich und die Damen an.
Dann fuhr er zu Liane, die gerade einen Reporter bei sich hatte und erst gar nicht begriff, was eigentlich vorging. Aber als Geldern ihr die Chancen klar machte, die sich ihr boten, wenn sie jetzt als Lu Courcelles auftrat, fragte sie nicht mehr und willigte ein. Freilich mußte er versprechen, ihr ständig über Luise zu berichten und sie mit ihr zusammenbringen, sobald sie wieder nach Berlin kam.
Auch war sie nicht zu bewegen, alles, was Luise gehörte, als ihr Eigentum zu betrachten; denn sie glaubte nicht an Werners ernste Absicht, Luise für immer bei sich zu behalten; rechnete vielmehr damit, daß sie über kurz oder lang zu ihr zurückkehren würde. Schließlich verständigte man sich dahin, daß alles in Koffer gepackt und irgendwo für Luise aufbewahrt wurde.
»Ohne das Parfüm kann sie nicht atmen«, sagte Liane und packte die Flakons in eine Schachtel. »Das müssen Sie ihr mitnehmen; als letzten Gruß von mir. – Einen Moment!« rief sie dem Reporter zu, der in der Nebenstube saß und alle Augenblicke unsanft an die Tür klopfte, – und sie tat ein Briefchen hinein, in dem stand:
»Treulose Lu! Vergiß mich nicht; und wenn Du seiner überdrüssig bist, dann kehre zurück, ich bin immer für Dich da. Liane.«
Luise lächelte, als sie das las.
»Sie hat mehr Herz als die andern.«
»Das ist ganz sicher«, erwiderte Geldern, der wußte, wen sie mit den andern meinte.
Des Abends reisten sie ab.
Am nächsten Tage untersuchte sie der Arzt, und seine Diagnose lautete: Cerebrale Neurasthenie. Wohl auch ohne daß er sie sah, hätte er nach den Aufschlüssen, die ihm Werner gab, darauf schließen können. »Ihr Einfluß und der Ihrer Frau Tante wird auf die Kranke heilsamere Wirkung ausüben als unsere Kunst«, hatte er mit großer Offenheit erklärt. Und in der Tat vollzog sich in Luise bald ein völliger Wandel.
Die Tante verstand es, ihr Gewissen von jedem Vorwurf, der sie noch quälte, freizumachen und auf den Gang ihrer Gefühle so zu wirken, daß sie für jede ihrer Handlungen eine Erklärung und mit der Erklärung auch eine Entschuldigung fand.
Die täglichen Briefe Werners, des einzigen Menschen, auf den sich jetzt all ihre Gedanken zusammendrängten, lehrten sie alles, was hinter ihr lag, mit ganz anderen Augen ansehen. In ihr wurde das Bewußtsein immer stärker, daß man sich schwer an ihr versündigt hatte, daß gerade die, die sich als Hüter der Moral berufen glaubten, sie zu richten, alle ihre Leiden verschuldet hatten.
Bald lebte sie ganz in den Ideen Werners und wartete froh und zuversichtlich auf die Stunde, wo er sie holen und mit ihr das neue Leben beginnen würde.
Sie war vier Wochen fort, als ihr Werner schrieb:
»Liebe Luise! Wir haben uns nichts mehr zu schreiben; denn in allem kenne ich nun Deine Gesinnung und Deine Gedanken.
›Ist es noch möglich, daß der eine versteht, was dem andern fremd bleibt?‹ fragst Du mich. Nein! Denn der Sinn, den Du und ich ins Leben legen, ist der gleiche.
Sieh, Luise, wir hatten am Leben verzagt; aber wir hatten vergessen, um die Deutung des Lebens zu ringen. Unsere Gedanken hingen weder an Gott noch an der Welt; wir fragten nicht einmal unser Gewissen.
Wir hingen mit allem nur an den Menschen und glaubten: alles Heil hinge davon ab, wenn nicht mit dem Strome, dann gegen ihn zu schwimmen.
Wir versuchten’s; aber wir fühlten bald, daß unsere Kräfte nicht reichten. Um nicht umgerissen zu werden, standen wir still und wußten nicht weiter.
Da standen wir und sannen und betrachteten den Strom, der an uns vorbeischoß und unbarmherzig alles mit sich fortriß; grau und schmutzig stürmte er dahin. Tausend schwache Äste brach er und spülte sie fort, unterwühlte die stärksten und edelsten Stämme, und nur wo kalt und starr ein Fels stand, an dem jede Flut spurlos abglitt, wich er aus.
Da, als Du eben verzagtest, lenkte ich Deinen Blick von dem Strom ab – und wir sahen die Ufer! Menschenleer! Friedlich! Blühend! Von der Sonne beschienen.
Ich nahm Dich in den Arm und trug Dich hinüber – andere Luft wehte da! Alle Qual fiel von uns ab. Wir sanken in die Knie und gelobten: einen Wall gegen den Strom in uns zu errichten, ihm nie mehr zu nahen; wenn aber ein Opfer sich zum Ufer rettet, es nicht in den Strom zurückzustoßen, sondern ihm barmherzig, wie einem Bruder, zu begegnen.
Ich stehe mit Dir am Ufer; den Blick zur Sonne gerichtet; ich holte Dich in meinen Armen, und uns beiden ist leicht. Seit wir die Menschen nicht mehr fürchten, fürchten wir Gott. Aber die Furcht ist Liebe und Ergebung; in seinen Willen! Nicht in den der Menschen! Ihr Spott trifft uns nicht mehr!
Wir wollen abseits gehen mit unseren Gedanken und Gefühlen, uns unsere Welt in uns errichten; wir stehen auf festem Boden.
Ich lege schützend meinen Arm um Dich, Luise, und gelobe Dir Treue.
Werner.«
– — – — – — – — – —
Und wenn die Tante sagte: »Nun werdet ihr bald zusammen sein«, dann sah Luise sie groß und strahlend an. In ihr war alles zur Ruhe gekommen. Es war nicht mehr das laute Glück eines vollen Herzens, das in seiner jungen Liebe jauchzte und am liebsten alle Menschen in die Arme schloß; – es war eine tiefe Ruhe und ein stiller Frieden; und ihr Herz empfand es dankbar, daß sie nun feststand und geborgen war.
Und alle Tage erzählte ihr die Tante von neuem:
»Nun ist es bald so weit; in ein paar Tagen wird er kommen und dich holen, und ihr werdet auf seinem kleinen Landgut leben – ganz für euch, so wie er es sich immer gewünscht hat.«
»Und du wirst viel bei uns sein«, bat Luise.
»So oft man mich braucht, werde ich kommen«, versprach sie und erzählte ihr viel von der schönen Lage, den Wäldern und Wiesen und dem ruhigen, sorglosen Leben.
»Du wirst bald zu jedem Strauch eine innere Beziehung haben,« sagte sie, »wirst Blumen und Bäume pflanzen und hochziehen, dich mit dem Leben der Vögel, der Bienen und der vielen andern Tiere, die du dort findest, befreunden, – was nicht hindert,« – fügte sie scherzend hinzu – »daß hin und wieder auch so ein kleines Menschenkind mit unterläuft, das dich zur Mutter hat.«
Luise drückte ihr die Hand und sah zur Erde.
»Und ringsherum,« sagte die Tante, »aber doch in gehörigem Abstand, so daß ihr wochenlang keinen fremden Menschen zu sehen braucht, wenn ihr nicht wollt, wohnen in kleinen Gehöften Hunderte von Bauern, fleißig und genügsam, zu denen oft Krankheit und Elend kommen, und wo es dann viel zu helfen gibt.« —
Am selben Abend noch kam ein Telegramm von Werner:
»Nächste Woche komme ich und hole euch ab.«
XXXIII
Der alte Geldern war achtzig und seit über zwanzig Jahren Witwer.
Die Gelderns zählten zu Berlins ältesten Familien. Fast zweihundert Jahre lang spielten sie in der Handelswelt eine Rolle. Erst in den achtziger Jahren, als der moderne Geist zur Herrschaft kam und mit aller Tradition brach, zogen sie sich vom geschäftlichen Leben zurück und verschlossen sich auch gesellschaftlich allen, die pietätlos mit dem Althergebrachten brachen und dem »Zuge der Zeit« folgten. Gelderns gehörten zu den wenigen, die im alten Stile weiterlebten. Das Haus, das sein Großvater erbaut hatte, in dem er und sein Vater geboren waren, mit einer Villa im Westen zu vertauschen, wie es die meisten andern taten, war ihm nie in den Sinn gekommen. Nicht etwa, weil darin ein Mangel an Pietät lag, sondern weil er das Gefühl hatte, als gäbe er damit seine Persönlichkeit auf und würde ein anderer.
Denn dies Haus, in dem jeder Raum seine Geschichte hatte, war ihm mehr als nur der Rahmen zu seinem Leben. Es stand in einer Grundbedeutung zu seinem Menschen, der nicht unbeeinflußt von der Tradition, die in jedem dieser Räume herrschte, eben der wurde, der er heute war.
In diesem Hause hatten ihm Vater und Großvater aus ihrem Leben erzählt und die Räume für alle Zeit mit ihrem Wesen ausgefüllt. Und die Luft dieser Räume atmete er mit jedem Augenblicke von neuem. Hier lebten tausend Erinnerungen, die gegenständlich blieben, solange der Schauplatz unverändert blieb, die mit seiner Veränderung aber nur noch mittelbar und unpersönlich wirkten.
Aus diesem Hause trug man ihn lebend nicht heraus.
Seinen Umgang hatte er auf zwei, drei Freunde, die geblieben waren wie er, beschränkt. Denn auf Gesellschaften, die andere gaben, lief man Gefahr, Leuten zu begegnen, von denen man gar nicht wußte, wer sie waren; die ganz ungeniert Gespräche mit einem anknüpften, nach einer Viertelstunde wie alte Bekannte über Familie und Geschäft mit einem sprachen, einen am andern Tag auf der Straße begrüßten und – selbst das war vorgekommen – ohne daß man sie darum bat, die Karte bei einem abwarfen.
Der alte Geldern hatte seinen Wagen mit keinem Automobil vertauscht und seinen alten Kutscher beibehalten. Wie ein Protest gegen die Hast und den Prunk der Zeit mutete der unmoderne Landauer mit dem langbärtigen Kutscher auf dem Bocke an, wenn er in gemächlichem Tempo durch die laut lärmenden Straßen fuhr. Die alten Pferde wurden nicht verkauft, sondern bekamen das Gnadenbrot; und für die Leute im Hause, die er zum Teil von seinem Vater übernommen hatte, sorgte er, wenn sie alt bei ihm wurden, wie ein Bruder und Freund, bis an ihr Ende. Neue Leute waren ihm ein Greuel.
Seine ganz anders geartete, in allem nur aufs Äußere bedachte Tochter, die herz- und gemüts- und daher auch traditionslos nur den Wunsch kannte, sich mit ihrem Gelde eine gesellschaftliche Position zu schaffen, suchte er nur der Kinder wegen auf. An ihnen hing er mit großer Liebe, und auf ihre Entwicklung wirkte er, ohne daß die Eltern es merkten, in seinem Geiste ein. Hingegen war Werner, nachdem er in seiner Ehe völlig zusammengebrochen war und sich von allen Menschen innerlich losgemacht hatte, dem Vater immer näher gekommen. Werner beschäftigte sich mit philosophischen Studien und hatte sein kleines Gut, auf dem er die größte Zeit des Jahres über lebte. Alle acht Tage kam er nach Berlin und sah nach seinem Vater, den er auch oft auf ein paar Tage mit zu sich hinausnahm. Auf dem Lande fühlte sich der alte Geldern am wohlsten; aber nach wenigen Tagen zog es ihn doch immer wieder in sein Haus zurück.
Das letztemal ließ ihn Werner nicht fort, bevor er ihm seine Begegnung mit Luise erzählt hatte.
»Wie ich dazu kam, Helds Einladung anzunehmen, weiß ich eigentlich selbst nicht recht«, begann er. »Ich traf ihn am Vormittag Unter den Linden, und er machte mir, wie immer, Vorwürfe, daß ich mich von aller Welt zurückzöge. Um ihm ein für allemal zu zeigen, daß ich in seine Kreise nicht mehr passe und mit meinem Trübsinn eine ganze Gesellschaft anstecken kann, versprach ich endlich zu kommen. Es waren lauter oberflächliche, geputzte Menschen; Herren aus der Gesellschaft und ein halb Dutzend Frauenzimmer; außerdem zwei junge Französinnen. Die eine: der Typ der guten Pariser Kokotte – die andere . . .« und nun erzählte er dem Vater alles, was sich seit jenem Abend, bis heute, ereignet hatte.
Der hörte ihn bis zu Ende an und unterbrach ihn nicht; nur ein, zwei Male, als er Luises Leiden schilderte und vor Rührung nicht recht weiterkam, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte:
»Aber Junge!«
Wohl eine halbe Stunde sprach Werner und ließ kein Auge von seinem Vater, und als er fertig war, da saßen beide erst eine Zeitlang, ohne ein Wort zu reden und sahen sich an.
Dann griff der Alte über den Tisch nach Werners Hand und hielt sie fest.
»Wie gut, daß die Mutter das nicht mit erlebt«, sagte er; und als er sah, daß Werner erstaunt und enttäuscht war, setzte er hinzu: »Denn Frauen sehen immer nur das Tatsächliche, und ihnen fehlt jede Wertung der Motive.«
»Was meinst du damit?« fragte Werner.
»Nun, daß dies arme Geschöpf für die selige Mutter trotz allem doch immer nur, die Frau mit der Vergangenheit« gewesen wäre.«
»Und wenn sie das alles wüßte, was ich dir eben erzählt habe? . . .« warf Werner ein.
Der alte Geldern schüttelte den Kopf.
»Dann würde sie Mitleid mit ihr haben und über die schlechte Welt entsetzt sein.«
»Nun also«, sagte Werner.
»Ja, aber am Ende würde sie doch sagen: Wer von den Leuten weiß denn das? Willst du es jedem einzelnen erzählen? – Nein, mein Junge, eine Frau folgt solchen Dingen innerlich nur in Romanen; sobald sie aber aus dem Romanhaften heraustreten – also schon auf der Bühne – wird ihr Urteil von tausend Rücksichten beeinflußt. Und wenn es sich gar um die Wirklichkeit handelt, dann würde sie an einer solchen Frau schließlich doch immer allerlei zu tadeln finden – und von einem Mann, der handelte wie du, sagen: So eine Verrücktheit! – Und darum« – und er hielt noch immer die Hand seines Sohnes, – »ist es gut, mein Junge, daß der guten Mutter der Kummer erspart bleibt.«
»So hältst du es also auch für ein Unglück?« fragte Werner enttäuscht.
»Nein«, erwiderte der Alte bestimmt. »Aber bei einer so wichtigen Entscheidung, die ihren Sohn angeht, muß ich dir zunächst alles das vor Augen halten, was die Mutter, wenn sie hier neben uns säße, dir gesagt hätte. Ich weiß, wie sehr du an ihr hingst . . . du muß also wissen . . . ob du trotzdem . . .«
»Wenn die Mutter sie kennen gelernt hätte . . .« unterbrach er den Vater . . .
»Die Mutter hätte sie nie kennen gelernt«, erwiderte der. »Aber ich will dir das Herz nicht unnütz schwer machen . . . am Ende, wenn sie gesehen hätte, daß du zufrieden warst, – und was will denn eine gute Mutter mehr, als ihr Kind glücklich sehen – dann hätte auch sie sich schließlich damit abgefunden; wenigstens innerlich – nach außen, da hätte sie es natürlich nie zu erkennen gegeben.«
»Und du, Vater?« fragte Werner.
»Ich achte deine Gesinnung«, sagte er.
»Ich darf sie dir also ins Haus bringen?«
Der Alte sah ihn an, als verstünde er die Frage nicht recht.
»Das wird sich wohl so gehören«, sagte er. Dann stand er auf, nahm den Kopf seines Sohnes zwischen die Hände, küßte ihm die Stirn und sagte: »Alles Gute, mein Junge. Ich habe das Gefühl, daß du mir diesmal ein braves Mädchen ins Haus bringst.«
»Dafür verbürge ich mich, Vater.«
»Ich brauche dir nicht zu sagen, daß unser guter Name durch die Schande deiner ersten Frau beschmutzt ist; du mußt damals blind gewesen sein. Sieh mal, ich weiß, wie sehr du darunter gelitten hast, wie all der Schmutz dich zermürbt hat. Aber mehr als ich, mein Junge, hast du gewiß nicht gelitten; wenn man es einem in meinem Alter auch weniger anmerkt; aber im stillen hat es gefressen; ich habe mich vor meinen toten Eltern geschämt und bin in meinem eigenen Hause wie ein Gezeichneter mit gebeugtem Haupte herumgelaufen.«
»Vater!« sagte Werner entsetzt.
»Ich sage dir das nicht, um dir weh zu tun. Aber du sollst wissen, daß du nicht der einzige bist, der gelitten hat. Nur hast du dich mehr in deinem Schmerz gehen lassen als ich. Aber« – und er legte die Hände auf Werners Schultern und sah ihm in die Augen – »wenn du mir nun wirklich eine brave Frau ins Haus bringst, du weißt, was ich darunter verstehe, eine, die vornehm in der Gesinnung ist, Verständnis für die Schwächen anderer und ein Herz für die Armen hat, ohne Hochmut, ohne gesellschaftlichen Ehrgeiz, nicht so eine kalte Weltdame, wie deine Schwester ist, siehst du, wenn deine Luise so ein gutes Geschöpf ist, wie du sagst, und noch dazu ein schwer geprüftes, dann wird sie es sein, die die alte Schande auslöscht.«
»Luise wird immer glücklich sein, wenn sie Gutes wirken kann«, beteuerte Werner.
»Du weißt, wie ungern ich neue Menschen kennen lerne,« sagte der Alte, »und wie wenig ich auf gesellschaftliche Formen gebe, – mir scheint es aber doch nötig, daß man das Opfer bringt und mit der Familie deiner Braut trotz allem wenigstens äußerlich eine Art Verbindung herstellt, die ihr nach der Hochzeit ja wieder lösen könnt.«
»Sieh, Vater,« erwiderte Werner, »wie wir, so muß auch Luise alles Böse, das hinter ihr liegt, vergessen. Wenn wir sie nun mit diesen Menschen zusammenführen, dann wird doch alles wieder in ihr wachgerufen.«
Der Alte dachte nach.
»Hast recht,« sagte er, »das geht nicht. Das wäre eine Tortur für sie.« – Dann überlegte er wieder. – »Und doch, so verhaßt mir alles Konventionelle ist, – ganz ohne, scheint mir, geht es nun einmal nicht, – schon Brehmers wegen; sie ist doch nun mal deine Schwester.«
Werner sah das ein.
»Ich werde mit Luise sprechen«, sagte er.
»Um keinen Preis! Das wirst du nicht tun«, forderte der Alte mit großer Bestimmtheit. »Du weißt ja nicht, ob du damit nicht alte Wunden wieder aufreißt. Du kannst mit ihr gar nicht vorsichtig genug sein.«
»Gewiß,« erwiderte Werner, »aber es ist ja möglich . . .«
»Nein, nein!« unterbrach ihn der Alte wieder. »Ganz unmöglich ist das. Hier« – und er hielt ihm die Hand hin – »versprich mir, daß du es nicht tust, daß du es mit keiner Silbe ihr gegenüber erwähnst. – Du kannst sie gar nicht schonend genug behandeln, – denke nur, wie wund noch alles in ihr ist.«
Und Werner schlug ein und sagte:
»Du bist zu gut, Vater! – Was also, meinst du, soll geschehen?«
»Ich werde es mir durch den Kopf gehen lassen; fahr’ du nur zu ihr und nimm ihr die Minna mit; es schickt sich nicht, daß sie keine Frau zur Bedienung um sich hat.«
»Die alte Minna?« fragte Werner.
»Ja,« erwiderte der Alte, »ich habe es ihr für den Fall deiner Wiederverheiratung zugesagt, daß sie um deine Braut sein darf. Sie hat es deiner Mutter auf dem Totenbett versprochen und redet sich nun ein, daß damals alles anders gekommen wäre, wenn sie nicht krank gewesen wäre. Also tu ihr die Liebe.«
»Von Herzen gern«, sagte Werner.
»Und dann sag’ deiner Luise, daß hier ein alter Vater auf seine Tochter wartet.«
»Ja, Vater, das will ich tun; ich fahre noch heute.«
»Halt, da fällt mir noch etwas ein,« fiel ihm der Alte ins Wort, »da war vor ein paar Tagen der Geheimrat Beronson bei mir.«
»Beronson? Seit wann verkehrst du mit dem?« fragte Werner erstaunt.
Der Alte schüttelte den Kopf: »Ich nicht – — er kam deinetwegen . . .«
»Meinetwegen? Was will er von mir?«
»Er hat eine Tochter – ein bildhübsches Mädchen, das Bild trug er bei sich —«
»Ich kenne sie.«
»Das sagte er. – Du hast ihr gefallen . . . er hielt für sie um deine Hand an.«
»Was?«
»Und bot eine runde Million und außerdem noch Zinsen – ich habe die Summe vergessen.«
»Und du?«
»Ich habe ihm erklärt, daß ich mich nicht mit Heiratsvermittlung befasse und es ablehne, dir seine Vorschläge zu übermitteln.«
»Das war die richtige Antwort«, sagte Werner. »Und gab er sich damit zufrieden?«
»Keine Spur; er erhöhte daraufhin die Million um 100.000 Mark und verdoppelte die Zinsen; stand auf, stellte sich breit vor mich hin und fragte: ›Was sagen Sie nun?‹ Ich stand auf und ging, ohne ihn zu beachten, aus dem Zimmer.«
»Und er?«
Der Alte zog die Schultern in die Höhe: »Ich weiß nur, als ich nach einer halben Stunde wieder ins Zimmer kam, war er nicht mehr da. – Aber im Ernst, Werner, obgleich ich weiß, daß es deinen Entschluß nicht ändert, hielt ich mich für verpflichtet, dir das heute zu sagen.«
Am selben Abend noch packte Werner seine Sachen und fuhr in einer Stimmung, die er seit Jahren nicht mehr an sich kannte, zu Luise.
XXXIV
Am nächsten Abend hatte der alte Geldern seine Tochter und seinen Schwiegersohn bei sich zu Tisch. Während des Essens sagte der Alte:
»Ich war gestern bei Werner.«
»So«, sagte die Tochter.
»Ja«, erwiderte der Alte.
»Was macht er denn?« fragte der Schwiegersohn, ohne von seinem Teller aufzusehen.
»Er arbeitet.«
»So«, sagte die Tochter.
»Ja«, erwiderte der Alte.
»Was denn?« fragte der Schwiegersohn und schob das Gemüse zusammen.
»Er schreibt ein Buch.«
»Was für ’n Buch?«
»Die Geschichte der Moral.«
»Der hat’s nötig, über Moral zu schreiben«, meinte die Tochter.
»Er weist darin nach, daß die Moralbegriffe zu allen Zeiten verschiedene waren; daß das, was wir heute für unmoralisch halten, einst für den Gipfel der Moral gegolten hat, und umgekehrt.«
»Damit sucht er sich wohl zu rechtfertigen?« fragte die Tochter.
»Ich wüßte nicht, wofür«, meinte der Alte.
Die Tochter legte Messer und Gabel hin und sah ihren Mann an.
»Verstehst du Papa?« fragte sie ihn.
»Nein«, gab er zur Antwort und aß weiter.
»Werner hat doch am meisten von uns allen dabei gelitten«, sagte der Alte. »Wofür sollte er sich also rechtfertigen?«
»Für den Skandal«, erwiderte die Tochter.
»Den er nicht verschuldet hat?« fragte der Alte.
»Als ob es darauf ankäme«, erwiderte sie.
Und der Schwiegersohn, der fertig mit Essen war, wischte sich den Mund, schob den Teller zur Seite und sagte:
»Jedenfalls hat man ihm doch Dinge nachgesagt, daß ich mich als Schwager geschämt habe.«
»Dinge, von denen ihr genau wußtet, daß sie von Anfang bis zu Ende erlogen waren.«
»Gewiß, aber das wissen doch die Leute nicht«, sagte die Tochter.
Und der Schwiegersohn meinte: »Es gibt nun einmal Menschen, die alles glauben, was erzählt wird.«
»Und für weiteste Verbreitung sorgen«, ergänzte die Tochter.
»Um so mehr hat jeder, der Bescheid weiß – vor allem aber wir! – die Pflicht, zu ihm zu halten und ihn zu verteidigen, statt, wie ihr es tut, von ihm abzurücken.«
»Wir halten ja zu ihm«, sagte die Tochter. »Werner steht mir so nahe wie meine Kinder; nur nach außen, da muß man eben . . .«
»Was muß man?« fragte der Alte.
Und der Schwiegersohn ergänzte:
»Nun, Ilse meint, daß man Rücksichten auf die Gesellschaft nehmen muß, in der sich übrigens in letzter Zeit ein sichtbarer Umschwung zugunsten Werners vollzogen hat.«
»Es ist unglaublich«, sagte der Alte, »die Gesellschaft steht euch also näher . . .«
»Wir leben in ihr . . .« unterbrach die Tochter.
»Leider«, sagte der Alte. »Früher lebte man in der Familie und für die Familie und nicht für Hunderte von Menschen, von denen man nichts weiter als ihr Einkommen und ihren Titel kennt.«
»Die Zeiten haben sich eben geändert«, sagte der Schwiegersohn. »Wenn beispielsweise jemand das Unglück hat, wegen Unterschlagung monatelang zu sitzen, und es stellt sich später seine völlige Unschuld heraus, so kann er einem vielleicht leid tun, aber man kann doch, und wenn es der eigene Bruder wäre, unmöglich weiter mit ihm verkehren.«
»Lassen wir das,« sagte der Alte, »es regt mich nur unnütz auf.«
»Wir vermeiden schon immer solche Gespräche,« sagte die Tochter, »aber du . . .«
»Gewiß, ich habe angefangen von Werner zu sprechen,« gab der Alte zu, »und zwar, um euch zu sagen, daß er im Begriff steht, sich wieder zu verloben.«
Tochter und Schwiegersohn wechselten die Farbe; sahen sie bisher aus, als hätten sie mit zugekniffenen Nasen vor einem Misthaufen gesessen, so machten sie jetzt den Eindruck von Kindern, die in Erwartung einer großen Überraschung im Zirkus saßen – so deutlich stand die Freude auf ihren Gesichtern.
