Читать книгу: «Die Verschwundenen»

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Wie ein skrupelloser Bauunternehmer mit Bestechung, Erpressung und Mord seine Ziele durchzusetzen versucht und in Kauf nimmt, dass die eigene Familie daran zerbricht: In seinem grandiosen Roman zeichnet Ortuño ein erschütterndes Sittenbild des heutigen Mexiko, in dem Korruption und Gewalt allgegenwärtig sind.

Der Bauunternehmer Don Carlos Flores plant in Guadalajara eine luxuriöse Wohnanlage, für die er schon einen Namen hat, Olinka, und auch Investoren. Er muss sich für dieses Projekt, das ihn und seine Familie noch reicher machen soll, nur noch den Grund und Boden aneignen. Und die Leute vertreiben, die dort wohnen. Dazu ist ihm jedes Mittel recht. Viele gehen nach Schikanen freiwillig, aber zwei Familien lassen sich nicht vertreiben und die sind plötzlich verschwunden. Gleichzeitig wird Don Carlos der Geldwäsche für die Drogenbosse aus dem Norden Mexikos beschuldigt und Journalisten recherchieren, wo die Verschwundenen geblieben sind. Alle Spuren weisen auf Don Carlos, der den Kopf aus der Schlinge zieht und seinen Schwiegersohn, Aurelio Blanco, als Bauernopfer den Behörden ausliefert. Ohne zu ahnen, wofür er eigentlich benutzt wird, deckt ihn Aurelio bereitwillig. Doch mit 15 Jahren Haft hat er nicht gerechnet. Als man ihn freilässt, sucht er Gerechtigkeit. Wird es sie für ihn geben?

Über den Autor

Antonio Ortuño wurde 1976 in Guadalajara geboren. Sein Debütroman wurde von der Zeitung Reforma zum besten mexikanischen Roman 2006 gewählt, 2010 kürte ihn das Magazin Granta zu einem der besten jungen spanischsprachigen Autoren der Gegenwart. Auf Deutsch erschienen bei Kunstmann Die Verbrannten (2015) und Madrid, Mexiko (2017).

ANTONIO ORTUÑO

DIE VERSCHWUNDENEN

Roman

Aus dem Spanischen von Hans-Joachim Hartstein

Verlag Antje Kunstmann

Für Olivia

Für meine Töchter

Für die Superschurken-Liga

Für die Clique von El Amaretto,

auch bekannt als der Orden der Kapuzineräffchen

Möge das ferne Grollen der Zwietracht uns nie erreichen. Inschrift auf der Fassade des Teatro Degollado in Guadalajara

Gerechtigkeit, Weisheit und Standhaftigkeit wachen über diese loyale Stadt. Inschrift auf dem Sockel der Minerva-Statue in Guadalajara

Das Finanzministerium der Vereinigten Staaten veröffentlicht regelmäßig eine Liste von Unternehmen weltweit, die beschuldigt werden, für das organisierte Verbrechen Geld zu waschen. Mehr als die Hälfte der auf dieser Liste verzeichneten mexikanischen Unternehmen befindet sich in Guadalajara. Ein reizender Ort

DAS FERNE GROLLEN DER ZWIETRACHT

»Die Flores werden dich kaltmachen.« Während Rechtsanwalt Piña im Vorraum der Krankenstation des Gefängnisses darauf wartete, dass die Stichwunde, die man einem anderen seiner Mandanten zugefügt hatte, desinfiziert und genäht wurde, konfrontierte er Aurelio Blanco mit der Gewissheit, dass er umgebracht werden würde. »Mach dir keine Illusionen. Wenn du rauskommst, werden sie zwei, drei Monate warten und dich dann abknallen.« In den fünfzehn Jahren Knast hatte Blanco keine Zeit und keine Kraft gehabt, diese simple Überlegung anzustellen, oder er war nicht in der Geistesverfassung gewesen. Doch er wusste, dass das, was er soeben gehört hatte, stimmte. Die Flores, seine angeheiratete Familie: Wegen ihnen saß er im Gefängnis. Und sie würden ihn abmurksen. Das Gespräch hatte an einem der kleinen Aluminiumtische im Besucherraum des Gefängnisses begonnen, im Licht von Neonlampen, zwischen Trennseiten, inmitten verstreuter Zettel mit Notizen, in Gesellschaft der üblichen Armee von Fliegen. Mürrische Häftlinge, bedrückte Ehefrauen, schläfrige Rechtsreferendare. Es roch nach Reinigungsmitteln, Zigaretten, halb verdautem Essen. Der Wärter kam, um seine Aussage zu der Messerattacke zu machen. Der Verwundete konnte natürlich nicht zur Unterzeichnung des obligatorischen Protokolls erscheinen. Blanco unterschrieb seine eigenen Formulare mit dem vergoldeten Füllfederhalter des Anwalts, und dieser stopfte die Dokumente rasch in seine Aktenmappe. Dann wurden beide in den Raum neben dem Operationssaal geführt. Piña wollte mit seinen Warnungen fortfahren, aber er brauchte auch noch die Unterschrift des Geschädigten oder musste gegebenenfalls dessen Tod feststellen. Blanco trug die milchkaffeebraune Sträflingsuniform, aber keine Handschellen oder Fußketten. Dieser Gefängnistrakt hatte die geringste Sicherheitsstufe, bestimmt für Kleinkriminelle mit dem nötigen Geld, um für gewisse Annehmlichkeiten zu zahlen, und es stand nicht zu befürchten, dass Blanco auszubrechen versuchen würde. An einer Biegung des Korridors, der dritten, korrigierte er die Route des Wachpersonals. Er kannte sich hier aus. Er hatte die letzten fünfzehn Jahre in diesem Labyrinth von gesicherten Fluren verbracht. »Du hörst mir nicht zu, Yeyo.« Der Anwalt war ein Kommilitone seiner Schwester gewesen und sprach mit der Autorität und der Gereiztheit eines Vormunds zu ihm. »Das hab ich mir nicht ausgedacht, und es stammt auch nicht aus einer beschissenen Fernsehserie, die ich gesehen habe, um dir jetzt Vorschriften zu machen. Den Flores geht es finanziell nicht gut, sie werden dir keinen Centavo geben. Und wenn es mit den Leuten bergab geht, werden sie gefährlich, wie Comandante Cuervo sagt. Du musst was tun, Yeyo, oder du bist am Ende der Dumme. Wir haben schon Anfang November. Vor den Weihnachtsferien unterschreibt der Richter die Entlassungspapiere ganz bestimmt nicht, aber ich schätze, im Januar werden sie dich rauslassen. Mitte Januar, denke ich. Und im Mai oder so bist du tot.« Der, den der Anwalt »Comandante« nannte, war einer seiner Berater, ein ehemaliger Polizist in den Sechzigern, der sich damit brüstete, ein Spezialist in Sachen lokaler Kriminalität zu sein. Trotz seiner Angeberei kannte sich der verfluchte Comandante tatsächlich bestens aus. Unter seiner Anleitung erreichte Blanco zur gegebenen Zeit seine Verlegung in den Trakt mit der geringsten Sicherheitsstufe, den einzigen, der vom Staat und nicht von einer der Banden kontrolliert wurde, was bedeutete, dass die Verkommenheit hier zwar dieselbe, der Terror aber fast beherrschbar war. Die »Casita« nannten die anderen den Trakt voller Verachtung oder mit einem gewissen Neid: »In der Casita passiert nichts, sie essen, was sie wollen, man lässt ihnen ihr Telefon, versorgt sie sogar mit Weibern. Und ohne die Prügeleien wie bei uns.«

»Komisch, dass sie Marquitos attackiert haben«, sagte Blanco, ohne auf das Thema einzugehen, das der Anwalt ihm aufdrängen wollte. »Hier passiert so was nie.« »Marquitos?« »Dein Mandant, du Blödmann.« Er zeigte auf die Tür zum OP. »Ja, Marquitos.« Piña lächelte entschuldigend. »Es ist im Hof passiert«, mischte sich der Wärter ein. Die drei zuckten mit den Achseln, denn diese Information brachte kein Licht in die Angelegenheit. »Nein, sie wissen nicht, wer. Sie haben ihn in einer Ecke gefunden, hinter den Müllcontainern. Sie haben ein Jammern gehört und gedacht, es wär ’ne Katze. Aber er hat dichtgehalten, jawohl, hat hartnäckig geschwiegen, hat niemanden beschuldigt.« Piña blies die Backen auf und schnaubte, damit der Wärter endlich den Mund hielt. Dem Anwalt schien es ziemlich egal zu sein, was Marquitos, der fünf Meter weiter verarztet wurde, zugestoßen war. Seine Gleichgültigkeit ärgerte Blanco. Und wenn sie mich abgestochen hätten? Aber sein Fall lag anders.

Der Anwalt war ein stattlicher Mann gewesen, damals, als er ihn vor Gericht vertreten hatte. Doch die Jahre hatten ihm zugesetzt, er war fett geworden, hatte ein aufgedunsenes Gesicht, und seine Hände zitterten wie bei einem Trinker. Blanco nahm an, dass er ein Freund oder sogar der Liebhaber seiner Schwester Anita gewesen war oder es noch war und sich deshalb bereit erklärt hatte, seinen Fall zu übernehmen: aus Solidarität. Und gegen das entsprechende Honorar natürlich, das er pünktlich erhielt. Dennoch hatten sie mit der Zeit so etwas wie Zuneigung zueinander gefasst. Piña machte ihm Mut. »Du bist kein verdammter Krimineller. Was du gemacht hast, war ein Wirtschaftsdelikt«, versicherte er ihm immer wieder. »Es ist ein Fehlurteil. Fünfzehn Jahre hast du gebrummt, Yeyo. Du musst mir zuhören, sonst machen sie dich so richtig fertig. Denk nach, denk nach, verdammt noch mal, denn bald hast du deine Strafe abgesessen. Wenn die Feiertage vorbei sind, werden sie dich freilassen. Und dass die Flores dich hier reingebracht haben, dass sie dich gezwungen haben, dich scheiden zu lassen, und dich nicht ein einziges Mal deine Tochter haben sehen lassen, haben sie bestimmt nicht getan, um sich jetzt bei dir zu entschuldigen, du Blödmann. Sie werden dich kaltmachen. Ich an deiner Stelle würde mich so schnell wie möglich aus dem Staub machen. Zu einem Verwandten oder einem Freund, so weit weg wie möglich, zu dem musst du gehen. Oder über die Grenze in die Staaten. Ab durch die Mitte.« Blanco hörte ihm zu, ohne zu begreifen, was Piña sagte. Er hatte Angst vor den Flores, aber er respektierte sie auch. In der ersten Zeit seiner Haft war er davon überzeugt gewesen, dass sein Schwiegervater ihn in ein paar Monaten rausholen würde. Spätestens in ein paar Jahren. Das hatten sie ihm versprochen. Ich werde rauskommen, werde zu meiner Familie zurückkehren, zu meiner Frau, meiner Tochter, werde in wenigen Monaten so viel verdient haben wie sonst vielleicht in den vergangenen fünfzehn Jahren. Das dachte er. Den anderen Häftlingen gegenüber war er einsilbig oder sprach nur in kurzen Sätzen, denn er war sicher, dass es überflüssig war, Freundschaften zu schließen. »Ich habe eine Abmachung«, sagte er zu dem Einzigen, der ihn zu fragen wagte, wie lange er sitzen müsse. Und saß die ganzen fünfzehn Jahre ab, auf gepackten Koffern, hinter tausend Türen, die niemand öffnete.

Vielleicht war der Wärter verärgert darüber, dass er von dem Gespräch ausgeschlossen war, jedenfalls ging er hinaus, ohne einen Vorwand zu murmeln. Doch als gäbe es die Anweisung, Blanco und den Anwalt nicht unbeaufsichtigt zu lassen, kam eine Minute später ein Krankenpfleger mit Aknepickeln im Gesicht herein. Er schob einen blutbespritzten Rollstuhl vor sich her und setzte sich neben die Tür des Operationssaals. Mit starrem Blick und gespitzten Ohren. So schien es Blanco jedenfalls. Denn in einem Gefängnis weiß jeder am Ende alles. Die Häftlinge hören zu, geben ihren Kommentar ab und käuen immer dieselben Geschichten wieder, die so verdreht sind, dass sie unmöglich noch weiter verfälscht werden können. Gerüchte, Beobachtungen und Getuschel anstatt Offenheit. »Beobachte und lerne«, murmelte Piña, und Blanco zog es vor, den Pseudo-Aphorismus des Anwalts nicht auf etwas Konkretes zu beziehen. »Halte dich fern und lass die Zeit vergehen, wer weiß, was passiert, und vielleicht regelt sich ja alles von selbst. Deine Tochter wird größer werden und schon wissen, ob sie nach dir suchen soll oder was auch immer. Aber jetzt ist erst mal wichtig, Land zu gewinnen, Yeyo.« Die Tür öffnete sich, ein Arzt trat in das Neonlicht des Warteraums. Runde Schweißflecken zeichneten sich unter den Achseln ab und färbten den himmelblauen Arztkittel dunkel. »Der Patient ist außer Lebensgefahr«, sagte der Chirurg in offiziellem Ton. Aber mit der Unterschrift müsse man auf jeden Fall noch warten, denn Marquitos, der Verwundete, sei ruhiggestellt worden und das müsse noch eine Weile so bleiben. »Er ist über den Berg? Dann wollten sie ihn nicht umbringen, sondern nur warnen«, zischte der Pfleger, wie um zu zeigen, dass er wusste, was die Diagnose zu bedeuten hatte. »Wenn sie gewollt hätten, hätten sie ihn kaltgemacht…« Der Anwalt nickte Blanco zu. »Siehst du? So, genau so läuft das. Marquitos hat auch eine Abmachung, wie du. Und du siehst ja, was es ihm genützt hat: einen Dreck. Denk darüber nach, Yeyo. Du hast noch etwas über einen Monat. Denk nach. Du holst dir doch eh keinen mehr runter, du vögelst nicht, du machst nichts Anständiges mehr in deinem Scheißleben. Denk nach. Denk nach.«

