Читать книгу: «Die Spaltung Amerikas»
ibidem-Verlag, Stuttgart
Inhaltsverzeichnis
Vorwort von Sandra Kostner
Vorbemerkung des Übersetzers
Vorbemerkung zur amerikanischen zweiten Ausgabe
Vorwort
1 „Eine neue Rasse“?
2 Geschichte als Waffe
3 Der Kampf der Schulen
4 Der Zerfall Amerikas
5 E Pluribus Unum?
Epilog
Schlesingers Bücherecke – ein gutes Dutzend Bücher oder: Unerlässliche Lektüre zum Verständnis Amerikas
Quellenangaben
Vorwort von Sandra Kostner
Den ersten Band der Debattenreihe Impulse gab ich im letzten Jahr heraus. Er widmete sich dem titelgebenden Thema: Identitätslinke Läuterungsagenda – ein zugegebenermaßen auf den ersten Blick sperriger Begriff, den ich aber deshalb gewählt habe, weil er genau das Phänomen auf den Punkt bringt, das ich analysieren und zur Debatte stellen wollte. Mit dem Begriff „identitätslinke Läuterungsagenda“ bezeichne ich eine spezifische Form der Identitätspolitik, die von Personen vorangetrieben wird, die sich selbst politisch links verorten, aber im Kern eine rechte Politik verfolgen. Das ist deshalb der Fall, weil sie die starre Orientierung an unveränderbaren Merkmalen fortführen, die von Rechten genutzt wurde, um die Ungleichbehandlung von Nichtweißen und Frauen zu rechtfertigen. Einzig die Richtung der Ungleichbehandlung drehten Identitätslinke um, sodass nun, zur Wiedergutmachung historischen Unrechts, von den ehemals bevorzugten Identitätsgruppen verlangt wird, dass sie Ungleichbehandlungen über sich ergehen lassen sollen und müssen. Anders gesagt: Menschen werden in dieser linken Form der Identitätspolitik weiterhin nicht als Individuen, sondern als kollektive Merkmalsträger behandelt.
Werden Menschen kollektive Identitäten aufgrund eines Abstammungsmerkmals aufgezwungen und werden sie aufgrund dieser aufgezwungen Identitäten nicht als Individuen, sondern als Merkmalsträger behandelt, ist der Samen für die Spaltung der Gesellschaft gesät. Übernehmen staatliche Institutionen, von Bildungseinrichtungen über Behörden bis hin zu Kultureinrichtungen, sowie private Arbeitgeber dieses identitätspolitische Denken – sei es aus Überzeugung, sei es aufgrund politischen oder aktivistischen Drucks –, dann erleben Menschen, dass ihre Chancen auf freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit davon abhängen, mit welchem Abstammungsmerkmal sie geboren sind. Je mehr Menschen ihre Entfaltungschancen eingeschränkt sehen, desto mehr geht der spalterische Samen auf. Welche verheerenden Folgen dieser Samen, ist er erst einmal wie in den USA voll aufgegangen, auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat, führen insbesondere die jüngeren Entwicklungen dort eindrücklich vor Augen.
Ein früher Diagnostiker dieser spalterischen Identitätspolitik, die nunmehr sämtliche westlichen, liberaldemokratisch verfassten Staaten erfasst hat, war der Historiker Arthur M. Schlesinger Jr., der 1991 in seiner so hellsichtigen Schrift The Disuniting of America vor der ethnischen Spaltung der USA gewarnt hat; bereits 1998 schob er eine aktualisierte, neue Ausgabe nach. Heutzutage sind die USA auf eine Art und Weise gespalten, die wahrscheinlich selbst einen so weitsichtigen Analytiker wie Schlesinger mit Erstaunen erfüllen würde. Denn neben die Spaltung in ethnische Abstammungsgruppen trat in den letzten Jahren mit enormer Wucht die Spaltung nach Geschlecht und nach Genderidentitäten. Somit herrscht nun auf der gesamten identitätspolitischen Front eine „Wir-gegen-die-Mentalität“ vor, die gerade im Jahr 2020, befördert durch den stark identitätspolitisch geprägten Präsidentschaftswahlkampf, immer weitere Teile der USA erfasst hat und unerbittlich auf einen Kulminationspunkt zusteuert. Und damit auf den Punkt, an dem die USA so gespalten sind, dass das Land vor der Frage steht, in welcher Form sein Fortbestehen gesichert werden kann.
Liest man Schlesingers Text aus der Perspektive des Jahres 2020, springen zwei Punkte ins Auge: Zum einen, wie konstant sowohl die Gründe, die zur Rechtfertigung der Spaltungspolitik herangezogen werden, als auch die zum Einsatz gebrachten Methoden sind. Der wichtigste Grund heißt „Gerechtigkeit“, genauer gesagt „Rassengerechtigkeit“ („racial justice“). In den 1990er-Jahren wie heute ist den Befürwortern dieser Identitätspolitik zur Erreichung dieses Ziels so gut wie jedes Mittel recht – Nebenwirkungen, auch solche, die das Land tief und nachhaltig spalten, werden billigend in Kauf genommen. Vor genau diesen Nebenwirkungen warnte Schlesinger. Dass er leider mit seinen Warnungen nicht durchdrang, zeigen die Entwicklungen der vergangenen Jahre. Hätten Politik und Institutionen seine Analyse zur Grundlage ihrer Strategien gemacht, stünden die USA heute deutlich besser da.
Zum anderen fällt bei der Lektüre auf, wie sehr das rhetorische Arsenal der Identitätspolitik zwischenzeitlich ausgebaut wurde. Zentrale (Kampf-)Begriffe, mit denen heutzutage die spalterische Identitätspolitik vorangetrieben wird, wie „woke“ (besondere Wachsamkeit für Rassismus), „cancel culture“, „safe spaces“, „Triggerwarnungen“, „kulturelle Aneignung“, „Twitter-Mob“, „Black Lives Matter“, „BIPoC“ (Black, Indigenous and People of Color), „toxische Männlichkeit“, „Social Justice Warrior“ oder auch die Idee, dass es Dutzende von unterschiedlichen Genderidentitäten gibt, konnten noch keinen Eingang in Schlesingers Analyse finden.
Als Arthur M. Schlesinger im Jahr 2007 verstarb, war dieses Vokabular noch nicht im Umlauf. All diese erst in den letzten Jahren geprägten Begriffe sind Ausdruck dafür, dass Identitätspolitik nunmehr einem Hochgeschwindigkeitszug gleicht, der kontinuierlich weiter Fahrt aufnimmt und an den immer mehr thematische Wagen angekoppelt werden. Die fortwährend ergänzte Palette an Neologismen stellt eine Erweiterung des sprachlichen Instrumentariums dar, mit dessen Hilfe Identitätspolitik umgesetzt werden soll. Neu sind die Begriffe, altbekannt – und von Schlesinger hervorragend auf den Punkt gebracht – sind die mit ihnen verfolgten Ziele (vornehmlich die Einschränkung der Redefreiheit mittels eines moralisch erzeugten Konformitätsdrucks) und gesellschaftlichen Nebenwirkungen (wie vor allem die Spaltung der Gesellschaft).
Das Hauptziel war in den 1990er-Jahren wie auch heute, Begriffe zur Hand zu haben, mit deren Hilfe Menschen in moralisch Gute und Schlechte unterteilt werden können. Damals wie heute gilt als moralisch hochwertig, wer die richtige Sprache spricht und sich so als Unterstützer der identitätspolitischen Agenda zu erkennen gibt. Als moralisch minderwertig wird derjenige herabgewürdigt, der Kritik an der Agenda übt. Wer beispielsweise nicht hinnehmen möchte, dass zur Schaffung von „safe spaces“ für Opfergruppen, allen voran BIPoCs, Frauen und Menschen mit nicht-heteronormativer Genderidentität, die Meinungs-, Presse- und Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt wird, dem wird unterstellt, dass er damit den genannten Opfergruppen ein Gefühl von Sicherheit, Wohlbefinden und Zugehörigkeit verweigere, ja, dass er in Kauf nehme, dass diesen Menschen sprachliche Gewalt angetan wird. Den Begriff „safe space“ kannte Schlesinger noch nicht, das Phänomen, dass für Opfergruppen Schutzräume geschaffen werden, zum Beispiel in der Form von Wohngebäuden nur für Afroamerikaner auf dem Gelände von Universitäten, floss avant la lettre in seine Analyse ein.
Wäre Schlesinger noch am Leben, sähe er sich heutzutage wohl als „alter weißer Mann“ diskreditiert, der mit seinen Analysen und Mahnungen nur eines bezwecke: seine „weißen, männlichen und heteronormativen Privilegien“ abzusichern. Zudem fände er seine Prognosen bestätigt – vielleicht auf eine Art und Weise, die selbst einen luziden Analytiker mit Entsetzen darüber erfüllte, in welchem Ausmaß es die amerikanische Gesellschaft zugelassen hat, dass sich die zerstörerischen Kräfte der Identitätspolitik nahezu ungehindert entfalten konnten. Ein Austausch mit Schlesinger als jemandem, der das Unheil früh heraufziehen sah, über die gegenwärtigen Entwicklungen, wäre sicher sehr erkenntnisreich und gewinnbringend.
Zwei Feldern, die maßgeblich dafür verantwortlich sind, dass das Spaltungs- und Zerstörungspotenzial der Identitätspolitik so stark an Fahrt aufnehmen konnte, hat Schlesinger jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet: „Geschichte als Waffe“ und „Der Kampf der Schulen“.
Schlesinger hat anschaulich dargelegt, warum und mit welchen Methoden identitätspolitische Aktivisten versuchen, Geschichte als Waffe einzusetzen. Das sie leitende Motto lautet: Wer die Deutungsmacht über die Vergangenheit hat, kann auch die Gegenwart und Zukunft prägen. Grundsätzlich gilt: Wer Geschichte als identitätspolitische Waffe einsetzt, dem geht es nicht um Fakten. Es geht ihm nicht darum, vergangenes Geschehen möglichst akkurat zu rekonstruieren. Ganz im Gegenteil: Es geht ihm darum, die Vergangenheit in ideologische Narrative zu pressen. Auf der identitätsrechten Seite handelt es sich um weiße Überlegenheitsnarrative, die allerdings nur noch von kleineren Gruppen am gesellschaftlichen Rand offensiv vertreten werden. Auf der identitätslinken Seite geht es um moralisch hochwirksame Opfer- und Schuldnarrative.
Das identitätslinke Narrativ, das inzwischen viele Bildungsinstitutionen dominiert, lautet so: Heute lebende Menschen, die aufgrund ihres Abstammungsmerkmals einer Schuldgruppe zugewiesen werden, müssen anderen heute lebenden Menschen, die einer Opfergruppe zugeteilt werden, Bevorzugungsmöglichkeiten gewähren, um die Schuld ihrer Vorfahren abzutragen. Die enorme Komplexität historischer Vorgänge wird also auf einen einzigen Aspekt reduziert. Begründet wird dies damit, dass dieser aus moralischen Gründen der einzig relevante sei. Diese interessengeleitete Simplifizierung und Moralisierung der Vergangenheit, die Schlesinger bereits in den 1990er-Jahren feststellte, hat im Jahr 2019 mächtig Auftrieb erfahren.
Im August 2019 veröffentlichte das New York Times Magazine eine Initiative namens „1619 Project“. Die Initiatoren erklärten das Jahr 2019 zum 400. Jahrestag der Sklaverei in Amerika und das Jahr 1619 zum eigentlichen Ausgangspunkt der US-Geschichte. Dass es beim Projekt 1619 nicht um Fakten, sondern um eine ideologiekonforme Geschichtsschreibung und somit um die Verfügungsmacht über das nationale Narrativ geht, geben die Initiatoren freimütig zu. Ziel des Projektes ist es, wie die Initiatoren auf der Website des New York Times Magazine schreiben, Sklaverei und den erzwungenen Beitrag der Afroamerikaner zum wirtschaftlichen Erfolg des Landes ins Zentrum der nationalen Erzählung zu rücken.
US-Amerikaner sollen Rassismus als unauslöschliches Kainsmal sehen. Amerikaner sollen davon überzeugt werden, dass nichts so sehr die USA geprägt habe wie Rassismus und dass Rassismus der Wesenskern des Landes sei. Das Opfer-und-Schuld-Narrativ soll politisch, institutionell und gesellschaftlich als einzig gültiges verankert werden – mit dem Ziel, dass sich Afroamerikaner ermächtig fühlen und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, unter Verweis auf ihren Opferstatus, dauerhaft Wiedergutmachung einzufordern –, sei es in symbolischer Form, indem sich Weiße zu ihrem Rassismus, ihrem privilegierten Weißsein oder ihrer schuldbehafteten Hautfarbe bekennen, sei es in materieller Form. Unter letztere fallen sowohl Bevorzugungen bei Stellenbesetzungen als auch Reparationszahlungen für die 1865 beendete Sklaverei.
Wie gut der Boden für dieses nationale Narrativ inzwischen in den USA bereitet ist, wird daran ersichtlich, dass es den Initiatoren innerhalb von sechs Monaten gelungen ist zu erreichen, dass rund 3.500 Schulen das Narrativ des Projekts 1619 in ihren Lehrplan übernommen haben. Dies bedeutet nichts anderes, als dass jungen Menschen an diesen Schulen simplifizierende und moralisierende Narrative beigebracht werden anstelle von komplexen und sich Eindeutigkeiten entziehenden Fakten. Überdies spaltet dieses Geschichtsbild die Schülerschaft in Träger von Opfer- und Schuldidentität auf. Die eigentliche Funktion eines nationalen Narrativs, etwas Gemeinsames und Verbindendes zu schaffen, wird damit konterkariert. Und aufgrund dessen, dass diese nationale Erzählung eine Erbsünde festschreibt, kann aus der Geschichte auch zukünftig nichts Verbindendes mehr entstehen.
