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DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Fernando Magellan 1480–1521
Antonio Pigafetta
MIT MAGELLAN UM DIE ERDE
Ein Augenzeugenbericht der ersten Weltumsegelung
Herausgegeben von Robert Grün
Mit einer Einführung von Lars Hoffmann
und einem Vorwort von Dieter Lohmann

INHALT
Einführung
Die Erde ist rund! – Magellan und die Folgen
Vorwort des Herausgebers
Antonio Pigafetta – Die erste Reise um die Erde
Von der Abfahrt bis zur Entdeckung der Magellanstraße
Vom Abschied von der Meerenge bis zum Tode des Generalkapitäns
Vom Abschied von Zubu bis zum Abschied von den Molukken
Vom Abschied von den Molukken bis zur Ankunft in Spanien
Nachwort des Herausgebers
Editorische Notiz
Weiterführende Literatur
EINFÜHRUNG
Der auf Antonio Pigafetta, eines aus Vicenza in Venetien stammenden Gelehrten und Reisenden zurückgehende Bericht über die Weltumsegelung von Ferdinand Magellan wurde bereits wiederholt in der Sammlung Erdmann vorgelegt und gehört zu den Klassikern dieser Reihe: Die Tatsache, dass nach nur relativ kurzer Zeit wiederum eine Neuauflage gerade dieses Bandes erforderlich wurde, spricht für die große Verbreitung, aber auch für die enorme Bedeutung des Textes selbst heute. In der Zeit, in der er entstand, war man sich im Allgemeinen noch nicht so ganz sicher, ob die Erde tatsächlich eine Kugel sei – oder ob ein Weltumsegler irgendwann nicht doch an ihrem Rand hinunterfiele. Gleichwohl gingen nach dem Ende des Mittelalters und zu Beginn der Neuzeit, die auch im Europa des 15. Jahrhunderts zu tiefgreifenden kulturellen und politischen Umwälzungen geführt hatte, die sich neu formierenden Großmächte daran, ihr Einflussgebiet so weit wie möglich auszudehnen. Ein besonderes Interesse galt natürlich den neu entdeckten, vielleicht auch noch neu zu entdeckenden und große Reichtümer verheißenden Weltgegenden, die insbesondere die nach mittelalterlichem Verständnis am westlichen Ende der bekannten Erde lebenden Völker Spaniens und Portugals nunmehr für ihre eigenen Interessen zu sichern versuchten und deren Bereisung man anderen Völkern nach Möglichkeit vorenthalten wollte.
Die beiden westeuropäischen Seemächte einigten sich infolgedessen im Jahr 1494, d.h. rasch nach der Rückkehr des Kolumbus aus Amerika, darauf, die bekannte Welt in zwei gleich große Interessensphären aufzuteilen, eine spanische und eine portugiesische, zwischen denen man eine hypothetische Demarkationslinie zog. Diese Übereinkunft war nicht zuletzt durch die Vermittlung Papst Alexanders VI. zustande gekommen und von eben diesem Papst im Vertrag von Tordesillas bestätigt worden. Ein Bestandteil dieses Vertrags, der später insbesondere für Magellan von tragischer Bedeutung werden sollte, war auch die Missionierung der neu entdeckten Gebiete im Sinne der katholischen Kirche.
Umstritten zwischen den beiden Kontrahenten blieb bis zum Jahr 1529 nur ein einziges Territorium, das seinem Besitzer unendlichen Reichtum zu versprechen schien, die Molukken oder die Gewürzinseln. Denn wer die Möglichkeit dazu besaß, dorthin zu segeln und Gewürze auf dem Seeweg nach Europa zu importieren, konnte das osmanisch-arabische bzw. venezianische Handelsmonopol für diese Waren brechen und die aus diesen Geschäften zu erwartenden satten Gewinne selbst einstreichen. Den Seeweg in Richtung Osten entlang der afrikanischen Küsten beherrschten aufgrund des Vertrags von Tordesillas die Portugiesen, die erfolgreich jedwede spanische Unternehmung verhinderten, die dieselben Ziele zu erreichen versuchte. So blieb denn nur der Seeweg in Richtung Westen – vorausgesetzt freilich, dass die Erde tatsächlich rund sei und man jenseits des amerikanischen Kontinents nicht doch auf das Ende der Welt stieße.
Der aus Nordportugal stammende Ferñao de Magalhães, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts wiederholt in diplomatischen Angelegenheiten der Portugiesen unterwegs war und auf diese Weise auch in die südostasiatische Inselwelt gelangte, besaß die erforderlichen nautischen Kenntnisse und Erfahrungen, um eine solche Expedition zu leiten. Vieles spricht dafür, dass Magellan in der Lissabonner Admiralität auch Kenntnis von Aufzeichnungen portugiesischer Seefahrer bekommen hatte, die einen Seeweg durch den amerikanischen Kontinent hindurch immer weiter nach Westen vermuten ließen. In den Jahren 1513/14 fiel er jedoch bei seinem Dienstherrn in Lissabon, dem portugiesischen König Johann II. in Ungnade, da er Sklavenhandel auf eigene Rechnung betrieb. Magellan wurde folgerichtig aus dem Dienst der Krone entlassen, doch sollte es nicht lange dauern, bis ein Mann mit seinen Kenntnissen mit neuen Aufgaben versehen wurde. Er trat nämlich in die Dienste des spanischen Königs Karls I., dem er die Einrichtung einer Seehandelsroute zu den Gewürzinseln in Richtung Westen versprach. Magellan fand am spanischen Hof eine ganze Reihe von Fürsprechern für dieses Unternehmen, sodass im Frühjahr 1518 eine Vereinbarung mit Karl I. getroffen wurde: Kastilien erklärte sich dazu bereit, einen Verband aus fünf Schiffen unter der Leitung Magellans auszurüsten und einen großen Teil der Kosten dafür zu tragen, an deren Gegenfinanzierung sich wiederum das Augsburger Handelshaus der Fugger beteiligte. Magellan und seinen Erben wurde der fünfte Teil der zu erwartenden Einnahmen sowie der Gouverneursposten in den noch zu entdeckenden und für Spanien zu gewinnenden Gebieten versprochen. Vonseiten der portugiesischen Krone argwöhnisch beobachtet, begann Magellan im August 1519 seine Reise nach Westen, über deren dramatischen Verlauf der hier vorgelegte Bericht Antonio Pigafettas ein lebendiges Zeugnis ablegt. Pigafetta, der in Venedig Seewissenschaften und Kartographie studiert hatte, hatte bei Magellan gegen ein recht geringes Entgelt angeheuert, um Zeichnungen und neue Karten zu erstellen. Sein persönliches Logbuch sollte aber zur wichtigsten historischen Quelle werden, die uns heute über das riskante Unternehmen Magellans Auskunft gibt.
Geprägt war die gesamte Reise bis zu den Gewürzinseln durch fortgesetzte und durch die schlechte Ernährungslage bedingte Meutereien der Mannschaft, aber auch durch permanente Rivalitäten und Rangstreitigkeiten, die Magellan mit den spanischen Kapitänen seiner Begleitschiffe zu bestehen hatte. Denn diese wollten das Unternehmen entweder abbrechen oder selbst dessen Generalleitung übernehmen. Noch vor der Passage zum Pazifik ließ Magellan zwei der ursprünglich eingesetzten Kapitäne hinrichten, die die Waffen gegen ihn erhoben hatten, und diese durch geeignete Angehörige seiner Mannschaft ersetzen.
Dass nicht etwa der Entdeckergeist, sondern handfeste wirtschaftliche Interessen die innere Triebfeder für Magellans Reise abgaben, zeigte sich bereits am südlichen Ende des amerikanischen Kontinents, als der Kapitän dort die vermutete Passage vom Atlantik in den Pazifischen Ozean suchte. Zunächst befuhr er vergeblich die großen Flusssysteme des südlichen Südamerikas, und nachdem er die später nach ihm benannte Passage zwischen dem amerikanischen Kontinent und der Insel Feuerland durchfahren hatte, war es nicht etwa sein Ziel, das südliche Ende eben dieses Kontinents zu finden – das bekannte und nicht nur für Segelschiffe so gefährliche Kap Hoorn –, sondern Magellan machte sich sogleich in Richtung Westen auf. Die Entdeckung von Kap Hoorn für die christliche Seefahrt sollte er dem englischen Freibeuter und Seehelden Francis Drake überlassen, der gut 60 Jahre später die Südspitze Amerikas, wenn auch mehr oder weniger zufällig, umfuhr. Allerdings gab Magellan dem Pazifik den bis heute bestehenden Namen, da er nach seiner Fahrt durch die später nach ihm benannte Schifffahrtsstraße aus dem eher rauen Atlantik auf ein ruhigeres Meer stieß, und auch an Bord der verbliebenen drei Schiffe beruhigten sich fürs Erste die Gemüter ein wenig, da man seiner Hypothese, man könne Südostasien auch über den Seeweg in Richtung Westen erreichen, nunmehr doch Glauben zu schenken begann.
Den Pazifischen Ozean hatte Magellan im November des Jahres 1520 erreicht, und sein Optimismus war nunmehr so groß, dass er davon ausging, am angestrebten Ziel innerhalb nur eines weiteren Monats eintreffen zu können. Dem war aber nicht so, denn erst Anfang März 1521 traf sein Schiffsverband nach einer langen, entbehrungsreichen Überfahrt, die einen Teil der Mannschaft das Leben gekostet hatte, erstmals auf bewohnten und zugleich auch bekannten Inseln ein, den Marianen. Nach einigen Konflikten mit der ansässigen Bevölkerung segelte Magellan weiter in Richtung Westen, um im Bereich der philippinischen Inselwelt daran zu gehen, für Spanien jenes Kolonialreich aufzubauen, das er später selbst vertragsgemäß hätte verwalten sollen. Doch es kam alles anders: Nach anfänglichen Erfolgen kam nämlich Magellan am 27. April 1521 bei dem Versuch ums Leben, einem Inselvolk bei Mactan das Christentum mit Feuerwaffen beizubringen, als er dort von einem vergifteten Pfeil getroffen wurde. Nach diesem Ereignis erhoben sich auch die bislang bezwungenen Ureinwohner wieder gegen die Spanier, die schwere Verluste erlitten und notgedrungen mit nur noch zwei Schiffen fliehen mussten, da man ein Drittes nicht mehr mit einer genügend starken Mannschaft hätte ausrüsten können. Das Kommando übernahm nunmehr Kapitän Juan Sebastián Elcano, der seine Aufgabe darin sah, zumindest zwei Schiffe zurück in die spanische Heimat zu bringen. Über Borneo gelangte der neue Leiter des Unternehmens doch noch zu den Molukken, wo man einen Gewürzhandel unter Umgehung des portugiesischen Seehandelsmonopols vereinbarte und reichlich Waren an Bord nahm. Zwei Schiffe, die Victoria und die Trinidad, die Magellan selbst befehligt hatte, waren verblieben, und große Teile der ursprünglichen Mannschaft waren im Zuge von Meutereien, durch die großen Entbehrungen, aber auch durch Auseinandersetzungen mit der philippinischen Bevölkerung umgekommen. Und auch für die Weiterfahrt trennten sich die beiden Schiffe, da an der Trinidad noch umfangreiche Reparaturarbeiten ausgeführt werden mussten. Doch während die Victoria unter Kapitän Elcano trotz massiver Schäden und der portugiesischen Bemühungen, eine Rückkehr nach Spanien zu verhindern, am 6. September des Jahres 1522 im Heimathafen eintraf, gelang es den Portugiesen zumindest die Trinidad, das frühere Flaggschiff Magellans aufzubringen, die eine Überfahrt nach Südamerika versucht hatte. Alles in allem waren jedoch die Opfer sehr groß, die diese erste erfolgreiche Weltumsegelung gekostet hatte: Denn nur eines der ursprünglichen fünf Schiffe kam zurück und von der Mannschaft, die mit insgesamt 256 Offizieren und Matrosen in See gestochen war, erreichten nur 18 wieder die spanische oder italienische Heimat. Gleichwohl ließ sich die gesamte Unternehmung mit einem Gewinn von gut 500 Golddukaten abschließen, da die Victoria mit gut 25 Tonnen Gewürzen in Spanien eintraf, die die Investoren unter sich aufteilen konnten – zumal Magellan als einer der möglichen finanziellen Nutznießer die Reise nicht überlebt hatte.
