Читать книгу: «Bitten by Desire»

Шрифт:

Das Regents Park Rudel

Band 3

Bitten by Desire

von Annabelle Jacobs

Aus dem Englischen von Mia Rusch

Impressum:

© dead soft verlag, Mettingen 2021

http://www.deadsoft.de

© the author

Titel der Originalausgabe: Bitten by Desire (The Regent‘s Park Pack 3)

Übersetzung: Mia Rusch

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Connor Evans – shutterstock.com

© Jef Wodniack – shutterstock.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-456-8

ISBN 978-3-96089-457-5 (epub)

Inhalt:

Zwei Männer, die sich lieben, von zwei rivalisierenden Rudeln. Können sie zusammenkommen, oder werden sie gezwungen, sich zu trennen?

Alec Knight, der Beta des Regents Park Rudels, passt sehr gut auf sein Herz auf. Die Geister der Vergangenheit zwingen ihn dazu, einsam zu bleiben, ohne Hoffnung auf eine Beziehung.

Als untergeordnetes Mitglied des Primrose Rudels zieht Mark Appleton nicht das Interesse des Alphas auf sich. Was auch gut so ist, denn Mark hat den Verdacht, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht in seinem Rudel.

Da Sex eine gute Möglichkeit für Wandler ist, den Druck abzubauen, finden sich Alec und Mark zusammen im Bett wieder. Gefährlich nur, dass ihre beiden Rudel sich weiterhin gegenseitig attackieren. Und schnell wird klar, dass ihre Beziehung nicht nur für Alec und Mark tödlich enden könnte …

KAPITEL EINS

Mark sah in den Rückspiegel und schaltete den rechten Blinker ein. Er wollte dem Blick seines Alphas ausweichen, doch Newell starrte ihn unablässig aus kalten, grauen Augen an. Seine Wut und seine Enttäuschung waren förmlich greifbar. Mark hatte wirklich nicht die geringste Lust, aus dem Auto zu steigen. Newell würde ihn ganz sicher bestrafen, sobald sie angekommen waren, doch er konnte es nicht mehr hinauszögern. Nur noch einmal rechts abbiegen und sie wären wieder zu Hause beim Hauptquartier.

Mark wandte den Blick rasch nach vorn und konzentrierte sich auf die Straße.

Die Strafe wird sicher nicht so schlimm werden, versuchte er sich zu überzeugen. Er hatte nichts Falsches getan.

Die ganze Fahrt lang, vom „Regents Park“-Rudelhauptquartier bis hierher, hatte angespanntes Schweigen geherrscht. Obwohl der SUV ziemlich groß war, saßen sie eng zusammengedrängt. Er, Alpha Newell und zwei seiner Betas auf dem Rücksitz. Vielleicht fühlte er sich deshalb so unbehaglich.

Fuck, wem mache ich hier eigentlich etwas vor?

Das Treffen mit dem „Regents Park“-Rudel war absolut grauenhaft verlaufen und Mark hatte versehentlich alles noch viel schlimmer gemacht. All das nur wegen dieser verdammten Jacke. Newell war stinksauer geworden, als Mark ohne die Jacke zurück zum Auto gekommen war. Und seitdem hatte er nichts mehr gesagt.

Wes, Newells anderer Beta, saß neben Mark auf dem Beifahrersitz. Ab und zu spürte Mark seine stechenden Blicke auf sich, aber bisher hatte er es geschafft, ihnen auszuweichen. Von Sekunde zu Sekunde zerrte das Schweigen mehr an seinen Nerven. Nervöse Anspannung kribbelte in seinem ganzen Körper. Das Lenkrad würde sicher gleich zerbrechen, so fest, wie er es umklammerte. Das Schlimmste war, dass sicherlich alle im Auto seine Nervosität riechen konnten. Alphas und Betas waren geübt darin, subtile Gerüche zu erkennen. Angst zog seinen Magen zusammen, als er in die Parkgarage des Rudelhauptquartiers einbog. Ihr Hauptquartier bestand aus nur zwei Gebäuden, die um einiges kleiner waren als die Gebäude des Rudels von Regents Park.

Als Mark den Motor abstellte, fühlte sich das Schweigen so erdrückend an, dass es ihm geradezu in den Ohren dröhnte. Allen im Auto war klar, dass sie besser die Klappe halten sollten, bis sie Newells Stimmung besser einschätzen konnten. Als Alpha hatte er eiserne Kontrolle über seine Emotionen. Doch wenn man ihn verärgerte, wurde man vielleicht im nächsten Monat für die miesesten Jobs eingeteilt, oder man kassierte eine Ohrfeige. Bisher hatte Mark es immer geschafft, beides zu vermeiden. Er war in der Rangordnung des Rudels relativ weit unten und hatte daher nicht sehr viel Kontakt zu seinem Alpha. Das war ihm auch lieber so.

Als Newell sich räusperte, zuckte Mark zusammen. »Konferenzraum. Jetzt«, knurrte Newell.

Bevor Mark fragen konnte, ob dieser Befehl auch für ihn galt, spürte er eine Hand auf seiner Schulter. Fünf scharfe Klauen gruben sich durch den Baumwollstoff seines T-Shirts. »Du auch, Appleton.«

Fuck.

Newell wohnte seit einer Weile im obersten Stock. Zwei Wohnungen waren zusammengelegt worden, sodass er ein riesiges Apartment hatte. Mark war noch nie dort gewesen, er hatte nur davon gehört. Durch den Umbau befand sich der Konferenzraum jetzt jedenfalls einen Stock unter Newells Wohnung.

Sie marschierten die Stufen hinauf. Mark ging als Letzter, direkt hinter seinem Beta Jason. Als sie den Konferenzraum erreichten, forderte Jason ihn mit einem Nicken dazu auf, als Erster hineinzugehen.

Seit dem eskalierten Treffen mit dem „Regents Park“-Rudel hatte Mark noch keine Gelegenheit gehabt, mit Jason über alles zu sprechen. Jason konnte doch unmöglich etwas mit der Sache zu tun haben, die Alpha Harley ihnen vorwarf. Oder? Mark wollte einfach nicht glauben, dass jemand aus seinem Rudel etwas damit zu tun hatte. Aber Jason war sein Beta, Marks erste Ansprechperson für Probleme aller Art. Hatte Jason ihn wirklich bewusst zu diesem Treffen geschickt? Obwohl ihm gewesen klar war, dass er Mark dadurch vielleicht in Gefahr brachte? Der Gedanke hinterließ einen schalen Geschmack in seinem Mund und seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen.

Das Geräusch eines Stuhls, der über den Boden schlitterte, riss Mark aus seinen Gedanken. Rasch hob er den Kopf und sah, wie Newell nun einen zweiten Stuhl quer durch den Raum kickte. Er zersplitterte an der gegenüberliegenden Wand, Holzstücke fielen zu Boden. Newell stieß ein lautes Brüllen aus. Mark sog scharf die Luft ein. Das war übel. Das war richtig übel. Am liebsten hätte er sich einfach schnellstmöglich aus dem Staub gemacht. Doch Jason legte ihm eine Hand auf die Schulter und hielt ihn fest. Der feste Druck seiner Finger beruhigte Mark ein wenig, zumindest genug, um an Ort und Stelle stehen zu bleiben.

»Dieser verdammte Alpha lügt wie gedruckt«, knurrte Newell und begann im Raum auf und ab zu laufen. »Wofür hält er sich eigentlich? Er meldet mich ernsthaft beim Rat der Alphas, obwohl die Hälfte seines Rudels illegal verwandelt wurde? Und was zur Hölle hatte Nathan Kohl dort zu suchen? Wenn er zu meinem Rudel gehören würde, hätte ich ihm diesen illegalen Biss niemals durchgehen lassen. Aber nein, sein Alpha belohnt ihn mit gefälschten Papieren und einem verdammten Gefährten.«

Jason zog Mark aus Newells Reichweite, während die anderen beiden Betas sich im Hintergrund hielten. Keiner von ihnen schien besonders überrascht von Newells Verhalten zu sein.

Newells Blick landete auf Mark und er blieb abrupt stehen. Die Bindung zwischen einem Alpha und seinen Rudelmitgliedern wurde durch einen Biss besiegelt und durch gegenseitigen Respekt und Vertrauen aufrechterhalten. Nicht durch die panische Angst, die Mark jetzt durchströmte, als sein Alpha zwei Schritte auf ihn zuging und direkt vor ihm stehen blieb. Er versuchte, die Angst zu unterdrücken, doch es war sinnlos; sicher konnte jeder im Raum sie riechen. Aus dem Augenwinkel sah Mark, wie Wes feixte.

Newell legte die Hand seitlich auf Marks Hals. Sein Griff war fest, aber nicht bedrohlich. Noch nicht. »Ich hoffe, ich muss dir nicht erklären, dass Harley gelogen hat. Ich habe nie versucht, jemanden aus seinem Rudel zu töten oder in Gefahr zu bringen.«

Sofort musste Mark an Nathan denken. Newell hatte ihn beim Kampf gegen das abtrünnige Rudel als Köder benutzt. Ohne zu zögern. Doch diesen Gedanken behielt er für sich, während Newell mit seiner Tirade fortfuhr.

»Er misst dem Wort eines Abtrünnigen mehr Bedeutung bei als dem eines anderen Alphas … Obwohl der Abtrünnige Mitglieder aus seinem und meinem Rudel attackiert und getötet hat! Das ist eine Beleidigung, die ich nicht hinnehmen werde.« Er wartete, als würde er eine Reaktion erwarten.

Mark durchforstete fieberhaft sein Gehirn nach der richtigen Antwort. »Ja, Alpha«, sagte er schließlich.

Newell nickte nur kurz. »Und ich werde dir deinen Fehltritt mit der Jacke verzeihen. Dieses Mal. Doch in Zukunft wirst du keine Rudelangelegenheiten mehr ausplaudern. Hast du das verstanden?«

Mark hatte Seb, dem neuesten Mitglied des R-Rudels, von seiner neuen Jacke erzählt. Aber ihm war nicht klar gewesen, dass das als ‚Ausplaudern von Rudelangelegenheiten’ galt. »Ja, Alpha. Danke.«

Newell lächelte, doch es sah nicht besonders freundlich aus. »Ich habe dir und Will diese Jacken als Zeichen der Dankbarkeit unseres Rudels geschenkt. Wenn den Jacken irgendwelche Gerüche anhafteten, wusste ich nichts davon. Ich konnte nicht voraussehen, dass jemand aus Harleys Rudel dich wegen dieser Jacke attackieren würde. Das ist Harleys Problem, nicht meines. Und der Rat der Alphas wird das sicherlich auch so sehen.« Er hielt inne und sah zu Wes. Sie tauschten einen Blick aus, dann lächelte Newell wieder. »Wem hast du sonst noch davon erzählt?«

»Von den Jacken?«

Newell nickte.

»Äh … niemandem, glaube ich.« Sie hatten die Jacken erst heute Morgen bekommen. Dann waren sie direkt zum R-Rudel gefahren.

»Und Will? Hat Will etwas erzählt?«

»Ich …« Mark sah zu Jason. Woher sollte er wissen, ob Will jemandem davon erzählt hatte?

