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Arno Alexander
Abteilung G.
Kriminalroman
Abteilung G.
© 1950 Arno Alexander
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711626061
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I
„Siebzehn Uhr dreizehn“, sagte Arthur Lennox gedankenvoll und streifte den Ärmel seines feinen Mantels wieder über die Armbanduhr. „Ich wußte es doch: Wir würden viel zu früh hier sein.“
Maud Murray lächelte.
„Das macht nichts“, sagte sie freundlich. „Wir können ja warten. Oder haben Sie keine Zeit?“
„Für Sie keine Zeit?“ antwortete Lennox und schüttelte wehmütig den Kopf. „Sie wissen doch —“ Er unterbrach sich und deutete auf eine Glastür, hinter der man Menschen sah, die behaglich ihren Kaffee tranken. „Wollen wir nicht auch eine Tasse trinken, statt hier zu frieren?“
Maud nickte.
„Gern, aber nur im Stehen. Ich bin zu ungeduldig. Ich könnte nicht einen Augenblick ruhig sitzen, — jetzt, wo es sich nur noch um Minuten handelt!“
„Also gut — im Stehen!“ sagte er, schritt neben ihr her zur Glastür.
Es war in New York, auf dem Pennsylvania Bahnhof, und obwohl hier nur wenige Leute waren, die Zeit zu verlieren hatten, sahen doch fast alle etwas verwundert diesem Paar nach. Es war nicht der Umstand, daß beide — er und sie — gleich hübsch, von gleich geschmeidiger, feingebauter Gestalt waren, der die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte; es war vielmehr der schroffe Gegensatz in der Kleidung der beiden. Was Lennox trug, stammte von einem der besten Schneider — das sah man auf den ersten Blick. Sie dagegen trug ein billiges Jackett von Kaninfell, ein ebensolches Fellmützchen, einen einfachen, wenn auch kleidsamen Wollrock und Überschuhe, die nicht mehr sehr neu aussahen. Hätte man die Frau allein getroffen, so würde sich niemand über sie gewundert haben, denn sie verstand auch diese billigen Dinge mit Würde zu tragen; aber in Begleitung dieses Mannes wirkte sie befremdend: seine Krawattennadel allein mußte das Zehnfache von dem gekostet haben, was Maud Murray anhatte.
„Sie freuen sich also sehr?“ fragte Lennox leise und wärmte seine erstarrten Hände an der eben gebrachten dampfenden Tasse. „Sehr, ja?“
Maud trank langsam, Schluck für Schluck, den heißen Kaffee.
„Wie können Sie nur fragen?“ gab sie vorwurfsvoll zur Antwort. „Sieben Monate war er weg. Sieben Monate und drei Tage. Und jeder Monat hat dreißig Tage. Es gibt aber auch böse Monate, die haben einen Tag mehr …“
Lennox schob seufzend seine Tasse beiseite und brannte sich eine Zigarette an.
„Ich hatte immer gehofft, Sie würden ihn ein wenig vergessen“, sagte er nachdenklich und starrte auf seine weißen, gepflegten Fingernägel. „Sieben Monate sind doch eigentlich eine recht lange Zeit. Man kann sich umsehen, man kann zur Besinnung kommen, man kann … Nun, man kann schließlich auch mal Vergleiche ziehen. Ich will nichts gegen Dick gesagt haben. Er ist gewiß ein prächtiger Mensch …“
Sie unterbrach ihn lächelnd:
„Aber wenn man ihn mit Ihnen vergleicht, zieht er doch den kürzeren? Das wollten Sie wohl sagen, Mr. Lennox? Bitte, geben Sie mir auch eine Zigarette! Danke. Das wollten Sie doch sagen?“
Lennox lächelte auch, aber es war ein trauriges Lächeln.
„Nein, das wollte ich nicht sagen“, widersprach er. „Ich meinte nur, daß Sie etwas mehr an sich denken sollten. Sie sind nicht dazu geschaffen, die Frau eines armen Feuerwehrmannes …“
„Bitte, nicht!“ sagte sie und hob warnend den Zeigefinger. „Unsere Freundschaft könnte sehr schnell zu Ende sein, wenn Sie etwas Häßliches über Dick sagten. Und — wissen Sie — wozu ich geschaffen bin, das kann ich selbst am besten beurteilen. Wie spät ist es jetzt?“
„Noch nicht ganz halb sechs. Jetzt ist der Zug erst vor der Stadt, und die Dampflokomotive wird mit der elektrischen ausgewechselt . . Maud!“ Er beugte sich vor. „Sie wissen, was Sie mir sind. Ich muß es einmal aussprechen …“
Sie schüttelte den Kopf.
„Sprechen Sie nichts aus, lieber Lennox. Sie können sich denken, so viel Sie wollen, aber ja nichts aussprechen. Ich bin eine tugendhafte Frau, ein bißchen altmodisch …“
„Aber das ist ja nicht wahr“, sagte er heftig. „Sie verleugnen Ihr eigentliches Wesen. Zu etwas ganz anderem sind Sie geschaffen … Und ich — — — wissen Sie, daß ich für Sie alles tun würde, was Sie wünschen … Kein Geldopfer wäre mir zu schade . .“
„Ach Geld!“ warf sie achtlos hin. Dann sah sie ihn ein wenig neugierig von der Seite an. „Gut“, fuhr sie fort, „dann schenken Sie Dick eine Million!“
„Eine Million? Wozu braucht Dick so viel Geld?“
„Dick braucht eine Million, damit er es nicht mehr nötig hat zu arbeiten, damit er eine Wohnung mit Bad nehmen kann, sich jeden Tag massieren lassen kann und alle Länder bereisen, nach denen er Sehnsucht hat.“
Lennox lachte gereizt.
„Sie belieben zu scherzen, und ich dachte schon, Sie machen ernst. Eine Million? Nun, ich wäre froh, wenn ich den zehnten Teil davon hätte. Aber wenn ich Dick nun fünftausend Dollar schenke …“
„Was soll er damit?“ fragte sie leichthin und zog ihre Handschuhe an.
„Nun, dasselbe, was Sie vorhin aufzählten: Wohnung mit Bad, Masseur, Reisen …“
„Und das alles mit Ihren fünftausend Dollar?“ rief sie und lachte hell auf. „Sie scherzen, und ich dachte schon, Sie meinten es im Ernst. Sie vergessen bei Ihrem Scherz aber, daß fünftausend Dollar ein recht armseliges Geschenk an einen Freund sind, wenn man — — — Aber genug des Scherzens. Kommen Sie, wir gehen!“
Er faßte sie beim Arm und hielt sie zurück.
„Nur einen Augenblick noch. Sie sagten … Sie ließen den Satz unbeendet. Es wäre ein armseliges Geschenk an einen Freund, wenn man — nun?“
„Wenn man damit auch nur das winzigste Anrecht auf die Frau des Freundes erkaufen will“, sagte sie ruhig und schritt hinaus, ohne ihn anzusehen.
Lennox warf ein Geldstück auf den Tisch und folgte ihr rasch. Wieder sahen sich die Leute nach dem ungleichen Paar um, aber jetzt verweilten ihre Blicke nur für Sekunden bei ihnen, denn die allgemeine Aufmerksamkeit hatte sich anderen Dingen zugewendet.