Hinzu kommt, dass, wer jungen Menschen beibringt, ihr Land sei auf rassistischem Unrecht gegründet und seine ganze Geschichte sei nur davon geprägt, die Identifikation mit diesem Land erschwert. Insofern ist es kein Wunder, dass immer mehr junge Menschen ihr Land als nichts anderes als einen rassistischen Unrechtsstaat sehen, dessen Systeme auf Rassismus gründen und daher sozusagen „unheilbar“ an Rassismus erkrankt sind. Sie glauben, dass Sklaverei und Rassismus konstituierend für die USA sind, nicht individuelle Freiheitsrechte. Dabei sind es diese bereits 1787 verfassungsrechtlich abgesicherten Freiheitsrechte, welche die USA zu dem Land gemacht haben, das sie heute sind.
Sklaverei und Rassismus sind Teil der Geschichte der USA und müssen daher auch einen Platz im nationalen Narrativ haben. Nur: Sklaverei und Rassismus sind weitverbreitete, sich durch erhebliche Teile der Menschheitsgeschichte ziehende Phänomene. Die Gründung eines Staates auf individuellen Freiheitsrechten, zu deren Absicherung ein demokratischer Rechtsstaat etabliert wurde, stellt hingegen historisch betrachtet eine Ausnahme dar. Umso fataler ist es, wenn jungen Amerikanern in Schule und Universität ein nationales Narrativ vermittelt wird, in dem die eigentlich für die USA konstitutiven Freiheitsrechte entweder unberücksichtigt bleiben oder als so befleckt von der rassistischen Erbsünde dargestellt werden, dass Menschen dazu verleitet werden, die Eckpfeiler ihrer Gesellschaft abzulehnen. Zumal es sich dabei um genau die Eckpfeiler handelt, die letztendlich das Unrecht der Sklaverei (1865) und später die Jim-Crow-Gesetzgebung in den Südstaaten (1964) unhaltbar machten und so überhaupt erst zur Abschaffung dieser Unrechtsstrukturen führten.
Die Initiatoren des Projektes 1619 folgen der Maxime „catch ’em young“, um sicherzustellen, dass die nächste Generation in den ideologisch gewünschten Bahnen denkt. Die Bildungsinstitutionen sind dafür, wie auch Schlesinger schrieb, der ideale Indoktrinationsort. Was er für die 1990er-Jahre feststellte, trifft hinsichtlich der Ziele und Methoden eins zu eins auch 2020 zu – einzig die Intensität hat sich verstärkt.
Und wie vor bald einem Vierteljahrhundert bilden Universitäten die Speerspitze der identitätspolitischen Bewegung. In ihnen werden die Konzepte und Begrifflichkeiten entwickelt und wird Studierenden das identitätspolitische Programm als wissenschaftliche Erkenntnis vermittelt. Wie schon in den 1990er-Jahren stehen „westliche“ Bildungsinhalte unter einem rassistischen, sexistischen, transphoben oder islamophoben Generalverdacht. Es erschallt der Ruf nach einer „Dekolonialisierung des Curriculums“, wobei dies im Grunde nur ein neuer Begriff für die Forderung nach einer Überwindung des eurozentrischen Curriculums ist, deren Manifestationen in Schulen und Universitäten bereits Schlesinger kritisch beleuchtete. Neu hinzugekommen ist die Sprache der Gewalt, die zur moralischen Untermauerung der curricularen Neuausrichtung herangezogen wird. So wird neuerdings behauptet, dass es ein Akt von „epistemischer Gewalt“ sei, wenn Menschen mit einem nicht-westlichen Abstammungsmerkmal an westlichen Bildungseinrichtungen westliche Bildungsinhalte aufgezwungen würden. Sie müssten die Möglichkeit erhalten, „ihr“ Wissen, das sie aus „ihren“ Traditionen ableiten, als gleichberechtigt im Curriculum wiederzufinden. Setzen sich diejenigen durch, die dies verlangen, gibt es bald keinen gemeinsamen Lehrplan mehr, was die Spaltung der Gesellschaft, nun nach Wissensbeständen, noch einmal erheblich weiter vertiefen würde.
Wie leicht entflammbar eine in der Gesellschaft tief etablierte Opferkultur ist, führten die Ereignisse in den USA infolge des durch einen Polizeieinsatz herbeigeführten Todes von George Floyd im Mai 2020 vor Augen. Schlesinger warnte vor dieser leichten Entflammbarkeit, die nun schon seit Monaten in den USA zu beobachten ist und in den umfangreichsten und militantesten Unruhen seit den 1960er-Jahren ihren Ausdruck findet. Interessant ist, dass das identitätspolitische Pulver auf beiden Seiten zündet: also aufseiten der Afroamerikaner, die sich als Opfer sehen, und aufseiten der Weißen, die von ihrem Schuldstatus aufgrund ihrer Hautfarbe überzeugt sind. Beide sehen, angeheizt von der BLM-Bewegung, den Tod Floyds als stellvertretend für den ungebrochenen Rassismus, der in ihrer Wahrnehmung in den USA grassiert. Erstere sehen sich in ihrem Opferstatus, letztere in ihrem Schuldstatus bestätigt.
Aufschlussreich ist zudem, dass es, ausgelöst von einer Kurzschlussreaktion, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa und Australien zu heftigen Debatten, Protesten (inklusive gewalttätiger Ausschreitungen und Plünderungen) sowie Selbstbezichtigungsgesten kam. Dass es sich um eine Kurzschlussreaktion handelt, zeigt sich daran, dass aus dem Umstand, dass auf dem Video ein schwarzes Opfer und ein weißer Täter zu sehen war, auf Rassismus als einzig mögliches Tatmotiv geschlossen wurde, ohne dass man die Hintergründe kannte oder sich für diese interessierte.
Was sich an dieser Kurzschlussreaktion und den nachfolgenden Ereignissen zeigt, ist, wie wirkmächtig das Opfer-und-Schuld-Narrativ mittlerweile in westlichen Gesellschaften ist. Zur Illustration nur ein Beispiel: Wenn in den USA ein Afroamerikaner bei einem Polizeieinsatz sein Leben verliert und der kanadische Premierminister Justin Trudeau deshalb auf die Knie geht, tut er dies nicht, weil er mit dieser Demutsgeste seine Schuld für eine von ihm begangene Tat ausdrücken möchte, sondern er tut dies einzig und allein aufgrund seiner Hautfarbe und einer vermeintlich daran gekoppelten Kollektivschuld. Eine solche Geste heißt und soll heißen: Alle Weißen sind schuld am Tode George Floyds, denn ohne weißen Rassismus wäre Floyd noch am Leben.
Auch diese Entwicklungen hat Schlesinger in ihren Grundzügen schon vorausgesehen. Ganz sicher hätte er zum Stand der Spaltung der US-Gesellschaft und den aktuellen Vorgängen kluge Analysen beizutragen. Da er nicht mehr unter uns weilt, müssen sozusagen seine intellektuellen Nachfolger diese Aufgabe übernehmen. Schlesingers Analysen werden in einem weiteren Band debattiert, der aus lizenzrechtlichen Gründen separat erscheinen muss. Im Zentrum des Debattenbandes werden die Folgen der Spaltungspolitik stehen, so, wie sie sich tagtäglich in den USA und, inspiriert von den Entwicklungen dort, in sämtlichen westlichen Ländern manifestieren.
Der Debattenband ist für 2021 geplant; Schlesingers Spaltung Amerikas haben wir wegen der Ereignisse des Jahres 2020 terminlich vorgezogen.
Stuttgart, im September 2020
Sandra Kostner
Vorbemerkung des Übersetzers
An einigen Stellen im Buch verwendet Arthur M. Schlesinger (1917–2007) das Wort „race“, dem im deutschen bei wörtlich-etymologischer Übersetzung das verständlicherweise verpönte und gemiedene Wort „Rasse“ entspräche; auch Zusammensetzungen wie „Rassentrennung“ oder Koppelungen wie „rassisch-ethnische Enklaven“ werden damit gebildet. In den USA wird mit Blick auf die Hautfarbe mehr oder minder unreflektiert regelmäßig das Wort „race“ verwendet; selbst für ein Einreisevisum in die USA muss man die „Rasse“ angeben, der man zugehört. Das stellt den Übersetzer insofern vor Schwierigkeiten, als „race“ eben nicht mit „Rasse“ zu übersetzen ist, wenn man Schlesinger gerecht werden will. Sollte stattdessen von der Haplo-Gruppe (so der Terminus der Genetiker) gesprochen werden? Oder von Pigmentiertheit?
Es ist nicht möglich und sinnvoll, hier in der Übersetzung durchgängig genau ein passendes deutsches Wort zu wählen. „Rassentrennung“ oder „rassische Konflikte“ etwa sind stehende und in den USA nicht diskriminierend intendierte Begriffe, sie werden vielmehr zumeist dann gebraucht, wenn es darum geht, Missstände deutlich zu machen. Der Terminus „race“ ist freilich auch im Englischen einer Wandlung des Verständnisses unterworfen; darauf weist Arthur M. Schlesinger selbst hin, wenn er zum ersten Mal Äußerungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert zitiert. Die Übersetzung hat daher überall dort, wo das englische „race“ im Deutschen als „Rasse“ einen Klang von rassistischer oder NS-Terminologie aufscheinen lassen könnte, zu unbelasteten und nicht-diskriminierenden Umschreibungen gegriffen oder solche – wie in der originalen Formulierung „rassisch-ethnische Enklaven“ – für ganz entbehrlich gehalten. An Stellen, an denen „race“ die amerikanische Sprech- und Schreibweise vergangener Jahrhunderte aufgreift und weiterführt, die hier einfach nur allgemein eine Distinktion der Herkunft und nicht der Hautfarbe nach meint (so etwa dort, wo der schwarze Gelehrte W. E. B. Du Bois zitiert wird, der davon spricht, dass „der rassische Blickwinkel viel stärker gegen die Iren ausgerichtet war als gegen mich“), wird der Terminus mit „Rasse“ übersetzt und beibehalten.
Ferner wurde „Rasse“ überall auch dort – meist in Anführungszeichen – stehengelassen, wo der Autor auf einen durchaus rassistisch aufgeladenen Zusammenhang rekurriert oder einen solchen kritisch referiert.
Die Fußnoten stammen sämtlich vom Übersetzer; in ihnen werden Persönlichkeiten oder Begebenheiten der US-amerikanischen Geschichte oder andere bedeutsame, hierzulande eher unbekannte Figuren der Geschichte sowie solche der bei Abfassung des Buches aktuellen Tagespolitik erläutert (es ließen sich entsprechende Informationen gleichwohl nicht zu allen vorkommenden Namen oder Ereignissen mit vertretbarem Aufwand recherchieren). Quelle ist hier überwiegend Wikipedia.
Hamburg, im September 2020
Paul Nellen
Vorbemerkung zur amerikanischen zweiten Ausgabe
Das vorliegende Buch wurde erstmals 1991 von Whittle Books in der Reihe Die größere Agenda (Larger Agenda) als Debattenbeitrag über das neue Phänomen des Multikulturalismus veröffentlicht. 1992 brachte der Verlag W. W. Norton eine leicht überarbeitete Ausgabe für den Buchhandel heraus.
Diese zweite Norton-Version bringt den Text auf den neuesten Stand. Sie erweitert eine Reihe von Punkten, identifiziert neue Themen und fügt einen Epilog hinzu, in welchem die Auswirkungen einerseits des Multikulturalismus auf Seiten der Linken und andererseits des Monokulturalismus auf der rechten Seite des Spektrums im Hinblick auf die Bill of Rights diskutiert werden.
In einem neu hinzugefügten Anhang stellt der Autor eine kommentierte Liste der Bücher bereit, die nach seiner Einschätzung unentbehrlich sind, will man die amerikanische Erfahrung genauer beleuchten.
Arthur M. Schlesinger Jr.
Vorwort
Mit dem Ende des Kalten Krieges ging gleichzeitig auch die Ära der ideologischen Konfrontation zu Ende. Das Ende der Geschichte wurde damit freilich nicht eingeleitet, wie eigentlich versprochen – vielmehr wird ein altes Hass-System durch ein neues abgelöst. Während vor unseren Augen die Decke ideologischer Repression über Osteuropa weggezogen wird, treten ethnische Antagonismen zutage, die tief in der Erfahrung und im Gedächtnis der Menschen wurzeln. Mit dem Verlöschen des ideologischen Wettbewerbs nunmehr auch in der Dritten Welt lässt dort zugleich die Eindämmung nationaler und tribalistischer Konfrontationen durch die Supermächte nach.
Die Ära der ideologischen Konflikte läuft inzwischen aus. Damit tritt die Menschheit jedoch ein – vielmehr: aufs Neue tritt sie ein – in eine vielleicht noch gefährlichere Epoche ethnischer, herkunftsbezogener Animositäten.
Feindseligkeiten der eigenen Ethnie einer anderen gegenüber gehören zu den am meisten instinktgesteuerten menschlichen Reaktionen. Dennoch war die Geschichte unseres Planeten zu weiten Teilen die Geschichte der Vermischung von Völkern. Von Anbeginn an haben Massenmigrationsbewegungen Massenfeindseligkeiten hervorgerufen.