Jason trat neben ihn, sodass ihre Schultern sich berührten. »Will arbeitet heute Nacht in einem der Clubs. Er wird wahrscheinlich gerade schlafen, also hatte er vermutlich keine Gelegenheit, irgendjemandem davon zu erzählen.«

»Gut.« Newell richtete seine Aufmerksamkeit nun auf Jason. »Sieh zu, dass das so bleibt.«

»Ja, Alpha.«

»Das gilt auch für dich.« Als Newell Mark ansah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er wirkte nicht unbedingt freundlich, aber zumindest etwas weniger schroff. »Es ist nicht so, als habe ich etwas zu verbergen. Ja, anscheinend roch die Jacke nach dem abtrünnigen Rudel, aber das war ein unglücklicher Zufall. Zum Glück ist nichts passiert.«

Ich wäre fast getötet worden.

»Und zum Glück ist zumindest einer aus Harleys Rudel nicht völlig nutzlos.«

Alec.

Er hatte Mark das Leben gerettet.

»Der Rat der Alphas wird mit dem ganzen Rudel reden wollen. Je weniger Leute über diese Angelegenheit Bescheid wissen, desto besser ist das für uns.« Er wandte ihnen den Rücken zu. Das hieß sicher, dass sie entlassen waren.

Jason schien das ebenfalls so zu deuten, denn er bugsierte Mark in Richtung Tür.

Als Mark die Hand nach dem Türgriff ausstreckte, fügte Newell noch etwas hinzu. »Jason, sieh zu, dass Mark sicher zu seiner Wohnung gelangt. Nach den Ereignissen heute wird er sicher Ruhe brauchen.«

Jason nickte. »Ja, Alpha.«

»Und dann komm zurück hierher. Wir haben viel zu besprechen.«

Mark und Jason verließen den Konferenzraum und gingen schweigend die Treppen hinunter. Die Wände hier waren zwar schallgedämpft, aber es bestand trotzdem die Möglichkeit, dass jemand sie hörte. Eigentlich wusste Mark sowieso nicht, was er sagen sollte.

Seine Wohnung lag im anderen Gebäude und sobald sie nach draußen traten, blieb Jason stehen, sah sich auf der Straße um und schien sich schließlich zu entspannen. Mark spürte ebenfalls, wie sich seine verkrampften Muskeln etwas lockerten. Die frische Luft tat gut nach der angespannten Atmosphäre drinnen. Doch er hatte so viele Fragen und Zweifel. Hier würde es zumindest niemand hören, wenn er den Mut fand, seine Fragen zu stellen.

Jason setzte sich in Bewegung und ging auf das andere Gebäude zu, jedoch langsamer als üblich. »Ich habe nicht viel Zeit. Er könnte Verdacht schöpfen, wenn ich zu lange brauche.«

Mark musste nicht fragen, wen er damit meinte. Doch … »Ist es also wahr? Was Alpha Harley ihnen vorwirft?« Ihnen. Er weigerte sich, Jason ebenfalls zu einem der Schuldigen zu erklären. Noch.

Jason seufzte und massierte sich die Schläfen. »Ich weiß es nicht. Fuck, ich habe ein ganz mieses Gefühl bei der Sache. Wir sollten gar nicht darüber sprechen. Erwähne es niemandem gegenüber, ja? Es geht um die Sicherheit des Rudels. Okay?« Er hielt Mark am Arm zurück. »Sprich auch nicht mit Will darüber.«

Mark schluckte. Will war sein bester Freund und sie erzählten sich normalerweise alles. »Okay.«

»Nur eine Sache: Falls an all dem wirklich etwas Wahres dran ist, musst du wissen, dass ich nicht mit drinstecke. Du kannst mir vertrauen, Mark. Ich würde dich nie in Gefahr bringen.« Er legte Mark eine Hand auf den Nacken und zog ihn an sich.

Jasons beruhigender Geruch hüllte ihn ein und beruhigte sofort seine flatternden Nerven. Wenn sein Alpha dasselbe getan hätte, wäre das Gefühl sicher völlig anders gewesen … Mark wusste, dass das nicht so sein sollte, ganz abgesehen davon, dass er noch so viele weitere Zweifel hatte. Er behielt diese Gedanken lieber für sich. »Was machen wir jetzt?«

»Du tust gar nichts, außer in deine Wohnung zu gehen und dort zu bleiben. Wie dein Alpha es gesagt hat.«

»Aber …«

»Deine Wohnung ist gerade der sicherste Ort für dich. Der Rat der Alphas wird bald mit den Ermittlungen beginnen, und wenn an Harleys Anschuldigungen wirklich etwas dran ist, dann werden sie es herausfinden. Niemand kann dem Rat etwas vormachen.«

Mark schüttelte sich. Wenn der Rat der Alphas jemanden eines Verbrechens überführte, konnten sie denjenigen so bestrafen, wie sie es für richtig hielten. Sogar mit der Todesstrafe.

Jason brachte ihn bis zu seiner Wohnung und verabschiedete sich mit dem Versprechen, morgen vorbeizuschauen und nach ihm zu sehen.

Mark war so erleichtert, wieder zu Hause zu sein, dass er an der Wand zusammensackte. Zum ersten Mal seit Stunden konnte er sich wieder einigermaßen entspannen. Was für ein beschissener Tag. Erst jetzt wurde ihm wirklich klar, dass er fast draufgegangen wäre. Seine Hände begannen zu zittern und er ballte sie angestrengt zu Fäusten. Das Adrenalin, das schon lange verebbt war, jagte nun wieder durch seine Adern. Er hatte die Gedanken die ganze Zeit weggeschoben.

Es ist nichts Persönliches.

Das hatte er sich die ganze Zeit gesagt. Der Geruch des feindlichen Rudels auf seiner Lederjacke hatte Tim Walters, den normalerweise stets gelassenen Arzt des R-Rudels, durchdrehen lassen. Das war nur ein Instinkt gewesen, der Instinkt, seinen Gefährten Seb zu beschützen. All das hatte nichts mit Mark zu tun.

Aber war es nur ein unglücklicher Zufall?

Newell konnte manchmal ein ziemlicher Arsch sein und die Hälfte des Rudels wusste insgeheim, dass er alles andere als ein guter Alpha war. Aber würde er wirklich das Leben eines Rudelmitglieds einfach so aufs Spiel setzen? Mark wollte es nicht glauben, aber warum sollte Alpha Harley lügen? Warum sollte er die Sache vor den Rat bringen, wenn er keine handfesten Beweise hatte? Der Rat kümmerte sich normalerweise nicht um Streitereien zwischen Rudeln, außer, es ging um sehr ernste Anschuldigungen. Falsche Anschuldigungen wurden ebenfalls hart bestraft. Niemand wollte den Rat der Alphas wütend machen. Nur ein Gedanke bewahrte Mark davor, durchzudrehen: Jason hatte mit der Sache nichts zu tun. Sein Beta war auf seiner Seite. Erst, als er sich das erneut vor Augen rief, hörten seine Hände endlich auf zu zittern.

Ein Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren. Sein Herz begann wie wild zu rasen. Doch dann erkannte er den Geruch eines Familienmitglieds.

Harry.

Mark öffnete die Tür und erblickte seinen Cousin. Sein dunkelblondes Haar war wie immer völlig durcheinander, seine blauen Augen glänzten, als er lächelte und Mark eine Einkaufstüte entgegenhielt.

Mark zog ihn in eine Umarmung. »Solltest du nicht bei der Arbeit sein?«, fragte er. Ein weiterer Duft wehte ihm um die Nase und augenblicklich begann sein Magen zu knurren.

»Ich fahre gleich zur Arbeit, aber zuerst wollte ich dir das hier vorbeibringen.« Wieder streckte er Mark die Tüte entgegen. Sein Grinsen wurde breiter. »Er schmeckt einfach besser, wenn er noch warm ist.«

Mark griff nach der Tüte und schnupperte genüsslich. Der Apfelkuchen seiner Tante war sein absolutes Lieblingsdessert. Er sah zu Harry auf. »Ich bin überrascht, dass du ihn nicht aufgefuttert hast.«

»Ach, halt die Klappe. So etwas würde ich doch nie tun.«

Mark lachte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass Harry genau das getan hatte.

Harry zuckte mit den Schultern. »Außerdem hat sie extra zwei Kuchen gebacken und mir gesagt, sie werde sich nächstes Mal vergewissern, dass du deinen auch wirklich bekommen hast.«

Das klang schon glaubwürdiger. »Wenn sie fragt, werde ich ihr sagen, dass du ein wundervoller Cousin bist.« Er trat zur Seite und bat Harry mit einer Geste hinein. »Hast du Zeit für einen Kaffee?«

Harry seufzte und sah zerknirscht aus. »Ich würde töten für einen Kaffee. Aber ich bin schon zu spät dran und will nicht, dass Wes es herausfindet.«

Fuck, nein. Mark gefiel es überhaupt nicht, dass Wes Harrys Beta war, aber man konnte es nicht ändern. Er zog Harry für eine weitere Umarmung zu sich heran und schob ihn dann sanft von sich. »Dann geh mal besser. Aber ruf mich doch später an, wir machen etwas aus. Vielleicht könnte ich ja mal wieder versuchen, uns etwas zu kochen.«

Harry lachte und wandte sich zum Gehen. »Ich bin mir nicht sicher, ob das so einladend klingt«, rief er noch über seine Schulter.

Mark sah ihm dabei zu, wie er um die Ecke bog, dann schloss er die Wohnungstür und versperrte sie.

Obwohl es erst vierzehn Uhr war, gähnte er. Sofort fielen ihm Newells Anweisungen wieder ein. Er hatte gesagt, dass Mark mit niemandem reden sollte. Shit, hoffentlich fand er nicht heraus, dass Harry da gewesen war. Mark wollte auf keinen Fall, dass Harry in die Sache hineingezogen wurde. In einem Punkt hatte Newell jedenfalls recht: Er brauchte dringend Ruhe. Da er ihm quasi befohlen hatte, die Wohnung nicht zu verlassen, konnte er ja ebenso gut das Beste draus machen.

Mark legte sein Handy auf den Nachttisch, zog sich die Jeans aus und verkroch sich unter der Bettdecke. Sein Kopf hatte kaum das Kissen berührt, als ihn der Schlaf auch schon überwältigte.

Als sein Handy vibrierte, schreckte Mark hoch. Immer noch halb schlafend, griff er danach. Er machte sich nicht die Mühe, aufs Display zu sehen. Nur wenige Leute hatten seine Nummer. Wenn jemand anrief, war es ziemlich sicher wichtig. Er drückte sich das Handy ans Ohr. »Hallo?«, fragte er, rollte sich auf den Rücken und gähnte.

»Liegst du im Bett?« Wills Stimme dröhnte so laut in seinem Ohr, dass Mark das Handy ein Stück weiter weg hielt.

»Ja.«

»Du fauler Sack.«

Mark gähnte erneut. Wenn er am Nachmittag einschlief, fühlte er sich nach dem Aufwachen immer richtig mies. Zumindest eine Weile. »Hey, dieser Morgen war einfach nur beschissen. Ich habe mir ein bisschen Ruhe verdient.« Die Worte waren ihm einfach entglitten, bevor er überhaupt darüber nachgedacht hatte.

