Читать книгу: «Tiefenlager»
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Gestaltung & Satz: philotypen
eISBN: 978-3-88423-650-5
Annette Hug
Tiefenlager
Roman


Große Einsiedler verbergen sich in der Stadt
Wang Kangju
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
1.
Bald werden wir in Ruhe arbeiten. In neuen Häusern. Dort beginnen wir nicht von vorn, denn die Ordensregel steht. Sie ist aus unseren Fehlern gewachsen. Auch die Zahlen stimmen. Was wir einander bisher zugeflüstert oder vorgetragen, was wir aufgeschrieben, berechnet oder gesungen haben, auch was wir uns immer wieder ausgemalt haben, stelle ich hier zur Verfügung.
2.
Mit einem glücklichen Zufall hatte alles begonnen. Hongkong war der perfekte Ort dafür, denn dort kreuzten sich viele Wege. Es war ein Kommen und Gehen aus allen Richtungen. Zwischen den Wolkenkratzern des zentralen Bezirks besetzten Frauen in Freizeitkleidung die Gehsteige, die Parkanlagen, Sitzbänke, die Unterführungen und die abgesperrte Chater Road. Sie saßen auf Pappkartons und in Zelten, hatten sich in Decken gewickelt und mit Mützen bewehrt gegen den Wind, der im Januar richtig kalt geworden war. Eine seltsame Thermik sorgte dafür, dass die Böen zwischen den hohen Fassaden abfielen, aber auch waagrecht über den Teer fegten. Die Fußgängerpassage unter dem Turm von HSBC wurde zum Windkanal.
Die Frauen in Freizeitkleidung waren Hausangestellte und kamen aus den südlichen Nachbarländern. Sie hatten jeden Sonntag frei, aber keine eigenen Räume, um sich darin aufzuhalten. Also verbrachten sie Stunden im Zentrum der Stadt. Sie saßen nicht nur auf, sondern auch zwischen Pappkartons. Wände wurden aufgerichtet und mit dem Kartonboden vernäht, man versammelte sich in dachfreien Zimmern. Und doch auf offener Straße. Leises Gemurmel war zu hören und Musik aus verstärkten Mobiltelefonen, oft brach in einem Kabäuschen Gelächter aus.
Auch ein Tunnel, der die Chater Road mit der Uferpromenade verband, war dicht besetzt. Frauen massierten sich gegenseitig. Thermoskannen und Ghettoblaster heizten die Luft auf. Wer wollte, nahm einen Aufzug, um aus der Menschenmenge in die Höhe zu gelangen. Eine Passerelle gab den Blick frei auf das Ufer und das aufgeraute Wasser der Bucht. Dahinter erhoben sich die matt glänzenden Fassaden von Kowloon. Rolltreppen führten von der Passerelle hinab auf Rasenflächen. Auch dort saßen Leute eng beieinander und duckten sich. Größere Gruppen trotzten dem Wind und der Kälte durch Bewegung. Streng choreographiert und trotzdem elegant sprangen sie auf, warfen die Arme von sich, schwangen den Kopf hin und her und traten an Ort. Der Wind zerschlug die Musik, zu der sie tanzten.
Vier Gestalten nah am Ufer hoben sich still von allen anderen ab. Ihre Bewegungen passten nicht in die Szenerie. Da turnte jemand vor, der an einen chinesischen Stadtpark in den frühen Morgenstunden erinnerte. Schwer zu sagen, wie alt die Person war; eine grellblaue Strähne fiel über ihr kurz geschnittenes, schwarzes Haar. Die Arme bewegte sie unerhört langsam hin und her, waagrecht auf Schulterhöhe, auch im Rumpf drehte sie sich nach links, dann wieder nach rechts. Übungen, die sonst nur von Rentnerinnen und Rentnern ausgeführt wurden, brachten eine seltsame Ruhe in den Wind und in die verschepperte Musik. Wobei die drei Frauen, die alles nachturnten, aus dem Takt fielen. Eine täuschte sich in der Richtung, eine andere hob den falschen Fuß. Dank der Leiterin strahlte das Grüppchen trotzdem Geschlossenheit aus.
Über eine Rolltreppe kam eine Frau im Hosenanzug auf die Rasenfläche, bewegte sich in ungeeignet eleganten Schuhen über den Rasen und reihte sich hinter der Frau mit der grellblauen Strähne ein. Ihre Handtasche sank zu Boden, bevor sie mit den andern in die Knie ging, die Beine weit auseinander. Bald gerieten auch ihr die Richtungen und Füße durcheinander.
Als die Vorturnerin ihre Übung beendet hatte, drehte sie sich um und stockte, sah die Fremde in ihrer Gruppe überrascht an. War das Pierina, Pina – oder hieß sie Petra? Wie kam sie auf einen Rasen in Hongkong?
»Betty Wang?«, fragte die Frau im Hosenanzug. Sie hieß tatsächlich Petra.
Vor langer Zeit hatte sie sich in Manila mit Kleinstkrediten beschäftigt, mit mühsam berappten Darlehenskassen in Armenvierteln. Im Hinterzimmer eines gekühlten Büros hatte sie Zahlen von Handlisten in Excel-Tabellen übertragen, Anträge und Auswertungen in europäischen Jargon übersetzt. Neben ihr war damals eine Studentin der Krankenpflege gesessen, die für etwas Geld Protokolle abtippte. Betty Wang. Beide waren knapp über zwanzig. Der Kalte Krieg war gerade zu Ende gegangen.
Ein Vierteljahrhundert später zogen sie von der grünen Uferpromenade Hongkongs in einen Kaffeeladen. In einer verborgenen Nische saßen sie zwischen Bücherregalen und versuchten sich zu erinnern. Als sie sich kennengelernt hatten, war in der Nähe von Manila gerade ein Vulkan ausgebrochen. Eine seltsame Stille hatte sich auf die Stadt gelegt. Die Haare von Menschen, die sich im Freien aufhielten, färbten sich weiß. Ströme von Schlamm begruben Dörfer unter sich. Amerikanische Kampfflugzeuge, die unter dem Vulkan stationiert waren, verloren ihre Konturen unter dichtem Grau. In jenen Tagen hatten Betty und Petra in einem Bus gesessen, der über Land fuhr. In Hongkong erinnerten sie sich an kein Ziel. Nur ans Wippen auf den gefederten Sitzen. Kullernd. Und dass sie es beide begrüßt hatten, plötzlich weiße Haare zu haben. Gerne wären sie abgeklärt gewesen, weise und imstande, Eruptionen von Vulkanen, Militärgewalt und Volkszorn vorauszusehen.
Persönlich war Petra von Gefühlsausbrüchen getrieben. Weil sie sich verliebt hatte, war sie in Manila gelandet. Im gekühlten Büro, in dem sie Arbeit gefunden hatte, trug sie eine alte Angst ab. Einen guten Teil ihrer Kindheit war sie davon ausgegangen, dass ein Atomkrieg ihr Leben früh beenden würde. Eine Bombe war angekündigt. Feuersbrünste würden den europäischen Kontinent verheeren, hatte sie gehört, und jeder Donner weckte fortan die Erwartung, dass der Himmel bersten könnte. Bomben einzumotten, schien ihr jahrelang das Wichtigste auf der Welt. Es erfüllte sie mit tiefer Freude, dass die amerikanischen Kampfjets in der Nähe von Manila unter Vulkanasche verschwanden. Von Gesetzen, die Börsenkurse mit Hunger und Truppeneinsätzen verbanden, meinte sie eine ungefähre Ahnung zu haben und beim Übertragen von Handnotizen in Excel-Tabellen entdeckte sie, dass sie den Zahlen, die sie prüfen konnte, mehr vertraute als allen Worten. Wenn sich wirklich Geld verschob, Eigentümer wechselten und ungeahnte Ausgaben finanzierbar wurden, sah Petra tieferen Sinn, Besänftigung und Möglichkeiten von Glück. Das Wohlstandsgefälle wollte sie Posten um Posten abtragen. Und sie gewann Freundinnen. In Bierschuppen und privaten Gärten trafen sich damals Studentinnen und Studenten aus der Stadt, aus den Provinzen und aus Übersee, Juristen, die gerade ihre ersten Fälle betreuten, verarmte Töchter auf der Suche nach einer Aufgabe, angehende Expertinnen aus Japan, Nepal oder Vietnam, verquere Ökonomen; alle sprachen irgendwie Tagalog oder Englisch. Die meisten protestierten auch gegen die Regierung, die ihnen mutlos und korrupt erschien. Sie verketteten sich in Viererreihen, die Arme schmerzhaft eingehakt, bewaffnete Polizisten im Blick, und sie diskutierten nächtelang, man durfte in jenen Bierschuppen abschweifen beim Erzählen, den Faden verlieren, weil ihn bestimmt jemand anders aufnehmen würde, irgendwann kam das Gespräch zurück zur Frage, was zu tun sei. Jetzt, da der Kalte Krieg zu Ende gegangen war. An einigen Orten der Welt, zum Beispiel in Manila, hielt die Hoffnung auf einen großen Frieden an. Fernen Massakern sah man ungläubig zu.
Betty Wang trug ihr Haar damals hüftlang. Sie studierte Krankenpflege, sah dem Berufsalltag in blassgrüner Uniform mit gemischten Gefühlen entgegen. Stumm und steif stand sie dabei, wenn andere in einem privaten Garten tanzten. Nur wenn die Nächte lang wurden, kam Betty manchmal ins Reden. Einmal sagte sie klar und deutlich, dass sie für nichts in der Welt zur Waffe greifen würde. Petra erinnerte sich an den Eklat: Betty wurde von einer älteren Dame gescholten, gab laut zurück, stieß dabei Worte aus wie Pressluft, die sich in jahrelanger Ehrerbietung angestaut hatten. Und sie übernachtete manchmal wie Petra im Büro. In einem kleinen Hinterzimmer wurden Seegrasmatten ausgerollt. Darauf lagen auch drei Kinder und eine Mutter. Kleine Jungen, noch nicht acht Jahre alt, sprangen herum, als sei der harte Flur ein Trampolin, sie ließen sich auf die kreischenden Frauen fallen. Bevor sie nicht in eine Wand gekracht und laut weinend zusammengesackt waren, fielen sie nicht in den Schlaf. Daran erinnerte sich Betty, in der hintersten Nische eines Kaffeeladens in Hongkong.
Als der Kalte Krieg zu Ende gegangen war, zogen die amerikanischen Truppen aus den Philippinen ab. Patrioten aller Couleur jubelten, auch Frauenverbände und Kreditgenossenschaften. In ihren Büros wurde gefeiert. Dann standen Mütter vor der Tür und sagten: »Wir haben mit euch die Amerikaner vertrieben, jetzt hungern unsere Kinder.« Aus den verlassenen Bars der Truppenstützpunkte waren sie in die Hauptstadt gezogen und quartierten sich in Hinterzimmern ein, übernahmen Hausarbeit, die auch in Büros anfiel. Nachts breiteten sie Seegrasmatten aus und gewährten den jungen Angestellten Obdach, wenn allgemein gewarnt wurde; damals, als Betty und Petra gleichzeitig den nächtlichen Heimweg scheuten, machten Polizisten Jagd auf junge Frauen, die zwischen elf und ein Uhr nachts ihre Schicht beendeten. In Hongkong erinnerten sich beide ohne Schrecken an die Mordserie. Ihre Angst hatte sich in der Erinnerung an die springenden und lachenden Jungen aufgelöst.
»Unglaublich schlecht erzogene Kinder«, sagte Betty.
Petra sprach kurz von beruflichen Stationen: Sie hatte oft die Stelle gewechselt. Mit vierzig hatte sie begonnen, Ratschläge zu erteilen. Sie berechnete Zukunftsaussichten und Alterskapital, reiste von Land zu Land. Nach Hongkong kam sie häufig. Wenn sie einmal nach Hause zurückkehrte, wohnte sie dort in einer Pension.
Mütter waren gestorben. Petra sprach davon, dass die Luft zum Atmen dünner geworden sei. Betty nickte, als sei ihr das Gefühl bekannt.