„Der Zug! Der Zug!“ rief Maud und winkte Lennox, ihr zu folgen. Sie lief so schnell, daß er nur mit Mühe mitkommen konnte, und er war doch nicht alt und hatte oft Gelegenheit, sich im Laufen zu üben.
Wie eine lebendige Mauer standen die Menschen da, als der Zug langsam einfuhr. Befehle wurden laut, verzweifeltes Rufen nach dem Gepäckträger, erstickte Schreie der Wiedersehensfreude. Maud lief hin und her, von Wagen zu Wagen. Ihre Wangen glühten, die Augen leuchteten, aber noch immer suchte sie vergeblich nach dem Erwarteten.
„Maud! Maud!“
Das war seine Stimme! Maud warf sich herum, stieß sich zornig durch die Reihen der ihr entgegendrängenden Menschen, und dann stand sie vor ihm — einem kräftigen Mann von mittlerem Wuchs, mit wettergebräuntem, frischem Gesicht.
„Dick! Mein Dick!“ Sie flog ihm in die Arme, daß ringsherum einige Leute belustigt auflachten.
„Da bist du ja! Ja, da bist du ja“, murmelte er. „Meine Maud! Mein Einziges … Ist Lennox nicht da?“
„Oh, er ist auch da!“ rief sie glücklich. „Irgendwo hier in der Nähe wird er sein. Aber ich habe dich zuerst gefunden! Oder du mich. Ach, das ist ja ganz gleich!“
„Maud, wo ist Lennox? Ich muß ihn sofort sprechen.“
Sie horchte unwillkürlich auf. Sein Ton war so ganz anders, als sie ihn sich sieben Monate lang für diese Stunde vorgestellt hatte. Rasch löste sie sich aus seiner Umarmung und sah ihn an. Sein Gesicht, so braun und frisch es aussah, verriet doch etwas Besorgtes, fast Ängstliches.
„Dick, was ist mit dir?“ flüsterte sie erschrocken. „Was ist …“
Aber Dick achtete nicht mehr auf sie. Er hatte Lennox entdeckt und streckte ihm rasch die Hand entgegen.
„Guten Tag, guten Tag, lieber Lennox“, sprach er hastig. „Sie müssen mir helfen. Es ist — erschrick nicht, Maud — es ist ein Unglück geschehen …“
„Ein Unglück?“ Lennox zog die Augenbrauen fragend empor. „Was? So reden Sie doch endlich.“
Dick umfaßte fest die Hände Mauds. Dann hob er den Kopf und sagte leise:
„Ich habe unterwegs — vor kaum einer halben Stunde — im Zuge einen Menschen erschossen.“
Maud taumelte, und Lennox griff schnell zu, um sie zu stützen.
„Das ist doch …“ murmelte er. „Murray, das ist doch nicht möglich! Sagen Sie — — —“
„Es ist so“, bestätigte Dick Murray finster. „Dort, der Polizist bewacht mich. Er versprach mir, so lange zu warten, bis ich euch begrüßt hätte. Jetzt muß ich mit …“
„Sie sind verhaftet?“ fragte Lennox erschrocken.
„Ja … Nein … Das heißt — doch. Lennox, Sie als Inspektor der Kriminalpolizei werden mir doch helfen können … Jetzt muß ich gehen. Lebt wohl. Mach dir keine Sorgen, Maud. Kopf hoch! Leb wohl! Leb wohl!“
Gleich darauf war Dick Murray im Menschengewühl verschwunden, und Maud und Lennox standen wieder so allein auf dem Bahnsteig, wie sie dort gestanden hatten, ehe der Zug ankam.
„Mein Gott! Mein Gott!“ flüsterte Maud. „Das ist doch … Das kann ja nicht sein … Oh! Mr. Lennox! Lieber Freund! Sie müssen doch etwas tun können — Sie, als Kriminalbeamter!“
Er schüttelte langsam den Kopf.
„Ich will selbstverständlich alles tun, was in meiner Macht steht, aber wenn Ihr Mann schuldig ist, kann ihm niemand — auch ich nicht — helfen.“
Maud schien aus einer Erstarrung zu erwachen.
„Was sprechen Sie noch so lange und was stehen Sie hier herum? Warum handeln Sie nicht?“ rief sie verzweifelt. „Dick — schuldig? Halten Sie denn das für möglich? So sagen Sie es doch! So reden Sie doch endlich!“
„Nichts ist unmöglich“, antwortete er kurz. „Aber jetzt will ich mich der Sache annehmen. Bleiben Sie unterdessen hier stehen. Gehen Sie nicht weg. Sobald ich das Nötige festgestellt habe, hole ich Sie wieder ab.“
Maud starrte ihm nach, als er davoneilte. Noch drei, vier Sekunden stand sie da, als überlege sie. Dann aber lief sie, viel schneller als Lennox, quer über den Bahnsteig, auf das Fernsprechhäuschen zu.
Sie riß die Tür auf. Ein Mann stand da und drehte an der Nummerscheibe.
„Sie müssen mich sofort sprechen lassen!“ rief sie flehend und befehlend zugleich! „Sofort! Es geht um Leben und Tod!“
Der Mann stotterte verwirrt etwas zur Antwort, legte aber den Hörer auf und trat hinaus.
Sie zog die Tür zu und stellte hastig einen Anschluß her.
„Hier spricht Maud Murray“, stammelte sie. „Sie müssen mir helfen! Dick Murray, mein Mann, hat im Zuge einen Menschen erschossen … Man hat ihn verhaftet …“
Eine kalte, ziemlich hohe Männerstimme unterbrach sie:
„Ich bin erstaunt, wirklich sehr erstaunt, Mrs. Murray! Habe ich Ihnen nicht oft genug gesagt, Sie sollten mich unter gar keinen Umständen anrufen? Aber Sie …“
„Das ist doch jetzt alles ganz gleichgültig!“ rief sie ungeduldig. „Verstehen Sie denn nicht: mein Mann ist in größter Gefahr! Sie müssen ihn retten, Sie müssen …“
„Ich wüßte nicht, wie ich ihn retten sollte, — ausgerechnet ich!“
„Sie haben doch so gute Beziehungen zur Polizei.“
Ein trockenes Lachen am anderen Ende der Leitung unterbrach sie.
„Sie sind heute sehr unvernünftig“, sagte die hohe, kalte Männerstimme nach einer Weile. „Hängen Sie jetzt den Hörer ein …“
„Nicht eher, als Sie mir versprechen, für Dick sofort falschen Paß, Geld und Schiffskarte zu besorgen …“
Eine Weile herrschte Schweigen.
„Gut!“ sagte der Mann endlich widerstrebend. „Ich will sehen, was sich tun läßt. Aber hängen Sie sofort den Hörer ein. Sofort!“
Maud seufzte, leise auf und gehorchte.
II
Das Eßzimmer in der Wohnung Dick Murrays machte heute einen sehr festlichen Eindruck. Die fünf Glühbirnen des Kronleuchters über dem Tisch, von denen sonst nur eine oder zwei angezündet wurden, brannten heute alle, und in ihrem strahlenden Lichte erschien das blendend weiße Tischtuch noch blendender und noch weißer. Der Tisch war für vier Personen gedeckt, und neben jedem Gedeck befand sich ein Sträußchen Blumen. Rosen und Nelken standen in schön geschliffenen Blumengläsern in der Mitte und an beiden Enden des Tisches, und wo man hinsah, in jeder Ecke, auf jedem Tischchen, auf jedem Fenster und jeder Tür sah man sie —: rote Rosen und weiße Nelken.