»Ja«, sagte der Alte, der die Veränderung bemerkte und sie als Antwort nahm.
»Also ist es doch wahr?« sagte die Tochter freudig. Und ehe der Alte fragen konnte: »Was?«, reichten ihm beide schon die Hände über den Tisch hinüber und riefen:
»Wir gratulieren.«
»Nein, wie mich das freut!« jubelte der Schwiegersohn.
»Dem Jungen ist es wahrhaftig zu gönnen,« sagte die Tochter, »nach dem, was er durchgemacht hat.«
»Ich habe immer zu Ilse gesagt: Warte nur ab, an dem werden wir alle noch mal unsere Freude haben.«
»Nein! So ein Glück!« jubelte die Tochter.
»Aber er verdient es«, beteuerte der Schwiegersohn.
»Denn Werner ist au Fond ein hochanständiger Mensch; du weißt, Vater, ich habe immer große Stücke von ihm gehalten.«
»Und dies reizende Mädchen!« rief die Tochter.
»Überhaupt die ganze Familie«, bestätigte der Schwiegersohn.
»Steinreich!« sagte die Tochter. »Helleres schätzen sie auf fünfzehn Millionen.«
»Und wie der Vater dasteht! Kein Mensch merkt ihm mehr seine Abstammung an. Er soll bei den nächsten Wahlen für die freikonservative Partei kandidieren.«
»Wann wird denn die Verlobung veröffentlicht?«
»Darf man denn schon darüber sprechen?«
»Wo steckt denn Werner? Wir wären doch gern die ersten, die ihm gratulieren.«
Der Alte hatte sich das alles, ohne ein Wort zu erwidern, mit angehört. Erst jetzt, als ihn sein Schwiegersohn und seine Tochter ganz außer sich vor Freude mit neuen Fragen bestürmten, sagte er vollkommen ruhig:
»Wen meint ihr eigentlich?«
Beide sahen entsetzt auf.
»Was soll das heißen?« riefen sie gleichzeitig; und als er nicht gleich eine Antwort gab, brüllte die Tochter:
»Mit Lotte Beronson natürlich! Mit wem denn sonst?«
Der Alte schüttelte den Kopf. »Nein«, sagte er.
»Was?« schrien beide.
»Die ist es nicht«, sagte er.
»Wer sonst?« fragte die Tochter.
»Sie heißt Luise Kersten und ist die Tochter des bekannten Kunstmalers, der sich vor einem Jahre etwa erschossen hat.«
»Nicht möglich!« schrie die Tochter.
Und der Schwiegersohn nickte spöttisch mit dem Kopfe und sagte:
»Natürlich! Da wird er ja auch besser hineinpassen – Art zu Art.«
»Und das gibst du zu?« fragte die Tochter kategorisch.
»Die Ehe war noch das einzige, wodurch er sich rehabilitieren konnte«, ergänzte der Schwiegersohn.
»Und wie sind die Verhältnisse?« fragte die Tochter.
»Ich meine, um bei dem Vater in unsere Familie hineinzuheiraten, müßte die Mutter die denkbar größten Opfer bringen.«
»Die Mutter ist vor ein paar Wochen gestorben«, sagte der Alte.
»Um so besser«, meinte der Schwiegersohn; »ich hätte ihre Schwelle auch nicht betreten.«
»Wie kommt denn Werner zu den Leuten?« fragte die Tochter. »Ich weiß, daß jeder, der etwas auf sich hält, sich damals von ihnen zurückgezogen hat.«
»Ist dir schon einmal aufgefallen, daß dein Bruder jemals etwas auf sich gehalten hat?« fragte ihr Mann.
»Also hat ihn das Geld gereizt?«
»Ich glaube nicht, daß sie Vermögen haben«, sagte der Alte.
»Was?« rief der Schwiegersohn; seine Frau stand wie eine Säule und brachte kein Wort heraus.
Der Alte fuhr fort:
»Aber sie hat einen vorzüglichen Charakter.«
Da lachte die Tochter laut auf.
»Damit wird er viel anzufangen wissen«, kreischte sie; »von unserer Portierstochter sagt man das auch; vielleicht sieht er sich die mal an; sie ist zwar mit dem Chauffeur von Schusters verlobt, aber am Ende hebt sie die Verlobung auf, um deine Schwiegertochter zu werden.«
Jetzt stand der Alte auf und rief energisch:
»Schweig’! Ich dulde in meinem Hause nicht diesen Ton. Ihr habt meine Entschlüsse in diesen Dingen zu respektieren! Widerspruchslos! Verstanden!? – Ich habe euch von Werners Verlobung Mitteilung gemacht, weil ich es für meine Pflicht hielt; um euer Urteil habe ich euch nicht gefragt. Gefällt euch seine Entschließung nicht, – gut, so bleibt fort! – Aber stört ihn nicht!«
»Komm’!« rief die Tochter ihrem Manne zu und stand auf; und zu dem Alten gewandt, sagte sie:
»Du weißt eben nicht, wer es gut mit dir meint, und stehst noch immer unter dem Einfluß von Werner. Aber du wirst ja sehen, wohin das führt.«
»Du scheinst an dem einen Male nicht genug zu haben«, sagte der Schwiegersohn, der sich erhoben hatte. – »Nachher wunderst du dich wieder, wenn wir es ablehnen, die Suppe, die du dir eingebrockt hast, auszuessen.«
»Ich will nichts mehr davon hören!« forderte der Alte.
»Schön!« sagte die Tochter und gab ihm die Hand: »Gute Nacht, Vater.«
»Es ist unsere Pflicht, ein zweites Mal ein Unglück zu verhüten, solange es noch Zeit ist«, erklärte der Schwiegersohn, verabschiedete sich, nahm seine Frau unter den Arm und ging.
»Er ist altersschwach«, sagte er draußen; »man müßte ihm einen Pfleger bestellen.«
»Um Himmels willen!« schrie die Tochter. »Er wird doch keine Dummheiten machen!«
»Du siehst ja, er macht sie schon!« erwiderte ihr Mann.
»Ich meine, mit seinem Vermögen!« rief sie in großer Erregung.
»Nun, von der Geschichte der Moral wird Werner seinen Haushalt nicht bestreiten können«, meinte der Schwiegersohn.
Und beide waren sich einig darüber, daß es an der Zeit war, einzugreifen und einen Riegel vorzuschieben.
XXXV
Frau Hofbankier Walther saß in ihrem Salon.
Der Diener meldete: »Frau Rittergutsbesitzer Brehmer-Geldern!«
»Ah!« sagte die Frau Hofbankier und sprang auf.
Die beiden Damen begrüßten sich förmlich, und Frau Geheimrat Walther bat ihren Gast, sich zu setzen.
»Wir kennen uns von Kommerzienrat Lessings her«, begann Frau Brehmer-Geldern.
»Natürlich«, bestätigte Frau Hofbankier Walther, die so gut wie ihr Visavis wußte, daß sie sich außer im Theater und auf Wohltätigkeitsfesten nie begegnet waren und sich daher bis zu diesem Augenblick nur vom Sehen und dem Namen nach kannten; und sie fügte hinzu: »Ich wundere mich, Sie nach dem anstrengenden Winter noch in Berlin zu sehen.«
»Sie haben recht«, erwiderte Frau Brehmer-Geldern; »ich hätte die Erholung schon nötig – und säße lieber in Kairo statt in Berlin – aber . . . und das ist es gerade, weswegen ich mir erlaubte, bei Ihnen einzudringen.«
»Aber ich bitte«, überstürzte sich Frau Geheimrat Walther; »es ist mir ein ganz besonderes Vergnügen, Sie bei mir zu sehen.«
»Sehr liebenswürdig«, dankte Frau Brehmer-Geldern; »ich hoffe, daß auch Sie mir bald die Freude machen —«
»Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Frau Walther.
In der Form ging es noch eine Weile weiter, ohne daß Frau Brehmer-Geldern von dem sprach, weswegen sie eigentlich gekommen war.
Sie unterhielten sich von dem Tode einer Frau, die beide kannten.
»Sie ging immer so außerordentlich geschmackvoll gekleidet«, meinte Frau Brehmer-Geldern.
»Ja,« bestätigte Frau Geheimrat Walther, »und sie verstand auch so ausgezeichnet, ein großes Haus zu machen; auf ihren Gesellschaften begegnete man Botschaftern und Ministern.«
Frau Brehmer-Geldern schüttelte den Kopf.
»Es ist schrecklich!« sagte sie. »Warum mußte die Frau nun sterben! Es geht doch zu ungerecht auf der Welt zu.«
»Es gibt in jeder Familie Unglück«, seufzte Frau Geheimrat Walther.
»Gewiß!« bestätigte Frau Brehmer-Geldern. »Ich habe an dem traurigen Fall in Ihrem Hause damals aufrichtigen Anteil genommen, Frau Geheimrat«, versicherte sie.
»Wie?« fragte Frau Walther erstaunt.
»Um so besser, wenn es überwunden und vergessen ist«, sagte Frau Brehmer-Geldern. »Also sprechen wir nicht mehr davon. Ich meinte den plötzlichen Tod des Kunstmalers Kersten.«
»Ach so«, erwiderte Frau Walther und nickte mit dem Kopfe. »Ja, das war eine schöne Geschichte! Nein, wenn Sie wüßten, was wir damals alles durchgemacht haben! Das war ja ganz schrecklich! Mein Mann leidet noch heute darunter! Sie können sich denken, was da so alles auf einen einstürmte! Nicht nur Finanzielles; das ist das wenigste! Alles, was mit Geld gutzumachen ist, darüber kommt unsereiner ja schnell hinweg. Aber das andere!! Was so alles drum und dran hing – ich kann nur sagen: wir sind um Jahre gealtert.«
»Das läßt sich denken«, bestätigte Frau Brehmer-Geldern. »So waren also nicht einmal die Verhältnisse geregelt. Ich dachte, daß man für die Bilder Kerstens so hohe Preise bezahlt hat. Wenn ich mich nicht irre, hängt in einem meiner Salons sogar eine Landschaft von ihm.«
»Unter Diskretion« – und Frau Walther beugte sich zu Frau Brehmer-Geldern und flüsterte ihr ins Ohr – »nicht ein Pfennig war da! Wenn mein Mann nicht gewesen wäre, hätten sie hungern können.«
»Schrecklich!« rief Frau Brehmer-Geldern.
»Aber das bleibt natürlich unter uns, – ich weiß ja, Sie sind verschwiegen. Außer Ihnen weiß das kein Mensch.«
»Auf meine Diskretion können Sie sich verlassen«, beteuerte Frau Brehmer-Geldern. »Und was ist nun aus Ihrer Nichte geworden?«
»Glissons!« sagte Frau Hofbankier Walther.
»Ist sie etwa . . .? Ja, ich wage es gar nicht auszusprechen; aber nach dem, was Sie andeuten, muß man fast das Schlimmste vermuten . . .«
»Was meinen Sie?« fragte Frau Walther. »Fragen Sie ungeniert.«
»Aber Sie dürfen es mir nicht übelnehmen. Ich habe nämlich ein besonderes Interesse daran, es zu erfahren; ich will Ihnen dann auch erzählen, warum; nicht wahr, sie ist in Stellung? . . . Erzieherin . . . Gesellschafterin oder dergleichen? – Sie erweisen mir einen großen Dienst, wenn Sie mir es sagen . . . ich verspreche Ihnen, daß es nicht über meine Lippen kommt.«
»Ich habe Ursache, mich nicht weiter um sie zu bekümmern.«
»So?« sagte Frau Brehmer-Geldern interessiert.
»Mein Mann hat sie fürs erste nach Paris geschickt und in ein erstklassiges Pensionat gesteckt; die Leiterin ist mir persönlich bekannt; sie war vor Jahren Erzieherin meiner Kinder, und ich bin ehrlich genug zu sagen, das, was aus meinen Töchtern geworden ist, das danken sie dieser ausgezeichneten Person, – der es hoffentlich auch gelingt, aus meiner Nichte ein brauchbares Mitglied der Gesellschaft zu machen.«
»Wie interessant!« rief Frau Brehmer-Geldern ein über das andere Mal. »So hat sie sich also etwas zuschulden kommen lassen?«
Frau Geheimrat Walther zögerte.
»So reden Sie doch, bitte«, drängte Frau Brehmer-Geldern in sie. »Ich sagte Ihnen doch schon, daß es für mich von Wert ist, Genaues über Ihre Nichte zu erfahren.«
»Nun, Sie wissen ja, was sich im Hause ihres Vaters ereignet hat. Für ein junges Mädchen unserer Kreise war es natürlich nicht der richtige Boden, auf dem sie da aufgewachsen ist. Somit trifft eigentlich mehr die Eltern die Schuld, als sie selbst.«
»So ist sie also leichtsinnig geworden?« fragte Frau Brehmer-Geldern. »Nun,« – und sie wurde bedeutend ruhiger – »solche Fälle an sich nimmt man ja heutzutage nicht mehr allzu tragisch; es sei denn, daß sie an die große Glocke kommen oder – was natürlich noch bedenklicher ist – daß die Familie, statt sie zu decken, von ihr abrückt. Das scheint mir ja aber nach allem, was ich höre, glücklicherweise hier nicht der Fall zu sein.«
»Wir haben alle den Wunsch, daß sie sich bessert«, versicherte Frau Geheimrat Walther.
»Nun,« erklärte Frau Brehmer-Geldern, »ich will Ihnen ebenso offen begegnen wie Sie mir; es handelt sich um eine Adoption. Auf einem der Nachbargüter von uns sitzt ein sehr reiches, altes, kinderloses, gräfliches Paar, das gern ein junges Mädchen zu sich nehmen möchte, um es später zu adoptieren. Aber Sie glauben gar nicht, Frau Geheimrat, wie schwer es ist, etwas Passendes zu finden. Natürlich muß es ein Mädchen aus erster Familie sein; am liebsten eine Waise. Aber diejenigen, die Vermögen haben, wollen nicht, und die andern kommen nicht in Frage.«
»Wieso nicht?« fragte Frau Geheimrat Walther.
»Nun, Sie wissen doch selbst, wie es heutzutage zugeht. Die eine ist Vorleserin bei einer reichen Jüdin; die andere lehrt Bridge oder unterrichtet Kinder; die dritte ist Empfangsdame in einem photographischen Atelier – alles natürlich gegen Entgelt. – — Nun, Sie werden es dem alten Grafen nachfühlen, wenn er nicht gerade einer ehemaligen Angestellten oder Bedienten sein Vermögen und seinen Namen vermachen möchte. Wer eben so leichtfertig seine gesellschaftliche Stellung opfert, darf sich nicht wundern, wenn ihm solche Chancen entgehen. – Aber liebe Frau Geheimrat,« fuhr sie fort und erhob sich, »da ich zu meiner Freude höre, daß sich Ihre Nichte nach der Richtung hin wenigstens noch nichts hat zuschulden kommen lassen, so haben Sie vielleicht die Güte und lassen sich die Sache mal durch den Kopf gehen.«
Frau Geheimrat Walther war von dem Vorschlage sehr entzückt, begleitete ihren Gast zur Tür und nachdem sie noch einmal, wie bei Beginn der Unterhaltung, einige konventionelle Phrasen gewechselt hatten, drückten sie sich die Hand und sagten sich Lebewohl. – —
Als Frau Rittergutsbesitzer Brehmer-Geldern wieder in ihrem Wagen saß, sagte sie sich:
Das wäre eine nette Blamage gewesen, wenn ich ihr den wahren Grund meiner Erkundigung genannt hätte. Wie gut, daß ich vorsichtig war. Aus dieser Ehe darf natürlich nichts werden! Das wird Papa auch einsehen, wenn ich ihm die Erfahrungen dieses Besuches erzähle.
– — – — – — – —
Noch am selben Abend telephonierte Frau Geheimrat Walther im Auftrage ihres Mannes mit dem Professor Mallinger und berichtete ihm ausführlich über den Besuch der Frau Brehmer-Geldern.
»Und du? – — Und du? – — Was hast du gesagt?« unterbrach sie der Professor alle Augenblicke; und als sie zu Ende erzählt hatte, hörte sie, wie der Professor mit der Faust auf den Schreibtisch schlug und in den Apparat brüllte: »Unverantwortlich! . . . Sand in die Augen streuen . . . ich will nichts mehr hören . . . mitschuldig machen . . .«
»Lächerlich!« rief Frau Geheimrat Walther und hing den Hörer an. »Er brüllt so laut, daß man kein Wort versteht«, sagte sie zu ihrem Mann, der im selben Zimmer saß.
»Ein abscheulicher Mensch«, meinte der Geheimrat.
Und seine Frau bestätigte: »Ein Ekel!« – —
Mit derartigen Feststellungen war der Fall für den Professor jedoch nicht abgetan. In ihm regte sich, wie immer, das »Gewissen«; so nannte er seinen pathologischen Rechtlichkeitssinn, der, ohne sich Gedanken zu machen, tolpatschig in das Schicksal anderer Menschen eingriff und gewissenlos das größte Unheil anrichtete, wenn damit nur ein noch so leiser Verstoß gegen die herrschende Moral aufgedeckt und gesühnt war.
Dieser Mustermensch rannte nach dem telephonischen Gespräch mit seiner Nichte zehn Minuten lang in seinem Arbeitszimmer auf und ab, klingelte dann nach dem Mädchen, das ihm den weichen Hut und Havelock brachte, stieg in die A-Bahn, trat einem Herrn auf die Füße, ohne sich zu entschuldigen, und nahm dann einer Dame, die sich eben setzen wollte, den letzten Platz weg, der noch frei war.
Nach einer Viertelstunde läutete er in der Grunewaldvilla des Rittergutsbesitzers Ralf Brehmer-Geldern und gab dem öffnenden Diener seine Karte. Der trug sie in den Salon, in dem Herr und Frau Brehmer-Geldern beim Tee saßen und sich gerade von dem Erfolge des Besuches bei Frau Geheimrat Walther unterhielten.
Der Rittergutsbesitzer nahm die Karte vom Tablett und las:
»Dr. phil. Hugo Mallinger, a. o. Professor der Philosophie an der Kgl. Friedrich-Wilhelms-Universität,
Stadtverordneter und Ritter p. p.«
»Keine Ahnung«, sagte er und reichte seiner Frau die Karte.
»Ist das was?« fragte sie.
Der Rittergutsbesitzer schüttelte den Kopf.
»Gott ja,« meinte er, »wie man’s nimmt. Was Bedeutendes ist es natürlich nicht, sonst würde man ihn doch wenigstens dem Namen nach kennen; – immerhin, gesellschaftliche Bedenken stehen nicht im Wege, daß man ihn empfängt.« Und zum Diener gewandt, sagte er: »Ich lasse bitten.«
Dann ging er in sein Zimmer, durch dessen andere Tür eben der Professor trat.
Eine tiefe Begrüßung, und sie setzten sich.
»Ich darf annehmen, daß ich Ihnen dem Namen nach bekannt bin«, begann der Professor.
»Aber selbstredend«, erwiderte Herr Brehmer-Geldern.
»Ich habe mir durch meine dreißigjährige Lehrtätigkeit an der Königlichen Friedrich-Wilhelm-Universität sowie durch meine Abhandlungen über die Deutlichkeit der Grundsätze der Kantschen Moral, die in Buchform bei Alexander & Hempel in zweiter Auflage vorliegen, sowie durch meine kommunale und politische Tätigkeit – ich darf es wohl ohne Überhebung sagen – einen Ruf weit über die Grenzen der Reichshauptstadt hinaus geschaffen.«
»Jeder Gebildete kennt Sie und Ihre großen Verdienste«, bestätigte Brehmer-Geldern.
Der Professor war beglückt.
»Ich weiß es,« sagte er, »und doch freut es einen, es überall, wohin man kommt, von neuem bestätigt zu finden. Es wäre für mich nicht ohne Interesse, zu erfahren, ob ich in Ihnen als Gelehrter oder als Politiker nachhaltiger wirke.«
Ralf Brehmer-Geldern verstand nicht recht, was er meinte; er wußte von ihm als Politiker soviel wie als Gelehrter, nämlich gar nichts, und kam der Wahrheit am nächsten, indem er sagte:
»Als beides gleich stark,« – und er tat, als wenn er überlegte – »denn ich wüßte wirklich nicht, wenn ich mich entscheiden sollte, – jedenfalls diese seltene Vielseitigkeit, Herr Professor, ist bewundernswert.«
»Und doch weiß ich, daß ich in dieser Beziehung nicht einzig dastehe; ich erinnere nur an meinen verstorbenen Kollegen Virchow.«
»Richtig,« bestätigte Brehmer-Geldern, »das war ja auch so ein Universal-Genie. Sie haben gewiß keine Kinder, denn sonst wäre es wohl kaum möglich . . .«
»Oh bitte«, unterbrach ihn der Professor und war gekränkt; »ich habe selbst zwar keine Kinder; aber als Senior einer verzweigten Familie habe ich sozusagen als oberste Instanz in allen wichtigen Fragen zu entscheiden. Das ist oft nicht leicht und kostet Zeit; aber ich darf von mir sagen, daß ich diese Pflichten gewissenhaft und mit Hingabe erfülle.«
»Also auch dafür haben Sie Zeit und Sinn?« sagte Brehmer-Geldern und schüttelte den Kopf.
»Ich muß sie haben,« erwiderte er, »denn ich halte es für meine moralische Pflicht, meine größere Erfahrung und Einsicht meiner Familie zur Verfügung zu stellen.«
»Ich wünschte, wir hätten auch solche moralische Stütze«, klagte Brehmer-Geldern. »Es gibt auch bei uns in der Familie Fälle, in denen wir sie brauchen könnten.«
»Gewiß, solche Fälle gibt es«, stimmte der Professor bei und rückte seine Brille gerade. »Und eines solchen Falles wegen bin ich hier, weil ich es für meine Pflicht halte . . .«
»Wie?« unterbrach ihn Brehmer-Geldern. »Meinetwegen?«
»Jawohl! Ihretwegen«, wiederholter er mit großer Bestimmtheit, ohne zu sehen, wie unsicher Brehmer-Geldern wurde, dem in diesem Augenblick tausend Sünden durch den Kopf schossen.
»Ich«, sagte der Professor, »bin hier, um Sie zu warnen.«
»Nanu!« fuhr Brehmer-Geldern auf.
»Ich weiß zwar nicht, wie weit Ihre Gattin bereits unterrichtet ist,« – Brehmer-Geldern wechselte die Farbe – »jedenfalls halte ich mich als Onkel des jungen Mädchens . . .«
»Teufel ja!« fuhr Bremer-Geldern in die Höhe. »Wie war doch gleich Ihr Name, Herr Professor?«
»Wa—a—s?« fragte der entsetzt. »Nach meinem Namen fragen Sie?«
»Ja«, wiederholte Brehmer-Geldern in großer Erregung und suchte in seiner Tasche vergeblich die Karte, die im Salon lag.
»Nachdem wir eine halbe Stunde lang von meiner Berühmtheit gesprochen haben, fragen Sie mich, wie ich heiße?«
Er stand empört auf: »Mein Herr! Das finde ich beispiellos!«
»Und ich finde die Form, in der Sie Ehrenhändel erledigen, zum mindesten ungewöhnlich«, erwiderte Brehmer-Geldern sehr unsicher. »Wenn ich Ihrem Fräulein Nichte zu nahe getreten bin – — was übrigens erst noch zu beweisen wäre, und was ich zunächst mal in Abrede stelle, denn Sie wissen, daß ich verheiratet und Vater dreier Kinder bin – so stehe ich Ihnen und jedem, der legitimiert ist, selbstverständlich zur Verfügung. Hier aber einfach in mein Haus zu dringen und, während meine Frau nebenan beim Tee sitzt, mir stundenlang vorzuerzählen, was für ein bedeutender Mensch Sie sind . . . wissen Sie, das ist eine Art, für die Ehre Ihre Nichte einzutreten, die – nun, ich will Sie nicht beleidigen, aber ich muß sagen, zum mindesten den Reiz der Neuheit hat.«
Der Professor war außer sich und hörte längst nicht mehr auf das, was Brehmer-Geldern sagte. Er zog aus seiner Rocktasche eine Visitenkarte hervor und legte sie auf den Tisch.
»Hier, mein Herr!« und er klopfte mit der Faust auf den Tisch: »Der bin ich! Damit Sie’s wissen! – Und im übrigen soll es mir ganz gleich sein, ob Ihr Gutsnachbar meine Nichte adoptiert oder nicht . . . Leute, die so wenig auf Bildung halten, daß sie mich nicht kennen, stoßen sich vielleicht auch nicht daran, eine Kokotte an Kindesstatt anzunehmen.«
»Was? . . . Wie? – — Wovon reden Sie da?« fragte Brehmer-Geldern. »Ich verstehe keine Silbe – — Wen meinen Sie denn? . . .«
»Ich spreche von meiner Nichte Luise Kersten.«
»Was?« fiel er ihm ins Wort. »Von der Braut meinen Schwagers?«
»Mein Herr, Sie sind konfuse!« brüllte der Professor. »Ich wüßte nicht, was Ihr Schwager mit meiner Nichte zu schaffen hätte.«
Brehmer-Geldern hielt sich den Kopf.
»So sind Sie also gar nicht der Onkel von . . .?«
»Wessen Onkel . . .? Natürlich bin ich – — ich sage Ihnen ja . . .«
»Ich meine,« unterbrach ihn Brehmer-Geldern, »von dieser reizenden kleinen Lola aus der Kurfürstenstraße?«
»Kenne ich nicht«, sagte der Professor kurz; wies noch einmal auf den Tisch, auf dem seine Karte lag:
»Da! Der bin ich!« und verschwand.
XXXVI
»Was war denn?« stürzte Frau Brehmer-Geldern in großer Neugier ins Zimmer. »Ihr seid ja gehörig aneinander geraten.«
Ihr Mann war jetzt wieder Herr der Situation.
»Schämen muß man sich«, brüllte er seine Frau an.
»Was wollte er denn?«
»Mir mitteilen, daß seine Nichte Luise Kersten . . .«
»Was, das ist ein Onkel . . .«
»Der Braut deines Bruders; allerdings! Und seine Braut . . . unsere neue Schwägerin ist . . .«
»Nun?« fragte sie ungeduldig.