Den Spaniern erwuchs jedoch die Erkenntnis, dass der Gewürzhandel über den Seeweg nach Westen keine Aussicht auf hinreichenden Gewinn versprach. Die Reise zu den Molukken war zu lang, zu beschwerlich und mit zu großen Gefahren verbunden, als dass man auf diese Weise einen auf Dauer Erfolg versprechenden Handel hätte etablieren können. Magellan hatte ganz einfach die lange Reise von Südamerika über den Pazifik unterschätzt, da man vor der ersten Erdumsegelung naturgemäß keine richtige Vorstellung von der Größe des Globus haben konnte. Auch besaß man in Spanien zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch nicht genügend militärisches Potential, um in Südostasien ein eigenes Kolonialreich aufzubauen – was erst unter König Philipp II. gelingen sollte, nachdem er die portugiesische Königswürde hatte an sich ziehen können.
In der nachträglichen Beurteilung wird Magellan also doch zu dem Entdecker, der er eigentlich nicht hatte sein wollen. Durch seine Reise erhielt man Kenntnis von der Magellanstraße, die nach wie vor als nautische Ausweichstrecke zur Umgehung des stürmischen Kap Hoorn genutzt wird, der Pazifische Ozean erhielt seinen Namen und wurde in seinen wahren Ausmaßen erfasst und nicht zuletzt erhielten die Menschen der frühen Neuzeit endlich ein zutreffendes und sicheres Bild von der Gestalt der Erde und ihrer wirklichen Größe. Als Eroberer hat Ferdinand Magellan jedoch nicht wirklich viel leisten können. Dafür waren die politischen Spannungen zwischen Portugal und Spanien, den wichtigsten Seemächten seiner Zeit, doch zu gravierend. Das Königreich Kastilien gab denn seine Ansprüche auf die Gewürzinseln im Vertrag von Saragossa, der 1529 unterzeichnet wurde, vorübergehend auf.
Mit der Weltumsegelung Magellans gewann die Menschheit jedoch auch einen sicheren Eindruck von der räumlichen Begrenztheit der Erde. Denn wenn man in Europa bislang davon ausgehen konnte, in immer neue Welten vordringen zu können und dort neue wirtschaftliche Ressourcen zu entdecken, so revidiert sich dieses Bild seit Beginn der frühen Neuzeit: Der grenzenlosen Expansion und dem daraus resultierenden kapitalistischen Prinzip eines nie enden dürfenden wirtschaftlichen Wachstums sind natürliche Grenzen gesetzt, die es zu respektieren gilt. Die Welt und ihre Bodenschätze sind endlich. Für uns heute kann und muss der spannende Bericht über die erste Weltumsegelung durch Fernando Magellan und Juan Elcano daher auch Anlass zum Nachdenken geben – dass wir nämlich mit den nur begrenzt zur Verfügung stehenden natürlichen und wirtschaftlichen Ressourcen sorgfältig umgehen müssen.
Lars Hoffmann
Weiterführende Literatur:
Daria Perocco (Hrg.), Itinerario da Vienna a Costantinopoli: Marc Antonio Pigafetta. Padua 2008.
Antonio Pigafetta, Relazione del primo viaggio attorno al mondo. Testo critico e commento di Andrea Canova. Padua 1999.
Robert Longo, Magellan. Köln 1997.
Adriana Chemelio, Antonio Pigafetta e la letteratura di viaggio nel Cinquecento. Verona 1996.
Laurence Bergreen, Magellan’s Terrifying Circumnavigation of the Globe. New York, NY, 1994.
Rebecca Steffof, Ferdinand Magellan and the Discovery of the World Ocean. London 1990.
Paul Werner Lange, Der Sonne gleich… Das Leben des Fernando de Magellanes und die erste Weltumsegelung. Leipzig 1983.
DIE ERDE IST RUND! – MAGELLAN UND DIE FOLGEN
Die Erde ist eine Scheibe – umflossen von einem riesigen Ozean. Wer sich mit seinem Schiff an die Grenze dieser Scheibe heranwagt, stürzt ab und ist für immer verloren! Diese oder ähnliche Vorstellungen prägen das Bild der Menschen im Altertum vom Aussehen und der Form der Erde. Noch die berühmten griechischen Schriftsteller und Naturforscher Homer und Thales von Milet sind zwischen 800 und 600 vor Christus von der Richtigkeit dieser Vermutungen überzeugt.
Die Erde ist rund! Der erste Wissenschaftler, der sich mit dieser Idee auseinandersetzt, stammt ebenfalls aus Griechenland. Es ist der berühmte Philosoph und Mathematiker Pythagoras (um 570 bis 496 vor Christus), dem es mehr als 500 Jahre vor Christus allerdings schwerfällt, seine Vermutung mit Beweisen zu untermauern.
Die Erde ist rund! Aristoteles (384 bis 322 vor Christus), dem großen griechischen Philosophen und Schüler des Platon, gelingt es um 350 vor Christus, erste Beweise für diese Hypothese vorzulegen. Er erkennt, dass ankommende Schiffe zunächst mit ihren Masten und Segeln sichtbar werden, wenn sie sich einem Hafen oder dem Land nähern. Auch die Beobachtung, dass die Erde bei einer Mondfinsternis einen runden Schatten auf die Oberfläche des Erdtrabanten wirft, unterstützt seine Annahme von der Kugelgestalt der Erde.
Mehr als 100 Jahre später gelingt es dem Alexandriner Eratosthenes (276 bis 195 vor Christus), den Erdumfang auf der Grundlage der damaligen Kenntnisse einigermaßen genau zu berechnen. Die von ihm ermittelten Werte liegen mit 44 500 Kilometern zwar um etwa 10 Prozent über dem tatsächlichen Erdumfang von 40 075 Kilometern, angesichts der verfügbaren Messmethoden liefert er aber einen erstaunlichen Leistungsbeweis der Geometrie und wird damit zu einem der wichtigsten Mitbegründer des Vermessungswesens. Seine Forschungsergebnisse verarbeitet Eratosthenes später zu ersten Ideen für eine Erdkarte mit Längen- und Breitengraden.
Die Erde ist rund! Obwohl die Wissenschaftler im alten Griechenland von dieser Tatsache überzeugt sind, fällt es auch ihnen schwer einzusehen, dass die Erde nicht im Mittelpunkt aller Himmelsbewegungen steht. Noch Archimedes (287 bis 212 vor Christus), der geniale Universalgelehrte, baut ein Himmelslaboratorium, bei dem sich die bis dahin entdeckten Planeten zwar um die Sonne drehen; in diesem geozentrischen Weltbild lässt er aber diese Himmelskörper alle gemeinsam um die Erde kreisen.
Die Erde ist ein rechteckiger Kasten! Christliche Geschichtsschreiber wie Lactantius im 3. Jahrhundert nach Christus oder Kosmas Indikopleustes 300 Jahre später verwerfen die frühen »heidnischen« Theorien der Griechen von der Kugelgestalt der Erde und weisen sie ins Reich der Fabel. Angeblich sind ihre Entdeckungen und Forschungsergebnisse mit den Schriften der Bibel nicht vereinbar. In großen Teilen Europas gerät das Wissen aus dem Altertum für Jahrhunderte in Vergessenheit.
Auch später, etwa ab dem 12. Jahrhundert, bekämpfen die Hüter der religiösen Dogmen allzu fortschrittliche Philosophen, die sich auf die Schriften des Aristoteles berufen, mit allen Mitteln. Es konnte nicht sein, was nicht sein durfte!

Die Erde ist rund! Den endgültigen Beweis für diese Annahme bringt nicht ein Astronom oder Wissenschaftler. Ein stiller, verschlossener Seefahrer und Entdecker, ein Kriegsheld ist es, der das Rätsel vom Aussehen, von der Form der Erde für alle Zeiten löst. Als Fernando Magellan am 20. September 1519 mit seiner aus fünf Schiffen bestehenden Flotte den Hafen von Sanlúcar de Barrameda an der spanischen Atlantikküste verlässt, ahnt er noch nichts davon, dass er mit seiner Fahrt in die Geschichte eingehen wird. Im Auftrag des spanischen Königs Karl V. macht er sich auf die Suche nach dem westlichen Seeweg zu den Gewürzinseln der Molukken. Magellan ist davon überzeugt, dass es irgendwo südlich des Río de la Plata eine Durchfahrt vom Atlantik in den Pazifik geben muss. Die will er finden, um von da aus den Pazifik, den Balboa 1513 von Panama aus als erster Europäer gesichtet hat, zu überqueren. Dann, so hofft Magellan, dürften die Gewürzinseln in greifbarer Nähe und leicht zu finden sein. Mit an Bord ist der junge, entdeckungslustige Italiener Antonio Pigafetta, der Magellan treu ergeben ist und alle Erlebnisse während der Reise sorgfältig in seinem Tagebuch festhält.
Schon wenige Monate nach dem Segelsetzen haben die Entdecker die bekannten Regionen der Erde hinter sich gelassen und die Forschungsfahrt wird zu einer Tour ins Ungewisse. Drei Jahre lang kämpfen sich Magellan und seine Männer durch unbekannte Gewässer, trotzen Hunger und Durst und den größten Gefahren und kommen schließlich tatsächlich ans Ziel ihrer Träume. 1520 finden sie die sagenumwobene Verbindung zwischen den beiden Ozeanen, die später nach ihrem Entdecker »Magellanstraße« genannt wird, durchqueren den Pazifik und erreichen nach einem Zwischenstopp auf den Philippinen die Gewürzinseln der Molukken. Im November 1521 ist die eigentliche Mission des großen Entdeckers erfüllt. Aber schon hier ist Magellan selbst nicht mehr dabei. Der vom spanischen König ernannte Generalkapitän der Expedition fällt am 27. April 1521 im Kampf gegen Einheimische auf der kleinen philippinischen Insel Mactan. Der Mann, der diese Reise gegen alle Widerstände durchgesetzt hat, der seinem Land Portugal den Rücken gekehrt hat und in spanische Dienste getreten ist, der auf der Fahrt eine Meuterei niedergeschlagen hat, kann seinen Triumph nicht mehr auskosten.
Sebastiano del Cano, der letzte Kapitän der »Victoria«, ist es, der Magellans Reise zu Ende führt und die Legende perfekt macht. Als die »Victoria«, eine kleine Karavelle, am 6. September 1522 schwer beladen mit Gewürzen als einziges Schiff der Flotte wieder in den Heimathafen zurückkehrt, ist die erste Weltumsegelung perfekt. Pythagoras, Aristoteles und Eratosthenes hatten Recht, die Erde ist rund. Doch die Entdeckungstour forderte einen hohen Tribut. Nicht nur Magellan selbst ist umgekommen. Ganze 18 von 237 Mann Besatzung betreten nach dreijähriger Fahrt wieder spanischen Boden und können sich als Helden feiern lassen.
Die Erde ist rund. Neben dem bahnbrechenden Beweis für die Lehre der alten Griechen hat Magellans Expedition um die Welt aber auch noch andere unmittelbare Erfolge zu verbuchen. Der Verkauf der weit über 20 Tonnen Gewürze, die die »Victoria« unter Sebastiano del Cano mit nach Sevilla bringt, deckt nicht nur alle Kosten der beiden »Sponsoren« der Unternehmung, des spanischen Königs Karl V. und des flandrischen Reeders und Kaufmanns Christobal de Haro, es bleibt sogar noch ein stattlicher Gewinn übrig.
Was aber brachte die erste Weltumsegelung noch an Erkenntnissen? Welchen Einfluss hatte sie auf Wissenschaft und Kultur? Da endlich die ungefähre Größe der Erde bekannt ist, können die Seefahrer und Entdecker nach Magellan ihre Standorte und die Routen auf dem Globus besser berechnen und damit zukünftige Expeditionen genauer planen. Der gewaltige neue Ozean, den Magellan als erster Europäer befahren und auf den Namen »mar pacifico«, Stiller Ozean, getauft hat, wird in die modernen spätmittelalterlichen Weltkarten eingetragen. Viele Seefahrer nach Magellan müssen allerdings die Erfahrung machen, dass der Name »Stiller Ozean« trügerisch und irreführend ist. Das günstige Wetter und die ruhige See während Magellans historischer Reise, die ihn bewogen haben dem neuen Weltmeer seinen Namen zu geben, erweisen sich später jedenfalls als untypisch für diese Region. Unbekannt dagegen sind auch nach Magellans Reise immer noch die Dimensionen Feuerlands, die Lage Australiens und die Inselwelt der Südsee, an der der große Entdecker so haarscharf vorbeigesegelt ist.
Und noch eines wird für Magellans Zeitgenossen offensichtlich: Kolumbus hatte 1492 ganz sicher nicht, wie er selbst sogar bis zu seinem Tod glaubte, Indien, sondern einen neuen, selbstständigen Kontinent (wieder)entdeckt.