Jim Elgin, Leutnant der Kriminalpolizei, stand schon seit fünf Minuten unbeweglich vor dem Tisch und stierte geistesabwesend vor sich hin. Immer wieder bemühte er sich, an die Sache und nur an die Sache zu denken, und immer wieder schweiften seine Gedanken ab, und er sah vor sich ein Bild — so klar, so genau in allen Einzelheiten, wie man es außer im Leben nur im Traume sieht. Es waren die weißen, zarten Hände Mauds, die hier vor einigen Stunden die Festtafel gedeckt hatten, die Falten des Tischtuchs geglättet, jedem Teller, jedem Messer und jeder Blume ihren Platz gewiesen und sie immer wieder in liebevoller Sorgfalt geordnet und zurechtgerückt hatten. Alles für ihn, für Dick! Und nun? Dick verhaftet …
Nein, der Gedanke, daß Dick verhaftet sei, war etwas Unfaßbares, etwas, wobei man sich nichts denken und auch keine Trauer empfinden konnte. Aber das hier, daß all diese Liebe umsonst gewesen sein sollte, das begriff Elgin und das empörte ihn. Wäre er nicht schon fünfundzwanzig Jahre alt und Leutnant der Kriminalpolizei, so hätte er bei diesem Gedanken vielleicht sogar geweint.
Endlich raffte er sich auf und wandte sich mit einem schweren Seufzer um.
„Maud!“ sagte er. „Es wird ja alles noch gut …“ Er machte eine hilflose Bewegung mit den Händen. „Wir müssen doch erst abwarten … Es wird gewiß alles noch gut.“
In der Ecke, auf dem Sofa, lag Maud, zusammengekauert, die Knie hochgezogen und sah Elgin aus trockenen Augen an. Aber ihr Blick hatte etwas Gehetztes, Erwartungsvolles.
„Ich bin ein schlechter Tröster“, sagte Elgin mutlos und machte einen Schritt auf Maud zu. „Vielleicht sollte ich Sie beim Kopf nehmen und Ihnen zureden wie einem Kind. Sie würden dann weinen, und es würde Ihnen leichter werden. Aber sehen Sie — so feige bin ich: ich wage es nicht.“
Sie sah ihn plötzlich an, aber an ihrem Blick merkte er, daß sie auf seine Worte gar nicht geachtet hatte.
„Lennox ist Ihr Vorgesetzter, nicht wahr?“ fragte sie.
Er nickte eifrig, — froh, daß sie endlich sprach.
„Ja, er ist um mehrere Dienstgrade über mir“, erklärte er bereitwillig. „Er ist …“
„Sie kennen ihn gut?“ unterbrach sie ihn.
„Ich kenne ihn gut, weil ich ihn oft in Ihrem Hause treffe“, bestätigte er. „Dienstlich kenne ich ihn eigentlich gar nicht …“
„Aber wenn er doch Ihr Vorgesetzter ist?“
„Was heißt hier Vorgesetzter? Jeder Inspektor ist mein Vorgesetzter. Nein, Lennox arbeitet bei einer ganz anderen Abteilung …“
„Hat er großen Einfluß? Ich meine, kann er es bewirken, daß man mal einen … nun, einen nicht ganz Unschuldigen freiläßt?“
„Aber wo denken Sie hin?“ rief Elgin fast entsetzt. „Sie müssen ja eine Vorstellung von unserem Dienst haben!“
„Also er kann es nicht?“ fragte sie heftig.
„Nein, das kann nicht einmal der Chefinspektor, nicht einmal …“
Sie sprang mit einem Satz auf, hielt sich die Ohren zu und lief rasch durchs Zimmer.
„Genug! Genug! Ich will nichts hören! Das ganze Haus hat man voll Kriminalbeamten, wie daheim gehen sie hier ein und aus, aber wenn man sie mal braucht …“
Sie schwieg, denn die Telephonklingel hatte laut angeschlagen. Maud wollte hinlaufen, aber Elgin kam ihr zuvor. Mit zwei Schritten war er am Tischchen mit dem Apparat, riß den Hörer an sich und streckte die andere Hand abwehrend von sich. Aber Maud dachte nicht daran, ihn am Hören und Sprechen zu hindern. All ihr Tätigkeitsdrang hatte sie plötzlich verlassen, und sie sank in einem jähen Schwächeanfall auf einen Stuhl.
„Hier Elgin!“ rief der junge Mann aufgeregt. „Wer dort? Wer? Ach, Sie, Inspektor Lennox? Nun? Wie . . Was? Ja … ja … Halt! Warten Sie! Maud! Maud! Er ist frei! Er ist frei! Hurra! Er ist frei! So, jetzt können Sie weiterreden, Inspektor! Ja … ja … Aber das ist ja herrlich! Großartig! Danke, werde ich genau ausrichten! Hurra! Wir erwarten Sie! Machen Sie schnell!“
Maud war während dieses stürmischen Gesprächs langsam aufgestanden, aber dann hatte sie sich doch wieder hingesetzt. Nur ihre Augen sprachen jetzt, über die Lippen kam kein Wort, aber deutlicher als diese Augen hätten auch Worte nicht fragen können.
„Ich hab’s doch gesagt: Es wird noch alles gut!“ jubelte Elgin. „Er ist frei! Haben Sie es gehört, Maud? Er ist frei! Einen Verbrecher hat er erschossen! Einen Verbrecher, der selbst auf ihn schießen wollte! Also Notwehr! Und bei dem Kerl haben sie genügend Beweise gefunden … Ah, das ist herrlich. Dick ist ein Held!“
„Wann kommt er?“ fragte sie leise.
„Gleich sofort! Nur ein paar Formsachen, ein paar Fragen, wissen Sie … Das ist bei uns nun einmal so. Sogar wenn man einen Verbrecher erschießt, muß man dergleichen über sich ergehen lassen. Aber, passen Sie auf, in einer halben Stunde sind Lennox und Dick hier.“
Maud seufzte tief auf, und plötzlich schimmerten in ihren Augen Tränen.
„Jetzt muß ich mich etwas zurechtmachen, lieber Elgin“, sagte sie hastig. „Dick soll keine verweinten Augen sehen, wenn er nach Hause kommt.“
„Aber Sie haben doch gar nicht ge — — —“
„Natürlich habe ich geweint! Jede Frau weint, wenn ihr Mann verhaftet wird. Machen Sie sich ebenfalls zurecht. Sie sehen auch ganz verweint aus. Und ziehen Sie das Grammophon auf …“
„Aber das hat doch Zeit …“
„Das hat nicht Zeit. Dick liebt es, wenn das Grammophon spielt.“
„Wenn er doch aber erst in ehestens einer halben Stunde … Aber mir ist es gleich. Was soll ich spielen — was Ernstes, ein Gesangstück oder …“
„Dick liebt Märsche!“ rief sie, und zum erstenmal lächelte sie. „Und bei uns werden Sie auch nichts außer Märschen finden!“
„Dann also Märsche!“ sagte er vergnügt und trat gehorsam an den etwas altmodischen Apparat in der Ecke.
Als Maud nach einer Viertelstunde wieder das Zimmer betrat, spielte Elgin schon den siebenten Marsch.