»Ein Frauenzimmer!«
»Ralf!« schrie Ilse entsetzt. »Solch Wort in unserm Hause!«
»Es wird sich, fürchte ich, kaum vermeiden lassen, nicht von ihr zu sprechen. Dazu sind die verwandtschaftlichen Beziehungen leider zu nahe.«
»Du denkst doch nicht etwa, daß aus dieser Ehe etwas wird?«
»Ich wüßte nicht, wie du es verhindern wolltest. Im übrigen scheint mir die Schwierigkeit auch ganz wo anders zu liegen.«
»Worin?«
»Ich meine, sie liegt bei deinem Papa.«
»Der wird, wenn er das hört, nie dulden . . .«
»Ich halte es nicht für klug«, unterbrach er sie.
»Was?«
»Die Ehe zu inhibieren.«
»Ralf!« rief sie entsetzt. »Willst du etwa . . . bedenke, du hast eine Stellung zu verlieren, du bist Reserve-Offizier und hast Kinder.«
»Eben deshalb«, erwiderte er.
»Ich verstehe dich nicht«, sagte sie und schüttelte den Kopf.
»Leider.«
»Also erkläre mir.«
»Was hältst du von deinem Bruder?« fragte er sie.
»Das weißt du doch; nichts! Im Gegenteil, er ist eine Blamage für die ganze Familie.«
»Eben! – — Das meine ich auch.«
»Na also!«
»Ich meine,« sagte er, »an ihm wäre nichts verloren!«
»Gewiß nicht.«
»Dein Vater sollte sich endlich von ihm lossagen!«
»Wenn du das fertig brächtest!«
»Und ihn enterben!«
»Ralf!« schrie sie begeistert und fiel ihm um den Hals. »Stammt der Gedanke von dir?«
»Ja«, sagte er. »Wenn dein Bruder diese Ehe eingeht, so hat dein Vater sogar die moralische Pflicht, das zu tun. An uns ist es, ihm das klar zu machen.«
Das verstand sie nicht ganz; aber sie war von dem Gedanken so entzückt, daß sie »Natürlich« sagte.
»Wenn das vor unserer Ehe geschehen wäre,« sagte Brehmer-Geldern, »hätte mein Vater nie eingewilligt, daß ich in eure Familie heirate. – Wenigstens nicht unter den gleichen Bedingungen«, setzte er hinzu.
»Das glaube ich gern.«
»Wird der Ruf der Familie aber jetzt derart ramponiert, so muß doch irgend etwas geschehen. Wenn ich ein Haus habe, und die Stadt nimmt mir die Vorgärten, um die Straße zu verbreitern, ja, dann wird das Haus doch entwertet, und ich habe einen Anspruch auf Entschädigung, die man mir auch widerspruchslos bewilligt. Ich sehe durchaus nicht ein, weshalb wir zartfühlender sein sollen, als es der Magistrat verlangt.«
»Nein, Ralf!« rief seine Frau. »Ich kenne dich nicht mehr. Du bist ja ein Finanzgenie; am Ende hättest du doch lieber Kaufmann als Landwirt werden sollen.«
»Übrigens, so viel ich weiß, stellt dein Bruder doch gar keine Ansprüche ans Leben.«
»Im Gegenteil, er verschenkt alles an Arme; für sich braucht er so gut wie nichts.«
»Also! Wenn er einmal sein Pflichtteil unter die Armen verteilt, genügt das doch auch – — wir werden uns jetzt auf den Weg machen und Papa unsere Bedingungen stellen. Akzeptiert er sie, so wollen wir Ja und Amen zu diesem allerliebsten Familienzuwachs sagen. Lehnt er sie ab, so brechen wir die Beziehungen ab und wenden uns an die zuständige Instanz. Dann muß ihm eben die Verwaltung über sein Vermögen entzogen und uns übertragen werden. Denn allein auf Grund seiner Einwilligung in diese Ehe bekommen wir so viel medizinische Gutachten über seine Altersschwäche, wie wir nur haben wollen.«
In diesem Augenblick erschien der Diener an den Portiere und meldete:
»Herr Werner Geldern.«
»Was?« fragten beide zugleich und wandten sich um.
»Der Herr Bruder der gnädigen Frau«, wiederholte der Diener.
»Ja . . . ja . . . ich weiß schon«, sagte Frau Brehmer-Geldern gereizt . . . und zu ihrem Manne gewandt, meinte sie:
»Was soll nun geschehen?«
»Empfangen natürlich«, erwiderte der. »Er kommt wie gerufen. – Hier hinein!« wandte er sich an den Diener.
»Sehr wohl, Herr Rittergutsbesitzer«, sagte der und verschwand.
»Was willst du ihm sagen?« fragte Frau Brehmer-Geldern.
»Das wirst du gleich hören.«
Der Diener erschien wieder; verkündete nochmals laut:
»Herr Werner Geldern!« – schob die Portiere auseinander und verschwand wieder, nachdem Geldern eingetreten war.
Brehmer-Geldern ging ihm entgegen, schüttelte ihm die Hand und sagte in freundlichem Tone:
»Nun, du willst uns eine Neuigkeit melden – aber wir wissen schon und gratulieren dir von ganzem Herzen.«
Werner machte ein erstauntes Gesicht.
Als dann auch noch seine Schwester an ihn herantrat und ihm – seit Jahren zum ersten Male – einen Kuß auf die Backe drückte, da platzte er ganz ungeniert heraus und fragte:
»Ja, Kinder, was hat denn das zu bedeuten? Ich dachte euch in vollem Aufruhr anzutreffen, und nun kommt ihr mir mit einer Freundlichkeit entgegen, die ich gerade von euch zu allerletzt erwartet hätte.«
Brehmer-Geldern bot ihm einen Stuhl an, und sie setzten sich.
»Wir nehmen an, daß wir diesmal Grund haben, uns zu freuen.«
»Ich weiß nicht,« erwiderte Werner, »ob wir in unserm Geschmack übereinstimmen.«
»Nun, dich wird bei deiner Wahl doch diesmal ausschließlich der Wunsch geleitet haben, dich zu rehabilitieren«, sagte Brehmer-Geldern.
»Nach welcher Richtung?« fragte Werner.
»Vor allem nach der Richtung, daß du dich besser als damals über den Charakter deiner zukünftigen Frau orientiert hast.«
»Darin hat Ralf recht«, stimmte die Schwester bei, die das Gefühl hatte, auch etwas sagen zu müssen.
»Wenn es das ist,« erwiderte Werner, »so dürft ihr unbesorgt sein.«
»Wir meinen, daß auch ihr Ruf ein untadeliger ist«, sagte die Schwester.
»Ihr Ruf?« fragte Werner.
»Ja«, bestätigte Brehmer-Geldern; »daß Verwandte und Bekannte für ihre Lauterkeit und ihre – aber daran zu zweifeln, hieße dich kränken . . .«
»Bitte, sprich es nur aus«, sagte Werner.
»Ich wollte sagen: für ihre Unbescholtenheit eintreten.«
»Ich glaube, daß unsere Begriffe über Unbescholtenheit weit auseinandergehen«, erwiderte Werner.
»Meiner Ansicht nach ist Unbescholtenheit kein Werturteil, sondern eine Tatsache«, sagte die Schwester. »Unbescholten ist jede Frau, die sich hinsichtlich ihrer Frauenehre nichts hat zuschulden kommen lassen.«
»Akzeptiert«, sagte Werner. »Und es wäre demnach in jedem Falle festzustellen, ob auf Seiten der Frau ein Verschulden vorlag.«
»Oh,« widersprach die Schwester, »sobald ein ›Fall‹, wie du sagst, vorliegt, kann von einer Unbescholtenheit überhaupt keine Rede mehr sein.«
»Das ist auch meine Ansicht«, erklärte Brehmer-Geldern.
»Nun, dann ist es besser, wenn wir das Gespräch abbrechen«, meinte Werner. »Wir werden einander ja doch nicht überzeugen.«
»Schlimm genug, daß du dich nicht überzeugen läßt«, sagte die Schwester. »Ich will dir nämlich verraten, daß wir einiges, und zwar wenig Erbauliches über deine Braut erfahren haben.«
»Um so besser,« sagte Werner, »denn um so schneller werden wir miteinander ins reine kommen. – Ich bin natürlich nicht hier, um euch zu bitten, meine Braut wie eine Schwester bei euch aufzunehmen.«
»Wir haben von der einen Schwester noch genug, die du uns damals zugeführt hast«, sagte Brehmer-Geldern.
Werner überhörte es.
»Ich bitte euch auch nicht um Rücksicht auf mich; sondern lediglich auf Papa.«
»Was soll das heißen?« fragte Brehmer-Geldern.
»Das möchte ich auch wissen«, sagte die Schwester.
»Papa leidet darunter, daß wir nicht wie Geschwister miteinander stehen.«
»Ist es vielleicht unsere Schuld?« fragte die Schwester; und Brehmer-Geldern sagte:
»Du machst es einem ja unmöglich, mit dir zu verkehren.«
»Solche Opfer verlange ich auch gar nicht von euch«, erwiderte Werner. »Es genügt vollkommen, wenn es zum Schein geschieht; Vaters wegen; es braucht kein Mensch sonst zu erfahren, daß ihr mit mir umgeht. – Und um wie lange Zeit handelt es sich denn schon groß? Leider! Papa ist achtzig; wenn Gott will, noch zehn Jahre! Und es wäre durchaus genug, wenn wir wenigstens an den hohen Feiertagen, zu seinem Geburtstage und zu Mamas Sterbetage bei ihm zusammen wären.«
»Ich habe nichts dagegen«, meinte Brehmer-Geldern und sah seine Frau an, die nichts sagte und nur den Kopf schüttelte.
»Und dann«, fuhr Werner fort, »müßte man natürlich jetzt . .«
»Etwa . . .?« sagte die Schwester.
Werner sah sie an.
»Du meinst, mit dieser Person zusammenkommen?« ergänzte sie.
»Euretwegen nicht!« rief Werner wütend. »Wenn es nicht Vaters wegen wäre, so käme mir natürlich gar nicht der Gedanke, euch darum zu bitten. Wozu auch? Wir haben ja doch nichts Gemeinsames; nicht einmal einen Gedanken oder ein Gefühl; geschweige denn ein gemeinsames Interesse – außer eben: Papa. Seinetwegen aber, meine ich, daß wir alle das Opfer bringen sollten.«
»Das Opfer ist etwas ungleich«, sagte die Schwester.
»Das dürfte schwer festzustellen sein«, meinte Werner.
»Nein, bei dir kann es sich doch im Höchstfalle um ein physisches Unbehagen handeln,« sagte sie, »während bei uns gesellschaftliche Rücksichten in Frage kommen. Den Luxus, sich den Verkehr nach dem persönlichen Geschmack zu wählen, können sich Leute, die wie wir eine gesellschaftliche Rolle spielen, nicht gestatten. Schon daß ein Bruder von mir dies Mädchen heiratet, gefährdet unsere Position, die wir uns mühsam und teuer genug errungen haben, und kann sie erschüttern, wenn wir, statt ganz offiziell von euch abzurücken, bei Papa mit ihr zusammentreffen oder – woran natürlich gar nicht zu denken ist – sie gar in unserm Hause empfangen.«
»Ich gebe das zu«, sagte Werner, »und will euch, da ich eure gesellschaftlichen Ambitionen kenne, auch entgegenkommen. Kein Mensch braucht es zu erfahren. Kein Fremder braucht dabei zu sein. – Ich glaube, Papa würde einen Teil seines Vermögens darum geben, wenn er für den Rest seines Lebens das Bewußtsein hätte, daß seine Kinder zusammenhalten.«
»Das soll er nur tun«, entfuhr es Ralf.
Werner sah ihn an. »Wie meinst du das?« fragte er ihn.
»Sehr einfach«, erwiderte Ralf. »Jeder, dessen Verstand noch nicht unter den Jahren gelitten hat, würde einen Sohn, der ihm eine solche Schwiegertochter ins Haus bringt, einfach enterben.«
»Zu euren Gunsten natürlich«, ergänzte Werner.
Ralf zog die Schultern in die Höhe.
»Wieso zu unsern?« fragte er. »Natürlich zugunsten der gesetzlichen Erben; die wären, vorausgesetzt daß wir Papa überleben, in diesem Falle allerdings wir.«
»Und falls das geschähe,« fragte Werner, »so würdet ihr bereit sein . . .«
»Deine Braut, so wie es ihr unter normalen Verhältnissen zukäme, in verwandtschaftlicher Liebe bei uns aufzunehmen und euch beide, so oft ihr es wünscht – auf große Gesellschaften legt ihr ja keinen Wert – mit Papa bei nun zu sehen.«
»Ebenso gern würden wir natürlich auch mit euch bei Papa zusammentreffen«, erklärte die Schwester.
»Ihr braucht das Geld sehr nötig?« fragte Werner, der nur schwer seine Erregung niederkämpfte.
»Gott, nötig . . .« erwiderte seine Schwester, »wie man’s nimmt . . .«
»Habt ihr Verluste gehabt?« fragte er weiter.
»Wie meinst du das?« fragte sie.
»Etwa spekuliert . . . an der Börse oder . . .«
»Aber nein! Keine Spur!« gab sie zur Antwort. »Unser Vermögen ist intakt. Nur – ich kann es dir ja offen sagen. Wir haben die Absicht, uns ein Majorat zu kaufen.«
»So!« sagte Werner.
»In der Nähe von Posen.«
»Ihr wollt von eurem Rittergut herunter?«
»Aber nein«, erwiderte Ralf. »Wir bleiben natürlich, wo wir sind. In die Gegend kriegen mich nicht zehn Pferde; da setzen wir einen Verwalter rauf, der kann da schwarz werden.«
»Und wozu dies Majorat? Wirft es was ab?« fragte Werner.
Ralf lachte laut auf.
»Du,« sagte er zu seiner Frau, »hast du gehört, ob es was abwirft; in der Gegend! Na, ich danke! Anderthalb Prozent. Aber« – und er tat geheimnisvoll – »etwas anderes wirft es ab . . . na, rat’ mal!«
Werner zog die Schultern in die Höhe.
»Den Adel!« sagte Ralf mit großem Aplomb, »den erblichen Adel! Na, nu wirst du es wohl begriffen haben.«
»Allerdings«, erwiderte Werner.
»Und was wirst du tun?« fragte die Schwester.
»Ich will um Papas willen auf euren Vorschlag eingehen . . .«
»Werner!« rief sie ganz außer sich vor Freude und wollte sich ihm an den Hals werfen.
»Einen Augenblick,« bat Werner und wehrte mit den Armen ab, »ich habe noch nicht zu Ende gesprochen. Ich bin, wie gesagt, bereit, mich mit meinem Pflichtteil zu begnügen, falls die andere Hälfte meines Erbteils für wohltätige Zwecke verwandt wird.«
»Quatsch!« sagte die Schwester; und Ralf schrie wütend:
»Willst du mir vielleicht mal erklären, wo dabei für uns der Vorteil liegt?«
»Ich verstehe euch gar nicht«, sagte Werner. »Beide Parteien, ihr und ich, sind bereit, Papa ein Opfer zu bringen. Ihr erklärt mir nun, daß euer Opfer größer als meines sei; denn außer dem physischen Unbehagen hättet ihr auch noch ein gesellschaftliches Risiko, das bei mir fortfällt. Dafür opfere ich nun die Hälfte meiner Erbschaft; ihr selbst habt erklärt, daß diese Hälfte euch genügen würde, um eure gesellschaftlichen Bedenken fallen zu lassen. Damit ist klipp und klar zum Ausdruck gebracht, daß euer gesellschaftliches Risiko und mein finanzielles Opfer gleichwertig sind. Wenn ihr also einen Funken Logik habt, so müßt ihr meinen Vorschlag akzeptieren.«
»Nein!« schrie Ralf.
»Deine Logik kümmert uns gar nicht!« brüllte die Schwester.
»Gut, so lassen wir’s«, sagte Werner.
»Nein, mein Lieber, so einfach ist die Sache denn doch nicht«, erklärte Ralf. »Falls du unser Propos ablehnst, so werden wir erst mal Papa, und zwar durch die eigne Verwandtschaft deiner Braut, die Augen darüber öffnen lassen, was für einer Tochter er da eigentlich seinen Namen und sein Geld gibt. Da wird es sich dann ja zeigen, ob er sich nicht doch noch eines besseren besinnt und endlich einsieht, was du für ein Mensch bist.«
»Das heißt also: Kampf?« fragte Werner. »Ohne Rücksicht auf den alten Vater?«
»Du hast den Frieden, wenn du ihn willst«, erwiderte Ralf. »Du kennst unsere Bedingungen; überlege es dir.«
»Nein!« sagte Werner und ging.
XXXVII
Aber dem Professor, der inzwischen in Erfahrung gebracht hatte, daß es sich gar nicht um eine Adoption, sondern um eine Ehe handle, ließ es keine Ruhe.
Wo die Moral gefährdet war, hatte jedes Mitglied der Gesellschaft die Pflicht, einzugreifen, sagte er sich. Und allein der Umstand, daß in diesem Falle ein Mitbedrohter ein Esel war, der nicht einmal eine Ahnung von seiner Existenz hatte, befreite ihn noch nicht von der Pflicht, die er gegenüber der Gesellschaft hatte, eine unmoralische Handlung, wie es diese Ehe war, mit allen Mitteln zu hintertreiben.
Der alte Geldern weigerte sich, ihn zu empfangen.
»Sie wissen doch genau so gut wie ich,« sagte er zu seinem alten Diener Martin, »daß ich einen Mann dieses Namens nicht kenne.«
»Gewiß, Herr Geldern«» erwiderte der, »aber als ich ihm das deutlich machte, meinte er: ›Sagen Sie nur, der Universitätsprofessor Dr. Mallinger wünsche ihn zu sprechen; dann weiß er schon . . .‹«
»Sagen Sie dem Professor, daß ich nicht das Vergnügen hätte, ihn zu kennen, und daß er so freundlich sein möchte, sich an meinen Sekretär zu wenden.«
Der Professor raste; diese fortgesetzten Demütigungen Luises wegen wurden nachgerade unerträglich. – »Aber nun wundere ich mich auch nicht mehr, daß es so unmoralisch auf der Welt zugeht,« sagte er sich; »denn wahrhaftig, es wird einem schwer gemacht, sich für die Moral einzusetzen. Man muß schon so völlig selbstlos sein wie ich, um durchzuhalten.«
Dann nahm er eine Visitenkarte und schrieb darauf: »Professor Mallinger, dessen Zeit kostbar ist, hielt sich für verpflichtet, Ihres Sohnes wegen mit Ihnen zu sprechen.«
Als Geldern die Karte las, stand er auf und sagte:
»So! Also mein Sohn kennt ihn – das ist natürlich etwas anderes. Ich lasse bitten.«
Als der Professor eintrat, stand Geldern auf, ging ihm entgegen und reichte ihm die Hand.
»Einen ungewandten Diener haben Sie da«, sagte der Professor verärgert.
»Seit fünfundvierzig Jahren als zuverlässig erprobt,« erwiderte Geldern, »und ich hoffe nicht, daß er vor mir die Augen schließt; ich würde ihn stündlich vermissen. Wer in mein Haus kommt, muß sich schon an ihn gewöhnen. – Aber bitte, nehmen Sie Platz.«
»Für jemanden wie mich, dem jede Minute kostbar ist, wäre das jedenfalls nicht das Richtige«, sagte der Professor und setzte sich.
»Würde ich Ihnen auch nicht empfehlen,« erwiderte Geldern, »aber in meinem Hause wird nicht Akkord gearbeitet, und ich lege auf Geräuschlosigkeit mehr Wert als auf Schnelligkeit.«
Der Professor schüttelte den Kopf.
»Nicht zeitgemäß«, dachte er.
Martin kam und zündete die große, schwere Kristallkrone an. Als er auf dem Tritt stand, wandte sich Geldern zu ihm um und sagte:
»Martin, so hören Sie doch endlich, wenn ich Ihnen sage, Sie sollen Fritz das machen lassen. Wenn Sie mal runterstürzen, in Ihrem Alter heilt kein Glied mehr.«
»Es geht schon noch,« erwiderte Martin gekränkt. »so alt, wie der gnädige Herr mich machen, bin ich denn doch noch nicht.« Und er zündete langsam und bedächtig die Kerzen an; stieg wohl ein halbes Dutzend Male von dem Tritt herunter, setzte ihn an eine andere Stelle, rückte hier und da ein Licht gerade; kurz: es dauerte gut zehn Minuten, bis alle Kerzen brannten.
Der Professor wurde ungeduldig und rückte auf seinem Sessel hin und her. Der alte Geldern sah es; tat aber, als merkte er es nicht. Als die Kerzen zu drei Vierteln brannten, konnte der Professor nicht mehr an sich halten und sagte:
»Das genügt ja wohl.«
Martin drehte sich auf dem Tritt um und sah ganz entsetzt den alten Geldern an. Der gab ihm ein Zeichen, in seiner Arbeit fortzufahren.
»Gottlob«, sagte Martin leise.
»Die brannte hier, an derselben Stelle, am Hochzeitstage meiner Eltern zum ersten Male«, sagte der alte Geldern. »Das ist nun über neunzig Jahre her; seitdem ist kein Abend vergangen, an dem sie nicht gebrannt hat.«
Der Professor schüttelte den Kopf. Eine umständliche Pietät, dachte er, sprach es aber nicht aus, sondern sagte nur:
»Wenn Sie die Kerzen durch elektrische Birnen ersetzt hatten, ginge es schneller, – und billiger wäre es auch.«
Der alte Geldern aber dachte: als ob das dasselbe wäre! – Aber wozu es aussprechen, er versteht es ja doch nicht.
Als Martin die Rouleaux zugezogen hatte und – endlich! dachte der Professor – draußen war, fragte der alte Geldern:
»Und nun, Herr Professor, darf ich bitten« – und er machte eine Handbewegung und forderte ihn auf zu reden.
»Ich darf wohl annehmen, daß ich Ihnen als Gelehrter, durch meine Forschungen über die Deutlichkeit der Grundsätze der Kantschen Moral, die jetzt in Buchform in zweiter Auflage bei Alexander & Hempel vorliegen, ebenso bekannt bin wie als Politiker.«
»So?« sagte Geldern. »Mit Politik befassen Sie sich auch?«
»In hervorragender Weise! Ich bin seit Jahren Kandidat der nationalliberalen Partei.«
»Dann müssen Sie doch auch mit meinem Schwiegersohn bekannt sein?«
»Mit wem?« fragte der Professor und machte ein sehr verdutztes Gesicht.
»Nun, mit dem Rittergutsbesitzer Brehmer-Geldern, der bei den letzten Wahlen auch kandidiert hat. Er ist ein Freund von Stresemann.«
Der Professor nickte mit dem Kopf und sagte kurz:
»Ja, ja – das heißt, ich kenne ihn erst seit kurzem: rein durch Zufall kam ich mit ihm zusammen; kein Wunder übrigens, Sie sagten vorhin Stresemann —«
»Jawohl«, bestätigte der alte Geldern.
»Demnach der andere Flügel der Partei. – Unsere politischen Ansichten sind also grundverschieden – ausnahmslos! Es gibt keine wichtige Frage, in der wir übereinstimmen – ich stehe jedem Konservativen innerlich näher – zum Beispiel« und nun begann er mit einer jener endlosen Reden, mit denen er alle fünf Jahre seine Wähler langweilte.
»Da Ihnen jede Minute so kostbar ist,« unterbrach ihn der alte Geldern, ohne daß der Professor die Ironie merkte, »so halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich ein durchaus unpolitischer Mensch bin, daß mir also jedes Parteiprogramm ein Greuel ist. Politische Fragen sind Gewissensfragen. Und wie kann man sein Gewissen durch eine Reihe von Paragraphen ein für allemal festlegen? So wenig wie jedes andere Gefühl. Ich bin ein Mensch, der ohne jede Rücksicht auf ein Programm seine Entschlüsse frei fassen muß. Ich kann das nicht! Genau so wenig, wie ich meinen Geschmack und meine Lebensgewohnheiten der Gesellschaft zuliebe nach der gerade herrschenden Mode ändern kann. Dazu müßte jemand, der so alt wird, wie ich, zu oft umlernen.«
»Ein Mensch ohne Programm hat in einem geordneten Staatswesen keine Existenzberechtigung«, dozierte der Professor. »Das Leben eines ordnungsliebenden und pflichttreuen Menschen«, sagte er mit Pathos, »läuft so gleichmäßig und exakt, daß es sehr wohl unter Ausschaltung der Gefühle lediglich nach den Normen, die unsere Gesellschaft festgelegt hat, geführt werden kann. Menschen, die das tun, werden jedenfalls niemals Anstoß erregen.«
»Derartige Normen«, erwiderte Geldern, »mögen für die Regelung des Eisenbahnverkehrs und des Postwesens notwendig und zweckdienlich sein; für die Regelung des menschlichen Gefühlslebens bedaure ich, sie nicht akzeptieren zu können. Ich lege die Trauer für meine Frau nicht vorschriftsmäßig nach zwölf Monaten ab. Ich bringe es heute, nach zwanzig Jahren, noch nicht übers Herz, mir irgend etwas zu gönnen, was ihr Genuß bereitet, oder gar Orte aufzusuchen, an denen sie sich wohlgefühlt hat; hingegen habe ich, obgleich das doch gegen die gesellschaftliche Moral verstößt, schon Monate nach ihrem Tode wieder mit meinen Freunden hier an diesem Tische, um mich zu zerstreuen und auf andere Gedanken zu kommen, Klabrias gespielt.«
Der Professor riß das Maul weit auf.
»Das ist ja bodenlos!« rief er. »Was haben denn die Leute dazu gesagt?«
Der alte Geldern zog die Schultern in die Höhe.
»Ich weiß nicht«, sagte er. »Aber ich denke mir, sie werden gesagt haben: Pietätlos!«
»Natürlich,« bestätigte der Professor, »denn dadurch, daß Sie das Trauerjahr nicht eingehalten haben – nehmen Sie’s mir nicht übel —«
»Bitte«, sagte der alte Geldern.