»Liebe?«
Betty schüttelte den Kopf und kam dann auf das Hinterzimmer jenes Büros zurück: »Da war doch auch das kleine Mädchen …«
»Hieß sie Baby Lu?«
»Die Jungen waren eingeschlafen, da stand sie vorsichtig auf. Sie kam auf uns zu und sagte ganz leise, fast flüsternd: ›Ratet mal, wer ich bin!‹ Sie schien selbst gespannt auf die Antwort. Und wusste nicht: Würde sie gleich jemand anders werden? Noch bevor wir antworten konnten, sagte sie: ›Ich bin …‹, hielt den Atem an. Ein einziges Wort würde ihr einen neuen Körper bescheren. ›Ich bin ein Vogel‹, sagte sie mit aufgerissenen Augen, ausgestreckten Armen. ›Guten Abend, Frau Vogel‹, sagten wir leise, um die Jungen nicht aufzuwecken. Daran habe ich oft gedacht: An den Blick in ihren Augen. Ich habe sie beneidet um den Schauer und den Mut, mit dem sie sagte: ›Ich bin ein Vogel.‹ Immer wieder sagte sie das, zwanzig, fünfzig Mal. Der Zauber schwächte sich nicht ab.«
Petra erinnerte sich nicht an die Szene, aber das Gesicht des Mädchens sah sie deutlich vor sich. In jenem Hinterzimmer schien alles ausgesetzt, was unaufhaltsam und zermürbend seinen Lauf nahm: Morde und Truppenverschiebungen, heiser gebrüllte Reden. Betty entzog sich den politischen Wallungen. Aus dem Büro wechselte sie in einen strengen Schichtplan. Mit leisem Neid hörte Petra, dass Betty mehr als fünfzehn Jahre im selben Spital gearbeitet hatte.
»Das, was ich da machte, war immer notwendig.«
»Und jetzt, in Hongkong?«
»Kein Vergleich.«
Zum ersten Mal blitzten Bettys Augen auf, als stünde sie wieder kampfbereit in einer Menge, die ihr gespannt beim Streiten zusah. Hongkong sei ein Patient auf der Intensivstation, er werde mit Pumpen am Leben erhalten, alles sei auf Dialyse durch künstliche Nieren angewiesen, auf Sauerstoffzufuhr, Impulse fürs Herz. Würde man die Maschinen alle auf einmal abstellen, wäre der Patient sofort tot. Der Umstieg auf die eigene Atmung müsse sorgfältig eingeleitet werden. Wie überall. Einen sachten Ausstieg aus der künstlichen Überhitzung der Welt skizzierte sie und wirkte zuversichtlich. Sie würde gern wieder in einem High-Tech-Spital arbeiten, in einer internationalen Organisation vielleicht auch, egal wo auf der Welt. Seit zwei Jahren sei sie ohne Uniform, beruflich in der Schwebe. Hongkong sei der falsche Ort für das Leben, das sie sich noch vorgenommen habe.
»Wir könnten zusammen ein Kloster gründen«, sagte Petra.
So sind wir in die Welt gekommen. Hätte Betty in jenem Moment gelacht oder das Gesicht verzogen, dann gäbe es uns nicht. Sie blickte aber ausdruckslos, doch irgendwie offen, sonst hätte Petra nicht den Mut gefasst, von einem Plan zu erzählen, den sie seit einem Tag und einer Nacht in Erwägung zog. In einem schwachen Moment war er ihr zugefallen.
Sie hatte in Hongkong über die Zukunft von Altersrenten diskutiert, in wechselnden Sprachen. Prognosen gingen weit auseinander. Zahlen wurden an die Wand projiziert, die niemand belegen konnte. Trotzdem wurden sie von markigen Worten begleitet, von großen Tönen. Petra versackte. Lustlos saß sie da, stahl sich dann weg, verirrte sich in die Zwischenetage eines Hochhauses, das an Plattenbauten erinnerte – dort habe sie sich nicht verloren gefühlt, erzählte sie uns später, mit plötzlicher Neugier habe sie die Reste vergilbter Klebestreifen an den Wänden betrachtet und die erstbeste Tür geöffnet. Sie trat auf den spiegelnden Boden einer Einkaufspassage, ging durch eine Parfumwolke in die Partymeile, dort lockte eine mexikanische Bar mit freien Hockern. Und da saß auch schon ein anderer Teilnehmer der Konferenz, ein alter Bekannter, Spezialist für die Berechnung von Wahrscheinlichkeiten. Später nannten wir ihn »den Zuständigen«, irgendwann konnten wir seinen Namen nicht mehr aussprechen, ohne zu fluchen.
In Hongkong trank er mit Petra eine Flasche Wein, dann härtere Absacker. Der Alkohol sorgte dafür, dass Statistiken entgleisten, Gedanken bewegten sich sprunghaft. Die Suche nach Gesetzen, die ihnen die Zukunft der Arbeitslosenraten, der Sterblichkeit und der Zinssätze in klaren Formeln vermitteln würden, betrieben sie nur noch als Spiel. Wenn andere im vollen Ernst die Entwicklung der mittleren Einkommen auf Punkt und Komma vorhersagten, lächelten sie müde. Der Bekannte hörte geduldig zu, als Petra von einem alten Chinesen erzählte, den sie gerade las. Ein verbannter Beamter, ein Verrückter, der nicht mehr wusste, wer er war. Seit es Kaiser gab im Reich der Mitte, hoben sie Untergebene aus dem Amt. Schickten sie in hinterste Provinzen. Und da entdeckten die Verbannten endlich den Regen und den Mondschein. Sie schrieben richtig schöne Bücher. Petra gestand dem Bekannten ihren absurden Wunsch, ein Kaiser möge sie ihres Amtes entheben. Am Nebentisch grölten Rugbyspieler.
»Aber Du darfst die Institutionen nicht aufgeben«, entgegnete der Spezialist für Wahrscheinlichkeiten.
Ein Konsortium, für das er manchmal arbeite, stehe kurz davor, ein altes Problem für immer zu lösen. Er sprach von Energie und von Stoffen. Petra gab sich einen Ruck und versuchte sich Sätze ins Gedächtnis zu rufen, die sie gerade eben, aber nur undeutlich vernommen hatte. Dazu schloss sie die Augen und meinte, in ein Loch zu fallen. Er beschrieb Kavernen. Richtig wach wurde sie, als sich seine Hand schwer auf ihre Schulter legte. Sie hob die Augen, um dem Bekannten direkt ins Gesicht zu blicken. Er sagte: »Ehrlich. Du kannst ein geruhsames Leben führen und damit die Welt retten. Überleg Dir das.«
Am nächsten Morgen fand Petra ein Konzeptpapier auf ihrem Rechner. Sie las es beim Frühstück. Nach dem technischen sei das menschliche Problem zu lösen. »Vision: Kein Mensch wird durch die Strahlung eines Endlagers für nukleare Abfälle getötet.« Sie erinnerte sich vage, dass an der Bar auch Ausnahmen zur Sprache gekommen waren und die Gefährdung von Mäusen. Das Wort »Opfer« war Petra ungut in Erinnerung geblieben. In der Skizze folgten nun mehrere Passagen, die vom Allgemeinen zum Konkreten abstiegen, vom »Outcome« zu »Grenzwerten« und zur Notwendigkeit, die Gefahren des Atommülls den künftigen Generationen, Völkern oder Spezies zu übermitteln. Die Frage war: wie?
»Ways and means: Zur Umsetzung der Ziele wird ein Orden gegründet.«
Der Autor erlaubte sich einen Ausflug in die Geschichte, Petra las von irischen Wandermönchen, die im verheerten Europa am Rande der Zeit Abteien gründeten. »Ein Kloster ist die zuverlässigste bisher bekannte Methode, Wissen zu sichern und von Generation zu Generation zu übermitteln«, stand in der Skizze. »Zielgröße: eine Million Jahre.« Dann würde die Strahlung nicht mehr gefährlich sein. Ein Orden würde die Zeit überdauern und gegen die Gefahren warnen, die einem Endlager blühten: Erdbeben und Verblödung, Bandenkriege oder Meteoriteneinschlag, Korrosion.
»Do no harm: Das Konsortium legt Wert darauf, mit diesem Projekt keine zusätzlichen Gefahren in die Welt zu setzen. Jede Form von Fanatismus ist zu vermeiden.« Ausgeschlossen sei, an bestehende Organisationen anzuknüpfen. »Respekt vor der Wissenschaft wird vorausgesetzt«, hatte der Bekannte an der Bar betont und war dann zur Sache gekommen, seine Hand angespannt am Glas. Sie, Petra, entspreche nicht ganz, aber doch weitgehend den Kriterien, sie kenne sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung aus, habe Führungserfahrung und Phantasie, sei ungebunden und wirtschaftlich bewandert, betriebs- und hauswirtschaftlich, der Orden müsse einen Alltag entwickeln, unabhängig werden, nach zwei Jahren selbsttragend.
Betty Wang las das Konzept im Kaffeeladen. Auf dem kleinen Bildschirm von Petras Telefon stachen die Zwischentitel grün hervor. Betty nickte da und dort, lächelte auch. Schließlich wollte sie über alles nachdenken und fragte: »Wie soll der Orden denn heißen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Hüter des Ewigen Feuers?«
Petra schüttelte zaghaft den Kopf.
3.
In Europa lud der Zuständige zu Verhandlungen ein. Er präsentierte eine Liegenschaft. Den Namen, den er provisorisch gewählt hatte, ließ Petra in den Verträgen stehen. Sie nannte ihn aber nicht, wenn sie mit Betty über den Orden nachdachte. Niemals sprach sie von einer »Arbeitsgruppe Transtemporaler Kompetenzerhalt«.
»Amselverein« steht in ihrem Tagebuch. Sie notierte wenig zu den Entscheidungen, die sie traf, aber viel zur Natur. Im Sommer ’15 sah Petra das Stammhaus zum ersten Mal und besuchte es vor dem Einzug öfters, saß gern in seiner Nähe unter einem Nadelbaum. Die ersten zwei Jahre des Ordens hielt sie in kleinen Beobachtungen fest.
Auf einen langen trockenen Sommer, in dem Wespen halbreife Birnen aushöhlten, folgte ein Herbst, aber kein Winter. Das Gras wuchs auch im Januar und Wühlmäuse fielen in die Bienenstöcke ein, ließen sich nicht totstechen, fraßen Waben leer. Petra erwartete den Frühling ungeduldig. Aber es wurde dann doch noch Winter, Schnee fiel bis weit in den April. Fröstelnd saß sie unter Mirabellenblüten und träumte von einem Jahreskreis, der den Orden aus der Zeit hob. Es sollte immer Blüten geben im Frühling, man würde sich immer hinsetzen und sie bewundern können:
»… jedes Jahr werden die Perseiden zu sehen sein im Sommer, irgendwann Mitte August wird der Himmel nachts aufklaren, Sternschnuppen werden in lockerer Folge Glück versprechen. Es wird etwas zu ernten geben im Herbst, man wird sich nicht unterkriegen lassen, die Kartoffeln feiern, das Obst einlagern und ausgiebig trinken unter dem Mond, der im September, Oktober, November besonders groß und klar erscheint.«
Als Betty zusagte, nach Europa zu ziehen, wurde Petra zur Geschäftsführerin einer juristischen Person ernannt. Der Zuständige versprach, als guter Geist im Konsortium zu wirken und dem Orden von oben her zuzudienen. Das Stammhaus lag in einem ehemaligen Steinbruch im Wald versteckt, weit ab von allen Feldern. Am Eingang der weiten Grube waren die Hänge beidseitig abgerutscht und schlossen den Hof fast vollständig ein. Den einzigen Sonnenhang, einen Schotterkegel, hatte der Bauer, der hier siedelte, terrassiert. Er sei ein Spinner gewesen, hieß es im Dorf, und ein Verräter, sonst hätte er dem Konsortium nicht freiwillig Land verkauft.
Als Betty und Petra im Oktober ’15 den Hof bezogen, nannten sie sich »Müllmänner«. Betty lernte Deutsch. »Wir sind hier die Müllmänner«, sagte sie häufig, etwas ironisch, aber das änderte sich, als tatsächlich Männer dazustießen. Von nun an wurden im Alltag die neutralen englischen Namen »trashers« und »dumpers« verwendet. Der Müll, dem der Orden seine Gründung verdankt, hieß und heißt manchmal Abfall, Ressource, Dreck, Güsel, Grümpel, Schrott, Kehricht, Wertstoff, Ramsch, rubbish, waste, Schutt oder einfach Rest. Dass ein Ordensmitglied irgendwann begonnen haben soll, von Reliquum zu sprechen, ist nicht wahr.
Tief unter dem Stammhaus zieht sich eine dunkle Gesteinsschicht durch den Grund, sie ist 174 Millionen Jahre alt und beweglich. Es ist ein Wundergestein mit einem schönen Namen: Opalinuston. Schlägt man eine Höhle in diese Schicht und legt einen Behälter hinein, gießt Mantelmaterial in die Lücken, dann wird auch der Stein ein klein wenig aufquellen. Er wird den strahlenden Inhalt abschotten wie in einem uralten Bauch.
