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Anny von Panhuys
Ich konnte dich nie vergessen
Frauen-Roman
Saga
Ich konnte dich nie vergessenCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1951, 2020 Anny von Panhuys und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629507
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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1.
Der ungefähr drei Meter breite Weg hat eine Länge von einem Kilometer und teilte die Kleingärten am Rande der großen Stadt mitten durch. Diesseits lag die Landstraße, die nach einem Dorf führte, das die Frankfurter im Sommer als Ausflugsort sehr bevorzugten, jenseits zog sich eine breite Straße an einem alten Turm vorbei zum Friedhof. Und in den vielen kleinen Gärten, die zusammen von weitem zu einem einzigen großen Ganzen zusammenschmolzen, arbeiteten zu jeder Tageszeit, vom frühen Frühjahr bis zum Beginn des Winters, die fleißigen Hände vieler Menschen, deren höchstes Glück es war, ein Stück der heiligen Mutter Erde ihr Eigen zu nennen, um es zu bebauen.
Aus den verschiedensten Berufen und Ständen kamen sie in ihrer Freizeit hierher, um zu arbeiten und sich des Segens ihrer Arbeit zu freuen. Da gab es ältere pensionierte Beamte, die fast den ganzen Tag in ihrem Garten schafften, und dann in ihrer Laube ausruhten, da gab es junge Eheleute, deren Kinder schon gelernt hatten, die Erde umzugraben, ehe sie noch schulpflichtig waren, und da fanden sich die Männer nach Feierabend aus den Büros und den Fabriken ein, schon ungeduldig von ihren Frauen erwartet, um ihr Abendbrot mit der Familie in der selbstgezimmerten Laube zu essen, und danach noch ein Weilchen zünftig gärtnerisch zu arbeiten.
Das letzte Gartengrundstück auf der Seite, wo eine der letzten Straßen Frankfurts, in die dem Dorf entgegenstrebende Landstraße übergeht, gehörte dem Buchhalter Stefan Pilger. Er liebte sein Gärtchen ebenso wie es seine Schwester liebte, und beide verbrachten darin bei gutem, oft auch bei schlechtem Wetter, viele ihrer freien Stunden.
Es war ein sehr warmer Tag Ende des Monats Mai, und die Sonne stand in ihrem vollen Glanz, in ihren köstlichen, goldenen Krönungsmantel gehüllt, am blauen wolkenlos scheinenden Himmel. Fern am Horizont aber schwammen doch Wölkchen wie kleine Barken mit geblähten weißen Segeln, sie trieben langsam aufeinander zu, hier und dort hatten sich schon zwei vereint.
Stefan Pilger stand vor seiner Laube und blickte aufmerksam zum Himmel auf. Er sagte zu seiner Schwester, die einige Jahre älter als er war: „Ich fürchte, Julie, wir bekommen heute noch ein Wetter. Die paar Wölkchen allein bringen mich nicht darauf, ich spüre es eigentlich mehr körperlich. Weißt du, Julie, es ist so ein Ahnungsgefühl. Überhaupt, mir ist heute so bedrückt zumute, und ich habe doch keinen rechten Grund dazu.“
Julie trat aus der Laube, die einem winzigen Wohnhaus glich und antwortete gutmütig lächelnd: „Du bist und bleibst ein Phantast mit deinen zeitweiligen Ahnungen und Gefühlen.“ Sie fuhr ihm über das dichte braune Haar. „Menschen wie du, brauchen sich nicht mit Ahnungen abzugeben, stehst doch beruflich sicher und mit beiden Beinen auf der Erde. Mensch, Stefan, kannst lange suchen, bis du einen in deinem Alter findest, der es, wie du, schon zum ersten Buchhalter und beinah zum Prokuristen einer angesehenen Maschinenfabrik gebracht hat. Du bist jedenfalls schon für den Posten vorgesehen und beziehst mit deinen fünfundzwanzig Jahren ein gutes Gehalt. Wir bewohnen eine bequeme Wohnung mit modernster Einrichtung, und heute will ich dir sogar den Gefallen tun, deine Zukünftige kennenzulernen.“
Sie faßte ihn unter und stand nun neben ihm, ebenso groß wie er, ebenso sehnig straff. Die Geschwister ähnelten sich. Sie hatten beide das fast zu dichte braune Haar und den gleichen, etwas großzügig ebenmäßigen Gesichtsschnitt, die schmalen grauen Augen, überdacht von sehr breiten, fast schwarzen Brauen. Und ihre Zähne waren groß, doch von blendender Weiße. Das Kinn Julies war kräftiger herausgearbeitet, es stand ein klein wenig vor.
Man konnte beide auf den ersten Blick als angenehme, liebenswürdige Menschen beurteilen, und das waren sie auch.
Nach dem Tod der Eltern begann Julie den Bruder zu bemuttern, und so war das geblieben seit Jahren. An eine Heirat schien Stefan nie gedacht zu haben bis jetzt, da er vor kurzem ein junges Mädchen kennengelernt, in das er sich auf den ersten Blick verliebte.
Julie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte fest: „Vier Uhr zehn Minuten.“ Sie fragte: „Wenn ich nicht irre, wollte deine Christa doch schon um vier Uhr hier sein. Ich habe den Kaffee fertig und alles in der Laube zurechtgestellt. Also kann die Beschnupperung mit meiner zukünftigen Schwägerin beginnen, von mir aus steht dem nichts mehr im Wege. Aber die Dame scheint unpünktlich zu sein.“
Stefan Pilger lächelte: „Na, so auf die Minute genau darf man es nicht mit einer Großstädterin nehmen. Die Elektrische mag ihr vielleicht gerade vor der Nase weggefahren sein. Sie wohnt in der Mainzer Landstraße, also beinahe entgegengesetzt von unserm Garten.“
Julie schüttelte den Kopf. „Deine Liebe benimmt sich ziemlich romantisch, Jungchen, ich finde, meine Bekanntschaft mit deiner Christa hätte sich viel besser irgendwo unter Dach und Fach abgespielt.“
Er dachte darüber anders.
„Nein, meine kluge Julie, so wie ich es dir vorschlug, ist alles am einfachsten und harmlosesten. Seit zehn Tagen, seit ich kurzen Urlaub habe, du aber wegen Erkältung zu Hause bleiben mußtest, besuchte mich Christa hier täglich zur gleichen Zeit. Ich lernte sie zufällig kennen, als sie eines Nachmittags hier vorbeiging, und wir in ein Gespräch über Rosen kamen, die sie sehr liebt. Auf meine Bitte trat sie in den Garten ein, und weil sie täglich hier vorbei muß, kam das eben so, wie es wohl kommen sollte, wie es Vorausbestimmung ist, denn einmal muß die Liebe schließlich auch an mich denken. Ich möchte doch auch heiraten.“
Julie nickte. „Natürlich, Stefan, und das sollst du ja auch, wenn ich dich dann auch nicht mehr betreuen darf, was mir bestimmt sehr fehlen wird, aber die Hauptsache ist dein Glück. Sonderbar berührt mich nur, daß du so wenig von dieser Christa weißt, aber schon tust, als möchtest du morgen aufs Standesamt laufen. Du mußt möglicherweise damit rechnen, daß euch von ihren Verwandten Schwierigkeiten gemacht werden können.“
Er gab ihr einen schmerzhaften Nasenstüber.
„Jetzt fängst du an zu unken, Julchen! Wer sollte mir bloß Schwierigkeiten machen? Christel ist frei, sie hat nur noch eine Mutter, also ein gestrenger Vater tritt überhaupt nicht auf, und mit der guten Dame, die ein Putzmacheratelier hat, dürfte sich reden lassen. Die Tochter arbeitet bei ihr, und was sollte die Mutter dagegen haben, wenn sie einen Schwiegersohn wie mich bekommen kann?“
Er lachte vergnügt, ein wenig selbstbewußt, und seine Zähne blitzten.
Er hob Julies linke Hand, sah auf ihre Armbanduhr.
„Schon halb fünf!“ sagte er etwas verstimmt. Sein Gesicht war sehr ernst. „Jeden Tag stellte sich Christel pünklich ein, und ausgerechnet heute verspätet sie sich.“ Er blickte zum Himmel auf. „Die Sonne zieht auch schon dem Westen zu und guck nur, Julie, was aus den weißen Wolken geworden ist, wie kleine graue Ballonsperren schweben sie rund um den Himmel.“ Er atmete tief auf. „Du, Julie, ich war so unbeschreiblich glücklich seit mir Christel gestanden, sie hätte mich, genau so wie ich sie, gleich auf den ersten Blick lieb haben müssen. Jetzt ist mir bange. Ich glaube, mein Glück war zu groß.“
Julie Pilger verwies ihn kopfschüttelnd: „Du bist im Grunde noch immer ein dummer und zaghafter kleiner Junge. Schäme dich, Stefan, und jetzt laufe deinem Mädel ein Stück entgegen, jeder Mensch kann sich mal verspäten.“
Er sah sie dankbar an. „Hast recht, Julchen, also, ich werde ihr entgegen gehen. Ich muß sie ja unterwegs auf dem Weg treffen. Wenn nicht, dann warte ich ein Weilchen in der Nähe des Turmes, nicht weit davon hält die Elektrische, mit der sie, wenn ich nicht irre, zu kommen pflegt.“
Julie fuhr ihm mit dem Taschenkamm ein paarmal durch das volle Haar und er verließ, ihr freundlich zunickend, den kleinen Garten. Sie sah ihm noch einen Augenblick nach und betrat dann die Wohnlaube, in der sie schon den Kaffeetisch zurecht gemacht hatte.
Eine bunte geblümte Decke, weißes mit rotem Mohn bemaltes Geschirr, und in hoher Kristallvase ein paar Frühlingsblumen, gaben dem freundlich ausgestatteten, ziemlich großen Raum ein hübsches, behagliches Gepräge.
Julie Pilger nahm auf einem Hocker Platz. Ihr gefiel das Liebesidyll ihres Bruders nicht so recht. Sie fand es zu romantisch und unklar, und sie war immer für klare Verhältnisse.
Da hatte er vor ungefähr zehn Tagen eine junge Dame kennengelernt, die an seinem Garten vorübergegangen, und schon am nächsten Tage zur gleichen Zeit wiedergekommen war. Nach drei Tagen hatten sie bereits Liebesworte gewechselt und sich geküßt, und nach acht Tagen hatte Stefan ihr, seiner Schwester, die Mitteilung gemacht, er wäre dem Mädchen begegnet, das er um jeden Preis heiraten wolle, und sie müsse es kennenlernen. Es war sehr wenig, was er ihr über Christa sagen konnte, vor allem aber waren die beiden viel zu schnell einig geworden. Täglich suchte diese Christa Dörfel irgendwo hier draußen ihre alte Großmutter auf, um sich täglich nach ihrem Befinden zu erkundigen und benützte stets den breiten Weg, der das Gelände der Kleingärtnereien in zwei Hälften teilte. Jenseits befand sich die Endstation der Straßenbahn, diesseits wohnte die alte Dame, zu der Christa ging. Und wenn sie bei Stefan vorbeikam, machte sie seit zehn Tagen bei ihm ein wenig Rast, der jedesmal schon lange wie ein verliebter Junge auf sie wartete.
Julie gestand sich ehrlich ein: Ich bin wirklich neugierig, sie kennenzulernen! Aber sie spürte zugleich einen bösen, scharfen Schmerz an der Stelle, wo das Herz saß. Es würde ihr nicht leicht werden, sich von dem geliebten Bruder zu trennen, mit dem sie friedlich und besorgt um sein Wohl, zusammen gelebt hatte. Alles hatte sie darüber vergessen, auch, daß sie selbst sich ein paarmal gut hätte verheiraten können. Ihr Bruder nahm den ersten Platz in ihrem Herzen ein.
Und jetzt war ein Mädel aufgetaucht, war nur flüchtig mit ihm bekannt geworden, und schon war die treue Schwester entthront, die andere Liebe war stärker als Geschwisterliebe!
Julie Pilger irrte, nicht stärker war sie, nur anders.
Julie dachte: Ich will sie prüfen auf Herz und Nieren, diese Fremde, die mir den Bruder nehmen will, ich werde ihr nichts durchgehen lassen, nur die Beste ist gerade gut genug dazu, seine Frau zu werden.
Sie lauschte hinaus, ihr war es, als ob sie die Gartentür hätte gehen hören, die immer ein wenig quietschte. Sie trat hinaus in den Garten. Niemand war zu sehen außer dem Gerichtsvollzieher Körner, dem Nachbar, der sie grüßte und die Gartentür nebenan aufschloß.
Er rief ihr zu: „Ich glaube, wir müssen uns heute noch auf ein Wetterchen gefaßt machen, Fräulein Pilger, es ist zwar erst Mai, aber es ist so schwül, und es liegt einem so schwer in den Gliedern.“ Er fuhr sich mit dem Taschentuch über das erhitzte rote Gesicht. „Maiengewitter kann tückisch sein, ich habe das schon ein paarmal erlebt.“
Julie Pilger lächelte und machte eine abwehrende Bewegung.
„Ach was, heute gibts kein Gewitter, die paar grauen Wolken frißt die Sonne noch ratzekahl auf, ehe sie untergeht!“
Julie betrat wieder die Wohnlaube und ging weiter ihren Gedanken nach, die sich mit dem geliebten Bruder und seiner Zukunft beschäftigten.
Schwer würde es ihr werden, beiseitetreten zu müssen vor seiner zukünftigen Frau.
Der Gedanke tat ihr weh.
Ihr Bruder! All ihre Liebe gehörte ihm, und dabei fiel ihr ein, oft hatte sie ihm wie einem ungebärdigen Jungen den Kopf zurecht rücken müssen, wenn er sich in seiner Stellung unglücklich gefühlt, wenn er ihr geklagt, er wäre lieber ein Gärtnergehilfe, als erster Buchhalter einer guten Firma, mit der Aussicht auf den Prokuristentitel.
Wie viele könnten ihn beneiden.
Eine Frau würde es sehr gut bei ihm haben, sie aber müßte zurücktreten vor dieser Frau, gegen die sie sich heimlich wehrte, nur heimlich, und ganz tief drinnen im Herzen.
Ihr Urteil über sie, der Stefans Liebe nur allzu leicht und schnell zugefallen war, durfte sich nicht durch eigene Voreingenommenheit beeinflussen lassen. Sie rief ihr Gerechtigkeitsgefühl an.
Ob sie in diesem Fall aber noch vollkommen gerecht sein könnte?
Sie bezweifelte es fast, doch sie hatte den besten Willen dazu.
2.
Stefan Pilger hatte inzwischen schon ein Stück seines Weges zurückgelegt. Er kam am Garten Karl Hartschmidts vorbei, der ihm flüchtig sein gelbes faltiges Bulldoggengesicht zuwandte und seitlich der Laube eine Grube aushob.