»– muß doch jeder schließen, wie wenig Ihnen an Ihrer Frau gelegen hat.«
Das ging dem alten Geldern, der schon längst bereute, sich mit einem Fremden in ein derartiges Gespräch eingelassen zu haben, denn doch zu weit. Er brach die Unterhaltung kurz ab und sagte:
»Nun scheint es mir aber an der Zeit, daß wir zum Thema kommen; darf ich jetzt meine Frage von vorhin, was Sie hierhergeführt, wiederholen?«
»Da meine Zeit kostbar ist,« erwiderte der Professor, »so will ich mich kurz fassen: ich bin der Onkel von Luise Kersten.«
»Oh,« rief der alte Geldern und reichte ihm die Hand, »das sagen Sie mir jetzt! Herzlich willkommen, Herr Professor!«
Der Professor dankte durch eine eckige Bewegung und sagte:
»Ich höre, daß Ihr Sohn . . .«
»Allerdings,« unterbrach ihn der alte Geldern, der jetzt plötzlich lebhaft und voll Interesse war, »mein Sohn hat die Absicht, Ihr Fräulein Nichte zu heiraten.«
»Das darf er nicht!« erklärte der Professor bestimmt.
»Nanu?« fuhr der alte Geldern auf und schüttelte den Kopf. »Weshalb darf er denn nicht?«
»Weil meine Nichte ein falsches Spiel mit ihm treibt; ihn hintergeht . . .«
»Wie?« rief der alte Geldern und biß die Lippen zusammen. Dann schloß er die Augen und senkte den Kopf. Nach einer Weile sagte er: »Mein armer Junge.«
Ich hielt es für meine Pflicht, Ihnen das zu sagen.«
Der Alte sah noch immer zur Erde.
»Danke«, sagte er, ohne aufzusehen.
»Sie ist eine Kokotte . . .«
»Wer?!« entfuhr es dem alten Geldern; er erschrak vor sich selbst, so laut schrie er das. Dabei riß er den Kopf in die Höhe, machte die Augen auf, ballte die Faust und sah ihn wütend an.
»Hier!« – der Professor reichte ihm einen Brief.
»Was ist das?« fragte Geldern, ohne den Brief zu nehmen.
»Das schreibt Madame Antoinette Laqueur, eine Frau der ersten Pariser Gesellschaft, an meine Nichte, – Sie werden sie dem Namen nach kennen – Frau Hofbankier Walther.«
»Nein«, sagte Geldern.
Der Professor entfaltete den Brief.
»Hören Sie . . .«
»Wovon handelt der Brief, und wer gibt Ihnen das Recht, ihn mir vorzulesen?« fragte der alte Geldern.
»Die Moral«, erwiderte der Professor laut. »Es steht darin . . .«
»Ich will nichts hören«, unterbrach ihn Geldern.
»Sie ist wegen Erpressung an einem Liebhaber aus Paris ausgewiesen worden!« brüllte der Professor.
»Schweigen Sie!« befahl Geldern.
»Wollen Sie etwa Ihren Sohn . . .«
»Lassen Sie ihn und mich das entscheiden«, sagte Geldern.
»Die Ehe ist eine heilige Institution!« schrie der Professor. »Als Mensch protestiere ich, daß man . . .«
Der alte Geldern riß die Tür auf, hob den Arm und wies auf den Flur:
»Bitte!« sagte er zitternd.
»Ich habe meine Pflicht getan!« brüllte der Professor. »Und habe hier nichts mehr zu suchen.« Dann stürzte er hinaus.
»Sie sind der erste Mensch . . . in diesem Hause . . . dem man die Tür weist«, sagte der alte Geldern, als der Professor längst draußen war.
XXXVIII
In der Tat hatten Laqueurs, um sich mit Berthe de Cyliane, die doch ihre Entdeckung war, nicht zu kompromittieren, auf eine Anfrage hin an Walthers nichts weiter nach Berlin berichtet, als daß Luise das Pensionat längst verlassen habe und, wie es hieße, wegen Erpressung an einem ihrer Liebhaber aus Paris ausgewiesen und ins Ausland gegangen sei.
Das erfuhr denn auch Ilse Brehmer-Geldern, als sie am nächsten Tage den Professor aufsuchte; sie erfuhr ferner alle Vorgänge, die der Pariser Reise in Berlin vorangegangen waren. Natürlich so, wie der Professor es sah; alles tendenziös und mit der Absicht, die Ehe zu verhindern.
Ilse Brehmer-Geldern, sonst voll Dünkel und Hochmut, überschüttete den Professor mit Versicherungen ihrer Bewunderung und Verehrung, und sie sagte ihm so viel von den Dingen, die er so gern hörte und an denen sein Leben hing, daß er ihr beim Abschied die Hand drückte und sagte:
»Also doch wenigstens ein Mensch in Ihrer Familie, der mich versteht; ich kann wohl sagen, gnädige Frau, daß Sie meinen durch die Erfahrungen der letzten Tage ins Wanken geratenen Glauben an die Menschen wieder aufgerichtet haben.«
»Wir werden also bald das Vergnügen haben, Sie und Ihre Frau Gemahlin bei uns zu sehen?« fragte Ilse Brehmer-Geldern, als sie ging.
»Selbstverständlich; und ich hoffe, daß es meinen reicheren Erfahrungen gelingen wird, Ihren Mann von seinen politischen Irrwegen abzubringen.«
»Versuchen Sie’s«, sagte Frau Brehmer-Geldern in der Tür und lächelte ihm zu. Dann stieg sie in den Wagen und fuhr mit ihren reichen Kenntnissen gerüstet zu den wenigen Menschen, die bei ihrem Vater verkehrten, und auf deren Urteil er, wie sie wußte, etwas gab.
Nicht einmal den Pastor ließ sie aus, der, hoch in den Siebzigern, zwar sein Amt nicht mehr übte, aber bei ihrem Vater, mit dem er enge Freundschaft hielt, in gutem Ansehen stand.
Er war der einzige, mit dem sie Mühe hatte; er widerlegte alle ihre Argumente mit Bibelsprüchen, so daß sie schließlich ganz verzweifelt sagte:
»Das klingt ja alles sehr schön, aber bedenken Sie doch, wie alt das ist! Das paßt doch nicht mehr in unsere Zeit. Wir leben doch heute im zwanzigsten Jahrhundert.«
Als ihn selbst dieses Argument nicht zu überzeugen vermochte, verlegte sie sich aufs Weinen, rang die Hände und rief ein über das andere Mal:
»Die Schande! Unser guter Name! Meine armen Kinder!«
Und als auch das nichts half, schluchzte sie:
»Ach, wenn wir doch Katholiken wären!«
Der Pfarrer sah sie ganz erstaunt an.
»Mein ganzes Vermögen würde ich der Kirche opfern, um Ihr hartes Herz weich zu stimmen.«
Dann stand sie auf und ging, ohne ihm die Hand zu reichen.
Dem Pfarrer lag der Besuch noch lange in den Gliedern. Auf Schritt und Tritt verfolgte ihn der Gedanke, ob es wohl recht war, seine Vermittlung von der Hand zu weisen. Um da zu raten, muß man die Menschen kennen, entschied er; nicht nur ihre Taten, deren Sinn man nur zu leicht falsch deutet. Werner freilich kannte er als ehrenhaften Menschen, und durch sein Unglück war er ihm nur noch enger ans Herz gewachsen. Mußte der nach seinen Erfahrungen nicht wissen, was er tat?
Wenn mich schon so die Zweifel quälen, dachte er, wie muß es da erst um den alten Geldern stehen, und er nahm Hut und Mantel und ging zu ihm. —
»Wie immer, wenn die Not am höchsten,« empfing ihn der Alte und umarmte ihn, »dann bist du da, ohne daß ich dich rufe.«
Ein Blick zur Tür hinüber genügte, und Martin wußte, daß sein Herr, solange der Pfarrer Weise bei ihm saß, für niemanden zu sprechen war.
»Mein armer Junge«, begann Geldern, als sie saßen. »Aber wenn alle Welt gegen sein Unglück Sturm läuft; ich halte fest und stehe zu ihm.« Und dann erzählte er dem alten Weise alles, was Luise bis zu der Stunde, in der Werner in ihr Leben trat, erduldet hatte. Und er verschwieg nichts, auch nicht das Häßlichste!
Dann machte er eine Pause.
Der alte Weise preßte die Lippen zusammen und nickte mit dem Kopfe; dann drückte er Geldern die Hand, holte tief Atem und sagte:
»Die arme Lu!«
»Ja,« erwiderte Geldern, »die arme Lu! Das sagen Werner und ich auch. – Aber die Welt denkt anders!«
»Laß die Welt reden«, sagte Weise; »seit wann kümmert sich der alte Geldern um das, was die Leute sagen?«
»Als ich meiner Tochter das alles erzählte – genau wie ich es eben dir erzählt habe, – ich hoffte, sie als Frau würde sich voller Empörung gegen so viel Unrecht auflehnen, mir um den Hals fallen und für das arme Geschöpf bitten . . .«
»Nun, und was tat sie?« fragte der alte Weise und sah ihm voll Neugier in die Augen.
»›Pfui Deibel!‹ kreischte sie. ›So etwas gehört auf die Straße!‹«
Weise wandte sich entsetzt ab.
»Heiliger Vater, verzeihe ihr«, murmelte er vor sich hin.
»Und wie sie denkt,« fuhr Geldern fort, »so denken alle andern.«
»Die nach dem Schein urteilen«, sagte Weise; »wer prüft, muß anderer Meinung sein.«
»Wer nimmt sich heutzutage die Zeit, zu prüfen?« erwiderte Geldern. »Man glaubt eben, was man hört, und spricht es nach. Und wenn – wie hier – der Schein gegen einen ist, dann wird man bei allem Unglück, das man hat, auch noch von der Welt verurteilt. Ich kenne das von Werner her. Nimm seinen Fall: noch heute, wo man annehmen sollte, daß selbst die Blinden umgelernt hätten, kommt man ihm mit Vorurteil und Mißtrauen entgegen. Es gibt nur zweierlei: entweder man setzt sich darüber hinweg . . .«
»Das sollte man tun«, erwiderte Weise.
»Solange man allein ist, geht’s«, sagte Geldern. »Ob Werner aber stark genug sein wird, auch für seine Frau zu resignieren? – Und wenn er einmal Kinder hat, ob es ihm dann gleich sein wird, wenn man mit Fingern auf sie zeigt?« – er zog die Schultern in die Höhe – »Ich weiß es nicht.«
»Alles das hat dir deine Tochter in den Kopf gesetzt«, meinte Weise.
»Nicht nur sie«, erwiderte Geldern und rückte nahe an ihn heran.
»Du bist der einzige Mensch, mit dem ich mir offen alles vom Herzen rede. Innerlich, da ist mir mein Kind . . .«
»Du sprichst von deiner Tochter?« unterbrach ihn Weise.
»Ja, eben sie,« erwiderte Geldern, »innerlich, da wird sie mir von Jahr zu Jahr fremder. Es ist ja furchtbar, daß man so etwas ausspricht; aber es ist doch leider Gottes wahr. Mein Martin hier und meine alte Amalie, die mir das Haus führt – ja, wenn ich es recht bedenke, ich kann mir nicht helfen, aber beide stehen mir innerlich näher als mein eigenes Kind. Begreifst du, Weise, was das bedeutet?« fragte er bewegt und stützte den Kopf in die Hände. »Es ist gewiß traurig,« fuhr er fort, »wenn einem sein Kind wegstirbt, aber es ist doch etwas Natürliches, und sich dagegen auflehnen, wäre töricht. Daß ich aber mein Kind, das hier in diesen Räumen groß geworden ist, in denen seine Eltern und Großeltern gelebt haben, das zwanzig Jahre lang zu mir gehört hat, als wenn es ein Stück von mir selbst wäre, – daß ich das verlieren konnte, ohne daß einer von uns beiden gestorben ist, – siehst du, Weise, daß es das gibt, das dachte ich nicht.«
Weise suchte ihn zu beruhigen; aber Gelderns Leid saß tief; es ließ sich mit Worten nicht lindern; und Argumente gab es nicht.
»Denke, es wäre dein Kind«, sagte Geldern. Und da schwieg der Alte und fand keine Antwort.
»Ich habe sie verloren,« sagte Geldern, »ich weiß es. Und um sie zurückzugewinnen – äußerlich natürlich – denn an unsern Gefühlen würde sich dadurch nichts ändern, müßte ich Werner opfern.«
»Das darfst du nicht«, sagte Weise entschieden.
»Gewiß nicht«, erwiderte Geldern; »nie im Leben! Was ich fürchte, ist etwas anderes. Nach allem, was ich von dieser Luise weiß, wird sie es, ohne daß man es ihr sagt, fühlen, was hier vorgeht.«
Weises Stirn legte sich in Falten.
»Möglich auch,« fuhr Geldern fort, »sogar wahrscheinlich, daß es ihr meine Tochter oder dieser Professor auf irgendeine Art beibringen. Das Ergebnis wäre, soweit ich Menschen kenne, in beiden Fällen das gleiche: sie würde sich opfern; auf Werner Verzicht leisten; verschwinden und – wenn sie die ist, für die ich sie halte, sich ein Leid antun.«
»Furchtbar! Furchtbar!« sagte Weise.
»Ich fühle schon heute für sie, als wenn es mein Kind wäre«, sagte Geldern. »Aber wenn das geschähe, – du kennst Werner so gut wie ich – glaubst du, daß er zum zweiten Male einen solchen Schlag ertrüge?«
»Nein,« sagte Weise, »ich glaube es nicht.« – Und nach einer Weile: »Ich will noch einmal mit deiner Tochter sprechen.«
»Gib dir keine Mühe«, erwiderte Geldern. »Du kennst ihren Starrsinn. ›Überleg du dir’s, Papa‹, sagte sie mir, als sie ging. ›Wir, d. h. mein Mann und ich, können, solange die eigene Familie auf diesem Standpunkt steht, ohne uns selbst herabzuwürdigen, einfach nicht anders!‹ Dann ging sie. – So sitze ich nun seit gestern und finde keinen Ausweg.«
»Wo ist sie denn jetzt, die Luise?« fragte Weise.
»Im Sanatorium, im Taunus. Meine Schwester, die Fanny, ist bei ihr. Und seit gestern auch Werner. – Vor zwei Tagen erst hat er mit mir gesprochen. Als er mir – du kennst ihn ja – treuherzig und unbefangen sein ganzes Herz ausschüttete – weißt du, da war ich seit langer Zeit wieder mal glücklich und habe mich auf die Stunde gefreut, an der ich, hier unter dieser Krone, ihre Hände ineinander legen würde.«
»Ich kann’s dir nachfühlen«, sagte Weise.
»Und Luises Vergangenheit?« – er zog die Schultern in die Höhe – »Mir wär’s gewesen, als wenn sie damit die Schuld der andern gesühnt hätte, so daß man nun auch an die, – was ich bis heute noch nicht kann – ohne Groll zurückgedacht hatte. So legte ich’s mir aus! Aber da kam meine Tochter und der Professor und klärten mich auf über meinen Irrtum.«
»Wann kommt Werner zurück?« fragte Weise.
»Sie wollen heute reisen; natürlich habe ich telegraphiert, sie sollen bleiben, bis ich Nachricht gebe. So wie die Dinge jetzt liegen, ist es ganz unmöglich, daß sie kommen.«
»Laß mich zu ihnen«, bat Weise.
»Was willst du tun?« fragte Geldern.
»Ich weiß es nicht; jedenfalls nicht im Augenblick«, erwiderte Weise. »Ich muß sie sehen, sprechen . . . Vertrau’ mir, ich habe schon vielen geholfen, die nicht weiterwußten.«
Geldern gab ihm die Hand.
»Versuch’s,« sagte er, »ich habe wenig Hoffnung. Menschen, die durchgemacht haben wie die zwei – müssen sich selbst helfen.«
XXXIX
Als Werner das Telegramm seines Vaters erhielt, wußte er gleich, aus welchem Loch der Wind pfiff. Seine größte Sorge war Luise. Von ihr mußte er alles fernhalten, was sie irgendwie erregen konnte.
Daß er sofort nach Berlin fuhr, stand für ihn fest. Aber er durfte es ihr nicht sagen. Denn welchen Grund er auch nannte, sie würde doch immer fühlen, daß es mit ihr zusammenhing.
Er war ja doch gekommen, um sie zu holen. Und es war daher nur natürlich, daß sie sich Gedanken machte, wenn er jetzt fortfuhr und sie zurückließ.
»Ich muß nach Stuttgart,« sagte er, »um Geschäftliches für Papa zu erledigen; in zwei Tagen längstens bin ich wieder bei euch; packt ihr inzwischen eure Koffer. Heut ist Mittwoch, am Freitag fahren wir dann zusammen nach Berlin.«
Kurz vor seiner Abreise meldete der alte Weise seinen Besuch an. Werner telegraphierte, daß er bereits zu ihm unterwegs sei. Und am nächsten Tage fuhr er vom Bahnhof aus direkt zu ihm.
Weise brauchte nicht viel zu reden; denn Werner ahnte längst den Zusammenhang: alles war, wie er es vermutet hatte. Nur daß der Widerstand von seiten der Familie Luises fast noch leidenschaftlicher als der seiner Schwester war, überraschte ihn. Und der Standpunkt seiner Schwester, ihr Verhalten von der Stellung, die Luises Familie einnahm, abhängig zu machen, schien ihm fast wie ein Entgegenkommen. Weise erbot sich, zu dem Professor zu gehen; aber Werner duldete nicht, daß sich der alte Mann einer Demütigung seitens dieses Philisters aussetzte. Daß er es selbst bei ihm versuchte, war ebenso zwecklos und konnte die Gegensätze nur verschärfen.
Lange saßen sie da und überlegten, bis endlich Werner ein Gedanke kam.
Er schlug mit der Hand auf den Tisch, sah den alten Weise groß an und sagte:
»Liane!«
»Was?« fragte der Alte.
»Liane!!« wiederholte Werner noch bestimmter.
»Die Pariser Kokotte?« Weise zog die Schultern in die Höhe und schüttelte den Kopf.
»Eben die!«
»Was soll das heißen!«
»Wenn eine es kann, so ist sie’s.« Werner wurde ordentlich froh bei dem Gedanken. »Wenn das gelänge!« rief er. »Der Professor und die Kokotte! Es klingt wie eine Schwankidee, diese Zusammenstellung! Schade! Sie kennen sie beide nicht, sonst würden Sie jetzt lachen, herzlich lachen, so traurig ernst der Fall an sich ist. Dieser Gedanke stimmt mich fast heiter. – Und was wichtiger ist; ich habe das sichere Gefühl, daß es der richtige Weg ist.«
»Ich muß dir schon sagen, lieber Werner,« erwiderte Weise, »daß ich nicht recht verstehe, was du eigentlich vor hast?«
»Ich weiß es selbst noch nicht«, erwiderte Werner; »aber ich habe so das Gefühl, als müsse es auf diesem Wege gehen. Ich fahre sofort zu ihr – kommen Sie mit?«
»Wie?« fragte der Alte ganz entsetzt. »Zu der Kokotte?«
»Warum nicht? Sie werden eine schöne und intelligente Frau kennenlernen.«
Der Alte wies auf sein weißes Haar:
»Zu spät, mein Lieber,« sagte er lächelnd, »es läßt sich nicht mehr nachholen.«
»Nun, dann werden Sie Ihre Freude daran haben, einen hilfsbereiten Menschen zu finden.«
»Wie? In dieser Kokotte?« fragte Weise und wurde immer erstaunter.
»Eben in ihr«, bestätigte Werner.
Der Alte schüttelte den Kopf.
»Das kann ich nicht mitmachen«, sagte er. »Soll sie etwa dem Professor Schlingen legen?«
Werner lachte laut.
»Nein, Papa Weise«, sagte er. »Ich glaube, eher bestimmt sie den Papst, daß er sie zu seiner Geliebten macht, als daß sie den Professor auch nur für eine Viertelstunde« – und er wurde pathetisch – »vom Wege der Tugend abbringt.«
»Also, was willst du tun?«
»Kommen Sie mit,« bat Werner, »sie nimmt es ernster, wenn Sie dabei sind.«
»Du weißt, mein Junge, wie gern ich dir helfe und alles für dich tue, was in meinen Kräften steht. Verlange, was du willst, von mir. Aber lieber fahre ich für dich nach Australien, als daß ich dich zu dieser Kokotte begleite. – Ich bin achtzig Jahre geworden, ohne so etwas kennengelernt zu haben.«
»Wahrhaftig?« fragte Werner erstaunt.
»Mein Wort darauf: ich habe jung geheiratet.«
»Sie machen sich sicher ein ganz fabelhaftes Bild von diesen Frauen«, sagte Werner.
»Ich habe mir nie ein Bild von diesen armen Geschöpfen gemacht,« erwiderte Weise, »ich habe sie immer nur von ganzem Herzen bedauert.«
»Wozu in diesem Falle kaum ein Grund vorliegt«, erwiderte Werner.
»Ich hatte es mir früher oft gewünscht, auch mal auf diesem Gebiete Gutes zu wirken und arme, verlorene Mädchen wieder aufzurichten. Sonderbar! Ich hatte in den fünfunddreißig Jahren, in denen ich im Amt war, nicht ein einziges Mal Gelegenheit dazu.«
»So nehmen Sie’s also als eine Sendung des Himmels,« erwiderte Werner, »machen Sie mit ihr den Anfang.«
»Wie? – Ich sollte . . .« fragte Weise erstaunt.
»Gewiß! Warum nicht – eins schließt ja das andere nicht aus«, sagte Werner. »Das ist ein guter Gedanke; – also kommen Sie.«
Der alte Weise war etwas verwirrt.
»Versuchen täte ich’s schon gern; aber ich weiß so gar nicht, wie man mit diesen armen, kleinen Mädchen umgeht.«
»Das sieht man bald,« versicherte Werner, »am Ende sind’s ja auch nur Menschen. Und wer’s nicht weiß, merkt es ihnen nicht einmal an, daß sie – nun, ich möchte nicht gern behaupten, daß sie schlechter sind; denn schlechter sind sie nicht; auch leichtsinniger trifft nicht das Richtige, – also sagen wir, daß sie anders sind. – Aber sind sie denn anders?« – Er schüttelte den Kopf. »Sie sehen, der Unterschied ist so gering, daß ich nicht einmal den Ausdruck dafür finde; Sie dürfen also getrost wie mit jedem andern Menschen mit ihr reden.«
»Aber beim Vornamen nennt man sie – und Du sagt man zu ihnen?« fragte der Alte.
»Man behandelt sie als Menschen«, wiederholte Werner. »Das ist der Schlüssel, der das Herz jeder Kokotte öffnet.«
Der alte Weise verstand ihn und entschloß sich, ihn zu begleiten. Beide nahmen Hut und Mantel und fuhren zu Liane.
XL
Auf dem Wege zum Hotel Esplanade, in dem Werner Liane noch immer vermutete, überlegte Weise, wie er wohl am wirksamsten seinen Bekehrungsversuch einleiten könne.
Armes Kind, wollte er sagen; ich weiß von deinem Unglück; ich habe Mitleid mit dir und bin gekommen, um dir zu helfen.
Dann würde sie gleich wissen, daß er nicht war wie die andern; daß er, statt ihr Unglück auszunützen, den ernsten Willen hatte, ihr zu helfen.
Im Esplanade-Hotel fragte Werner nach der Zimmernummer von Madame Liane de Villiers.
»Sie meinen die Baronesse Lu de Courcelles?« erwiderte der Portier.
Werner nahm von dieser neuen Veränderung gebührend Kenntnis, lächelte und sagte: »Ja, eben die.«
»Wohnt seit einer Woche Alsenstraße 14; von morgen ab – einen Augenblick« – er schlug das Postbuch auf – »ja, – also von morgen ab haben wir Order, alle Post nach Kairo, Savoy-Hotel, nachzusenden.«
»Danke«, sagte Werner; gab dem Chauffeur die neue Adresse und stieg wieder in den Wagen.
»Unsere Chancen stehen schlecht,« sagte er, »Ihre wie meine.«
»Wieso?« fragte Weise.
»Vierundzwanzig Stunden später, und sie war weg«, erwiderte er.
»Wohin?« fragte Weise.
»Nach Ägypten.«
»Entsetzlich!« rief Weise. »Nein, diese armen Mädchen.«
Werner sah ihn erstaunt an.
»Entsetzlich finden Sie das?« fragte er.
»Verschleppt natürlich«, sagte Weise und war entrüstet. »Diese Mädchenhändler sind die gewissenlosesten Verbrecher.«
»Na, ich glaube doch, Sie sind da nicht ganz im Bilde«, erwiderte Werner.
»Aber ich werde noch in letzter Stunde alles versuchen, um das zu verhindern.«
»Wie? Sie wollen sie zurückhalten?« fragte Werner.
»Allerdings, und wenn es sein muß, mit Hilfe der Polizei.«
»Was wollen Sie tun?«
»Den Kerl verhaften lassen, der sie da unter wer weiß welchen Vorstellungen und Versprechungen nach Ägypten lockt.«
»Um des Himmels willen, tun Sie das nicht«, bat Werner und sah, daß es doch wohl ein Fehler gewesen war, den Alten mitzunehmen.
»Ein vornehmes Haus«, sagte Weise, als sie in den Flur traten. »Daß solche Leute an Kokotten vermieten.« Und er las das Parterreschild: De Courcelles. – »Was? Sie hat ihre eigene Wohnung?«
»Es scheint«, erwiderte Werner.
»Ich entsinne mich, im Jahre 1876 mal eine Broschüre über die schlechten Wohnverhältnisse der Berliner Prostituierten gelesen zu haben; das scheint sich demnach ja erheblich gebessert zu haben.«
Werner lächelte.
Drin wurde das elektrische Licht angeknipst, und ein Diener in Livree und Kniehosen öffnete die Tür.
»Verzeihung,« sagte Weise verlegen, »wir sind hier falsch.«
»Zu wem wollen die Herren?« fragte der Diener.
»Wohnt hier die Baronesse de Courcelles?« rief Werner über Weises Schulter hinweg.
»Das wohl! Die Baronesse kann aber nicht empfangen.«
»Was sagt er?« wandte sich Weise zu Werner und zog den Hut.
Werner hatte inzwischen seine Visitenkarte herausgenommen und reichte sie dem Diener.
»Bitte, geben Sie der Baronesse meine Karte und fragen Sie, wann ich sie vor ihrer Reise noch sprechen kann.« Und er schob ihm einen Zehnmarkschein in die Hand.
»Wollen die Herren solange hier eintreten?« bat der Diener.
Weise sah Werner an.
»Gehen wir!« sagte er ängstlich.
»Aber nein,« erwiderte Werner, »treten Sie nur ein.« Und beide warteten im Flur, der voll mit Koffern stand.
Auf jedem Koffer prangte eine breite Krone.
»Wir sind doch falsch?« fragte Weise schüchtern.
»Das wird sich gleich zeigen«, erwiderte Werner, der bestimmt wußte, daß er bei Liane war.