Heute, da das 20. Jahrhundert sich dem Ende zuneigt, kommt hier eine Vielzahl von Faktoren zusammen. Weit bedeutsamer noch als die Verflüchtigung des Kalten Krieges wirkt sich die Entwicklung schnellerer Kommunikations- und Verkehrsmittel aus, die Beschleunigung des Bevölkerungswachstums, der Zusammenbruch traditioneller sozialer Strukturen, die Flucht vor Tyrannei, vor Armut, vor Hungersnöten, vor ökologischen Katastrophen, der Traum vom besseren Leben irgendwo anders. All dies treibt Menschen über nationale Grenzen hinweg.
Die Welt schrumpft zusammen, ihre Bevölkerung ist heute durchmischt wie nie zuvor. Die Schrumpfung unterwirft die Welt einer Art Schrotsäge, die sie in entgegengesetzte Richtungen reißt – intensiver Druck in Richtung Globalisierung einerseits, in Richtung Fragmentierung andererseits. Der Weltmarkt, die elektronischen Technologien, die Sofortkommunikation, E-Mail, CNN – all dies untergräbt den Nationalstaat und entwickelt eine Welt ohne Grenzen. Gleichzeitig treiben genau diese internationalisierenden Kräfte die normalen Menschen dazu, Zuflucht vor unerbittlichen globalen Strömungen zu suchen, die sich ihrer Kontrolle und ihrem Verständnis entziehen. Je mehr Menschen das Gefühl haben, in einem riesigen, unpersönlichen, anonymen Meer zu treiben, desto verzweifelter schwimmen sie auf irgendein vertrautes, verständliches und schützendes Rettungsfloß zu; und desto mehr sehnen sie sich nach einer Politik der Identität. Integration und Desintegration sind daher Gegensätze, die sich gegenseitig verstärken. Je mehr sich die Welt integriert, umso mehr klammern sich die Menschen an ihre jeweiligen Eigengruppen, die in diesen post-ideologischen Tagen zunehmend durch ethnische und religiöse Loyalitäten definiert werden.
Was geschieht, wenn Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft, die verschiedene Sprachen sprechen und verschiedene Religionen praktizieren, in derselben geographischen Region und unter derselben politischen Autorität miteinander zusammenleben? Wenn kein gemeinsames Ziel sie verbindet, werden ethnische Antagonismen sie auseinandertreiben. In dem dunkel vor uns liegenden Jahrhundert steht die Zivilisation vor einer kritischen Frage: Was hält eine Nation eigentlich zusammen?
Niemand dachte im 19. Jahrhundert sorgfältiger über eine repräsentative Regierung nach als John Stuart Mill1. Die beiden Elemente, die eine Nation, so wie Mill sie sah, definierten, waren der Wunsch der Bewohner, gemeinsam regiert zu werden, und die „gemeinsame Sympathie“, die sich in gemeinsamer Geschichte, gemeinsamen Werten und durch die gemeinsame Sprache entfalten würde.
„Freie Institutionen“, schrieb Mill, „sind in einem Land, das aus verschiedenen Nationalitäten besteht, so gut wie unmöglich. Innerhalb eines Volkes ohne Verbundenheitsgefühl der Menschen füreinander, gerade, wenn sie in verschiedenen Sprachen lesen und sprechen, kann eine geeinte öffentliche Meinung, die für die Arbeit einer repräsentativen Regierung notwendig ist, nicht existieren. ... Es ist im Allgemeinen für freie Institutionen eine notwendige Bedingung, dass die Grenzen der Regierungsmacht im Wesentlichen mit denen der Nationalitäten übereinstimmen.“
In unserer Welt decken sich diese Grenzen immer weniger miteinander. Es gibt nur noch wenige ethnisch homogene Staaten. Tagtägliche Ereignisse zeigen uns die Zerbrechlichkeit des nationalen Zusammenhalts. Wohin man auch blickt, überall ist Tribalismus der Grund dafür, dass Nationen auseinanderbrechen. Die Sowjetunion, Jugoslawien, die Tschechoslowakei sind schon auseinandergebrochen. Indien, Indonesien, Irland, Israel, Libanon, Sri Lanka, Afghanistan und Ruanda erleben ethnische oder religiöse Unruhen. Ethnische Spannungen verursachen Unruhen und Aufspaltungen in China, Südafrika, Rumänien, der Türkei, Georgien, Aserbaidschan, auf den Philippinen, in Äthiopien, Somalia, Nigeria, Liberia, Angola, dem Sudan, Kongo, Guyana, Trinidad, um nur einige zu nennen. Selbst so stabile und kultivierte Nationen wie Großbritannien und Frankreich, Belgien und Spanien sehen sich mit zunehmenden ethnischen Problemen konfrontiert. „Das Virus des Stammesdenkens“, schreibt der britische Economist, „droht das AIDS der internationalen Politik zu werden – jahrelang scheint es zu schlafen, dann aber flammt es auf, um ganze Länder zu zerstören.“
Nehmen wir den Fall unseres Nachbarn im Norden. Kanada wurde lange als das vernünftigste und friedfertigste Land der Welt betrachtet. „Reich, friedlich und, gemessen an anderen Ländern, beneidenswert erfolgreich“, schreibt der Economist, „doch heute an der Schwelle zu zerbrechen.“ Michael Ignatieff, der in England lebende Sohn eines in Russland geborenen kanadischen Diplomaten und von daher ein Beispiel für die moderne Vermischung von Völkern, schreibt über Kanada:
„Hier haben wir eines der fünf reichsten Länder der Erde, ein Land, das so einzigartig gesegnet ist mit Raum und Chancen, dass die Ärmsten der Welt an seine Tür klopfen, um eingelassen zu werden. Es selbst zerreißt darüber jedoch. ... Wenn eines der fünf am meisten entwickelten Länder der Erde keinen föderalen, multiethnischen Staat herausbilden kann, wer kann es dann?“
Die Antwort auf diese zunehmend bedeutsamer werdende Frage lautet, zumindest bis vor kurzem: die USA.
Wie gelang es den Amerikanern aber, so erfolgreich zu sein bei der Anwendung dieses beispiellosen Kunstgriffs? Andere Länder brachen auseinander, weil sie es versäumten, ethnisch ganz unterschiedlichen Menschen überzeugende Gründe zu liefern, sich selbst als Teil derselben Nation zu sehen. Der nigerianische Schriftsteller Chinua Achebe2 schreibt über sein eigenes Land, eines der reichsten Afrikas, das heute am Rande des Chaos steht: „Dies ist die größte Schwäche der Nigerianer – ihre Unfähigkeit, schwerwiegenden Bedrohungen als ein Volk zu begegnen – und nicht als konkurrierende religiöse und ethnische Interessengruppen.“
In dieser Hinsicht haben die USA gut funktioniert. Als multiethnisches Land haben sie, abgesehen von einem schrecklichen Bürgerkrieg, irgendwie zusammen- und miteinander durchgehalten. Was hat eigentlich die Amerikaner über zwei turbulente Jahrhunderte hinweg zusammengehalten, trotz des Fehlens einer gemeinsamen ethnischen Herkunft? Denn Amerika war multiethnisch von Anfang an. Hector St. John de Crèvecoeur3 emigrierte 1759 aus Frankreich in die amerikanischen Kolonien, heiratete eine amerikanische Frau, gründete eine Farm in Orange County, New York, und veröffentlichte während der amerikanischen Revolution seine Briefe eines amerikanischen Farmers (Letters from an American Farmer)4. Diesen Franko–Amerikaner des 18. Jahrhunderts entzückte die erstaunliche Vielfalt anderer Siedler um ihn herum: „Eine Mischung von Engländern, Schotten, Iren, Franzosen, Holländern, Deutschen und Schweden“, eine „merkwürdige Vermischung von Blut“, die man sonst in keinem anderen Land finden könne.
Crèvecoeur erinnerte sich an eine Familie, deren Großvater ein Engländer war: Seine Frau stammte aus Holland, ihr gemeinsamer Sohn heiratete eine Französin, und auch die vier Söhne dieses Paares hatten Frauen verschiedener Nationalitäten geheiratet. „Aus diesem völligen Herkunftsdurcheinander“, so schrieb Crèvecoeur, „entstand die Rasse, die wir jetzt Amerikaner nennen.“ (Das Wort Rasse, wie es im 18. und 19. Jahrhundert gebraucht wurde, meint das, was wir heute als Nationalität bezeichnen. So sprach man damals von der „englischen Rasse“, der „deutschen Rasse“ und so weiter.) Was, so überlegte der Autor, waren überhaupt die charakteristischen Eigenschaften dieser plötzlich sich bildenden amerikanischen Nationalität? In den Briefen eines amerikanischen Farmers formulierte Crèvecoeur eine berühmt gewordene Frage: „Was ist denn der Amerikaner, dieser neue Mensch?“
Crèvecoeur gab seiner eigenen Frage die klassische Antwort:
„Derjenige ist ein Amerikaner, der all seine vormaligen Vorurteile und Gewohnheiten hinter sich lässt und neue annimmt – aus der neuen Lebensart, die er nun pflegt; dazu die neue Regierung, der er nun gehorcht, und entsprechend die neue Stellung, die er nun innehat. Der Amerikaner ist ein neuer Mensch, der aufgrund neuer Prinzipien handelt. … Hier werden Menschen aller Nationen zu einer neuen Art von Menschen umgeschmolzen.“5
Der erste große amerikanische Historiker bekräftigte alsbald Crèvecoeurs Standpunkt. „Löschen Sie“, schrieb George Bancroft6,
„die Vergangenheit jeder einzelnen führenden Nation der Welt aus, und unser Schicksal wäre ein ganz anderes geworden. Italien und Spanien, in der Person von Kolumbus und Isabella, schlossen sich für jene große Entdeckung zusammen, die Amerika für Einwanderung und Handel aufschloss; Frankreich trug zu unserer Unabhängigkeit bei; die Suche nach dem Ursprung der Sprache, die wir sprechen, führt uns zurück bis nach Indien; unsere Religion stammt aus Palästina; von den Hymnen, die in unseren Kirchen gesungen werden, wurden einige zuerst in Italien vernommen, andere in den Wüsten Arabiens, wieder andere am Ufer des Euphrats; unsere Künste kommen aus Griechenland; unsere Rechtsprechung aus Rom; unser maritimer Kodex aus Russland; England lehrte uns das System der repräsentativen Regierung; die edle Republik der Vereinigten Provinzen – die Niederlande – hinterließ uns in der Welt des Denkens die große Idee der Toleranz aller Meinungen; in der Welt des aktiven Handelns das fruchtbare Prinzip der föderalen Union. Unser Land steht daher mehr als jedes andere für die Verwirklichung der Einheit des menschlichen Geschlechts.“
E pluribus unum – Eins werden aus Vielen. Die Vereinigten Staaten besaßen eine brillante Lösung für die inhärente Fragilität, ja Explosivität der multiethnischen Gesellschaft: die Schaffung einer gänzlich neuen nationalen Identität durch Individuen, die ihre alten Loyalitäten hinter sich ließen, hier ein neues Leben begannen und ihre ethnischen Differenzen einfach hinwegschmelzen ließen – eine nationale Identität, die die verschiedenen Ethnien, die unsere Küsten erreichen, absorbiert und sie transzendiert, Ethnien, die schon beim Eintreten in die neue nationale Identität die gemeinsame Kultur bereichern und umformen.
Jene unerschrockenen Europäer, die ihre Wurzeln gekappt hatten und die sich dem tosenden Atlantik entgegenwarfen, wollten eine schreckliche Vergangenheit hinter sich lassen und eine hoffnungsvolle Zukunft ergreifen. Sie sehnten sich danach, Amerikaner zu werden. Ihre Ziele waren Flucht, Erlösung, Assimilierung. Sie sahen Amerika als eine sich transformierende Nation, aus der sie schreckliche Erinnerungen verbannen und einen einzigartigen nationalen Charakter formen konnten, der auf gemeinsamen politischen Idealen und gemeinsamen Erfahrungen basierte. Die Entscheidung für Amerika bestand nicht darin, alte Kulturen zu bewahren, sondern eine neue, amerikanische Kultur zu schaffen.
Ein Grund, warum Kanada, trotz aller seiner Vorteile, so anfällig für Schismen ist, besteht in der Tatsache, dass, wie Kanadier freimütig zugeben, ihr Land eine solch einzigartige nationale Identität nicht besitzt. Immer wieder angezogen durch Großbritannien, Frankreich und die USA und aus Großzügigkeitserwägungen heraus einer Politik des offiziellen Multikulturalismus zugeneigt, haben Kanadier niemals ein starkes Bewusstsein dafür entwickelt, was es heißt, Kanadier zu sein. Mit den Worten von Sir John Macdonald7, Kanadas erstem Premierminister: „Das Land hat zu viel Geographie und zu wenig Geschichte.“
Die USA dagegen haben eine reiche Geschichte. Seit den Tagen der Revolution besitzen die Amerikaner ein starkes nationales Identitätsgefühl, das im Unabhängigkeitskrieg geschmiedet, in der Erklärung von 1776 und der Verfassung von 1787 artikuliert und durch die spätere Erfahrung der Selbstverwaltung vertieft wurde. Die Kraft des nationalen Credos ist der Grund dafür, dass es uns relativ gut gelungen ist, die „promiskuitive Rasse“ Crèvecoeurs in ein Volk umzuwandeln und dadurch eine multiethnische Gesellschaft zum Funktionieren zu bringen.