Verdammte Scheiße.

Vielleicht würde Will nicht nachhaken.

»Deshalb rufe ich an. Ich habe ein paar Leute gefragt, was passiert ist. Aber niemand scheint es zu wissen. Normalerweise hört Newell gar nicht mehr auf zu labern, wenn er von einem Meeting mit Harley zurückkommt …«

»Pssst. Wo zur Hölle bist du?« Newell würde Will eine Woche lang Clubtoiletten putzen lassen, wenn er ihn so reden hörte. Und diesen Job hasste wirklich jeder.

»Ganz ruhig. Guck mal auf den Überwachungsmonitor, dann weißt du, wo ich bin.«

Mark warf einen Blick auf den Bildschirm, der an der Wand hing. Will stand vor seiner Wohnungstür und winkte in die Kamera.

»Warum hast du nicht an der Tür geklingelt?«

»Hab ich doch.«

»Oh.« Mark sah zu seiner geschlossenen Schlafzimmertür. »Shit, ich habe die Tür zugemacht. Kein Wunder, dass ich dich nicht gehört habe.« Die Schlafzimmer und die Badezimmer waren die einzigen völlig schalldichten Räume in den Wandlerwohnungen. Mark schloss die Schlafzimmertür normalerweise nur, wenn er Gesellschaft hatte oder wenn er sich einen runterholte.

Will lachte. »Ich will es gar nicht so genau wissen. Steh einfach auf und lass mich rein.«

Mit einem Ächzen rollte sich Mark aus dem Bett, trottete zur Wohnungstür und öffnete sie.

»Danke.« Will grinste und tätschelte ihm die Schulter, als er eintrat.

Sobald Mark die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, packte er Will am Arm und zog ihn durch seine Wohnung ins Schlafzimmer. Nur hier blieb ihr Gespräch auch tatsächlich privat.

Will nahm auf Marks ungemachtem Bett Platz und sah ihn halb verwirrt, halb neugierig an. »Du weißt, dass du nicht mein Typ bist, oder?«

Mark ignorierte das. »Du musst vorsichtiger sein. Wenn du solche Sachen sagst, obwohl dich jemand hören könnte, wirst du eines Tages richtige Probleme kriegen.«

Will verzog das Gesicht. »Wer soll mich schon hören? Die meisten Leute im Haus sind auf der Arbeit. Und den anderen ist es scheißegal, was ich sage. Es ist ja nicht so, als würde Wes hier wohnen. Oder jemand aus seiner Einheit.«

Gott, Mark hätte so gerne mit Will darüber geredet, ihm alles erzählt, was Alpha Harley heute Morgen gesagt hatte. Aber Jason hatte es ihm verboten. Es ging nicht nur um Wills Sicherheit, sondern auch um seine eigene. Außerdem wollte Mark nicht gegen die Befehle seines Betas handeln. »Bitte pass einfach auf, was du sagst, Will. Du weißt nie, wer dich hören könnte.«

Diesmal stand Will auf und ging auf Mark zu, der immer noch an der Tür lehnte. Er legte Mark eine Hand auf die Schulter. »Was ist denn los? Was ist heute Morgen beim Treffen mit dem R-Rudel passiert?«

Mark schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht darüber sprechen. Bitte frag nicht.«

»Ich habe vorhin Jason getroffen. Er hat mir gesagt, dass ich nichts über die Jacken erzählen solle, die Newell uns geschenkt hat. Angeblich, weil Newell normalerweise niemandem etwas schenkt und weil keiner es erfahren soll.« Er drückte Marks Schulter und suchte seinen Blick. »Ich fand das irgendwie seltsam. Jason war ungewöhnlich wortkarg. Ganz anders als sonst; er ist ja normalerweise so entspannt. Hat das etwas damit zu tun, was heute passiert ist?«

»Fuck, ich würde es dir so gerne erzählen, aber …«

»Aber du kannst nicht, ich verstehe schon.«

Es ist zu deiner eigenen Sicherheit. Ich will dich nicht in Gefahr bringen.

Will wandte sich um, ging zu Marks Bett und nahm wieder Platz. Dann rollte er sich auf den Rücken und starrte an die Decke. »Ich weiß nicht, was Newell damit erreichen will. Ich meine, das R-Rudel wird es doch sowieso erzählen, also wird es am Ende ohnehin rauskommen. Er sollte ein Rudeltreffen einberufen und seinem eigenen Rudel verdammt noch mal erzählen, was los ist, damit wir es nicht von jemand anderes erfahren müssen.«

Es war innerhalb ihrer Einheit kein Geheimnis, dass Will seinem Alpha keinen Respekt entgegenbrachte. Die sechs Wandler unter Jason waren miteinander eng befreundet und Mark hätte allen von ihnen sein Leben anvertraut. Zum Glück war Will aber schlau genug, niemandem außerhalb ihrer Einheit auf die Nase zu binden, was er von Newell hielt.

Mark setzte sich neben ihn und stützte sich auf den Ellbogen. Er rief sich in Erinnerung, welche Mitglieder des R-Rudels heute da gewesen waren, wer Alpha Harleys Anschuldigungen mitbekommen hatte. Nathan würde sicher kein Stillschweigen über die Sache bewahren, außer man befahl es ihm. Er hasste Newell, aus gutem Grund. »Es war Jason, der mir befohlen hat, nicht darüber zu reden.«

»Oh?«

»Ja. Ich weiß nicht, wieso. Es ist, wie du gesagt hast: Am Ende wird ja sowieso alles rauskommen.«

Besonders, wenn der Rat der Alphas hier auftaucht und Fragen stellt.

»Aber ich bin mir sicher, Jason hat seine Gründe.«

»Schon gut.« Will schwieg für einen Moment, dann pikste er Mark in die Seite. »Das heißt, was auch immer passiert ist, es war richtig übel?«

Mark seufzte und versuchte erneut, nicht daran zu denken, dass er heute fast gestorben wäre. »Ja, das war es.« Sein Gedankengang endete unweigerlich wieder bei dem Wandler aus dem R-Rudel, der ihm das Leben gerettet hatte: Alec Knight. Groß, finster, bedrohlich. Mark war 1,80 m, also nicht gerade klein. Dennoch war Alec sicher einen Kopf größer als er. Alec war zwar nicht so durchtrainiert wie andere Wandler, sondern eher schlank, aber seine breiten Schultern ließen keinen Zweifel daran, wie stark er war. Unweigerlich begann Mark wieder zu beben, als er sich an die Situation erinnerte. Alec hatte keinen Augenblick gezögert. Er hatte sich so blitzschnell bewegt … Und er hatte es wirklich geschafft, einen frisch verbundenen Wandler aufzuhalten, dessen Beschützerinstinkt zugeschlagen hatte. Ja, er hatte Hilfe gehabt, aber trotzdem …

»Woran zur Hölle denkst du gerade?«

Mark blickte zu Will und sah, dass er missbilligend die Nase kräuselte. »Was denn?«

»In unserem Rudel geht alles drunter und drüber, wie kannst du da an Sex denken?«

»Ich habe nicht an Sex gedacht!« Doch Marks Proteste stießen auf taube Ohren.

Will tippte sich an die Nase. »Lügner. Als ob ich das nach all den Jahren nicht merken würde. Es ist zwar ein subtiler Geruch, aber ich rieche es trotzdem.«

Mark zuckte mit den Schultern. »Dann solltest du auch wissen, dass ich nichts dafür kann, was mir so durch den Kopf geht.«

Will musterte ihn eingehend. »Wir haben nicht unbedingt über ein Thema geredet, das solche Gedanken rechtfertigen würde. Außer …« Seine Augen leuchteten auf, als hätte er gerade eine Erkenntnis. »Aaah, jetzt verstehe ich.«

»Was? Da gibt es nichts zu verstehen.«

Will streckte Mark den Zeigefinger entgegen und grinste breiter. »Auch wenn du mir nicht erzählen darfst, was heute passiert ist, ich kann ja trotzdem raten, wer da war.«

Mark bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck, doch Will redete einfach weiter.

»Also, ich denke, dass Harleys Betas da waren, alle vier. Wahrscheinlich auch Seb, es ging ja um ihn. Und wo Seb ist, ist der sexy Arzt des Rudels nicht weit. Ich schätze, Nathan Kohl war auch dabei, er scheint derzeit irgendwie immer mit Newell zusammen zu sein. Das würde heißen, dass Jared auch da war.«

Mark verengte die Augen. »Auch wenn du recht hättest, worauf willst du eigentlich hinaus?«

»Du hast heute ein Auge auf jemanden geworfen. So sehr, dass du eben diesen schmachtenden Gesichtsausdruck hattest. Und …«

»Ich schmachte doch nicht!«

»Und außerdem riechst du, als gäbe es da jemanden, den du dringend flachlegen willst.« Will wartete, als ob er Mark Zeit zum Widersprechen geben wollte. Als Mark nichts sagte, lachte er. Es war ja nicht so, als hätte Will unrecht. »Ich weiß, dass du auf niemanden aus unserem Rudel stehst. Von den Leuten, die ich eben erwähnt habe, sind vier glücklich miteinander verbunden. Also bleiben Harleys Betas.« Will begann sie an seinen Fingern abzuzählen. »Daryl. Ja, er ist heiß, aber auch ziemlich furchteinflößend. Ich denke nicht, dass er dein Typ ist.« Das stimmte. »Mike. Ist er nicht mit diesem Rothaarigen zusammen? Der im Lagerhaus des R-Rudels arbeitet?«

Mark hob ungläubig die Augenbrauen. »Woher weißt du denn so etwas?«

»Ich habe dort ausgeholfen, als unsere Rudel zusammengearbeitet haben. Damals, als all der Scheiß mit dem abtrünnigen Rudel passiert ist. Da habe ich eben einiges aufgeschnappt. Wie auch immer, wo waren wir?«

»Ja, genau, bitte komm zum Punkt«, sagte Mark, obwohl er genau wusste, worauf Will hinauswollte.

»Gareth. Der ist auch nicht dein Typ und außerdem glaube ich, dass er heimlich auf Harley steht.«

»Auf seinen eigenen Alpha?«

»Jepp.« Als Mark die Augen verdrehte, fügte Will hinzu: »So etwas kommt doch öfter vor. Außerdem ist Cam Harley heiß. Und behaupte jetzt nicht, das sei dir nicht aufgefallen. Das wäre gelogen.«

Mark zuckte mit den Schultern. »Okay, ja, ich schätze, schon. Aber trotzdem. Er ist sein Alpha.«

»Wie auch immer.« Er grinste und Mark unterdrückte ein Seufzen, als er das vergnügte Funkeln in seinen Augen bemerkte. »Also bleibt nur noch Alec Knight übrig. Groß, stark, mutig und durch und durch loyal. Außerdem furchteinflößend, aber exakt dein Typ. Diese dunkelbraunen Augen, das dunkle Haar, leicht von Silber durchzogen … Außerdem dieses markante Kinn …« Er tat so, als würde er in Ohnmacht fallen und fächelte sich Luft zu.