Stefan spähte nach vorn, ob ihm nicht die schlanke Gestalt Christa Dörfels entgegenkäme.
Ein Bauer mit einer Ziege begegnete ihm und zwei halbwüchsige Jungen, die Fußbälle trugen. In einigen anderen Gärten wurde gearbeitet, er grüßte die Leute, aber obwohl er schon mehr als zwei Drittel des Weges hinter sich hatte, sah er die Erwartete noch immer nicht.
Es war wirklich sehr schade, daß sie sich gerade heute, wo sie die Bekanntschaft seiner Schwester machen sollte, so sehr verspäten mußte.
Er empfand große Sehnsucht nach Christa. Wie ein Kind nach der Mutter! dachte er und sann glückselig darüber nach, wie schön sein Leben sich gestalten müßte, wenn Christa erst seine Frau geworden sein würde.
Eine helle weibliche Stimme grüßte und entriß ihn seinen Zukunftsgedanken. Er erwiderte den Gruß der grauhaarigen Fünfzigerin, die innen am Zaun einer der letzten Gärten stand und ihn freundlich anlächelte. Sie wohnte in der Nähe und war die Frau eines Zigarrenhändlers, arbeitete täglich rastlos in ihrem Garten.
Durch Gartenarbeit ist aus einer nervösen, kränklichen Frau, die keinen Zentner wog, wieder ein gesunder Brocken von siebzig Kilo Lebendgewicht geworden! pflegte Erna Merten jedem, der es nur hören wollte, das Geheimnis ihres blühenden Aussehens zu verraten.
Stefan Pilger wollte vorübergehen, sie hielt ihn mit der Frage zurück: „Glauben Sie, daß es heute noch ein Wetter gibt? Es ist so gräßlich schwül.“
Er zuckte die Achseln: „Wie kann man das wissen?“
Die Frau lächelte: „Besser ist jedenfalls, heute nicht allzu lange hier draußen zu bleiben.“ Ein bißchen vertraulich setzte sie hinzu: „Die junge Dame, die ich in diesen Tagen ein paarmal nachmittags bei Ihnen in Ihrem Garten sah, hat gerade heute ein so wunderschönes neues Kostüm an, und es ist ratsam, heute nicht zu lange mit ihr hier draußen zu bleiben.“
Stefan Pilger zog leicht die breiten dunklen Brauen hoch.
Er sagte nach einem Weilchen fast schroff: „Die junge Dame ist, wenn auch noch nicht öffentlich, so doch mit mir verlobt, und meine Schwester erwartet sie heute in unserer Wohnlaube zum Kaffee.“
Sein Ton wurde freundlicher. „Aber sie ist heute noch nicht gekommen, und ich bin ihr eben ein Stückchen entgegengegangen, Sie können sie also heute nachmittag wohl kaum gesehen haben.“
Frau Merten machte ein sehr erstauntes Gesicht.
„Ich bin doch seit ungefähr einem Monat tagtäglich nachmittags hier im Garten, und seit mehr als einer Woche habe ich die junge Dame mit dem wunderschönen goldblonden Haar hier vorbeigehen sehen. Immer zur gleichen Zeit. Und ein paarmal haben wir sogar miteinander einige Worte gewechselt. Heute habe ich ihr zum Beispiel erzählt, meine Frührosen hätten schon viele Knospen, und eine davon habe ich ihr ins Knopfloch ihres hellgrauen Kostüms gesteckt. Sie bedankte sich so lieb. Eine wunderschöne Braut haben Sie, Herr Pilger.“
Stefan sah sie prüfend an. Wollte sich die nette Frau einen unverständlichen Scherz mit ihm erlauben?
Er antwortete mit mühsam beherrschter Erregung. „Meine Braut heißt Christa Dörfel, und Fräulein Dörfel kann heute noch nicht hier mit Ihnen gesprochen haben. Sie ist bisher noch nicht bei uns angekommen. Oder —“ Er zog das Wort „oder“ sehr lang, sie müßte wieder nach dieser Seite, von der sie zu kommen pflegt, umgekehrt sein.
Die Frau wehrte lebhaft ab.
„Bewahre, umgekehrt ist sie bestimmt nicht. Wir sprachen miteinander kurz nach dreiviertel vier. Ich weiß das so genau, weil ich um die genannte Zeit drinnen in der Laube auf meine Weckeruhr gesehen hatte. Fräulein Dörfel — so heißt die junge Dame ja wohl? — sprach also mit mir, nahm auch die Rosenknospe an und ich sah ihr nach, fand, sie sah sehr schön und sehr vornehm aus. Ich sah ihr nach bis ungefähr zum Hartschmidtschen Garten, und dann machte ich mich an die Arbeit, Unkraut auf der Straße vor unserem Gartenzaun auszujäten. Ich hätte die junge Dame sehen müssen, wenn sie umgekehrt wäre. Kurz bevor Sie kamen, habe ich den Garten erst wieder betreten.“
Stefan Pilger erklärte mit deutlicher Erregung: „Sie müssen sich dennoch irren, Frau Merten. Ich bin seit drei Uhr in unserem Garten und bin seitdem nicht ein einziges Mal in der Laube gewesen. Fräulein Dörfel konnte also nicht unbemerkt bei mir vorbeigehen. Sie hätte auch nicht den geringsten Anlaß dazu gehabt, das zu tun. Wir trennten uns gestern im allerbesten Einvernehmen.“
Frau Merten sah ihn ratlos an und zuckte die Achseln.
„Was soll ich darauf noch erwidern, Herr Pilger? Ich weiß es wirklich nicht, aber mir ist die Geschichte einfach unbegreiflich. Jedenfalls, und das kann ich beschwören, habe ich mit der jungen Dame kurz nach dreiviertel vier gesprochen, und danach ist sie auf dem Weg weitergegangen in der Richtung Ihres Grundstücks. Außerdem habe ich ihr nachgesehen, bis sie sich vor dem Hartschmidtschen Garten befand. Dabei bleibe ich und sie muß etwas später bei Ihnen vorübergegangen sein, ohne daß Sie es bemerkten.“
„Quatsch!“ entfuhr es Stefan Pilger grob.
Im nächsten Augenblick färbte sich sein Gesicht dunkelrot, und er bat verwirrt: „Verzeihen Sie, beste Frau Merten, ich bin ein bißchen aufgeregt, weil mir Ihre Erklärung so sonderbar erscheint. Ich glaube Ihnen ja, und es muß sich dann wohl so verhalten, daß Fräulein Dörfel irgendwo zwischen dem Hartschmidtschen Garten, wo sie von Ihnen zuletzt gesehen wurde und dem unseren, Rast gemacht und sich verplaudert hat. Vielleicht ist sie, derweil ich hier stehe, schon längst bei meiner Schwester gelandet.“
Diese Erklärung leuchtete ihm selber ein, obwohl es ihm nicht gefiel, daß Christa gerade heute so rücksichtslos gewesen sein sollte.
Er bat noch einmal um Entschuldigung und lief zurück.
Seltsamerweise fand er seine Schwester noch immer allein und erzählte ihr ziemlich verärgert, was er von Frau Merten soeben gehört hatte.
Er schloß: „Die Frau hat Gespenster am hellen Tag gesehen. Christa konnte natürlich aus irgend einem wichtigen Grunde heute nicht hierher kommen.“
Julie widersprach: „Ich glaube Frau Merten aufs Wort, die sieht bestimmt keine Gespenster am hellen Tag, die nicht, eher glaube ich beinahe, deine Herzenskönigin hat zwischen dem Hartschmidtschen Garten und unserem, Unterhaltung gefunden, die sie mehr fesselt, als die Aussicht, deine olle Schwester kennenzulernen. Ich schlage vor, wir gehen nach Hause, das Gewölk sieht schon eklig grau und böse aus, und es ist besser, vor dem Wetter zu Hause zu sein, denn ein Wetter gibt es bestimmt, um das kommen wir kaum noch herum.“
Stefan Pilger merkte seiner Schwester nur zu deutlich an, wie ärgerlich sie auf Christa war, und das verdroß ihn.
Er antwortete scharf: „Du verurteilst Christa, ehe du noch weißt, was sie von ihrem Besuch bei uns zurückgehalten hat. Ich bitte dich, Julie, wenigstens noch ein halbes Stündchen zu warten. Ich möchte schnell bei allen Nachbarn bis zu Hartschmidt Nachfrage halten.“
Ehe Julie sich entscheiden konnte, hatte er schon den Garten verlassen.
Sie rief ihm nach: „Bei Körner nebenan brauchst du nicht zu fragen, der ist erst vorhin gekommen, und erstens war der Garten bis dahin verschlossen, zweitens hätte ich sie dann von uns aus auch sehen müssen.“
So kam er bis zum Hartschmidtschen Grundstück. Das gelbe Bulldoggengesicht seines Besitzers zeigte sich hinter frischgrünen Büschen. Ein Altmännermund mit häßlichen stockfleckigen Zähnen fragte: „Herr Pilger, nicht wahr, der sind Sie doch? Ich weiß, Sie gärtnern hier als Erster von der Landstraße aus, alles in Grund und Boden. Womit kann ich Ihnen dienen?“
Stefan Pilger hätte am liebsten sofort kehrt gemacht. Man hatte ihm erzählt, daß Hartschmidt ein unangenehmer Geselle wäre, und er bezwang sich, erwiderte höflich: „Ja, mein Name ist Pilger, und es ist möglich, daß ich nicht soviel von der Gärtnerei verstehe wie Sie, aber ich bemühe mich, mein Bestes zu tun. Jetzt möchte ich Sie nur fragen: Haben Sie heute gegen dreiviertel vier Uhr nachmittags hier auf dem Weg vor Ihrem Garten eine junge schlanke Dame bemerkt? Sie hat —“
„Goldblondes Haar und ein reizvolles Gesicht“, vollendete der Unangenehme. „Ich kenne die Dame, sie ist mir schon mehrmals aufgefallen. Es ist dieselbe, die schon seit ungefähr einer Woche unsere Gegend unsicher macht, ich muß wohl richtiger sagen: verschönt!“
Stefan unterdrückte eine Zurechtweisung.
Der Alte hüstelte und es klang wie fernes, heiseres Bellen.
„Jawohl, Herr Pilger, die junge Dame habe ich heute kurz nach dreiviertel vier Uhr hier an meinem Garten vorbeigehen sehen. Sie trug ein hellgraues Kleid, Kostüm nennt man ja so ein Jackending, ich habe die Bezeichnung noch von meiner durchgebrannten Frau her im Gedächtnis behalten. Also die goldblonde Dame ging hier vorbei und glubschte so’n bißchen zu mir herüber mit den braunen Kulleraugen und dann —“
Er schwieg, nahm die Prise, und nieste nach einem Weilchen sehr umständlich.
„Und dann?“ fragte Stefan Pilger aufs Äußerste gespannt.
Das Hüsteln, das fernem heiserem Bellen glich, ließ sich wieder hören. Vielleicht sollte es auch ein Lachen sein.
Der Alte gab Antwort: „Und dann war die unwichtige Episode, daß ein feines Dämchen hier vorbei scharwenzelte, für mich erledigt. Ich gucke den jungen Frauensleuten nicht mehr nach, schon lange nicht mehr, denn, genau genommen, sind die Weiber das gar nicht wert.“ Er sagte ernst: „Meine Mutter ausgenommen, die war eine herzensgute und anständige Frau und die einzige, an die ich mit Achtung und Liebe denken kann.“ Er murrte: „Halten Sie mich, bitte, nicht länger mit Fragen auf, ich habe noch viel zu tun.“
Er wandte sich ab und ging dorthin, wo er sich vorhin mit dem Ausschaufeln einer Grube beschäftigt hatte.
Stefan rief ihm nach: „Ist die Dame nicht etwa umgekehrt?“
Hartschmidt schüttelte den Kopf und erklärte mit großer Bestimmtheit: „Nein! Ich sehe jeden der vorbeigeht, zurückgekommen aber ist sie bis jetzt nicht.“
Er kümmerte sich nicht mehr um Stefan Pilger, der noch ein paar Fragen bereit hielt, nun aber wie vor den Kopf geschlagen umkehrte. Alles, was er bis jetzt in Erfahrung gebracht, bewies nur zu deutlich, daß Christa wie vordem täglich, so auch heute zur gleichen Zeit ihren Weg vom Turm jenseits der Gärten, nach diesseits der Gärten angetreten hatte, daß sie von Frau Merten und zuletzt vor dem Hartschmidtschen Garten von dessen Besitzer gesehen worden war, danach aber von niemand mehr.
Bei ihm war sie nicht angekommen, unterwegs war sie in keinem Garten gewesen! Also wo war sie geblieben?
Sowohl Frau Merten als auch der Mann mit dem gelben Bulldoggengesicht blieben dabei, sie wäre bestimmt nicht zurückgekehrt.
Als ob auch der Himmel droben die schlechte Stimmung Stefan Pilgers teilte, verdüsterte er sich zusehends, und die Wolken schoben sich, von plötzlichem Wind unterstützt, dichter und schneller zusammen. Auf dem Weg wirbelte der Staub jäh hoch auf und verschlug ihm den Atem.
Er eilte in seine Wohnlaube, abermals war die Hoffnung in ihm erwacht, Christa könne sich während seiner Abwesenheit doch noch eingefunden haben. Aber seine Schwester befand sich noch immer allein, und sie räumte schon das Kaffeegeschirr in den dafür bestimmten Schrank.
Er sagte, blaß vor Erregung: „Ich weiß nicht mehr, was ich von dem, was ich hörte, halten soll!“
Er berichtete das Ergebnis seines zweiten Suchganges.
Julie lächelte ein wenig spöttisch.
„Daß deine schöne Christa unterwegs zu dir war, steht nach den Angaben Frau Mertens und Herrn Hartschmidts zweifellos fest, aber ihnen entging leider, daß sie umgekehrt sein muß. Anders kann es sich ja nicht verhalten. Sie ist einfach vor mir ausgekniffen, sie wollte mich nicht kennenlernen. Das ist das ganze Geheimnis ihres rätselhaften Verschwindens, mein lieber Junge. Und nun trinke die Tasse Kaffee, die ich dir jetzt eingieße und warte ab, ob und wann sich Christa Dörfel wieder meldet. Vielleicht tut sie es bald. Schließlich hast du ein Recht, das zu erwarten, nicht wahr? Aber nachlaufen würde ich ihr nicht, sie weiß ja, wo du zu finden bist, und du wirst ihr außerdem auch deine Wohnung nicht verschwiegen haben.“
Er hatte kaum zugehört.
