Читать книгу: «Emma erbt»

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Alle Handlungen und alle handelnden Personen in diesem Buch sind ausschließlich der blühenden Phantasie des Autors entsprungen und also völlig frei erfunden. Jede eventuelle Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Menschen ist nichts anderem als dem Zufall geschuldet.

Bibliografische Information: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.dnb.de.

Alle Rechte vorbehalten · All rights reserved

©2018 Verlag Verena Zech · Santa Úrsula (Teneriffa)

www.zech-verlag.com · Tel. (+34) 922 302596

Text: Armand Amapolas

Umschlaggestaltung und Illustration: Karin Tauer unter Verwendung eines Fotos »Steintürme bei Puerto de la Cruz auf Teneriffa« von © Johannes Rigg / fotolia

Druck: Gráficas La Paz de Torredonjimeno

Depósito legal: TF 1238-2017

ISBN 978-84-942578-4-1

eISBN 978-84-943429-9-8

Printed in Spain

Armand Amapolas

Ein Teneriffa-Krimi

Für Dich

(Du weißt schon)

Inhalt

Vorspiel: An Bord der Claviga

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Vorspiel: An Bord der Claviga

Er hatte es nicht mehr ausgehalten. Nicht die stickige Luft, nicht diese aufgesetzte Fröhlichkeit, nicht das Profilächeln der gelackten Immobilienhaie, nicht dieses erzwungene Gefühl, hier »unter uns« zu sein. Unter uns: den Gutgestellten, den Sorgenlosen, den allen schnöden Erwerbszwängen meilenweit Entrückten, den Schlauen, die es richtig machen im Leben. Dieses Getue: Wir wissen, wo‘s lang geht. Wir lassen unser Geld für uns »arbeiten«. Ha! Als wenn Geld arbeiten könnte. So redeten nur Menschen, die grundsätzlich andere für sich arbeiten lassen. Wenn er eine unverrückbare Erfahrung gemacht hatte in seinem langen Berufsleben, dann diese.

Er hatte seinen »Captain‘s Chair« nach hinten geschoben und war einfach aufgestanden, wortlos, als diese nuttige Jungrussin zum x-ten Mal ansetzte, von ihrem – als wär‘s ihres! – neuen Nobel-Resort in einem der letzten noch nicht von den Touri-Massen überpröllten Flecken der Insel zu schwärmen, vom Yachthafen gleich nebenan, vom unbeschwerten Leben zwischen Greens und Buffets, dem tiefblauen Meer und den rauen Bergen dahinter. Am meisten hatte er sich gar nicht über die Russin geärgert – die übrigens wirklich ausgezeichnet Deutsch sprach –, sie tat nur ihren Job, und den machte sie gut, das musste er ihr lassen, sondern über Ilse. Ilse, die nüchterne no-nonsense-Ilse, hing der Russin an den Lippen. Und mehr als das: Ilse betätigte sich als Verstärkerin der slawischen Marketing-Tröte. Wiederholte in blinder Gläubigkeit nahezu alles, was diese Natascha oder Tanja oder Tamara oder wie sie hieß ihr vorgeflötet hat. »Return-of-investment«, »Flucht in die Sachwerte«, »Betongold«, »Wertpapiere, die man essen kann – ach was: essen! Schlürfen!«

Das hatte gereicht. Ilses erstaunten, fragenden und beinahe flehenden Blick – Bleib doch, bitte! – demonstrativ ignorierend hatte er die fröhliche Runde verlassen. An Kartenspiel war ohnehin nicht mehr zu denken gewesen. Die Aussicht auf Riesenrenditen hatte der Runde ihre alte, spielerische Freude an Cent-Gewinnen beim Canasta gründlich vergällt. Wie war das möglich gewesen! Es kam ihm vor, als habe ihm jemand die Sonnenbrille von der Nase gerissen, und mit einem Mal wurde er im grellen Sonnenlicht aller Falten und Risse und Pickel gewahr, die das dunkle Glas ihm weggelogen hatte.

Er seufzte und atmete tief durch, als er das Deck betrat. Ja, dafür war er auf die Kanaren gezogen; wegen dieser salzgeschwängerten Luft, wegen des endlosen Sternenhimmels, wegen des allgegenwärtigen Ozeans, dieser flüssigen Manifestation der Ewigkeit. Und nicht wegen irgendeines »Return of investment« oder um kleinen weißen Bällen hinterherzuglotzen und eine neue Runde im Spiel der Eitelkeiten zu beginnen: ich hab‘ mehr, ich bin schöner, meiner ist der größte!

Er seufzte ein zweites Mal, laut und entkrampfend diesmal. Es konnte ihn ja niemand hören. Er war allein an Deck. Jedenfalls schien es ihm so. Dezente Leuchten ließen allenfalls erahnen, wo Aufbauten und Deckstühle standen. Hell strahlte nur das Licht aus den Kabinen und Vergnügungssälen der Claviga. Er wandte sich ab, ging zur Reling hinüber, hielt sich dort fest und blickte auf das Meer hinaus.

Was war aus seinem Traum geworden? Wie jeder Traum, das wurde ihm klar, war auch die Vorstellung eine Illusion gewesen, er hätte auf Teneriffa wirklich alles hinter sich lassen können: den Jahrmarkt der Eitelkeiten, das Hamsterrennen um höhere Einkommen, dickere Autos, steilere Karrieren. Er hatte sich eingeredet, hier sei alles anders. Zumindest: ihre Clique sei anders. Eine Gruppe von Menschen, die sich dem Gewirbel entzogen haben, die sich eine eigene kleine Welt geschaffen haben. Eine Welt, in der Ehrlichkeit zählte, Treue und Verlässlichkeit. Ha! Er musste ein drittes Mal seufzen.

Alles nur Betrug! Alles nur Fassade! Seine Hanna hätte ihn gewarnt. Sie war nüchterner als er gewesen, noch nüchterner. Aber sie hatte ihn verlassen, war gestorben an diesem tückischen, hinterhältigen Krebs; kaum, dass sie das Apartment auf Teneriffa gekauft hatten, aus Teilen seiner Abfindung. Die Bergwerksgesellschaft, zwischen deren Aktendeckeln er sein komplettes Berufsleben verbracht hatte und die ihm vorgekommen war wie aus Eisen und Stahl geschmiedet, war aufgelöst worden. Einfach so. Wisch und weg. Von Finanzinvestoren und ihren jungsmarten Hiwis, Typen wie dieser Natascha und ihren Begleitern. Und mit der Gesellschaft sein Leben und alles, was er für wichtig und ewig gehalten hatte.

Teneriffa: das war sein Fluchtort, seine Erlösung geworden. Nach Hannas Tod und Beerdigung war er nicht wieder nach Deutschland geflogen. Warum auch? Dass er es dort so lange ausgehalten hatte, kam ihm jetzt manchmal unwirklich vor. Hätte er früher die Brocken hingeschmissen, hätte auch Hanna mehr von Licht und Luft der Kanaren gehabt!

Ilse und die Clique – die »Junta« waren sie getauft worden von den anderen im Haus, wie passend eigentlich! – hatten ihn aufgefangen nach Hannas Tod. Und vielleicht hatte er deshalb die Sonnenbrille nie abnehmen wollen. Er wollte keine Runzeln und Pickel sehen. Sie waren aber da. Sie waren immer da gewesen. Er hatte es gewusst, im Grunde seines Herzens hatte er es gewusst. Er hatte sich belügen lassen. Lassen wollen. Ach was: er hatte sich selbst belogen. Und was für einen Schabernack er mitgemacht hatte! Woodoo im Wald! Vor allem hatte er sich dazu bringen lassen, Zahlen nicht mehr ernst zu nehmen. Dabei hatte genau daraus doch sein Beruf bestanden: Respekt vor Zahlen zu haben. Zahlen waren absolut. Zahlen waren ehrlich. Ehrlicher als Menschen.

Er hatte sein Berufsethos verraten! Um ein bisschen Spaß im Alter zu haben, im ewigen Frühling.

Er war ein Idiot.

Er sollte dieser Tamara dankbar sein und ihrer russischen Immobilienmafia, die ihn und Ilse und die anderen auf dieses Kreuzfahrtschiff gelockt hatten – alles »all inclusive« für ganz kleines Geld, nur ein bisschen Werbung sei dabei, eine Butterfahrt auf Kaviarniveau. Von wegen. Was hatte er gelernt, in jungen Jahren, auf der Höheren Handelsschule: »There ist no free lunch!« Es gibt im Leben nichts geschenkt. Dank Tamara war es für ihn jetzt vorbei mit der Selbsttäuschung. Er würde die Dinge von jetzt an ohne schönende Sonnenbrille betrachten – und schon gar kein Auge mehr zukneifen.

Er war weiter gegangen, langsam, immer die Reling entlang bis zum Heck des Schiffes. Er war keiner Menschenseele begegnet. Kein Wunder, es musste weit nach Mitternacht sein. Zudem pfiff hier an Deck ein frischer Wind, friesisch-herb statt kanarisch-mild. Die langen Wellen des Atlantiks ließen das Schiff in einem fremden Rhythmus tanzen. Er klammerte sich an der Reling fest wie ein Betrunkener. Dabei hatte er höchsten drei, vier Glas Wein getrunken und ein oder zwei Wodka: »Na sdarowje!«. Jedenfalls lange nicht soviel wie Ilse und die anderen.

Was war das? Wer ist das? Plötzlich lag eine Hand auf seiner Schulter. Wie war das möglich? Er hatte niemanden kommen hören. Also war er doch nicht der einzige, der frische Luft dringend nötig hatte. War ihm jemand aus der Runde gefolgt? Hatte Ilse sich Sorgen gemacht? Bestimmt nicht. Eher Heinz. Der gute Heinz.

Er wollte sich umdrehen und Heinz begrüßen, als ihm jemand – das konnte doch nicht wahr sein! – von hinten zwischen die Beine griff! Was sollte das? Empört versuchte er sich dem Griff zu entziehen und dem Spinner ins Gesicht zu sehen – vermutlich ein Betrunkener! – da bemerkte er, wie er den Halt verlor. Er hatte die Reling losgelassen, um nach dem Unbekannten zu greifen. Jetzt wurde er an sie gedrückt – und der Arm zwischen seinen Beinen hob ihn an, kippte ihn vornüber. Was sollte das? Empörung machte Panik Platz. Angst! Sein Hirn arbeitete wie ein Karussell. Er sah Finsternis, blasse Schaumkronen, die helle Bordwand, dunkle Schatten, seine Hände fanden nirgendwo Halt, er dachte an Hanna und Ilse und das La Palma und an lange Zahlenkolonnen.

Und dann fing ihn der Ozean auf, als habe er ihn lange erwartet.

1. Kapitel

Wenn sie etwas hasste, war es Gedränge. Körperkontakt mit Fremden. Und jetzt: Mittelsitze! Es gab nur noch freie Mittelsitze. B oder E. Und auch davon nicht mehr viele. Mittelsitze in Flugzeugreihen zwangen sie, Stunden zwischen Menschen zu verbringen, die sie nicht kannte und nicht kennen wollte; einander so nah wie im Bett. Was Betten betraf, suchte man sich schließlich seinen Partner aus, gemeinhin. Sie jedenfalls. Beim Billigfliegen blieb ihr keine Chance dazu. Um wenigstens halbwegs unbelästigt zu bleiben, buchte Emma wenn möglich Fensterplätze. Und sie blieb in der Wartezone sitzen, bis das ›Boarding‹ schon fast ›completed‹ war: um die Quetschzeit im Flieger zu verkürzen. Aber diesmal hatte sie offensichtlich einen Fehler gemacht. Reservierte Plätze gab es nicht. Bei Jersey Air war das Leben Kampf. Zivilisatorische Umgangsformen? Lästig, zu teuer. Willkommen in der Ursuppe des Lebens!

Was denken sich die Leute, fragte sie sich: dass sie ein paar Minuten früher ankommen würden als alle anderen, wenn sie die vordersten Plätze am ›Gate‹ ergattern? Dafür nehmen sie Geschiebe und Gedränge in Kauf, erst am Schalter, dann im Gang zum Flugzeug, dann im Flugzeug selbst, vor ihnen Passagiere, die in Gemütsruhe Flugkoffer, Rucksäcke, Handtaschen, Plastiktüten, Jacken und Mäntel im ›Overhead Compartment‹ verstauen, mit ihren ausladenden Hinterteilen vor die Flugkoffer und Tüten der Nachdrängenden stoßend. Dabei ist dem doch zu entgehen: Einfach abwarten, sitzen bleiben, in einer Zeitung blättern. Sich überlegen fühlen. Zur kleinen selbsterklärten Elite der Gelassenen gehören, die nicht aufspringen, sobald sich eine Stewardess am Schalter zeigt und das Licht einschaltet. So hatte sie es auch heute gemacht und sich gut dabei gefühlt. Leider.

Oh, erinnerte sich Emma mit einem Anflug von Scham: Stewardessen, dass war ja so ein Altherrenwort. Woher hatte sie es nur? Stewardessen gab es ja schon lange nicht mehr, aus Gender-Gründen, stattdessen FlugbegleiterInnen. Aber wie nennt man die am Schalter Sitzenden? Flug-NichtbegleiterInnen? SchalterbeamtInnen? Ha, als wenn eine von denen heute noch unkündbar ist! Die sitzen doch alle auf Schleudersitzen, arbeitsrechtlich gesehen, die armen Schweine. Davon verstand sie, Emma C. Schneider, jetzt etwas. Sie musste unwillkürlich seufzen, so dass der Jungrentner in der Sitzreihe gegenüber – auch so ein gelassen Weltläufiger – überrascht zu ihr hinübersah, die Augenbrauen hochziehend. Sie lächelte. Ein Fehler, auch das. Er lächelte zurück. »Zeit für die Insel, was?« schien er ein Gespräch eröffnen zu wollen. Emma nickte kühl und fixierte den Blick auf die Zeitung, die sie nicht las.

Vielleicht einfach: Die-am-Schalter-Sitzenden. Oder: die Zurückbleibenden. Nein, das wars: FlugschäferInnen. Denn das beschrieb doch ihre Aufgabe, jedenfalls hier, in dieser Werkhalle, die Flughafen spielte: Menschenherden beisammen halten, ihnen Richtung geben, Ausbrechende wieder einfangen, Stürmische bremsen.

Schon allein, weil sie sich nicht gern als Schaf sah, blieb Emma sitzen, bis außer ihr nur noch der flirtgeile Jungrentner und drei, vier andere übriggeblieben waren. Dass sie von Jersey Air dafür bestraft wurde, wusste sie, sobald sie die Maschine betrat. Alle vorderen Reihen waren wohlgefüllt, außer zweien, die mit einem gelben Plastikband abgesperrt blieben wie eine Unfallstelle. Eine Flugschäferin bewachte Band und Sitze. Alle paar Minuten musste sie einem wie Emma sitzplatzsuchend Vorwärtsdrängenden erklären, diese Sitze seien reserviert, sorry. Sie sprach Englisch, mit einem harten slawischen Akzent.

Also blieb Emma nichts anderes übrig, als sich bis ins hintere Ende der Maschine durchzuquälen und sich dort blitzschnell für zwei Sitzpartner zu entscheiden, einen links, einen rechts. Sie wählte die Poloniaks und versuchte, ihre Umhängetasche im Gepäckfach zu verstauen. Unmöglich! Das steckte bereits voller Pilotenköfferchen, Sacktaschen, Tüten und Jacken. Ihre Tasche passte nirgendwo mehr dazwischen. Sie musste sie wohl oder übel vor ihren Füßen unter den Vordersitz klemmen. Auch das noch.

Natürlich wusste sie da noch nicht, dass die Frau mit den amüsierten Augen im rosigen Gesicht, die Emmas Gepäckverstaubemühungen mit heiterem Lächeln und guten Tipps begleitet hatte, und der stille Herr am Fenster ein Ehepaar darstellten und Poloniak hießen und eine Woche später »auf den Hund kommen« würden.

»Da! Da ist er!« Emma spürte einen Ellenbogen an ihren Rippen. Ihr Sitznachbar, der sonst so ruhige, hatte sich ruckartig zur Seite gedreht und zappelte vor Glück. Er drückte sein Gesicht jetzt ganz eng an das kleine Oval des Flugzeugfensters. Gleichzeitig kniff er mit der linken Hand erst in Emmas Arm, dann griff er über sie hinweg und tastete nach Sitz C. Dort saß seine Frau. Johanna.

Johanna Poloniak, wie Emma seit vier Stunden wusste. Und der Mann rechts von ihr hieß Heinz. Heinz Poloniak. Aus Oberhausen. Er war Pensionär, früher Beamter bei der Stadtverwaltung, im Katasteramt. Sie: Hausfrau und Mutter. Zwei Kinder, Uwe und Claudia. Beide ganz toll geraten; Lehrer und Kauffrau. Super erfolgreich im Beruf – aber leider beide selber kinderlos, immer noch. Emma wusste inzwischen fast alles über Claudia und Uwe. Und über das Leben der Poloniaks. Und ihrer Nachbarn. Sie wusste, dass Poloniaks Skat spielen, dass sie auf ihrem Balkon seltene Wildpflanzen pflegen, dass sie mal einen Dackel hatten, der auf Harry hörte – wie der Assistent von »Derrick«, aus einer Krimiserie, die im vorigen Jahrhundert wohl mal populär gewesen sein muss. Vier Stunden auf Sitz B zwischen A und C im Billigflieger, ohne Fütterung und Film, das kann langweilig werden. Aber nicht mit den Poloniaks.

Emma war selbst schuld. Erstens war sie nun mal von Natur aus freundlich – und zweitens aus Professionalität. Also hatte sie nicht stur zur Seite gestarrt, als Frau Poloniak ihr die Hand reichte, kaum dass Emma sich auf den Plastiksitz gedrückt und die Enden Sicherheitsgurtes ausgegraben hatte. Die Frau auf dem Gangplatz lächelte sie strahlend an und eröffnete die Konversation: »Also, wenn wir jetzt hier vier Stunden aneinandergeschmiegt sitzen, können wir uns auch gleich bekannt machen!« Emma lächelte zurück, und das hatte sie nun davon.

Das hier war ihr erster Flug mit Jersey Air. Von Düsseldorf-Weeze. Ha! Von wegen Düsseldorf! Im zu Recht so genannten Morgengrauen hatte sie Paul Bärkamp von Bochum nach Weeze gefahren, über die A 42, die so früh am Morgen Gott sei dank noch völlig staufrei war, und dann quer durch die Pampa. Niederrhein. Nebelland. Nur auszuhalten, wenn man Hanns-Dieter Hüsch mochte. Ihre Eltern waren Hüsch-Fans. Und Paul Bärkamp auch. Heute früh war Emma aber noch weniger als sonst nach Hüsch zumute, dem Verständnisvollen, der immer alles nett gefunden hat, schrecklich nett. Emma war an diesem grauen Morgen überhaupt nicht nach Menscheln zumute. Sie dachte abwechselnd an »ihre« Zeitung, die eigentlich natürlich nie ihre gewesen war und jetzt schon gar nicht mehr, und an Oma Ilse, die gute. Die jetzt tot war. Wie die Zeitung, dachte Emma. Nur dass ihre Oma sich selbst umgebracht hatte, mit Schlaftabletten und Alkohol.

Aus heiterem Himmel, wie man so schön und meist gedankenlos sagt, war die Nachricht von Teneriffa gekommen: Ilse Schneider habe Selbstmord begangen; aus heiterem kanarischen Himmel. Oma hatte nie über irgendeine Krankheit geklagt. Krankheiten schien es für sie nicht zu geben, und Klagen war für sie sowieso keine Haltung. Ärzten ging sie aus dem Weg. So war sie über 80 Jahre alt geworden. Selbstmord, fand Emma, war ein geistlos unpassendes Wort. Jedenfalls keines, das sie mit Oma Ilse in Verbindung bringen konnte. Freitod vielleicht: dass Oma Ilse keine Lust mehr hatte, einsam war, an Krankheiten litt, ohne darüber zu reden, und beschloss, statt ergeben auf Schlimmeres zu warten, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen: das konnte Emma sich vorstellen, wenn auch nur mit Mühe.

Emma überkam ein schlechtes Gewissen. Wann hatte sie zuletzt mit Oma Ilse telefoniert, wann zuletzt an sie gedacht? Sie hatte sie behandelt wie eine CD, die man früher oft gehört und geliebt hat, die nun aber schon seit Jahren ungehört im Regal stand. Aber hatten das ihre Großeltern letztlich nicht selber so gewollt? Als sie vor über zwanzig Jahren ihre Herner Wohnung aufgegeben haben und ganz nach Teneriffa zogen? Im Grunde, dachte Emma bitter, hatte Oma Ilses »Freitod« damals schon begonnen.

Die Zeitung hingegen, die Halterner Post, war, so empfand Emma es, gemeuchelt worden, von Jungverlegern, bei denen ihr nicht klar war, ob sie außer dreist und skrupellos vor allem bösartig waren oder nur unfähig.

Oma Ilse ist auf ihrem geliebten Balkon gestorben. Also Tod mit Meerblick. Und, wer weiß, womöglich vor einem malerischen Sonnenuntergang. Von Oma Ilses Apartment im elften Stock konnte man nämlich bei klarem Wetter die Nachbarinsel La Palma sehen, jedenfalls wenn man den Hals ein wenig verbog. Und genau hinter La Palma ging die Sonne unter, vom 13-stöckigen Apartmenthaus gleichen Namens aus gesehen, das Ilse und Heinrich Schneider zu ihrem Altersruhesitz gemacht hatten. Wenn das Wort »Ruhe« zu Oma Ilse gepasst hätte.

Man hatte Ilse am Morgen im Büro der Asociación de Propietarios vermisst. Der engere Vorstand und die Sekretärin der Eigentümergemeinschaft des Apartmenthauses hatten sich eingefunden, weil Ilse mit ihnen noch ein letztes Mal die Buchhaltung durchgehen sollte. Ilse hatte großen Wert auf dieses Treffen gelegt – und dann erschien sie nicht! Wo sie doch lange die Vorsitzende der Asociación gewesen war und normalerweise überpünktlich, gern überall die erste, und vermutlich schon Kaffee gekocht gehabt hätte. Und Brötchen geschmiert, für alle. Stattdessen: Kein Kaffee, keine Brötchen, keine Ilse. Auf Anrufe reagierte sie nicht. Ihr Anrufbeantworter sprang an: »Hier ist Ilse. Ich habe zu tun. Also fassen Sie sich kurz!« Das war ihr Humor. Sehr trocken – oder westfälisch, wie Ilse Schneider selbst zu sagen pflegte.

Man fand sie in ihrem Klappstuhl sitzend, ganz entspannt, nur der Kopf hing unnatürlich zur Seite. Auf dem Beistelltischchen neben ihr stand noch ein Cognacschwenker und die leere Flasche 103 neben der leeren Schachtel Schlaftabletten. 103, Ciento Tres, das war ihr Lieblings-Brandy. »Preiswert, aber gut.« Davon nahm sie, wie jeder wusste, abends immer noch einen letzten Schluck oder zwei. Wobei abends manchmal auch heißen konnte: morgens sehr früh. Ilse Schneider ging nicht gern zu Bett. Schließlich war immer noch irgendwas zu tun. Oder mindestens zu bekakeln.

Dass ihre Oma tot war, erfuhr Emma ausgerechnet an ihrem letzten Arbeitstag. Ihr kam es vor, als schlüge ihr jemand mit der Faust in den Magen. Dabei war ihr ohnedies seit Tagen flau zumute gewesen. Zum Essen musste sie sich fast zwingen. Sie konnte nicht fassen, dass ihr junges Berufsleben schon wieder beendet sein sollte, von einem Tag auf den nächsten. Dieses Leben, das sie so geliebt hatte. Diese Rumpflaumerei in der Redaktion, diese tägliche Neuerfindung der Welt. Jedenfalls ihrer kleinen Welt in Haltern am See.

Weeze: Von einem Ort dieses Namens hatte sie nichts gesehen auf dem Weg zum Flughafen. Irgendwann wiesen Schilder auf die Anwesenheit eines Airports hin, in diesem Matsch aus Grau und blassem Grün. Dann eine Zufahrtsstraße, die aussah, als hätte die untergegangene DDR hier eine niederrheinische Außenstelle hinterlassen. Schnurgerade, mit Gebäuden spärlich möbliert, mit flachen, konturlosen Kästen, die militärische Sachlichkeit signalisierten. Schließlich: anstelle eines Flughafengebäudes ein Parkplatz. Ein gigantischer Parkplatz. Voller abgestellter Autos. Irgendwo dahinter spielte eine Baracke Terminal. Sie hätte auch genauso gut ein Depot für Futtermittel sein können oder der Umschlagplatz eines global operierenden Logistikunternehmens. Das war sie ja eigentlich auch. Hier wurden Passagiere verladen. Menschliche Schafe.

Klar wusste Emma eigentlich, dass es bei Jersey Air keine feste Sitzplatzreservierung gab, aber dass dann doch einige Stücke Passagiergut sich offiziell vordrängeln durften – »Priority Boarding« –, das hatte sie überrascht. Sie hätte besser recherchieren müssen! Emma! Auch dass der Flieger so voll werden würde: wieso hatte sie das nicht vorhergesehen – bei den Preisen! Außerdem war ihr Koffer zu schwer gewesen. Ihr Rucksackkoffer war so prall gefüllt, dass er sich in das absurd enge Körbchen partout nicht hineinzwängen ließ, mit dem die Airline vor dem Schalter Schlaumeier wie sie abfing, die glaubten, einen Semi-Koffer als Handgepäck durchmogeln zu können.

So hatte sich Emmas Flugpreis von den sagenhaften 69,99 Euro schon deutlich der 100-Euro-Marke genähert. Sie tröstete sich damit – und fand sich selbst dabei im Grunde kindisch –, der Airline oder der Flughafengesellschaft – wer verdiente eigentlich daran? – nicht auch noch die metropolitanen Parkgebühren in den Rachen geworfen zu haben, die verlangt wurden, um einen Wagen auf einem Brachgelände neben einem Schuppen im nebligen Nirgendwo abstellen zu dürfen. Dafür hatte der nette Paul auf seinen Morgendämmer verzichtet und durfte jetzt den Niederrhein erwachen sehen. Wahrscheinlich hatte er WDR Zwei eingeschaltet und das Autoradio auf volle Dröhnung gestellt – wenn er nicht einer alten Kassette mit Hüsch-Monologen lauschte.

»Mir macht das nichts, ich fahr dich gern«, hatte sich Paul, ihr Kollege, ihr Chef, nein, jetzt ihr Ex-Kollege und Ex-Chef, angeboten, als Emma von ihrem geplanten Trauer-Flug nach Teneriffa erzählte. Dann habe er wenigstens eine Aufgabe, einen Grund, früh aufzustehen, und sich nützlich zu fühlen. Außerdem liebe er den Niederrhein. Vielleicht schaue er sich auf dem Rückweg ja noch Kleve an oder Kevelaer. »Kevelaer, ja, da mache ich eine Wallfahrt hin und wünsche unseren Verlegern den Tod an den Hals – oder mindestens die Beulenpest. Ich stelle eine Woodoo-Puppe auf und steche ihr einen Schaschlikspieß durch den Hals.«

Als wenn Paul irgendwem irgendwohin stechen würde! Paul Bärkamp war streng genommen ihr Vorgesetzter in Haltern gewesen. Lokalchef der Halterner Post. Die Gutmütigkeit in Person. Seit Ewigkeiten mit Ort und Zeitung verschmolzen. Geschieden. »EINE feste Beziehung ist mir genug, mehr schaffe ich nicht«, pflegte er zu spötteln, »ich bin mit der Redaktion verheiratet, die macht‘s mir schwer genug.« Paul hatte Emma, wie man so nett sagt, an die Hand genommen und sie mit Haltern vertraut gemacht, als sie vor einem Jahr hier ihre erste feste Stelle als Redakteurin antrat. In einer Stadt, die sie bis dato nur als konturloses Anhängsel eines Stausees wahrgenommen hatte. Es hieß ja auch: Haltern am See. Was Paul ihr aufschloss, war ein Mikrokosmos aus Vereinen, Gemeinden, Parteien, Verbänden; aus Halbverrückten und Überengagierten, aus Tiefverwurzelten und Zugeflogenen, aus Mini-Potentaten und lokalen Müttern Teresa. Ein Mikrokosmos voller Geschichten und Geschichtchen, die darauf warteten, geschrieben zu werden. Von ihr, von Emma C. Schneider, dem weiblichen Tom Wolfe des südlichen Münsterlandes.