Mark akzeptierte seine Niederlage und musste nun auch grinsen. »Vergiss den Dreitagebart nicht.«

Will boxte ihm gegen den Oberarm und lachte. Mark ließ sich neben ihm aufs Bett fallen. »Ich wusste es«, sagte er. »Die Kacke ist am Dampfen und du verknallst dich in einen aus dem feindlichen Rudel. Wie in Romeo und Julia.«

»Sie sind kein feindliches Rudel.«

Aber wahrscheinlich werden sie das bald sein.

»Ach, komm schon. Jeder weiß, dass Newell Harley nie verziehen hat, weil er ein kleineres Revier bekommen hat, als die Rudel sich aufgesplittet haben. Und der ganze Scheiß mit Nathan Kohl und dem abtrünnigen Rudel hat alles noch zehnmal schlimmer gemacht. Es herrscht vielleicht kein Krieg zwischen den Rudeln, aber Newell und Harley verabscheuen einander.«

Mark musste unweigerlich an den Rat der Alphas denken. »Und es wird wahrscheinlich noch schlimmer werden«, fügte er hinzu.

»Fuck, wirklich?«

»Jepp.«

Will seufzte. Sie lagen schweigend nebeneinander und starrten an die Decke. »Dann ist alles klar«, sagte Will schließlich.

»Was ist klar?«

»Du kommst heute mit in den Club.«

»Ich habe, ehrlich gesagt, wirklich keine Lust, heute …«

Will drehte sich auf die Seite und hielt Mark den Mund zu. »Keine Widerrede. Wenn alles bald den Bach runtergeht, sollten wir Spaß haben, solange wir noch können. Ich arbeite heute an der Bar, also kannst du einfach am Tresen sitzen und wir plaudern. Zumindest kommst du so ein bisschen raus und es lenkt dich vielleicht von der Sache ab, die du mir nicht erzählen darfst.«

Mark dachte darüber nach, aber … »Ich soll meine Wohnung nicht verlassen.«

»Wer sagt das?«

»Newell hat Jason befohlen, mich nach Hause zu bringen. Er meinte, ich solle mich ausruhen.«

Wills Lächeln wurde hinterhältig. »Nun, du hast dich jetzt ausgeruht. Hat einer von den beiden gesagt, dass du die ganze Nacht zu Hause bleiben sollst?«

»Nein, aber ich hatte den Eindruck, dass sie es so meinten.«

»Das ist aber nicht dasselbe wie ein Befehl. Komm schon Mark, hab doch mal ein bisschen Spaß.« Er setzte sich auf und zog Mark mit sich. »Wer weiß? Morgen um diese Zeit herrscht vielleicht ein Rudelkrieg und dann wirst du es bereuen, dass du nicht ausgegangen bist, als du noch die Chance hattest.«

Will lachte, doch Mark kam nicht umhin, sich zu fragen, wie nahe das wohl an der Wahrheit war. Er sollte das wirklich nicht tun, aber … »Welcher Club?«

»Lycanis.«

Dieser Name hatte ihn schon immer amüsiert. Er war nicht sonderlich subtil. Wie er nahelegte, war es ein reiner Wandlerclub. Also war er meist voller verbundener Paare oder voller Wandler, die einen Gefährten suchten. Viele Wandler gingen lieber in gemischte Clubs. Mit Menschen war die Gefahr einer versehentlichen Bindung geringer. Mark hatte wahrscheinlich wenig Chancen, in diesem Club jemanden aufzureißen. Aber andererseits war er sowieso nicht in der Stimmung dafür. Es klang trotzdem ziemlich verlockend, mal ein bisschen rauszukommen und seine Sorgen für eine Weile zu vergessen. Obwohl er wusste, dass es keine gute Idee war, nickte Mark. »Okay, ich komme mit.« Hoffentlich würde Jason nicht allzu sauer auf ihn sein.

KAPITEL ZWEI

Alec stand gebeugt vor dem Waschbecken und starrte sein Spiegelbild an. War es wirklich schon zehn Jahre her? Äußerlich hatte die Zeit ihn nicht allzu stark verändert. Für einen Wandler war vierzig nicht alt. Aber innerlich war er nicht mehr der junge Mann, der in jener Nacht darauf gebrannt hatte, mit seiner neuen Einheit auszurücken. Er war so aufgeregt gewesen, hatte sich so darauf gefreut, endlich auch kämpfen zu dürfen … Wie verdammt naiv er gewesen war.

Alec schloss die Augen, senkte den Kopf und atmete tief durch. Jedes Jahr um diese Zeit suchten ihn die Erinnerungen wieder heim, die Schuldgefühle, der Schmerz … Dinge, die er so gerne vergessen würde. Das Datum selbst war noch einige Tage entfernt. So schrecklich war es normalerweise nur, wenn er in der Nacht hochschreckte, weil er davon träumte. Es war schon so, seit der Krieg geendet hatte. Alec hatte es inzwischen akzeptiert. Mehr als das. Er ertrug es bereitwillig. Schließlich hatte er es verdient. Dieses Jahr hatte es früher begonnen als sonst. Und er musste kein Genie sein, um zu wissen, weshalb.

Fuck.

Was er brauchte, war Ablenkung. Er musste einen Weg finden, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Er und die anderen Betas mussten in nächster Zeit in Topform sein. Alec konnte Cam und die anderen nicht im Stich lassen. Nicht schon wieder. In Zeiten wie diesen halfen nur Alkohol und Sex. Nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge. Er konnte sich nicht völlig die Kante geben, das stand außer Frage, aber er konnte ein paar Drinks hinunterkippen, um für eine Stunde oder so ein bisschen ruhiger zu werden. Und Sex würde ihm beim Runterkommen helfen. So angespannt, wie er heute war, sollte es lieber mit einem anderen Wandler sein. Er hatte nicht vor, sanft zu sein. Im Gegenteil.

Alec warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, schaltete das Licht im Badezimmer aus und sammelte in seiner Wohnung Geldbeutel, Schlüsselbund und Handy zusammen. Eine ungelesene Nachricht erwartete ihn.

Beta-Meeting. Morgen 9 Uhr. Konferenzraum.

Er machte sich nicht die Mühe, zu antworten. Cam würde das auch nicht erwarten. Es war ein Befehl, keine Bitte. Wenn Cam sah, dass er die Nachricht gelesen hatte, reichte das als Antwort aus.

Alec parkte sein Auto hinter dem Lagerhaus. Drei andere Autos von Mitgliedern seines Rudels standen schon dort, auf den Parkplätzen, die extra für das „Regents Park“-Rudel reserviert waren. Zum Glück. Er hatte nicht die geringste Lust, sich um Falschparker zu kümmern.

Es gab nicht besonders viele Bars und Clubs, zu denen nur Wandler Zutritt hatten. Deshalb befanden sie sich praktischerweise auch alle in derselben Straße. Alec blieb kurz stehen, ließ die unzähligen Gerüche auf sich einströmen. Londons Innenstadt war neutrales Territorium; Mitglieder aller Rudel konnten sich hier aufhalten. Niemand hatte Anspruch auf dieses Revier. Es war wie ein Schock, die Gerüche so vieler Rudel auf einmal zu riechen. Alec lehnte sich gegen eine Hauswand und wartete kurz, bis er sich daran gewöhnt hatte. Ein paar Wandler spazierten an ihm vorbei, schenkten ihm aber keine Beachtung. Alec knirschte mit den Zähnen, ballte die Hände zu Fäusten, doch nach einem Moment ließ der Drang nach, sich zu wandeln. Nichts anderes hatte er erwartet.

Er setzte sich in Bewegung, ging die Straße hinunter und betrachtete die Bars. Wohin sollte er gehen? Schließlich stach ihm ein Pub ins Auge. So wie es aussah, war er neu eröffnet worden. Alec ging darauf zu. Als er nach links und dann nach rechts sah, bevor er die Straße überquerte, stieg ein Geruch in seine Nase. Er blieb so abrupt stehen, dass er fast von einem weißen Van niedergemäht wurde. Der Fahrer war viel zu schnell unterwegs. Alec knurrte leise.

Wichser.

Der Geruch verblasste, wurde aber wieder starker, als er die gegenüberliegende Straßenseite erreichte. Alec schloss für einen Moment die Augen. Er vergaß niemals die Gerüche anderer Wandler. Und diesen hier kannte er definitiv. Vom Meeting heute Morgen. Jemand aus dem „Primrose Hill“-Rudel. Mark Appleton. Alec merkte sich immer gewissenhaft die Namen all jener, die an Meetings mit seinem Alpha teilnahmen. Immerhin war seine Einheit hauptsächlich für Sicherheitsangelegenheiten zuständig. Es war nicht schwer gewesen, an die Informationen zu gelangen, immerhin waren ihre Rudel angeblich verbündet. Oder waren es zumindest gewesen.

Der Geruch rüttelte die Erinnerungen an heute Morgen wach. Er hatte Mark das Leben gerettet, um Tim zu beschützen, aber der junge Wandler aus dem „Primrose Hill“-Rudel schien tatsächlich keine Ahnung von Newells Taten zu haben. Es musste ein Schock für ihn gewesen sein, herauszufinden, dass sein eigener Alpha sein Leben einfach so aufs Spiel setzte. Alec fragte sich, was Newell wohl zu seiner Rechtfertigung gesagt hatte.

Er machte ein paar Schritte in die entgegengesetzte Richtung, hielt dann aber inne. Marks Geruch stieg ihm noch immer in die Nase, ein würziger Duft, der sein Interesse weckte. Er sollte lieber gehen. Es war das Beste, alle vom Primrose-Rudel zu meiden. Aber sein innerer Wolf war erwacht und Alec war genau in der richtigen Stimmung, um seine wilde Seite auszuleben. Es konnte doch sicher nicht schaden, zumindest einen kleinen Blick zu riskieren.

Er folgte dem Geruch. In welchem Lokal war Mark wohl gelandet? Wenig überraschend führte Alecs Nase ihn zu einem Club namens Lycanis. Der Schuppen gehörte dem Primrose-Rudel. Reichte es nicht aus, dass er diese Leute jeden Tag sah? Der Club würde nicht nur voller Primrose-Wandler sein, nein, auch das Personal gehörte zum Primrose-Rudel.

Doch ehe Alec es sich versah, war er dem Geruch schon nach drinnen gefolgt. Er reichte dem Türsteher einen Zehner. Die Wandler an der Tür musterten ihn misstrauisch. Kein Wunder. Sein Ruf eilte ihm wahrscheinlich voraus. Alec erkannte einen der Männer und nickte ihm zu, als er vorbeiging.

Lycanis war kein Club, in den Alec oft ging, aber er war schon einmal hier gewesen. Die fünf Bars erstreckten sich über zwei Stockwerke; drei unten und zwei oben. Alec blieb lieber oben, von dort hatte man einen guten Blick auf die Tanzfläche und auf die potenziell interessanten Männer. Hier drinnen war es fast unmöglich, die einzelnen Gerüche voneinander zu unterscheiden. Marks Duftnote war unter Hunderten anderen Gerüchen begraben. Wo er wohl war?