„Um all das handelt es sich doch gar nicht, Julie. Sieh, es ist doch bedeutend wichtiger, herauszubringen, auf welche unerklärliche Weise Christa auf dem Weg, den kein Seitenweg unterbricht, zwischen dem Hartschmidtschen und unserem Garten verschwinden konnte. Sie ist nach meiner Meinung im wahren Sinn des Wortes verschwunden!“
Julie lachte ärgerlich auf.
„Du bist verdreht, Stefan! Ich gebe zu, daß man alles zunächst so ähnlich auffassen könnte, doch ist der Gedanke wirklich verdreht und unsinnig. Wie soll denn ein Mensch auf einem so kurzen Weg, von dem er weder nach rechts noch nach links hinunter kann, spurlos verschwinden? Das Fräulein hat absichtlich kehrt gemacht, und wenn deine Zeugen das nicht bemerkt haben, waren ihre Augen eben wo anders beschäftigt. Warum Fräulein Dörfel allerdings im letzten Moment kehrt gemacht hat, das entzieht sich meiner Kenntnis, und ich vermute deshalb nach wie vor, sie hat es meinetwegen getan, obwohl ich es nicht begreife. Im übrigen kannst du tun und lassen was du willst. Suche sie auf und frage sie selbst.“
Er meinte zögernd: „Ich muß mir das alles erst durch den Kopf gehen lassen, ich bin bis jetzt noch ganz wirr von dem Gedanken.“
Sie antwortete schroff: „Es ist doch eigentlich gar nichts geschehen, nichts weiter, als daß aus irgend einem, wahrscheinlich sehr törichten Gedanken heraus, ein dummes Mädel der Gelegenheit, meine Bekanntschaft zu machen, ziemlich deutlich ausgewichen ist.“
Er sah sie bittend an.
„Julchen, tu mir den einzigen Gefallen und faß es nicht so auf, ich fühle es mit Gewißheit, das hängt anders zusammen. So harmlos verhält sich das nicht, hinter Christas Verschwinden steckt irgend etwas Böses und Schlimmes.“
Julie band einen leichten bunten Schal um den Kopf.
„Wenn du deinen Kaffee doch kalt werden läßt, wollen wir lieber gehen, über das Rätsel deiner Christa kannst du daheim in bequemerer Umgebung nachgrübeln.“
Ein greller Blitz erhellte gespenstisch das Innere der Wohnlaube, knatterndes Donnern folgte.
„Hast es also doch geschafft, Stefan, nun sitzen wir hier fest“, sagte Julie verstimmt, „wir konnten längst weg sein.“ Sie trat ans Fenster. „Ich glaube aber, wenn wir uns dran halten, schaffen wir es noch jetzt, es regnet noch nicht!“ Sie zog einen leichten Wettermantel an, der immer hier bereit hing und brachte ihm den seinen. „Los, Stefan, zu Hause ists gemütlicher beim Gewitter.“
Gleich darauf schloß Stefan Pilger die Wohnlaube und die Gartentür ab, und mit schnellen Schritten liefen sie der Straße zu.
Allzu weit hatten sie es nicht, in einem neuen Hause des Bornheimer Bezirks lag ihre Wohnung, die sie im Laufschritt in knapp einer Viertelstunde erreichten, gerade noch zur rechten Zeit. Denn kaum hatten sie die Wohnung betreten, da brach das Unwetter richtig los. Blitz folgte auf Blitz, und wahre Sturzbäche strömten nieder.
Stefan war in sein Zimmer gegangen, um allein zu sein. Er mochte die nüchternen Worte der Schwester jetzt nicht hören, die sie nur für Christas Tun fand. Er sah alles anders. Ihm schien der Beweggrund von Christas Nichterscheinen, obwohl sie ihm doch schon sehr nahe gewesen sein mußte, einfach unheimlich und düster. Sie konnte nicht absichtlich fortgeblieben sein, er fände sich sonst nicht zurecht, wenn er an Christas Küsse dachte und an ihre Worte, mit denen sie ihm immer von neuem wiederholte, sie liebe ihn.
Er saß an seinem Schreibtisch und barg den schmerzenden Kopf in den Händen. Er war ein guter, nüchterner Angestellter, ihm konnte man beruflich so leicht kein X für ein U vormachen, aber sein Privatleben war auf Herz und Gefühl eingestellt. Vielleicht etwas zu viel, das gab er sich selbst zu, und seine Schwester hatte es schon öfter bemängelt. Aber einer Frau, die man liebt, muß man doch sein ganzes Herz entgegenbringen. Mit ausgestreckten Händen hatte er es der schönen goldblonden Christa gereicht: Hier hast du mein Herz, es gehört dir, weil ich dich liebe! Und Christa hatte es genommen und ihm sofort das ihre dafür gegeben. Liebe auf den ersten Blick. Wundersam war alles gewesen, das selige Spiel der Liebe, das tägliche Wiedersehen in dem kleinen Garten, dem Julie wegen einer leichten Erkältung gerade in diesen Tagen ferngeblieben. Es war so herrlich gewesen, das Alleinsein mit der Geliebten.
Stefan Pilger sann: Was würde jetzt kommen? Wollte oder konnte ihn Christa nicht mehr aufsuchen, würde sie ihm Nachricht senden, oder sollte er ihr einen Brief schreiben?
Er grübelte: Am richtigsten wäre es wohl, sich zunächst einige Tage zu gedulden und abzuwarten.
Er erkannte, seine Schwester hatte natürlich recht, Christa mußte umgekehrt sein, Frau Merten und dem Mann mit dem Bulldoggengesicht war das nur entgangen. Es gab gar keine andere Erklärung.
Er versuchte sich damit zu trösten, Christa würde wahrscheinlich schon morgen kommen und ihm erzählen, was sie zu dem befremdenden Tun bewogen.
Er drückte das Gesicht fester in die Schalen seiner Hände. Liebe süße Christa, dachte er inbrünstig, und ihm war es, als ob sein Mund auf ihrem Mund ruhte. Wie eine Beruhigung, wie ein Glück empfand er die Einbildung ihrer Gegenwart.
Das Wetter tobte sich weiter aus, der Regen strömte unaufhörlich nieder, und Julie war in Angst um das Gärtchen, während ihr Bruder seinen Träumen nachhing. Christa war die erste große Liebe seines Lebens, plötzlich war sie in sein Leben getreten und hatte ihn verändert. Anders als vordem sah er jetzt sein Leben und seine Zukunft.
Wohl hatte er manchmal gedacht, einmal würde es in seinem Dasein eine Frau geben, die seinen Namen tragen und bei ihm bleiben sollte. Aber diese Frau war immer nur schemenhaft flüchtig aufgetaucht und wieder verschwunden, er hatte sich nicht die geringste Mühe gemacht, sich ein Bild von ihr auszumalen und es festzuhalten als Ideal. Das schien ihm unwichtig.
Als Christa ihm zum erstenmal gegenüberstand, wußte er jedoch, wie diese Frau aussehen mußte, da wußte er es mit beseligender Bestimmtheit.
Er hob den Kopf, er lächelte Christa zu, die er vor sich zu sehen glaubte.
Er lächelte sicher und zufrieden.
Was war denn Besonderes geschehen, daß er hier saß wie ein völlig Verzweifelter? Christas unterlassener Besuch würde bald seine Aufklärung finden, und sie sollte ihn dann gründlich auslachen, weil er sich den Kopf mit törichten Ahnungen von allerlei phantastischem Unheil wirr gemacht hatte.
Er erhob sich und ging durch sein Zimmer, betrachtete die Einrichtung mit nüchtern abschätzendem Blick. Ob es Christa hier gefallen würde? Er möchte gern die Einrichtung behalten, wenn Christa als seine Frau in diese Wohnung einziehen würde. Aber auf seinem Schreibtisch würde schon bald ein großes Bild von Christa Platz finden. Ihr Bild gehörte hierher.
Flüchtig streifte ihn der Gedanke an Julie. Er würde sich von ihr trennen müssen. Schade war das, es tat ihm schon jetzt leid, man hatte sich immer sehr gut verstanden. Irgendwo in der Nähe würde sie eine kleine hübsche Wohnung finden, und sie hatte schon erklärt, falls er sich einmal verheirate, irgend eine ihrem Können entsprechende Tätigkeit ergreifen zu wollen. Auch besaß sie die Hälfte des kleinen Vermögens, das die Eltern hinterlassen, er würde ihr seinen Teil dazu abtreten, denn er verdiente genug und konnte davon noch gut Ersparnisse machen.
Er vertiefte sich immer mehr in allerlei Zukunftsgedanken und merkte kaum, daß die Blitze einander in immer größeren Abständen folgten, daß der Donner entfernter klang, daß der Regen schon in ein behagliches Rieseln übergegangen war, und daß es draußen, und damit auch im Zimmer, heller geworden.
Julie öffnete die Tür und rief ihm zu: „Nun komm, alter Junge, ich habe Tee gemacht, vielleicht reizt der dich etwas mehr als es vorhin der Kaffee getan.“ Sie sah ihn an. „Gott sei Dank, du schaust ja wieder ganz vernünftig drein, du hast also eingesehen, morgen oder übermorgen wird sich das Rätsel um Christa Dörfel lösen. Schön, ich bin mit dir zufrieden. Doch jetzt komm, bitte, gleich, der heiße Tee wird uns beiden gut tun, denn ehrlich gestanden, ich friere vor Angst, was das Wetter in unserem Gärtchen für Unheil angerichtet haben könnte. Schade wäre das, es stand und blühte doch alles so wunderschön! Ich will mich gleich morgen früh überzeugen, wie es dem Gärtchen geht.“
Sie faßte den Bruder unter und zog ihn mit sich ins Wohnzimmer hinüber, das mit seinen modernen hellen Eichenmöbeln einfach, gediegen und freundlich aussah.
Beim Tee erzählte Stefan der Schwester, daß Christa ihrer Mutter nur sehr vorsichtig von ihrer Liebe sprechen dürfe, sie selbst wäre die Hauptkraft des mütterlichen Damenhutateliers, und die Mutter würde sehr darüber erschrecken, sie nun bald verlieren zu müssen. Sie beabsichtige aber, sie so bald wie möglich vorzubereiten, und erst dann dürfe er selbst zur Mutter kommen.
Er schloß: „Wenn mir Christa das nicht ziemlich eindringlich erklärt hätte, wäre ich vorhin sofort nach der Mainzer Landstraße gefahren, um dort wegen Christas Ausbleiben Nachfrage zu halten.“
Julie nickte. „Es ist ja begreiflich, daß die Mutter sie nur ungern fortgehen sieht, wenn die Tochter die Hauptkraft des Geschäftes ist, aber schließlich wird sie zu ersetzen sein.“
Sie dachte, diese ihr bisher noch unbekannt gebliebene Christa Dörfel schien ihre Arbeitskraft im Geschäft der Mutter selbst sehr hoch einzuschätzen, sie schien ein bißchen eingebildet zu sein.
Sie war irgendwie gegen das fremde Mädchen eingenommen — warum konnte sie sich selbst nicht recht erklären, aber es mußte wohl sein, weil Christa Dörfel der Anlaß war, daß ihr friedliches Zusammenleben mit dem Bruder in absehbarer Zeit zu Ende gehen würde.
3.
Der nächste Morgen brachte soviel Sonnenschein, daß der Nachmittag des vergangenen Tages nur noch ein toller Spuk schien.
Nachdem Stefan, da seine kurzen Ferien zu Ende, ins Büro gefahren war, suchte Julie ihren geliebten Garten auf, und war angenehm enttäuscht von dem, was sie sah. Sie hatte schlimmste Verwüstungen erwartet, aber das Wetter hatte kaum nennenswerten Schaden angerichtet. Julie empfand das als großes Glück und wirtschaftete ein wenig in der Wohnlaube herum, dachte dabei unwillkürlich wieder an Christa Dörfel, die man gestern hier vergebens erwartet.
Wenn sie den Bruder auch ausgelacht hatte, fand sie das Verhalten Christa Dörfels doch ziemlich merkwürdig, weil Christa Dörfel sich ein paar Minuten vor dem Ziel anders besonnen haben und umgekehrt sein mußte.
Eine Idee zuckte in ihr auf. Sie fand, es war eine gute Idee.
Sie selbst war Christa Dörfel unbekannt, vielleicht konnte sie sich die junge Dame einmal ansehen, ohne daß diese im geringsten ahnte, wer sie war. Wenn man irgendwo einen Hut kauft, braucht man sich doch nicht gleich vorzustellen. Und Julie Pilger wollte sich einen Hut kaufen.
Sie pflegte Ideen, die sie für gut und richtig hielt, meist ziemlich rasch in die Tat umzusetzen, und so eilte sie denn heim und kleidete sich um, überzeugte sich im Telefonbuch davon, wo sich das Damenhutatelier Dörfel befand und fuhr mit der Elektrischen bis zum Opernplatz. Von hier aus bog sie in die Mainzer Landstraße ein, suchte nach der im Telefonbuch angegebenen Nummer.
Eine im Garten liegende Villa trug die betreffende Hausnummer, und sie dachte ein bißchen bedauernd: Der Hut, den sie hier kaufen wollte, würde bedeutend teurer sein, als einer von denen, die man in einem Ladengeschäft kaufen konnte. Aber eigentlich brauchte sie gar keinen Hut, sie wollte doch nur versuchen, Christa Dörfel kennenzulernen.
Als Stefan am Spätnachmittag vom Büro heimkehrte, empfing ihn seine Schwester mit jener Miene, die er nur zu genau kannte. Wenn sie diese Miene aufsetzte, brannte sie darauf, ihm irgendeine Neuigkeit mitzuteilen. Aber sie tat das immer erst dann, wenn er gegessen hatte.
Er ahnte, es könne sich um Christa handeln und fragte: „Ist ein Brief für mich gekommen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Stefan, es ist gar nichts gekommen, aber wir wollen essen, ich verspüre einen Mordshunger.“
Er wußte, es wäre zwecklos, sie jetzt zum Sprechen bringen zu wollen, aber er aß heute ziemlich hastig, und wußte kaum, was er eigentlich aß, denn dessen glaubte er sicher zu sein, Julie hatte eine Mitteilung für ihn, die Christa Dörfel betraf.
Kaum hatte er seinen Nachtisch gegessen, erklärte er: „Ich möchte mich eigentlich gleich überzeugen, wie das Wetter unserem Garten bekommen ist.“
Sie nickte ihm zufrieden zu.
„Ausgezeichnet ist es ihm bekommen, ich habe mich schon heute früh davon überzeugt, und wegen einer Christa brauchst du auch nicht hinzugehen, die kommt heute nicht, die erhält heute Nachmittag zwischen vier und sechs Kundenbesuch, der bei ihr eine besonders gute Nummer zu haben scheint.“
Er blickte sie fragend an. Mit der Erklärung wußte er wirklich nichts anzufangen.