„Diese Musik ist erschütternd“, sagte er und fuhr sich mit seinem Tuch über die Stirn. „Aber wenn Dick sie liebt …“
Sie lachte fröhlich.
„Jetzt dürfen Sie eine kleine Pause machen. Aber erst eine neue Platte aufsetzen, damit es gleich losgehen kann, wenn sie kommen.“
Er stellte die Musik sofort ab, befolgte aber genau ihre Anweisungen. Dann setzte er sich aufs Sofa und sah ihr eine Weile stumm zu, wie sie im Zimmer auf und ab lief und immer noch etwas zum Ordnen, zum Zurechtrücken fand. Es gibt doch eine Gerechtigkeit —, dachte er im stillen, als er jetzt wirklich diese zarten, weißen Hände über das Tischtuch fahren sah — genau wie er es vor einer halben Stunde traumhaft vor sich gesehen hatte.
„Es konnte gar nicht anders kommen“, sagte er unwillkürlich laut, zum Abschluß seiner Gedanken.
„Was meinen Sie?“ fragte sie und hielt in ihrer Arbeit inne.
„Ach nichts“, wehrte er ab. „Sagen Sie, Maud, hat sich Dick eigentlich gut erholt?“
Sie stützte sich mit den Händen auf die Tischplatte und sah nachdenklich vor sich hin.
„Es schien mir so. Ich hatte gar keine Zeit, ihn zu fragen. Aber er hat ja auch immer geschrieben, daß seine Gesundheit viel, viel besser sei.“
„Und jetzt ist er wohl ganz gesund? Kann auch seinen Beruf wieder ausüben?“
„Warum fragen Sie? Gewiß kann er auch seinen Beruf ausüben. Er wollte ja gar nicht aussetzen, damals … Ich bestand darauf. Erinnern Sie sich, was der Arzt sagte? Lungenschwindsucht? Nein, das hat er nicht gesagt. Er sagte, es könnte — hören Sie — es könnte Lungenschwindsucht werden, wenn Dick sich nicht ein halbes Jahr in Europa in einem Kurort erholte. Und Dick hat sich erholt! Er war ein halbes Jahr lang in Davos und hat dann noch eine wunderbare Reise quer durch Amerika gemacht. Da muß er ja gesund geworden sein.“
Elgin stand auf und schlenderte langsam zu dem Grammophonkasten.
„Nun ja …“ meinte er unsicher und schraubte die Nadel heraus und eine andere ein. „Hören Sie, Maud — ich wollte Sie schon immer fragen: woher nahmen Sie das Geld für Dicks Reise?“
„Das Geld?“ Sie sah erstaunt auf. „Das bißchen Geld, das dazu nötig war? Nun, Lennox gab es mir.“
„Lennox … Hm …“ murmelte Elgin und beugte sich über die Platten. „Lennox? Warum nahmen Sie es von Lennox? Warum gerade von Lennox?“
„Aber, lieber Elgin, wie merkwürdig Sie heute sind! Von irgendwoher mußte ich es doch nehmen!“
„Aber gerade von Lennox!“ beharrte er. „Wissen Sie, daß ich auch Ersparnisse habe? Ich hatte es Ihnen mal angedeutet … Aber als Sie Geld brauchten, dringend brauchten, gingen Sie lieber zu Lennox. Und doch hatte ich an dem Tage, als Sie uns sagten, Sie hätten das Geld bereits … ja, an dem Tage hatte ich eintausendzweihundert Dollar in der Tasche. Ich hatte das Geld von der Bank geholt, um es Ihnen zu bringen …“
Sie trat rasch auf ihn zu.
„Eigin!“ rief sie und drückte ihm fest die Hand. „Das war Ihr erspartes Geld ganz? Und das wollten Sie mir geben …“
„Warten Sie!“ unterbrach er sie beinah schroff. „Wenn ich das nur gewollt hätte, würde ich es Ihnen jetzt nicht erzählen. Oder denken Sie, ich spreche davon, um in Ihren Augen recht edel dazustehen? Nein, etwas anderes möchte ich Ihnen sagen: Wenn Lennox je wegen dieses Geldes irgendwie … wie soll ich sagen … sich irgendwelche Rechte einbilden sollte …“
„Ja, was dann?“
„Dann können Sie jederzeit das Geld von mir bekommen und es ihm vor die Füße werfen!“
Maud lachte auf. Sie setzte sich dicht neben das Grammophontischchen und sah Elgin ins Gesicht.
„Hu, wie theatralisch, lieber Freund!“ rief sie aus. „So kenne ich Sie ja gar nicht. Aber beruhigen Sie sich! Nie wird es Lennox einfallen, sich etwas Derartiges einzubilden …“
Elgin hob schnell den Kopf.
„Na, dann ist’s gut“, erklärte er etwas feierlich. „Ich habe es Ihnen jedenfalls gesagt. Und jetzt …“
Im Vorhaus schlug die Klingel an.
Maud sprang auf wie ein aufgescheuchter Vogel.
„Das Grammophon!“ schrie sie. „Schnell! Und Hurra müssen Sie rufen! Und … und …“
„Und trommeln und die Fahne schwenken — weiß schon, weiß schon“, lachte er. „Aber machen Sie doch endlich die Tür auf …“
Maud rannte durchs Vorzimmer, riß die Tür auf und stürzte hinaus.
„Dick! …“
Draußen stand ein altes, unscheinbares Männchen in grauem Regenmantel mit schwarzem Hut.
„Entschuldigen Sie, falls ich ungelegen komme“, sagte er bescheiden. „Wenn ich störe, komme ich lieber ein andermal wieder …“
Maud drückte die Hand auf das pochende Herz und sah den Mann enttäuscht und ärgerlich an.
„Wer sind Sie, und was wünschen Sie?“ fragte sie kühler, als es sonst ihre Art war.
„Mein Name ist Hearn“, sagte er leise, wie entschuldigend. „Ich bin Captain … Verzeihen Sie, nein: Inspektor der Kriminalpolizei, und ich möchte an Mrs. Maud Murray einige Fragen richten.“
III
Einen Augenblick stand Maud unschlüssig da und schien zu schwanken, ob sie den ungebetenen Besucher einlassen oder abweisen sollte. Aber etwas in den kleinen, zusammengekniffenen Augen dieses Mannes schien sie zu warnen.
„Bitte, treten Sie näher“, sagte sie kurz und ein wenig hochmütig.
Er verneigte sich tief und trat ein. Als sei es ganz selbstverständlich, legte er Hut und Mantel ab und zog die Überschuhe aus. Dann stand er vor dem Spiegel und ordnete eine silberne Haarsträhne — es war seine einzige — auf dem kahlen Schädel.
„Sie haben Musik“, sagte er wohlgefällig und nickte freundlich. „Ich liebe das. Ein Haus, in dem Frohsinn herrscht … Sie gestatten, daß ich jetzt eintrete?
„Bitte.“
„Ein Haus, in dem Frohsinn herrscht …“ Er öffnete die Tür zum Eßzimmer und trat über die Schwelle. „Ach!“ rief er aus .„Diese Überraschung!“
Es war in der Tat eine Überraschung. Das Grammophon spielte den lautesten Marsch, den Elgin herausgefunden hatte, das Zimmer war strahlend hell erleuchtet, und in dessen Mitte stand Elgin rot vor Eifer, im Arm eine Menge Blumen, schrie Hurra und warf Hearn rote Rosen und weiße Nelken zu.