Tom Wolfe war ihr Lieblingsautor, seit sie ihn während ihres Studiums an der Fachhochschule Gelsenkirchen »entdeckt« hatte – in einem Seminar über »Subjektiven Journalismus«. Und Wolfes »New Journalism« setzte heimlich den Maßstab, an dem sie sich messen wollte, seit sie »Ich bin Charlotte Simmons« verschlungen hatte, und danach alle seine anderen Bücher. Aber natürlich verriet sie das niemandem; das hätte ja vermessen geklungen. Außerdem: wer kennt in Haltern schon Tom Wolfe? Außer Paul Bärkamp.

Jetzt würde der Halterner Mikrokosmos weithin unbeschrieben bleiben – auch wenn Paul und einige andere Ex-Kollegen und Freie einen Blog gegründet hatten, halternswelt.de, und Emma bedrängten mitzumachen. Die Zukunft liege ohnehin im Digitalen. Und hieß es nicht auf Verlegerkongressen, also dort, wo sich die Leute trafen, die mit Druckerzeugnissen Geld verdienten, seit Jahr und Tag: Print ist tot?

Tod. Bis vor kurzem hatte sich Emma nie mit dem Tod beschäftigt. Warum auch? Sie war jetzt 33. Sie hatte rüstige Eltern und war von gesunden Menschen umgeben, die das Leben genossen. Sie war viel gereist, hatte wenige, aber verlässliche Freunde, und zwar nervige, aber unterhaltsame Kollegen, einen Beruf, den sie liebte. Mehr, glaubte sie, wollte sie nicht. Ihren letzten »festen« Freund hatte sie vor anderthalb Jahren abgelegt, als Jörg plötzlich anfing, nachhaltig von einem Hausbau in Röhlinghausen zu schwärmen und über Kinder zu reden. Sie hatte sich gefühlt, als lege sich ein Ring um ihre Brust. Haltern, so verrückt das klang, dieser Backstein gewordene Biedersinn, war dann ihr Fluchtort geworden, ihr ganz persönliches Goa. So sah sie es.

Aus der Traum. Und deshalb flog sie jetzt nach Teneriffa. Nix Goa. Von Goa hatten ihre Eltern oft geschwärmt. Das war so ein Hippietraum gewesen. Ein Aussteigerparadies. Ihre Eltern waren nie dahin gekommen. Dafür hatte es Oma Ilse nach Teneriffa geschafft, ihrem Goa. Mit deutschem Fernsehen und deutschem Brot. Und jetzt bewegte sich Emma auf Oma Ilses Spuren, ohne Rückflugticket, einstweilen. Um, wie Paul das genannt hatte, eine Auszeit zu nehmen. Vielleicht war Oma Ilse ja ganz absichtlich gerade jetzt gestorben. Um ihr, ihrer geliebten Enkelin Emma, einen Fluchtweg zu öffnen. Mit weitem Blick auf den Atlantik und La Palma. Das wäre Oma Ilse zuzutrauen gewesen. Immer schien sie gewusst zu haben, was Emma gerade brauchte und wie sie sich fühlte.

Ein Aussteigerparadies wie Goa war Teneriffa ja eigentlich auch. Wenn auch weniger für kiffende Studenten als für deutsche Handwerker mit Palmenliebe und dem dringenden Bedürfnis, Plattmoos genussbringend anzulegen. So wie Ilse und ihr inzwischen verstorbener Heinrich es in den 1970ern getan hatten, als sie sich das Apartment 1111 im Edificio La Palma kauften, als Geldanlage und zugleich als Ruhesitz und Sehnsuchtsort, wohin sie abgleiten konnten, während sie in ihrem Wanner Fischgeschäft Heringe verkauften und nett zu allen Kunden waren: »Frau Arnussen, lange nicht gesehen, was macht die Schilddrüse? Und die Kinder, wie geht‘s denen?«

»Der Teide! Da ist er. In seiner majestätischen Schönheit!« Heinz Poloniak strahlte Emma an und drückte sich tief in seinen unbeweglichen Sitz, so dass Emma sich, ob sie wollte oder nicht, über seinen stattlichen, in ein rot-weiß kariertes Wanderhemd verpackten Bauch beugen und aus der Fensterluke lugen konnte. Was sie ihm zuliebe auch tat. Und ein bisschen auch aus Neugier.

Aus einem flauschigweißen Wolkenfeld ragte ein Steinkegel hervor, wie eine mit getrocknetem Schlamm belegte weibliche Brust aus einer Wanne voll Schaum. Sonst nichts. Nur Wolken und diese eine, völlig deplatzierte Brust. Irgendwo vor Afrika. Majestätisch? Ja, das hatte was. Emma erinnerte sich, dass ihr Opa Heinrich immer ganz ähnlich wie Herr Poloniak reagiert hatte, wenn das Flugzeug zum Landeanflug auf Teneriffa ansetzte, damals allerdings im Norden der Insel. Und Emma zwischen ihm und Oma Ilse saß, auf bequemeren Sitzen als diesem hier, in Flugzeugen, in denen noch richtige Mahlzeiten serviert wurden, von jungen Göttinnen in LTU-Kostümen. Mehrfach hatten ihre Großeltern sie mitgenommen nach Teneriffa. Aber Emma hatte damals weniger der Teide interessiert als die Frage: »Wann landen wir endlich?«

Vielleicht hatte sie sich heute deshalb so bereitwillig zwischen die Poloniaks gezwängt, in Reihe 34, ganz weit hinten im Flieger. Wegen der Erinnerung. Vorne war fast alles schon belegt gewesen. Zwar war hier und da ein vereinzelter Mittelsitz frei geblieben, aber Emma hoffte, weiter hinten womöglich doch noch einen Fensterplatz zu ergattern und ihre Ruhe zu haben. Nichts da. Also hielt sie schließlich bei dieser freundlich blickenden älteren Dame in Reihe 34 und fragte: »Entschuldigung, ist der Platz neben Ihnen noch frei?« »Natürlich, liebes Kind!« Und schon quetschte sich die Frau aus ihrem Sitz. Sie trug Wanderschuhe und eine dieser praktischen beigen Wanderhosen, deren Unterteil abnehmbar ist. Darüber ein rot-weiß-kariertes Hemd aus sicherlich atmungsaktivem Nanofaserstoff. In dem Moment, als Emma sich in den Mittelsitz drückte – in diesem Moment war ihr aufgefallen, dass der Mann auf dem Fenstersitz, sie schätzte ihn auf über 60, exakt die gleiche Kleidung trug wie die Frau, die ihr so freudig Platz gemacht hatte.

Dass Heinz und Johanna Poloniak ein Paar waren, das wusste Emma, kaum dass sie angeschnallt war. »Es ist doch schön, auf langen Flügen wie diesem Gesellschaft zu haben, finden Sie nicht? Ich hatte gleich gehofft, als ich Sie kommen sah: Bestimmt setzt sich die junge Frau zu uns! Man kann es ja leider auch übel treffen, gerade in diesen Billigfliegern. Das letzte Mal saß ein Betrunkener zwischen uns. Im Ernst, der hatte sich wohl schon in der Wartehalle volllaufen lassen, am frühen Morgen, oder er war von einer Party zum Flieger gekommen, wer weiß. Ich weiß es jedenfalls nicht, denn er sprach nicht ein einziges Wort. Können Sie sich das vorstellen: kein einziges Wort! Dafür ist er eingeschlafen und hat geschnarcht. Er stank. Sie schnarchen sicher nicht und stinken tun Sie auch nicht. Wir kommen übrigens aus Oberhausen, mein Mann Heinz und ich, und das ist jetzt mindestens unser zwanzigster Flug nach Teneriffa, wir zählen ja schon längst nicht mehr…«

So hatte sie begonnen, die wunderbare Dauerkonversation zwischen ihr und den Poloniaks. Die übrigens Emmas freundliches Angebot ausgeschlagen hatten, sich nebeneinander zu setzen. »Nein, nein, Heinz und ich setzen uns, wenn wir können, immer ans Fenster und an den Gang. Wir liegen ja schon im Bett nebeneinander.« Frau Poloniak kicherte. Oft bleibe der Mittelsitz frei. Aber noch schöner sei es, wenn jemand Platz nehme, der so nett sei wie Emma.

Nach einer Stunde etwa, Frankreich lag unter ihnen, hörte sich Emma zu ihrer eigenen Verblüffung von Haltern erzählen und dass sie Journalistin sei. Die Poloniaks fanden das spannend. Wobei Heinz meist nur freundlich lächelte und brummte, während seine Frau ihrer Freude, »eine echte Journalistin« kennenzulernen, »wie die Sabine Christiansen oder die Anne Will, die mag ich ja am liebsten!« lauthals Ausdruck verschaffte: »Sie müssen uns unbedingt erklären, weshalb in der Welt immer genau so viel passiert, wie in die Zeitung passt! Nein, im Ernst, wie muss man sich das vorstellen, wie Sie an Ihre Geschichten kommen?«

Emma hatte es gern erzählt – und dabei sogar ein bisschen, sie schämte sich dafür, geprahlt. Hatte erzählt, wie gut ihre große »Hüsch für Haltern«-Serie angekommen war: Sie hatte Menschen gesucht und beschrieben, die persönliche Erinnerungen mit dem kurz zuvor verstorbenen Bänkelsänger verbanden; so war ein liebevolles, facettenreiches Porträt auch der Stadt entstanden – hatten alle gesagt, und vor allem, das war das Wichtigste: Paul. Emma musste zugeben, auf die Idee zu der Serie hatte Paul Bärkamp sie gebracht. Hüsch: das wäre nicht ihr Ding gewesen. Zu elternhaft. Aber siehe da: in Haltern schien den Barden jeder zu kennen – oder zumindest zu verehren. Und schon war ihre Serie im Gespräch, und alle Türen öffneten sich.

Emma hatte den Poloniaks auch erzählt, dass der Münsterland-Verlag die Lokalausgabe Haltern am See eingestellt hatte, praktisch ohne Vorankündigung, vor sieben Wochen, und dass sie jetzt arbeitslos war. Poloniaks zeigten sehr viel Mitgefühl.

»Wo wohnen Sie denn auf Teneriffa?« Und so hatte Emma auch von ihrer Oma Ilse berichtet, davon, dass sie als Kind oft mit Oma und Opa auf »der Insel« gewesen war, aber jetzt schon seit rund zwanzig Jahren nicht mehr, und dass ihre Haupterinnerung war, wie laut die Brandung rauschte. Direkt unterhalb des Apartmenthauses klatschte der Atlantik nämlich unermüdlich vor das poröse Lavagestein, aus dem offenbar die ganze Insel bestand. Daran konnte sie sich gut erinnern. Wenn sie die Augen schloss, glaubte sie die Brandung zu hören.

»Wo steht denn das Haus? Sicher im Norden. Im Süden ist der Atlantik ja weniger rau.«

»In Puerto de la Cruz, direkt am Meer.«

»Ach, nee – und wie heißt es? Wir wohnen dieses Mal nämlich auch in einem Apartmenthaus – sonst waren wir ja immer in Hotels, aber diesmal haben wir über Bekannte ein Apartment gemietet. Es soll einen tollen Meerblick haben. Und Heinz bekommt dieses Hotelessen nicht mehr. Sein Magen ist so empfindlich geworden. Im Apartment können wir selber was kochen – oder essen gehen, wo‘s lecker ist. Und wo man einkaufen kann, das wissen wir ja.«

»La Palma. Das Apartmenthaus heißt La Palma. Wie die andere Insel.«

Johanna Poloniak zeigte eine für sie ganz ungewöhnliche Reaktion. Sie schwieg. Und starrte Emma mit großen Augen an. Ein paar Sekunden lang, dann: »Nee, das glaub ich jetzt nicht! Heinz, hast du das gehört? Fräulein Schneider wohnt in demselben Apartmenthaus wie wir! Ist das nicht unglaublich? Glauben Sie an Zufälle?« wandte sie sich Emma zu: »Ich nicht.«

2. Kapitel

Der Kapitän forderte zum Anschnallen auf. Das Flugzeug hatte die Insel in großem Bogen umflogen, war durch die Wolkendecke gestoßen und hielt jetzt auf Teneriffas Südflughafen zu. Heinz Poloniak beobachtete konzentriert das Wellengeschehen unter ihnen und hielt Emma und seine Frau über jede Entdeckung auf dem Laufenden. So gesprächig wie jetzt war er während des ganzen Fluges nicht gewesen.

»Da unten ist ein Segelschiff.«

»Noch eins.«

»Jetzt sieht man schon Häuser. Da ist ein neuer Golfplatz.«

Touché. Kaum griffen die Bremsen, brandete Applaus durch die Maschine. Auch Heinz und Johanna klatschten kräftig mit. Emma nicht. Sie fand das Geklatsche peinlich – und fragte sich im gleichen Augenblick: warum eigentlich?

»Das war sanft«, meinte Johanna: »Hätte ich den Jersey-Leuten gar nicht zugetraut. Ich dachte schon, die würden nur Hilfskräfte aus Osteuropa beschäftigen.« Dabei warf sie einen äußerst kritischen Blick nach vorne, wo die Flugbegleiterinnen saßen – die man von Reihe 34 aus gar nicht sehen konnte. Und die sich vor allem dadurch ausgezeichnet hatten, unterwegs mehrfach die tollen Sandwiches anzupreisen, die man an Bord erstehen konnte, neben Armbanduhren, Parfums und Lotterielosen. Auf die Sandwiches waren die Poloniaks zum Glück nicht angewiesen. Sie hatten belegte Brote und De Beukelaer-Kekse mitgebracht – und sie großzügig mit Emma geteilt.

»Wie kommen Sie denn zum La Palma?« wollte Heinz von Emma wissen, als sie zu dritt am Gepäckband standen und auf ihre Koffer warteten.

»Mit dem Auto. Ein Nachbar, ein Freund meiner Großmutter, hat angeboten, mich abzuholen. Und Sie?«

»Och, wir nehmen den Bus. Titsa. So heißt die Verkehrsgesellschaft hier. Die ist bestens organisiert. Die Direkt-Busse sind superschnell, halten zwischendurch nur am Nordflughafen. Wir haben sogar vom letzten Mal noch Bonos.«

Emma hatte keine Ahnung, was damit gemeint war. Ihr lag schon eine Bemerkung über Bonobos auf der Zunge und deren zügelloses Sexualleben, aber damit hätte sie die netten Poloniaks vielleicht erschreckt.

Heinz deutete Emmas fragendes Stirnzrunzeln als Neugier. »So heißen die Mehrfachtickets hier. Sind viel günstiger als Einzelfahrkarten. Die sollten Sie sich auch zulegen – wenn Ihr freundlicher Nachbar mal keine Lust mehr haben sollte, den Chauffeur zu spielen. Mit den Inselbussen kommen Sie überall hin.«

Die Poloniaks hatten sich längst überschwänglich und bedauernd verabschiedet, als endlich auch Emmas Rucksackkoffer auftauchte – als eines der allerletzten Gepäckstücke. Typisch, dachte sie: sogar die Laufbänder haben sich gegen mich verschworen.

Es hätte sie nicht gewundert, wäre sie jetzt zu allem Überfluss noch aufgefordert worden, ihr Gepäck zu öffnen, für eine Zollinspektion. Aber: nichts dergleichen geschah. Emma fand es so unwirklich wie wundervoll, dass sie keinerlei Kontrollen passieren musste. Kein Zöllner blickte streng. Das war bei ihrem letzten Besuch auf Teneriffa noch ganz anders gewesen, erinnerte sie sich. Auch diesen hellen, modernen Flughafen hatte es damals noch nicht gegeben. Mit Teneriffa verband sie bis jetzt den Anblick von Uniformträgern und strengen Bauten, die nach Diktatur muffelten. Damals lag wohl der Tod Francos noch nicht sehr lange zurück. Außerdem musste man D-Mark gegen Peseten tauschen. Den Wechselkurs hatte sie als kompliziert in Erinnerung. Jedenfalls war er viel verwirrender als das 1:7, wenn man nach Österreich fuhr. Selbst mit italienischen Lire war‘s leichter gewesen. Jetzt gab es weder Lire noch Peseten noch die D-Mark mehr. Teneriffa war Europa. Sie war hier Inländerin. Der Gedanke ließ sie lächeln.

Fast hätte sie den agilen Mann übersehen, der von links auf sie zuschoss und jetzt »Frau Schneider? Emma?« rief.

Hans-Peter Seidenschuh war Oma Ilses Nachbar gewesen. Und ein guter Freund. Und ihr Stellvertreter im Vorstand der Asociación. Kein Telefonat endete, ohne dass Oma Ilse von Herrn Seidenschuh erzählt hätte. In ihren Berichten aus Teneriffa hieß es immer »wir«, und mit »wir« waren sie und Herr Seidenschuh gemeint. Der in diesen Berichten nur anfangs als »Herr Seidenschuh« vorkam oder auch als »mein Nachbar«. Später war immer nur von Pedro die Rede. Offensichtlich hatte sich Herr Seidenschuh entschieden, dass Hans-Peter zu teutonisch klang. Er war Lehrer in Duisburg gewesen, das wusste Emma noch, und dass er aus irgendeinem Grund frühpensioniert war und seit langem ganzjährig auf der Insel lebte. Wegen Kinderallergie, hatte Oma Ilse mal gesagt. Ein Ausgewanderter. Pedro eben. Señor Seidenschuh hatte den Hans-Peter abgelegt.

Gesehen hatte Emma den legendären Pedro noch nie. Sie hatte sich gegen die Vermutung gestemmt, Oma Ilse könne mehr mit Pedro verbinden als kollegiale Nachbarschaft. Die Idee, dass ihre Oma mit einem anderen Mann als Opa Heinrich – und selbst mit dem – also das war Emma zu wenig omahaft – obwohl sie natürlich wusste, wie unsinnig das war. Dass auch Senioren noch Sex haben, wurde einem ja neuerdings in jedem zweiten deutschen Fernsehfilm nahegebracht. Trotzdem wollte Emma den Gedanken nicht an sich herantreten lassen, jedenfalls nicht, wenn ihre Oma Ilse darin eine Rolle spielen sollte.

Ilse Schneider war Jahrgang 1925 und gut über 80, als sie starb.

Der Mann, der jetzt auf Emma strahlend zueilte, sah halb so alt aus. Wie satte vierzig vielleicht, oder wie ein gut konservierter 50er. Einen Frührentner hatte sich Emma anders vorgestellt, aus welchem Grund auch immer. Er war braungebrannt, ohne prollig zu wirken, hatte volles, dunkles, nur dezent an den Schläfen angegrautes Haar. Seine nackten Füße steckten in Wildleder-Slippern. Er trug gutsitzende Jeans und ein sattgelbes Polo-Shirt: die globale Kluft der Junggebliebenen. Hätte da nicht ein Goldkettchen um seinen Hals gebaumelt, Emma hätte Pedro auf Anhieb durchaus sympathisch gefunden. Aber Goldkettchen-Männlein waren ihr zuwider. Warum, das hätte sie nicht zu erklären vermocht. Es war einfach so.

»Pedro«, stellte er sich vor. »Also eigentlich Hans-Peter. Aber ich nehme an, Ilse hat Ihnen mehr von Pedro erzählt als von Hans-Peter.«

»Das ist wahr. Aber ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt.«

»Hoffentlich nicht sympathischer. Ich habe Sie jedenfalls gleich erkannt. Sie sehen genauso aus und bewegen sich genauso, wie Ilse Sie geschildert hat.«

»So? Wie trete ich denn auf? Und wie bewege ich mich?«

»Selbstbewusst. Wie eine junge Frau, die genau weiß, was sie will – aber ohne diese Hoppla-hier-komm-ich-Manier, mit dem Geschäftsfrauen heute die Bühne zu betreten pflegen, ohne nach rechts und links zu blicken, diese Frauen in den bauhausmäßigen Business-Kostümen. Sie, Emma, wirken natürlich und so, als würden Sie sich für Ihre Umgebung interessieren. Kein bisschen Düsseldorf. Ich darf doch Emma zu Ihnen sagen? Ich habe das Gefühl, wir kennen uns schon lange.«

»Klar. Emma. Pedro! Oder ist Ihnen Hans-Peter lieber?«

»Nein, nein, Pedro passt schon. Hans-Peter wäre zu intim.«

Pedro schmunzelte, Emma auch. Vielleicht hatte er das Goldkettchen ja geerbt und trug es nur aus Pietät? Jedenfalls konnte Emma verstehen, warum ihre Oma von Pedro angetan gewesen war. Er schien Witz zu haben.

Wie selbstverständlich hatte Pedro ihren Koffer übernommen. Wie selbstverständlich hatte sie es zugelassen. Gemeinsam hatten sie die Ankunftshalle durch eine Glastür verlassen. Emma atmete tief durch. Der Himmel war jetzt wolkenlos blau. Am Straßenrand stand eine Reihe Palmen, deren Kronen sich sacht im Wind wiegten.

»Was für eine Luft!« entfuhr es Emma: »Und das nach diesem Nieselregen der letzten Tage und dem niederrheinischen Nebel.«

»Tja, und das ist hier fast immer so. Grund Nummer Zwei dafür, dass ich irgendwann keine Lust mehr auf den deutschen Trübsinn hatte.«

»Und was war Grund Nummer Eins?«

»Der Trübsinn selbst. Die ewige Hast, das ständige Jagen nach Mehr, der Neid, der wie Nebel auf den deutschen Seelen liegt. Die Sucht, alles immer korrekt machen zu wollen. Die Paragrafenreiterei.«

»Und das gibt es hier nicht?«

»Nein. Klar, hier sind die Menschen nicht besser oder schlechter als irgendwo sonst, aber sie genießen das Hier und Jetzt. Sie verschwenden weniger Gedanken an morgen. Vielleicht, weil es hier kaum Jahreszeiten gibt. Im Grunde ist ein Tag wie der andere. Womit wir wieder bei Grund Nummer Zwei angekommen wären. Und bei meinem Auto.«

Pedro streckte den rechten Arm aus und drückte auf eine Taste an seinem Autoschlüssel, wie ein Magier, der seinen Zauberstab schwingt. Ein weißer Subaru-SUV reagierte mit dezentem Plopp. Sie hatten keine fünfzig Meter laufen müssen.

»Ein schöner Flughafen. Den gab es, glaube ich, noch nicht, als ich das letzte Mal hier war.«

»Das muss dann im letzten Jahrhundert gewesen sein. Ursprünglich gab es in der Tat nur den alten Nordflughafen, und der sah aus, als hätte ihn Generalissimo Franco persönlich gebaut. Die Gebäude stehen übrigens immer noch, aber daneben ist auch im Norden schon seit ein paar Jahren ein ganz modernes Terminal im Einsatz. Spanien hat einen gewaltigen Sprung in die Moderne hinter sich, und die Tinerfeños waren so klug, vor allem ihre Infrastruktur enorm aufzurüsten. Die Autobahn hat es bei Ihrem letzten Besuch vermutlich auch noch nicht gegeben. Bald soll sie um die ganze Insel führen. Wenn wieder Geld aus Madrid und Brüssel fließt. Zur Zeit ist ja Flaute.«

Pedro wuchtete Emmas Patagonia-Koffer auf die Ladefläche des Subaru und bat Emma einzusteigen. Er steckte den Schlüssel ins Zündschloss, zögerte aber, den Wagen anzulassen, sah Emma an: »Emma und Sie: das klingt mir zu hanseatisch. Wie wäre es, wenn wir uns duzen? Das machen auf der Insel ohnehin fast alle so.«

»Klar, warum nicht.« Emma ergriff Pedros ausgestreckte Hand und drückte sie. Die beiden lächelten sich an.

Die Zubringerstraße zur Autobahn hinauf war zu Emmas Überraschung auf beiden Seiten abwechselungsreich mit Palmen, blühenden Büschen und Kakteen bepflanzt. Pedro nahm die Auffahrt Richtung Santa Cruz. Zehn Minuten später atmete Emma gut hörbar aus:

»Ja, so hab ich die Insel in Erinnerung. Ich dachte schon, ich hätte was in meinem Kopf durcheinander gebracht. All die gepflegten Rabatten vorhin, am Flughafen! Das Grün! Der Süden der Insel, das war in meiner Erinnerung nur Stein und Staub. Oma Ilse hat immer gesagt; der Süden sei Gottes Mülldeponie. Da habe er den Abraum abgelegt, der übrigblieb, als er das Orotavatal im Norden schuf.«

Links und rechts der Autobahn wechselten sich schmutzig-beige Geröllfelder mit wasserlosen Canyons ab, hier und da dekoriert mit schmucklosen, dafür schrillbunten Siedlungen.

»Da, ein Windpark!« Wie aus dem Nichts tauchten Windräder auf, locker zu Gruppen geschart wie Pilze im Wald.

»Hier sehen Windräder ja richtig gut aus«, fand Emma. »Sie dekorieren die Landschaft. Von wegen Verspargelung. Wo sonst nichts wächst, kann man auch nichts ver-irgendwassen! Außerdem scheint es sich zu lohnen.«

Fast alle Räder waren in kräftiger Bewegung.

»Die Insel will energie-autark werden. Neuerdings. Ist ja auch eigentlich naheliegend. Öl und Kohle gibt es hier nicht. Öl wird teuer importiert. Aber die Sonne scheint ganzjährig, und der Wind bläst auch nachts. Aber die meiste Kraft steckt im Meer. Wenn es gelänge, die richtig zu ernten, könnte Teneriffa Energie sogar exportieren. Erst recht, wenn der Vulkan mal wieder ausbräche. Der Teide.«

»Ist das denn möglich?«

»Sicher. Jederzeit. Das letzte Mal liegt nur einen Augenaufschlag zurück, geologisch gesehen. Aber heute sind wir sicher, glaube ich. Der Teide sieht ganz friedlich aus.«

Die nächste halbe Stunde sprachen beide wenig. Emma sah nach rechts aus dem Fenster und behielt das Meer fest im Blick. Sie registrierte jedes Ausfahrt-Schild. Das war immer ihre Gewohnheit gewesen: alles um sie herum genau zu beobachten. Daran erkenne man die geborene Journalistin, hatte Paul Bärkamp zu ihr gesagt, anerkennend. Sie war mächtig stolz darauf gewesen. Bei dem Gedanken an Paul und die Redaktion und ihre steile, aber kurze Karriere war ihr, als steige Säure aus dem Magen in die Speiseröhre. Sie musste schlucken.

Der Verkehr nahm zu. Pedro verließ die Überholspur und ordnete sich ganz rechts ein. Er musste bremsen.

»Hier geht es ab auf die Nordautobahn. Kommt immer ein bisschen plötzlich. Wer die Strecke nicht kennt, verpasst die Ausfahrt gern.«

Es ging stramm bergauf. Als sie ein rußender Laster blockierte, schaltete Pedro in den zweiten Gang zurück.

»Diese Abkürzung an Santa Cruz vorbei gibt es auch erst seit ein paar Jahren. Wir steigen jetzt ganz schnell auf 600 Meter hoch. Da rechts übrigens ist das Fußballstadion von Santa Cruz.«

Emma begeisterte sich nicht mehr für Fußball, als es im Ruhrgebiet unvermeidbar ist, besonders, wenn man wie sie ihr Leben praktisch im Zwischenraum zwischen Schalke und dem BVB verbracht hat – wenn es da einen Zwischenraum gab –, aber dieses Stadion gefiel ihr. Es war erst gar nicht zu sehen. Es dominierte nicht protzig die Landschaft wie die aufgeblasene Arena bei München oder die auf Schalke. Es duckte sich, elegant geschwungen, in eine Mulde und schien nicht aus Glas, Beton und Plastik zu bestehen, sondern hier gewachsen zu sein.