Julie klingelte der Aufwartefrau, die rasch und gewandt abräumte, und dann machte sie es sich in einem Sessel bequem, bat: „Setz dich nur auch wieder, Brüderchen, ich habe dir nämlich einiges über deine Christa zu erzählen, worüber du wohl ein bißchen staunen dürftest.“
Er bat: „Sprich ohne Vorrede und quäle mich mich nicht länger unnötig, ich sehe dirs ja an, daß du mir etwas ganz Besonderes vorsetzen willst.“
Sie lächelte beruhigend. „Es ist schließlich nichts Schlechtes, Stefan, was ich dir mitteilen will, aber ich sehe Christa Dörfel jetzt in einem völlig anderen Licht, und nicht mehr so, wie ich sie sehen mußte nach dem, was ich von dir über sie gehört und was du von ihr selbst hast. Also setze dich, eher fange ich nicht an.“
Er ließ sich mit lautem Seufzer in einen Stuhl fallen und verriet seine Ungeduld durch nervöse Handbewegungen. Er fuhr über sein Haar und zupfte an seinem Rock und Schlips herum.
Julie begann: „Mir hat die Geschichte von gestern keine rechte Ruhe gelassen, und heute früh im Garten entschloß ich mich, als Kundin getarnt, die Putzmacherin Dörfel aufzusuchen, ich hoffte, auf diese Weise sie selbst oder noch besser ihre Tochter Christa kennenzulernen. Ich halte nun einmal sehr viel von dem ersten Eindruck, den ein fremder Mensch auf mich macht.“
Er fragte ungeduldig: „Und hast du sie kennengelemt?“
Sie nickte: „Ja, die Tochter, also deine Christa, habe ich kennengelernt und ich will, damit du nicht zu lange zu zappeln brauchst, gleich vorweg erklären, sie scheint eine liebe und angenehme Person zu sein.“
Ein Seufzer der Erleichterung ward hörbar und Stefans Züge entspannten sich. Er hielt viel von der Menschenkenntnis seiner Schwester.
Er bekannte ihr offen: „Im ersten Augenblick sagte mir deine Idee, Christa auf solche Weise kennenzulernen, wenig zu, sie ähnelt dem Ausspionieren, aber wiederum kann ich dich verstehen, du wolltest dich überzeugen, was an dem Mädel dran ist.“
Er freute sich, daß Julie so anerkennend von Christa gesprochen.
Julie lächelte ein bischen hinterhältig und wiederholte: „Sie scheint eine liebe und angenehme Person zu sein. Ihr Äußeres gefällt mir sogar sehr, das Haar ist geradezu wundervoll, vom köstlichsten seltensten Goldblond, und die braunen Augen — na ja, damit kann sie leicht einen Mann tüchtig einheizen, aber im übrigen —“
Sie unterbrach sich: „Davon später, jetzt will ich lieber der Reihe nach erzählen. Das Haus, in dem sich das Geschäft befindet, ist ein feines Mietshaus, in dem aber nur drei Parteien wohnen, und das den Charakter einer Privatvilla trägt. Am Portal befindet sich ein Messingschild, auf dem nur der Name Christa Dörfel und darunter die Worte: ,Damenhüte und Modezeichnungenʻ stehen. Eine Pförtnersfrau säuberte gerade die Haustür, und ich ging zum ersten Stock hinauf, klingelte bei Christa Dörfel.“
Er wollte etwas fragen, doch Julie ließ ihn gar nicht erst dazu kommen und mahnte: „Unterbrich mich nicht, das bringt mich nur aus dem Text und hält uns unnütz auf.“ Sie wiederholte: „Ich klingelte bei Christa Dörfel, und eine niedliche Krabbe von vielleicht achtzehn Jahren öffnete mir. Sie geleitete mich nach höflicher Begrüßung in ein großes, geschmackvoll eingerichtetes Zimmer, in dem in breiten Scheibenschränken verschiedene sehr geschmackvolle Hüte standen. Ich setzte mich in einen breiten Ledersessel und harrte der Dinge, die da kommen sollten und war neugierig, ob nun die Mutter oder die Tochter erscheinen würde, um nach meinen Wünschen zu fragen.“
Sie verwies ihn: „Sitze doch still, großer Bengel, und damit du das besser kannst: Die Tochter kam! Ich wußte sofort, daß es sich nicht etwa um eine andere junge Dame handelte, denn solch Haar gibts so leicht nicht wieder, du hattest mir ja genügend davon vorgeschwärmt. Ich muß überhaupt zugeben, allerhand Achtung vor deinem Geschmack. Eine feine, schlanke, schicke Weiblichkeit ist’s, in die du dich so überstürzt verknallt hast. Als ich sie sah, begriff ich dich vollkommen. Und ich erzählte ihr nun einen vorher zurechtgelegten kleinen Schwindel, ich hätte sehr dringend einen hübschen einfachen Hut zu einem blauen Schneiderkleid nötig. Sie holte sofort allerlei aus den Scheibenschränken herbei, und ich mußte Hüte aufprobieren. Das heißt, Christa Dörfel drückte mir die Hüte mit sanfter Bewegung, je nachdem es ihr gefiel, gerade oder schief auf den Kopf, und ich muß zugeben, die Hüte hatten alle ein gewisses Etwas, das man wohl künstlerischen Schwung nennen darf. Ich entschied mich schließlich für ein Hütchen von dunkelblauer Seide mit hellblauem Federchen, ganz verwegen sehe ich darin aus — und hatte nur immer ein bißchen Angst, Fräulein Dörfel könne etwas an mir auffallen, denn du und ich sehen uns sehr ähnlich. Aber sie schien gar nicht darauf zu kommen, und das machte mich allmählich sicherer. In meiner Gegenwart kam ein telefonischer Anruf, und ich konnte mit anhören, was Christa sprach. Ich erfuhr auf die Weise, daß sie eine Dame, die sie Frau Gräfin ansprach, heute zwischen vier und sechs Uhr nachmittags erwartet, und anscheinend Kleidermodelle für sie entworfen hat. Ich folgerte daraus, daß sie dich heute um diese Zeit bestimmt nicht in unserem Garten suchen wird, um ihr gestriges Ausbleiben zu erklären.“
Sie holte aus dem Nebenzimmer einen kleinen blauen Seidenhut herbei, balanzierte ihn auf den Fingern ihrer hochgehaltenen Rechten.
„Fesch ist das Dingelchen, nicht wahr? Ja, Geschmack hat die schöne Christa, aber schwindeln kann sie auch. Leider! Wenigstens hat sie dich angeschwindelt, wenn sie auch sonst eine höchst achtungswerte junge Dame sein mag.“
Stefans Stirn zeigte eine tiefe Falte, aber er schluckte das heftige Wort, das über seine Lippen wollte, zurück, sagte ziemlich ruhig: „Verzeih, Julie, aber es gefällt mir nicht, wenn du meine zukünftige Frau als Schwindlerin bezeichnest, selbst als Scherz gefällt es mir nicht!“
„Wenn sie aber doch eine Schwindlerin ist, Stefan, weshalb soll ich denn das nicht sagen?“ widersprach sie. „Du kennst mich genügend und weißt, ich nenne die Dinge gleich gern beim rechten Namen. Scherzhaft war das eben nicht gemeint. Doch ich will dir das erklären. Nachdem ich nämlich das Hütchen für bare dreißig Mark erworben hatte — noch nie kam so was Teures auf meine dicke Mähne — mußte ich mich natürlich trollen. Die schöne Blonde begleitete mich bis zum Flur und sprach die Hoffnung aus, daß ich sie gelegentlich wieder beehren möchte. Ich stieg die Treppe hinunter und war innerlich nicht so recht zufrieden mit meinem Besuch, von dem ich mir mehr versprochen. Immerhin hatte ich deine Christa nun wenigstens gesehen. Übrigens hatte ich nebenbei bemerkt, den Eindruck von ihr, sie muß eine Frohnatur sein, eine, die gern lacht und vielleicht bei der Arbeit vergnügt singt, die aber jetzt irgend etwas bedrückt. Ich stieg also die Treppe hinunter, und unten in der kleinen Vorhalle sah ich wieder die Pförtnersfrau. Weißt du, so ein Frauchen von Dreißig, mit einem lieben, gutmütigen Gesicht, eine kleine Range spielte um sie herum. Ein Kerlchen von ungefähr vier Jahren. Ich sage dir, ein Bengelchen mit einem pausbäckigen richtigen Engelsgesicht. Es erinnert an die Engelsgesichter auf Rafaels berühmten Madonnenbild, das wir in Dresden gesehen haben. Ich konnte nicht anders, als der Frau ein paar freundliche Worte über das Kind zu sagen. Sie wurde ganz rot vor Freude, und wir kamen leicht ins Gespräch. Da hörte ich dann ein wahres Loblied auf deine Christa singen, aber bedauerlicherweise auch, daß sie dich angeschwindelt hat.“
„Wieso hat Christa geschwindelt?“ fragte er schroff, „komm doch, bitte, endlich zur Sache, das Kind interessiert mich gar nicht.“
Julie legte den Hut auf den Tisch und ging quer durch das Zimmer, blieb dann vor dem Bruder stehen.
„Ich erfuhr von der Pförtnersfrau, daß die Villa in der Mainzer Landstraße deiner Christa gehöre, und daß Frau Christa Dörfel, die Mutter deiner Christa, die denselben Vornamen geführt, darin eine Pension betrieben hat. Es sollen sehr vornehme Gäste bei ihr gewohnt haben, und niemals hätte ein Zimmer längere Zeit leer gestanden. Die Tochter Christa soll sehr verwöhnt worden sein, doch ihr Zeichentalent, das sie auf der Kunstgewerbeschule ausbildete und ihr Geschick für Modedinge, hätten ihr bald den richtigen Weg gewiesen. Mit zwanzig Jahren war sie schon Directrice in einem erstklassigen Mòdegeschäft und verdiente schönes Geld, aber alles geschah noch so ein bißchen von dem Standpunkt aus: Ich habs nicht nötig. Als sie heimkehrte, soll sie wie ausgewechselt gewesen sein. Da fing sie sofort an, auf ihre Meisterprüfung im Putzmachen hinzuarbeiten und entwarf Modebilder für eine tonangebende feine Modenzeitung. Sie bestand ihre Meisterprüfung und machte sich sofort selbständig, wurde sehr schnell bekannt. Die Damen mit großer Börse kommen zu ihr und lassen sich beraten, die Schauspielerinnen und Sängerinnnen der Oper holen sich Moderatschläge und Hüte von ihr, und ihre Mutter starb vor zwei Jahren nach längerer Krankheit, nachdem sie noch zuvor die Pension aufgegeben.“
„Die Mutter Christas ist tot?“ fragte er maßlos erstaunt. „Aber das kann doch nicht stimmen, weshalb sollte mir denn Christa das verschwiegen haben? Sie erklärte mir doch sogar, sie müsse ihre Mutter erst auf unsere Liebe vorbereiten, und sie wäre die erste Angestellte im Atelier ihrer Mutter.“
Julie blickte auf den vor ihr Sitzenden nieder.
„Ja, Brüderchen, darum handelt es sich doch gerade, das ist es doch, weshalb ich Christa Dörfel vorhin eine Schwindlerin nannte und mir dadurch deinen allerhöchsten Unwillen zuzog.“
Er wußte nichts zu antworten, sah nur zu ihr auf, als erwarte er eine Erklärung von ihr, warum Christa ihn belogen haben könnte.
Sie zog sich einen Stuhl heran, saß jetzt dicht bei ihm.
„Ich werde ebensowenig wie du daraus klug, warum Christa Dörfel log. Nach meinem Dafürhalten bestand dafür nicht der geringste Grund. Sie soll doch mordstüchtig sein und schrecklich viel Geld verdienen, da brauchte sie ihr Licht doch nicht unter den Scheffel zu stellen. Zwei Mietsparteien wohnen außer ihr noch im Hause. Oben eine Dame von der Oper und im Parterre ein Antiquar von Weltruf. Das verriet mir auch die Pförtnersfrau, der ich ein Geldstück schenkte, um dem Kind etwas dafür zu kaufen. Ich erzählte ihr, ich wäre Schriftstellerin und mich interessiere das vornehm wirkende Haus und seine Bewohner.“
In Stefans Augen las sie deutlich Mißbilligung, und er gab dieser Mißbilligung auch Worte.
„Ich weiß nicht, welcher von euch beiden ich die Palme zuerkennen soll, die größte Schwindlerin zu sein. Du hast die arme gutgläubige Pförtnersfrau durch Schwindel ausgeholt, und Christa hat mir sinnlose Lügen erzählt. Ich finde sowohl das eine wie das andere widerlich!“
Sie lachte: „Du findest das nur widerlich, weil dein Ideal dich angelogen hat, deshalb wirfst du mich, die ich dir helfen wollte, gleich mit ihr in denselben Topf.“
Sie erhob sich wieder. „Bringe die Neuigkeit zunächst erst mal ordentlich in deinem Kopf unter und denke dann darüber nach. Wenn ich dir raten darf, verurteile Christa aber nicht gleich in Bausch und Bogen, weil sie, das läßt sich nicht beschönigen, wirklich geschwindelt hat. Ich bin aber der Meinung, ein Mensch, der so offen und wahrhaft aussieht wie sie, hat das nicht aus gemeinen Motiven getan, sondern aus edlen, so schleierhaft wie mir das alles bis jetzt auch noch ist.
Und glaube mir, es ist gut, daß du Bescheid weißt. Nach meiner Ansicht besteht für dich, da gar keine Mutter vorhanden ist, jetzt kein Hindernis mehr, dich selbst mit Christa Dörfel in Verbindung zu setzen und sie offen zu befragen, warum sie dich belog. Ich meine, niemand kann dich hindern, einfach zu ihr zu gehen und alle die Fragen zu stellen, die nur sie allein imstande ist, dir zu beantworten.“
Er schwieg, erklärte aber nach einem Weilchen: „Das werde ich auch, Julie, darauf darfst du dich verlassen, und wahrscheinlich tue ich es schon morgen, denn das Recht dazu habe ich. Nicht nur nach deiner, sondern auch nach meiner Ansicht. Und wenn ich heute auch nicht wegen Christa unseren Garten aufsuche, möchte ich doch dorthin gehen, ich kann da draußen am besten nachdenken, und es so schönes Wetter.“
Julie bot ihm ihre Begleitung gar nicht erst an, sie wußte, der Bruder wollte heute lieber allein bleiben, in dem kleinen grünen Erholungsreich.
4.