»Leck mich doch am Arsch«, brummte Blanco. Bei einem früheren Treffen, in einem schwachen Moment der Niedergeschlagenheit, hatte er Piña anvertraut, wie verzweifelt er war wegen seiner endlosen Enthaltsamkeit, ohne damit zu rechnen, dass sein Geständnis schließlich die Runde machen würde. Eine von vielen Geschichten, die inzwischen über ihn in der Casita erzählt wurden. Eine lächerliche Anekdote, die dazu führte, dass er von niemandem mehr ernst genommen wurde. Er war von oben bis unten blamiert. Man hatte ihn nicht rausgeholt, und draußen erwartete ihn kein glückliches Leben. Nicht mal einen Körper hatte er zur Verfügung, um sich daran zu reiben wie die anderen. »Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit«, fügte der Anwalt hinzu. »Ganz ohne Vögeln, ohne ein Leben, Yeyo. Und von der Kohle, die sie dir schulden, will ich gar nicht reden. Aber sieh mal, sobald wir von dem Richter hören, geben wir dir Bescheid, was mit dem Entlassungstermin ist. Bis dahin, denk nach, du Blödmann, denk nach.«

Blanco ging in seine Zelle zurück, wo ihn der übliche Uringestank empfing. Sein Zellennachbar lag nicht auf der oberen Pritsche, trieb sich wohl auf dem Hof oder im Esssaal herum. Der Gefängnistrakt, in den verlegt zu werden ihm im ersten Monat seiner Haft gelungen war, unterschied sich sehr von den Kreisen der Hölle, die er bei seiner Verhaftung so gefürchtet hatte. Hier hatte er das Gefühl, auf unbestimmte Zeit in einer Schule eingesperrt zu sein, zusammen mit den langweiligsten Klassenkameraden der Welt. Und ohne Frauen. Das machte ihm zu schaffen. Er legte sich auf seine durchgelegene Pritsche, und wie immer spürte er sogleich den Schmerz im Rücken. Wie er sich auch drehte und wendete, die Matratze bohrte sich ihm unerbittlich in den Rücken, wie die Lanze, die sich Christus in die Seite bohrte, auf dem Bild in der Gefängniskapelle, die zu besuchen er schon seit Langem nicht mehr die gerings te Lust verspürte. Blanco war versucht, auf den Boden zu spucken, entschied sich dann aber dafür, es sein zu lassen. Seit er kein Sex leben mehr hatte, verkniff er sich alles. Erstens, weil er keine Lust auf die Zärtlichkeiten in den Zellen hatte und niemand in der Casita sich wie ein Wolf auf einen Mithäftling stürzte. Hier holte man sich seine Streicheleinheiten wie in einem Büro oder einem Fitnessraum, und man musste den Verführer spielen, nie den wilden Mann, sonst bestand die Gefahr, dass jemand sauer wurde und den Wärtern Geld zusteckte, damit sie einen windelweich prügelten. Doch Blanco stießen seine Mithäftlinge ab, von niemandem fühlte er sich angezogen, nicht mal aus Langeweile. Zweitens, weil er sich in den fünfzehn Jahren nicht hatte dazu durchringen können, die Dienste von Huren in Anspruch zu nehmen, die von einem der Wärter vermittelt wurden und auf die die anderen zurückgriffen. In der ersten Zeit vielleicht aus Treue zu seiner Frau, dann, nachdem sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie ihn nicht mehr besuchen würde und sie vor mehr als zehn Jahren geschieden worden waren, aus Enttäuschung, Lustlosigkeit und Trägheit.

So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich einen Kaffee zu kochen. Der Wasserkessel und das Glas mit dem löslichen Kaffee waren sein einziger Trost. Und die Zigaretten. Seine Freuden waren die eines Einsiedlers: hin und wieder ein bitterer Geschmack im Mund, ein träges, einsames Leben. Wie immer schmeckte der Kaffee nach trockener Erde. Die Marter, die die stinkende Matratze für ihn darstellte, und die drei Mal fünf Jahre auf dieser Folterbank vergällten ihm jede Lust. Obwohl Blanco, wie jedes andere mensch liche Wesen, gerne masturbierte, hatte er das Bedürfnis, es an einem geheimen Ort zu tun, was sich wegen der Menschenmassen in Strafanstalten nur schwer bewerkstelligen ließ. Und schon gar nicht hier in der Zelle. Er teilte sie mit einem dicken, gutmütigen, schwitzenden Hünen, der sich zwei oder drei Mal in der Woche nachts auf seiner Pritsche über Blanco einen runterholte, um gleich darauf einzuschlafen und zu schnarchen. Ihm kam das Onanieren des Typen immer schmutzig vor, vielleicht aus Neid darüber, dass er selbst keinen geeigneten Ort dafür fand. Die Gemeinschaftstoiletten standen allen offen und wurden von Kameras überwacht. Und nur die Gefangenen, die nach ein paar Jahren des Eingesperrtseins durchdrehten, legten in den Gemeinschaftsräumen Hand an sich, sogar in diesem braven Gefängnistrakt, wo nur selten etwas passierte, um das man sich ernsthaft hätte Sorgen machen müssen. Alle lachten über diese Verrückten. Und normalerweise war ihr Schicksal besiegelt: Eines Morgens wachten sie mit schwarzem, aufgedunsenem Gesicht auf, das Laken um den Hals, von eigener Hand an den Eisengittern aufgehängt.

Obwohl Blanco mit den Jahren die Fähigkeit perfektioniert hatte, sich in die Welt seiner Träume zurückzuziehen, die sich mangels eines Fernsehers jede Nacht wiederholten, gab er sich heute Mühe, sich auf den wesentlichen Punkt zu konzentrieren. Er machte es sich auf der Matratze bequem, so gut es ging, und lenkte seine Gedanken auf die Flores, das unlösbare Problem. Was tun? Er war eine unverbesserliche treue Seele. Er dachte immer noch an sie wie an seine Familie. Niemals hatte er es Piña erlaubt, auch nur eine der Absprachen, die ihn ins Gefängnis gebracht hatten, zu hinterfragen oder dagegen Einspruch zu erheben, selbst dann nicht, als sie Blanco kaputt gemacht hatten, indem sie ihn daran hinderten, seine Tochter zu sehen. Er stand zu dem gegebenen Wort: Er hatte die Schuld auf sich genommen. Und die Jahre im Gefängnis. Man hatte nicht unbedingt davon ausgehen können, dass es so kommen würde, aber so war es gekommen. Wie lange war er so vermessen gewesen, zu glauben, dass sein Aufenthalt im Gefängnis nur vor über gehend und sogar von Vorteil sein würde? Vielleicht in den ersten Monaten. Dann blieben die Briefchen von seiner Tochter aus, seine Frau hörte auf, ihn zu besuchen, und die Flores waren wie vom Erdboden verschluckt. Außer dass sie dem Anwalt Geld zukommen ließen, damit der Aufenthalt in der Casita pünktlich bezahlt wurde, vergaßen sie ihn. Ein Pullover, den man im Lager einer Wäscherei zurücklässt und den niemand abholt, weil es einfacher ist, einen neuen zu kaufen, als extra wegen ihm noch einmal wiederzukommen. Es wurde bereits kühl. Er bedeckte sich mit einer staubigen Decke, die ihn, wie immer, anekelte, weil sie stank, obwohl sie frisch gewaschen war. In der Zelle war es generell kalt, zwar nicht übermäßig, aber eben andauernd, und das setzte ihm zu. Es fühlte sich fünf Grad kälter an, als ihm lieb war. Und nur die Mittagssonne, die er in den immer häufigeren Momenten der Verzweiflung auf dem Hof in sich aufsog wie ein Büschel Portulak, konnte ihn ein wenig wärmen. Dabei war die ursprüngliche Idee so einfach gewesen, sagte sich Blanco, während er sich die größte Mühe gab, sich nicht in den Fantasien zu verlieren, die er heraufbeschwor, wenn er alleine war: Indem er die Ver antwortung für den vermeintlichen Betrug in Olinka, einem Bauprojekt seines Schwiegervaters, auf sich nahm, würde das Verschwinden einiger Pächter vertuscht und die Familie Flores vor Strafverfolgung geschützt werden. Und ja, er würde ein paar Jahre im Gefängnis verbringen, aber nur, um den Schein zu wahren. Und als Gegenleistung würde er eine fantastische Entschädigung erhalten. Zwei Millionen jährlich, vier Mal so viel wie das, was er als Buchhalter des Familienbetriebs verdiente, dazu eine Villa auf seinen Namen in Olinka, sobald sie fertiggestellt sein würde. Das hatten sie vereinbart. Und sie würden ihm den besten Anwalt von Guadalajara zur Seite stellen und ihm eine monatliche Summe für alle entstehenden Kosten überweisen.

Doch die Flores hielten sich nicht an die Abmachungen. Keine renommierte Kanzlei wolle den Fall übernehmen, sagten sie, und so kam es, dass Blanco Piña in die Hände fiel, einem Freund seiner Schwester, den man in letzter Sekunde verpflichten konnte. Und Piña legte alle erdenklichen Rechtsmittel ein, wurde aber vor Gericht in der Luft zerrissen. Immerhin wurden ihm die monatlichen Gebühren überwiesen, aber ob die Entschädigung irgendwann einmal gezahlt werden würde, stand in den Sternen. Fünfzehn Jahre waren eine sehr lange Zeit, das wusste Blanco nur zu gut, und seine Forderung stieg ins Unermessliche. Immer wieder zählte er mithilfe seiner Finger die oft errechnete und aktualisierte Summe zusammen: Dreißig Millionen schuldeten sie ihm. Dreißig Millionen verdammte Pesos. Und niemand schien es eilig zu haben, sie zu bezahlen. In unzähligen schlaflosen Nächten hatte Blanco sich vorgestellt, was er mit dem Geld machen würde, wenn er es denn bekäme. Sein größter Wunsch, musste er erkennen, beschränkte sich auf bodenständige Dinge. Er gestand es sich nicht gerne ein. Mal dachte er an ein weißes Haus direkt am Meer, mal an eine Blockhütte hoch oben in den bewaldeten und, wenn möglich, schneebedeckten Bergen. Das waren nicht die Träume eines Häftlings, sondern die eines Angestellten. Doch immer stellte er sich vor, dass er mit seiner Tochter spielen würde. Das war absurd, denn Carlita würde bereits über zwanzig Jahre alt sein und ganz sicher nicht mit ihrem Vater spielen wollen. Und noch trauriger war es, wenn Blanco sich in seinen Fantasien vorstellte, Alicia würde zu ihm zurückkehren, seine Frau. Wenn er sich solch süßen Träumereien hingab, konnte ihn kein handfestes Argument davon abbringen. Aber zu mehr fehlte ihm, der mit jeder Woche, jedem Monat einsamer wurde, der Mut.

Er schloss die Augen und streckte sich auf der Pritsche aus, die, wie bei ihrem jämmerlichen Zustand nicht anders zu erwarten, mit einem Knarren antwortete. Die Einsamkeit war so sichtbar wie seine Hände, die er mindestens dreißig Mal am Tag anschaute, um sich zu vergewissern, dass es noch seine waren. Er war allein. Ein Kaktus. Ein Autoreifen im Straßengraben. Ein Ziegelstein ohne Haus drum herum. Alicia hatte ihn ein knappes Dutzend Mal besucht, aber nie in einem der für Eheleute vorgesehenen Räume. Gleich bei ihrer ersten Begegnung an einem Aluminiumtisch im großen Besuchersaal hatte sie klargestellt, dass es für sie nicht infrage komme, in einer Zelle mit einem Wärter vor der Tür zu vögeln, auch nicht mit dem Mann, mit dem sie durch das Gesetz verbunden war. Anfangs zumindest hatte sie verweinte Augen und sie wirkte niedergeschlagen, aber nach einigen Monaten, vor allem nachdem das Urteil gesprochen worden war – fünfzehn Jahre ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung auf Kaution –, wurde deutlich, dass sie es satthatte. Carla, seine Tochter, ließen sie nicht ein einziges Mal zu ihm. Alicia brachte Blanco zwei oder drei Briefchen mit der ungelenken Handschrift des Mädchens, dann aber sorgte sie dafür, dass der Kontakt abbrach. Und als Blanco sie auf sein Recht aufmerksam machte, seine Tochter sehen zu dürfen, antwortete sie, dass Carlita darunter leide und es besser sei, sie von ihm fernzuhalten. Und auch sie selbst hielt sich fortan von ihm fern. »Kann dein Vater nicht etwas tun?«, fragte Blanco sie bei ihrem letzten Besuch, doch statt zu antworten, spuckte Alicia auf den Boden und sagte, sie werde seine Sachen in Kisten verpacken und er solle sie abholen lassen, wenn er wolle.

Er war also allein. Er rollte sich unter seiner Decke zusammen wie ein Wurm. Die Kälte schwächte ihn. Seine Widerstandsfähigkeit nahm im selben Maße ab, wie seine Haare silbern wurden. Jedes graue Härchen auf Blancos Unterarmen war ein weiterer vertrockneter Baum im Wald. Seine Schläfen grau meliert. Er erwischte sich dabei, wie er sich seiner Lieblingsfantasie hingab – Berg, Spiel, Familie –, und er wusste, dass seine Konzentration gleich wieder nachlassen würde. Ich lebe zwischen Mauern, und das Einzige, das mir noch bleibt, ist, zu fantasieren, sagte er sich resigniert. Doch es gelang ihm, sich an noch etwas anderes zu erinnern: das honorige Profil von Carlos Flores, dem Patriarchen der Familie, von dem Blanco ebenfalls nichts gehört hatte seit dem Tag, als er die Verantwortung für das Debakel von Olinka übernommen und anstelle seines Schwiegervaters ins Gefängnis gewandert war. »Er macht sich bestimmt in die Hose bei dem Gedanken, dass du ihm nur den Platz anwärmst«, hatte Piña zu ihm gesagt, bevor er gegangen war. »Don Carlos wird um keinen Preis in den Knast gehen. Eher lassen dich die Flores verschwinden oder machen dich fertig oder reißen dir die Haut in Streifen vom Leib. Darum musst du nachdenken. Denk darüber nach, Yeyo.

Denk nach.