»Interessante Architektur.«

»Davon gibt es hier neuerdings eine Menge. Klötze wie unser La Palma hätten heute keine Chance auf Baugenehmigung mehr. Überhaupt, das siehst du ja, ist fast jeder freie Raum schon zugebaut.«

In der Tat fuhren sie seit dem Autobahnwechsel permanent durch bebauten Raum. Eine Stadtlandschaft, wildes urbanes Durcheinander.

»Santa Cruz und La Laguna, die Universitätsstadt auf der Höhe, sind praktisch zusammengewachsen. Der letzte Schrei ist eine Straßenbahn, die beide Zentren verbindet. Übrigens, wenn du Lust dazu hast, machen wir einen Stopp am Rand des Orotavatals. Da siehst du auf einen Blick, was sich auf Teneriffa in deiner Abwesenheit getan hat.«

»Gerne. Wenn du Zeit dafür hast. Ich werde von niemandem erwartet.«

»Ich auch nicht, zum Glück.«

Sie hatten den Nordflughafen passiert und den Atlantik jetzt vor sich, auf der Nordseite der Insel. Der Charakter der Landschaft änderte sich zum zweiten Mal radikal. Von Beige und Grau zu Grün. Nach Wüstenei und Großstadt schienen sie jetzt durch einen endlosen Garten zu fahren. Der allerdings auch überall durchsiedelt war. Zersiedelt, wie Emma fand. Allerdings nicht mit Hochhäusern. Hochhäuser waren erst wieder zu sehen, als in der Ferne vor ihnen Puerto de la Cruz auftauchte. Pedro setzte den Blinker und verließ die Autobahn.

»Wir fahren zum Mirador de Humboldt.«

»Der Humboldtblick! Daran kann ich mich erinnern. Da gab‘s ein deutsches Café, wo meine Großeltern gerne hingefahren sind. Mit tollem Blick übers Tal. Und der Apfelkuchen war gut.«

»Das Café gibt‘s glaube ich sogar noch. Vielleicht sogar den Apfelkuchen. Aber der Mirador Humboldt ist neu. Die Architektur wird dir gefallen. Ist ähnlich wie die des Stadions.«

Sie parkten an einer Landstraße dicht vor einem flachen, unscheinbaren, bunkerähnlichen, grauen Bau. Durch ein enges Tor betraten sie eine immer breiter werdende Terrasse. Jenseits eines Mäuerchens erstreckte sich wie eine halbe Schüssel ein weites Tal. Die andere Hälfte der Schüssel schien der Atlantik verschluckt zu haben. Auf dem Mäuerchen saß in lässiger Haltung ein junger Mann, ein Bein ausgestreckt, das andere angewinkelt, und lächelte versonnen. Er saß da offensichtlich immer. Er war aus Bronze.

»Darf ich vorstellen«, Pedro imitierte eine höfische Verbeugung: »Herr von Humboldt – Emma Schneider von der Ruhr.«

Emma legte einen artigen Knicks hin und reichte Herrn von Humboldt ihre Hand zum Kuss. Doch, so wie der junge Kupferkerl aussah, hätte sie sich von ihm durchaus küssen lassen mögen. Vielleicht sogar nicht nur die Hand.

»Ich wusste gar nicht, dass Humboldt so gut ausgesehen hat. Aber klar, er war jung. Wir stellen uns die Klassiker ja immer als alte, weise Männer vor.«

»Also eher so wie mich?«

Emma musterte Pedro mit strenger Miene prüfend.

»Nein, so auch wieder nicht. Dir fehlt es noch an Reife.«

Sie fanden einen freien Tisch ganz dicht an der Balustrade. Unter ihnen schlängelte sich die Autobahn zwischen Bananenplantagen und Siedlungsfetzen dem Talende entgegen. Beim Anblick der Autos musste Emma an Blutkörperchen denken, die rasch und ohne Unterlass in beide Richtungen eilten, die Zivilisation in ihrem Kampf mit der Natur versorgend. In welchem Film hatte sie das noch mal gesehen? Egal. Die Zivilisation schien hier im Tal die Oberhand zu behalten, einstweilen. Aber was wäre, wenn die Blutkörperchen nicht mehr rollten, dachte Emma? Dann wäre bald wieder alles nur grün. Der Roman »Hundert Jahre Einsamkeit« fiel ihr jetzt ein, wo es in einer Stadt nicht mehr aufhören will zu regnen und der Urwald schließlich alles überwuchert, was Menschen ihm abgetrotzt hatten.

Pedro hatte sie beobachtet und offenbar ihre Gedanken gelesen.

»Als Alexander von Humboldt hier war und behauptete, dies sei eine der schönsten Ansichten, die es auf der Erde gebe, muss das Tal wirklich wie ein Garten Eden ausgesehen haben. Die einzigen Häuser darin, das war die Altstadt von La Orotava da unten, die jetzt kaum erkennbar ist, weil so viele Neubauten drumherum stehen.«

Der Kellner servierte zwei Cortados, und Pedro zeigte auf eine Ansammlung weißlicher Bauten, die wie ein heller Kuhfladen im Grün des Tales lag.

»Sonst gab es da unten früher nur einzelne Herrenhäuser in den Plantagen und den Hafen, Puerto eben.« Pedro deutete nach rechts, wo sich in der Tiefe unter ihnen Hotelhochhäuser um eine kleine Bucht herum knubbelten. Jedenfalls sah die Bucht von hier oben winzig aus, wie in einer Märklin-Landschaft. Nur ohne Eisenbahn.

»Puerto war damals, also vor zweihundert Jahren, ein kleiner Hafen mit Kirche und ein paar Häusern, mehr nicht. Und dann muss man sich vor Augen halten, dass Humboldt dieses üppig bewachsene Tal vor dem Hintergrund des kahlen Teide gesehen hat und der Vulkanfelder, durch die er gewandert ist. Humboldt blieb ja nur ein paar Tage hier, ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Südamerika, er hat sich aber nichts entgehen lassen. Und seine Sprüche sind natürlich Gold wert, für die Tourismusindustrie.«

»Im Grunde war er der erste Tourist.«

»Jedenfalls der erste deutsche. Die Engländer waren natürlich auch damals schon hier. Sie beherrschten ja die Meere. Richtig losgegangen ist es aber erst hundert Jahre später. Und vollends ab ging die Post, als die Flugzeuge kamen.«

»Oma hat mal erzählt, auch im La Palma gebe es Engländer.«

»Ja, aber das sind Exoten. Angepasste Exoten, die merkwürdigerweise gerne Rotkohl essen. Das La Palma ist fest in deutscher Hand. Allerdings kommen jetzt die Chinesen und Russen.«

»Im Ernst? Was wollen die denn hier?«

»Keine Ahnung. Rotkohl essen? Nein, Geld anlegen, nehme ich an. Übrigens glaube ich nicht, dass sich deine Oma selbst das Leben genommen hat.«

»Wie bitte?« Emma glaubte, sich verhört zu haben. »Was willst du damit sagen?«

»Ja, ich weiß, das klingt, als würde ich zu oft Tatort gucken. Aber Ilse war erstens nicht krank, zweitens kein bisschen depressiv, im Gegenteil, und drittens hatte sie Angst.«

»Angst? Vor wem denn?«

»Ja, wenn ich das so genau wüsste. Vielleicht müsste es auch nicht heißen: vor wem? Sondern: vor was?«

»Das verstehe ich erst recht nicht.«

»Ich kann es dir auch nicht richtig erklären. Jedenfalls hatte Ilse in den letzten Monaten eine Unruhe an sich, die eigentlich nicht zu ihr gepasst hat. Sie wollte nicht drüber reden, aber ich hatte den Eindruck, sie fühlte sich verfolgt.«

»Wieso um Himmels willen sollte irgend jemand meine Oma Ilse ›verfolgen‹, eine Greisin aus Wanne-Eickel, die außer Fischen und vielleicht meinem verstorbenen Opa Heinrich keiner Seele je etwas angetan hat?«

Pedro zuckte mit den Schultern und blickte in die Ferne.

»Wenn du da hinunter schaust, sieht dieses Tal paradiesisch aus, und das La Palma – dahinten kann man übrigens eine Ecke davon erkennen – wie eine Perle im Paradiesgarten. Aber auch im Paradies, du wirst dich erinnern, hat es Schlangen gegeben.«

»Auf Teneriffa gibt es keine Schlangen. Das habe ich im Reiseführer gelesen.«

»Keine tierischen. Aber warte erst mal ab, bis du deine Mitbewohner im La Palma kennenlernst!«

3. Kapitel

Emma blieb wie angenagelt auf der Türschwelle stehen. Es roch nach Oma! Ganz klar. Nach Großeltern und Muff und Feuchtigkeit. Sie schloss die Augen und war wieder Kind.

Sie hörte Oma Ilses sonore Stimme und Opa Heinrichs Brummen, sein: »Ilse, nun lass das Kind doch in Ruhe!« Oma hatte immer Ideen, was Emma tun könnte oder sollte oder eigentlich wollen sollte. Solche Ideen hatte Ilse Schneider übrigens im Umgang mit allen Menschen, die ihr näher kamen. Sie nahm einfach an, jeder müsste, so wie sie, immer in Bewegung sein. Deshalb hatte sich auch niemand in der Familie vorstellen können, wie Oma Ilse auf Teneriffa zurechtkommen würde. Schon ihren Fischladen aufgeben zu müssen – er wurde durch einen griechischen Imbiss ersetzt, inzwischen war ein Pizza-Service drin –, war ihr unendlich schwergefallen. Opa Heinrich war der Pragmatische gewesen. Er hatte seiner Frau und später der ganzen Familie minutiös vorgerechnet, dass der Laden sich seit langem schon nur noch trug, weil sie beide unermüdlich schufteten und weil ihnen das Haus gehörte, in dem der Laden war. Hätten sie Miete zahlen müssen, selbst eine der in der Wanner Innenstadt – diesem Resteteller einer Einkaufszone – üblichen Mini-Mieten, wären sie schon längst pleite gewesen. Jetzt kam stattdessen Pacht ein – »und wir können endlich unser Apartment auf Teneriffa richtig nutzen«. So hatte Opa Heinrich gesprochen, als der Fischladen endgültig aufgegeben war.

Kurze Zeit später hatten Heinrich und Ilse die Hausverwaltung des La Palma voll im Griff. Heinrich wurde Präsident der Eigentümerversammlung, Ilse organisierte das Büro – wie sie früher den Fischladen im Griff gehabt hatte. Immerhin enthielt das La Palma über hundert Apartments und hatte fast ebensoviele Eigentümer. Die wenigsten wohnten dauerhaft hier. Es gab immer was zu tun. Und wenn es nichts zu tun gab, dann zu planen und zu schlichten. Heinrich und Ilse flogen zunehmend seltener nach Deutschland. An Feiertagen telefonierte man, das war‘s.

Bis Heinrich starb, vor fünf Jahren. An Herzinfarkt. Ilse bestand darauf, ihn »zuhause« zu beerdigen. Sie hatte rechtzeitig eine Grabstätte reserviert, auf dem Friedhof an der Wiescherstraße. Für beide. Und den Grabstein ausgesucht. Dunkler Marmor. Für beide. Und darunter lag sie jetzt auch, seit einer Woche, neben ihrem Heinrich. Heimgekehrt im Sarg.

Emma hatte es erstaunt, wie routiniert der Leichentransport abzuwickeln war. Das Herner Bestattungsunternehmen nahm alles in die Hand. Emmas Eltern konnten sich darauf beschränken, Unterschriften zu leisten. Und zu zahlen. Aber Ilse Schneider hatte auch dafür vorgesorgt. Sie hatte ihren Erben ein gut gefülltes Konto hinterlassen. Sie hatte alles testamentarisch geregelt. Wahrscheinlich hatte sie ihrem Sohn und der Schwiegertochter nicht zugetraut, eine Beerdigung zu organisieren, so, wie eine Beerdigung zu sein hatte, nach Oma Ilses fester Überzeugung. Bis hin zum Streuselkuchen und den Mettbrötchen hatte sie alles minutiös geplant und vorbestimmt.

In ihrem Testament stand auch, dass Emma das Apartment auf Teneriffa erben sollte. Emma allein. Ohne Erklärung. Emma vermutete, das sollte Oma Ilses subtile Rache an Sohn und Schwiegertochter sein, Emmas Eltern. Die hatten sich nie für Teneriffa interessiert, waren nur ein, zwei Mal dort gewesen, auf Heinrichs und Ilses heftiges Drängen hin, und sie hatten keinen Zweifel daran gelassen, dass sie den Entschluss der Großeltern, quasi auszuwandern, zutiefst missbilligten. »Was wollt ihr denn da? Ihr kennt da niemanden. All eure Freunde und Verwandte leben hier im Ruhrgebiet. Ihr sprecht kein Spanisch. Ihr habt dort nichts zu tun. Das werdet Ihr nicht lange aushalten. Und immer ist das Wetter gleich.«

»Immer gleich perfekt«, hatte Oma Ilse erwidert. Auf den Herner Winter könne sie getrost verzichten, auf den Frühling, den sogenannten Sommer und den Herbst gleich mit. Freunde finde man, wenn man sie suche, überall. Mit Deutsch komme man ganz gut durch auf der Insel. Da gebe es längst auch deutsche Bäcker. Und wem wirklich viel liege am Kontakt zu ihnen, der könne sie ja besuchen kommen… Im La Palma ständen immer Apartments leer, die von ihren Eigentümern gerade nicht genutzt würden. Und übrigens sei das Leben auf der Insel nicht nur besser, sondern auch noch viel billiger als im nebligen Germanenland. Also würden sie dort viel weniger ausgeben können. Das sollte ihre Erben doch freuen!

Emma öffnete ihre Augen und sah sich im Apartment um. Es war eines der größeren im Haus, mit geräumigem Wohnraum, Essplatz vor dem Balkon, kleiner Küche, Schlafzimmer, Gästezimmer, Bad und WC. Schon von hier aus, von der Eingangstür aus, konnte sie das Meer sehen, jenseits des Balkons. Vor den Fenstern hingen dicke weinrote Vorhänge mit goldenen Troddeln. Aber der Blick durch die gläserne Balkontür war frei.

Emma schloss die Tür hinter sich, durchquerte den Raum und schob die aluminiumleichte Balkontür auf. Sofort stieg ihr das Brausen der Brandung zu Kopf. Wie das Atmen eines riesigen Ungeheuers, dachte sie, und ihr fielen Gespenstergeschichten wieder ein, die Opa Heinrich ihr vorgelesen hatte, wenn sie bei ihm und Ilse in den Ferien war. Auf der Klappcouch im Gästezimmer hatte sie geschlafen – und, bei offenem Fenster, immer das Meer gehört; mal lauter, mal leiser, mal krachend. Wie ein Ungeheuer eben, dachte sie immer, ein Ungeheuer, das mal gute und mal schlechtere Laune hat und mal richtig aufgebracht ist. Das gründlich Luft holt und sie dann ausstößt, mal lauter, mal leiser. Das aber niemals ganz zur Ruhe kommt.

Nicht wie das Mittelmeer. Das war ein Entenpfuhl dagegen, ein blauer Pfuhl, aber ein Pfuhl, dachte Emma. Sie sog voll Genuss tief die frische, zart gesalzene Seeluft ein. Das tat gut. Im Gegenlicht konnte sie sehen, dass über der Brandung ein Nebelschleier hing. Salz legte sich hier auf jede Oberfläche. Die Balkonbrüstung war rau von Korrosion. Emma hatte Oma Ilses Klage im Ohr: »Wenn man hier nicht dauernd streicht und putzt und erneuert, rostet alles weg.« Deshalb auch das Aluminium. Das rostete nicht, setzte mit der Zeit aber einen weißlichen, angerauten Belag an. Über Wohnungseigentümer, die »sich um nichts kümmern und alles vergammeln lassen«, konnte Oma endlos klagen. Ihr neues Leben, ihr Inselleben, hatte sie dem Kampf gegen die Schlamperei gewidmet. Im Namen der Asociación de Propietarios gab sie, Briefe schreibend, Anrufe tätigend, Faxe versendend, Aushänge am Schwarzen Brett im Treppenhaus aushängend, keine Ruhe, bis säumige Nebenkostenzahler zähneknirschend ihren Anteil zum Neuanstrich, zu Reparaturen und Renovierungen beigetragen – oder hausordnungswidrig an Balkonen befestigte Wäscheleinen beseitigt – hatten. »Wie sieht das aus? Sind wir hier etwa in Neapel?« pflegte Oma Ilse zu wettern, einhelliger Zustimmung sicher.

Genauso rigoros ging sie gegen Eigentümer vor, die glaubten, ihr Apartment dauerhaft untervermieten zu können, womöglich an kinderreiche Einheimische. Das war laut Satzung verboten, wie jede kommerzielle Weitervermietung. Oma Ilse wusste die entsprechenden Paragrafen auswendig. Und zitierte sie mit zunehmender Häufigkeit. Denn irgendeine Sauerei lag immer vor, aus Ilses Sicht. Das hatte Emma – und ihren Eltern sowieso –, aber auch vielen alten Freunden und Bekannten, das Telefonieren mit Ilse Schneider zuletzt mehr und mehr verleidet.

Emma seufzte und drehte sich um. Das also war jetzt alles ihres. Sie war jetzt, ohne ihren Willen, Immobilienbesitzerin, zum ersten Mal in ihrem Leben. Freute sie sich? Sie wusste es nicht. Doch, Eigentum war ihr durchaus wichtig. Es war ihr zum Beispiel wichtig, gute Koffer und Taschen zu besitzen, nicht irgendwelche Billigbehältnisse von Kodi. Jedes der wenigen Möbelstücke in ihrer kleinen Bochumer Wohnung hatte sie sorgfältig ausgewählt. Haben oder Sein? So ein Quatsch. Ohne Haben kein lohnendes Sein, so sah sie es. Aber man musste den Überblick behalten beim Sein. Zuviel Besitz machte blind für Details.

Nichts von den Möbeln, die jetzt hier vor ihr standen, hätte sie gekauft, würden ihr ganz persönliches Sein aufhellen können, das sah sie sofort. Weder die Schrankwand im Nussbaumlook, noch die hellgrauen, ziemlich neuen Polstermöbel, noch der Glastisch auf verschlungenem Schmiedeeisengestrüpp. Noch die Bilder an den Wänden. Nichts davon passte zu ihr. Nichts davon wollte sie um sich haben. Schon gar nicht die dunkelroten Vorhänge mit den goldenen Troddeln. Sie kam sich vor, als würde sie sich in einem Oma-Ilse-Museum bewegen. Emma riss, einer plötzlichen Eingebung folgend, alle Vorhänge auf. Mit einem Mal war die Wohnung dem Dämmerlicht entrissen; lichtdurchströmt, sonnendurchflutet. Dennoch: Das hier war nicht ihr Zuhause – und würde es nie werden, auch kein Zweit-Zuhause. Emma beschloss, so schnell wie möglich den tinerfenischen Immobilienmarkt zu checken. Sie fühlte sich schlagartig besser. Ein Entschluss war gefasst.

Mit einem Mal konnte sie die Wohnung mit ganz anderen Augen betrachten. Befreit. Nichts von dem, was hier stand, konnte ihr jetzt noch zu nahe kommen.

Doch, ein Möbelstück schon: die Bettcouch im Gästezimmer. Sie suchte nach dem Klappmechanismus – und schwupp, stand ein Bett vor ihr. Das Bett, in dem sie imaginäre Gespräche mit dem blauen Teddy-Walross geführt hatte, das ihre Großeltern ihr bei ihrem allerersten Besuch auf der Insel gekauft hatten – und das sie seither immer »erwartet« hatte, wenn sie wiederkam. Wo war er? Wo war Albert, das Walross geblieben? Auf der Couch lag er nicht. Klar, warum auch? Wann genau war sie das letzte Mal hier gewesen? Vor zwanzig Jahren? Fünfzehn war sie damals gewesen, und Teneriffa war ihr nach zwei Tagen auf die Nerven gegangen. Omas Ideen, wie sie ihren Tag verbringen könnte, noch mehr. Nur das Walross – warum sie es auf Albert getauft hatte, fiel ihr nicht mehr ein – Albert hatte sie verstanden. Ein wenig, glaubte sie, Opa Heinrich auch. Auch bei ihm musste man sich mit sprechenden Blicken begnügen; nicht nur, solange Oma in Hörweite war. Es war komisch: Oma Ilses Geist schwebte über allem, was in Opa Heinrichs Nähe war, ob sie anwesend war oder auch nicht.

Dabei konnte man nicht sagen, dass er, wie man das so nennt, unter Ilses Pantoffel stand. Er war ein gestandener, angesehener Geschäftsmann gewesen und wusste auch so aufzutreten. Wenn er Entscheidungen traf, dann galten sie. Das hatte auch Oma Ilse immer akzeptiert. »Das muss Heinrich entscheiden«, war einer ihrer Standardsprüche. Den sie vor allem dann einsetzte, wenn sie sich im Gespräch nicht sofort durchzusetzen wusste – oder selber unentschieden war.

Emma öffnete alle Schränke, ging die ganze Wohnung durch. Erstaunlich, wie viel man auf so engem Raum unterbringen konnte! Stellplatz, der genutzt werden konnte, den hatten ihre Großeltern genutzt. Wände, die behängt werden konnten, hatten sie behängt. Drei gerahmte Fotos fand sie, auf denen sie selbst zu sehen war. Emma als Kleinkind, auf Heinrichs Arm, Ilse stand besorgt lächelnd daneben. Als Fünfzehnjährige, auf einem Badehandtuch, am schwarzen Strand von Teneriffa, mit cooler Sonnenbrille, im roten Bikini. Das dritte hatte sie Oma ungerahmt per Post geschickt, als sie ihren Bachelor bekommen hatte. Darauf war sie mit einer dieser Kappen auf dem Kopf zu sehen, die bei amerikanischen College-Abschlussfeiern in die Luft geworfen werden. Emma gefiel der verschmitzternste Gesichtsausdruck, mit dem sie in Jörgs Kamera geblickt hatte, damals.

Ach, Jörg! Der saß jetzt sicher mit seiner neuen Liebe in seinem frisch gekauften Reiheneigenheim und rechnete durch, ob noch eine Terrassenerweiterung drin sein könnte. Aber gute Fotos konnte er machen.

Albert fand sie im Schlafzimmer, auf der Kommode. Er lag dort so, dass Oma Ilse ihn offenbar immer von ihrem Bett aus hatte sehen können. Emma verspürte einen Stich in der Herzgegend. Über der Kommode und Albert hingen das Kinderbild von ihr und zwei Hochzeitsfotos, eines ihrer Eltern – Mutter in einem leichten Sommerkleid, Vater trug Jeans und eine braune Cordjacke –, das andere zeigte Heinrich und Ilse, er in Schwarz, sie in Weiß, ernst alle beide, eingerahmt von zwei ebenso ernst dreinblickenden Trauzeugen. Wer war das eigentlich? Emma erkannte sie nicht.

Dann hingen da noch zwei weitere Bilder, in neueren, hellhölzernen Rahmen. Auf dem einen war eine heitere Gruppe rüstiger Wanderer zu sehen, auf einer Art Lichtung im Wald. Emma erkannte ihre Oma. Sie stand in der Mitte. Und gleich neben ihr Pedro, Hans-Peter Seidenschuh. Die anderen Gesichter sagten ihr nichts.

Was hatte dieser Pedro vorhin gesagt: Oma Ilse habe sich nicht selbst getötet? Was wollte er damit sagen? Sie war viel zu verdutzt gewesen, darauf weiter einzugehen. Wahrscheinlich war diesem Inselcasanova die viele Sonne zu Kopf gestiegen. Überhaupt: hatte er mit ihr geflirtet? Der alte Sack? Wie alt mochte der sein? 50, 55? Alt genug jedenfalls, ihr Vater zu sein. Nun gut: er hielt auf sich. Gesunder Teint, gut gepflegt, ein bisschen beleibt, aber nicht fett; ›beefy‹ hätte es bei Tom Wolfe wohl geheißen, aber Emma stand nicht auf magere Männer, und auf Muskelpakete mit angehängtem Kleinhirn schon gar nicht. Sie mochte Männer, denen man ansah, dass sie etwas von gutem Leben verstanden. Und Humor bewiesen. Den immerhin schien dieser Pedro zu haben. Wenn er nicht dieses Goldkettchen trüge!

Das fünfte Bild zeigte Oma Ilse mit einem Golfschläger, weit ausholend, in dieser golfertypischen, unnatürlich-verdrehten, lächerlichen Haltung mit leicht gespreizten Beinen und eingeknicktem Oberkörper. Oma voll auf den kleinen weißen Ball am Boden konzentriert. Neben ihr stand eine lederne Golftasche in der Gegend, aus der metallene Schlagflächen lugten wie zu kurz geschnittene Blumen aus einer überdimensionierten Vase. Oma, schlank, wie sie immer gewesen war, fast hager jetzt, in beiger Freizeithose und heller Bluse. Mit stark getönter, großer Sonnenbrille. Ihr graues, hochgestecktes Haar aufgewühlt vom Wind. Im Hintergrund hob sich der Atlantik tiefblau vom satten Grün des Golfplatzes ab.

Golf? Emma hatte keine Ahnung gehabt, dass Oma Ilse Golf spielte. Oma und Golf: diese Kombination schien ihr so unpassend wie Schalke und Gänsestopfleber. Zwei Bildzutaten, grundverschiedenen Welten entrissen. Andererseits, fiel ihr ein, gab es in der Arena auf Schalke VIP-Logen, in denen Champagner serviert wird. Und, wer weiß, vielleicht auch Gänsestopfleber. Sie war einmal in eine dieser Logen eingeladen gewesen, als Redakteurin. Bis dahin hatte sie Fußball, was das Kulinarische betraf, immer nur mit Bratwurst und Bier aus Plastikbechern in Verbindung gebracht. Times they are a-changin‘, hatte Bob Dylan gesungen, noch so ein Idol ihrer Eltern. Komisch, dachte sie, bei allem, was ihre Eltern anders dachten und machten als sie – und das war eine Menge: ihr Musikgeschmack war ähnlich. Was für sie die Counting Crows, waren für ihre Eltern Procol Harum gewesen. Musik, die ihre Großeltern gut gefunden hatten, stammte hingegen aus einer ganz anderen Welt.

Sie legte Albert, wie sie es früher immer getan hatte, in ihre Armbeuge, während sie die Fotos betrachtete. Dabei fiel ihr Blick auf eine längliche Schachtel aus tiefdunklem kanarischen Kiefernholz, auf dem das Stofftier gelegen hatte wie auf einem Podest, vom nackten Holz der Schachtel abgehoben durch ein helles, goldbesticktes Leinentüchlein. Ilse hatte Albert gleichsam dort aufgebahrt, fand Emma, und sie war gerührt. Soviel Sentimentalität hatte sie ihrer nüchternen Großmutter gar nicht zugetraut.

Oma Ilse war keine Schmuserin. Wenn sie jemanden in den Arm nahm, wirkte das, als prüfe eine Postbeamtin ein Paket auf Versandfestigkeit. Trost spenden sollende Worte klangen aus ihrem Mund meist so: »Stell dich nicht so an! Das wird schon wieder!« Gegen Fieber halfen kalte Wadenwickel, jeder Krankheit wusste Oma Ilse mit einem Tee zu begegnen. Jeder körperlichen Krankheit. Andere akzeptierte sie nicht: »Stell dich nicht so an..!«

Emma öffnete die Schachtel. Sie steckte voller Karten und Briefe. Emma nahm alles mit auf den Balkon, klappte einen der an die Wand gelehnten Gartenstühle auf und setzte sich. Nein, bevor sie zu lesen begann, musste gelüftet werden! Sie stand noch einmal auf, ging in die Wohnung und riss alle Fenster so weit wie möglich auf.