Vor zehn Millionen Jahren wurde dieses dunkle Band hochgehoben; mehrere, parallel laufende Bergketten haben sich gebildet. Dann krochen die Gletscher von Süden heran, deckten die Gegend zu. Sie schoben Geröll vor sich her, das zurückblieb, als die Gletscher schmolzen. Moränenhügel liegen jetzt quer, manchmal parallel zu den älteren Bergketten, ein unübersichtliches Hügelland mit breiteren und schmaleren Tälern ist entstanden. Die Flüsse und Bäche halten sich nicht an die Täler, die schon da sind, sie brechen durch die Hügelzüge, fressen sich neue Quertäler, ruhig liegt nur der Opalinuston, tief unter allem Land, das Wirtgestein. Es soll den strahlenden Müll aufnehmen und ewig sichern.
Südlich des Rheins, der sich durch dieses Hügelland zieht, werden die Bauarbeiten in zehn Jahren beginnen – es sei denn, die Pläne des Konsortiums würden von wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder einer Volksabstimmung durchkreuzt. Seit Kurzem wissen wir, dass auch nördlich des Rheins ein Lager gebaut werden könnte. Im Tongestein. Rund um den Globus suchen Konzerne einen sicheren Ort. Und wir machen uns bereit für die vollständige Dokumentation. Wir sammeln uns und fragen, wie die Eigenschaften der Tiefenfracht festzuhalten seien. In einem universalen Code? In allen möglichen Sprachen?
Wenn beim Stammhaus irgendwann die Baumaschinen auffahren, werden wir das aus der Ferne verfolgen, denn wir haben uns vorzeitig zerstreut. Auf drei Kontinenten halten wir unseren Tagesablauf ein und erinnern uns an einen Satz, den Petra unter Mirabellenblüten gesprochen hat: »Einfach zu dauern, scheint mir Aufgabe genug.«
Das Stammhaus steht uns noch klar vor Augen, wir träumen alle davon. Kurt kannte es am besten. Er wurde anfangs als Hausmeister verpflichtet, als Angestellter, und ist dem Orden dann unverhofft beigetreten. Mit Anatol, der als vierter ankam, arbeitete er im Simulatorium. Als die Pioniere ihre Ämter benannten, erhielt Kurt den Titel »Maschinist«. Er sorgte für den Hof mit allem Drum und Dran.
Der Bauer, dem das Land gehört hatte, war in den 1960er Jahren ermuntert worden, sein kleines Haus im Dorf zu räumen und auf freiem Feld technisch aufzurüsten. Da er kein Ackerland verbauen wollte, zog er in den ehemaligen Steinbruch. Dort ließ er eine Maschinenhalle errichten, einen großen Stall und ein Einfamilienhaus. Letzteres war zu klein für den Orden. Kurt baute den Keller aus, als sich Anatol angekündigt hatte, und als auch Céline anreiste, wurde der Dachstock isoliert und wohnlich eingerichtet. Petra ging Kurt zur Hand, wo sie konnte, Betty kümmerte sich um den Garten. Viel studiert haben alle, gelesen, gerechnet und geschrieben. Die Ersten Fünf gingen davon aus, dass sie zu wenig wussten. Sie wollten alles besser verstehen und genossen es, dass sie dafür unglaublich viel Zeit hatten.
»Ein Kloster lagert kein totes Wissen«, versprachen sie den Neuen, die sie anwarben. »Jede Generation wird übersetzen, anreichern und prüfen. Wir werden immer wieder die richtigen Sprachen finden.«
Im Sommer ’16 kamen zehn Neue dazu. Wir füllten die Ämter auf, sorgten für neue Einnahmen und erhöhte Aktivität. Auch Streit brach aus. Aber wir fanden wieder zur Einheit, legten Regeln fest. Die meisten von uns nahmen nicht wahr, dass sich ein Zerwürfnis mit dem Konsortium anbahnte. Nur wenige bekamen die Nachrichten zu Gesicht, die Petra mit der Finanzabteilung unserer Auftraggeber wechselte. Bis die bekannt gaben, unser Versuch sei gescheitert. Da schrieben wir den Frühling ’17. Das Gebilde, das uns konzipiert hatte, schien weit weg. Unter uns sprachen wir nur noch abfällig von den Konsorten. Den Namen des Zuständigen sprachen wir gar nicht mehr aus. Die uns geprüft haben wollen, hatten keine Vorstellung davon, was bei uns gedieh. Sie verstanden nicht, was es heißt, ein Gelübde abzulegen, sein restliches Leben einer Aufgabe zu widmen. Sie konnten uns nicht abschaffen.
Wir finden neue Brüder und Schwestern. Wer irgendwo aufgerieben wird zwischen panischer Hektik und ängstlicher Starre, findet bei uns eine Insel der Vernunft. Wir lernen und arbeiten. Was uns antreibt, findet sich in klassischen Werken von Irmtraud Morgner und Alexander Kluge, auch im altchinesischen Zhuangzi, es zeigt sich in morgendlichen Übungen, in Losungen und Lektionen, in den Regeln der Gemeinschaft. »Anatols große und erweitere Formelsammlung« liefert die Grundlage für Simulationen, die zuerst in der Maschinenhalle des Stammhauses Gestalt annahmen. Jedes Mitglied musste dort in einen verkabelten Anzug schlüpfen, einen Helm aufsetzen, sich mit dem digitalen Hirn eines Roboters vereinen, nach einem Alarm in Kavernen absteigen, in sicherem Abstand von jedem Lebewesen Risse im Fels vermessen, einen Wassereinbruch bekämpfen oder Schweißnähte prüfen.
Im Nachwort von Anatols Formelsammlung steht die Bezeichnung »Mindere Forscher«, die dem Orden, seiner Demut und seinem unendlichen Ehrgeiz am besten entspricht.
4.
Anatol wusste genau, was für eine Kirche er sicher nicht gründen würde. Keinen einzigen Tod werde er schönreden, sagte er gleich bei seiner Ankunft zu Petra, sein Innenleben sei streng privat, Rechenschaft werde er nur über seine Taten ablegen. Auch singe er nur, wenn ihm danach sei.
»Wird hier gesungen?«
»Bisher nur privat«, gab Petra zur Antwort.
»Wer versteht etwas von Nuklearphysik?«
»Kurt. Vom Praktischen her.«
»Und sonst?«
»Niemand.«
Anatol war Nuklearphysiker. Er kannte sich aus. »Mehr vom Theoretischen her«, sagte er nach einigen Wochen zu Kurt, denn er hatte nur kurze Zeit in einem Atomkraftwerk gearbeitet. Das war in den 1990 er Jahren gewesen, also schon lange her. Damals hatten die jüngeren Ingenieure und die Hilfsarbeiter für höhere Zulagen protestiert. Bald hatten sie alle gegen sich aufgebracht: die Alten, die Kommunisten, die Kapitalisten, Präsident Jelzin persönlich. Seither wusste Anatol auch ganz genau, was für einer Gewerkschaft er bestimmt nie beitreten würde: Einer Staatsgewerkschaft, die sich wie ein wankender Stahlturm auf jeden Funken Unruhe fallen lässt, alles platt macht, selbst wenn es den Staat, dem sie angehört, gar nicht mehr gibt.
»Dunkel«, sagte Betty auf Deutsch, als ihr Anatol erzählte, wie es damals gewesen sei in dem russischen AKW, wo er Anarchosyndikalist geworden war.
Petra bat ihn, das Amt des Forschers zu übernehmen, Physik und einiges mehr zu unterrichten. So begann Anatol, an seiner Formelsammlung zu arbeiten, Lektionen zu entwickeln, und mit Kurt saß er täglich zusammen, bis die erste Simulation lief.
»Worauf gründest Du Deine Hoffnung?«, fragte ihn Betty am ersten Tag.
»Auf uns und unsere Bereitschaft zum Opfer.«
Die Aufnahmebedingungen des Ordens hatten ihm sofort eingeleuchtet: Ein Mensch, der eintritt, muss mindestens 45 Jahre alt sein. Allfälligen Erben ist ein Pflichtteil auszuzahlen, das restliche Vermögen ist einzubringen. Von der Möglichkeit, in diesem Leben noch einmal Vater oder Mutter zu werden, ist glaubhaft Abschied zu nehmen.
Als das erste gemeinsame Gewand eingeführt wurde, sprach sich Anatol für einen kyrillischen Schriftzug auf der rechten, äußeren Hosennaht aus. Das Wort, das da stehen sollte, hieß auf Russisch und auf Deutsch »Liquidator«. Die Hose konnte sehr günstig und in großen Mengen im Laden des landwirtschaftlichen Genossenschaftsbundes gekauft werden. Es war eine graue Arbeitshose mit schwarzen Taschen. Ликвидатор sollte stets daran erinnern, dass der Träger dieser Hose zu sterben bereit war.
Wenn Anatol betete, dann für die Seelen jener Männer, die in Tschernobyl auf das Dach von Block 3 gestiegen waren, als Block 4 schon durchgebrannt war, und für die Bauarbeiter, die mit Beton einen Sarkophag errichteten und dabei verstrahlt wurden, für die Krankenschwestern, die Patienten auch dann noch pflegten, wenn sie zu gefährlichen Strahlenquellen geworden waren. Niemand konnte alle Namen der Toten nennen, es waren Tausende, Zehn- vielleicht Hunderttausende. Aber einige Namen nannte Anatol im zweiten April, als wir unsere Arbeit unterbrachen, um der Liquidatoren von Tschernobyl zu gedenken.
Weil er keinem Staat mehr angehören wollte, der Tausende von Menschen unwissend in den Tod schickt, war Anatol zum Orden gestoßen. Irgendjemand musste im Notfall freiwillig tun, was zu tun war.
Kurt sah das genauso, aber er hatte eine bessere Meinung von AKWs, von Staaten und von Kirchen. Sogar dem Konsortium brachte er zu Beginn ein gewisses Vertrauen entgegen. Ein Konzern, der dem Konsortium angehörte, betrieb in der Nähe des Stammhauses einen Atommeiler. Dort war Kurt jahrelang angestellt gewesen. Als ihm ein Zerwürfnis mit seinem Vorgesetzten die Arbeit erschwerte, boten sie ihm eine Stelle als Hausmeister der neuen Außenstelle an. So schied er aus dem Dienst im AKW aus, kümmerte sich im alten Steinbruch um die Gebäude des Ordens, um das Wohnhaus und die Maschinenhalle. Im Garten arbeitete er Seite an Seite mit Betty Wang. Er kannte den Boden besser und das Gemüse. Sie war ihm körperlich überlegen. Das hätte er nicht erwartet.
Im AKW war Kurt der Hektik stets mit Ruhe begegnet. Nur so sei ein Unfall zu vermeiden, ermahnte er Petra, wenn sie klappernd und stolpernd unterwegs war. Das wusste auch Betty. Sie kam aus einem Land, in dem die Leute abfällig sagten: »Der hat wohl pressiert«, wenn einer von einer Leiter stürzte, auf der Treppe stolperte oder einen Teller fallen ließ. »Nöd jufle«, war einer der wenigen alemannischen Ausdrücke, die ins Alltagsenglisch des Ordens eingingen: »Nichts überstürzen. Nicht huddeln. Don’t hurry«.
Kurt arbeitete nicht langsam, aber in einem steten Rhythmus. Bevor er ein Gerät ablegte, schaute er genau hin, ob da Platz war. Er hob auch nichts auf, ohne sich zuerst zu vergewissern, ob wirklich das Werkzeug bereitlag, das er sich vorgestellt hatte. Vier Bildschirme konnte er stundenlang parallel und aufmerksam betrachten, ohne etwas in eine Tastatur zu tippen, auch ohne einzunicken. Bei Routinearbeiten führte er die Handgriffe so exakt aus, als sei er selber eine Maschine. Automatisch, aber nicht gedankenlos.
Im Garten legte er Wert darauf, dass beim Jäten die Wurzeln der erwünschten, deshalb verschonten Pflanzen nicht verletzt wurden. Wildes Herumhacken war ihm ein Gräuel. Mit Betty teilte er die Devise: »Man muss den Kopf bei der Sache haben.«
»Das falsche Ventil geöffnet, schon steigt der Druck. Zwei Eimer verwechselt, schon fließt verstrahltes Material, wo es nicht sollte. Ein kleiner Fehler reiht sich an den nächsten, das gibt noch keinen GAU, aber die Strahlung steigt, die Nervosität auch und die Fehlerquellen nehmen zu. Kühlen Kopf bewahren, heißt es dann. Und wenn du Pech hast, rasieren sie dir abends diesen Kopf, damit dich die eigenen Haare nicht verstrahlen. Wie ein Sträfling kommst du aus der Schicht und weißt, dass die Gesamtdosis in deinem Körper wieder stark angestiegen ist. Wenn es so weitergeht, entlassen sie dich Jahre vor der Pension.«
Kurt hatte nicht nur im nahe gelegenen AKW gearbeitet, sondern auch in einer Anlage in Frankreich. Er hatte geholfen, einen alten Meiler abzubauen, war dann heimgekehrt und auf einen recht viel jüngeren Vorgesetzten getroffen, der ihm Floskeln servierte, neue Beurteilungskriterien. Es kam zu Störungen und zu Rückenschmerzen. Die hielten im Kloster nicht lange an. Betty zeigte ihm Übungen. Auch im Garten konnte jede Kniebeuge, jedes Anheben der Schubkarre, jede einzelne Bewegung mit Konzentration, muskelstärkend und kräfteschonend ausgeführt werden. Bald turnte der ganze Orden vor dem Frühstück. Kurt und Betty lieferten ab und zu einen Schaukampf.