Alec marschierte die Stufen hinauf und verscheuchte den Gedanken an Mark. Ja, wegen ihm war er in diesem Schuppen gelandet, aber hier liefen viele scharfe Typen herum. Alec fügte sich mit seiner engen schwarzen Jeans und dem dunkelvioletten T-Shirt nahtlos in die Menge ein. Nicht einmal seine Körpergröße ließ ihn hier herausstechen. In einem Club voller Wandler war man mit 1,90 m und breiten Schultern nichts Besonderes. Von seinem Aussichtspunkt erblickte Alec mindestens zwanzig Männer, die so groß waren wie er. Auch eine Handvoll Frauen. Die Anonymität eines Wandler-Clubs war eine willkommene Abwechslung. Draußen an der frischen Luft hätte Alec die Gerüche der einzelnen Wandler herausfiltern können, um sofort zu erkennen, zu welchem Rudel sie gehörten. Aber nicht hier drinnen. Der einzige Minuspunkt war, dass die meisten Wandler hier schon einen Gefährten hatten oder zumindest mit jemandem zusammen waren. Wandler, die gerne Single bleiben wollten, hielten sich normalerweise eher in gemischten Clubs auf. Doch das kümmerte Alec nicht. Er wusste, wie man eine ungewollte Bindung umgehen konnte.

Er beschloss, sich einen Drink zu genehmigen, bevor er sich nach jemandem umsah, den er aufreißen konnte. Also ging er zu der kleinen Bar in der Ecke, die viel leiser war als die mit Blick auf die Tanzfläche.

Der blonde Barkeeper musterte ihn eingehend, als er aufsah. Dann grinste er und lehnte sich über die Theke nach vorn, um einem Mann, der dort saß, etwas ins Ohr zu flüstern. Unter den lauten, wummernden Bässen hatte Alec keine Chance, es zu verstehen. Aber er verstand in etwa, worum es ging, als der Mann auf dem Barhocker einen verstohlenen Blick über die Schulter warf. Mark.

Der Barkeeper flüsterte noch etwas. Alec fragte sich schon, ob Mark nur wegen des Barkeepers da war. Als er sich über Mark informiert hatte, hatte niemand erwähnt, dass er in einer Beziehung war. Aber das konnte sich natürlich geändert haben.

Er ging zur Bar und stellte sich neben Marks Barhocker. Da sie ihn sowieso schon erkannt hatten, konnte er sie ja gleich ansprechen. »Mark«, sagte er.

»Alec.«

Der Barkeeper räusperte sich.

Mark verdrehte die Augen, dann deutete er auf ihn. »Alec Knight, darf ich vorstellen? Das ist Will Farley, mein bester Freund. Wir sind in derselben Einheit.«

Also sind sie nicht zusammen.

Will lächelte und streckte seine Hand aus. Alec nahm sie und schüttelte sie pflichtbewusst. »Was darf es sein?«, fragte Will.

Alec spähte hinter die Bar, musterte die Flaschenbiere und sah dann nach oben zu den Spirituosen. Er hatte schließlich vor, sich zu entspannen. Ein paar Tequila-Shots würden dabei sicher helfen. Also bestellte er ein großes Bier und fünf Tequila. Will nahm sein Geld, ohne mit der Wimper zu zucken. Erst da bemerkte Alec die leeren Shotgläser, die vor Mark aufgereiht waren. Er sah auf und bemerkte, dass Mark ihn musterte, während er einen Schluck Bier nahm. Alec lächelte gezwungen. »Ziemlich heftiger Tag, was?«

»Ich schätze, schon.« Mark hob seine Bierflasche und prostete ihm stumm zu, dann nahm er einen großen Schluck. Als er trank, konnte Alec den Blick nicht von seiner Kehle abwenden.

Zuvor war Marks Duftnote in all den Gerüchen untergegangen, aber nun, wo er direkt neben ihm stand, konnte Alec ihn beschnuppern. Er roch ein bisschen nach Zitrone, aber auch würzig, außerdem nach einem Hauch Tequila. Trotz des Alkohols war es ein angenehmer Geruch. Alec nahm einen tiefen Atemzug. Er machte sich nicht die Mühe, unauffällig zu sein. Mark durfte ruhig merken, dass er interessiert war. Er hatte heute keine Lust auf Spielchen. Vielleicht hatte er nicht von Anfang an geplant Mark aufzureißen, aber ihm gefiel, was er sah. Dunkles Haar und grünblaue Augen waren schon immer sein Ding gewesen. Es war eine äußerst schlechte Idee. Wahrscheinlich die schlechteste Idee, die Alec seit langer Zeit hatte. Aber wie schon draußen auf der Straße, weckte Marks Geruch sein Interesse. Er ließ seinen inneren Wolf erwachen. Das passierte nicht bei allen Männern, mit denen er ins Bett ging. Aber wenn es passierte, war es immer ein gutes Zeichen; ein Zeichen dafür, dass eine tolle Nacht vor ihm lag. Und immerhin war es ja nur Sex, oder? Nach Cams Anschuldigungen konnten die Beziehungen zwischen ihren Rudeln kaum noch schlechter werden. Cam würde das wahrscheinlich anders sehen, aber Alec musste dringend diese nervöse Anspannung loswerden. Sonst war er in den nächsten Tagen für seinen Alpha völlig nutzlos. Und anscheinend hatten sowohl er als auch sein Wolf sich für Mark entschieden.

Will stellte Alecs Drink vor ihm auf dem Tresen ab, dann widmete er sich einem anderen Kunden, nicht, ohne Mark zuvor zu mustern und kaum merklich den Kopf zu schütteln.

Alec ignorierte ihn und schob Mark ein Shotglas rüber. »Willst du auch einen?«

Mark betrachtete das Shotglas eingehend, dann seufzte er. »Warum zur Hölle eigentlich nicht?« Er nahm ein Glas und wartete, bis Alec es ihm gleichtat. Dann prostete er ihm zu.

Das leichte Brennen des Alkohols in Alecs Kehle war genau die Form von Ablenkung, die er brauchte. Er stürzte rasch die restlichen Shots hinunter, dann griff er nach seinem Bier. Mark sah ihn verstohlen aus dem Augenwinkel an, als er trank. Alec stellte das Bier wieder ab und drehte sich zu ihm. Nach dem, was heute Morgen passiert war, konnten sie auf keinen Fall über irgendwelche Rudelangelegenheiten sprechen. So skeptisch, wie Mark ihn ansah, war ihm das wohl ebenfalls klar. Also blieb nur noch ein Thema übrig.

Alec griff noch einmal nach seinem Bier und trank rasch, bis es halb leer war. Der leichte Schwips, den er nun hatte, würde nicht lange anhalten. Er musste entweder mehr Shots bestellen oder eine andere Form von Ablenkung finden. Als er das Bier wieder abstellte, fing er Marks Blick auf. In einem Club voller notgeiler Wandler war das schwer zu sagen, aber Alec war sich fast sicher, dass von Mark ein leichter Geruch nach Erregung ausging. Alec leckte sich über die Lippen und lächelte leicht, als Marks Blick an seinem Mund hängen blieb. Rasch sah er sich um und vergewisserte sich, dass niemand sie belauschte. Dann lehnte er sich zu Mark rüber und flüsterte: »Ich würde dich gerne ficken.«

Mark schien kein bisschen überrascht, er zuckte nicht einmal zusammen. Doch Will stieß fast den Drink um, den er gerade mixte. Ananassaft floss über den Tresen. #

Alec rümpfte die Nase, als sich penetranter Ananasgeruch ausbreitete, dann drehte er sich wieder zu Mark, der noch immer nicht reagierte. Er hob eine Augenbraue und wartete.

Der Barhocker knarzte, als Mark sich drehte, sodass sie sich nun gegenübersaßen. Er nahm einen Schluck Bier und unterbrach dabei keine Sekunde den Augenkontakt. »Warum?«, fragte er einfach nur.

Diese Frage hatte noch nie jemand gestellt. Aber die Umstände waren auch anders. »Weil du heiß bist und ich gerne ein bisschen Anspannung loswerden würde«, sagte Alec und streckte sich. Seine Schultern knackten, als würden sie seine Aussage bestätigen wollen. »Sex wäre da genau das Richtige.«

Mark sah ihm noch einen Moment in die Augen, dann begann sein Blick über Alecs Körper zu wandern. Alec wartete reglos, bis er sich sattgesehen hatte. »Ich werde nicht über Rudelangelegenheiten reden«, sagte Mark. »Wenn du also Informationen willst, dann …«

»Will ich nicht. All das ist mir gerade herzlich egal. Du musst auch gar nichts sagen, einfach nur ja oder nein.« Alec zuckte mit den Schultern. »Es ist nur Sex. Daran ist nichts kompliziert.«

Mark lachte. Seine Augen funkelten amüsiert, als er den Zeigefinger hob und auf Alec deutete. »Es ist sogar verdammt kompliziert, wenn man die Umstände in Betracht zieht.«

Vielleicht hatte er recht. Alec konnte sich einfach umdrehen und gehen, lieber einen anderen Wandler finden. Aus einem Rudel, das nicht mit seinem Rudel im Clinch lag.

Mark stellte seine Bierflasche ab und begann seinen Hals zu reiben. Langsam fuhr er mit dem Daumen über sein Schlüsselbein.

Alec knurrte leise und fuhr die Fangzähne aus, nur ein kleines Stück, sodass Mark sie sehen konnte.

»Dir muss doch klar sein, dass das eine furchtbare Idee ist.«

Alec leckte mit der Zunge über seine spitzen Eckzähne und grinste. »Ja.« Er fuhr die Zähne nun ganz aus, der leichte Schmerz war ihm willkommen. Schmerz half ihm dabei, einen klaren Kopf zu behalten. Eine Welle der Erregung durchströmte ihn, als er sich ausmalte, wo er Mark überall beißen könnte. Er trat einen Schritt näher, bis er fast zwischen Marks Oberschenkeln stand. Er durfte ruhig merken, wie sehr Alec das hier wollte.

Mark sog scharf die Luft ein und Alec lächelte.

Genug gewartet. Er fuhr die Zähne wieder ein und fragte: »Ja oder nein?«

»Wenn das jemand herausfindet, dann …«

»Dann sagen wir ihnen die Wahrheit. Wir haben gefickt, das ist alles. Falls uns jetzt schon jemand gesehen hat, wird dein Alpha es sowieso herausfinden, egal was wir jetzt tun werden. Da können wir doch gleich das Beste draus machen.«

Mark blickte über die Schulter und sah sich im Raum um.

Alec witterte seine Besorgnis. »Hast du etwas zu verbergen? Irgendetwas, was ich wissen sollte?«

Mark legte die Stirn in Falten. »Nein, aber …«

»Dann musst du dir ja keine Sorgen machen.«

Mark schwieg einen Moment, dann grinste er verschlagen. »Vielleicht bist du ja derjenige, der sich Sorgen machen sollte. Ich bin mir sicher, ich könnte eine Menge Informationen aus dir herauskitzeln.«

Alec lachte nur. »Nein, das wird nicht passieren, versuch es gar nicht erst.« Ja, vielleicht spielte er mit dem Feuer, wenn er Mark ins Bett bekommen wollte, aber er würde niemals Geheimnisse des Rudels ausplaudern. Egal, wie gut der Sex war.