Obenauf lag eine Ansichtskarte, die sie, Emma, ihrer Oma aus Rom geschickt hatte, während ihres letzten gemeinsamen Urlaubs mit Jörg. Die Piazza Navona. Mit Kugelschreiber hatte Emma ein kleines Kreuz neben den Vier-Flüsse-Brunnen gemalt. Auf die Rückseite hatte sie neben ein weiteres Kreuzchen geschrieben: »Hier schlecken wir gerade das beste granitá di caffé del mundo! Und denken an Dich«. Na ja, das war ein bisschen gelogen gewesen. Was man so auf Postkarten schreibt! Das Kaffee-Eis hatten sie am Pantheon gegessen, und an Oma Ilse hatten sie erst am vorletzten Tag gedacht, als es um die Frage ging: Müssen wir nicht noch irgendjemandem einen Kartengruß schicken?

Die Schachtel schien alle Ansichtskarten zu enthalten, die Emma ihren Großeltern je geschickt hatte. Allzu viele waren es nicht, stellte Emma mit schlechtem Gewissen fest. Ganz unten in der Truhe lagen Briefe von Heinrich an Ilse. Kein einziger Brief ihres Vaters! Völlig aus dem Rahmen fiel ein Umschlag, der nichts Persönliches an sich hatte. Ein Geschäftsbrief, der fast zuoberst lag, gleich unter Emmas letzter Ansichtskarte.

Der Brief war neueren Datums. Adressiert an Ilse Schneider, Apartamento 1111, Edificio La Palma, Calle La Palma, Puerto de La Cruz. Als Absender firmierte eine Stella Real Estate. Mit einem Büro in La Paz.

Der Umschlag war aufgeschlitzt. Er enthielt einen einzigen Briefbogen, der sich anfühlte, als sei er schon oft herausgeholt und wieder hineingesteckt worden. Unter einem etwas barock wirkenden Briefkopf – Das S in Stella schien den Rest des Schriftzugs wie mit Tentakeln umarmen zu wollen – enthielt es – ein Kaufangebot:

Sehr geehrte Frau Schneider,

im Auftrag und im sehr ernsthaften Interesse eines potenten Käufers darf ich Ihnen ein Angebot unterbreiten, von dem ich hoffe, das es Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Zustimmung finden wird.

Dieser Käufer, der einstweilen anonym bleiben will, dessen Bonität jedoch, wie wir überprüft haben, über jeden Zweifel erhaben ist, möchte Ihr Apartment im Edificio La Palma käuflich erwerben. Er ist bereit, einen Preis zu zahlen, der deutlich über dem Marktpreis liegt. Was sein Angebot zusätzlich interessant machen dürfte, ist: Er wäre bereit, den Kaufpreis vollständig in bar zu entrichten, oder ihn auch, vollständig oder teilweise, auf ein Konto Ihrer Wahl in einem Land Ihrer Wahl zu überweisen. Die Stella Real Estate würde die Gewährleistung einer vertrauensvollen und allen gesetzlichen spanischen Auflagen genügenden Abwicklung garantieren.

Habe ich Ihr Interesse geweckt? Dann rufen Sie mich an, gern auch außerhalb unserer Geschäftszeiten!

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Sr. Jochen Hollerbeck, Geschäftsführer

›Das‹ mit einem S! Und: die ›Gewährleistung garantieren‹! Emma konnte kein Schriftstück lesen, ohne in Versuchung zu geraten, es zu redigieren. Eine berufsbedingte Marotte. Die Fehlersuche war ihre erste Reaktion. Die zweite: Hurra! Das kommt ja wie gerufen! Schnell sah sie noch einmal nach dem Datum: der Brief war vor gut drei Monaten geschrieben worden. Ob das Angebot noch stand? Hatte ihre Oma dem Makler, denn das war dieser »Señor« Hollerbeck ja wohl, geantwortet? Darauf enthielt der Inhalt der Schachtel leider keinerlei Hinweis.

Aber das musste doch leicht herauszufinden sein. Ob Omas Telefon noch funktionierte? Ja, tatsächlich. Ein kleines rotes Licht, neben dem »mensajes« stand, blinkte. Und das Freizeichen ertönte, sobald Emma den Hörer aufgenommen hatte. Sie wählte die Nummer an, die auf dem Briefbogen stand.

Nach dem fünften Klingelton wollte Emma schon wieder auflegen, da meldete sich eine Frauenstimme: »Hola!« Emma zögerte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sich jemand auf Spanisch melden könnte. Wie idiotisch von ihr! Wo war sie denn hier? Im Münsterland? Sie kramte in ihren rudimentären Spanischkenntnissen und stotterte:

»Buenos días! Yo, äh, ich suche, el Señor Hollerbeck. Esta aquí?«

»Sie können ruhig deutsch sprechen! Ich bin Frau Hollerbeck. Mein Mann ist geschäftlich unterwegs. Wie war noch gleich Ihr Name? Vielleicht kann ich meinem Mann etwas ausrichten?«

»Oh, Entschuldigung, ich habe mich nicht vorgestellt. Mein Name ist Schneider. Emma C. Schneider. Ich habe das Apartment meiner Großmutter geerbt, hier auf der Insel, und ein Kaufangebot gefunden, für dieses Apartment. Und ich wollte nur nachhören, ob das Angebot noch gilt.«

»Mein Mann wollte Ihr Apartment, also das Apartment Ihrer verstorbenen Großmutter kaufen: habe ich das richtig verstanden?« Frau Hollerbeck schien verdutzt zu sein.

»Ja, genau. Also nicht er direkt, sondern er hat einen Brief im Namen eines, wie es hier steht, ›potenten Käufers›‹ geschrieben.«

Die Frau am anderen Ende der Leitung war still. Jemand klopfte an die Tür.

Emma hielt eine Hand über das Mikrofon im Telefonhörer und rief laut Richtung Tür: »Un momento! Ich komme gleich.« Dann sprach sie wieder ins Telefon:

»Also, wenn Ihnen mein Anruf ungelegen kommt: ich kann mich gern später noch einmal melden.«

»Ja, tun Sie das! Und ich werde meinem Mann ausrichten, dass Sie angerufen haben. Frau Schneider, sagten Sie?«

»Ja, Emma C. Schneider. Der Brief ging an Ilse Schneider, meine Großmutter. Im Apartmenthaus La Palma in Puerto de la Cruz.«

»Das sage ich ihm. Auf Wiederhören!«

»Auf Wiederhören. Hasta mañana!«

Wie peinlich! Wieso musste sie »hasta mañana« sagen und so tun, als könne sie Spanisch? Was hieß »hasta mañana« eigentlich genau? Hieß das nicht bis gleich oder so? Die Frau Hollerbeck musste sie für eine blöde, eitle junge Kuh halten.

Es klopfte erneut, etwas dezenter als vorhin.

Vor der Tür standen Heinz und Johanna Poloniak und strahlten Emma an. »Wir haben Sie vorhin ins Haus gehen sehen und dachten: vielleicht haben Sie auch Hunger? Wir wollen in ein Fisch-Restaurant ganz in der Nähe, das uns warm empfohlen worden ist, von unserer Vermieterin, Frau Hülsenbusch – kennen Sie Frau Hülsenbusch? Apartment 806, gleich neben unserem, 805. Sie kennt alle Lokale, alle Geschäfte oder wenn Sie mal einen Handwerker brauchen… Sie warnt davor, die Handwerker zu nehmen, die von der Hausverwaltung angeheuert sind. Sie wusste auch, wo wir Sie finden würden.«

Heinz Poloniak unterbrach: »Was meine Frau sagen will, also, was wir beide Sie fragen wollen, ist: wir würden Sie gern zum Abendessen einladen. Wo wir Sie doch vier Stunden lang mit unseren Erzählungen im Flugzeug gelangweilt haben! Als kleine Wiedergutmachung.«

Frau Poloniak warf ihrem Mann einen kritischen Blick zu.

»Nein, nein«, reagierte Emma schnell: »Sie haben mich kein bisschen gelangweilt. Sie haben mir den langen Flug verkürzt. Und außerdem haben Sie sich meine Jammergeschichten angehört. Eigentlich müsste ich Sie einladen.«

»Das können Sie dann ja beim nächsten Mal tun. Jetzt gehen wir zu Carmen, und Sie sind unser Gast. Carmen soll wunderbare Gambas machen, und auch die Seezunge wurde uns sehr empfohlen«, riss Frau Poloniak die Konversation wieder an sich.

»Ok, aber ich habe noch nichts ausgepackt. Ich muss mich umziehen und frisch machen. In einer halben Stunde, wäre das ok?«

Die beiden strahlten sie an. »Gerne, in einer halben Stunde unten vor dem Haus an der Bank unter dem Gummibaum. Es sind nur zehn Minuten zu Fuß zum Lokal. Wenn Sie nichts dagegen haben, schließt Frau Hülsenbusch sich auch noch an.«

Wie hätte Emma jetzt noch etwas dagegen haben können?

4. Kapitel

Da klingelte was! Emma hob den Kopf, rieb sich die Augen. Fast stockfinster war es im Zimmer. Die dunkelroten Vorhänge ließen praktisch kein Licht durch. Wie spät war es wohl? Es klingelte erneut. Das Telefon! Emma sprang von der Schlafcouch hoch, riss den Vorhang auf – draußen war es gleißend hell; der Gebirgskamm, der das Orotavatal nach Westen abschloss, strahlte sie, von der Morgensonne geflutet, an. Ein Blick auf die Armbanduhr verriet: es war nach neun. Sie hatte fast zehn Stunden geschlafen!

Das Telefon klingelte ausdauernd. Es stand in der Diele, auf einer kleinen Kommode aus kanarischer Kiefer, im gleichen Stil beschnitzt wie die Kassette mit den Karten und Briefen, die Emma wieder in den Sinn kamen.

»Si!«

»Fräulein Schneider? Hier spricht Jochen Hollerbeck. Sie haben gestern mit meiner Frau gesprochen. Wegen des Apartments ihrer Großmutter, wenn meine Frau Sie richtig verstanden hat.«

»Ja, das hat sie.« Der Makler, natürlich! »Das ist aber toll, dass Sie so schnell zurückrufen. Entschuldigen Sie, aber ich bin gestern erst auf der Insel angekommen, und da habe ich Ihr Schreiben gefunden. Ich bin noch ein bisschen durcheinander. Ich bin gerade erst aufgestanden.«

»Ouh! Habe ich Sie geweckt? Das tut mir Leid. Aber meine Frau sagte, Sie hätten geklungen, als sei es Ihnen sehr wichtig, dass ich schnell zurückrufe.«

»Ja. Nein. Also: doch, ich bin froh, dass Sie sich melden, das sagte ich ja. Ich muss nur erst noch zu mir kommen.«

»Sie haben ja sicher noch nicht gefrühstückt. Und wenn Sie gestern erst angekommen sind, konnten Sie vermutlich auch noch nicht einkaufen gehen. Wie wäre es, wenn ich Sie zu einem Frühstück einlade, in einer Stunde – oder anderthalb – an der Plaza del Charco?«

»Das ist der Platz am Hafen in Puerto, nicht wahr?«

»Genau. Dort gibt es das Café Océano. Ist nicht zu übersehen, und es kennt jeder. Was halten Sie davon?«

»Was sollte ich wohl davon halten? Sie haben natürlich Recht: ich habe noch nicht gefrühstückt, und ich habe nichts im Haus. Und ich würde gern mit Ihnen über Ihr Kaufangebot sprechen. Ganz unverbindlich«, fügte Emma rasch hinzu.

»Jo Hollerbeck weiß, was Frauen wünschen. Dann also, sagen wir: um elf im Café Océano?«

Uff, dachte Emma: was ist das denn für einer: ›Jo Hollerbeck weiß, was Frauen wünschen…‹ War das noch plumpes Verkäufergewäsch oder schon plumpe Anmache? Egal, sie wollte etwas von ihm, und ein Treffen im Café ließ ihr die Möglichkeit, jederzeit auf Abstand zu gehen. Außerdem hatte sie Hunger.

»Also um elf im Café Océano. Und wie erkenne ich Sie?«

»Keine Sorge: ich erkenne Sie.«

Emma meinte, diesen Satz schon mal gehört zu haben. Von Pedro? Teneriffa schien voller älterer Männer zu sein, die nur auf sie gewartet hatten.

Um elf. Da blieb ihr noch Zeit genug, gründlich zu duschen – oder vielleicht schnell in den Pool zu springen? – und zu Fuß in den Ort zu gehen. Eine halbe Stunde und fast immer am Wasser lang, nach ihrer Erinnerung.

Den halben Weg war sie gestern Abend schon gegangen. Mit den Poloniaks und Frau Hülsenbusch zu »Carmen«. Carmen entpuppte sich als ein kleines, schlichtes, dichtbestuhltes und von deutschen Frührentnern prall gefülltes Restaurant in Punta Brava. Punta Brava, das glich einem Nest voller aneinandergelehnter, unscheinbarer Häuser, die auf einer schmalen Halbinsel standen, um sich gemeinsam, wie untergehakt, der Atlantikgischt entgegenzustemmen. Brava halt: tapfer. An vielen blätterte die Farbe ab, andere waren frisch bemalt. Als lieferten sich Anstreicher und ätzende Brandung einen Dauerwettlauf. In dem das Meer immer vorne lag – und immer vorne liegen würde.

Frau Hülsenbusch hatte einen Tisch reserviert. Wie sich zeigte: den besten Tisch des kleinen Lokals, das vermutlich früher mal eine Wohnung gewesen war. Den einzigen Tisch zwischen Theke und Straße, halb im Freien, aber mit Blick in die Küche gleich hinter dem Tresen. Wo Carmen höchstselbst, eine rührige, wohlbeleibte Mama, alles unter Kontrolle hatte. Und von wo aus sie Frau Hülsenbusch herzlich und lautstark mit Griff über den Tresen begrüßte und einem jungen Mann – ihrem Sohn, ihrem Enkel? – das Kommando gab, ihrer ›guten Freundin‹ und deren Freunden Rotwein, Wasser, Brot und Aioli zu bringen, »en seguida!«, aber hurtig. Der junge Kellner, Frau Hülsenbusch begrüßte ihn als Pablo, rollte stumm eine Papiertischdecke vor ihnen aus, klemmte sie an den Rändern mit Plastiksteckern fest und stellte eine Menagère mit Salz und Pfeffer, Öl und Essig auf den Tisch. Sekunden später standen Wasser und Weingläser daneben, eine Eineinhalbliter-Plastikflasche mit Wasser und eine Glaskaraffe mit hagebuttenrotem Wein. Brot und Knoblauchmajonnaise folgten. »Können wir auch Oliven bekommen?« fragte Emma.

»Una ración de aceitunas. Sofort!« Pablo stellte geschwind eine braune Tonschale voller grünglänzender Oliven auf den Tisch.

Auch alle anderen Tische waren belegt. Man betrachtete einander ungeniert von Tisch zu Tisch. Das machen nur Deutsche, dachte Emma: den Platz im Restaurant als Aussichtsposten auf andere Tische, Teller und Menschen zu begreifen – und das auch offen zu zeigen. Jedenfalls im Ausland. Vielleicht weil sie selbst hier keiner kennt. Glauben sie. Da gibt es keine Peinlichkeit. Aber im übrigen tat sie es ja genauso: alles beobachten, was um sie herum vorging – und sich zu allem eine schnelle Meinung bilden. Aber, rechtfertigte sie sich: sie war schließlich Journalistin! Sie war darauf getrimmt, überall Geschichten zu suchen.

»Carmen macht weit und breit die besten Gambas. Gegrillt oder in Olivenöl mit Knoblauch«, versicherte Frau Hülsenbusch zum dritten oder vierten Mal und fügte diesmal, leiser, sich leicht vorbeugend, hinzu: »Und die Portionen sind groß, die Preise niedrig. Von so einem Preisleistungsverhältnis, wie mein seliger Ulrich zu sagen pflegte, kann man in Deutschland nur träumen. Obwohl die Preise in den letzten Jahren kräftig gestiegen sind. Vor zehn Jahren hätten Sie hier sein sollen! Damals ist das hier unser Stammlokal geworden. Ihre Oma, unsere Doña Ilse, hat es geliebt! Obwohl sie zuletzt gesagt hat, wenn Carmen noch mal die Preise erhöht, müssen wir der Marktwirtschaft zu ihrem Recht verhelfen!« Dabei sah sie Emma geradewegs in die Augen.

Frau Hülsenbusch, Hannelore, man duzte sich seit der Begegnung unterm Gummibaum, war eine rundum rundliche Person. Ein Mensch ohne Ecken und Kanten. Sie strahlte schiere Gemütlichkeit aus und schien immer zu lächeln. Emma war sie gleich bekannt vorgekommen. Aber woher?

Jetzt, am Tisch bei Carmen, nach dem ersten kräftigen Schluck von dem leichten, sehr süffigen roten Wein, fiel es ihr ein: Sie hatte Hannelore Hülsenbusch auf dem Foto gesehen. Dem Gruppenbild im Wald in Oma Ilses Schlafzimmer.

Als Emma das Foto erwähnte, entwich für einen kurzen Moment das Lächeln aus Hannelore Hülsenbuschs weichem Gesicht. »Ach«, seufzte sie: »Wir waren eine tolle Truppe! Wir haben fast alles zusammen gemacht. Und so viel Spaß gehabt! Da im Wald haben wir sogar getanzt! Getanzt! Mitten im Wald! Für mich jedenfalls war es die beste Zeit meines Lebens.«

»War? Wieso war?«

»Nun ja, das Foto muss jetzt vier oder fünf Jahre alt sein. Wir sind zusammen wandern gewesen, haben gepicknickt und ohne Ende gelacht. Und gesungen. Und getanzt. Es war das letzte Mal. In dieser Runde. Inzwischen ist ja nicht nur deine Großmutter gestorben. Von denen, die auf dem Foto zu sehen sind, leben nur noch Herr Seidenschuh, also Pedro, der dich vom Flughafen abgeholt hat, und ich. Alle anderen sind tot, und damals sind wir noch so lebensfroh gewesen! Wir kamen uns so jung vor. Dass wir sterben könnten, das wär uns nicht in den Sinn gekommen. Ich glaube sogar, wenn uns jemand gefragt hätte damals: wir hätten gesagt, dass wir uns unsterblich vorkommen. Jedenfalls kein bisschen krank oder alt. Obwohl das natürlich Unsinn war, damals schon. Je älter man wird, umso schneller altert man, wenn Ihr wisst, was ich meine.«

Johanna Poloniak nickte verlegen. Ihr Mann studierte das nicht vorhandene Muster der Papiertischdecke. Emma starrte Hannelore Hülsenbusch an. Die hatte bei den letzten Worten alle rundum angeblickt. Jetzt schloss sie die Augen – und sah plötzlich sehr, sehr müde aus. Bis sie abrupt das Kinn hob, ihre Augen aufschlug und ihr Lächeln wieder einschaltete. »Aber wir wollen heute doch nicht über Tod und Alter sprechen! Wozu sind wir auf Insel der ewigen Jugend. Vergänglich sei hier nur der Wein! Lasst uns anstoßen! Auf die Jugend. Auf uns!«

Sie haben noch mehrfach angestoßen an diesem Abend. Auf die Jugend, auf die Insel, auf das Wetter, auf den Teide, auf Carmen… Emma hatte sich brav für die gegrillten Gambas entschieden und viel zu pulen gehabt. Dazu gab es kleine Kartoffeln – papas – und ölreiche Soßen, eine grüne, eine rote: Mojos. Und es war nicht bei einem Liter Wein geblieben. Zum Schluss, zum Cortado, hatte Carmen ihnen allen noch einen klebrigen Anislikör aufgedrängt und großzügig eingeschenkt. Emma hatte auch den noch getrunken. Mindestens das war ein Fehler gewesen. Sie spürte ein leichtes, aber mahnendes Pochen hinter den Schläfen. Dabei war sie ganz und gar nicht der Kopfschmerztyp.

Ein Sprung in den Pool würde helfen. Sie schlüpfte in ihren Badeanzug und fand in Oma Ilses Schlafzimmerschrank einen flauschigen weißen Bademantel. Den warf sie sich über, stieg in ihre Flip-Flops und griff sich ein Badehandtuch. Der Schrank lag voller frisch gewaschener Laken, Bettbezüge, Tischdecken, Handtücher, alle akkurat gefaltet; genug Stoff, um fünf Ferienwohnungen auszustatten, dachte Emma.

Der Aufzug transportierte sie im Nu ins Erdgeschoss, ohne dass ihr jemand begegnet wäre, wofür Emma in diesem Moment sehr dankbar war. Im dunkel verspiegelten Aufzug sah sie sich von mehreren Seiten zugleich; der Aufzug der ewigen Jugend, dachte Emma – und der Kopfschmerz nahm zu. Dabei stieg ihr ein seltsamer, irgendwie vertrauter Geruch in die Nase. Rouladen! Es roch nach Rouladen! Mit einem Hauch von Kohl unterlegt. Irgendjemand im Haus musste Rouladen mit Rotkohl kochen, morgens um zehn. Und wie kam die Küchenabluft in den Aufzugschacht, bitte schön? Bevor Emma dieser Frage weiter nachgehen konnte, war der Aufzug schon unten angelangt.

Emmas Erscheinen am Pool fand Beachtung. Zwei ältere Herren zogen ihre Bahnen, in gleichmäßig langsamem Tempo, hin und her. Brustschwimmend, was ihnen die Gelegenheit ließ, genau zu beobachten, wie Emma den Bademantel ihrer Großmutter auf einer grünbespannten Kunststoffliege ablegte, kurz in einer der beiden, nur mit halbhohen Klapptüren vom Poolgelände abgetrennten Duschkabinen verschwand und dann per Kopfsprung in das Becken tauchte. Eine ältere Dame, die bildzeitunglesend am Beckenrand saß, rief ihr zu, kaum dass Emma wieder Atem geholt hatte und zu kraulen beginnen wollte:

»Hallo, Sie da, junge Frau! Springen ist verboten!«

Emma nickte, machte ein Gesicht, als täte ihr der offenkundige Fauxpas tatsächlich Leid, und begann zu kraulen. Als sie dabei einem der beiden Dauerschwimmer in die Quere kam, blieb der stehen – sehr tief war das Becken an dieser Stelle offenkundig nicht – und sprach Sie an:

»Guten Morgen, junge Frau! Sind Sie neu hier? Herzlich willkommen im Club der Mittelschwimmer!«

Eigentlich wollte sie den Alten ignorieren, aber ihre Neugier siegte, wie immer. Emma stoppte, sah den Mann, der seine Schwimmbrille auf die kahle, mit Altersflecken besprenkelte Stirn geschoben hatte, an und fragte, offenkundig wunschgemäß:

»Wieso Mittelschwimmer?«

»Weil es hier Frühschwimmer gibt, junge Frau, die immer gleich im Morgengrauen eisern ihre Bahnen ziehen, bei jedem Wetter, und die Plantscher. Das sind die, die am Nachmittag hier sonnenbaden und sich gelegentlich abkühlen. Und dann gibt es noch uns, meinen Freund Fred und mich.« Er deutete mit dem Kinn zu dem anderen Alten hinüber, der weiter ruhig vor sich hinschwamm, Emma jetzt aber immerhin zublinzelte. »Wir sind die Mittelschwimmer und um diese Zeit hier eigentlich immer allein. Wenn Frau Lensing sich nicht entschließt, uns Gesellschaft zu leisten.« Er nickte zu der Bildzeitungsleserin hinüber.

»Ich heiße Karl. Freunde nennen mich Carlos. Für Sie also: Carlos.«

Carlos streckte ihr seine nasse Pranke entgegen. Emma sah keine Möglichkeit, ihm den Händedruck zu verweigern. Ganz falsch! Carlos hielt ihre Hand ein paar Sekunden fest – ziehen half nicht – und bemerkte:

»Sehr schöne Hände haben Sie! Die Hände einer Pianistin. Enttäuschen Sie mich nicht: Sie spielen doch Klavier?«

»Nein, ich benutze meine Finger nur zum Schreiben und um in der Nase zu pulen.«

Bevor Carlos den nächsten Schleim absondern konnte, entzog Emma ihm mit einem heftigen Ruck ihre Hand und tauchte unter.

Als sie zehn Minuten später das Becken verließ, duschte, sich abtrocknete und dabei den Blick hob, fiel ihr auf, dass von mehreren Balkonen Menschen zu ihr herunterstarrten. Einige Köpfe wurden sofort zurückgezogen, als die Gefahr des Blickkontakts bestand. Emma verschwand so schnell wie möglich im Gebäude, Richtung Aufzug, und beschloss, wenn überhaupt, nur noch am frühen Abend schwimmen zu gehen. Wenn die Glotzer vermutlich alle bei Carmen saßen oder Rotkohl mit Rouladen aßen.

Auf dem Weg zur Plaza del Charco – die früher, das hatte sie im Know-how-Reiseführer gelesen, den Namen des Diktators Franco getragen hatte, wie jeder bessere deutsche Platz bis 1945 den des »Führers« Adolf Hitler – war ihr aufgefallen, dass die Stadt sich sehr verändert hatte seit ihrem letzten Besuch. Das fing mit der Straße an, die vom La Palma zur Innenstadt führte. Die hatte sie als enge Holperstrecke ohne Bürgersteig in Erinnerung, gesäumt von wilden Mülldeponien. Vor allem hatte sie eine Baracke direkt am Steilufer vor Augen, von der ein bestialischer Gestank ausgegangen war und wo hinter wackligen Bretterzäunen abgemagerte Hunde kläfften, als würden sie um Hilfe rufen. Ein Hundeasyl. Der Anblick und das Geheul hatten sie tief beeindruckt. Jetzt war davon nichts zu sehen. Auch kein Müll am Straßenrand. Offenbar erst jüngst gepflanzte Palmen steckten den Weg zur Stadt ab. Dort waren die meisten Häuser frisch renoviert, die Bürgersteige neu und geschmackvoll gepflastert. So entsprach Puerto ganz und gar nicht ihrer Erinnerung.

Fast empfand sie es als beruhigend, dass die Plaza del Charco sich offenbar nicht verändert hatte. Jedenfalls sah sie auch in Emmas allmählich wieder aufkeimender Erinnerung – interessant, dachte sie, was sich im Gedächtnis absetzt, gut verborgen, und plötzlich wieder auftauchen kann! – genauso aus wie heute: Ein rechteckiger Platz, umrahmt von belanglosen Gebäuden, dem riesige alte Lorbeerbäume Schatten und Schönheit spendeten. In der Mitte ein Brunnen und ein Spielplatz, am Rand eine Bühne. Da hatte vor zwanzig Jahren, in ihrer Wahrnehmung ununterbrochen, eine chilenische oder sich chilenisch-indianisch gebende Combo El Condor Pasa gespielt, oder ähnliches. Den Panflötenklang hatte sie jedenfalls jahrelang nicht loswerden können. Seither, das wurde ihr schlagartig bewusst, plagte sie eine Aversion gegenüber lateinamerikanischer Folklore. Eigentlich ungerecht.

Beim Anblick des Platzes hatte sie den Klang sofort wieder im Ohr – obwohl von chilenischen Indios weit und breit nichts zu sehen und zu hören war. Zwischen den Bäumen und Laternen flatterten bunte Wimpel in der sachten Brise, die vom Hafen herüberwehte, alle Bänke waren belegt, die zahlreichen Cafés rund um den Platz herum hatten trotz der relativ frühen Uhrzeit gut zu tun, auf vielen Tischen standen schon jetzt Krüge und Gläser mit Dorada gefüllt, dem inselüblichen Bier.

Das Café Océano war genau dort, wo die Hauptflaniergasse Puertos, vom Hotelviertel am anderen Ende der Stadt kommend, auf den Platz stieß. Es war in einem der schöneren, älteren Gebäude untergebracht. Die meisten Gäste saßen draußen, am Rand der Plaza del Charco.

Während Emma ihren Blick noch suchend schweifen ließ, eilte ein Mann im hellen Leinenanzug lächelnd auf sie zu. Er mochte um die 60 sein, hatte ein faltenreiches, satt gebräuntes Gesicht unter vollem, rotblondem, wellig nach hinten gelegtem Haar. Gel war sicher auch im Spiel, oder ein kraftvolles Spray. Emma fragte sich sofort, ob das Haar wohl gefärbt war. Bestimmt!