Sie brachten die anderen Gründungsmitglieder aber nicht dazu, den Lieblingsfilm der beiden zu mögen: »Die Rückkehr zu den 36 Kammern der Shaolin«. (Ein Film, dessen chinesischer Titel,
, von einem Journalisten als geheimer Name des Ordens missverstanden worden ist.) Hier sei sein Prinzip sehr schön dargelegt, sagte Kurt zu Petra: Ein Junge namens Ah Chieh kann sich nicht vorstellen, dass er in einen Orden aufgenommen würde. Also versucht er sich hineinzuschmuggeln, fliegt aber auf. Der Abt schickt ihn nicht fort, verknurrt ihn stattdessen dazu, das ganze Kloster einzurüsten. Drei Jahre lang arbeitet er am Baugerüst, das er ganz allein aus Bambusstangen aufrichtet, mit starken Schnüren sind die Stangen zu verknoten, bald kann er im Schlaf zwei Stangen übers Kreuz zusammenbinden. Niemand weiht ihn in Geheimnisse ein, kein Meister zeigt ihm etwas. Aber von seinem Gerüst aus schaut er den Mönchen zu, die im Innenhof trainieren. Wie von allein erledigen seine Hände schließlich die Arbeit und ganz nebenbei fließen die Übungen der Mönche in seine Bewegungen ein. Monatelang turnt er auf dem Gerüst herum, wird immer stärker, immer geschickter. Schließlich ist er, ohne es zu merken, ein begnadeter Kämpfer geworden. Mit einem eigenen Stil: Niemand sonst bindet seine Gegner mit starken Schnüren an Möbeln, Säulen und Pfosten fest.
Petra mochte die Idee, die Kurt und Betty mit diesem Film verbanden, aber sie zerschlug weiter Geschirr in der Küche, weil sie in Gedanken abschweifte und die Hände mitten in einer Bewegung etwas anderes taten, als sie sollten. Sie machte die Übungen mit, aber kaum saß sie an einem Gartenbeet, dachte sie an Bankkonten, ein Leck im Dach oder die kommende Eiszeit. Schon war die Wurzel einer mehrjährigen Rauke entzwei. Dabei hatte sie gehofft, mit dem Eintritt ins Kloster innere Ruhe zu finden. »… ein geruhsames Leben führen …«, hatte der Zuständige gesagt, an jener Bar in Hongkong. Nachdem Petra alle Verträge unterschrieben hatte, vernahm sie nur noch wenig aus der Zentrale, und doch schien sich die ganze Nervosität des Konsortiums im Klosterhof zu entladen. Die technischen und organisatorischen Probleme des Tiefenlagers vermehrten sich mit jedem Planungsschritt und es dauerte Monate, bis Petra erstmals daran glaubte, dass sich der Orden finanzieren ließe. In jener ersten Zeit mochte sie sich treulich hinter Betty stellen und ihre langsamen Schritte imitieren, tief in den Bauch atmen, ausatmen, die Hände schwenken lassen, als seien sie von höheren Kräften getragen. Aber kaum hatte sie den ewigen Atem der Welt aus ihrer Brust entlassen, stürzten Sorgen auf sie ein. Nachts lag sie noch lange wach im Bett – bis die erste Million zusammen war und Céline eine eigenwillige Pentatonik einführte. Von den Fünftonreihen alter Mönchsgesänge und chinesischer Elegien wollte sie nichts wissen. Besinnliches machte sie nervös. Aber eine Obsession mit der Zahl Fünf war von Betty auf sie übergegangen. Fünf Klangspuren sollten es sein: metallische Geräusche, Vogelstimmen, Wummern und Schlagen. Manchmal sang jemand mit. Anatol hatte einen wunderbaren Bass.
5.
Niemand schien so unverrückbar an den Auftrag des Ordens zu glauben wie Betty Wang. Sie sprach selten, dann aber ausführlich und verästelt, sie sang leise, fast zu vorsichtig, arbeitete im Garten, übte sich im Kampfsport und versah das Amt der Medica. Woher ihr Glaube kam und wie man ihn nennen sollte, war schwer zu sagen.
In Manila war sie aufgewachsen. Als sie dort geboren wurde, galt sie noch als Ausländerin. Viele Jahre sah sie nichts als einen kleinen Ausschnitt ihres Viertels, ein kurzes Straßenstück und ihren Schulweg. Stundenlang schaute sie aus demselben Fenster auf den gegenüberliegenden Gehsteig, die sanft gerundete Kante, die alle paar Jahre weiß bemalt wurde, damit der Randstein wieder frisch aussah und mit ihm die ganze Straße. Auch von den Schachtdeckeln kannte sie jeden einzelnen, rechteckige Zementblöcke, die mit einer eisernen, eingegossenen Schlaufe versehen waren. Alle paar Jahre kam jemand, um den Deckel hochzuheben. Wenn die Regenzeit begann und die ersten Stürme über die Stadt fegten, trat Wasser aus den Kanälen, es stieg durch die Löcher in den bröckelnden Schachtdeckeln und verband sich nachmittags mit dem niederprasselnden Regen. Aus der Nachbarschaft tauchten Kinder auf, die kreischend vor Freude in der Überschwemmung plantschten, als sei das ihr Swimmingpool. Denn jetzt war der Sommer vorbei, die Hitze vorüber, das musste gefeiert werden.
Betty, ihre Schwestern und Brüder fragten erst gar nicht, ob sie auch nach draußen dürften, um mit den Kindern im Wasser herumzuhopsen. Sie saßen nur still hinter dem Fenster und schauten zu.
Auch Monate später, als es immer noch regnete und die Kinder verschwunden waren, das Wasser aber tagelang wie ein ruhiger, schmutziger Strom durch die Straße floss, saß Betty am selben Platz. Sie sehnte sich nach dem Sommer, den gelben Blüten der Bäume, die im Garten des Nachbars wuchsen. Sie freute sich auf das Weiß des Randsteins, sein fluoreszierendes Leuchten in der Sonne. Dann würden auch die Kinder zurückkommen, die Jungen vor allem, und abends vor dem Fenster spielen, bis es dunkel wurde.
Wenn sie sich vom Fenster ab und dem Fernseher zuwandte, sah sie auf dem kleinen Bildschirm, dass es jenseits ihrer Straße Boulevards gab, sechsspurig. Sie führten sternförmig in die Außenstädte; es gab ein Meer, neue Brücken, blitzblanke Einbauküchen, dicht bevölkerte, stählerne Fußgängerüberführungen, Einkaufszentren, Glitzerwelten, die sich hinter hohen Betonfassaden verbargen, Konzerthallen, Hochhäuser, Baukräne, Armen- und Villenviertel, die vom Meer her die Hügel hochwuchsen, sich in Wälder und Felder hineinfraßen.
Ihr Vater hatte ein eigenes Geschäft. Er lackierte Autos und blies Luft in ihre Reifen. Vor dem Geschäft stand, in roten Lettern auf orangem Grund: »vulcanizing shop« und Betty verstand nicht, was die Autopneus mit Vulkanen verband, was ihren Vater aus dem uralten Land hinterm Meer vertrieben hatte, aus jenem China, das er jeden Tag verteidigte, mit jeder Mahlzeit, jedem Balsam, den er einem seiner fünf Kinder einrieb, mit jedem Eintrag ins Kassenbuch. Er verbunkerte sich im Geschäft, das nicht weit vom Wohnhaus entfernt lag, am nächstgelegenen Boulevard, und gebot auch den Kindern Vorsicht. Betty wurde von großen Geschwistern, einem Onkel oder Cousin begleitet, wenn sie das Haus verließ.
Diese Geschichte hat Betty Petra diktiert. Oder vielleicht auch nur skizziert, ich meine beim Lesen oft Petras Stimme zu hören: »Vita of Betty Wang or the beginning of our common life« heißt das schmale Buch, das auch über den Orden hinaus zirkuliert. Seit wir verstreut sind, müssen wir viel mehr aufschreiben.
Mit dem Titel »Vita« bin ich nicht einverstanden, schließlich lebt Betty noch. Sie treibt uns weiter an. Nur das, was dasteht, ist abgeschlossen. Aus den verwirrenden Momenten eines Lebens hat sich eine feste Ordnung gefügt.
Als kleines Kind konnte Betty nicht wissen, wem in jener Straße von Manila die andern, die einheimischen Kinder verpflichtet waren, diese Jungen, die abends vor dem Haus auftauchten, sobald die Regenzeit vorbei war, Basketball spielten und dabei genauso plötzlich und schnell in die Luft sprangen, wie der harte Ball vom Boden abprallte. Betty beobachtete sie durch das Fliegengitter vor dem Fenster und durch die massiven Stäbe, die sie vor den Einbrechern schützten, vor den Entführern. Ständig erzählten die Eltern neue Geschichten von unbezahlbarem Lösegeld, verschwundenen Kindern, auch aus der Nachbarschaft. Leichen erwähnten sie nur kurz, hüllten sich dann in Schweigen, sodass es Betty überlassen war, sich aufgeschlitzte Bäuche und abgetrennte Köpfe selbst auszumalen. Den Vätern der Jungen, die abends vor dem Haus spielten, sei nicht zu trauen. Eine Freundschaft mit Kindern, die zu Hause keinen chinesischen Dialekt sprachen, war verboten. Aber Betty konnte ihre Augen nicht von den Jungen nehmen, die in erster Linie mit dem Basketball verwandt schienen, in kerngesunder Linie, denn unter dem zerfetzten, ausgebleichten Korb bewegten sich die Jungen flink und kräftig, ihre Glieder schienen perfekt zusammenzuwirken, da brach nichts aus. Ihr Spiel ließ jeden Mord vergessen. Und Betty mochte die Sprache des Kindermädchens lieber als das Mandarin, das ihnen in der chinesischen Schule eingebläut wurde, mit wenig Erfolg. Die Lehrerin misstraute ihren Schülern. Sie verdächtigte sie, den Einheimischen ähnlich zu werden, die sie als lebenslustig, aber faul beschrieb, gutmütig, aber verlogen, den Chinesen in allen wesentlichen Belangen unterlegen.
Das Kindermädchen war nicht nur gutmütig, sondern auch sehr herzlich, sie machte gern Witze, verballhornte nicht nur die Worte ihrer eigenen Sprache, sondern auch die chinesischen, die sie nicht verstand, sie schlug weniger hart zu als der Vater oder die Mutter. Und sie glaubte Betty sofort, als diese mit neun Jahren verkündete, ein männliches Herz in ihrer Brust zu tragen. Das sei nicht schön, sagte das Kindermädchen scheu zu den Eltern, aber es komme vor. Nicht selten sogar. Dieses Männerherz war dem Vater ein wüstes Omen, ein weiteres Zeichen des Untergangs. Als liege sein Kaiserreich einmal mehr in Trümmern. Die fremde Stadt, ihre Hitze, die Regenfluten, die Gewalt und das Laster hatten von seiner Tochter Besitz ergriffen. Sie verschloss sich allen Ermahnungen. Begrüßte insgeheim den Niedergang des vulcanizing shop, den Übertritt in die günstigere Volksschule, sie blühte auf unter den tagalog-sprechenden Kameradinnen. Von einem der Mädchen wurde sie besonders geliebt. Unter ihrem Blick soll sich Betty zum ersten Mal schön gefühlt haben, und wenn sie so eng beieinandersaßen, dass sie sich von den Oberschenkeln bis zu den Schultern berührten, schien die Zukunft golden.
Gemeinsam bewarben sie sich für einen Studiengang in Krankenpflege und ein Stipendium. Sie wurden angenommen. Mit achtzehn hatte Betty genug von den Schlägen, die ihr das Männerherz austreiben sollten. Sie lief weg, begann ihr eigenes Leben. In der »Vita« erscheint Manila als erste Meisterin, als überragende Gestalt eines Tantenhimmels, der Bettys Glauben – und damit den Orden – geprägt hat.