»Und du würdest mich einfach so in deine Wohnung in eurem Hauptquartier mitnehmen? Als sei nichts dabei? Zu mir können wir nämlich auf gar keinen Fall. Und ich habe keine Lust auf eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.«

»Das ist nicht das erste Mal, dass ich so etwas mache.«

Mark schnaubte amüsiert. »Ach was.«

Alec fischte einen Schlüsselbund aus der Tasche und hielt ihn Mark entgegen. »Die anderen Betas und ich haben ein Apartment für solche Anlässe.«

»Oooh, ein Apartment extra zum Ficken. Nobel.«

»Manchmal ist es eben nicht so praktisch, jemanden mit nach Hause zu nehmen. Wie jetzt zum Beispiel.«

Er wollte gerade erklären, dass ihm die Wohnung heute zur freien Verfügung stand, da stellte Mark seine Bierflasche heftiger als nötig auf dem Tresen ab und stand auf. »Lass uns gehen.«

Alec war niemand, der sich leicht aus der Ruhe bringen ließ, doch Marks plötzliche Eile überraschte ihn. Sie standen nun Brust an Brust da. Mark war etwa einen Kopf kleiner als er und Alec konnte nicht widerstehen: Er drückte ihn gegen die Bar und flüsterte ihm ins Ohr: »Es könnte aber sein, dass ich ein bisschen grob werde. Magst du das?«

»Ja, mag ich.« Mark drückte ihm die Hüften entgegen, sodass Alec seinen harten Schwanz an seinem Oberschenkel spüren konnte.

Bevor Alec seine Hand nehmen konnte, um ihn nach draußen zu bringen, lehnte Will sich über die Bar und tippte Mark auf die Schulter. »Können wir kurz reden?« Er deutete auf eine Tür neben dem Tresen mit der Aufschrift: Nur Personal.

Natürlich fand Marks bester Freund die Idee nicht gut. Wenn Alec an Wills Stelle gewesen wäre, hätte er genauso reagiert. Vielleicht hätte er Mark sogar nach draußen gezerrt und ihn heimgebracht. Aber Will war nicht Alec. Als Mark nur sagte »Nein, aber ich rufe dich später an, okay?«, widersprach Will nicht weiter. Er murmelte nur: »Ich hoffe, dir ist klar, was du da tust.«

Als sie sich ihren Weg durch den Club bahnten, konnte Alec einige neugierige Augenpaare auf sich spüren. Lag es daran, dass sie ein heißes Paar abgaben oder daran, dass ein paar Leute sie erkannten? Er wusste es nicht. Und er wollte sich auch nicht umsehen, ob er jemanden kannte. Je weniger Augenkontakt, desto besser.

Sobald sie draußen waren, schlug Alec in schnellem Tempo den Weg zu seinem Auto ein. Mark blieb ihm dicht auf den Fersen. Sie sprachen nicht, bis sie das Lagerhaus erreichten, wo er geparkt hatte.

»Praktisch«, sagte Mark, als sie den Parkplatz betraten.

»Ich bin mir sicher, euer Rudel hat auch ein paar Privatparkplätze in der Nähe eurer Clubs und Restaurants.«

Mark zuckte mit den Schultern. »Schätze schon.«

Sie stiegen in Alecs Auto. Rasch reihte sich Alec in den Verkehr ein.

Die Wohnung befand sich zwar noch im Revier des Rudels, war aber weit genug vom Hauptquartier entfernt. In diesem Viertel wohnten sowohl Wandler- als auch Menschenfamilien. Die Wohnungen der Wandlerfamilien hatten zwar Sicherheitsvorkehrungen und waren schallgedämmt, aber eigentlich drohte ihnen keine Gefahr von anderen Rudeln. Die Gesetze der Wandler besagten ganz klar, dass Familien unter Schutz standen, sogar wenn Krieg zwischen den Rudeln herrschte. Nur ein einziges Rudel hatte diese Regel jemals gebrochen.

Alec umklammerte das Lenkrad fester, so fest, dass das Plastik knarzte.

»Alles okay?« Marks Stimme katapultierte Alec wieder in die Realität zurück. Er verscheuchte die Erinnerungen und konzentrierte sich wieder aufs Hier und Jetzt. Im Auto vermischte sich sein Geruch mit Marks. Er konnte seine Erregung wittern.

»Wir sind fast da.« Die Wohnung, die ihm, Mike, Daryl und Gareth gehörte, lag im obersten Stock eines renovierten Altbaus. Das Gebäude erinnerte vom Stil her ein wenig an das Haus, in dem Seb lebte, Tims Gefährte. Sehr lange würde er aber wahrscheinlich nicht mehr dort wohnen. Alec parkte sein Auto vor dem Gebäude und stellte den Motor ab.

Um halb zwölf nachts war es in dem Wohngebiet ziemlich ruhig. Der einzige Geruch eines fremden Rudels, den Alec wahrnehmen konnte, war der, den Mark ausströmte. »Komm«, sagte er, stieg aus und wartete, bis Mark dasselbe tat.

Die kleine Überwachungskamera über der Eingangstür filmte sie, als sie auf das Haus zugingen. Doch Alec war es egal, ob die anderen Betas es sahen. Er würde es ihnen und Cam am Morgen erzählen. Zwischen ihnen gab es keine Geheimnisse. Alec sperrte die Haustür auf und winkte Mark hinein.

»Wer lebt noch hier?«, fragte Mark, als er hinter ihm die Treppe in den ersten Stock hinaufstieg.

»Mach dir darum keine Gedanken.«

Mark schnaubte zwar, fragte aber kein zweites Mal.

Die kleine Wohnung war eher spartanisch eingerichtet und hatte nur ein Schlafzimmer, aber sie war sauber und es gab alles, was man brauchte. Jeder, der sie benutzte, musste nachher das Laken wechseln und alles in demselben Zustand hinterlassen wie vorher.

»Hübsch ist es hier«, sagte Mark, blieb stehen und sah sich um.

Alec lachte, betrat die Wohnküche und ließ die Schlüssel auf den Küchentresen fallen. »Es ist schon okay.« Er wandte sich um und lehnte sich gegen den Tresen, sodass er Mark ansehen konnte. Die Schweigen, das sich ausbreitete, war nicht unbedingt unangenehm, aber ohne die Musik und die Clubatmosphäre war es auch nicht besonders entspannt.

Mark kam auf ihn zu und blieb vor ihm stehen.

Automatisch hob Alec die Hände und legte sie auf Marks Hüften. »Genug geredet?« Er griff nach unten und strich durch den Jeansstoff über Marks Schwanz. Noch war er nicht hart, aber das würde sich bald ändern. Er begann ihn durch die Hose zu reiben, bis er spürte, wie er langsam steif wurde.

Mark grinste. »Denke schon.«

»Gut.« Alec zog ihn an sich und küsste ihn sanft, glitt vorsichtig mit der Zunge über seine Lippen. Ja, er wollte ihn hart nehmen, rücksichtslos, aber er fand es schöner, langsam anzufangen. Mark schmeckte nach Tequila und Bier. Alec leckte den Geschmack von seinen Lippen, knabberte daran und ließ ihn einen Hauch seiner Fangzähne spüren. Da Alec so viel größer war, war der Winkel nicht der Beste. Außerdem wollte er Marks Schwanz an seinem spüren.

Ohne den Kuss zu unterbrechen, packte er Mark, hob ihn hoch und drehte sich, sodass er ihn auf den Küchentresen setzen konnte.

Viel besser.

Alec nutzte die neue Stellung dazu, vorsichtig mit den Lippen über Marks Hals zu fahren. Er ließ die Zähne über seine feuchte Haut gleiten und entlockte Mark damit ein tiefes, langgezogenes Stöhnen.

Mark legte den Kopf in den Nacken. »Fuck«, murmelte er, packte Alecs Schultern und schlang die Beine um seine Taille. Er vergrub die Finger in Alecs Haar und zog ihn näher an seinen Hals. »Fester.«

Alec würde ihn nicht beißen, schon gar nicht in den Hals, aber er schob Marks T-Shirt beiseite und kratzte mit den Zähnen über seine nackte Haut, so fest, dass ein paar Tropfen Blut hervorquollen, bevor sich die Wunde wieder schloss.

Mark packte Alecs Haar fester.

Alec sog schmerzerfüllt die Luft ein und lächelte. Mehr brauchte er nicht. »Bett«, knurrte er, trat einen Schritt zurück und zog Mark vom Tresen. Noch in der Küche schlüpften sie aus ihren Schuhen, rissen sich im Wohnzimmer die T-Shirts vom Leib und als sie im Schlafzimmer ankamen, öffnete Alec schon den obersten Knopf seiner Jeans. Er schob sie gleichzeitig mit der Boxershorts hinunter und kickte sie achtlos weg, sodass er nackt vor Mark stand. Alle Wandler hatten gut definierte Muskeln; Alec stellte diesbezüglich keine Ausnahme dar. Aber er arbeitete hart dafür, so stark und fit zu sein, wie sein Körper es erlaubte. Deshalb war es befriedigend, Marks anerkennenden Blick zu sehen.

Alec legte die Hand um seinen Schwanz und begann ihn langsam und gemächlich zu wichsen.

Mark schluckte hörbar und konnte seinen Blick anscheinend nicht von Alec losreißen. Eilig öffnete er seine Jeans und schob sie hinunter. Er trug keine Unterwäsche. Nun, da er seinen Schwanz aus dem Gefängnis der Hose befreit hatte, ragte er Alec entgegen, hart und triefend.

Alec wollte ihn aufs Bett werfen, von ihm kosten … Sein innerer Wolf regte sich und Alec ließ zu, dass etwas von der Wildheit an die Oberfläche gelangte. »Aufs Bett«, knurrte er. Seine Fangzähne ließen die Worte undeutlich klingen, doch man konnte weder seinen Tonfall noch seine Intention missverstehen.

Mark schlüpfte aus seiner Jeans, ging auf ihn zu und lächelte. Seine eigenen Fangzähne glitten mit einem leisen Knacken aus seinem Kiefer. »Oh, übrigens …«

KAPITEL DREI

Mark erwiderte Alecs neugierigen Blick. Aufregung strömte durch seine Adern. »Ich will dich ficken.«

Alec sah ihn überrascht an. »Ja?«

»Ja.« Das hatte er eigentlich nicht von Anfang an vorgehabt. Mark mochte beides und Alec war ein Traum von einem Mann. Doch irgendetwas war zwischen ihnen passiert und nun konnte Mark es mit jeder Faser seines Körpers spüren. Sein Wolf konnte es spüren. Er musste Alec in Besitz nehmen, mit seiner Zunge, mit seinen Zähnen, mit seinen Klauen … mit allem. Der Drang war so übermächtig, dass er ihn innerlich förmlich verbrannte. Das zwischen ihnen war zwar nur Sex, aber das hieß ja nicht, dass es nicht verdammt heiß sein würde. Mark fuhr sich mit der Zunge über die Reißzähne. Er wollte sie in Alecs Haut bohren, so sehr, dass es schmerzte. Sein Hals und seine Kehle waren tabu, aber es gab ja noch genug andere Stellen, die er erkunden konnte.

