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Arja Lobsiger
Jonas bleibt
Arja Lobsiger
Jonas bleibt
Roman
orte Verlag
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Umschlaggestaltung: Janine Durot
Gesetzt in Arno Pro Regular
Satz: Verlagshaus Schwellbrunn
eBook-Herstellung und Auslieferung: HEROLD Auslieferung Service GmbH, www.herold-va.de
ISBN Buch 978-3-85830-224-3
ISBN eBook 978-3-85830-229-8
www.orteverlag.ch
1
Eine weitere Minute verging. Gegen das Balkongeländer gelehnt, als wäre es eine Schiffsreling, spürte Alice Unruhe. Dachte: Das letzte Mal auf dem Balkon stehen, das letzte Mal in den Garten hinunter schauen. Sie hob den Blick. Sah in die Ferne über die blühenden Kronen der Kirschbäume hinweg. Erste Sonnenstrahlen verfingen sich in den Ästen. Sie stellte sich vor, bereits auf der Fähre zu sein.
Die farbige Häuserfront wird immer kleiner, die Segelmasten im Hafen sind kaum mehr erkennbar, das röhrende Geräusch des Schiffmotors, das angenehme Vibrieren. Ihre Haare bewegen sich im Fahrtwind, die Wanderhose flattert um ihre Beine, das Rauschen der Wellen schläfert sie ein. Dabei ist sie hellwach.
Alice trug bereits den Rucksack und spürte seine Wärme am Rücken. Sie atmete die Meeresluft ein. Schon jetzt kündigten sich die Gefühle an. Endlich in Bewegung sein.
Unten im Garten hing noch die Wäsche an der Leine. Die Bettbezüge und das weisse Laken wölbten sich in der kühlen Brise. Jonas wird sie am Abend zusammenfalten. Alice schloss die Augen, sah sich als Fleischstück in der Auslage von Pauls Metzgerei liegen. Und ausgerechnet Hanna stand hinter der Theke, wedelte mit einer rosa Plastikfolie durch die Luft. Unerträglich laut war das flatternde Foliengeräusch. Wut stieg in ihr auf, am liebsten hätte sie mit ihrer Faust eine Scheibe zerschlagen.
Für Alice gab es kein Zurück mehr. Viel zu lange hatte sie gewartet in der Hoffung, etwas würde geschehen. Einen Wartsaal hatte sie sich in ihrem Zimmer eingerichtet. Nichts durfte sich verändern in ihrer Welt. Und trotzdem war da immer eine leichte Ungeduld. Als wäre sie auf der Durchreise und fände keinen Ort, an dem sie ankommen könnte. Was ist es, worauf ich warte?, begann sie sich irgendwann zu fragen. Die Uhrzeiger drehten sich weiter, auch in diesem Haus. Doch die Möbel blieben stehen, wo sie schon immer gestanden hatten. Regelmässig wurden sie von Jonas abgestaubt, damit der Lack weiter glänzte. Nichts sollte darauf hinweisen, dass doch so vieles passierte. Und für all die Dinge, die geschahen, bildete das alte Haus die Kulisse. Ausser Takt waren sie geraten, keiner sollte es bemerken. Heimlich sehnten sie sich danach, zu viert zu sein. Das Kind fehlte ihr. Das Kind fehlte Jonas. Das Kind fehlte Etna. Eigentlich hätte sie dieses Loch, das so plötzlich entstanden war, einander näher bringen sollen. Alice konnte noch immer nicht verstehen, warum aus dem Loch ein Strudel geworden war, der sie, Jonas und Etna in unterschiedlicher Weise hinabgezogen hatte.
2
Es klingelt. Jonas erwacht und streckt die Hand nach dem Wecker aus. Es klingelt weiter. Jonas tastet im Dunkeln nach dem Telefon. Aber das ist schon lange ausser Betrieb. Es klingelt noch einmal. An der Tür. Eigentlich klingelt schon lange keiner mehr bei ihm.
Bis später. Das sagte seine Frau Alice damals, als sie sich vor einem Jahr von ihm verabschiedet hatte. Jonas hatte sich nichts dabei gedacht und nur genickt.
Noch immer fragt er sich, wie er so blind hat sein können, obwohl er ein Sehender ist. In der Dunkelheit glaubt er, Alice atmen zu hören. Jonas knipst die Lampe neben dem Bett an und blickt auf die Uhr. Sie zeigt drei und nicht sieben. Vielleicht geht sie vor oder zurück. Jonas schlüpft in seinen Morgenmantel. Ihm ist leicht schwindlig, als er barfuss über die Galerie zur Treppe geht. Im Erdgeschoss angekommen öffnet er die Wohnungstür. Aber da ist niemand.
Ende April. Vom Fensterbrett wirbelt Staub auf. Das Ende eines weiteren Morgens zeichnet sich am Sonnenstand ab. Jonas schaut sich gedanklich um. Was ihm noch bleibt, sind zwei Zimmer in einem alten Haus. Im Winter zieht der Wind durch die Ritzen in den Fensterrahmen. Im Sommer ist es staubig und heiss.
Wenn im August die Bagger auffahren und eine Mauer nach der anderen krachend zu Boden geht, will Jonas nicht mehr hier sein. Dieser Satz könnte auch der Refrain eines Liedes sein.
3
Alice klammerte sich an das Geländer des Balkons. Die weisse Farbe blätterte ab. Der grüne Anstrich, den ihr Vater vor Jahren gemacht hatte, blitzte an einigen Stellen hervor. In den vergangenen Jahren waren die sechs Quadratmeter des Balkons Alice’ Welt ausserhalb des Zimmers gewesen. Eine Welt, die sie nur selten betreten hatte, um in den Garten zu schauen. Wenn sie den Schritt auf den kalten Betonboden gewagt hatte, verspürte sie den Drang, auf den Zehenspitzen auf- und abzuwippen. Und die Luft, in die sie eintauchte, war ihr entweder zu kalt oder zu heiss und sie konnte kaum atmen. War es zu spät, um ins Zimmer zurückzukehren, begann sie in Panik zu schreien. Ihre Hände und Beine verkrampften sich, und sie bog sich unkontrolliert nach hinten. Nur wenn es regnete, stand sie ganz still. Oft hatte sie die Augen geschlossen, und hörte dem Rauschen zu. Alice konnte sich wegdenken. Einweben in den Regen, nannte sie dies. Denn das Rauschen, so stellte sie sich vor, klang überall auf der Welt gleich.