Erstmals tauchte sie nun allein in die Stadt ein, sie fragte sich durch, wenn sie am Abend Freundinnen traf oder Arbeiten auslieferte, gelangte hinter die Betonfassaden der Einkaufszentren, in die Glitzerwelt und die riesigen Kinosäle. Um Geld zu verdienen, tippte sie nachts und am Wochenende Manuskripte ab, in wechselnden Büros. Eine Lehrerin bot ihr Obdach. Betty lernte, sich selbst vor Entführern zu schützen. Die kriminellen Banden waren reicher geworden. Hatten sich die Eltern Wang noch vor kleinen Gaunern gefürchtet und vor Polizisten, die gern Chinesen schikanierten, so sahen es die neuen Banden auf Millionenbeträge ab. Sie planten ihre Übergriffe genau, beobachteten die Opfer, studierten Verwandtschaftsnetze bis in die Nebenarme, schlugen in Gruppen zu, verfügten über neue Lieferwagen und Scheinfirmen, ausländische Bankkonten, wo das Lösegeld sicher war.
»Du darfst Dir keine regelmäßigen Routen angewöhnen«, sagte die Lehrerin, bei der Betty untergekommen war. »Die Banden operieren genauso wie einst die Todesschwadronen des Diktators. Sie beobachten Dich wochenlang, um zu wissen, wo sie unauffällig vorfahren können mit ihrem Lieferwagen. Du musst sie also täglich verwirren, indem Du immer wieder andere Wege einschlägst vom Haus zum College, vom College zum Büro. In den Varianten des Heimwegs darf keine Regelmäßigkeit aufscheinen.«
Die Lehrerin sprach aus Erfahrung. Sie hatte eine Diktatur bekämpft, im städtischen Untergrund. Sie wird Flugschriften verfasst haben. Ob sie selber bewaffnet gewesen sei, hat Betty nie gefragt. Nach einem Volksaufstand musste der Diktator das Land verlassen, eine neue Regierung wurde gewählt, eine Präsidentin. Der Kalte Krieg ging dann bald zu Ende. Die Schwadronen blieben jedoch aktiv, im politischen Untergrund wurde auch die neue Präsidentin bekämpft. Aber Bettys Lehrerin hatte einen persönlichen, einseitigen Waffenstillstand verhängt, ihr Kollektiv verlassen, sie war aufgetaucht, um eine Stelle am College anzutreten. Den Namen, den sie vierzehn Jahre lang getragen hatte, legte sie ab. Es kam noch vor, dass sie nicht reagierte, wenn man sie bei ihrem Taufnamen rief, aber langsam gewöhnte sie sich daran, wieder Celia Magnayon de la Cruz zu heißen. Und sie schien es zu genießen, dass die junge Frau, die ihr zugelaufen war, Verwendung fand für einige der Tricks, die ihr jahrelang geholfen hatten, den Tod ein wenig hinauszuschieben.
Betty war oft sehr gut gelaunt, wenn sie Celias Haus verließ und kurz überlegte, ob sie zum Jeepney, einem Kleinbus, gehen sollte, der blühenden Bougainvillea entlang oder zum Stand der Motorradtaxis; vielleicht war ein langer Spaziergang angesagt. »Nicht immer nur dann schlendern, wenn das Wetter schön, aber nicht zu heiß ist«, sagte sie sich. Spazieren bei Regen war ebenfalls auffällig. Man könnte jemandem ins Auge springen, der sonst gar nicht bemerkt hätte, dass da eine junge Frau mit deutlich chinesischen Gesichtszügen durchs Quartier ging. Bei guter Laune waren solche Überlegungen aufregend, ihr neues Leben erschien ihr abenteuerlich. Und sobald sie in einem Jeepney Platz nahm, fühlte sie sich sicher.
Der Verkehr im Großraum Manila sei mündlich organisiert gewesen, heißt es in der »Vita«. Zahlreiche Fahrer hätten Sitzplätze in umgebauten, bunt bemalten Militärjeeps angeboten. Zwölf bis zwanzig Leute seien seitlich aufgereiht im langen Schiff des Gefährts gesessen. Draußen prangten religiöse Botschaften und Pin-Up-Girls, drinnen saß eine kleine Gemeinschaft, deren Regeln jeder verstand, der neu dazukam. Betty und Petra verwendeten die Jeepneys oft als Metapher. Genauso unverwüstlich, weil einfach, stellten sie sich die Regeln des Ordens vor. Du fragst, erhältst eine Antwort, reichst das Geld durch, das Wechselgeld wird dir zurückgereicht. Alle sind Schaffner und Passagier in einem. Es braucht nichts Schriftliches, solange man reden kann und Leute ein- und aussteigen.
Als junge Frau mochte Betty nächtliche Fahrten, wenn eine schwache Glühbirne mit wackelndem Licht das Innere des Jeepneys erhellte und die Gesichter der müden Passagiere zu sehen waren, ihre geschlossenen Augen oder verschleierten Blicke. Sie lernte, sich so an einer Deckenstange festzuhalten, dass sie ihren Kopf in die Armbeuge legen und ein wenig schlafen konnte. Dann war sie aber nicht zur Stelle, wenn Geld für den Fahrpreis oder Wechselgeld durchgereicht wurde, von einem zum andern. Betty fühlte sich im nächtlichen Jeep an urzeitliche Kähne erinnert, an die malaiischen Seefahrer, die von Westen her weitere Inseln ansteuerten, jeder Kahn ein Dorf. Wochenlang fuhren sie von Java her übers Meer und besiedelten Insel um Insel, eng zusammengekauert in einem riesigen Hohlbaum waren sie in der Bucht von Manila angekommen, um hier heimisch zu werden. So schaukelte auch Betty durch die Stadt, als sei sie auf dem Weg zu ihrer Insel, die sie besiedeln würde, umgeben von fremden Leuten, die so eng saßen, dass sie sich gegenseitig stützten; unter diesen Passagieren konnte man nicht vom Sitz fallen. »La pobre inocencia de la gente«, sang Mercedes Sosa auf einer alten Musikkassette, die Celia manchmal einschob. Jede Schnulze, die ein Jeepneyfahrer laut scheppernd laufen ließ, schien Betty zu versprechen, dass dieses arme Volk unschuldig sei.
Aber an schlechten Tagen, wenn sie müde und mit Kopfschmerzen erwachte, hangelte sie sich kraftlos in den Jeep, verdammte die Lautsprecher, die plärrend ihre Schmerzen verstärkten. Manchmal war sie den Tränen nahe, wenn sie eineinhalb Stunden am Boulevard stand, unter lauter Leuten, die ebenfalls auf eine Gelegenheit warteten, nach Hause zu kommen, und verregnet wurden, weil es nichts nützte, unter dem Unterstand zu warten. Der war zu klein und kein Jeep fuhr bis zum Unterstand. Man musste sich auf die Fahrbahn hinauswagen, einem Jeep nachrennen und aufspringen, sonst war er voll und brauste an den nassen Leuten vorbei, die da unglücklich warteten. An solchen Tagen schien sich die Stadt gegen sie zu wenden. Dann klammerte sich Betty an ihrer Tasche fest, um nicht auch noch bestohlen zu werden. Es kam vor, dass sie auf die Wasserlachen nicht mehr achtete und knöcheltief in dreckiger Brühe stand. Das war auch nicht schlimmer als scheel angeblickt zu werden, weil ihr Tränen übers Gesicht liefen.
Aber selbst an solchen Tagen wurde sie froh, wenn an einer Kreuzung auf einer Plakatwand, haushoch über allen Wartenden das Gesicht von Jet Li zu sehen war. Von Hand gemalt, mit hellroten Backen und leuchtendem Blick thronten stets Filmstars über dem Verkehr. Übermenschlich. Sharon Cuneta. Fernando Po Junior. Und manchmal auch der Kämpfer aus Beijing, mit listigem und doch freundlichem Blick, die Hände zu einer Drachenkralle geformt.
Wenn ein neuer Kung-Fu-Streifen lief, musste Betty allein ins Kino. Ihre Freundinnen zogen Woody Allen vor, alles mit Jodie Foster oder Susan Sarandon. Sie verstanden nicht, was Betty daran fand, die ganz alten Filme von Jackie Chan, die sie vom Fernsehen kannte, auf Kassette zu suchen, im Wohnzimmer von Celia immer wieder anzuschauen. Sie seien doch kaum von einander zu unterscheiden: Immer läuft der dumme Junge von zu Hause fort, wird weggejagt, weil er zu blöd zum Leben ist. Und dann findet er seinen Meister – streng, stumm und gütig. Stundenlang sieht man den Jungen üben, bis er wirklich kämpfen kann und ein Einsehen hat, ein bisschen weise wird – gerade rechtzeitig, um den bösen Feind seines Meisters zu besiegen.
Betty liebte die eine Szene, die in keinem Film fehlen durfte: Der dumme Junge muss eine kleine Teetasse auf Stecken balancieren, dabei turnen, die Tasse von einem auf den andern Stecken springen lassen, bald jongliert er mehrere Tassen, bewegt sich immer schneller, aber nie gehetzt, schließlich scheint er zu tanzen. Nichts darf zu Boden fallen.
Einen Meister des Kampfsports fand Betty lange nicht, aber sie behauptete sich in der Stadt und sie bewunderte ihre neuen Tanten, die sie alle Tita nannte, die vielen Freundinnen von Celia, Frauen über vierzig, die ihr Vater als verrückt bezeichnet hätte, denn sie trugen ab und zu ein buntes Stirnband und Glitzerschmuck, färbten graue Haare nicht schwarz, vertraten stur ihre Meinung, tanzten noch immer auf Partys, ab und zu tranken sie recht viel.
Tita Rosa legte allen die Karten. Zahlen, Junker und Königinnen verbanden sich mit Waldgöttern, verwehten Feen, Spielern und Guerilleras zu einem Netz, das die ganze Welt umspannte, sich ständig bewegte, keine Verbindung war fest geknüpft, stets musste ein neuer Ausweg gesucht werden aus der Nacht der Seelen. Rosa blickte in der Regel mit verschlossenem Gesicht auf ihre Karten und bat die Besucherinnen, den Eingang selbst zu wählen. Sah sie die Zukunft klar, versteifte sich ihr Rücken und sie sprach mit einer tieferen Stimme, in kurzen Sätzen.
Man musste ihr nicht glauben. Tita Marilyn lehnte alles ab, was an Vorsehung und Weihrauch erinnerte. Wenn sie schon etwas getrunken hatte, erzählte sie von ihrem Buch, das alles enthielt, was zur Zeit des Diktators geschehen war, was aber niemand zu sagen wagte, weil es wenig heldenhaft war. Sie nannte es Autobiographie und schickte die Kapitel, die sie fertig geschrieben hatte, an eine Freundin in Übersee, verlor ständig ihre Kopien, Festplatten gingen kaputt, Disketten verloren. Dann schickte ihr die Freundin aus Übersee die alten Kapitel zurück. Sie waren stets kürzer und farbloser, als Tita Marilyn gehofft hatte. So war es ihr egal, wenn sie nochmals verloren gingen. Das Buch, das sie schreiben wollte, bestand weiter als Ahnung. Neue Seiten, die entstanden – alle paar Monate – gingen per Luftpost ab. Im Kreis der Freundinnen erzählte sie davon. Betty hatte nie etwas zu lesen gekriegt.
Wie die anderen jungen Frauen, die sich um die älteren scharten, erhielt sie bezahlte Aufträge von Tita Gloria. Mit Tonbandgeräten streiften sie durch die Armenviertel der Stadt, sammelten Aussagen, schrieben Berichte, Tita Gloria reiste zu Konferenzen der Vereinten Nationen und trug ihre Schlüsse daraus vor. Machte Vorschläge. Manchmal versammelten sich alle Tanten vor dem Regierungsgebäude und demonstrierten gegen eine Preiserhöhung, gegen Armut, Atomwaffen, Imperialismus, Vergewaltigung und Bordelle. Junge Frauen trugen dann die Transparente.
Betty stellte sich vor, dass sie Jet Li als Onkel neben sich hatte, wenn sie an Soldaten vorbeigingen, die ihre Maschinenpistolen in Anschlag hielten. Sie blickte in die dunklen Visiere und brüllte weiter Parolen, wurde heiser dabei und träumte von einer ruhigen kleinen Wiese vor Hongkong, von einem letzten Kampf, der ganz geordnet stattfand, in chinesischen Gewändern mit weit geschnittenen Ärmeln. Nach dem verdienten Sieg könnte sie langsam über die Wiese gehen, eine Strähne aus dem Gesicht streichen und im Wald verschwinden.