Alec ließ einen Finger mit ausgefahrener Kralle über Marks Brust wandern, streifte dabei seinen Nippel. Mark erbebte. »Ich will nicht, dass du sanft zu mir bist.« Dunkelbraune Augen bohrten sich in seine.

Oh Gott.

»Das werde ich auch nicht.«

»Wenn du mir nicht gibst, was ich will, werde ich es mir nehmen.« Er packte Marks Schwanz und achtete dabei darauf, ihn nicht mit den Krallen zu verletzen. »Ist das okay?«

Mark war sich nicht ganz sicher, was er damit meinte, aber er war so scharf, dass er wohl allem zugestimmt hätte. »Ja.«

Man sagte Alec nach, dass er ein kaltherziger Bastard war, aber Mark hatte eigentlich überhaupt nicht diesen Eindruck. Gut, er war wohl nicht in der richtigen Verfassung, sich darüber Gedanken zu machen, aber trotzdem. Sein Instinkt sagte ihm, dass er Alec vertrauen konnte.

Alec legte eine Hand unter sein Kinn. Mark erwartete einen groben Kuss, doch stattdessen hob Alec seinen Kopf an und musterte ihn so intensiv, dass sich alles in Mark zusammenkrampfte. »Es könnte sein, dass ich die Kontrolle über mich verliere. Wenn du aufhören willst, wenn es dir zu viel wird … Sag einfach stopp und ich werde aufhören.«

Mark nickte.

»Versprich es mir.«

»Ich verspreche es.«

»Gut.« Alec grinste raubtierartig. Jegliche Besorgnis war nun aus seiner Miene verschwunden. Nun zog er Mark an sich und küsste ihn, grob und fordernd. Er stieß ihn aufs Bett.

Mark landete auf dem Rücken, Alec auf ihm. Für einen Moment verschlug es ihm den Atem, dann richtete Alec sich auf und glitt nach unten zwischen Marks Beine.

Er sah auf. Seine Lippen waren Marks Schwanz so nahe, er konnte seinen warmen Atem spüren, als er sagte: »Keine Löcher in der Matratze.«

»Was?« Mark konnte sich nur darauf konzentrieren, Alecs Lippen um sich spüren zu wollen.

»Fahr die Krallen ein, falls du dich an der Matratze festhalten musst.«

Oh.

Alec grinste, zeigte Mark seine nun wieder menschlichen Zähne und nahm Marks Schwanz in einer fließenden Bewegung bis zum Anschlag in den Mund.

Verdammte Scheiße.

Mark klammerte sich an dem Laken fest, jedoch ohne Krallen. Alec ließ seinen Schaft langsam wieder aus seinem Mund gleiten und widmete sich seiner Eichel, saugte sanft, während er die Zunge in seinen Schlitz drückte.

Mark schob ihm die Hüften entgegen, wollte wieder in ihn eindringen, doch Alec stieß ihn nur mit scharfen Klauen zurück aufs Bett. Er hielt ihn fest, machte weiter. Die spitzen Krallen, die sich in Marks Haut bohrten, bildeten einen scharfen Kontrast zu der Lust, die durch Marks Venen jagte. Der Raum roch nach Sex, nach ihren vermischten Duftnoten. Mark sog gierig die Luft ein, jeder Atemzug brachte ihn näher an die ersehnte Erlösung.

Nein, noch nicht.

Er vergrub eine Hand in Alecs Haaren, wollte ihn stoppen, doch als er an Alecs Schopf zerrte, stöhnte Alec nur auf und wurde schneller. »Fuck, ich komme gleich, wenn du nicht …«

Sofort war die Wärme von Alecs Mund verschwunden. Er setzte sich auf und grinste, als er Marks vermutlich ziemlich verzweifelten Gesichtsausdruck sah. Er war so verdammt nahe. »Du kannst mich nicht ficken, wenn du schon kommst.«

Das stimmte. Aber trotzdem. »Bastard.«

Alec lachte nur. Er begann Marks Innenschenkel zu streicheln. »Okay?«

Mark nickte. Nun, da keine Gefahr mehr bestand, dass er gleich abspritzen würde, legte er sich auf den Rücken und sank in die Kissen. Er bedeutete Alec, nach oben zu rücken. »Komm her.«

Alec setzte sich auf seine Brust, rutschte näher. Er packte seinen Schwanz und führte ihn an Marks Lippen.

Mark öffnete einladend den Mund. Alec hielt sich am Kopfende des Bettes fest und drang in ihn ein. Er begann Marks Mund mit schnellen, aber nicht sonderlich tiefen Stößen zu ficken. Mark hielt es nicht mehr aus, er wollte mehr, wollte, dass Alec seine Kehle fickte. Mit ausgefahrenen Krallen packte er Alecs Pobacken und zog ihn näher. Als er Alecs Haut durchbohrte, keuchte Alec auf und stieß fester zu. Mark würgte zwar ein wenig, doch Alec zog sich rasch zurück.

Mark spornte ihn dazu an, es wieder zu tun, dann wieder, bis Alec mit kraftvollen Stößen seine Kehle fickte und die Hände in seinem Haar vergrub. Mark spürte, dass Alec gleich kommen würde. Hoffentlich machte es ihm nichts aus, dann gefickt zu werden. Jegliche Zurückhaltung war vergessen und nach ein paar weiteren Stößen begann sein Schwanz in Marks Mund zu zucken. Mark hatte Mühe, sein Sperma bis zum letzten Tropfen zu schlucken.

Alec rollte sich von ihm runter und lehnte sich über die Bettkante.

Mark schloss die Augen, wischte sich über den Mund und griff nach seinem Schwanz, um ihn zu wichsen. Er war so verdammt hart, wollte am liebsten gleich weitermachen.

Ein leises Klicken ließ ihn innehalten. Er öffnete die Augen und sah, dass Alec ein Fläschchen Gleitgel auf die Matratze warf. Er verrieb gerade einen Klecks auf seinen Fingern.

»Brauchst du keine Pause?«

»Nein.« Alec spreizte die Beine und griff nach unten.

Mark hielt den Atem an, als er dabei zusah, wie Alec das Gleitgel auf seinem Loch verrieb.

Fuck, ich werde ihn gleich nehmen.

Er setzte sich auf und griff nach dem Fläschchen. »Auf alle viere«, befahl er.

Alec sah über seine Schulter und grinste. Dann kniete er sich hin und präsentierte Mark seinen Arsch. »Ich bin bereit, wenn du es bist.«

In seiner Eile tropfte Mark etwas von dem Gleitgel aufs Laken. Nun ja, das würde nachher sowieso gewaschen werden müssen. Zumindest hoffte er das. Wenn er schon die Chance hatte, Alec Knight zu ficken, würde er auch sichergehen, dass er dabei kam. Mark verrieb das Gleitgel auf seinem Schwanz, dann kniete er sich zwischen Alecs Schenkel in Position. Er konnte nicht widerstehen und packte seine Pobacken. Sie waren genauso fest und knackig, wie sie aussahen. Als er tief durchatmete, wurde ihm fast schwindlig, so überwältigend war der Geruch, der in der Luft hing. Sein Wolf knurrte zufrieden, er spürte Alecs Kraft. Unter anderen Umständen wäre Alec vielleicht sein … Nein, das war ein gefährlicher Gedanke. Der Geruch nach Sex vernebelte seine Urteilskraft. Das hier war eine einmalige Sache, sie mussten beide Druck loswerden. Die Beziehung zwischen ihren Rudeln war so angespannt, wenn jemand davon erfuhr, hätte Mark Glück, mit einer Verwarnung davonzukommen. Doch er würde sichergehen, dass es das wert war.

Alec blickte über seine Schulter und knurrte, was Mark mit einem Schlag in die Realität zurückkatapultierte. Er fuhr langsam mit dem Daumen in Alecs Ritze. Jeder seiner Muskeln spannte sich unter der Berührung an. Mark lief das Wasser im Mund zusammen, als er dabei zusah. Wenn er es wollte, könnte Alec ihn mühelos schwer verletzen. Und doch kniete er hier mit gespreizten Beinen und wartete darauf, dass Mark ihn fickte. Die Lust wogte durch ihn hindurch, so stark, dass es ihn überraschte. Ein tiefes Grollen entstieg seiner Kehle und zerriss die Stille im Raum. Er öffnete den Mund und fuhr die Zähne aus. Alecs schön geschwungener Nacken lockte ihn wie ein Signalfeuer, doch er ignorierte es. Das war nicht sein erstes Mal mit einem Wandler. Er hatte zum Glück schon gelernt, wie man diesen Instinkt unterdrückte. Alec wäre sicher nicht allzu erfreut, wenn Mark ihn einfach biss und damit eine Verbindung riskierte. Stattdessen griff er nach seinem Schwanz und rieb seine Eichel über Alecs vor Gleitgel feuchten Loch. Wie gebannt sah er dabei zu, als er langsam in ihn eindrang. Fuck, es fühlte sich so gut an.

Alec keuchte auf, er packte das Laken und Mark konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, als er sah, dass er die Krallen eingefahren hatte. Er war sich nicht sicher, ob er auch solch eiserne Selbstkontrolle gehabt hätte. Doch Alec hatte ja gesagt, dass er es hart brauchte, also musste er sich nicht zurückhalten. Mark würde ihn nicht enttäuschen.

Mit ausgefahrenen Krallen packte er Alecs Hüften. Alecs Stöhnen spornte ihn an, er zog seinen Schwanz aus ihm heraus und stieß dann wieder zu, immer wieder und wieder, bis der Schweiß ihm über den Rücken lief und sein Haar tränkte. Alec zappelte und wand sich. Jedes Mal, wenn Mark in ihn stieß und den Atem aus seinen Lungen drängte, keuchte er auf.

Mark war schon so nahe, die Lust wand sich in seinem Bauch, doch er wollte, dass Alec auch kam, er musste einfach kommen. »Dreh dich um.« Die Worte waren mehr ein Knurren, doch er glitt aus Alec heraus und rutschte nach hinten, sodass Alec Platz hatte. Hoffentlich verstand er, was Mark wollte.

Alec rollte sich auf den Rücken, legte die Arme über seinen Kopf und spreizte die Beine mit angezogenen Knien. »Zwing mich.«

Verwirrt sah Mark ihn an, verstand im ersten Moment nicht, doch als Alec ihn näher heranzog, begriff er. Er setzte sich in Position und drang mit einem harten Stoß wieder in Alec ein, viel brutaler, als er es normalerweise getan hätte.

Alec schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken, entblößte seinen Hals.

Mark konnte einfach nicht widerstehen. Er packte Alecs Handgelenke, hielt ihn fest und legte den Kopf in seine Halsbeuge. Als der Geruch nach Sex und Schweiß und Alec seine Lungen füllte, erbebte er. Er durfte ihn nicht beißen, doch er konnte über seine Haut lecken, vorsichtig daran knabbern und die Zähne an seinen Hals legen. Dann stellte er sich für einen Moment vor, wie er Alec biss, ihn als sein kennzeichnete.