„Elgin!“ rief Maud streng.
Elgin war so erschrocken über seinen Mißgriff, daß er den Rest Blumen zu Boden fallen ließ und mit herabhängenden Armen dastand und den späten Besucher anstarrte wie einen Geist.
„Sie haben mich sehr nett empfangen, Leutnant“, sagte Hearn vergnügt. „Ich bin das nicht gewöhnt. Aber so stellen Sie doch das Grammophon ab. Das Stück ist zu Ende, und wie leicht könnte die schöne Platte beschädigt werden, wenn Sie die Nadel weiterkratzen lassen.“
Maud selbst trat an den Apparat und stellte ihn ab. Sekundenlang war es still im Zimmer. Hearn schien es aber keineswegs als peinlich zu empfinden. Er rieb sich die Hände und sah sich, immer beifällig nickend, überall um.
„Sie kennen Leutnant Elgin?“ fragte Maud endlich, um dem Schweigen ein Ende zu machen.
„Inspektor Hearn ist mein Vorgesetzter“, sagte Elgin kleinlaut.
„Und ob wir uns kennen, lieber Elgin, nicht wahr?“ rief Hearn aus. „Jeden Tag, den der Herrgott gibt, sehen wir uns und besprechen allerlei düstere Geheimnisse. Erst heute hatten wir da so einen Fall …“
Maud machte eine ungeduldige Handbewegung.
„Lieber Elgin“, sagte sie kühl. „Vielleicht gehen Sie für einen Augenblick ins Nebenzimmer. Inspektor Hearn wollte mich sprechen — wahrscheinlich ohne Zeugen.“
Elgins Abgang sah einer Flucht sehr ähnlich, und man merkte es ihm an, daß er gern ging. Er ließ die Tür hinter sich halb offen, aber Maud schloß sie sorgfältig Obwohl Hearn ganz woanders hinsah, hatte er diese Kleinigkeit doch sehr genau beobachtet.
„Wie geht’s Ihrem Gatten?“ fragte er artig und setzte sich, wobei er die Beinkleider seines fadenscheinigen, grauen Anzuges sorgfältig in die Höhe zog. „Hat er sich gut erholt?“
„Er hat sich gut erholt“, sagte Maud ruhig. Sie stand mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt, durch die Elgin verschwunden war und sah an Hearn vorbei in die Luft. „Sie kennen meinen Mann?“
„Ich kenne ihn“, bestätigte er. „O ja, ich kenne ihn. Er hat doch früher bei uns gearbeitet. Wissen Sie eigentlich, warum er von uns wegging?“
„Nein, ich weiß es nicht. Wissen Sie es?“
„Solch ein Zufall!“ rief er überrascht. „Stellen Sie sich vor: Ich weiß es auch nicht! Übrigens, dieses peinliche Erlebnis, das Ihr Gemahl hatte! Einen Menschen zu erschießen, — das ist doch unangenehm! Und gleich tot war der arme Kerl! Ich möchte wissen, wozu die Leute immer ins Kino rennen, wenn man im Eisenbahnzug genau so aufregende Sachen erleben kann. Und dabei — Sie werden es komisch finden — war ich heute selbst im Kino. Ja, ich habe mir den Film ‚Die Höllenmaschine‘ mit Ben Hawick angesehen. Kennen Sie Ben Hawick?“
„Den Namen habe ich schon mal gehört. Vielleicht habe ich ihn auch mal im Kino gesehen“, antwortete Maud langsam.
„Ja, im Kino, da sieht man sie meistens — die Filmschauspieler“, sagte Hearn freudig. „Oder im Waldorf-Astoria Hotel, beim Nachmittagskaffee. Es ist so nett zu beobachten …“
„Mr. Hearn“, unterbrach sie ihn. „Wenn Sie es durchaus hören wollen: Ich habe Mr. Hawick einmal im Waldorf-Astoria Hotel kennengelernt. Warum soll ich es leugnen?“
„Nicht wahr? Nicht wahr?“ rief er begeistert. „Warum leugnen? Man soll nie etwas leugnen, was die Polizei schon weiß …“
„Inspektor“, unterbrach ihn Maud wieder, und ihre Stimme zitterte leicht. „Sagen Sie endlich, was Sie von mir wollen. Mit ihrem Gerede … immer herum, immer herum … Oh, Sie können einen damit verrückt machen.“
„Aber, liebe Mrs. Murray, das will ich ja gerade … hm … vermeiden“, antwortete er lächelnd. „Diesen Mr. Hawick kennen Sie also sehr gut?“
Es dauerte diesmal eine geraume Weile, bis Maud die Frage beantwortete.
„Nein, im Gegenteil: sehr flüchtig“, sagte sie endlich.
„Das überrascht mich“, meinte Hearn verwundert. „Dieser Mann — da Sie ihn so wenig kennen, muß ich Sie wohl darauf aufmerksam machen — ist nämlich in sehr gefährliche Sachen verwickelt. Ben Hawick — das ist ein großer Fisch, Mrs. Murray. Wenn große Fische gefangen werden, geht’s auch den kleinen schlecht, die ins gleiche Netz geraten sind. Tja, aber wenn ich so bedenke … Nein, diese Überraschung! Sie rufen eine Nummer an, Hawicks Nummer, und verlangen für Ihren Mann einen falschen Paß, den er gar nicht nötig hat. Hawick ärgert sich sehr, denn er ahnt, daß seine Leitung überwacht wird, und … und … trotz alledem kennen Sie ihn nur sehr flüchtig! Du liebe Güte! Wenn das keine Überraschung für mich ist! Aber wissen Sie, jetzt muß ich leider gehen. Ich erwarte nämlich heute meine Nichte. Sie kommt zum erstenmal aus Europa hierher … Aber das wird Ihnen wohl sehr gleichgültig sein, fürchte ich.“
Er stand auf und sah sie etwas scheu von der Seite an.
„Sie sind mir doch nicht böse, daß ich Sie heute mit meinem Geschwätz belästigte? Oh, ich gehe schon … Übrigens, falls Sie mal Lust bekommen sollten, wieder mit mir zu plaudern … Nun, ich bin jeden Tag von acht bis zwölf Uhr im Hauptquartier der Polizei zu sprechen. Und — es ist mir viel angenehmer, wenn die Leute mich besuchen, ehe ich sie besuchen muß. Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen! Grüßen Sie Ihren Gatten und auch den Leutnant von mir.“
Er war im Vorzimmer angelangt und hatte seinen grauen Regenmantel angezogen. Jetzt streifte er die Gummischuhe über und griff nach seinem Hut.
„Vielleicht … komme ich wirklich einmal zu Ihnen“, sagte Maud mühsam.
„Sobald Sie wünschen. Sie sind immer willkommen … Aber ich höre unten Stimmen. Das wird Ihr Gatte sein. Ich empfehle mich, ich empfehle mich.“
Hearn traf im Treppenflur mit Dick Murray und Inspektor Lennox zusammen, aber es war ziemlich dunkel, und der kleine Kriminalbeamte zwängte sich so rasch an den eifrig Redenden vorbei, daß sie ihn nicht erkannten.
„Hallo! Maud!“ schrie Dick auf, als er sie oben stehen sah. Dann raste er hinauf, drei Stufen auf einmal nehmend.