Batista Agnese zeichnet kurze Zeit nach der ersten Weltumsegelung eine neue, verbesserte Weltkarte, in der die Ost-West-Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik bereits eingetragen ist und die Größe des Stillen Ozeans ziemlich genau dargestellt wird.
Die Erde ist rund und sie dreht sich um die eigene Achse! Und noch eine seltsame Entdeckung ist Magellan und in diesem Fall vor allem Antonio Pigafetta auf die Liste ihrer Erfolge zu schreiben: Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr hat Pigafetta während der dreijährigen Reise penibel Tagebuch geführt. Als die beinahe seeuntüchtige »Victoria« aber auf der Heimfahrt nach Spanien die Kapverdischen Inseln erreicht, stimmt Pigafettas Kalender nicht mehr mit dem der übrigen Welt überein. Nach Pigafettas Zeitrechnung ist es Mittwoch, der Rest der Welt schreibt aber bereits Donnerstag. Doch es ist kein Irrtum möglich, denn auch der Logbuchführer des Schiffes bestätigt Pigafettas Zählung.
Als erste Menschen machen Magellans Leute am eigenen Leib die Erfahrung, dass derjenige, der die Erde in Richtung Westen umrundet, einen Tag »verliert«. Wer dagegen von Westen nach Osten reist, erlebt zweimal das gleiche Datum, gewinnt also einen Tag hinzu. Dieses Phänomen hängt mit der Erdrotation, mit der Drehung der Erde um ihre Achse, zusammen. Pigafetta beschert seine sensationelle Entdeckung die Aufmerksamkeit von großen Teilen der wissenschaftlichen Welt. Die Lehre des griechischen Philosophen Heraklit, der zwischen 550 und 480 vor Christus lebte und vermutete, dass das Universum in ständiger Bewegung ist – »alles fließt« – und dass auch die Erde nicht reglos im Weltall liegt, sondern sich im stetigen Rhythmus um die eigene Achse dreht, wird durch Pigafettas Beobachtung gestützt.
Jules Verne, der berühmte französische Schriftsteller, hat das von Pigafetta entdeckte Phänomen 300 Jahre später in seinem Roman »In 80 Tagen um die Welt« aufgegriffen und ihm damit zu Weltruhm verholfen. Sein Held, der stocksteife Gentleman Phileas Fogg – im Film grandios verkörpert vom Schauspieler David Niven –, macht sich mit seinem Diener Jean Passepartout von London auf die Reise. Er will eine Wette gegen die anderen Mitglieder des Reform-Clubs gewinnen, die nicht glauben wollen, dass man in der unglaublich kurzen Zeit von 80 Tagen die Welt umrunden kann. 20 000 Pfund stehen auf dem Spiel. Obwohl Fogg, nachdem er allerlei Abenteuer und Schwierigkeiten gemeistert hat, London und den Reform-Club fünf Minuten zu spät erreicht, kann er seine Wette doch noch gewinnen. Passepartout, sein aufmerksamer Diener, bemerkt, dass sie auf ihrer Reise offenbar einen Tag hinzugewonnen haben, weil sie in östlicher Richtung um die Erde gefahren waren.

Die Erde ist rund. Spanien, ja ganz Europa jubelt 1522 über die Entdeckung des westlichen Seewegs zu den Gewürzinseln und der Ost-West-Verbindung zwischen Atlantik und »Stillem« Ozean. Ganz Europa jubelt? Nein, ein kleines Land im äußersten Südwesten des Kontinents jubelt nicht. Ganz im Gegenteil! Portugal zittert, zittert um die Vorherrschaft im europäischen Handel mit den einträglichen Kräutern aus Südostasien.
Gewürze, Europa lechzt danach! Endlich scheint für Spanien der schnellste und kürzeste Weg gefunden, sich mit der härtesten Währung des Mittelalters zu versorgen. Das Monopol der islamischen Händler, die die wertvollen Güter über Land nach Europa transportieren, und der Portugiesen, die den östlichen Seeweg kontrollieren, scheint gebrochen.
Gewürze? Der moderne Mensch kann sich gar nicht vorstellen, welche Faszination allein dieser Begriff bei den Menschen des Mittelalters auslöst. Gewürze! Das klingt nach köstlichen exotischen Speisen, weihrauchdurchzogenen Kirchen, kostbaren orientalischen Düften und lebenserhaltenden Heilmitteln. Ganz anders sieht dagegen das »normale«, alltägliche Leben in Europa zu der damaligen Zeit aus. Von Kaffee oder Nikotin gibt es noch keine Spur, Mahlzeiten und Lebensmittel bleiben notgedrungen häufig fade und werden ausschließlich mit Salz und einheimischen Kräutern gewürzt und haltbar gemacht.
Der Siegeszug der begehrten Pflanzen wie Pfeffer, Muskatnuss, Nelken oder Zimt beginnt in den Fürstenhäusern, die schnell immer mehr von den seltenen Gütern fordern. Aber auch den kleinen Leuten erscheint das teure Gut bald interessant, ja fast lebensnotwendig. Für lange Zeit werden Gewürze in Europa das Maß aller Dinge, Zahlungsmittel, Medikament, Prestigeobjekt und natürlich Würzmittel. Europa ist regelrecht süchtig nach Gewürzen.
Die Sache hat allerdings einen Haken: Venezianische und islamische Händler kontrollieren den Handel mit Gewürzen bis Ende des 15. Jahrhunderts. In zahllosen Karawanen gelangen die feinen Kräuter über Land von Südostasien nach Europa. Die Sucht nach Gewürzen hat deshalb für die Abnehmer in Europa einen gravierenden Nachteil.
Diese mittelalterlichen Luxusgüter sind teuer und müssen mit Gold bezahlt werden. Schnell leeren sich die Staatskassen der Königs- und Fürstenhäuser.
Europa beginnt deshalb nach Möglichkeiten zu suchen, auf einem anderen Weg an die begehrten Kräuter zu gelangen. Was liegt näher, als über den Seeweg die eigenen Fesseln zu sprengen, um an die Reichtümer des Orients zu gelangen. Nicht reiner Entdeckergeist ist es deshalb, der die Seefahrer in den folgenden Jahrzehnten auf ihren Fahrten antreibt, sondern auch das Streben nach Ruhm und Reichtum, die Suche nach den Gewürzinseln.
Gewürze! Bald entwickelt sich ein Wettlauf zwischen Spanien und Portugal, um den Weg nach Indien zu finden und an das Ziel aller Träume zu gelangen. Ist zunächst eine Fahrt bis zu den Kanaren für die Seefahrer noch ein Abenteuer, gehört sie wenige Jahre später schon zur Normalität. 1474 überquerte Lopo Gonçalves den Äquator. 14 Jahre später umrundet der Portugiese Bartolomëu Diaz als erster Europäer das Kap der Guten Hoffnung. Der Weg in den Indischen Ozean ist endlich frei. 1492 kommt es zur legendären Reise von Christoph Kolumbus, der im spanischen Auftrag mit seinem Schiff »Santa Maria« Amerika wiederentdeckt.
Um den Streit zwischen Portugal und Spanien zu mildern, teilt der amtierende Papst Alexander VI. 1494 im Vertrag von Tordesillas die Erde wie einen Apfel in zwei Hälften. Die Spanier erhalten die Souveränität über den westlichen Teil, die Portugiesen die über den östlichen.
Vier Jahre nach diesem Friedensschluss durchquert der Portugiese Vasco da Gama 1498 als erster Europäer die Straße von Mosambik und gelangt dann über das Arabische Meer nach Indien. Der östliche Seeweg in die Gewürzländer ist gefunden. Portugal hat damit den Schlüssel zum Handel mit den exotischen Kräutern in der Hand und entwickelt sich innerhalb weniger Jahre zur Weltmacht.
Per Dekret teilt der Papst 1514 alle Gebiete, die auf dem östlichen Seeweg zu erreichen sind, den Portugiesen zu. Umso wichtiger für Spanien ist die Entdeckung des westlichen Seewegs zu den Gewürzinseln durch Magellan und seine Männer. Jetzt endlich, im Jahr 1522, nach dem erfolgreichen Abschluss der Expedition, scheinen sie den Portugiesen ein zumindest ebenbürtiger Gegner im Handel mit den edlen Kräutern zu werden. Kein Wunder, dass Portugal um seine Macht zittert! Doch schon bald kehrt in Spanien Ernüchterung ein.
Die Erde ist rund. Wie außergewöhnlich und bewundernswert die Leistung Magellans und seiner Männer wirklich ist, zeigen die nächsten Jahrzehnte. Den nachfolgenden spanischen Expeditionen gelingt es nicht, das Kunststück Magellans zu wiederholen. Ausnahmslos scheitern sie alle spätestens in der Magellanstraße. Schon bald meiden die Seefahrer die Gewässer zwischen Patagonien und Feuerland wie die Pest. Zu gefährlich ist der Weg, zu groß sind die Verluste, zu viele Menschenleben hat er bereits gekostet. Der Traum von der Magellanstraße als wichtigstem Handelsweg von Europa nach dem Fernen Osten ist schnell ausgeträumt. Statt den neuen Seeweg im Süden Amerikas zu benutzen, werden Gewürze und andere Reichtümer von den Spaniern lieber mühsam mit Karawanen über den Landweg, die Meerenge Panamas, transportiert und dann nach Europa verschifft. Innerhalb weniger Jahre gerät die Magellanstraße fast vollständig wieder in Vergessenheit.
Auch andere Erfolge Magellans erweisen sich als wenig dauerhaft. Die Entdeckung und Inbesitznahme der Gewürzinseln im Auftrag Spaniens, für die der Generalkapitän und viele seiner Männer ihr Leben gegeben haben, wird vom spanischen König letztlich zum reinen Handelsobjekt. Nach heftigem Streit mit Portugal verkauft Karl V. die spanischen »Rechte« an den Molukken 1529 zum Dumpingpreis von 350 000 Dukaten an den Herrscher ganz im Südwesten Europas.
Den Ruhm für die erste Reise um die Welt aber kann Magellan keiner nehmen. Und schon die bloße Wiederholung seiner legendären Tat bleibt auch Mitte des 16. Jahrhunderts noch eine schier unüberwindliche Hürde. Erst 50 Jahre nach Magellan gelingt dem berüchtigten Piraten und Entdecker Francis Drake Ende der 70er-Jahre die zweite Weltumsegelung. Auf seiner (vergeblichen) Suche nach dem legendären reichen Südkontinent Terra Australis Incognita muss auch er 1578 vor der Durchquerung der Ost-West-Passage in Port San Julián eine Meuterei niederschlagen, ehe er die Durchfahrt wagen kann. Am anderen Ende angekommen, gerät die kleine Flotte in einen Sturm und Drakes Schiff, die »Golden Hind«, wird nach Süden verschlagen.
Als erster Europäer gelangt Drake dabei nach Kap Hoorn und erkennt den wahren Wert der Magellanstraße. Sie trennt nur Feuerland und Südamerika voneinander und nicht zwei Kontinente. Nach einer erfolgreichen Kaperfahrt entlang der südamerikanischen Küste in Richtung Norden gelangt er über die Molukken nach England zurück. Am 26. September 1580 erreicht Drake schließlich den Heimathafen Plymouth. Endlich hat Magellan einen Nachfolger gefunden. Die erste britische – und nach Magellan die zweite Weltumsegelung überhaupt – ist vollbracht. Die Königin ist »amused« und Drake wird zum Sir ernannt.
In den Jahrzehnten und Jahrhunderten danach erhält die Magellanstraße doch noch ihre Würdigung. Nach und nach entwickelt sich ein reger Schiffsverkehr rund um Kap Hoorn und durch den »Kanal« zwischen Feuerland und Patagonien. Städte wie Punta Arenas im heutigen Chile, die von Handel und Fischfang leben, werden entlang der Magellanstraße gebaut. Ein später Erfolg der Reise Magellans.
Spätestens 1913 aber steht die Magellanstraße als blühender Handelsweg doch vor dem Aus. Der US-amerikanische Präsident Wilson eröffnet in diesem Jahr feierlich den Panama-Kanal. Damit gibt es eine – wenn auch künstliche – Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik in Äquatornähe und der weite und gefährliche Weg Richtung Süden wird für viele Schiffe überflüssig. Harte Zeiten für die Menschen und die wirtschaftliche Entwicklung in dieser Region!
