Читать книгу: «Morgen ist alles besser»

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Mit einem Nachwort von Evelyne Polt-Heinzl


Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

ZWISCHEN PREKÄREN AUTORITÄTEN UND MONDÄNEN VERLOCKUNGEN

1

LAUFENDE MASCHEN VON Seidenstrümpfen sind unaufhaltsam wie der Lauf des Schicksals. »Huber, gib doch acht, die Mikula schaut schon die ganze Zeit her!«, zischt die Meier, die am anderen Ende der Schulbank sitzt. Die Mikula, die Lateinprofessorin, dieses Ekel, beobachtet seit drei Minuten unverwandt den linken Eckplatz der letzten Bank: Dort hockt Toni Huber, der Unglücksmensch, und versucht mit dem altbewährten Hausmittel Spucke eine laufende Strumpfmasche aufzuhalten.

Aber da rückt schon die Mikula, das Lateinekel, auf Toni Huber los.

»Vielleicht übersetzt die Huber weiter«, sagt die Mikula, und zur Kratochwil Gertrude, die bei den »s« mit der Zunge anstößt: »Danke, es genügt. Die Huber übersetzt weiter.« Mit einem bösartigen Lächeln geht die Mikula den Mittelgang zwischen den Bankreihen entlang. Vor der letzten Bank bleibt sie stehen. Gerade neben der Meier. Am anderen Ende der Bank sitzt die Huber. Die Mikula lächelt widerwärtig:

»Nun – wird’s bald, Huber?«

Die Huber ist wie von der Tarantel gestochen aufgesprungen. Sie hat das Buch, das vor ihr lag, in die Hand genommen und starrt auf die Seite voll lateinischer Worte, die Buchstaben tanzen vor ihren Augen herum, lauter Worte, von deren Sinn sie überhaupt keine Ahnung hat. Weiterübersetzen, mein Gott, weiterübersetzen. Sie weiß auch nicht, bis wohin die Kratochwil gelesen hat, wahrscheinlich bis zu einem neuen Absatz. Aber bis zu welchem Absatz?

Und die Mikula steht da, die Meier kann nicht einsagen, die Mikula steht zu dicht neben ihr. Warum rührt sich denn die Raftl nicht? Die Raftl sitzt vor der Huber, jetzt wendet sie sich ein wenig zur Seite, hält das Taschentuch vor den Mund und bereitet sich zum Einsagen vor. Und jetzt zischelt sie auch etwas, aber so leise, man kann sie nicht verstehen …

»Huber, Sie haben wieder nicht aufgepasst, wir sind auf Seite 23, Zeile 12«, sagt die Mikula mit ihrer schneidenden Stimme.

Es ist beschämend, umblättern zu müssen. Die Huber hatte noch immer Seite 21 aufgeschlagen. Also: Seite 23, Zeile 12. Sie beginnt den lateinischen Text zu lesen, und ihr Gesicht ist ganz rot vor Verzweiflung, so rot, dass man die vielen Sommersprossen gar nicht mehr sieht. Die Haare fallen ihr in die Stirn und sie beugt sich krampfhaft über das Buch.

»Komisch, ihre Stimme –«, flüstert die Kratochwil der Helmer zu, »sie hat die Stimme nicht in der Gewalt, ich hab so etwas noch nie gehört.« Ein kleines, wohliges Mitleidsgefühl kriecht in der Kratochwil hoch. Sie hat gut übersetzt, »Danke, es genügt«, hatte die Mikula zu ihr gesagt.

Und nun ist die Huber an der Reihe, die arme Huber, die sich nicht verstellen kann. Die hat gerade nicht aufgepasst, und die Mikula ist ihr sowieso aufsässig. Die Huber würgt an den lateinischen Worten herum, und man spürt sofort, dass sie keine Ahnung vom Sinn der Sätze hat. Ihre leise, tiefe Stimme wird ganz rau vor Angst. Diese hilflose Stimme geht zu Herzen. Diese Stimme rührt auch die Meier, die Meier wird sich aufopfern und einsagen, obwohl die Mikula dicht neben ihr steht, obwohl die Mikula sie deshalb ins Klassenbuch eintragen und in der nächsten Stunde quälen wird. Diese kleine, verzweifelte Stimme der Toni Huber haspelt widerwärtige lateinische Sätze herunter, und die Kratochwil macht auf einmal ein sehr teilnahmsvolles Gesicht, und die Meier wird helfen und auch die Raftl.

»Sagen Sie, Huber – Sie haben wohl überhaupt kein Gefühl für das Versmaß?«, erkundigt sich die Mikula spitz. »Es ist Ihnen wahrscheinlich ganz egal, ob Sie Verse oder Prosa lesen, nicht wahr?«

»Jawohl, ganz egal, Frau Professor«, stammelt die Huber.

Die Mikula zuckt auf. Frech ist diese Huber auch noch? Sie öffnet schon den Mund zur heftigen Erwiderung. Aber da sieht sie das verwirrte Gesicht der Huber. Mit einer hilflosen Gebärde streicht die Huber die Haare aus dem Gesicht, die andere Hand hält das Buch, und die Mikula sieht, dass diese Hand zittert. Die Huber spürt den Blick der Frau Professor.

»Bestimmt ganz egal«, flüstert sie.

Unterdrücktes Kichern in den vorderen Bankreihen. Man hört das hysterische Glucksen der Kratochwil heraus. Sie kann sich nicht zurückhalten, die Huber ist zu komisch in ihrer Verwirrung. »Helmer, lachen Sie nicht!«, fährt die Mikula hoch. Die Kratochwil ist Vorzugsschülerin. Immer, wenn die brave Kratochwil kichert, wird die Helmer ermahnt. Mit Genugtuung stellt die Mikula die vollkommene Verwirrung der Huber fest.

»Die Aeneis ist aber nicht in Prosa, sondern in Versen geschrieben und muss dementsprechend gelesen werden. Sie haben eben nicht das geringste Gefühl für Rhythmus. Also, beginnen Sie mit der Übersetzung!«

Die Huber beginnt mit der Übersetzung. Das heißt, sie beginnt natürlich nicht, sondern starrt nur ins Buch. Wenn ich jetzt ein paar Sätze richtig übersetze, gibt sie mir ein Genügend, überlegt sie verzweifelt. Dann krieg ich im Halbjahrszeugnis vielleicht ein Genügend in Latein und sie lässt mich bei der Matura durch, ich müsste jetzt übersetzen … Herrgott, diese Raftl zischelt so, ich kann sie nicht verstehen –

Die Huber beugt sich ein wenig vor. Die Mikula sieht gerade in ihr Buch. Da riskiert es die Huber, der Raftl einen Stoß zu versetzen.

»Aeneas umschiffte die Küste …«, flüstert die Raftl.

Die Huber beugt sich noch weiter vor: »Was?«, und etwas lauter zur Mikula: »Aeneas um – Aeneas umschiffte –« Sie vertieft sich wieder in den lateinischen Text. Peinliche Stille in der Klasse.

»Bitte, wir warten«, sagt die Mikula seelenruhig. Einmal möcht ich ihr eine Ohrfeige geben, eine knallende, denkt die Huber.

»Küste – um die Küüüste …«, stöhnt die Raftl hinter dem vorgehaltenen Taschentuch.

»Es hat keinen Sinn«, sagt die Mikula, »hier wird eingesagt, ich höre alles, Raftl, Ihr Verhalten werde ich in der nächsten Lehrerkonferenz zur Sprache bringen. Meier, machen Sie der Huber keine Zeichen! Kommen Sie heraus, Huber, ja, treten Sie nur aus der Bank, kommen Sie zum Katheder, da haben wir Ruhe, da werden wir übersetzen! Es hängt einiges für Sie von dieser Übersetzung ab. Also, wird’s bald, Huber?«

Sehr zögernd und sehr langsam schiebt sich die Huber aus der Bank. Jetzt ist sie im Mittelgang, sie geht knapp an der Meier vorbei. »Aeneas – die Küste«, flüstert die Meier heldenhaft. Dann sieht sie nur noch den schmalen Rücken der Huber, die jetzt das kleine Kathederpodium besteigt. Die Mikula setzt sich nicht an ihren Tisch, sondern bleibt stehen. Ganz dicht neben der Huber steht sie.

»So, und jetzt sehen Sie sich einmal in Ruhe den lateinischen Text an!«

Es ist entscheidend, denkt die Huber, vielleicht entscheiden diese paar Minuten meine Matura. Sie sieht über den Rand des Buchs hinweg. Die Kratochwil in der ersten Bank hat die Ellbogen aufgestützt und starrt zur Huber aufs Podium hinauf. Für die Mädchen ist das ein Schauspiel. Jede Begegnung der Mikula mit der Toni Huber ist ein Schauspiel.

Die Huber hat ein schmales Gesicht mit einer kleinen, aufwärtsstrebenden Nase. Eine Nase wie ein Ausrufungszeichen. Jetzt sieht man die Sommersprossen ganz deutlich, denn das kleine Toni-Huber-Gesicht ist weiß vor Angst geworden. Sie ist mager und klein, die Huber, sie sieht sehr unbedeutend aus. Aber nun gibt sie sich einen Ruck und scheint zu wachsen. Der Sinn des ersten Satzes dürfte ihr klar geworden sein. Sie liest noch einmal den lateinischen Text vor und will, dass ihre Stimme sehr sicher klingt. So – und jetzt die Übersetzung.

»Aeneas schiffte –«, letzter Blick zur Meier, die Meier nickt, »Aeneas schiffte in einer Kiste.«

Toni Huber atmet auf. Und die Klasse prustet los. Alle lachen, sogar die Raftl und die Meier, es ist zu komisch, der alte, würdige Aeneas segelt in einer Kiste herum, das ganze heißt »die Aeneis«, der dicke, aufgeblasene, selbstbewusste Trojaner in einer Kiste –

»Ich bitte, setzen Sie sich, Huber«, sagt die Mikula bloß.

Drei Minuten später erscheint alles nur wie ein böser Traum. Die Huber sitzt wieder auf ihrem linken Eckplatz in der letzten Bank, sie spuckt gedankenverloren auf ihr Knie, um die Laufmasche aufzuhalten, jemand übersetzt weiter und man kümmert sich nicht mehr um sie. Die Huber hat das Gefühl, als ob sie einen Schlag auf den Kopf bekommen hätte. Sie kann gar nichts denken, es saust in ihren Ohren.

»Huber, melden Sie sich nach der Stunde bei mir, ich habe mit Ihnen zu reden«, sagt die Frau Professor etwas später. Es war also doch kein böser Traum. Sicherlich hat die Mikula in ihrem kleinen Katalog, in diesem geheimnisvollen schwarzen Notizbuch, zum Namen Huber einen Punkt gemacht. Der Punkt bedeutet: total versagt.

Die Huber starrt zum Fenster hinaus. Im viereckigen Schulhof steht ein einzelner Baum, ein erbärmlicher Baum, jedes Jahr kommen zwei Männer und stutzen seine Äste. Schmutzige Schneereste liegen auf den gestutzten, schwarzen Zweigen, es ist Jänner, noch endlos lang dehnt sich das Schuljahr. Wie sich die Toni vor dem Klingelzeichen fürchtet, das den Schluss der Stunde anzeigen wird. Die Mikula wird mit ihr sprechen, die Mikula wird ihr unbarmherzig sagen, dass –

Sie beschäftigt sich wieder mit den trostlosen Vorgängen auf ihrem Knie. Die Masche läuft. Die Strümpfe sind wirklich nichts mehr wert, die Ferse ist auch schon gestopft, jetzt kann man sie nicht einmal für die Schule tragen. Zum Wegschmeißen.

Da: Schrill und anhaltend läutet die elektrische Schulglocke. Beim ersten Ton spürt die Huber einen kleinen Stich in der Herzgegend, so einen winzigen Angststich. Die Glocke läutet weiter und das Angstgefühl setzt sich in der Magengrube fest. Schluss der Lateinstunde. In fünf Minuten wird die scheußliche Privataudienz bei der Mikula beginnen.

Wie blöd der Frosch dreinschaut. Der Frosch ist tot, präpariert nennt man so etwas. Der präparierte Frosch wohnt in einem großen Glas voll Alkohol, seine Augen glotzen sehr verwundert in das Lehrerkonferenzzimmer. Das Einsiedeglas mit dem toten Frosch steht auf einem langen Tisch. Auf der grünen Filzbespannung liegt ein großer Stoß blauer Hefte. Der Naturgeschichtsprofessor hat vergessen, seinen toten Frosch in den braunen Glaskasten einzuräumen, der tote Frosch ist nämlich ein »Lehrmittel«, er wird für die dritte Klasse gebraucht, und nun steht die Toni Huber vor dem toten Frosch und starrt ihn an. Sie starrt ihn an, um dem Blick der Frau Professor Mikula auszuweichen. Die schreckliche Unterredung beginnt.

»Sie werden selbst bemerken, Huber, dass es so nicht weitergeht«, sagt die Frau Professor. Sie hat sich an den Tisch gesetzt, die Toni Huber muss dicht vor ihr stehen und bemerkt auf einmal, dass die weiße Bluse, die unter dem blauen, knisternden Lüsterarbeitsmantel der Mikula hervorschaut, nicht ganz sauber ist. Eher dreckig, denkt die Huber. Da spürt sie, wie der Blick der Mikula ihr Gesicht sucht, und Toni sieht den toten Frosch an.

»Entweder sind Sie sehr faul, Huber, oder – Sie kommen einfach nicht mit, ich meine, der Lehrstoff ist zu schwer für Sie. Das ist keine Schande, Huber, aber es hat doch keinen Sinn, zur Reifeprüfung anzutreten und zu wissen, dass man die Reifeprüfung nicht bestehen wird. In vier Monaten beginnt der schriftliche Teil der Matura, und ich möchte Ihnen raten –«

Die Mikula macht eine kleine Pause. Vom Unterrichtsministerium ist ein Wink gekommen, bei den Reifeprüfungen sehr streng vorzugehen. Die Hochschulen seien überfüllt. Es sei ganz unnütz, dass jährlich tausende junge Mädchen auf den Universitäten inskribieren. Es habe auch keinen Sinn, dass Schülerinnen mit negativen Studienerfolgen zur Reifeprüfung antreten. Das alles hat die Mikula überdacht, als sie die Huber zu dieser Unterredung rief. Aber sie hat sich nicht eingestanden, dass sie die Huber nicht leiden kann, weil diese Huber, Schülerin der achten Klasse dieses Mädchengymnasiums, letzte Bank, Fensterplatz, eine unverschämte Gleichgültigkeit zur Schau trägt. Dabei kann man die Huber nicht einmal in Sitten tadeln. Nur teilnahmslos ist diese Huber mit der aufreizend frechen Nase, teilnahmslos und unintelligent.

»Bitte, was soll ich machen, Frau Professor?«, sagt die Huber. Sie senkt den Kopf, und die Sommersprossennase macht einen disziplinierteren Eindruck.

»Warum wollen Sie denn durchaus maturieren?«, fragt die Mikula. Dabei sieht sie der Huber sehr freundlich ins Gesicht, sie nennt das liebevolle Aussprache mit einer Schülerin. Die Huber starrt unverwandt ins Froschglas.

»Ich muss maturieren«, antwortet die Huber. Sie ist sehr verlegen und verschränkt die Hände auf dem Rücken, weil sie auf einmal nicht mehr weiß, was sie mit den Händen anfangen soll. »Ich muss maturieren, weil – sie verlangen jetzt in den Büros meistens Mädchen mit Matura«, bringt sie mühsam hervor, »und ich, ja also – nach der Matura muss ich schauen, irgendwie Geld zu verdienen –«

Das Gespräch ist der Toni sichtlich peinlich. Sie blickt die Wände entlang und bemerkt, dass der Totenkopf, der auf dem Lehrmittelschrank steht, noch immer die gemalten Augenbrauen trägt. Sie hat dem Totenkopf voriges Jahr mit Tusche Augenbrauen gemalt. Damit der Totenkopf mehr Ausdruck bekommt.

»Sie werden im Halbjahrszeugnis ein Nicht genügend in Latein haben«, teilt die Mikula mit. »Ihre letzte schriftliche Arbeit war vollkommen ungenügend. Und die vorletzte, die ich mit Genügend klassifizierte, haben Sie von der Raftl abgeschrieben. Glauben Sie nicht, dass ich das nicht weiß. Ich weiß alles.«

Pause. Die Toni hat das Gefühl, dass ihr Herz ein Stein wird. Ganz schwer liegt es ihr in der Brust, es tut richtig weh, sie möchte sich am liebsten umdrehen, weglaufen und heulen. Aber vor der Mikula heult sie nicht. Sie hebt sogar den Kopf, presst die Lippen fest zusammen und sieht der Frau Professor gerade ins Gesicht.

»Jaaa?«, sagt sie, es klingt gedehnt, die aufwärtsstrebende Nase mit ihrem Sommersprossenwald wirkt arrogant.

