Читать книгу: «Die Prinzipien der Kriegspropaganda»
Anne Morelli
Die Prinzipien der Kriegspropaganda
Aus dem Französischen von
Marianne Schönbach

Die französische Originalausgabe erschien bei den Éditions Labor, Brüssel, unter dem Titel: Principes élémentaires de propagande de guerre. Utilisables en cas de guerre froide, chaude ou tiède … © der Originalausgabe 2001, Éditions Labor, Quai du Commerce 29, B-1000 Brüssel.
Die deutsche Ausgabe basiert auf einer aktualisierten Fassung der Autorin aus dem Jahre 2004.
Zweite Auflage 2014
© der deutschen Ausgabe: zu Klampen Verlag
Röse 21 · D-31832 Springe
e-mail: info@zuklampen.de
www.zuklampen.de
Satz: thielenVERLAGSBUERO, Hannover
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
Umschlag: Matthias Vogel (paramikron), Hannover
ISBN 978-3-86674-444-8
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Danke, Lord Ponsonby!
1. Wir wollen keinen Krieg
2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg
3. Der Feind hat dämonische Züge (oder: »Der Teufel vom Dienst«)
4. Wir kämpfen für eine gute Sache und nicht für eigennützige Ziele
5. Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten. Wenn uns Fehler unterlaufen, dann nur versehentlich
6. Der Feind verwendet unerlaubte Waffen
7. Unsere Verluste sind gering, die des Gegners aber enorm
8. Unsere Sache wird von Künstlern und Intellektuellen unterstützt
9. Unsere Mission ist heilig
10. Wer unsere Berichterstattung in Zweifel zieht, ist ein Verräter
Von Lord Ponsonby zu Jamie Shea
Nachweise und Anmerkungen
Danke, Lord Ponsonby!
Als ich an der Freien Universität Brüssel das Lehrgebiet »Historische Quellenkritik« übernahm, empfahl mir mein einstiger akademischer Lehrer, Professor Stengers, zwei Werke zur privaten Lektüre und auch als Basis für meine Lehrveranstaltungen. Erstens legte er mir Jean Norton Crus Studie über Augenzeugenberichte ans Herz, das viele unserer Vorstellungen über den Wahrheitsgehalt persönlicher Kriegsberichte in Frage stellt.1 Zweitens empfahl er mir das aufwühlende Buch von Arthur Ponsonby, das 1928 unter dem Titel Falsehood in Wartime in London erschienen war.2
Vorab ein paar Sätze über Arthur Ponsonby, denn immerhin verdankt das vorliegende Buch seine Entstehung dieser faszinierenden Persönlichkeit und seinen Überlegungen zur Kriegspropaganda im Ersten Weltkrieg. Baron Arthur Ponsonby (1871 – 1946) stammte aus einer der bedeutendsten Familien Großbritanniens. Da sein Vater Privatsekretär der englischen Königin Victoria war, wurde Arthur auf Schloß Windsor geboren.
Nach standesgemäßem Studium in Eton und Oxford entschied sich Ponsonby für eine diplomatische Laufbahn und zog später als Mitglied der Liberalen Partei (schon das in Anbetracht seiner Herkunft äußerst gewagt!) ins Unterhaus ein. Aus Protest gegen den Kriegsbeitritt seines Landes im Jahr 1914 wechselte er (damals für einen Aristokraten geradezu ungeheuerlich!) zur Labour Party über, die er zunächst im Unter-, dann im Oberhaus repräsentierte. In den von der Labour Party geführten Regierungen war er erst Unterstaatssekretär im Außenministerium, dann Verkehrsminister, schließlich Führer der Labouropposition im Oberhaus. Als sich die Labour Party 1940 den Kriegsbefürwortern anschloß, blieb Arthur Ponsonby seiner pazifistischen Einstellung jedoch treu und brach mit seiner Partei.
Im Oktober 1914 hatte er zusammen mit drei sehr angesehenen englischen Liberalen (Norman Angell, Edmund D. Morel und Trevelyan) und dem damaligen Führer der Labour Party, Ramsay Mac-Donald, die Union of Democratic Control gegründet, die sich als öffentlich operierende Kontrollinstanz der britischen Außenpolitik verstand. Trotz der Verfolgungen, denen ihre Mitglieder ausgesetzt waren,3 veröffentlichte die Union während des Ersten Weltkriegs und auch später Pamphlete, in denen sie die offizielle Propaganda der britischen Regierung bekämpfte. Bald dehnte sie ihre Aktivitäten auch aufs Ausland aus, vor allem durch ihre Monatszeitschrift Foreign Affairs, die den Untertitel trug A Journal of International Understanding. In Frankreich war der Union of Democratic Control die Société d’étude sur la guerre und die Union populaire pour la paix angeschlossen, die sich unter anderem für die Veröffentlichung des Buches von Georges Demartial, Comment on mobilisa les consciences,4 einsetzte.
Als eingefleischter Pazifist wußte Arthur Ponsonby5 natürlich, daß Krieg immer mit unzähligen Greueltaten, Gewaltakten und Barbarei einhergeht. In seinem Buch ging es ihm jedoch in erster Linie darum, die Lügen zu benennen und zu analysieren, die im Ersten Weltkrieg erfunden und propagiert wurden, um den jeweiligen Bevölkerungen der kriegführenden Länder Wut, Angst und Haß einzuflößen, um also die Leidenschaften der Menschen zu entfachen und dadurch – zumindest in Großbritannien, wo es keine allgemeine Wehrpflicht gab – möglichst viele Freiwillige rekrutieren zu können. So zählte er nicht nur die Lügen auf, die in Deutschland, Frankreich, Italien und in den Vereinigten Staaten verbreitet worden waren, sondern vor allem die aus seiner Heimat Großbritannien, wo Lord Northcliffe für die offizielle Propaganda zuständig war.
Auf diese Weise hat Arthur Ponsonby einige entscheidende Mechanismen der Kriegspropaganda herausgearbeitet, die sich in zehn »Geboten« zusammenfassen lassen. Im vorliegenden Buch habe ich diese zehn »Gebote« in zehn Kapiteln systematisch untersucht. Bei jedem einzelnen Prinzip der Propaganda versuche ich zu belegen, daß es nicht nur im Ersten Weltkrieg eine Rolle spielte, sondern seither immer wieder von den Konfliktparteien verwendet wurde.
Es geht mir hier nicht darum, die guten oder bösen Absichten der unterschiedlichen Kriegsparteien zu sondieren. Ich will nicht herausfinden, welche Partei Lügen und welche die Wahrheit propagiert, welche in gutem Glauben handelt und welche nicht. Mein Ziel war einzig und allein, die Prinzipien der Kriegspropaganda, die von allen Konfliktparteien in gleicher Weise verwendet werden, anschaulich zu beschreiben und ihre Mechanismen zu verdeutlichen. Die klassischen Prinzipien Ponsonbys, das sei noch gesagt, lassen sich zwar am Beispiel »heißer« Kriege am einfachsten demonstrieren. Sie werden in »kalten« oder »lauwarmen« Kriegen aber mit ebenso viel Erfolg angewendet.
1. Wir wollen keinen Krieg
In der neueren Geschichte, so hatte bereits Arthur Ponsonby festgestellt, wird von den Staatsmännern aller Länder vor der Kriegserklärung oder in der Kriegserklärung stets beteuert, gegen den Krieg zu sein. Da Krieg und seine grauenhaften Begleiterscheinungen nur selten populär sind, können Regierende gar nicht umhin, sich vorab als Friedensfürsten darzustellen.
Als die französische Regierung 1914 mobil machte, erklärte sie denn auch sofort, daß eine Mobilmachung ja noch kein Krieg sei, sondern im Gegenteil das beste Mittel zur Aufrechterhaltung des Friedens. Am 19. August 1915 beteuerte der deutsche Reichskanzler, Deutschland habe den Krieg nicht gewollt, da der Wohlstand des Landes doch seit Gründung des Kaiserreichs mit jedem weiteren Friedensjahr gewachsen sei.
Bei den Abrüstungsverhandlungen in Washington im November 1921 ließ sich Aristide Briand, der die französischen Kolonialkriege von Napoleon bis zurück zu Ludwig XIV. und auch die französischen Forderungen im Vertrag von Versailles offensichtlich vergessen hatte, zu der Behauptung hinreißen: »Nie während seiner ganzen Geschichte ist das französische Volk imperialistisch oder militaristisch gewesen, und keine andere Siegernation hätte sich mit so bescheidenen Forderungen zufriedengegeben wie wir Franzosen«.