Seitdem wird die Magellanstraße gerne von Kreuzfahrtschiffen befahren, die die Pinguinkolonie auf der Insel Magdalena ansteuern, die Stadt Punta Arenas besuchen und von dort weiter über die argentinische Siedlung Ushuaia auf Feuerland bis nach Puerto Williams, den südlichsten Ort der Welt, vordringen.
Auch zahlreiche Segelboote, die die ruhigere Magellanstraße dem Weg um Kap Hoorn vorziehen, suchen sich ihren Weg durch die Kanäle zwischen Patagonien und Feuerland.
In den letzten 20 Jahren zeigt sich für die Menschen ganz im Süden des amerikanischen Kontinents aber ein Silberstreif am Horizont. Im Bereich der Magellanstraße haben Geowissenschaftler größere Erdöllagerstätten gefunden, die mittlerweile auch kommerziell ausgebeutet werden. Eine neue sprudelnde Einnahmequelle hat sich für die Region aufgetan, von der Magellan noch nichts ahnte: das schwarze Gold.

Die Erde ist rund! Die erste Weltumsegelung und die Entdeckung der Passage zwischen Atlantik und Pazifik haben Magellan auf der ganzen Welt so berühmt und populär gemacht, dass sein Name auch heute noch in keinem Atlas fehlt. In vielen Ländern der Erde gibt es Orte oder Regionen, die seinen Namen tragen. Reiseveranstalter versuchen mit der Bezeichnung »Magellan« die Phantasie der Reisefreaks zu beflügeln und damit Kunden zu werben. Denkmäler, Stiftungen oder andere Projekte erinnern nicht nur in Südamerika an seine historische Tat. Sogar eine hübsche Pinguinart, die unter anderem in den Gewässern der Magellanstraße lebt, ist nach ihm benannt worden. Magellan, also ein makellos strahlender Held, ein untadeliger Seemann und Kapitän, ein humaner Entdecker und Menschenfreund?
Versucht man hinter die Kulissen zu blicken und betrachtet den Menschen Magellan und sein Leben genauer, beginnt die schöne Fassade zu bröckeln. Vieles, was über ihn berichtet wird, ist aus einer sehr europäischen Sicht der Dinge geschrieben.
Schon die Schilderung der Vorgänge bei seinem Tod auf der philippinischen Insel Mactan macht dies deutlich. Fernando Magellan, ein Weißer, ein berühmter Seefahrer und Entdecker, wird am 27. April 1521 von »wilden und blutgierigen Insulanern« getötet. So hat es Pigafetta überliefert, so oder so ähnlich sehen es zeitgenössische, aber auch moderne europäische Chronisten.
Aber waren die Einwohner Mactans wirklich die Aggressoren und Mörder und die Weißen in Person ihres Generalkapitäns nur bemitleidenswerte Opfer? Was konnten die Europäer den Insulanern schon vorwerfen? Nicht unterwürfig genug waren sie und dem Willen der Europäer hatten sie sich nicht widerstandslos gebeugt. Dem Verständnis der europäischen Entdecker nach eine ausreichende Begründung, die Insel zu überfallen und den »Aufständischen« eine Lehre zu erteilen. Sie dringen in ihr Hoheitsgebiet ein, lassen ein Dorf abbrennen und viele Insulaner töten. Magellan ein Held?
Wie so viele andere Entdecker vor und nach ihm treten die Männer um Magellan überall, wo sie Station machen, als erobernde Eindringlinge auf. Für nichts anderes interessieren sie sich als dafür, ihren eigenen Reichtum, ihre eigene Macht zu vergrößern. Wo dabei andere Interessen im Wege stehen, werden sie ausgeräumt, zur Not mit Gewalt. Begeistert hat man sie fast überall begrüßt, zum Teil als Götter verehrt. Der einheimischen Bevölkerung bringen die Weißen aber oft nur Tod und Unterdrückung, Krankheiten und eine völlige Veränderung ihrer Religion und Kultur. Magellan und seine Männer sind dabei keine Ausnahme. Durch ihr Wirken werden sie sogar zu entscheidenden Wegbereitern der Kolonialisierung Südostasiens. Magellan ein Held?
Aber nicht nur im Umgang mit den Bewohnern der besuchten Regionen zeigt sich der Zeitgeist der europäischen Entdecker und Seefahrer im Mittelalter. Auch die eigenen Matrosen haben unter ihrem Anführer Magellan nicht viel zu lachen. Bewusst verschweigt er seinen Männern beim Anwerben beispielsweise das eigentliche Ziel der Reise und die Strapazen, die ihnen bevorstehen. Magellan und seine »Sponsoren« handeln so, »damit sie (die Mannschaft) nicht vor Staunen und Angst unwillig wären, ihn auf so einer langen Reise zu begleiten«, wie Pigafetta schreibt, und so die Ziele der Entdeckungsfahrt gefährden.
Hart gegen sich selbst und gegen andere und ohne Rücksicht auf Verluste zieht Magellan seine Entdeckertour später dann auch durch. Eine Meuterei lässt er brutal niederschlagen, viele Menschen sterben während der Fahrt an Skorbut, Infektionen oder im Kampf mit den Einheimischen. Selbst als bei der Pazifiküberquerung extremer Hunger und Durst die Mannschaften quälen, gibt es keinen Gedanken an Aufgabe. Ganze 18 von 237 Mann der ursprünglichen Besatzung der fünf Schiffe kehren nach drei Jahren schließlich zurück in den Heimathafen. Magellan ein Held?
Aber Magellan ist kein Einzelfall. Kaum ein Kapitän der damaligen Zeit kümmert sich wirklich um das Wohl seiner Mannschaft. Keiner versucht, drohende Krankheiten durch gute Reisevorbereitungen und gesunde Ernährung auf ein Minimum zu reduzieren. Reich wollen sie werden, die damaligen Entdecker und Seefahrer, Ruhm wollen sie ernten, als große Helden wollen sie in die Geschichte eingehen. Für Humanität und Menschlichkeit bleibt da keine Zeit.
Erst 250 Jahre nach Magellan revolutioniert der berühmte Brite James Cook die Seefahrt in dieser Hinsicht. Ihm gelingt es endlich, die Geißel der Seefahrt, den Skorbut, durch vitaminreiche Kost zu besiegen und so die Verluste unter den Matrosen während seiner drei Reisen in den Pazifik gering zu halten. Magellan ein Held?
Der historische Wert der Leistung Magellans und seiner Gefährten soll durch diese Gedanken allerdings nicht geschmälert werden. Die Erde ist rund. Die erste Weltumsegelung und der damit verbundene Beweis für die Kugelgestalt der Erde führten dazu, dass die Menschen des 16. Jahrhunderts endgültig Bescheid wussten über die Größe, die Form ihres eigenen Planeten. Nur wenige Geniestreiche in der Geschichte der Menschheit sind mit diesem Kunststück Magellans vergleichbar. Allenfalls die erste Nonstop-Überquerung des Atlantiks per Flugzeug durch Charles Lindbergh im Jahre 1927, die Eroberung des Weltalls durch Juri Gagarin in der Wostokkapsel 1961 oder die erste Mondlandung durch die amerikanische Apollo 11-Besatzung 1969 verdienen es wohl, mit der Leistung Magellans in einem Atemzug genannt zu werden.
Dieter Lohmann
DER WEG NACH SANLÚCAR
»Wahrlich, die achtzehn nach Spanien zurückgekehrten Seeleute wären ewigen Ruhmes würdiger als die Argonauten, und ihr Schiff, die ›Victoria‹, verdiente es eher als die Argo, unter die Sterne versetzt zu werden.«
MAXIMILIANUS TRANSILVANUS AN DEN ERZBISCHOF VON SALZBURG
– VORWORT DES HERAUSGEBERS –
I
Alle haben sie den Weg nach Calicut gesucht. Calicut, das bedeutet: Pfeffer, Zimt, Zucker, Muskatnuss, Safran, Porzellan, Seide, Parfüm, vielleicht sogar Gold. Alle haben den Weg gesucht und keiner hat ihn gefunden. Nicht auf dem Ostweg, nicht auf dem Westweg. Diogo Cão ist nur bis zum 11. Grad südlicher Breite vorgedrungen, Bartolomëu Diaz hat wohl das »Cabo tormentoso«, das Kap der Stürme, umschifft, aber dann hat er umkehren müssen. So ist das Kap ein Kap der guten Hoffnung geblieben.
Auch Cristóbal Colón hat den Weg zu den Gewürzländern nicht gefunden. Bis jetzt nicht. Aber er könnte ihn finden. Spanien könnte Portugal zuvorkommen und die Reichtümer des Morgenlandes an sich reißen. Das darf nicht sein.
So verlässt am 8. Juli 1497 ein wohlausgerüstetes Geschwader unter der Führung Vasco da Gamas Lissabon, um dieser Furcht, die König Manuel nicht schlafen lässt, ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. In Melinda hört Vasco da Gama den Namen wieder: Calicut! Calicut, die Stadt an der Malabarküste! Und er hört nicht nur den Namen, der so wohltönend in den Ohren klingt. Er hört mehr: Die Schätze, die Calicut bergen soll, hat nicht einmal Manuels maßlose Gier erträumt. Calicut – es übertrifft sogar jenes Cathai, von dem Marco Polo, der Phantast aus Venedig, gefaselt hatte. Calicut – das ist die Erfüllung aller Wünsche. Calicut – das bedeutet Reichtum, bedeutet Macht. Calicut – das ist das irdische Paradies. Und der Sultan von Melinda – auch das hört Vasco da Gama – weiß den Weg nach Calicut.
Versprechungen helfen nichts. Geschenke helfen nichts. Drohungen helfen. Dem Sultan wird ein Lotse abgepresst.
Die Schiffe stechen wieder in See. Eine Fahrt ohne Abenteuer beginnt. Zwischen Melinda und Calicut liegt nur das Meer. Tage, Wochen, Monate – immer das Meer. Nächte und Tage – immer und überall die Wasserwüste, nie Land. Angst wechselt mit Erwartung ab, der Funke der Meuterei beginnt zu glimmen und erlischt wieder. Vasco da Gama denkt nicht an Rückkehr. Für ihn gibt es nur zwei Ziele: Das eine heißt Calicut, das andere ist der Tod.
Am 19. Mai 1498 ertönt der ersehnte Ruf: Land! Alle stürzen an Deck. In weiter Ferne wachsen Berge aus dem glitzernden Wasser; davor dehnt sich ein flacher brauner Streifen. Calicut? »Malabar«, murmelt der Lotse und versteht nicht, weshalb die Portugiesen in die Knie sinken und die Hände falten.
Und am 20. Mai 1498 hält die Weltgeschichte den Atem an: Vasco da Gama hat, begünstigt vom Südwestmonsun, den Indischen Ozean durchsegelt und vor Calicut Anker geworfen. Der Seeweg nach Indien – der Ostweg – ist gefunden, genau zehn Tage bevor Cristóbal Colón seine dritte Fahrt antreten wird.
Calicut, damals größter Hafen Asiens, übertrifft noch die hoch gespannten Erwartungen der Portugiesen. Wie eine reife, saftstrotzende Frucht liegt die Stadt vor ihnen – zum Greifen nahe. Aber sie können nicht nach ihr greifen, denn auch die mohammedanischen Kaufleute wissen den Wert dieser Frucht zu schätzen. Auch sie verfügen über Schiffe, Krieger und Waffen. Schon am 29. August muss Vasco da Gama, selbst nur knapp dem Tode entkommen, die Heimreise antreten, die eine Flucht ist.
Früchte sind dazu da, um gepflückt zu werden. Die Welt ist groß und dazu da, von Spanien und Portugal entdeckt und erobert zu werden. Vor allem von Portugal. Am 9. März 1500 sticht unter der Führung Pedro Álvares Cabrals abermals eine portugiesische Flotte in See. Die dreizehn Schiffe haben 1250 Mann, 14 Kanonen und Geschenke für den Sultan an Bord – das Zuckerbrot und die Peitsche. Das eine oder das andere, notfalls auch beides zusammen, wird genügen, um König Manuels Wunsch harte Tatsache werden zu lassen. Das heißt: Calicut und das angrenzende Land zu einer portugiesischen Kolonie zu machen.
Diesmal macht es dem Südwestmonsun keinen Spaß, sich in den Dienst der portugiesischen Krone zu stellen. Die Schiffe werden an die Küste eines Landes verschlagen, das Cabral für eine Insel hält und am 3. Mai im Namen des Königs von Portugal in Besitz nimmt. Er nennt das Land, das erst viel später Brasilia heißen wird, Isla de la Vera Cruz.