»Sie müssen Fräulein Schneider sein! Habe ich Recht? Hollerbeck, Jochen Hollerbeck, Geschäftsführer der Stella Real Estate. Für meine Freunde: Jo. Darf ich Emma zu Ihnen sagen?«

»Solange Sie mich nie wieder als Fräulein anreden: bitte! Das mit den Vornamen scheint ja hier so üblich zu sein. Hanseatisch wohl.«

Emma rang sich ein Lächeln ab. Sie mochte diesen Menschen nicht. Sie hatte das Gefühl, sich dazu zwingen zu müssen, sich nicht zu schütteln. Sofort überkam sie ein schlechtes Gewissen: Sie war ungerecht. War sie es nicht, die Paul Bärkamp, der es mit dem Gegenteil hielt, hundert Mal erklärt hatte, man dürfe Menschen nicht nach ihrem Äußeren beurteilen? Paul pflegte dazu trocken zu bemerken: »Das Äußere ist nur das, was vom Inneren nach außen dringt.«

Herr Hollerbeck führte Emma galant – in leicht gebeugter Haltung und mit angewinkeltem Arm voranrudernd, als müsse er sich und seiner Begleiterin den Weg durch einen Haufen Styroporkugeln bahnen – zu einem Tisch am Rande der bedienten Zone. »Wie wäre es mit diesem Tisch? Hier hört niemand mit. Sie glauben ja gar nicht, wie neugierig deutsche Frührentner sind!«

»Doch, das glaube ich. Wer sonst nichts mehr erlebt, lebt eben gern das Leben der Anderen mit.«

»Sie sind ja eine Philosophin! Haben Sie Philosophie oder so was studiert?«

»Eher so was. Ich habe Journalismus studiert. Ich bin Journalistin. Da trifft man zwar selten Philosophen, hört aber viel über Philosophie.«

Ihr Gegenüber zog die struppigen Augenbrauen hoch und signalisierte mit weit aufgerissenen Augen Unverständnis, aber großes Interesse.

»Das kennen Sie doch sicher von Fußballübertragungen. Da hat jeder Trainer eine Spiel-Philosophie. Obwohl er eigentlich nur gewinnen will.«

Hollerbeck lachte laut und herzhaft, als hätte sie einen Witz erzählt. Aufgesetzt, wie Emma fand. Sympathischer wurde er ihr dadurch nicht.

Der Kellner, eine rührend-würdevolle Erscheinung, die sie an uralte Hans-Moser-Filme erinnerte, die sie mal in einem Seminar über Tontechnik in der Filmproduktion hatte analysieren müssen, nahm die Bestellung auf. Emma orderte Café con leche und ein Croissant. Der Kellner deutete einen leichten Diener an und verschwand.

»Sie sind erst gestern angekommen? Aber Sie kennen die Insel?« bemühte sich Hollerbeck um einen Neustart der Konversation.

»Ja. Und ja. Ich bin gestern mit einem Billigflieger aus Weeze gekommen – bei Düsseldorf –, und ich war als Kind schon ein paar Mal hier, zuletzt allerdings vor zwanzig Jahren.«

»Seither hat sich die Insel gewaltig verändert. Seit dem Immobilienboom auf der Halbinsel, wie die Tinerfeños zu Spanien sagen, ist sie von Festlandspaniern als Anlageobjekt entdeckt worden. Im Vergleich zur Costa del Sol oder Mallorca sind die Preise hier aber immer noch sensationell niedrig.«

»Da haben Sie sicher gute Geschäfte gemacht.«

»Durchaus. Obwohl meine Kunden überwiegend Deutsche sind. Und die haben sich an die niedrigen Preise hier auf der Insel gewöhnt. Die Älteren schwärmen heute noch davon, wie wenig früher hier der Cognac gekostet hat. Die leben noch im 20. Jahrhundert und nehmen nicht wahr, dass sich die Welt um sie herum geändert hat. Die Globalisierung!«

Hollerbeck breitete beide Arme aus, als wolle er den Globus umarmen und schnitt dazu ein Gesicht, als habe er eine Erscheinung.

»Dann sind es deutsche Interessenten, die mein Apartment kaufen wollen?« Emma hatte vom Smalltalk genug.

»Nicht direkt.«

Hollerbecks kryptische Antwort wurde von Hans Moser unterbrochen, der ihnen Café und Croissant servierte und für Hollerbeck einen Cortado leche y leche.

»Was ist das: leche y leche?« fragte Emma mit Blick auf das kleine, bis zum Rand gefüllte Glas, das vor Hollerbeck zum Stehen kam.

»So trinken die meisten Tinerfeños ihren Espresso: mit zweierlei Milch. Ganz normalem Milchschaum, wie beim Cortado – in Deutschland sagt man Espresso macchiato – und zusätzlich einer süßen Kondensmilch. Man braucht dann keinen Zucker mehr. Das sollten Sie mal probieren! Lecker!« Er nippte am Kaffee und erinnerte Emma dabei an den kleinen knubbeligen Mann aus einer alten Tschibowerbung.

»Werde ich tun. Aber jetzt erklären Sie mir doch bitte, was das heißt: nicht direkt?«

Hollerbeck lehnte sich in seinem Stuhl zurück, zögerte einen Moment, theatralisch, wie Emma fand, und schien sich dann einen Ruck zu geben:

»Ich darf Ihnen das leider nicht sagen. Noch nicht. Wenn Sie unser Angebot annehmen, werden Sie die Herrschaften natürlich kennenlernen. Wenn Sie das Angebot, was ich nicht hoffe, aber ablehnen sollten, würden die Interessenten gern anonym bleiben. Es wird so viel geschwätzt auf der Insel – und gerade im La Palma, wenn Sie verstehen.«

»Das verstehe ich, durchaus. Trotzdem hätte ich gerne zumindest eine Ahnung davon, wer sich für das Apartment meiner Großmutter interessiert. Es ist übrigens immer noch das Apartment meiner Großmutter. Ich bin zwar die Erbin, aber um die Formalitäten hier in Spanien habe ich mich noch nicht kümmern können.«

»Darum machen Sie sich bitte überhaupt keine Sorgen! Darum kümmert sich die Stella Real Estate. Auf Eigentumsübertragungen und Erbschaftsregelungen sind wir spezialisiert. Und darauf«, Hollerbeck senkte die Stimme und blinzelte Emma listig lächelnd zu, »den steuerlichen Rahmen zu optimieren. Sie verstehen, was ich meine?«

»Ich glaube: eher nicht. Muss ich hier Erbschaftssteuer zahlen?«

»Oh ja. Und nicht zu knapp. Aber es gibt Wege… Dazu muss man sich natürlich auskennen im komplizierten spanischen Erbrecht. Es kommt immer auf die individuelle Situation an.«

»Und da kennen Sie sich aus?«

»Das darf ich wohl behaupten, ja. Und für alles richtig Komplizierte haben wir natürlich unsere Experten.«

»Das klingt gut. Hilfe werde ich sicher brauchen, so oder so. Vermutlich eher »so«. Ich habe nicht die Absicht, auf der Insel zu leben. Und als Ferienwohnung vermieten darf man das Apartment laut Haussatzung nicht.«

»Sagen wir besser: im Prinzip nicht. Aber auch im Vermietungsgeschäft muss man sich auskennen – oder Hilfe auf der Insel haben. Das ist übrigens das zweite Standbein der Stella Real Estate.«

Das zweite Standbein? konnte Emma nicht verhindern zu denken. Und womit wurde gespielt: mit dem dritten? Sie schüttelte ihren Wuschelkopf und so den Gedanken schnell wieder ab.

»Also was wollen Ihre geheimnisvollen Interessenten – sind es übrigens Männer oder Frauen – denn nun zahlen?«

Jochen Hollerbeck schaltete auf hyper-ernst und ließ bedeutungsschwer einige stille Sekunden vergehen.

»Haben Sie sich mal nach dem Marktwert der Apartments im La Palma erkundigt?«

»Nein, aber wenn es hier so einen tollen nachgeholten Immobilienboom gegeben hat, werden die wohl sehr erfreulich sein, aus Verkäufersicht.«

»Erfreulich sind sie, ja, aber keineswegs sensationell. Der Boom hat trotz allem die Kanaren nur in sehr abgeschwächter Form erreicht, und jetzt ist überall die große Krise zu spüren. Hinzu kommt: das La Palma stammt aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. So einen Hochhauskasten würde heute niemand mehr bauen. Und er würde auch nicht genehmigt werden.«

»Das muss ihn doch besonders wertvoll machen. Der Blick aufs Meer ist einzigartig. Das ist doch sonst nirgends mehr zu bekommen.« Emma fühlte sich wie eine clevere Verkäuferin.

Hollerbeck ging auf ihr Argument tatsächlich ein: »In der Tat, der Blick und die Lage des Hauses, das sind die beiden größten Pluspunkte dieser Immobilie. Auch, dass es gut gepflegt ist, für ein Haus dieses Alters; dank der Eigentümergemeinschaft, die sehr rege ist. Auf der anderen Seite: das Haus ist fast vollständig in deutscher Hand. Das engt den Interessentenkreis ein.«

»Sie meinen: weil dort so viele Deutsche wohnen, wollen Spanier oder Engländer nicht einziehen?«

»So generell würde ich das nicht sagen. Aber die meisten Engländer ziehen doch eine britisch geprägte Umgebung vor. Spanier sind offener, aber auch gern unter sich. Zum Glück kommen jetzt zunehmend auch Kaufinteressenten aus anderen Regionen Europas. Und nicht nur Europas.«

»Ach! Woher denn? Aus Russland?«

»Zum Beispiel. Aber auch aus Polen oder dem Baltikum, und inzwischen erreichen uns auch gelegentlich schon Anfragen aus China.«

»China, ja, davon habe ich gehört. Aber warum? Teneriffa ist doch endlos weit weg, von China oder Russland aus?«

»Das stimmt natürlich. Aber die Kanaren sind nun einmal der südlichste Teil der Europäischen Union, des Gelobten Landes. Und obendrein mit dem besten Klima Europas gesegnet. Teneriffa hat zwei Flughäfen, eine 1a-Infrastruktur – und ist sicher. Rechtssicherheit: Das ist in China oder Russland seltener als die berühmten Seltenen Erden. Glauben Sie mir: Es gibt keinen angenehmeren Weg aus der Wildnis des globalen Finanzkapitalismus hinein in die sichere Höhle Europa als den über die Kanaren. Das spricht sich herum.«

»Hmm. Das klingt einleuchtend. Aber kommen Ihre ominösen Interessenten für meine Wohnung nun aus China oder aus Russland? Und Sie haben mir immer noch nicht gesagt, ob es Männer oder Frauen sind.«

»Es könnte ja auch eine Familie sein oder eine Firma. Aber nein, so viel kann ich Ihnen wohl verraten: es ist eine Frau, und sie ist keine Chinesin. Obwohl: was hätten Sie gegen Chinesinnen einzuwenden?«

»Nichts. Eine Russin also?«

»Pardon, aber ich habe womöglich schon viel zuviel gesagt. Sie wollen mich in die Enge treiben! Sie sind raffiniert!« Hollerbeck winkte Emma mit dem erhobenen Zeigefinger schalkhaft zu.

»Ich denke nicht, dass mir das gelingen könnte. Übrigens haben Sie immer noch keinen Preis genannt.«

»Was wird Ihnen der Preis sagen, wenn Sie den Markt nicht kennen? Ich schlage vor, Sie informieren sich, zu welchem Preis Apartments im La Palma und in ähnlichen Edificios derzeit gehandelt werden. Ich versichere Ihnen: Das Angebot, das ich Ihnen vorlegen darf, wird deutlich darüber liegen.«

»Wie deutlich?«

»Man könnte meinen, Sie seien aus der Branche! Aber richtig, Sie sind ja Journalistin! Offensichtlich eine sehr gute – so hartnäckig, wie Sie nachhaken. Sie lassen niemals locker, was?«

Emma strengte sich an, nicht geschmeichelt zu wirken.

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag.« Hollerbeck beugte sich zu Emma hinüber: »Ich lade Sie zu einer kleinen Rundfahrt ein. Haben Sie ein Auto? Nein? Dann nehmen wir meinen Wagen. Und ich verschaffe Ihnen einen schnellen Marktüberblick. Gleich morgen, wenn Sie mögen. Was halten Sie davon?«

Das klang fair. Und interessant. Emma hatte bisher nicht daran gedacht, sich ein Auto zu mieten. Und sich ein paar Baustellen und andere Apartmenthäuser anzusehen, das konnte doch kaum schaden, wenn sie jetzt im Begriff sein sollte, ins Immobiliengeschäft einzusteigen. Und dieser Jo war zwar ein schmieriger Ranschmeißer, wirkte aber eher lächerlich als gefährlich. Mal sehen, dachte sie, was er noch alles anstellen würde, um mit ihr ins Geschäft zu kommen:

»Klingt gut. Und vernünftig. Würden wir uns auch Objekte im Süden der Insel ansehen?«

Hollerbeck zögerte. »Das ist nicht unbedingt zwingend. Der Markt dort ist ganz anders als hier im Norden.« Emma legte einen sehr enttäuschten Gesichtsausdruck hin. Hollerbeck schaltete schlagartig um:

»Aber wenn Sie mögen: Machen wir eine Inselrundfahrt! Ich verdinge mich für einen Tag als Ihr persönlicher Reiseführer. Wenn Sie unterwegs noch irgendwo anhalten wollen: gern!«

Klar, dachte Emma; weil du glaubst, mich dann am Haken zu haben!

»Außerdem«, Hollerbeck strahlte sie an: »was kann mir besseres widerfahren, als einen ganzen Tag mit einer schönen jungen Frau zu verbringen? Vielleicht werden wir gesehen. Das täte meinem Image gut.«

»Und was sagt Ihre Frau dazu?«

»Wozu? Dass ich mit einer Kundin unterwegs bin? Oder woran dachten Sie?«

Oh Gott, jetzt zwinkerte er ihr zu, als seien sie Komplizen und zog dabei einen Mundwinkel hoch – wie dieser Schauspieler in Grumpy Old Men! Walter Matthau. Mehrere Stunden mit diesem Kerl im Auto? Was hatte sie sich dabei gedacht? Ob sie das aushalten würde? Ach was, hätte Paul ihr zugeraunt: du bist Journalistin. Sieh das professionell! Geh auf Recherchetour und nutze die Quellen, die sich bieten!

»Ok«, sagte Emma: »Wann geht es los?«

5. Kapitel

Jochen Hollerbeck fuhr einen großen weißen Mercedes. Ein etwas betagtes, aber gepflegtes Auto. Mit roten Ledersitzen. Es zeugte von deutlich mehr Klasse als Pedros weißer Subaru. Aber was hatten die Leute hier mit Weiß? Das schien die neue Modefarbe zu sein, jedenfalls in den Augen von Männern reiferen Alters. Was glaubten sie, damit zu demonstrieren? Reinheit und Unschuld konnte es ja kaum mehr sein, nicht bei Kerlen Ende 50, Anfang 60, wenn sie halbwegs was erlebt hatten bis jetzt. Und Jochen Hollerbeck sah eindeutig so aus, als habe er schon einiges erlebt. Als ließe er nichts aus, fand Emma. Irgendetwas verlockte sie, ihn zu reizen. Wie ein Torero den Stier.

»Warum fahren Sie eigentlich ein weißes Auto?« Die Frage platzte aus ihr förmlich heraus, als sie bei La Laguna auf die Südautobahn einbogen. Emma konnte nichts dafür. Manchmal, so kam es ihr vor, ballten sich in ihrem Kopf kreisende Gedanken zu einer Frage zusammen, die einfach ausgesprochen werden musste, ganz egal, ob die Situation dafür passend war oder ob es sich schickte. Was heißt das eigentlich: »sich schickte«, dachte Emma? Wohin schickt sich das, was sich schickt? Und wer wäscht hier seine Hände in Unschuld, schiebt die Schuld auf das Geschobene – wo sich doch kein Paket, kein Brief, keine Beleidigung von selbst irgendwo hinschickt.

Was war los mit ihr? Hatte sie gestern zu lange in der Sonne gelegen? Hatte sie vielleicht einen Sonnenstich? Was für wirre Gedanken! Schon in der Nacht hatte sie wild geträumt. Gegen fünf in der Frühe war sie schweißgebadet aufgewacht. Sie hatte mit Albert gerungen, im Meer, Albert hatte sie unter die Wasseroberfläche gezogen – das war das letzte, woran sie sich erinnerte. Auch ihre Oma hatte eine Rolle gespielt in dem Traum und eine Flasche 103. Als sie aufwachte, schnappte sie nach Luft wie jemand, der zu lange getaucht hat und endlich wieder an die Oberfläche kommt.

Dabei war der vorige Tag, ihr zweiter auf der Insel, wunderschön gewesen. Nach ihrem späten Frühstück mit diesem komischen Jo war sie beschwingt und bester Stimmung durch Puerto spaziert. Vor einem liebevoll restaurierten Jugendstilhaus gleich hinter einer großen grauen Kirche hatte sie, in einem bequemen Korbstuhl lagernd, noch einen Kaffee getrunken – anders als im Océano allein und diesmal umgeben von Menschen, die sie nicht zu beachten schienen und die Englisch, Spanisch, auch Italienisch mit der Kellnerin parlierten, statt jede Bestellung auf Deutsch aufzugeben. Sie hatte dann, in einem Anfall von Leichtlebigkeit, noch einen Campari bestellt, mit frisch gepresstem Orangensaft. Durch die Wedel der Palmen lächelte die Sonne auf sie herab, die Luft kam ihr vor wie Champagner, jedenfalls nach dem Campari. In einem Brunnen hockte ein steinerner Schwan, dessen Hals bis auf den Rücken hinuntergebogen war, als müsse er gurgeln. Aus seinem Schnabel lief Wasser. Die Beete drumherum leuchteten knallrot; sie waren dicht bepflanzt mit Weihnachtssternen.

Oma Ilse hatte diese nikolausroten Pflanzen geliebt. Auch wenn Emma Weihnachtssterne eher nicht mochte: das ganze Ensemble kam ihr schön vor, zu ihrer Überraschung. Sie hatte, musste sie sich eingestehen, auf Teneriffa eigentlich nichts Schönes erwartet. Was hatte sie überhaupt erwartet? Jedenfalls nicht dieses Gefühl von Leichtigkeit, das sie jetzt überkam und das sie mit Italien verband oder Südfrankreich, aber keinesfalls mit Teneriffa. Teneriffa, das wurde ihr klar, hatte sie leichtfertig für eine Art Altenheim mit Meerblick gehalten. So hatte sie die Insel mit 15 erlebt.

In einem der vielen Restaurants in den Gassen rund um die Plaza del Charco hatte sie dann gegrillte Chocos gegessen, mit den offenbar unvermeidlichen kleinen Pellkartoffeln nebst zwei Soßen. Und dazu kühlen, frischen Weißwein getrunken. Wie Wasser. Nach dem nächsten Cortado hatte sie einen Schwips. An der Playa Jardín lieh sie sich eine Liege und streckte sich im Schatten einer Palme aus, angezogen wie sie war.

Sie bedauerte, nicht in die Wellen springen zu können. FKK war offenkundig unüblich hier – obwohl sie am Strand mehrere ältere Frauen sah, die der gaffenden Welt ihre stattlichen, hängenden, angedörrten Brüste entgegenstreckten, als wäre das für irgendwen ein Genuss. Emmas Badeanzug trocknete derweil auf dem Balkon des La Palma. Sie hätte sich in Puerto einen Bikini kaufen sollen, dachte sie. Einen ganz knappen vielleicht, so wie ihn die jungen Spanierinnen trugen, mit String zwischen den Pobacken. Damit hätte sie den Mittelschwimmern am Pool sicher eine Freude bereitet. Den Mittelfingerschwimmern. Besser nicht.

Stattdessen war sie nach ihrer Strandsiesta kreuz und quer durch Puerto flaniert, schließlich hoch zu einem ehemaligen Hotel, das unübersehbar auf einer Bergkuppe lag. Der Weg dorthin führte durch Gärten, an Brunnen und künstlichen Bächen vorbei und entlang. Von einer Terrasse aus bot sich ihr ein weiter Blick über den Häusersalat der Altstadt. Ein bunter, scheinbar planlos entstandener Mischmasch aus architektonischen Lieblosigkeiten, hier und dort mit Palmen, einem wuchtigen Kirchturm und begrünten Dachterrassen dekoriert. Ein paar Meter von der Brüstung der Terrasse entfernt fand Emma, auf einem brusthohen Sockel, die Kupferbüste einer mild lächelnden älteren Frau. Ein Schild unter der Büste wies sie als »Dulce Maria Loynaz« aus und als eine »kubanische Poetin«. Emma hatte nie von ihr gehört, beschloss aber, den Namen bei nächster Gelegenheit zu googeln. Dulce, das ahnte sie, hieß ›süß‹. Schließlich hießen Dolci Süßgebäck in Italien, wo sie zwei Mal mit Jörg in Urlaub war. Das sanfte, wissende Lächeln der Poetin ließ sie nicht los. Emma hatte das Gefühl, Señora Loynaz zwinkere ihr zu. Das musste die Wirkung des Campari sein, oder der Sonne am Strand!

Hinter dem offenbar leerstehenden Hotel liefen ihr plötzlich ganz andere Menschen über den Weg als unten am Hafen. Jüngere Menschen, jede Menge Jogger, zumeist Spanier offenbar. Young Urban Professionals, so sahen sie aus. Die Stadt schien, so klein sie eigentlich war, Sektoren zu haben, von unsichtbaren Grenzlinien durchwebt zu sein; mit Sektoren für Einheimische, für Festlandspanier, für deutsche Touristen, für andere Ausländer, für Residenten. So nennen, das wusste sie aus dem Reiseführer, die Tinerfeños Leute, die in Florida ›snowbirds‹ hießen – Zugvögel; Menschen aus dem Norden, die hier ihre Rente oder was auch immer verbraten, halb- oder ganzjährig. Menschen wie ihre Großeltern eben.

Am besten gefiel ihr an Teneriffa, das wurde Emma jetzt klar, während sie neben Jochen Hollerbeck auf einem roten, von hellen Altersadern durchzogenen Sitz im weißen Mercedes saß und die Insellandschaft in umgekehrter Fahrtrichtung wie vorgestern auf sich wirken ließ, am besten gefiel ihr dieses unkomplizierte Mit- und Nebeneinander von Einheimischen und Anderen. Sie hatte mal Urlaub auf Jamaica gemacht, mit Jörg, in einem Resort-Hotel, und die Warnung missachtet, nie allein die Hotelanlage zu verlassen. Sie hatte sich wie in Feindesland gefühlt, ständig beäugt und aggressiv bedrängt: »Wanna buy, wanna buy?« Nie wieder, hatte sie Jörg später, zurück in Herne, erklärt – damals hatte sie die Bochumer Wohnung noch nicht – werde sie in einem Land Urlaub machen, wo es Gettos gibt. Sie fühle sich nicht wohl, wo Touristen wirken, als kämen sie von einem anderen Stern, und wo Einheimische nicht in dieselben Hotels, Geschäfte und Restaurants gehen können wie ihre Besucher. Jörg hatte dazu nur den Kopf geschüttelt; ihm hatte Jamaica extrem gut gefallen, vor allem die Steel-Drum-Band, die am Pool jeden Abend ›No Woman No Cry‹ intonierte. Emma war auch dieses Gedudel ab dem dritten Tag mächtig auf den Senkel gegangen.

»Wieso wollen Sie das wissen? Mögen Sie keine weißen Autos?«

»Keine Ahnung. Ich würde mir jedenfalls nie ein weißes Auto kaufen.«

»Und warum nicht?«

»Keine Ahnung. Weiß ist keine Farbe.« Wie konnte es kommen, dass dieser Jo jetzt die Fragen stellte und sie antworten musste? Hey, Emma, geh wieder in die Offensive! »Haben Sie den Wagen schon lange oder haben Sie ihn gebraucht gekauft?«

»Ich habe ihn schon lange und ich habe ihn gebraucht gekauft. Was für ein Auto fahren Sie denn?«

»Gar keins. Ich finde, Ihre Generation macht ein viel zu großes Bohei um Autos. Das sind Fortbewegungsmittel, und meistens stehen sie dumm rum. Jedenfalls in großen Städten. Und versperren Radfahrern den Weg und Touristen den Blick.«

»Aber es ist schon ok, dass wir unsere Inseltour – das war übrigens Ihre Idee! – per Auto machen und nicht mit dem Fahrrad?«

Konnte der Kerl keine Frage beantworten, ohne eine Gegenfrage zu stellen? Ist das vielleicht ein Maklertrick? Eine Masche, um Interesse am potentiellen Kunden zu heucheln und eine »Beziehung« herzustellen?

»Seit wann machen Sie denn schon in Immobilien?« versuchte Emma das Thema zu wechseln.

»Im Grunde immer schon. Eigentlich bin ich ja Architekt. Ich liebe Häuser. Aber hier auf der Insel baue ich nichts. Es steht ja schon genug herum. Und Sie: warum sind Sie Journalistin geworden?«

Ja, warum?

»Weil ich gerne Fragen stelle. Insofern hätten Sie auch ein Motiv gehabt.«

»Ein Motiv? Wozu? Haben Sie mich in Verdacht, ein Verbrecher zu sein?«

»Sollte ich? Nein, aber Sie beantworten jede Frage mit einer Gegenfrage.«

»Tue ich das? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Aber wenn es Sie stört, benutze ich ab sofort nur noch Ausrufezeichen. Zum Journalismus fehlt mir jedenfalls die Begabung. Ich tue mich schon schwer damit, für Immobilienanzeigen die richtigen Worte zu finden. In der Regel kupfere ich bei Kollegen ab. So, das hätte ich zugegeben. Nehmen Sie mich jetzt fest, Frau Kommissarin?«

So unsympathisch, wie er ihr im Océano vorgekommen war, schien dieser Hollerbeck ja doch nicht zu sein. Er zieht halt seine Show ab, dachte Emma. Sie war grundsätzlich bereit, jeden Menschen sympathisch zu finden, der Humor bewies. Eine Schwäche von ihr, hatte Paul ihr oft erklärt, aber, fand sie, eine lässliche.

Sie waren vom La Palma zunächst nach La Paz gefahren. Das ist ein Ortsteil von Puerto, der oberhalb des Hotelviertels liegt und, laut Hollerbeck, das Hauptquartier der deutschen Residenten ist, der etwas wohlhabenderen jedenfalls. Hollerbeck hatte ihr eine Apartmentanlage nahe dem Botanischen Garten gezeigt. Von der Straße aus war der Komplex aus sechs oder acht verwinkelten, strahlend weißen Häusern, die sich um einen großen, geschwungenen Pool gruppierten, gar nicht zu erkennen gewesen, so viele Palmen und Oleanderbüsche und Bougainvillea-Hecken wuchsen um die Bauten herum. Kein Haus war höher als drei Geschosse. Die Erdgeschoss-Apartments hatten Terrassen, die in Parkanlagen übergingen, die mittleren Wohnungen große Balkone, die oberen Dachterrassen. Das alles erläuterte ihr Hollerbeck. Und erwähnte Wellnesszonen, Klimaanlagen, Einbauküchen.

»Warum zeigen Sie mir das? Ich glaube nicht, dass ich mir solche Wohnungen leisten könnte.«

»Och, das können viele auch nicht, die hier wohnen. Darlehen sind derzeit günstig zu haben. Und die Preise steigen. Wenn Sie es richtig anstellen, finanziert sich so ein Apartment von selbst.«

»Erinnern Sie sich: Ich will ein Apartment ver-kaufen, nicht kaufen.«

»Ach ja. Nein, im Ernst: Ich zeige Ihnen diese Anlage erstens, damit Sie eine Ahnung davon bekommen, welche Standards heute erwartet werden, jedenfalls von Käufern mit Geld und gewissen Ansprüchen…«

»Ach so: damit meine Ansprüche an den zu erzielenden Verkaufspreis für das Apartment meiner Großmutter nicht in den Himmel wachsen… und zweitens?«

»Zweitens? Weil ich selber hier wohne. Da hinten, in Haus Drei. Eine Maisonnette-Wohnung mit Blick auf Puerto. Falls Sie mich mal besuchen wollen.«

»Danke. Das wäre nicht nötig gewesen.«

»Och, meine Frau hätte Sie sicher gern kennengelernt. Ich glaube, Sie würden sich gut verstehen.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Na, jedenfalls musste ich ihr sehr genau erklären, mit wem und warum ich heute unterwegs bin. Meine Frau stellt genauso gerne Fragen wie Sie.«

»Ist sie Journalistin oder Maklerin – oder hat sie Grund zur Eifersucht?«

»Noch nicht.« ›Jo‹ zwinkerte ihr zu.