Im selben Augenblick kam auch schon der Diener zurück.
»Die Baronesse läßt bitten!« Und er schob eine große Flügeltür auseinander und ließ Weise und Werner in einen eleganten und geschmackvollen Louis-XVI.-Salon treten.
Gleich darauf trat Liane in großer Abendtoilette ins Zimmer, ging auf Werner zu, begrüßte ihn mit großer Herzlichkeit.
»Nein, Doktor, wie ich mich freue, daß Sie Wort halten; ich hatte schon vor, Ihnen zu schreiben, bevor ich reise.«
Werner küßte ihr höflich wie einer Dame der Gesellschaft die Hand, was dem alten Weise, der so schon längst außer Fassung war, den Rest gab.
»Ich habe Ihnen, liebe Baronesse, einen alten Freund unseres Hauses, Herrn Pastor Weise, mitgebracht, der den Wunsch äußerte, Sie kennenzulernen.«
»Ah«, sagte Liane, die ihn erst jetzt bemerkte. Armes Kind, hatte er sagen wollen; ich weiß von deinem Unglück; ich habe Mitleid mit dir und bin gekommen, um dir zu helfen.
Aber als Liane jetzt mit großer Gewandtheit an ihn herantrat, ihm die Hand reichte und sagte:
»Ich freue mich sehr und weiß die Ehre zu schützen«, da verbeugte er sich zu Werners Erstaunen ganz tief und sagte: »Ganz auf meiner Seite, Baronesse« und wollte durchaus nicht eher auf dem Sessel, den ihm Liane heranschob, Platz nehmen, bevor nicht auch sie sich gesetzt hatte.
»Also, was macht meine liebe Luise?« fragte Liane lebhaft. »Sie sind doch noch mit ihr zusammen?«
»Wir wollen jetzt heiraten«, erwiderte Werner.
»Also ist es wahr!« rief sie erfreut und drückte Werner die Hand. »Ich habe es auf den ersten Blick erkannt, was für ein guter Mensch Sie sind!«
»Aber leider geht das nicht so ohne weiteres«, fuhr Werner fort.
»Natürlich! Die Polizei!« rief Liane.
»Was? – Wieso meinen Sie, daß die Polizei . . .?« fragte Werner erstaunt.
»Oh, ich kenne das! Sie ist schrecklich, diese Berliner Polizei mit ihren Papieren! Was sie nicht alles von einem einzigen Menschen verlangen: Geburts- und Tauf- und Impf- und Heirats- und Abzugs- und Zuzugs- und Führungs-Atteste; tausend Dinge, die man bei uns in Frankreich gar nicht kennt; sie lassen einem keine Ruhe; alle Tage kommen sie mit was Neuem.«
Werner gab ihr recht; während Weise dasaß, die Augen aufriß und Liane wie ein Weltwunder anstaunte.
»Ja, denken Sie, vor einer Woche erkundigten sie sich nach Liane de Villiers! – Die existiert längst nicht mehr, sagte ich; die bin ich nicht mehr; ich heiße Lu de Courcelles. Was glauben Sie, das geschieht? Am nächsten Tage kommt wieder so ein Beamter in blauer Uniform – ich versichere Sie, ich kann die Farben nicht mehr ertragen – und verlangt von mir einen Totenschein und eine Sterbeurkunde von Liane de Villiers. Ja, was wollen Sie, ich kann das doch unmöglich beschaffen; aber die Leute nehmen keine Vernunft an und sehen das nicht ein, – na, ich bin froh, drei Monate vor diesen Menschen Ruhe zu haben.«
»Sie haben gewiß recht«, sagte Werner. »Bei uns liegen die Schwierigkeiten aber woanders, – und zwar bei Luises Familie.«
»Unmöglich!« rief Liane. »Die sollten doch von Herzen froh sein, daß die arme Luise nun endlich zur Ruhe kommt.«
»Das sollte man annehmen«, meinte Weise, und Werner sagte:
»So denken Sie, liebe Baronesse; aber die Familie, der die Moral über alles geht, denkt anders. Also« – und er wandte sich an Weise – »muß es doch wohl unmoralisch sein, so zu denken.«
»Eine nette Moral, das,« rief Liane, »die einen innerlich anständigen Menschen nicht auf anständige Weise glücklich werden läßt.«
Werner zog die Schultern in die Höhe.
»Ich weiß nicht, Teuerste, ob wir da gerade kompetent sind, denn wir haben doch . . .«
»Was haben wir?« unterbrach ihn Liane. »Bitte, werden Sie nicht kränkend. Ich bedaure es oft, daß ich es mir nicht leisten kann, auf anständige Weise glücklich zu sein. Wenn ich es aber auch vorziehe, auf meine Art glücklich zu sein, statt im tiefen Elend zu sitzen und dafür das Bewußtsein zu haben, ich handle moralisch, so weiß ich darum doch ganz genau, wo eure Moral anfängt, kindisch zu werden. Das wird sie im Falle Luises bestimmt.«
»Bravo!« rief Werner. »Wollen Sie diese Überzeugung nicht Ihrem früheren Dienstherrn, dem Geheimrat Walther, beibringen und dafür sorgen, daß er sie auch auf den Professor – Sie kennen ihn ja aus Luises Erzählungen – überträgt?«
»Aber mit dem allergrößten Vergnügen; wenn ich Luise damit einen Gefallen tue.«
»Mehr als einen Gefallen«, sagte Werner. »Damit diese Ehe schnell und glatt und ohne Skandal vor sich gehen kann, ist es nötig, daß sich Luises Familie ganz offiziell damit einverstanden erklärt.«
»Das setze ich Ihnen durch!« rief Liane bestimmt. »Nichts leichter als das.«
»Sie unterschätzen das moralische Rückgrat dieser Laute«, erwiderte Werner.
»Oh nein,« sagte Liane, »ich habe nur eines vor Ihnen voraus: ich weiß, wo die Defekte dieses Rückgrates sitzen. – Freilich . . .« sie überlegte.
»Sie haben Bedenken?« fragte Werner.
»Nein, nein!« erwiderte Liane. »Nur meine dumme Reise« – sie dachte noch einmal nach – »nur einen Augenblick« – dann stand sie entschlossen auf und sagte: »Aber es ist meine Pflicht, zu bleiben, bis das erledigt ist.«
»Sie wollten?« sagte Werner.
»Selbstverständlich! – Ich werde versuchen, die Billette loszuwerden. Geht das nicht . . .«
»So ersetze ich selbstverständlich«, erwiderte Werner.
Aber Liane winkte ab.
»Das ist ganz ausgeschlossen«, sagte sie und wies an die Wand, an der das Bild des jungen Helldorf hing.
»Sie kennen ihn; ich habe Glück; er liebt mich sehr.« – Und zu Weise gewandt, sagte sie: »Verzeihung, ich vergaß ganz, das schickt sich nicht.«
Der alte Weise machte eine Verbeugung und sagte schüchtern:
»Aber bitte.«
»Und wem anders danke ich es am Ende, als ihr«, sagte Liane. »Ich gehe noch heute an die Arbeit und gebe Ihnen Nachricht. Grüßen Sie mir meine Luise und sagen Sie ihr, wie glücklich ich bin, daß ich ihr helfen kann.«
»Sie wird selbst kommen und Ihnen danken«, sagte Werner.
Liane schüttelte den Kopf.
»Das soll sie nicht«, und zu Weise gewandt, fuhr sie fort: »Denn, nicht wahr, das wurde sich nicht schicken?«
»Das sehe ich nicht ein, wieso sich das nicht schicken sollte«, erwiderte der Alte.
Und als er sich von ihr verabschiedete und sie ihm die Hand reichte, führte er sie an die Lippen und küßte sie.
Werner lächelte, als er das sah.
Als der Diener die Tür hinter ihnen schloß, sagte Werner:
»Sehen Sie, wie gut es war, daß Sie mitgekommen sind: sie wird nun nicht nach Ägypten reisen.«
Der Alte schüttelte nur immer den Kopf und sagte: »Nein! Diese Manieren! Diese Hilfsbereitschaft! Diese Güte! – Ein prächtiger Mensch!«
»Aber, aber,« erwiderte Werner, »was reden Sie da; vergessen Sie denn ganz, Sie sprechen von einer Kokotte!«
XLI
Als Liane eine Stunde später mit Helldorf zusammentraf, tat sie sehr verstimmt. Ein halbes Dutzend Male fragte er sie, was denn passiert sei, bis sie endlich gestand: »Ich schäme mich, es dir zu sagen.« Und als er energisch von ihr verlangte, daß sie nun endlich erzähle, was denn geschehen sei, da rückte sie nahe an ihn heran, legte den Arm um seine Schulter und sagte:
»Sieh mal, ich habe dich doch so sehr um diese Reise gebeten.«
»Mehr als mir lieb war«, erwiderte Helldorf. »Und wenn ich dich bei Held und seiner Blanka auch in bester Gesellschaft und gut geborgen weiß, so fällt mir die Trennung von dir doch schwerer als ich dachte.«
»Lieber,« sagte sie zärtlich und küßte ihn, »wenn du wüßtest, wie glücklich mich das macht.«
»Also, was hat das mit deiner Traurigkeit zu tun?« fragte Helldorf.
»Erst mußt du mir versprechen, daß du mich nicht auslachst«, forderte Liane.
»Gut, ich versprech’ es dir.«
»Nein, ernstlich! Du muß mir dein Wort darauf geben; es würde mich kränken.«
Und Helldorf versprach es und gab ihr die Hand.
»Also, dann will ich es dir nur offen gestehen: mir geht es genau so.«
»Wie geht es dir?« fragte er.
»Mich macht der Gedanke, morgen von dir fort zu müssen, krank.«
»Nanu,« erwiderte Helldorf, »das ist ja fabelhaft! Das sieht ja beinahe nach Liebe aus.«
»Pfui, Fritz,« schmollte Liane, »als ob du nicht wüßtest, wie sehr ich an dir hänge.«
»Ich muß dir ganz offen sagen,« gestand Helldorf, »daß mir das in meiner langen Praxis nicht ein einziges Mal passiert ist. Ich gebe allerdings zu, daß es auch bei mir der erste Fall ist, wo mich der Gedanke einer Trennung verstimmt.«
»Siehst du«» sagte Liane, »und mich macht er krank. Ich werde mich nach dir sehnen und, anstatt mich zu erholen, nervöser zurückkommen, als ich fortgefahren bin. Und so leicht ich Geld ausgebe, das wäre doch sündhaft.«
»Ah so,« sagte Helldorf, »du willst lieber das Geld als die Reise . . . Nein, meine Liebe . . .«
»Pfui,« wandte sich Liane ab, »du scheinst wirklich reich an schlechten Erfahrungen zu sein.«
Helldorf staunte immer mehr, und allmählich fing er wahrhaftig an zu glauben, daß Liane ihn liebe.
»Und deshalb bin ich entschlossen zu bleiben«, erklärte Liane bestimmt.
»Nein,« sagte Helldorf, »das Opfer dulde ich nicht.«
»Wenn ich dir doch sage, daß es kein Opfer ist,« schmeichelte sie, »daß es im Gegenteil ein Opfer für mich wäre, jetzt von dir fortzugehen. Daß du mir nicht zu danken hast, wenn ich bleibe, sondern ich dir . . .«
Da nahm er sie in seine Arme und küßte sie und nahm sich vor, sie morgen mit einem schönen Smaragd, den sie mehr als alle andern Steine liebte, zu überraschen.
Als sie eine Stunde später bei Hiller saßen, erwähnte Liane so nebenbei:
»Ach richtig, das hatte ich beinahe vergessen; ich habe eine Bitte.«
»Erfüllt«, sagt Helldorf.
»Hand darauf«, bat Liane.
»Kostenpunkt?« fragte er.
»Rien«, erwiderte Liane.
Eine billige Frau, dachte Helldorf und schlug ein; dann sagte er: »Also?«
»Du mußt dich auf acht Tage mit mir verloben.«
»Du bist verrückt«, antwortete er.
»Möglich, aber ich habe dein Wort.«
»Nur für Dinge, die innerhalb der Vernunft liegen.«
»Das tut’s«, erwiderte sie. »Natürlich braucht außer den paar Leuten, für die es geschieht, kein Mensch etwas davon zu erfahren.«
»Was sind das für Leute?« fragte Helldorf. »Und warum soll es ihnen eingeredet werden?«
Nun erzählte ihm Liane von dem Besuche Werners; doch immer so, als ob sie das Ganze nur sehr nebenbei interessierte.
»Bleibe ich also nun wirklich hier«, sagte sie, »und reise nicht, nun, so werde ich ihr vielleicht den Gefallen tun. Ich kann bestimmt bei Geheimrat Walther etwas erreichen, aber nur, wenn ich auftreten kann, also eine Position habe. Die mußt du mir für ein paar Tage schaffen. Ich brauchte dich ja gar nicht zu fragen und könnte ihm einfach unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählen, daß wir verlobt sind. Dann würdest du gar nichts erfahren. Ich will aber, daß du alles weißt, was ich tue, und darum sag’ ich’s dir lieber.«
»Wenn es das ist und es niemand erfährt, meinetwegen«, sagte Helldorf.
»Vielleicht überleg’ ich’s mir noch anders,« sagte sie; und als Helldorf gegen ihr Erwarten schwieg, fuhr sie fort:
»Nun gut, wenn du durchaus willst, so will ich’s machen. Gern tue ich’s nicht.«
Dann sprach sie von anderem und erst nach einer Weile bat sie ihn: »Weißt du, schreib’ mir doch ein paar Zeilen an den Geheimrat.«
»Wozu?« fragte er.
»Na, des besseren Eindrucks wegen.«
»Aber, was soll ich denn schreiben?« fragte er.
Liane, die sich längst klar war, tat, als ob sie überlegte.
»Drei Zeilen,« sagte sie möglichst gleichgültig, »etwa:
Sehr geehrter Herr Geheimrat! Meine Braut, Fräulein Berthe de Cyliane,« – daß sie unter dem Namen dort im Hause Gouvernante gewesen war, hatte sie ihm längst erzählt – »will sich für ihre Freundin, Fräulein Luise Kersten, bei Ihnen verwenden. Ich bin der Ansicht, daß man derartige Regungen nicht unterdrücken darf. Nur bitte ich Sie, im Sinne meines Vaters, unsere Verlobung vorläufig noch diskret zu behandeln. Mit besten Empfehlungen. Fritz Helldorf.«
Helldorf widersprach erst, nannte diese und jene Bedenken. Liane aber gab nicht nach, bis sie diese Zeilen von ihm hatte, mit denen sie in der Frühe des nächsten Morgens in das Bureau des Geheimrats Walther fuhr.
XLII
Liane gelangte mit einiger Mühe bis zum Vorzimmer des Hofbankiers Walther und gab einem jungen Mann, der dort beschäftigt war, ihre Karte.
Der holte eine Tabelle hervor, auf der die Tagesbesuche standen, sah sie durch und sagte dann:
»Gnädige Frau sind nicht avisiert.«
»Nein – aber ich muß den Herrn Geheimrat trotzdem sprechen, und zwar sofort.«
Der junge Mann zog die Schultern in die Höhe.
»Ich bedaure unendlich,« sagte er, »aber das geht nicht.«
»Es muß gehen«, forderte Liane bestimmt und sah sich den jungen Mann genau an, um zu fühlen, ob er durch Liebenswürdigkeit oder durch Geld leichter zu gewinnen sei.
Sie entschied sich für das erste.
»Wenn ich Sie doch aber bitte,« und trat nahe an seinen Tisch heran.
»Ich darf nicht«, wiederholte der junge Mann nur um so bestimmter.
Sie beugte sich leicht über den Tisch.
»Bester,« sagte sie, »wenn ich Ihnen doch sage, ich muß!« Dabei nahm sie ganz ungeniert die Tabelle. »Sehen Sie, hier zum Beispiel ist Platz, wenn Sie hier meinen Namen einfügen; ich kann mich ja gestern angemeldet haben« und sie drückte seine Hand und sah ihm in die Augen.
»Tun Sie’s!« bat sie.
Der junge Mann 9wußte sich nicht zu helfen. Unter der Tabelle, auf der einige Namen durchstrichen waren, stand die Unterschrift des Geheimrats.
»Ich verliere meine Stelle und mache mich strafbar«, sagte er hilflos; nahm aber schon den Halter und war entschlossen, ihren Namen einzufügen.
Da entdeckte Liane auf dem Schreibtisch unter einem halben Dutzend Apparaten, die ins Sekretariat, zur Kasse, zum Prokuristen, in die Kanzlei führten, auch einen mit dem Vermerk: Chefzimmer.
»Halt!« rief sie, als der junge Mann eben die Feder ansetzte und ihren Namen in die Tabelle tragen wollte, und riß den Hörer hoch. Im selben Augenblick meldete sich: »Hallo!«
»Ah, endlich!« rief Liane durch den Apparat.
»Einen Augenblick, Frau Geheimrat, ich rufe Ihren Herrn Gemahl sofort.«
Liane riß den Mund weit auf.
»Was tun Sie da?« fragte der junge Mann.
»Himmel!« sagte Liane. »Wer war denn da?«
»Voraussichtlich der Privatsekretär des Herrn Geheimrats«, erwiderte der junge Mann in großer Erregung. »Was haben Sie nur gesagt?«
»Sie haben es ja gehört,« erwiderte Liane in aller Ruhe, »nichts! Ah! habe ich gesagt! Und das genügte ihm, um mich für Frau Geheimrat Walther zu halten und ihn selbst ans Telephon zu ru – ah – da ist er!«
»Ja, Lotte?« rief es durch den Apparat. »Was ist denn? Ich habe zu tun.«
»Ich muß dich sprechen«, sagte Liane.
»Hat’s nicht Zeit, bis ich nach Hause komme?« fragte er wenig freundlich.
»Nein!« rief Liane.
»Ich bitte dich, nimm doch ein wenig Rücksicht. Ich habe den Kopf mit Geschäften voll. Was wird denn schon sein? – Gewiß hast du dich wieder über die Kinder geärgert – aber da kann ich dir doch auch nicht helfen . . . also, nicht wahr, du wartest, bis ich nach Haus komme, adieu!«
»Nein! Jetzt!« schrie Liane so laut, daß der junge Mann ganz bleich vor Schreck wurde und aufsprang.
»Wie du sprichst, wenn du erregt bist,« antwortete der Geheimrat, »nicht wiederzuerkennen.«
»Ich bin’s ja auch gar nicht«, sagte Liane.
»Was soll das heißen, du bist es gar nicht – du sprichst so komisch.«
»Nein, ich bin ja hier im Bureau, im Vorraum« – und zu dem jungen Manne gewandt, fragte sie: »Schnell, sonst läuft er mir fort, wie nennt sich das hier?«
»Anmeldezimmer«, zitterte der junge Mann mehr als er sprach.
Und Liane rief in den Apparat:
»Ich bin im Anmeldezimmer.«
»Im Bureau? Um Himmels willen, was ist denn . . .«
»Ich höre nichts mehr«, sagte Liane und rief fortwährend »Hallo« in den Apparat.
»Eine schöne Geschichte«, stammelte der junge Mann ein über das andere Mal und rang die Hände.
Da riß jemand an der Tür, und der Geheimrat Walther trat mit den Worten:
»Was ist denn . . .?« weiter kam er nicht, ins Zimmer.
»Berthe!« rief er und blieb stehen.
»Ich muß um Entschuldigung bitten, Herr Geheimrat,« sagte sie, »wegen der Störung, in der ich . . .«
»Aber ich bitte . . .« und er nahm ihre Hand und küßte sie und führte sie in sein Zimmer, nachdem er den jungen Mann angewiesen hatte, vorläufig niemand bei ihm vorzulassen.
Der junge Mann hatte versucht, eine Entschuldigung zu stammeln, aber es gelang ihm nicht. Jetzt, als er allmählich sein Gleichgewicht wiederfand, wiederholte er den Namen, den der Geheimrat genannt hatte.
»Berthe«, sagte er laut; las ein über das andere Mal die Karte, auf der ganz deutlich »Liane de Villiers« stand, faßte sich an den Kopf, öffnete das Fenster, suchte auf der Karte nach einer Adresse, schlug erst im Telephonbuch, dann im Adreßbuch nach, und schließlich ließ er die Karte ziemlich verzweifelt in seiner Brieftasche verschwinden. Dann mühte er sich vergeblich wieder zur Arbeit. —
Drin beim Chef aber gab es ein frohes Wiedersehen.
»Berthe! Meine süße Berthe!« rief der Geheimrat ein über das andere Mal und bedeckte ihre Hände mit Küssen. »Solch eine Freude, daß ich dich wieder habe! Und wie du aussiehst!«
»Du hast dich auch nicht verändert, Theodor,« sagte Liane, »nicht eine Spur bist du älter geworden.«
»Und dir geht es so gut wie du aussiehst?« fragte er und wollte sie umarmen.
Liane aber wich ein paar Schritte zurück.
»Unmöglich, Theodor,« sagte sie mit fingierter Feierlichkeit, »ich bin verlobt.«
»Wenn schon«, erwiderte Theodor und wiederholte seinen Versuch.
»Herr Geheimrat!« sagte Liane bestimmt und wandte sich zur Tür. »Entweder Sie respektieren mich als die Braut von Fritz Helldorf oder . . .«
»Was?« rief der Geheimrat, der sich seit beinahe zehn Jahren, wie fast alle Bankiers, vergeblich mühte, eine geschäftliche Verbindung mit Helldorfs und ihren Unternehmungen anzubahnen. – »Mit Fritz Helldorf, dem Sohn von Erwin Helldorf, bist du verlobt?«
»Allerdings«, erwiderte sie.
»Das heißt . . . was man so verlobt nennt . . .«
»Wie meinst du das?« fragte Liane.
»Er hat dir doch nicht etwa versprochen, daß er dich . . .«
»Hm?« fragte sie und tat, als wüßte sie nicht, was er meinte.
»Er wird dich doch nicht regelrecht heiraten?«
»Herr Geheimrat, ich bitte Sie, mich hinauszulassen«, erklärte Liane wütend. »Ich finde Ihr Benehmen wenig gentlemanlike. Weil ich als unerfahrenes Mädchen, das zum ersten Male unter fremde Menschen kam, vor Jahren einmal Ihren Verführungskünsten unterlag – ich könnte noch heute vor Scham darüber unter die Erde sinken – haben Sie noch lange nicht das Recht . . .« sie hielt es für wirksam, jetzt zu weinen, zumal sie nicht recht weiter wußte; zog ihr Spitzentuch hervor und schluchzte.
Der Geheimrat war sehr verlegen, machte ein dummes Gesicht und stammelte ein paar unverständliche Worte von Vergebung und Freude und Wiedersehen und Überraschung und bot ihr an, sich zu setzen.
»Hätte ich nur auf meinen Schwiegervater gehört, dann wäre mir das nicht passiert«, schluchzte Liane, die sofort gemerkt hatte, wie der Geheimrat auf den Namen Helldorf angebissen hatte.
Auch jetzt sah er sie erstaunt an.
»Was ist denn mit dem?« fragte er zögernd.
»Er hat mir gleich gesagt, es paßt sich nicht, allein zu Ihnen zu gehen, so sehr er Sie als Menschen und Kaufmann auch respektiere.«
»Hat er das gesagt?« fragte der Geheimrat erfreut. Liane überhörte es, oder sie tat doch so.
». . . und er verlangte, daß Fritz, sein Sohn, mein Bräutigam . . .«
»Ich weiß«, sagte der Geheimrat und machte eine Verbeugung.
». . . mich begleite.«
»Warum hat er es nicht getan?« fragte der Geheimrat. »Es wäre mir eine große Freude gewesen.«
Liane fiel aus der Rolle.
»So?« sagte sie gekränkt; aber sie besann sich schnell.
»Ich wollte es nicht«, sagte sie. »Ich bat ihn, mich allein zu lassen, denn es schien mir sicherer, und ich habe ja nun gesehen, wie recht ich hatte.«
Der Geheimrat bat jetzt ganz förmlich um Entschuldigung; Liane zog Helldorfs Brief aus der Tasche und überreichte ihn mit einem verbindlichen Lächeln. Der Geheimrat las aus diesem Lächeln Vergebung. In Wahrheit aber war es die Freude über ihren Triumph.
Richtig, jetzt entsann sich der Geheimrat, daß man seine Nichte seinerzeit auf Anregung seiner Frau nach Paris zu Berthe abgeschoben hatte; und er wußte auch aus einem Brief seiner Schwägerin, daß Luise wegen versuchter Erpressung an einem ihrer Liebhaber aus Paris fortmußte und irgendwohin, nach Argentinien oder so ähnlich, ausgewandert war.
Als er das damals las, glaubte er bestimmt, nun endlich zum letzten Male etwas von ihr gehört zu haben. Er war daher erstaunt und wenig erbaut, daß sie doch plötzlich wieder, und zwar im Zusammenhang mit Helldorfs und dieser Berthe, an der er noch heute mit Leidenschaft hing, auftauchte.
»Ich bin ganz der Ansicht Ihres Herrn Bräutigams,« sagte der Geheimrat, »daß man derartige Regungen nicht unterdrücken darf. Voraussichtlich geht es meiner Nichte schlecht, und Sie wollen ihr helfen. Ich bin selbstverständlich bereit, mitzutun; und wäre es auch, wenn es sich um irgend jemand anders als um meine Nichte handelte.«
»Danke«, sagte Liane und reichte ihm die Hand. »Sie wissen Bescheid?«
Der Geheimrat sagte, was er wußte.
»Das ist der helle Wahnsinn, von Anfang bis zu Ende«, erklärte Liane. »Davon ist nicht ein Sterbenswörtchen wahr.«
»Aber meine Schwägerin hat es doch meiner Frau geschrieben.«
»Dann hat sie gelogen.«
»Und weshalb meinen Sie?«
»Die Gründe kenne ich schon; ihre sauberen Herren Söhne haben Ihrer Nichte nachgestellt; hielten sie für; Freiwild, nach den Nachrichten, die ihre Familie über sie nach Paris sandte. Und als ihre Mühen keinen Erfolg hatten, da war ihnen als Rache für ihre gekränkte Eitelkeit kein Mittel schlecht genug.«
»Das ist ja skandalös!« rief der Geheimrat erregt.