Im Zweiten Weltkrieg war es nicht anders. Daß die Alliierten ihre Friedensliebe beteuerten, mag nicht verwundern, doch verblüffenderweise behaupteten die Achsenmächte das Gleiche von sich. In alten Wochenschauen kann man sehen, daß der japanische Admiral Tojo und der amerikanische Präsident Roosevelt nach der Kriegserklärung der USA an Japan im Dezember 1941 fast wortwörtlich dieselben Floskeln benutzten. Beide bezeichneten sich als pazifistisch und betonten, sie seien gegen den Krieg.
In den Reden Franklin D. Roosevelts taucht dieses Thema häufig auf. Am 16. Mai und am 10. Juli 1940 etwa versicherte er dem Kongreß, der die Kriegskredite für den Aufbau einer größeren und schlagkräftigeren Armee bewilligen mußte: »Nicht nur jeder amerikanische Bürger, sondern jede Regierung auf der Welt weiß, daß wir keinen Krieg wollen. Wir werden unsere Waffen nicht in einem Aggressionskrieg zum Einsatz bringen; wir werden unsere Soldaten nicht in europäische Kriege schicken. Aber wir werden jeden Angriff gegen die Vereinigten Staaten oder die westliche Welt abwehren.«6 Selbst Hitler, Göring und v. Ribbentrop kehrten 1939 ihren Friedenswillen heraus, genauso wie der französische Ministerpräsident Edouard Daladier, der allerdings wirklich mit aufrichtigem Bemühen versucht hat, den drohenden Krieg zu vermeiden. Die von der französischen Regierung zugänglich gemachten diplomatischen Akten7 aus der Zeit unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs dokumentieren jedoch zahlreiche einander widersprechende Beispiele dieses »Friedenswillens«.
Schon im deutsch-österreichischen Freundschaftsvertrag von 1936 erklärten die Regierungen des Reichs und des Bundesstaates Österreich, ihre Beziehungen verändern zu wollen, aus ihrer Überzeugung heraus, damit einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Friedensentwicklung in Europa zu leisten. Als sich die Krise zuspitzte, die dann zur Zerschlagung der Tschechoslowakei führte, erklärte Hitler am 26. September 1938 in der Rede im Berliner Sportpalast, er habe dem britischen Premierminister Chamberlain versichert, »daß das deutsche Volk nichts anderes will als Frieden. Allein, ich habe ihm auch erklärt, daß ich nicht hinter die Grenzen unserer Geduld zurückgehen kann«.
In derselben Rede – ein Jahr vor dem deutschen Einmarsch in Polen – zitierte Hitler das deutsch-polnische Abkommen als Modell: »Wir alle sind überzeugt, daß dieses Abkommen eine dauernde Befriedung mit sich bringen wird. Wir sehen ein, daß hier zwei Völker sind, die nebeneinander leben müssen und von denen keines das andere beseitigen kann. […] Das Entscheidende ist, daß die beiden Staatsführungen und alle vernünftigen und einsichtigen Menschen in beiden Völkern und Ländern den festen Willen haben, das Verhältnis immer mehr zu bessern«.
Dieser »Friedenswille« ist tatsächlich eines der Leitmotive in den Erklärungen des »Führers«. Gegenüber dem französischen Botschafter in Berlin erklärte er zum Thema deutschfranzösische Beziehungen: »Ich möchte, daß diese Beziehungen friedlich und gut sind und ich sehe keinen Grund, weshalb sie es nicht sein sollten. Es gibt keinen Grund zum Konflikt zwischen Deutschland und Frankreich.«8 Das von Hitler und dem tschechischen Staatspräsidenten Dr. Hach am 15. März 1939 unterzeichnete Abkommen, das der Existenz der Tschechoslowakei ein Ende bereiten sollte, beginnt mit dem Ausdruck der »Überzeugung, daß das Ziel aller Bemühungen die Sicherung von Ruhe, Ordnung und Frieden in diesem Teil Mitteleuropas sein müsse.«9
Außenminister v. Ribbentrop erklärte gegenüber dem slowakischen Regierungschef Tiso unter Anspielung auf die deutsch-polnischen Beziehungen: »Der Führer will keinen Krieg. Er wird sich nur mit größtem Widerwillen dazu entschließen.«10Und als Göring Anfang August 1939 vor den Arbeitern der Rheinmetall-Werke sprach, betonte auch er, daß das Reich keinen Krieg wolle, daß es gelassen und voller Vertrauen in den »Führer« dem von diesem ersehnten Frieden entgegensehe, daß es sich jedoch wehren würde, wenn man ihm diesen Frieden verweigere oder wenn jemand die Dummheit begehen sollte, ganz Europa in einen Krieg zu ziehen.11
Hitler beteuerte in einem Brief vom 27. August 1939 an den französischen Ministerpräsidenten Edouard Daladier erneut seinen Friedenswillen. Seine Worte könnten einen zu Tränen rühren, wenn man nicht wüßte, welche tatsächlichen Absichten und Pläne sich dahinter verbargen, Pläne, die schon lange fertig in der Schublade warteten: »Als alter Frontsoldat kenne ich wie Sie die Schrecken des Krieges. Aus dieser Gesinnung und Erkenntnis heraus habe ich mich auch ehrlich bemüht, alle Konfliktstoffe zwischen unseren beiden Völkern zu beseitigen.« Und er versicherte, daß es ihm mit seinem Verzicht auf Elsaß-Lothringen vollkommen ernst sei: »Durch diesen Verzicht und durch diese Haltung glaubte ich jeden denkbaren Konfliktstoff zwischen unseren beiden Völkern ausgeschaltet zu haben, der zu einer Wiederholung der Tragik von 1914 – 1918 würde führen können […]. Wir haben auf Elsaß-Lothringen verzichtet, um ein neues Blutvergießen zu vermeiden.«
Gleichzeitig wandte sich Hitler mit einem Schreiben an die britische Regierung, um auch sie von seinen pazifistischen Absichten zu überzeugen. Wieder brachte er »den Wunsch der Reichsregierung nach einer aufrichtigen deutsch-englischen Verständigung, Zusammenarbeit und Freundschaft« zum Ausdruck. Und als er am 1. September 1939 den Reichstag einberief, um ihn über den Einmarsch in Polen zu unterrichten, unterstrich Hitler auch diesmal seine friedlichen Absichten und seine Bemühungen um Erhaltung des Friedens: »Wie immer, so habe ich auch hier versucht, auf dem Wege friedlicher Revisionsvorschläge eine Änderung des unerträglichen Zustandes herbeizuführen. Es ist eine Lüge, wenn in der Welt behauptet wird, daß wir alle unsere Revisionen nur unter Druck durchzusetzen versuchten. […] In jedem einzelnen Fall habe ich dann von mir aus nicht einmal, sondern oftmals Vorschläge zur Revision unerträglicher Zustände gemacht […]. Sie kennen die […] endlosen Versuche, die ich zu einer friedlichen Verständigung über das Problem Österreich unternahm und später über das Problem Sudetenland, Böhmen und Mähren […]. Ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, daß im Verhältnis Deutschlands zu Polen eine Wendung eintritt, die ein friedliches Zusammenleben sicherstellt.«
Ganz ähnliche Worte waren – was uns weit weniger überrascht – aus dem Lager der Alliierten zu hören. Bei einem Gespräch am 15. August 1939, kurz vor Ausbruch der »drôle de guerre«, des zunächst ruhenden Krieges zwischen Deutschland und Frankreich, kennzeichnete der französische Botschafter in Berlin gegenüber dem deutschen Staatssekretär im Außenministerium sein Volk als »arbeitsam, ruhig und friedliebend, das aber für die Verteidigung seiner Ehre und seiner Position in der Welt zu allen Opfern bereit ist.« Als Edouard Daladier am 2. September 1939 das französische Parlament über den Ausbruch des Krieges unterrichtete, griff auch er dieses Thema auf: »Nie wären wir Franzosen bereit, in das Territorium eines fremden Landes einzumarschieren.« Eine koloniale Vergangenheit Frankreichs schien es nicht zu geben. Und auch sein »Appell an die Nation« vom 3. September 1939 kreiste um die Betonung seines Friedenswillens: »Ich kann guten Gewissens behaupten, rastlos, bis zur letzten Minute, gegen den Krieg angekämpft zu haben.«12
Wenn alle Staats- und Regierungschefs vom gleichen Friedenswillen beseelt sind, stellt sich natürlich die Frage, warum dennoch immer wieder Kriege ausbrechen! Das zweite Prinzip der Kriegspropaganda begegnet diesem Einwand jedoch sofort: Wir sind zum Krieg gezwungen worden, der Angriff ging vom gegnerischen Lager aus, wir sind gezwungen zu reagieren, aus Notwehr beziehungsweise um unseren internationalen Verpflichtungen nachzukommen.
