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Anny von Panhuys

Teure Heimat sei gegrüßt

Roman

Saga

Teure Heimat sei gegrüsst

© 1955 Anny von Panhuys

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592373

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Vor einem der niedrigen sauberen Häuser der Hauptgeschäftsstrasse von Weltevreden, dem Europäerviertel Batavias, hielt eine der hier gebräuchlichen zweiräderigen Droschken. Ein schlanker blonder Herr in weissem Anzug und grossem Panamahut verliess das Gefährt und lohnte den eingeborenen Kutscher ab. Er blieb einen Augenblick vor dem Hause stehen und las die Firma: Kaspar Hohenleit, dann stieg er die wenigen Stufen zum Eingang hinauf, die von zwei Säulen flanliert wurden. Ein schmaler hoher Raum tat sich vor ihm auf, in dem sich ausser einem breiten, ziemlich umfangreichen Glasschrank nur ein Tisch und mehrere bequeme Korbstühle befanden. Hinter den Scheiben des Schrankes hingen Geigen, dunkle und solche von goldbraunem Holz, und auf dem Tisch standen zwei Zithern.

Aus einem durch eins Schiebetür abgeteilten Nebenraum huschte, den landesüblichen Sarong um das kinderschmale Körperchen gewunden, eine zierliche Javanin herein. Sie hatte wundervolle Augen und ein feines Gesicht, in dem ein üppiger roter Mund wie eine sündrote Blume stand. Mit kätzchenhafter Geschmeidigkeit glitt die Javanin bis vor den Fremden hin und fragte in gutem Holländisch, was dem Herrn zu Diensten stünde.

Dieser lächelte und tat in schlechtestem Holländisch die Gegenfrage, ob niemand im Geschäft deutsch spreche.

Die süsse Zierlichkeit strahlte.

„O gewiss, mein Herr, die ganze Familie Hohenleit spricht Deutsch ebenso geläufig wie Holländisch, und wir sind ja alle glücklich, wenn uns ein Landsmann die Ehre gibt. Sie müssen wissen, mein Herr, wir stammen aus Oberbayern.“

Der Fremde starrte auf das fremdartige kleine Menschenkind, das, wenn auch in schönster Ausgabe, so doch den ausgeprägtesten Typus javanischer Rasse trug und ihn schlankweg „Landsmann“ nannte und noch dazu behauptete, aus Oberbayern zu stammen.

Sie schien seine Gedanken zu erraten. Mit einem kleinen Seufzer sagte sie:

„Ich bin allerdings in Indien geboren, aber Grossvater —“ sie brach ab, „ich kann Ihnen das nicht so eins, zwei, drei erzählen, aber wenn ich auch äusserlich eine Javanin bin, innerlich gehöre ich nach Deutschland, und Bayern ist mein Vaterland.“

Sie hatte das ganz eifrig vorgebracht, nun aber sprach sie ruhiger: „Darf ich mich jetzt also in deutscher Sprache erkundigen, was dem Herrn zu Diensten steht?“

Herbert von Dornberg liess sich in einem der Korbstühle nieder.

„Ich hörte einmal zufällig irgendwo auf der Reise, man könne bei Kaspar Hohenleit in Weltevreden zuweilen ganz ausgezeichnete Instrumente kaufen, und da benütze ich die Gelegenheit, nachzufragen. Ich spiele Violine und bin zugleich Sammler. Beides zu meinem Vergnügen,“ fügte er hinzu.

Die Zierlichkeit nickte.

„Möglich, mein Herr, dass sich etwas für Sie unter unserem Vorrat findet. Aber ich will meine Schwester rufen, von den Geigen versteht sie mehr als ich, ich verstehe dafür mehr von den Zithern, Gitarreu und dem Gamelang.“

Sie huschte mit den kleinen blossen Füssen an die Schiebetür und rief: „Christina!“

Herbert von Dornberg drehte sich nicht um und dachte belustigt, nun wird gleich ein zweites kleines Javamädel vor mir stehen. Drollig, solche quecksilberne asiatische Dingelchen mit so feierlich klingenden deutschen Namen rufen zu hören.

„Christina, der Herr wünscht Geigen anzusehen,“ hörte er hinter sich das Zirpstimmchen sagen. Nun wandte er den Kopf doch ein wenig.

Und dann erhob er sich und schlug ganz förmlich und achtungsvoll die Hacken zusammen, indem er sich verbeugte, während seine Augen verwundert auf das schöne schlanke Mädchen starrten, das eben eintrat, und dessen Haar so lichtblond war wie helles Gold.