Die Fahrt ins Ungewisse geht weiter, und am 13. Dezember erreichen die Portugiesen schließlich doch Calicut. Wohl ist die Peitsche unversehrt, aber die Männer, die sie schwingen sollen, sind müde, krank und von Sehnsucht nach der Heimat ausgehöhlt. Das Zuckerbrot scheint jedoch zu genügen. Der Sultan erlaubt, nachdem er die reichen Geschenke in Empfang genommen hat, die Gründung von Niederlassungen in Calicut, Cananor und Cochin. Kaum haben aber die Portugiesen die Heimfahrt angetreten – fünfzig Mann sind zurückgeblieben –, erweist es sich, dass der Sultan das Zuckerbrot schon zu lange verdaut hat, um sich noch daran zu erinnern. Die Niederlassungen werden zerstört, die Besatzung wird erschlagen oder zu Tode gemartert.
Einen dritten Versuch wagt João da Nova. Er nimmt erst gar keine Geschenke mit. Gleich einem Heuschreckenschwarm fällt er mit seinen Soldaten in Calicut ein und hat kostbare Beute im Bauch seiner Schiffe verladen, noch ehe sich der Feind von dieser furchtbaren Überraschung erholt und zu einem Gegenangriff gesammelt hat. 1000 Zentner Pfeffer, 500 Zentner Zimt und 50 Zentner Ingwer haben die jubelnden Portugiesen geraubt. 1550 Zentner kostbare Ware! João da Nova rechnet den Wert seiner Beute aus und schwelgt in Zahlen, die er bisher nur vom Hörensagen gekannt hat. Marco Polo hatte mit solchen Zahlen um sich geworfen. Die Rechnung da Novas ist aber zu früh aufgestellt: Die Mohammedaner holen zum Gegenschlag aus. Zwar hat der Portugiese vorgesorgt – die Mündungen der vierzehn Kanonen sind auf Calicut gerichtet –, aber er weiß nicht, dass der Feind zurückfeuern kann. Nach einer knappen Stunde Kampf fliehen die Portugiesen auf ihre Schiffe, von denen eines schon lichterloh brennt. Die Bewohner Calicuts haben es nicht nur gelernt, die von Cabral zurückgelassenen Geschütze zu bedienen, sie haben auch Kugeln gegossen, bessere Kugeln, als die Portugiesen sie besitzen. Fünfzig Zentner Ingwer sinken auf den Grund des Meeres, 46 Tote bleiben auf dem Gestade vor der Stadt zurück.
Nun erkennt man in Lissabon, dass Krieg geführt werden muss, will man die Frucht Indien ernten. Vasco da Gama – jetzt Don Vasco da Gama – erhält den Befehl, Indien zu erobern. Er vernichtet die feindliche Flotte, er zerstört Calicut, er errichtet eine Festung. Aber das Spiel wiederholt sich. Die Bewohner der Küste haben nicht vergessen, neue Kugeln zu gießen. Kaum ist die portugiesische Flotte außer Sichtweite, greifen sie von neuem an. Nach drei Wochen ist die Besatzung – diesmal ist sie 500 Mann stark – aufgerieben.
Neue Expeditionen werden ausgerüstet – unter Francisco d’Albuquerque, unter Afonso d’Albuquerque, unter António de Saldanha –, aber auch sie können den Widerstand des Feindes nicht brechen. So bleibt König Manuel nichts anderes übrig, als »seinen besten Mann« nach Indien zu schicken. Nicht länger sollen Pfeffer, Zimt und Ingwer immer mehr Blut und nichts als Blut kosten. Zweiundzwanzig Schiffe werden Francisco d’Almeida zur Verfügung gestellt, in vielen Kämpfen erprobte Soldaten begleiten ihn. Unter ihnen befindet sich einer, der seinen Entschluss, Indien zu seiner neuen Heimat zu machen, gründlich beweist: Er schenkt sein ganzes bewegliches Vermögen seiner Schwester Teresita und sein Landgut dem Kloster San Salvador in Sabrosa.
Der Mann, der alle Brücken hinter sich abgebrochen hat, heißt Fernão de Magalhães. Er ahnt zu dieser Zeit noch nicht, dass er die zwölf Messen, welche die Brüder von San Salvador von nun an alljährlich für ihn lesen, bitter nötig haben wird.
II
Francisco d’Almeida ist mit den Vollmachten eines Vizekönigs ausgestattet. Er soll nicht nur dafür sorgen, dass Calicut – das hat der König offen ausgesprochen – endlich eine portugiesische Stadt wird, sondern auch Ormuz im Persischen Golf, Aden, Malakka und die Gewürzinseln besetzen, damit die Handelsvorherrschaft der Araber endlich gebrochen werde. Auf den unsichtbaren Straßen des Indischen Ozeans sollen in Zukunft nur noch portugiesische Schiffe fahren, das Kap der Guten Hoffnung soll endlich ein Kap der Erfüllung werden, denn mit Hoffnungen lässt sich die Staatskasse nicht füllen. Mit Hoffnungen wird man auch den gefährlichsten Feind nicht aus dem Felde schlagen können: Kastilien, das sich immer mehr ausbreitet und seine habgierigen Finger schon nach China ausstreckt.
D’Almeida kennt keine Skrupel und hat mit seinem Vorgehen zunächst Erfolg. Er erreicht, stets günstigen Wind in den Segeln, Mosambik, erobert, ohne einen einzigen Mann zu verlieren, Quiloa, vertreibt den Scheich, setzt an seine Stelle ein ihm genehmes und höriges Oberhaupt, lässt eine Besatzung von zweihundert Mann und drei Kanonen zurück und fährt nach Mombasa weiter. Hier zeigt man ihm die Zähne. Drei Tage dauert der erbitterte Kampf, drei Tage lang beweisen die Eingeborenen, dass ihr Hass größer ist als ihre Angst vor dem Tode. Aber am 15. August wird die Stadt dann doch von den Portugiesen erstürmt, geplündert und niedergebrannt. D’Almeida hat elf Tote und siebzig Verwundete zu beklagen und nur einen Wunsch: dass ihm der Ruf seiner unbeugsamen Grausamkeit nach Indien vorauseilt. Deshalb lässt er keine Gefangenen machen.
Auch an der Malabarküste sorgt d’Almeida dafür, dass man bald nur noch von dem »Teufel d’Almeida« spricht. Jedes Handelsschiff, das den Weg der Portugiesen kreuzt, wird versenkt. Onor wird niedergebrannt. In Cananor werden vierzig Bewohner zu rasch errichteten Galgen gezerrt, nur weil sie ein Pferd gestohlen haben. In Cochin wird abermals ein Schattenregent eingesetzt und eine Steinburg errichtet. Dass alle Edelsteine den Portugiesen abzuliefern sind, wird öffentlich verkündet. Den Inhalt der Gewürzlager holen sich die Portugiesen selbst. Ein Schiff nach dem anderen kehrt voll beladen in die Heimat zurück.
Der Hass wächst und wird riesengroß. Eine Gesandtschaft der Araber reist nach Rom und führt Klage wegen der Gräueltaten der Portugiesen. Alexander VI. hat keine Zeit für sie, obwohl er die Portugiesen nicht liebt. Seine Mätressen nehmen ihn zu sehr in Anspruch. Ein Anschlag auf d’Almeida misslingt und ein Versuch der maurischen Flotte, die Portugiesen während der Nacht zu überrumpeln, scheitert durch Verrat. Vor Cananor kommt es zu einer Seeschlacht, die – das glauben beide Teile – über die Zukunft Indiens entscheiden wird.
84 Schiffen und 125 Prauen der Mauren stehen elf portugiesische Schiffe gegenüber, die Lourenço d’Almeida, der Sohn des Vizekönigs, befehligt. Gekämpft wird zwei Tage und zwei Nächte lang, nicht nur mit Waffen, sondern auch mit Zähnen, Nägeln und Fäusten. Das Meer färbt sich rot, auf den Planken der Schiffe waten die Kämpfenden durch Ströme von Blut. Als Lourenço d’Almeida verwundet wird und eine der portugiesischen Karavellen lichterloh zu brennen beginnt, scheint die Schlacht zu Gunsten der Mauren entschieden zu sein. Denn auch Nuno Vaz Pereira, der rasch an die Stelle des Befehlshabers getreten ist, wird ein Opfer der krummen Säbel des Feindes.
Nur weil die Portugiesen wissen, welches Schicksal sie in der Gefangenschaft erwartet, kämpfen sie weiter, auf den Schiffen, im Wasser und auf dem Lande. Denn dorthin hat sich ein Teil der Mannschaft der brennenden Karavelle retten können. Und vom Lande her kommt die große, die entscheidende Wendung. Ein Mann, der unverwundbar zu sein scheint, hat sich dort an die Spitze gestellt. Seine Verwegenheit, seine Tollkühnheit ist wie ein Zaubertrank, der Verwundeten neue Kraft gibt, Verzweifelte neue Hoffnung schöpfen lässt. Drei Stunden nachdem der einfache, bisher unbekannte Soldat Fernão de Magalhães seinen Namen zum ersten Mal in das Buch der Weltgeschichte geschrieben hat, ist die Schlacht von Cananor entschieden. Damit scheint auch das Schicksal Indiens besiegelt zu sein.
Es erweist sich aber bald, dass der Kampf erst begonnen hat. Die Schiffe der Araber finden andere, den Portugiesen unbekannte Wege zu den Gewürzhäfen und die mohammedanischen Kaufleute, kühle Rechner, erwägen nicht einmal, Indien wegen einer einzigen verlorenen Schlacht aufzugeben und abzuschreiben. Dieses Untier Portugal, rechnen sie sich aus, ist zwar nicht zu erlegen, aber es kann auch nicht überall zugleich sein. Zerstückelt man seine Kraft, wird man es selbst zerstückeln können. Vor allem dann, wenn sein Bauch voll mit Gewürzen und Edelsteinen ist.
So lässt man auf der einen Seite den Portugiesen freie Bahn und sorgt auf der anderen dafür, dass der verhasste Eindringling nicht zur Ruhe kommt: In Collam werden die zurückgebliebenen sechzehn Portugiesen ermordet, in Quiloa stirbt der von d’Almeida eingesetzte Sultan an einer Vergiftung. In Mosambik brennt das von den Portugiesen erbaute Hospital ab und auf der Insel Anchediva geht die Kirche in Flammen auf. Einmal dahin, einmal dorthin – und die Entfernungen sind groß. D’Almeida erkennt rasch, welche Gefahr ihm droht. Er fordert in Lissabon Verstärkung an und erhält sie sofort. Afonso d’Albuquerque bringt neue Schiffe, neue Soldaten, neuen Schrecken. Er erobert Muskat, Sohor und Kuriat und erstürmt die von 30 000 Mann verteidigte Festung Ormuz, die als uneinnehmbar gegolten hatte. Auch er macht keine Gefangenen.
Die mohammedanischen Kaufleute geben Indien deshalb aber immer noch nicht auf. Ist die eine Rechnung nicht aufgegangen, wird eine andere aufgehen. Ägypten muss helfen. Der Sultan von Calicut reist heimlich zu dem Kalifen und bringt von dort die erbetene Hilfe mit: die ganze ägyptische Flotte, die Emir Hoseyn, unbesiegbarer Held vieler Seegefechte, befehligt. Am 22. Januar 1508 kommt es zu der zweiten Schlacht vor Cananor. Magalhães nimmt an ihr nicht teil – er befindet sich in Mosambik –, und Francisco d’Almeida ist nach Cochin gefahren, um einem Edelsteinlager nachzuspüren, das sich im Inneren des Landes befinden soll.
Diese Schlacht dauert nicht lange. Hoseyn beweist erneut, dass man ihn nicht ohne Grund den »Unbesiegbaren« nennt. Die portugiesische Flotte wird trotz tapferer Gegenwehr vernichtet, Lourenço d’Almeida fällt. Nur drei Schiffen gelingt es, nach Cochin zu entkommen, wo es sich inzwischen erwiesen hat, dass das Edelsteinlager eine Falle war, in die der Vizekönig, ganz nach Wunsch seiner Feinde, gegangen ist.
Zunächst sinnen die Portugiesen nicht auf Rache. Zunächst beschäftigen sie sich damit, einander die Schuld an dieser Niederlage zuzuschieben. Afonso d’Albuquerque beschuldigt Francisco d’Almeida der Unfähigkeit und fordert ihn auf, sein Amt niederzulegen. Francisco d’Almeida zeiht Afonso d’Albuquerque der Unbotmäßigkeit und droht ihm, er werde ihn in Ketten legen lassen. Zwei portugiesische Heere stehen einander gegenüber, und nur einigen wenigen Besonnenen ist es zu verdanken, dass es nicht zu einem Kampf kommt.