„Maud! Mein armes, kleines Frauchen!“ murmelte er und hielt sie fest umschlungen. „Was? Weinen? Aber jetzt ist doch alles vorbei! Kindchen! Besinne dich doch! Ich habe dich immer für so tapfer gehalten, und nun plötzlich dieses Benehmen … Ist Elgin da? Ja? Lennox, gehen Sie doch bitte hinein und unterhalten Sie sich einstweilen mit Elgin. Ich muß meiner Frau erst die Tränen trocknen.“
Maud weinte wirklich. Sie hatte den Kopf auf Dicks Schulter gelegt, und ihre schmalen Hände klammerten sich an seinem Mantel fest, als wolle jetzt, jetzt gleich wieder jemand ihren Dick entführen.
„Nein, nein!“ rief sie und schluchzte auf. „Ich will nicht weinen … Ich will tapfer sein … Jetzt hab’ ich dich doch wieder! Es ist alles wie ein Traum, wie ein böser Traum …“
Lennox räusperte sich leise und trat in die Wohnung. Etwas verwundert sah er die am Boden verstreuten Blumen an und den geöffneten Grammophonkasten.
„Elgin!“ rief er. „Leutnant Elgin!“
Elgin kam aus dem anderen Zimmer und blinzelte mit den Augen. Er mußte im Dunkeln gesessen haben.
„Ja, was ist denn hier los?“ fragte Lennox befremdet.
„Inspektor, haben Sie ihn gesehen?“ rief Elgin aufgeregt.
„Wen?“
„Hearn! Inspektor Hearn! Er war hier, hat Maud sprechen wollen.“
Lennox sah verblüfft vor sich hin.
„Was? Jetzt? So spät noch?“
Elgins Augen hingen flehend an den Lippen des Inspektors.
„Was kann denn das bedeuten, Inspektor?“ fragte er und schluckte ein paarmal.
Lennox zuckte die Achseln.
„Wenn Sie’s nicht wissen, Elgin, wo Sie doch unter ihm arbeiten, — woher soll ich’s erraten?“
„Ach Gott! Ich habe solche Angst …“
„Na, jetzt hören Sie auf zu jammern. Nehmen Sie sich zusammen. Dick darf kein Wort von diesem Besuch erfahren, und … Maud dürfen Sie auch nicht sagen, wer Hearn ist …“
„Sie weiß es ja!“
„Was weiß sie?“ fragte Lennox heftig. „Sie wird wissen, daß er Inspektor der Kriminalpolizei ist — wie ich. Nicht aber wird sie wissen, daß es keinen gefährlicheren Geheimpolizisten gibt als Hearn …“
„Und das … sollte man … ihr gerade sagen“, stammelte Elgin.
„Warum?“
„Warum? Damit sie sich in acht nimmt. Darum! Was wissen denn Sie von ihr! Was weiß denn ich? Vielleicht war sie mal in Not, vielleicht hat sie mal etwas getan …“
„Sie phantasieren!“ unterbrach ihn Lennox streng. „Wir Kriminalbeamten wittern ja überall und immer nur Verbrechen. Es wird nicht halb so schlimm sein … Aber jetzt reißen Sie sich endlich zusammen, Elgin!“
Elgin machte ein, zwei unsichere Schritte durchs Zimmer.
„Und …“ meinte er fragend, „wie war das mit dem … Erschossenen?“
„Das?“ Lennox runzelte die Stirn. „Das ging so verblüffend glatt ab, daß ich es gar nicht fasse.“
„Seine Freilassung haben doch Sie erwirkt?“
„Ich?“ Lennox hob die Schultern. „Gewiß, ich habe mich dafür eingesetzt und … Na, kurz und gut, als ich mich erst auf den Kampf um Dicks Freiheit gefaßt machte, sagte der Beamte schon, ich hätte ihn ganz überzeugt, und Dick sei frei. Können Sie das verstehen?“
„Nein.“
„Und nachher fand man bei dem Erschossenen die Beweise seiner Zugehörigkeit zur berüchtigten Bande Mc Carthys. Hören Sie, Elgin: nachher! Dick wäre auch ohne diese Beweise freigekommen — auf ein paar Worte von mir hin.“
„Das ist merkwürdig.“
„Es ist noch viel merkwürdiger, wenn man bedenkt, daß ich von Notwehr sprach und … Sagen Sie mal, halten Sie es für Notwehr, wenn man einem Menschen eine Kugel auf den Millimeter genau zwischen die Augen jagt? Halten Sie das für Notwehr?“
Elgin schüttelte entsetzt den Kopf.
„Und das … hat Dick getan?“
„Auf den Millimeter genau, wie ich sagte.“ Lennox dämpfte die Stimme. „Dick ist und bleibt mein Freund — es kann geschehen, was da will. Aber — wenn das kein Mord, kein glatter, wohlüberlegter Mord war, dann bin ich umsonst seit zwanzig Jahren Kriminalbeamter.“
„Genau zwischen die Augen“, flüsterte Elgin, und seine Lippen zitterten merklich. „Auf den Millimeter genau … Mein Gott!“
„Nehmen Sie sich zusammen, — sie kommen“, sagte Lennox streng.
IV
William, der Bruder Jim Elgins, saß grübelnd an seinem etwas altmodischen Schreibtisch. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und starrte das Tintenfaß an, in dem die Tinte völlig ausgetrocknet war. Seit zwanzig Minuten saß er so da, nachdem er vordem eine fieberhafte Tätigkeit entwikkelt und die ganze Wohnung aufs genaueste durchsucht hatte. Seine anfängliche Aufregung hatte sich gelegt, und übriggeblieben war nur eine quälende Unruhe, verursacht durch die Frage: Was hatten die Leute hier gewollt, die gewaltsam in seine Wohnung eingedrungen waren, die kein Fach unberührt gelassen, alles durchwühlt und durcheinander geworfen hatten und doch nichts mitnahmen? Sogar die erbrochene Geldkassette mit etwa vierzig Dollar darin wies ihren vollen Inhalt auf.
William war Offizier der Armee. Er war älter als sein Bruder, größer und kräftiger, wenn auch lange nicht so hübsch. Wenn der fünfundzwanzigjährige Jim noch wie ein Jüngling aussah, so konnte man William getrost um einige Jahre älter als siebenundzwanzig — so alt war er — schätzen.
Langsam stand William auf. Seine Hände griffen nach der Zigarettendose, ein Streichholz flammte auf. Die Einbrecher mußten doch etwas ganz Bestimmtes gesucht haben, dachte er, — sonst hätten sie das Geld mitgenommen. Ganz gewiß hätte das ein gewöhnlicher Einbrecher getan. Papiere? Er bewahrte aber keine wichtigen Papiere auf, und wenn die ungebetenen Besucher die paar Briefe, die hier vor ihm lagen, etwa photographiert hatten, so würden sie sehr enttäuscht sein. Und auch sein Bruder bewahrte nie wichtige Papiere zu Hause auf …
Bei diesem Gedanken wurde William plötzlich bleich. Ganz genau wußte er jetzt, was die Einbrecher hier gesucht hatten — gesucht und vielleicht auch gefunden. Früher hatte Jim nie dienstliche Papiere nach Hause mitgebracht, — das stimmte. Aber seit er kürzlich zum Leutnant befördert worden war, hatte sich das doch geändert, und William entsann sich jetzt genau, daß sein Bruder einigemal ein schmales Aktenheft in dem Schreibtisch verschlossen hatte.