Als Stefan den Weg betrat, der durch das Stück Land der Kleingärtner führte, sah er vor seiner Gartentür den unangenehmen Mann mit dem gelbhäutigen Bulldoggengesicht warten. Er grüßte und fragte: „Wollen Sie zu mir, Herr Hartschmidt?“
Der grinste, und die schmalen Lippen enthüllten dabei das Gehege der häßlichen stockfleckigen Zähne.
„Allerdings, ich wollte zu Ihnen.“ Er zwinkerte. „Es handelt sich um die Goldblonde, mit der Sie verlobt sind, wie Sie mir gestern verrieten. Aber lassen Sie mich wenigstens ’nen Augenblick mit rein in Ihr Sommerschloß, ich mache mir nix aus neugierigen Nachbaraugen und Ohren. Es entsteht leicht Geklatsch und der Wind trägt es dann herum.“
Stefan schloß die Gartentür auf. Was wollte der eklige Geselle nur von ihm? Er bat, in die Wohnlaube einzutreten und bot ihm drinnen Platz an.
Hartschmidt, klein und hager, knickte beim Niedersetzen zusammen wie eine Figur mit künstlichen Gelenken, und dann zog er aus seiner Brusttasche eine Brosche von ziemlich großer Form, fragte: „Kennen Sie vielleicht das Schmuckstück?“
Stefan Pilger konnte die Frage sofort bejahen.
„Die Brosche gehört meiner Braut, Fräulein Dörfel, ich habe sie am Halsausschnitt ihrer Bluse gesehen. Ein so auffälliges Stück erkennt man leicht wieder.“
Hartschmidt reichte ihm die Brosche, die ein ungefähr acht Zentimeter langes Füllhorn darstellte, das förmlich übersät war von bunten Steinchen aller Farben, auch weiße befanden sich darunter. Es glitzerte und funkelte, als ob es aus wertvollen Juwelen bestände und war doch sicher nur hübschgearbeitete Bijouterieware.
„Wie kommen Sie zu der Brosche?“ fragte Stefan Pilger.
„Bitte, wenn Sie den Ton eines Richters gegen einen schwer Verdächtigen annehmen wollen, täte mir meine Ehrlichkeit leid“, gab der alte Herr stocksteif zurück. „Ich habe das Ding gefunden, dich. or meinem Zaun am Weg und habe es erst sauber gemacht, Regen und Sand hatten es gründlich eingedreckt.“
Stefan Pilger entschuldigte sich: „So habe ichs doch nicht gemeint, Herr Hartschmidt, ich wollte Sie durchaus nicht beleidigen, bewahre! Und nun danke ich Ihnen schön, und wenn ich Ihnen einen Gegendienst erweisen darf, werde ich es mit Vergnügen tun.“
„Sehr angenehm!“ lachte der andere hämisch.
„Ich werde die Brosche morgen meiner Braut bringen!“ erklärte Stefan Pilger freundlich, er mochte das Ekel nicht zum Feind haben.
Das Bulldoggengesicht sah jetzt fast fröhlich aus.
„Ja, tun Sie das nur, bringen Sie ihr das Glitzerchen und grüßen Sie Ihre Braut recht schön, vorausgesetzt natürlich, daß Sie wissen, wo sie sich befindet. Es kommt mir fast so vor, als ob Sie das nicht so genau wüßten, sonst hätten Sie doch gestern gleich zu ihr laufen können, statt Razzia abzuhalten hier auf unserm ganzen Gelände zwischen den zwei Landstraßen. Ich hatte schon Angst, Sie dächten gestern, ich hätte das süße Weibwunder abgemurkst und wollte es einbuddeln, weil ich doch ’ne Grube ausgehoben habe.“
Stefan Pilger mußte an sich halten, um den Menschen nicht hinauszuwerfen.
Er verwies ihn ernst: „Mit solchen Dingen scherzt man nicht.“
„Nein“, gab Hartschmidt zu, „das soll man allerdings nicht tun, weil sich solche Dinge tatsächlich schon öfter zugetragen haben.“ Er schüttelte sich. „Eine schaurige Angelegenheit, nicht wahr?“ Von seiner Nase bis hinunter zum breiten Mund zogen sich je zwei dicke Falten. Wie aus Gummi sahen sie aus und sie bewegten sich leicht auf und nieder, als ob Hartschmidt heimlich lache.
Die Gegenwart des Mannes bedrückte Stefan Pilger; er wünschte, daß er ginge, man hatte sich doch nun gar nichts mehr zu sagen, aber unwillkürlich schoß ihm die Frage durch den Kopf: Welchen Beruf der unangenehme Zeitgenosse vor seiner jetzigen Altersruhezeit einmal ausgeübt haben mochte. Er hatte darüber noch nie etwas von einem Gartennachbar gehört und anscheinend wußte es auch niemand.
Die Frage kehrte wieder, gebärdete sich aufdringlich, und weil sich eine lange Unterhaltungspause eingenistet, die fast etwas Peinliches hatte, fragte er geradezu: „Was sind Sie eigentlich von Beruf, Herr Hartschmidt? Ihr Name klingt nach derbem Handwerk, aber ich könnte Sie mir zum Beispiel nicht recht am Amboß vorstellen.“
„Neugierig sind Sie, bester Herr Pilger, aber ich habe gerade ein bißchen Zeit, und Sie dürfen raten, wenn es Ihnen Spaß macht. Ich will nur gleich erklären, daß ich weder ein von den Frauen vergötterter Tenor gewesen bin, noch ein Henker, die zwei Berufe scheiden also von Anfang an aus, und das Raten wird Ihnen dadurch bedeutend erleichtert.“
Stefan Pilger fand, über jedem Satz, der aus dem breiten Mund des dürren Mannes kam, lag der trübe häßliche Nebel von Spott. Aber Ende gut, alles gut, der Mensch sollte seine Wohnlaube nicht als sein Feind verlassen.
So sagte er denn freundlich: „Vielleicht waren Sie Bäckermeister oder einer der schwarzen Herren, die mit dem Zylinderhut auf dem Kopf, am Alltag arbeiten gehen und für die Sauberkeit unserer Schornsteine sorgen, vielleicht waren Sie Kapitän und sind weit über die Meere gefahren, oder Sie haben in Alaska oder sonstwo Gold gegraben.“ Er erklärte und sah den Alten nachdenklich an: „Ich kann Sie mir sogar sehr gut als Kapitän vorstellen, aber auch als Pelzjäger im Hundeschlitten in den Schneeländern auf der anderen Seite des Globus, ich kann Sie mir jedoch nur schwer als Bäcker- oder Schornsteinfegermeister vorstellen.“
Der Besucher schüttelte in seiner spöttischen Art abwehrend den Kopf.
„Von Menschenkenntnis haben Sie keine Spur, also strengen Sie sich nicht weiter an, und raten können Sie auch nicht. Also lassen Sie es nur sein.“ Er erhob sich. „Wissen Sie, ich habe keinen richtigen Grund, mich meines einstigen Berufes zu schämen, aber es liegt mir wenig daran, daß man sich vielleicht in acht Tagen in allen Gärten hier und in der Nähe erzählt, der alte Hartschmidt, der Kerl mit der verdammt unangenehmen Visage und dem Spottmaul war früher mal —“
Sein Lachen, das fernem heiserem Bellen glich, endete den Satz und Stefan Pilger wartete, er solle noch etwas hinzufügen, doch Hartschmidt schwieg.
Stefan Pilger hatte sich auch erhoben.
„Ich bin nicht neugierig, Herr Hartschmidt, und ich bitte um Entschuldigung wegen meiner Frage. Sie sollen mir nichts anvertrauen, was Sie mir nicht anvertrauen mögen. Schließlich geht es mich wirklich nichts an, was Sie gewesen sind. Aber ich habe kein rechtes Verständnis für Ihre Auffassung. Ich war ein kleiner Buchhalter und hoffe, in Kürze Prokurist unserer Firma zu werden, das kann jeder wissen. Aber nichts für ungut, Herr Hartschmidt.“
Er war überzeugt, jetzt würde sich der alte Mann entfernen, doch der schien gar nicht daran zu denken. Regungslos stand er da, und sein Blick glitt von schräg unten heraus, tastete das Gesicht Stefan Pilgers förmlich ab, erklärte nach langem Schweigen: „Sie haben ein anständiges Gesicht, und ich glaube mich darauf verlassen zu dürfen, Sie werden, wenn ich rede, nicht mit Ihrem Wissen in die Wohnlauben hausieren gehen. Deshalb sollen Sie hören, was und wer ich gewesen bin. Kein hohes Tier, aber ein beliebter Clown war ich und habe mein Geld verdient in aller Herren Länder. In jedem bedeutenden Zirkus, in jedem großen Spezialitätentheater aller Weltteile habe ich gearbeitet und das Publikum zum Lachen gezwungen. Die höchsten Gagen, die je Direktionen für einen Clown gezahlt, erhielt ich. Ich konnte das Geld im wahren Sinne des Wortes scheffeln.“ Er reckte sich ein wenig auf. „Jetzt wissen Sie, was ich von Beruf gewesen bin, Herr Pilger, und es wäre mir, wie ich nochmals betonen möchte, sehr lieb, wenn Sie es für sich behalten würden.“
Stefan Pilger gab zurück: „Darauf dürfen Sie sich verlassen.“ Er gestand: „Aber von selbst wäre ich niemals auf Ihren Beruf gekommen, und doch meine ich jetzt, nachdem Sie ihn mir genannt, ich hätte es eigentlich sofort erraten müssen.“ Er fügte hinzu: „Ich habe gerade letzthin in einer Berliner Zeitung einen Aufsatz über berühmte Clowns der Gegenwart und der Vergangenheit gelesen, und der Aufsatz schien, soweit ich da zu beurteilen vermag, von gut unterrichteter Seite zu stammen. Doch Ihr Name, verzeihen Sie, Ihr Name befand sich nicht unter den angeführten Namen, denn er wäre mir, weil er nicht häufig vorkommt, sofort aufgefallen.“
Der kleine Mann nickte. „Natürlich, mein Name war nicht dabei, aber vielleicht fanden Sie den Namen „Müllerchen?“ Müller hieß meine Mutter, und ich machte als junger Kerl „Müllerchen“ daraus und zog damit los. Der Name brachte mir Glück, ich wurde berühmt.“
Wie einfach er das sagte und doch mit einem gewissen Stolz. Zum erstenmal war ihm Hartschmidt sympathisch, stellte Stefan Pilger fest.
In seinem Blick lag Hochachtung.
„Ja“, gab er zu, „von dem Clown ,Müllerchenʻ war in dem Artikel ganz besonders die Rede, er wurde als der größte deutsche Clown hervorgehoben, es hieß dann aber von ihm, es wäre nicht herauszubringen, ob er noch lebe und wo. Aber —“
Er verstummte plötzlich.
Hartschmidt hob die Hand wie zur Abwehr.
„Sie sprachen nicht weiter, Herr Pilger, weil Ihnen noch rechtzeitig einfiel, es wäre taktlos, mir anzudeuten, was Sie sonst noch über ,Müllerchenʻ gelesen haben. Bemühen Sie sich nicht, in diesem Fall erlasse ich Ihnen das höfliche Leugnen. Der Schreiber des betreffenden Artikels hat sicher darauf hingewiesen, daß ,Müllerchenʻ eine große Dummheit beging, weil er die Geschichte, daß ein Lump mit seiner leichtsinnigen, schönen, und von ihm abgöttisch geliebten Frau durchging, nicht so auffaßte, wie es eigentlich sein Beruf von ihm gefordert hätte. Also nicht von der komischen Seite, sondern von der allerernstesten. Er versetzte nämlich dem Subjekt ein paar kräftige Messerstiche und tauschte dafür fünf Jahre Zuchthaus ein.“
Er seufzte. „Das werden Sie gelesen haben, Herr Pilger, und jetzt wissen Sie Bescheid, wer der alte Hartschmidt einmal gewesen ist vor langen Jahren, vor Ewigkeiten, wie es mir manchmal scheinen will, und Sie haben zugleich gelernt, daß auch ein Spaßmacher des Publikums ein Privatleben und eine Privatehre hat, wenn er auch abends im Zirkus Tölpeleien begehen und sich von irgendeinem Partner Ohrfeigen geben lassen muß.“
Stefan Pilgers Sympathie für den Mann mit dem gelben Bulldoggengesicht wuchs, und er reichte ihm die Hand, drückte sie fest.
„Lassen Sie sich doch öfters einmal hier bei mir sehen, Herr Hartschmidt. Das, was Sie getan haben, ist natürlich zu verurteilen, es wäre besser gewesen, Sie hätten den Lumpenkerl ordentlich verprügelt oder verprügeln lassen, aber verstehen kann ich Sie.“
Sie trennten sich wie Freunde, und verwundert sah ein Nachbar mit an, daß sich beide an der Gartentür mit langem Händedruck verabschiedeten.
Stefan Pilger entschied sich, selbst seiner Schwester, vor der er kein Geheimnis hatte, nicht von dem zu erzählen, was er über die Person Hartschmidts erfahren. Vielleicht sähe sie alles mit anderen Augen an als er.
Er berichtete ihr jedoch, daß Hartschmidt die Brosche Christa Dörfels vor seinem Garten gefunden und ihm ausgehändigt. Er zeigte sie ihr. Sie fand sie auffallend.
Stefan Pilger entschied sich, falls Christa sich auch morgen, Sonnabend, nachmittags nicht in seinem Garten sehen lassen würde, sie am Sonntag vormittag in der Mainzer Landstraße aufzusuchen, um ihr die Brosche zu bringen und sie selbst bei der Gelegenheit zu befragen, was ihr merkwürdiges Verhalten zu bedeuten hätte. Heimliche Angst quälte im sehr.
Seine Schwester stimmte ihm zu, den Sonntagsbesuch zu machen.
Christa Dörfel ließ sich auch am Sonnabend nicht im Garten sehen.
5.
Sonntagsfrieden lag über der alten Stadt am Main. Wie wundervoll still sind die Großstädte an Sonntagen, man erkennt sie kaum wieder. Alles darin geht gemächlich seines Weges, man glaubt sich in verträumten Provinzstädtchen zu befinden, man hat viel Zeit, hat den Peitschenknall: Tempo, Tempo! vergessen, und die Gesichter blicken froh entspannt.
Die Glocken riefen zur Kirche und kleine Kinder faßten die Hand des Vaters fester, der mit ihnen spazieren ging, während Mutti daheim das Sonntagsmahl bereitete.