2. Das feindliche Lager trägt die alleinige Schuld am Krieg
Arthur Ponsonby hatte dieses Paradox bereits am Beispiel des Ersten Weltkriegs aufgedeckt, und wahrscheinlich ließe es sich auch auf Kriege davor beziehen: Stets versichert jede Kriegspartei, sie sei zur Kriegserklärung gezwungen gewesen, um den Gegner daran zu hindern, die Welt in Brand zu stecken. Alle Regierungen betonen immer wieder lauthals, daß manchmal Krieg geführt werden müsse, um dem Krieg ein für allemal ein Ende zu bereiten. Dieses sei nun der letzte Krieg, weil mit ihm sämtliche Konfliktursachen beseitigt würden.
Obwohl sich Paris 1914 klar darüber war, daß die gleichzeitige Mobilmachung Russlands und Frankreichs unweigerlich die Kriegserklärung Deutschlands nach sich ziehen würde, rief Frankreich die allgemeine Mobilmachung aus und wartete auf die dann auch prompt folgende Antwort Deutschlands. Kaum hatte Deutschland den Krieg erklärt, beschworen aber sowohl der französische Staatspräsident als auch der Premierminister in seiner Rede vom 4. August 1914, daß Frankreich völlig überraschend durch die »plötzliche, abscheuliche, heimtückische, beispiellose« Aggression Deutschlands in den Krieg hineingezogen worden sei. Kein Wort natürlich über die geheimen Absprachen Frankreichs mit Russland. Um der Bevölkerung weismachen zu können, daß allein den Deutschen die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zukomme, wurden aus dem sogenannten »Gelben Buch«, einer Sammlung französischer diplomatischer Schriftstücke, einige Dokumente entfernt, andere bewußt verändert, so daß von den französisch-russischen Vereinbarungen und der russischen Mobilmachung nichts an die Öffentlichkeit dringen konnte.
Der französische Historiker Ernest Lavisse behauptete am 5. November 1914 in seiner Rede zu Semesterbeginn an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Paris: »Es hätte keinen Krieg gegeben, wenn Deutschland ihn nicht gewollt hätte; allein [Hervorhebung der Autorin] Deutschland hat den Krieg gewollt«. In dasselbe Horn blies Le Matin vom 1. August 1914: »Wir hätten alles getan, was man nur tun kann, um den Krieg zu verhindern. Aber wenn er ausbricht, werden wir ihn mit größten Erwartungen begrüßen.« Und in Le Temps vom 2. August 1914 war zu lesen: »Da uns dieser Krieg aufgezwungen wurde [Hervorhebung der Autorin], werden wir ihn mit aller Leidenschaft führen.«
Allgemein gilt, daß immer der Nachbar als Aggressor hingestellt wird, obwohl im Moment des Kriegsausbruchs meist gar nicht genau zu ermitteln ist, wer wirklich der Aggressor ist. Tatsächlich jedoch werden Kriege, wie Luigi Sturzo feststellte, fast immer von der Partei ausgelöst, die aufgrund ihrer überlegenen Waffen oder Offensivkraft davon ausgeht, ihn rasch und sicher gewinnen zu können.13
Darüber hinaus wird dem Feind, dem »anderen«, stets mangelnder Respekt gegenüber Verträgen unterstellt. So behaupteten die Franzosen, daß die Deutschen 1914 die Abmachung von 1839 verletzt hätten, in der die Neutralität Belgiens festgeschrieben war. Aus französischer Sicht waren Verträge für die Deutschen immer nur ein »Fetzen Papier«. Nun besteht jedoch immer nur die Seite auf der strikten Einhaltung von Verträgen, die sie zum eigenen Vorteil brauchen kann, und gelten Verträge immer nur als ein »Fetzen Papier« für die Partei, die sie am liebsten zerreißen würde. Zwar hatten die Deutschen 1914 in der Tat die Neutralität Belgiens verletzt, aber schon 1911 hatte der französische General Michel in einem Bericht seinen Kriegsminister geraten, »einen Großteil unserer Truppen für eine mächtige Offensive in Belgien einzusetzen.«14
Auch die Engländer rechneten schon seit 1911 damit, daß sie im Fall eines Krieges mit Deutschland als Präventivmaßnahme ihre Truppen nach Flandern schicken würden.15 Eine Vereinbarung mit dem belgischen Generalstab lautete entsprechend.
In Paris und London war man beinahe erleichtert, als Deutschland seine Truppen im August 1914 durch Belgien marschieren ließ. Damit konnten sich die französische und englische Regierung gegenüber ihren Völkern leicht für den Kriegsbeitritt rechtfertigen. Schließlich hatte Deutschland diesen Krieg provoziert.
Auch die Vereinigten Staaten begründeten ihren Kriegseintritt am 2. April 1917 mit der notwendigen »Bestrafung der illegalen Aggressionen [Hervorhebung der Autorin] Deutschlands gegen Bürger und Güter Amerikas, die aufgrund der Neutralität des Landes nicht mehr wirksam geschützt werden konnten.«16 Jedes Lager präsentierte seinen Kriegseintritt als Antwort auf eine Aggression.
Der Versailler Vertrag, der Deutschland 1919 nach seiner Kapitulation auferlegt wurde, führt in Artikel 231 sogar explizit aus, daß Deutschland die alleinige Kriegsschuld übernimmt. Deutschland und seine Verbündeten seien »verantwortlich dafür, sämtliche Verluste und Schäden verursacht zu haben, welche die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Bürger infolge des ihnen durch die Aggression Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungenen Krieges erlitten haben [Hervorhebung der Autorin].«17
Einige Zeit nach dem Krieg wurden jedoch auch bei den Alliierten Stimmen laut, die einräumten, daß es nicht nur einen Verantwortlichen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs gab. So äußerte etwa Henri Poincaré 1925: »Ich behaupte nicht, daß Deutschland und Österreich primär die bewußte und lange gereifte Absicht hatten, einen allgemeinen Krieg auszulösen. Es gibt kein Dokument, das zur Annahme berechtigen würde, daß sie damals irgendeinen systematischen Plan verfolgt hätten.« Und Francesco Nitti, der ehemalige italienische Ministerpräsident, gab nach dem Krieg zu, daß die Alleinschuld des Feindes ein Kriegsmythos war: »Ich kann nicht sagen, daß Deutschland und seine Verbündeten die einzig Schuldigen am Krieg waren, der ganz Europa verwüstet hat […]. Wir alle haben das während des Krieges behauptet, als Waffe, wie man sie in jeder Epoche zu Kriegszeiten verwendet hat; jetzt aber, wo der Krieg beendet ist, läßt es sich nicht mehr als ernsthaftes Argument ins Feld führen […]. Wenn es einst möglich sein wird, die Dokumente der Kriegsdiplomatie sorgfältig zu analysieren und wenn die zeitliche Distanz zu den Geschehnissen uns erlauben wird, sie in Ruhe zu beurteilen, wird man erkennen, daß die Haltung Russlands die wirkliche und eigentliche Ursache des weltweiten Konflikts gewesen war.«
Man sollte meinen, daß dieses Propagandaprinzip 25 Jahre später keine Wirkung mehr auf eine Generation ausüben kann, die von einem weiteren »allerletzten« Krieg kalt erwischt wird. Dennoch wurde es vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von beiden Lagern wieder bemüht.
Die Version des alliierten Lagers lautete dabei wie folgt: Die Schicksale des unglücklichen Österreich, das gegen seinen Willen von Deutschland annektiert worden war, der friedliebenden Tschechoslowakei, die man in Stücke zerteilt hatte, des demokratischen Polen, dem man seinen Zugang zum Meer entreißen wollte, stellten Provokationen der Achsenmächte dar, die Frankreich und England dazu zwangen, Deutschland den Krieg zu erklären, um die eigene beschämende Kompromißbereitschaft nicht zu wiederholen, die unter anderem das Sudetenland der deutschen Gefräßigkeit ausgeliefert hatte. Aus diesem englisch-französischen Blickwinkel war die den Tschechen aufgezwungene Abtretung von Bevölkerungen und Gebieten nur durch die Furcht der Alliierten vor dem Reich und die unentschuldbare Schwäche der Politiker zu erklären, von denen die demokratischen Staaten repräsentiert wurden.