Das soll nun aber nicht heißen, dass die Vereinigten Staaten Crèvecoeurs Maßstab immer gerecht geworden wären. Neue Einwanderungswellen brachten Menschen ins Land, die nur sehr schwer in die Gesellschaft hineinpassten – eine Gesellschaft, die in ihrer Sprache, ihren Idealen und ihren Institutionen ja unvermeidlich englisch war. Für lange Zeit dominierten die Angloamerikaner die amerikanische Kultur und Politik. Sie schlossen jene aus, die nach ihnen kamen. Anglo-Amerika assimilierte nur schwer die Einwanderer aus Irland, aus Deutschland oder aus Süd- und Osteuropa.
Hinsichtlich der nichtweißen Menschen – jenen also, die Amerika schon lange zuvor besiedelt hatten und die von den europäischen Neuzuwanderern überrannt und massakriert wurden, oder jenen anderen, die gegen ihren Willen aus Afrika und Asien ins Land hinein geholt wurden – verwies ein tief verwurzelter Rassismus alle, ob rote, schwarze, gelbe oder braune Amerikaner, hinter die Grenzen ihres jeweiligen Grundstücks. Wir müssen uns einer beschämenden Tatsache stellen: Historisch gesehen war Amerika eine rassistische Nation. Weiße Amerikaner begannen als ein Volk, das in der Überzeugung von seiner rassischen Überlegenheit so arrogant war, sich ermächtigt zu fühlen, rote Menschen zu töten, schwarze Menschen zu versklaven und gelbe und braune Menschen für Tagelöhnerarbeiten zu importieren. Wir weißen Amerikaner waren rassistisch in unseren Gesetzen, in unseren Institutionen, in unseren Sitten, in unseren eingeübten Reflexen und in unseren Seelen. Der Fluch des Rassismus war das große Versagen des amerikanischen Experiments, der schreiende Widerspruch des amerikanischen Idealbilds und die noch immer lähmende Krankheit des amerikanischen Lebens – „die schönste Hoffnung der Welt“, schrieb Herman Melville, „verkettet mit des Menschen schlimmsten Verbrechen.“
Doch auch nichtweiße Amerikaner, obwohl miserabel behandelt, trugen zur Ausgestaltung der nationalen Identität bei. Auch sie, als Menschen dritter Klasse, hatten Anteil an der gemeinsamen Kultur der amerikanischen Gesellschaft und verhalfen ihr zu neuer Form und Gestalt. Das Hineinströmen nicht–angelsächsischer Stämme und die Erfahrung einer Neuen Welt formten das britische Erbe um; es machte die USA, wie wir alle wissen, zu einem ganz anderen Land, als Großbritannien es heute ist. Schon 1831 war Alexis de Tocqueville8, der große Kommentator der amerikanischen Demokratie, beeindruckt von dem „immensen Unterschied zwischen den Engländern und ihren Nachkommen in Amerika.“
Im Verlauf der zwei Jahrhunderte amerikanischer Geschichte bestand über die meiste Zeit hinweg die Vision von Amerika als eines zu einem einzigen Volk verschmolzenen Landes. Das 20. Jahrhundert brachte freilich eine neue, gegenteilige Vision hervor. Der Erste Weltkrieg zerstörte die alte Ordnung der Dinge und machte Platz für Woodrow Wilsons9 Doktrin von der Selbstbestimmung der Völker. 20 Jahre später löste der Zweite Weltkrieg die westlichen Kolonialreiche auf und intensivierte ethnische Militanz rund um den Planeten. In den Vereinigten Staaten selbst erleichterten neue Gesetze den Zutritt für Einwanderer aus Südamerika, Asien und Afrika – sie änderten die Zusammensetzung des amerikanischen Volkes.
In einem Land, das durch eine viel ungewöhnlichere Blutsmischung gekennzeichnet ist, als Crèvecoeur es sich je hätte vorstellen können, wird dessen gefeierte Frage aufs Neue aufgeworfen – mit neuer Leidenschaft und einer neuen Antwort. Heutzutage haben viele Amerikaner dem historischen Ideal einer „neuen menschlichen Rasse“ (im Sinne Crèvecoeurs, A. d. Ü.) abgeschworen. Die Flucht aus der Herkunft führt zur Suche nach den eigenen Wurzeln. Die „hergebrachten Vorurteile und Verhaltensweisen“, von Crèvecoeur noch verleugnet, haben ein überraschendes Comeback erfahren. Ein Kult der Ethnizität hat sich entwickelt – sowohl unter nicht-angloamerikanischen Weißen als auch unter nichtweißen Minderheiten. Dieser Kult verunglimpft das Ziel der Assimilierung und fordert das Konzept des „einen Volkes“ heraus, er schützt und fördert getrennte ethnische und Herkunfts- Gemeinschaften und will sie nun auf Dauer fortbestehen lassen.
Der Durchbruch der Ethnizität hatte viele positive Folgen. Die amerikanische Kultur begann, schamhaft den Leistungen jener Minderheiten eine längst überfällige Würdigung zukommen zu lassen, die während der Blütezeit angelsächsischer Dominanz unterschätzt und verschmäht worden waren. Zu guter Letzt begann auch die amerikanische Erziehung, die Existenz und Bedeutung der großen weiten Welt jenseits von Europa anzuerkennen. All dies war von großer Wichtigkeit. Natürlich sollte Geschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus gelehrt werden. Lasst doch unsere Kinder versuchen, sich die Ankunft von Kolumbus aus der Sicht jener Menschen vorzustellen, die ihm als erste begegneten, ebenso aber auch aus der Perspektive derjenigen, die ihn entsandt hatten! Auf einem begrenzten Planeten lebend und gleichzeitig die globale Führerschaft anstrebend, sollten Amerikaner wahrlich mehr über andere Ethnien, andere Kulturen und andere Kontinente erfahren! Und wenn sie dies tun, erwerben sie zugleich ein viel komplexeres, belebenderes Verständnis von der Welt – und damit auch von sich selbst.
Infolge einiger Übertreibungen hatte der Kult um die ethnische Zugehörigkeit freilich auch negative Folgen. Die neue frohe Botschaft von der Ethnizität weist die vereinheitlichende Vision des Menschen zurück, der, aus allen Nationen kommend, in eine „neue Rasse“ (im Sinne Crèvecoeurs, A. d. Ü.) umgeschmolzen wird. Die ihr zugrunde liegende Philosophie besteht darin, dass Amerika keineswegs eine Nation von Individuen, sondern vielmehr eine Nation von Gruppen ist, dass Ethnizität die prägende Erfahrung für Amerikaner ist, dass ethnische Wurzeln dauerhaft und unauslöschlich sind und dass die Aufteilung in ethnische Gemeinschaften die Grundstruktur der amerikanischen Gesellschaft bildet sowie die grundlegende Bedeutung der amerikanischen Geschichte darstellt.
Mit dieser Philosophie verbunden ist die Einteilung aller Amerikaner entlang ihrer ethnischen Unterscheidungsmerkmale. Doch während die ethnische Interpretation der amerikanischen Geschichte, ähnlich wie ihre ökonomische, bis zu einem gewissen Punkt gültig und erhellend ist, so ist sie wiederum vollständig irreführend und falsch, wenn sie sich als das ganze Bild darzustellen versucht. Die ethnische Interpretation macht vielmehr die historische Theorie von Amerika als einem einzigen Volk wieder rückgängig – jene Theorie, der es bis dahin gelang, dass die amerikanische Gesellschaft als Ganzes zusammengehalten werden konnte.
Amerika wird unter dieser Perspektive nicht als eine sich selbst umformende Nation mit einer ganz eigenen Identität betrachtet, sondern als Schutzhülle für verschiedene fremdländische Identitäten. Anstatt sich als eine Nation zu begreifen, die zusammengesetzt ist aus je einzelnen, ihre eigenen Entscheidungen frei treffenden Individuen, sieht Amerika sich selbst in wachsendem Maße zusammengesetzt aus einzelnen Gruppen, die mehr oder weniger unabwendbar von ihrem ethnischen Charakter geprägt sind. Das multiethnische Dogma beendet die gemeinsamen Zielsetzungen unserer Geschichte, es ersetzt Assimilation durch Fragmentierung und Integration durch Separatismus. Es setzt das Unum herab und glorifiziert dafür das Pluribus.
Auf vielen Gebieten ist die historische Idee einer einheitsstiftenden amerikanischen Identität heute in Gefahr – in unserer Politik, in unseren Freiwilligen-Organisationen, in unseren Kirchen und in unserer Sprache. Doch auf keinem Gebiet ist die Zurückweisung einer alles überwölbenden nationalen Identität entscheidender als in unserem Erziehungssystem.
Unsere Schulen und Gymnasien der Republik bilden die Bürger der Zukunft heran. Insbesondere unsere öffentlichen Schulen sind das vorrangige Instrument der Assimilierung und das wichtigste Mittel zur Heranbildung einer amerikanischen Identität.
„Der große Schmelztiegel Amerikas“, sagte Woodrow Wilson einmal, „der Ort, an dem wir alle zu Amerikanern gemacht werden, ist die öffentliche Schule, wohin Menschen jeglicher ethnischer Herkunft und in jeder Lebensphase ihre Kinder schicken oder hinschicken sollten und wo die Jugendlichen, wenn sie dort zusammengemischt werden, alle vom amerikanischen Geist durchdrungen werden und sich zu amerikanischen Männern und amerikanischen Frauen entwickeln.“
Was Schülern in den Schulen beigebracht wird, beeinflusst die Art und Weise, mit der sie später andere Amerikaner sehen und wie sie mit ihnen umgehen werden – letztlich die Art und Weise, wie sie später die gemeinsamen Ziele unseres Gemeinwesens begreifen. Die Auseinandersetzung über das schulische Curriculum ist eine Debatte darüber, was es bedeutet, ein Amerikaner zu sein.
Die Verfechter der Ethnizität behaupten nun, dass ein Hauptziel der schulischen Erziehung in Schutz, Stärkung, Zelebrierung und in der Perpetuierung ethnischer Wurzeln und Identitäten liege. Separatismus freilich nährt Vorurteile, vergrößert Differenzen und wühlt Antagonismen auf. Die daraus resultierende Zunahme ethnischer und rassischer Konflikte steckt hinter dem Wirbel um Multikulturalismus, um politische Korrektheit, um Ungerechtigkeiten des eurozentrischen Curriculums. Sie liegt auch hinter der Vorstellung, dass Geschichte und Literatur nicht so sehr als intellektuelle Disziplinen gelehrt werden sollten, sondern als Therapien, deren Funktion es sei, das Selbstbewusstsein von Minderheiten zu stärken.
Während wir gerade Zeuge werden, wie ein Land nach dem anderen durch ethnische Konflikte auseinandergerissen wird, kann man nicht gleichgültig auf Vorschläge reagieren, die die Vereinigten Staaten in eigenständige und unveränderliche Gemeinschaften entlang von Ethnie und Hautfarbe auseinanderdividieren wollen, von denen jeder beigebracht wird, das jeweils eigene Anders- und Getrennt-Sein10 von den anderen Gruppen hochzuhalten. Man fragt sich: Wird die Mitte halten – oder wird der Schmelztiegel dem Turm von Babel weichen?
Ich möchte nicht apokalyptisch klingen, wenn ich diese Entwicklungen beschreibe. Erziehung ist immer in Entwicklung begriffen, und das ist auch gut so. Schulen und Gymnasien waren schon immer Kampfstätten für Debatten über Glaubensvorstellungen, Philosophien und Werte. Die Situation in unseren Universitäten – da bin ich zuversichtlich – wird sich bald von selbst berichtigen, sobald die große schweigende Mehrheit der Professoren „Genug!“ ruft und all das anficht, von dem sie weiß, dass es zeitgeistiges Geschwätz ist.
Weitaus beunruhigender sind die Auswirkungen des Drucks bezüglich Ethnie und Hautfarbe, der auf unsere Grundschulen ausgeübt wird. Die Bindekräfte nationalen Zusammenhalts sind längst in Gefahr zu zerbrechen. Die schulische Erziehung sollte sich bemühen, diese Bindekräfte zu stärken, anstatt sie zu schwächen. Wenn sich separatistische Tendenzen weiterhin unkontrolliert entwickeln, dann kann das Resultat nur die Fragmentierung, die Re-Segregation und die Tribalisierung des amerikanischen Lebens sein.
Ich bleibe optimistisch. Mein Eindruck ist, dass die geschichtlichen Kräfte, die in Richtung „one people“ drängen, noch nicht ihre Kraft verloren haben – für die meisten Amerikaner ist es ja genau dies, worum es in unserer Republik eigentlich geht. Im Streit zwischen „Einheit zuerst“ und „Ethnizität zuerst“ widerstehen sie den Extremen. „Die meisten Amerikaner“, so sagte New Yorks Gouverneur Mario Cuomo11 zu Recht,
„können sowohl das Bedürfnis verstehen, eine entwickelte Diversität anzuerkennen und zu fördern, als auch das Bedürfnis, sicherzustellen, dass eine solche, breit angelegte multikulturelle Perspektive zur Einigkeit unter den Amerikanern führt und zu einer umfassenden Besinnung auf das, was es heißt, Amerikaner zu sein, nicht aber zu einer destruktiven Aufspaltung, die uns auseinander reißen würde.“12
Was immer ihre selbsternannten Sprecher behaupten mögen – die meisten in Amerika geborenen Mitglieder von Minderheitengruppen, gleichgültig, ob von weißer oder nichtweißer Hautfarbe, sehen sich, auch wenn sie ihre Herkunft in Ehren halten, primär jeweils als Amerikaner und nicht in erster Linie als Iren oder Ungarn, Juden, Afrikaner oder Asiaten. Ein beredter Indikator ist die wachsende Anzahl von Eheschließungen über die Grenzen ethnischer, religiöser, ja sogar (in wachsendem Maße) über Grenzen der Hautfarbe hinweg. Der Glaube an eine einzige amerikanische Identität ist alles andere als ausgestorben.