»Und in Mathematik haben Sie dieses Jahr auch versagt, Professor Mitzner hat mich ersucht, Ihnen dies mitzuteilen. Sie werden auch in Mathematik ein Nicht genügend haben. Und in Geographie werden Sie noch einmal geprüft. Ich muss Ihnen das sagen, ich bin schließlich Ihr Klassenvorstand.«

Die Motten sind in das ausgestopfte Känguru geraten, denkt Toni Huber. Das Känguru steht in einer Ecke und hat schon ganz kahle Stellen im Fell. Wenn der Matzl, der Schuldiener, nächsten Sommer kein Naphthalin nimmt, dann fressen uns noch die Motten das ganze Känguru auf. Und nächsten Herbst –

»Hören Sie, Huber, Ihre Frau Mutter soll in der nächsten Sprechstunde zu mir kommen«, sagt die Mikula entschieden.

»Ich habe keine Mutter mehr, Frau Professor«, erwidert die Toni.

Sie sagt es nicht leise, sondern teilt einfach eine Tatsache mit. Die Mikula ärgert sich: Erstens ist es ihr peinlich, sich für eine unbeabsichtigte Taktlosigkeit entschuldigen zu müssen, und zweitens hat sie doch eine Wut auf die Huber. Im Augenblick scheint es ihr, als ob die Huber aus reinem Trotz, aus Widerspruchsgeist keine Mutter mehr habe. »Entschuldigen Sie, ich habe das vergessen«, murmelt sie. Und sachlich: »Dann schicken Sie mir Ihren Herrn Vater her, ich muss mit ihm über Sie sprechen.«

»Ja«, sagt die Toni, »ich werde es ihm sagen.« Sie blickt noch immer das Känguru mit der Glatze an. Dann: »Ich hoffe, dass sich der Friedl freimachen kann, er hat vormittags immer viel zu tun.«

Die Mikula fährt auf: »Von wem sprechen Sie?«

»Ach so«, sagt die Toni, »ich meine, ich hoffe, dass sich der Vater freimachen kann.«

»Es ist sehr wichtig, mein Kind, es handelt sich um Ihren Werdegang«, sagt die Mikula entschieden.

Sie sagt »mein Kind« und meint, »du Fratz«, spürt Toni.

»Das wäre hiemit erledigt. Sie können gehen, Huber«, sagt die Mikula abschließend.

Der Friedl muss zur Mikula, er muss mit ihr reden, überlegt die Toni. Scheußliche Situation. Ich werde heut nach Tisch mit dem Friedl die Sache besprechen. Was die Mikula für ungepflegte Hände hat. Ich hab meistens auch schmutzige Nägel, aber ich bin ja schließlich noch nicht so erwachsen. Die Mikula beißt vielleicht Nägel, sie ist eine unappetitliche Person, sie beißt sogar bestimmt Nägel. Wie sie mich nicht leiden kann, diese Mikula –

»Danke schön, Frau Professor«, flüstert die Toni gewohnheitsmäßig und macht eine ungeschickte Verbeugung.

»Es ist gut, Huber. Grüß Gott«, nickt die Mikula und zieht den Stoß blauer Hefte zu sich heran.

»’ß Gott, Frau Professor«, murmelt die Toni und geht zur Tür. Sie geht sehr aufrecht, mit langen Schritten, sie beißt die Zähne zusammen und haut nicht ein bisschen die Tür hinter sich zu. Auf dem Gang bleibt sie sekundenlang stehen. Man muss sich von der Mikula erholen. Da kommt die Meier vorbei, im Mantel, die Schultasche unterm Arm.

»Was war bei der Mikula?«, fragt sie. Die Lateinstunde war von zwölf bis eins, die Meier hat eine Weile oben im Klassenzimmer auf Toni gewartet.

»Nichts Besonderes«, sagt die Toni, und ihr Gesicht ist bös und verschlossen. »Ich geh voraus, beeil dich und komm in die Kondi«, ruft die Meier und poltert die Stiegen hinunter.

Die Toni steigt ganz langsam in den dritten Stock hinauf, dort ist das Zimmer der achten Klasse. Das Klassenzimmer ist leer, drohend starren die metallenen Kleiderhaken von den Wänden, einsam hängt da ein alter Kamelhaarmantel mit deutlich sichtbaren Ölflecken. Die Toni geht zu ihrem Platz in der letzten Bank, sie holt die Schultasche aus dem Pultfach und wirft das Lateinbuch und die Füllfeder hinein.

Man fühlt sich schrecklich allein in einem leeren Klassenzimmer. Auf der Tafel sind noch Überreste aus der Mathematikstunde. Die Kratochwil hat mit kühnem Schwung eine Hyperbel aufgezeichnet. Hyperbel ist ein gutes Wort für die Kratochwil, denkt Toni, da kommt kein »s« vor. Ellipse ist schon viel schwieriger. Elliptze oder Ellipche. Die Kratochwil ist eigentlich gar nicht gescheit. Aber sie stuckt nächtelang, um Vorzugsschülerin zu sein. Vorzugszeugnisse verderben den Charakter, die Kratochwil sagt nie ein. Die Mikula war sicher auch immer Vorzugsschülerin …

Die Mikula hat wahrscheinlich eine Wut auf mich, weil, ja, wegen der Nase hat sie diese Wut, konstatiert die Toni. Sie hat ein Fenster aufgemacht und benützt die Glasscheibe des offenen Fensterflügels als Spiegel. Jede junge Dame, die notgedrungen noch ein Schulmädel ist, verwendet die Fenster im Klassenzimmer als Ankleidespiegel. Die Toni setzt ihre Pullmankappe auf, sie tritt ganz nahe an die Fensterscheibe heran und beugt sich vor, das Licht blendet so, sie schiebt die Haarsträhne, die nie glatt liegen bleibt, unter die Kappe und rückt diese etwas schiefer. Die Nase … die Nase macht einen frechen Eindruck. Die Toni hat ein sehr junges, noch nicht ganz fertiges Gesicht. Blassen, etwas zu großen Mund mit schmalen Lippen, große, hellgraue Augen mit langen Wimpern. Übrigens hübsche Augen. Es gibt Augenblicke, da diese Augen ganz schmal werden. Toni schiebt das Kinn vor und bekommt ein hartes Gesicht. Bei Unterredungen mit der Mikula, zum Beispiel, wird ihr kleines Gesicht sehr hart und die Toni hat auf einmal – ein Antlitz.

Die Toni ärgert sich oft über ihre Nase. Abgesehen von den vielen Sommersprossen – es scheint nämlich, dass viele helle und ein paar etwas dunklere Sommersprossen gerade Tonis Nase für einen Sommersprossenkongress ausgesucht haben, man könnte auch einmal eine Schälkur machen, aber das kostet sicherlich viel Geld, und der Friedl hat es doch jetzt nicht so – macht die Nase einen unverschämten, mutigen und selbstbewussten Eindruck.

»Sie haben’s notwendig, auch noch diese Frechheit«, zischt die Mikula, wenn sie bemerkt, dass die Toni ihre Hausaufgaben abschreibt. Und dabei könnte die Mikula schon wissen, wie notwendig das die Huber hat. Die Nase ist mein Unglück, konstatiert die Toni und zieht den fleckigen Mantel an. Die Toni ist weder unverschämt noch mutig. Und selbstbewusst, mein Gott, gar nicht besonders selbstbewusst, sie hat gerade nur das bisschen Selbstbewusstsein, das sich jeder einredet.

Jetzt fällt der Toni alles wieder ein. Nicht genügend in Latein. Nicht genügend in Mathematik. Ganz abgrundtiefer Seufzer. Sie fischt aus der Manteltasche ein Riesenportemonnaie. Ein abgegriffenes, altmodisches Portemonnaie, wie es Köchinnen haben, wenn sie auf den Markt gehen. Die Toni hat es zu Hause einmal gefunden. Im Portemonnaie liegen: ein Nagel, den sie auf der Straße gefunden hat – Nägel, die man auf der Straße findet, bringen Glück –, ein vierblättriges Glückskleeblatt, das aber nur noch dreiblättrig ist, ein Blatt ist längst kaputtgegangen, und dreißig Groschen. Die Toni bohrt mit dem Zeigefinger in alle Falten des Portemonnaies, aber es kommt nur noch ein Zweigroschenstück zutage. Dreißig Groschen reichen gerade für eine Cremeschnitte.

Die Toni nimmt die Schultasche, sie hat es sehr eilig, um halb zwei muss sie zu Hause sein, und sie will noch vorher in die Kondi. Die Kondi ist eine kleine Konditorei, aus dem Schultor die Straße geradeaus, dann zweite Gasse links. Dort ist die Kondi, dort gibt es märchenhafte Cremeschnitten für dreißig Groschen, dort warten schon die Meier und die Helmer.

Im ersten Stock prallt Toni mit dem Direktor zusammen. Sie ist sehr gelaufen, sie hat gar nicht aufgepasst, jetzt rempelt sie den Rex an. Und der Rex ist in der Schule der liebe Gott, er thront über den Wolken, er ist die allerallerhöchste Instanz, ein Wort von ihm und man fliegt aus der Schule. Die Toni rempelt diese höchste Instanz an. Entsetzt fährt sie zurück. »O Verzeihung, o Pardon –«, bringt sie mit versagender Stimme hervor. Heute ist ein Unglückstag. Ein ausgesprochener Unglückstag.

Sehr atemlos kommt sie in der Konditorei an. Bei ihrem Eintritt verstummen die Meier und die Helmer. Sie haben sich gerade über das Renkontre des Tages, das Renkontre Mikula – Huber (die Meier liebt vornehme Ausdrücke) unterhalten. Die Toni wirft die Schultasche auf einen roten Plüschsessel – hier gibt es rote Plüschsessel, schäbig, aber immerhin Plüsch – und stürzt zum Verkaufstisch.

»Bitte, eine Cremeschnitte«, sagt sie. Ihre Stimme klingt ganz heiser, die Aufregungen der letzten halben Stunde waren sehr groß.

»Wie bitte?«, fragt das ältliche Fräulein Melanie, die Besitzerin der Kondi. Das Fräulein Melanie ist stocktaub.

»Eine Creeeemeschnitte!«, brüllt die Toni.

»Ach so«, sagt das Fräulein Melanie langsam. Und sehr bedauernd: »Heute sind keine Cremeschnitten mehr da, leider schon alle verkauft …«

»Was? Keine Cremeschnitten mehr?«, stößt die Toni hervor.

Dann packt sie ihre Schultasche, dreht sich um, murmelt: »Das auch noch«, reißt die schmale Geschäftstür auf und – tschinbumm, haut sie die Tür hinter sich zu.

So. Endlich eine Tür, die man zuschlagen kann, fest und knallend zuschlagen kann.

2

ETWAS ERFREULICHES: Im Vorzimmer riecht es nach Sauerkraut. Mittags gibt es also Bratwurst und Sauerkraut. Wenn man Kummer hat, soll man Lieblingsspeisen essen. Und Toni hat sehr großen Kummer.

Der Friedl wird sich ärgern, weil das ganze Vorzimmer nach Sauerkraut riecht. Fekete hat natürlich wieder die Küchentür offen gelassen. Seit zwanzig Jahren ärgert sich der Friedl darüber. Und seit zwanzig Jahren ist der Fekete zerknirscht, wenn man ihm die offene Küchentür vorhält.

Der Fekete ist schon viel länger im Haus als die Toni, früher war er der Offiziersbursch vom Herrn Rittmeister, früher, in jenen sagenhaften Zeiten, als die Hubers vornehm waren und noch sehr viel Geld hatten. Vornehm sind sie geblieben, das Geld ist weg, nur der Fekete ist noch da. Der Fekete ist – ja, wie soll man die Tätigkeit vom Fekete Pista beschreiben, der früher einmal der Pfeifendeckel vom Herrn Rittmeister war? Jetzt ist der Herr Rittmeister ein Herr Rittmeister in Pension und ein sehr untergeordneter Beamter in einer Versicherungsgesellschaft. Der Fekete Pista hat den Herrn Rittmeister nicht verlassen wollen, der Offiziersbursch ist bei Hubers »Mädchen für alles« geworden, er räumt auf und serviert, er bügelt die Anzüge vom Herrn Rittmeister und geht auf den Markt einkaufen, er ist »das Personal« von Hubers.

»Fekete, wie ist heute die Laune des Herrn Rittmeisters?«, fragt die Toni.

Sie setzt sich auf den abgewetzten Küchenstuhl, eingehüllt in eine Duftwolke von Sauerkraut. Beim Herd steht die Anna, die Tochter der Hausbesorgerin, und kocht. Seit vielen Jahren kocht die Anna mittags für Hubers, weil der Fekete doch nicht alles machen kann, sie hält auch Tonis Sachen in Ordnung. Man sagt ihr »Fräulein Anna«, weil sie doch die Tochter von der Hausbesorgerin ist. Fräulein Anna kocht, sie macht dabei ein bitterböses Gesicht und spricht kein Wort. Sie kann nämlich den Fekete nicht leiden, und der Fekete sie auch nicht. Der Herr Rittmeister behauptet, das sei »ein Glück«, und der umgekehrte Fall würde den Haushalt nur schwieriger gestalten.

Verbissen kocht das Fräulein Anna, und der Fekete steht vor dem Küchentisch und säbelt Riesenscheiben vom Brotlaib herunter.

»Fekete, es ist sehr wichtig. Wie ist der Herr Rittmeister heute gelaunt?«, fragt die Toni.

»Bitte schön, Herr Rittmeister ist gut gelaunt, ist nach Hause gekommen und hat Radio aufgedreht«, meldet der Fekete. Der Fekete ist ein Ungar, der Herr Rittmeister hat bei den Husaren gedient und – »irgendwo auf der Puszta hat er sich den Fekete zusammengefangen«, behauptet die Toni. Fekete hat einen aufgedrehten, ganz unmodernen Schnurrbart, den er sich kohlrabenschwarz färbt. So ein schwarzer Schnurrbart! Er hat ein rundes, gutmütiges Bauerngesicht und vergisst meistens, sich die Haare schneiden zu lassen. Dafür werden die Haare täglich mit Pomade bearbeitet. Das ist sehr elegant, meint der Fekete, und Toni findet, dass der Fekete ein sehr fescher Mann ist.

»Fekete, ich habe Unannehmlichkeiten«, sagt Toni düster. »Schneide doch nicht so dicke Brotscheiben, Fekete, dünne Brotscheiben sind viel vornehmer! Weißt du, die Mikula ist eine gemeine Person, die Mikula – lass mich ausreden, Fekete –, diese Mikula, diese Person, also, sprich schon, Fekete, was willst du sagen?«

»Gnädiges Fräulein hat Unannehmlichkeiten«, beginnt der Fekete umständlich. Seit Tonis sechzehntem Geburtstag sagt er gnädiges Fräulein zu ihr. »Gnädiges Fräulein darf sich von der Dame Mikula nichts gefallen lassen, gnädiges Fräulein ist Tochter von Herrn Rittmeister, und gnädiges Fräulein soll zur Dame Mikula einfach sagen –«

»Lass doch, Fekete«, sagt Toni unwillig und steht auf. »Kann das Mittagessen nicht endlich beginnen?«

Nachdem Toni die Küche verlassen hat, stellt der Fekete fest: »Fräulein Anna, unser gnädiges Fräulein ist schon eine Dame geworden. Denn unser gnädiges Fräulein ist nervös und hat Launen.«

»Was Neues?«, fragt der Rittmeister Huber bei Tisch seine Tochter.

»Danke, ja. Nach dem Essen sag ich dir alles«, kommt die Antwort. »Hast du Ärger im Büro gehabt, Friedl?«

Friedl hat immer Ärger im Büro. Aber der Ärger vergeht zu Hause, wenn er den Rock ablegt und die alte Offiziersbluse anzieht, die lichte, saloppe Sommerbluse mit dem blauen Uniformkragen und den drei goldenen Sternen.

»Anton, warum steht eigentlich seit Tagen dieser scheußliche Kaktus auf dem Esstisch?«

Der Herr Rittmeister nennt seine Tochter Anton, weil er sich immer einen Sohn gewünscht hat. Einen Sohn, der mit der Zeit ein guter Kamerad wird. Und weil der Herr Rittmeister keinen Sohn hat, sondern nur eine Tochter, und weil diese Tochter von einem Rittmeister und einem Offiziersburschen erzogen wurde und ein richtiger guter Kamerad geworden ist, mit dem man alle Männerangelegenheiten besprechen kann, nennt der Herr Rittmeister das Mädchen »Anton«. Erst war es nur Spaß, jetzt ist es eine Gewohnheit.

»Friedl, du hast neulich gesagt, auf einen hübsch aufgedeckten Tisch gehört etwas Grünes. Der Fekete soll aber nicht immer frische Blumen kaufen, das kostet doch im Winter viel Geld. Deshalb haben wir den Kaktus angeschafft. Der hält sich. Er ist nicht schön, aber man kann ihn immer verwenden.«

»Anton, dir fehlt jeder Sinn für häuslichen Charme«, stellt Friedl betrübt fest. »Da hast du deine Zigarette.«

Nach dem Essen bekommt Toni immer eine Zigarette vom Vater. Damit sie nicht heimlich raucht, erklärt der Rittmeister seine Erziehungsmethode.

»Ich möchte mit dir in dein Zimmer gehen, ich muss mit dir reden. Ernst reden«, beginnt Toni.