Die schweren violetten Vorhänge in Alice’ Zimmer waren meist zugezogen gewesen. Jonas hatte stets wiederholt, sie könne das Licht nicht ertragen, ungesund sei es für sie. Bis sie es irgendwann selber glaubte, wie so vieles, was er ihr über sie erzählt hatte. Aufgesogen hatte sie seine Sätze, seine Ratschläge, seine Geschichten. Es war, als würde sie in einem Körper wohnen, der nicht ihr gehörte.
Den Spiegel in ihrem Zimmer hatte sie irgendwann abgehängt, umgedreht und an die Wand gelehnt. Denn noch fremder kam sie sich vor, wenn sie sich anschauen musste.
Erst vor ein paar Wochen hatte sie gewagt, sich wieder im Spiegel zu betrachten. Sie hatte einen guten Tag gehabt, wie Jonas jeweils zu ihr sagte. Was er damit meinte, war, dass er hoffte, selbst einen guten Tag zu haben. Alice war in der Stadt spazieren gegangen. In einem Schaufenster hatte sie ihr Spiegelbild gesehen.
4
Jonas steht am Wohnzimmerfenster. Draussen regnet es. Die drei Kirschbäume im Garten zeigen ihr weisses Blütenkleid. Jonas schliesst die Augen, blinzelt zwischen den Wimpern hervor. Es könnte auch Schnee sein, der auf den Bäumen liegt. Jonas blinzelt sich ein Stück weiter zum Gartenhaus. Es flackert. Nein, es hüpft auf und ab. Sein Gartenhaus hüpft, als stehe es auf einem Trampolin. Jonas wundert sich, dass das schiefe Gartenhaus so lebendig ist. Nach dem ersten Hüpfer müsste es eigentlich in sich zusammenfallen. Bei ihm wäre das so. Die Knochen würde er sich brechen, sein Inneres wäre durcheinander. Dick- und Dünndarm würden sich unlösbar ineinander verschlingen. Leber, Milz und Gallenblase wären im Knäuel der Därme kaum mehr zu finden.
Könnte dieses Durcheinander wieder zu seiner alten Ordnung finden, wenn ich lang genug hüpfte?, fragt sich Jonas. Aber ein Organ bleibt ein Organ. Eine Worthülse für einen Raum, der auch nur eine Hülse ist.
Gerne hätte sich Jonas die Hand in den Mund gesteckt und durch die Kehle nach seinen Organen gegriffen und sie herausgezerrt. Eines nach dem anderen. Um sie vor sich auf dem Fenstersims aufzureihen. Übersichtlich, geordnet.
Danach hätte er sich erneut die Hand in den Mund gesteckt und durch die Kehle in den Innenraum gegriffen. Vielleicht hätte er ein Haarbüschel von Alice erwischt und sie aus sich herausgezogen. Vor ihm würde sie stehen, wie er sie vor einem Jahr das letzte Mal auf dem Balkon ihres Zimmers hatte stehen sehen. Das blaue T-Shirt zerknittert, die beige Wanderhose. Im Wind hat sie um die dünnen Beine von Alice geflattert. Sie lehnte sich an das Geländer und schaute in den Garten. Sie lehnte sich an das Geländer, als wäre es eine Schiffsreling. Jonas wollte sie umarmen. Aber Alice trug bereits den Rucksack am Rücken. Wer weiss, was sie dort alles eingepackt hatte, bevor sie verschwand?
Jonas blinzelt, das Gartenhaus hüpft weiter auf und ab. Wie viele Regengüsse hat dieses kleine Haus schon über sich ergehen lassen?, fragt er sich. Wie vielen Stürmen würde es noch standhalten? Seit Alice verschwunden ist, hat Jonas die Tür des Gartenhauses nicht mehr geöffnet. Wie es wohl drinnen aussieht?
Alice hatte sich schon lange ein Gartenhaus gewünscht. Jonas hatte es ihr aus Dankbarkeit gebaut. Sie zog mit ihm und Etna in das Haus ihrer früh verstorbenen Eltern ein. Zuvor hatte es zwei Jahre leer gestanden. Die Möbel und alle Gegenstände standen noch darin, als kämen ihre Eltern bald zurück. Einen Teil des Geldes, das Alice geerbt hatte, wollte sie in die Renovation des Hauses investieren.
Knapp zwei Jahre nachdem Jonas die Metzgerei von seinem Vater übernommen hatte, hielt er es dort nicht mehr aus. Der Vater kam jeden Tag ins Geschäft hinunter und fand immer etwas, das Jonas nicht richtig machte. So hatte er stets einen Grund, weiterhin in der Metzgerei zu arbeiten. Angeblich um Jonas zu helfen. Am Anfang schwieg Jonas in der Hoffnung, sein Vater würde ihn bald in Ruhe lassen. Als er sich dann doch zu wehren begann, endete jeder Arbeitstag mit mindestens einem ungelösten Streit.
Eines Tages verkündete er Alice: Ich werde keinen Tag länger in der Metzgerei arbeiten. Ich will nur noch weg.
Jonas sieht vor sich, wie sie damals heimlich in der kleinen, alten Wohnung über der Metzgerei das Nötigste in die Koffer und Kisten packten. Wie sie mitten in der Nacht, als aus der Wohnung seiner Eltern keine Geräusche mehr nach unten drangen, durch den strömenden Regen zu Alice’ Haus fuhren. Wie Alice den Schlüssel drehte, die schwere Holztür öffnete und er in die Eingangshalle trat. Hier hatte er sich sofort zu Hause gefühlt.
Er war nicht nur froh, den Launen des Vaters entkommen zu sein. Sondern auch diesem seltsamen Spiel von Nähe und Distanz, das seine Schwägerin Hanna mit ihm in der Metzgerei getrieben hatte. Alice erzählte er aber davon nichts.