Doch die Bürde, das Land zu einigen, fällt nicht exklusiv allein den Minderheiten zu. Assimilation und Integration sind ein wechselseitiger Prozess. Jene, die sich in Amerika integrieren wollen, müssen durch diejenigen, die meinen, dass sie Amerika schon lange besitzen, empfangen und willkommen geheißen werden. Wie ich schon bemerkte, ist der Rassismus die große nationale Tragödie unseres Landes. In der letzten Zeit hat das weiße Amerika endlich begonnen, sich dem Rassismus zu stellen, der sich so tief und schandbar in unsere Geschichte eingenistet hat. Doch der Triumph über den Rassismus ist nicht vollständig.
Wenn konservative Amerikaner Menschen anderer Nationalität und anderer Hautfarbe etwa so behandeln, als seien sie unverdauliche Elemente, die es zu meiden und auszugrenzen gelte, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn die Minoritäten sich verbittert nur noch auf ihresgleichen beziehen und jeden anderen ausschließen. Nicht nur diese müssen die Assimilation und die Integration wollen – auch wir müssen das tun! Die Aufgabe, dieses Land zu einem geeinten Land werden zu lassen, liegt in gleicher Weise bei der selbstzufriedenen Mehrheit der Gesellschaft wie bei den bedrängten Minderheiten.
Die amerikanische Bevölkerung hat sich fraglos in jüngster Zeit viel heterogener als je zuvor entwickelt. Doch diese Heterogenität macht die Suche nach einheitsstiftenden Idealen und nach einer gemeinsamen Kultur umso notwendiger. Amerika, so Scott Fitzgerald13, ist „die freudige Bereitschaft des Herzens“. Wir haben es in unserer Macht, dieses Land zu einem fairen und gerechten Land für unser ganzes Volk zu machen.
Erinnern wir uns der Worte Mahatma Gandhis14, die einst öffentlich auf Plakaten in ganz Indien zu sehen waren – einem Land, das durch ethnische, religiöse, sprachliche und durch Kastengegensätze weitaus heftiger gespalten ist als unser eigenes. „Wir müssen aufhören“, sagte Gandhi,
„ausschließlich Hindus, Muslime oder Sikhs, Parsen, Christen oder Juden zu sein. Wir mögen zwar standhaft an unseren jeweiligen Glaubensbekenntnissen festhalten, aber wir müssen Inder zuerst und Inder zuletzt sein.“
Weil Indien diese Lehre Gandhis aufgegeben hat, ist es heute so bitter in sich zerrissen.
Im Geiste Gandhis mögen wir als so gänzlich untereinander verschiedene Amerikaner zwar unerschütterlich an unseren jeweiligen Traditionen und Glaubensbekenntnissen festhalten, sollten aber nicht vergessen, dass wir zueinander gehören: als Amerikaner, zuerst und zuletzt. Oder in den Worten Martin Luther Kings15: zusammen eingewoben „in ein einziges Gewand des Schicksals“. In einer Welt, die durch Antagonismen entlang von Ethnien und Hautfarbe heftig zerrissen ist, ist es umso bedeutsamer, dass die Vereinigten Staaten als ein Beispiel dafür erhalten bleiben, wie sich eine stark ausdifferenzierte Gesellschaft ihren Zusammenhalt bewahrt.
Arthur M. Schlesinger Jr.
1 John Stuart Mill (1806-1873): Britischer Philosoph, Politiker und Ökonom, einer der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts. (A. d. Ü.: Quelle aller nachfolgenden Erläuterungen zu Personen im Text ist, wenn nicht anders vermerkt, Wikipedia.)
2 Albert Chinụalụmọgụ „Chinua“ Achebe (1930-2013): nigerianischer Schriftsteller, gilt als einer der Väter der modernen afrikanischen Literatur.
3 Michel-Guillaume Jean de Crèvecoeur (1735-1813): franko-amerikanischer Schriftsteller.
4 Die folgenden Zitate stammen aus Letter III in Crèvecoeurs Letters from an American Farmer (1782). Hervorhebung im letzten Satz hinzugefügt.
5 Crèvecoeur im Original: „Here individuals of all nations are melted into a new race of men.”
6 George Bancroft (1800-1891): US-amerikanischer Historiker und Politiker. Als eines seiner bekanntesten Werke gilt die zwölfbändige History of the United States, from the Discovery of the American Continent.
7 Sir John Alexander Macdonald (1815-1891) war zweimal im Amt, zunächst vom 1. Juli 1867 bis zum 5. Dezember 1873 und danach vom 17. Oktober 1878 bis zu seinem Tod.
8 Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville (1805-1859): französischer Publizist, Politiker und Historiker. Er gilt als Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft.
9 Woodrow Wilson (1856-1924): Politiker der Demokratischen Partei. US-Präsident 1913-1921.
10 Im Original „apartness“, „Getrenntheit“, ein Neologismus, der möglicherweise auf die südafrikanische ‚Apartheid‘ anspielen soll.
11 Mario Matthew Cuomo (1932-2015): US-amerikanischer Politiker der Demokratischen Partei. Er war von 1983 bis 1994 Gouverneur des Bundesstaates New York.
12 Mario Cuomo: Erklärung zur multikulturellen Erziehung, 15. Juli 1991.
13 Francis Scott Key Fitzgerald (1896-1940): US-amerikanischer Schriftsteller.
14 Mahatma Gandhi (1869-1948): indischer Rechtsanwalt, Publizist, Morallehrer und Pazifist, der zum geistigen und politischen Anführer der indischen Unabhängigkeitsbewegung wurde.
15 Martin Luther King Jr. (1929-1968): US-amerikanischer Baptistenpastor und Bürgerrechtler.
1 „Eine neue Rasse“?
Zu Beginn wurde Amerika als eine ausgerissene Wurzel betrachtet, als die Befreiung von der erdrückenden Vergangenheit, zugleich als Eintritt in ein neues Leben, bei dem sich die Herkunft von ganz verschiedenen ethnischen Gestaden gemeinsam in ein neues nationales Gewand einwebt. „Wir haben es in unserer Macht“, meinte Thomas Paine1 zu seiner revolutionären Generation, „die Welt noch einmal ganz von vorne zu beginnen.“ Das heimliche Motto lautete: „Schau niemals zurück!“2 „Die Vergangenheit ist tot“, schrieb Herman Melville3, „die Vergangenheit ist ein Textbuch für Tyrannen; die Zukunft allein ist die Bibel der Freien.“4
I
Die Zukunft – das war Amerika. Nicht so sehr als Nation, wie Melville meinte, sondern als eine Welt an sich.
„Man kann keinen Tropfen amerikanischen Blutes vergießen, ohne dabei nicht zugleich das Blut der ganzen Welt zu vergießen. Hier, in dieser westlichen Hemisphäre, bilden alle Herkünfte und alle Menschen den Bund eines einzigen Ganzen.“
Auch für Ralph Waldo Emerson5 war Amerika, so wie für Crèvecoeur und Melville, das Destillat eines vielfältigen Planeten Erde. So, wie einst durch das Niederbrennen des Tempels in Korinth Silber und Gold einschmolzen und sich miteinander vermischten, um schließlich korinthisches Messing daraus entstehen zu lassen, so wird, schrieb Emerson in sein Tagebuch, Amerika,
„dieses Asyl aller Nationen, die Energie der Iren, Deutschen, Schweden, Polen und Kosaken und aller europäischen Stämme – ebenso der Afrikaner und der Polynesier – einen neuen Typ Mensch[6] entstehen lassen ... so kraftstrotzend, wie das neue Europa aus dem Schmelztiegel des Mittelalters hervorgegangen ist.“
Melville war ein Romanautor, Emerson ein Essayist; beide waren Dichter. George Washington7 jedoch war ein Mann, der ganz der Praxis zugewandt war. Auch er glaubte nicht weniger leidenschaftlich an die Doktrin der „neuen Rasse“. „Der Schoß Amerikas“, sagte er, „ist bereitet für die Unterdrückten und Verfolgten aller Länder und Religionen.“ Doch gebe es auch Einwanderer, die es sich in Clan-Strukturen im Schoß des Landes gemütlich machten und ihre „Sprache, ihr Verhalten und ihre Prinzipien (gute und schlechte), die sie mit sich brachten“, beibehielten – lasst sie als Individuen sich ansiedeln, vorbereitet für die „Vermischung mit unserem Volk“. Dadurch würden sie „an unsere Gewohnheiten assimiliert, an unsere Maßstäbe und Gesetze, in einem Wort: schon bald ein Volk mit uns werden“.
John Quincy Adams8, ein weiterer ganz der Praxis zugewandter Mann, bestand ebenfalls auf der Exklusivität der neuen amerikanischen Identität. Als einmal ein deutscher Baron, der über seine eigene Einwanderung nachdachte, den damaligen Außenminister Adams hierzu befragte, warnte dieser seinen Besucher, dass sich Einwanderer für eine Sache zu entscheiden hätten:
„Sie müssen ihre europäische Haut abstreifen, um nie wieder in sie hinein zu schlüpfen. Sie müssen sich nach vorne orientieren, auf ihre Nachkommenschaft, und nicht so sehr zurückschauen auf die Welt ihrer Vorfahren“.
Doch wie konnte Crèvecoeurs „Herkunftsdurcheinander“ transformiert werden in eine „neue Rasse“?
Wie konnten die desperaten Elemente aus Emersons „Schmelztiegel“ sich zu Washingtons „einer Nation“ formen? Diese Frage beschäftigte einen anderen jungen Franzosen, der Amerika ein Dreivierteljahrhundert nach Crèvecoeur betrat.
„Stell dir, sofern du, mein lieber Freund, das kannst“, schrieb Alexis de Tocqueville zurück nach Frankreich, „eine Gesellschaft vor, die aus allen Nationen der Welt geformt ist, … Menschen mit verschiedenen Sprachen, Glaubensvorstellungen, Meinungen. In einem Wort: eine Gesellschaft ohne Wurzeln, ohne Erinnerungen, ohne Vorurteile, ohne Routinen, ohne gemeinsame Ideen, ohne einen nationalen Charakter, doch hundert Mal glücklicher als unsere eigene.“
Welche Alchemie vermöchte dieses bunte Allerlei in eine einheitliche Gesellschaft zu verwandeln?
Die Antwort, so schloss Tocqueville, liegt in der Hingabe der Amerikaner an die Demokratie und an die Selbstregierung. Bürgerbeteiligung, so argumentiert Tocqueville in seiner Schrift Die Demokratie in Amerika, ist die große Erzieherin und große Einheitsstifterin:
„Wie kann es sein, dass in den USA, in dem Land, in das die Einwohner erst kürzlich immigriert sind, das sie jetzt besetzen und in das sie weder ihre Sitten noch ihre Traditionen mitbrachten; wo alle sich zum allerersten Male treffen, ohne sich vorher gekannt zu haben; wo – in aller Kürze – eine instinktive Liebe zum Land nur sehr mäßig existiert; wie, kurz gesagt, ist es möglich, dass ein jeder sich hier in die Angelegenheiten seiner Stadt, in die Angelegenheiten seines Landes und in die des Staates so eifrig einmischt, als wären es sein eigenen? Es geschieht deswegen, weil ein jeder in seinem Umfeld aktiv Anteil an den Regelungen des gesellschaftlichen Lebens nimmt.“
Einwanderer, so Tocqueville, werden zu Amerikanern durch die Ausübung politischer Rechte und bürgerlicher Pflichten, die ihnen mit der Unabhängigkeitserklärung und durch die Verfassung übertragen wurden.
Und sie wurden Amerikaner in einem eher technischen Sinne, weil die Staatsbürgerschaft, zumindest für das weiße Amerika, nicht im europäischen Stil durch das ius sanguinis – das Gesetz des Blutes – definiert wurde, sondern durch eine Übernahme des ius soli – das Gesetz des Bodens, zum Beispiel des Wohnorts9. Um Bürger zu werden, mussten Neuankömmlinge lediglich schwören, die Verfassung und die Gesetze des Landes zu unterstützen und zu verteidigen. Menschen, die auf diese Weise ihre Loyalität erklärten, auch wenn sie nicht von den „eisernen Männern“ abstammen, die die Unabhängigkeit errungen hatten, waren, mit den Worten Abraham Lincolns10, gleichwohl Amerikaner, „als wären sie Blut vom Blut und Fleisch vom Fleisch der Männer, die diese Verfassung geschrieben hatten“. In der neuen Republik ersetzte das bürgerliche Engagement die Blutlinien als Test für die Staatsbürgerschaft.
Ein halbes Jahrhundert nach Tocqueville schrieb James Bryce11, der nächste große ausländische Kommentator der amerikanischen Demokratie, sein Buch The American Commonwealth. Die Einwanderung hatte sich schon beträchtlich fortentwickelt und entfaltet. Bryces europäische Freunde erwarteten, dass es sehr lange für Amerika dauern würde, diese „heterogenen Elemente“ zu assimilieren. Bryce fiel jedoch stattdessen auf, was auch schon Tocqueville bemerkt hatte:
„Die erstaunliche Lösungsmittelkraft, mit der sich die amerikanischen Institutionen, Umgangsformen und Ideen bei den Neuankömmlingen aller Nationalitäten durchsetzen, … und wie dabei sich sehr schnell die ausländische Substanz, die in Massen hierher einströmt, auflöst und assimiliert.“
Ein ganzes Jahrhundert nach Tocqueville fand ein anderer ausländischer Besucher, Gunnar Myrdal12 aus Schweden, die Essenz jener „Lösungsmittelkraft“ in dem, was er „das amerikanische Credo“ nannte. Amerikaner „aller nationalen Herkünfte, Regionen, Bekenntnisse und Hautfarben“, schrieb Myrdal 1944, haben „das am explizitesten ausformulierte System allgemeiner Ideale“ aller Länder des Westens gemein: nämlich der Ideale der grundsätzlichen Würde und Gleichheit aller Menschen, der unveräußerlichen Rechte auf Freiheit, Gerechtigkeit und Chancen.