Sie begleitet Friedl in sein Schlafzimmer. Friedl wirft sich nach dem Essen immer für eine halbe Stunde auf den Diwan. Es ist eine geheiligte halbe Stunde. Jetzt zieht die Toni einen Sessel zum Diwan.

»Also, was gibt’s, Anton?«, fragt Friedl und ist auf den Ankauf eines neuen Pullovers gefasst. Es handelt sich aber nicht um einen neuen Pullover. Toni beginnt nämlich: »Vater, ich muss dir etwas sagen.« Und da spürt Friedl gleich, dass es um wichtige Dinge geht. Wenn Toni »Vater« sagt, statt »Friedl«, dann will sie entscheidende Dinge besprechen und appelliert an seine väterliche Würde. Dann braucht sie keinen Kameraden, dann sucht sie den Vater, der voll Autorität über ihr steht, der alles besser weiß als sie und alle komplizierten Fragen ihres kleinen Lebens lösen kann. Der Vater richtet sich halb auf, stützt sich auf den Ellbogen und sieht ihr ins Gesicht.

»Ist in der Schule etwas nicht in Ordnung, Anton?«

»Etwas? Gar nichts ist in Ordnung! Du sollst – du musst zur Mikula gehen.«

»Wer ist die Mikula?«

»Die Lateinprofessorin. Du warst schon einmal bei ihr, aber du hast damals nicht mit ihr gesprochen. Voriges Jahr warst du in ihrer Sprechstunde, aber wie du sie nur gesehen hast, bist du gleich wieder weggegangen. Erinnerst du dich an diese Hässliche im Lüstermantel, sie sehe so ungewaschen aus, sagtest du damals, und du hättest einen Widerwillen gegen hässliche Frauen und könntest zu einer unappetitlichen Frau mit bösem Blick nicht freundlich sein. Und zur Mikula musst du eigentlich sehr freundlich sein, ich hab sie in Latein und sie ist Klassenvorstand.«

»Anton, du darfst nicht durchfallen, du musst maturieren. Sonst wirst du nach der Schule niemals eine halbwegs mögliche Stellung bekommen. Zum Donnerwetter, der dümmste Kerl wird Einjährig-Freiwilliger, weil er Matura hat. Und du sollst nicht maturieren? Du bist sicherlich sehr faul, Anton.«

»Nein, Vater, ich glaube, ich bin dumm. Ich bin geistig unter dem Durchschnitt.«

»Meine Tochter ist nicht geistig unter dem Durchschnitt, meine Tochter kann faul sein, aber nicht dumm. Also was ist los?«

»In Latein komm ich nicht mit, weil ich früher nie Latein gelernt hab. Ich hab die Aufgaben immer von der Raftl abgeschrieben und die Schularbeiten auch. Ich kann keine Grammatik, ich hab sie nie gelernt. Früher haben wir doch den alten Professor Müller in Latein gehabt, da konnte man sich so schön durchschwindeln. Und jetzt, seit uns die Mikula so malträtiert, weiß ich nicht, Vater, was ich machen soll …«

Große Tränen in Tonis Augen. »Anton, mach keine Szenen, erwachsene Menschen weinen nicht. Und schon gar nicht, wenn sie nicht allein sind. In welchem Gegenstand geht es dir noch schlecht?«

»In Mathematik. Aber da kann ich nichts dafür, Mathematik verstehe ich nicht. Vater, ich kann mir unter einer Hyperbel nichts vorstellen und unter einem Sinus und einem Kosinus auch nichts. Ich kann nur Sachen begreifen, die ich mir vorstellen kann.«

»Es ist ein Skandal«, murmelt Friedl und kann sich unter Sinus und Kosinus auch nichts vorstellen.

»Gib mir noch eine Zigarette, Friedl, dann sag ich dir alles«, flüstert Toni. Sie brennt die Zigarette an und beginnt mit großen Schritten auf und ab zu laufen. Toni macht Bilanz: »In Mathematik und Latein geht es in diesem Semester schief. In Geographie komm ich noch einmal dran, wir haben jetzt Nordamerika, ich werde Nordamerika büffeln, und vielleicht kann ich mich herausreißen. Aber Vater, du musst zur Mikula!«

»Wann hat sie die nächste Sprechstunde?«

»Nächsten Montag. Vormittags von elf bis zwölf.«

»Ausgeschlossen, Anton, nächsten Montag muss ich dem Direktor referieren, ich habe keine Ahnung, wann er mich rufen lässt, ich kann aus dem Büro nicht weggehen. Übernächsten Montag gehe ich zu ihr, wie heißt sie nur? – ach ja, Frau Professor Mikula –, sag dem Fekete, dass er mich übernächsten Montag daran erinnern soll. Ich werde mir Zeit nehmen.«

»Danke, Vater«, murmelt Toni.

Der Friedl hat natürlich recht, der einsame Kaktus auf dem Tisch ist eine trostlose Angelegenheit, überlegt die Toni. Ihr großer Kummer ist gar kein großer Kummer mehr, sie hört auf, an die Mikula zu denken, der Friedl wird ihr schon helfen. Auf einmal fühlt sie sich satt und zufrieden und ein bisschen müde, die richtige Nach-Tisch-Stimmung. Friedl ist eingeschlafen und Toni ist zu faul, um aus dem Zimmer zu gehen. Sie bleibt still neben ihm sitzen und geht mit ihren Gedanken spazieren.

Zuerst denkt sie noch an den Kaktus. Früher war unser Tisch viel schöner, fällt ihr dann ein. Als wir noch die vielen Silberschüsseln hatten. Schade: Wir sind keine Parvenüs. Die Meier hat einen Pelzmantel bekommen. Silbergraues Feh, geborenes Kaninchen, ein wunderschöner Pelzmantel. Neulich erzählte es Toni dem Friedl. »Ein junges Mädchen braucht keinen Pelzmantel«, sagte Friedl.

»Aber die Meier hat doch einen«, beteuerte Toni. Friedl machte sein hochmütiges Gesicht und meinte so nebenbei: »Anton, wir sind doch keine Parvenüs.«

Nein, leider sind wir keine Parvenüs, stellt Toni fest. Leider, leider. Wir sind sogar das Gegenteil von Parvenüs: Wir sind von so alter Vornehmheit, dass wir in der Nachkriegszeit unser Silber verkaufen mussten. Es ist keine Schande, Silberschüsseln zu verkaufen. Aber es ist auch keine Ehre. Es ist nur unerfreulich. Und es ist sicherlich ein herrliches Gefühl, ein richtiger, großer Parvenü zu sein.

Toni sieht Friedls Gesicht an. Mit einer wilden Zärtlichkeit studiert sie des Vaters Gesicht. Zwei bittere, hochmütige Falten gehen an den Mundwinkeln vorbei. Toni findet die Furchen sehr interessant. Ihr Friedl ist ein schöner Mann. An seinen Schläfen schimmern graue Haare, aber er sieht trotzdem nicht wie ein Vater aus. Und Toni denkt begeistert: mein père noble.

Die Raftl hat einmal zur Toni gesagt: »Ihr seid ein komisches Haus.« Sie war nämlich nachmittags bei Toni gewesen, hatte mit ihr gelernt, und abends kam Friedl nach Hause, machte vor der Raftl eine flüchtige Verbeugung und murmelte: »Küss die Hand, liebes Fräulein.« Die Raftl ist damals sehr rot geworden und verlegen. Und als ihr im Vorzimmer der Fekete in den Mantel half, der Fekete, den Friedl in einen Steireranzug gesteckt hat, ein Steireranzug ist kleidsam und praktisch, also als die Raftl den Fekete in seiner Livree sah, wurde sie noch mehr verlegen. Und am nächsten Vormittag sagte sie in einer Schulpause, dass die Hubers ein komisches Haus seien.

Vielleicht sind wir wirklich ein komisches Haus, denkt die Toni. Angestrengt versucht sie, sich an ihre Mutter zu erinnern, das geschieht öfters, aber nicht viel Erinnerung ist geblieben. Toni macht die Augen zu und versucht, ein Bild zu sehen. Die Mutter war schlank und – eine rote Jacke hatte sie, fällt der Toni ein. Mutters Gesicht – manchmal ist es ihr, als könnte sie sich ganz klar an das Gesicht erinnern, aber das kommt vielleicht daher, weil Friedl ihr viele Fotographien von der Mutter gezeigt hat. In jenen Tagen, als die kleine Toni immer beim Fekete in der Küche sitzen durfte, war die Mutter wohl krank. Der Fekete machte für Toni quietschende Schweinderln nach und zeigte ihr »Fekete – Habt acht« und »Fekete – rrrruht«. Darüber musste die dreijährige Toni so lachen.

Dann kamen ein paar Nachmittage, an denen viele fremde Leute im Speisezimmer herumsaßen. Und auch die Tante Florentine war da, ganz in Schwarz, und sie weinte und wollte die Toni küssen. Aber die Toni lief davon, weil Tante Florentine mehr mit der Nase als mit den Augen weinte, sie schnaubte und – dem Fekete gefiel sie auch nicht. Alle sagten: »Das arme, arme Kind.« Tonis Mutter war an Grippe gestorben, es war in der Nachkriegszeit, als die furchtbare Grippeepidemie in Wien wütete.

Das erste Kinderfräulein kam ins Haus. Bis zu Tonis zwölftem Lebensjahr waren Gouvernanten hier, keine hielt es länger als ein paar Monate aus, ein Bataillon von Gouvernanten kam und ging. Der Fekete ekelte alle aus dem Haus, er hetzte den Friedl gegen die Fräuleins auf, knurrte »Weibererziehung«, und Toni vertauschte die Kinderstube mit der Küche.

»Mein Kind, warum hält denn dein Vater noch immer diesen Fekete?«, hat Tante Florentine einmal gefragt. Früher musste Toni, jeden Sonntagvormittag zu Tante Florentine auf Besuch gehen. Solange man klein und wehrlos ist, kann man sich nicht genügend schützen und wird zu grässlichen Tanten auf Besuch geschleppt. »Ich verstehe das nicht«, meinte die widerliche Tante Florentine, »man kann doch nicht sein Leben lang einen Offiziersburschen halten statt einer ordentlichen Hausgehilfin.«

»Aber Tante, wir müssen doch den Fekete haben«, sagte die kleine Toni, »wegen der Schuhe und – wegen der Treue.«

Wirklich: wegen der Schuhe und wegen der Treue. Der Rittmeister hatte den Fekete nach dem Krieg von der Front mitgebracht, und der Fekete ist ein Schatz. Er putzt die Schuhe wie kein zweiter, die Schuhe blinken, er serviert stramm und tadellos, wie in der Offiziersmesse, und Tonis Mutter war mit ihm zufrieden. Der Fekete konnte bleiben. Und er blieb. Auch nach dem Umsturz, als der Rittmeister kein Rittmeister mehr war. Denn der Umsturz in der Geschichte der alten Monarchie war ein Umsturz für das ganze Leben des Rittmeisters Huber.

Die Toni beugt sich noch weiter vor und starrt dem Vater ins Gesicht. Kleine Falten sind um die Augenwinkel eingraviert. Sein Hemd ist schon lang nicht mehr neu, man sieht es am Kragen. Aber das alles macht nichts. Der Friedl ist doch ein schöner, vornehmer Mann. Die Toni kennt Friedls Geschichte ganz genau. Wenig Kinder kennen wirklich die Geschichte ihrer Eltern, aber der Friedl hat mit Toni immer wie mit einer Erwachsenen gesprochen. Nach dem Umsturz ist der Friedl in Pension gegangen, er wollte abwarten, wie sich alles entwickelt. Und er verzichtete sogar großzügig auf seine Pension. Er hatte doch sehr viel Geld, er war aus reicher Familie. Und das Geld war da, in Papieren angelegt. Aber zuerst waren die Papiere nichts mehr wert, Kriegsanleihe, es waren doch so sichere Papiere gewesen, der Staat garantierte für sie. Und dann war der Staat auch nicht mehr, der alte Staat, dem der Friedl gedient hatte, und die Papiere waren nur noch Papier.

Die Toni erinnert sich genau: Eines Morgens. machte der Fekete ein großes Geschrei, er stürzte. ins Kinderzimmer, zerrte Toni aus ihrem weißen Gitterbett und schleifte sie in Friedls Schlafzimmer. Dort stand der Friedl vor dem großen Spiegel, und der Fekete schrie immerfort »Joj mama«, denn der Herr Rittmeister war zum ersten Mal in Zivil.

Der Friedl war viele Wochen lang müd und verärgert, er rannte zu allen Freunden und ihren Bekannten, suchte eine Stellung, und mittags sagte er zum kleinen Toni-Kind: »Du, Anton, nur auf Beziehungen kommt es an, man muss Beziehungen haben, merk dir das, Anton!« Die Toni hat es sich gemerkt und der Friedl hatte Beziehungen. Gott sei Dank. Aber weil seine Beziehungen nur klein waren, langte es auch nur zu einer kleinen Stellung in einer Versicherungsanstalt.

Friedl erzählt immer von der guten alten Zeit. Die Toni stellt sich diese gute alte Zeit wie ein Märchen vor. Eine richtige Vorstellung kann sie sich nicht machen. Ihr geht es doch sehr gut, es ist ihr nie besser gegangen, sie ist sehr zufrieden. Es tut ihr nur weh, weil der Friedl so leidet. Der Friedl leidet nämlich wirklich. Unter seinem Büro. Unter den Sorgen, wie man am Ende des Monats die Telefonrechnung und das Fräulein Anna bezahlen soll. Mit dem Fekete ist es nicht so arg, der wartet schon. »Du bist um zwanzig Jahre zu spät auf die Welt gekommen«, sagt der Friedl immer zur Toni.

Und die Mikula ist um zwanzig Jahre zu früh auf die Welt gekommen, fällt der Toni in diesem Augenblick ein. Schade: Man hätte die Mikula für die nächste Generation aufheben sollen. Die Mikula ist eine Geißel Gottes, und gerade Toni hat diese Geißel erwischen müssen. »Ich werde trotzdem maturieren«, schwört sie bei sich, »justament«.

Friedl wacht auf. Er sieht sich verwirrt um. »Es ist dreiviertel drei«, sagt Toni. Der Friedl fährt zusammen. »Ach so, ach so, du bist noch da«, murmelt er verstört. Nach dem Nachmittagsschlaf ist er immer etwas verstört. »Du musst aufstehen, Friedl, Büro«, ermahnt die Toni ernsthaft.

»Zum Nachtmahl komm ich nicht«, teilt er mit, während er wieder den Zivilrock anzieht. Die Toni denkt, dass Friedl einen neuen Anzug brauchen würde. Aber ein neuer Anzug ist momentan nicht möglich. Friedl lässt nur bei einem sehr guten Schneider arbeiten und – also ist es momentan nicht möglich.

»Hoffentlich hast du einen netten Abend«, sagt Toni und lacht.

»Warum lachst du so dumm?«, fährt der Friedl auf.

»Grüß mir das Fräulein Clarisse«, grinst die Toni.

Vornehm lässige Empörung bei Friedl: eine Frechheit von Anton!

»Und du gehst bestimmt zur Mikula«, bettelt Toni. Das Gesprächsthema muss schnell gewechselt werden.

Beim »Leb wohl« fährt Friedl seiner Toni gewohnheitsgemäß in die Haare, zieht ihren Kopf etwas zurück und küsst sie auf die Wange. »Du wirst maturieren, Anton, verstanden!«, sagt er eindringlich.

»Zu Befehl, Herr Rittmeister!«, trompetet die Toni. »Und was mache ich nach der Matura, Herr Rittmeister?«

»Ja … dann wirst du – das werde ich mir noch überlegen. Oder hast du es dir schon überlegt?«

»Ich?« Tonis Gesicht verklärt sich. Ihre Stimme klingt ganz träumerisch: »Friedl, ich werde das Schönste, das es auf der Welt gibt. Ich werde ein richtiger Parvenü. Einverstanden?«

3

DER FRIEDL IST dann doch nicht zur Mikula in die Sprechstunde gegangen. Wirklich – er wollte sich Zeit nehmen, er wollte sogar den Direktor in der Versicherungsgesellschaft ersuchen, ihn übernächsten Montagvormittag auf eine Stunde zu beurlauben, er wollte mit der Mikula reden und verbindlich lächeln, er wollte seinen kleinen Kameraden herausreißen, er wollte – und dann ging es doch nicht. Er hatte keine Zeit mehr, er wurde abberufen, der oberste Chef griff ein, der alleroberste Chef aller kleinen und großen Angestellten, der Tippfräuleins und der Generaldirektoren. Der alleroberste Chef entschied, dass Rittmeister Friedl Huber keine Zeit mehr haben sollte.