Nachdem Jonas und Alice Metzgerei und Wohnung über Nacht verlassen hatten, sprachen seine Eltern und auch sein Bruder Paul kein Wort mehr mit ihm. Schweigen als Strafe, das kannte Jonas bereits von seinem Vater. Es war, als hätten sie als Familie beschlossen, dass dies seine gerechte Strafe sei. Er hatte keine andere Reaktion erwartet. Aber er wünschte sich, sein Vater würde ihn anschreien oder ihn ins Gesicht schlagen. Darauf hätte er etwas erwidern können. Wie sollte er anders auf kollektives Schweigen reagieren, als ebenfalls zu schweigen? Jonas konnte aber nicht verstehen, warum Paul wütend war. Er war nun Retter und Held. Hatte er doch nach Jonas Verschwinden sein Lehrerstudium für den Familienbetrieb geopfert und die Metzgerei übernommen.
Der richtige Moment, um das Gartenhaus zu bauen, war dann zwei Jahre später gekommen, als sie eine der sechs Tannen fällen lassen mussten. Sie war zu gross geworden und schwankte gefährlich im Wind. Jonas rief Paul an, sprach mit ihm als wäre nichts geschehen. Paul schien ihm in der Zwischenzeit verziehen zu haben und erklärte sich sofort bereit, zu helfen. Einen ganzen Tag lang beugte sich Paul über das Tannenholz und führte die Säge nach Jonas Anweisungen hin und her. Rastlos und mit viel Kraft. Jonas beobachtete seinen Bruder von der Terrasse aus. Den nackten Oberkörper und die sehnigen Arme. Einen Tag lang war Paul ein anderer Paul. Das Sägemehl staubte ins Gras.
Da flackert ein rostroter Fleck neben dem Gartenhaus. Jonas öffnet die Augen. Er sieht, wie der Fuchs hinter der Brombeerhecke verschwindet.
5
Alice blickte vom Balkon aus in ihr dunkles Zimmer. Viele verschwommene Jahre hatte sie hier verbracht. Nur in der Mitte, wo sich die violetten Vorhänge trafen, blieb ein Spalt, durch den die Sonne ins Zimmer drang. Ein heller Streifen lag auf dem Parkett, in den Sonnenstrahlen tanzte der Staub. Im Zimmer gab es an gewissen Stellen Licht und Schatten. Gegenstände erhielten Konturen.
So kurz vor dem Abschied war es, als würde Alice ihr Zimmer mit den Augen eines Besuchers sehen. Die bauschige Bettdecke, die Kissen in allen Grössen, ihre Bücher. Den leeren Schreibtisch, als hätte sie keine Ideen. Die Teekanne, die gestapelten Tassen. Der Wasserkocher, die Holzschachtel mit den Teebeuteln. Das Foto von dem Kind, das es an seinem letzen Geburtstag zeigt, die Kerze davor. Jonas wechselte sie aus, sobald sie halb abgebrannt war. Hinter den violetten Vorhängen war der Balkon versteckt gewesen, auf dem Alice nun stand. Trotz allem, was geschehen war, wollte sie gewisse Dinge in Erinnerung behalten. Den Blick hinunter in den Garten, die Tannen, die Sträucher, die Blumen, ihr Gartenhaus, den Weg aus Granitplatten.
Nichts war seit jenem schrecklichen Tag in ihrer Familie mehr, wie es zuvor gewesen war. Den Garten jedoch hatten Etna und Jonas seit dem Tod des Kindes gemeinsam gepflegt und angelegt, als hätten sie es mit Alice’ Händen getan. Alice hatte es als Zeichen ihrer Liebe verstanden. Der Blick in den Garten hatte ihr in all den Jahren ein Gefühl von Heimat gegeben, von Orientierung. Doch zuletzt konnte sie den Anblick kaum mehr ertragen. Der Garten hatte sich nicht verändern können. Selbst die Bäume waren kaum grösser geworden, weil sie Jonas im Dezember immer wieder akkurat in dieselbe Form schnitt.
Der Gedanke war Alice vor ein paar Tagen gekommen: Es gibt nichts Schlimmeres, als einen Ort, an dem selbst die Pflanzen dem Diktat eines Menschen folgen. Wozu der grosse Aufwand, den Jonas betreibt, damit sich nichts verändert?, fragte sie sich. An diesem Ort konnte sie nicht bleiben.
6
Jonas öffnet die Tür, die über eine mit Moos bewachsene Steintreppe in den Garten führt. Auf den Stufen kleben Schnecken, die sich zusammenrollen, wenn er aus Versehen auf sie tritt. Von den Weinbergschnecken sind nur noch die Häuschen übrig geblieben, die Jonas als Botschaften von Verreisten liest.
Früher sammelte er die Häuschen an den schattigen Plätzen unter der Hecke und legte sie an die Mittagssonne. Später präsentierte er seinem Bruder Paul stolz seine Sammlung, die er in einer alten Schuhschachtel aufbewahrte. Mehrere Tage hatte er in den Herbstferien gebraucht, um sie zu bemalen. Verschiedene Blautöne wechselten sich mit Weiss ab. Die Schachtel versteckte er unter seinem Bett. Im Deckel führte er eine Liste, in die er die neue Anzahl Schneckenhäuser samt Datum eintrug, weil er befürchtete, dass Paul ihn beklaute, während er in der Schule war.
Paul konnte schon im Kindergarten lesen und begann kurze Zeit später in ein Notizheft zu schreiben. Am liebsten las er Jonas daraus vor. Neben Lesen und Schreiben lernte Paul auch Rechnen ohne Anstrengung. Trotzdem beklagte er sich beim Abendessen über die Hausaufgaben. Gestikulierte mit aufgerissenen Augen und gab seiner Stimme einen dramatischen Unterton, wenn er Jonas und den Eltern sein Leid klagte. Nur Jonas schien zu erkennen, was für ein Spiel sein Bruder spielte. Keiner bemerkte, dass die Küche Pauls ideale Bühne war. Weshalb wunderten sich die Eltern nicht, dass Paul seine Hausaufgaben nebenbei am Frühstückstisch löste? Für sie war klar, dass Paul später einmal studieren und nicht in der Metzgerei stehen würde.