Im Schatten der Bäume würde sie auch Ruhe finden vom ständigen Aufruhr der Liebschaften. Und vom Heimweh. War sie nachts einmal allein im Haus von Tita Celia, sah sie den kleinen Hausaltar vor sich, den die Mutter täglich pflegte. Die ausbleichenden Fotos der Großeltern. Früchte, die ihnen dargeboten wurden. Räucherstäbchen und eine kleine Statue der heiligen Jungfrau Maria. Manchmal weinte Betty, bis ihr die Augen brannten. Vor jenem Altar hatte sie sich früher abgeschirmt gegen den Lärm der Straße und die Hektik des Fernsehprogramms, auch gegen die Stimmen der Geschwister. Wenn sie sich im Anblick der weißgrauen Fotografien verlor, reagierte sie auf gar nichts mehr, was an sie herangeredet wurde.
Eines Nachts, als sie im Haus von Tita Celia zu weinen aufgehört hatte, rief sie ihre Mutter an. Die flüsterte in den Apparat. Fortan trafen sie sich heimlich in einem Einkaufszentrum, um Nachrichten auszutauschen.
Am Sonntagmorgen stand Betty besonders früh auf und ging ziellos spazieren. Es erhob sich kein Verkehr. Selbst die Boulevards blieben seltsam leer. Man sah fast nur Menschen, die zu Fuß gingen. Vögel waren zu hören und die Dunstglocke, die sich an Wochentagen über alles legte, lichtete sich gegen Mittag. Es kam vor, dass am Sonntag ein Stück blauer Himmel zu sehen war. Aus den offenen Kirchen waren Lieder zu hören. Kinderchöre und einsame Priesterstimmen, Hallelujatruppen, klassische Motetten. Alles verband sich auf den Straßen, angenehm ausgedünnt und leise verhallend, mit den Vogelstimmen. Betty hielt es mit Tita Rosa, die sich als Heidenkind bezeichnete, wenn sie die Karten legte. Den großen Religionen stand sie nicht feindselig, aber vorsichtig distanziert gegenüber. Sie sei ab und zu in eine Kirche getreten, habe vom Rand her zugehört, was da gemurmelt, gepredigt oder gesungen wurde, habe hin und wieder ein Gebet gesprochen und sei dann weitergegangen. Am Sonntagmorgen ging Betty von einem Quartier ins andere, sah überall kleine Altäre und zollte ihnen, ohne sich etwas anmerken zu lassen, ihren Respekt. Auf dem Armaturenbrett jedes Jeepneys, der leer herumstand, fand sich eine kleine Statue aus fluoreszierendem Material; wohlriechende, blühende Rosenkränze baumelten über den Auslagen der Straßenverkäufer, daneben verschwammen die dunkel tränenden Augen von Saint Francis. So verlor sie sich in den Straßen und war nicht erreichbar für Zoten, die ihr nachgerufen wurden. Tita Celia kritisierte sie scharf. Man dürfe nicht leichtsinnig werden. Dieser Stadt sei nicht zu trauen, dem frommen Gesäusel schon gar nicht.
Es standen Prüfungen an. Betty zog sich in ihr Zimmer zurück und lernte. Ihre Freundin kam nicht mehr vorbei, weil sich Betty stets neu verliebte, aber schnell eifersüchtig wurde, wenn das der Freundin auch geschah. Bettys Stadt war nach innen gewachsen, in die Häuser hinein, die Studentenheime auf dem weiten grünen Campus der Staatsuniversität, in verschachtelte Häuser im Hinterhof einer Bäckerei. Betty lernte, in einem Zimmer, in dem fünf Leute schliefen, einen Orgasmus zu genießen, von dem niemand, der nicht beteiligt war, etwas mitbekam. Sie nannte das Implosion. Im Innersten der Stadt zerfiel sie im Glück, fand sich in einem dunklen Himmel wieder, in einer unbekannten Stille. Die suchte sie auch in Stundenhotels, die reichere Freundinnen zahlten, sah sich nackt im Spiegel, der über dem Bett an der Zimmerdecke angebracht war; oder in einer Villa am Stadtrand und in einem Raum, den eine Prinzessin eingerichtet hatte. Ein sanftes Paradies in Rosa und Hellblau, mitten in einem wuchernden Quartier aus ärmlichen Hütten.
Die »Vita« behauptet, dass Betty in jener Zeit auf eine Entscheidung zusteuerte, einen Ausbruch. Sie soll begonnen haben, an den Ratschlägen der Titas zu zweifeln und offen mit ihnen zu streiten. Die Kritik an ihrem Lebenswandel nagte an ihr; vor den Prüfungen hatte sie Angst, das Geld war knapp, es regnete in Strömen. Nur Jet Li schien unverwüstlich über allem zu thronen. Er sprang nicht nur, er flog durch die Nacht über dem Boulevard und den Passagieren, die nass gespritzt wurden, während sie auf eine Fahrgelegenheit warteten.
Manchmal fuhr Betty eine Freundin unwirsch an, die nach ihrem Befinden fragte. Von einer Party lief sie weg, ohne irgendjemandem gesagt zu haben, dass sie plötzlich nichts mehr hörte. Als seien ihre Ohren dicht. Nachts schlief sie schlecht. Sie träumte von bleiernen Jeeps, die im Meer versanken. Still ergaben sich die Passagiere dem Wasser. Betty erwachte schreiend. Aber es sei ihr gelungen, den Atem zu beruhigen. Betty habe auch Worte gefunden, um murmelnd Mut zu schöpfen. Eine Ahnung von etwas Größerem habe sich eingestellt und breit gemacht. Eine neue Rührung. Eines Tages sei sie zu Tita Celia ins Wohnzimmer getreten und habe verkündet, von nun an wolle sie sich dem Ernst des Lebens stellen. Noch in derselben Woche zog sie in ein Personalzimmer des größten städtischen Krankenhauses. Es wurde schwierig, den Kontakt zu Freundinnen zu halten, die in anderen Quartieren wohnten. Aus den Volksmassen, die Tita Gloria in ihren Berichten an die Vereinten Nationen beschworen hatte, wurden nackte Arme mit Brandwunden, geschwollene Bäuche, blasse verängstigte Gesichter, Familien, die im Halbrund um die Betten standen oder den Flur blockierten, weil sich auch dort Bett an Bett reihte. Betty sah viele Leichen. Amputierte Füße. Röntgenbilder und blutige, da neugeborene Babys. Sie schätzte ihre Uniform, die grünliche Hose und das weit geschnittene Oberteil. Dass die Farbe bald ausbleichte, verstärkte die Wirkung: Jeder, der Betty sah, wusste sofort, dass sie hierher gehörte, sich auskannte und immer dann lächelte, wenn es nötig war. Es galt, jede kleine Zehe zu verstehen, jede Verfärbung der Haut genau zu studieren, die Zutaten sämtlicher Medikamente auswendig zu wissen und die Kürzel auf dem Monitor des Tomographen, der heiß lief im Keller und gekühlt werden musste, damit er nicht verrückt spielte.
Im Wechsel von Station zu Station vergingen die Jahre. Als Betty die dreißig überschritten hatte, suchte sie eine neue Freundin, wie schon so oft, aber diesmal fand sie einen Meister. Auch er war Krankenpfleger. Jeden Morgen trainierte er und hatte bald Schüler. Betty war seine einzige Schülerin. In den Bewegungen, die sie von ihm lernte, kam ihr Körper in einen neuen Zusammenhang. Alles verband sich immer besser und manchmal, in besonders guten Momenten, schienen ihre Arme und Beine mit den kleinen Jungen auf der Straße ihrer Kindheit verwandt und dem Basketball; der Wind spielte in die Routinen hinein, wenn er übers Dach des Spitals wehte und ans Ufer der Bucht von Manila, wo sie auf einem leeren Parkplatz trainierten. Die Beine schnellten hoch und schwer fuhr eine Faust aus. Betty stellte fest, dass sie gefährlich werden konnte.
Aber der Meister spornte sie nicht nur an, er beruhigte sie auch. Wenn sie krank war und Fieber hatte, kam er in ihr Personalzimmer und trocknete mit einem weißen Frotteetuch ihre Haut ab, den Rücken, den Nacken, die Arme und die Rinne zwischen den Brüsten. Er schien sie nicht anzublicken dabei. Trotzdem fühlte sie sich nicht wie eine Patientin im Spital. Etwas Mütterliches brachte er ihr entgegen, eine ständige Sorge um die richtige Temperatur ihres Körpers, egal ob ein Fieber wütete oder nicht. Auch im Training war darauf zu achten, dass der Schweiß nicht offen floss, dass kein Windhauch in die Tropfen fuhr, Wasser durfte nicht auf der Haut trocknen, die Abkühlung nach einem Kampf musste langsam vonstatten gehen. Des Teufels war kaltes Wasser auf einem heißen Körper, eine plötzliche Dusche konnte Krämpfe und Schockzustände hervorrufen. Das widersprach den Lehrbüchern nicht, die Betty studiert hatte, aber es kam darin auch nicht vor. Die mütterlich-meisterliche Lehre der Wechsel, des sanften Übergangs und der Schirmung im richtigen Moment breitete sich außerhalb der Arbeitszeit in ihrem Leben aus, sie wirkte immer dann, wenn Betty frühmorgens einen stillen Winkel aufsuchte, um zu turnen. Auch in Europa, als sie dem Orden beigetreten war, trug sie ein weißes Frotteetuch über die rechte Schulter geschlenzt, wenn Sommer war und manche Bewegung zu einem Schweißausbruch führte. Petra sagte einmal, dass sich Betty Wang überall auf der Welt zu Hause fühlen werde, wo sie genug Zeit finde, sich nach einer Anstrengung langsam abzukühlen.
Vom Meister wurde erzählt, er sei lange in Nordamerika gewesen, als einziger philippinischer Schüler von Bruce Lee. Andere sagten: als Masseur von Bruce Lee. Wahrer Erbe des Filmstars war er für alle. In der Gegend ums Spital würde die Kampfkunst zu neuer Blüte gelangen, wenn der Meister endlich eine richtige Schule gründen und die Uniform des Krankenpflegers an den Nagel hängen könnte. In dieser Hoffnung lebte auch Betty, bis sie wieder begann, in die Stadt auszuschweifen, alte Freundinnen und Titas zu besuchen, nach kurzen Gesprächen verstimmt zu verschwinden und sich treiben zu lassen, in Jeepneys zu steigen, von denen sie nicht wusste, wohin sie fuhren. Sie entdeckte Kampfsportschulen in mehreren Stadtteilen, erfuhr von einem zweiten einzigen philippinischen Schüler von Bruce Lee und wollte sich nicht ausdenken, wie viele es noch gab auf dem Archipel, den siebentausend Inseln voller Leute, die darauf hofften, dass hier endlich etwas ganz Großes aufblühte.
Betty verlor sich an ihren freien Tagen in der Stadt, weil ihr Vater gestorben war. Eines Tages hatte die Mutter angerufen. Die Nachricht wirkte erbarmungslos. Blieb Betty allein in ihrem Zimmer, stürzten hundert fratzenhafte Gesichter des Toten auf sie ein. Stumm schrien sie und trieben Betty aus dem Haus. An der Beerdigung nahm sie teil, als sei sie eine Fremde. Die Geschwister schienen sie nicht herzen zu wollen. Einen klaren Gedanken konnte sie nicht mehr fassen. Da war nur der Wille auszufahren. Wo sie auch hinkam, war alles falsch. Was die Titas sagten, die Freundinnen empfahlen, die Mutter anmahnte, klang schrill und daneben, ein wiederholter Affront, und dem Meister wagte sie nicht mehr ins Gesicht zu blicken, seit sie an seiner Geschichte zweifelte. Ihn zu fragen, wie es denn wirklich gewesen sei mit Bruce Lee, hätte ihr das Herz gebrochen.
Als sie mehrmals die Morgenübungen verschlafen und bei der Arbeit zwei Medikamente verwechselt hatte, steigerte sich ihre Unruhe zu Panik. Ihr Leben drohte in Scherben zu gehen, sie wäre am liebsten in eine Wand gerannt und wollte bellen, wenn ein Patient vor ihr lag und leise winselte. Alles Mitgefühl war dahin. So schnell wie möglich musste sie aus dem Spital, der Stadt, dem Archipel verschwinden. Als ihr ein Inserat am Anschlagbrett ins Auge sprang, glaubte sie sich von höherer Stelle erhört: »Hongkong« stand da, »Privatklinik«, »Hokkien-Chinesisch erwünscht«, das war genau auf sie zugeschnitten. Sie würde mit Jacky Chan ihren Kinderdialekt sprechen und modernste Maschinen bedienen. Die Stelle war sofort anzutreten.
6.