Denk nach.«

Die Krankenstation roch nach Desinfektionsmitteln, doch bald bahnte sich der Gestank menschlicher Ausdünstungen den Weg in die Nase und überlagerte alles andere. Das Licht einer Straßenlaterne fiel in einem Winkel von fünfundvierzig Grad durch die halb hochgezogene Jalousie auf das Bett, in dem Marquitos lag. Eine ungeschickte Hand hatte darauf verzichtet, die Jalousie, die sich verklemmt hatte, wieder in Ordnung zu bringen. Laut dem Krankenpfleger machte die Gesundheit des Patienten Fortschritte. Er hatte nur eine Nacht Fieber gehabt, und als die Wirkung des Sedativums nachließ, erlangte Marquitos sein volles Bewusstsein wieder. Nach zwei Wochen ging es ihm schon so gut, dass er Blanco, der sich auf den Plastikstuhl neben seinem Bett setzte, den Kopf zuwenden und sich mit seiner Chamäleonzunge über die Lippen lecken konnte. Sein Magen rebelliere, und die Wunde brenne beim Trinken, erzählte Marquitos, darum ziehe er es vor, weiter am Tropf zu hängen und sich durch die Nadel im Unterarm Flüssigkeit zuführen zu lassen, anstatt zu trinken. Das Essen, das sie ihm servierten, Huhn mit Gemüse und weißer Soße, verursache ihm Brechreiz, doch da sei nichts zu machen: Der Arzt sei nicht bereit, einem Patienten eine Magensonde zu legen, wenn der es nicht unbedingt benötige, und das sei bei ihm nicht mehr der Fall. Die Haare hingen Marquitos in Strähnen herunter, und seine Schultern waren mit Schuppen übersät. Offenbar hatte ihn in der Woche, die er zur Genesung hier herumlag, niemand mit einem nassen Schwamm abgerieben, denn er stank. Blanco stellte sich dumm und wollte nichts von dem blutigen Vorfall hören, der Marquitos hergebracht hatte. Er wollte nicht, dass ihm jemand den Moment der Messerattacke in allen Einzelheiten schilderte. Er würde nur in Panik geraten, und seit man ihm eingeredet hatte, dass die Flores ihn möglicherweise lieber umbringen wollten, als ihn zu bezahlen, hatte er eine Heidenangst vor der Angst. Er bot dem Verletzten mit einer scherzhaften Geste eine Zigarette an, die dieser ablehnte, ohne zu merken, dass es ein Scherz sein sollte, ein Versuch, das Thema zu wechseln. Trotzig das Schild missachtend, das in Augenhöhe an der Wand hing, fing Blanco an zu rauchen. Normalerweise tat er das nicht vor den anderen, denn die Zigaretten waren seine einzige Freude hier drin und er wollte nicht von denjenigen angeschnorrt werden, die sich für ihr Geld lieber andere Freuden kauften – Frauen oder einen guten Fernseher. Sie entschieden sich für beides und kriegten das Beste ab, was Blanco unentschuldbar fand. Die können mich mal, dachte er. Und er setzte es in die Praxis um, indem er sich weigerte, mit ihnen zu teilen.

»Die wollten mich nur warnen, mehr nicht«, sagte Marquitos, nachdem er ein paar Mal gehustet hatte, ohne dass der Besucher Anstalten machte, die Zigarette auszudrücken. »Sie haben mich gewarnt und, na ja, jetzt bin ich im Arsch. Sie: meine Chefs.« »Du bist ihnen was schuldig, oder«, sagte Blanco vorsichtig. Der Verwundete leckte sich erneut über die Lippen, die immer wieder trocken wurden, rissig, wie eine ausgetrocknete Mauer. »Ich verdanke ihnen mein Scheißleben, Yeyo. Sie zahlen dafür, dass ich hierbleiben kann, einigermaßen in Sicherheit. Du weißt schon.« Ja, sie wussten es beide, die Casita stellte auf jeden Fall eine Erleichterung dar. Im restlichen Gefängnis war es gefährlicher. Wenn sie hörten, was in anderen Blöcken passierte, unter dem Kommando der jeweiligen Anführer, bekamen sie weiche Knie. »Und du hast ihnen nicht gehorcht, oder die haben noch eine andere Rechnung mit dir offen.« Marquitos schnaubte, aber er war nicht sauer. Er klang eher wie jemand, der tief Luft holt, bevor er ins Wasser springt. »Ich hab sie gebeten, Edith ein wenig Kohle zu geben, für das Haus. Die Scheißhypotheken fressen uns auf. Ich bin jetzt fünf Jahre hier drin, und sie hat getan, was sie konnte, hat die Autos verkauft und ihren Schmuck.« »Dann schulden sie dir also was.« »Nein, im Moment nicht. Wenn ich rauskomme, dann ja. Die Abmachung gilt für danach, wenn ich draußen bin, so ist es abgesprochen. Aber Edith braucht das Geld jetzt, und ich hab noch sechs Monate, alles in allem. Sechs verfluchte Monate. Wegen sechs verfluchten Monaten wollen sie mir das Haus wegnehmen. Leck mich doch am Arsch.«

Der Pfleger kam grußlos herein und fummelte am Tropf herum, um sich zu vergewissern, dass die Flüssigkeit in Marquitos’ Venen floss. Anschließend ging er aber nicht wieder hinaus, sondern lehnte sich gegen Blancos Rückenlehne und beugte sich zu ihm vor, als wollte er ihm etwas ins Ohr flüstern. Er war korpulent, sehr jung und sanft wie ein Haustier. Blanco spürte sein Becken im Nacken und rückte ärgerlich ab. Doch der Kerl blieb dort stehen und presste sein Gemächt gegen seinen Rücken, bis Blanco begriff und ihm die Schachtel und das orangefarbene, durchsichtige Feuerzeug hinhielt, beides Dinge, die im Gefängnis natürlich verboten waren und ihm eigentlich sofort hätten weggenommen werden müssen. Als Dankeschön bekam er nur einen Klaps auf die Schulter. Aber zumindest hatte er erreicht, dass der Pfleger sich entfernte. Sogar in der friedlichen Casita musste für jede Annehmlichkeit prompt bezahlt werden. »Und, hat Piña dir was erzählt?« Marquitos schnaubte wieder, als er den Namen des Anwalts hörte. Diesmal war es ein sarkastisches Pusten. »Dieser Arsch… Er will ihnen sagen, dass sie sich beruhigen sollen. Mal sehen, vielleicht kann er ihnen etwas Kohle für Edith abschwatzen, zumindest für die Zinsen.« »Ist schon heftig, dass sie dir einen Messerstecher geschickt haben«, bemerkte Blanco. »Nein, Alter, nicht wirklich. Ich hab Scheiße gebaut. Hab ihnen durch Edith ausrichten lassen, dass ich sie reinreiten werde, wenn sie nichts rausrücken. Und zwar so richtig: mit dem Bluff um die Grundstücke in Lomas del Roble, den Namen ihrer verdammten Investoren, mit allem. Damit kriegen sie sie dran, ihre Investoren haben nämlich keine Genehmigung, hier Geld zu investieren. Die kommen von außerhalb und dürften sich gar nicht in der Stadt aufhalten. Sie gehören zu einer anderen Bande, und das wissen sie. Aber ich hab’s vergeigt, weil, so läuft das nicht. Hätte sie bitten müssen, aber ich wollte sie unter Druck setzen. Deswegen die Attacke. Und im Grunde bin ich billig davongekommen. Sie hätten mich leicht kaltmachen können, und Edith gleich mit.« »Nein, auch das wird sie teuer zu stehen kommen«, widersprach Blanco, denn er begriff zwar, in welcher Lage sich Marquitos befand, gab aber die Hoffnung auf die Abmachungen, die man jeweils mit ihnen getroffen hatte, nicht auf. »Sie können es sich nicht erlauben, überall Leichen zu hinterlassen, so viel Aufmerksamkeit können sie nicht gebrauchen.« Marquitos biss sich unwillkürlich auf die Unterlippe, ließ es aber sogleich wieder: Die Lippen taten ihm weh, sie waren rissig und dünn wie Zigarettenpapier, am Ende würden sich noch Geschwüre bilden. »Die können machen, was ihnen in den Kram passt. Und lieber ist mir der Ärger mit Edith, wenn sie uns das Haus wegnehmen, als dass die Chefs uns fertigmachen.« Blanco seufzte. Er konnte die Überlegungen nachvollziehen. »Aber mit ihr verstehst du dich gut, oder?« »Mit Edith? Klar, sie liebt mich. Ich wenigstens komm zum Vögeln, Alter«, sagte der Patient mit einem erstickten Lachen, was Blanco wie ein Schlag ins Gesicht traf. Es gab nur eine Möglichkeit, wie der Verwundete von seiner Enthaltsamkeit hatte erfahren können, und zwar von Piña, ihrem gemeinsamen Anwalt. Und wenn Marquitos es wusste, dann wusste es wahrscheinlich das ganze Gefängnis.

Sie wechselten das Thema, weil auf dem Korridor Schritte zu hören waren. Der Krankenpfleger kam zurück, diesmal mit Marquitos’ Frau am Arm. Sie lachten über irgendetwas Lustiges, das sie sich zugeflüstert hatten, und schwiegen, als sie das Zimmer betraten. Wie immer, wenn Blanco Edith sah, lief ihm vor Neid das Wasser im Mund zusammen. Sie hatte ein breites Gesicht und eine dunkle Haut, und immer trug sie ein eng anliegendes Kleid, das ihre Rundungen betonte. Sie ließ keinen der wöchentlichen Besuchstermine für Ehepaare aus und verlor, zumindest vor Fremden, keine Zeit mit Beschwerden: Sie fiel ihrem Mann um den Hals, sobald sie ihn sah. Ihre Anwesenheit war für Blanco wie ein unbeabsichtigter Vorwurf. Seit dem Abend, an dem er ins Gefängnis gegangen war, hatte Alicia, seine Ex, ihn nicht mehr angerührt, und nach ein paar Monaten hatte sie die Scheidung von ihm verlangt. Marquitos hatte seine Liebe, er dagegen nichts als die Erinnerung an eine Katastrophe. Blanco verabschiedete sich, damit sie sich in Ruhe abschlecken und küssen konnten. Er ging mit dem Pfleger hinaus. Bevor dieser sich entfernte, hielt er Blanco mit einer beinahe zärtlichen Geste an der Schulter zurück. »Noch eine Zigarette, Kumpel?« Es war die vorletzte in der Schachtel, und er überließ sie ihm besser ganz. Er wartete, bis der Pfleger das Feuerzeug benutzt hatte, um es zurückzuverlangen. Es war neu und wurde ihm hier drin vier Mal so teuer wie draußen verkauft. Er würde es ihm nicht einfach so schenken.

Wer warnt, ist kein Verräter, sagte Piña, der Redewendungen liebte. Und Blanco musste lachen, denn die Flores hatten ihn bis jetzt noch nicht gewarnt. Marquitos zumindest hatte seine Strafe und damit die Gelegenheit bekommen, zu bereuen. An dem Tag, an dem man mir ein Messer schickt, wird man mich gleich umbringen. Das dachte er. Den restlichen Weg zu seiner Zelle legte er in Gedanken versunken zurück.

»Der Richter wird nach den Feiertagen an der Bandscheibe operiert und hat vorgearbeitet. Im Ernst. Man hat uns gestern Abend informiert, aber Piña ist nach Anaheim geflogen und wird dort die Feiertage verbringen. Weihnachten fällt auf einen Sonntag, nicht wahr? Morgen, Freitag, beginnen die Gerichtsferien. Deswegen also heute. Wir kommen heute raus. Es blieb keine Zeit mehr, irgendetwas daran zu ändern, also bin ich hergekommen, um dir behilflich zu sein.« Mit diesen Worten teilte Estrella Paredes Blanco mit, dass er einen Monat früher als vorgesehen aus der Haft entlassen wurde. Piña hatte seine Angestellte im Laufe der Jahre immer dann geschickt, wenn er selbst keine Lust hatte, den Weg ins Gefängnis auf sich zu nehmen. Oder nichts Dringenderes auf den verdammten Tisch legen konnte als ein Papier, das zu unterschreiben war, oder eine der »Annehmlichkeiten«, die die monatlichen Zahlungen der Flores ermöglichten, wie zum Beispiel Zigaretten oder Kaffee. Estrella redete so schnell, dass Blanco ihr kaum folgen konnte. Sie war eine hübsche, unauffällige Frau von weit über dreißig Jahren. Ihr blond gefärbtes Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie trug ein Kostüm (der Rock war für die antiquierten Ansichten des Häftlings immer zu kurz) und war dezent geschminkt. Sie roch nach Seife. Sie war professionell. Er hatte zu viel Zeit fern von Frauen verbracht, und so hatte er sich von Besuch zu Besuch mehr für die Anwältin selbst als für das interessiert, was sie zu sagen hatte. Diesmal jedoch war die Situation eine andere, und er wusste, dass er etwas dazu sagen musste. Er schloss die Augen, und ihm wurde schwindlig. Er hatte einen bitteren Geschmack im Mund und spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Atme, verdammt noch mal, atme, ermahnte er sich.

»Hier der Stapel Dokumente, die du unterschreiben musst«, unterbrach sie seine Gedanken. »Ich nehme an, dass sie dir einen Karton für deine Sachen geben werden. Ich muss noch darauf warten, dass sie alles abstempeln und ins System eingeben, aber die Entlassungspapiere sind fertig und unterschrieben. Am besten suchst du jetzt deine Sachen zusammen.« Die Anwältin gab ihm Anweisungen, während sie ihr Handy konsultierte und dann mit spitzen Fingernägeln auf ihr Display tippte. Sie sah nicht das verstörte Gesicht Blancos, der die Hand zum Mund geführt hatte und mit Zeigefinger und Daumen die Lippen zu einer Schnute zusammenschob wie ein kleiner Junge. Trotz Piñas eindringlicher Aufforderung, nachzudenken, hatte Blanco den Moment hinausgezögert, sich die ersten Schritte nach seiner Entlassung zu überlegen, und jetzt hatte er nicht die geringste Ahnung, was er tun sollte. Auf der Pritsche in seiner Zelle hatte er geträumt und fantasiert, hatte sich alle möglichen Szenarien ausgemalt und die wichtigen Entscheidungen auf die Zeit nach Weihnachten verschoben. Doch bis dahin waren es noch drei Tage, und das Gefängnis wollte ihn vorzeitig loswerden. Er fühlte sich so verloren, als wäre es der Tag seiner Geburt.