»Ach nein,« erwiderte Liane in aller Ruhe, »das ist durchaus nicht skandalöser als alles andere, was von Ihrer Seite aus gegen Ihre Nichte geschehen ist.«
»Erlauben Sie mal!« unterbrach sie der Geheimrat; aber Liane fuhr fort:
»Und es ist geradezu harmlos im Vergleich zu dem, was sich Ihre Familie jetzt leistet, um Luise ein für allemal die Möglichkeit zu nehmen, ein anständiges Leben zu führen.«
»Sie meinen diese Ehe?« erwiderte der Geheimrat.
»Allerdings, die meine ich«, bestätigte Liane.
»Ich habe nur beiläufig den Professor davon sprechen hören. Nun, wenn es darauf ankommt: ich für meine Person habe natürlich nichts gegen diese Ehe einzuwenden, nur meine ich, der Professor – Sie kennen ihn doch auch – man mag gegen ihn sagen, was man will; mir ist er auch nicht gerade sympathisch; aber – und das muß ihm sein ärgster Feind lassen: er ist ein so ernster und gerechter und gewissenhafter Mensch – wenn der also mit so großer Bestimmtheit gegen diese Ehe ist, dann muß er auch seine Gründe dafür haben.«
»Die Gründe kann ich Ihnen nennen,« erwiderte Liane, »sein moralisches Gewissen.«
Der Geheimrat sah sie an.
»Ja und weiter?« sagte er.
»Was weiter? Ist das nicht eine genügende Begründung für die Kreise, in denen Sie leben? Ich bitt’ Sie, würden Sie Ihrem Sohn etwa gestatten, daß er Ihre Nichte heiratet?«
»Gott behüte!« sagte der Geheimrat ganz entsetzt.
»Also«, erklärte Liane. »Aber wie erklären Sie nun den Standpunkt des alten Geldern, der – wie ich höre – doch zu einer der allerersten Familien Berlins gehört?«
»Sehr einfach«, erwiderte der Geheimrat. »Einmal, weil sein Sohn nicht mehr taugt als meine Nichte – sie passen also zueinander —«
»Woher wissen Sie das?« fragte Liane.
»Ich weiß es«, erwiderte der Geheimrat.
»Sie kennen ihn?«
»Nein! Gott sei Dank nicht!«
»So haben Sie also gute Freunde, die ihn kennen? Auf deren Urteil Sie sich verlassen können, und die Ihnen Ungünstiges von ihm berichtet haben?«
Der Geheimrat dachte nach, dann schüttelte er den Kopf.
»Nein,« sagte er, »ich weiß eigentlich unter meinen Bekannten niemand, der ihn kennt.«
»Woher stammt also Ihr Urteil?« fragte Liane.
»Nun, man kommt doch unter Menschen; man hört doch . . .«
»Danke, das genügt mir«, sagte Liane. »Wenn die beiden Leute aber derart gut zueinander passen, weshalb läßt man sie dann nicht gewähren?«
»Ich nehme an,« erwiderte der Geheimrat, »daß sich der Professor – und ich muß sagen, das wäre auch mein Standpunkt – für meine zum mindesten doch etwas leichtsinnige Nichte vor allem einen soliden Menschen wünscht und nicht einen wie diesen jungen Geldern . . .«
»Den Sie gar nicht kennen«, ergänzte Liane. »Und da es sich ja nur um eine leichtsinnige Nichte handelt, deren Schicksal entschieden wird, so lohnt es sich auch nicht, sich die Zeit zu nehmen, um ihn kennen zu lernen.«
Der Geheimrat wollte etwas sagen.
»Widersprechen Sie nicht«, forderte sie; dann stand sie auf und rückte mit ihrem Stuhl näher an den des Geheimrats heran.
»So! Nun ertrag ich diesen konventionellen Ton nicht länger!« sagte sie wütend und schlug auf den Tisch, daß der Geheimrat erschreckt auffuhr. »So wie wir eben gesprochen haben, können Sie in Ihrer Gesellschaft reden; stundenlang; Sie werden sich an Ihren Phrasen begeistern, ohne in der Sache auch nur einen Schritt weiterzukommen, weil Sie immer um den Kern der Sache herumreden; und herumreden müssen, denn Sie wissen genau: wehe Ihrer Moral, wenn Sie den Dingen wirklich mal auf den Grund gehen. Dann stimmt’s in den meisten Fällen nicht mehr! Dann ist es mit der Logik wenigstens zu Ende; und die nackte Moral, der die elegante Umhüllung und die große Aufmachung fehlt, entpuppt sich dann meistenteils als Heuchelei. Sie fällen immer nur Urteile; und da Ihre gesellschaftliche Moral vorsichtigerweise für alles Bestimmungen getroffen hat, so kommen Sie nie in die Verlegenheit, nachzudenken; wissen ganz genau, wie Sie sich in jedem einzelnen Falle zu verhalten haben. Wird beispielsweise ein junges Mädchen aus Ihren Kreisen in einen Skandal verwickelt, so sind die Folgen genau so bestimmt, wie etwa für einen Verbrecher, der einen Mord begeht; nur daß es bei Ihnen nicht einmal mildernde Umstände gibt; Ursache und Begleitumstände spielen keine Rolle; der Erfolg entscheidet; in allem. Ihre Nichte hat sich Dinge zuschulden kommen lassen, auf die nach der heute herrschenden Moral gesellschaftlicher Tod steht; würde man überlegen und den Dingen auf den Grund gehen, so würde aus der Verbrecherin wahrscheinlich eine Märtyrerin werden; das aber würde die Begriffe über Moral verwirren; also hütet man sich und hält sich an das Tatsächliche. – Ich als Kokotte brauche diese Heuchelei ja, Gott sei Dank, nicht mitzumachen.«
Der Geheimrat fuhr entsetzt auf und wollte widersprechen.
»Aber bitte! Gnädigste!« sagte er; weiter kam er nicht.
»Bemühen Sie sich nicht,« bat Liane, »ich weiß Bescheid. Ich pfeife auf Ihre Moral und weiß, daß ich als ehrliche Kokotte genau so viel oder so wenig wert bin wie jeder von Ihnen. Sie brauchen mich also nicht gegen mich selbst in Schutz zu nehmen.«
»So sind Sie also gar nicht die Braut des Herrn Helldorf?« fragte der Geheimrat.
Liane lachte laut auf.
»Bravo, mein Freund!« rief sie. »Und woraus schließt du das? Weil ich mir als Braut des Herrn Helldorf nicht derart über mich selbst klar sein dürfte, sondern die Pflicht hätte, mir etwas vorzuheucheln?«
»Auf diese Weise kommen wir jedenfalls nicht weiter«, sagte der Geheimrat.
»Nur so,« erwiderte Liane, »nur, indem wir die Moral aus dem Spiele lassen. Was ich will, ist nichts weiter, als daß du und deine Frau, vor allem auch der Professor, überhaupt deine ganze moralische Familie, erklären: die Vorwürfe gegen Luise haben sich als unbegründet erwiesen; wir nehmen sie wieder bei uns auf und billigen ihre Ehe mit Werner Geldern.«
»Das ist ganz unmöglich«, erwiderte der Geheimrat.
»Es wird eben möglich sein«, erklärte Liane.
»Wollen Sie mir sagen, wie Sie sich das denken?« fragte er.
»Indem du den Anfang machst«, erwiderte Liane, »und die andern auf irgendeine Art bestimmst, dir zu folgen.«
Der Geheimrat schüttelte den Kopf.
»Bist du noch, wie damals, der Vermögensverwalter deiner Familie?« fragte Liane.
»Allerdings.«
»So wird man den Herrschaften also leicht klar machen können, wie vorteilhaft für sie alle eine Verbindung mit dem Hause Helldorf wäre.«
»Das entspräche der Wahrheit«, erwiderte der Geheimrat.
»Ich würde mich verpflichten, diese Verbindung herzustellen,« erklärte Liane, »falls du meine Bedingungen erfüllst.«
»Können Sie das?« fragte der Geheimrat, der sofort auf die geschäftliche Behandlung der Angelegenheit einging und im Augenblick ganz vergaß, wem er gegenüber saß. »Das wäre in der Tat ein sehr wertvolles Äquivalent.«
»Ich glaube, dieser Brief« – und sie wies auf Helldorfs Schreiben, das sie ihm zuvor überreicht hatte – »genügt, daß du dich und die andern davon überzeugst.«
»Sie werden ihn also tatsächlich heiraten?« fragte der Geheimrat.
»Wir wollen die privaten Gespräche bis nach Erledigung dieses Falles zurückstellen«, bat Liane. »Wenn Helldorf auf meine Bitte hin sich bereit fand, dir diesen Brief zu schreiben, so darfst du mir auf alle Fälle auch so viel Einfluß auf ihn zutrauen, um ein intimes, freundschaftliches Verhältnis zwischen dir und ihm herzustellen. Diese Freundschaft geschäftlich auszunutzen, wird deine Sache sein.«
»Das leuchtet mir ein«, sagte der Geheimrat.
»Außer deiner Familie«, fuhr Liane fort, »mußt du noch den Rittergutsbesitzer Brehmer-Geldern und seine Frau auf irgendeine Form dazu bestimmen, diese Ehe gutzuheißen.«
»Wer ist das?« fragte der Geheimrat.
»Das sind Verwandte von Geldern,« erwiderte Liane, »die sich ebenfalls aus moralischen Rücksichten ablehnend verhalten.«
»Aber das ist ja unmöglich,« erwiderte der Geheimrat, »ich kenne die Leute ja gar nicht.«
»Dann wirst du sie eben kennenlernen«, erklärte Liane.
»Wie?« fragte er.
»Das wirst du dir überlegen. Die einzige Mühe, die du dir machen mußt, ist die, bei jedem einzelnen die Stelle herauszufinden, an der er anfängt, auf die Moral zu pfeifen. Das wird Mühe machen, bestimmt auch Geld kosten. Existieren tut die Stelle bei jedem. Sie zu finden und nicht mehr zu opfern als unbedingt nötig ist, wird Sache deiner Intelligenz sein.« – Sie rückte nahe an ihn heran, sah ihm kokett in die Augen und legte ihre Hand auf seine. – »Genau, wie es Sache meiner Intelligenz war, lieber Freund, deine Zusicherung nicht teurer zu erkaufen, als es unbedingt nötig war. – Die Verbindung mit Helldorfs mag ja gewiß sehr wertvoll für dich sein – aber . . .« und sie suchte, so verführerisch wie möglich zu erscheinen, stand auf, stellte sich vor ihn hin, legte ihre Hand auf seine Schulter, beugte sich zu ihm, kam ihm mit dem Gesicht so nahe, daß sie ihn fast streifte, lächelte, zeigte die Zähne und sagte:
»Ich hätte auch mehr geboten . . .«
»Berthe!« rief er laut und streckte die Arme nach ihr aus; aber schon stand sie aufgerichtet vor ihm, legte ihre Hände auf seine Schultern, sah ihn zärtlich an und sagte:
»Als Lohn, Theo! – Ich versprech’ es dir.«
»Einzige Berthe!« himmelte der Geheimrat und streichelte zärtlich ihre Hände. – »So oft du kommst« – stammelte er mit belegter Stimme – »sollst du – den Himmel auf Erden haben – alles, was du dir wünschst . . .«
»Ich nehme dich beim Wort, Theo,« sagte sie schelmisch, »und je mehr du dich eilst, um so deutlicher wirst du mir zeigen, daß du mich lieb hast.«
»Noch heute versuch’ ich’s«, versprach er.
Sie nickte zärtlich und dankte ihm.
»Aber Helldorf?« fragte er ängstlich.
»Dem werden wir nichts sagen,« erwiderte Liane und küßte ihm die Stirn, »ich werde ihm in der Liebe Hörner aufsetzen – und du geschäftlich!« rief sie, drückte ihm die Hand und ging.
Als sie draußen war, setzte sich der Geheimrat auf einen Sessel, der neben dem Schreibtisch stand, zog sein Taschentuch aus der Brusttasche und fächelte sich Luft; dann stand er auf, rieb sich vergnügt die Hände, lachte über das ganze Gesicht und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
XLIII
»Denke dir, wem ich begegnet bin,« sagte Geheimrat Walther zu seiner Frau, als er ganz gegen seine Gewohnheit zum Lunch nach Hause kam, »nun, du wirst es nicht raten: Berthe de Cyliane.«
»Was?« rief seine Frau erfreut. »Sie ist in Berlin und sucht uns nicht auf? Womöglich hat sie in einem andern Hause eine Stellung angenommen. Theodor, die muß sie aufgeben und wieder zu uns kommen, um jeden Preis! Du mußt es versuchen; du hattest immer Einfluß auf sie. Du weißt, was wir mit unsern Mädchen durchgemacht haben, seit sie fort ist. Ich stehe bei dem Temperament unserer Kinder für nichts ein, wenn Berthe de Cyliane nicht wieder ins Haus kommt – und zwar sobald wie möglich.«
»Das schlag’ dir nur aus dem Kopf«, erwiderte der Geheimrat.
»Wieso?« fragte sie wütend.
»Nu, du wirst staunen.«
»Also bitte«, drängte sie ungeduldig.
»Weil Berthe de Cyliane seit ein paar Tagen die legitime Braut des jungen Helldorf ist.«
»Theo!« rief Frau Walther laut.
»Was sagst du dazu?«
»Warum passiert uns so etwas nicht?« sagte sie voll Neid. »Als ob unsere Mädels nicht mindestens ebenso hübsch wie diese Gouvernante sind. Ich hatte im stillen immer für unsere Annemarie mit ihm gerechnet.«
»Er muß sich doch in sie verliebt haben«, meinte der Geheimrat.
»Geschmacklos genug«, erwiderte sie, »für einen Mann mit dem Vermögen, sich in eine Gouvernante zu verlieben.«
»Sonderbar find’ ich’s auch«, bestätigte der Geheimrat.
»Aber ganz gut,« meinte sie, »daß man auf diese Weise wenigstens seinen Charakter kennenlernt. Das wäre ein netter Reinfall gewesen, wenn wir ihn als Schwiegersohn bekommen hätten.«
»Ich wünsche mir alle Tage so’n Reinfall,« sagte der Geheimrat, »der Junge erbt mal fünfundsiebzig Millionen.«
»Theo!« rief Frau Walther wieder; sah ihren Mann vorwurfsvoll an und sagte: »Warum haben wir das nicht?«
»Wenn ich mit Helldorfs in geschäftlicher Verbindung stände, könnte ich der Deutschen Bank Konkurrenz machen.«
»Und warum tust du’s nicht?« fragte sie.
»Als wenn das so leicht wäre,« erwiderte der Geheimrat, »das möchte jeder.«
»Bist du mit deinen fünfzehn Millionen etwa jeder?« fragte sie gereizt.
»Es gibt ein Dutzend Privatbankiers in Deutschland mit dem Vermögen.«
»Blamabel genug für uns«, erwiderte Frau Walther.
»Ich könnte das Doppelte verdienen, wenn ich mit Helldorfs arbeiten würde, und dazu bietet sich jetzt die Möglichkeit.«
»Wieso?« fragte sie; und nun erzählte ihr der Geheimrat von der engen Freundschaft Berthes und Luises; von Luises Verlobung; von dem Widerstand des Professors; von der Bereitwilligkeit des alten Geldern und den Bedingungen seiner Tochter; von der Zusage Berthes für den Verkehr mit Helldorf, der sich dann ja von selbst ergäbe; und schließlich sprach er davon, daß Fritz Helldorf ja noch einen jüngeren Bruder habe, und daß man diesen ja unter Umständen —
»Ich begreife dich nicht«, unterbrach ihn Frau Walther vorwurfsvoll. »Du willst nun ein Geschäftsmann sein; ja, warum hast du denn diese Luise nicht aufgefordert, zu uns zu kommen? Warum hast du sie überhaupt nicht gleich mitgebracht? Warum wohnt sie nicht bei uns?«
»Was?« fragte der Geheimrat ganz erstaunt.
»Ja, bist du denn blind? Siehst du denn nicht, daß es das einfachste ist, sie jetzt zu uns zu nehmen. Wenn sie bei uns ist, wird Berthe mit ihrem Bräutigam zu uns kommen, so oft wir’s wünschen; und die alten Helldorfs werden, wenn sie Luise einladen, auch uns und die Mädel bitten müssen. So ein Mann ist doch das Kurzsichtigste und Hilfloseste von der Welt. Verlaß dich darauf, wenn du morgen mittag zum Lunch kommst, ist Luise hier.«
»Und du meinst,« fragte der Geheimrat zaghaft, »daß wir das ohne Besorgnis um die Kinder tun können?«
»Du scheinst verwirrt zu sein!« schalt sie und schüttelte den Kopf. »Warum sollen wir nicht die künftige Schwiegertochter des alten Geldern zu uns ins Haus nehmen?« – Dann rief sie ihre Töchter Annemarie und Lotte herein, setzte eine feierliche Miene auf und sagte:
»Von morgen ab wird Luise Kersten bei uns wohnen.« —
»Was?« rief Lotte erstaunt. »Ich denke, die ist Kokotte?«
»Lotte!« schalt Frau Walther und sah besorgt zur Tür. »Was sind das für Ausdrücke! Wenn das einer hört.«
»Du hast es uns doch selbst verboten, von ihr zu sprechen«, meinte Lotte, und Annemarie bestätigte es.
»Wir durften ja nicht einmal mehr ihren Namen nennen?«
»Eine schreckliche Person ist sie, hast du von ihr gesagt?«
»Und man müßte sich geradezu schämen, sie je gekannt zu haben!«
»Eine Verworfene, hast du sie beschimpft!«
»Und zu Papa hast du gesagt, man hätte sie ans Ende der Welt schicken sollen und nicht nach Paris.«
»Und du würdest aus Furcht, ihr da zu begegnen, im Mai lieber auf deine Pariser Reise verzichten.«
»Das alles hat sich als ein schwerer Irrtum erwiesen«, erklärte der Geheimrat. »Mademoiselle Berthe de Cyliane hat sich ihrer angenommen,« – Lotte und Annemarie sahen sich verständnisvoll an – »es liegt nicht das geringste mehr gegen sie vor.«
»Ihr werdet ihr also genau wie früher begegnen und vor allem in ihrer Gegenwart mit keiner Silbe über das sprechen, was ihr hier im Hause oder von anderen über sie gehört habt.« —
Nach dem Lunch fuhr der Geheimrat zum Professor.
Er verschwieg zunächst den Grund, aus dem er kam, schützte Geschäfte vor und bot dem Professor einen Aufsichtsratsposten an, den er ihm schon seit Jahren versprochen hatte.
Der Geheimrat wußte, wie sehr ihm daran lag. Verging doch kaum eine Woche, in der der Professor nicht unter irgendeinem Vorwand bei ihm anrief, um dann wie zufällig auf bewußten Hammel zu sprechen zu kommen.
Der Geheimrat wußte daher auch, daß es Heuchelei und Verstellung war, wenn der Professor jetzt – statt, wie es ihm ums Herz war, auszurufen: Gott sei Dank! Endlich! und ihm um den Hals zu fallen – sehr reserviert tat und erklärte:
»Du weißt, lieber Theodor, was alles auf mir lastet. Wenn du aber meinst, daß ich dir und dem Unternehmen damit einen Dienst erweise, so wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben, als ja zu sagen.«
Und anstatt daß der Professor dem Geheimrat dankte, versicherte der Geheimrat, daß er sehr glücklich sei, bei der nächsten Generalversammlung das prinzipielle Einverständnis des Professors mitteilen zu können.
»Übrigens, da ich gerade hier bin,« sagte der Geheimrat so nebenbei, »ich stehe im Begriff, eine neue geschäftliche Verbindung anzuknüpfen, die auch für dich sehr wertvoll werden kann, falls du noch Zeit und Lust dazu hast, Reichstagsabgeordneter zu werden.« —
Der Geheimrat wußte, daß der Professor das Leben nur von dem Gesichtswinkel aus: »Wie werde ich Reichstagsabgeordneter?« betrachtete. Und wie etwa der Parvenu alles nur nach dem Preis, nichts nach Schönheit und Wert beurteilt, wie sich der junge Student seine Universität nur nach dem Renommee der Mädchen, nicht nach dem Ruf der Professoren wählt, so beurteilte der Professor kein Geschehnis als Ding an sich, sondern immer nur in der Wirkung auf seine Chancen als Reichstagskandidat. Er fühlte wohl instinktiv, daß das bei seiner Durchschnittsbegabung die Grenze des für ihn überhaupt Erreichbaren war. Aber er hielt sich auch für fähig – und es kamen sogar Stunden, in denen er sich für berufen hielt – als Volksvertreter »für die Befestigung der sittlichen Grundlagen des Volkes und der Einordnung des einzelnen in das Staatswesen« – das war die Quintessenz seines politischen Glaubens – zu kämpfen.
Und als jetzt der Geheimrat anfing, davon zu sprechen, da war dem Professor zumute wie einem, der aus dem Lärm der Straße in eine Kirche tritt; wie der Klang der Orgel zu Gott rief, so mahnte ihn jetzt eine Stimme an seine Pflicht; ja, es war durchaus echt und ehrlich, als er sagte:
»Ich weiß, daß es eine Sünde an der Wissenschaft ist, wenn ich ihr einen Teil meiner Kraft entziehe. Aber ich fühle doch deutlich, wo meine höhere Pflicht liegt; ja, ich könnte mich zur Aufgabe meiner Lehrtätigkeit entschließen, um mich ganz nur der Befestigung der sittlichen Grundlagen unseres Volkes zu widmen.«
Der Geheimrat glaubte nicht an das Pathos. Natürlich, dachte er, aus Ärger, daß er zeit seines Lebens Extra-Ordinarius bleibt. Aber er hütete sich wohl, es auszusprechen. Vielmehr sagte er:
»Nun, wenn dem so ist, lieber Onkel, dann freut es mich, auch dir einmal gefällig sein zu können. Ich stehe nämlich im Begriff, mit dem einflußreichsten Mann deiner Partei, dem bekannten Großindustriellen Helldorf, in allerengste Verbindung zu treten.«
Den Professor störte es, daß er seine freudige Überraschung nicht unterdrücken konnte; er fühlte deutlich, daß man es ihm ansah, wie froh er über diese Nachricht war.
»Nun, da gratuliere ich,« sagte er, »das wird ja von einem großen Vorteil für dich sein.«
»Bestimmt!« antwortete der Geheimrat. »Und für dich nicht minder.«
»Es ist wahr,« gab der Professor zu, »daß der alte Helldorf, von dem unsere Partei ja materiell abhängig ist, bei der Besetzung der Wahlkreise das entscheidende Wort spricht.«
»Eben! Das hat man mir gesagt«, erwiderte der Geheimrat.
»Und so sehr ich seit fünfzehn Jahren an meinen Liegnitzern hänge – schließlich würden sie es auch begreifen und nicht als Treubruch ansehen, wenn ich mal in einem aussichtsreicheren Wahlkreis kandidiere; ich denke dabei – vielleicht notierst du’s dir – vornehmlich an Marienwerder und Friedberg-Büdingen.«
Der Geheimrat schrieb es auf.
»Das dürfte sich ohne besondere Mühe erwirken lassen«, sagte er. »Übrigens wirst du ihn ja bei uns kennenlernen.«
»Ist er in Berlin?« fragte der Professor.
»Nein, augenblicklich nicht, sein Sohn hat sich – das heißt, vorläufig ist das noch strengstes Geheimnis —«
»Ich bin verschwiegen«, versicherte der Professor.
». . . Also, sein Sohn hat sich mit der besten Freundin unserer Mädel verlobt, du kannst dir denken, daß da auch die gesellschaftlichen Beziehungen von selbst gegeben sind.«
»Das trifft sich ja ausgezeichnet«, sagte der Professor; und nach einer Weile fuhr er fort: »Es hat doch manches für sich, Kinder zu haben.«
»Wie meinst du das?« fragte der Geheimrat.
»Nun, bei der Besetzung des Ordinariats in Bonn kamen diesmal drei Kollegen in Frage. Der eine hatte ein grundlegendes Werk über die Vergeistigung des Materialismus, der andere eine ungewöhnliche Lehrbegabung, die in der großen Zahl seiner Hörer eklatant zum Ausdruck kam, in die Waagschale zu werfen. Der dritte hatte sich weder als Lehrer hervorgetan, noch eine irgendwie beachtenswerte wissenschaftliche Leistung aufzuweisen; er bekam aber den Lehrstuhl, da sich seine Tochter sechs Monate vorher mit dem Dezernenten im Kultusministerium verheiratet hatte.«
»Ich freue mich,« erwiderte der Geheimrat, »daß du dir als Gelehrter einen so klaren Blick für das praktische Leben bewahrt hast; das erleichtert mir meine Aufgabe ungemein. Ich als Kaufmann betrachte alle Dinge zunächst vom geschäftlichen Standpunkt.«
»Wie meinst du das?« fragte der Professor.
»Sehr einfach,« erwiderte der Geheimrat, »ich biete dir durch Helldorfs Vermittlung die Chancen eines sicheren Wahlkreises. Ich verlange von dir als Äquivalent nichts weiter als eine Formalität.«
»Bitte!« sagte der Professor.
»Daß du der Ehe Luises mit dem jungen Geldern zustimmst und Luise als seine Braut auch gesellschaftlich rehabilitierst.«
Der Professor wollte widersprechen.
»Laß mich ausreden«, bat der Geheimrat; und er erzählte in einer für den Professor zubereiteten Färbung die Gründe, aus denen für die gesamten Interessen der Familie die Rehabilitation Luises ratsam, ja geradezu notwendig sei.
Der Professor überlegte nicht lange; dann sagte er:
»Die Verlobung mit dem jungen Geldern ist an sich noch kein zwingender Grund, um für Luise ein Institutio in integrum, eine Wiedereinsetzung in den früheren Stand zur Familie, zu rechtfertigen; wäre es auch dann noch nicht, wenn dieser Geldern, an dessen sittlicher Integrität, wie du wohl weißt, ebenfalls Zweifel bestehen, nach jeder Richtung hin einwandsfrei dastünde. Obschon sich, was ich zugebe, in diesem Falle darüber reden ließe. Die sittlichen Verfehlungen Luises aber sind so schwerer Natur, daß in einem Ausgleich nach meinem Gefühl mehr als bloß eine Milde, ja geradezu eine Art Billigung läge. Und das, lieber Theodor,« erklärte er mit großem Pathos, »hieße am letzten Ende, sich mitschuldig machen. Nein!« sagte er und stand auf, um seinen Worten besonderen Nachdruck zu geben: »Diesen Vergleich lehne ich ab.«
»Das ist eine Härte gegen Luise«, erwiderte der Geheimrat, »und daneben, entschuldige, wenn ich es offen sage . . .«
»Bitte!«
». . . eine große Dummheit, —«
Der Professor bekam einen roten Kopf. —
». . . die ich nicht mitmache.«
»Was soll das heißen?« fragte der Professor in großer Erregung.