Stefan Pilger hatte eben mit seiner Schwester gefrühstückt und kleidete sich nun besonders sorgfältig zum Ausgang an. Als er sich im Spiegel seiner Schlafstube betrachtete, war er mit sich zufrieden und auch seine Schwester bestätigte ihm: „Du siehst tadellos aus, lieber Junge, ich will dich durchaus nicht eitel machen, aber Christa Dörfel hat wirklich Glück, so einen wie dich gefunden zu haben!“ Sie setzte in ernsterem Ton hinzu: „Hoffentlich kann sie dir eine befriedigende Erklärung für all das geben, was uns äußerst befremdend vorkommen muß. Wenn sie das kann — und ich wünsche es dir — würde ich mich sehr freuen, auch offiziell ihre Bekanntschaft zu machen. Bis jetzt hat sie ja keine Ahnung, daß ich sie eigentlich schon kenne.“ Sie lächelte ein bißchen traurig. „Ich gebe dich, weiß der Himmel, nur schwer her, oller lieber Stefan, aber das Mädel gefällt mir auch und ich glaube, ihr paßt äußerlich ausgezeichnet zusammen, wie füreinander geschaffen.“
Stefan wollte erwidern: Ich glaube, wir passen auch innerlich ausgezeichnet zusammen! Aber er unterließ es, antwortete nur: „Es wird sich ja jetzt herausstellen, warum sich Christa so rätselhaft benahm und warum sie zu mir von ihrer Mutter wie von einer Lebenden sprach, während die Frau schon längst tot ist.“
Er gestand: „Mit einem Mal ärgert mich die unbegreifliche Unklarheit um sie herum tüchtig, bis jetzt suchte ich selbst noch nach allen möglichen Entschuldigungen für sie. Weißt du, Julchen, der Gang wird mir, genau besehen, gar nicht leicht, ich ahne —“
Sie lachte laut und lustig auf.
„Kümmere dich um des Himmels willen bloß nicht wieder um Ahnungen und Gefühle, Stefan, sondern schaffe lieber gründlich Klarheit, wie sie zwischen Menschen herrschen muß, die sich heiraten wollen. Ich gebe dir den Trost mit auf den Weg, Christa Dörfel ist im Grunde eine offenherzige anständige Natur, das erkennt man auf den ersten Blick, und was uns jetzt an ihr befremdend erscheint, kann sie sicher durch ein paar Erklärungen aus der Welt schaffen.“
Er sah sie dankbar an.
„Du verstehst mich, Julchen, ich danke dir!“
Kurz vor elf Uhr betrat er das Haus in der Mainzer Landstraße, das ihm seine Schwester beschrieben und dessen Nummer sie ihm genannt.
Das Haus war heute verschlossen, die Pförtnersfrau, die sich im Vorgarten zu tun machte, öffnete ihm, nachdem er erklärt hatte, zu wem er wolle.
Er stieg die Treppe hinauf und fragte sich, ob Christa sehr erschrecken würde über seinen Besuch. Aber nach allem, was zwischen ihnen gewesen ist, mußte sie doch wohl mit seinem Kommen rechnen.
Jetzt befand er sich im ersten Stock und las den Namen Christa Dörfel. Er sah, die Korridortür stand sogar offen, sie war nur leicht angelehnt. Irgend jemand mußte die Wohnung verlassen haben, der beabsichtigte, gleich wiederzukommen.
Unschlüssig verharrte Stefan Pilger, überlegte, ob er auf den Klingelknopf drücken solle oder nicht.
Vielleicht war es Christa, die für kurze Zeit die Wohnung verlassen hatte. Möglicherweise war sie zum Boden hinaufgegangen. Er glaubte von oben leichtes Hin- und Herschreiten zu hören.
Er stieß unwillkürlich gegen die Tür und sie öffnete sich weit vor ihm. Wie eine Einladung zum Eintreten wirkte das auf ihn.
Durfte er sich erlauben, einfach aufs Geradewohl einzutreten oder sollte er doch lieber klingeln? Irgendwer müßte dann doch kommen.
In der Wohnung unterhielt man sich. Stefan Pilger unterschied deutlich eine Männer- und eine Frauenstimme.
Ob Christa vielleicht einen Bruder hatte? fragte er sich.
Die Männerstimme verriet böse Stimmung, sie klang schroff und verärgert.
Stefan beabsichtigte bestimmt nicht zu lauschen, um was es da drinnen in einem der Zimmer ging, aber die Frauenstimme erinnerte ihn an Christas Stimme und wenn er, ohne durch einen Fingerdruck auf die Klingel seine Anwesenheit zu melden, weiter in den Wohnungsflur eintrat, so geschah das mehr unwillkürlich als absichtlich. Er konnte einfach nicht anders handeln.
Gerade eben schwoll die Stimme des Mannes zu jäher Heftigkeit an, er schrie: „Du bist falsch durch und durch, Christa, du betrügst mich. Ich weiß, daß du mich nicht liebst, du hast mir in letzter Zeit häufig genug erklärt, wir passen nicht zusammen, aber frei gebe ich dich deshalb doch nicht. Du hast meinen Ring genommen, du trägst ihn schon lange und jetzt wirst du meine Frau, ob du magst oder nicht, ich lasse mich nicht von einem Mädel zum Narren halten. Und die Firma hier wird aufhören, meine Verehrte, draußen auf meiner Klitsche werde ich schon dafür Sorge tragen, daß dir das Kokettieren mit jedem Laffen vergeht. Dafür bürge ich dir!“
Stefan Pilger war zumute, als ob ihn ein Unsichtbarer eben mit einem Kübel eiskalten Wassers überschüttet hätte. Er dachte jetzt gar nicht mehr daran, sich zu melden, vielleicht bekam er noch mehr zu hören und konnte daraus seine Folgerungen über Christa ziehen.
Eigentlich genügt wohl schon, was er bisher vernommen.
Die Frauenstimme bat: „Sei doch nicht so laut, Hansjörg, das alles ist doch unsere Angelegenheit und was du mir zuschreist, läßt sich auch leise sagen. Übrigens hast du es mir schon oft gesagt, viel zu oft und ich zweifle gar nicht daran, daß es dir damit bitterer Ernst ist.“ Mühsam unterdrückte Tränen gaben der Stimme einen rührenden Beiklang.
„Du quälst mich völlig sinnlos, dir fehlt dazu jede Berechtigung, Hansjörg, denn ich habe dich bis jetzt mit keinem Blick und keinem Wort betrogen. Du warst der erste Mann in meinem Leben, der mich geküßt hat, und kein Männermund außer dem deinen, hat bisher meine Lippen berührt. Das kann ich beschwören! Aber deine tolle Eifersucht hat längst das getötet, was ich für Liebe zu dir gehalten. Ich glaube sogar, richtige große Liebe war nie vorhanden, aber du machtest Eindruck auf mich, du gefielst mir und alles wäre auch gut gegangen, wenn du mich nicht seit einiger Zeit ständig mit deinen Eifersüchteleien gequält hättest, die allmählich anfangen, mir das Leben zu vergällen.“ Sie bat: „Gib mich doch frei, Hansjörg, laß uns im Guten auseinandergehen, und wenn du willst, Freunde bleiben. In einer Ehe können wir bestimmt nicht mehr glücklich werden!“
Stefan Pilger fühlte ein sonderbares, nie gekanntes Empfinden, das immer mehr Macht über ihn gewann.
Es war, als ob seine Glieder langsam erstarrten, als ob es ihm unmöglich wäre, auch nur die geringste Bewegung zu machen, selbst auf die Gefahr hin, die beiden, die da drüben hinter der breiten graulackierten Flügeltür stritten, könnten aus dem Zimmer treten und ihn als Lauscher überraschen.
Und so mußte er denn noch mitanhören, daß der Mann erklärte: „Es war der innigste Wunsch deiner Mutter, du sollst meine Frau werden, das weißt du so gut wie ich es weiß und nur, wenn ich selbst dich freigäbe, wärest du wirklich frei. Aber das tue ich nicht, das tue ich bestimmt nicht. Und mit deiner Lauferei ins Theater und in die Oper soll es auch Schluß sein, Christa. Es paßt mir nicht, daß du dort in aufreizenden Abendkleidern die Blicke fremder Männer auf dich ziehst. Es paßt mir nicht.“
„Ich bin Modezeichnerin, ich muß sehen und schließlich auch gesehen werden.“
Die Stimme brach ab und dann hörte man wieder heftige und laute Vorwürfe des Mannes.
Plötzlich fühlte Stefan Pilger eine Hand auf seiner Schulter, und als er sich mechanisch umsah, sah er sich einem reizenden jungen Mädchen gegenüber, in dessen Gesicht zuerst die klugen großen Augen auffielen, die ihn ernst musterten. Gleichzeitig neigte sich der hübsche Kopf ein wenig seitlich, als ob das Mädel flüchtig auf die erregten Stimmen lauschte.
Ohne noch ein einziges Wort zu verlieren, drückte das Mädel die Korridortür so leise wie möglich ins Schloß und zog Stefan Pilger einfach mit sich in das nächste Zimmer zur Rechten hinein.
Er folgte willig, ihm war von dem Gehörten zumute, als ob ihn jemand mit einem Knüppel über den Kopf geschlagen hätte.
6.
Stefan Pilger befand sich nun in Gesellschaft des jungen Mädchens in dem Zimmer, das ihm seine Schwester beschrieben hatte. Er sah die großen Scheibenschränke mit den Hüten, und wünschte sich weit fort von hier, bereute seinen Gang, denn jetzt glaubte er über Christa völlig im Bilde zu sein. Sie war verlobt und er begriff, daß sie absichtlich der Bekanntschaft mit seiner Schwester aus dem Wege gegangen war.
Sie hätte auch gar nicht anders handeln können, ohne die unangenehmsten Folgen fürchten zu müssen.
Noch glaubte er Christas Stimme zu hören, wie sie ihrem Verlobten beteuerte: Ich habe dich bis jetzt mit keinem Blick und keinem Wort betrogen. Du warst der erste Mann in meinem Leben, der mich geküßt hat, und kein Männermund außer dem deinen hat bisher meine Lippen berührt. Das kann ich beschwören.
So überzeugt das auch geklungen, war es doch alles Lüge gewesen. Keiner wußte das besser als er. Von ihm hatte sich Christa Dörfel küssen lassen und seinen Liebesworten hatte sie gelauscht und sie erwidert. Der Verlobte mochte sein wie er wollte, zur Eifersucht besaß er genügend Grund.
Er riß sich zusammen. Ein Stern war von seinem Himmel hinuntergefallen, ein schöner Traum hatte sich in nichts aufgelöst, seine Liebe lag in Scherben vor ihm.
Es wäre Zeitverschwendung, hier noch länger zu warten. Er hatte hier nichts mehr zu suchen.
Das blutjunge Mädel lächelte ihn zaghaft an.
„Wer sind Sie, mein Herr, und was wünschen Sie? Ich war ein paar Minuten oben in unserer Mansarde, um etwas zu suchen und habe aus Bequemlichkeit die Korridortür offen gelassen. Das war leichtsinnig von mir, denn Sie sind einfach eingetreten und haben ein bißchen von dem Spektakel gehört, den Hansjörg jeden Sonntag Vormittag mit meiner Cousine anstellt.“ Sie spottete: „Es ist ihm allmählich zur lieben Gewohnheit geworden. Leider hat Christa immer wieder Geduld mit ihm gehabt, aber ich glaube doch, jetzt hat sie es gründlich über, sich weiter piesacken zu lassen.“ Die klugen blauen Augen blitzten. „Mich sollte ein Mann so behandeln wie Hansjörg Christa behandelt, dem wollte ich heimleuchten! Aber Christa hört immer wieder mitleidig auf sein Betteln, wenn er bereut, nachdem er es wieder einmal zu toll getrieben.“ Sie atmete tief auf. „Ich erkläre Ihnen das nur, wenn es Sie auch nichts angeht, damit Sie nicht glauben, meine Cousine hätte dem Menschen jemals wirklich Grund zur Eifersucht gegeben. Wenn man nämlich so vom Korridor als Unparteiischer zuhört, könnte man das sogar glauben. Aber Christa ist die Reinheit und Wahrheit selbst.“
Stefan Pilger hätte ihr die Augen über Cousine Christas Reinheit und Wahrheitsliebe öffnen können, doch weshalb sollte er dem jungen vertrauensseligen Geschöpf den Glauben an das Ideal nehmen, das Christa für die hübsche Kleine zu sein schien.
Er erwiderte sachlich: „Sie fragten mich vorhin, wer ich sei und was ich wünschte. Ich hätte Fräulein Christa Dörfel gern persönlich etwas ausgehändigt, was sie letzthin verloren hat. Man übergab mir den Gegenstand für sie und ich übernahm es, ihn ihr zu überbringen.“
Das junge Mädchen meinte: „Ich kenne Christas Sachen natürlich nicht alle, darf ich vielleicht sehen, um was es sich handelt?“
Er holte aus seiner Brusttasche die in weißes Seidenpapier eingeschlagene Brosche hervor und überreichte sie ihr.
Das junge Mädchen zupfte das verhüllende Seidenpapier auseinander und das mit bunten geschliffenen Steinen übersäte Schmuckstück kam zum Vorschein.
Ein Weilchen betrachteten es die blauen Augen genau, dann erklärte der hübsche junge Mund: „Die Brosche ist wundervoll und könnte mir auch gefallen, aber ich erinnere mich nicht, sie bisher bei Christa gesehen zu haben. Es ist ein geschmackvolles Stück, keine Massenware. Es muß viel Geld gekostet haben. Aber Christa liebt das, was nicht jeder trägt.“
Sie fragte und es lag Mißtrauen in ihrer Frage: „Wer sind Sie eigentlich?“ Und als nicht gleich eine Antwort erfolgte, sagte sie: „Ich heiße Huberta Meister. Ein viel zu gediegener Name für mich, nicht wahr? Christa meint, ich sollte eigentlich Gustl Tralala heißen.“
Er mußte lächeln und ihm war doch so bedrückt ums Herz.
Er stellte sich vor: „Ich heiße Stefan Pilger.“ Er erklärte: „Ich weiß bestimmt, daß die Brosche Fräulein Dörfel gehört und von ihr in der letzten Zeit täglich getragen wurde, also daß sie die Brosche verloren haben muß. Ich möchte sie auf keinen Fall wieder mitnehmen. Geben Sie die Brosche Ihrer Cousine und bestellen Sie ihr zugleich, daß ich leider zufällig einen Teil ihrer sehr lebhaften Unterhaltung mit ihrem Verlobten mitanhören mußte, sie möge das entschuldigen, es wäre mir sehr peinlich. Aber ich glaube, es ist am besten, wenn ich mich jetzt empfehle.“ Er spöttelte, doch sie merkte den Spott nicht: „Wenn ich noch bleibe, stoße ich möglicherweise mit dem eifersüchtigen Herrn zusammen und gerate in den Verdacht, ein Freund Fräulein Dörfels zu sein.“
Er machte ein paar Schritte, doch blieb er wieder stehen, denn eben wurde draußen eine Tür zugeschlagen und ein fester Männerschritt auf dem Korridor laut, gleich darauf flog auch die Korridortür heftig ins Schloß.