Frankreich hatte sich aus der Perspektive der alliierten Sieger daher nur widerstrebend für den Krieg entschieden, weil es ein unauflösbares Band mit der Tschechoslowakei hatte, an deren Gründung es beteiligt gewesen war. Die französische Regierung konnte ihr Wort nicht brechen, das sie damals mit ihrer Unterschrift und den daraus erwachsenden heiligen Verpflichtungen gegeben hatte.
In Wirklichkeit aber war etwa Frankreich in Hinblick auf den letztgenannten Punkt durch keine Unterschrift und keinen Vertrag gezwungen, im Falle eines deutschen Angriffs auf die Tschechoslowakei den Tschechen automatisch beizustehen. Natürlich stand es Frankreich frei, aus eigenem Antrieb so zu handeln, doch weder der Beistandspakt, der zwischen beiden Ländern 1924 unterzeichnet worden war, noch der Vertrag von Locarno von 1925 verpflichtete das Land dazu. Im Beistandspakt von 1924 verpflichteten sich beide Länder, sich in außenpolitischen Fragen abzustimmen (Art. 1) und im Fall von Bedrohung Maßnahmen zur Wahrung gemeinsamer Interessen zu vereinbaren (Art. 2), von Verpflichtungen Frankreichs gegenüber der Tschechoslowakei war also keine Rede.
Im Vertrag von Locarno hatten Frankreich und die Tschechoslowakei zwar gegenseitigen militärischen Beistand im Fall einer deutschen Aggression vereinbart, aber im letzten Artikel hieß es, daß der französisch-tschechische Beistandspakt in dem Moment hinfällig sei, in dem der allgemeine Vertrag von Locarno außer Kraft gesetzt würde.18 Nun war aber der Vertrag von Locarno 1938 von seinen verschiedenen Unterzeichnern schon lange aufgekündigt worden und damit Geschichte, der französisch-tschechische Beistandspakt war also automatisch hinfällig geworden. Die französische Regierung hütete sich jedoch, dies der Bevölkerung klar zu machen, denn nur so konnte sie plausibel versichern, daß Frankreich zum Krieg gezwungen war, zu einem Krieg, der natürlich als rein defensiv beschrieben wurde.
In seiner Parlamentserklärung vom 2. September 1939 versicherte Daladier (und kehrte dabei erneut die koloniale Vergangenheit seines Landes unter den Tisch): »Das Heldentum der Franzosen beruht auf Verteidigung und nicht auf Eroberung. Wenn Frankreich sich erhebt, dann nur aus dem Bewußtsein heraus, daß es bedroht ist.« Und in seinem »Appell an die Nation«, in dem er die französische Verantwortung für die auch durch den Versailler Vertrag hervorgerufene Situation schlichtweg überging, versicherte er am 3. September 1939: »Deutschland hat sich geweigert, allen Menschen guten Willens zu antworten, die ihre Stimme in letzter Zeit für die Wahrung des Weltfriedens erhoben hatten […]. Wir führen den Krieg, weil man ihn uns aufgezwungen hat.« Wiederum trägt das andere Lager die alleinige Schuld am Krieg.
Schaut man sich jedoch die Dokumente der damaligen Zeit noch einmal näher an, so wird verständlich, weshalb es umgekehrt so einfach war, vor der deutschen öffentlichen Meinung, genau wie später gegenüber der öffentlichen Meinung in Japan, behaupten zu können, das Lager der Alliierten habe den Krieg gewollt und bewußt herbeigeführt. Aus deutscher Sicht zum Beispiel, und bei weitem nicht nur aus Sicht der Nazis, waren die Verträge von Versailles, von Saint-Germain und von Trianon unerträgliche Diktate, Konsequenz eines zweifelhaften Sieges. Sie hatten zum Ziel, die Macht des deutschen Reiches und Österreichs zu schmälern und zum Zusammenbruch ihres jeweiligen Kaiserreichs zu führen. Diese Verträge wurden als Demütigungen empfunden, stürzten die besiegten Länder in tiefstes materielles Elend und schnitten einen beträchtlichen Teil der deutschen Minderheiten im Ausland von der Heimat ab. Die Revision dieser Verträge konnte daher als Wiedergutmachung eines Unrechts dargestellt werden, das zu beseitigen sich Engländer und Franzosen weigerten.
Der Anschluß von Österreich an Deutschland am 11. März 1938 war aus dieser Perspektive also keineswegs ein Gewaltakt, abgesehen davon, daß der weitaus größte Teil der Österreicher ihn begrüßte. Die Tschechoslowakei wiederum war aus deutscher Sicht nichts anderes als eine künstliche Kreation der Engländer und Franzosen, durch die katholische Slawen und entkonfessionalisierte19 Tschechen mit einer starken deutschen Minderheit, außerdem mit Ungarn, Ruthenen, Rumänen und Polen zusammengefügt wurden, vorrangig mit dem Ziel, Deutschland zu schwächen.
Die Tschechoslowakei verhielt sich übrigens zwischen den Kriegen gegenüber Minderheiten keineswegs wie das Vorbild an Toleranz und Demokratie, als das die alliierte Propaganda dieses Land darstellte, genausowenig wie Polen, das zwar mit Frankreich und England verbündet war, aber immer von autoritären Regimen beherrscht wurde (Marschall Pilsudski, Oberst Beck …) und schließlich – aber das war natürlich nicht Bestandteil der gegen Deutschland gerichteten alliierten Propaganda – ganz offen antisemitisch war.
In den verschiedenen Krisen, die den Zweiten Weltkrieg vorbereiteten, beteuerte Deutschland stets, nur auf die Aggressionen und Drohungen der Engländer und Franzosen oder ihrer Verbündeten zu reagieren. So behauptete die deutsche Propaganda in der tschechischen Frage ganz forsch, Deutschland habe nur auf die Mobilmachung reagiert, die von Präsident Benes Mitte Mai 1938 angeordnet worden war, und 1939 argumentierte sie, der Einmarsch in Polen sei lediglich die Antwort auf die polnischen Provokationen.
In einem Brief ans Foreign Office20 kurz vor dem Einmarsch in Polen klagte Hitler über »himmelschreiende, barbarische Mißhandlungen und sonstige Verfolgungen der großen deutschen Volksgruppe in Polen, die bis zur Tötung vieler dort lebender Deutscher oder zur Verschleppung unter grausamsten Begleitumständen führten. Diese Zustände sind für eine Großmacht unerträglich. Sie haben Deutschland gezwungen [Hervorhebung der Autorin], nach monatelangem Zusehen nunmehr ebenfalls die notwendigen Schritte zur Wahrung der berechtigten [Hervorhebung der Autorin] deutschen Interessen zu ergreifen.« Klagen, die einen seltenen Zynismus offenbaren, wenn man sich Hitlers unzählige Vorhaben in Bezug auf die slawischen Völker vor Augen hält! Die »Geduld der Deutschen« gegenüber diesen Provokationen hatte im September 1939 angeblich ihre Toleranzschwelle erreicht!
Der deutsche Außenminister v. Ribbentrop griff dieses Thema bei einem Gespräch am 1. September 1939 mit dem französischen Botschafter in Berlin wieder auf und behauptete, von einer deutschen Aggression zu sprechen sei abwegig, da Polen selbst Deutschland seit Monaten provoziert habe. Es habe Danzig wirtschaftlich ausgelaugt, die deutsche Minderheit in Polen mißhandelt und unaufhörlich Grenzverletzungen begangen. Mit größter Geduld habe der Führer diese Provokationen ertragen, in der Hoffnung, Polen würde doch noch zur Vernunft kommen. Doch das Gegenteil sei eingetreten. Polen, das seit Monaten mobil mache, habe am Abend zuvor die allgemeine Mobilmachung beschlossen. Die Polen hätten auf deutschem Territorium drei Angriffe verübt. Angesichts dieser Geschehnisse sei die Version einer deutschen Aggression geradezu absurd.
In seiner Rede vor dem Reichstag rechtfertigte Hitler die Invasion Polens mit denselben Argumenten als legitimen Gegenschlag: »Danzig war und ist eine deutsche Stadt! Der Korridor war und ist deutsch! Alle diese Gebiete verdanken ihre kulturelle Erschließung ausschließlich dem deutschen Volk […]. Danzig wurde von uns getrennt! Der Korridor von Polen annektiert! Die dort lebenden deutschen Minderheiten in der qualvollsten Weise misshandelt. Über eine Million Menschen deutschen Blutes mußten […] ihre Heimat verlassen.« Erneut behauptete er, Polen habe seine Vorschläge mit Mobilmachungen beantwortet, »mit verstärktem Terror. […] Ich habe mich daher nun entschlossen, mit Polen in der gleichen Sprache zu reden, die Polen seit Monaten uns gegenüber anwendet«. Hitler wies also Polen die alleinige Kriegsschuld zu.