Oh Gott. Wo war sie gelandet? Auf der Insel der Anbaggerer? Tat sie irgend etwas, um solche Männer zu ermutigen, sie anzusabbern? Oder ging von ihr ein Beutegeruch aus? Irgendein Duftstoff, der signalisierte: Halloo, ich bin Single und verzweifelt, brauche dringend Trost und Sex?

Emma beschloss, inzwischen waren sie hinter Santa Cruz, die Dinge geradezuziehen:

»Übrigens, Herr Hollerbeck: falls Sie testen wollen, ob was geht: Lassen Sie das! Ich stehe nicht auf ältere Herren.«

Auwei, das war jetzt vielleicht doch etwas schroff ausgefallen. Aber Jo Hollerbeck schien unerschrocken. Er lächelte sie sonnig von der Seite an:

»Schade. Sind Sie sicher, nichts zu verpassen?«

Wie dreist war das denn?

»Aber keine Sorge. Ich versuche nur charmant zu sein. Ihre Gegenwart hat schon etwas, muss ich gestehen, Animierendes. Und ich darf Sie daran erinnern: es war Ihre Idee, mit mir eine Art Inselrundfahrt zu machen. Und jetzt nehmen Sie es einem alten Mann übel, dass er sich geschmeichelt fühlt! Finden Sie das fair? Aber wir können unser Gespräch auch ganz sachlich auf Summen und Quadratmeterzahlen beschränken.«

»Ich bitte darum.« Verdammt, warum musste sie lächeln, während sie diesen eiskalten Satz aussprach?

»Wohin fahren wir jetzt eigentlich?«

»An die Costa del Silencio. Sie wollten ja den Süden sehen. Spielen Sie Golf?«

Natürlich spielte sie nicht Golf. Allenfalls Minigolf. Aber auch das hatte sie zuletzt vor mindestens fünfzehn Jahren getan. Gerade wollte sie erklären, sie komme aus dem Ruhrgebiet und da finde man Golf dekadent, als ihr einfiel, dass es, ausgerechnet, in Castrop-Rauxel einen großen Golfplatz gab – und außerdem hatte sie neulich noch irgendwo gelesen, nirgendwo in Deutschland gebe es mehr Golfplätze als um das Ruhrgebiet herum. Sie beschloss, das Thema nicht zu vertiefen.

Die Costa del Silencio erwies sich, anders als der Name suggerierte, als höchst lebendige Landschaft aus älteren Hotelkomplexen, Golfclubs und Baustellen. Der Süden, erklärte ihr Hollerbeck, sei längst dabei, das Ballermann-Image abzuschütteln – obwohl es die Billighotels für Pauschalzecher natürlich immer noch gebe, aber die ballten sich in Los Cristianos und an der Playa de las Américas.

Sie hielten an einer fast fertiggestellten Golf-Stadt aus schmucken Apartmenthäusern und Villen an, und Hollerbeck zeigte ihr Häuser, für die mehr als eine halbe Million Euro verlangt würden. Zum Teil weit mehr. Im Vergleich dazu sei der Norden noch immobilenmarktmäßig unerschlossen. Uninteressant sei der Norden, sagten die Einen, die nur den Süden für vermarktbar hielten, mit seinem ewigen Sonnenschein und seinen Kunstlandschaften jenseits von Gottes Mülldeponien, die ihr auf der Fahrt vom Südflughafen nach Puerto aufgefallen waren. Voller Potential, sagten Andere. Dazu zähle er, Jochen Hollerbeck: zu den Anderen. Der Norden sei wieder im Kommen, da sei er sich sicher. Menschen mit Geschmack langweilten sich, wenn sie unter sich immer nur Greens und über sich immer nur blauen Himmel sähen: »Wie ist das mit Ihnen? Mögen Sie Wolken?«

Mochte sie Wolken? Interessante Frage, fand Emma.

»Ja«, wurde ihr klar, »ich mag Wolken. Als Kind habe ich darin oft seltsame Tiere entdeckt. Und heute früh, vom Balkon aus, fand ich es faszinierend zu beobachten, wie der Himmel erst ganz blau war, sich dann zuzog, bis die Wolkendecke schließlich wieder aufriss. Auch das Meer hat dabei ständig seine Farbe verändert, von Hellgrau über Dunkelgrau zu Blau, Grün und Türkis. Toll!«

»Vielleicht sollten Sie das Apartment Ihrer Großmutter doch behalten. Ich glaube, Sie sind dabei, sich in die Insel zu verlieben.«

War sie das?

Vielleicht, dachte Emma, erwiderte aber: »Keine Sorge! Dann hätten Sie ja Benzin und Zeit zum Fenster rausgeworfen.«

»Das glaube ich nicht. Außerdem: Vielleicht verkaufen Sie ja die Wohnung Ihrer Oma und kaufen sich was anderes. Dann hätte ich gleich ein doppeltes Geschäft gemacht. Außerdem bereitet es mir – trotz allem – Freude, mit Ihnen durch die Gegend zu fahren. Darf ich sagen oder finden Sie das auch anzüglich: ich finde Ihre Gesellschaft erfrischend?«

Von der Costa del Silencio fuhren sie nach Los Cristianos weiter, um, wie Hollerbeck sagte, »die Schrecknis zu sehen«. Statt dort eines der überall angepriesenen Full English Breakfasts zu genießen, aßen sie später in einem Restaurant an einer kleinen Bucht der Costa Adeje zu Mittag. Emma bestand darauf, »meinen Fahrer« einzuladen. Auf dem Weg nach Los Gigantes erschien ihnen dann wie eine Fata Morgana ein erdroter Hotelkomplex, der Emma an die Adobe-Bauten prähistorischer Indianer im Südwesten der USA erinnerte. Nur, dass die Indianer wohl keine Teiche mit Koi-Karpfen an Michelin-besternten Restaurants angelegt hatten. Und Golf spielten die Hopis auch nicht. »Siebenundzwanzig Loch«, erklärte ihr Hollerbeck: »Das Nonplusultra zur Zeit. Und falls Golf Sie langweilt, weil Sie ja noch jung genug sind, um Sex zu haben, bleibt Ihnen, neben dem Sex, allezeit eine schöne Aussicht auf die Berge und auf La Gomera und die Auswahl zwischen sieben Restaurants.«

Emma musste lächeln. La Gomera. Sie erinnerte sich an eine Wanderung, die sie mit ihren Großeltern gemacht hatte, damals, in ihrem persönlichen annus horribilis 15. Die einzige Wanderung, zu der sie sich damals hatte überreden lassen. Erstaunlicherweise hatte sie Gefallen daran gefunden. Sie erinnerte sich an eine menschenleere, total rentnerfreie Landschaft und, mittendrin, an einen gemauerten Dreschpatz. Da hatten sie gepicknickt, Opa Heinrich, Oma Ilse und sie, ganz allein, unter ihnen der Ozean. Und am Horizont war Gomera zu sehen gewesen, die Nachbarinsel, verschleiert. Märchenhaft, total märchenhaft war ihr das vorgekommen, damals. Sie erzählte Hollerbeck davon.

»Ich glaube, ich weiß, wo das gewesen sein könnte. Im Teno-Gebirge. Da kommen wir durch, wenn wir nicht über die Autobahn wieder zurückfahren, sondern über Santiago de Teide. Dann hätten wir wirklich eine Inselrundfahrt gemacht.«

»Wäre das ein großer Umweg?«

»Für Sie ist mir kein Weg zu weit, das sollten Sie inzwischen wissen.«

Emma verdrehte die Augen. Aber so wie Hollerbeck grinste, als er das sagte, so Walter-Matthau-mäßig, konnte sie ihm auch diesen Baggerspruch nicht wirklich übel nehmen. Mal schauen, dachte sie sich, wie weit Hollerbecks Geduld auszureizen sein würde:

»Auch kein Wanderweg? Wir sind damals vielleicht eine Stunde oder so gelaufen. Würde Sie das überfordern?«

Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, blieb Jochen Hollerbeck ihr eine sofortige Antwort schuldig.

»Heißt das, Sie wollen wandern gehen? Heute? Jetzt? Mit mir?« fragte er, alarmiert klingend – nachdem er zuvor gefühlte drei Minuten schweigend den Verkehr vor ihnen fixiert hatte: »Ich fürchte, dafür sind wir nicht ausgerüstet.«

»Ausgerüstet? Ich kann mich nicht erinnern, damals mit 15 ›ausgerüstet‹ gewesen zu sein. Jedenfalls hatten wir keine Pickel und Seile dabei.«

»Na, die brauchen wir hier auch nicht. Aber vernünftiges Schuhwerk schon und Jacken. Im Teno-Gebirge kann sich das Wetter rasch ändern und plötzlich sind wir von Wolken umgeben.«

»Wirklich? Das wäre doch ein tolles Abenteuer. Bitte!« Emma zog ein Kleinmädchengesicht samt Schmollmund und schmachtete Hollerbeck an: »Jooo!«

Wie sich herausstellte, hatte »Jooo« einen Rucksack und Wasserflaschen und einen Anorak und feste Schuhe im Kofferraum. Er parkte den Mercedes an einer Abbiegung im Nirgendwo, neben einem leerstehenden Haus. Von dort aus liefen sie auf alten Ziegenpfaden los. Palmen wuchsen hier nicht, dafür Kaktusfeigen. Jo hielt sie davon ab, eine zu pflücken: »Vorsicht, die sind voller kleiner fieser Stacheln.«

Ja, genau, Emma wusste es wieder. Mit 15 hatte sie genau die gleiche Warnung gehört, von Opa Heinrich, und sie ignoriert. An den Schmerz an Fingern und Zunge konnte sie sich mit einem Mal wieder höchst lebendig erinnern. Diesmal verhielt sie sich klüger.

Kein Mensch kam ihnen entgegen, während sie immer höher anstiegen. Emma voran, Hollerbeck, gelegentlich keuchend, hinterdrein. Unten im Tal und an den Hängen gegenüber, in weiter Ferne, konnten sie einsam gelegene Bauernhöfe, ach was, Steinhütten erkennen. Aber wer auch immer dort lebte, so scheinbar entrückt von der Welt der Supermärkte und 27-Loch-Golfplätze, und die terrassenförmig angelegten steinigen Äcker bestellte, hielt sich versteckt. Mehrfach bot Hollerbeck ihr an, in einem zunehmend flehentlichen Ton, wieder umzukehren. Jetzt habe sie doch wohl einen guten Eindruck von der Landschaft bekommen! Da ändere sich nichts mehr, und sie hätten ja noch eine lange Fahrt vor sich… Doch Emma kam sich vor, als hätte sie eine Witterung aufgenommen:

»Ach Jo, es kann nicht mehr weit sein. Da war eine alte Steinhütte und ein gemauerter Platz, ich seh‘s wieder vor mir, mit einem großartigen Blick auf das Meer und auf Gomera. Vielleicht ist das Gelände ja zu kaufen, und Sie bauen ein Resort hierhin, für Aussteiger, die bereit sind, viel Geld dafür zu bezahlen, von allem ganz weit weg zu sein. Mit Golfplatzanbindung natürlich und mit Sterne-Restaurant. Und Hubschrauberlandeplatz.«

Hollerbeck war nicht mehr nach Humor zumute. »Solche ehemaligen Dreschplätze gibt‘s hier mehrere. Es kann sein«, japste er, »dass Sie mit Ihren Großeltern ganz woanders rumgelaufen sind.«

»Kann sein. Glaub ich aber nicht. Das kommt mir alles sehr bekannt vor hier«, schwindelte sie. Emma hatte, gestand sie sich ein, einfach Spaß daran gefunden, Hollerbecks Geduld und Kondition auszureizen. Hatte sie eine bislang verborgene sadistische Ader? Außerdem war die Landschaft wirklich großartig, die Luft sowieso. Und das Laufen tat ihr gut. Der Kopfschmerz war verflogen.

Da war es! Sie hatten einen letzten, steilen Anstieg hinter sich gebracht, waren um eine abstrus gen Himmel zeigende Felsnase gebogen, da tat sich plötzlich ein weiter Blick auf, über das tief unter ihnen schimmernde und von hier aus unhörbare Meer auf das unten herum leicht verschleierte La Gomera. Eine Fähre zog eine Schaumspur hinter sich her. Ein paar Segel blähten sich im Wind, klein wie Konfetti, von ihrem Logenplatz hier oben aus gesehen. Emma blieb stehen und atmete ein paar Mal tief ein und wieder aus.

»War es hier? Ist das der Platz, an den Sie sich erinnern?« In Hollerbeck, der zuletzt sehr still geworden war, schien Leben zurückzukehren. Und Hoffnung: »Dann kehren wir jetzt um, ja? Bitte!«

»Gleich. Auf ein paar Minuten kommt es jetzt ja wohl auch nicht mehr an. Oder können Sie nicht mehr?« Emma setzte ein Krankenschwestergesicht auf und musterte Hollerbeck besorgt. Als hätte er soeben offenbart, inkontinent zu sein.

»Keine Sorge, ich bin fit. Ich dachte eher an Sie. Es könnte kalt werden auf dem Rückweg, und wir sind doch am Ziel.«

»Nicht ganz. Aber fast. Sehen Sie die Hütte da unten? Den Steinhaufen? Ich glaube, da haben wir damals gepicknickt. Da müssen wir noch hin, dann ist es gut – aber Sie können gern auch hier warten und ich gehe die paar Meter allein.«

»Kommt überhaupt nicht in Frage. Aber was glauben Sie, da unten zu finden, was Sie hier nicht haben? Die Aussicht wird von dort nicht besser sein als von hier aus.«

»Mag sein, aber ich muss da einfach hin; jetzt, wo wir schon so weit gekommen sind. Das verstehen Sie doch, oder?«

Nein, Hollerbeck verstand es offensichtlich nicht, aber er folgte ihr kopfschüttelnd. Der kurze Abstieg war nicht unbeschwerlich. Ziegen waren hier seit langem nicht mehr hergegangen, Wanderer offenbar auch nicht. Hollerbeck unternahm noch mehrere Versuche, Emma zur Umkehr zu bewegen. Doch es war zwecklos.

»Hier war es. Genau hier. Da auf den Steinen haben wir gesessen und Käsebrote und Bananen gegessen. Und hier, auf dieser flachen Bank, bin ich eingedöst damals. Es war genauso sonnig wie heute. Es war der schönste Tag des Urlaubs. Also eigentlich: der einzig schöne, wie ich damals fand. Und jetzt muss ich was suchen.«

»Suchen? Was müssen Sie suchen?« In Hollerbecks Stimme klang eine Spur von Entsetzen mit.

»Ein Amulett. Ich habe seinerzeit ein Amulett hier versteckt.«

»Ein Amulett?« Offenbar hatte Hollerbeck seine Smartness jetzt völlig verlassen. Er starrte sie mit offenem Mund ungläubig an, als wäre sie verrückt geworden.

»Sage ich doch. Eine Halskette, die mir mein erster Freund geschenkt hatte. Also, ein Junge, der glaubte, mit mir zu gehen. Ich hab damals, als ich lag und döste, mit ihm Schluss gemacht. Hat er natürlich nicht gewusst. Ich hab ihm später erzählt, ich hätte das Amulett beim Schwimmen verloren. Er war untröstlich, der Arme.«

»Ich hätte nie gedacht, dass Sie so gemein sein können. Sie sind ja eine Männerfresserin! Aber Sie wollen das Amulett jetzt im Ernst nicht suchen, oder?«

»Oder doch. Schon allein, damit Sie sehen, dass ich nicht gemein bin, sondern sentimental.«

Und schon fing Emma an, Steine an die Seite zu zerren. Steinblöcke, die den Zugang zu der zerfallenen Hütte versperrten.

»Was tun Sie da? Das ist hier ein Naturschutzgebiet. Kennen Sie nicht den Spruch: Nehmen Sie nichts als Fotos mit und hinterlassen Sie nichts als Fußabdrücke?«

»Sehen Sie, ich habe etwas wieder gutzumachen. Vor zwanzig Jahren habe ich hier widerrechtlich frevelnd etwas hinterlassen. Das hole ich jetzt zurück. Auf dass die kanarische Natur wieder ihre wohlverdiente Ruhe finde!«

Währenddessen hatte Emma schon einen Haufen Steine beiseite geräumt. Allmählich tat sich der Blick ins Innere der zerfallenen Hütte auf.

»Sie wollen doch da wohl nicht reinkrauchen! Lassen Sie das! Die Decke könnte einstürzen und Sie begraben. Wie soll ich hier Hilfe holen?«

»Die brauchen Sie nicht. Sie sind doch ein starker Mann. Und wenn mir vor zwanzig Jahren nichts zugestoßen ist, wird‘s heute auch gut gehen.«

Und schon hatte sich Emma bäuchlings zwischen den Steinen hindurch in die Enge der alten Schutzhütte gezwängt.

»Iiiiihhh!«

Was war das? Ein Schuh? Ein Schuh. Aber nicht nur ein Schuh. Während sich ihre Augen an das Dunkel langsam zu gewöhnen begannen, tastete Emma den Gegenstand vor sich ab. Jenseits des Schuhs fühlte sie etwas Ledrig-Weiches, etwas, das auf Druck nachgab. Ein Tier? Eine Echse? Quatsch, so große Echsen, das wusste sie, lebten hier nicht. Und sie trugen bestimmt keine Schuhe. Emma zog die Hand spontan zurück. Dann streckte sie sie vorsichtig wieder aus und betastete das, was da länglich vor ihr lag. Stoff. Stoffreste, und darunter – konnte das sein? – ein Körper! Nochmal schrie sie gellend auf.

Hinter ihr schob Hollerbeck jetzt eilig weitere Steine beiseite. Das Licht wurde besser. Und Emma verstand: kein Zweifel, sie hatte eine Leiche gefunden.

6. Kapitel

»Au!«

Emma trat mit einem Fuß Hollerbeck mitten ins Gesicht. Seine Nase blutete.

»Das tut mir Leid. Das wollte ich nicht. Legen Sie sich flach auf den Boden und beugen Sie den Kopf in den Nacken!«

Als hätte sie eine Schlange gebissen, hatte Emma sich ruckartig zurückgeschoben – und dabei Hollerbeck, der hinter ihr emsig Steine beiseiteschob, getroffen. Immerhin hatte das den, fand sie, angenehmen Nebeneffekt, dass sie schlagartig wieder klar denken konnte. Die Hysteriegefahr war gebannt. Fürs erste.

Sie hatten eine Leiche gefunden!

Eine Leiche, die offenbar schon länger hier lag. Das, was an Körper erkennbar war – die Hände, der Kopf – war, soviel ließ das Dämmerlicht erkennen, so verschrumpelt wie Ötzi, die antike Gletscherleiche. Vertrocknet. Aber so alt wie Ötzi war der Mann offenkundig nicht – Kleidung und Schuhgröße deuteten klar auf männliche Leiche. Der Stoff jenseits des Schuhs entpuppte sich als Funktionshose aus jenem leichten, wasserdichten Stoff, der zur globalen Wanderausrüstung des frühen 21. Jahrhunderts gehörte. Nur die Farbe war unidentifizierbar.

»Was machen wir jetzt?« wollte Emma von Hollerbeck wissen, als dessen Nase nicht mehr blutete.

»Ich denke, wir sollten die Steine wieder zurechtrücken und verschwinden.«

»Und vergessen, was wir hier gefunden haben?« Das erschien Emma unmöglich.

»Zumindest nicht darüber reden.« Hollerbecks Stimme klang weinerlich. Nasal. Er drückte sich noch immer ein Papiertaschentuch vors Gesicht.

»Das ist nicht Ihr Ernst. Ich denke, wir sollten die Polizei informieren. Wir müssen die Polizei informieren. Der Mann hier kann ja nicht friedlich gestorben sein. Der ist ermordet worden!«

Emma starrte Hollerbeck in die Augen. Der blinzelte heftig und unternahm einen letzten Versuch, ihr Vernunft beizubringen:

»Kann sein. Wird wohl so sein. Aber daran können wir zwei jetzt auch nichts mehr ändern. Sehen Sie es doch mal so: Wer immer das ist da drin: er hat jetzt hier seine Ruhe gefunden. Bis Sie gekommen sind!«

Emma war sprachlos. Hollerbeck fuhr fort:

»Ich hab keine Ahnung, wer das ist und wie er hierhingekommen ist. Aber ich weiß ganz genau, dass die Polizei uns beiden eine Menge Fragen stellen wird, die wir entweder nicht beantworten können oder jedenfalls nicht gern beantworten würden. Angefangen damit: Wieso sind wir eigentlich hier?«

Emma wischte Hollerbecks Bedenken mit einer Armbewegung beiseite. »Die einzige jetzt relevante Frage, finde ich, ist: wie alarmieren wir die Polizei? Wir haben höchstwahrscheinlich ein Mordopfer gefunden. Jemand wird den Mann dort« – Emma deutete auf den Steinhaufen – »vermissen. Wir haben gar keine andere Wahl, ob wir wollen oder nicht: wir müssen den Fund melden. Das ist unsere Pflicht.«

Hollerbecks Mienenspiel, als er das Wort ›Pflicht‹ hörte, erinnerte Emma wieder heftig an Walter Matthau. Auch Woody Allen kam ihr in den Sinn. Der konnte auch so ein Gesicht schneiden. Sie hatte plötzlich die Schlusszene aus »Manhattan« vor Augen, wo Allens junge Geliebte, die für ein halbes Jahr nach London ziehen will, ihn mit dem Hinweis vertröstet, sie werde ihm treu bleiben, was sei schon ein halbes Jahr… Woody Allen, beziehungsweise der Typ, den er darstellt, schweigt dazu, aber seine Mimik spricht Bände.

Was für ein Blödsinn, jetzt an alte Filme zu denken! Emma wunderte sich über sich selbst und vertrieb die Schattengestalten Walter und Woody, indem sie energisch den Kopf schüttelte.

»Was meinen Sie: Haben wir hier Handyempfang?« Bevor Hollerbeck antworten konnte, hatte Emma ihr Smartphone in der Hand und checkte die Verbindungsanzeige. Ein Signal war vorhanden, wenn auch nur schwach.

Hollerbeck beobachtete Emma mit zunehmender Nervosität. »Ob wir den Toten hier entdeckt haben oder ob das irgendeine Wandergruppe tut, im nächsten oder übernächsten Jahr: was macht den Unterschied? Der Mann ist tot, eine ganze Weile schon. Und wenn ihn jemand vermisst haben sollte, ist die Trauer längst verklungen. Sicher ist nur: wenn wir den Leichenfund melden, sind wir Zeugen, haben wir den Ärger. Brauchen Sie den? Ich nicht.«

Hollerbeck schien das tatsächlich ernst zu meinen. Und so Unrecht hatte er nicht, musste Emma sich eingestehen. Niemand wusste von ihrem Ausflug hierhin. Hätte sie, Emma, nicht in einem Anflug närrischer Nostalgie darauf bestanden, ihr blödes Amulett zu suchen, wären sie nicht hierhin gekommen, hätte sie die Steine nicht weggeräumt, hätten sie auch keine Leiche entdeckt… Einfach den Reset-Button drücken und die Episode überspringen!

Ja, und dann? Dann hätten Jochen Hollerbeck, den sie kaum kannte, und sie ein Geheimnis. Miteinander. Nur sie beide. Ein Gedanke, der Emma überhaupt nicht behagte – ohne dass sie hätte erklären können, weshalb. Und abgesehen davon: sie war Reporterin, Journalistin, und hier vor ihr in einem entlegenen Zipfel der Insel Teneriffa lag nicht nur eine männliche Leiche, sondern eine Story! Ihre Story! Was würde Paul Bärkamp tun? Jeder Restzweifel verflog. Paul würde sagen: »Mädchen, mach was draus!«

»Kommt nicht infrage, Herr Hollerbeck. Hier liegt eine Leiche, wahrscheinlich ein Mordopfer. Ein Mensch, der vermisst wird, der Angehörige hat, die nach ihm suchen, die um ihn trauern. Und irgendwo da draußen ist ein Täter, ein Mörder, der vielleicht wieder zuschlagen wird oder es schon getan hat, wer weiß… das müssen wir verhindern. Dafür sind wir jetzt verantwortlich, ob wir wollen oder nicht. Sie und ich. Das ist jetzt unser Schicksal!«

Hollerbeck nickte, wenn auch eher resigniert als überzeugt. »Sie haben ja Recht. Aber Ärger wird es uns bringen, Zeit wird es uns kosten und wer weiß, was die Presse daraus macht. Pardon! Die Presse ist ja schon hier. Wollen Sie darüber schreiben? Über unseren Fund hier? Über uns?« Hollerbeck wirkte alarmiert.

»Über uns? Ich wusste gar nicht, dass wir beide ein ›Wir‹ sind, Herr Hollerbeck. Sie sind Makler, ich habe ein Apartment geerbt. Wir sind geschäftlich unterwegs, erinnern Sie sich?«

»Ach ja, und was haben wir ›geschäftlich‹ hier oben im Teno-Gebirge verloren, wir zwei beiden ›Geschäftspartner‹?«

Ja, musste Emma sich eingestehen, das würde Fragen aufwerfen. Was hatten sie, Emma C. Schneider aus Bochum, und Jochen Hollerbeck, verheirateter Makler mit ihr gänzlich unbekannter Vergangenheit, hier oben in den Bergen verloren? Und was brachte sie dazu, zielstrebig den Fundort einer Leiche anzusteuern?

7. Kapitel

»Übrigens: was brachte Sie dazu, so zielstrebig den Fundort einer Leiche anzusteuern?«

Emma saß im Kommissariat von Adeje, und der Kommissar war freundlich, aber neugierig. Er hatte Emmas und Hollerbecks Personalien aufgenommen, er hatte sie, jeden für sich, minutiös berichten lassen, wie sie auf die Leiche gestoßen waren und festgestellt hatten, dass es eine Leiche war. Emma ließ auch Jos Nasenbluten nicht aus. Vermutlich hatte er Blutspuren hinterlassen. Blutspuren am Tatort.

Zuerst hatte der Kommissar mit Hollerbeck gesprochen, während sich eine junge Polizistin rührend um Emma kümmerte, ihr Kaffee anbot und auch Zigaretten. Danke, Emma rauchte nicht. Man ließ sich Zeit. Längst war es darüber dunkel geworden.

Es hatte nicht lange gedauert, nach Hollerbecks Anruf – Emma hatte ihm die Initiative überlassen, schließlich sprach er Spanisch –, dann war ein Erste-Hilfe-Helikopter aufgetaucht und auf einem nahen Plateau gelandet. Nachdem klar geworden war, dass hier tatsächlich ein Leichenfund vorlag, kam sogar ein zweiter Helikopter, mit Polizisten an Bord. Die Sanitäter zogen wieder ab. Die Polizeibeamten nahmen Emma und Hollerbeck mit. »Und mein Auto?« fragte Hollerbeck.

»Wo steht das genau? Geben Sie uns den Schlüssel. Wir kümmern uns darum«, versprach ein Polizist.

Beamte waren damit beschäftigt, den Fundort mit Plastikbändern zu sichern und den Boden drumherum akribisch abzusuchen, als der Hubschrauber mit Hollerbeck und Emma an Bord startete. Es war ein fantastischer Flug. Gomera war jetzt noch klarer zu erkennen. Der Blick hinunter auf die Steilküste, auf Meer und Brandung war atemberaubend, fand Emma. Hollerbeck allerdings schien sich für die Aussicht kein bisschen zu interessieren.

Seit Stunden saßen sie nun schon in diesem Präsidium, in einem Ort, von dem sie noch nie gehört hatte, der ihr aber recht wohlhabend vorkam, obwohl sie hier keinerlei Hotelanlagen gesehen hatte und Adeje auch gar nicht am Meer lag, sondern in den Bergen, hoch entrückt von dem Treiben unten an der Küste.