Einmal las Jonas heimlich in Pauls Notizheft. Jonas beneidete Paul um seine Leichtigkeit, neue Dinge zu lernen. Als er in dem Heft las, wurde sein Neid noch grösser. Jonas war sich sicher, dass Paul diese Notizen nur für ihn machte. Paul wollte, dass Jonas dasselbe Wissen hatte wie er. Aber Jonas fühlte sich nur noch dümmer, noch langsamer.
Seit Paul auf der Welt war, bewunderten ihn alle. Sein Vater erwähnte regelmässig, wie gross Pauls Gehirn im Vergleich zu dem anderer Jungen seines Alters sei. Auch die Kundinnen der Metzgerei verfielen in ein Säuseln, sobald sie Paul erblickten. Es spielte keine Rolle, ob er neben dem Tresen im Kinderwagen lag und schlief oder ihnen entgegenlief. Die eine kniff ihn in die Wange, die andere fuhr ihm durchs Haar, und die dritte küsste ihn auf die Stirn. Auch als Paul schon das Lehrerseminar besuchte, nannten die Kundinnen ihn Päulchen, sobald sie in die Metzgerei stöckelten. Betrachteten ihn mit besorgtem Blick und voller Stolz. Jonas fragten sie nur höflichkeitshalber, wie es ihm gehe.
Jonas weiss, dass Paul ihm seine Liebe zu Hanna wohl nie wird verzeihen können. Auch Alice’ Verschwinden vor einem Jahr hat daran nichts geändert. Paul meldet sich nicht mehr bei ihm, kommt nicht vorbei. Auch Mitleid hat er keines. Zwischen ihnen steht wieder Schweigen.
7
Alice löste sich vom Balkongeländer, blinzelte in den Garten, ein verstecktes Winken. Auf der Schwelle zu ihrem Zimmer blieb sie stehen. Ein letztes Mal blickte sie sich um, die violetten Vorhänge lagen auf dem Fussboden, sahen aus wie ein Wesen, das sich auf dem Parkett ausgestreckt hatte und schlief. Alice hatte sich an die Stoffbahnen gehängt und geschaukelt, bis die Vorhangstange brach und zu Boden krachte.
Sie konnte nicht weinen, die Fenster erschienen ihr nackt.
Alice stieg über das schlafende Wesen und schloss die Balkontür. Dann breitete sie die Wolldecke, die noch von ihrer Mutter stammte, über das Bett. Mit beiden Händen strich sie die Falten glatt. Die Möbel und Dinge, die ihr Zimmer füllten, würde sie zurücklassen. Sie hatte fast Mitleid mit ihnen. Sie würden es wohl nie aus diesem Wartesaal hinaus schaffen. Ausser sie bekämen, wie durch einen Zauber, irgendwann kleine Räder angeschraubt. Sie würden aus ihrem Zimmer über den Teppich auf der Galerie an Jonas’ Schlafzimmer vorbeirollen, die Treppe hinunter, eine Rechtskurve durch die Eingangshalle fahren, angezogen von der Haustür. Ein Windstoss würde die Tür öffnen. Ihre Möbel, all ihre Dinge, die sie zurückgelassen hatte, würden über die Steinstufen durch den Vorgarten auf die Strasse rollen. Und sich durch die Stadt in verschiedene Richtungen davonmachen. Sie sah vor sich, wie die Bücher, die sie umgeben und begleitet hatten, mit Rädchen am Buchdeckel durch die Strassen flitzten.
8
Jonas bleibt auf der letzten Treppenstufe stehen. Sein Garten ist nicht mehr, was er einmal war. Im hochstehenden Gras wachsen Mohnblumen, Akeleien und Margeriten. Die Brombeer- und Himbeersträucher haben sich in der Mitte des ehemaligen Rasens getroffen, sind ineinander verwachsen und haben sich netzartig ausgebreitet. Die fünf Tannen ragen weit in den Himmel und verbergen unter ihren Ästen Waldboden. Neue Tannen sind gewachsen. Jonas könnte im Winter eine von ihnen als Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer stellen. Aber seit Alice’ Verschwinden feiert Jonas Weihnachten nicht mehr. An Weihnachten will er an gar nichts denken. Wenn im August die Bagger auffahren und eine Mauer nach der anderen krachend zu Boden geht, will Jonas nicht mehr hier sein.
Holunder-, Flieder- und Haselbüsche sind Bäume geworden. Ein Ast des Apfelbaums liegt abgebrochen am Boden, eine geöffnete Hand. Vom Weg, den er und Alice vor vielen Jahren mit Granitplatten quer durch den Garten gelegt haben, ist nichts mehr zu sehen. Nicht einmal das Ende seines Gartens kann Jonas erkennen. Die Vorstellung eines unendlichen Gartens gefällt ihm.
Irgendwo im Durcheinander, das die Natur in den letzten Jahren geschaffen hat, versteckt sich der Fuchs. Ob er schon lange im Garten lebt? Jonas setzt sich auf die Treppenstufe und wartet. Er bewegt den Kopf hin und her und versucht, den gesamten Garten zu überblicken. Der Fuchs zeigt sich nicht. Aber Jonas ist sich sicher, dass er ihn beobachtet.
9
Alice tastete nach ihrem Rucksack, sie wusste, was sie eingepackt hatte. Sie spürte, wie ihr Oberkörper von einem Zittern erfasst wurde.
Jonas lehnte sich gegen den Türrahmen. Er sah verloren aus, seit Hanna gestorben war. Aber Alice’ Mitleid mit ihm war aufgebraucht. Und wenn sich das Mitleid dennoch ihre Kehle hochwand, schaute sie auf seine Hände, und das Gefühl verschwand sofort. Seine Hände auf Hannas Haut. Seine Hände an den violetten Vorhängen.