Am 1. September 1939 rechtfertigte v. Ribbentrop den Einmarsch der deutschen Truppen in Polen und beteuerte, die polnischen Truppen hätten zuvor Angriffe auf deutsches Territorium verübt, Polen habe Deutschland provoziert und er habe vergeblich auf einen polnischen Unterhändler gewartet. Erneut versicherte v. Ribbentrop, der Führer wolle keinen Krieg und würde sich nur widerstrebend dazu entschließen. Die Entscheidung für Krieg oder Frieden hänge jedoch nicht vom »Führer« ab, sondern von Polen. Bei gewissen Fragen, die von lebenswichtigem Interesse für das Reich seien, müsse Polen nachgeben und Forderungen erfüllen, die für Deutschland unverzichtbar seien. Bei einer Weigerung Polens würde die Verantwortung für einen Konflikt bei Polen liegen und nicht bei Deutschland.21
Am 3. September 1939 erklärten Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg. Was die deutsche Sicht der Dinge – daß nämlich diese beiden Mächte den Krieg begonnen hätten – bestätigte. Deutschland habe ja nur reagiert, zunächst auf die polnischen Übergriffe, dann auf die französisch-britische Kriegserklärung. Ein weiteres Argument, das von Deutschland 1939 und 1940 zur Rechtfertigung des Krieges vorgebracht wurde, war die Behauptung, die Engländer und Franzosen sowie ihre Verbündeten würden das III. Reich umzingeln und es zum Krieg zwingen, um diese Umzingelung aufzubrechen. Damit war der Krieg aus deutscher Sicht ein Präventiv- und Verteidigungskrieg. Ein Thema, das übrigens in den Wochenschauen vom Mai 1940 immer wieder auftauchte: Mit Hilfe von Karten wurde die Verantwortung für diese »Umzingelung« den Mächten zugesprochen, die sich nach dem Versailler Vertrag jeder friedlichen Revision dieser feindseligen Vereinbarungen widersetzt hatten.
Auch die Vereinigten Staaten rechtfertigten ihren Eintritt in den Zweiten Weltkrieg mit dem Argument einer »Umzingelung« des Landes durch die Achsenmächte, welche die USA einem Zustand permanenter Gefahr aussetze. Als es zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und den USA kam, gab Hitler selbstverständlich Roosevelt die Schuld, in dem er eine Marionette der internationalen Finanzwelt und der Juden sah.
Nach Ansicht Hitlers habe der amerikanische Präsident sein Land nur deshalb in den Krieg gezogen, um die Bevölkerung von der mißratenen Innenpolitik und dem Scheitern des New Deal abzulenken. Außerdem habe sich Roosevelt »seit Kriegsbeginn in steigendem Maße völkerrechtswidrige Verbrechen zuschulden kommen lassen. […] Dadurch ist das aufrichtige und von beispielloser Langmut zeugende Bestreben Deutschlands und Italiens, trotz der seit Jahren erfolgten unerträglichen Provokationen durch den Präsidenten Roosevelt eine Erweiterung des Krieges zu verhüten und die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten, zum Scheitern gebracht worden. Deutschland und Italien haben demgegenüber sich nunmehr endlich gezwungen [Hervorhebung der Autorin] gesehen, getreu den Bestimmungen des Dreimächtepaktes vom 27. September 1940 Seite an Seite mit Japan den Kampf zur Verteidigung und damit die Erhaltung der Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Völker und Reiche gegen die Vereinigten Staaten von Amerika und England gemeinsam zu führen.«22
Die Note mit Hitlers Kriegserklärung an die USA, die der Beauftragte des deutschen Außenministeriums dem amerikanischen State Department übergab, schob den USA die volle Verantwortung für die Konfliktsituation zu. Die Vereinigten Staaten hätten mehrfach ihre neutrale Haltung aufgegeben, seit am 3. September 1939 Großbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg erklärt hatten, ja sogar Befehl gegeben, auf sichtbare deutsche U-Boote zu schießen und deutsche Handelsschiffe zu kapern: »Obwohl sich Deutschland seinerseits gegenüber den Vereinigten Staaten von Amerika während des ganzen gegenwärtigen Krieges streng an die Regeln des Völkerrechts gehalten hat, ist die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika von anfänglichen Neutralitätsbrüchen endlich zu offenen Kriegshandlungen gegen Deutschland übergegangen. Sie hat damit praktisch den Kriegszustand geschaffen. Die Reichsregierung hebt deshalb die diplomatischen Beziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika auf und erklärt, daß sich unter diesen durch den Präsidenten Roosevelt veranlaßten [Hervorhebung der Autorin] Umständen auch Deutschland von heute ab [als] im Kriegszustand mit den Vereinigten Staaten von Amerika befindlich betrachtet.«
Die verbissensten Kriegshetzer gaben sich demnach den Anschein von Unschuldslämmern und wälzten die gesamte Verantwortung für den Krieg auf den Feind ab. Meistens gelang es ihnen auch, der Bevölkerung ihres jeweiligen Landes (und sich selbst womöglich nicht weniger) glaubhaft einzureden, daß sie aus Notwehr zum Handeln gezwungen seien.
Dabei möchte ich nocheinmal betonen, daß es mir keineswegs darum geht, Angreifer und Angegriffene auf eine Ebene zu stellen. Ich möchte nur zeigen, daß in den Lagern der verschiedenen Kriegsparteien stets dieselbe Sprache gesprochen wird. Im Moment des eigentlichen Kriegsausbruchs ist es meist unmöglich festzustellen, welche Seite die Kriegshandlungen tatsächlich ausgelöst hat, denn zu diesem Zeitpunkt stehen weder alle zur Beurteilung wichtigen Quellen noch die Archive der gegnerischen Partei zur Verfügung.
Das zweite Prinzip der Kriegspropaganda wurde nach dem Zweiten Weltkrieg natürlich noch etliche Male benutzt. Hier einige Beispiele:
Das Bild von der feindlichen »Schlange«, die »unser unglückliches Land umzingelt«, wurde während des Kalten Krieges von der amerikanischen Propaganda häufig verwendet. Zur Illustration eigens entworfene Karten sollten den amerikanischen Bürgern »beweisen«, daß die USA von kommunistischen Feinden eingekreist waren. Somit rechtfertigten diese Karten die Schaffung eines Kriegszustandes, der, natürlich, rein »defensiv« war. Auf der anderen Seite gelang es auch der UdSSR, sich als von den USA und ihren militärischen Verbündeten umzingelt darzustellen.23
Kürzlich schlug ein französischer Abgeordneter im Auftrag der parlamentarischen Verteidigungskommission vor, daß Frankreich sich aus Verteidigungsgründen ernsthafter mit der Erforschung bakteriologischer und chemischer Kriegsführung beschäftigen solle, um gewappnet zu sein gegen den Bioterrorismus, den Saddam Hussein, Nordkorea, Lybien oder der Iran mit Einverständnis Rußlands auslösen könnte [Hervorhebungen der Autorin]. Natürlich erwähnte er mit keinem Wort, daß der Westen auf diesem Gebiet schon lange aktiv ist, er behauptete sogar, die Länder des Westens seien im Gegenteil »bemüht, jegliche Aktivität auf diesem Gebiet inklusive Forschungsprojekte zu beenden.«24
Im Krieg der NATO gegen Jugoslawien im Jahre 1999 wurde in der Propaganda der europäischen Regierungen ebenfalls immer wieder das Argument herangezogen, Europa sei verpflichtet, sich diesem Krieg anzuschließen. Das Argument der Pflicht zum Mitmachen war deshalb so wichtig, weil sich die Regierungen der Unterstützung durch die öffentliche Meinung in ihren Ländern nicht sicher sein konnten, denn kein europäisches Parlament war im Vorfeld zu Rate gezogen worden, obwohl das die Verfassung mehrerer Staaten vorschreibt. Als etwa Christian Lambert, der Kabinettschef des belgischen Verteidigungsministers, von Studenten gefragt wurde, warum Belgien sich an den Bombardierungen gegen Jugoslawien beteilige, gab er die Auskunft, Belgien sei durch seine Mitgliedschaft in der NATO dazu verpflichtet.25 Eine in diesem Moment geradezu klassische Reaktion, die aber nicht der Realität entsprach.