„Guten Tag, mein Herr,“ Christina Hohenleit ging an den Glasschrank, und während sie schritt, musste der Mann an die jungen blonden Königinnen nordischer Sagen denken. Wie anmutig fiel das weisse lose Gewand an dem klassisch geformten Körper nieder, und welche Hoheit lag auf der schmalen glatten Stirn, die das Haar breitwellig umrahmte.

„Mache den Tisch frei, Vroni,“ gebot sie.

Die Zierlichkeit im bunten Sarong räumte die Zithern fort und nahm dem grossen blonden Mädchen eine hingehaltene Geige ab.

Herbert von Dornberg lächelte. „Vroni?“

Also Veronika hiess die Javanin. Eigen war das.

Er nahm die Geige zur Hand und drehte sie langsam nach allen Seiten.

„Gute, saubere Arbeit,“ lobte er, „Klotzsche Schule, wie es scheint.“

Christina sah zu ihm herüber.

„Jawohl, Klotzsche Schule, eine alte Meistergeige, die ich im vorigen Jahr zufällig unten im schmutzigsten Geschäftsviertel Batavias entdeckte bei einem chinesischen Trödler. Gott mag wissen, wie das Instrument dahin verschlagen wurde.“

Herbert Dornbergs blaue Augen blickten sie versonnen an.

„Der Schicksalswind weht Menschen und Dinge oft weit fort, wie käme sonst der Name einer alten ruhmvollen Mittenwalder Geigenmacherfamilie auf ein Firmenschild Batavias.“

Das blonde Mädchen hatte plötzlich einen bitteren Zug um den Mund.

„Sie haben recht, und ich bin dem Schicksalswind nicht dankbar.“ Sie bog den schmalen Kopf lauschend vor, als könne sie nicht schnell genug die Antwort hören auf die Frage, die sie nun tat: „Hat der Name Hohenleit drüben in Deutschland noch etwas Klang?“

Herbert von Dornberg bejahte lebhaft.

„Sehr, sehr guten Klang. Ein Instrument von Jakob Hohenleit, der vor über hundert Jahren als Geigenmacher einer der ersten war, dessen Violinen oft von Kennern der besten Amati und Stradivari vorgezogen werden, ist immer noch sehr gesucht. Künstler und Kenner geben ein Vermögen, um solchen Schatz zu bekommen. Aber wo erhält man jetzt noch eine Jakob Hohenleit? Wer eine besitzt, hütet sie gut, gönnt sie keinem anderen.“

Über dem Antlitz der schlanken Blonden lag ein heller stolzer Freudenschein, und die dunkle Zierlichkeit im bunten Sarong rief:

„Grossvater ist der Sohn des berühmten Jakob Hohenleit aus Mittenwald, und er besitzt sogar noch zwei Geigen von ihm.“

„Ist das wirklich wahr?“ fragte Herbert Dornberg hastig. Sein Sammlerherz war plötzlich erregt.

Die tiefbraunen Augen blitzten den Frager zornig an.

„Vroni Hohenleit lügt nie!“

Er machte eine begütigende Bewegung.

„So meinte ich es ja nicht, ich konnte nur nicht gleich an das Glück glauben, hier auf fremder Erde solche Schätze zu finden. Eine Hohenleitgeige fehlt mir in meiner Sammlung.“

Christina schüttelte langsam den Kopf.

„Grossvater gibt diese Geigen nicht her.“

Und die Zierlichkeit erweiterte den Satz noch:

„Grossvater gibt diese Geigen um keinen Preis her, und nach seinem Tode erben wir sie, wir seine Enkeltöchter, die eine Christina, und die andere ich, das sagt er oftmals.“

Herbert empfand ein Gefühl von Enttäuschung, und ein bisschen brüsk erwiderte er: „Ich bin reich!“

Um den Mund der blonden Christina ging ein kaum sichtbares Spottlächeln, Vroni aber warf das feine Köpfchen hochmütig zurück.

„Es gibt ein Wort, das heisst ‚Pietät‘, mein Herr, und dies Wort halten die Hohenleits auch dem grössten Geldbeutel gegenüber in Ehren.“

„So, da habe ich meine Moralpredigt weg,“ lachte der Mann, und dann wandte er sich überaus höflich an die Blondine.