Hier d’Almeida – da d’Albuquerque! Misstrauisch belauern die beiden Befehlshaber einander, keiner kann einen Schritt tun, ohne dass der andere davon weiß. Francisco d’Almeida verschiebt den gegen Goa geplanten Feldzug, nur weil er es nicht wagt, Cochin den Rücken zu kehren. Afonso d’Albuquerque sieht einstweilen von der Eroberung Dabuls ab, nur weil es ihm zu gefährlich erscheint, sich aus Cochin zu entfernen. Kleine Plänkeleien sind an der Tagesordnung und die Niederlage vor Cananor gerät allmählich in Vergessenheit. Die ägyptische Flotte ist allerdings nicht heimgekehrt, sondern hat sich mit der Flotte des Sultans von Diu vereinigt. Aber in Cochin kümmert das niemand. Mit einem Angriff der Ägypter wird nicht gerechnet.
Magalhães ist krank, als er den Boden Indiens wieder betritt. Ein heimtückisches Fieber schüttelt ihn. Für wen soll er sich entscheiden? D’Almeida hat er Treue geschworen, d’Albuquerque wird – das ahnt er dunkel – eines Tages alle Macht an sich reißen. Er wird sich für keinen der beiden entscheiden. Indien darf nicht verloren gehen, weil zwei ein Land beherrschen wollen, das sie noch gar nicht besitzen … Ludovico di Bartema darf, wie kaum jemand, von sich sagen, ein weit gereister Mann zu sein: Er kennt Ägypten, Persien und Syrien, hat fast alle Häfen Vorderindiens gesehen, hat den Sunda-Archipel durchstreift und viele Jahre auf den Gewürzinseln gelebt. Ihn bewegt Magalhães, einen Vermittlungsversuch zu unternehmen.
Wochen und Monate vergehen. Bartema kann zwar keine Einigung herbeiführen, aber es gelingt ihm schließlich, die beiden Todfeinde wenigstens Schritt für Schritt zu der Erkenntnis zu führen, dass alles verloren ist, wenn die von Tag zu Tag stärker werdende ägyptische Flotte nicht bald vernichtet wird. Ein Angriff wird beschlossen und seltsamerweise kommt es wegen des Oberbefehls zu keinem Streit. Afonso d’Albuquerque erklärt sich sofort bereit, sich d’Almeida unterzuordnen.
Am 2. Februar 1509 trifft die portugiesische Flotte vor Diu ein und greift sofort an. Ein kurzer Kampf bringt keine Entscheidung, da sich Hoseyn in den inneren Hafen zurückzieht. Die Nacht vergeht und der Morgen zeigt, weshalb sich d’Albuquerque so rasch bereit gefunden hat auf den Oberbefehl zu verzichten. Er hat sich, die Dunkelheit nutzend, unbemerkt mit allen seinen Schiffen davongemacht.
Wütend eröffnet d’Almeida dennoch den Angriff. Er begreift, wie die Rechnung seines Feindes aussieht: Die Ägypter sollen vernichtet werden und d’Almeida soll in diesem Kampf fallen oder zumindest so geschwächt werden, dass er außerstande sein wird, den Angriff seines nächsten Gegners abzuwehren. Zwei Fliegen mit einem Schlag! Aber diesen Gefallen wird er Afonso d’Albuquerque nicht erweisen. Er wird siegen, weil er siegen muss.
Und d’Almeida erringt den Sieg. Wieder ist es Fernão de Magalhães, der die Entscheidung herbeiführt, indem er an der Spitze einer kleinen, aber tollkühnen Schar das Flaggschiff des Feindes erklettert und den überraschten Hoseyn gefangen nimmt. Ohne ihren sieggewohnten Führer sind die Ägypter bald nur noch eine um Gnade flehende Herde, die sich widerstandslos abschlachten lässt.
Gnade? Der Vizekönig denkt an seinen toten Sohn und gewährt keine Gnade. Alle, die auf der Seite des Feindes gekämpft haben – Araber, Inder, Mauren, Neger –, werden erbarmungslos niedergemetzelt. Diesmal färbt sich das Meer vor Diu blutig rot, über fünftausend Leichen werden ihm übergeben. Melek Eias, der Sultan von Diu, wird dem Henker überantwortet, der ägyptische Feldherr wandert in die Gefangenschaft. Vielleicht wird man ihn, denkt d’Almeida, später als Geisel gut gebrauchen können.
Der eine Sieg hat einen zweiten Sieg im Gefolge. Als d’Almeida in Cochin einzieht, läuft der Großteil der Soldaten d’Albuquerques zu ihm über. D’Albuquerque wird, während er noch überlegt, wie er sich verhalten soll, gefangen genommen und in einen Kerker geworfen. Hoseyn wird ihm als Gesellschafter beigegeben.
Das heldenhafte Verhalten von Fernão de Magalhães soll belohnt werden. D’Almeida bietet ihm die Statthalterschaft Cochins an und zu seiner Überraschung lehnt der »Held von Diu« – diesen Namen haben die Soldaten rasch zur Hand gehabt – beinahe schroff ab. Magalhães hat andere Pläne und diese Pläne gleichen einer Saat, die ein anderer, ein Unbekannter, dem Acker anvertraut hat. Er weiß selbst noch nicht, welche Früchte sie tragen wird.
Im April 1509 werfen im Hafen von Cochin vier portugiesische Schiffe Anker, deren Kapitän, Diogo Lopes de Sequeira, in Lissabon den Befehl erhalten hat, Malakka zu erforschen und zu erobern. Francisco d’Almeida stellt ihm ein fünftes Schiff und sechzig Mann zur Verfügung, darunter drei Freiwillige. Der eine ist Ludovico di Bartema, den die Sehnsucht nach der unbekannten Ferne schon wieder nicht schlafen lässt, der zweite Francisco Serrão, der nichts mehr hasst als festen Boden unter den Füßen, der dritte heißt Fernão de Magalhães. Ihm ist seine Umgebung plötzlich zu eng geworden. Er will die Welt sehen, kennen lernen, erobern und daran wieder ist Ludovico di Bartema schuld, der es meisterhaft versteht, das große Abenteuer, das Welt heißt, in leuchtenden Farben zu schildern.
Im August sticht die kleine Flotte in See. Ceylon bleibt zurück und dann ziehen die Schiffe auf ein unbekanntes Meer hinaus. Tage, Wochen vergehen, bis endlich Land in Sicht kommt. Es ist eine Insel, die mehr Pfeffer liefern könnte als ganz Indien, ein riesiges, von hohen Vulkanen, Sümpfen und undurchdringlichen Wäldern bedecktes Eiland, auf dem Affen, Elefanten, Tiger, Bären und dunkelhäutige Menschen leben, die ihre Heimat einmal Pedir und dann wieder Sumatera nennen. Es wäre eine lohnenswerte Aufgabe, diese Insel zu erforschen, aber dazu bleibt keine Zeit. Wieder vertrauen sich die Schiffe einem unbekannten Ozean an.
Stürme wechseln mit Windstillen ab, die tagelang die Schiffe festhalten. Auf eine spiegelglatte See, die wie geschliffenes Glas funkelt, folgen Tage, an welchen die Wellen die Höhe von Kirchtürmen erreichen. Nur die Hitze bleibt der portugiesischen Armada treu. Sie dörrt die Kehlen aus, bringt Fieber und verwandelt Menschen in leicht reizbare Bestien, die ihre Angst unter der allzu dick aufgetragenen Maske eines lärmenden Mutes verbergen. Sequeira kennt das alles, er fährt nicht zum ersten Mal unter dieser erbarmungslosen Sonne. Auch di Bartemas Gleichmut ist nicht zu erschüttern. Nur Magalhães wundert sich beinahe darüber, dass das große Abenteuer »Welt« bisweilen kaum erträglich ist.
Gerade noch zur rechten Zeit – es gibt keinen Tropfen Trinkwasser mehr an Bord – kommt ein Hafen in Sicht, der mit Fahrzeugen aller Art so voll gestopft ist, dass die fünf Schiffe der Portugiesen kaum Platz finden. Auch das Land scheint zu klein für all die Menschen zu sein, die hier durcheinander wimmeln: Araber, Javaner, Chinesen, Perser, Birmanen, Bengalen. Alle Hautfarben sind hier vertreten, unzählige Sprachen und – die im Hafen ankernden Schiffe bergen alle Kostbarkeiten der Welt.
Diese sind jedoch für Sequeira unerreichbar, das erkennt er sofort. Eine so volkreiche Stadt angreifen? Den Versuch unternehmen, Malakka zu erobern? Dazu bedürfte es eines Heeres, das stärker ist als alle, die Portugal je nach Indien entsandt hat. Selbst auf der Hut vor einem Überfall sein, ein wenig Handel treiben, auskundschaften, wie die Stadt befestigt ist und wer sie verteidigt, das ist alles, was dreihundert Mann hier unternehmen können, wollen sie lebend in die Heimat zurückkehren.
Zum ersten Mal treten die Portugiesen mit den Söhnen des Reiches der Mitte in Handelsbeziehungen. Obwohl ein unüberbrückbares Hindernis zwischen ihnen liegt, die Sprache, verstehen die beiden Gruppen einander gut. Höflichkeitsbesuche auf dem Lande, Höflichkeitsbesuche auf den Schiffen, Glasperlen und Waffen werden gegen Pfeffer und Porzellan eingetauscht, Pläne für die Zukunft werden gesponnen. Mitten hinein in diese rasch geschlossene Freundschaft – es ist eine Freundschaft – platzt die Nachricht, die ein chinesischer Kaufmann überbringt: Die Malaien planen einen Überfall. Denn selbst bis hierher ist den Portugiesen die Kunde vorausgeeilt, dass sie Sendboten eines Teufels sind, der plündert, raubt, mordet und brandschatzt.
Diogo Lopes de Sequeira gibt sofort den Befehl zur Rückkehr auf die Schiffe. Aber es ist schon zu spät. Hunderte von kleinen wendigen Booten haben die portugiesische Flotte eingekreist, tausend Krieger aller Hautfarben greifen an. Mit Mühe gelingt es den Portugiesen, die offene See zu erreichen. Sie verlieren zwei Schiffe, elf Mann werden getötet, vierzig gefangen genommen. Magalhães, der wieder seine Tollkühnheit beweist, wird verwundet.
Abermals eine Fahrt durch eine Hölle von Stürmen, Windstillen, Durst und Fieberqualen. Als Sequeira schließlich im Januar 1510 in Cochin an Land geht, hört er, dass mehr verloren gegangen ist als zwei Schiffe und einundfünfzig Mann. Das Vizekönigreich Indien besteht nicht mehr.
III
Im Oktober 1509 ist d’Almeida, einem Befehl des Königs gehorchend, nach Portugal zurückgekehrt. Afonso d’Albuquerque, mit dem Titel eines Generalkapitäns ausgezeichnet, ist an seine Stelle getreten. Am 2. Januar 1510 haben die Inder – allen ist entgangen, dass sie ein riesiges Landheer aufgestellt haben – überraschend angegriffen und in einer drei Tage währenden Schlacht einen überwältigenden Sieg davongetragen. Der Emir Hoseyn ist entkommen. D’Albuquerque ist schwer verwundet. Das portugiesische Expeditionsheer ist in Cochin und Cananor – diese beiden Städte konnten gehalten werden – zusammengedrängt worden und die Inder rüsten zu einem neuen Angriff. Das sind die Nachrichten, die Sequeira und seine Mannschaft bei der Rückkehr in die neue Heimat Indien erwarten.
Magalhães erkennt als Einziger, dass es nicht möglich sein wird, Cochin und Cananor zu halten. Es gibt nur einen Weg, den völligen Untergang zu vermeiden: Indien zunächst den Rücken zu kehren. Er setzt seinen Willen durch und die portugiesische Flotte sticht wieder in See. Aber unterwegs erwacht d’Albuquerque aus seinen Fieberträumen. Er beginnt zu toben, als er hört, welchen Kurs die Flotte nimmt und befiehlt Magalhães zu sich. Es kommt zu einer hitzigen Auseinandersetzung. Magalhães beschuldigt d’Albuquerque, sinnlos Blut vergossen zu haben und weiter sinnlos Blut vergießen zu wollen. D’Albuquerque wirft Magalhães vor, er habe sich Rechte angemaßt, die ihm nicht zustünden. Ludovico di Bartema, der hinzutritt, versucht zu vermitteln. Seine Mühe ist umsonst. Der Kurs der Flotte wird geändert.