Man mußte ihn benachrichtigen — sofort! Keine Minute war zu verlieren. Vielleicht konnte ein verhängnisvolles Unglück verhindert werden, wenn Jim sofort das Nötige veranlaßte.
Hastig riß William den Uniformrock vom Nagel, setzte die Mütze auf und eilte hinaus auf die Straße. Es war nicht schwer zu erraten, wo Jim zu finden sein würde; hatte er doch gestern von einem Fest gesprochen, bei dem er anwesend sein müsse. Und Jims Feste? William wußte, daß nur die Familie Murray für ein solches Fest in Betracht kam. Schnell, immer schneller schritt der junge Offizier aus, und sein Blick klebte dabei am Boden, an dem Schnee, der unter seinen Füßen knirschte.
Doch da, als er eben eine Straße überqueren wollte, hörte er ein sonderbares Heulen, das sich rasch näherte, und gleichzeitig gewahrte er, wie ein Polizist durch Zeichen die Straße für den Verkehr sperrte. Das Heulen kam mit unglaublicher Geschwindigkeit näher, und jetzt merkte William, daß der schaurige Ton, der keine Sekunde aussetzte, eigentlich aus drei verschiedenen Tönen bestand, die einander rasch abwechselten. Und nun vernahm er dazu noch schrilles Pfeifen, entferntes Geräusch von Motoren und etwas wie ein dumpfes Trommeln. Nein, kein Trommeln — jetzt unterschied er es deutlicher: das war Stampfen, das war Pferdegetrampel!
Im nächsten Augenblick war die bis jetzt ziemlich dunkle Straße hell erleuchtet. Um die Ecke jagten mit großen Scheinwerfern drei, vier, nein: fünf Polizeiwagen, auf deren vorderstem eine Sirene unaufhörlich jene unheimlichen, warnenden Laute hinausbrüllte, die William zuerst aufgefallen waren. Dicht gedrängt saßen und standen da Polizisten. Sogar auf den Trittbrettern hingen sie. Ihre Kopfbedeckung erweckte Williams Aufmerksamkeit — es war etwas einem Stahlhelm Ähnliches, und dieser Helm ging vorne bis tief in die Stirn. Und da — jetzt sah er es deutlich: auch der Mund und die Nase waren verdeckt mit etwas Stählernem. Von diesen Menschen sah man nur die zwei Augen — zwei schwarze, drohende Punkte. Wie Teufel sahen sie aus — diese Menschen, und sie brachten auch Tod und Verderben.
Jetzt waren die Wagen vorüber, und jetzt rasten dicht an William vorbei zehn oder zwanzig Motorräder. Die Polizisten darauf sahen genau so aus wie die vorigen. Und nun — kaum, daß die Motorräder um die Ecke gebogen waren — tauchten Berittene auf. Sie lagen ihren Pferden förmlich auf dem Hals und jagten, hetzten, schrien. Die Schreie klangen hinter dem stählernen Schutz dumpf und unnatürlich.
Dann war alles vorbei. Leer und dunkel lag die Straße wieder da. Nur ganz entfernt hörte man noch das Heulen der Sirene und das immer leiser werdende Stampfen.
„Ist das nicht großartig?“ vernahm William neben sich eine helle, dünne Greisenstimme. „Nun, sagen Sie selbst: Ist das nicht großartig?“
Etwas mitleidig lächelnd sah William auf die schmächtige Gestalt des Mannes im grauen Regenmantel herab. Der Schein einer Laterne erhellte matt das Gesicht des Fremden, und William erkannte unter dem schwarzen Hut hinter scharfen Gläsern zwei durchdringende, kleine Augen.
„Was war das?“ erkundigte sich William, nur um nicht unhöflich zu erscheinen, denn er hatte wirklich an anderes zu denken.
„Das wissen Sie nicht?“ rief das kleine Männchen erstaunt aus. „Aber das ist doch das Neueste: Unsere Gorillas! Abteilung G. der Kriminalpolizei! Warum soll nur Chikago Gorillas haben, was? Ist nicht einzusehen, nicht wahr? Jetzt können wir sie gerade sehr gut brauchen. Am Hudson liefern sich die Banden Petersens und Mc Carthys eine Straßenschlacht. Da platzen die Gorillas dazwischen. Eine wahre Freude! Können Sie sich das vorstellen? Oh, wenn ich noch jung wäre, ich möchte gleich solch ein Gorilla werden …“
„Ich danke Ihnen sehr“, sagte William artig. „Aber ich muß jetzt gehen …“
„Bitte sehr“, wehrte der Fremde freundlich ab. „Ich habe mich aufrichtig gefreut, daß Sie mir so aufmerksam zuhörten. Man findet das selten heutzutage. Die Jugend ist so schlecht erzogen. Und wenn Sie noch mehr über die Gorillas erfahren möchten, so fragen Sie Ihren Herrn Bruder. Er kann’s Ihnen sagen. Gute Nacht!“
„Halt! Halt!“ rief William überrascht. „Sie kennen mich? Und auch meinen Bruder?“
Der kleine Mann blieb stehen.
„Warum soll ich Sie nicht kennen, Mr. Elgin? Ich kenne viele Leute, die mich nicht kennen. Fast möchte ich sagen, daß kein einziger guter Mensch mich kennt — ausgenommen die Kollegen im Dienst. Denn wer mich kennenlernt, hat meistens etwas ausgefressen.“
„Wer sind Sie?“ fragte William rasch.
„Captain Hearn … das heißt — nein, Inspektor Hearn. Ich war zehn Jahre lang Captain, und ich habe mich an diesen Titel so sehr gewöhnt, daß ich meinen neuen immer wieder vergesse. Man hatte mich zehn Jahre lang übergangen, weil ich alles anders mache als die übrigen und dabei doch zum Ziel komme. Das ist verboten. Machen Sie nie etwas anders als die übrigen. Das ist der Rat eines alten, aber erfahrenen Mannes. Und nun, leben Sie wohl, junger Mann …“
„Entschuldigen Sie, nur noch einen Augenblick“, bat William. „Ich möchte Sie um Rat fragen, um einen Rat bitten …“
„Bitte sehr. Ich bin für alle zu sprechen. Jeden Tag zwischen acht und zwölf Uhr im Hauptquartier der Polizei. Morgen und übermorgen und immer, solange es einen Captain, wollte sagen: Inspektor Hearn gibt.“
„Aber es eilt, es muß gleich sein“, sagte William. „Sonst nützt es mir nichts.“
Der Inspektor sah ihn eine geraume Weile tadelnd an, dann erwiderte er kurz:
„Begleiten Sie mich. Unterwegs können Sie erzählen.“
William schritt neben Hearn einher. Er bemühte sich, kleinere Schritte zu machen, damit der Gegensatz zwischen seinen und denen Hearns nicht so augenfällig würde, aber es wollte ihm nicht gelingen.