„Vielleicht dürfte ich die genannten Geigen wenigstens einmal betrachten.“

Christina überlegte. „Oh ja, ich glaube, Grossvater wird es gestatten.“

Sie winkte Vroni zu. „Geh und frage ihn.“

Das zierliche Geschöpfchen huschte davon und Herbert Dornberg sagte:

„Wie seltsam es anmutet, in diesem kleinen javanischen Mädchen Ihre Schwester zu sehen.“

Christina machte sich am Schrank zu schaffen.

„Meine und meines um drei Jahre jüngeren Bruders früh verstorbene Mutter war eine Deutsche, Vaters zweite Frau aber eine Eingeborene, sie war Vronis Mutter.“ Sie lächelte. „Vroni ist sehr stolz auf ihre deutsche Abstammung. Vater und Vaters zweite Frau sind auch schon lange tot,“ schloss sie. —

Eben wurde die Tür im Nebenraum wieder zurückgeschoben und im Rahmen derselben stand ein altes Männchen in der Tracht der Mittenwalder Geigenmacher: Kurzen Tuchkniehosen, grünem Schurz und grüner Schlegelkappe.

Er sagte laut, aber ein bisschen zitterig: „Grüss Gott!“ und sah den Herrn im weissen Anzug prüfend an.

„Sie möchten die Hohenleitsgeigen anschaun, Herr —?“ Er stockte fragend.

Herbert von Dornberg nannte seinen Namen und fuhr fort:

„Ich bin ein leidenschaftlicher Sammler wertvoller Geigen, Herr Hohenleit, in meinem Besitz ist manch gediegenes Stück.“

Der alte Mann hatte auffallend tief liegende Augen von ganz scharfblauer Farbe, sie standen jung in dem verwelkten Runzelgesicht.

Kaspar Hohenleit rückte an seiner grünen Kappe.

„Da will ich in Gotts Namen meine Geigen sehen lassen. Geh, Vroni, hole sie.“

Herbert Dornberg dankte, und während das braune Mädelchen eilfertig fortschlüpfte, erzählte er dem alten Manne von seinen Instrumenten.

„Hören Sie, Herr Hohenleit, das Prachtstück meiner Sammlung ist eins schlanke hellbraune Geige aus der Werkstatt Nicolo Amatis, der einmal der erste Geigenmacher der Welt gewesen, sie hat einen wundervoll leichtgeformten Kopf, und ihre G-Saite klingt tief und voll wie satter Celloton. Dann besitze ich Geigen von Amatis Schülern, Antonio Stradivari und Pietro Andrea Guarneri, dazu von Jakob Stainer und Ihrem grossen Mittenwalder Meister Klotz, ausserdem von Georg Tiefenbrunner, München, von Kiendl, Wien, die ja beide auch Mittenwald Heimat nennen.“

Der alte Mann lächelte, eigentlich verschoben sich nur seine schmalen Lippen ein wenig.

„Sie nennen Namen, die vollwertig sind, Herr von Dornberg.“

Vroni kam, sie trug rechts und links je einen Geigenkasten, und dann öffnete sie den einen und zog unter blauer Seidendecke ein schmales Instrument hervor, dessen Holz eine prachtvolle Maserung zeigte. Wie tiefdunkler Bernstein deckte der Lack den schmalen Musikkörper.

Herbert Dornberg betrachtete entzückt das Instrument, wie Zärtlichkeit lag es dabei in seinen Augen, sprach es dabei aus seiner Stimme.

„Darf ich ein paar Bogenstriche darauf tun?“

Der alte Mann verzog wieder den schmallippigen Mund zu der Andeutung eines Lächelns.

„Spielen Sie nur,“ erlaubte er, und Herbert Dornberg setzte die Geige ans Kinn und stimmte die Saiten. Weich und voll wie gedämpfter Orgelton brach ein Akkord aus der Brust des kleinen Instruments, dann ein rascher Lauf, der in ein kurzes weiches Lied überging, das fremd und schwer aufstieg. Unter den innigen getragenen Klängen wurde das Altmännergesicht Kaspar Hohenleits versonnen und wie von Sonntagsruhe, die im tiefsten Herzen ihren Sitz hat, überleuchtet. Sein Faltenantlitz sah aus wie das Antlitz eines jener alten, auf Kirchenfenster gemalten Heiligen, wenn milde Morgensonne ihre Strahlen darauf niedersendet. Christinas schlanke Blondheit stand verträumt, als lausche sie einem Märchen, nach dessen Erfüllung sie sich sehnte Tag und Nacht, und der kleinen Vroni rannen grosse Tropfen unter den langen Wimpern hervor und glitten langsam über die vollen weichen Wangen.