»Nun, für dich«, erwiderte der Geheimrat, »heißt das zunächst, daß du deinen lieben Liegnitzern erhalten bleibst und aller Voraussicht nach als der ewige Reichstagskandidat in die Grube fährst.«
»Ich verbiete dir . . .« schrie der Professor.
»Laß nur,« unterbrach ihn der Geheimrat in aller Ruhe, »es hört uns niemand. – Auch wird es mit der Zeit nicht ausbleiben, daß sich die Witzblätter deiner Kandidatur annehmen. Du weißt, wer Pech hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen . . .«
»Ich gehöre . . .«, begann der Professor mit großem Pathos.
»Ich weiß«, unterbrach ihn der Geheimrat abermals.
»Du gehörst seit fünfzehn Jahren als Extra-Ordinarius dem Lehrkörper der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität an; bist Mitglied des Stadtverordnetenkollegiums und seit mehr als zehn Jahren . . . das übrige können wir uns wohl schenken? – Wie gesagt, ich weiß es, und es hört uns niemand.«
Der Professor wechselte die Farbe.
»Aber ich will dir noch etwas sagen«, fuhr der Geheimrat fort. »Deine moralischen Grundsätze in allen Ehren; ich lasse sie gelten und habe bisher auch in allem, was Luise anging, dein Verhalten gebilligt. Sobald aber deine moralischen Grundsätze mit meinen geschäftlichen Interessen kollidieren, mache ich nicht mehr mit. Wenn es sich um Werte wie Helldorfs handelt, hat die Moral einfach zu schweigen. Denn schließlich kann doch ihr Sinn und Zweck unmöglich darin liegen, uns das Leben zu erschweren und uns um Chancen zu bringen, die vielleicht nie wiederkehren.« – Daß ihm an dem Besitz Berthe de Cylianes fast ebensoviel wie an der geschäftlichen Verbindung mit Helldorfs lag, verschwieg er. – »Also, überleg’ es dir! Und laß dir gesagt sein: es geht auch ohne dich.«
Er streckte ihm die Hand hin, nach der der Professor mechanisch griff, sagte Adieu und ging.
Er überlegte, als er in seinen Wagen stieg, ob es Sinn habe, auch noch den Oberlehrer umzustimmen. Ein Versuch lohnt immerhin, entschied er, zumal er den Professor ja noch nicht sicher hatte, auf den sich durch den Oberlehrer vielleicht ein Druck ausüben ließ.
Also versucht man’s!
Er traf ihn nicht an; seine Frau, die dem Mädchen gerade in der Küche half, empfing ihn mit einer Riesenschürze, die das ganze Kleid bedeckte. Sie war geniert und entschuldigte sich ein über das andere Mal; aber für ein zweites Mädchen reiche das Gehalt eines Oberlehrers nicht aus, und das Kindermädchen wäre so träge, daß es nicht einmal des Abends beim Abwaschen helfe. Es sei ein Kreuz, zumal wenn man sehe, wie es anderen ginge und wie es beispielsweise Kerstens gehabt hätten.«
»Die wollen wir uns nicht gerade als Vorbild nehmen«, meinte der Geheimrat. »Aber natürlich, wenn die Liebe größer ist als das Einkommen: fünf Kinder und —« er sah sie an – »das sechste unterwegs —«
»Nein!« rief sie. »Um Himmels willen! Wie kommst du darauf; dies Jahr nicht.«
»Ich dachte,« sagte er und wies auf die Schürze – »nun, um so besser, wenn es nicht der Fall ist.« Dann nahm er auf dem Diwan Platz, so daß auch ihr nichts übrig blieb als sich zu setzen, und begann.
»Ich bin nämlich gekommen, um euch mitzuteilen, daß Luise sich verlobt hat.«
»Was?« fragte sie. »Luise? Verlobt? Ja, das ist doch ein Witz! Wer wird denn so eine heiraten?«
»Geldern heißt er, stammt aus einer der allerbesten Berliner Familien; sein Vater ist Millionär; er selbst soll ein ausgezeichneter Mensch sein.«
»Wie ist das möglich?« fragte Frau Oberlehrer. »Er weiß natürlich nicht . . .«
»Er weiß alles!« kam ihr der Geheimrat zuvor. »Er liebt sie und verzeiht ihr.«
Die Frau des Oberlehrers hielt sich den Kopf.
»Ja, wo bleibt denn da die Moral!« rief sie entsetzt.
»Was sagt sein Vater dazu und was der Professor?«
»Ja und Amen – na, und ich meine, wir werden dasselbe tun.«
»Über meine Schwelle kommt diese Person mir nicht«, sagte sie entschieden. »Wenn ich auch nur eine einfache Lehrersfrau bin, so weiß ich doch, was sich schickt, und daß eine anständige Frau, wie ich, mit so etwas nicht zusammenkommt.«
»Schade«, sagte der Geheimrat.
»Was ist schade?« fragte sie.
»Nun, da meine Frau Luise bis zur Hochzeit zu sich nehmen will, so werden wir auf euch leider . . .« »Wie? – Deine Frau, die Charlotte, nimmt sie, – wo ihr selbst erwachsene Töchter im Hause habt? – Ja, ist denn das denkbar?« fragte sie ganz entsetzt.
»Es gibt gesellschaftliche Rücksichten – aber das verstehst du nicht, denn dir liegen andere Sorgen näher«, sagte er.
»Leider«, bestätigte sie.
»Wie gesagt, es öffnen sich uns da ganz neue Kreise, die natürlich auch geschäftlich nutzbar zu machen sind. So hoffe ich bestimmt, durch diese Verbindung in die Lage zu kommen, euch euer Geld vom nächsten Jahre ab statt mit vier mit viereinhalb Prozent verzinsen zu können.«
»Das wäre mir äußerst angenehm,« sagte sie, »dann könnte ich mir noch ein Mädchen halten und mich entlasten.«
»Gewiß,« sagte der Geheimrat, »es wäre dir sehr zu wünschen.«
»Und ich könnte meinem Mann dann öfter mal eine Freude machen.«
»Womit erfreut man ihn denn?« fragte der Geheimrat.
»Mit allem,« erwiderte sie, »mit der geringsten Kleinigkeit; schon wenn ich ihm eine Flasche rote Tinte kaufe, freut er sich; so braucht er jetzt neue Jägerwäsche – ja, mir fehlt das Geld, sie ihm zu kaufen. Oder, daß wir mal ins Theater kämen. Dabei ist er wochenlang ein ganz anderer Mensch, wenn er mal im Königlichen Schauspielhause war.«
Rote Tinte – Jägerwäsche – Königliches Schauspielhaus; darin lag eine erschöpfende Charakteristik des Oberlehrers.
»Das Vergnügen kann er alle Woche haben«, sagte der Geheimrat. »Wir haben alle Freitag, glaube ich, Abonnementsbillette, die liegen bei uns herum und verfallen meist, da die Kinder nicht zu bewegen sind und meist auch etwas anderes vorhaben. Die könnt ihr regelmäßig bekommen. – Überhaupt sieht man sich viel zu selten und entfremdet sich auf diese Weise vollständig. Schließlich ist man doch verwandt und hat doch auch Interesse aneinander. Ich weiß kaum noch, wie deine Kinder aussehen.«
»Bis jetzt hast du sie dir ja auch noch nie angesehen«, erwiderte Frau Oberlehrer.
»Das muß eben anders werden«, sagte er bestimmt. »Ich habe nur die beiden Mädel; was liegt also näher, als daß ihr mir eure Jungen mal ins Geschäft gebt.«
Die Frau des Oberlehrers, die seit Jahren mit diesem Gedanken spielte, und jeden Abend den Wunsch in ihr Gebet flocht: Lieber Gott, schenke Walthers keinen Sohn, reichte dem Geheimrat die Hand und sagte:
»Wenn du das tätest, Theodor!«
»Ich verspreche es dir«, sagte der Geheimrat. »Aber ich verlange auch, daß ihr mir in Kleinigkeiten entgegenkommt. Mir liegt daran, daß sich meine Familie wieder zu Luise stellt. Es liegt das augenblicklich in unserer aller Interesse. Im übrigen ist sie in den Händen Berthe de Cylianes eine völlig andere geworden.«
»Ist das jene Erzieherin, die früher bei euch war?« fragte sie.
»Eben die«, antwortete der Geheimrat.
»Das soll ja eine so ungewöhnlich tüchtige und zuverlässige Person sein.«
»Das ist sie«, bestätigte der Geheimrat.
»Mein Mann hat sie mehrmals bei euch getroffen und sich mit ihr über Erziehungsmethoden unterhalten.«
»So?« sagte der Geheimrat. »Davon wußte ich nichts.«
»Gewiß! Sie sind auch häufig des Abends auf einem englischen Fortbildungskursus zusammengetroffen.«
»Ach nein,« meinte der Geheimrat, »wie interessant! – Und nun geht er immer ohne sie zu diesem Fortbildungskursus?« fragte er.
»Er ist, seitdem sie fort ist, nicht mehr dagewesen, – wohl aus Rücksicht auf mich, um mich nicht allein zu lassen.«
»Das finde ich rührend!« sagte der Geheimrat.
»Er hat sich damals auch alle Mühe gegeben, ihr beim hiesigen Mädchengymnasium eine feste Anstellung zu verschaffen.«
»Das ist mir alles ganz neu«, versicherte der Geheimrat.
»Leider ist es ihm nicht gelungen.«
»Ich würde das an deiner Stelle nicht so übermäßig bedauern. Wenn er aber – und ich glaube, daß wir darin vollständig übereinstimmen – eine so hohe Auffassung von Berthe de Cyliane hat, dann wird er ja wohl auch ihre beste Freundin – und die ist Luise – respektieren.«
»Selbstverständlich!« rief Frau Oberlehrer. »Wenn Berthe de Cyliane sich für sie einsetzt, weiß ich, daß mein Mann nicht nein sagt.«
»Also!« sagte der Geheimrat. »Und du?«
»Ich folge in allem meinem Mann«, erklärte sie.
Der Geheimrat stand auf.
»Und du bist in diesem Falle seiner sicher?« fragte er.
»Absolut!« erwiderte sie.
»Und wirst ihn nicht davon abzubringen suchen?«
»Ich werde ihm zureden.«
Er reichte ihr die Hand.
»Danke,« sagte er, »und grüß’ ihn, und auf baldiges Wiedersehen!«
»Willst du die Jungens nicht sehen?« fragte sie.
»Ein anderes Mal,« erwiderte der Geheimrat; »ich bin heute knapp bei Zeit.«
Dann ging er.
Frau Oberlehrer ging zu ihren Jungen; streichelte und küßte sie. Die saßen gerade beim Abendbrot und waren ganz erstaunt; denn sie rechneten auf eine Tracht Prügel, da sie gegen das Verbot wieder einmal die Wurst von ihren Stullen heruntergegessen und das schwach bestrichene Brot beiseite geschoben hatten.
Tröstet euch, dachte Frau Oberlehrer, eure Jungens werden es einmal besser haben! – —
Als der Geheimrat wieder ins Bureau kam, fand er unter anderem einen Rohrpostbrief von dem Professor vor, der schrieb:
»Lieber Theodor! Du hast mich vor eine schwere Entscheidung gestellt. Nach reiflichem Erwägen bin ich bereit, Deinen Wunsch zu erfüllen. Luise soll rehabiliert werden. Ich muß dies Opfer meiner persönlichen Überzeugung bringen, weil es im Interesse der Allgemeinheit liegt. Bin ich mir auch bewußt, in diesem Einzelfalle gegen die Moral zu verstoßen, so geschieht’s, weil ich mir dadurch die Möglichkeit schaffe, als Volksvertreter meine ganze Persönlichkeit für die Befestigung der sittlichen Grundlagen des deutschen Volkes einzusetzen.
Vergiß nicht Marienwerder, Friedberg-Büdingen.
Beste Grüße
Dein Onkel.«
Der Geheimrat lächelte, dann nahm er einen Rotstift und unterstrich dick die Worte: »Luise soll rehabilitiert werden.«
Er schloß den Schreibtisch auf, nahm einen Briefbogen und schrieb an Berthe de Cyliane, daß er alles ihrem Wunsche gemäß geregelt habe und voller Sehnsucht die Einlösung ihres Versprechens erwarte.
XLIII
Liane stürzte sofort nach Empfang des Briefes zum Geheimrat; vorher hatte sie Werner verständigt und sich zum Lunch mit ihm ein Rendezvous gegeben.
Als sie diesmal den kleinen Vorraum, der in Walthers Privatbureau führte, betrat, lächelte ihr der junge Mann freundlich zu, riß die Türen auf und ließ sie vor.
Der Empfang war sehr herzlich.
»Wie gut es ist, wenn man Freunde hat«, sagte Berthe.
»Nur scheinst du etwas viel zu haben«, erwiderte der Geheimrat.
»Fängst du schon an, eifersüchtig zu werden?« fragte sie. »Ich bin, seitdem ich mit Helldorf verkehre, kaum mit einem andern Mann zusammen gewesen.«
Der Geheimrat lächelte. »Und früher?« fragte er.
»Was soll das heißen? Willst du ein Verzeichnis haben? – Verlaß dich drauf, ich habe nie eine Geschmacklosigkeit begangen. Hatte das glücklicherweise auch nicht nötig und konnte stets wählen, was mir gefiel.«
»Um so erstaunlicher, was für Wege dein Geschmack manchmal geht«, erwiderte der Geheimrat.
»Sag’, was du meinst,« bat Liane, »anstatt Versteck mit mir zu spielen.«
»Ich meine meinen Vetter, den Oberlehrer Dr. Sasse«, sagte der Geheimrat ernst.
Liane lachte laut und herzlich.
»Ach der!« rief sie. »Himmlisch! Wie oft denke ich an den Mann mit dem bunten Vorhemd und der griesligen Jägerwäsche – ah!« – Sie schüttelte sich und zog die Schultern hoch. – »Es juckt, wenn ich nur daran denke! Der lebt auch noch?«
»Warum soll er nicht leben?« erwiderte der Geheimrat; »ich wundere mich nur, daß du an ihm Gefallen finden konntest.«
»Glaubst du das wirklich?« fragte sie belustigt. »Mir scheint, du weißt nicht, was du sprichst. Ich habe ihm damals mein Ehrenwort gegeben, dir nichts zu sagen; na, und Diskretion ist der Kredit einer Kokotte. Aber, da du’s weißt, kann ich dir nun auch sagen, wie ich zu diesem Trottel gekommen bin. Der Mann hat mir, als ich noch Erzieherin bei euch war, frech und plump nachgestellt; ich habe ihn natürlich für das genommen, was er war: für einen schlechten Witz, nach dem einem übel wird. Eines Tages ist dieser Filou – wie ist mir noch heute unklar – dahintergekommen, daß wir beide in Verbindung stehen. Wahrscheinlich hat er die Dienstboten bestochen. Jedenfalls drohte er mir nun mit Skandal, falls ich ihm nicht einmal – na, das Weitere kannst du dir denken. Ich habe mich für unsere Liebe geopfert!« sagte sie mit schalkhaftem Pathos. »Ich hoffe, du wirst dich, auch wenn es längst verjährt ist, dafür erkenntlich zeigen.«
»So ein Schw . . . Schuft!« rief der Geheimrat.
»Was sollte ich tun? Ich entschloß mich und sagte ja. Er bestellte mich in eine Spelunke, die Hotel Bismarck oder so ähnlich hieß, am Stettiner Bahnhof; mir wird noch übel, wenn ich nur daran denke. Er erwartete mich im Hausflur; mit einem falschen Bart, einer Brille, den Kragen hochgeklappt und sah aus wie ein Verbrecher. Ich werde die Angst und den Ekel dieser Stunde nie vergessen. Ich weiß heut noch nicht, was eigentlich geschah. Nur, daß er in dem Hause bekannt war, merkte ich. Denn als wir die Treppe hinaufstiegen, rief so etwas wie ein Portier dem Kellner, der uns führte, und an dessen Frack und Hose der Dreck klebte, zu:
›Herr Walther wieder auf Zimmer Nummer 17.‹ Ich riß instinktiv die Fenster auf, die nach einem schmutzigen Hofe gingen, um Luft hereinzulassen. Aber mir schlug ein so ekler Geruch entgegen, daß ich sie gleich wieder schloß. Dann weiß ich nur noch, daß der Kerl . . .«
»Welcher Kerl?« fragte der Geheimrat.
»Dein sauberer Vetter«, erwiderte Liane, ». . . seinen Rock auszog, vor mir auf der Erde herumrutschte und nach meinen Beinen griff. Ich muß dann wohl die Besinnung verloren haben; denn als ich mich nach einer Weile umsah, wußte ich gar nicht, wo ich war, lag halb entkleidet im Bett, und neben mir auf dem Nachttisch lag ein Fünfmarkstück.«
Der Geheimrat schrie vor Lachen.
». . . Und ein Zettel, auf dem stand: Der Lohn der Liebe! Schlaf’ süß, mein Herzensschatz! Bis morgen! Wo ich dich wieder wie heut erwarte.«
»Und unter meinem Namen macht er das?« rief der Geheimrat. »So ein Schuft!«
»Ich wußte, daß dich das am meisten interessieren würde«, sagte Liane. »Ich habe ihn dann nur noch einmal, und zwar bei euch gesehen, kurz vor meiner Abreise. Da erzählte er mir, daß er Abend für Abend vor dem Hotel auf mich gewartet habe. Ich muß lachen, und da fragte er mich, ob ich denn nicht glücklich gewesen sei.«
»Sie sind doch alle gleich«, sagte der Geheimrat.
»O nein,« erwiderte Liane, »das wäre ganz furchtbar; und ich würde noch heute eine anständige Frau, wenn alle wären wie er. – Aber um endlich auf Luise zu kommen: was wird nun?«
»Alles geregelt«, sagte der Geheimrat. »Meine Frau will sie bis zur Hochzeit zu sich nehmen. Der Professor ist mit allem einverstanden; wir werden noch heute dem alten Geldern Besuch machen. Bist du zufrieden?«
Sie reichte ihm die Hand und er küßte sie.
»Ja«, sagte sie.
»Und mein Lohn?«
»Du hast mir viel versprochen gestern«, erinnerte Liane.
»Ich riskiere nicht wenig, das weißt du; aber ich halte mein Wort, wenn es auch ein Unrecht gegen Helldorf ist.«
Der Diener meldete Herrn Werner Geldern.
»Ich habe ihm telephoniert,« sagte Liane, »damit wir gleich alles regeln können.«
»Und Helldorf?« fragte der Geheimrat.
»Der wird dich auch aufsuchen«, erwiderte Liane; »wenn du es schlau machst, löst er seine Verbindung zu den Banken und geht zu dir.«
»So?«
»Aber einen anständigen Kredit mußt du ihm einräumen«, sagte sie; – »schon in meinem Interesse!«
»Den kann er haben, so hoch er will.«
»Und für mich mußt du sparen – willst du das, und mir hohe Prozente geben? – Weiter verlange ich nichts von dir.«
»Fünfzig Prozent,« versprach der Geheimrat, »solange ich dich zu sehen bekomme.«
»Du, das ist ein Vermögen«, sagte Liane; »ich kann bei Helldorf gut 500 – 800 Mark die Woche sparen, wenn ich mich einrichte und lieb zu ihm bin.«
»Soviel bist du mir wert«, erklärte der Geheimrat.
Liane streckte ihm die Hand hin: »Abgemacht«, sagte sie.
Er schlug ein, zog sie an sich und küßte sie.
Der Diener meldete Herrn Geldern.
»Bitte!« befahl der Geheimrat.
Werner küßte Liane die Hand, begrüßte dann den Geheimrat, dem er irgendwo schon einmal begegnet war.
»Ich darf Ihnen sagen,« begann der Geheimrat, »wie sehr ich mich freue, in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu Ihrer Familie zu treten.«
»Mein Papa erwartet Sie gern«, erwiderte Werner.
»Auch ich hoffe, Sie bald bei uns zu sehen; meine Frau hing immer mit besonderer Liebe an ihrer Nichte und wäre ganz glücklich, wenn sie bis zur Hochzeit unser Gast wäre.«
Werner sah ihn groß an; er überzeugte sich, daß der Geheimrat glaubte, was er sagte; daß er sich nicht einmal verstellte und es in diesem Augenblick wirklich ernst meinte.
»Das ist sehr gütig«, antwortete er; »aber ich glaube kaum, daß meine Braut das annehmen kann.«
»Aber warum nicht?« fragte der Geheimrat. »Sie hat bei uns meine Töchter, die in ihrem Alter sind und sich darauf freuen, ihre Cousine wiederzusehen. Es wird doch viel zu tun geben: Aussteuer – Wohnung – ich kenne das; bei allem wird ihr meine Frau wie eine zweite Mutter zur Seite stehen; und schließlich, da ihre guten Eltern leider tot sind, – schade, daß Sie die nicht mehr kennen lernen, – so sind wir ja auch diejenigen, die Ihrer Braut am nächsten stehen.«
Als Werner zum Geheimrat Walther ging, hatte er sich fest vorgenommen, nichts aus der Vergangenheit zu erwähnen. Er wollte seinem Vater zuliebe – und da es ja auch im Interesse Luises lag – die konventionellen Pflichten auf sich nehmen; so lächerlich an sich diese Maskerade war. Dennoch platzte er jetzt heraus und sagte:
»Sie und Ihre Frau Gemahlin haben nicht immer so gedacht.«
Der Geheimrat war keinen Augenblick verlegen.
»Ich bitte Sie, die Verhältnisse haben sich doch völlig gewandelt; niemand ist glücklicher darüber als ich.«
»Trotzdem wird es nicht gut gehen«, erwiderte Werner. »Meine Braut hat unter dem Leben, das sie – nicht zuletzt durch die Schuld Ihrer Familie – zu führen gezwungen war, seelisch arg gelitten; fremde Menschen regen sie auf.«
»Aber ich bitt’ Sie,« unterbrach der Geheimrat, »wir sind ihr doch nicht fremd – nächst Ihnen wüßte ich keinen, der ihr näher steht als wir.«
»Stehen sollte«, erwiderte Werner; »leider – und das kann Sie kaum wundern, – ist das nicht der Fall. Sie ist in der Zeit, die sie von Hause fort war, eben ein ganz anderer Mensch geworden . . .«
»Im Grunde ist sie ja doch dieselbe geblieben«, versicherte der Geheimrat.
»O nein, Sie irren«, sagte Werner entschieden.
»Für uns jedenfalls«, versicherte der Geheimrat; »wir haben alles, was inzwischen vorgefallen ist, längst vergessen.«
Damit glaubte er etwas ganz besonders Freundliches zu sagen.
»Sie ja, das glaube ich gern«, erwiderte Werner. »Sie lernen von heute auf morgen um; für Sie kann ein und derselbe Mensch heute Kokotte und, wenn ein Fürst kommt und sie zu seiner Frau macht, morgen der Inbegriff alles nur zu Verehrenden sein. Meine Luise hat dickeres Blut; die vergißt weniger schnell, daß sie Kokotte war.«
»Aber!« rief der Geheimrat entsetzt. »Wie kann man so etwas von einer Frau sagen, die man heiraten will.«
»Der Unterschied ist der,« erwiderte Werner, »daß ich daran denken kann, und zwar an alles, ohne daß meine Liebe darunter auch nur leidet; ja umgekehrt, sie befestigt und vertieft sich nur. Sie aber haben eine solche Scheu, daß Ihnen selbst das bißchen Konvention schwerfällt, solange Sie auch nur im stillen daran denken müssen. So heucheln Sie vor sich selbst.«
»Ich meine, man sollte es sich nicht unnütz schwer machen«, sagte der Geheimrat.
»Das meine ich auch«, sagte Liane.
Und Werner gab ihnen recht; er ärgerte sich, daß er immer noch in seine alten Fehler zurückfiel und feierlich wurde, statt zu lachen. —
»Also,« sagte er, »kehren wir zum Konventionellen zurück! – Verehrtester Onkel – oder geht das zu weit?«
Der Geheimrat reichte ihm die Hand und sagte:
»Es gehört sich wohl so.«
»Das meine ich auch; nur nichts Halbes. Noch einmal also: Lieber Onkel, im Namen Luises danke ich dir und der lieben Tante . . .«
»Sie kennen sie ja noch gar nicht«, rief Liane und lachte laut.
»Darauf kommt es nicht an«, erwiderte Werner. »Der Arzt wünscht aber, daß sie bis zum Tage der Hochzeit im Sanatorium bleibt.«
»Das wird deine Tante so sehr bedauern wie ich«, erwiderte der Geheimrat. »Wann soll denn die Hochzeit sein?«
»So schnell wie möglich,« erwiderte Werner, »und am Hochzeitstage wird, wie ich bestimmt hoffe, die ganze liebe Familie versammelt sein.«
»Das versteht sich von selbst«, erwiderte der Geheimrat; »wie ich meine Frau kenne, wird sie es sich nicht nehmen lassen, die Brautmutter zu spielen.«
»Das Arrangement überlasse ich Ihnen gern«, sagte Werner; »nur eins noch . . .«
»Bitte«, rief der Geheimrat.
»Es gibt nun noch immer zwei Widerspenstige zu zähmen,« sagte er, »nämlich meinen Schwager und meine Schwester. Sie haben zwar ihr Verhalten von Ihrem abhängig gemacht; immerhin glaube ich, daß es gut wäre, wenn man ein wenig nachhilft.«
»Mit Vergnügen«, erklärte der Geheimrat; »das ist doch der Rittergutsbesitzer Brehmer-Geldern?«
»Allerdings«, bestätigte Werner; »die Leute haben den Tick, geadelt zu werden.«
Der Geheimrat schüttelte den Kopf.
»Teure Sache,« sagte er.
»Eben«, erwiderte Werner; »ich sage Ihnen das nur als Gebrauchsanweisung, damit Sie wissen, wo Sie anzukurbeln haben. Die beiden Leute laufen am Schnürchen, wenn Sie da ansetzen, Vorschläge machen und womöglich helfen.«
Der Geheimrat dankte und machte sich Notizen.
Dann ließ sich Werner die Namen und Adressen aller Verwandten von Luise geben, bei denen er seine Karte abzuwerfen hatte, und nach Erledigung weiterer Formalitäten verabschiedete er sich und nahm Liane mit sich.