»Wie lange kann das dauern? Tage?« Blanco wollte sich lieber an die Möglichkeit klammern, dass es sich um einen Irrtum handelte, und stellte die Frage in der Hoffnung, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Die Anwältin lächelte ihn an, vielleicht gerührt. »Nein, nicht mal zwei Stunden. Der Richter muss wohl Druck gemacht haben in den Büros, denn es ist alles fertig. Deine Akten, das Entlassungsurteil, die unterschriebenen Papiere, die Formulare. Hat Anwalt Piña dir nichts gesagt?« »Na ja, dass ich mich bereithalten soll, aber ich hab nicht gedacht, dass es so schnell gehen würde.« »Na, und dann?« Estrella fragte Blanco aus, ohne sich über seine Verwirrung lustig zu machen. Sie stand mit verschränkten Armen da, ein schwaches Lächeln um den Mund, auf dem Gesicht einen Ausdruck von Geduld, den sie in all den Jahren immer aufgesetzt hatte, wenn Piña sie bat, ins Gefängnis zu gehen und die Unterschrift des Mandanten für irgendein Schriftstück einzuholen oder ihm neue Informationen über seinen Prozess mitzuteilen. Oder ihm zu versichern, dass die Kanzlei ihn nicht im Stich lassen werde, solange die Anwaltskosten beglichen würden. Obwohl Blanco die Anwältin attraktiv fand, ärgerte er sich immer über ihr Auftauchen, weil er wusste, dass es nur um Routineangelegenheiten ging und nicht um die Hauptsache. Sie zu sehen hieß normalerweise, dass es keine Neuigkeiten gab. Doch jetzt brachen die Neuigkeiten über ihn herein wie ein Hagelsturm, und er fand nicht die Kraft, Estrella seine Sorgen anzuvertrauen, die in seinem Kopf schwirrten und von Sekunde zu Sekunde höher stiegen. »Wenn du willst, fülle ich die Formulare aus, während du deine Sachen in eine Kiste packst«, schlug sie vor. »Ich bringe dich in die Stadt, aber ich kann nicht den ganzen Morgen hierbleiben. Im Büro wartet noch Arbeit auf uns, und später habe ich ein Essen mit der Familie. Ab morgen ist Weihnachten!« Es war weniger ein Angebot als die Bekanntgabe der Tagesordnung. Blanco hatte weder Kleidung noch Geld, Handy oder andere Dinge, die nötig waren, um wie ein normaler Mensch draußen herumzulaufen. Er musste gehorchen. Linkisch erhob er sich von dem Aluminiumtisch, den er beinahe umstieß, nickte wie ein Golem und eilte fort, um zu tun, was ihm aufgetragen worden war. Er war blass. Sein Gehirn arbeitete nicht. Trotz der fünfzehn Jahre Erfahrung bog er im Gewirr der Flure falsch ab und musste einen Umweg machen, um in seine Zelle zu gelangen. Die Wärter, die ihm entgegenkamen, grüßten ihn, ohne zu wissen, dass der Mann, der hier herumstolperte, kurz davorstand, ihrem Einflussbereich zu entkommen.

Auf der oberen Pritsche lag sein Zellennachbar. Er war damit beschäftigt, mit seinen wulstigen, aber geschickten Fingern eine Weihnachtsgirlande zu basteln. Blanco blieb wie angewurzelt stehen, als er sah, dass man eine Kiste aus verstärktem Karton auf die untere Pritsche gestellt hatte. Er schaute hinein, als enthielte sie etwas Bedrohliches. Eine Hand, einen Finger, seinen eigenen Kopf. »Du wirst vorzeitig entlassen«, sagte der Dicke. »Ein Wärter hat den Karton vor fünf Minuten gebracht und mir erzählt, dass du uns verlässt.« Er hob den Blick nicht von seiner Girlande, schien aber gekränkt zu sein, so als hätte Blanco vor der entscheidenden Schlacht die gemeinsame Sache verraten. »Und, bist du jetzt glücklich? Wie man hört, wollten sie dich schon vor dreizehn Jahren oder mehr rausholen, stimmt’s? Das heißt, sie haben sich endlich an dich erinnert.« Blanco fühlte sich gedemütigt und wusste nicht, was er antworten sollte. Dem Dicken rann ein Schweißtropfen über die Schläfe. Trotz seiner Stichelei schien er vollkommen in seine Bastelarbeit vertieft zu sein. Er biss sich auf die Zungenspitze. »Ich wusste nichts davon«, antwortete Blanco schließlich. »Angeblich soll der Richter operiert werden, darum musste er das Verfahren vorziehen…« Noch ehe ihm klar wurde, dass es Schwachsinn war, dem Dicken Erklärungen abzugeben, begann Blanco, seine Habseligkeiten in der Kiste zu verstauen. Die Kochplatte. Das Glas mit dem Kaffee. Zwei Schachteln Zigaretten und das orangefarbene, durchsichtige Feuerzeug. Auch den Bleistift mit der stumpfen Spitze, dessen Besitz und Gebrauch ihm erlaubt waren. Das Notizbuch, in dem er im Laufe der Jahre seine Überlegungen festgehalten und kleine Zeichnungen angefertigt hatte. Ein gerahmtes Bild von Carlita, seiner kleinen Tochter. Ein weiteres, ziemlich verschlissenes von Alicia am Tag vor ihrer Hochzeit, charmant lächelnd. Die Kiste wurde natürlich nicht voll, höchstens zu einem Drittel. Er ließ sie dort stehen, so als könnte im nächsten Moment ein Dienstmann kommen und ihm anbieten, sie zum Ausgang zu bringen. Weil das aber nicht geschehen würde, hob er sie schließlich auf und ging zögernd zur vergitterten Tür, bevor der Dicke sich unwirsch zu ihm umdrehte. »Nicht mal eine Umarmung, nicht mal ein Küsschen. Du fühlst dich superwichtig, weil du gehst. Was soll’s, dir ist ja alles egal. Nicht mal vögeln tust du.« Die letzten Worte stieß er genüsslich hervor. Blanco zwang sich, nicht stehen zu bleiben, und beschleunigte seine Schritte, während sein Nachbar leise loslachte und an den roten Enden seiner Girlande zog, die jetzt fertig war und die Aufschrift »Fröhliche Weihnachten« trug. »Nicht mal ein Küsschen.« Das Lachen erstarb, hallte aber in Blancos Ohren nach. Der Dicke ekelte ihn an. Er hatte ihn nie mit einem Mann oder einer Frau oder sonst jemandem zusammen gesehen, nur gehört, wie er sich jede Nacht auf seiner Pritsche hin und her gewälzt und wie ein Teekessel geschnauft hatte. Sogar dieses dicke Arschloch lacht über dich, dachte er. Und wieder verfluchte er den Augenblick der Schwäche, in dem er Piña von seiner Enthaltsamkeit erzählt hatte.

Im Besucherraum saß Marquitos am Nebentisch von Estrella, die mit tausend Formularen auf Blancos Unterschrift wartete. Deprimiert, abgemagert, halb genesen von der Messerattacke von vor ein paar Wochen, ließ er sich von seiner Frau Edith trösten, die wie immer frisch gebadet und zum Anbeißen aussah. Blanco schüttelte unwillig den Kopf. Er hasste es, dass die Begierde, die in ihm brannte, ihn dazu brachte, alle Frauen appetitlich zu finden. Er wollte nicht begehren. Er wollte nur zurück in seine Zelle und sich auf die Pritsche werfen, wollte die Rückenschmerzen spüren und auf diese Weise Weihnachten verbringen. Nicht nachdenken, sondern sich in Fantasien verlieren. Am Weihnachtsabend, hatte man ihm gesagt, würde es Schweinefilets in Salzkruste geben, eines seiner Lieblingsessen. Er hätte die fünf oder sechs Tequilas getrunken, zu denen ihn die anderen Häftlinge oder ein gerührter, betrunkener Wärter eingeladen hätten, und noch vor Mitternacht wäre er eingeschlafen, den Kopf voller leichter und bekannter Träume. Das Meer, die Berge, Alicia, sein Töchterchen. Er wollte Marquitos fragen, was ihm diesmal zugestoßen war, doch er ahnte es und zog es vor, sich ihm nicht zu nähern. Keinen Schritt. Seine Chefs werden sich weiß Gott welche Demütigungen für ihn ausgedacht haben, um nicht gleich endgültig mit ihm abzurechnen oder sich die Frau vorzunehmen, dachte er. Trotz ihrer verdammten Abmachung. Und was haben sich die Flores für mich ausgedacht? Einen Tritt in den Hintern, wenn ich Glück habe. Das dachte er. Er stellte den Karton mit seinen Sachen auf den Boden, wischte sich die schwitzenden Hände an der Hose ab und setzte sich auf den freien Stuhl an Estrellas Aluminiumtisch, um seine Unterschrift unter die unzähligen Dokumente zu setzen.

Am Abend seiner Verhaftung, erinnerte sich Blanco, wurde ein Gefängniswagen mit Blaulicht zu Piñas Kanzlei geschickt, um ihn abzuholen. Weder wurden besondere Sicherheitsmaßnahmen getroffen, noch war Blanco, aufgrund seiner Abmachung mit den Flores und der Übereinkunft der Flores mit den Behörden, in Untersuchungshaft genommen worden. Während der Fahrt ins Gefängnis saß Blanco auf dem Rücksitz. Rechts und links neben ihn hatte man je einen Polizeibeamten gesetzt, beide so fett wie Schweine, die zum Schlachten geführt werden. Sie stanken nach Schweiß und nach etwas noch Schärferem, Säuerlicherem, vielleicht Urin, eine Geruchsnote, die sich in den Polizisten eingenistet hatte. Kaum waren sie losgefahren, bot ihm einer von ihnen eine Mentholzigarette an, die nach Scheiße schmeckte. Irgendwann, nach einer lang gezogenen Kurve, ließen sie die Lichter der Stadt hinter sich, und die Fahrbahn wurde nun auf einer Seite von Laternen hell erleuchtet, an denen sie vorbeirasten und auf die sogleich Hunderte andere folgten. Jenseits der Fahrbahn herrschte absolute Dunkelheit ohne ein Lebenszeichen, nur hin und wieder das Gesicht eines geblendeten Hundes oder das Blattwerk eines Gebüschs. In Blancos Vorstellung würde er denselben Weg zurückfahren müssen, wenn er jetzt aus dem Gefängnis kam: die Lichtkegel durchqueren, in einer Staubwolke die lang gestreckte Kurve nehmen, dann vorbei an freiem Feld und zurück nach Guadalajara. Doch keines der Mosaiksteinchen, die Blanco sich in der Erinnerung zurechtgelegt hatte, tauchte in der Wirklichkeit auf. Auf dem Parkplatz vor der Casita wurde er von Sonnenlicht geblendet. Er warf die Kiste mit seinen Sachen in den Kofferraum und stieg zu Estrella in den Wagen, welcher sich, was Ausstattung und Bequemlichkeit betraf, so sehr von denen unterschied, die er von früher kannte, dass Blanco das Gefühl hatte, in einem Raumschiff zu sitzen. Die Sonne brannte aus einem schmutzig grauen, von hohen Wolken verhangenen Himmel. Und als sie die verschiedenen Sicherheitsschleusen, die in abnehmendem Maße unüberwindlichen Gitterzäune des Gefängnisses und das Schild mit der Aufschrift »Ende der überwachten Zone« hinter sich gelassen hatten, sah er, dass man gar nicht in die Stadt fahren musste: Sie war einem schon entgegengekommen. Schilder von Cafeterias, Motels, Stripteaselokalen, Schnellrestaurants und Schnapsläden reihten sich ungeduldig aneinander, um inmitten ärmlicher Häuschen und halb fertiger Wohnviertel auf sich aufmerksam zu machen. Von riesigen Plakatwänden in zwölf Metern Höhe lächelten ihm Models mit runden Brüsten und Augen in allen Farben zu. Es gab keinen Weg mehr zurück nach Hause. Nur den Stress. Estrella schaltete das Radio ein, und ein Sprecher, der so unsicher wirkte, als hätte er erst vor fünf Minuten zu sprechen gelernt, sagte ein Lied an. Der schlichte, stampfende Rhythmus, der aus den Lautsprechern dröhnte, erinnerte Blanco an nichts, was er früher gehört hatte. Der Text war so eindeutig sexuellen Inhalts, dass es ihn verlegen machte. »Früher hat niemand das Wort ›Arsch‹ in den Mund genommen«, murmelte er verstört, und Estrella lachte. »Nein? Der eine oder andere bestimmt. Aber es war nicht so verbreitet, das sicher nicht. Ich finde die Musik gar nicht so schlecht, man kann gut drauf tanzen. Solltest du mal versuchen.« Blanco bewunderte die Augen eines Models, das Reklame für ein Bier mit ausländischem Namen machte, welches ihm ebenfalls unbekannt war. »Ich kann nicht tanzen«, sagte er wie ein schüchterner Jüngling. »Solltest du aber vielleicht mal. Um die Eiszeit hinter dir zu lassen, nicht wahr?« Estrella tat es taktvoller als Piña und die anderen, aber auch sie machte sich über seine Enthaltsamkeit lustig, die mittlerweile etwas von Jungfräulichkeit hatte. Offenbar hatte der verfluchte Anwalt der gesamten Menschheit erzählt, was er wie ein Beichtgeheimnis hätte hüten sollen. Schließlich war es kein Witz, sondern betraf das Leben eines verzweifelten Mandanten, verdammt noch mal. Zum Glück kündigte der Sprecher im Radio jetzt eine Verlosung an, und es wurde kein weiteres Lied mehr gespielt. »Was wird denn verlost?«, fragte Blanco einfältig, um die Situation zu retten. »Im Radio? Eine Wohnung in den neuen Wohntürmen, die nördlich von Los Colomos gebaut werden. Eine von tausen den.« »Wird viel gebaut?«Wieder lachte Estrella. »Puh! Irgendwann wird alles zugepflastert sein, bis zum Lago de Chapala.« Wenn sie lachte, schob sich ihre Zungenspitze zwischen die Lippen. Zuerst glaubte Blanco ihr nicht, aber als sie auf die Umgehungsstraße einbogen und gen Westen fuhren, sah Blanco die unzähligen Baukräne. Dutzende von T-förmigen Bauelementen waren rund um im Bau befindliche Häuser in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung aufeinandergetürmt. Häuser mit zwanzig oder dreißig Stockwerken, sehr viel höher als die, an die sich Blanco erinnerte. Hatten ihn die Größe und die Komplexität der während seines Gefängnisaufenthalts gebauten Straßen und Brücken schon überwältigt, so gewann er beim Anblick der vielen Kräne endgültig die Überzeugung, eine Zeitreise gemacht zu haben. Aber in der Zukunft, in der er jetzt, nach Jahren des Eingesperrtseins, angekommen war, gab es weder Aliens noch Roboter (grausam die einen, riesig die anderen). Nur leuchtende Werbeplakate, übereinandergelegte Fahrbahnen und Wohntürme. Und natürlich Baukräne. Dutzende von Baukränen. Und jede Menge Baugerüste. »Ich kenne die Straßen nicht mehr«, sagte er zu Estrella, als er bemerkte, dass die Anwältin ihm verstohlene Blicke zuwarf und sich über sein dümmliches Gesicht amüsierte. Blancos Verunsicherung wurde durch die Tatsache verstärkt, dass er dieselbe Kleidung trug, in der er fünfzehn Jahre zuvor ins Gefängnis gegangen war und die man ihm bei der Entlassung ausgehändigt hatte (er hatte die milchkaffeebraune Sträflingskleidung in einer winzigen Toilette, die die Bewegungsfreiheit einschränkte, in aller Eile gegen die Straßenkleidung eingetauscht). Jeans, T-Shirt, Baumwollpull over mit hochgeschlossenem Rollkragen. Schuhe und Strümpfe waren noch die aus dem Gefängnis. Zumindest das gab ihm etwas Sicherheit. »Du erkennst sie nicht wieder? Ich finde, alles sieht noch genauso aus. Älter geworden, aber nicht verändert. Wie wir.« Estrella sah auf das Display ihres Handys, anstatt sich auf die Straße zu konzentrieren, und Blanco hatte das Gefühl, dass sie jeden Moment von der Fahrbahn abkommen oder aus der Kurve fliegen könnten, ohne dass sie aufhören würde, SMS zu lesen und mit ihren spitz zugefeilten Fingernägeln, die Vogelkrallen glichen, aufs Display zu tippen.