Alice schaute auch jetzt auf seine Hände, um sich von ihm verabschieden zu können. Seine Wahrheit war, dass sie auf eine Wanderung ging und am Abend wieder zurückkehrte. Wenn Alice einen guten Tag hat, soll sie wandern gehen, hatte einer der Ärzte zu Jonas gesagt. Ihre Wahrheit war eine andere. Sie wollte dieses Haus und damit die Erinnerungen endlich hinter sich lassen. Alice strich Jonas über den Arm und sagte: Mach’s gut. So, wie sie es immer gesagt hatte. Doch heute meinte sie es so. Während sie ein letztes Mal in die Landschaft seines Gesichtes blickte, hätte sie ihn am liebsten gleichzeitig angespuckt und umarmt. Gleichzeitig angeschrien und ihm gesagt, dass sie nicht mehr zurückkommen werde. Aber sie schwieg und biss sich auf die Lippen. Dann schob sie ihn zur Seite und schloss die Zimmertür. Der dunkelgrüne Teppich, der über die gesamte Galerie und die Treppen in die Eingangshalle hinunterführte, war Moos unter ihren Füssen. Unten angekommen, stieg sie in die alten Wanderschuhe aus Leder, eine lange Reise lag vor ihr. Während sie die Schnürsenkel festzog und band, spürte sie in den Füssen die Leichtigkeit ihrer neuen Ballerinas, die sie im Rucksack verstaut hatte.
Jonas räusperte sich. Er hing beinahe über dem Geländer der Galerie. Alice zuckte zusammen. Hatte er ihren Fluchtplan doch durchschaut? Aber er hob nur die Hand. Mit der gleichen Bewegung versuchte er sie bei Streitigkeiten zu beschwichtigen. Die schwere Holztür fiel hinter ihr ins Schloss. Sicherlich hallte das Geräusch noch lange in der Eingangshalle nach. Vielleicht stützte sich Jonas noch immer auf dem Geländer der Galerie ab. Aber Alice hatte den Schritt über die Schwelle getan und ging Richtung Bahnhof. Sie hatte das Gefühl zu traben, den Wind im Rücken.
10
Jonas steht am Wohnzimmerfenster. Es regnet nicht mehr. Die drei Kirschbäume im Garten zeigen zwischen ihrem weissen Blütenkleid etwas Grün. Jonas schaut auf die Uhr. Es ist Viertel nach sieben. Gestern ist um diese Zeit ein rostroter Fleck neben dem Gartenhaus aufgetaucht. Jonas öffnet die Tür zum Garten, bleibt aber auf der Schwelle stehen. Ein Bild will er sein, gerahmt von der Tür. Er schliesst die Augen, blinzelt. Büsche, Bäume, das Gestrüpp, die Blumen, alles bewegt sich. Jonas versucht, regungslos zu stehen und flach zu atmen. Nur seine Lider flackern in der Hoffnung, den Fuchs hervorzuzaubern. Jonas öffnet die Augen, und in seinem Garten ist alles an seinem Platz. So wie er es hat stehen lassen, als seine Tochter Etna ein paar Monate nach dem Verschwinden von Alice ausgezogen ist.
Etna spricht nicht mehr mit ihm, seit Alice vor einem Jahr von einer Wanderung nicht zurückgekehrt ist. Damals fragte sie: Hast du die Polizei informiert?
Ich werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um deine Mutter zu finden, antwortete er.
Etna schüttelte nur den Kopf und schaute ihn mit leeren Augen an. Dieser Blick ist an ihm haften geblieben, und auch Etna scheint ihn nicht mehr loszuwerden.
Weder der Himmel noch die Hölle, die er in Bewegung gesetzt hatte, brachten ihm Alice zurück. Auch als die Polizei die Suche nach ihr aufgab, schreckte er noch wochenlang hoch, wenn das Telefon klingelte. Er hatte die Suche nach Alice nicht aufgegeben. Bis im November der Schnee die Gebirgswege unter sich versteckte, schaute er hinter jeden Felsbrocken, in jeden Abgrund und jede Höhle. Nach stundenlangem Suchen musste er sich manchmal daran erinnern, wonach er suchte. Aber er fand nichts. Kein Zeichen, keine Nachricht, kein Kleidungsstück von ihr, nicht Alice. Sorgfältig markierte er auf einer Karte, welche Gebiete er durchkämmt hatte. Zu Beginn begleitete ihn seine Nichte Juna. Im September gab sie auf, sagte: Wenn du so weitermachst, werde ich noch krank vor Sorge um dich.
Als Juna im November demonstrativ seine Haustür verschloss und den Schlüssel versteckte, weil sie in den Nachrichten vom Wintereinbruch in den Bergen gehört hatte, gab er auf. In den langen Nächten wünschte er sich nur noch eines: Dass Alice gefunden werde, tot oder lebendig. Die unerträgliche Ungewissheit musste ein Ende haben.
Irgendwann hörte er auf, den Briefkasten zu leeren und die Rechnungen zu bezahlen. Das Telefon in der Eingangshalle ist seither nur noch ein Requisit.
Die Pflanzen in Jonas’ Garten sind in alle Himmelsrichtungen gewachsen. Etnas Hände, verpackt in Gartenhandschuhe, suchen schon lange nicht mehr nach Unkraut und kranken Pflanzen. So kann in seinem Garten wachsen, was wachsen will. Nur selten betritt er den Garten. Lieber beobachtet er durch die Fenster, wie er grünt, wächst und wuchert. Eigentlich ist mein neuer Garten kein Durcheinander, denkt Jonas.
Er beschliesst, seinen Garten Dschungel zu nennen.
11
Alice sass im Zug. Sie konnte sich nicht freuen, aber auch nicht weinen. Es kam ihr nicht wie ein Abschied vor, denn bei einem Abschied erhofft man sich ein Wiedersehen, sie aber wollte nur in eine Richtung fahren. Es konnte ihr nicht schnell genug gehen. Alice drückte die Stirn gegen das Fenster und blickte zurück auf den Bahnsteig, als der Zug mit einem Ruck losfuhr. War ihr Jonas gefolgt? Ihr Herz klopfte, und sie spürte, dass ihr T-Shirt unter der Jacke durchnässt war. Auf dem Bahnsteig sass nur ein Hund, der seine Schnauze in die Luft hielt, als warte er auf einen ganz bestimmten Geruch. Wäre Jonas ihr gefolgt, wenn er etwas geahnt hätte? Bis jetzt war es Alice nicht wirklich bewusst gewesen: Sie befand sich auf der Flucht. Sie bewegte sich mit jedem Meter, den der Zug zurücklegte, weg von den Menschen und dem Ort, der jahrelang ihr Zuhause gewesen war. Immer weiter in die Namenlosigkeit. Noch zweimal umsteigen, dann würde sie auch das Land verlassen haben.