„Zum Teufel, so gehen Sie doch, wie Ihnen die Pedale gewachsen sind!“ schalt Hearn plötzlich. „Oder glauben Sie, ich hätte noch nicht bemerkt, daß meine Beine etwas kürzer als Ihre geraten sind? Los! Erzählen Sie!“
„Bei mir ist eingebrochen worden“, stieß William erregt hervor. „Aber es fehlt nichts, sogar das Geld ist da … Und da dachte ich … Da fiel mir ein … Mein Bruder hatte doch ein paarmal ein schmales Aktenheft zu Hause …“
„Ein schmales, blaues Aktenheft mit der Aufschrift — mit Tinte —: dienstlich, streng geheim?“ warf Hearn ruhig dazwischen.
„Die Aufschrift habe ich nicht gelesen, aber so sah das Heft aus. Blau, ja, bestimmt blau. Es ist nicht da. Wenn mein Bruder es nicht in seinem Dienstzimmer gelassen hat, muß es gestohlen worden sein. Oder halten Sie das für unwahrscheinlich?“
„O nein, streng geheime dienstliche Sachen werden sehr oft gestohlen … Übrigens weiß ich, daß Ihr Bruder das Heft heute nachmittag mit nach Hause nahm …“ Hearn blieb plötzlich stehen. „Hier ist eine Fernsprechzelle … Hm … Warten Sie mal einen Augenblick: ich muß mal einem Bekannten guten Abend wünschen.“
„Aber die Sache mit meinem Bruder eilt gewiß sehr …“ widersprach William.
Hearn lächelte.
„Die Sache mit meinem Bekannten eilt auch sehr. Wenn ich ihn nicht gleich anrufe, wird es Nacht. Wie soll ich ihm dann einen guten Abend wünschen?“
Mißmutig sah William zu, wie Hearn in die Zelle trat. Durch die matte Scheibe der Tür konnte er beobachten, wie der kleine Inspektor einen Anschluß herstellte und dann sprach — mit einer aufreizenden Gemütlichkeit sprach. William überlegte, ob er den Inspektor nicht einfach hier stehen lassen und schleunigst zu Jim eilen sollte, aber dann hielt ihn davon doch der Gedanke ab, daß Hearn in diesem Falle sicherlich Wirksameres unternehmen könne als Jim. Verstimmt und ungeduldig lief er vor dem Fernsprechhäuschen auf und ab, und es war ein sehr hörbarer Seufzer der Erleichterung, mit dem er den Inspektor empfing, als die Tür des Häuschens sich endlich öffnete.
„Nun, und was wünschen Sie von mir?“ fragte Hearn sehr vergnügt.
„Ich wollte Sie bitten, mir zu helfen oder zu raten, wie ich etwaige schlimme Folgen dieses Diebstahls verhindern könnte.“
„Hm … Ja … Sehr gern …“ murmelte Hearn nachdenklich. „Aber . . sehen Sie, eine Hand wäscht die andere. Ich will Ihnen helfen, aber Sie müssen dafür auch mir einen Gefallen erweisen.“
„Aber natürlich, Inspektor, wenn ich etwas für Sie tun kann …“
„Wenn Sie es nicht könnten, würde ich mich wohl kaum an Sie wenden. Sehen Sie ein, daß Ihre Rede töricht war?“
„Inspektor, wir haben wirklich keine Zeit, um …“
Hearn blieb stehen.
„Erst sagen Sie mir gefälligst, ob Sie einsehen, wie töricht Ihre Rede war“, beharrte er eigensinnig.
„Sie war unglaublich töricht!“ rief William gereizt. „Aber wir haben Eile, Inspektor, und Sie stehen da …“
„Wenn Sie Ihre Augen aufmachen, werden Sie bemerken, daß ich dicht neben einem Taxi stehe. Wenn ich große Eile habe, bleibe ich immer erst neben einem Taxi stehen, dann steige ich ein und dann …“
William riß den Schlag auf, und Hearn kletterte in den Wagen.
„Wohin?“ fragte der Taxilenker.
„Zum Hafen“, bestimmte Hearn.
„Zum Hafen?“ William sah den Inspektor groß an. „Mr. Hearn, warum denn zum Hafen?“
„Weil die großen europäischen Dampfer meistens im Hafen anlegen.“
„Inspektor, Sie bringen mich zur Verzweiflung! Was in Dreiteufelsnamen gehen mich die großen europäischen Dampfer an?“
Hearn zog seine Uhr.
„Sehr viel, Mr. Elgin. Mit einem dieser Dampfer kommt nämlich heute meine Nichte aus Europa an, und die wollen wir abholen. Das ist es nämlich, wobei Sie mir behilflich sein sollen. Ich bin ja ein reifer, erfahrener Mann — das läßt sich nicht leugnen, nicht wahr? — aber ich habe noch nie mit Nichten zu tun gehabt. Haben Sie Nichten?“
„Nein.“
„Das ist ein beneidenswerter Zustand, Mr. Elgin, ein sehr beneidenswerter! Eine Nichte ist eine große Belastung, besonders für einen Junggesellen und besonders, wenn sie zwanzig Jahre alt und vielleicht auch noch hübsch ist. Aber das letztere ist noch nicht geklärt. Hoffentlich sieht sie wie eine Eule aus.“
„Mr. Hearn, ich bitte um Verzeihung, aber die Sache mit den gestohlenen Papieren eilt doch. Sie wissen es doch: es muß etwas getan werden! Wir können ja nachher ein Dutzend Nichten abholen, aber erst …“
„Es muß etwas getan werden!“ wiederholte Hearn mit seinem dünnen Stimmchen pathetisch. „Ich will Ihnen mal was sagen, junger Mann. Diese Papiere entscheiden über Leben und Tod von vier Männern — von braven, tüchtigen Männern! Die Sache ist viel ernster, als Sie denken …“
„Und da halten Sie hier lange Reden über ganz unnützige Dinge …“
„Sehr richtig: Nichten sind unnützige Dinge!“ rief Hearn munter. „Im übrigen sind Sie viel dusliger, als Sie aussehen. Glauben Sie, ich kutschiere hier mit Ihnen in der Weltgeschichte umher und versäume meine Pflicht? Nee, mein Sohn. Erst die Pflicht, dann die Nichte! Haben Sie denn nicht gesehen, wie ich einem Bekannten guten Abend wünschte?“
„Aber was hat denn das damit zu tun …“
„Der Bekannte heißt Durham und ist Chefinspektor der Kriminalpolizei. Und jetzt bin ich müde von Ihrem Geschwätz. Ich möchte schlafen. Wecken Sie mich, wenn die Kalesche hält. Das wird ja wieder mal ein teurer Spaß … Und alles wegen Eurer gestohlenen Papiere … Paßt doch nächtens auf, wenn man Euch bestehlen will. Legt Selbstschüsse, Fußangeln, haltet bissige Hunde! Also jetzt gute Nacht.“
„Wir sind da“, erklärte der Fahrer.
„Was?“ rief Hearn böse. „Ausgerechnet jetzt sind wir da! Wieviel kostet denn das Vergnügen? Aha, zeigen Sie mal die Uhr! Das ist schandhaft teuer, lieber Kaleschenlenker. Einfach schandhaft! …“
„Es ist die vorgeschriebene Taxe“, antwortete der Fahrer und hob die Schultern.
„Darf ich vielleicht einen Teil der Kosten beisteuern?“ erkundigte sich William höflich.
„Aber natürlich!“ rief Hearn freudig. „Bitte, tun Sie sich keinen Zwang an. Bitte, zahlen erst Sie einen Teil. Was übrig bleibt, begleiche dann ich.“
Бесплатный фрагмент закончился.