Schon die Schulen lehren die Prinzipien dieses Credos, meinte Myrdal. Die Kirchen predigen sie, die Gerichte verkünden Urteile, die ihnen folgen. Myrdal zeigte auf, warum das Credo selbst für jene eine Hoffnung barg, die am brutalsten von der weißen Mehrheit ausgeschlossen wurden, das Credo als der Ansporn, der die weißen Amerikaner unaufhörlich dazu anstachelt, ihren proklamierten Prinzipien gerecht zu werden, das Glaubensbekenntnis als das rechtliche Gerüst, das den Erniedrigten die Mittel in die Hand gibt, für ihre Rechte zu kämpfen. „Amerika“, so sagte Myrdal, „kämpft fortwährend um seine Seele.“
II
Das amerikanische Credo hatte seine Vorläufer, und diese Vorläufer liegen zuallererst im britischen Erbe, das soeben anderthalb Jahrhunderte kolonialer Erfahrungen gemacht hatte. Wie neu war damals die „neue Rasse“ (im Sinne Crèvecoeurs, A. d. Ü.) wirklich? Crèvecoeurs Vision wollte ein gleichmäßiges Gemisch aus europäischen Herkunftsländern. Emersons Schmelztiegel fügte großzügigerweise noch Kosaken, Afrikaner und Polynesier hinzu. In Wahrheit kam die Mehrheit der Bevölkerung in den 13 Kolonien mitsamt dem Gewicht ihrer Kultur aus Großbritannien.
Nachdem die Briten den größten Teil Nordamerikas von ihren französischen, spanischen und holländischen Rivalen befreit hatten, waren sie in der Lage, das Land nun nach ihren Vorstellungen zu formen. Die Sprache ihrer neuen Heimat, ihre Gesetze, Institutionen und politischen Ideen, ihre Literatur, ihre Regeln, Gebräuche und Gebete stammten hauptsächlich aus Großbritannien. Crèvecoeur selbst schrieb sein Buch nicht in seiner französischen Muttersprache, sondern in seinem erworbenen Englisch. Der „Fluch von Babel“, so sagte Melville, wurde in Amerika rückgängig gemacht. „Und die Sprache, die sie sprechen werden, wird die Sprache Britanniens sein.“
Daher hatte der Schmelztiegel unmissverständlich und unausweichlich einen anglozentrischen Geschmack. Ob zum Guten oder zum Schlechten, die weiße angelsächsisch-protestantische Tradition besaß für zwei Jahrhunderte den bestimmenden Einfluss auf die amerikanische Kultur und Gesellschaft, und in essentieller Hinsicht besitzt sie ihn immer noch. Diese Tradition bildete den Standard, an welchem sich auszurichten von anderen Einwanderernationalitäten erwartet wurde, die Grundstruktur, in die hinein sie sich assimilieren würden.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich allerdings die nicht-angelsächsische Immigration. Europäische Bauern, die es vielleicht niemals gewagt hätten, sich weiter als 20 Meilen von ihrem Geburtsort zu entfernen, stürzten sich nun in das bislang unvorstellbare Abenteuer einer Reise über die gefährliche See, um in einem fremden Land ein neues Leben zu beginnen. Das Land war tatsächlich sehr fremd; es erzeugte in ihnen ein Gefühl und ein Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Sicherheit. Daher tendierten sie zunächst dazu, sich an ihre Landsleute zu klammern und an die Sprache, die Schulen und Kirchen, die sie mitgebracht hatten. Diese ethnischen Enklaven dienten als Sammelpunkte, um sich neu zu orientieren und Grundlagen einzuüben, ehe man sich in das weitere und riskantere amerikanische Leben hineinbegab.
Diese Einwanderer kamen hauptsächlich aus West- und Nordeuropa. Die Angelsachsen mochten diese Neuankömmlinge zumeist nicht, sie verachteten deren grobes Auftreten, fürchteten ihre fremden Religionen und ihre seltsamen Bräuche. Deutsche und Skandinavier wurden als engstirnig in ihrer Treue zu ihrer Sprache und zu den Gebräuchen ihrer alten Heimat betrachtet. Die deutsche Vorliebe für Biergärten und fröhliche Sonntage verursachte puritanische Ablehnung. Die Iren galten als träge und betrunken; außerdem waren sie Papisten, und ihre Treue zu Rom bedeutete, dass sie niemals loyale Amerikaner werden konnten. Sie wurden im Arbeitsleben stark diskriminiert und von der vornehmen Gesellschaft verachtet.
Der schwarze Gelehrte W. E. B. Du Bois13 konnte, als er in Great Barrington, Massachusetts, in den 1870er-Jahren aufwuchs, bezeugen, dass „der ethnische Blickwinkel viel deutlicher gegen die Iren gerichtet war als gegen mich.“
Im gleichen Maße, wie der Zustrom an Einwanderern anschwoll, nahmen auch die Vorbehalte unter den Alteingesessenen zu. In den 1850er-Jahren machten Einwanderer schon die Hälfte der Bevölkerung New Yorks aus, und sie übertrafen die Zahl der eingeborenen Amerikaner auch in Chicago. Alteingesessenen-Organisationen wie der Supreme Order of the Star-Spangled Banner und seine politische Front-Organisation, die American Party, bildeten sich und forderten einen verlängerten Einbürgerungsprozess sowie die Beschränkung der politischen Rechte für die im Ausland Geborenen. Man bezeichnete sie als die Know-Nothings, die Nichtswisser, weil sie, wenn sie nach ihren geheimen Eiden und Ritualen gefragt wurden, immer zu antworten pflegten: „Darüber weiß ich nichts.“
1856 stellten die Know-Nothings sogar mit Millard Fillmore14 einen einstigen Vorsitzenden ihrer Organisation als Kandidaten für die US-Präsidentschaft.
„Unser Degenerationsfortschritt“, so bemerkte damals Abraham Lincoln, „scheint sich mir ganz deutlich zu beschleunigen. Als Nation begannen wir mit der Erklärung, dass ‚alle Menschen gleich geschaffen sind‘. Jetzt lesen wir das gewissermaßen als: ‚Alle Menschen sind gleich geschaffen – mit Ausnahme der Schwarzen‘. Wenn die Know-Nothings die Herrschaft übernehmen, dann wird der Satz lauten: ‚Alle Menschen sind gleich geschaffen – mit Ausnahme der Schwarzen, der Ausländer und der Katholiken‘“.
Doch die Know-Nothings verschwanden so schnell wieder, wie sie aufgetaucht waren. In den anderthalb Jahrhunderten seither hat keine politische Autochthonen-Partei mehr versucht, ihren Platz einzunehmen, trotz wiederholter fremdenfeindlicher Ausbrüche. Wie vorurteilsbehaftet weiße Angelsachsen in der Praxis auch waren, so schämten sie sich doch, ihre Vorurteile als Prinzip zu propagieren. Ebenso wichtig war, dass eine expandierende Wirtschaft in einem unterbevölkerten Land eines ständigen Zustroms neuer Hände bedurfte. Einwanderung behob den Mangel an Arbeitskräften – der ökonomische Bedarf überwand moralischen und ästhetischen Widerwillen.
Die Einwanderer vor dem amerikanischen Bürgerkrieg 1861–1865 verwandelten sich konstant in Amerikaner. Die Frontier beförderte, mit den Worten ihres großen Historikers Frederick Jackson Turner15,
„die Herausbildung einer zusammengesetzten Nationalität ... Im Schmelztiegel der ‚Frontier‘ wurden die Einwanderer amerikanisiert und befreit, sie verschmolzen zu einer Mischrasse, englisch weder ihrer Nationalität nach noch in ihren charakteristischen Eigenschaften.“
Im Schmelztiegel der Städte schritt auch die Assimilation zügig voran. Sogar „der Sohn eines irischen Immigranten“, berichtete Bryce 1888, „ist in jeder Hinsicht ein amerikanischer Staatsbürger, auch wenn er, was er selten tut, die erbliche Anglophobie beibehält.“
III
Nach dem Bürgerkrieg kam die sog. „neue“ Immigration aus Süd- und Osteuropa in die USA. Über 27 Millionen Menschen erreichten das Land in dem halben Jahrhundert seit General Lees Kapitulation bei Appomattox bis zum Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg – mehr als die Gesamtbevölkerung des Landes im Jahr 1850. Die neuen Einwanderer – Italiener, Polen, Ungarn, Tschechen, Slowaken, Russen, Juden – ließen sich hauptsächlich in den Städten nieder, wo ihre bizarren Sitten, Trachten, Sprachen und Religionen neue Animositäten hervorriefen.
Doch hielt sich der alte Glaube an die Kraft von Bryces „wundersamem Lösungsmittel“ weiter, der helfen sollte, George Washingtons Vision von „einem Volk“ zu erfüllen. So sehr die Neuankömmlinge auch an sozialen Vorurteilen litten, sie wurden nicht von den gesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten ausgeschlossen, wodurch sie wiederum an die fundamentalen Werte des „amerikanischen Credos“ herangeführt wurden. Gewiss, die Neuankömmlinge änderten die ethnische Zusammensetzung des Landes, sie bewahrten aber auch die alte Ambition, Amerikaner zu werden.
Der anspruchsvolle Henry James16, der nach vielen Jahren im Ausland im Jahre 1904 sein Heimatland wieder besuchte, war zunächst bestürzt über das befremdliche Gewühl auf der New Yorker Einwanderer-Ankunftsinsel Ellis Island. Aber schon bald verstand und bewunderte er den
„nahtlosen Prozess der Rekrutierung unseres Menschenschlags, der Auffüllung unseres nationalen Feuertopfs, der Zuführung von frischem ... ausländischem Material in unser so heterogenes System“.
Obwohl er sich manchmal fragte, welchen Einfluss Immigration wohl auf die Amerikaner haben mag: „ethnisch und dadurch physiognomisch, sprachlich, ja, und auch ganz persönlich“; und obwohl ihm manchmal „das ethnische Gespenst“ geradewegs so vorkam wie ein Skelett auf einem Maskenball, war James doch sehr viel mehr beeindruckt von der „kolossalen“ Maschinerie, die so wirkungsvoll die Kinder von Einwanderern zu Amerikanern machte – dem politischen und sozialen Habitus, dem gemeinsamen Schulbesuch, den Zeitungen, kurz allem, was so verlässlich jenes produzierte, was James „die ethnische Synthese“ nannte. Durchaus mit Ehrfurcht sprach er dabei vom „Kessel des ‚amerikanischen‘ Charakters“.
‚Neue Rasse‘, ‚Schmelztiegel‘, ‚Feuertopf‘ oder ‚Kessel‘ – der ursprüngliche Glaube empfing seine berühmteste Metapher einige Jahre nach James’ Besuch in der Heimat. Im Jahr 1908 wurde in Washington ein Stück von Israel Zangwill17 uraufgeführt, einem englischen Schriftsteller russisch-jüdischer Herkunft. The Melting-Pot („Der Schmelztiegel“) erzählt die Geschichte eines jungen russisch-jüdischen Komponisten in New York. David Quixanos hat den künstlerischen Ehrgeiz, eine Symphonie zu schreiben, die die große, harmonische Verflechtung der verschiedenen Ethnien in Amerika zum Ausdruck bringt. Seine große Hoffnung ist die Überwindung der ethnischen Schranken und Vera zu heiraten, ein wunderschönes christliches Mädchen.
„Amerika“, ruft David aus, „Amerika ist Gottes Schmelztiegel, jener große Schmelztiegel, in dem alle Ethnien Europas sich einschmelzen und sich reformieren! ... Hier steht ihr in euren fünfzig verschiedenen Gruppen, mit euren fünfzig verschiedenen Sprachen ... und eurem fünfzigfachen blutigen Hass. ... Einen Pfifferling auf eure Fehden und Rachefeldzüge! Deutsche und Franzosen, Iren und Engländer, Juden und Russen – ab, in den Schmelztiegel mit euch allen! Gott macht jetzt den Amerikaner aus euch!“
Die Schlüsselszene spielt sich ab auf dem Dachgarten eines Hauses in einer Siedlung in Lower Manhattan. Fern im Hintergrund schimmert die Freiheitsstatue im Sonnenuntergang. Der Komponist, allein mit Vera, gestikuliert in Richtung der Stadt:
David: Dort liegt er, der große Schmelztiegel – hör doch mal! Hörst du nicht das Rauschen und Blubbern? Ah, welch ein Rumoren und Gebrodel! Egal, ob Kelte oder Südländer, Slave oder Germane, Grieche oder Syrer ... ob schwarz oder gelb ...
Vera (sich sanft an ihn schmiegend): Jude oder Nichtjude ...