„Jetzt ist Hansjörg gegangen“, sagte Huberta Meister, „und ein paar Tage lang läßt er sich nach solchen Szenen nicht blicken. Er entfernt sich immer so wirkungsvoll in letzter Zeit. Und nun noch einen Augenblick, mein Herr, ich werde nach meiner Cousine sehen und sie gleich wegen der Brosche befragen.“
Schon befand sich Stefan Pilger allein.
Er überlegte, ob er sich nicht einfach davonschleichen solle. Aber wiederum reizte es ihn, Christa noch einmal zu sehen, ihr gegenüber zu stehen, die ihn so bitter enttäuscht hatte.
7.
Huberta fand Christa in finsteres Nachdenken versunken. Sie stand in der Nähe des Fensters und schien nicht einmal ihren Eintritt bemerkt zu haben. Huberta hüstelte, entriß sie auf diese Weise ihrem Grübeln.
Christa murmelte: „Ich glaube, es würde mir sehr gut tun, wenn ich noch ein Weilchen allein bleiben könnte, Huberta, bei dir darf ich wohl auf das nötige Verständnis für meine ziemlich flaue Stimmung hoffen. Hansjörg hat mir wieder ohne jeden Grund abscheulich zugesetzt. Ich ertrage das nicht mehr lange.“
Huberta, streichelte sie zärtlich.
„Mach dich doch frei von ihm, Christa! Was nicht geht, das geht eben nicht, du würdest ja eine Sünde gegen dich selbst begehen, wenn du seine Frau werden wolltest. Du bist so eine sonnige Frohnatur und findest immer schnell dein inneres Gleichgewicht wieder. Wer dich nicht ganz genau kennt, merkt dir gar nicht an, was du mit dir herumträgst. Gegen die Kundschaft bist du immer gleichmäßig liebenswürdig und aufmerksam und alle mögen dich gern. Du kannst Anspruch auf den allerbesten Mann machen. Hansjörg aber hat sich letzthin zum Patentekel entwikkelt, er braucht eine Frau, die den Menschenquäler ordentlich an die Leine nimmt, eine, die Haare auf den Zähnen hat. Klein und bescheiden müßte er werden.“
Ihre Augen blitzten. „Sei überzeugt, mit mir dürfte er die Mätzchen nicht machen, aber du bist schon viel zu verdattert zur richtigen Gegenwehr, wie er sie nötig hätte.“ Sie schob Christa die Brosche in die Hand. „Da, guck mal, das hat eben ein Herr gebracht, das sollst du verloren haben. Ich kenne diese Brosche nicht, aber vielleicht gehört sie dir doch!“
Christa Dörfel wickelte ohne besondere Neugier das Papier auseinander. Natürlich konnte man einmal etwas verlieren, ohne es gleich zu vermissen.
Sie blickte auf das glitzernde Füllhorn nieder, hob es vor die Augen.
„Eine wunderhübsche Brosche!“ lobte sie lässig, „aber mir gehört sie nicht. Gib sie also dem Herrn wieder und bestelle ihm, es handle sich um einen Irrtum.“
Sie reichte die Brosche zurück, wollte sich abwenden.
Huberta sagte lebhaft: „Ich habe dem Herrn schon erklärt, soviel ich wüßte, besäßest du eine solche Brosche nicht, aber er behauptet, er wüßte genau, daß du diese Brosche in letzter Zeit täglich getragen hättest. Deshalb ist es wohl am besten, du sagst ihm das selbst, was ich ihm bestellen soll. Mir glaubt er es vielleicht doch nicht.“ Sie raunte: „Es ist ein sehr sympathischer und netter Herr. Eigentlich wollte er vorhin schon gehen, er hat nämlich allerlei von Hansjörgs Schreierei mitangehört und ich habe ihn im Verkaufsraum festgehalten, damit er dem dämlichen Hansjörg nicht gerade in die Quere laufen sollte, sonst hätte der schließlich sogar in dem Fremden einen Anbeter von dir zu sehen geglaubt. Er hat sich vorgestellt, der Fremde, aber sein Name ist mir wieder entfallen, ich glaube er hieß ,Eremitʻ. Ach nein Mönchʻ oder so ähnlich.“
Christa fuhr mit der Rechten ordnend über ihr Haar und entschloß sich: „Ich werde selbst mit dem Herrn reden. Peinlich genug, daß ein Fremder Ohrenzeuge der Szene geworden ist, die mir Hansjörg wieder als Sonntagsfeierstunde beschert hat.“ Sie reckte den schlanken Körper und brachte sogar ein Lächeln zustande. „Gib die Brosche wieder her, ich werde mit diesem Herrn Eremit oder Mönch reden, ich bin allerdings in einer Stimmung, allen Männern Fehde anzusagen.“
Sie bat: „Komm nicht mit, Huberta, ich möchte den Herrn so schnell wie möglich hinauskomplimentieren.“
Huberta blieb zurück und Christa betrat das große Zimmer mit den Scheibenschränken.
Stefan Pilger erhob sich bei ihrem Eintritt von einem Stuhl und verneigte sich leicht, wartete eine Anrede ab.
Christa erwiderte den Gruß.
„Ich danke Ihnen für Ihre Bemühungen, mich wieder in den Besitz eines wertvollen Schmuckstückes bringen zu wollen, mein Herr, aber die Brosche gehört mir nicht. Ich möchte fast sagen ,leiderʻ, denn sie ist sehr hübsch.“
Stefan Pilger blickte die junge Dame erstaunt an.
„Ich habe Fräulein Meister erklärt, daß Fräulein Christa Dörfel die Brosche verloren hat.“
Die schlanke Blondine blickte ebenfalls erstaunt.
„Ich heiße Christa Dörfel, mein Herr.“
Er zog die Brauen zusammen und fragte: „Dann gibt es eben noch eine andere Christa Dörfel. Die ich kannte, hat mit Ihnen nicht die geringste Ähnlichkeit. Haben Sie eine Schwester?“
Christa verneinte die Frage.
„Erstens habe ich keine Schwester und falls ich eine hätte, würde sie wohl kaum auf denselben Vornamen wie ich getauft sein, das ist im allgemeinen nicht üblich.“
„Nein, das ist im allgemeinen nicht üblich“, gab er zu und stand nun einem neuen Rätsel gegenüber. Die Christa Dörfel, die er kannte und liebte, die ihn geküßt und die er gebeten, seine Frau zu werden, hatte außer der schlanken Figur und dem wunderschönen Haar, nichts gemeinsam mit der Christa Dörfel, die ihn immer fragender anblickte.
Er wußte wirklich nicht, was er jetzt denken sollte und es blieb ihm nur die Möglichkeit anzunehmen, die Christa Dörfel, die sich ihm gegenüber so genannt, mußte in Wirklichkeit anders heißen. Sie hatte ihn aus irgend einem Grund von Anfang an belogen und gewußt, daß sie bald wieder aus seiner Nähe verschwinden würde.
Sie hatte gar nicht im Ernst an eine Ehe mit ihm gedacht und als er ihre Bekanntschaft mit seiner Schwester vermitteln wollte, war sie, genau wie es Julie aufgefaßt, der Begegnung ausgewichen. Ihr lag nichts an der Bekanntschaft seiner Schwester, da sie fürchten mußte, ihr Schwindel würde sich dann nicht mehr lange halten können.
Er war weder schauspielerisch noch diplomatisch begabt, nur zu deutlich konnte Christa von seinem Gesicht ablesen, daß er sich in großer Verwirrung befand.
Sie meinte: „Es scheint Sie sehr zu enttäuschen, daß ich keine Schwester habe, die ebenfalls Christa heißt. Aber ich habe überhaupt keine Schwester und soviel ich weiß, heißt in ganz Frankfurt niemand mehr Christa Dörfel, wenigstens im Adreßbuch bin ich die einzige, das steht fest.“
Er seufzte und sagte ergeben: „Ich muß mich eben damit abfinden, daß es sich so verhält. Ich sehe ein, man hat sich entweder einen törichten Scherz mit mir erlaubt, oder es handelt sich um einen mir bis jetzt unerklärlichen Irrtum. Also verzeihen Sie meinen Besuch, Fräulein Dörfel, ich bedauere sehr, Sie gestört zu haben.“
Christas schmales Gesicht zeigte lebhaftere Farbe als vorhin.
„Bleiben Sie doch noch, Herr —?“
Sie sah ihn fragend an, sie wußte nun noch immer nicht, ob er Eremit oder Mönch hieß, Huberta hatte die Beantwortung dieser Frage offen gelassen.
Er lächelte höflich: „Pilger heiße ich, Stefan Pilger.“
Christa dankte. „Hören Sie, Herr Pilger, bitte, bleiben Sie doch noch ein wenig, denn eigentlich sind Sie mir wohl eine Erklärung schuldig.“
Sie bot Platz an und er setzte sich, nachdem auch sie sich gesetzt hatte.
Sie sprach weiter: „Soviel ist mir klar, Sie kennen jemand unter meinem Namen und kamen hierher, um diese andere Christa Dörfel zu treffen. Also waren Sie überzeugt, sie wohnt hier. Verzeihen Sie, doch ich muß annehmen, eine Fremde hat sich zu irgendwelchem Zweck meines Namens bedient, und es darf mir niemand verübeln, wenn ich nun wissen möchte, zu welchem Zweck. Es könnte doch aus unlauteren Beweggründen geschehen sein und mir Schaden daraus erwachsen. Wenn Sie mich jetzt einfach ohne die geringste Erklärung verlassen, würde ich sehr beunruhigt sein. Sie wollten mir zwar eine sehr wertvolle Brosche zurückbringen, die Eigentum jener Christa Dörfel sein soll, aber nach Ihnen könnte ein anderer Herr kommen und behaupten, Christa Dörfel hätte irgendwelche Schwindeleien in Szene gesetzt, wofür ich gerade stehen soll. Ich kenne Ihre Christa Dörfel nicht, doch wünsche ich zu wissen, was für einer Sorte von Menschenkindern sie angehört.“
Stefan Pilger antwortete: „Ich sehe ein, Sie haben vollkommen recht, doch bin ich mir nicht recht klar, welche Auskunft ich Ihnen geben soll. Ich weiß selbst nur wenig von dem Mädchen.“ Er berichtete ehrlich: „Ich lernte zufällig eine junge Dame kennen, deren Haar dem Ihren sogar sehr gleicht, die aber sonst keine Ähnlichkeit mit Ihnen hat. Sie nannte mir, als ich ihren Namen wissen wollte, den Namen Christa Dörfel und erzählte mir, ihre Mutter besäße ein Damenhutatelier in der Mainzer Landstraße, in dem auch sie mitarbeite. Sie wäre die beste Arbeiterin in diesem Geschäft und ihre Mutter würde deshalb nur schwer ihre Erlaubnis zu unserer Ehe geben.“
Er konnte ein bitteres Lachen nicht unterdrücken. „Warum mir die Betreffende den Bären aufgebunden hat, entzieht sich bis jetzt noch meiner Kenntnis.
Christa Dörfel beobachtete, wie schwer es dem Mann wurde, ihr diese Mitteilung zu machen.
Sie schüttelte den Kopf. „Das klingt nach Abenteuer und Hochstapelei. Hat sich diese Dame, verzeihen Sie, finanzielle Vorteile von Ihnen verschafft oder zu verschaffen versucht?“
Er verneinte fast heftig.
„Dergleichen traue ich ihr nicht zu. Ich halte es für völlig ausgeschlossen, daß sie bei mir finanzielle Vorteile im Auge hatte, doch es ist mir unerklärlich, weshalb sie mich belog.“
Der warme mitleidige Blick der ihm Gegenübersitzenden machte ihm das Sprechen leichter und er erzählte wahrheitsgetreu sein Erlebnis mit der Dame bis zu ihrem befremdenden Verschwinden und dem Fund der Brosche.
Christa Dörfel stand ganz im Bann seiner Erzählung, die sie seltsam fand und wert, sich ein wenig den Kopf darüber zu zerbrechen.
Sie fragte: „Anscheinend halten Sie die Brosche nur für eine nette Nachbildung, Herr Pilger?“ Er bestätigte es.
Sie wurde eifrig: „Bewahre, das ist ein Irrtum, von Steinen verstehe ich genügend, die Brosche besteht aus schwerem Gold, Platin, Brillanten, Smaragden, Rubinen, Saphiren und so weiter. Sie kostet sicher eine Menge Geld.“
„Das tut mir aber leid, weil ich sie dann leider nicht daheim einfach in irgendeinen Schubkasten legen darf, damit sie mir zunächst nicht mehr vor die Augen kommt, oder noch besser, wie ich vorhin schon erwog, irgendwo ins Wasser werfen darf, was mir noch lieber wäre. Ich schätzte es auf zehn, allerhöchstens aber auf zwanzig Mark.“
Christa lächelte nachsichtig wie über eine kindliche Äußerung.
„Nein, wegwerfen dürfen Sie die Brosche nicht, sie auch nicht in irgendeinen Kasten zur Vergessenheit verurteilen. Ich glaube, dadurch würden Sie sich einer Fundunterschlagung schuldig machen. Der Gegenstand ist dazu eben viel zu wertvoll.“
„Aber um des Himmels willen, was soll ich denn sonst mit dem Ding anfangen?“ fragte er nervös.
„Das dürften Sie doch selbst wissen, das ist doch das einfachste von der Welt“, gab sie mit leichtem Vorwurf zurück. „Sie müssen den Fund auf dem Fundbüro abgeben, alles Weitere findet dann von selbst.“
„Soll ich auf dem Fundbüro vielleicht auch erzählen, was sonst noch alles mit der Brosche zusammenhängt?“ fragte er mit deutlicher Bitternis.
Sie sah ihn mit gütigen Augen an.