Ein Streit, nichts weiter. Aber ein Streit, der viele Folgen haben und all jenen, welche die Geschichte dieser Zeit schreiben werden, die Frage in den Mund legen wird, welchen Lauf die Weltgeschichte genommen hätte, wäre es nicht zu diesem Streit gekommen. Einstweilen hat dieser Streit noch keine Folgen. Die Flotte nimmt Kurs auf Goa. Goa zu erobern ist d’Albuquerques Plan. Er will seinem Gegner d’Almeida nicht den Triumph gönnen, dass er, d’Albuquerque, mit leeren Händen nach Portugal zurückkehrt. Der frisch gebackene Generalkapitän hat Angst, seinen Titel zu verlieren, wenn er nicht irgendeinen Erfolg für sich verbuchen kann. Er braucht Goa als Ersatz für das verlorengegangene Indien.
Goa wird im Sturm genommen, aber nicht lange darf sich d’Albuquerque seines Triumphes erfreuen. Ein riesiges Entsatzheer der Inder kreist die Stadt ein und droht, den Portugiesen den Rückzug zu ihrer Flotte abzuschneiden. Abermals bleibt als einziger Weg eine rasche Flucht. Sie wird mit vielen Opfern erkauft. Ein Schiff geht verloren, dreißig Mann geraten in Gefangenschaft. Erneut rät Magalhães zur Rückkehr in die Heimat.
Wieder lehnt d’Albuquerque eine Rückkehr nach Portugal schroff ab. Er kehrt nach Cochin zurück und findet dort elf Schiffe vor, die Diogo de Vascogoncellos und Gonçalo de Sequeira aus Portugal nach Indien geführt haben. Diese willkommene Verstärkung bestärkt d’Albuquerque in seiner Absicht nur noch mehr. Er beruft einen Kriegsrat aller Kapitäne ein und alle außer Magalhães treten dafür ein, Goa erneut zu berennen. Goa muss Portugal gehören, denn wer Goa besitzt, beherrscht die Straßen nach Ormuz und Aden, ja das ganze westliche Meer. Magalhães’ Einwand, dass selbst ein Sieg die Rückkehr nach Lissabon unmöglich machen werde, da der für die Heimfahrt notwendige Monsun verpasst würde, wird von d’Albuquerque mit den Worten abgetan: »Auch nach der Unterwerfung Goas werde ich nicht zurückkehren, vorher muss Indien erobert werden.«
Am 24. November 1510 treten 1600 Portugiesen erneut zum Angriff gegen Goa an. Schon einen Tag später fällt die Zitadelle und wieder einen Tag später die Stadt. Alle Einwohner, auch Frauen und Kinder, werden niedergemacht. Das indische Entsatzheer, das rasch herangerückt ist, wird vernichtend geschlagen. Die Unterwerfung Goas hat zur Folge, was d’Albuquerque selbst in seinen kühnsten Träumen nicht erhofft hat: Ganz Indien ergibt sich. Das Untier Portugal kann nicht erlegt werden. Zerstört man ein Schiff, kommen drei andere aus der unbekannten Ferne. Erschlägt man einen Portugiesen, treten fünf andere an seine Stelle. Es ist besser, wenn man sich mit diesem Untier verträgt.
Der Sultan von Diu will plötzlich in Frieden und Freundschaft mit Portugal leben und stimmt dem Bau einer Festung zu. Der Sultan von Calicut schickt eine Gesandtschaft mit kostbaren Geschenken zu d’Albuquerque. Der Beherrscher Bisnagas kennt keinen anderen Wunsch, als mit Portugal in Handelsbeziehungen zu treten. Auch die Herrscher des Binnenlandes lassen d’Albuquerque wissen, dass sie nie daran gedacht haben, ihn und seine Gefährten als Feinde anzusehen. Geschenke über Geschenke treffen in Goa ein.
D’Albuquerque gibt sich damit nicht zufrieden. Er denkt an die Stadt, von der ihm Sequeira erzählt hat. Dass die arabischen Handelsschiffe, Vorderindien vermeidend, den Weg ins Rote Meer nehmen, weiß er längst. Also muss er den größten Gewürzmarkt Hinterindiens selbst in die Hand bekommen. Wer Malakka besitzt, beherrscht den Gewürzhandel der Welt, und Portugal wird Malakka besitzen. Durch ihn, durch Afonso d’Albuquerque, den ein Magalhães daran hindern wollte, den Weg zu beschreiten, der zu Ruhm, Geld, Macht und Ehre führt.
Am 1. Juli 1511 ankert die portugiesische Flotte im Hafen von Malakka. Durch Kundschafter erfährt d’Albuquerque, dass dem Sultan achttausend Geschütze, dreißigtausend Krieger und vierzig Kriegselefanten zur Verfügung stehen.
Das ist eine gewaltige Streitmacht, aber sie ist nicht gewaltig genug, den an sofortige Unterwerfung gewöhnten Eroberer Goas abzuschrecken. Zuerst fordert d’Albuquerque die Herausgabe der Gefangenen. Als sie abgelehnt wird, lässt er den Hafen und die am Strand liegenden Häuser in Brand schießen. Nun gibt Mahmud, der Sultan, die Gefangenen heraus. Doch damit ist d’Albuquerque jetzt nicht mehr zufrieden. Er, der bisher überhaupt noch keinen Schaden erlitten hat, verlangt Schadensersatz und setzt die Forderung so hoch an, dass sie selbst das reiche Malakka nicht erfüllen kann.
Auch Mahmud hat von dem Fall Goas gehört. Er hat Angst vor den Portugiesen und liebt außerdem den Frieden. Verhandlungen werden geführt, Botschaften werden gewechselt. Es wird gefeilscht, gedroht, beteuert und geprahlt. Am Morgen des 25. Juli werden die Verhandlungen abgebrochen, und schon eine Stunde später eröffnet d’Albuquerque den Angriff auf die Stadt.
Die Truppen werden in zwei Hälften geteilt. Die eine führt João de Lima, die andere der Generalkapitän selbst. De Lima geht in der Nähe des Sultanspalastes an Land, d’Albuquerque bei der einzigen Brücke, welche die Malaienstadt mit der Chinesenstadt verbindet. Es ist sein Plan, zunächst diese Brücke zu erobern und sich dann mit de Lima zu vereinigen. Dass er in diesem Fall die Chinesen im Rücken haben wird, beunruhigt ihn wenig. Denn er glaubt nicht recht, dass ihn die Söhne des Himmels bekämpfen werden. Sie sind Kaufleute und keine Krieger.
Diese Rechnung geht nur zum Teil, zu einem sehr kleinen Teil auf. Zwar greifen die Chinesen nicht in den Kampf ein, aber es gelingt d’Albuquerque auch nicht, die Brücke zu erobern. Die Malaien überschütten seine Truppen mit einem Hagel vergifteter Pfeile, Kriegselefanten trampeln jeden nieder, der ihnen nahe kommt, und im Nahkampf sind die Portugiesen ihrem Feind unterlegen: Sie wissen keinen Rat gegen eine ihnen unbekannte Waffe, einen Dolch mit einer schlangenförmigen Klinge, der ihnen die Eingeweide aus dem Leibe reißt. João de Lima ergeht es wie d’Albuquerque. Auch er ist außerstande, das ihm gesteckte Ziel – die Erstürmung des Sultanspalastes und damit die Gefangennahme des Sultans – zu erreichen.
Am Abend sind die Portugiesen wieder auf ihren Schiffen. Sie sind niedergeschlagen, mit Wunden bedeckt, haben kaum noch Hoffnung auf einen Sieg. Untätig müssen sie zusehen, wie der Feind allerorts in der Stadt Verschanzungen aufwirft, Kanonen in Stellung bringt, Minen und Fußangeln auslegt. Der Generalkapitän spricht jedem Einzelnen Mut zu, aber er liest von den Gesichtern der Soldaten nur zu deutlich ab, dass ein Scheitern des zweiten Angriffs zugleich das Ende dieses Feldzugs bedeuten wird.
Am 10. August wird schon in den frühen Morgenstunden um die Brücke gekämpft. Die Erbitterung ist so groß, dass einer, der zusähe, glauben könnte, hier kämpften nicht Menschen, sondern wilde Tiere gegeneinander. Hin und her wogt der Kampf, die Portugiesen erobern die Brücke, müssen sie wieder aufgeben, klettern über Leichenbarrikaden, viele von ihnen werden das Opfer der furchtbaren Waffe, die Kris heißt. Als die Sonne im Zenit steht, ist noch immer keine Entscheidung gefallen.
Der »Held von Diu« bringt sie. Er kämpft plötzlich allein, nur mit einer Lanze, und er kämpft nicht gegen Menschen, sondern gegen Elefanten. Mit kurzen Stichen verwundet er sie, treibt sie zur Raserei und jagt sie gegen die Malaien. Die braune Mauer beginnt zu wanken, zerbröckelt, zerbricht. Auf der Brücke flattert die Fahne Portugals. Der Generalkapitän reicht Fernão de Magalhães die Hand. Er spricht ein paar anerkennende Worte. Aber er hasst Magalhães in diesem Augenblick mehr denn je.
Wenige Stunden später ist auch der Sultanspalast gefallen. Nur noch einige wenige Trupps der Malaien leisten Widerstand. Ströme von Blut fließen durch die Straßen zum Meer hinunter. Die Portugiesen plündern Haus um Haus. Männer und Kinder werden erschlagen, Frauen dürfen leben. Sie müssen den Soldaten an Ort und Stelle zu Willen sein. Magalhães schaudert, als er das sieht. Die Saat des Hasses, die hier gesät wird, muss irgendwann einmal aufgehen, denkt er, vielleicht in einem Jahr, vielleicht in zehn Jahren, vielleicht in hundert Jahren, aber sicher irgendwann einmal. In Lissabon sprach man davon, das Christentum übers Meer zu tragen. Ist dies das Christentum?
Afonso d’Albuquerque wird nicht von solchen Skrupeln geplagt. Er macht Pläne und bringt sie zu Papier: Duarte Fernandes wird nach Siam segeln, Ruy da Cunha nach Pegu. Und nach China? Wer wird die Fahrt nach China unternehmen? Das wird er selbst tun, nachdem er sein nächstes Ziel erreicht hat. Er sieht dieses Ziel schon vor sich, zum Greifen nahe: Die Eroberung der Molukken wird den Ring schließen. Calicut – Goa – Malakka – die Molukken: Ist dieses nächste Ziel erreicht, wird Portugal der mächtigste Staat der Erde sein und Afonso d’Albuquerque der mächtigste Mann in diesem mächtigen Staat.
Im Dezember 1511 ist es so weit. António d’Abreu, Francisco Serrão und Simão Afonso Bisigudo werden mit drei Schiffen und hundert Mann die Fahrt zu den Molukken unternehmen. Fernão de Magalhães meldet sich freiwillig, denn auch er ist schon längst den Lockungen der unbekannten, leuchtenden Ferne erlegen.
»Ihr wollt nach Amboina, Magalhães?«, fragt d’Albuquerque.
»Ja«, sagt Magalhães heiser.
»Ihr wolltet doch immer in die Heimat zurückkehren.«
»Das will ich nicht mehr.«
»Ihr werdet aber zurückkehren«, sagt d’Albuquerque.
Das ist das ganze Gespräch. Magalhães weiß, dass die Brücke in Malakka längst vergessen ist. Der Generalkapitän kennt keinen Dank, er kennt nur Hass. Auch Magalhães beginnt d’Albuquerque zu hassen. Bald wird er dieses Gefühl auf ganz Portugal ausdehnen.
IV
Obwohl er ein Ehrengehalt erhält, weiß Magalhães, dass ihm eine Rückkehr nach Indien verwehrt ist. Afonso d’Albuquerque hat gründlich für verschlossene Türen gesorgt. Eine Zeit lang beschäftigt er sich mit Nautik, Kosmografie, dem Zeichnen von Landkarten und dem Studium all jener Bücher, in denen das lockende Abenteuer Welt beschrieben wird. Bald wird er jedoch dieser Tätigkeit müde. Als er erfährt, dass König Manuel ein Heer zur Unterwerfung der Mauren Nordafrikas aufstellen lässt, meldet er sich bei Dom Jayme, dem Herzog von Bragança, und wird in Gnaden aufgenommen.