»Nein, ist das alles blöd«, sagte Liane, als sie draußen waren.
»Aber Sie haben Ihre Sache vorzüglich gemacht«, erklärte Werner.
»Das Beste kommt noch«, versicherte sie.
»Und was ist das?« fragte er.
»Der Hauptschuldige ist noch nicht gerichtet.«
»Wer ist das?« fragte Werner.
»Der Professor natürlich.«
»Und was wollen Sie mit ihm tun?«
»Seinem Pathos will ich zu Leibe. Ich habe nämlich das Gefühl, als wenn alles, was die Familie jetzt tut, obgleich sie es freiwillig und sogar gern tut, im Grunde doch die Strafe für das ist, was sie an Luise gesündigt hat.«
»Bestimmt«, bestätigte Werner; »für jeden, der denkt und sehen kann! Es ist das vernichtende Urteil ihrer Moral. Sie selbst merken es ja nicht; aber für mich und für Luise hat es doch eine große Bedeutung; wir haben unsern Humor wieder, wir können lachen.«
»Ich wünschte auch, ich könnte erst frei leben,« sagte Liane, »so, wie es mir paßt.«
»Wo kann ich Sie hinfahren?« fragte Werner, als sie unten waren.
»Nach Haus, bitte – aber geht es an, daß Sie als Bräutigam mit mir zusammen . . .?«
»Himmel! Nein!« lachte Werner.
»Nicht wahr,« sagte Liane, »das wäre ein fabelhafter Fauxpas.«
»Einer der ärgsten Verstöße gegen die Moral,« versicherte Werner; »alle anständigen Eltern, die das sähen, wären entsetzt und würden die Partie zurückgehen lassen, wenn es ihr Schwiegersohn wäre.«
Sie lachten, gaben sich die Hand und trennten sich.
Werner holte den alten Weise ab und fuhr mit ihm zum Vater.
Als er am Abend zu Luise reiste, saßen der alte Geldern und Weise noch stundenlang unter der großen Kristallkrone beieinander.
»Auf Werner und Luise!« sagte Geldern.
»Und auf die Kommenden!« ergänzte Weise.
Der Alte strahlte.
»Das wird ein echter Geldern«, sagte er. »Prost!«
Sie stießen an und tranken, und kein Tropfen blieb im Glase.
Als Weise fort war, ging der alte Geldern mit Martin, der einen Leuchter vorantrug, langsam durch alle Räume des Hauses; betrachtete liebevoll jedes Stück: die alten Bilder, Teppiche und Möbel; lächelte und nickte mit dem Kopfe. Und als er wieder in seinem Zimmer war, gab er Martin die Hand, sah ihm in die Augen und sagte:
»Ich bin sehr glücklich, Martin.«
XLIV
Als Werner zwei Tage später wieder bei Luise war, erzählte er ihr, daß er aus Berlin kam und nannte ihr auch den Grund, aus dem er dort gewesen war.
»Wir werden von deiner gesellschaftlichen Rehabilitation so wenig Gebrauch wie irgend möglich machen«, sagte er. »Immerhin ist es sehr sinnig, daß du sie lediglich dieser Liane verdankst. Und was meinem Vater und dem alten Weise und allen ehrsamen alten Jungfern der Stadt niemals gelungen wäre: diese so peinlich um ihre moralische Stubenreinheit bedachte Gesellschaft von deiner Tugendhaftigkeit zu überzeugen, gelang mühelos einer Kokotte.«
Da lachte auch Luise zum ersten Male wieder von ganzem Herzen; war ausgelassen und sagte spöttisch:
»Nein, wie ich mich freue, sie alle wiederzusehen, die guten Tanten und lieben Onkel. Ich fürchte nur, ich werde ihre Feierlichkeit nicht ernst nehmen und ihnen ins Gesicht lachen.«
Am nächsten Tage kamen Briefe von Professors, Oberlehrers und Walthers. Sie alle gratulierten in sehr herzlicher Form und taten, als wenn nie etwas vorgefallen wäre. Frau Geheimrat Walther versicherte ihr noch einmal, wie sehr sich ihr Mann, sie selbst und die Kinder freuen würden, wenn sich Luise doch noch entschlösse, bis zur Hochzeit ihr Gast zu sein. Auch von Berthe de Cyliane, die gestern bei ihnen gewesen wäre und so viel Gutes und Liebes über Luise berichtet hätte, fügte sie Grüße bei. Rittergutsbesitzer Brehmer-Gelderns hießen in einem langen Telegramm die neue Schwägerin in der Familie willkommen und sandten einen hohen Fliederstock.
Tante Hanna fand das sehr aufmerksam; aber Werner meinte, es beweise nur, daß sich der Geheimrat Walther ihrer Nobilitätspläne angenommen habe. —
Wie mit dem alten Geldern vereinbart war, blieb Luise bis kurz vor der Hochzeit mit der Tante im Taunus. Aber eines Tages hielt es den Alten, der jeden Morgen auf dem Kaffeetisch ein paar Zeilen von Luise fand, aus denen er sie täglich lieber gewann, nicht mehr. Er fuhr mit Martin zu ihr und überraschte sie.
Als sie sich in den Armen lagen und sich »mein Vater« und »mein Kind« nannten, da klang das so vertraut und natürlich, als wenn sie sich nie fremd gewesen wären.
Einen Tag wollte er bleiben; und blieb eine Woche. Und als er fortfuhr, wußte er, daß er sich nun nie mehr einsam fühlen werde.
– — – — – — – — – —
Drei Wochen später war die Hochzeit.
Der alte Geldern wollte sie in seinem Hause geben. Walthers behaupteten aber, es käme der Familie der Braut zu; und sie nahmen als deren nächste Verwandten das Recht für sich in Anspruch.
Der alte Geldern widersprach; auch Werner wollte davon nichts wissen; aber der alte Weise fand einen Ausweg.
»Ich begreife ja,« sagte er, »daß ihr gerade den Tag nicht in der Gesellschaft verbringen wollt. Ausschalten könnt ihr sie aber nicht! Mittwoch ist die standesamtliche Trauung, Donnerstag die offizielle Hochzeit. Gut, so feiern wir Mittwoch. Wir, das heißt, ihr beide, der Vater, die Tante und ich – vorausgesetzt, daß ihr mich haben wollt. Ganz für uns; meinen alten Famulus bringe ich mit; der spielt euch, falls es in die Stimmung paßt, euren Bach auf dem alten Harmonium. Und ich gebe euch ein paar gute Worte mit auf den Weg. – Martin deckt hier unter der Kristallkrone die Tafel; und die alte Amalie hilft ihm servieren. Sonst niemand! – So denke ich mir eure Hochzeitsfeier!«
Der Vorschlag entsprach dem, was sie alle empfanden.
»Und«, fuhr Weise fort, »am nächsten Tag mag dann die große Maskerade unter Geheimrat Walthers Führung vor sich gehen. Ihr seid dann bereits seit vierundzwanzig Stunden Mann und Frau! Laßt die Leute ruhig in dem Glauben, daß ihr eure Hochzeit feiert!«
»Köstlich!« rief Werner, und der alte Geldern schmunzelte über das ganze Gesicht, klopfte Weise auf die Schultern und sagte:
»Ein netter Seelsorger bist du!« – Dabei war niemand über den Vorschlag glücklicher als er. —
Und in der Tat war der intime Reiz dieses Festes, auf dem kein Wort gesprochen wurde, das nicht empfunden war, so stark, daß der alte Geldern, als sie gegen Mitternacht auseinandergingen, sagte:
»Schade, daß ich nicht noch ein Kind zu verheiraten habe.« —
In dieser Nacht blieben Werner und Luise im Hause des alten Geldern. —
– — – — – — —
Für den Vormittag der offiziellen Hochzeitsfeier war Luises und Werners Besuch bei den nächsten Verwandten vorgesehen. Auch die Reihenfolge war bestimmt. Bereits um elf Uhr wollten sie bei Brehmer-Gelderns sein, wo die jüngste Tochter ein von der Mutter selbst verfaßtes Poem – wie sie sich ausdrückte – hersagen und einen großen Rosenstrauß überreichen sollte. Von da aus zum Professor, der eine kleine Rede vorbereitete, während der seine Frau mit viel Umständlichkeit ein kaltes Büfett herrichtete. Um halb eins erwarteten sie Walthers, bei denen sämtliche Hochzeitsgeschenke aufgebaut und fast alle Familienmitglieder versammelt waren. Oberlehrers waren – so sehr es sie kränkte – aus Mangel an Zeit nicht mit in das Programm aufgenommen worden.
Aber Werner schrieb am Morgen an all »die lieben Verwandten« Zeilen des Bedauerns; Luise sei von den reichen Beweisen großer Liebe, die ihr die Familie in so ungeahntem Maße entgegenbringe, tief gerührt; alles das sei aber so unerwartet über sie hereingebrochen, daß sie seit Nächten kaum noch ein Auge schließe. Und die freudige Erregung, in der sie sich infolgedessen fortgesetzt befände, stelle so große Ansprüche an ihre Nerven, daß ihr der Arzt im Hinblick auf das Fest des Abends für den heutigen Vormittag vollkommene Ruhe befohlen habe. »Sie bittet mich, Euch allen immer von neuem zu danken für Eure große Anhänglichkeit und Liebe, von deren Aufrichtigkeit sie überzeugt ist. Ich schließe mich in allem meiner Braut an und begrüße Euch in verwandtschaftlicher Treue
Werner.«
»Heuchler!« sagte Luise und lachte laut auf, als ihr Werner den Brief zeigte. »Wo uns doch ganz anders ums Herz ist!«
»Ja!« erwiderte er leidenschaftlich. »Wo wir jede Minute bedauern, die wir dieser Maskerade wegen später auf unser Land kommen.«
»Nach dem wir uns so sehnen!« ergänzte sie. Und nach einer Weile fuhr sie fort: »Die können das ja gar nicht ernst nehmen, was du ihnen da alles schreibst.«
»Sie tun’s aber!« erwiderte er. »Das ist ja gerade das, was ich auch nicht begreife.«
»Ich finde es unsinnig, und es verstimmt mich, daß wir – wenn auch nur auf ein paar Stunden – das Theater mitmachen«, sagte Luise.
»Furchtbar lustig wird das!« erwiderte Werner.
»Heut’ ist der Tag, an dem sie uns alle noch einmal lieben; morgen, wenn sie unsere Gesinnung kennen, hassen sie uns und schelten hinter uns her. Und wir antworten ihnen mit dem Evangelium Luca: Selig seid Ihr, so Euch die hassen und Euch absondern und schelten und verwerfen Euren Namen als einen boshaften, freuet Euch alsdann und hüpfet!«
Und er nahm Luise in den Arm und hüpfte mit ihr durchs Zimmer; drückte sie an sich und küßte sie.
»Jetzt bin ich ganz zufrieden!« sagte sie leise. Er aber riß die Arme in die Höhe, jubelte und rief:
»Ich bin ja so glücklich!«
XLV
Als Werner und Luise des Abends den kleinen Saal des Kaiserhofs betraten, erhoben sich alle Gäste. – Weißgekleidete Kinder streuten Blumen und geleiteten das Paar bis in die Mitte des Saales. Ein Chor sang:
Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret,
Der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet,
Der dich erhält
Wie es dir selber gefällt.
Hast du nicht dieses verspüret?
Lobe den Herren, der künstlich und fein dich bereitet,
Der dir Gesundheit verliehen, dich freundlich geleitet:
In wie viel Not
Hat nicht der gnädige Gott
Über dir Flügel gebreitet!
Lobe den Herren, der deinen
Stand sichtbar gesegnet,
Der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet;
Denke daran,
Was der Allmächtige kann,
Der dir mit Liebe begegnet.
Als das letzte Wort verklungen war, sagte der Geistliche ganz laut »Amen«, sah zur Erde und faltete die Hände. Dann warf er den Kopf in die Höhe, hob die Arme und sprach noch einmal ein kurzes Gebet; das Harmonium spielte, und die kurze Feier war beendet.
Nachdem der Geistliche das Brautpaar beglückwünscht hatte, stürzten die Verwandten über sie her, umarmten und küßten Luise und drückten Werner die Hand. Fast alle weinten vor Rührung, und jeder sagte ein paar passende Worte.
»Schade, daß deine guten Eltern den Tag nicht miterleben konnten«, meinte der Geheimrat und küßte Luise auf die Stirn.
»Meine liebe Luise,« sagte der Professor und drückte ihr die Hand, »du weißt, daß ich immer für dich da bin, wenn du Rat und Hilfe brauchst.«
»Nein, wie ich dir dein Glück gönne!« rief die Frau des Oberlehrers.
»Aber du hast es verdient«, stimmte ihr Mann bei. Unter den Klängen des Hochzeitsmarsches ging es zur Tafel.
Der alte Geldern hatte noch am Vormittage wegen Unwohlseins abgesagt; saß vergnügt zu Hause, spielte mit Weise Klabrias und trank alten Burgunder.
Der junge Helldorf und Liane waren unter den Gästen.
Luise hatte so lange in ihn hineingeredet, bis er, unter der Bedingung, daß sie weit auseinander saßen und sich Sie nannten, nachgegeben hatte.
Er führte Annemarie, die älteste Tochter des Geheimrats Walther, zu Tisch. Die war von ihrer Mutter mit besonderen Instruktionen ausgestattet worden.
»Mach’ ihm nicht den Hof! Sondern respektier’ ihn! Denn er ist mit Berthe de Cyliane versprochen. Aber er hat einen Bruder.«
Annemarie nickte überlegen.
»Laß nur, Mama! Ich kenne mich aus.«
Und in der Tat wußte sie Bescheid; denn Liane hatte ihr längst alles erzählt.
»Es wäre himmlisch,« hatte Liane gesagt, »wenn Fritz dich heiraten würde. Natürlich wäre es zwischen ihm und mir dann aus! Aber ewig würde es ja sowieso nicht dauern. Und er ist so blöd, daß er mir jetzt schon manchmal auf die Nerven geht!«
Und Liane und Annemarie hatten einen genauen Plan entworfen, um Helldorf für diese Ehe zu gewinnen. —
Als Helldorf eben auf seiner Tischführungskarte las, daß er gebeten werde, Fräulein Annemarie Walther zu Tisch zu führen und ihr mit einer kurzen Verbeugung den Arm reichte, da ahnte er noch nicht, daß er schon nach sechs Wochen – und früher als es Liane eigentlich lieb war, die gern noch ein paar Monate mit ihm zusammen geblieben wäre, – der Bräutigam Annemaries sein würde. —
Der Oberlehrer suchte seine Frau unter den Gästen; denn die Ehepaare gingen zusammen. – Leider! dachte er zu Hause. Aber nun war es ihm lieb. Denn er war wie immer fünf Minuten vor der angesetzten Zeit gekommen und hatte sich beim Manager nach den Weinen erkundigt.
»Ausgezeichnet!« sagte er; und er dachte: Wie gut, daß man sich nicht zu unterhalten braucht!
Endlich entdeckte er links am Fenster seine Frau. War es möglich! Mit wem stand sie da? – Berthe de Cyliane war es! Seine Berthe! Im Gespräch mit Maria, seiner ihm angetrauten Frau und Mutter seiner Kinder, die daneben wie eine Hallenfrau im Sonntagsstaate wirkte!
Menu und Weine waren vergessen! – Wovon sie wohl sprachen! Er wagte nicht einen Schritt näher an sie heranzutreten. Er sah nur immer, wie seine Frau demütig und ehrerbietig zu ihr emporblickte. Auch das Lächeln in Lianes Gesicht, die ihn längst bemerkte, sah er nicht; obschon es ihm galt.
Er war sich selbst nicht klar, was er fühlte: war seine Empörung, Berthe hier in der Gesellschaft und noch dazu im Gespräch mit seiner Frau zu finden, größer – oder seine Furcht, sie könnte so unvorsichtig oder gar so taktlos sein und ihn verraten.
Da bemerkte er ein paar Schritte von sich den Geheimrat. Er wankte auf ihn zu:
»Wie konntest du nur so unvorsichtig sein!« sagte er in seiner Not, in der er sich dem Geheimrat nahe fühlte.
»Was ist?« fragte der Geheimrat und erschrak.
»Da!« und er wies auf Berthe.
»Ihr Herr Gemahl sucht Sie«, sagte gleichzeitig Berthe zu Frau Oberlehrer. Denn sie sah längst, was vorging. »Kommen Sie!«
Der Oberlehrer sah, wie sie auf ihn zugingen und rückte noch näher an den Geheimrat heran.
»Darf ich Sie bekannt machen?« sagte der Geheimrat.
Aber Berthe streckte dem Oberlehrer schon die Hand entgegen.
»Bekannt machen?« sagte sie. »Ich bin so froh, daß ich Sie wiedersehe!«
Die Frau des Oberlehrers strahlte über das ganze Gesicht.
»Ich habe Mademoiselle de Cyliane aufgefordert, uns zu besuchen. Denke dir, sie bleibt für immer in Berlin.«
Der Oberlehrer verzog keine Miene.
»Sie wird auch die englischen Abendkurse wieder aufsuchen«, sagte seine Frau. – »Nicht wahr, dann fängst du auch wieder an?« – Und zu Berthe gewandt, fuhr sie fort: »Sie glauben gar nicht, wie sehr ihn das angeregt und auf seine Stimmung gewirkt hat.«
Der Geheimrat machte ein sehr verdrießliches Gesicht.
»Sie sollten sich auch beteiligen, Herr Geheimrat«, sagte Berthe.
»Wie reizend!« rief Frau Oberlehrer.
»Wir müssen zu Tisch!« wich der Geheimrat aus und flüsterte Liane zu:
»Du bist ein Filou!«
»Keine Spur! Ihr amüsiert mich nur!« erwiderte Berthe. »Ich finde euch alle unendlich komisch!«
Berthe hatte gebeten, sie als inoffizielle Braut ohne Herrn zu Tisch gehen zu lassen; und Frau Geheimrat Walther war über so viel Feingefühl ganz entzückt gewesen.
Daher kam es wohl, daß sie an der Ehrentafel placiert war; rechts vom Brautpaar saßen Walthers, denen sich einige Geheime Kommerzienräte mit großen Vermögen anschlossen; dann erst folgten Oberlehrers, die darüber empört waren und anfangs in Erwägung zogen, ob sie infolge dieser Brüskierung nicht lieber nach Haus gehen sollten. Als aber der Kellner einen Rieseneisblock mit Kaviar reichte, rief Frau Oberlehrer ganz laut:
»Martin! Sieh nur!« Und sie beschlossen, bis nach dem Essen zu bleiben.
Links vom Brautpaar saßen Professors, und neben dem Professor saß Berthe. Auch der kleine runde Anwalt, der aussah wie drei übereinandergestülpte Kugeln, war da. Als er bei Beginn der Feier kam und den jungen Helldorf sah, dessen märchenhafter Reichtum auch ihm bekannt war, stürzte er in den Saal, in dem die Tafel stand, und vertauschte seinen Platz mit dem von Helldorfs Visavis, der in der Nähe des Brautpaars lag und einem ordenbehängten koburgischen Kommerzienrat gehörte.
Das gab dann wieder ein kleines Ärgernis, weil der auf diese Weise unter das junge Gemüse versetzte Kommerzienrat, dem selbst der Riesenblock mit dem Malossol nicht im geringsten imponierte, Lärm schlug und sich erst beruhigte, als die Musik verstummte, der Professor ans Glas schlug und zu einer, wie der Geheimrat später sagte, kurzen, aber kernigen Rede auf das Brautpaar ausholte.
»Meine liebe Luise! Lieber Werner! An einem Tage wie dem heutigen schweigt der Gelehrte und der Mensch spricht. So habe ich wieder einmal auf einige Stunden die Arbeit unterbrochen, um im Kreise der Familie ein Fest zu feiern, ein Fest, an sich wohl geeignet, Freude und Hoffnungen zu erwecken und in allen, die den Beteiligten nahestehen, eine frohe Stimmung auszulösen. – Und doch geschieht es nur mit einem heitren Auge; das andre weint. Warum weint es? Weil du, liebe Luise, in freudvollen und leidvollen Tagen mir ganz besonders ans Herz gewachsen, in der Stunde deiner Ehe aus dem engen Verbande unserer Familie scheidest und in die Familie deines Mannes, dem du dich nun fürs Leben verbindest, übergehst. Und so bedeutet dieser Tag für uns alle eine Trennung, über die uns auch die Gewißheit, daß wir deinem Herzen nahebleiben, nicht hinwegzutäuschen vermag.«
»Das ist der Gipfel der Heuchelei!« flüsterte Luise. Werner beruhigte sie: »Verlaß dich drauf, er glaubt jedes Wort, das er spricht.«
»Aber noch aus einem andern Grunde«, fuhr der Professor fort, »liegt über diesem äußerlich heitren Feste ein Schimmer tiefer Trauer. Wenn wir bedenken, daß die fehlen, denen der Ehrenplatz an dieser Tafel gebührt, den ich heut’ einnehme. Ich meine die hochverehrten Eltern unsrer Braut, meinen lieben in Gott ruhenden Neffen Erich und meine ebenfalls verstorbene teure, unvergessene Nichte Fanny, denen es leider nicht mehr vergönnt war, Zeuge des Glücks ihres Kindes zu sein, das sie über alles liebten . . .«
»Er soll nicht von ihnen sprechen!« zitterte Luise. »Verbiete es ihm!«
Werner hatte Mühe, sie zu halten.
»Laß ihn doch reden!« sagte er. »Wie kann dich das noch berühren!«
»Alles, nur das nicht!« bat sie erregt.
Werner legte seinen Arm um sie.
»Was kümmert es uns?« sagte er zärtlich. »Die wollen es doch so haben.« Und er wies auf die Gäste, die in der Tat ergriffen waren, voll Bewunderung zu dem Professor aufsahen und schluchzten.
»Der Schuft!« bebte Luise.
»Du überschätzt ihn«, erwiderte Werner; »ein Schmierenkomödiant des Lebens ist er, der sein großes Publikum hat. Bei jedem Menschen mit verfeinertem Empfinden wird er Übelkeit erregen.«
Und als der Professor jetzt von der liebevollen Aufnahme sprach, die Luise bei seiner verehrten Nachbarin Berthe de Cyliane in Paris fand, die sie in ihrer Trauer gestützt und wieder aufgerichtet habe, da mußte auch Luise lachen.
»Daß ich ihn auch nur einen Augenblick ernst nehmen konnte!« sagte sie.
Und die Rede des Professors, die mit Begeisterung aufgenommen wurde, klang in ein Hoch auf das junge Paar aus.
Liane schmeichelte dem Professor so plump er es haben wollte. Sie hatte sich zuvor über alles Wissenswerte unterrichtet. Ließ sich ein paar Stellen seines Buches, von dem sie nicht einmal den Titel kannte, erläutern und hatte schon nach einer halben Stunde alles, was an ihm eroberungsfähig war, erobert.
Der Oberlehrer stand alle zehn Minuten auf und stieß mit Liane an; Annemarie nickte ihr freundlich zu, so oft der runde Anwalt lärmend auf den armen Helldorf einsprach, und flüsterte ihr zu:
»Es geht am Schnürchen.«
Der Geheimrat Walther dachte: Schade um die schöne Zeit, die man hier versitzt, und ärgerte sich, daß er von seinem Platze aus nicht einmal Liane sehen konnte, sondern gezwungen war, sich fortgesetzt mit Brehmer-Gelderns, die ihm vis-á-vis saßen, über die Mittel und Wege ihrer Nobilitierung zu unterhalten.
Die Brehmer-Geldern-Kinder tanzten Menuett – der Geheimrat Walther sprach auf den alten Geldern – ein witzloses Hochzeitscarmen stieg – Brehmer-Geldern toastete auf die Gäste – Hunderte von Telegrammen wurden verlesen – der Oberlehrer hielt einen Toast auf die Damen, der sich mit dem Raub der Sabinerinnen beschäftigte – und um 11 Uhr hob der Geheimrat Walther die Tafel auf. —
»Ganz lustig das Theater!« sagte Liane zu Luise und Werner. »Wenn man damit das Empfehlungsschreiben deiner Tante vergleicht, mit dem du nach Paris kamst!«
»Und Ihnen, liebe Liane« – ergänzte Werner mit verstelltem Pathos – »danken wir es, von diesen Leuten heute geliebt, verehrt und gefeiert zu werden.«
»Ich hätte nicht übel Lust,« erwiderte Liane, »der edlen Sippschaft den Star zu stechen, mich als das, was ich bin, zu erkennen zu geben und ihre beispiellose Heuchelei und die wahren Gründe ihrer plötzlichen Wandlung aufzudecken.«
»Lassen Sie’s,« riet ihr Werner, »ich kenne die Gesellschaft und prophezeie Ihnen, daß es dabei nur einen Leidtragenden gäbe – und der wären Sie!«
»Zweifellos!« bestätigte Luise. »Denn wenn du enden würdest und das bestimmte Gefühl hättest, jetzt müssen sie alle vor Scham unter die Erde versinken, dann würde sich mein Onkel, der Professor, stolz und selbstbewußt erheben und sagen:
Nach dem was wir – und leider auch unsre Frauen – soeben zu hören bekamen, habe ich folgende Erklärung abzugeben: Wir würden uns erniedrigen, wenn wir uns auf eine materielle Erörterung oder Widerlegung dessen, was wir soeben zu hören bekamen, einließen. Wir begnügen uns damit, die Ausführungen dieser »Ehrendame« niedriger zu hängen; und wir bedauern gleichzeitig unsre Schwäche, – entgegen einem vor Monaten gefaßten Beschlusse – noch einmal den Versuch gemacht zu haben, unsere – wie wir wußten – dem Laster verfallene Nichte der bürgerlichen Gesellschaft zurückzugewinnen.
Liane sah das ein und unterließ es. So groß der Reiz war! Und die Rücksicht auf Helldorf, der jeden Eklat haßte, erleichterte ihr den Entschluß.
Bald nach der Tafel verschwanden Werner und Luise; auch die meisten Gäste gingen.
Der Professor drückte Liane die Hand:
»Sie und ich« – sagte er mit großem Pathos – »dürfen uns heute mit ganz besonderem Stolze beglückwünschen; denn unser Verdienst ist es, Luise geläutert und auf den Weg der Tugend zurückgeführt zu haben. – Gute Nacht!« —
»Bäh!« blökte Liane und streckte ihm, so lang es ging, die Zunge entgegen.