„Das kümmert die Beamten des Fundbüros ja gar nicht. Sie brauchen auf dem Büro nur anzugeben, wann und wo die Brosche gefunden wurde, aber nicht, wer sie nach Ihrer Meinung verloren hat.“
Er erhob sich langsam. „Es ist schön, ich werde das tun, denn einer Fundunterschlagung möchte ich mich nicht schuldig machen und eigentlich fand ein Gartennachbar von mir das Stück. Doch ich darf Sie nicht länger aufhalten, Fräulein Dörfel, habe es sowieso schon zulange getan.“ Ihm fiel etwas ein: „Befindet sich unter Ihrem Bekanntenkreis keine junge Dame, der Sie den Mißbrauch Ihres Namens zutrauen würden? Es muß sich doch um eine Person handeln, die Ihren Namen und Ihre Wohnung kennt.“
Christa schüttelte lebhaft den Kopf. „Ich wüßte keine Dame, der ich diese Unverschämtheit zutraue. Am liebsten brächte ich die Angelegenheit bei der Polizei vor.“
Er bat dringend: „Tun Sie das nicht, mir wäre das schrecklich unangenehm, wie Sie wohl begreifen, und reale Verluste sind weder Ihnen noch mir entstanden.“
Christa bat: „Wenn Sie noch etwas hören sollten, was mit der Sache in Verbindung steht, dann machen Sie mir doch bitte Mitteilung. Schließlich geht es mich auch an, weil mein Name mißbraucht wurde, und wenn mir etwas einfallen sollte, was Ihnen als Fingerzeig für Nachforschungen dienen könnte, verspreche ich, Ihnen Mitteilung davon zu machen. Nennen Sie mir, bitte, Ihre Wohnung, Herr Pilger.“
Er tat es sofort und sie notierte auch seine Telefonnummer. Er verabschiedete sich und ging, verwirrt von dem Rätsel, das jetzt die schöne Blondine umgab, die sich so innig in seine Arme geschmiegt und seine Küsse zo zärtlich und hingebend erwidert.
So zärtlich und hingebend, daß es ihm unfaßbar schien, sie hätte ihn auch nur im geringsten belogen. Und doch hatte sie es getan. Alles um sie herum war Lüge gewesen.
Wo mochte sie, die sich für ihn mit falschem Namen getarnt, jetzt sein? Sie, die plötzlich wie ein herrliches Wunder, wie das größte Glück in sein Leben getreten, um dann ebenso plötzlich, stumm und geheimnisvoll, wieder daraus zu verschwinden.
8.
Gleich einem Menschen, der die Erinnerung an einen bösen lastenden Traum mit sich herumschleppen muß, von dem er sich nicht frei zu machen vermag, trat Stefan Pilger den Heimweg an, der ziemlich lang war und in den er noch Umwege einschaltete. Er hätte es nicht über sich gebracht, in eine Straßenbahn einzusteigen.
Er hatte das unangenehme Empfinden, jeder ihm Gegenübersitzende müsse ihm vom Gesicht ablesen können, daß er ein genasführter Liebhaber war.
So kam er denn reichlich spät zu Tisch. Seine Schwester, die von selbst die Sonntagstischzeit viel später angesetzt hatte und ein bißchen verstimmt auf Stefan wartete, brachte aber nicht das kleinste Wort des Vorwurfs über die Lippen, so verstört waren seine Züge, als er endlich heimkehrte.
Sie fragte ihn nichts, sagte beinahe zärtlich mütterlich: „Wir können sofort essen, Jungchen. Es gibt heute deine Leibspeise, Brühe, Schnitzel mit verschiedenen Gemüsen und Apfelsinenpudding.“
Er nahm den Hut ab und ein mattes Lächeln zuckte um seinen Mund.
„Liebe gute Julie, ich glaube, ich brächte jetzt keinen Bissen hinunter, mir ist eher zumute, als ob ich schon gegessen hätte, und sogar viel zu viel.“
Zorn brach plötzlich wie eine Stichflamme durch all den Schreck und das Staunen und die Wirrnis, die ihn erfüllten.
„Belogen und betrogen hat mich das Mädel, in dem ich schon meine zukünftige Frau gesehen. Der Himmel mag wissen, ob es überhaupt ein Mädel war. Vielleicht handelt es sich um ein abenteuerlustiges reiches verheirates Weib, dem es zu gut geht und dem es gejuckt hat, einen dummgläubigen Mann den Kopf zu verdrehen. Reich muß das Dämchen wohl sein, denn die Brosche schätzt eine Dame, die etwas davon zu verstehen scheint, ziemlich hoch ein.“
Julie klopfte ihm burschikos auf die Schulter.
„Aus deinen Reden werde ich natürlich nicht klug, aber das ist ja auch zunächst nicht das Wichtigste. Komm, versuche mir zu Liebe eine Kleinigkeit zu essen, oder wenns noch nicht gehen sollte, trinke wenigstens ein Glas Wein oder kippe einen Schnaps runter. Es ist ein famoser reiner Nordhäuser da.“
Er nickte ihr zu: „Das ist vielleicht eine gute Idee.“
Sie gingen in das Wohnzimmer, in dem die Fenster weit offen standen. Die Luft zog stark und doch lind her von den Taunusbergen, die man bei klarem Wetter von hier aus sehen konnte. Es war ein gemütliches Zimmer mit neumodischen bequemen Sesseln und einem Sofa, dessen gute Roßhaarpolsterung sich Jahrzehnte hindurch als standhaft erweisen würde.
In die eine Sofaecke drückte Julie den Bruder.
„So, nun mach dich erst mal frei von der Last auf deinem Herzen, du weißt doch: Geteiltes Leid ist halbes Leid!“
Er schlug mit der Faust auf den runden Sofatisch: „Und geteilte Wut ist doppelte Wut. Na, warte nur ab, Julie, wie du fauchen wirst, wenn du erst weißt, was ich weiß und was ich in der Mainzer Landstraße bei deiner neuen Modistin hören mußte.“ Er schimpfte: „Sentimental habe ich die Neuigkeit zunächst aufgenommen, aber jetzt sehe ich sie schon mit anderen Augen an. Entschuldige, aber kotzübel ist mir davon, wie ich jetzt merke.“
Sie setzte sich neben ihn. „Fang doch nur mit deinem Bericht an, denn jetzt bin ich wirklich sehr gespannt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß die wirklich sympathische Christa Dörfel dir keine beruhigende Erklärung für ihr Nichtkommen gegeben haben sollte.“
Er ließ sie, die weitersprechen wollte, nicht dazu kommen, sondern schrie wütend: „Diese wirklich sympathische Christa Dörfel, deren Bekanntschaft du durch denn Hutkauf schon gemacht und die auch ich heute kennenlernte, ist auch mir sehr sympathisch, aber sie hat nichts mit der jungen Dame zu tun, die ich in unserm Garten als Christa Dörfel kennenlernte. Sie sind zwei völlig verschiedene Personen. Beide haben zwar ähnliches Haar, aber sonst hat die echte Christa Dörfel, die in der Mainzer Landstraße wohnt, nicht das geringste zu tun mit der anderen. Sie kann sich nicht einmal denken, wer ihren Namen entlehnt hat, um mich damit zu beschwindeln. Und wie schon vorhin erwähnt, soll die Brosche, das Füllhorn, echt und sehr wertvoll sein.“
Julie sah den Bruder ungläubig an.
„Das klingt doch eigentlich beinah albern. Was sollte denn die — na sagen wir mal vorläufig ,die Fremdeʻ damit beabsichtigt haben, dich verliebt zu machen und sich einen falschen Namen umzuhängen, dessen wirkliche Trägerin es sogar hier in Frankfurt gibt, um dann zu verschwinden? Das wäre doch völlig sinn- und zwecklos, nicht wahr? Oder hat sie dich etwa angepumpt?“
„Bewahre“, wies er die letzte Frage zurück. „Sinn und Zweck dieses sonderbaren Tuns der Dame mit dem falschen Namen ist aber vielleicht nur uns verborgen geblieben, denn irgend etwas muß sie beabsichtigt haben. Ihre Liebe kann ich nun beim besten Willen nicht mehr ernst nehmen, und ich Narr glaubte so fest an diese gegenseitige Liebe auf den ersten Blick.“
Er war zuletzt ein wenig ruhiger geworden und berichtete ausführlich über seinen Besuch in dem Haus der Mainzer Landstraße.
Julie hörte aufmerksam zu und warf nur einmal bedauernd dazwischen: „Die hübsche Christa Dörfel tut mir sehr leid, daß sie an so einen eifersüchtigen Mann geraten ist. Diese Ehe ist doch schon, bevor sie geschlossen wird, dazu bestimmt, unglücklich zu werden.“
Sie unterhielten sich noch geraume Zeit, dann unterbrach Julie plötzlich den Bruder: „Du, Stefan, wir haben ja ganz den Nordhäuser vergessen!“
Er winkte ab: „Laß nur, ich möchte jetzt keinen mehr, ich will lieber versuchen, etwas zu essen.“
Julie erhob sich und rief ihn dann bald zu Tisch in das Eßzimmer.
Leise und traurig sagte Stefan Pilger: „Im Geiste habe ich ,Christaʻ hier drinnen schon schalten und walten sehen und am Tisch sitzen mit mir bei gemeinsamem Mahl, und wenn ich jetzt an sie denke, dann ist es mir, als ob sie körperlos geworden wäre. Wie durch graue Nebelschleier sehe ich ihr Gesicht und wenn ich denke ,Christaʻ, dann fallen mir fast zugleich ein Dutzend anderer Frauennamen ein, von denen ihr einer gehören könnte.“ Er ballte die Hände zu Fäusten. sprach wieder lauter und sehr zornig. „Wenn ich nur wüßte, wo ich sie suchen sollte, um ihr meine Verachtung in das schöne glatte Gesicht zu schleudern.“
Julie bat: „Rede dich nicht wieder in Wut hinein. Wenn ich auch der Ansicht bin, die Fremde ist zu verurteilen, möchte ich dir doch raten, auch den Gedanken nicht ganz zu verwerfen, daß vielleicht doch noch eine befriedigende Aufklärung auf dich wartet. Möglicherweise steckt hinter dem, was wir nicht verstehen und was uns empört, doch etwas, das wir sofort verstehen würden, wenn wir es wüßten. Vielleicht ist nur der Schein gegen die Fremde.“
Stefan antwortete heftig: „Lüge ist immer zu verwerfen! Ich vermag mir keinen Grund vorzustellen, den dieses Mädel oder diese Frau als Entschuldigung vorbringen könnte, um sich dadurch wirklich zu entlasten. Sie hat mir sehr übel mitgespielt!“ Er spöttelte: „Es war eine reichlich romantische Liebe, die in unserm Kleingarten begann und endete.“ Er bat: „Wollen ein Weilchen nicht mehr von dem häßlichen Erlebnis reden, damit ich wenigstens eine Tasse Brühe hinunterbringen kann.“
Julie tat der Bruder sehr leid, sie sah, wie er sich anstrengte, etwas zu sich zu nehmen, und sie sah auch, wie tief heute die sonst so schwache Falte auf seiner Stirn war.
Sie stellte auf Stefans Wunsch den Radioapparat ein und eine klangvolle Männerstimme sang eben:
Schenkt man sich Rosen in Tirol,
weiß man, was das bedeuten soll.
Man schenkt die Rosen nicht allein,
man gibt sich selber mit darein!
„Stell ab“, bat Stefan heftig und die Gabel, mit der er eben ein Stück Braten zum Mund führen wollte, entfiel seiner Hand.
Er sprang auf. „Es ist beinahe Tierquälerei, dies Mittagsmahl, Julchen. Entschuldige, aber ich brauche ein paar Stunden des Alleinseins, um erst wieder in Form zu kommen.“
Julie verstand ihn. „Geh nur in dein Zimmer, Stefan. Und wenn du dich innerlich ein bißchen mit allem auseinandergesetzt hast, dann komm wieder. Ich möchte dir so gern beistehen, aber mit Worten gelingt das nicht, und sonst weiß ich auch keinen Rat, die Zeit muß dir helfen!“
Er nickte ihr zu, er wußte, wie gut sie es mit ihm meinte. Er ging in sein Schlafzimmer, zog eine Hausjoppe an und steckte sich eine Zigarette an. Erst jetzt, da er allein war, empfand er mit voller Klarheit, was ihm geschehen. Er fühlte beinahe körperlichen Schmerz bei dem Gedanken, daß er sie, der er seine erste große Liebe geschenkt, wahrscheinlich niemals wiedersehen würde. Er glaubte sicher zu wissen, sie war für immer aus seinem Leben gegangen, aber der Glanz eines sehr kurzen beseligenden Glücks würde für immer verdunkelt werden von dem Gewölk unverständlicher Lügen.
Er lief durch sein Zimmer wie ein aufgezogener Automat, immer hin und her, acht Schritte vorwärts und acht Schritte zurück, dann warf er sich auf die Couch und starrte zur weißen Zimmerdecke hinauf, als erwarte er, eine Zauberhand würde ihm dort oben die Lösung des Rätsels aufschreiben, das die falsche Christa umgab.
Plötzlich richtete er sich so jäh auf, als ob ihn jemand emporgerissen hätte. Ein Gedanke war quälend in ihm wach geworden, ein unheimlicher und belastender Gedanke.
Vor drei Tagen, um vier Uhr nachmittags hatte er die falsche Christa in seinem Garten erwartet und mit ihm hatte Julie gewartet, um die zukünftige Schwägerin kennenzulernen. Er hatte schon lange vorher am Zaun gestanden, die Erwartete hätte nicht ungesehen an ihm vorbeigehen können. Frau Merten behauptete nun, sie kurz nach dreiviertel vier Uhr gesprochen zu haben, ein paar Minuten danach mußte sie vor dem Garten Hartschmidts gewesen sein, der ungefähr in der Mitte zwischen dem Mertenschen und seinem Garten lag.
Also war aufs Neue die Frage entstanden: Wo konnte die von ihm und seiner Schwester Erwartete geblieben sein, da sie den Weg weder in der Richtung der einen Landstraße, noch in der Richtung der anderen verlassen hatte?
Weil sich die echte Christa in ihrem Heim befand, schloß das nicht aus, daß die falsche auf unerklärliche Weise verschwunden war.
Der Gedanke jagte ihm das Blut wie toll durch die Adern, sein Herz klopfte in harten Schlägen, seine Pulse hämmerten.
Eine Lügnerin, eine falsche Person war verschwunden, aber er hatte ihr sein Herz gegeben und das hatte sie mitgenommen.
Wo befand sich die Fremde, auf welche Weise konnte sie am hellen Tag auf einem Weg verschwinden, von dem keine Seitenwege abzweigten?
Die gleiche Frage, die ihn schon einmal bedrängt, war wieder da und wies ihn in neue Nöte. Er lief zur Schwester, sprach ihr von dem, was ihm förmlich den Atem nahm.
Er erklärte: „Ich werde also wohl doch zur Polizei gehen müssen um anzuzeigen, daß ein Mensch verschwunden ist. Das muß ich doch tun. Schließlich könnte ein Verbrechen geschehen sein. Ich darf da keine Rücksicht auf Fräulein Dörfel nehmen, auch hat sie im Grunde genommen, wenig mit der ganzen Angelegenheit zu tun, und sie sprach sogar selbst von der Polizei. Auch wegen der Brosche ist es besser, die Polizei zu benachrichtigen, da sie kostbar sein soll.“
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