Herbert Dornberg sah ein wenig verblüfft aus über den Erfolg seines Spiels. Wohl war er ein ganz guter Musiker, aber auf Künstlerschaft besass und machte er keinen Anspruch.

„Das war ein Lied von drüben,“ sagte der Alte, „ein Lied von Deutschland.“

Christinas Augen waren sehnsuchtsdunkel und Vroni zirpte:

„Ich möchte nach Deutschland reisen, es muss herrlich dort sein.“

Der Alte rieb die Hände wie im Frost aneinander, und über dem kleinen Hause brannte Indiens Sonne doch voll wollüstiger Glut.

„Was war es, Herr, das Sie spielten? Ich kannte das Lied vielleicht auch einmal vor langen Jahren und habe es nun vergessen.“

Herbert Dornberg nahm die Geige unter den Arm, griff ein paar harfenähnliche Akkorde und sprach dazu langsam und stark betont:

„Sei gegrüsst in weiter Ferne,

Teure Heimat, sei gegrüsst!“

Ein langes Schweigen folgte, und Dornberg meinte lächelnd:

„Wenn Sie alle Heimweh verspüren, so fahren Sie doch los, es gibt Schiffe genug, und Platz ist für Sie auch genügend drüben auf deutschem Boden.“

Er hatte es scherzend gesagt und beobachtete nun verwundert die Wirkung seines harmlosen Rates. Der alte Mann zitterte plötzlich, und sein Atem ging schwer, während sich seine Lippen bewegten, ohne jedoch einen einzigen Laut hervorzubringen. Christina eilte auf ihn zu, von der anderen Seite die kleine Vroni.

Sanft drückten die beiden, äusserlich einander so unähnlichen Schwestern den alten Mann in einen der Korbsessel und Christina sagte erklärend:

„Zuweilen kann es der Grossvater gar nicht vertragen, von Deutschland zu hören.“

Der alte Mann fuhr sich mit dem Taschentuch über die Stirn.

„Unsinn, Kinder, Unsinn, die Hitze setzt mir zu.“ Er sah zu dem jungen Mann empor. „Ich bin ein alter Mann, Herr, da ist man nicht mehr so widerstandsfähig. Aber lassen Sie sich durch mich nicht stören, proben Sie auch die zweite Geige, trotzdem mache ich Sie vorher aufmerksam, sie gleicht der anderen wie ein Zwilling, und der Ton ist genau der gleiche.“

Herbert Dornberg legte das gespielte Instrument in den Kasten zurück.

„Verkaufen Sie mir die eine der Geigen,“ bat er.

Wozu brauchte der alte Mann die zwei völlig gleichen Instrumente, das eine konnte er ihm überlassen, er hätte kein Sammler sein müssen, um jetzt nicht ein förmliches Fieber nach dem Besitz der langgesuchten Hohenleitgeige zu empfinden.

Der Alte erwiderte fast schroff:

„Nein, die Geigen gehören meinen Enkelkindern, es ist das Beste und Wertvollste, was ich ihnen hinterlassen kann.“

Nun bat der andere nicht mehr. Nach einem Weilchen wandte er sich an Christina:

„Sie wollten mir noch Instrumente vorlegen, Fräulein, darf ich jetzt darum bitten.“

Da stand der Alte auf, schob seinen Stuhl beiseite und verliess mit einem abwesenden „Behüt Gott“ den Geschäftsraum.

Christina sagte in müdem Ton:

„Wir haben im Augenblick nichts besonders Gutes unter unseren Geigen.“

Vroni schlüpfte zum Schrank und schob Herbert Dornberg eine Violine zu.

„Proben Sie diese, vielleicht gefällt sie Ihnen, sie ist kein Gelegenheitskauf, kein Name eines berühmten Geigenmachers klebt in ihrem Boden, sie ist nur in unserer Werkstatt gebaut, aber Grossvater lobt, sie habe beinahe den Ton, der die Jakob Hohenleits Geigen auszeichnet.“

Mit leichtem Misstrauen griff Herbert Dornberg, trotzdem ihm die Form gefiel, nach der Geige, und der Bogen zog über die Saitenwege und spann ein klingendes Netz von Tönen zusammen. Sacht liess er dann den Bogen sinken, Röte der Erregung lag über seinen Zügen.