Die europäischen Länder wären zwar beim Angriff auf einen NATO-Staat tatsächlich zum Eingreifen verpflichtet, doch das war beim Krieg gegen Jugoslawien keineswegs der Fall. Eine serbische Aggression gegen einen NATO-Mitgliedstaat hatte nicht stattgefunden. Die Militäraktion der NATO gegen einen souveränen Staat war weder durch ein UNO-Mandat legitimiert, noch war die Zustimmung der Parlamente der an der Militäroperation beteiligten Länder eingeholt worden.26
Gerade bei diesem Krieg wurde das Prinizp des »anderen, der angefangen hat« durch die westliche Propaganda in breitem Umfang verwendet, und zwar in einer besonderen Form, die bereits Arthur Ponsonby aufgefallen war: Weil der Feind unsere Stärke verachtet und unterschätzt, können wir uns nicht länger abwartend verhalten, sondern sind gezwungen, ihm unsere Macht zu demonstrieren.
Dieses Argument war vorher schon mit aller Deutlichkeit gegen Saddam Hussein ins Feld geführt worden: 1990 hatte dieser die internationale Gemeinschaft herausgefordert (das Wort verlangt natürlich nach einer Analyse!) indem er in Kuweit einmarschierte (oder, je nach Sichtweise, Kuweit dem Irak zurückgab!). Als die französische Tageszeitung Le Soir am 2. August 2000 an den zehnten Jahrestag dieses Ereignisses erinnerte, das Anfang 1991 den ersten Golfkrieg ausgelöst hatte, war auf der Titelseite zu lesen: »Am 2. August 1990 forderte Saddam in Kuweit die Welt heraus«.
Auf die gleiche Art behauptete die westliche Propaganda 1999, Jugoslawien habe die NATO herausgefordert und sie dazu gezwungen, mit militärischer Gewalt zu reagieren. Am 18. Januar 1999 schrieb Le Soir: »Jugoslawien hat die NATO mit unglaublichem Zynismus herausgefordert: Wird die weltweit größte Armee ihre abwartende Haltung noch lange rechtfertigen können?« Und Le Monde titelte am 6. und 7. August 2000: »Die neuen Provokationen [Hervorhebung der Autorin] des Slobodan Milosevic«.
Die NATO behauptete damals, auf eine serbische Kampagne »ethnischer Säuberungen« gegen Kosovo-Albaner reagieren zu müssen. Rückblickend jedoch bestätigen internationale OSZE-Gutachten interne Dokumente der deutschen Bundesregierung: Als die NATO am 24. März Jugoslawien zu bombardieren begann, regaierte Belgrad mit einer systematischen Kampagne von Gewalt gegen die albanische Mehrheit im Kosovo. Vor diesem 24. März hatten sporadisch Ausschreitungen der Polizei gegen die Albaner im Kosovo stattgefunden, bei denen man jedoch keineswegs von »ethnischen Säuberungen« sprechen konnte.27 Um jedoch die Bevölkerungen im Westen von der Rechtmäßigkeit des militärischen Vorgehens gegen Jugoslawien zu überzeugen, brauchte man das Argument eines Gegenschlags.
Dem Feind also, festgemacht in der Person des feindlichen Staatsführers, sollte die gesamte Kriegsschuld angelastet werden.
Schuld am Krieg ist Saddam Hussein, »der verbrecherische Diktator […] der das Scheitern der Verhandlungen in Djeddah selbst herbeigeführt hat, […] indem er internationales Recht gebrochen und provoziert hat.«28 Schuld am Krieg ist Slobodan Milosevic, der überdies in seiner Kompromißlosigkeit die westlichen Friedensvorschläge in Rambouillet abgelehnt hat.29 Le Vif-L’Express titelte am 7. Mai 1999: »Dem Diktator von Belgrad kommt eine erdrückende Verantwortung zu für das Elend des serbischen und albanischen Volkes«.
Auch auf die jüngsten Konflikte nach dem 11. September 2001 läßt sich dieses Propagandaprinzip anwenden. Diese Kriege waren ebenfalls auf beiden Seiten von Kampagnen begleitet, in denen betont wurde, daß die jeweils andere Seite den Krieg bewußt herbeigeführt habe. So versicherte zum Beispiel Colin Powell während des zweiten Irakkrieges: »Wir Amerikaner sind nicht kriegslüstern. Einen Krieg zu führen, widerstrebt uns zutiefst.«30 Und Tony Blair argumentierte: »Wir haben diesen Krieg nicht gewollt. Doch durch seine Weigerung, die Produktion seiner Massenvernichtungswaffen aufzugeben, läßt uns Saddam keine andere Wahl als zu handeln.«31
Wenn ein Angriff wie eine »Antwort« aussehen soll, muß der Feind uns »provoziert« haben. Schon ein banaler Vorwand oder ein Ereignis ohne wirklichen Bezug zum Konflikt kann als Anlaß zur Kriegserklärung fungieren. Eine Woche vor der Bombardierung Afghanistans titelte Le Soir: »Die Taliban und Bin Laden fordern die Vereinigten Staaten heraus«32, was unweigerlich den Gedanken an »Erwiderung« aufkommen läßt, Erwiderung auf den Angriff gegen das World Trade Center, auch wenn unklar ist, inwiefern die »Befreiung« Kabuls (oder später Bagdads) weitere Attentate wie das in New York, Bali oder Mombasa verhindern sollte. Um einen militärischen »Gegenschlag« rechtfertigen zu können, wurde ein Terrorakt kurzerhand zum Kriegsakt erklärt. So gesehen kam der Angriff auf das WTC einer Kriegserklärung gleich. Und um den zweiten Irakkrieg rechtfertigen zu können, benutzte man als Vorwand die Nachricht– die sich später als falsch herausstellte –, daß der Irak in Niger angereichertes Uran bestellt habe. Man brauchte den »Beweis«, daß die nukleare Bedrohung von Seiten Iraks eine reale Gefahr darstellt.33 Der Aggressor konnte seinen Angriff somit als legitime Notwehr rechtfertigen.
Selbst der einseitige Angriff auf Basra im Süden Iraks im März 2003 wurde im britischen Radiosender Sky News mit dem Satz kommentiert: »Unsere Artillerie hat zum Gegenschlag ausgeholt«. [Hervorhebung der Autorin]. Unter Bezug auf militärische Quellen hatte Sky News dieser Ankündigung Informationen vorausgeschickt (die natürlich später dementiert werden mußten), in denen es hieß, daß »ein Volksaufstand ausgebrochen ist, der von der irakischen Artillerie niedergeschlagen wurde.«34 Die Koalitionstruppen hätten damit also einfach nur eine ganz legitime Revolte unterstützt. Darüber hinaus ist ein Angriff manchmal unvermeidlich, wenn es gilt, die drohende Verletzung des eigenen Territoriums zu verhindern.
Kriege brechen also aus, weil Milosevic, Bin Laden oder Saddam Hussein sie bewußt herbeigeführt und provoziert haben. Letzterer ist für die Medien inzwischen nur noch kurz und bündig »Saddam«, ein Name wie ein Slogan.
Daß der Regierungschef des feindlichen Lagers so stilisiert wird, ist kein Zufall. Denn das dritte von Ponsonby herausgearbeitete Prinzip unterstreicht die Notwendigkeit, den Feind zu personifizieren. Und das geht am besten mit dem Führer des feindlichen Lagers.
3. Der Feind hat dämonische Züge (oder: »Der Teufel vom Dienst«)
Für eine Gruppe von Menschen in ihrer Gesamtheit kann man nicht wirklich Haß empfinden, selbst wenn sie immer wieder als »der Feind« präsentiert wird. Viel effizienter ist es, negative Gefühle auf den Führer des feindlichen Landes zu konzentrieren. Mit ihm erhält der Feind ein Gesicht, und zwar eins, das natürlich hassenswerte Züge trägt. Kriege werden demnach weniger gegen die »Boches« oder die »Japsen« geführt, sondern vielmehr gegen Napoleon, gegen den Kaiser, gegen Mussolini, Hitler, Nasser, Gaddhafi, Khomeini, Saddam Hussein oder Milosevic.
Die verhaßte Fratze des gegnerischen Führers macht es leicht, individuelle Unterschiede innerhalb des von ihm regierten Volkes einzuebnen, wo der einfache Bürger sonst zu leicht sein Alter ego finden könnte.
Wenn man den Feind schwächen will, dann muß man zunächst seinen Führer als unfähig darstellen und seine Vertrauenswürdigkeit und Integrität in Zweifel ziehen. Eine einfache Methode besteht darin, bei der Erwähnung feindlicher Staatsführer die Bezeichnungen »Präsident« oder »General« in Anführungsstriche zu setzen, was die Rechtmäßigkeit ihrer Funktion sofort schmälert: »Präsident« Karadjic, »General« Mladic.