Die Landschaft zog am Zugfenster vorbei. Etna und das Kind musste sie zurücklassen. Etna würde es vielleicht verstehen. Alice wollte ihr schreiben, sobald sie sich eingelebt hatte. Sie würde sie um Verzeihung bitten, dass sie sich in all den Jahren nicht um sie kümmern konnte. Ihr vorschlagen, jetzt, sofern es möglich war, noch einmal Teenager zu sein. Vielleicht war das ja einfacher für sie ohne die Mutter.
Alice sah den Moment vor sich. Sie drückte Etna in der Eingangshalle an sich. Lehnte ihren Kopf an Etnas Schultern. Schloss kurz die Augen. Atmete den Duft ihrer Haare ein. Verabschiedete sich innerlich. Löste sich dann wieder von ihr. Etna durfte nicht bemerken, dass es ein ungewöhnlicher Abschied war.
12
Seit Etna ausgezogen ist, hat sie sich jeden Donnerstag um das Haus ihrer Eltern herumgedrückt. Manchmal sieht Jonas, wie sie aus ihrem schwarzen Auto steigt. Meist lässt sie den Motor kurz aufheulen und fährt sofort wieder davon. Steigt Etna aus dem Auto, ist sie in ihrem schwarzen Kostüm und mit den dunklen Haaren kaum von der Karosserie zu unterscheiden. Einzig ihre Fingernägel leuchten rot. Manchmal springt ihr wurstförmiger Hund aus dem Auto. Er schnüffelt in den Büschen, dann markiert er sie.
Nie blickt Etna zum Fenster hoch, an dem ihr Vater steht. Sie will nicht nach ihrem Vater sehen. Sie sieht nach dem Haus, das ihre Mutter Alice ihr überschrieben hat. Trotzdem glaubt Jonas, in ihrem Gesicht Traurigkeit zu erkennen. Er ist sich sicher, dass sie nachts weint. Bei ihren Besuchen wirft sie Zettel mit der immer gleichen Botschaft über das Gebüsch in den Garten. Auf den Zetteln steht, wie viele Tage ihm bleiben, bis sie das Haus abreissen lässt. Jonas sammelt die Zettel und hängt sie mit Wäscheklammern an einer Schnur auf, die er durch sein Schlafzimmer gespannt hat. Kommt Wind auf, öffnet er das Fenster, legt sich auf sein Bett und schliesst die Augen. Das Rascheln der Blätter klingt wie das Flüstern von Etna.
Seit ein paar Wochen tigert Etna fast täglich um das Grundstück herum. Das Aufheulen des Automotors ist in Jonas’ Ohren der Schrei eines angeschossenen Tiers.
13
Der Kapitän der Fähre hupte ein Motorboot an, das knapp neben dem Bug der Fähre vorbeiglitt, um von den grossen Wellen zu profitieren. Wegen den Sonnenbrillen sahen die Gesichter der Passagiere klein aus. Alice hatte sich auch eine gekauft, möglichst gross sollte sie sein. Sie hatte auf einmal das Bedürfnis, nicht aufzufallen. Sie wollte nicht, dass jemand in ihrem Gesicht das Zimmer erkennen konnte, in dem jahrelang die Zeit stehen geblieben war.
Ein junger Mann mit seidiger Haut und weissen Zähnen hatte ihr die Brille verkauft. Ein Händler, der auf dem Holzsteg im Hafen Sonnenbrillen, Taschen und Schmuck auf einem farbigen Tuch anbot. Er lächelte sie an und nickte aufmunternd, als sie nach einer Sonnenbrille griff. Seine Augen erinnerten Alice an Jonas, an seinen verlorenen Blick. Möglicherweise war der Verkäufer mit einem Schiff übers Meer gekommen und die Brillen, Taschen und der Schmuck sollten eine grosse Familie ernähren. Hatte sie ihn die ganze Zeit angestarrt? Beschämt schaute sie auf den Boden. Zum Glück sass eine der Sonnenbrillen auf ihrer Nase. Sie drückte dem Mann einen Geldschein in die Hand und wartete nicht auf das Rückgeld.
14
Der Fuchs schlüpft zwischen der Brombeerhecke und dem Gartenhaus hindurch. Jonas hält den Atem an. Der Fuchs fährt mit der Schnauze über den Boden. Was sucht er? Sein Fell ist struppig. Seine Beine sind kürzer als in Jonas’ Vorstellung. Der Schwanz ist buschig und endet in einer weissen Spitze. Auch am Hals und an der Innenseite der Läufe ist das Fell weiss. Jonas denkt: Der Fuchs hat sich verziert. Und er denkt an sein ergrautes Haar, das immer schütterer wird, ihn aber nicht verziert. Er sieht nur noch selten in den Spiegel. Beim Zähneputzen oder Händewaschen ist er ein Schatten.
Jeden Montag, bevor seine Nichte Juna vorbeikommt, wagt er einen Blick und denkt: Verlottert! Bald sehe ich so heruntergekommen aus wie das Haus. Wenn im August die Bagger auffahren und eine Mauer nach der anderen krachend zu Boden geht, will ich nicht mehr hier sein.