David: Ja, Ost und West, Nord und Süd, Palme und Kiefer, Pol und Äquator, Halbmond und Kreuz ... Hier sollen alle eins werden, um eine Republik der Menschen und Gottes Königreich zu errichten. Ach, Vera, was ist schon die Herrlichkeit Roms und Jerusalems, wohin alle Nationen und Geschlechter zur Anbetung kommen und doch nur zurückblicken, verglichen mit der Herrlichkeit Amerikas, in das alle Menschen, gespalten nach Ethnien und Nationen, hineinströmen, um zu arbeiten und der Zukunft entgegenzublicken! ... (Weit in der Ferne, wie ein einsamer Leitstern, funkelt über dem sich verdunkelnden Wasser die Fackel der Freiheitsstatue. Von unten her erhebt sich der gedämpfte Klang von Stimmen und Instrumenten, bis sie sich zur Melodie von ‚My Country, ‚tis of thee‘ vereinigen. Langsam fällt der Vorhang).
Als in Washington der Vorhang fiel und der Autor schließlich die Bühne betrat, rief Präsident Theodore Roosevelt aus seiner Loge hinunter: „Großartiges Stück, Mr. Zangwill, ein großartiges Stück!“ „Ich bin weder ein Bernard-Shaw-Mann noch ein Ibsen-Mann, Mrs. Zangwill“, sagte Roosevelt später zur Frau des Dramatikers. „Nein, das ist genau der richtige Stoff.“ Zangwill widmete das gedruckte Stück daraufhin Roosevelt. Melting-Pot tourte vor einem begeisterten Publikum durchs ganze Land. Jane Addams18 vom Kulturzentrum Hull-House in Chicago bemerkte, dass Zangwill „Amerika einen großen Dienst erwiesen habe, indem er uns an die großen Hoffnungen der Gründer der Republik erinnerte“.
IV
Doch selbst als das Publikum Melting-Pot bejubelte, weckte Zangwills Schmelztiegel-Metapher Zweifel. Man musste nur durch die großen Städte Amerikas spazieren gehen – etwa so wie Basil March in William Dean Howells’19 Roman von 1889 A Hazard of New Fortunes –, um zu erkennen, dass der Prozess des „Einschmelzens“ noch ganz und gar unvollständig war. Ethnische Minderheiten bildeten ihre eigenen Quartiere, in denen sie nach ihrer je eigenen Weise lebten – nicht unbedingt in jener ihrer Herkunftsländer, aber auch nicht gerade in der Art des anglozentrierten Amerikas: also in Little Italy, Chinatown, Yorkville, Harlem usw.
Auch zeigte die weiße, angelsächsische „WASP“-Kultur wenig Neigung, ihnen den Zutritt zu Anglo-Amerika zu erleichtern. Und wenn sie es tat, wenn schließlich Barrieren fielen und neue Einwanderer Akzeptanz durch Geld oder Berühmtheit erlangten, dann lockte die Aussicht auf eine Mischehe. Indem der britisch-jüdisch-russische Schriftsteller Israel Zangwill sein Drama Melting-Pot um das Thema der Ehe zwischen Menschen verschiedener Ethnien und Religionen kreisen ließ, betonte der Autor, der selber mit einer Christin verheiratet war, wohin der „Schmelztiegel“ unvermeidlich führen muss – zum Verschwinden unterschiedlicher ethnischer Identitäten in der neugeschaffenenen amerikanischen Ethnie.
War ein solches Ergebnis erstrebenswert? Viele Einwanderer dachten zweifellos so. Ebenso sahen dies im frühen 20. Jahrhundert auch die meisten ihrer Kinder. Doch bald traten einige Sprecher von Volksgruppen auf, die angetrieben wurden durch die authentische Besorgnis um ihre besonderen ethnischen Werte, zugleich aber auch durch echtes, wenn auch unbewusstes Interesse an der Erhaltung ethnischer Wählerschichten. Jüdische Kritiker tadelten Zangwill heftig: „Umso schlimmer für dich und mich, mein Bruder, die wir nun eingeschlossen und aufgelöst werden im Schmelztiegel“, schrieb etwa einer. Sogar einige Leute angelsächsischer Herkunft missbilligten die Auslöschung pittoresker ausländischer Stammeseigenschaften zugunsten einer gesichtslosen anglozentrischen Konformität.
Der Eindruck verfestigte sich, dass der Schmelztiegel nur ein Mittel war, um anglozentrische Vorstellungen und Werte auf glücklose Immigranten zu übertragen – ein Eindruck, der durch den Aufstieg der „Amerikanisierungs“-Bewegung verstärkt wurde, die als Antwort auf die neue, polyglotte Einwanderung entstanden war. Gut gemeinte Amerikanisierungsprogramme versuchten, die Assimilation voranzutreiben, indem sie den Einwanderern besondere Kurse in Sprache, Einbürgerung und amerikanischer Geschichte anboten. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 machte die Amerikanisierung schließlich zu einer zwingenden Angelegenheit. Sogar einwanderungsfreundliche Präsidenten wie Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson waren besorgt, ob „Bindestrich-Amerikaner“ in einer Krise womöglich stärkere Loyalität zu ihrem Herkunftsland empfinden mochten als zu ihrer neuen Heimat.
Drei Tage nach der Versenkung der RMS Lusitania durch ein deutsches U-Boot sprach Wilson in Philadelphia vor einem Publikum von frisch Eingebürgerten.
„Man kann kein vollständiger Amerikaner sein“, so sagte er, „wenn man sich selbst nur in Gruppenzugehörigkeiten betrachtet. Amerika besteht nicht aus lauter einzelnen Gruppen. Ein Mensch, der sich selbst nur als Angehöriger einer besonderen nationalen Gruppe in Amerika sieht, ist noch kein Amerikaner geworden!“
„Wir können keine ‚Fifty-fifty’-Loyalität in diesem Land gebrauchen“, sagte Roosevelt zwei Jahre später. „Entweder ein Mensch ist ein Amerikaner und nichts anderes, oder er ist überhaupt kein Amerikaner“. Er verurteilte solche Amerikaner, die die Welt vom Standpunkt einer anderen Nation aus betrachteten. „Wir Amerikaner sind Kinder des Schmelztiegels“, sagte Roosevelt. „Der Schmelztiegel verrichtet sein Werk nicht, es sei denn, er gibt jene, die in ihn geworfen wurden, in genau einer nationalen Form aus.“
V
„Genau eine nationale Form?“ Nicht alle waren damit einverstanden. Im Jahre 1915 schrieb Horace Kallen20, ein jüdisch-amerikanischer Philosoph, einen Essay für die Zeitschrift The Nation mit dem Titel Demokratie contra Schmelztiegel21. Der Schmelztiegel, meinte Kallen, stimme weder als Faktum noch als Ideal. Was ihn im Gegenteil beeindruckte, war das Fortbestehen der ethnischen Gruppierungen und ihrer jeweils unterschiedlichen Traditionen. Anders als frei gewählte Bindungen, so Kallen, war das ethnische Band unfreiwillig und zugleich unabänderlich.
„Männer mögen ihre Kleidung, ihre Politik, ihre Frauen, Religionen, Philosophien mehr oder weniger oft wechseln; ihre Großväter können sie nicht auswechseln. Juden oder Polen oder Angelsachsen, die aufhören wollten, Juden oder Polen oder Angelsachsen zu sein, müssten aufhören, überhaupt zu sein.“
Ethnische Verschiedenartigkeit, so beobachtete Kallen, bereichert die amerikanische Zivilisation. Er betrachtete die Nation nicht als ein Volk – außer im politischen und administrativen Sinne –, sondern eher
„als ein Bündnis oder eine Gemeinschaft nationaler Kulturen ... eine Demokratie von Nationalitäten, die freiwillig und selbständig miteinander vermittels gemeinsamer Institutionen kooperieren ... eine Vielheit in einer Einheit, eine Orchestrierung der Menschheit“.
Diese Auffassung nannte er „kulturellen Pluralismus“.
Kallen war sich nicht ganz klar bei der Frage, wie man ethnischen Separatismus befördern könne, ohne dabei zugleich das ursprüngliche Ideal einer einzigen Gesellschaft zu schwächen. Ein Kritiker warnte, dass kultureller Pluralismus letztlich „in die Balkanisierung der Vereinigten Staaten münden“ würde. Kallen führte seinen Angriff auf die anglozentrierte Assimilation allerdings zu einer Zeit, als Kritiker des melting pot vernünftigerweise noch die Stabilität des umspannenden Rahmens voraussetzen konnten. Weil er die politische Einheit des Landes als gegeben ansah, legte er so viel Wert auf den Schutz kultureller Diversität.
Die frohe Botschaft vom kulturellen Pluralismus beschränkte sich zunächst weitgehend auf Akademiker, Intellektuelle und Künstler. Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren durch eine große allgemeine Entzauberung Europas geprägt – die Angst vor der Roten Gefahr, die direkt auf Fremde zielte, das Aufkommen des anti-katholischen Ku-Klux-Klan sowie eine Kampagne, durch die – manifestiert im Einwanderungsgesetz von 1924 – die ethnische Zusammensetzung des amerikanischen Volkes festzementiert wurde. Das neue Gesetz legte Quoten auf der Grundlage der nationalen Abstammungen der Bevölkerung im Jahre 1890 fest, was den Zustrom von Einwanderern aus Süd- und Ost-Europa drastisch verminderte.
Dem fremdenfeindlichen Nationalismus der 1920er-Jahre folgten in den 1930er-Jahren Krisen, die auf einigen strittigen Ebenen nichtsdestotrotz das Gefühl stärkten, dass alle Amerikaner im gleichen Boot sitzen und daher ebenso zusammen an einem Strang ziehen sollten. Die Weltwirtschaftskrise und der Zweite Weltkrieg zeigten die dringende Notwendigkeit eines nationalen Zusammenhalts im Rahmen gemeinsamer nationaler Ideale.
„Das Prinzip, auf dem dieses Land gegründet und durch das es immer regiert wurde“, so sagte Franklin D. Roosevelt 1943, „besteht darin, dass der Amerikanismus eine Sache des Herzens und des Verstandes ist; er ist und war niemals eine Sache der Rasse und der Herkunft. Ein guter Amerikaner ist einer, der loyal zu seinem Land steht und zu unserem tiefen Glauben an Freiheit und Demokratie“.
VI
1944 zögerte Gunnar Myrdal nicht im Mindesten, dieses „amerikanische Credo“ zum gemeinsamen Besitz aller Amerikaner zu erklären, während sein großartiges Buch An American Dilemma zugleich eine meisterhafte Analyse des augenfälligsten amerikanischen Verrats unternahm, diesem Glaubensbekenntnis tatsächlich zu entsprechen: der Behandlung der Schwarzen durch das weiße Amerika.
Edle Ideale waren als gültig für alle Amerikaner propagiert worden; doch in der Praxis galten sie nur für die Weißen. Die meisten Interpretationen der nationalen Identität waren seit Crèvecoeurs Zeiten nur auf sie gemünzt. Sogar Horace Kallen, der Vorkämpfer des kulturellen Pluralismus, sah hinsichtlich seiner „Demokratie der Nationalitäten“ keine besonderen Bestimmungen für schwarze, rote, braune oder gelbe Amerikaner vor.
Tocqueville war hier insofern eine Ausnahme, als er farbige Menschen in seine amerikanische Gleichung mit einbezog. In seiner gewohnten Voraussicht identifizierte er den Rassismus als den unheilbaren Fehler der amerikanischen Demokratie. Die „atemberaubendste Nation auf diesem Globus“ habe den roten Menschen nahezu ausgerottet; die Existenz einer schwarzen Population sei der „schrecklichste all jener Mißstände, die die Zukunft der Union“ bedrohen. Die optimistischeren Männer Emerson und Zangwill hatten die nichtweißen Nationalitäten in ihre Schmelztöpfe geworfen; Tocqueville dagegen verstand die rassistische Ausschließung als tief im nationalen amerikanischen Charakter verwurzelt.
Die Geschichte stützt dieses Urteil. Die weißen Siedler hatten die amerikanischen Indianer systematisch zurückgestoßen, ihre Tapfersten getötet, ihr Land besetzt und ihre Stämme abgesondert. Sie hatten Afrikaner, die auf ihren Plantagen arbeiten sollten, und sie hatten für den Bau ihrer Eisenbahnstrecken Chinesen nach Amerika gebracht. Sie hatten einen glitzernden Strauß von Freiheiten versprochen, ihn den Menschen anderer Hautfarbe aber vorenthalten. Ihre Verfassung schützte die Sklaverei, und ihre Gesetze machten Unterschiede auf der Grundlage von „Rasse“. Obwohl die Weißen schließlich die Sklaven befreiten, verschworen sie sich gegen sie und entmündigten die Befreiten zu Bürgern dritter Klasse. Ihre Gesetze zur Fernhaltung der Chinesen gipfelten in der totalen Unterbindung asiatischer Immigration im Einwanderungsgesetz von 1924. Nur ganz wenigen weißen Amerikanern kam es in jenen Jahren in den Sinn, dass Amerikaner anderer Hautfarbe, ebenso wie sie selbst, sich im Genuss der gleichen Rechte und Freiheiten befanden, welche die Verfassung versprach.
Doch das, was Bryce „die verblüffende Auflösekraft“ der amerikanischen Institutionen und Ideen genannt hat, begründete gerade deren Stärke – sogar bei den am grausamsten Unterdrückten und Ausgestoßenen. Myrdals Umfragen innerhalb Afro-Amerikas zeigten gerade die ungebrochene „Treue“ der Afrikastämmigen, „am amerikanischen Credo festzuhalten“. Ralph Bunche22, einer von Myrdals Mitarbeitern, machte die Beobachtung, dass jeder, den er auf der Straße traf, gleich, ob schwarz, rot, gelb oder weiß, Amerika als das „Land der Freien“ und als „Wiege der Freiheit“ betrachtete. Das amerikanische Credo, so mutmaßte Myrdal, bedeute Schwarzen sogar noch einiges mehr als Weißen, denn es war das wichtigste Mittel, um ihre unerfüllten Rechte einzuklagen. Schwarze, neue Immigranten, Juden und andere benachteiligte Gruppen, so Myrdal, „hätten wahrscheinlich kein geeigneteres System politischer Ideen erfunden haben können, das besser mit ihren Interessen übereinstimmte“.