Studierstube eines Kosmografen im 16. Jahrhundert
Nordafrika bringt Magalhães gleich zweimal Unglück. Bei einem Gefecht bekommt er einen Lanzenstich in die Kniekehle, der den Nerv durchtrennt. Diese Verwundung wird ihm bis an sein Lebensende zu schaffen machen. Nicht weniger setzt ihm eine Beschuldigung zu: Man wirft ihm vor, Kriegsbeute heimlich an die Beduinen verkauft und den Erlös für sich behalten zu haben. Dieser Vorwurf empört Magalhães derart, dass er ohne Erlaubnis das Heer verlässt und nach Lissabon zurückkehrt. Das ist abermals ein Vergehen und man stellt den »Helden von Diu« vor ein Gericht. Wohl erfolgt ein Freispruch, doch man lässt durchblicken, dass man von einer Verurteilung nur wegen der Verdienste abgesehen hat, die der Angeklagte für sich geltend machen kann. So erhält Magalhães’ Hass neue Nahrung. Außerdem wird ihm klar, dass ihm nach Indien nun auch Afrika verschlossen ist.
Wieder beschäftigt er sich eine Zeit lang mit Schifffahrtskunde, Längenberechnungen, dem Studium der Geografie und der Mathematik und abermals kann ihm diese Beschäftigung bald keine Befriedigung mehr geben. Er versucht, eine Audienz beim König zu erlangen und wird abgewiesen. Als er verbittert nach Hause kommt, überreicht ihm der Astronom Ruy Faleiro, mit dem er das dürftige Quartier teilt, einen soeben eingetroffenen Brief. Dieser Brief erreicht Magalhães gerade in dem Augenblick, da sein Hass gegen alles, was Portugal heißt, seinen Höhepunkt erreicht hat.
Den Brief hat Francisco Serrão geschrieben. Serrão hat die Molukken erreicht und schildert diese Inselgruppe in den leuchtendsten Farben. Ein Paradies, ein Dorado, in dem jeder sein Glück machen kann, eine neue Welt, die größer und reicher ist als die von Vasco da Gama entdeckte. Magalhães kann das nicht ertragen. Er ist sechsunddreißig Jahre alt und soll zur Tatenlosigkeit verurteilt sein? Er soll zeitlebens hinter Männern zurückstehen, die weit weniger Fähigkeiten besitzen als er? Er soll seine Pläne nicht verwirklichen dürfen? Sein Tatendurst soll sinnlos versiegen wie eine Quelle im Sand? Weshalb? Nur weil der König von Portugal Afonso d’Albuquerque wie eine Gottheit anbetet?
Diese Inselgruppe der Molukken … liegt sie überhaupt in dem Gebiet, das der Papst, als er die Welt teilte, Portugal zugesprochen hat? Liegt sie nicht auf spanischem Gebiet? Und könnte man sie nicht auf dem Westweg, um Südamerika herum, erreichen? Ruy Faleiro, der Astronom, der sich zurückgesetzt fühlt, weil ihm niemand glauben will, dass er eine brauchbare mathematische Formel zur Bestimmung der geografischen Längengrade gefunden hat, teilt diese Meinung und spricht offen aus, was Magalhães denkt: Portugal hat Spanien die Molukken gestohlen, denn sie liegen jenseits der Linie, die Alexander VI. im Jahre 1494 in seiner Bulle festgelegt hat. Sie müssen dort liegen, wenn man Francisco Serrão Glauben schenken darf: Zehn Monate war die Flotte unterwegs, bevor sie die größte Insel, Ternate, erreichte!
Magalhães beginnt mit diesem Gedanken zu spielen und merkt nicht, dass der Gedanke bald mit ihm spielt. Hat nicht auch Cristóbal Colón Portugal den Rücken kehren müssen, weil man in Portugal fähiger Männer nicht bedarf? Hat Spanien Colón etwa abgewiesen? Dieser Gedanke lässt Magalhães nicht mehr los. Zunächst beantragt er jedoch eine Erhöhung seiner Ehrenpension, die aber erneut abgelehnt wird. Da schaltet sich das Schicksal ein: Im königlichen Palast trifft Magalhães mit dem Antwerpener Schiffsreeder Cristobal de Haro zusammen.
Cristobal de Haro hat von Lissabon aus Schiffe nach Brasilien und Indien geschickt. Er allein hat die Kosten für diese Expedition getragen und als Dank dafür hat ihm d’Albuquerque drei Schiffe versenkt. Schadensersatz? König Manuel denkt nicht daran, de Haro auch nur einen einzigen Teston zu bezahlen. Was d’Albuquerque tut, ist richtig, und wenn d’Albuquerque die Schiffe in Grund gebohrt hat, so hat er das mit Recht getan.
»Ich kehre diesem Land den Rücken«, sagt de Haro erbittert. »Diesem Land, dessen Regent d’Albuquerque heißt. Diesem Land, das keinen Dank kennt. Und Ihr, Magalhães, solltet dasselbe tun. Bleibt Ihr, seid Ihr ein Narr.«
Ein Narr. Allmählich glaubt Magalhães, dass er ein Narr ist. Er will es nicht länger sein. Natürlich wird er seiner Heimat nicht den Rücken kehren. Er wird seine Staatsbürgerschaft niederlegen – in aller Öffentlichkeit – und dann wird König Manuel zur Einsicht kommen. Einen Magalhães wird er nicht ziehen lassen.
Magalhães legt seine Staatsbürgerschaft nieder. Niemand schlägt darüber entsetzt die Hände zusammen. Der Hof schweigt. Keiner kommt Magalhães zu bitten, er möge bleiben und von seinem Entschluss abstehen. Möge er gehen, er, der versucht hat, einen d’Albuquerque an der Eroberung der Welt zu hindern.
Am 17. Oktober 1517 verlässt Magalhães Portugal. Ruy de Faleiro und Cristobal de Haro begleiten ihn. Aus einem Fernão de Magalhães wird ein Fernando de Magallanes. Wen kümmert das in einem Land, das einen Afonso d’Albuquerque besitzt?
Der Leidensweg Cristóbal Colóns – demütigendes, zermürbendes Warten, Spott, ewiges Vertröstetwerden – bleibt Fernando de Magallanes erspart. Kaum hat er den Boden Portugals verlassen, gerät ihm alles nach Wunsch. Im Hause seines Landsmannes Diogo Barbosa findet er freundliche Aufnahme und nicht nur das. Barbosa macht ihn mit seinem Neffen Duarte bekannt, der soeben von einer Fahrt nach dem Fernen Osten zurückgekehrt ist, und dieser stellt die Verbindung zwischen Magellan und Juan de Aranda her, der in der »Casa de Contratación de las Indias«, dem Amt für überseeische Unternehmungen, ein gewichtiges Wort zu reden hat. Dass Magellan Barbosas Tochter Beatriz heiratet, hat nichts mit diesen Verbindungen zu tun. Er heiratet sie, weil er sie liebt.
Aranda ist von Magellans Plan hellauf begeistert. Der Portugiese hat Recht: Die Molukken liegen in der spanischen Hemisphäre. Und Aranda glaubt auch, dass Magellan einen Weg zu den Molukken weiß, der nicht über portugiesisches Gebiet führt. Er glaubt das umso lieber, als er in Magellan ein Werkzeug sieht, sich die allerhöchste Gunst zu sichern und – so nebenbei – auch die Taschen zu füllen.
Schon am 8. Februar 1518 – welch eine lange Kette von Jahren hat Colón warten müssen! – kann Magellan dem Erben der spanischen Krone, dem Prinzen Karl von Österreich, Sohn des Habsburgers Philipp des Schönen und der Doña Juana, seinen Plan unterbreiten. Jean Sauvage, der Großkanzler, lehnt ihn ab, Adrian von Utrecht, der Großkardinal, sieht in der geplanten Fahrt sogar eine Gefahr. Und auch das ist Glück für Magellan. Denn der König, achtzehn Jahre alt, misstraut jetzt schon jedem, der ihm einen Rat gibt. Er fordert Juan de Fonseca, den Vorsitzenden des Rates von Indien, zu einer Stellungnahme auf. Und das Wunder geschieht: Fonseca, der alles getan hat, um Cristóbal Colóns Fahrt zu verhindern, und alles tun wird, Cortez an der Eroberung Mexikos und Pizarro an der Eroberung Perus zu hindern, ist von Magellans Vorhaben sofort eingenommen.
Es ist der rechnende Kaufmann in Fonseca, dem Magellans Plan gefällt. Colón war ein Phantast, das ist längst bewiesen: Er hat ein neues Land entdeckt – ein Land, das nichts eingebracht hat – und die Meeresstraße durch dieses neu entdeckte Land hat er vergeblich gesucht. Wenn Magellan jedoch einen Weg über die westlichen Meere zu den Gewürzinseln findet, einen Weg, der Portugals Gebiet nicht berührt, wird Spanien sein Gewürz rascher, billiger und gefahrloser beziehen als Portugal und damit alle Macht in den Händen haben. Denn Gewürz bedeutet schon längst mehr Macht als Gold.
Dem Priester in Fonseca hingegen missfällt Magellans Plan. Er hat Angst vor dem Papst, der den Kirchenbann dem angedroht hat, der die Trennungslinie überschreitet. Aber nun ist Faleiro zur Hand. Er beweist, dass sich Spanien nie gegen das Gebot des Papstes vergehen kann, weil sich Portugal längst dagegen vergangen hat. Fonseca hört sich bereitwillig die Erklärungen und Berechnungen des Astronomen an, der so tut, als kenne er die Erdkugel schon von Kindheit an. Er glaubt Faleiro kein Wort und hält ihn – wie Aranda – für einen Scharlatan. Doch auch den Scharlatan kann er gebrauchen. Vor allem dann wird er ihn gebrauchen können, wenn es sich doch erweisen sollte, dass die Gewürzinseln auf der falschen Seite liegen. Dann kann er den Astronomen dem Papst in den Rachen werfen und ruhigen Gewissens sagen: »Ich wasche meine Hände in Unschuld.«
Am 22. März 1518 wird die CAPITULACIÓN SOBRE EL DESCUBRIMIENTO DE LAS ISLAS DE LA ESPECERÍA, der Vertrag über die Entdeckung der Gewürzinseln, unterschrieben:
1.Fernando de Magallanes und Ruy de Faleiro, beide von nun an Kapitäne mit einem Jahressold von 50 000 Maravedis, übernehmen die heilige Verpflichtung, die Gewürzinseln und andere Inseln in den Spanien durch die Trennungslinie angewiesenen Grenzen zu entdecken und den Weg zu diesen Inseln durch westliche Meere zu suchen.
2.Die Krone sichert Fernando de Magallanes und Ruy de Faleiro ein Zwanzigstel aller Reichtümer zu, welche von den neu entdeckten Inseln Spanien zufließen werden. Die durch die Ausrüstung der Schiffe verursachten Kosten werden hiervon abgezogen.
3.Fernando de Magallanes und Ruy de Faleiro wird das Recht zugesprochen, den Titel »Adelantado y Gobernador« zu führen.
4.Fernando de Magallanes und Ruy de Faleiro wird das Recht zugesichert, alljährlich Waren im Wert von 1000 Dukaten nach den Gewürzinseln zu befördern und dort gegen Gewürze einzutauschen.
5.Entdecken Fernando de Magallanes und Ruy de Faleiro mehr als sechs Inseln, wird ihnen ein Fünfzehntel des Ertrags von zwei Inseln zufallen, die sie selbst bestimmen dürfen.
6.Die Krone wird für die durchzuführende Fahrt fünf Schiffe ausrüsten, zwei mit je 130 Tonnen, zwei mit je 90 Tonnen und eines mit 60 Tonnen.
7.Diese Flotte wird eine Besatzung von 230 Mann erhalten und mit Vorräten für zwei Jahre ausgestattet werden.
8.Fernando de Magallanes erhält das Recht, auf den Schiffen die höchste Gewalt, auch die über Leben und Tod, auszuüben.
9.Den Kapitänen wird von der Krone die Verpflichtung auferlegt werden, Fernando de Magallanes, dem Generalkapitän der Flotte, unbedingten Gehorsam zu leisten.
10. Fernando de Magallanes wird alles in seiner Macht Stehende tun, die auf den von ihm entdeckten Inseln lebenden Völker zum wahren Glauben zu bekehren, und überflüssiges Blutvergießen vermeiden.
Magellan treten Tränen in die Augen, als er seinen Namen unter das Dokument setzt. Er denkt nicht daran, was Cristóbal Colón versprochen und nie gegeben wurde. Er denkt nur daran, dass das große Abenteuer, nach dem er sich so sehr gesehnt hat, nun vor ihm liegt. Bald wird er aufbrechen: zu einer Fahrt, wie sie in ihrer Großartigkeit nie zuvor unternommen wurde und nie wieder unternommen werden wird.
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