Die Kanzlei von Piña & Partner hatte sich zu Beginn von Blancos Prozess im Penthouse eines Hochhauses in der Colonia Providencia befunden, war jedoch vor einiger Zeit in die Umgebung des Country Clubs umgezogen. Der Architekt, der den neuen Sitz entworfen hatte, musste ein Erzfeind derjenigen Kollegen sein, die die Stadt mit rechteckigen Gebäuden zugebaut hatten, denn dieses hier war großzügig angelegt, niedrig und asymmetrisch und mit bunten Ziegelsteinen verkleidet. Das Ganze wirkte beinahe ländlich, insbesondere durch die Strebebalken, die langen Fenster mit Holzrahmen und Dutzende von Blumenbeeten. Es ähnelte eher einer Verkaufszentrale für eine Wohnanlage auf dem Land als einer Anwaltskanzlei. Einer Anlage wie Olinka zum Beispiel. Olinka. Ein widerspenstiges Wort, das wie ein Meteorit in Blancos Kopf einschlug und das er lieber nicht wiederholte.

Estrella war der zweite Platz in der Hierarchie des Parkplatzes zugewiesen, neben einem riesigen, etwas verkratzten schwarzen Van, den Piña vermutlich für seine beruflichen Verpflichtungen nutzte. »Soll ich meine Sachen aus dem Kofferraum holen?« Blanco hatte die Tür noch nicht geöffnet, noch nicht einen Fuß auf den Boden der Stadt gesetzt, die er eine Stunde lang durchs Wagenfenster bestaunt hatte, und wusste schon nicht mehr, was er tun sollte. Er wäre besser im Gefängnis geblieben, um auf das Schweine filet in Salzkruste und die Getränke zu warten. Das war seine Meinung. Doch Estrellas Geplapper wiegte ihn wie die Wellen eines Sees und war das Einzige, an das er sich klammern konnte. »Wenn du willst, ja. Du musst mit raufkommen und die Papiere unterschreiben. Und wir machen am besten gleich ein Foto von dir, damit wir einen einfachen Ausweis für dich beantragen können, den Führerschein zum Beispiel. Mir ist die Aufgabe zugefallen, dich wieder in der Welt willkommen zu heißen.« Die Anwältin lächelte ihn an, was ihn beunruhigte und ihm zugleich wenigstens etwas Vertrauen einflößte, um die ersten Schritte zu tun. Sie machte ihre Arbeit gut, das musste man ihr lassen. Die Fahrstuhlwände waren mit Spiegeln verkleidet. Estrella überprüfte ihr Make-up und schien zufrieden. Blanco dagegen sah sein unrasiertes Gesicht und den kahl geschorenen Schädel eines Häftlings, fast wie der, den er als Kind gehabt hatte, für eine andere Frisur hatte das Geld seiner Mutter damals nicht gereicht. Sein Gesicht kam ihm in der realen Welt schlimmer vor als im Gefängnis. Die Casita mag zwar ein weniger tiefes Loch sein als die anderen, aber man verkommt darin genauso, dachte er. Der Empfangsraum der Kanzlei war groß, mit langen Fenstern und allen möglichen billigen Büromöbeln ausgestattet, die Blanco natürlich fürstlich vorkamen: zierliche Schreibtische, hübsche Karteischränke, Sessel aus imitiertem Leder, auf denen er sich am liebsten zusammengerollt hätte, um den Rest seines Lebens zu schlafen. Die meisten Angestellten der Kanzlei fanden die Möbel eintönig und von schlechter Qualität, aber sie befanden sich ja auch in einer anderen Situation als Blanco. Nie würden sie eine Matratze kennenlernen wie die, die im Gefängnis Blancos Rücken strapaziert hatte. Wegen der bevorstehenden Feiertage war die Kanzlei wie leer gefegt. Die Neonröhren waren ausgeschaltet, die Flure und Büros verlassen. Der Teppich verschluckte das Geräusch der Schritte. Nur eine Empfangsdame war zu sehen. Sie war dabei, ihren Weihnachtskorb mit den Überbleibseln der Geschenke zu füllen, die ihre Vorgesetzten den wichtigsten Mandanten der Kanzlei hatten zukommen lassen. Estrella stellte sich neben sie, und die junge Frau schreckte überrascht hoch. »Hast du mir alles auf den Schreibtisch gelegt, Martita?« »Ja, Frau Anwältin. Alles da.« »Irgendwelche Anrufe?« »Nur die, die ich Ihnen bereits genannt habe. Señor Piña hat sich nach Anaheim abgemeldet und ist nicht erreichbar.« Die Empfangsdame wandte sich wieder den Dosen und Flaschen zu, sie schien Blancos Anwesenheit nicht zu bemerken. »Danke, Martita. Wenn du damit fertig bist, kannst du gehen.« »Ja, Frau Anwältin.« Sie entfernten sich grußlos. Blanco hatte zu schwitzen begonnen. Warum, wusste er nicht. Wenigstens hatte die Empfangsdame keinen Witz über sein Sexualleben losgelassen. Uff! Atme, verdammt, atme, ermahnte er sich wieder.

Piñas Büro lag hinter einer doppelten Eichentür verschanzt. Estrella führte Blanco weiter zu einer schlichten Tür, hinter der sich ein einfaches Büro mit Rohrmöbeln, sich gleichenden Bildern und, in einer Ecke, einem Keramikkrug mit noch frischen Blumen befand. Auf dem Schreibtisch stand ein gerahmtes Foto. Die Frau dar auf war ohne jeden Zweifel Estrella, wenn auch jünger und mit offenem Haar. Neben ihr ein blonder Mann mit Brille und zwei sorgfältig gekämmte Kinder. Alle hübsch. »Meine Familie«, sagte sie, als sie Blancos Blick bemerkte. Sie reichte ihm einen vergoldeten Kugelschreiber, schwer wie eine Eisenkugel, mit dem er die Dokumente unterschreiben sollte, die seine Freiheit besiegeln würden.

Gültige Ausweispapiere besaß er nicht mehr. Sie waren während seiner Haft abgelaufen, und es hatte keine Möglichkeit bestanden, vor seiner Entlassung neue zu beantragen. Estrella erklärte es noch einmal, obwohl Blanco es schon wusste. »Ein Bevollmächtigter kann deinen Führerschein erneuern, das muss fürs Erste reichen. Aber sieh mal, wie findest du das hier? Das ist wichtig für dich.« Was Blanco nämlich hatte, war Geld. Abgesehen von dem Bankkonto, auf das die Flores Monat für Monat das Geld überwiesen, von dem sein Aufenthalt in der Casita bezahlt wurde, hatte die Kanzlei dafür gesorgt, dass sein altes Konto aktiv blieb, indem sie hin und wieder eine kleine Summe abgehoben oder einbezahlt hatten, damit es nicht geschlossen oder von den Gebühren aufgefressen wurde. Estrella überreichte ihm eine Karte und einen Kontoauszug mit einer Summe, die ihm ein beruhigendes Gefühl gab. Genug, um zu überleben, bis die Flores ihrer Verpflichtung aus der Abmachung nachkamen, oder um auf einen Notgroschen zurückgreifen zu können, wenn es schlecht für ihn lief und er abhauen musste, dachte Blanco. »Ich glaube nicht, dass er den Führerschein vor Januar besorgen kann, nutz doch die Zeit, um auszuspannen. Du mietest dir ein Zimmer, mehr brauchst du im Moment nicht«, instruierte ihn die Anwältin. Blanco sagte zu allem Ja. Er sah sich die Dokumente an, die er unterschreiben sollte, und hoffte, dass ihm das dabei helfen würde, die Situation zu verdauen. Die Empfangsdame schaute durch die einen Spaltbreit geöffnete Tür herein. »Ich gehe dann jetzt, Frau Anwältin. Brauchen Sie noch etwas?« »Nein, Martita, nichts, mach’s gut, und fröhliche Weihnachten.« »Fröhliche Weihnachten, Frau Anwältin«, erwiderte die junge Frau und ging hinaus, den randvollen Korb am Arm. Estrella schaute durch die Jalousien auf die Straße und tippte währenddessen etwas in ihr Handy. Sie wartete, bis der Wagen der jungen Frau auftauchte, langsam beschleunigte und davonfuhr. Dann ließ sie ein Kichern hören, das Blanco einen Stromstoß versetzte. »Möchtest du etwas trinken? Wir stoßen hier immer mit den Mandanten an, die entlassen worden sind.« Sie inspizierte den Inhalt ihres Weihnachtskorbs, der auf einem Tisch an der Wand stand. »Es gibt Weißwein, aber ich bin misstrauisch, es ist mexikanischer. Rotwein? Ein Gläschen, zum Durchatmen? Oder Champagner? Ich glaube, das ist jetzt das Richtige. Nicht teuer, das nicht, aber er tut’s.«

Blanco war nie ein großer Trinker gewesen. Zu Schulzeiten hatte er Bier in Maßen getrunken und sich gelegentlich auch mal volllaufen lassen, aber nie systematisch oder obsessiv. Als er dann verheiratet war, hatte er sich von seinem Schwiegervater zu dem einen oder anderen edlen Tropfen einladen lassen. Man trank Tequila am Vormittag, Champagner zum Abendessen und Whisky, um den Abend ausklingen zu lassen. Und sonntags, nach dem Mittagessen im Familienkreis, einen Verdauungsschnaps. Aber selten über den Durst. Im Gefängnis hatte er nur getrunken, wenn man ihm etwas angeboten hatte, und nur ausnahmsweise. Zu Weihnachten, ja, da war der Alkohol in Strömen geflossen, was er als Teil des Festprogramms betrachtet hatte. Es hatte ihm geholfen, einen Zustand der Bewusstlosigkeit zu erreichen und für ein paar Stunden der verfluchten Schwermut zu entkommen. Er nahm Estrellas Angebot an. Sie holte zwei Champagnergläser aus einem Schrank und entkorkte mit bewundernswerter Professionalität die Flasche. Plopp. Kein Tropfen wurde verschüttet. Sie reichte ihm ein Glas, und sie prosteten sich zu. Blanco musste sich an den Gedanken, frei zu sein, erst noch gewöhnen. Das Gefängnis steckte ihm in den Knochen, so wie man das Wasser noch am Körper spürt, nachdem man stundenlang geschwommen ist: mit klopfendem Herzen und einer nicht zu definierenden Last. Er schaute flüchtig auf seine Hände. Ihm war, als träumte er. Während er seinen Namen unter Hunderte von Dokumenten setzte, erwischte er sich dabei, wie er seinen Champagner zügig trank. Die Anwältin hatte sich ihre Schuhe abgestreift, wie er feststellte, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Ihre Füße waren klein, die Nägel kurz und nicht lackiert, weiß, oval gefeilt, perfekt. Sie zündete sich eine Zigarette an und hielt Blanco verführerisch die Schachtel hin. »Zigarette, die erste in der Freiheit?« Sie rauchten, tranken weiter. Sie plünderten den Korb. Unangetastet blieb nur die Büchse mit Muscheln, die Estrella in einem Moment des Überschwangs dem Korb entnommen, dann aber zu öffnen vergessen hatte, weil sie lieber eine zweite Flasche Schaumwein öffnen wollte. Plopp. »Was wirst du jetzt machen?«, fragte sie, nachdem sie ihm das neu gefüllte Glas in die Hand gedrückt hatte. Dasselbe hatte Piña ihn vor Wochen gefragt, aber Blanco hatte nur halbe Antworten darauf. »Darf ich dir einen Rat geben?« Er nickte und senkte den Kopf. Er hatte gelernt, zu gehorchen und anderen zuzuhören und zu schweigen. Vielleicht war das seine einzige Tugend. »Wie gesagt«, lachte sie, »warte, bis du deinen Führerschein hast, und inzwischen mietest du dir ein Zimmer. Das ist es, was mir dazu einfällt. Du solltest Pläne machen. Piña meint, du wirst wichtige Entscheidungen treffen müssen. Das hat er dir ja bereits gesagt, glaube ich. Woandershin gehen. Nach Kalifornien oder so. Hast du darüber nachgedacht?« Sie zog die Augenbrauen hoch, um ihrer Frage Nachdruck zu verleihen, wie eine Comicfigur. Natürlich hatte Blanco sich einen Scheiß überlegt. Er schaute zu Boden. »Na ja, zum Schluss ist alles sehr schnell gegangen, aber vielleicht hilft dir das, oder? Vielleicht hast du das ja gebraucht, damit du darüber nachdenkst. Die Flores wissen noch nicht, dass du draußen bist, und ich glaube nicht, dass sie es vor Januar erfahren. Vielleicht bereitest du dich vor und gehst erst zu ihnen, wenn du dich sicherer fühlst. Das ist meine Meinung. Aber hör nicht auf mich.« Estrellas Gesicht war vom Alkohol gerötet, und Blanco fand sie umso sympathischer. Die Augen der Anwältin sprühten Funken, vor Begeisterung, konnte man meinen.