Entscheidende Ereignisse beginnen so klein und nebensächlich. Das erste Anzeichen dieses unfassbaren Geschehens, das Toni niemals ganz begriffen hat, zeigte sich Donnerstagmittag. Friedl kommt nach Hause, die Küchentür ist wie immer offen, das ganze Vorzimmer riecht wieder wie ein Gasthaus. Da tobt der Friedl, er schreit so laut, wie er nicht einmal in der Kaserne geschrien hat, behauptet der Fekete. Friedls Gesicht wird dunkelrot vor Wut und sein Antlitz – furchtbar und großartig, wie bei einem jähzornigen Gott, denkt die Toni. Das Grinsen des einfältigen Fekete erstarrt vor Schreck, behutsam schließt er die Küchentür, zerknirscht und vollkommen vernichtet. Bei Tisch wagt die Toni kein Wort zu sprechen, Friedls Hände zittern, er hat sich wirklich aufgeregt. Und er regt sich doch sonst niemals wirklich auf, er hat sich längst an die Schlamperei gewöhnt.

»Abends bin ich zu Hause«, sagt Friedl zwischen Suppe und Fleisch. Toni ist sehr erstaunt: Montag und Donnerstag sind nämlich Friedls »freie Abende«, da ist er immer »besetzt«. Das hängt mit den freien Abenden zusammen. Früher gehörten diese Abende einer Frau Charlotte, jetzt gehören sie einem Fräulein Clarisse.

»Heut ist doch Donnerstag«, erinnert Toni diskret.

»Jawohl«, brüllt Friedl, er brüllt grundlos, er scheint nur auf eine Gelegenheit zum Weiterwüten gewartet zu haben. »Ich weiß, heut ist Donnerstag. Ich kann ausgehen, wann es mir passt. Verstanden? Ist es dir vielleicht nicht recht? Heut ist Donnerstag und ich werde zum Nachtmahl zu Hause sein.«

»Wir werden einen gemütlichen Abend haben«, murmelt Toni und denkt, dass der Friedl heut sehr sonderbar ist.

Nach der Mehlspeise kommt ihr eine Idee.

»Du bleibst am Donnerstag zu Hause«, beginnt sie schüchtern, »Friedl, bist du vielleicht krank?«

»Nein, ich bin nicht krank, ich kann es mir nicht leisten, krank zu werden«, fährt der Friedl auf.

Abends ist der Friedl noch viel sonderbarer. Er wollte um acht Uhr nach Hause kommen. Um viertel sieben wird die Wohnungstür dröhnend zugeschlagen: Friedl ist schon da. Im Vorzimmer rieche es gerade wie in einem Unterseeboot, behauptet Toni. Sie war zwar noch nie in einem Unterseeboot, aber nur in einem Unterseeboot kann es derart nach Fisch und Meer riechen wie im Vorzimmer. Die Küchentür ist sperrangelweit offen: Fekete kocht Seefisch zum Nachtmahl.

»Im Vorzimmer stinkt es wie immer«, sagt Friedl. Ganz leise sagt er es, müde, apathisch. Fekete erscheint im Vorzimmer: Der Krach ist fällig. Friedl schlägt keinen Krach. Wie sonderbar, dass Friedl den Seefisch ruhig stinken lässt. Er geht wortlos in sein Schlafzimmer, lässt sich aufs Sofa fallen und beginnt seine Schuhe aufzuschnüren.

»Du bist ernstlich krank«, sagt die Toni, die zu ihm ins Zimmer kommt. Keine Antwort. Das Schuhband am linken Schuh ist zu fest verknotet, ungeduldig zerrt Friedl daran, angestrengt und nervös. Da kniet Toni nieder und zieht dem Vater die Schuhe aus. »Lass doch«, murmelt Friedl, aber gleichzeitig lehnt er sich erschöpft zurück und ist froh, dass jemand anderer sich mit seinen Schuhbändern herumbalgt.

»Leg dich gleich nieder«, sagt Toni und wird sehr energisch: »Du gehst ins Bett, der Fekete kocht heißen Tee, du nimmst Aspirin und Abführmittel, du bist nämlich krank!«

Aspirin und Abführmittel. Seit Toni denken kann, gibt man ihr gleichzeitig Aspirin und Abführmittel, wenn sie sich krank fühlt. Eines von beiden hilft immer, denn Toni hat entweder Schnupfen oder verdorbenen Magen. Aber Friedl? Friedl war noch nie krank, Toni kann sich nicht erinnern, dass er krank gewesen wäre.

Etwas später, als sie mit dem Tee in sein Zimmer kommt, liegt er schon im Bett, hat die Augen geschlossen und atmet hastig.

»Mach die Augen auf, der Tee«, mahnt Toni.

»Ja, ja, der Tee, ja, ja«, flüstert Friedl, schlägt die Augen auf und starrt zur Zimmerdecke.

»Schau, Friedl, der Tee wird kalt«, bettelt Toni. Aber der Friedl starrt weiter zur Zimmerdecke empor.

»Fekete, der Herr Rittmeister gefällt mir nicht«, sagt die Toni. Sie ist in die Küche gelaufen, um mit Fekete zu beraten. Nein, Friedl gefällt ihr nicht. Toni hatte einmal ein Fräulein, das rief immer: »Das Kind gefällt mir nicht«, wenn die kleine Toni alle Symptome eines verdorbenen Magens hatte.

»Herr Rittmeister, habe ich vorige Woche gesagt, Herr Rittmeister, Schuhe müssen neue Sohlen bekommen, Sohlen sind schon schlecht. Ich habe Herrn Rittmeister gleich Meldung gemacht, aber Herr Rittmeister hat gesagt: Fekete, das hat noch Zeit, Schuhsohlen kosten sieben Schilling, wir müssen sparen. Joj mama, habe ich mir gedacht, so sehr spart der Herr Rittmeister, no – und jetzt ist er krank, es regnet, nasse Füße, hätten wir die Krawattennadel eben gelassen, was braucht man Krawattennadel mit Perle und Brillant, wenn man nasse Füße hat und –«

»Was ist mit der Krawattennadel, Fekete?« Toni ist sehr aufmerksam geworden. Der Fekete wundert sich, dass der Herr Rittmeister dem gnädigen Fräulein nichts erzählt hat. Langsam kommt es heraus: Der Herr Rittmeister hat vor längerer Zeit den Fekete ins Dorotheum geschickt, damit er dort die goldene Krawattennadel mit der rosa Perle und dem großen Brillanten versetzt. »Jo, hab ich sie versetzt«, berichtet Fekete. Und neulich habe ihn der Herr Rittmeister hingeschickt, er musste Zinsen bezahlen, damit die Krawattennadel nicht verfällt.

Toni nagt an ihrer Unterlippe, sie hat das Gefühl, dass sie weinen möchte, weil der Friedl solche Sorgen hat, weil er die Krawattennadel vom Großpapa versetzt hat, weil er ihr nichts davon sagte und ihr sogar die rosa Satinbluse kaufte, die sie so gern haben wollte. Die rosa Satinbluse. Mein Friedl, mein Friedl, denkt sie und spürt, dass die Tränen kommen, obwohl jetzt kein Grund zum Weinen ist.

Etwas später steht sie am Telefon. Sie hat den Doktor Honig angerufen, den Hausarzt. Ein süßer Name, denkt sie jedes Mal, wenn sie mit dem Doktor Honig spricht.

»Hallo, Herr Doktor, hier ist Toni, Toni Huber, Herr Doktor – bitte, kommen Sie zu uns, der Friedl – ja, ich glaub schon, dass er krank ist, er gefällt mir gar nicht –«

Sie macht eine tiefe Stimme, sie handelt selbstständig und erwachsen, es ist ein sehr ernstes Gespräch, sie ruft den Hausarzt an, das tun sonst nur die Familienoberhäupter.

Der Doktor Honig ist nicht sehr jung und nicht sehr alt, sehr unscheinbar, klein, er hat ein glatt rasiertes Gesicht und einen gold-gerahmten Zwicker auf der Nase. Er spricht leise und gütig, und es ist ganz gleichgültig, was einem der Doktor Honig sagt: Es wirkt sehr beruhigend. Friedl nennt ihn »einen Freund der Familie«, er kommt aber nur, wenn jemand krank ist. Damals, als Tonis Mutter starb, da saß er die ganze Nacht an ihrem Bett, und seitdem ist er der Freund der Familie.

Toni legt neben das Waschbecken ein sauberes Handtuch, das gehört sich so, wenn der Doktor ins Haus kommt. Die Fräuleins haben immer eines vorbereitet, wenn Toni Grippe oder Magenweh hatte und Doktor Honig gerufen wurde. Der Doktor kommt gerade aus Friedls Zimmer, jetzt beugt er sich über den Waschtisch, Toni steht neben ihm und wartet angstvoll auf seine Worte.

»Fast neununddreißig Grad«, sagt der Doktor und trocknet sich die Hände ab. »Ich hoffe, dass das Fieber bis morgen früh zurückgeht.«

Toni nickt. Die Stimme des Doktors ist beruhigend. »Eine starke Verkühlung«, spricht der Doktor weiter, sanft und liebevoll ist die Stimme, »in der Lunge ein Geräusch, nein, nichts von Bedeutung, Fräulein Toni, Sie müssen nicht so erschreckt dreinschauen, ich hoffe, wir werden die Lungenentzündung verhüten …«

Toni hat überhaupt nicht an die Möglichkeit einer Lungenentzündung gedacht. Nun spricht sie der Doktor aus, aber bei ihm klingt alles sehr tröstlich.

»Fräulein Toni, möchten Sie nicht auf jeden Fall eine Tante verständigen, dass Ihr Vater krank ist?«

Da steht Toni neben dem Doktor, sie hat die kindlich schmalen Schultern etwas zusammengezogen, sie spürt jetzt alle Verantwortung. Sie hat ganz selbstständig dem Doktor telefoniert, und zum ersten Mal sagt ihr der Doktor »Fräulein Toni«. Sie ist stolz darauf, dass sie das saubere Handtuch nicht vergessen hat, sie muss sich jetzt zusammennehmen und gar nichts vergessen.

»Eine Tante?«, fragt sie erstaunt.

Doktor Honig hat das Gefühl, dass irgendein Erwachsener herbeimüsste. Das kleine Mädel ist doch nicht erwachsen, irgendjemand muss doch die Verantwortung übernehmen und wissen, dass der Herr Rittmeister Huber schwer krank ist.

»Eine Tante – oder einen Onkel«, beharrt Doktor Honig.

»Wir haben nur eine richtige Tante, die Florentine Tante, die wollen wir nicht«, sagt der Fekete. Er steht in der offenen Badezimmertür, der Doktor hat ihn gar nicht bemerkt.

»Nein, die wollen wir nicht«, bestätigt die Toni, »und der Onkel, der Mann von der Tante Florentine, den darf man jetzt vor Friedl nicht einmal erwähnen. Sonst regt er sich auf. Er kann den Onkel Theodor nicht leiden. Mit Recht, ganz mit Recht.«

»Fräulein Toni, gestatten Sie, dass ich dem Herrn Fekete erkläre, wie man einen kalten Wickel macht«, wechselt Doktor Honig das Gesprächsthema. Feketes dummes Gesicht spannt sich in höchster Aufmerksamkeit. Jeden Satz des Doktors wiederholt er, man muss sich alles gut merken. Also: zwei Tücher, eines mit lauwarmem Wasser getränkt, um die Brust des Herrn Rittmeisters legen, das trockene Tuch darüberwickeln, mit Sicherheitsnadeln befestigen, damit nichts rutscht …

»Ich komme morgen Vormittag wieder vorbei«, verabschiedet sich der Doktor. Toni hat ihn bis zur Eingangstür begleitet. Ihr Gesicht ist ganz klein vor lauter Kummer, ihre Augen sind weit aufgerissen, als könnte sie nicht fassen, dass der Friedl krank ist, sie bemüht sich krampfhaft, höflich und erwachsen zu lächeln.

»Wie wird das Zeugnis werden, Fräulein Toni?«, fragt der Doktor noch, um etwas Gleichgültig-Liebenswürdiges zu sagen.

»Das Zeugnis? Danke, sehr schlecht, Herr Doktor. Wie lang soll der Friedl den Wickel umbehalten?«

Der Fekete wechselt die Wickel und verstreut riesige Sicherheitsnadeln in der ganzen Wohnung. Einen Vormittag lang bleibt Toni zu Hause und versucht, sich nützlich zu machen. Aber Friedl liegt mit geschlossenen Augen da, von Zeit zu Zeit stöhnt er, manchmal spricht er zusammenhangloses Zeug, einmal schreit er: »Melde gehorsamst, Herr General«, und dann flüstert er wieder: »Kaiserliche Hoheit, bitte, Kaiserliche Hoheit, ich muss gehorsamst erinnern …« Und es passt gar nicht zur Kaiserlichen Hoheit, dass der fiebernde Versicherungsbeamte, Rittmeister a. D. Friedrich Huber, Seine Kaiserliche Hoheit mit Versicherungspolizzen in Zusammenhang bringt. Im Fieber flüstert er sehr ungereimtes Zeug, aber das Leben des Rittmeisters, der von Versicherungen anderer Leute sehr mittelmäßig lebt, ist eine ungereimte Angelegenheit geworden. Manchmal schlägt Friedl die Augen auf, sein Blick gleitet an Toni vorbei und hängt ausdruckslos in der Zimmerecke. Am nächsten Vormittag sitzt Toni wieder beim Unterricht, sie kann ihrem Friedl nicht helfen. Aber sie muss immerfort an die Dunstumschläge denken, die Fekete dem Friedl machen soll, und an das Geräusch in Friedls Lunge, von dem der Doktor Honig sehr beruhigend und geradezu aufmunternd gesprochen hat.

»Sie haben mir für Ihr gestriges Ausbleiben keine Entschuldigung gebracht, Huber«, bemerkt die Mikula, Klassenvorstand der Achten.

»Mein Vater ist krank«, meldet die Toni, ihre Stimme kräht triumphierend, die Mikula soll zerspringen, sie kriegt doch keine Entschuldigung, der Friedl ist krank und konnte keine schreiben.

»Ach, und da haben Sie Ihren Vater gepflegt?«, meint die Mikula und versucht, in ihre Stimme einen süßlichen Unterton von »das arme Kind« zu legen. Die Klasse horcht gespannt zu. Privatangelegenheiten sind interessanter als die unwahrscheinlich läppischen Abenteuer des Herrn Aeneas, der jede Unfallversicherungsgesellschaft durch seine konstanten Unfälle Bankrott gemacht hätte.

»Nein, ich habe ihn nicht gepflegt, ich bin zu ungeschickt dazu«, antwortet die Huber in der letzten Bank und fügt hinzu: »Ich bin nur zu Hause geblieben.« Und zum Ärger der Mikula beginnt sie laut kratzend Bleistifte zu spitzen.

Nächsten Dienstag kommt die Toni mittags nach Hause und läuft, wie immer in den letzten Tagen, gleich in Friedls Zimmer. Sonderbar: Die Tür steht weit offen. Toni schließt behutsam die Tür hinter sich, macht noch ein paar Schritte, und dann setzt sekundenlang ihr Herzschlag aus.

Das Bett ist leer.

Zurückgeschlagen die Decke, als ob Friedl eben aufgestanden wäre.

Sie geht zum Bett hin. Leer. Die Bettdecke zurückgeschlagen, die Polster zerknittert.

Da stürzt sie in die Küche. »Fekete, Fekete!«

Am Herd steht das Fräulein Anna. »Der Herr Fekete ist mitgefahren«, berichtet das Fräulein Anna und rührt weiter in einem Kochtopf.

»Das – das Bett ist leer –«, stößt Toni hervor. Sie hält noch immer die Schultasche in der Hand, schief sitzt die Pullmankappe auf den glatten Haaren. Die Anna steht am Herd und sieht nicht auf. Sie zuckt nur mit den Achseln: »Der Doktor hat vormittags gesagt, dass der Herr Rittmeister ins Spital muss. Dort hat er bessere Pflege. Dann hat der Doktor um ein Krankenauto telefoniert, und vor einer halben Stunde sind sie weggefahren.«

»Weggefahren …«, wiederholt die Toni, ohne zu verstehen. »Wo – wo ist denn jetzt der Friedl?«

»Na, im Spital. Der Herr Fekete wird bald zurück sein und dem Fräulein dann genau sagen, wo der Herr Rittmeister liegt und wann Besuchsstunde ist«, sagt die Anna und kostet mit dem Kochlöffel, ob genug Salz im Kochsalat ist. Sie kann die Toni nicht leiden, die Toni hält zum Fekete. Sie hört, dass die Toni aus der Küche geht, es sind sonderbar langsame, schleppende Schritte, und ruft ihr nach: »Das Essen ist gleich fertig!«

Die Toni kommt in ihr Zimmer, lässt die Schultasche auf den Boden fallen, zieht die Kappe vom Kopf und wirft den Mantel irgendwohin. Dann geht sie wieder in Friedls Zimmer, macht ganz leise die Tür auf, vorsichtig, damit die Tür nicht knarrt, und schließt sie behutsam hinter sich. Leise nähert sie sich dem Bett. Zieht einen Stuhl heran und setzt sich. Breite, zurückgeschlagene Decke, ganz zerknitterter Kopfpolster. Sie beugt sich vor und streichelt die Decke.

Es ist so still im Zimmer. So grauenhaft still ist es jetzt. Friedls fiebrige Atemzüge fehlen, sie fehlen entsetzlich. Das Bett ist leer, sie haben Friedl fortgetragen, hastig haben sie die Decke zurückgeschlagen, und dann haben fremde Leute ihn angefasst und weg – weggetragen haben sie ihn.