„Die Geige hat wirklich fast alle Vorzüge des vorhin geprobten Instruments, wenn sie erst mal tüchtig gespielt worden ist, steht sie ihm kaum nach.“

Das dunkelhäutige Mädchen stiess einen kleinen Freudenschrei aus.

„Siehst du, Christina, nun hörst du es aus völlig unparteiischem Mund, was dir Grossvater und ich schon gesagt haben und du uns nicht glauben wolltest, du hast ein Meisterwerk geschaffen.“

Der Mann hielt die Geige mit beiden Händen und sah darauf nieder, dann suchten seine Augen die blonde Schlankheit, die in ihrem leichten wallenden Gewand so hoch und vornehm in dem kahlen Raume stand.

„Ich verstehe nicht, Fräulein Hohenleit, —“ er blickte nun fragend auf die kleine Vroni.

Ein Lächeln hob deren üppig rote Lippen, schneeig blinkten die Zähne.

„Christina hat die Geige gebaut, und Grossvater behauptet, sie habe die Künstlerhände vom berühmten Jakob Hohenleit geerbt.“

Christina zuckte die Schultern, strich über den leuchtenden Wellenscheitel.

„Ach, wenn ich Urgrossvater Jakobs Künstlerhände hätte! Aber solch ein glückseliges Wunder hat Gott nicht an mir getan, solche Hände gibt es wohl nur einmal in einer Familie. Grossvater hat sie nicht geerbt und Vater besass sie auch nicht, wie sollte ich so bevorzugt sein.“

Über ihr klares Blondinengesicht zuckte es wie Fanatismus.

„Wenn ich Urgrossvaters gottgesegnete Hände hätte, dann bliebe ich nicht hier in diesem Lande, in dem ich trotz Geburt nicht Wurzel schlagen kann, dann zöge ich fort nach Deutschland, wo hoch und stolz die Berge des bayerischen Oberlandes ragen, wo ein kleiner Marktflecken unter den Schroffen des Karwendelgebirges liegt und ein altes Häuschen steht mit bunten Englein bemalt, von dem einst der Weltruhm Jakob Hohenleits ausgegangen ist. Den alten Ruhm, der beinahe verweht ist, wollte ich mit meinen Händen festigen, wenn, ja, eben wenn diese Hände gottgesegnet wären.“

Sie senkte den Kopf, und es schien ihr plötzlich peinlich zu sein, dass sie sich soweit hatte hinreissen lassen.

Herbert Dornberg fand, Christina Hohenleit war wunderschön, und er lächelte ihr zu:

„Dass eine Frau ein solches Instrument schaffen konnte, will mir kaum in den Sinn.“

Sie blickte ihn befangen an.

„Ich habe schon mehrere Geigen gebaut, schon als kleines Mädchen war ich glücklich, wenn ich in der Werkstatt helfen durfte.“

Herbert Dornberg sagte:

„Ich möchte die von Ihnen gefertigte Geige besitzen,“ und er dachte daran, wie gern er darauf spielen würde, wenn er erst wieder in der Heimat war. Dann stieg wohl als eine der eigenartigsten Erinnerungen seiner Indienreise die vornehme Schlankgestalt der Geigenmacherin von Batavia vor ihm auf.

Christina neigte leicht den Kopf.

„Ich freue mich, dass meine Geige nun nach Deutschland kommen wird.“

In seinen Augen war, von Christinas blonder Schönheit entzündet, jäh eine Flamme erwacht.

„Ein Weilchen bleibe ich noch hier, zu viel gibt es noch für mich hier zu sehen.“

Christina räumte die Geigen beiseite, dann sagte sie geschäftsmässig kühl:

„Der Preis für das Instrument, das Sie kaufen wollen, Herr von Dornberg, beträgt 300 Gulden.“

„Und ist gut das Doppelte wert, Fräulein Hohenleit, lassen Sie mich nur erst ein Jahr darauf gespielt haben, wie fein es sich dann entwickeln wird. Erstklassig, sage ich Ihnen, erstklassig.“

Sie lächelte, aber auf ihrer Stirn lag eine Falte.

„Die anderen Geigen, die ich gefertigt, wurden von Eingeborenen gekauft.“

„Wie schade,“ entfuhr es ihm.

Die kleine Vroni sprang auf ihn zu, ihr dunkles javanisches Gesichtchen zeigte lebhaftes Minenspiel.