Dann darf keine Chance verpaßt werden, dem feindlichen Führer dämonische Züge zu verleihen, ihn als Schandfleck darzustellen, den es auszumerzen gilt, als letzten Dinosaurier, Verrückten, Barbaren, als durchtriebenen Kriminellen, Schlächter, Unruhestifter, Feind des Menschengeschlechts, Monster. Als Monster, von dem alles Übel seinen Ausgang genommen hat. Damit besteht das Ziel des Krieges darin, dieses Monster gefangen zu nehmen, was wiederum die sofortige Rückkehr von Moral und Zivilisation nach sich ziehen würde.
Auch wenn uns diese Schilderung des Feindes zuweilen gerechtfertigt erscheinen mag, sollte man nicht vergessen, daß dieses Monster vor dem Konflikt häufig ein gern gesehener Gesprächspartner war, den man manchmal auch nach dem Krieg wieder umschmeichelt, gleichviel ob der Krieg mit Sieg oder Niederlage beendet wurde.
So stand zum Beispiel die österreichische Kaiserfamilie kurz vor dem Ersten Weltkrieg in bestem Einvernehmen mit der belgischen Königsfamilie35 und der deutsche Kaiser wurde in Großbritannien überaus geschätzt. Nur wenige Monate vor Ausbruch des Krieges wurde Wilhelm II. von den Evening News (17. Oktober 1913) als perfekter Gentleman beschrieben: »Wir alle betrachten den Kaiser als äußerst ehrenhaften Gentleman, dessen Wort uns mehr bedeutet als die Tat manch eines anderen. Er ist uns ein hochwillkommener Gast, den wir mit Bedauern wieder abreisen sehen, ein Herrscher, dessen Ziele für sein Volk auf demselben Recht basieren wie unsere eigenen.«
Doch kaum war der Krieg ausgebrochen, hagelte es die absurdesten Kritiken sowohl am Kronprinzen (von dem es hieß, er sei ein Taschendieb und habe seinen Vater geohrfeigt) als auch am Kaiser, den man schnell als Irren, Mörder und Schlächter beschimpfte, wie der Brief von Sir W. B. Richmond zeigt, der in der Daily Mail vom 22. September 1914 abgedruckt wurde: »Wilhelm, der Geisteskranke, wird weder England, noch das zivilisierte Europa, noch Asien erzittern lassen, auch wenn auf seinen Befehl hin die Kathedrale von Reims zerstört wurde. […] Dieser letzte Akt des barbarischen Führers wird uns nur enger zusammenrücken lassen, damit wir uns von einer Geißel befreien, wie sie die zivilisierte Welt noch nicht gesehen hat. […] Dieser Verrückte ist dabei, das Holz für seinen eigenen Scheiterhaufen zusammenzutragen. Das Monster wird uns jedoch keinen Schrecken einjagen können; denn wir beißen die Zähne zusammen im sicheren Wissen, daß, selbst wenn wir bis auf den letzten Mann sterben sollten, dieser moderne Judas samt seiner Teufelsbrut hinweggefegt wird. […] Um dieses gerechte Ziel zu erreichen, braucht es Geduld, harte Arbeit und Energie. […] Unser großes England wird sein Blut gerne vergießen, um die zivilisierte Welt von einem kriminellen Monarchen und seinem kriminellen Gefolge zu befreien, denen es gelungen ist, ein fügsames Volk in eine Bande Wilder zu verwandeln. […] Wie hat Sir James Crichton Dumfries zugerufen: ›Den Strick für den Kaiser‹; ihn zu erschießen würde bedeuten, ihm den ehrenhaften Tod eines Soldaten zu gewähren. Die einzig mögliche Strafe für diesen Verbrecher ist der Galgen [Hervorhebungen der Autorin].«
Und in The Times vom 15. Mai 1915 konnte man lesen: »Wie Lord Robert Cecil festgestellt hat, sind die Führer Deutschlands die wahrhaft Schuldigen an den von den Deutschen begangenen schrecklichen Verbrechen, den wiederholten Gesetzesbrüchen und Verletzungen aller Sitten des zivilisierten Krieges, das heißt der Kaiser und seine unmittelbaren Berater, und auf sie müssen wir im Rahmen des Möglichen unseren Zorn und unsere Strafe konzentrieren.«36 Zur Untermauerung seiner Forderung nach Ausschluß des Kaisers aus dem Hosenbandorden beteuerte ein Leitartikel des Daily Express: »Städte wurden in Brand gesteckt, Greise und Kinder ermordet, Frauen und junge Mädchen vergewaltigt, harmlose Fischer sind auf Befehl dieses gekrönten Verbrechers ertrunken [Hervorhebung der Autorin]. Er wird sich ›an jenem großen Tag, an dem über die ganze Welt gerichtet wird‹, für die Opfer der ›Falaba‹ und der ›Lusitania‹ verantworten müssen.«37
Als gegen Ende des Krieges der amerikanische Präsident Wilson das deutsche Volk aufrief, sich seiner Regierung zu entledigen, wenn es wolle, daß der Krieg ein Ende hat, floh der Kaiser in die Niederlande. Die Alliierten verlangten nach dem Krieg offiziell seine Auslieferung, doch die Holländer lehnten ab. Woraufhin die Alliierten vorgaben, sich der holländischen Weigerung zu beugen, aber nur mit Mühe ihre Erleichterung über diese Ablehnung verbergen konnten.
In Artikel 227 des Versailler Vertrags war stipuliert, daß der ehemalige deutsche Kaiser Wilhelm II. von Hohenzollern »wegen schwerster Verletzung der internationalen Moral und der Heiligkeit der Verträge«38 öffentlich angeklagt werden solle. Doch die Alliierten besaßen die Klugheit, darauf zu verzichten, denn ein Prozeß hätte nur die Haltlosigkeit der »Beweise« seiner Schuld offenbart. Als eines der »überzeugendsten Beweisstücke«, daß der Kaiser persönlich die Verantwortung für die Verbrechen der deutschen Armee trüge, galt ein Brief, den Wilhelm II. in den ersten Kriegstagen angeblich an den österreichischen Kaiser geschrieben hatte: »Auch wenn es mir das Herz zerreißt, werden wir alles in Schutt und Asche legen, Männern und Kindern, Frauen und Greisen die Kehle durchschneiden müssen, kein Baum, kein Haus soll verschont werden! Nur mit Terrormethoden wie diesen wird es uns gelingen, ein so entartetes Volk wie das französische zu schlagen, nur so wird der Krieg noch vor Ablauf von zwei Monaten beendet sein. Wenn ich jedoch humanitäre Rücksichten nehmen muß, wird er sich jahrelang hinziehen.« Dieses »Dokument«, das zweifellos den Schluß zuließe, der Kaiser persönlich sei schuld am Ausbruch des Krieges gewesen, wurde durch die Professoren Larnaude (allgemeines öffentliches Recht) und de Lapradelle (Menschenrechte) von der juristischen Fakultät der Universität Paris präsentiert. Die Professoren gaben als Quelle lediglich an, daß dieser Brief in Nummer 138 des von Monseigneur Charmetant herausgegebenen Bulletin de l’oeuvre des écoles d’Orient veröffentlicht worden sei. Niemand jedoch konnte genauere Details über die Quelle dieser Veröffentlichung in Erfahrung bringen.
Woher hatten die Herren Professoren diesen Brief? Wo und wann war er geschrieben worden? Wo befand sich das Original? Welchen Beweis gab es für seine Authentizität? Obwohl diese Fragen sich sofort aufdrängen, wurde dieses Schreiben – dessen Existenz formell im Berliner Tageblatt vom 22. November 1921 dementiert wurde und das sehr wahrscheinlich apokryph ist – in der französischen Presse endlos zitiert als der definitive Beweis für die persönliche Kriegsschuld des Kaisers.
Nach dem Krieg waren diese schrecklichen Anschuldigungen über die unheilvolle Rolle, die der Kaiser persönlich gespielt haben sollte, schnell vergessen. Auch erhielt dieser »Verbrecher«, dem man im Krieg den Beinamen »Attila« verpaßt hatte, von den Alliierten die Erlaubnis, seine Tage friedlich in Holland zu beenden. Das Monster hatte sich wieder zum Alter ego der anderen Staatschefs gewandelt, ähnlich wie später die anderen Monster »auf Zeit« wie Yassir Arafat, der lange von den westlichen Medien diabolisiert worden war (als Mörder oder Terrorist), bevor westliche Staatschefs und selbst der Papst ihn als achtbaren Gesprächspartner wieder freundschaftlich empfingen und Toasts auf ihn ausbrachten.