Die nächste Flasche, die sie öffneten, war ein Whisky mit dem Namen eines irischen Fußballers in pseudogotischer Schrift. Estrella legte stimmungsvolle Musik auf, eine endlose Abfolge von Gitarrenstücken. Eins davon erinnerte Blanco an die Musik eines Films, dessen Titel ihm im Moment nicht einfiel, obwohl er eine Sekunde lang geglaubt hatte, sich an ihn zu erinnern. Gladiator? Was war ein Gladiator? Seltsam, dass ihm das Wort jetzt in den Sinn kam, nachdem er es jahrelang vergessen hatte. Die Anwältin holte zwei dicke Kristallgläser aus dem Schrank und einen Kübel mit Eiswürfeln aus der Hausbar. Offenbar war sie bestens ausgestattet. Sie schaute auf ihr Handy und tippte ein paar SMS mit ihren spitzen Fingernägeln. Wie blitzende Juwelen, dachte Blanco. »Ein oder zwei Whiskys können wir uns noch gönnen, bevor ich zum Essen gehe. Ich möchte dich nämlich etwas fragen.« Sie stellte ihr Glas auf den Schreibtisch, stützte sich mit den Ellbogen auf und sah ihn mit ineinander verschränkten Fingern an. »Glaubst du, wir hätten mehr tun können? Für deinen Fall, meine ich. Entschuldige, dass ich dich das frage. Aber es geht darum, wie du unsere Arbeit beurteilst. Klar, wir haben dich verteidigt, aber das Urteil … eine halbe Ewigkeit. Schlechter hätte es nicht laufen können.« Blanco wusste nicht, was er sagen sollte, so plötzlich, und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Seiner Meinung nach hatte die Verantwortung für seinen Schutz und seine Freilassung immer bei den Flores gelegen, nie hatte er Piña und seinem Team die Schuld daran gegeben, dass der Prozess so schlecht ausgegangen war. Schließlich hatte er die Verantwortung für einen Steuerbetrug übernommen und dann war das Verschwinden mehrerer Personen bekannt geworden (das hatte die Presse ihm angehängt, obwohl Blanco bis heute nicht verstand, warum zum Henker man ihn mit einer Sache in Verbindung brachte, mit der er nichts zu tun hatte. Mit dem Betrug, letzten Endes, ja: Er war der Buchhalter der Baufirma. Aber das Verschwinden von Personen?). Schriftstücke mussten aufgesetzt, Beweise gesammelt werden, und man musste die Flores um Dokumente und schriftliche Erklärungen bitten, die sie anscheinend nicht rausrücken wollten. Und dann, drei Wochen vor der Urteilsverkündung, tauchte, leuchtend wie ein Komet, der Bericht einer Behörde der Gringos am Horizont auf: eine Liste mit den Namen von Firmen, die Geld vom organisierten Verbrechen erhielten, um es zu waschen. Dazu die Androhung von Strafen und die übliche Aufforderung an Mexiko, etwas dagegen zu unternehmen. Blanco hatte den Scheißbericht nie zu Gesicht bekommen, wusste aber, dass Guadalajara im Zentrum der Ermittlungen der Gringos stand und die verfluchte Baufirma seines Schwiegervaters auf der Liste auftauchte. Am selben Tag erfuhr Piña, dass der Prozess verloren war, und eilte sofort zu ihm. »Die Regierung will unbedingt vorweisen, dass sie etwas gegen die Strohmänner und Geldwäscher unternimmt«, sagte der Anwalt zu ihm und lockerte seine Krawatte. Er schwitzte, man sah Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe. »Sie werden die Sache mit den Verschwundenen unter den Teppich kehren, Yeyo, aber alles andere werden sie dir in die Schuhe schieben, verdammte Scheiße.« Und so geschah es. Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre für Blanco gefordert, aber als der Bericht herauskam, nahm anscheinend niemand daran Anstoß, dass das Urteil auf fünfzehn Jahre erhöht wurde. Fünfzehn Jahre bekam er. Fünfzehn verdammte Jahre hinter Gittern. Fünfzehn verlorene Jahre. Aber nein, er hatte keinen Moment lang geglaubt, dass Piñas Kanzlei schuld daran war. Das Gesetz dieser Stadt wurde von Bestechung, Druck und stillschweigenden Vereinbarungen bestimmt, nicht von Anstand und Moral. Und Piña war ein hervorragender Anwalt, aber kein Zauberer. »Ihr habt mir sehr geholfen«, sagte er schließlich zu Estrella, die ihn skeptisch ansah, was vielleicht bedeutete, dass sie bereits betrunken war. »Ihr habt mich nicht im Stich gelassen. Und ich habe mich immer gefreut, wenn du mich besucht hast«, fügte er überraschenderweise hinzu, um das häufige Erscheinen der Anwältin mit ihrem Lächeln und ihren langweiligen Papieren zu würdigen. Sie war geschmeichelt. »Na ja, du hast mich schon immer neugierig gemacht«, gestand sie ihm. »Weil dich niemand besucht hat.« Blanco nickte erneut, hilflos. Und sie genehmigten sich ein weiteres Gläschen.

Die Gewissheit, dass die Flores nichts von seiner Haftentlassung erfahren würden, solange er es nicht wollte, beruhigte ihn und ließ ihn unvorsichtig werden. Seit Jahren hatte er keinen Whisky mehr getrunken, und er spürte dasselbe Brennen im Mund wie damals, als er ihn zum ersten Mal probiert hatte. Er ließ die Eiswürfel klingen und biss unentschlossen in sein Glas. »Schmeckt er dir?« »Er ist stark«, antwortete er. Estrella fuhr sich mit der Zunge über die Mundwinkel. »Wenn ich frisch raus wäre wie du, würde ich die Flasche ganz alleine niedermachen.« »So verzweifelt bin ich nicht. Vielleicht, weil ich nicht damit gerechnet habe, so schnell rauszukommen.« »Damit hat niemand gerechnet, ehrlich gesagt. Der Richter hat alles im Verborgenen erledigt, damit er im Januar nicht noch mal zurückkommen muss. Und er hat es prima hingekriegt. Niemand wusste davon.« »Zum Glück warst du ja da«, bemerkte Blanco. Sie lächelte. »Ich halte immer die Stellung, das weißt du doch. Immer, wenn Piña wegmuss.« Die Musik wurde leiser, und Blanco sah, dass die Anwältin die Angelegenheit mit dem Führerschein per Handy erledigt hatte. Das war auch so eine verrückte Sache. Die Welt hatte sich in Bezug auf tausend Kleinigkeiten verändert, die ihm, wenn sie ihm auffielen, ein Gefühl des Ausgeschlossenseins gaben. Die Veränderungen flogen ihm um die Ohren und entglitten ihm immer wieder. »Weißt du, was ich an deiner Stelle tun würde?« Estrella starrte in ihr Glas, während sie den letzten Schluck Whisky mit Kennermiene genoss. Sie hielt sogar das Glas gegen das Licht, um die Farbe des Whiskys zu bewundern. Für Blanco, der nichts von so edlen Getränken verstand, schmeckte er nach rostigem Wasser, aber es musste köstlich sein, das Gesöff. »Wenn ich gerade rausgekommen wäre, meine ich. Weißt du, was ich machen würde? Ich würde vögeln wie eine junge Ziege. Gleich im Auto. Sobald man mich rausgelassen hätte. Fünfzehn Jahre also? Wirklich?« Sie lächelte ihn an, ohne dass sich ein Muskel in ihrem Gesicht bewegte, und Blanco wusste nicht, ob es Mitleid oder Sarkasmus war. »Man gewöhnt sich dran«, nuschelte er. Estrella streckte die Hand aus. Berührte seine Finger.

»Ich tu das nicht mit allen, die entlassen werden«, sagte sie, so als müsse sie sich vor ihm rechtfertigen. Und als sie merkte, dass er ihr nicht zuhörte und kaum die Augen aufhalten konnte, so erschöpft, wie er war, fing sie an zu lachen. Sie lagen auf dem Teppich im Büro, beschienen vom Licht, das in Streifen durch die Jalousie auf sie fiel. Blanco machte eine deprimierende Feststellung: »Das alles musstest du trinken, um in Fahrt zu kommen.« Und er wies mit unsicherem Zeigefinger auf die Flaschen. Estrella antwortete mit einer Schnute, halb sexy, halb obszön. »Natürlich nicht. Es ist wegen der fünfzehn Jahre. Ich war neugierig. Ist es schlecht, dieses Wort zu benutzen? Neugierig. Ich bin sehr neugierig. Du erweckst meine Neugier. Das hab ich dir schon gesagt, oder?«

Die Anwältin war so taktvoll, sich über Blancos Explosion nicht lustig zu machen. Gewaltig und fast bei der ersten Berührung. Und sie war ihm dankbar für seine Hartnäckigkeit, mit der er sie dann liebkost und geleckt hatte, vielleicht zwanzig Minuten lang, bis ihre Kräfte nachließen. Blanco zog es vor, die Tatsache nicht zu kommentieren, dass sie einer Schreibtischschublade einen langen Streifen Präservative entnommen hatte, der ihn an die Großpackungen Eis am Stiel erinnerte, die, als er Kind war, an Ampeln verkauft wurden (dreißig Stück für dreißig Pesos). Er behielt seine Meinung für sich, schluckte sie hinunter wie Spucke. Soll ihr Mann sich Gedanken darum machen, fiel ihm dazu ein. Oder, besser noch, niemand. Er spürte ein angenehmes Flattern im Magen, vielleicht das erste Gefühl von Freude nach fünfzehn Jahren. Estrella stand vom Boden auf. Sie öffnete eine halb verdeckte Seitentür und betrat ein Bad, das von einem grellen, bläulichen Licht erhellt wurde. Sie wusch sich Gesicht und Hände, gurgelte und spuckte das Wasser ins Waschbecken, wobei sie über die hochgezogene Augenbraue und den inquisitorischen Blick Blancos lachen musste. »Möchtest du einen Kaugummi? Du kannst dir auch noch einen Whisky einschenken. Nein, für mich nicht. Ich muss zum Familienessen.« Sie kam zu ihm zurück, hob ihre Unterwäsche auf und zog sich mit einer Natürlichkeit an, die den Ex-Häftling erstaunte. Der leichte Hüftschwung, mit dem sie ihren Slip überstreifte, machte ihn fast wieder geil. Als sie an ihm vorbeiging, streichelte er ihren Fußknöchel. Sie warf ihm eine Kusshand zu. »Die Kiste mit deinen Sachen kannst du hierlassen, wenn du willst, aber zum Schlafen musst du dir was anderes suchen. Hier kannst du nicht bleiben. Ich weiß nicht, ob einer der Assistenten in den Ferien herkommt, um irgendwelche Akten zu holen, die noch zu erledigen sind. Piña wäre nicht erfreut, wenn er erfahren würde, dass ich dich hier untergebracht habe.« Sie schien es jetzt eilig zu haben. Mit schlangenartigen Bewegungen schraubte sie die Whiskyflasche zu, stellte sie zurück in den Schrank und legte die leeren Champagnerflaschen in den Korb. »Los, ich trag deine Kiste, und du nimmst den Korb, der ist schwerer. Dabei haben wir ihn schon geplündert. Hier, dreh die Flasche um, dann merkt man es nicht. Gehen wir.« Estrellas Zielstrebigkeit war überwältigend. Zehn Minuten später waren sie draußen. Sie löschten alle Lichter des Empfangsraums, außer denen an einem blitzblanken Weihnachtsbäumchen aus Plastik, der ihnen zuzwinkerte, ohne auf eine Antwort hoffen zu können. Die verlassene Kanzlei ließ Blanco an die Leere denken, die in diesem Moment an so vielen anderen Orten herrschen musste: in Büros, Schulen, Häusern, deren Besitzer Urlaub machten. Gleichzeitig drängten sich Menschenmassen wie berauscht in Einkaufszentren, Restaurants, Bars. »Und wann kommst du aus dem Restaurant?«, wagte er zu fragen. Er hätte die Nacht gern mit Estrella verbracht. Doch sie war mit ihren Gedanken bereits woanders, weit weg. »Das Essen findet nicht im Restaurant statt, sondern bei meinen Schwiegereltern. Keine Ahnung, wie lange es dauern wird, vermutlich wird es spät werden. Die Cousins meiner Kinder kommen auch, kann sein, dass sie bis zum Morgen am Computer spielen.« Blanco verkniff sich weitere Fragen. Er brauchte und wünschte kein Familienbild. Für den Moment reichte ihm das leichte Zittern seiner Muskeln und Knie. Nachwirkungen des Orgasmus. Er atmete aus und beschleunigte seine Schritte, um Estrella einzuholen. Die Ereignisse des Tages hatten ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, und man konnte nicht sagen, dass er bereits damit begonnen hätte, sie zu verarbeiten. Die Anwältin stieß ihn sanft mit der Hüfte an. »Damit wären deine fünfzehn Jahre erst mal vorbei«, sagte sie zu ihm. »Die Jahre im Gefängnis und alles.« Sie beugte sich über den Korb und gab Blanco einen Kuss. Einen kurzen, aber verheißungsvollen Kuss. Sie betraten den Aufzug. Im Spiegel sah Blanco, dass er etwas weniger unglücklich aussah als beim Hinauffahren. Er hatte eine gesündere Gesichtsfarbe. Er fühlte sich weniger niedergeschlagen. Sie fuhren ins Untergeschoss. Die Anwältin blieb stehen. »Schau mal, ich hab eine Überraschung für dich. Heute war ein guter Tag, nicht wahr?« Sie schenkte ihm wieder ein schwaches Lächeln und forderte ihn auf, ihr zu folgen. Ganz hinten in der Tiefgarage stand ein Auto, das unter einem staubigen Schonbezug verborgen war. »Weißt du, was das ist? Dein Auto.« Blanco hatte es bereits ein paar Jahre besessen, als er verhaftet worden war. Irgendwann hatte er Piña die Schlüssel übergeben, erinnerte er sich nun, wahrscheinlich kurz bevor ihn die Polizeibeamten abgeholt hatten. In all den Jahren hatte er keine Minute an den Wagen gedacht. Alicia war auf sein Geld nicht angewiesen, und darum war der Verkauf seiner Besitztümer kein Thema gewesen. Bekommt man wieder, was man nicht verloren gibt? Darauf fiel ihm keine Antwort ein. Er fuhr mit dem Zeigefinger den Kofferraum entlang, über den Bezug, und war sich sicher, dass sein Finger schmutzig würde. Das war nicht der Fall. »Läuft er?« »Das nehme ich an. Die Schlüssel sind in dem Umschlag, in dem auch die Bankkarte steckt, die ich dir gegeben habe. In dem gelblichen. In deiner Kiste. Sieh mal, ob er anspringt. Wenn nicht, bring ich dich irgendwohin, wo du bleiben kannst, und du holst ihn morgen ab. Der Türcode von der Tiefgarage ist leicht zu merken: sieben-vier-sieben-eins. Kannst du das behalten?« Blanco stellte den Korb ab und zog heftig an dem Schonbezug, der zu Boden glitt. Der Autolack war stumpf geworden, aber das Auto war unversehrt. »Wenn in den letzten fünfzehn Jahren niemand mit ihm gefahren ist, springt er vielleicht nicht an, die Batterie könnte leer sein, tot.« »Doch, natürlich ist er bewegt worden. Der Junge, der unsere Autos wäscht, ist einmal in der Woche mit ihm um den Block gefahren. Viel Benzin wird nicht im Tank sein, aber er springt bestimmt an. Willst du ihn jetzt gleich mitnehmen?« »Morgen.« Blanco wirkte unentschlossen. Er wollte nichts falsch machen. »Besser, ich fahre nicht, ich hab getrunken.«

»Ich etwa nicht?« Estrella drehte sich um, und Blanco folgte ihr wie betäubt. Ihm wurde wieder schwindlig.