Da fällt die Toni auf die Knie, sie presst das Gesicht auf den Polster, auf den zerdrückten Friedl-Polster. Und dann muss sie in den Polster beißen, um nicht laut aufzuschreien. Sie hat auf einmal das Gefühl, dass sie ihr den Friedl nicht mehr zurückbringen werden. Nein – nein – sie werden ihn nicht wieder herbringen, Spital muss etwas Schreckliches sein, ins Spital kommt man nur, wenn man sehr krank ist, sie haben ihr den Friedl weggenommen, das Bett ist leer, lieber Gott – das Bett bleibt leer –

»Vater«, stöhnt sie in den Polster.

»Vater!«

4

»ZU BEFEHL, HERR Rittmeister – die seidene Steppdecke«, sagt der Fekete.

Toni und Fekete sind mit einem unförmigen Paket im Krankenhaus angerückt, das Paket ist unterwegs ein paar Mal aufgegangen, sie haben es so ungeschickt zugebunden, und das Papier, in das sie die große Decke eingeschlagen hatten, war viel zu klein.

Nun liegt der Friedl schon ein paar Tage im Krankenhaus, Interne Abteilung, Zimmer 17b. Ein schmales, kleines Zimmer, in dem nur zwei Betten stehen. Toni kann sich gar nicht vorstellen, wie es Friedl in einem der großen Krankensäle aushalten könnte, in dem dreißig Menschen stöhnen und schlechte Luft machen. Nein, das würde Friedl nicht ertragen. Zum Glück haben sie ihn gleich in dieses kleine Zimmer gebracht. Es ist ein Zimmer für »schwere Fälle« und »Protektionskinder«, das hat Toni schon heraus. Der Egger Josef im zweiten Bett ist ein Protektionskind, er hat es ihr selbst erzählt, er ist bei der Radiogesellschaft angestellt, und ein Direktor der Radiogesellschaft hat den Professor angerufen, den Leiter der Klinik. »Alle ›Gottsöbersten‹ sind miteinander befreundet«, sagt der Egger Josef. Nun liegt er mit seiner Gelenkentzündung im kleinen Zimmer 17b und ist Friedls Zimmerkollege.

»Ich habe mit dem Professor gesprochen, und er hat eingesehen, dass wir Ihren Vater nicht in den großen Krankensaal legen können, es würde ihn zu sehr aufregen«, hat Doktor Honig gesagt, der täglich zu Friedl auf Besuch kommt, obwohl er ihn hier nicht behandeln kann. Jetzt arbeiten ein sehr berühmter Professor, zwei Dozenten und fünf Hilfsärzte an Friedl herum. Natürlich ist Friedl auch ein Protektionskind, denkt Toni. Sonst dürfte er nicht in dem kleinen, stillen Zimmer liegen.

Sie sieht die graue, haarige Bettdecke an, die nur in ein weißes Leintuch eingeschlagen ist. Diese Decke kann sie nicht ertragen, es tut ihr geradezu körperlich weh, dass Friedls Hände auf dieser grauen Decke liegen. Deshalb hat sie beschlossen: Die rote Seidensteppdecke von zu Hause muss her. Und jetzt breitet der Fekete liebevoll die schöne Decke über Friedls Bett. Bewundernd sieht der Egger Josef herüber. Sein Name steht, auf einer kleinen Tafel, die über dem Kopfende seines Bettes angebracht ist. Jedes Bett hat so eine Namenstafel. Daher weiß Toni, dass dieser Egger Josef eben Egger Josef heißt.

»Eine prachtvolle Seidendecke«, konstatiert der Egger Josef.

Friedl konstatiert gar nichts. Er hat während der letzten Tage sehr hoch gefiebert. Es hat ihn »nur so geworfen«, erzählt der Egger Josef der Toni. Aber heute ist alles anders. Das Fieber ist gesunken. Friedl liegt ganz still da, er hat den Kopf ein wenig zur Seite geneigt und – wahrscheinlich schläft er, denkt Toni. Sein Gesicht ist mager geworden. Weiß und mager. Die ersten Tage hat sich Toni über die Stoppeln in seinem Gesicht gekränkt. Ihr Friedl sollte immer schön und niemals unrasiert sein, nun werden die Stoppeln zu einem kleinen Bart, einem flaumigen, hellbraunen Bart, und Friedls Gesicht ist fremd.

Von zwei bis vier Uhr nachmittags ist Besuchsstunde im großen Spital. Toni kommt jeden Tag, sie sitzt auf der Kante von Friedls Bett, obwohl die Schwester jedes Mal energisch einen Sessel neben das Bett stellt.

Unbeweglich liegt Friedl, die Toni sitzt auf der Bettkante, sie streichelt Friedls Hand. Jetzt schleicht der Fekete sehr enttäuscht aus dem Zimmer: Der Herr Rittmeister schläft, er hat die seidene Decke nicht einmal bemerkt, und den Fekete auch nicht, nur als das Packpapier so laut raschelte, ging ein unwilliges Zucken über Friedls Gesicht. Toni bleibt allein mit den beiden Männern. Der Egger Josef bekommt selten Besuch, er sei schon seit drei Wochen hier und deshalb für seine Leute keine Sensation mehr, berichtet er.

Zuerst hat sich Toni im Krankenhaus sehr gefürchtet. Die Schwestern haben strenge Gesichter, man muss sie besonders lieb grüßen, denn Friedl ist von ihrem Wohlwollen abhängig. Und der Geruch auf den Gängen macht Toni ganz krank, dieser komische Geruch, wahrscheinlich ist der Äther oder Jodoform. Die Patienten in ihren gestreiften Mänteln – jeder bekommt im Krankenhaus so einen Mantel – schüchtern sie ein, die Patienten gehen auf den Gängen auf und ab, den gestreiften Mantel lose geschlossen, die Gesichter sind blass und unrasiert. Man kommt sich wie ein Eindringling vor, wenn man über die langen Gänge geht. Die Schwestern erwidern kaum den Gruß, zur Besuchsstunde kommen viele Leute, sie können nicht jeden grüßen. Die Ärzte sehen durch einen hindurch. Sie ist nicht mehr die Toni Huber, sondern einfach »eine Angehörige«, die Angehörige von einem Patienten auf 17b. Das Krankenhaus ist eine abgeschlossene Welt, die auf die übrige Welt verzichtet. Die Höfe im Krankenhaus sind die Plätze einer kleinen Stadt. Es gibt hier eine Apotheke, einen Friseurladen und ein Leichenbestattungsunternehmen. Der Friseur hat ein leuchtendes Schild und die Leichenbestattung eine hübsch hergerichtete Auslage mit Wachskerzen und Sargschmuck. Alles ist hier so sonderbar. Die Toni hat oft das Gefühl, als ob sie ihr den Friedl einfach geraubt hätten, jetzt gehört er nicht mehr zu ihr, jetzt gehört er zu diesen da, zu den Männern im gestreiften Mantel, zur Schwester Mathilde, die ihm die Kissen zurechtschüttelt, zum Egger Josef, der immer läutet, wenn der Friedl Durst hat und stöhnt und sich herumwirft. Der Friedl braucht sie nicht mehr.

»Heut geht es besser, ich bin so froh, heut geht es viel besser«, sagt die Toni und versucht mit dem Egger Josef ein Gespräch. Friedl schläft und hat vergessen, dass sie zu Besuch gekommen ist.

»Nicht wahr, wenn man kein Fieber mehr hat, ist man schon so gut wie gesund, Herr Egger?«

Der Egger Josef nickt. Er hat ein gutmütiges, breites Gesicht, ein rosa Gesicht, es ist voll rosaroter Stacheln, obwohl sich der Egger Josef jeden dritten Tag rasieren lässt, rotblonde Haare, und die Toni kann sich gar nicht vorstellen, wie der Egger Josef in »angezogenem Zustand« aussieht. Am besten kann ich ihn mir noch mit offenem Hemd und Lederhosen vorstellen, überlegt sie, aber in der Radiogesellschaft wird er doch nicht in Lederhosen herumlaufen. Es ist schwer, Männer im Nachthemd in eine Gesellschaftsklasse einzuordnen, wenn alle dieselben Hemden tragen müssen.

»Ich hab auch immer gehört, dass man gesund ist, wenn man kein Fieber mehr hat«, bestätigt der Egger Josef. Und unvermittelt: »Sagen Sie, Fräulein Huber, hat sich der Herr Papa den Herzfehler im Krieg geholt?«

»Aber, Herr Egger, er hat doch keinen Herzfehler, nur Lungenentzündung. Das Herz ist doch sehr stark, der Herr Assistent hat mir gestern erst gesagt, wenn einer ein starkes Herz hat, hält er durch. Auf das Herz kommt es an, hat der Herr Assistent gesagt. Und der Friedl hat nie etwas mit dem Herzen zu tun gehabt, ich weiß gar nicht, wie Sie darauf kommen?«

»Dann hab ich falsch gehört«, murmelt der Herr Egger, »mir ist vorgekommen, als ob die Ärzte etwas von einem Herzfehler gesagt hätten.«

Aber die Toni hört ihm nicht zu. Sie hält die Hand vom Friedl ganz fest und spricht weiter: »Heut hat er nur noch erhöhte Temperatur, morgen wird er fieberfrei sein, dann lassen sie ihn nach Hause, bestimmt lassen sie ihn nach Hause, Gott sei Dank, ich hab solche Angst gehabt, dass er noch lang im Krankenhaus bleiben wird.«

Übrigens war das eigentlich gar nicht die Angst von der Toni. In ihr ist ein unbestimmtes, dumpfes Angstgefühl, sie kann es sich nicht recht erklären, eine würgende, scheußliche Angst, die sie nicht loslässt, in der Schule ist sie da und in der Besuchsstunde und nachts. Ja, nachts besonders. Da kann sie nicht einschlafen vor Angst. Aber jetzt verschwindet dieses Gefühl. Friedl schläft ruhig, gleichmäßig sind die Atemzüge, still liegt er, er schläft, er wird gesund, morgen ist er fieberfrei und –

»Und übermorgen nehm ich ihn mir wieder nach Hause«, sagt die Toni zum Egger Josef, und bereut gleich, dass sie es gesagt hat. Es ist vielleicht taktlos, wer weiß, wann der Egger Josef nach Hause kann, es geht ihm zwar schon besser, aber man sagt ihm noch nicht, wann er aufstehen darf.

Die Glocke im großen Saal nebenan läutet, die Besuchsstunde ist zu Ende. Gleich werden die Höfe schwarz von Menschen sein, von »Angehörigen«, die geduldig zum Ausgang trotten. Ihr Stimmengewirr dringt herauf ins Zimmer, jetzt unterhalten sie sich über ihre Kranken, sie tauschen Vermutungen aus, mein Gott, Gewisses weiß man doch nie, die Ärzte geben ungern Auskunft, die Leute sprechen und suchen den Ausgang und sind eine große Familie: die Angehörigen.

»Die Besuchszeit ist um«, ruft die Schwester, sie hat die Tür aufgerissen, und ihre Mahnung gilt Toni. Folgsam steht Toni auf, man darf hier niemanden böse machen, sie sind sonst nicht gut zum Friedl.

»Gute Besserung«, sagt sie zum Egger Josef, und in ihrer Stimme ist leiser Jubel, weil Friedl bald fieberfrei sein wird. Dann beugt sie sich über den Vater und küsst seine Stirn. Friedls Stirn ist kühl und feucht. Übermorgen wird sie mit ihm nach Hause fahren können.

»Friedl, du hast dich rasieren lassen!«, schreit Toni begeistert. Das ist am nächsten Tag, und heute ist sie mit frohem Herzen zur Besuchsstunde gekommen. Die Toni ist zum ersten Mal seit Tagen gut aufgelegt, heut ist Friedl bestimmt ganz fieberfrei, er wird bald gesund sein, er hatte gestern schon beinahe kein Fieber mehr, jetzt kommt er bald heraus aus der fremden Welt, er kommt nach Hause, Toni ist gut aufgelegt, sie reißt die Tür auf und schreit: »Nein, diese Überraschung – Friedl ist frisch rasiert!«

Der fremde, kleine Bart ist fort, jetzt sieht man erst, wie weiß und schmal Friedls Gesicht geworden, aber es ist wieder Friedls Gesicht, nicht das eines fremden, kranken Herrn mit lichtem Bart.

»Ich hab heut früh einen Spiegel verlangt – und dann natürlich darauf bestanden, dass ich rasiert werde«, sagt Friedl. Er spricht sehr langsam und so leise, dass man genau aufpassen muss, um ihn zu verstehen. Er ist noch sehr schwach, denkt Toni.

»Jetzt bist du schon fast gesund und musst wieder auf dich schauen, Friedl«, nickt sie eifrig.

Der Egger Josef im Bett gegenüber wälzt sich stöhnend herum, jede Bewegung schmerzt ihn furchtbar, aber er will alles genau sehen und hören. Welche Schmerzen man aus Neugierde erträgt, denkt Toni.

»Ich hab mich für dich rasieren lassen, Anton«, sagt Friedl.

»Für mich?« Toni lacht. »Du meinst, ich soll dem Fräulein Clarisse sagen, dass sie dich hier besuchen darf. Bis jetzt hab ich nämlich allen Leuten, die bei uns angerufen haben, verboten, herzukommen. Ich glaub, du warst sehr krank, Friedl.«

»Nein, ich hab mich nur für dich rasieren lassen. Obwohl ich sehr müd war. Ich bin überhaupt so schrecklich müd …«

Und nach einer kleinen Pause: »Anton, wenn du von hier fortgehst, sollst du mich richtig in Erinnerung behalten. So, wie ich immer war, nicht ungepflegt mit einem Stachelkinn …«

Friedl lächelt. Sein Lächeln ist anders geworden. Fern, als ob er nicht ganz bei der Sache wäre.

»Nicht wahr, heut hast du kein Fieber mehr?«, redet Toni weiter. »Der Fekete schickt Empfehlungen. Denk dir, jetzt kocht er für sich jeden Tag Knoblauchsuppe. Er sagt, dass Knoblauch für Männer mit vierzig Jahren sehr gesund ist, man verkalkt nicht so schnell. Glaubst du, dass wir beide auch Knoblauchsuppe essen sollen, damit –«

»Der Herr Rittmeister ist noch etwas schwach, man soll nicht so viel sprechen«, lässt sich der Egger Josef vernehmen. Toni unterbricht ganz erschrocken.

»Lassen Sie nur«, sagt Friedl mit seiner leisen, fernen Stimme, »ich wollte dir so viel sagen, Anton, jetzt hab ich es vergessen, es wird mir wieder einfallen – nur wegen der Erinnerung hab ich mich rasieren lassen, für dich, Anton –«

»Du sollst sicherlich nicht viel sprechen, Friedl«, ermahnt Toni, »es ist vielleicht besser, wenn ich schon fortgehe.«

»Bleib nur, Anton, bleib hier sitzen – ich bin sehr müd, ich werde wieder einschlafen, aber du bleibst hier sitzen, ja, Anton?«

Bleibt die Toni also sitzen und sieht dem Friedl zu, wie er schläft. Man hört ihn kaum atmen, es ist beinahe unheimlich, wie still er daliegt.

»Fräulein Huber«, flüstert der Egger Josef, »ich möchte Ihnen etwas sagen.«

Toni steht leise auf und setzt sich gewohnheitsmäßig auf die Bettkante. Er sollte nicht so laut flüstern, denkt sie, sonst weckt er noch den Friedl auf. »Ja, was gibt’s denn, Herr Egger?«

»Ich komm weg von hier, Fräulein Huber«, flüstert der Egger Josef.

Verständnislos blickt ihn Toni an. »Weg? Wieso weg?«

»Wenn die Besuchsstunde aus ist, werde ich in ein anderes Zimmer gebracht. Die Schwester Mathilde hat mir’s gesagt«, zischelt er und macht ein Verschwörergesicht. Denn die Schwester Mathilde hat ihm sicherlich ein Amtsgeheimnis verraten.

»Ja, aber warum denn? Ich hab mich immer für Friedl gefreut, weil er einen so netten Zimmerkameraden hat, und jetzt –«

Während Toni spricht, denkt sie aufgeregt nach. Sie bringen den Egger fort, wahrscheinlich hat sich sein Zustand stark verschlechtert, sicherlich bringen sie ihn fort, damit der Friedl nicht sieht, dass der Egger, mein Gott, der arme Herr Egger, man merkt ihm eigentlich gar nichts an, sein rosarotes, rundes Gesicht sieht doch nicht nach Sterben aus. Trotzdem: Neulich erst hat sie den Doktor Honig gefragt, was mit den Sterbenden geschieht. Es muss doch für andere Kranke entsetzlich sein, wenn ein Mensch im Nachbarbett mit dem Tod ringt. Und der Doktor Honig hat ihr erklärt, dass man sich hier sehr bemüht, Sterbende abzusondern. Sie werden in ein anderes Zimmer gebracht, zum Beispiel in ein Zweibettzimmer. Und wenn man weiß, es dauert nicht mehr lang, dann lässt man sie in dem Zimmer allein. Und jetzt, der arme Egger Josef mit der Gelenkentzündung, ob er ahnt, warum sie ihn wegbringen?