Jetzt, endlich, war sie an der Reihe. Gut, dass sie mit Jo vereinbart hatte – als der Anruf getätigt war und sie auf die Beamten warteten, in sicherem Abstand vom Fundort, wie es am Telefon angeordnet worden war –, dass sie strikt die Wahrheit sagen würden, nichts als die Wahrheit. Hollerbeck riet zwar zu einer gewissen ›Vereinfachung‹ der Story, aber davon wollte Emma nichts wissen. Hielt sich jeder an die Wahrheit, darauf bestand sie, dann konnten sie sich auch nicht in Widersprüche verwickeln. Also erzählte Emma dem Kommissar schnurstracks, was geschehen war. Auf Deutsch, der Kommissar sprach Deutsch:

»Ich bin erst seit ein paar Tagen auf der Insel. Meine Großmutter hat hier als Residentin gelebt. Sie ist vor kurzem gestorben und hat mir ihre Wohnung vererbt. Die will ich verkaufen und so habe ich Herrn Hollerbeck kennengelernt. Er ist Makler und hat mir angeboten, mich mit der Insel und dem Immobilienmarkt hier vertraut zu machen…«

»Im Tenogebirge«, unterbrach sie der Kommissar, süffisant lächelnd.

»Ja, ich weiß, das sieht komisch aus. Aber wir sind rund um die Insel gefahren, waren in Puerto, in Laguna, an der Costa del, ich glaube, Silentium…«

»Silencio, Costa del Silencio.« Täuschte Emma sich, oder hatte das Lächeln des Kommissars etwas Maliziöses?

»Ja, jedenfalls in einem Golfresort dort, dann weiter nach Los Cristianos, und ich habe Herrn Hollerbeck gebeten, auf dem Rückweg durch die Berge zu fahren und im Tenogebirge zu halten.«

»Und warum? Warum ausgerechnet dort, wo wir Herrn Hollerbecks Straßenkreuzer gefunden haben? Das ist ziemlich, wie sagt man: entlegen? Ein Wanderparkplatz ist da nicht.«

»Weil ich zuletzt vor zwanzig Jahren auf der Insel war, als Kind, als Jugendliche. Und damals mit meinen Großeltern wandern war, genau dort. Glaubte ich jedenfalls. Und deshalb habe ich Herrn Hollerbeck gebeten, dort anzuhalten und eine kleine Wanderung zu unternehmen.«

»Herrn Hollerbeck? Sie siezen sich?«

»Natürlich! Wir kennen uns doch erst seit gestern.«

»Oh, das muss nichts heißen. Herr Hollerbeck hat jedenfalls vorhin in der Vernehmung nie von ›Frau Schneider‹ gesprochen, sondern immer nur von ›Emma‹. Sind Sie sich näher gekommen?«

Emma erschrak. Was war das hier? Ein Verhör? Worauf wollte der Kommissar hinaus? Insgeheim musste sie sich eingestehen, dass die Wahrheit, so wie sie war, etwas Unglaubwürdiges an sich hatte. Vielleicht wäre Hollerbecks Idee von der ›Vereinfachung‹ doch nicht so schlecht gewesen. Aber jetzt war es dafür zu spät. Sie legte tiefe Empörung in ihre Stimme:

»Nein! Wo denken Sie hin!«

»Liebe Señorita Schneider: Ihr Freund – oder Ihr Bekannter, der Señor Hollerbeck, für erstaunlich viele einfach ›Jo‹, ist hier kein ganz Unbekannter. Dass er einer jungen, sehr attraktiven Frau die ›Insel zeigt‹, wird niemanden verblüffen. Aber dass er mit ihr spontan wandern geht, das schon. Eine ausgeprägte Wanderfreude, wie sie vielen Ihrer Landsleute ja durchaus zu eigen ist, hat man Jo Hollerbeck bisher noch nicht nachgesagt.«

»So? Was sagt man ihm denn nach? Und wer ist, bitte schön, ›man‹?«

»Wer ›man‹ ist, fragen Sie? Muss ich Ihnen das wirklich erklären? Sie sind doch Journalistin, sagen Sie. Sie leben doch von Gerüchten, oder nicht? Sehen Sie, Teneriffa ist eine Insel. Hier kennt man sich. Und die einen sind bekannter, die anderen leben zurückgezogener. Jo Hollerbeck jedenfalls lebt nicht zurückgezogen.«

»Das heißt, Herr Kommissar?«

»Eigentlich stelle ich hier die Fragen, Señorita Schneider. Der ›Herr Kommissar‹ hat übrigens einen Namen. Ich heiße Madrigal. Roberto Rodríguez Madrigal. Hier haben Sie meine Karte!«

Er schob Emma eine Visitenkarte über den Tisch hinweg zu.

»In deutschen Krimis kommt jetzt immer der Zusatz: Wenn Ihnen noch etwas einfällt, rufen Sie mich an!« Emma sah sich die Karte an und steckte sie ein.

»Das sagen wir hier auch. Aber Sie wollten mir hier und heute noch erzählen, warum Sie unbedingt zu dem alten Dreschplatz wollten und warum sie dort so zielstrebig eine Leiche freigelegt haben!«

»Ich wollte dort keine Leiche freilegen, sondern ein Amulett.«

Kommissar Madrigal zog seine schwarzen Augenbrauen theatralisch hoch und machte ein übertrieben interessiertes Gesicht. Emma fühlte sich an irgendeinen berühmten dicklichen Schauspieler erinnert, aus einer, glaubte sie, Agatha-Christie-Verfilmung. Er spielte darin einen belgischen Detektiv. Beleibt war Madrigal allerdings nicht, eher drahtig, terrierhaft.

»So, ein Amulett!« Madrigal tat ernsthaft interessiert, aber Emma witterte Spott: »Was bringt eine junge deutsche Journalistin dazu, am Tag drei nach ihrer Ankunft auf unserer schönen Insel Teneriffa, an einem gottvergessenen Ort mitten in einem entlegenen Gebirge ein Amulett zu suchen? Können Sie mir das verraten? Sie haben mich wirklich neugierig gemacht?«

Emma musste zugeben: so wie die Frage aus Kommissar Madrigals Mund kam, wirkte ihre Geschichte alles andere als glaubwürdig. Viel hätte nicht gefehlt und sie hätte sich selbst verdächtig gefunden.

»Ich weiß, das klingt komisch, aber es ist nun einmal, wie es ist. Vor zwanzig Jahren, auf dieser Wanderung mit meinen Großeltern, ich war fünfzehn, habe ich dort in diesem Steinhaufen, der mal eine Hütte war, ein Amulett versteckt, ein goldenes Amulett, den mir ein Freund geschenkt hatte. Ich wollte Schluss machen mit diesem Freund…«

Madrigal schob seinen Drehstuhl zurück und zog eine Schublade auf. Er holte etwas hervor und ließ es vor Emmas Kopf schwingen.

»Haben Sie das hier gesucht?« fragte er lächelnd.

»Sie haben es gefunden? Es war also tatsächlich dort? Ich habe mich nicht geirrt?«

»Nein, Señorita Schneider, Sie haben sich nicht geirrt. Sie waren am richtigen Ort. Ob Sie mit dem richtigen Partner dort waren und zur richtigen Zeit, das überlasse ich allerdings Ihrem eigenen Urteil.«

Wieder lächelte Madrigal süffisant, wobei sein feiner schwarzer Schnurrbart ein Eigenleben zu führen schien. Überhaupt war vieles schwarz an diesem Kommissar, fiel Emma auf. Er hatte tiefschwarzes, glatt nach hinten gekämmtes, zweifellos gegeltes Haar. Er trug ein schwarzes Hemd und eine schwarze Krawatte, was den goldenen Krawattenhalter umso auffälliger hervorstechen ließ. Wie alt mochte er sein, der Herr Kommissar? Emma schätzte ihn auf Mitte bis Ende vierzig und fragte: »Sie wollten mir noch erklären, warum Sie Herrn Hollerbeck, wie Sie das offenkundig tun, für keine gute Gesellschaft halten?«

»Habe ich das gesagt, Fräulein Schneider? Das habe ich ganz sicher nicht gesagt. Wir betreiben hier keine üble Nachrede. Wir sind hier bei der Polizei und nicht bei der Presse.«

Jetzt war sie also ›Fräulein Schneider‹, keine Señorita mehr. Was hatte das zu bedeuten? Vielleicht sollte sie vor diesem schwarzen Señor Madrigal, der so ungezwungen auf Deutsch parlierte, auf der Hut sein.

»Ihr Deutsch ist hervorragend, Herr Kommissar. Wo haben Sie es gelernt?«

»Schon in der Schule, in León, auf dem Festland. Auf der ›Halbinsel‹, wie die Tinerfeños sagen. In Kastilien. Meine ganze Familie war sehr an Deutschland interessiert. Später habe ich einige Zeit in Osnabrück gelebt. Man soll dort, habe ich gehört, das reinste Deutsch überhaupt sprechen.«

»Das ist ein Irrtum. Das beste Deutsch wird in Gelsenkirchen gesprochen«, widersprach Emma ihm, um des reinen Widerspruchs willen.

»So? Ist das wahr?« Madrigal tat ernsthaft irritiert. »Ich dachte, in Gelsenkirchen werde eher wenig gesprochen, sondern nur Fußball gespielt – wenn auch nicht besonders gut.«

Was wurde das hier? Was auch immer, Emma entschloss sich mitzuspielen:

»Letzteres stimmt, ersteres nicht. Der bessere Fußball wird natürlich in Dortmund gespielt, der beste überhaupt, jenseits von Barcelona.« Emma nahm an, dass Kommissar Madrigal, wenn er aus Kastilien stammte, vermutlich kein Fan der Katalanen war.

Treffer! Kommissar Madrigals Miene verdüsterte sich:

»Wie können Sie so etwas sagen? Ein solch krasses Fehlurteil ist nur durch Ihre Jugendlichkeit und Ihr zartes Geschlecht zu entschuldigen. Den reinsten Fußball der Welt spielt natürlich Real Madrid. Und den effektivsten Bayern München.«

»Mein Geschlecht? Denken Sie, Frauen können nichts von Fußball verstehen? Haben Sie die deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft schon mal spielen gesehen?«

»Nein, und das werde ich wohl auch nie. Es sei denn, eine Ihrer Ballheldinnen begeht einen Mord, hier, auf meiner Insel, in meinem Revier.«

»Kann ich mein Amulett jetzt wieder haben?«

»Noch nicht, ich bedaure, aber Sie können mir beschreiben, was auf dem Amulett dargestellt ist!«

Emma hatte das Gefühl zu erröten. Wie peinlich. Vor diesem Macho, der vermutlich nachts von Stierkämpfen träumte! Und wieso eigentlich? Was gab es hier zu erröten?

»Ein Pferd. Ein wieherndes Pferd.«

»Ja, das stimmt.« Madrigal hielt sich das Amulett dicht vors Gesicht und tat so, als sähe er die Gravur zum ersten Mal. »Ein merkwürdiger Liebesbeweis, finden Sie nicht auch? Oder war Ihr erster Freund – es war doch der erste, oder nicht? – ein Pferd?«

Da half nur lachen. Emma lachte. Gekünstelt, egal.

»Das soll ein Wildpferd aus dem Emscherbruch darstellen, aus der Gegend, wo mein erster Freund – und in dem Sinne, in dem Sie das zu meinen scheinen, war er nicht einmal mein Freund – zuhause war, und ich auch. Falls Sie das alles wirklich so genau wissen müssen. Wenn‘s der Wahrheitsfindung dient.«

»Wir werden das Alter und die Herkunft des Amuletts überprüfen müssen, Señorita Schneider. Sie verstehen. Reine Routine.« Madrigal war jetzt wieder die Freundlichkeit selbst. »Sie wollen sicher nach Hause. Es war ein langer Tag für Sie. Ruhen Sie sich aus. Wir melden uns wieder. Ich glaube, Herr Hollerbeck wartet noch auf Sie. Er wird Sie sicher gern nach Puerto zurückfahren, in seinem Mercedes.«

Madrigal sprang auf, reichte ihr die Hand und führte sie zur Tür: »Ach, eine Frage hätte ich noch!«

»Natürlich, das machen Kommissare schließlich immer so.«

»Sie scheinen sich gut auszukennen mit Kommissaren, nicht nur mit Maklern!«

Emma fühlte, dass sie schon wieder errötete: »Was wollen Sie wissen?«

»Was sagt Ihnen der Name Klaus Kaltenbrenner?«

8. Kapitel

»Nichts. Kann ich jetzt gehen?« hatte Emma geantwortet – aber nun kamen ihr Zweifel. Stimmte das? Hatte sie dem Kommissar die Wahrheit gesagt?

Wieder saß sie neben Hollerbeck in dessen weißem Mercedes. Wieder war sie auf der Autobahn Richtung Hauptstadt und Norden unterwegs. Doch diesmal ließ sie die Landschaft kalt. Von Landschaft war auch nicht viel zu sehen, in der Dunkelheit. Auch nicht vom Meer, das sie auf der rechten Seite permanent begleitete. Emma hing Gedanken nach. Auch Hollerbeck schwieg. Ungewöhnlich genug für ihn.

»Hat Kommissar Madrigal Sie auch gefragt, ob Ihnen der Name Klaus Kaltenbrenner etwas sagt?« brach Emma schließlich das Schweigen.

»Ja.«

»Und: sagt er Ihnen was?«

»Allerdings. Ihnen etwa nicht?«

»Nein – obwohl: irgendwie kommt er mir vor, als hätte ich ihn schon mal gehört.«

»Vielleicht hat Ihre Großmutter den Namen mal erwähnt. Klaus Kaltenbrenner hat im La Palma gewohnt. Vor drei Jahren ist er spurlos verschwunden. Ich habe übrigens sein Apartment vermakelt.«

Emma war sprachlos. Sie hatte nicht nur eine Leiche gefunden. An einem Ort, an dem sie im Grunde nichts zu suchen hatte. Sie hatte ein Mordopfer entdeckt, das mit ihrer Großmutter bekannt war – denn das war ihr klar: wenn dieser Kaltenbrenner im La Palma gewohnt hat und nicht nur anonymer Eigentümer war, dann musste Oma Ilse ihn gekannt haben. Oma Ilse kannte jeden im Haus. Kam Emma deswegen der Name Kaltenbrenner so vage vertraut vor? Hatte ihre Oma ihn mal erwähnt?

»Das war eine große Sache damals. Hat Ihnen Ihre Großmutter davon nichts erzählt? Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass ein rüstiger, gesunder Rentner spurlos verschwindet. Ohne Abschiedsbrief, nichts. Und ohne Nachkommen, ohne direkte Erben. Wenn unser Toter Klaus Kaltenbrenner war, hätte wir ihn ruhig in Frieden lassen können – niemand sucht nach ihm. Aber Sie wollten ja nicht auf mich hören!«

»Ich hatte in den letzten Jahren keinen sehr intensiven Kontakt mit meiner Großmutter. Wir haben manchmal telefoniert, das war alles. Und ich muss gestehen, ich habe mich für diese La-Palma-Geschichten nie wirklich interessiert. Aber jetzt, wo Sie es erwähnen, glaube ich: Ja, sie muss davon gesprochen haben. Sie war ungewöhnlich aufgeregt damals. Ich glaube sogar, Sie hat gesagt, sie glaube an Mord. Ich hab das nicht ernst genommen damals. Ich hab‘s für Inselgeschwätz gehalten. Und der Name sagte mir nichts. Aber Klaus, ja, so könnte er geheißen haben, der Vermisste.«

»Aber dem Kommissar haben Sie gesagt, Sie kennen den Namen nicht?«

»Ja. In dem Moment sagte mir der Name auch nichts – und offengestanden – ich hatte die Nase voll. Ich wollte raus aus dem Präsidium. Nach Hause.«

»Nach Hause? Hätte ich Sie am Flughafen absetzen sollen? Daran sind wir schon vorbei.«

»Quatsch. Ich meine natürlich das La Palma.«

»Da schau her: das ist Ihnen aber schnell zum zweiten Zuhause geworden. Muss ich jetzt um meinen Deal fürchten?«

»Haben wir einen Deal? Sie haben noch nicht einmal einen Kaufpreis genannt, immer noch nicht. Vom Namen des potentiellen Käufers ganz zu schweigen.«

»120.000 Euro. Ich kann Ihnen 120.000 Euro anbieten. Glauben Sie mir: das ist ein sehr, sehr gutes Gebot. In der Regel gehen Apartments im La Palma für deutlich unter 100.000 weg.«

»Ich glaube nicht, Herr Hollerbeck, dass ich jetzt in der Stimmung bin, über Geschäfte zu reden. Außerdem hat der Kommissar angedeutet, er werde noch mal mit mir reden wollen.«

»Bestimmt wird er das. Sie haben sich ja schließlich verdächtig gemacht.«

»Verdächtig? Wieso?«

»Sie haben ihm – übrigens anders als wir auf Ihr dringendes Bitten hin vereinbart hatten – nicht die reine, die volle Wahrheit gesagt. Mit ein bisschen bösem Willen könnte man sogar sagen: Sie haben gelogen. Ganz eindeutig besteht eine Beziehung zwischen dem Mordopfer, dem Fundort und Ihnen.«

»Und Ihnen, oder vergessen Sie da was?«

»Die Vergessliche, mit allem Respekt, sind Sie. Sie scheinen zu verdrängen, dass ich nur auf Ihre Bettelei hin ins Tenogebirge gefahren bin. Sie haben mich dazu überredet. Ich wollte nicht wandern. Ich wandere nicht gern. Das weiß jeder. Sie haben mich bezirzt. Verhext.«

»Bezirzt? Verhext? Jetzt reicht es aber! Wenn wir nicht gerade auf der Autobahn wären, würde ich Sie bitten, auf der Stelle anzuhalten und mich rauszulassen, Herr Hollerbeck!«

»Das würde meinen Ruf nachhaltig schädigen. Das kann ich mir nicht erlauben. Ich setze keine jungen Damen in der freien Wildnis schutzlos aus.«

»Sie Held, Sie! Weiß Ihre Frau eigentlich, wo Sie stecken – und warum Sie immer noch nicht zuhause sind?«

»Oh ja, seien Sie unbesorgt. Ich habe mit meiner Frau telefoniert, vorhin, als Sie den Kommissar beschwindelt haben. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie mir geglaubt hat.«

»Und was haben Sie ihr gesagt?«

»Die Wahrheit natürlich, was sonst? Heute ist doch unser Wahrheitstag. El día de la verdad. Ob das so klug war, ist eine andere Frage. Aber auch dabei haben Sie ja Ihren Willen durchgesetzt. Ich habe was gut bei Ihnen.« Hollerbeck grinste sein Walter-Matthau-Grinsen.

»Sie haben Ihrer Frau erzählt, dass Sie mit einer Kundin wandern gegangen sind, eine Leiche gefunden haben und jetzt von der Polizei verhört werden? Einfach so?«

»So ungefähr. Ich habe allerdings ein paar Details weggelassen. Die werde ich noch nachliefern müssen. Das wird schwer genug. Einstweilen habe ich meiner Frau nur berichtet, dass ich auf dem Präsidium in Adeje war, weil die Leiche von Klaus Kaltenbrenner gefunden worden ist, einem ehemaligen Kunden von mir. Also, einem Kunden wider Willen. An den Namen erinnerte sie sich. Hat ja auch viel in den Zeitungen gestanden damals.«

»An wen haben Sie denn Herrn Kaltenbrenners Apartment verkauft? Auch an eine Russin?«

»An eine Russin, in der Tat. Aber woher wollen Sie wissen, dass sich auch für Ihr Apartment eine Russin interessiert?«

»Haben Sie das nicht gesagt?«

»Bisher nicht. Aber ja: es ist eine Russin. Übrigens, bevor Sie danach fragen: Kaltenbrenner hatte das Apartment genau unter dem Ihren. 1011.«

9. Kapitel

Es schellte. Diesmal klingelte es doppelt, stereophon. Emma rieb sich die Augen. Wovon hatte sie geträumt, eben noch? Von Hubschraubern und großen Echsen mit ledrigen Häuten. Schuhe hatte die eine Echse angehabt, komisch: Wanderschuhe. Und einen Schnurrbart hatte sie gehabt, einen schwarzen. Es klingelte erneut. Wie spät mochte es sein? Emma kramte nach ihrem Smartphone. Halb elf. Das Smartphone blieb still jetzt. Offenbar sprach jemand eine Nachricht auf ihre Mailbox.

Du liebe Güte, hatte sie lange geschlafen! Aber wie spät war es gewesen, als sie endlich auf ihre Schlafcouch gefallen war? Hollerbeck hatte sie brav bis zum La Palma gefahren und dann tatsächlich noch angeboten, einen »Absacker« zu nehmen, im Hotel nebenan, an der Bar. Die würde noch geöffnet haben, selbst jetzt, kurz vor Mitternacht, hatte Hollerbeck behauptet. Emma hatte dankend abgewunken: sie sei sehr müde jetzt, und Hollerbeck nachgeschaut, als dessen weißer Mercedes den Parkplatz vor dem La Palma hinter sich ließ, Gott sei Dank. Und dann war sie schnurstracks in die Hotelbar geeilt. Ein Absacker, das konnte nicht schaden, aber noch mehr Hollerbeck, das hätte sie nicht ertragen.

Wie sich herausstellte, steckte die Bar des Hotels Atlántico voller Hollerbecks. Jedenfalls sahen die vier männlichen Gäste ihrem – ja was war er denn nun: ihrem Fahrer, ihrem Geschäftspartner, ihrem Makler, ihrem Mitwisser? – allesamt ziemlich ähnlich, fand sie. Lauter junge Alte, vom Alkohol Konservierte, von kanarischer Sonne Gegerbte. Vier gierige Blicke richteten sich auf Emma, als sie die schummrige Bar betrat. Nein, das mit dem Absacker war keine gute Idee gewesen! Aber jetzt wollte sie da durch. Und außerdem: sie brauchte ein Bier. Und in Omas Kühlschrank herrschte gähnende Leere. Das musste sich ändern, gleich morgen.

Emma hockte sich an die Bar, sorgsam jeden Blickkontakt vermeidend, und bestellte ein Cerveza. »Caña? Vom Fass oder eine Flasche? Wir haben Veltins, Heineken und Stella Artois.« Der Barkeeper, deutlich jünger als seine Gäste, sprach reinstes Rheinisch.

»Vom Fass, ein einheimisches, bitte! Kommen Sie aus Köln?«

»Hört man das? Ich bin da aufgewachsen, in Nippes. Meine Eltern waren Gastarbeiter, wie das damals hieß.«

»Und was bringt Sie nach Teneriffa? Sie sind doch kein Spanier?«

»Sehe ich nicht aus wie ein Spanier? Wie sehe ich denn aus?«

»Wie ein Rheinländer halt. Fröhlich. Gut gemischt.«

»Gut gemischt! Das gefällt mir. Das hat mir noch keiner gesagt. Mein Vater ist Bosnier, meine Mutter war Serbin.«

Emma klammerte sich an das Gespräch mit diesem ja durchaus netten Barkeeper. Sie hatte das Gefühl, solange sie mit dem Mann hinterm Tresen im Gespräch blieb, würde sie nicht angebaggert werden, von einem aus dem Quartett der verrenteten Herzensbrecher.

Falsch, einer dieser Hollerbeck-Imitatoren schob sich ungeniert an sie ran und unterbrach ihr Gespräch, zum Keeper gewandt: »Wenn die junge Dame ein zweites Getränk bestellt: das geht auf meine Rechnung.«

Der Kellner blickte von Emma zu dem Mann, der anders als Hollerbeck dunkle Haare hatte, aber genau so volle, wellige – und wieder zurück zu Emma. Der Big Spender ähnelte ein bisschen Gerhard Schröder, dem Ex-Kanzler, fand Emma, den Blickkontakt schnell wieder abbrechend: Jo Schröder.

»Vielen Dank, aber nein, vielleicht ein andermal. Ich bleibe bei dem Bier – und eines reicht.«

Der Schröder-Typ erwies sich als hartnäckig: »Darf ich dann dieses Bier für Sie übernehmen? Übrigens: ich heiße Gerd.« Unglaublich! Gerd! Gerd streckte ihr seine Rechte entgegen, samt dickem Siegelring.

Das durfte doch nicht wahr sein! Emma entschloss sich, die Hand konsequent zu ignorieren: »Danke, ich zahle selbst. Ich habe geerbt.«

Der kölsch-balkanische Kellner hatte erkennbar seinen Spaß an dem Dialog. Er zwinkerte, während er akribisch Gläser polierte, Emma zu, kaum dass Gerd Schröder doch noch abgedreht hatte. »Lassen Sie mal«, schob er das Geld zurück, das Emma ihm für das Bier hinlegen wollte: »Das geht aufs Haus. Oder lehnen Sie diese Einladung auch ab?« Emma schüttelte den Kopf und lachte.

Sie hatte dann doch noch ein zweites Bier getrunken – ein selbst bezahltes – und Mirko, so hieß der Kellner, nach dessen Jugend in Köln ausgefragt und danach, was ihn nach Teneriffa gebracht hatte. Es war simpel: die Hotelkette, für die er arbeitete, hatte ihm den Job hier angeboten. Eine Karrierestation. Eigentlich hatte er Hotelkaufmann gelernt, in der Bar half er nur aus: »Wir müssen sparen am Personal, und außerdem macht es mir Spaß. Man lernt interessante Menschen kennen und manchmal auch nette. Und hört wilde Geschichten.«

»Haben Sie von dem Mann aus dem La Palma nebenan gehört, der vor drei Jahren spurlos verschwunden ist?«

»Ja, komische Geschichte. Da wird viel drüber geredet. Damals war ich aber noch nicht hier. Ich war auf Mallorca zu der Zeit. Aber dieses Apartmenthaus nebenan ist ein Quell irrer Geschichten. Das reinste Geisterhaus. Wohnen Sie da etwa?«

»Ja.« Im Geisterhaus also.

Das war wohl gegen Eins gewesen. Emma hatte sich beschwipst gefühlt. Von zwei Bier! Ihr fiel auf, dass sie seit Mittag, seit dem Stopp am Strand der Costa Adeje, seit ihrem Business-Lunch mit Jo Hollerbeck, nichts gegessen hatte.

Jetzt knurrte ihr Magen. Das Hungergefühl überkam sie gleichzeitig mit der Erkenntnis, dass ihr Smartphone vorhin geklingelt haben musste und gleichzeitig Oma Ilses Telefon. Nun waren beide wieder still. Dafür klopfte jemand an die Tür.

Emma schwang die Beine aus dem Bett, riss den Vorhang auf, warf einen staunenden Blick auf das weite, wieder tiefblaue, mit Schaumkrönchen betupfte Meer und rief: »Einen Moment, ich komme!«

Sie warf sich Oma Ilses Bademantel über – ihr Ausflug zum Pool fiel ihr wieder ein; die Mittelschwimmer dürften sie vermissen heute –, sie strich sich, so gut das eben ging, die Haare glatt, warf einen Blick in den Spiegel und sah gleich wieder weg, dann wieder hin: bin ich das? Sehe ich so verlebt aus? Andererseits könnte man sagen: Marlowe-mäßig, Humphrey-Bogart-artig: wie eine echte Reporterin halt, eine knallharte.

Ob du eine wirklich gute Reporterin bist, weißt du am nächsten Morgen, wenn du am Abend mit einer Quelle tief im Alkohol versunken bist und alle Details noch im Kopf hast und aufschreiben kannst, hatte Paul Bärkamp ihr beigebracht. Also, wenn‘s danach ging, war sie eine wirklich gute Reporterin, fand sie. Und ging beschwingt zur Tür.

Die Poloniaks. Schon wieder. Déjà-vu. Beide Poloniaks standen vor der Tür. Johanna streckte ihr eine Brötchentüte entgegen. Heinz hielt eine Thermosflasche in der Hand. Just in diesem Augenblick klingelte erneut das Telefon.

Emma winkte die beiden herein und trat zwei Schritte zurück zur Anrichte, auf der Omas Telefon stand. Das »mensajes«-Licht blinkte, noch immer.