Zuallererst fuhr ihn die Anwältin zu einem Supermarkt, damit er sich die Toilettensachen kaufen konnte, die er unbedingt benötigte. Sie riet ihm auch zu einer Reisetasche, denn es konnte gut sein, dass man an der Hotelrezeption misstrauisch wurde, wenn er mit einem Karton als einzigem Gepäckstück ankam. Blanco legte ein Paar Frotteebadeschlappen und einen Pyjama in den Einkaufswagen. Neue Kleidung würde er sich später besorgen, sagte er sich, aber er wollte sich nicht mit der Jeans ins Bett legen und nur in Unterhosen würde er frieren, fürchtete er. Unter Estrellas Anleitung holte er an einem Automaten Geld ab. Auch die Geldautomaten kamen ihm wie aus einem Science-Fiction-Film vor, obwohl sie sich nicht sehr von denen unterschieden, die er von früher kannte. Auf jeden Fall aber waren sie schneller. Außerdem boten sie jetzt unzählige weitere Möglichkeiten an, die das simple Geldabheben für Blanco kompliziert machten. Möchtest du ein obdachloses Kind unterstützen? Möchtest du deine Stromrechnung bezahlen? Möchtest du deine PIN-Nummer ändern? Er konnte kaum die Nummer behalten (die auf einem Zettel stand, den er dem gelb lichen Umschlag entnommen hatte), ohne sie mit dem Code für die Tiefgarage zu verwechseln, den Estrella ihm verraten hatte. Nein, er wollte seine PINNummer nicht ändern. Schließlich begleitete Estrella ihn zur Rezeption des Hotels, in dem die Kanzlei Mandanten unterbrachte, die Probleme hatten und Vorsichtsmaßnahmen treffen mussten. Frauen, deren Ehemänner drohten, ihnen die Zähne auszuschlagen, wenn sie die Scheidung verlangten. Männer, die sich gegen die Aussicht auf Strafminderung bereit erklärt hatten, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Solche Leute. Die junge Frau an der Rezeption, mit einer riesigen Brille auf der Nase und flink wie ein Wiesel, arbeitete schweigsam und effizient. Weder stellte sie irgendwelche Fragen, noch sah sie Blanco argwöhnisch an. Sie druckte den Meldezettel mit den Daten der Kanzlei aus, die bereits im System waren, und Estrella unterschrieb, wobei sie jedoch klarstellte, dass Blanco die Rechnung aus eigener Tasche bezahlen werde. Er nickte. Die Rezeptionistin händigte ihm den Schlüssel aus und nannte ihm den Zugangscode zum Internet, den er sofort wieder vergaß. Sie bemerkte es und schrieb den Code auf ein Kärtchen. Ich muss ja wie ein Idiot aussehen, dachte er entmutigt. »Gut, hier wohnst du jetzt also.« Um vor der Rezeptionistin den Schein zu wahren, küsste die Anwältin ihn nicht und verabschiedete sich betont kühl von ihm. Sie reichte ihm die Hand (ihre kleinen Finger, wie winzige Fischchen), und Blanco drückte sie, wobei er sich fragte, ob es sich bei dieser seriös wirkenden Geste um einen Witz handelte. Aber nein. »Schlafen Sie gut«, sagte sie verschmitzt, indem sie zum Sie zurückkehrte. »Ich mache ein paar Tage Urlaub, und in der Kanzlei wird niemand sein, aber für alle Fälle haben Sie meine Handynummer. Im Umschlag. In Ihrem Karton.« »Wann seh ich dich wieder?« Blanco durchschaute das Spielchen nicht und blieb beim Du. »Nächste Woche sind wir wieder im Büro. Gute Nacht.« Und sie entschwebte wie eine Fee. Die Rezeptionistin war bereits mit etwas anderem beschäftigt. Wie immer fiel es der Welt leicht, zu vergessen, dass Blanco auf ihr umherging.

Ein junger Page begleitete ihn aufs Zimmer, die Reisetasche über die Schulter gehängt. Noch verunsichert, weil sich die Anwältin zum ersten Mal, seit er in Freiheit war, nicht an seiner Seite befand, gab Blanco ihm die einzigen Münzen als Trinkgeld, die er bei sich hatte: das Wechselgeld aus dem Supermarkt. Das Gesicht des Jungen zeigte, dass es so gut wie nichts war. Zehn lächerliche Pesos waren ein Scheiß für ihn. Das war auch vor fünfzehn Jahren nicht gerade viel, hätte Blanco am liebsten gesagt. Als er allein im Zimmer war, atmete er erleichtert auf. Er richtete sich ein, wobei er sich Zeit ließ. Er befürchtete, nicht mehr zu wissen, wie man sich außerhalb einer Zelle benahm, doch nach einer Weile gewöhnte er sich an den Gedanken. Das Hotel war klein und nicht besonders elegant. Aber im Vergleich zur Casita war es luxuriös. Das Bett war so weich, dass Blanco lange nicht einschlafen konnte. Nicht das Stöhnen und Schnarchen des Dicken auf der oberen Pritsche begleiteten ihn nun, sondern die Geräusche des Hotels. Wie Luftblasen platzten sie in seinen Ohren: die gedämpften Schritte auf den Teppichen, das Geklapper des Wägelchens vom Zimmerservice, das Motorengeräusch der Autos auf der nahen Avenida, dessen Widerhall rauschte wie die Meeresbrandung. Er beschloss, dass er sich mit den beiden Wodkafläschchen in der Minibar aushelfen würde, um einen Zustand der Bewusstlosigkeit zu erreichen. Er träumte nicht.

Noch vor Tagesanbruch erwachte er. Seine Glieder waren ganz steif vom bequemen Liegen. Die alte Pritsche im Gefängnis hatte seinen Rücken ruiniert, und jetzt, verwöhnt von einem anständigen Bett, war sein Körper ihm dankbar dafür, dass er ohne die morgendlichen Schmerzen aufwachte. Blanco duschte so heiß, wie er es gerade noch ertragen konnte. Die Innenflächen seiner Hände waren verschrumpelt, die Fliesen des Bads beschlagen. Er rasierte sich vor einem Spiegel – zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren vor einem ohne Flecken – und hörte nicht eher auf, bis sein Gesicht frei von jeder Bartstoppel war. In dem grellen Licht über dem Spiegel sah seine in all den Jahren malträtierte und ungepflegte Haut ledern aus wie die eines Schweins. Er beschloss, eine Gesichtscreme zu kaufen. Das Frühstück, das aus Joghurt, Müsli und Toastbrot bestand, war im Zimmerpreis inbegriffen, aber Blanco zog es vor, außerhalb zu frühstücken. Er fragte den Rezeptionisten der Morgenschicht nach einem Café in der Nähe, worüber sich der Mann, ein blasser Zwerg mit Affengesicht, zu wundern schien. »Haben Sie schon unser Frühstücksbüfett gesehen?« Er fragte es zwei Mal, dann gab er auf. »Hier gleich rechts die Straße runter, an der Ecke, da gibt es mehrere kleine Cafés, irgendeins wird schon geöffnet haben«, informierte er ihn. Es war Freitag, und auf der Straße herrschte reges Treiben: Passanten, Autos, Geschäfte, aus denen in voller Lautstärke Musik dröhnte. Die Texte der Songs handelten alle mehr oder weniger vom selben. Arsch, Süße, beweg dich, bist du so weit. Mitten auf dem Bürgersteig hielt ihn ein Junge an, um ihm eine Broschüre in die Hand zu drücken, die für ein neu errichtetes Apartmenthaus in einer Straße warb, deren Name Blanco völlig unbekannt war. Guadalajara, die hungrige Bakterie, wuchs von Minute zu Minute, und wenn man den Blick hob, sah man überall Baustellen, die die Sicht auf den Horizont verstellten. Rhythmisches Hämmern war zu hören. Eine Stadt der Baukräne. Auf einer menschenleeren Terrasse trank er Kaffee und aß süßes Brot dazu. Er fühlte sich so glücklich und zufrieden, dass er ein übertrieben hohes Trinkgeld gab. Die Kellnerin, ein junges Mädchen, glaubte wohl, der Gast wolle sie anmachen, denn sie bedankte sich nicht. Blanco entfernte sich leicht schwankend. Ohne zu überlegen, holte er sich Geld aus einem Automaten (»Möchtest du ein obdachloses Kind unterstützen?«), hielt ein Taxi an und ließ sich zur Kanzlei Piña & Partner fahren. Er gab den Code der Tiefgarage ein. Sein Wagen stand noch da. Der Schutzbezug lag unordentlich darüber, so wie ihn Blanco tags zuvor hinterlassen hatte. Ohne Eile stieg er ein. Er hatte jahrelang nicht mehr hinter einem Steuer gesessen, aber so etwas verlernt man nicht, heißt es. Der abgestandene Geruch im Innern des Wagens erinnerte ihn ans Gefängnis. Er kurbelte das Seitenfenster herunter, rief sich die Funktionen der Knöpfe und Hebel in Erinnerung. Man muss einfach nur probieren, sagte er sich, einfach nur machen. Autofahren ist so einfach, dass jeder Taxifahrer es beherrscht. Er startete den Motor, der problemlos ansprang, und nachdem er ihn zwei oder drei Mal abgewürgt hatte, wagte er sich auf die Straße. Seine Hände zitterten, aber er bekam sich unter Kontrolle. Kaum war er draußen, hielt er wieder an, um das Tor der Tiefgarage zu schließen. Er wollte nicht riskieren, dass in der Kanzlei eingebrochen wurde, weil er das Tor offen stehen gelassen hatte. Er steuerte die erstbeste Tankstelle an und verlangte eine Generalinspektion, eine Außenwäsche und eine Tankfüllung mit dem teuersten Benzin. Der Tankwart sah ihn unfreundlich an. Ihm waren Kunden lieber, die tankten und sofort wieder abhauten. Blanco vertrieb sich die Zeit, indem er einen weiteren Kaffee im Selfservice der Tankstelle trank und Zeitschriften durchblätterte, die voll waren von halb nackten Frauen, berühmten Stars und Sternchen, die er nicht kannte. Alle erschienen ihm attraktiv, doch er hasste sich für seine Geilheit und kaufte keine der Zeitschriften. Er lächelte das Mädchen an der Kasse an, es lächelte nicht zurück. Alle Frauen scheinen in mir den entlassenen Häftling zu erkennen, deshalb gefalle ich ihnen nicht, mutmaßte er. Langsam wie ein Anfänger, der er ja auch wieder war, fuhr er durch unbelebte Seitenstraßen, die großen Avenidas flößten ihm Angst ein. Um auf den Parkplatz eines Einkaufszentrums zu gelangen, musste er eine sechsspurige Straße überqueren, und er tat es so zögerlich, dass sein Manöver von einem Hupkonzert begleitet wurde. Seine Unsicherheit demütigte ihn. Er stellte den Wagen im Schatten eines Ficusbaums ab, und als er ausstieg, vergewisserte er sich drei Mal, dass er die Wagentür abgeschlossen hatte. Es war ihm nicht klar, dass niemand eine so alte Karre wie die seine klauen würde.

Im größten Kaufhaus am Platz brodelte es vor Aktivität, und die stimulierende Musik aus den Lautsprechern trieb die Kunden zur Eile an. Wie aufgescheuchte Hühner flatterten sie von den Kleiderständern zu den Kassen. Man musste aufpassen, dass man sich nicht gegenseitig auf die Füße trat. Geleitet von Werbeplakaten, von denen ihn sehr gepflegte Männer anlächelten, die Hände auf den Hüften, gelangte Blanco in die Herrenabteilung. Trotz der vielen Kunden nahm er sich die Zeit, zwischen den Verkäufern auszuwählen. Einer schien ihm besonders versiert, doch seine Stimme war ihm zu schrill und zu übertrieben freundlich, und so entschied Blanco mit schlechtem Gewissen, dass er ihn unsympathisch fand und nicht von ihm bedient werden wollte. Er wartete, bis eine Kollegin, eine schlanke, ernste junge Frau, frei war. Währenddessen sah er sich die reduzierten Unterhosen und Strümpfe an, die auf einem seitlichen Verkaufstisch angeboten wurden. Als die Verkäuferin endlich frei war, zögerte sie ein paar Sekunden, bevor sie zu ihm kam, als müsste sie sich erst sammeln. Dann hieß sie ihn im Namen des Kaufhauses willkommen und zeigte ihm mit geschäftig eng geschnittene Hemden und Hosen in grellen Farben, die Blanco nicht gefielen. Und schmale, spitze Schuhe, die ihn an die erinnerten, die eine Professorin seiner ehemaligen Fakultät, genannt »die Nonne«, getragen hatte. Und auch Pullover in Farben, die ihn an das Sortiment von Fruchtsäften am Frühstücksbüfett des Hotels denken ließen. Die Verkäuferin schien sich über die skeptische Miene des Kunden zu ärgern (bestimmt kassierte sie eine Provision für jedes verkaufte Teil), doch schließlich begriff sie. »Sie tragen diese Art Kleidung nicht, Ihr Stil ist eher konventionell«, stellte sie beinahe vorwurfsvoll fest. Am Ende verkaufte sie ihm Unterhosen und Strümpfe (eine Scheißprovision, ehrlich gesagt) und schickte ihn in ein anderes Kaufhaus auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Dort werde er die Kleidung finden, die seinem antiquierten Geschmack entspräche. Ganz so drückte sie es nicht aus, doch ihre Meinung kam deutlich zum Ausdruck. Er war zweifelsohne alt geworden.