»Wissen Sie schon, wohin man Sie bringt?« Sie bemüht sich sehr, kein allzu teilnahmsvolles Gesicht zu zeigen.

»Ich glaube, in ein Zimmer, in dem noch zwei andere liegen. Eine Rippenfellentzündung soll dort sein und eine rätselhafte Lähmungserscheinung. Aber ich weiß nichts Genaues«, flüstert der Egger Josef weiter. Natürlich weiß er nichts Genaues, Gott sei Dank, denkt die Toni, sie werden ihn im neuen Zimmer allein lassen.

»Und wer kommt hierher, zum Friedl?«, will sie wissen.

»Ja das … das weiß ich nicht, ich hab vergessen, die Schwester Mathilde zu fragen«, stottert der Egger Josef. Aber jetzt flüstert er sehr eilig weiter: »Ich wollte mich nämlich von Ihnen verabschieden, Fräulein Huber, deshalb hab ich Ihnen alles gesagt.«

Die Toni ist sehr gerührt und sehr verlegen.

»Der Friedl wird sicherlich nicht mehr lang hier sein, aber ich komme Sie trotzdem bald einmal besuchen«, verspricht sie.

Jetzt wird der Egger Josef sehr gerührt und sehr verlegen, die Toni weiß gar nicht warum.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, dass – falls Sie nämlich einmal was brauchen, ich meine, jetzt gehen Sie ja noch in die Schule, aber nach der Schule, wenn Sie nicht wissen, was Sie anfangen sollen – es ist heut so schwer mit den Stellungen, Sie werden auch einen Posten suchen, nicht wahr? Also, da wollte ich Ihnen sagen, dass Sie mich immer in der Radiogesellschaft erreichen, in der technischen Abteilung, ich meine, wenn Sie keine Stellung finden und Sorgen haben –«

Mein Gott, warum soll ich Sorgen haben, denkt die Toni. Der Friedl wird mir schon eine Stellung verschaffen.

»Wissen Sie, ich bin dort nur ein kleiner Beamter, aber man erfährt doch allerlei in so einem Betrieb, man horcht herum, unsereiner erfährt schon, wenn sie oben im Präsidium jemanden suchen, eine Hilfskraft oder so was – Fräulein Huber, ich möchte gern wissen, wie es Ihnen gehen wird, nach der Schule, und deshalb, vergessen Sie den Pepi Egger nicht und lassen Sie sich einmal bei mir in der Radiogesellschaft anschauen, Sie brauchen nur dem Portier sagen, Sie wollen zu mir, er lässt Sie schon hinein.«

So. Dem Egger Josef ist jetzt viel leichter. Er hat sich schon den ganzen Vormittag den Kopf zerbrochen, wie er es ihr sagen soll. Und jetzt ist es doch irgendwie gegangen.

»Alles Gute, Herr Egger«, sagt die Toni und steht auf. Sie möchte ihm gern die Hand drücken, man kann doch einem Mann, den man zum letzten Mal sieht, nicht einfach »Leben Sie wohl« sagen, man müsste ihm männlich fest und treuherzig die Hand drücken. Aber das geht nicht, der Egger Josef würde sich über einen festen Händedruck nicht freuen, der Arme hat doch solche Gelenkschmerzen.

Zum Glück steckt die Schwester schon den Kopf zur Tür herein: »Besuchsstunde zu Ende!«

»Grüß Gott, lieber Herr Egger«, murmelt Toni und wendet sich schnell wieder zum Bett vom Friedl. Friedl schläft noch immer, er hat sich gar nicht gerührt, man muss sich tief über ihn neigen, um seine Atemzüge zu sehen. Etwas beschämt, weil sie so gesund ist, geht Toni leise aus dem Zimmer.

Draußen auf dem Gang geht gerade ein junger Hilfsarzt vorüber. Vor dem hat Toni weniger Angst als vor den älteren Ärzten, er ist sicherlich noch kein sehr hohes Tier, denn er grüßt sie immer höflich, wenn er ihr im Hof oder hier im Gang begegnet. Deshalb traut sie sich; sie läuft ihm nach und ruft: »Herr Doktor, bitte – Herr Doktor!« hinter ihm her.

Er bleibt stehen.

»Bitte schön, Herr Doktor, ich bin die Tochter von dem einen Herrn von Nummer 17b, vom Rittmeister Huber, und ich wollte fragen, wann ich meinen Vater nach Hause nehmen darf.«

Der junge Doktor macht Stirnfalten und sieht nachdenklich bedeutsam zu Boden: »Tja«, macht er, und dann wieder »Tja, ich meinte, tja –«

»Er hat nämlich kein Fieber mehr, Herr Doktor, und da denke ich, dass er bald von hier fortkann«, versucht ihn Toni zu beschwören.

»Bald?« Der junge Arzt blickt zum Fenster hinaus. Ganz plötzlich wendet er den Blick, er sieht Toni gerade ins Gesicht: »Ja, Fräulein, er kann bald fort von hier, ich glaube sogar, sehr bald.« Er wendet sich brüsk ab, dreht sich, ohne zu grüßen, um und geht mit schnellen Schritten den Gang zurück.

Denn der junge Doktor ist noch ein sehr junger Doktor, er ist erst kurze Zeit im Krankenhaus und kann Tonis angstvoll bettelnden Kinderblick nicht ertragen.

Langsam geht Toni über den Hof des Krankenhauses. Heut ist ein grauer Jännertag, schon die ganze Woche waren graue Tage, aber gerade jetzt, während Toni über den Hof geht, scheint eine Naht in der grauen Wolkendecke zu platzen, ein Stückchen Blau kommt zum Vorschein, zartes, sauberes Hellblau.

Und der Herr Egger muss sterben, fällt ihr ein. Sie hat noch niemals einen Menschen sterben gesehen, auch verhältnismäßig wenig über Sterben nachgedacht, die Toni ist keine große Nachdenkerin. Jetzt bringen sie ihn schon in das andere Zimmer, überlegt sie, der Arme, der Transport wird ihm wehtun. Aber es ist sehr vernünftig, es würde den Friedl bestimmt schrecklich aufregen – und nein, sterben muss einer schon allein, man darf nicht fremde Leute zwingen, zuzuschauen.

Toni geht über die Alser Straße, sie sieht an Auslagen und Leuten vorbei. Ganz mechanisch rennt sie nach Hause, sie bemerkt gar nicht, dass sie Vorübergehende anrempelt und beinahe einen Kinderwagen umstößt. Ihre Gedanken sind im Zimmer 17b.

Sonderbar, denkt sie, warum transportieren sie eigentlich den armen Egger? Friedl ist doch schon fieberfrei, ihm würde es gewiss nicht schaden, wenn man ihn von einem Zimmer ins andere trägt. Und der Egger könnte dann allein auf 17b bleiben, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Nein, das verstehe ich wirklich nicht, überlegt sie weiter, warum lassen sie den armen Egger nicht auf 17b und –

Da überfällt es die Toni. Ein Gedanke krallt sich fest, sie kann den Gedanken nicht denken, nein, um Himmels willen, das ist nicht möglich, nein, nein, lieber Gott, nimm den Gedanken weg, ein Mann vom Zimmer 17b wird sterben, welcher Mann – zwei Männer liegen dort –. Es nützt nichts, lange Schritte zu machen, es nützt nichts, zu laufen, man kann dem Gedanken nicht davonlaufen, zwei Männer auf 17b, den Egger bringen sie fort, er hat so ein rundes, rosa Gesicht, er sieht nicht aus, als ob er bald –. Lieber Gott im Himmel, der Doktor hat doch gesagt »sehr bald«, ja, sehr bald kommt der Friedl fort, hat er gesagt, der Friedl kommt nach Hause, der Friedl kommt zu mir, es kann doch nicht anders sein, es ist der Egger, um Himmels willen, der Egger wird sterben, lieber Gott, lass es den Herrn Egger sein und nicht – und nicht –.

Toni jagt die Straße entlang. Vor einer Straßenkreuzung reißt sie ein Passant im letzten Augenblick zurück: Sie wäre sonst in ein Auto hineingerannt. »Um ein Haar wären S’ überfahren worden, Fräulein«, sagt der fremde Mann. Ja, die Toni wäre um ein Haar überfahren worden. Aber sie hätte es nicht einmal bemerkt.

Weiter hetzt sie, das dumpfe Angstgefühl der letzten Tage ist so groß geworden, dass es ihr Herz zerbricht, es kommen keine Gedanken mehr, sie sind ausgelöscht, Toni spürt nur ihr Herz, es ist ein körperlicher Schmerz in der Herzgegend, ein so namenloser Schmerz, den man nicht beschreiben kann. Und an der Kehle sitzt die Angst, Toni hat das Gefühl, sie müsste schreien, schreien vor Schmerz und Angst, so laut schreien, bis sie gar kein Bewusstsein mehr hat. Kein Gedanke mehr, nur Erkennen. Das Erkennen hat sie überfallen, man möchte schreien – und man schreit nicht auf offener Straße. Man rennt nach Hause, und im dunklen Stiegenhaus ist man endlich allein. Keine fremden Leute, die vorübergehen und einem ins Gesicht starren. Die Toni hält sich am Stiegengeländer fest, sie möchte sich am liebsten niederfallen lassen, niederfallen und sich zusammenkrümmen vor Qual, nur nichts mehr denken, nur nichts mehr spüren, nichts wissen – nichts wissen.

Aber sie klammert sich ans Geländer und ihr großer Schrei wird zu einem kleinen erschöpften Wimmern. So schleppt sie sich über die Stiegen in die Wohnung.

Und dann wird es noch ein Nachmittag wie alle anderen Nachmittage. Toni setzt sich in ihr Zimmer, an den viereckigen Tisch, der mit weißem Wachstuch bespannt ist. Als Kind malte sie mit Buntstiften Häuschen und Bäume auf die weiße Fläche, in der Volksschule leerte sie das Tintenfass auf dem Wachstuch aus, und jetzt tropft die Füllfeder darauf oder Toni malt dickbäuchige Männchen. Das macht nichts, jeden Samstag wäscht der Fekete alles fort. An diesem geliebten alten Kinderzimmertisch sitzt nun die Toni und beginnt, Mathematikaufgaben zu machen.

Abends stellt Fekete einen Teller Eierspeise mit viel Schnittlauch auf Tonis Tisch. Toni stochert in der Eierspeise herum, kaut an einem Butterbrot und hat ein Buch neben sich liegen, aus dem sie das Leben des Vergil studiert. Das Leben des Vergil gehört auch zum Unterrichtsstoff.

… im Jahre 53 v. Chr. kam Vergil nach Rom. Von Lehrern, deren Unterricht er daselbst genoss, werden der Redner Epidius und der epikureische Philosoph Siron genannt, von denen der Letztere ihn nicht nur in das Studium der Philosophie, sondern auch in das der Physik einführte …

Großer Biss vom Butterbrot. Das Buch wird zugeklappt. Toni rekapituliert: »Dreiundfünfzig vor Christi kommt er nach Rom, dort lernt er beim Epi-, na, beim Epi-«, Blick ins Buch, wieder Biss vom Butterbrot: »Epidius heißt der Mann, Epidius, E-pi-dius. Bei dem und beim Siron lernt er, bei Siron steht noch etwas dabei –« Wieder Blick ins Buch: »Epikureischer Philosoph.«

Mein Gott, hoffentlich wird sie nicht gerade daraus geprüft, denn apropos epikureischer Philosoph wird die Mikula gleich nach den Epikureern fragen und dann – Tonis Blick wird starr. Ihre Gedanken sind nicht bei der Eierspeise und auch nicht beim epikureischen Siron. Sie gibt sich einen Ruck.

… nach Beendigung seiner Studien kehrt Vergil nach Andes zurück – wieso nach Andes? Ja richtig, dort ist er ja zu Hause, also nach Andes geht er, und dort –. Jetzt liegt der Herr Egger längst im anderen Zimmer. Wer ist beim Friedl? Der Friedl darf nicht ganz allein bleiben. Vielleicht liegt ein anderer Kranker im Bett vom Herrn Egger, sicherlich sogar, der Herr Egger wird isoliert, nicht der Friedl, der arme Herr Egger –

In Andes führt Vergil ein zwischen Naturgenuss und ernste Geistesarbeit geteiltes Leben. Naturgenuss und ernste Geistesarbeit, die Mikula wird staunen, wie gut ich das kann, in Andes – Friedl ist allein. Nein, nein, Friedl, du bleibst nicht allein, ich bin dein Kamerad, ich gehöre zu dir, ich bleib auch bei dir, ich bleib immer bei dir, Friedl, wohin du auch gehst – Vergils Leben erlitt im Jahre 41 eine Störung, weil damals die Verteilung der Äcker an die Veteranen der Triumvirn erfolgte. Scheinbar haben sie dem Vergil Land weggenommen, der Vergil wird sich geärgert haben, einundvierzig vor Christi – einundvierzig –, wie spät ist es eigentlich?

Toni sieht auf die Armbanduhr: halb neun.

Sie beugt sich wieder über die Lehrbücher. Fekete kommt ins Zimmer und holt das Nachtmahlgeschirr. Toni sieht von den Büchern nicht auf. »Du kannst schlafen gehen, Fekete«, bemerkt sie, »ich gehe um neun noch weg. Ins Kino. Ich hab die Schlüssel, geh schlafen, du brauchst nicht zu warten, bis ich nach Hause komme.«

Der Fekete begreift nur langsam. »Gnädiges Fräulein geht noch weg? Jetzt gleich geht gnädiges Fräulein?«

»Ich gehe erst um neun, es ist noch Zeit«, antwortet die Toni, und der Fekete verschwindet.

Fünf Minuten vor neun klappt Toni das Buch zu. Sie holt den alten, fleckigen Mantel und nimmt die blaue Pullmankappe. Im Vorzimmer macht sie plötzlich kehrt und läuft ins Zimmer zurück. Reißt den Kasten auf und bringt einen etwas zerbeulten Hut zum Vorschein. Einen scheußlichen roten Hut. Aber immerhin: Es ist ein Hut mit einer Krempe, er sieht erwachsener aus als die Pullmankappe. Den Hut setzt sie auf, rückt ihn tief ins Gesicht, um wie eine Dame auszusehen, und denkt: Jetzt wird es Zeit sein.

Dann verlässt sie die Wohnung und geht dem Schottentor zu. Beim Schottenring-Kino bleibt sie einen Augenblick lang stehen und betrachtet die ausgestellten Kinobilder.

So. Jetzt ist es Zeit.

Sie geht schneller, ein kleines Stückchen läuft sie sogar, sie hat auf einmal wahnsinnige Angst, dass sie zu spät kommt. Aber knapp vor dem Krankenhaus in der Alser Straße verlangsamt sie ihre Schritte, geht würdig und gemessen und atmet ein paar Mal tief. Das Herz klopft ihr im Hals. Sie ist ganz außer Atem, sie muss ruhig werden und würdig, sie muss ein sicheres Auftreten bekommen. In den nächsten Minuten muss sie unbedingt ein sicheres Auftreten haben. Sonst schickt man sie fort, obwohl doch keine Zeit mehr ist.

Das große Tor des Krankenhauses ist geschlossen. Eine schwarze riesige Wand. Sie rüttelt an der schweren Klinke und erschrickt über den Lärm, den ihr Rütteln verursacht. Zu. Um diese Stunde ist kein Einlass, kommen Sie zur Besuchsstunde wieder, Fräulein Huber. Die Toni knirscht mit den Zähnen, das macht sie immer, wenn sie aufgeregt nachdenkt.

Neben dem großen Tor ist eine schmale Tür. Diese Tür wird sich öffnen lassen, denkt Toni, das ist die Tür für die Ärzte, die Schwestern und die anderen Leute, die hier zu tun haben. Für die Leute, die man nicht hinauswirft.

Sie dürfen mich nicht hinauswerfen, betet Toni in ihrem Herzen. Ganz leicht drückt sie gegen die schmale Tür. Die Tür gibt nach. Toni sieht durch einen schmalen Spalt eine hell erleuchtete Portierloge.

Da reißt sie sich zusammen. Langsam, sehr sicher und selbstverständlich stößt sie die Tür weit auf.

Toni geht durch die Tür. Sie setzt ein Lächeln auf. Alles hängt von diesem Lächeln ab, es muss ein erwachsenes Lächeln werden.

Und zum ersten Mal in ihrem Leben gelingt Toni Huber das Lächeln einer Dame.

5

DER DICKE PORTIER sitzt verschlafen in seiner Loge, Toni ist schon an der Loge vorbei, plötzlich geht ein Schiebefenster auf, der Portier hat sie doch bemerkt: »Jetzt ist kein Einlass, hallo – Sie, Fräulein, was wollen Sie denn hier?«

Da dreht sich die Toni um, setzt dem Portier das Lächeln einer richtigen Dame entgegen, einer Dame, die über den Dingen steht, die vielleicht einen Schilling Trinkgeld gibt und die man nicht hinausschmeißen kann.