Der Zweite Weltkrieg verlieh dem amerikanischen Credo eine neue Schärfe. Hitlers Rassismus nötigte die Amerikaner, sich konkret und schonungslos mit ihren eigenen rassistischen Vorurteilen zu befassen. Wie konnten Amerikaner an der Doktrin von der Überlegenheit der „weißen Rasse“ festhalten und dabei gleichzeitig in Übersee gegen Hitlers Vorstellung von einer „Herrenrasse“ kämpfen? Wie konnten Amerikaner es Chinesen weiterhin verbieten, Amerikaner zu werden, während China gleichzeitig ein vertrauenswürdiger amerikanischer Alliierter war? Wenn der Krieg schon nicht dem amerikanischen Rassismus ein Ende bereitete, so beförderte er die rassistische Bigotterie doch zumindest in den Untergrund. Das Überdenken von Fragen der „Rasse“ forderte das Gewissen der Mehrheit heraus und stärkte zugleich das Selbstbewusstsein der Minderheiten.
Gestärkt durch das amerikanische Credo, begannen die Schwarzen, sich für gleiche Chancen in der Arbeitswelt einzusetzen, bekämpften die Rassentrennung in den Streitkräften und kämpften in ihren eigenen Einheiten an vielen Fronten. Nach dem Krieg stärkte die lange aufgeschobene Bürgerrechtsbewegung das schwarze Selbstvertrauen. Der Zusammenbruch des weißen Kolonialismus in der ganzen Welt und das Erscheinen unabhängiger schwarzer Staaten auf der Landkarte tat ein Übriges.
Überall in Amerika begannen Minderheiten, ihren Stolz zu bekunden und ihre Rechte einzufordern. Auch die Frauen, die eine „Minderheit“, die in den USA tatsächlich eine zahlenmäßige Mehrheit bildete, suchten nun politische und ökonomische Gleichheit. Juden fanden neue Solidarität vor dem Hintergrund des Holocausts und angesichts der Errichtung eines jüdischen Staates in Israel. Änderungen in der Einwanderungsgesetzgebung ließen die Zahl jener dramatisch anschwellen, die aus spanischsprachigen und aus Ländern Asiens in die USA gelangten; dem allgemeinen Beispiel folgend, machten sie dabei ihre eigenen Vorrechte geltend. Die amerikanischen Indianer mobilisierten sich, um ihre Rechte und ihr Land zurückzufordern, lange nachdem es vom Weißen Mann in Besitz genommen worden war; ihre Wortführer lehnten sogar die historische Bezeichnung ab, auf die die Indianer stolz gewesen waren, und nannten sich selbst Native Americans, eingeborene Amerikaner.
Die Bürgerrechtsbewegung löste bei der mittlerweile schon länger anhaltenden „neuen Einwanderung“ aus Süd- und Osteuropa, bei Italienern, Griechen, Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn neue Erklärungen zu ihrer ethnischen Identität aus. Michael Novak23, ein früher und einflussreicher Theoretiker des Multikulturalismus, behauptete, für die von der Idee des Schmelztiegels geschädigten weißen Minderheiten zu sprechen, und schrieb The Rise of the Unmeltable Ethnics. „In Amerika aufzuwachsen“, so Novak, „war ein Angriff auf mein Selbstwertgefühl.“ Um sein Selbstwertgefühl zu verbessern, bekräftigte er die Notwendigkeit einer Identitätspolitik. Gegen die Vorstellung von Amerika als einer Nation aus Individuen begrüßte Novak das, was er „die neue ethnische Politik“ nannte, die so Novak, „besagt, dass Gruppen die Regeln, Ziele und Verfahren des amerikanischen Lebens strukturieren können“.
Die Leidenschaft für „Wurzeln“ wurde unterstützt durch den „Dritte-Generationen-Effekt“, auch als „Hansens Gesetz“ bekannt nach Marcus Lee Hansen24, dem großen Pionier der Einwanderungsgeschichte: „Was der Sohn zu vergessen wünscht, dessen wünscht sich der Enkel wieder zu erinnern“. Sie wurde zugleich machtvoll verstärkt durch den abnehmenden amerikanischen Optimismus hinsichtlich der Zukunft des Landes. Zwei Jahrhunderte lang waren die Amerikaner zuversichtlich gewesen, dass das Leben für ihre Kinder besser würde, als es für sie selbst gewesen war. In ihrer ausgelassenen Jugendzeit hatten die Amerikaner die Vergangenheit verachtet und sich, wozu sie John Quincy Adams aufgefordert hatte, nach vorn auf ihre Nachwelt konzentriert statt rückwärts auf ihr Vorfahren. Inmitten banger Vorahnungen eines nationalen Niedergangs begannen die Amerikaner nun, weniger nach vorn zu schauen, dafür aber umso mehr zurück. Der anschwellende Kult der Ethnizität war ein Symptom des abnehmenden Vertrauens in die amerikanische Zukunft.
VII
Ethnisch als Wort hat eine lange Geschichte. Ursprünglich bedeutete es „ungläubig“ oder „heidnisch“. Bald jedoch kam es zu einer Bedeutung, die etwas mit „Rasse“ oder „Nation“ zu tun hat. In diesem Sinne waren alle, sogar die Lowells und die Cabots, Angehörige einer ethnischen Gruppe. Damals freilich, als Henry James das Wort in The American Scene benutzte, hatte ethnisch schon den Beiklang von „Fremdartigkeit“. So, wie es seit den 1960er-Jahren verwendet wird, bezeichnet es definitiv nicht-angloamerikanische Minderheiten – eine Umkehrung der ursprünglichen Bedeutung von etwas völlig Inakzeptablem.
Mittlerweile hat das Hauptwort Ethnizität sein modernes Debüt 1940 mit W. Lloyd Warners25 sogenannten Yankee-City-Untersuchungen erlebt. Aus seinen moderaten Anfängen in jenen soziologischen Studien bewegte sich der Begriff Ethnizität mit Macht hinauf auf die Haupttribüne des öffentlichen Diskurses. Die 200-Jahr-Feiern zur US-amerikanischen Unabhängigkeit, der 100-jährige Geburtstag der Freiheitsstatue – jeder wandte sich damals ab von der Idee des Schmelztiegels und hin zu den Spektakeln der ethnischen Besonderheit.
Der Druck in Richtung auf den neuen Kult der Ethnizität kam weniger aus Richtung der ethnischen Minderheiten in ihrer Gesamtheit als vielmehr von ihren oft selbsternannten Fürsprechern. Die meisten Angehörigen ethnischer Gruppen, Weiße wie Nicht-Weiße, sahen sich selbst vornehmlich als Amerikaner.
„Die Begierde nach ‚geschichtlicher Identität‘“, so Gunnar Myrdal auf dem Höhepunkt der ethnischen Begeisterung, „ist in keinerlei Hinsicht eine Volksbewegung. Solche Sehnsüchte wurden durch wenige, gut etablierte Intellektuelle, Professoren und Autoren geweckt – meist, wie ich vermute, solchen der dritten Generation.“
Nur wenige, so Myrdal, machten sich die Mühe, sich direkt an ihre eigene ethnische Gruppe zu wenden. Diese Bewegung, fügte Myrdal mit einer gewissen Verachtung hinzu, sei nichts anderes als „intellektueller Oberklassen-Romantizismus“.
Ausgerüstet mit ausreichend Öffentlichkeitszugang und Zeit konnten Ideologen sich dennoch ein Publikum schaffen. Mit einem klar umrissenen Interesse an ethnischer Identifikation wiesen Wortführer ethnischer Minderheiten das Ideal der Assimilierung zurück. Der „Schmelztiegel“, so hieß es, würde Menschen verletzen, indem er ihr Selbstbewusstsein unterminiere. Helden oder, wie es in ihrem Jargon heißt: role models, Vorbilder, aus der eigenen ethnischen Vergangenheit würden ihnen dadurch vorenthalten. Nunmehr wurde Novaks „nicht einschmelzbare Ethnizität“ hochgehalten.
Nach einer Anhörung ethnischer Wortführer, die die Melting-Pot-Idee als eine Verschwörung zur Homogenisierung Amerikas bezeichneten, verabschiedete der US-Kongress 1974 ein Gesetz zur Untersuchung des ethnischen Erbes26 – ein Gesetz, das, indem es die ethnische Ideologie auf alle Amerikaner anwendet, das historische Recht der Amerikaner beeinträchtigte, ihre eigene ethnische Identität selbst festzulegen. Das Gesetz ignorierte völlig jene Millionen von Amerikanern – sicherlich eine Mehrheit –, die es ablehnten, sich als einer bestimmten ethnischen Gruppe zugehörig zu identifizieren.
Die ethnische Aufwallung (sie lässt sich kaum als ein Wiederaufblühen bezeichnen, denn sie hatte keinerlei Vorbild) begann als ein Zeichen des Protests gegen die anglo-zentrierte Kultur. Sie wurde inzwischen zum Kult. Heute droht diese Aufwallung zu einer Art Konterrevolution zu werden: gegen die ursprüngliche Theorie von Amerika als one people – mit einer gemeinsamen Kultur in einer geeinten Nation.
1 Thomas Paine (1736-1809): einflussreicher politischer Intellektueller und einer der Gründerväter der USA im Zeitalter der Aufklärung.
2 Thomas Paine: Common Sense (Anhang).
3 Herman Melville (1819-1891): US-amerikanischer Schriftsteller, Dichter und Essayist. Sein Roman Moby Dick zählt zu den bedeutendsten der Weltliteratur.
4 Herman Melville: White Jacket, Kap. 36.
5 Ralph Waldo Emerson (1803-1882): US-amerikanischer Philosoph, Schriftsteller und Führer der Transzendentalisten in Neuengland. Emerson war vor Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkriegs schon eine der wichtigsten intellektuellen und moralischen Stützen Abraham Lincolns.
6 Im Original: „construct a new race“
7 George Washington (1732-1799): erster Präsident der USA.
8 John Quincy Adams (1767-1848): US-amerikanischer Politiker, Diplomat und der sechste Präsident der USA (1825-1829).
9 Nach dem in Europa üblichen ius sanguinis („Recht des Blutes“, lat. sanguis „Blut“) vererbt sich Staatsbürgerschaft über die ‚Blutlinie‘ an die Nachkommen, nach dem amerikanischen ius soli („Recht des Bodens“, lat. solum „Boden“) erwirbt, wer auf amerikanischem Boden geboren wurde, allein dadurch die amerikanische Staatsbürgerschaft.
10 Abraham Lincoln (1809-1865): Von 1861 bis 1865 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Er war der erste aus den Reihen der Republikanischen Partei und der erste, der einem Attentat zum Opfer fiel.
11 James Bryce, 1. Viscount Bryce (1838-1922): britischer Historiker, Jurist und Politiker.
12 Gunnar Myrdal (1898-1987): schwedischer Ökonom, der vor allem durch seinen Nobelpreis und als erster Leiter der UNO-Wirtschaftskommission für Europa Bekanntheit erlangt hat.
13 W. E. B. Du Bois (1868-1963): Soziologe und führender US-amerikanischer Vertreter der schwarzen Bürgerrechtsbewegung.
14 Millard Fillmore (1800-1874): US-amerikanischer Politiker der Whig Party und 1850 bis 1853 der 13. Präsident der USA.
15 Frederick Jackson Turner (1861-1932): US-amerikanischer Historiker. Er wird mit dem Begriff Frontierism in Verbindung gebracht und zählt zu den bedeutendsten Historikern der USA.
16 Henry James: (1843-1916): amerikanisch-britischer Schriftsteller. Er war der jüngere Bruder des Philosophen William James.
17 Israel Zangwill (1864-1926): Schriftsteller, Essayist, Journalist und politischer Aktivist in der feministischen, pazifistischen und zionistischen Bewegung.
18 Jane Laura Addams (1860 -1935): US-amerikanische Feministin, Soziologin und engagierte Journalistin der Friedensbewegung zu Anfang der 1920er-Jahre. Sie gründete 1889 in Chicago das Hull House, heute ein Museum.
19 William Dean Howells (1837-1920): US-amerikanischer Schriftsteller, Literaturkritiker und Zeitschriftenredakteur.
20 Horace Kallen (1882-1974): In Schlesien geborener jüdisch-amerikanischer Philosoph.
21 Democracy versus The Melting-Pot
22 Ralph Johnson Bunche (1904-1971): US-amerikanischer Diplomat und Bürgerrechtler. Er erhielt 1950 den Friedensnobelpreis.
23 Michael Novak (1933-2017): US-amerikanischer katholischer Philosoph, Journalist, Erzähler und Diplomat. Starker Gegner des Multikulturalismus und der „Schmelztiegel“-Theorie.
24 Marcus Lee Hansen (1892-1938): US-amerikanischer Historiker, 1941 Gewinner des Pulitzer-Preises für seine History for The Atlantic Migration, 1607-1860.
25 William Lloyd Warner (1898-1970): US-amerikanischer Anthropologe und Sozialpsychologe.
26 Ethnic Heritage Studies Program Act
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