Er fing an, sich die Leute in seiner Umgebung genauer anzusehen. Die Männer, die ihm entgegenkamen, trugen die gleiche enge Kleidung, die er soeben abgelehnt hatte, und die schmalen, spitzen Schuhe und die Pullover, die einem Papagei gut gestanden hätten. Und sie starrten wie blöd auf das Display ihrer Handys. Einige, die Jüngsten, hatten riesige flache Schirmkappen auf dem Kopf, die in nichts der Vorstellung entsprachen, die Blanco von einer Kopfbedeckung hatte, nämlich der einer runden Kappe von normaler Größe. Der Laden für ältere Herrschaften würde ihn gut bedienen, beruhigte er sich. Und so war es auch. Er fand die stumpfen Schnürschuhe, die braven Hosen und die schlichten Pullover mit rundem Halsausschnitt, die er suchte, und kaufte eine Sportjacke und einen Mantel aus grobem Wollstoff. Auf dem Weg hinaus kam er an einem Verkaufstisch mit Sportbekleidung vorbei. Seit Jahren hatte er kein Fußball mehr gespielt, obwohl es in seiner Jugend eine seiner Leidenschaften gewesen war. Er kaufte gleich ein paar Trikots und Hosen, die am wenigsten bunten, die er fand. Die Sneakers, die angeboten wurden, fand er alle abscheulich. Mit ihren Verzierungen sahen sie aus wie von Außerirdischen. Also entschied er sich für schwarze Ledersneakers, ohne weiteren Schmuck als den Markennamen des Herstellers (zu auffallend für seinen Geschmack, aber gewisse Zugeständnisse musste man machen). Nie zuvor hatte er so bewusst Kleidung gekauft. Als er klein war, hatte er das getragen, was seine Mutter sich leisten konnte und das so gewöhnlich und schäbig gewesen war, dass er immer ausgesehen hatte, als hätte er es von seinem (nicht vorhandenen) älteren Bruder geerbt. Als Erwachsener, an der Universität, hatte er unauffällige, strapazierfähige Kleidung bevorzugt. Und als er verheiratet war, hatte Alicia für ihn die Kleidung ausgesucht, obwohl Blanco mit ihrer Wahl nicht immer einverstanden gewesen war und er die Sachen nicht getragen hatte: ein senffarbener Pullover, zum Beispiel, oder ein kurzärmeliges Hemd in Cocktailfarben. Als Blanco schließlich das Kaufhaus verließ, fühlte er sich müde, durstig, erschöpft vom Übermaß an Freiheit. Die Gesichter von Tausenden von Kaufwilligen kämpften darum, sich einen Weg über seine Netzhaut in sein Hirn zu bahnen. Er setzte sich auf eine Holzbank, umgeben von Einkaufstüten. Das Plätschern eines nahen Brunnens schläferte ihn ein, statt ihn zu beleben. Langsam kam er wieder zu Atem. Er musste lächeln angesichts der Tatsache, dass er möglicherweise ein zum Tode Verurteilter war – falls die Flores denn tatsächlich beschlossen hatten, ihn zu beseitigen, wie Piña, Estrella und der verdammte Comandante vermuteten – und er seinen ersten freien Vormittag, der vielleicht einer seiner letzten war, damit vergeudet hatte, sich neu einzukleiden.

Bevor er zurück ins Hotel fuhr, beschloss er, sich eines dieser neuen Handys zu besorgen, eines, wie es auch seine Anwältin besaß. In einer weniger belebten Gasse stieß er auf einen kleinen Laden und betrat ihn. Die Verkäuferin kam ihm wunderschön vor: dunkel glänzende Haut, lange schwarze Haare. Nicht vergleichbar mit den überdünnen Frauen mit ihren operierten Nasen, die wie Kolibrischnäbel aussahen, all diese Frauen, die mit ihren Taschen und Buggys und ihrer Arroganz das Straßenbild bestimmten. So hübsch fand er das Mädchen, dass er den Blick senken musste, während es ihm die Funktionsweise des Telefons erklärte. Aber auch dieses Mädchen schien kein Interesse an ihm zu haben. Wie hätte er ihr es auch verdenken können. Blanco war vielleicht als junger Mann hübsch gewesen, jetzt aber hatte er graue Haare, war schlecht gekleidet und sein Haarschnitt sah so billig aus, dass es schwerfiel, den Preis zu schätzen. Tatsächlich hatte der Friseur des städtischen Gefängnisses ihm die Haare aus Gefälligkeit gratis geschnitten. Da Blanco keine Ausweispapiere besaß, musste er ein Handy mit Prepaidkarte kaufen, die er immer wieder würde aufladen müssen. Er fand das nicht so schlimm. Wahrscheinlich hält mein Interesse sowieso nicht lange an, sagte er sich. Ihm war klar, dass er wohl langsam mal damit beginnen musste, sich ernsthaft Sorgen darüber zu machen, dass er mit dem Tod bedroht wurde. Doch im Moment schien es absurd, seine Umgebung nach verdächtigen Gesichtern und Bewegungen absuchen zu wollen: Es waren zu viele Menschen unterwegs.

Er fuhr ins Hotel zurück und rief, nachdem er ein zweites Mal geduscht hatte, Estrella an, wobei er wie ein Rockstar auf dem Bett lag. Sie war sehr beschäftigt und hörte ihm kaum zu, als er ihr von seinen Einkäufen erzählte. »Die Kinder sind zu Hause, gleich gehen wir Geschenke kaufen. Mein Mann bringt unsere Neffen heim, sie haben bei uns übernachtet. Bis drei oder vier Uhr morgens hatten wir hier nichts als Maschinengewehrgeknatter und Schreie verbrannter Zombies. Videospiele, ja. Der reine Horror.« Es war klar, dass sie sich erst nach den Feiertagen treffen konnten, wie sie ihm schon am Abend zuvor gesagt hatte. Vielleicht in der nächsten Woche. »Ich hab den Wagen abgeholt, sag dem Jungen Bescheid, der eure Autos wäscht«, bat Blanco schließlich. »Keine Sorge, er hat Urlaub«, antwortete die Anwältin. »Ist das deine Telefonnummer? Ich speichere sie ab. Gleich schicke ich dir eine SMS. Ich muss jetzt los.« Nachdem er eine Weile herumgelungert hatte, beschloss er, sich wieder auf die Straße zu wagen. Was, zum Teufel, würde es bringen, sich im Hotelzimmer einzuschließen, so als säße er noch immer in seiner Zelle? Er zog sich die neuen Klamotten an, die zwar nicht besonders teuer waren, sich aber auf seiner Haut gut anfühlten, und schlüpfte in die schwarzen Sneakers, die bequemsten Schuhe seiner kleinen Sammlung. Als er aus dem Fahrstuhl trat, vibrierte sein neues Handy in der Hosentasche. Eine SMS von Estrella. Er brauchte ein paar Minuten, bis er begriff, wo er das Display berühren musste, um sie zu lesen. Die Anwältin schickte ihm das Lächeln einer Comicfigur und ein dunkles, verschwommenes Foto von etwas, das Blanco nach eingehender Betrachtung schließlich als ihre Brüste identifizierte. Der ehemalige Häftling blieb eine Zeit lang vor der Fahrstuhltür stehen, um sie sich anzusehen. Die Welt hatte sich ohne jeden Zweifel verändert.

Er parkte den Wagen an einer Straßenecke unter einem Baum. Die Straße, in der seine Schwester wohnte, war dank der sie umgebenden Parks vom Lärm der Avenidas abgeschirmt. Das Viertel hatte den hochherrschaftlichen Namen »Regency Park«. Es war wohlhabend und ruhig: ein elegantes Viertel. Natürlich würde Blanco nicht willkommen sein, aber er hielt es für nötig, sich darüber hinwegzusetzen, jetzt, da er in Freiheit war. Der Rücken tat ihm so weh, als hätte er sich gerade erst von der verfluchten Pritsche im Gefängnis erhoben. Er war nervös und brauchte eine Weile – die Zeit für zwei Zigaretten –, um Mut zu fassen und aus dem Auto auszusteigen. Die lange verdrängten Erinnerungen kamen an die Oberfläche wie Eidechsen, die sich nach der Sonne sehnen. Sein Verhältnis zur Familie war seit seiner Kindheit gestört. Seine Mutter hatte eine ältere Tochter, Anita, aus erster Ehe, die gescheitert war. Die beiden Frauen waren Blancos irdische Autoritäten gewesen, exakt bis zu dem Tag, an dem er Carlos Flores kennengelernt hatte, der zuerst sein Nachbar gewesen war, dann sein Chef und schließlich sein Schwiegervater wurde. Vom Tag der symbolischen Adoption an verloren die Frauen ihre Macht über ihn. Und sie wussten es und reagierten so böse darauf, dass sie, als Blanco die Beziehung mit Alicia einging, der gesamten Familie Flores mit kühlem, entschiedenem Hass begegneten. Seine Mutter war während Blancos erstem Jahr im Gefängnis gestorben. Wie viele andere Frauen, die auf sich selbst gestellt sind, hatte sie ihr Leben der Erziehung ihrer Kinder geopfert und war keine neue Bindung eingegangen, nachdem sie ihren zweiten Mann durch einen Autounfall verloren hatte, als Blanco vier Jahre alt gewesen war. Sie war eine wenig liebevolle Mutter, und das wurde mit den Jahren nicht besser. Doch war schon Blancos Verhältnis zu ihr nicht glücklich gewesen, so war das zu Anita, seiner Stiefschwester, noch sehr viel schlechter. Er brauchte lange, um die Entfernung vom Auto zu ihrem Haus zurückzu legen, so unentschlossen war er. Zu dieser späten Stunde waren hier nur zwei Hausangestellte unterwegs, die es sehr eilig hatten, sowie ein Nachbar, der seine langhaarigen Hunde spazieren führte. Obwohl er aus Angst, abgewiesen zu werden, seinen Besuch nicht angekündigt hatte, war er sich sicher, dass seine Schwester zu Hause war. Erstens, weil der riesige weiße Van in der Garage ganz nach ihr aussah. Zweitens, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass Anita am Tag vor Weihnachten allein in einem Büro saß, denn sie hielt sich für zu wichtig, als dass sie sich dazu hergeben würde, an einem freien Tag die Stellung zu halten. Seine Mutter hatte ihm keine Szene gemacht, als er eines Abends bei ihr erschien, um ihr mitzuteilen, dass er ins Gefängnis gehen werde und man nichts daran ändern könne: Die Situation erfordere es, dass ein Mitglied des Flores-Clans in den Knast gehe, und ihn habe man dazu ausersehen. Sie zeigte auch dann keinerlei Reaktion, als Blanco ihr versicherte, dass er unschuldig sei, dass er nichts mit Kriminellen zu tun habe, wie der Bericht der Gringos behaupte, auch nicht mit dem Verschwinden von Personen, mit dem die Presse ihn fertigmache, und der Steuerhinterziehung, derer man ihn beschuldige. Das alles sei die Schuld von Carlos Flores. Wir glaubten, die Bilanzen wären sauber, aber das war nicht der Fall, sagte er zu ihr. Seine Mutter sah ihn voller Verachtung an, so als hätte sich eine Prophezeiung erfüllt. Es hatte den Anschein, als würde die Nachricht, dass ihr Sohn ins Gefängnis gehen werde, sie nicht umbringen. Doch genau das passierte. Blanco zündete sich die dritte Zigarette an, ohne sich entschließen zu können, das Gittertor des Anwesens zu durchschreiten. Anita war eines Abends zum ersten und letzten Mal im Gefängnis erschienen, um ihm mitzuteilen, dass seine Mutter gestorben war. Sie sei nicht ans Telefon gegangen, und man habe das Schloss der Wohnungstür aufbrechen müssen, weil sie auch nicht auf das Klingeln reagiert habe. »Ich musste dir ja Bescheid geben«, fügte sie hinzu, hinterhältig wie ein Aasgeier, »und ich möchte dir sagen, dass du die Ursache für ihren Tod bist.« Anita hatte sie in der Küche gefunden, auf dem Rücken liegend, mit weit aufgerissenen Augen und schmerzverzerrtem Gesicht. Das Herz, hatte der Arzt gesagt. Blanco saß wie vom Donner gerührt an dem Aluminiumtisch, schloss die Augen und ballte die Fäuste. Dann stand er auf und ging hinaus. Seine Schwester war ihm immer ein Rätsel gewesen. Sie waren nicht zusammen aufgewachsen, Anita war die Tochter eines anderen Mannes und viel älter. Und als ihre Mutter wieder geheiratet hatte, hatte sie sie zu Verwandten in die Hauptstadt gegeben, denn das Mädchen hatte einen schwierigen Charakter und lehnte es ab, mit einem anderen Mann zusammenzuwohnen. Die Verwandten kümmerten sich um sie, bis sie ihr Examen in Handelsrecht ablegte. Am Institut lernte sie Piña kennen, doch welcher Art ihre Beziehung auch gewesen sein mochte, am Ende heiratete sie einen gewissen Moncada, den man ihr auf einer Party vorgestellt hatte. Blanco drückte die Zigarette aus. Wie ein Feigling war er einmal um den Block gegangen und näherte sich nun zögernd seinem Ziel. Er ließ seine Finger an den Gitterzäunen der Häuser entlanggleiten, wie es Kinder tun. In der Hauptstadt war es Anita und ihrem Mann finanziell schlecht gegangen, und nach ein paar Jahren waren sie nach Guadalajara gezogen, weil man ihr eine Arbeit in der Rechtsabteilung einer Abfüllfabrik angeboten hatte. Moncada gab Fortbildungskurse, die weder häufig stattfanden noch gut bezahlt waren, ihn jedoch weniger spüren ließen, dass es seine Frau war, die das Geld nach Hause brachte. Blanco öffnete das Gittertor und stand vor der geschmackvollen Fassade des Hauses. Jeder Ziegelstein von Schmutz befreit, die Betonflächen cremefarben angestrichen. Anita hatte ihn nie als ihren Bruder betrachtet. Die Abneigung, die manche älteren Geschwister für die jüngeren hegen, wurde noch durch die Tatsache verstärkt, dass sie verschiedene Väter hatten. Darüber hinaus glaubte Anita, dass Yeyo eine Last für die Mutter gewesen war. Sie hasste ihn. Sie kam nicht mal zu seiner Hochzeit mit Alicia, die sie mit Verachtung strafte, obwohl sie allem Anschein nach eine hervorragende Partie war … Wie jemand, der ins kalte Wasser springt, drückte Blanco auf die Klingel. »Ich wusste, dass sie dich bescheißen würden, diese Leute haben dich immer von oben herab behandelt, wie einen Angestellten.« Das hatte Anita zu ihm gesagt, als er sie eines Abends angerufen hatte, um sie zu bitten, ihm einen Kollegen zu empfehlen, der auf Strafrecht spezialisiert war. Carlos Flores hatte ihm noch immer niemanden besorgt, der ihn vor Gericht vertreten würde. »Es ist nicht einfach, jemanden zu finden, der einen verlorenen Fall übernimmt«, hatte er gesagt. »Wir haben mit den besten Anwälten der Stadt gesprochen, aber niemand hat sich bereit erklärt.« Blanco war verzweifelt. Und Anita, vielleicht gnädig gestimmt, schickte ihn zu ihrem Freund Piña, in der Hoffnung, dass der ihn irgendwie vor dem Gefängnis würde bewahren können. Piña tat, was er konnte, aber er schaffte es nicht. Gegen die Abmachung mit Carlos Flores kamen sie beide nicht an.

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02 октября 2024
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291 стр. 2 иллюстрации
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9783956143038
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