»Ich bin die Angehörige eines Patienten, man hat mich angerufen, ich soll sofort herkommen«, meint sie nachlässig, dabei wundert sie sich, dass der dicke Mann hinter dem Schiebefenster ihr Herz nicht klopfen hört. »Und da habe ich mir natürlich ein Auto genommen und bin gleich hergefahren.«

Das Schiebefenster bleibt noch eine Sekunde lang offen. Ein Schilling Trinkgeld? Toni hat noch nie im Leben Trinkgeld gegeben. Enttäuscht wird das Schiebefenster zugeschlagen.

Gut ist es gegangen, Toni ist durchgekommen. Auf einmal erscheint ihr der Krankenhaushof unendlich groß, er ist spärlich erleuchtet, schwarz ragen die einzelnen Gebäude in einen schwarzen Himmel, hie und da unterbricht ein sehr armseliger Lichtschimmer die Reihe der toten Fenster.

Ich werde den Eingang zur internen Abteilung nicht finden, fürchtet Toni. Klapp, klapp hallen ihre Schritte. Mein Gott, ist es hier still. Der Straßenlärm dringt gar nicht herein. Jetzt kann man mich nicht mehr wegjagen, jetzt bin ich drinnen, freiwillig gehe ich nicht fort, ich bleib beim Friedl. Die ganze Nacht bleib ich bei ihm. Sie stolpert ein paar Stufen hinauf. Zu einem Eingang, über dem eine kleine Lampe brennt: die interne Abteilung.

Totenstille im Gang. Kein Mensch zu sehen. Auf den Zehenspitzen geht Toni an den vielen Türen vorbei. Alle sind nur angelehnt. Wahrscheinlich macht eine Schwester regelmäßigen Patrouillengang und blickt in alle Krankenräume. Vorbei an der Tür zum großen Saal. Im großen Saal brennt schwaches Licht. Einer seufzt, und sein Seufzer dringt auf den leeren Gang zur Toni.

Zimmer 17b. Sonderbar: Hier ist die Tür geschlossen. Unhörbar drückt Toni die Klinke nieder. Sie hört Stimmen. Friedl ist also nicht allein. Eine Männerstimme spricht, und eine Frau antwortet. Jetzt hat sie die Tür eine Handbreit aufgemacht: An Friedls Bett sitzt der junge Doktor vom Nachmittag, er hält Friedls Hand, und neben ihm steht eine dicke Schwester, Toni hat sie noch nie gesehen. Die dicke Schwester hält ein kleines Glasinstrument in der Hand.

Die Tür knarrt. Der junge Doktor und die Schwester wenden den Kopf: In der Tür steht Toni.

Sie hat weit aufgerissene Augen wie ein Kind, das ein böser Traum aus dem Schlaf gerissen hat. Ihr Mund verzerrt sich zu einem krampfhaften Lächeln, sie will eine Entschuldigung vorbringen, man muss jetzt irgendetwas sagen, sie blickt verzweifelt auf Friedl, aber der scheint noch immer zu schlafen, er hat den Kopf zur Wand gedreht. Der junge Doktor macht ein unwilliges Gesicht, er wird sie hinauswerfen.

»Bitte, verzeihen Sie –«, beginnt sie verzweifelt. Sie stockt: Ihr Blick ist auf das zweite Bett gefallen. Eine graue Decke liegt über dem zweiten Bett. Sie haben keinen neuen Kranken hereingebracht. Sie haben Friedl isoliert. Das höfliche Lächeln auf Tonis Lippen friert ein, ihr Gesicht wird ganz starr.

»Verzeihen Sie«, stößt sie noch hervor, ihre Stimme ist tonlos. Sie senkt den Kopf und tritt langsam ins Zimmer.

»Wie sind Sie denn hereingekommen?«, fragt der Doktor mit streng dienstlicher Miene.

»Ich hab dem Portier gesagt, dass ich hergerufen wurde«, gesteht Toni, und ihr Gesicht wird kummervoll, weil sie eine Lüge bekennt. »Ich dachte, dass Sie vielleicht in schlimmen Fällen die Angehörigen verständigen. Ich meine, wenn es – wenn es ernst wird …«

»Und wer sind Sie denn?«, mischt sich die dicke Schwester ins Gespräch. Sie tritt ganz nahe an Toni heran und mustert sie von oben bis unten.

»Seine Tochter«, antwortet Toni und sieht an der Schwester vorbei zum schlafenden Friedl. »Schicken Sie mich nicht weg«, fügt sie hinzu, »bitte, werfen Sie mich nicht hinaus, ich werde ganz still sein und nicht stören, ich muss nur bei ihm sein, wir sind nämlich immer zusammen …«

Fragend sieht der junge Doktor die dicke Schwester an. »Man muss den Herrn Dozenten fragen«, erklärt die dicke Schwester und geht aus dem Zimmer. Toni zieht den Mantel aus und hängt ihn an den Fensterhaken. Den scheußlichen roten Hut stopft sie in eine Manteltasche. Dann geht sie zu Friedls Bett und setzt sich vorsichtig auf die Kante.

Unwillkürlich schiebt sie die Daumen unter die anderen Finger. Daumen halten, Daumen halten. Man soll das immer in entscheidenden Situationen machen. Jetzt fragt die dicke Schwester, wahrscheinlich die Nachtschwester, deshalb hat sie diese Pflegerin noch nie gesehen, jetzt fragt also die Dicke den Herrn Dozenten.

Der junge Doktor umfasst noch immer Friedls Handgelenk.

Die dicke Schwester kommt zurück, gleich nach ihr betritt ein hochgewachsener Herr im weißen Ärztemantel das Zimmer. Der Herr hat einen eisgrauen Schnurrbart und ein strenges graues Gesicht, er trägt eine Brille, die Gläser funkeln so, dass Toni seine Augen nicht sehen kann. Herrgott, schaut der Herr Dozent streng aus.

»Wie ist der Puls?«, fragt er und sieht über Toni hinweg. Der junge Doktor lässt Friedls Handgelenk los, steht auf und tritt zum Herrn Dozenten: »Hundertvierzig«, flüstert er, »die Herzschwäche schreitet fort. Seit Nachmittag zunehmender Kräfteverfall.« Toni hört jedes Wort. »Gegen sieben hat ihm die Schwester schwarzen Kaffee einzuflößen versucht. Er war zu. schwach, um zu schlucken. Ich wollte gerade eine Injektion machen, als –«, jetzt blickt der junge Doktor auf Toni und der Herr Dozent folgt seinem Blick.

Toni macht sich klein, sie duckt sich ganz zusammen, ihr Gesicht scheint nur aus angstvoll fragenden Augen zu bestehen.

»Ihr Vater hat einen schweren Herzfehler, es ist erstaunlich, dass er bis jetzt durchgehalten hat«, sagt der Herr Dozent.

Ja, es ist erstaunlich. Toni nickt sehr höflich. Sie hat nie gewusst, dass Friedl einen Herzfehler hat.

»Wohl eine Folge des Krieges?«, meint der Herr Dozent.

»Nein, ich glaub eher, eine Folge von nach dem Krieg, da hatte Friedl unausgesetzt Sorgen. Im Krieg war er sogar ganz gern, damals haben wir noch nicht solche Sorgen gehabt …«, erzählt sie. Die tonlose Stimme bemüht sich, ernste und geordnete Worte hervorzubringen. Toni antwortet wie ein braves Schulmädchen.

»Aha, aha, das kommt vor«, bemerkt der Herr Dozent und wendet sich wieder zum jungen Doktor. »Hören Sie zu, Herr Kollege, Sie werden dem Patienten …«

Was der Herr Kollege mit dem Patienten machen wird, kann Toni nicht verstehen. Geflüstert und lateinisch, das ist zu schwer.

Der Herr Dozent will schon wieder zur Tür hinaus, da hält ihn die Schwester zurück. »Was machen wir mit der hier?«, fragt sie.

Toni sitzt da und hat die Hände im Schoß gefaltet.

»Sie wissen, dass der Zustand Ihres Vaters sehr ernst ist?«, fragt der Herr Dozent.

Toni blickt starr vor sich hin.

»Wer hat es Ihnen mitgeteilt?«

»Ich hab es gespürt, Herr Doktor, o pardon, Herr, Herr Dozent.«

»Wissen die anderen Angehörigen des Patienten davon? Ich meine, haben wir außer Ihnen vielleicht noch einen anderen überraschenden Besuch zu erwarten?«

»Bitte schön, Herr Dozent, der Patient hat keine anderen Angehörigen. Wir beide sind unsere einzigen Angehörigen«, antwortet Toni und versucht, klar und präzise zu sprechen.

Jetzt lächelt der Herr Dozent. Sehr flüchtig nur.

»Sie werden sich ruhig und gefasst benehmen«, sagt er zu ihr. Toni nickt. »Ganz ruhig und gefasst, Herr Dozent.«

Der junge Doktor begleitet den Herrn Dozenten hinaus. Auch die Schwester verlässt das Zimmer. Toni stützt sich mit beiden Händen auf das Bett und neigt sich vor, um Friedls Gesicht zu sehen. Friedl hat sein Gesicht zur Wand gedreht, wahrscheinlich will er mit den Ärzten nichts zu tun haben, denkt Toni. Sein Atem ist unhörbar, er hat den Mund ein wenig geöffnet und lächelt im Schlaf. Toni streicht ihm die Haare glatt, dann nimmt sie seine Hand. Die Hand ist kühl und feucht.

Ich werde mich natürlich sehr ruhig benehmen, denkt Toni. Schon dir zulieb, Friedl. Schließlich hast du mir immer gesagt: Haltung, Anton, Haltung ist so wichtig. Wir zwei besitzen gar nichts mehr, Friedl, keine Silberschüsseln, keine Krawattennadel vom Großvater. Wir haben nur noch Haltung.

– ruhig und gefasst? Ich glaub nicht, dass es wirklich sehr ernst ist, das ist gar nicht möglich, Friedl ist müd und schläft, er ist sehr schwach, aber – Tonis Augen werden weit vor Entsetzen – wenn, wenn das geschieht, woran die Ärzte denken, dann, nein, das kann sie nicht ausdenken, das ist das Ende aller Dinge. Aber sie glaubt nicht daran. Wenn es geschähe, dann würde es einen Knacks geben, sicherlich, einen lauten Knacks, und sie hätte kein Herz mehr, ihr Herz könnte gar nichts mehr fühlen, aus, sie würde wahrscheinlich umfallen und nie mehr denken können.

Jetzt bewegt sich der Kranke. Er wendet ein ganz klein wenig den Kopf, nun fällt der rötliche Schimmer der Lampe auf sein Gesicht. Die Lampe steht auf dem kleinen Tischchen neben dem Bett, ein Tuch verhüllt sie, weiches, sanftes Licht ist im Raum, sehr beruhigendes Licht.

Die Augenlider in Friedls stillem Gesicht beginnen zu zittern.

»Friedl«, stößt Toni hervor, »Friedl, hörst du mich?«

Friedl versucht, die Lider zu heben. »Anton –«, formen die Lippen, »Anton, ich wollte dir – noch einiges – sagen –«

»Ja, Friedl, du wirst es mir morgen sagen, heut bist du müd und sollst schlafen.«

»Ich war immer ein Gentleman«, sagt Friedl auf einmal, ganz deutlich spricht er, Toni versteht jedes Wort. Er ist ganz wach, denkt sie, er phantasiert nicht, er will mir etwas sagen.

»Immer ein Gentleman, du – Anton – bleib ein Gentleman, auch eine Frau soll ein Gentleman sein –«

Die Worte zerbrechen auf seinen Lippen, jetzt bewegt er nur noch die Lippen.

»Die Mikula«, formt Friedl deutlich. Und noch einmal: »Die Mikula, wir gehen zu ihr –«

Die Lider sind fest geschlossen, er lächelt.

»Er hat mit mir gesprochen«, erzählt Toni aufgeregt dem jungen Doktor, der mit der Schwester ins Zimmer tritt. Die Schwester hält wieder das gläserne Ding in der Hand. Es ist eine Injektionsspritze. Der junge Doktor greift wieder nach Friedls Hand, sie ist wie ein lebloses Ding, er zieht an der Hand, bis der Arm ausgestreckt ist, dann streift er den Ärmel des Hemds zurück und sticht in Friedls Arm.

Toni sieht zu, sie spürt des Doktors Stich im Herzen. Friedl zuckt zusammen und stöhnt auf. Der Doktor betupft mit Watte das Stückchen Haut, in das er gestochen hat.

»Was spritzen Sie ein?«, will Toni wissen.

»Kampfer«, antwortet der Doktor und steht auf.

»Vielleicht bringen wir ihn durch«, meint die Schwester, es ist ein ausgesprochener Versuch, freundlich zu sein. Dann lassen sie Toni wieder allein mit dem Kranken.

Toni wird sehr schläfrig, von Zeit zu Zeit reißt sie den Kopf hoch, weil sie beinahe eingeschlafen wäre. Dann blickt sie in Friedls Gesicht. Ich werde immer Haltung haben und ein Gentleman sein, nimmt sich Toni vor. Sie spürt, wie ihr Kopf wieder vornüber sinkt, Vergil ist in Andes geboren, praebeo, praebere heißt gewähren, praebeo me fortem – ich erweise mich tapfer, Kampfer spritzen sie ein, komisch, Kampfer ist doch gegen Motten, wahrscheinlich soll Kampfer das Herz stärken, sie sollen nur recht oft Kampfer einspritzen –

Jetzt schlafen wir, Friedl, ich halte deine Hand, da schlafen wir gut, ich möchte mich am liebsten zu dir aufs Bett legen, ich möchte auch ein Stückerl Kopfpolster haben, mein Rücken tut schon weh, aber es schickt sich nicht, ganz bestimmt nicht –

Plötzlich fährt sie auf. Friedls Hand hat sich bewegt. Und jetzt werden seine Atemzüge so anders, ganz laut, der Friedl keucht, jeder Atemzug ist ein Stöhnen, weit offen der Mund, das Gesicht ist weiß wie der Polster, und auf der Stirn sind kleine Schweißperlen.

»Herr Doktor – Schwester!«

Toni ist auf den Gang gestürzt. Aufschreit sie in ihrer Angst. Aus einer schmalen Tür, schief gegenüber, tritt der junge Doktor, die dicke Schwester watschelt eilig den Gang entlang: »Psst, so schreien Sie doch nicht so, Sie wecken ja die andern auf!«

Nein, das gibt es nicht, das geht doch nicht, da schlafen Leute und Friedl soll –. Den ganzen Nachmittag und den ganzen Abend hat Toni in ihrem Herzen gewusst, was geschehen wird. Und jetzt, da es geschieht, da wird sie schreien, da wird sie dagegen kämpfen.

»Kommen Sie, kommen Sie doch!«, schreit Toni.

Der junge Doktor macht wieder eine Einspritzung. Toni hat die Hände vor den Mund gepresst, sie will ganz still sein. Sich anständig und ruhig verhalten. Der junge Doktor sticht in Friedls Arm. Friedl zuckt nicht mehr zusammen.

»Er spürt den Stich nicht mehr«, konstatiert der Doktor.

»Man wird nichts mehr machen können«, sagt die Schwester. Ihr rundes, rot glänzendes Gesicht bleibt ungerührt.

»Machen Sie etwas, Herr Doktor, bitte machen Sie etwas …«, wimmert Toni in ihrer Angst.

Der junge Doktor geht, um den Herrn Dozenten zu holen. Der Herr Dozent beugt sich flüchtig über Friedl, er knöpft das Hemd auf und legt die Hand auf Friedls nackte Brust. Schwer hebt und senkt sich Friedls Brust, er atmet nicht mehr hastig, zwischen jedem Atemzug ist eine Pause. Eine grauenvoll lange Pause. Friedl sammelt Kraft, man hört winziges, unsichtbares Atemzittern, und dann keucht er wieder einen großen Atemzug hervor, sein Mund ist verzerrt, jeder Atemzug ist Qual. Er kämpft, denkt Toni. Er kämpft gegen etwas Unsichtbares. Die Pausen zwischen den großen Atemzügen werden immer länger.

Der Herr Dozent geht wieder hinaus und die Schwester flüstert dem jungen Doktor zu: »Der Fall geht ex.« Toni soll es nicht hören, aber Toni hört es.

Sie bleibt mit der Schwester allein bei Friedl. Die Schwester sitzt auf dem Stuhl neben dem Bett, sie hat die dicken, roten Arme über dem mächtigen Busen gekreuzt und blickt den Kranken an, abwartend, beobachtend. Von Zeit zu Zeit gähnt sie laut und hält sich nicht die Hand vor den Mund.

Toni ist auf die Knie gesunken. Sie kniet dicht vor dem Bett, sie hat die Hände gefaltet, nein, fest ineinander verkrampft, der Kopf liegt auf der Bettdecke, ihre Wange liebkost Friedls Hand.

Keuchender Atemzug. Lange Pause. Keuchender Atemzug.

Das ist Friedls großer Kampf. Nichts zu machen, sagt der Doktor. Lieber Gott, mach etwas, mach ein Wunder, ein Wunder – betet Toni. Stöhnen. Und Pause. Mein Gott, Vater im Himmel – so lange ist diese Pause, lieber Gott –

Tonis Herzschlag hat ausgesetzt, es ist grauenvoll, von einem Atemzug auf den anderen zu warten, Herrgott –

Da: der nächste Atemzug.