Jonas kämmt und rasiert sich. Tupft sich für Juna sogar ein paar Tropfen Rasierwasser auf Wangen und Hals. Jonas will vor ihr den Schein wahren. Er will nicht anders sein, als sie ihn kennt. Auch Juna legt grossen Wert darauf, dass Jonas gepflegt aussieht. Jonas ist sich nicht sicher, ob es ihr wirklich wichtig ist, oder ob sie nur versucht, ihn nach Pauls Vorstellung herzurichten: Jonas abzustauben und instandzuhalten. Er kommt sich vor wie ein Ausstellungsstück in einem Museum. Jedenfalls hat Juna am letzten Montag des Monats immer ihre Coiffeurschere dabei. Auch heute führt sie ihn nach dem gemeinsamen Kaffee ins Badezimmer. Sie stellt sich wie immer ans Fenster und schaut in den Garten hinaus, während er sich bis auf die Unterhose auszieht und in die Badewanne setzt. Dann befeuchtet sie seine Haare mit dem Handsprüher. Jonas ist für einen Augenblick eingehüllt in eine feuchte, kühle Wolke.
Juna kämmt ihm zuerst die Haare, obwohl Jonas nicht weiss, was es auf seinem Kopf noch zu kämmen gibt. Aber je länger Juna seine Kopfhaut mit dem Kamm streichelt, desto stärker ist das Gefühl, dass er noch jede Menge Haare habe.
Dann greift Juna feierlich nach ihrer Schere, und Jonas fühlt sich wohl. Es stört ihn nicht, dass sie ihn zurechtstutzen will. Er denkt nicht an Paul und dessen Vorstellung von Ordnung. Juna widmet sich ihm ganz allein. Er versucht, sich in der Badewanne aufrechter hinzusetzen und den Kopf ruhig zu halten. Juna beginnt zu schneiden. Oder ist es Hanna? Jonas schliesst die Augen, er will glauben, dass sie es ist. Er sieht die langen, blonden Haare. Ihren konzentrierten Blick. Sie schneidet und kämmt abwechslungsweise. Immer wieder dreht sie sein Gesicht zu sich, indem sie ihn leicht am Kinn berührt. Er spürte Hannas Berührung. Sie weist ihn an, sie anzuschauen.
15
Die kleineren Schiffe schaukelten leicht im Hafen, zwei Fischer rollten ihre Netze zusammen. Alice stand an Deck, sie lehnte sich gegen die Reling, ihre Stoffhose flatterte im Wind. Tief atmete sie die warme, salzige Luft ein. Der Geruch von Diesel hatte sich darunter gemischt. Alice störte das nicht, denn die Gerüche waren Zeichen für sie. Zeichen, die ihr signalisierten, dass sie ihrem Ziel näher kam. Das Gelächter der anderen Passagiere nahm sie kaum wahr. Die Geräusche erinnerten sie an ein Lied. Die Fähre fuhr schneller, das Vibrieren unter ihren Füssen wurde stärker, ihr Körper wurde davon erfasst. Wie in Trance war sie auf ihrer Reise gewesen. Erst jetzt hatte sie das Gefühl, langsam zu erwachen, zu begreifen, dass sie es tatsächlich getan hatte.
16
Jonas öffnet die Augen. Juna tritt einen Schritt zurück. Die Art, wie sie ihm die Haare schneidet, erinnert ihn daran, wie er früher unter dem kritischen Blick seines Lehrmeisters Pläne von Möbeln gezeichnet hat. Nachdem er die Arbeit in der Metzgerei aufgegeben hatte, fand er rasch eine Lehrstelle in einer Schreinerei. Zwar träumte er davon, eines Tages Architekt zu werden, aber er mochte den Geruch des Holzes, die Arbeit mit den Händen, das Anfertigen von Skizzen und Plänen. Und das lange Schweigen seines Lehrmeisters.
Jonas denkt: Juna schneidet mit einer Leichtigkeit, als würde sie mich skizzieren.
Bevor Juna ihm den Handspiegel reicht, wischt sie ihm mit einem Handtuch über Gesicht und Nacken. Auf diese Weise geordnet und gepflegt, hat er das Gefühl, sein Bruder Paul schaue ihm aus dem Spiegel entgegen. Obwohl er ihn in den letzten Jahren kaum gesehen hat.
Letzten Herbst schien Jonas auf dem Friedhof sein Spiegelbild entgegenzukommen. Sein Spiegelbild mit glänzenden Schuhen. Sein Spiegelbild mit dichterem Haar, gründlicher Rasur und gestutzten Augenbrauen. Paul liebte noch immer den grossen Auftritt. Vielleicht hatte er die Brauen sogar gekämmt und gegelt: Sie thronten regelrecht über seinen Augen. Sein Blick war nur wegen dieser Brauen stechend, da war sich Jonas sicher. Paul war schwammig und hatte einen wässrigen Blick. So, als ob er jederzeit in Tränen ausbrechen könnte. Das hatte ihm als Kind Mitgefühl und Milde von den Erwachsenen eingebracht.
Jonas erinnert sich, dass Paul von Anfang an ein weinerliches Kind gewesen ist. Die Mutter versuchte ihn mit viel Aufmerksamkeit, Nähe und Nahrung zu trösten. Sie hörte nicht auf, ihm die Brust zu geben. Auch als Paul Zähne wuchsen, legte sie sich zu ihm ins Bett und gab ihm die Brust, bis er einschlief.
Jonas, der mit Paul das Zimmer teilte, beobachtete sie von seinem Bett aus. Er sah die Nähe zwischen den beiden, fühlte sich leer und wollte diese Leere mit Musik füllen. Also begann er zu singen und zu pfeifen. Er erfand Lieder, deren Melodien er gleich wieder vergass.
Die Mutter schwieg, und Paul schlief trotzdem immer ein. Manchmal schlief auch die Mutter ein.
Als Paul in die Schule kam, wollte er nicht mehr an der Brust der Mutter nuckeln. Abends war er müde und schlief auf dem Sofa ein. Er ging gerne zur Schule und hüpfte vor Vorfreude bereits am Sonntagabend durch die Wohnung. Jonas’ Mutter begann, Pauls Lieblingsgerichte zu kochen, wenn er von der Schule nach Hause kam. Jonas wusste, dass Paul gerne zur Schule ging, weil er in seine Lehrerin vernarrt war.