„Nicht wahr, es ist wirklich schade, dass nun solch Halbblut auf den Geigen herumkratzt, die nicht zu schlecht wären für erste Künstler. Aber Christina ist sonderbar, wenn man ihr Können lobt, wird sie unfreundlich und still und glaubt einem nicht, und Grossvater lässt sie schliesslich tun, was sie mag, er ist in letzter Zeit soviel mit sich selbst beschäftigt, dass er darüber wenig acht auf andere gibt.“ Die kleine braune Hand, an der mehrere auffallend grosse Ringe blitzten, schob sich zutraulich auf den einen Ärmel von Herberts loser Jacke.

„Grossvater ist schon alt, und ich glaube, da lebt man mehr in der Vergangenheit als in der Gegenwart.“

Christina sagte tadelnd:

„Du darfst den Herrn nicht mit unseren Privatangelegenheiten langweilen, Vroni.“

„Aber er ist ja ein Landsmann von uns,“ widersprach die Kleine drollig, und Herbert dachte belustigt, sie ist doch ein süsses Geschöpf, dieses bildhübsche Javanenmädel mit dem deutsch sprechenden Mund und dem deutsch empfindenden Herzen. Er nahm die kleine Hand, die auf seinem Ärmel ruhte, und drückte sie leicht.

„Natürlich, einem Landsmann gegenüber dürfen Sie schon ein wenig offen sein.“ Eben ging die Schiebetür wieder auf, Kaspar Hohenleit trat ein.

„Wie gut, dass Sie noch hier sind, Herr von Dornberg, ich möchte Sie allerlei fragen. Vor allem, kennen Sie meine Heimat, kennen Sie Mittenwald?“

Herbert dachte verwundert, dass es den Alten vorhin angegriffen, von der Heimat zu sprechen, und dass er nun danach verlangte.

Er antwortete: „Ob ich Mittenwald kenne! Fünfmal schon habe ich einige Sommermonate dort verlebt und bin mit manchem Geigenmacher dort gut Freund geworden.“

„Wollen Sie mir davon erzählen?“ bat der alte Wann.

„Gern,“ nickte Herbert und sah auf seine. Uhr, „doch jetzt habe ich leider keine Zeit, aber wenn Sie gestatten, komme ich wieder.“ Sein Blick haftete, trotzdem die Frage an den alten Mann gerichtet war, auf Christina, als wünsche er die Antwort aus ihrem Munde.

„Es ist nicht gut für dich, Grossvater, es regt dich nur auf,“ sagte ihre klare Stimme mahnend.

Kaspar Hohenleits Runzelgesicht ward mumienhaft.

„Ach Kind, ich stehe bald an der Schwelle der Ewigkeit, einmal, ehe ich hinübergehe, möchte ich doch noch von der Heimat hören und von allem, was mich umgeben, als ich jung gewesen.“ Er flüsterte etwas vor sich hin, was niemand verstand.

Da sprachen die mattroten Lippen der schönen blonden Christina:

„Tun Sie Grossvater den Gefallen, Herr von Dornberg, und kommen Sie bald, ihm von Mittenwald zu erzählen.“

„Ja, kommen Sie,“ lächelte Vroni, und die dunklen Augen blitzten übermütig, „ich verspreche Ihnen dafür auch ganz was Besonderes.“

„Und was wäre das?“ fragte er, von ihrem Übermut angesteckt.

„Das verrate ich nicht,“ kicherte sie.

Er lachte. „Nun muss ich schon aus Neugier kommen.“

Christina fragte, wohin sie die gekaufte Geige senden dürfe, und er nannte das Hôtel des Indes, dann zahlte er und ging, von dem alten Mann bis zur Tür geleitet.

„Kommen Sie recht, recht bald, Herr von Dornberg,“ bat die brüchige Stimme, „wer weiss, wieviele Tage mir noch bleiben, und ich möchte so gern noch einmal von zu Hause hören, ehe ich mich im fremden Lande für immer zur Ruhe lege.“

„Wie sind Sie eigentlich nach Indien gekommen?“ fragte Herbert, als er dem Alten abschiednehmend die Rechte gab.

Da zuckte die Adernhand Kaspar Hohenleits zurück wie vor einer schmerzhaften Berührung.

„Ich war Kolonialsoldat,“ versetzte er kurz, aber gleich lächelte er fast demütig. „Kommen Sie recht bald, recht bald!“

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292,64 ₽
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80 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711592373
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Правообладатель:
Bookwire
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