Die Schwester gähnt.

»Geben Sie ihm wieder Kampfer, die Pausen werden so lang …«, stöhnt Toni.

»Man darf höchstens jede Stunde eine Injektion geben. In dreiviertel Stunden kann man es vielleicht noch einmal versuchen.«

Noch einmal versuchen. Lieber Gott, mach ein Wunder, sie geben nur jede Stunde eine Injektion, lieber Gott, wenn es dich gibt …

Plötzlich wird Toni aufgehoben, die dicke Schwester hält sie in den Armen und setzt sie in den Stuhl. Dann watschelt die Frau aus dem Zimmer, bringt ein Wasserglas und schiebt Toni einen Löffel mit einer Flüssigkeit in den Mund.

»Schlucken«, befiehlt die dicke Frau. Toni schluckt gehorsam und trinkt Wasser nach.

»Was habe ich denn eingenommen?« fragt Toni.

»Brom, es macht ruhig«, meint die Schwester und wirft einen Blick auf Friedls Gesicht. »Sie werden jetzt Ihre Ruhe brauchen«, sagt sie und es klingt gut.

»Ich werde so müd, Schwester«, klagt Toni nach einer Weile und spürt Bleigewichte an ihren Beinen, »ich werde noch einschlafen.«

Sie lehnt sich auf dem Sessel zurück, streckt die Beine aus und seufzt. Sonderbar dumpf spürt sie ihr Herz schlagen, sie ist sehr erschöpft, man müsste schlafen dürfen, schlafen und nicht mehr aufwachen. Sie schließt die Augen, müd, Friedl, wir sind beide sehr müde, die Nacht wird vorbeigehen und morgen wird alles entschieden sein.

Sie zuckt auf: Friedl atmet nicht mehr!

Sie gleitet vom Sessel und fällt wieder auf die Knie und legt ihre Hand auf Friedls entblößte Brust.

»Lassen Sie nur, er atmet noch«, sagt die Schwester. Die Schwester hat sich auf das leere Bett gesetzt, weil Toni auf ihrem Stuhl eingeschlafen war.

Er atmet noch. Toni spürt sein Herz nicht mehr schlagen, aber sie hört ganz leise Atemzüge, jeder Zug ist ein kleiner, leiser Seufzer.

Die Tür öffnet sich, der junge Doktor ist eingetreten.

»Noch eine Injektion?«, fragt die Schwester und erhebt sich schwerfällig.

»Es hat nicht mehr viel Sinn««, sagt der junge Doktor, und seine Stimme klingt ehrlich betrübt.

»Noch eine Injektion, ich will es, ich will es!«, schreit Toni. Der junge Doktor fährt ganz entsetzt zurück: Da kniet die Toni am Bett, sie hat sich steil aufgerichtet, ihr Kinn zittert, ihre Zähne schlagen aneinander, sie kann sich nicht dagegen wehren, die Zähne schlagen aneinander, sie ist ganz wach, grauenhaft wach, und ihre Stimme schreit: »Sofort spritzen Sie wieder Kampfer, wir bringen ihn durch, Friedl, halt durch!«

»Ich habe ihr schon Brom gegeben«, sagt die Schwester und zuckt ärgerlich mit den Achseln.

»Sie waren bis jetzt so brav, kleines Fräulein, Sie werden doch nicht zuletzt den Kopf verlieren …«

Toni verstummt. Jetzt ist also – zuletzt.

Der junge Doktor spritzt noch einmal Kampfer in Friedls sterbenden Körper, aber es ist natürlich schon völlig sinnlos.

»Friedl«, flüstert Toni, sie bringt ihr Gesicht ganz nahe an seines.

»Er hört Sie nicht«, sagt der junge Doktor, »er ist schon längst in Agonie.«

Toni hat das Wort noch nie gehört. »Ist Agonie etwas Schlimmes?«, fragt sie.

Das glänzende Gesicht der Schwester wird noch breiter, sie muss lächeln. Aber der junge Doktor bleibt ernst. »Nein, nichts Schlimmes. Er hört uns nur nicht mehr, und sein Geist ist schon drüben.«

Drüben, drüben, denkt die Toni, und sie starrt auf Friedls Gesicht, ob es sich verändert hat.

Friedls Gesicht ist hart geworden, eckig das Kinn. Und die Nase – er hat eine viel schmälere Nase bekommen, denkt Toni, so eine vornehm scharfe Nase. Er ist sehr schön, viel schöner als sonst, findet sie. Und sein Gesicht hat einen hochmütigen Zug, wahrscheinlich, weil sein Geist schon drüben ist, er will uns nicht mehr hören, er will – mich nicht mehr hören –

Der Herr Dozent kommt herein und entschließt sich zu bleiben, weil er einen Blick auf Friedls schönes Gesicht geworfen hat. Die drei Fremden in ihren weißen Kitteln warten am Fußende des Bettes.

Toni kauert auf dem Boden.

Sie sollte weinen, denkt der junge Doktor, sie sollte doch weinen. Tonis Gesicht erstarrt, ihre Zähne schlagen nicht mehr aneinander, sie hat die Lippen zusammengepresst, der Mund ist eine schmale Linie. Um den Mund liegt ein hochmütiger Zug, es ist derselbe hochmütige Zug wie auf dem Antlitz des Sterbenden. Wir sind jetzt allein miteinander, der Vater und ich, sagt ihr Gesicht, ihr Fremden wisst gar nichts von uns. Ihre Augen sind trocken. Und sie sollte doch weinen, denkt der junge Doktor.

Da schlägt der Sterbende die Augen auf. Weit offen sind die Augen, groß und hell. Ein Aufstrahlen, Leuchten.

Toni ist aufgesprungen. Stramm richtet sie sich auf, kerzengrad steht sie, die Arme an den Körper gepresst, zurückgeworfen den Kopf. Als wollte sie Abschied nehmen, habt acht, aufrecht.

Und der junge Doktor sieht erschrocken in ihren Augen dasselbe Leuchten wie in denen des Sterbenden.

Es ist ein langer Blick, hell wie Sonnenschein, dieser letzte Blick des Rittmeisters Huber auf Erden.

Musik dämmert auf, sie wird nah und laut. Friedl hört die Musik, und Toni hört sie mit ihm. Friedl geht zur Ruhe, er darf hinüber, und drüben muss es schön sein und gut, denn seine Augen sehen Sonne und sein Mund formt ein Lächeln.

Noch einmal atmet Rittmeister Huber. Mit ihrem ganzen Körper wartet Toni auf seinen nächsten Atemzug. Da hebt Friedl die Hand. Langsam hebt er die Hand, er weist nach vorn, er weist ins Leere. Die Hand sinkt zurück und ein Ruck geht durch den ganzen Körper.

Es gibt keinen nächsten Atemzug des Rittmeisters Huber.

»Es ist zu Ende«, sagt der Herr Dozent.

»Ja, ich weiß«, antwortet Toni, ihre Stimme klingt klar, sie steht habt acht vor dem Toten. »Ich weiß, Vater«, flüstert sie. Da verlassen die drei Fremden das Zimmer.

Langsam löst sich Tonis aufrechte Haltung. Sie streicht mit ihrer Hand scheu über des Vaters Gesicht; es ist nicht wahr, dass Tote kalt sind, Friedls Gesicht ist warm und auf seiner Stirn sind noch immer kleine Schweißperlen. So glücklich hat er noch nie gelächelt, denkt Toni. Sie legt ihre Hände auf Friedls Augenlider und drückt ihm die Augen zu.

Klein wird Friedls Gesicht, so verlassen und klein liegt es in den Kissen. Alle Furchen verschwinden aus diesem Antlitz, ganz jung ist es wieder, ausgelöscht ist aller Kummer, ausgelöscht, nun ist es gut, nun ist es sehr gut.

Plötzlich ist die dicke Schwester wieder da. »Jetzt sind Sie brav und kommen mit mir«, sagt sie. Und Toni denkt: Immerfort verlangen die Leute hier, ich soll brav sein. Ich tu doch nichts, ich möchte nur gern noch ein bisschen hier sitzen, jetzt ist Friedl so schön und glücklich, man wird selbst ganz still und glücklich, wenn man bei ihm sitzt und sein Lächeln spürt.

Aber sie steht folgsam auf und geht mit der Schwester.

»So, da bringe ich unser Kind, es ist sehr brav und folgsam«, sagt die Schwester und schiebt Toni ins gegenüberliegende Zimmer. Was will die dicke Person, ich bin doch kein Kind, denkt Toni, aber sie lächelt höflich den beiden Herren zu, die hier sitzen. Der junge Doktor trinkt eine Schale schwarzen Kaffee, der ganze Raum riecht nach Kaffee, und der Herr Dozent sitzt am Tisch und schreibt auf einem großen, weißen Bogen. Im Zimmer steht ein Ruhebett, die Schwester führt Toni zum Ruhebett und Toni setzt sich gehorsam nieder.

Bei ihrem Eintritt hat der Herr Dozent aufgesehen, nun kommt er auf Toni zu, setzt sich neben sie, streichelt ihre Wange. Toni fährt erschrocken zurück, mein Gott, wie kommt denn der Herr Dozent auf die Idee, ihre Wange zu streicheln. »Mein innigstes Beileid, Fräulein«, sagt er, und Toni ist nun vollkommen verwirrt, Friedl gibt so viel auf tadellose Manieren, wie benimmt man sich nur in so einem Fall, was sagt man darauf? Sie will dem Friedl keine Schande machen. »Ich danke Ihnen vielmals, es ist sehr aufmerksam von Ihnen«, murmelt sie. Und da ist auch schon der junge Doktor. »Es tut mir so leid«, flüstert er.

»Ja, mir auch …«, sagt sie und erschrickt, weil das Gesicht des jungen Doktors ganz verblüfft wird. Das war sicherlich schlecht ausgedrückt, denkt sie, aber ich kann doch nicht mit den fremden Leuten über das, was geschehen ist, sprechen. Man kann überhaupt nicht darüber sprechen. Nie werde ich darüber sprechen können. Sie haben auch die Musik nicht gehört und sie wissen nicht, dass Friedl noch niemals so glücklich gelächelt hat. Ihr schmaler Körper sinkt zusammen, nun ist die Toni ganz klein, ihr ist auf einmal furchtbar kalt, sie friert so, dass ihre Hände zu zittern beginnen. Und sie spürt, dass auch ihre Knie zittern, aber die zittern ja unterm Rock, hoffentlich bemerken es die drei fremden Leute nicht.

»Man sollte ihr einen Kognak geben«, sagt der Herr Dozent, der noch immer neben Toni sitzt. »Ihnen ist kalt, Fräulein, Sie sind auch sehr übernächtig.«

»Ich habe noch nie Kognak getrunken«, gesteht Toni. Der junge Doktor holt aus dem weißen Schrank eine Flasche.

»Herr Dozent, auch einen Schluck?«, fragt er höflich.

»Gern, Herr Kollege«, sagt der Herr Dozent. Der junge Doktor gießt in drei Wassergläser Kognak.

»Danke vielmals«, sagt Toni höflich. Sie hält das Glas in der Hand und betrachtet misstrauisch die braungelbe Flüssigkeit. »Ich werde einen Schwips bekommen«, sagt sie sehr freundlich.

Der junge Doktor blickt sie entsetzt an. Mein Gott, gegenüber liegt das Zimmer mit dem toten Mann. Und da sitzt das Mädchen und meint artig: Sie wird einen Schwips bekommen.

»Na dann prost«, lächelt die Toni und kommt sich sehr wohlerzogen vor. Friedl wäre mit ihr zufrieden, sie muss Friedl alles genau erzählen, sie wird ihm sagen, dass –. Da bricht der Gedanke ab. Sie macht die Augen zu. »Prosit!« Es gerät zu laut, ihre Stimme kippt um. Schnell schüttet sie den Kognak hinunter. Pfui Teufel, das brennt und ist bitter wie Medizin.

»Und jetzt werden Sie schön brav nach Hause gehen«, sagt der Herr Dozent. »Vielleicht wird Doktor Schmidt so freundlich sein und Sie zu einem Taxi begleiten, damit Sie gut nach Hause kommen. Wir könnten unterdessen von hier nach Hause telefonieren und –«

»Danke vielmals, aber es ist wirklich nicht notwendig«, sagt Toni artig und fühlt befriedigt, wie ein warmes Gefühl durch ihren Körper rinnt. Der Kognak, natürlich, die Leute wissen schon, warum sie gern Kognak trinken. »Friedl und ich sind nämlich allein«, plaudert sie weiter, »Friedl und ich wohnen –«, wieder bricht ihr Gedanke ab. Friedl und sie wohnen –

Mit einem Ruck steht sie auf. Ihr Gesicht ist ganz weiß. Mit einer bösen, trotzigen Bewegung dreht sie sich um, reißt die Tür auf und läuft aus dem Zimmer. Der junge Doktor stürzt ihr nach. »Wohin gehen Sie? Um Gottes willen, liebes Fräulein«, ruft er entsetzt. Denn der junge Doktor denkt, dass sich Toni aus dem nächsten Fenster stürzen wird. Toni wendet ihm ihr Gesicht zu, ein leeres, hoffnungsloses Gesicht.

»Ich gehe nur ins Zimmer meines Vaters, um seine seidene Decke und die schönen Lackpantoffel zu holen«, sagt sie. »Beides haben wir hergebracht, es gehört uns.«

Sie verschwindet im Zimmer 17b. Dort hantiert die dicke Schwester. Sie hat die Lampe ausgedreht und den Fenstervorhang in die Höhe gezogen. Das Fenster ist weit offen, grauer Morgen bricht in den Raum, es ist Tag geworden. Eiskalte Luft strömt herein, Toni erschrickt, man kann doch das Fenster nicht aufreißen, man muss doch Rücksicht nehmen, Rücksicht auf Friedl …

Das Gesicht des Toten schimmert blaugrau in der Dämmerung, die Nase ist spitz und fremd. Ein Tuch liegt um sein Kinn und die Wangen, es sieht wie ein Zahnwehumschlag aus. Die seidene Decke hat man auf den Stuhl geworfen. Der Körper des Toten ist mit einem Laken bedeckt, nur das eingebundene Gesicht ist zu sehen. Sonderbar flach erscheint Toni der Körper, er zeichnet sich kaum unter dem Leintuch ab.

»Warum haben Sie ihm denn das Tuch umgebunden?«, fragt Toni die Schwester.

»Man macht das immer, damit das Kinn nicht herunterfällt«, sagt die dicke Frau.

Toni will diese hässlichen Worte vergessen, das ist nicht mehr Friedl, ihrem Friedl kann doch nicht das Kinn herunter – nein, das hätte die dicke Frau nicht sagen sollen.

»Die Pantoffel und die Decke, Schwester«, sagt Toni schnell und greift nach der Decke.

»Die Decke bleibt da, sie wird desinfiziert, das ist Vorschrift«, antwortet die Frau, »wir schicken sie Ihnen schon.« Und nach kurzem Überlegen: »Die Hausschuhe können Sie gleich mitnehmen.«

»Danke schön«, sagt Toni, bückt sich, unter dem Bett stehen die schönen, schwarzen Lackpantoffel, die Friedl immer trägt, wenn er vom Schlafzimmer ins Badezimmer geht, der Fekete hat sie ihm natürlich ins Krankenhaus mitgegeben. Toni nimmt die Pantoffel, mit beiden Händen hält sie die Schuhe an die Brust gepresst. Dann tritt sie zum Bett, faltet über den Pantoffeln die Hände und betet flüsternd das Vaterunser.

Ich möchte ihm noch einen Kuss geben, wünscht sie sich und bekämpft ihre Angst. Fremdes, wachsglänzendes Gesicht mit einem Tuch um das Kinn. Der Mund lächelt noch immer. Schnell beugt sie sich über den lächelnden Mund und küsst ihn. Wie kalt – sie spürt die Kälte des starren Mundes in ihrem ganzen Körper.

Die Schwester bringt ihr den Mantel auf den Gang, Toni schlüpft hinein, holt den roten Hut aus der Tasche und stülpt ihn auf. Sie geht noch einmal ins gegenüberliegende Zimmer zum Herrn Dozenten.

»Die Dokumente werden Ihnen zugestellt«, sagt der Herr Dozent, und Toni ist viel zu erschöpft, um nachzudenken, welche Dokumente. »Der Totenschein«, erklärt die dicke Schwester. Toni gibt ihr und dem Herrn Dozenten die Hand und murmelt höfliche Dankesworte. Dann trabt sie neben dem jungen Doktor den Gang entlang. Sie sieht nicht zurück. An ihre Brust presst sie die schönen, schwarzen Pantoffel.

Auf der Alser Straße klingelt schon die Straßenbahn. Toni hat einen Wunsch.

»Muss ich im Auto nach Hause fahren, Herr Doktor?«, Sie hat nämlich nur einen Schilling fünfzig in der Tasche, das wird kaum reichen, sie hat sich noch niemals ein Auto genommen. »Muss ich? Ich möchte lieber mit der Straßenbahn fahren.«

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9783903184824
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