Dieses Bild, Paul an der Brust seiner Mutter, sah Jonas im vergangenen Herbst auf dem Friedhof wieder vor sich, als sein Bruder vor ihm stand. Er hatte das seltsame Gefühl, ihn gleichzeitig beschützen und von sich wegstossen zu wollen. Paul streckte ihm die Hand entgegen und nickte ihm zu. Jonas, der sich vor der Begegnung gefürchtet hatte, war überrascht, wie knochig und kalt sich die Hand anfühlte. Er suchte in Pauls Gesicht nach dem kleinen Bruder, der er einmal gewesen war. Aber er sah nur ein Gesicht, welches ihn an eine von Wasser gezeichnete Landschaft erinnerte. Und die Hand in seiner Hand wurde zu einem Lammrack. Er sah es neben anderen Fleischstücken in der Theke der Metzgerei liegen. Angewidert zog Jonas seine Hand zurück. Paul schaute ihn erschrocken an, als wäre etwas auf dem Fussboden zerschellt.
Der Nebel zwischen den Tannen des Friedhofs löste sich langsam auf. Die Sonne blendete Jonas, und er schwitzte unter seinem Jackett. Er wünschte sich, dass es anfing zu regnen. Ohne Alice fühlte sich Jonas verloren. Seit sie verheiratet waren, war er noch nie ohne sie zu einer Beerdigung gegangen. Sogar an Hannas offenem Grab hatte sie neben ihm gestanden.
Jonas sah sich nach Juna und Etna um. Von Weitem sah er Juna neben seiner Mutter stehen, die auf einem Stuhl am offenen Grab sass. Seine Mutter war in sich zusammengesunken und sah noch kleiner aus als sonst. Seit Alice’ Verschwinden hatte er seine Eltern nicht mehr im Altersheim besucht. Juna stand neben ihr, als wäre sie eine Kundin in ihrem Friseursalon. Eine Hand hatte sie ihr auf die Schulter gelegt. Sie schien ihr etwas zu erzählen, blickte dabei in die Ferne und lächelte. So ist sie. Juna, die sich um alles kümmert. Sogar am Grab ihres Grossvaters schien sie die Sorge um andere Menschen mehr zu bewegen als der Verlust eines Familienmitgliedes. Nur Etna war nicht gekommen.
Immer mehr Menschen strömten auf den Friedhof. Eine Schlange aus dunklen Stoffen bewegte sich auf das Grab zu. Jonas konnte sich nicht rühren, aus seinen Beinen war jede Muskelkraft gewichen, sie waren bleischwer. Automatisch nahm er die Hände, die ihm entgegengestreckt wurden, und nickte den Gesichtern zu. Diesen weissen Flächen, die sich über den schwarzen Stoffen hin- und herbewegten. Jonas blinzelte, aber die Gesichter blieben Flächen, ohne wiedererkennbare Strukturen. Niemand fragte nach Alice. Für alle anderen schien sie nicht mehr zu existieren. Später stolperte Jonas der Schlange hinterher und erreichte sie, als sie bereits einen Kreis um das Grab seines Vaters gebildet hatte. Dicht an dicht standen die Menschen, Jonas fand keinen Platz für sich. Er konnte kaum atmen, konnte nicht ruhig stehen. Der Pfarrer sprach von seinem Vater oder dem heiligen Vater im Himmel, das wusste Jonas nicht genau. Wie man einen Metzgermeister und Gott im gleichen Satz erwähnen konnte, war ihm ein Rätsel. Sein Vater war kein gläubiger Mensch gewesen. Am Sonntag ging er lieber in die Metzgerei hinunter als in die Kirche. Nicht, um zu arbeiten, sondern um auf einem Stuhl zu sitzen und Radio zu hören.
Jonas lief um den Kreis der Trauergemeinde herum und stellte sich vor, er sei die Zeigerspitze einer Uhr. Die Worte des Pfarrers wurden zu einem Gemurmel, das vom rhythmischen Schnäuzen und Schniefen der Menge getragen wurde.
Der Pfarrer schwieg. Taschentücher und Blumen wurden hin- und hergereicht. Die Schlange bewegte sich in Richtung Ausgang. Nur Juna und Jonas’ Mutter, die immer noch auf dem Stuhl sass, blieben zurück.
Jonas ging zu seiner Mutter, die noch immer mit starrem Blick vor dem Grab seines Vaters sass. Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie auf die Wangen. An seinen Lippen blieb die Feuchtigkeit ihrer Tränen hängen.
Er wollte etwas Tröstendes zu ihr sagen. Aber welche Worte konnten seine Mutter erreichen? Immer mehr hatte sie sich in den letzten Jahren in sich zurückgezogen. Ihr Körper schrumpfte in sich hinein. Falten bildeten sich, als wollten sie etwas verbergen. Die Lippen waren nun immer gekräuselt. Die Augen zogen sich in ihre Höhlen zurück. Nur ihre Haare wurden weder lichter noch weisser. Jeder nahm an, sie färbe sie heimlich. Die langen braunen Haare überdeckten demnächst den ganzen Körper, als wären sie ihr Kleid.
Seine Mutter war schon lange eine alte Frau. Auf dem Stuhl am Grab seines Vaters wurde sie für Jonas zu einer Greisin. Jonas fand keine Worte für sie. Er sah ihr in die Augen. Er suchte ihren Blick. Sie war so fern. Wusste sie, wo sie war? Wusste sie, was geschehen war? Wusste sie, wer er war? Jonas drückte seine Nase gegen die ihre. Für einen Augenblick war er wieder Kind. Seine Mutter lächelte und nieste ihm ins Gesicht.
Juna reichte ihm ein Taschentuch. Jonas legte den Kopf in den Nacken und das Taschentuch aufs Gesicht. Er begann zu lachen. Er wusste, jetzt zu lachen, war falsch. Aber das Lachen gurgelte in seinem Hals. Er lachte lauter. Das Taschentuch flatterte von seinem Gesicht, segelte auf den Boden. Er krümmte sich, hielt sich den Bauch. Sein Körper wurde durchgeschüttelt vom Lachen, das unaufhaltsam aus ihm heraus schall. Als ob eine andere Person aus ihm heraus lachte. Und je mehr er versuchte, dies zu verhindern, desto lauter wurde er. Juna versuchte, ihn zu umarmen. Er wehrte sich, schob sie von sich weg. Sie zog ihn an sich, und er wurde ruhig.
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