Den Anflug übers Meer genoss Betty als Versprechen. Vom Flugzeug aus waren Berge und Wälder zu sehen. Die Vorstellung von der kleinen Wiese, die sie sich vor dem Fernseher in Tita Celias Wohnung gemacht hatte, war offenbar falsch. Dass in den frühen Filmen von Jacky Chan immer dieselbe kleine Lichtung zu sehen war, hieß nicht, dass es in Hongkong keine anderen Wiesen gab. Nur die schmalen Küstenstreifen der Inseln und der Halbinsel waren von Hochhäusern vollgestellt, nahtlos ragten dahinter steile Berghänge auf, der Buschwald schien drauf und dran, die Häuser einzunehmen. Da musste es tausend kleine Wiesen geben, um zu kämpfen, ein Sandwich zu essen oder Morgenübungen zu machen. Hongkong wuchs nicht in die Breite, wie Manila, sondern in die Höhe und in den Untergrund. Mit der U-Bahn fuhr man vom Flughafen direkt unter das Haus, wo sie wohnen würde. Aber schon am Tag der Ankunft schrumpfte die Stadt auf einige Quadratmeter zusammen. Betty fand sich in einem Zimmer wieder, das keine Fenster hatte. Das Wort »Privatklinik« entpuppte sich als Täuschung, ihr Arbeitsplatz war nichts als privat.
Betty wohnte auf einem Sofa, das sie nachts vor die Klotür schob, um sofort aufzuwachen, wenn ihr Patient Wasser lassen wollte. Seine ebenfalls schon ältere Tochter fürchtete sich vor einem Schenkelhalsbruch. Deshalb lag Betty nachts im Halbschlaf da und hörte der Klimaanlage zu, ihr Vibrieren schien sich am Brummen des Kühlschranks aufzureizen. Das Zimmer war mit weiteren Apparaten bestückt: einem Dampfabzug über der Kochnische, einer Mikrowelle; lief die Waschmaschine, befeuchtete sie Schränke, den Spiegel, Geschirr und Ablagen. Betty sah manchmal nichts mehr, wenn ihr ein Essen anbrannte und die Wäsche in ihrem Rücken trocknete. Innerlich ratternd lag sie nachts wach und fand keinen Ausgang, ihre Gedanken steckten in dem Inserat fest, im Flugzeug, dem kühlen Abschied von der Mutter. Es gab kein Zurück zu den Freundinnen, die ihr nicht glauben würden, dass sie das Inserat nicht überprüft, keine Erkundigungen eingeholt hatte; im Alter von 42 Jahren war sie übers Ohr gehauen worden wie ein Trottel vom Land. Sie sackte ab in den Gerüchen, die vom Klo ins Allzweckzimmer drangen. Es dauerte Tage, bis sie ans Fenster kam.
Im vorderen Zimmer saß Herr Tan stundenlang stumm auf seinem Bett; er schob sich einige Kissen zurecht, damit ihm wohl war. Und er schaute hinaus. Zwischen Bett und Fenster war wenig Abstand, also stürzte die Stadt durch das wandgroße Glas direkt auf ihn ein und bald auch auf Betty, die sich neben ihn setzte. Die Häuser schienen aus Hochstraßen und Schluchten aufzusteigen. Wurde es abends langsam dunkel, standen sie als schwarze Streifen vor dem Himmel. Ein Anflug von Abendrot flackerte hinter ihnen, aber nur kurz, dann war nur noch Kunstlicht zu sehen. Aus dem Schwarz der Schluchten schossen Lichter auf, Punkte in vielen Farben wanderten den Kanten entlang, ein stundenlanges Blinken hob an – die Krönung jeder Weihnachtsbeleuchtung, dachte Betty, die sich in Manila nicht hatte satt sehen können an Rudy, dem rotnasigen Rentier, an Santa und allen Ochsen, die zu Weihnachten über den ärmsten Quartieren der Stadt prangten, und Musik machten, einen Monat lang dieselbe Melodie in Endlosschlaufe. Kaum wurde es Nacht, war nichts mehr zu sehen gewesen vom Schlammpfad, von lecken Dächern, eingebrochener Wand oder trübem Kanal. Alles verschwand in Schwärze, wenn leuchtend weiß quiekendes Getier und Engel erschienen. Auf Menschenhöhe. Nach Sonnenuntergang war nur noch wahr, was hell erstrahlte.
In Hongkong begannen sich jeden Abend die Häuser zu verschieben, in Lichterreihen aufzulösen, neu zu erscheinen, zu springen. Herr Tan fragte dann:
»Wo sind wir?«
»Zu Hause«, sagte Betty.
Er nickte zweifelnd und fragte stets nochmal nach.
»Zu Hause«, wiederholte Betty in ihrem Kinderchinesisch, Hokkien, Dialekt der Provinz Fujian, der Seeräuber, der Händler und der Armen, die sich im Süden eine Insel gesucht hatten um zu überleben, vielleicht sogar reich zu werden. Herr Tan sollte sich an sein Dorf auf dem Festland erinnern, wenn er den alten Dialekt hörte, den seine eigene Tochter weder sprach noch verstand. Mit mütterlicher Stimme musste ihm versichert werden, dass dieses Bett sein Bett war. Aber Betty fühlte sich hinter der schall- und luftdichten Fensterwand selber entrückt, sie hätte gern gesagt: »Wir schauen direkt ins All, Herr Tan, da fliegen Häuser senkrecht ab wie Raketen, andere fallen uns entgegen, die kleinen Lichter auf der Hochstraße sind Kampfmücken, bald fliegen wir mit.«
Auf digitalem Weg war Betty mit Manila verbunden. Sie wagte eine erste Botschaft an Tita Rosa, die ihr früher die Karten gelesen hatte. Das Wort »Privatklinik« behielt sie bei, aber sie schrieb von einer »langen Nacht der Seele«. Das genügte, um eine kleine Welle von guten Wünschen auszulösen. Rosa behielt Nachrichten nicht für sich. Musik wurde geschickt, hübsche Bilder von Jet Li, die Namen hilfreicher Leute wurden empfohlen und Telefonnummern. Der Tantenhimmel reichte über das kleine Meer zwischen den Inseln und China hinweg und vielleicht reichte er noch viel weiter. Im Feldlager der Hausangestellten, das sich jeden Sonntag im Zentrum der Stadt entfaltete, suchte Betty bald die Freundin einer Freundin einer Freundin auf. Sie erfuhr, dass gegen die Täuschung nicht viel zu machen sei, wenn sie in der Stadt bleiben, vielleicht sogar vorankommen wolle. Hongkong sei ein Sprungbrett, das dürfe sie nicht vergessen. Auch Falltüren gebe es zu beachten, Seilstricke, aber mit ihrer Ausbildung und Erfahrung werde sie bestimmt bald weiterreisen. Ihr Lohn sei überdurchschnittlich, auch für hiesige Verhältnisse exzellent, sagten ihr alle, mit denen sie Zahlen verglich. Sie würde sparen können. Wofür, wusste sie noch nicht.
Richtig gute Tage waren selten, es gab sie nur sonntags. Die meisten Hausangestellten strömten dann zur Stadtmitte. Wenn Betty einigermaßen gut aufgestanden war, ließ sie sich planlos in der Menge treiben und war nicht überrascht, wenn ihr plötzlich ein kleiner, handgeschriebener Zettel gereicht wurde. Eine Menukarte mit drei Gerichten zur Auswahl. Klandestin wurde serviert, was sie flüsternd bestellt hatte. Die Aufpasser der Stadtverwaltung durften nicht mitbekommen, was hier im Nebenerwerb verkauft wurde – in Koffern und Taschen warmgehaltenes Essen, gereicht in kleinen Tupperwares. Wer in einer überfüllten Unterführung massiert wurde, bezahlte nicht direkt. Verstohlen wurden Geldnoten zugesteckt. Betty ging zu Nanay Del, wenn ihr Rücken schmerzte und nach schlaflosen Nächten die Gelenke pochten. Nanay Del war ein neuer Stern am Tantenhimmel. Sie saß leicht erhöht über den sitzenden und liegenden Frauen. Ein kleiner Plastikhocker zeichnete sie aus, von hier aus hatte sie einen Überblick über die Stadt gewonnen. Die Straßenverkäufer holten sie, um im Flüchtlingsheim der Afghanen den lahmen Arm einer Frau zu behandeln. Sie erzählte von der alten Weißen, die in jeden Krieg gezogen war, um davon zu berichten, und Del kommen ließ, wenn ihr der Schreck noch in den Knochen hockte. Del schien alle zu kennen, die sich am Sonntag im Zentrum einfanden und von Abu Dhabi oder London sprachen, wo sie versagt hatten. Tänzerinnen, die nicht müde werden durften. Gläubige. Prinzessinnen. In engen Leggins getarnte Soldatinnen einer Kirche oder Partei. Mütter über Mütter, die Kinder weit weg. Mit einem kräftigen Druck der Schenkel fixierte sie Frauen, die sich auf der Kartonmatte vor sie hinsetzten, um massiert zu werden.
In der »Vita of Betty Wang« steht Nanay Del in einer Reihe mit dem Schüler von Bruce Lee, sie ist Tante und Meister in einem. Auf die Temperaturen des Körpers gab sie besonders acht. Betty presste sie jeden Schmerz aus dem Rücken und verschaffte ihr das Gefühl, hellwach den mangelnden Schlaf nachgeholt zu haben. Eine Ahnung von Verbindung kam zurück und von Übungen am frühen Morgen. Gegen Ende der Behandlung ließ Del ihre Hände ruhig über Bettys Arme gleiten. Sie fuhr mit allen Fingern unter ihr Haar, das damals noch lang über die Schultern fiel. Ein heilsames Streicheln war das, dachte Betty, und ließ es sich gefallen. Sie vermisste Hände, die ihr unter die Bluse fuhren, sehnte sich ungestüm nach einem Moment im Dunkeln, in dem ihr alles wieder zufiel, was im fensterlosen Zimmer abhanden gekommen war. Auch Hongkong musste sich in kleine Zimmer auflösen lassen, Betty wollte hier implodieren. Und tatsächlich lächelten junge Frauen, wenn sie planlos umherstrich, schoben ihr einen privaten Zettel zu, wenn sie geheimes Essen servierten, oder sie kamen ihr strahlend entgegen und reichten ein Pamphlet. Betty ließ sich digital kontaktieren und fand sich ein, wenn eine Verabredung zustande kam. Aber dann gab’s nur verzweifelte Umarmungen, große Beichten, ihre starke Schulter war gefragt, ein mütterlicher Rat. Verweinte Gesichter verschlossen sich, wenn Betty stotternd sagte, was ihr die Brust zu sprengen drohte. Sie hörte von tausend Liebschaften und Dramen, blieb aber ausgesperrt, sprach freundlich Mut zu und sehnte sich doch nach feuchten Schenkeln, hörte ihr Herz viel zu laut schlagen. Ein ums andere Mal hoffte sie peinlich vergebens, sie begann ihre eigene Sehnsucht zu hassen. Es blieb immer nur das Sofa vor dem Klo, das Schnarchen des Patienten, ein stummer einsamer Orgasmus, der nach der ersten Schwingung abbrach; und wenn sie beten wollte, begann sie haltlos zu weinen. Die Kartonböden sogen sich mit kaltem Regenwasser voll, als der Winter über Hongkong hereinbrach. Auch der Sonntag war nun kein guter Tag mehr.
Die »Vita« zählt weitere Prüfungen auf: Dreckluft aus dem Norden der Stadt. Beschimpfungen und böse Gerüchte. Ein Husten brachte Betty fast zum Ersticken. Ein Fieber ging auf Herrn Tan über und ließ ihn nachts halluzinieren. Schweißgebadet kam Betty zur Überzeugung, dass in Honkong alles hochgeschraubt war, selbst die Luft barst vor Energie, besonders der Feinstaub, wenn er in der Lunge explodierte.
Ein rettender Meister blieb aus, Nanay Del blieb machtlos gegen die Schwere, die sich in Betty ausbreitete. Die Nächte waren traumlos, Musik aus Geräten nur leeres Geplärr, der Tantenhimmel verstummte. Es blieb die Erinnerung an eine kleine grüne Wiese vor Hongkong. Betty beschloss, sie zu finden.
An einem klaren Sonntagmorgen begrüßte sie die Tochter von Herrn Tan, übergab den Patienten und ging langsam zum Aufzug. Mit der Bahn fuhr sie zum Stadtrand, folgte dort einem Wegweiser und den grell gekleideten Wanderern. Es dauerte nur eine Viertelstunde, bis sie den Wald betrat, feuchtes Moos roch und leichter ging. Ein Steilhang ließ sie erstmals außer Atem kommen. Schon stand sie vor einem kleinen Altar, mitten im Gebüsch. Frische Früchte waren hier dargebracht worden. Ein kleiner Buddha hielt seinen Bauch. Neben ihm stand Maria, dachte Betty, aber das konnte nicht sein. Das war kein Familienaltar in Manila, hier führte nicht ihre Mutter Regie. Aber Betty war es egal, ob unbefleckte Jungfrau Mutter Gottes oder kinderspendende Guanyin, Bodhisattva der Barmherzigkeit. Ihr wurde leicht ums Herz, als sie die blumenbekränzte Statue sah, da hatte ihr jemand einen Glücksbringer in den Weg geworfen. Sie murmelte einige Sätze, die ihr früher schon einmal Ruhe verschafft hatten. Und dann trat sie über den Wald und wurde fast fortgeblasen vom Wind, der vom Meer hochkam. Sie schien über der Stadt zu verwehen. Weit unten standen die Hochhäuser, jedes ein kleiner Stecken, schön senkrecht in den Boden versenkt. Hongkong wuchs in die Höhe und die Berge wuchsen über die Stadt hinaus. Sie thronten über der Bucht und ließen alles, was da unten war, als kleine Vorstufen erscheinen.