»Ja, hallo! Hola!«

»Frau Schneider? Spreche ich mit Emma Schneider?« Eine warme, jungenhafte, sympathische Stimme. Emma hatte keine Ahnung, wer das war, aber der Mann klang nett. Nicht aufdringlich, aber besorgt, sich kümmern wollend. »Ja. Und wer sind Sie?«

»Mike Dorenbeck. Sie kennen mich nicht. Ich bin ein Kollege von Ihnen.«

»Ein Kollege? Inwiefern?«

»Ich bin Journalist. Wie Sie. Sie sind doch Journalistin, nicht wahr, Frau Schneider?«

»Wer hat Ihnen das gesagt, und überhaupt: was wollen Sie von mir?« Emma ärgerte sich, dass sie den Inhaber dieser Stimme spontan nett gefunden hatte. Und nicht gleich wieder aufgelegt hatte. Eine Reportermasche. Eine trainierte Stimme. So was hatte sie schließlich auch gelernt, in Gelsenkirchen, im Studiengang Journalismus und Public Relations: Wie spreche ich Unbekannte an? So, dass sie nicht weglaufen oder gleich wieder auflegen. Wie gewinne ich auf Anhieb das Vertrauen meines Opfers? Ihr Dozent war ein Redakteur der Bildzeitung gewesen. Er war gut, das musste Emma ihm lassen – auch wenn sie nach wie vor tiefsitzende Vorurteile gegenüber der Bildzeitung hegte und gegenüber allen, die sich für so ein Schmutzblatt hergaben.

»Keine Sorge, ich bin nicht von der Bildzeitung.«

Konnte dieser, wie hieß er: Mike Dorendings, konnte auch er ihre Gedanken lesen? Oder war sie einfach leicht zu durchschauen?

»Ich bin ziemlich sicher, Frau Schneider, dass Sie mehr Fragen haben als ich und dass Sie Hilfe brauchen könnten. Und ich glaube, ich könnte Ihnen ein paar Ihrer Fragen beantworten – und Ihnen helfen zu verstehen, in was Sie da hineingestolpert sind.«

»Woher wollen Sie wissen, Herr Doren… .«

»Dorenbeck, Mike Dorenbeck. Eigentlich Michael, aber auf dieser Insel schleifen sich alle Vornamen ab.«

»Woher wollen Sie wissen, dass ich in etwas, wie haben Sie gesagt: hineingeschlittert bin?«

»Ich habe recht gute Kontakte zur Polizei. Und ich habe mich intensiv mit dem geheimnisvollen Verschwinden von Klaus Kaltenbrenner befasst. Der Mann, dessen Leiche Sie gestern aufgestöbert haben. Ich glaube, da sind Sie in ein Wespennest gestoßen. Ich schlage vor, wir treffen uns.«

Emma war verblüfft – und überzeugt. Sie hatte Fragen, in der Tat. Und mit einem Profi zu sprechen, das konnte nicht schaden. Kollegial. Aber zu ihren Bedingungen.

»Ok. Wann und wo? Aber nur, wenn Sie mich nicht zitieren und nichts über mich schreiben, was ich nicht autorisiert habe!«

»Klar. Alles bleibt ›unter Drei‹. Sie können sich auf mich verlassen. Ehrenwort! Sagen wir um zwölf an der Plaza del Charco?«

»Um Eins, lieber. Ich habe Besuch. Vor Eins kann ich nicht dort sein. Wo genau? Im Café Océano?«

»Wenn Sie mögen. Das ist der deutsche Rentnertreff dort. Von wem haben Sie Besuch, wenn ich fragen darf?« Mike Dorenbeck klang besorgt.

»Das geht Sie, glaube ich, nichts an. Jedenfalls habe ich nicht Besuch von Ihrer Konkurrenz, falls Sie das beruhigt. Also um Eins am Rentnertreff!«

Und damit legte Emma auf.

Die Poloniaks hatten inzwischen den Klapptisch auf dem Balkon aufgestellt und eingedeckt, mit Tellern und Tassen, Besteck und Serviette. Aus einem Brotkorb lachten Emma Schokocroissants entgegen – und Rosinenbrötchen.

»Du magst hoffentlich Kaffee?« fragte Frau Poloniak: »Wir wussten ja nicht, ob du vielleicht eher die Teetrinkerin bist.«

Richtig. Man duzte sich ja. Seit Carmen und dem Gummibaum, fiel Emma zum Glück noch rechtzeitig ein.

»Kaffee ist schon ok. Das ist sehr nett von … Euch. Woher wusstet ihr, dass ich noch nicht gefrühstückt habe?«

»Wie solltest du? Heute hast du jedenfalls das Apartment noch nicht verlassen und gestern warst du den ganzen Tag unterwegs, bis in die Puppen.«

Während seine Frau sprach, goss Heinz Poloniak Kaffee ein.

»Woher wissen Sie.., woher wisst Ihr das alles? Trage ich einen kleinen Sender bei mir? Könnt Ihr meine Bewegungen verfolgen?«

Johanna Poloniak lachte laut auf, ihr Mann lächelte: »Das würde meiner Frau gefallen, glaube ich. Aber nein: wir wollten dich gestern wieder zum Abendessen mitnehmen. Du warst nicht aufzufinden. Ans Telefon bist du auch nicht gegangen. Wir haben dich mehrfach zu erreichen versucht. Hörst du den Anrufbeantworter nicht ab?«

»Das muss ich noch tun. Ich war gestern mit einem Makler unterwegs und habe mir Apartments angesehen.«

»Willst du etwas kaufen? Willst du dich auf der Insel niederlassen?« Johanna Poloniak wirkte jetzt ganz animiert: »Darüber haben wir auch schon nachgedacht, Heinz und ich, nicht wahr, Heinz?« Sie warf einen Zustimmung erheischenden Blick zu ihrem Gatten hinüber. Der nickte schwach.

»Nein, ich will vielleicht das Apartment meiner Großmutter, das hier, verkaufen. Und ich wollte mir erst mal einen Marktüberblick verschaffen.«

»Das klingt sehr vernünftig. Hättest du etwas davon gesagt: wir wären mitgekommen. Was meinst du, Heinz?«

Heinz nickte erneut.

Emma nahm einen Schluck Kaffee und biss in eines der Schokocroissants. »Woher wusstet ihr, dass ich für mein Leben gerne Schokocroissants esse?«

»Der siebte Sinn.«

Und Heinz: »Johanna ist Hobby-Detektivin. Vor ihr kannst du nichts verbergen. Versuch‘s gar nicht erst!«

»Hobby-Detektivin, so! Da findet Ihr hier ein reiches Betätigungsfeld, habe ich mir sagen lassen.«

»Genau. Deshalb sind wir hier. Und natürlich, damit du an ein Frühstück kommst und nicht völlig vom Fleisch fällst!«

Johanna Poloniak warf einen mitleidigen Blick auf Emmas schlanke Taille.

»Ihr kommt also aus detektivischen Gründen zu mir zum Frühstück, habe ich das richtig verstanden?«

»Sozusagen. Wir haben heute früh das Inselradio gehört, wir sind ja beide Frühaufsteher, nicht wahr, Heinz…« Wieder ein Blick zu ihrem Mann, der wiederum nickte und bestätigte: »Wir sind präsenile Bettflüchter, mit Tendenz zum Senilen.«

Johanna runzelte die Brauen. »Du vielleicht. Du bist senil, ich prä. Jedenfalls«, sie holte tief Luft, »haben wir heute früh im Radio von einem Leichenfund gehört, im Süden, im Teno-Gebirge, und dann war Hannelore ganz aufgeregt, Hannelore Hülsenbusch, unsere Nachbarin und Vermieterin, mit der wir gemeinsam bei Carmen waren, vorgestern, wir waren heute früh mit ihr zum Frühstück verabredet, wir haben nämlich schon gefrühstückt, wir sind immer früh dran, aber das sagte ich ja schon…«

»Der frühe Vogel fängt den Wurm«, warf Heinz dazwischen: »Obwohl wir lieber frische Brötchen essen.«

»Unterbrich mich nicht immer! Heinz ist etwas geschwätzig heute, für seine Verhältnisse, aber das kommt, weil er im Grunde genauso aufgeregt ist wie ich, er kann es nur nicht so zeigen, als Mann, der er ist.«

»Und wieso seid ihr aufgeregt?« Emma griff zu einem Rosinenbrötchen und stippte es in den Kaffee.

»Natürlich konnte ich nicht wissen, dass du gerne Croissants magst und Rosinenbrötchen offensichtlich auch, aber wir dachten erstens: junge Menschen essen so was, und zweitens: vermutlich ist weder Butter noch Belag im Haus.«

»Da spricht die Detektivin, ich sehe. Aber warum wart ihr denn nun aufgeregt?«

»Weil Hannelore aufgeregt war. Sie kannte den Toten! Sie haben seinen Namen erwähnt, im Radio. Klaus Kaltenbrenner. Jetzt kommt‘s: Der hat hier im Haus gewohnt und nicht nur das…«

Johanna legte eine Pause ein, erkennbar aus dramaturgischen Gründen: »Hannelore und er waren gute Bekannte. Deine Großmutter kannte ihn auch. Und alle drei, jetzt kommt‘s noch dicker, waren im Vorstand der Eigentümerversammlung hier vom La Palma!«

»Na und? Was ist daran aufregend?«

»Was daran aufregend ist? Also hör mal! Klaus Kaltenbrenner ist offenkundig ermordet worden. Deine Oma ist unter mysteriösen Umständen verstorben, eine lebensfrohe junggebliebene ältere Dame, kaum älter als wir, und wir würden niemals an Selbstmord denken, Heinz, nicht wahr…«

»Ich schon. Manchmal.«

»Quatsch. Bleib jetzt mal ernst, Heinz! Einmal! Das ist hier nicht zum Spaßen. Zumal: es hat ja noch zwei weitere Todesfälle gegeben in letzter Zeit, hat uns Hannelore erzählt.«

»Was? Zwei weitere Todesfälle? Hier im La Palma? Und wenn schon: was soll daran mysteriös sein? Die meisten, die hier wohnen, sind a… also nicht mehr ganz jung.«

»Was ja nicht heißt, das man lebensmüde ist oder meschugge, wie mein Heinz, manchmal. Na ja, Schlaganfälle, Krebs und Herzinfarkte dürften an der Tagesordnung sein und Leberzirrhosen auch, nach dem, was man über den Alkoholkonsum hier im Hause so hört, aber: Tod beim Schnorcheln? Mann über Bord auf einem Kreuzfahrtschiff?«

Johanna sah Emma aufmerksam an, schweigend und um Zustimmung heischend.

»Also, wenn ich dich richtig verstehe, ist ein La-Palma-Resident beim Schnorcheln umgekommen und einer über Bord gesprungen, von einem Kreuzfahrtschiff?«

»So sieht es aus. Und alle waren, wie ich sagte – halte dich fest –, wie Klaus Kaltenbrenner und wie deine Großmutter, Mitglieder des Vorstands der Eigentümerversammlung hier im Haus. Und wie Hannelore Hülsenbusch. Und die hat jetzt mächtig Angst. Sie glaubt nämlich, sie sei die nächste. Sie oder Pedro.«

10. Kapitel

Zum Schwimmen im Pool war keine Zeit mehr geblieben. Emma hätte auch keine Lust gehabt, sich den Mittelschwimmern und den Balkongaffern noch mal zur Schau zu stellen. Auf Konversationen über Belanglosigkeiten hatte sie schon gar keine Lust. Sie hatte geduscht und marschierte wieder am Meer entlang nach Puerto hinein. Hinter Punta Brava, wo sie bei Carmen Langostinos gegessen hatte, als ihr die Insel noch unschuldig erschienen war, begann die Playa Jardín. Ein langer schwarzer Strand, eigentlich drei Strände, drei sanft geschwungene Buchten, die von Palmen- und Kakteenhainen gesäumt waren. In den Strandcafés saßen schon wieder frühe Zecher beim Bier. Emma konnte nicht anders: Sie musterte jeden, den sie dort sitzen sah, und alle Entgegenkommenden unter dem Gesichtspunkt: Könnte das ein Mörder sein? Oder wenn nicht: welche Geschichte hatte er, hatte sie womöglich zu verbergen? Wobei: alle angeblich Ermordeten waren Männer – außer ihrer Oma! Falls sie sich tatsächlich nicht selbst… Aber wer könnte eine harmlose alte Dame wie Oma Ilse umbringen wollen? Und es müsste jemand gewesen sein, den sie in ihr Apartment hineingelassen hätte, voller Vertrauen. Jemand, der – oder die? – ihre Gewohnheiten kannte. Vielleicht hatte der Mörder – die Mörderin? – mit ihr gemütlich auf dem Balkon gesessen und der Sonne beim Untergehen über La Palma zugesehen? Gruselig. Emma musste sich schütteln. Passanten, die ihr entgegenkamen, musterten sie besorgt. Emma lächelte entschuldigend, abwinkend: alles in Ordnung mit mir!

War wirklich alles in Ordnung mit ihr? Oder hatte sie Halluzinationen? Vielleicht doch einen Sonnenstich? Konnte es sein, dass ihr jemand folgte? Sie sah sich unauffällig um. Den Mann da hinten, den mit der Baseballkappe, hatte sie den nicht vorhin schon gesehen, als sie das La Palma verließ? Der Mann war stehen geblieben, sah aufs Meer hinaus, Jugendlichen zu, die sich einen Spaß daraus machten, immer wieder in die Brandung zu springen und, bei besonders kräftigen Wellen, unter den Kämmen wegzutauchen. Unter normalen Umständen hätte Emma die Jugendlichen beneidet und sich flugs ihren Badeanzug geholt. Das glitzernde Wasser sah höllisch verlockend aus.

Unter normalen Umständen! Ja, normal war nichts. Sie hatte keinen Job, keinen Freund, kein wirkliches Zuhause – ihre Bochumer Wohnung hatte sie erst vor einem halben Jahr bezogen und dann war gleich alles drunter und drüber gegangen mit ihrem Leben, sie hatte gar keine Zeit gehabt, dort heimisch zu werden, ihren unmittelbaren Nachbarn hatte sie kaum mehr als ein paar Mal zugenickt. Und jetzt gehörte ihr – fast – eine Wohnung auf Teneriffa, auf einer Insel, die sie nichts anging, in einem Apartmenthaus voller abgelegter Seelen. Und sie war umgeben von Leichen und Mördern. Hu! Emma schüttelte sich, als müsse sie lästige Fliegen vertreiben. Der Mann mit der Kappe hatte sich in Luft aufgelöst.

Andererseits: Sie war Journalistin. Gut, sie war eine arbeitslose, besser: eine stellenlose Journalistin. Aber Journalistin. Das ist man oder man ist es nicht, sagte Paul Bärkamp gerne. Journalismus war für ihn – und Emma – kein Job, keine Lohnschreiberei. Nichts, das man von morgens neun bis nachmittags um fünf tat und zwischendurch an die Garderobe hängte wie einen Mantel. Ein echter Journalist ist immer neugierig, immer auf der Suche nach einer Geschichte – und wenn er sie gefunden hat, lässt sie ihn nicht mehr los. Bis sie geschrieben ist und veröffentlicht. So war das. So hatte es auch ihr Professor an der Hochschule beschrieben, im Seminar »Ethik des Journalismus«, und Paul Bärkamp konnte sich über weniges so aufregen wie über »Tarifvertragskollegen« – so nannte er Redakteure, deren einziges Tagesziel es war, die Seiten der Zeitung voll zu bekommen, so anstrengungslos wie möglich, und ihre Überstunden aufzuschreiben, um freie Tage nehmen zu können. Nein, so eine Journalistin, das wusste Emma hundertprozentig, so eine Tarifvertragskollegin, wollte sie nie werden. Obwohl: es wäre nicht schlecht gewesen, hätte sie ein Tarifvertrag vor der Kündigung bewahrt!

An das Ende des Strandes duckte sich ein mittelalterlich anmutendes Kastell mit wuchtigen Mauern und Fenstern wie Schießscharten. Bei ihrem letzten Gang in den Ort war sie der Straße gefolgt, die rechts am Kastell vorbeiführte. Aber es liefen auch Menschen links entlang, obwohl dort kein Weg angelegt war. Über bräunlichgrauen Schotterboden kam sie zu einem Feld voller Steine. Eine Art Trampelpfad führte über die Steine hinweg zu einer mächtigen grauen Mauer, jenseits derer gewaltige Steinwürfel ins Meer geschüttet worden waren; wohl von Riesen oder, wahrscheinlicher, von Menschen auf Kränen, um die Mauer vor der Wucht des Atlantiks zu schützen. Emma kletterte auf die Mauer hinauf und nutzte sie, wie das offenbar viele taten, ohne dass die Erbauer oder die Stadtplaner das so vorgesehen hätten, als Weg in Richtung Hafen. Ihr wurde schnell klar, weshalb dieser Weg so beliebt war.

Großes Meer-Theater! Unermüdlich rollten Wellen heran und zerfetzten an den Steinquadern, buchstäblich zu ihren Füßen. Manchmal spritzte die Gischt so hoch, dass Emma beiseite springen musste, um nicht nass zu werden. Ein paar Tropfen Salzwasser bekam sie dennoch mit. Welche Kraft! Dabei sah das Meer, sahen die Wellen, während sie sich seelenruhig auf die Küste zuschoben, noch so harmlos, so friedlich aus! Erst im allerletzten Moment, beim Aufprall auf die Steine, entfalteten sie ihre ungeheure Kraft. Sie schienen förmlich zu platzen, wutschnaubend, und zogen sich dann wieder stöhnend zurück. Wehe, sie fiele da hinein, dachte Emma. Da sind Urgewalten am Werk. Überrascht nahm sie wahr, dass auf den Steinquadern an vielen Stellen schwarze Krebse klebten, die sich abwechselnd sonnten und überspülen ließen, zwischendurch still verharrend oder blitzschnell die Stelle wechselnd, aber nie gefährdet, vom Wasser fortgerissen zu werden. Die sind wie wir, dachte Emma. Schwach, aber clever und geschickt. Dabei essen wir sie. Obwohl: die Krebse würden uns Menschen wahrscheinlich auch fressen, wenn sie die Chance dazu hätten. Haben sie wahrscheinlich auch manchmal: wenn Tote angespült werden. Was war mit dem Mann passiert, der über Bord gegangen war? Wer war das überhaupt?

Emma wurde klar, und irgendwie animierte sie diese Erkenntnis: sie musste recherchieren. Was auch immer hinter dem Toten im Tenogebirge und der angeblichen Mordserie ums La Palma herum steckte: sie würde, sie musste es herausfinden. Das war ihre Mission. Deshalb war sie hier. Deshalb hatte ihre Oma ihr womöglich das Apartment vererbt. Sie war Journalistin, verdammt noch mal, und jetzt konnte sie beweisen, dass sie es von ganzem Herzen war und dass sie ihr Handwerk verstand! Sie freute sich mit einem Mal auf die Begegnung mit diesem Mike Dorendings und war neugierig, wie das Gesicht zu dessen Stimme aussehen würde.

Es gefiel ihr, dieses Gesicht. Es war ein offenes, ehrliches Gesicht, fand sie. Emma hatte die von dunkelgrünen Lorbeerbaumkronen beschattete Plaza del Charco überquert und war, schon wieder Déjà-vu, suchenden Blickes auf das Café Océano zugegangen, als ein Mann sich von einem der Stühle vor dem Café erhob und ihr lächelnd zuwinkte. Er trug ein hellblaues Hemd, offen über der Jeans. Er war nicht dünn, nicht dick, nicht groß, nicht klein und mochte so um die vierzig sein. Kein Bart, schütteres, kurzes, graumeliertes Haar. Ein freundliches Gesicht. Er sah aus, fand Emma und hätte nicht zu erklären vermocht weshalb, wie ein Journalist. Wie ein Kollege.

»Frau Schneider? Ich freue mich, dass Sie gekommen sind! Encantado de conocerla, wie man hier sagt.«

Immerhin ›Frau‹! Endlich mal ein Insulaner, der in ihr nicht eine ›Señorita‹ oder gar ein ›Fräulein‹ sah.

»Herr Doren – beck, richtig?«

»Mike. Sagen Sie Mike zu mir. Schließlich sind wir Kollegen. Oder spricht man sich in Ihrer Redaktion beim Nachnamen an?«

»Ich habe keine Redaktion – mehr. Die wurde zugemacht.«

Mike sah sie interessiert an, registrierte den bitteren Ton in Emmas Stimme:

»Dann sind wir umso mehr Kollegen. Meine Redaktion, also meine alte Redaktion in Deutschland, wurde auch ›zugemacht‹. Es gibt sie nicht mehr. Die Zeitschrift wurde eingestellt, vor ein paar Jahren schon. Aber setzen Sie sich doch!«

Emma nahm Platz. Auch Mike Dorenbeck hatte sich, wie Jo Hollerbeck vor ihm, für einen Tisch ganz am Rand der bewirteten Zone entschieden, mit Rücken zum Haus und freiem Blick über die Plaza.

»Bei welcher Zeitschrift waren Sie?«

»Zuletzt bei einem Wirtschaftsmagazin. Das blühte auf und die Verleger haben viel Geld hineingesteckt, während des ›Neuen Marktes‹. Nach dem Börsencrash zu Anfang des Jahrhunderts wurde das Anzeigengeschäft dann immer härter und die Verleger wurden immer knauseriger. Bis sie das Heft einstellten, von einem Tag auf den anderen. Geblieben ist davon ein Online-Dienst. ›Wirtschaftsnachrichten für Entscheider‹, wie es heißt. Reine PR. Freundliche Porträts eitler Manager – und Managerinnen. Von investigativem Journalismus keine Spur mehr.«

»So ähnlich war‘s auch bei mir. Allerdings im Kleinen. Übers Lokale bin ich nicht hinausgekommen. Bis Haltern am See, falls Ihnen der Ortsname was sagt. Wo saß Ihre Redaktion, in Hamburg vermutlich?«

Mike Dorenbeck nickte. »Aufgewachsen bin ich Lauenburg, nicht am See, aber an der Elbe, kurz vor Hamburg. Da habe ich auch Journalismus gelernt. Den kann man nur im Lokalen begreifen. Da kann man sich nichts ausdenken, da werden Blender sofort als Blender enttarnt. Wer diese Schule nie durchlaufen hat, aus dem wird selten ein Guter. Ist jedenfalls meine Erfahrung.«

Wie Paul. Der sprach wie Paul Bärkamp, dieser Mike, dachte Emma. Sie war vollständig seiner Meinung – obwohl sie überhaupt nichts dagegen gehabt hätte, einen Job in Hamburg angeboten bekommen zu haben statt in Haltern am See. Am liebsten, natürlich, beim Spiegel.

»Und was machen Sie jetzt hier, auf Teneriffa?«

»Wenn ich das so genau wüsste! Erst wollte ich eine ›Auszeit‹ nehmen, wie man das so nennt, mit Hilfe meiner Abfindung. Vielleicht ein Buch schreiben, über die Hybris des Finanzkapitalismus. Teneriffa habe ich mir ausgesucht, weil hier das Wetter immer gut ist, also das Gegenteil vom Hamburger Wetter, weil ich den Atlantik liebe und ohne Wasser vor den Augen nicht leben könnte. Weil die Kanaren der südlichste Zipfel der Eurozone sind und man problemlos hin- und wieder wegkommt. Weil Teneriffa gleich zwei moderne Flughäfen hat. Weil man hier zwar Urwald, Wüsten und Einsamkeit findet, aber jederzeit angeschlossen bleibt an die Welt da draußen – man kann ja hier, das wissen Sie sicher, nicht nur die tagesfrische Bildzeitung lesen, falls einem danach ist, sondern auch alle deutschen Fernsehprogramme empfangen. Muss man nicht, kann man aber: ein idealer Zustand, finde ich. Und dann: diese Luft! In Hamburg hatte ich manchmal asthmatische Anfälle, hier nie.«

»Wow! Das war ja fast eine Liebeserklärung an die Insel! Sie sollten fürs Fremdenverkehrsamt arbeiten!«

»Das tue ich ja in gewisser Weise schon. Ich schreibe für die Inselzeitung. Ein deutschsprachiges Blatt für Residenten und Touristen. Es erscheint alle zwei Wochen, ein gemütlicher Rhythmus. Die Redaktion ist gleich da drüben!«

Mike Dorenbeck deutete hinüber auf die andere Seite der Plaza.

»Kann man davon leben?« Das machte Emma wirklich neugierig.

»Ja und nein. Die Verlegerin lebt, glaube ich, ganz gut davon. Ihr gehört außerdem noch eine englischsprachige Inselzeitung – Island News – und ein Radiosender. Der ist auch zweisprachig. Und wenn es so weitergeht mit der Insel, kommt sicher bald Russisch dazu. Die Insel-Prawda.« Dorenbeck grinste.

»Wieviele Redakteure hat die Zeitung denn?«

»Redakteur-e? Einen. Mich. Chefredakteurin ist die Verlegerin selbst. Ursprünglich hat sie überhaupt alles alleine gemacht. Auch den Anzeigenverkauf. Das geht hier sowieso alles ineinander über, Anzeigengeschäft und Journalismus. Da war man hier schon immer dort, wo die deutsche Presse gerade erst auf voller Breite ankommt.«

»Und das macht Ihnen Spaß? Oder ist die Bezahlung so glänzend?«

Dorenbeck verzog die Mundwinkel zu einem gequälten Lächeln. »Fürs Geld, ob Sie das glauben oder nicht, würde ich das hier nicht tun. Ich mach‘s als Hobby. Und ein Taschengeld. Man kommt rum auf der Insel, lernt viele Leute kennen, kommt nicht in Versuchung, dem Suff zu verfallen…«

Am Nebentisch rief eine Blondierte mit Sonnenbrille: »Herr Ober! Zwei Alsterwasser, bitte!« Der Hans-Moser-Typ nickte huldvoll ergeben. Die Blonde und ihre dunkelhaarige Freundin nahmen es nicht zur Kenntnis. Sie hatten die Köpfe schon wieder zusammengesteckt und Geheimnisvolles zu betuscheln.

»Getrunken wird hier viel«, bestätigte Emma. »Am La Palma stehen zwei große Flaschencontainer, für Altglas, und die laufen ständig über. Und nicht mit Limoflaschen.«

»Das ist ja die Illusion. Die Leute kommen hier hin, egal ob aus Deutschland, England oder sonst wo und denken, Sie sind im Paradies. Von zuhause kommt die Rente oder sie haben sich, als Handwerker oder was auch immer, ein Schwarzgeldkonto zugelegt und hier, gern an der Steuer vorbei, ein Häuschen oder ein Apartment gekauft. Darin sitzen sie jetzt, laben sich am deutschen Wetterbericht, meckern über die steigenden Preise und die faulen Tinerfeños und haben nichts zu tun. Die wenigsten kommen ja auf die Idee, hier ins Inselleben einzutauchen, ordentlich Spanisch zu lernen oder in Kultur zu machen. Die hocken da vor ihren Flachbildschirmen und gucken schon nicht mehr hin, wenn die Sonne zum tausendsten Mal spektakulär im Meer versinkt. Was macht man dann? Die meisten greifen zur Flasche. So wars bei Ihrer Leiche auch.«

»Meine Leiche? Sie meinen Klaus Kaltenbrenner, der Ötzi aus dem Tenogebirge?«

»Ja? Sah er so aus, wie Ötzi?« Erzählen Sie! Beschreiben Sie mir, was – und wie – Sie ihn gefunden haben!«

Emma erzählte. Von ihrer Ankunft. Von ihrer Oma. Vom Apartment – Albert verschwieg sie. Von ihrer Begegnung mit Jo Hollerbeck: »Mit Herrn Hollerbeck war ich hier verabredet, genau hier hab ich ihn getroffen, vorgestern, er hat mir genauso zugewinkt wie Sie vorhin – als trüge ich ein Namensschild vor dem Kopf. Das scheint eine Beck-Masche zu sein.«

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Дата выхода на Литрес:
19 ноября 2025
Объем:
511 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9788494342998
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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Первая книга в серии "Emma auf Teneriffa"
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