Es gilt also, den Führer des gegnerischen Lagers, gleichviel wie unmenschlich er sich tatsächlich verhält, als grausam, monströs oder geistesgestört darzustellen. Daß Hitler mehr als beunruhigende psychologische Züge offenbarte, stimmt zweifellos. Im Juni 1940 aber brachten die Alliierten einen kleinen Trickfilm in Umlauf, der bei der Unterzeichnung der französischen Kapitulation in Compiègne gedreht worden war und der Hitler als einen geistig Verwirrten zeigt. Die wenigen Aufnahmen, auf denen er lächelnd und selbstzufrieden die Hacken zusammenschlägt und dabei ein Knie hebt, wurden mehrfach hintereinandergeschnitten, um die Illusion zu erzeugen, er führe einen Freudentanz auf! Dieses hitlersche »Tänzchen« sollte in den nicht besetzten alliierten Staaten, in denen der Film gezeigt wurde, den Eindruck erwecken, als sei der deutsche Führer in Wirklichkeit ein gestörter Hampelmann, den man ruhig stellen müsse.
Seit dem Zweiten Weltkrieg gilt Hitler als die Inkarnation des Bösen schlechthin. Jedem Regierungschef des feindlichen Lagers wird daher sogleich unterstellt, sein direkter Erbe oder Doppelgänger zu sein – zumindest solange der Konflikt andauert, denn die Propaganda kreiert immer wieder kleine Hitlers, die vor dem Konflikt als ehrenhaft galten und dann zuweilen rehabilitiert werden, kaum daß der Krieg zu Ende ist. Beispiele sind Stalin, Mao, Kim Il Sung oder Ceaucescu. Von ihnen gibt es Fotos, die sie immerhin in so ehrenwerter Gesellschaft zeigen wie dem belgischen König Baudouin, Charles de Gaulle, dem amerikanischen Präsidenten Nixon. Auch in jüngster Zeit wurde kein »Teufel vom Dienst« mit diesem Vergleich verschont.
Im ersten Golfkrieg wurde Saddam Hussein, der vorher noch als unser bester »säkularer« Verbündeter gegen den Iran der Ayatollahs galt, sogar in Bezug auf sein Äußeres mit dem Nazidiktator verglichen. Das amerikanische Wochenmagazin Newsweek etwa retuschierte ein Bild Husseins, verkürzte seinen Schnurrbart, um ihn auf dem Titelblatt als Hitlers Doppelgänger zu präsentieren. Das Cover der Wochenzeitschrift Vif-L’Express vom 14. Februar 1991 zeigte den finsteren Iraker in ebenso beängstigender Weise vor schwarzem Hintergrund und beschrieb sein Programm wie folgt: »Was Saddam noch im Schilde führt: nuklearisieren, destabilisieren, überfallen, terrorisieren, opfern, […]?«
Genauso verfuhr man mit Milosevic. Das italienische Magazin L’Espresso bildete ihn am 9. April 1999 auf dem Titelblatt ab und bezeichnete ihn als »Hitlerosevic«, die eine Hälfte seines Gesichts trug die Züge Hitlers, die andere die Milosevics. Auch Le Vif-L’Express veröffentlichte am 2. April 1999, zu Beginn der Bombardierungen Jugoslawiens, ein sehr düsteres Titelblatt, das auf der linken Seite die Hälfte des Gesichts von Milosevic zeigte und auf der rechten die Worte: »Der schreckliche Milosevic«. Im Innenteil dieses Wochenmagazins erfahren wir, untermauert von düsteren und verstörenden Fotos des jugoslawischen Präsidenten, daß Milosevics »Möglichkeiten, Schreckliches anzurichten, noch lange nicht erschöpft sind«.
Der Mann, der drei Jahre zuvor in Paris bei den Bosnien-Friedensverhandlungen39 mit Chirac und Clinton sein Glas erhoben hatte, war nun ein Neurotiker, dessen beide Eltern sowie ein Onkel mütterlicherseits Selbstmord begangen hatten, was ohne Zweifel auf eine erbliche psychische Labilität schließen läßt. Le Vif-L’Express zitierte keine einzige Rede, kein einziges Dokument des »Tyrannen von Belgrad«40, sondern hob seine angeblichen anomalen Stimmungsumschwünge, seine krankhaften und brutalen Wutausbrüche hervor: »Wenn er wütend war, verzerrte sich sein Gesicht. Und im nächsten Moment schon war er wieder völlig beherrscht.«
In Le Monde vom 8. April 1999 werden wir darüber aufgeklärt, daß der Bruder von Milosevic ein Zigarettenschmuggler ist, seine Ehefrau ein Emporkömmling, krankhaft ehrgeizig und sehr labil, eine Frau, deren psychische Probleme auf der Tatsache beruhen, daß sie erst spät von ihrem Vater anerkannt wurde.41 Woraus Le Vif die Schlußfolgerung zieht: »Slobo und Mira sind kein Paar, sondern eine Verbrecherbande.« Ebenfalls in Le Monde rechtfertigte Pierre Hassner42 die Bombardierungen Jugoslawiens mit dem Argument, daß sie »auf den primär Schuldigen am Elend Ex-Jugoslawiens abzielen – den letzten Tyrannen des Balkans – und ihn mit Wort und Tat als Gegner definieren.«
Die Technik der Diabolisierung des feindlichen Führers ist sehr effizient und wird sicherlich noch lange Anwendung finden. Bürger und Mediennutzer brauchen offensichtlich »Gute« und »Böse«, die sie klar identifizieren können. Am einfachsten wird diese Identifikation erreicht, indem man den jeweiligen »Teufel vom Dienst« als neuen Hitler präsentiert. Wer es wagt, auch nur Zweifel an der Richtigkeit der Behauptung anzumelden, daß der jeweilige Gegner die Inkarnation des Bösen sei, oder sich gar erdreistet, ihn zu verteidigen, der wird sofort disqualifiziert.
Ohne jemals zu erklären, wer ihm diesen Spitznamen verliehen hat, verwendete die französische Tageszeitung Libération (17. Juli 2000) die Bezeichnung »Hitler« für den Anführer der Schwarzen, die in Zimbabwe Land besetzten und titelte: »Zimbabwe unter hitlerscher Durchhaltepolitik«. Dasselbe Blatt schrieb, daß »Chenjerai ›Hitler‹ Hunzvi« von einem Sondergericht für schuldig befunden worden sei, zu den illegalen Landbesetzungen angestiftet zu haben und fügt hinzu (26. April 2000): »Wie die BBC berichtet, sagt der ›nom de guerre‹ dieses Führers alles über seine Auffassung von Humanismus«. Auch Vif-L’Express ergriff für die weißen Bauern von Zimbabwe43 Partei (die, was allzuoft vergessen wird, Großgrundbesitzer sind und britische Siedler, die sich weigern, die Nationalität des Landes anzunehmen) und gegen die Anhänger von Präsident Mugabe (die, auch dies wird nur zu gern vergessen, sehr arme Bauern sind). Um die Erhebung der schwarzen Bauern zu disqualifizieren, wurden in einem Artikel die lokalen Stammesfürsten angeprangert, vor allem aber die Galionsfigur der ehemaligen Kämpfer, Chenjerai Hunzvi. Der erhalte »seine Befehle direkt aus dem Präsidentenpalast, wo man ihn als Unruhestifter fürchtet.« Wer im Titel und in der Fotounterschrift als Chenjerai »Hitler« Hunzvi dämonisiert wird, für den und dessen Sache kann der Leser unmöglich Sympathie empfinden.
Auch im zweiten Irakkrieg wurde die Propaganda völlig auf Saddam Hussein ausgerichtet. Erneut war er der »Teufel vom Dienst«. Nicht selten titelten die Zeitungen in verschiedenen Varianten »USA gegen Saddam«44. Parisoula Lampsos, die sich als »Maîtresse en titre« des irakischen Präsidenten den Medien präsentierte, bezichtigte im Fernsehsender ABC ihren Geliebten, sadistisch zu sein und heuchlerisch, denn er trinke Whisky und werfe sich gleichzeitig in der Moschee auf die Knie.45 In den 80er Jahren jedoch hatten die demokratischen Staaten, einschließlich der USA, Saddam Hussein – der damals derselbe Diktator war wie fünfzehn Jahre später – dabei geholfen, sich mit »Massenvernichtungswaffen« einzudecken und ihm Unterstützung in seinem Krieg gegen den Iran geboten. Ein Foto vom 20. Dezember 1989 zeigt Saddam Hussein, wie er Donald Rumsfeld, dem Sondergesandten von Präsident Reagan, in Bagdad herzlich die Hand schüttelt.46
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