Über dem Wald wuchs Gras, aber keine Wiese. Betty fand sich in einer wild verwehten Steppe, die von Sattel zu Sattel reichte. Sie ging schnell, fliegend, als sei sie ein Kampfmönch gespielt von Jet Li, ein einsamer Kämpfer, der sich vor seinen Feinden in die Berge zurückzieht. Sich sammelt. Den richtigen Moment abwartet, um zurückzuschlagen.
Betty sei mehrmals aus der Stadt geflohen, schreibt Petra in der »Vita«. Sie habe diverse Berge bestiegen, hinter der Stadt und auf den vorgelagerten Inseln. Und mit jedem Berg sei sie mönchischer geworden. Das fensterlose Zimmer wurde zur Zelle. Betty begann Dinge zu verschenken, die im Weg waren. Sie wollte alles weglassen, was nicht zur Zukunft gehörte. Sehnsucht sollte ihr fremd werden. Wenn sie aufbräche, würde ihr ganzer Besitz in einem Schnappsack Platz haben.
Die Angst, in ihrem Zimmer allein zu ersticken, wurde leiser, dünner, langsam verzog sie sich. Betty erinnerte sich an den Schüler von Bruce Lee und ließ die Arme schwer werden. »Alles Blei«, hörte sie ihn sagen, aus einer anderen Welt. Einsam schien er aus Amerika zu sprechen. »Alles Blei«, wiederholte er, und aus den Füßen stieg die Wut auf, die ihn antrieb, schwere Arme zu stemmen. Betty hob ihre Hände und schaute in die offenen Handflächen. »Das sind Spiegel«, hatte der Meister in Manila gesagt. »Schau Dir Deine Fratze an.« Das tat sie, drehte die Hände dann nach außen, die Mittelfinger als stehende Achsen, schnaubend und beidhändig schlug sie zu. Ein unsichtbarer Feind kriegte ihre ganze Wut ab und die Fratze und das Schnauben des Meisters, das sie angenommen hatte.
Weil im Zimmer kein Platz für Schritte war, übte sie stehend. Auf zwei Beinen, dann auf einem Bein. Je schwerer die Arme wurden, desto schneller schnellten sie nach vorn.
Auch die langen Haare wurden ihr zu viel. Aber sie schnitt sie nicht vollständig ab. Es durfte keine Kopfhaut durchscheinen. Blass gekleidete Nonnen hatten sie auf der Straße erschreckt. Das Grau ihrer Gewänder war mit dem Grau der Haut verflossen – ob Chinesinnen oder Weiße, sie waren alle bleich und kahl. Betty wollte sich selbst über den Plüschkopf fahren können. Ihr schwarzer Pelz musste dicht und samtig bleiben. Und weil sie nur noch wenige Kleider hatte, um sich auf der Straße auszuzeichnen, ließ sie sich eine einzelne lange Strähne grellblau färben.
»Man musste sich abheben von den Jogginghosen der Kindermädchen«, hat sie mir selbst erzählt. Als geschlechtsloses Hilfswesen durchs Viertel zu huschen, sei auf Dauer Selbstmord. Man werde bald nicht mehr gesehen und dann mit voller Härte getroffen, wenn – wie aus dem Nichts – ein böses Wort auf einen niedergeht. Deshalb trug sie eine schwarze Hose mit Buntfalte, eine blaue Seidenbluse, wenn nötig einen Regenmantel. Betty markierte die burschikose Chinesin und solange sie den Mund nicht aufmachte, wurde sie als solche erkannt.
Zurück im Feldlager konnte sie von Bergen berichten. In der Unterführung sprach auch Nanay Del von einem Ausflug auf die Insel Lantao. In ihrem zehnten Jahr in Hongkong sei sie da hingefahren. Vor langer Zeit. Dem Riesenbuddha, der dort auf dem Berg thront, sei sie zu Füßen gestanden und von einem Gefühl erfasst worden, das sie nicht kannte, enthoben und mitgenommen sei sie mit einem Mal gewesen, beschenkt. Tagelang habe sie kein Wort gesprochen, als sie von Lantao in ihren Haushalt zurückkehrte. Die Kinder, für die sie zuständig war, mussten damit leben, dass ihre Del eine Weile nur noch Handzeichen gab. Dann habe sie die Sprache wiedergefunden und neu auch die Kraft, mit den Händen zu heilen.
Betty hörte sich die Geschichte an, während Del einer jungen Frau die Schultern massierte. Die hatte ihre Augen geschlossen und schien im Meer der Frauen zu versinken, das sich in die Unterführung ergoss aus den Straßen, die sich in südliche Regionen verwandelt hatten – Luzon, Visayas, Mindanao setzten sich zwischen HSBC und Connaught Road neu zusammen, Tänzerinnen aus den Kordilleren Luzons stampften im Kreis, lachten sich zu und sangen von den Rivers of Babylon. Hoch über allem wurde anglikanisch gebetet, katholisch noch weiter oben, senkrecht fielen die Straßen von den Kirchen zum Meer ab, in engen Abschrankungen pressten sich die Gläubigen hoch und nieder, ein heftiger Verkehr brauste an ihnen vorbei. Die junge Frau schien davon so erschöpft, dass sie mit geschlossenen Augen komatös zwischen Dels Schenkeln hing, ein bisschen weniger Druck und sie wäre hingefallen. Das brachte Nanay Del nicht aus der Ruhe. Sie erzählte vom haushohen Gott auf Lantao, der über allen Regionen throne, den Vogelflug mit Rückenschmerzen und lateinischer Oratio verbinde. Seit jenem Ausflug vor vielen Jahren sehe sie Zusammenhänge, sagte sie, und ungefragt sprach sie von Bettys Vater, der im Unfrieden gestorben war. Bettys Schuld sei das, eindeutig, sie hätte sich rechtzeitig versöhnen müssen. Drum sei sie hier dem alten Herrn Tan zugefallen, um Abbitte zu leisten.
Betty wagte nicht zu widersprechen, aber sie erhob sich, strich ihre schwarze Anzughose glatt, nickte höflich, aber stumm, und entfernte sich rasch. Sie sehnte sich nach einem Berg, auf dem sie allein war. Von Vorsehung und Vätern wollte sie nichts wissen.
Inzwischen geht im Orden die Idee um, Betty sei in Hongkong nicht zufällig auf Petra gestoßen. Ihr ganzes Leben sei auf jene Begegnung und die Klostergründung zugelaufen. Besonders von den Neuen wird die erste Medica sehr verehrt. Über Gebühr, wie sie selbst betont. An Schicksalskräfte glaubt sie nicht. Wer sich den Zufall nicht denken könne, werde dem Atommüll nicht Herr. Die schlimmsten Unfälle zeichnen sich nie vorgängig ab, sie entwickeln sich aus unvorstellbaren Naturkatastrophen oder aus alltäglichen kleinen Störungen, die man lange nicht beachtet. In einer der ersten Lektionen, die nach dem Eintritt der Neuen abgehalten wurden – als große Wiederholung – hat Betty von »freak incidents« gesprochen. Damit sei zu rechnen. Ein wirkliches Ereignis komme überraschend, quer hinein, unerwartet wirkt ein Erdbeben mit heftigster Schneeschmelze zusammen, schon fließt Wasser, wo es nicht sollte. Der Größenwahn eines Ingenieurs ist da noch gar nicht bedacht. Gegen diese Freaks unter den Wirkungen ist eine feste Zeit zu bauen. Ein Bollwerk gegen die Angst. Schöne Routinen. In der Ruhe, die sie schaffen, bleibe der Geist beweglich, sagte uns Betty. Er nehme dann besonders gut wahr und könne alles denken.
Auch vom »prozeduralen Gedächtnis« sprach sie in der großen Runde. Von Automatismen. Und so hörte ich die Geschichte von Herrn Tan, noch bevor Petra die »Vita« geschrieben hatte. Betty sprach von dementen Menschen, die Namen vergessen, immer mehr Orte und Ereignisse durcheinanderbringen, bald von Unbekannten umgeben sind. Herr Tan erkannte manchmal seine eigene Tochter nicht mehr, wenn sie am Sonntag auf ihn aufpasste. Aber eines Morgens stand er in der Tür, die das Allzweckzimmer mit seinem Bett und dem Fenster verband. Er sah Betty zu, wie sie mit den Armen die Luft pflügte und tat es ihr nach. Schon nach wenigen Bewegungen scherte er aus Bettys Routine aus, fiel in einen Ablauf, der seinem Körper tief vertraut war. Herr Tan turnte neben seinem Bett, als sei ein junger Kämpfer in ihm erwacht. Ganz langsam.
Bald wagte sich Betty mit ihm ins Freie. Gemeinsam gingen sie frühmorgens in den kleinen Park, wo sich die Alten sammelten. Vereinzelt und in Gruppen klopften sie sich die Muskeln warm, schwangen langsam ein Schwert oder dachten nur nach. Herr Tan stand jeden Tag fester unter den Bäumen. Er spannte die Arme, als halte er einen Bogen, dann duckte er sich, schützte das Gesicht mit einer Hand, schob vorsichtig den rechten Fuß vor und erhob sich, beide Arme schirmend vor dem Kopf, und dann schlug er zu. Der Unterarm schnellte als Geisel hoch und fiel oben, wo die Knochen des Gegners brachen, in eine kurze Starre. Betty stellte sich hinter den alten Mann und tat ihm alles nach. Sie guckte ihm Formen ab, die sie noch nicht kannte; erweiterte ihre Übung. Bald turnten sie unisono, absolut still.
Bettys Tage begannen zu pulsieren und die Zeit verdichtete sich. Wenn Herr Tan nach dem Mittagessen einschlief, wurde sie nicht mehr schläfrig. Betty las, repetierte Zutaten von Medikamenten und sie ließ sich die alten Schulbücher liefern, die ihr als Kind das Mandarin, die Hochsprache, vergällt hatten. Nachts öffnete ihr der Laptop ein Tor zu alten Schlachtfeldern, künftigen Galaxien und höfischen Gemächern. In phantastischen Welten erkannte sie ein unendliches Ringen zwischen Feuer und Luft, Erde, Metall und Wasser. Sie folgte dem Phoenix und dem Einhorn, der alten Schildkröte, dem Tiger und dem Drachen in eine wild bewegte Zukunft. Jet Li sprach jetzt nicht mehr Englisch, sondern Mandarin. Betty wollte ihn verstehen. Wenn sie Schriftzeichen übte, brauchte das noch weniger Platz als stehend zu turnen. Ein Mensch war mit zwei kurzen Strichen aufs Papier gebracht. Ein dritter Strich, und er hatte sich zum Wort »groß« erweitert. In kleinsten Karrees standen »Himmel«, »Messer«, »Herz«, »Berg« und »Auge«. Als edle Comic-Schrift erschien ihr das Chinesische. Wenn ein Feld und Seidenballen auf dem kleinen Bauern lasteten, hieß das: »müde«. In immer enger verzahnten, präzisen Strichen erweiterte Betty den Menschen um Pflanzen, Drachen, Staub und Seide, sie baute eine Welt auf – und fand Muster, die schon immer da und schon immer schön gewesen waren, als trete sie in ein Spiel ein, das seit Jahrhunderten auf sie gewartet hatte. Antworten stiegen aus ihr selbst auf, sie durfte nur nicht ins Grübeln geraten, nicht bohrend über eine Frage nachdenken, es galt, die Zeichen lange zu betrachten, wegzulegen, und plötzlich war sie da, die Erklärung, warum das genau so sein musste und immer so bleiben würde, von nun an würde sie dieses eine Zeichen nicht mehr vergessen. Die Welt wuchs mit jedem Zug, den sie aufs Papier setzte. Betty eröffnete sich einen Kontinent. Eines Tages würde sie ihn betreten. Wenn ihr die Einsamkeit den Atem abzudrücken drohte, malte sie sich Städte aus, die höher als Hongkong in den Himmel ragten, sie wünschte sich Kollegen und Betrieb, ein Festland. Es wuchs die Gewissheit, dass der Moment zum Absprung nahe war.
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