Als Alec die Krallen über seinen Rücken zog, wirkte es wie ein Schwall kalten Wassers. Mark zuckte zurück, weg von Alecs verlockendem Hals. Er erwiderte Alecs Blick, seine Augen waren so dunkelbraun, dass sie fast schwarz wirkten. Sein Herz setzte für einen Schlag aus, als er die glühende Hitze in seinem Blick sah. Als er Alecs Lippen musterte, blitzten seine Fangzähne auf. Mark stockte der Atem. Er wollte diese Zähne spüren, am ganzen Körper, wollte, dass Alec …

Blitzschnell wand Alec sich aus seinem Griff, zerrte Mark zu sich herunter und ließ die Zähne in seine Schulter sinken.

»Fuck!« Lust und Schmerz ballten sich in ihm zusammen und im nächsten Moment erfasste ihn sein Höhepunkt, riss ihn mit und ließ ihn am ganzen Körper zittern. Er merkte kaum, wie Alecs Schwanz an seinem Bauch zu zucken begann und er sich über seine Haut ergoss.

Für mehrere lange Sekunden blieben sie, wie sie waren, mit Alecs Reißzähnen in seiner Schulter, während sie beide die Nachwellen genossen. Dann kehrten sie langsam in die Realität zurück.

Mark jaulte auf, als Alec die Zähne aus seiner Schulter zog. Für einen Moment schmerzte die Wunde, bis sie sich zu schließen begann. Es würde keine Narbe bleiben. Ein Stich der Enttäuschung bohrte sich in seine Brust. Er hätte gerne eine Erinnerung an diese Nacht gehabt.

Mark rollte sich auf den Rücken und starrte an die Decke, während Alec aus dem Bett stieg. Er tunkte einen Finger in die Wichse auf seinem Bauch.

»Nachdem wir beide geduscht haben, bringe ich dich zurück in die Stadt, dann kannst du dir ein Taxi rufen.«

Natürlich. Die Dinge zwischen ihren Rudeln standen schlecht, keiner von ihnen war im Revier des anderen willkommen, vor allem nicht in der Nähe der Rudelgebäude. Und schon gar nicht ohne Genehmigung. »Danke.«

Alec nickte, dann ging er in Richtung Badezimmer und schloss die Tür hinter sich.

Mark schloss die Augen und versuchte, die aufkeimende Panik zurückzudrängen.

Was zur Hölle habe ich getan?

Alec bog in den Parkplatz seines Rudels ein, wo er zuvor geparkt hatte. Es war noch dunkel, die Sonne würde erst in etwa einer Stunde aufgehen.

Mark sah sich misstrauisch um. »Ist das eine gute Idee?«

»Wir haben noch etwa zwanzig Minuten, bevor die ersten Leute eintrudeln.« Er drehte sich, sodass er Mark direkt ansehen konnte. »Eigentlich ist es sowieso egal. Wir waren nicht unbedingt sehr diskret, als wir aus dem Club abgehauen sind. Außerdem wird sicher irgendwer meinen Geruch an dir erkennen, oder zumindest den meines Rudels. Außer du planst, heute den ganzen Tag lang niemandem über den Weg zu laufen.«

Es klang eigentlich nach einem ausgezeichneten Plan, den ganzen Tag lang allen aus dem Weg zu gehen. Mark musste erst morgen wieder arbeiten; vielleicht konnte er sich bis dahin in seiner Wohnung einbunkern. In diesem Moment räusperte sich Alec. Marks Wangen wurden heiß. Natürlich, zuallererst musste er aus diesem Auto aussteigen. »Danke fürs Mitnehmen«, sagte er und wollte schon die Autotür öffnen, als Alec ihn zurückhielt.

»Sei vorsichtig.«

Wahrscheinlich hätte Mark sagen sollen, dass es keinen Grund gab, sich Sorgen zu machen. Doch die Worte wollten nicht aus seiner Kehle dringen. Newell hatte gesagt, dass Alpha Harley log, aber … »Ja, werde ich«, sagte er, öffnete die Beifahrertür und stieg aus, ohne sich noch einmal umzudrehen. Erst, als er hörte, wie Alec wegfuhr, blickte er über seine Schulter und sah, wie Alecs Auto um die Ecke bog.

Die Taxifahrt nach Hause dauerte nicht so lange, wie Mark sich das gewünscht hatte. Auch nach einer ausgiebigen Dusche bei Alec roch er am ganzen Körper nach ihm. Nach Alec und nach Sex. Der Geruch würde sicher erst verfliegen, wenn er heute noch ein paarmal duschte.

Alle Fenster seines Wohnhauses waren dunkel, als er zu Hause ankam. Anders als beim Hauptquartier des „Regents Park“-Rudels, gab es hier keine Wachmänner. Laut Newell war es auch so sicher genug und er wollte keine Ressourcen darauf verschwenden, Wachen aufzustellen. Normalerweise hätte Mark ihm in diesem Punkt vehement widersprochen, auch wenn es nur Will gegenüber war. Aber nicht heute. Heute war er dankbar, dass niemand auf ihn wartete, weder an der Tür noch sonst irgendwo im Gebäude. Auch auf dem Weg zu seiner Wohnung begegnete er niemandem. Bis auf das Geräusch seiner Schritte herrschte im ganzen Gebäude Stille. Die meisten Leute aus seiner Einheit hatten Schicht im Club gehabt, also würden sie alle noch für ein paar Stunden schlafen.

Leise sperrte Mark seine Wohnungstür auf und seufzte erleichtert, als er sie hinter sich schloss. Im nächsten Moment ächzte er. Warum hatte er es für eine gute Idee gehalten, ihm den Zweitschlüssel zu geben?

Vom Wohnzimmer aus hallte leises Schnarchen zu ihm herüber. Als Mark es betrat, erblickte er Will, der voll bekleidet auf seinem Sofa lag und schlief. Er hielt sein Handy in der Hand. Als Mark es aus seinen Fingern pflückte, leuchtete der Bildschirm auf und zeigte die zuletzt gesendeten Nachrichten an. Wie oft hatte Mark ihm schon gesagt, dass er die verdammte Bildschirmsperre einschalten sollte? Sein eigener Name leuchtete Mark entgegen. Er fluchte leise, als ihm klar wurde, dass Will ihm drei Nachrichten geschickt hatte. Rasch zog er sein eigenes Handy aus der Tasche und fluchte erneut, als ihn nur ein schwarzer Bildschirm begrüßte. Wann hatte sein Akku schlappgemacht?

Er steckte das Smartphone ans Ladegerät, dann schob er Wills Füße beiseite und ließ sich aufs Sofa fallen. Wie erwartet, regte sich Will sofort. Er gähnte und blinzelte ein paarmal, bevor er Mark ansah.

»Gut. Du lebst also noch.«

Mark schnaubte. »Ganz offensichtlich. Warum sollte es anders sein?«

Will setzte sich auf und funkelte ihn wütend an. »Oh, ich weiß nicht … Vielleicht weil du mit einem Beta aus einem anderen Rudel abgehauen bist? Mit einem, der den Ruf hat, ein kaltherziges Arschloch zu sein? Aus einem Rudel, das uns den verdammten Rat der Alphas auf den Hals gehetzt hat, wie es aussieht?« Bei den letzten Worten wurde seine Stimme zu einem Flüstern.

»Woher hast du das denn?«

»Wenn du dein verdammtes Handy aufgeladen hättest, hättest du die Nachricht auch bekommen. Alpha Newell hat gestern Nacht noch die Info an alle aus unserer Einheit rausgeschickt.« Er griff nach seinem Handy und scrollte durch die Nachrichten. »›Achtung, eine Ankündigung: Nächste Woche bekommen wir Besuch vom Rat der Alphas. Beantwortet ihre Fragen bitte wahrheitsgemäß und höflich‹«, las er vor.

»Oh.« Mark hatte nicht erwartet, dass diese Nachricht so schnell kommen würde. Er hatte gedacht, dass sich der Rat der Alphas sicher noch Zeit lassen würde. »Das klingt doch so, als habe Newell nichts zu verbergen, oder?«

Scheiße.

Rasch warf er Will einen Seitenblick zu.

»Denkst du denn, dass er etwas zu verbergen hat?«, fragte Will.

Alpha Harleys Anschuldigungen erklangen wieder in seinem Kopf. Mark antwortete so ehrlich wie möglich. »Ich weiß es nicht. Hoffentlich nicht.«

Das schien Will zu genügen. Er nickte, dann lehnte er sich auf dem Sofa zurück und atmete tief ein. »So wie du riechst, war es anscheinend eine tolle Nacht.«

»Ja.« Mark konnte das Grinsen unmöglich zurückhalten.

Will verdrehte die Augen. »Du hast echt einen an der Waffel.«

»Du bist doch derjenige, der gesagt hat, dass Alec genau mein Typ sei.«

»Ja, das ist er … Aber ich habe nicht erwartet, dass du gleich mit ihm ins Bett gehst!« Er grinste schief. »Wo seid ihr überhaupt hingegangen? Ich weiß, dass ihr nicht hier wart, so blöd bist du auch wieder nicht.«

»Vielen Dank auch.«

Will ignorierte es. »Bei den Toiletten im Club wart ihr auch nicht, da habe ich nachgesehen. Und Alec hätte dich sicher nicht mit zu sich in sein Hauptquartier genommen. Habt ihr es etwa in seinem Auto getrieben?«

Als Mark es sich bildlich vorstellte, konnte er ein Lachen nicht zurückhalten. »Er ist über eins neunzig groß! Im Auto hätten wir doch niemals genug Platz gehabt.«

»Guter Punkt.« Will lehnte sich nach vorn, stützte sich mit den Ellbogen auf die Knie und sah Mark neugierig an. »Komm schon, erzähl. Wo wart ihr? Diese andere Sache kannst du mir ja anscheinend nicht erzählen, aber du kannst mir wenigstens verraten, wo ihr wart.«

Was würde es schon ausmachen, wenn er das erzählte? »Alec hat eine Wohnung.«

»Ja, das ist mir klar.«

»Nein, eine zweite Wohnung. Außerhalb seines Hauptquartiers. Eine, die …«

»Eine, die er nur für Sex benutzt?«

Mark nickte.

»Wow. Er muss ganz schön umtriebig sein.«

Mark schnaubte. »Er teilt sie sich mit den anderen Betas.« Das klang irgendwie nicht viel besser.

»Ah, na wie auch immer. Hast du versucht, ihn auszuhorchen?«

»Nein.«

»Hast du …?«

»Nein.« Mark seufzte. »Hör mal. Wir haben nicht über Rudelangelegenheiten geredet. Eigentlich haben wir gar nicht viel geredet.« Er ignorierte Wills Grinsen. »Ich hatte einfach das Gefühl, dass Alec einen beschissenen Tag hatte. Meiner war auch nicht besser, also mussten wir beide ein bisschen Druck loswerden. Das ist alles.«

»Na schön. Aber reiß doch nächstes Mal jemanden auf, der bei unserem Alpha keinen Wutanfall auslöst. So ziemlich jeder andere wäre besser gewesen. Außer vielleicht Alpha Harley. Oder Nathan Kohl. Die beiden würden ihn wahrscheinlich sogar noch wütender machen.«

Mark lehnte sich auf dem Sofa zurück. »Also schön. Aber du warst derjenige, der mich überredet hat, auszugehen. Weißt du noch?«

»Oh, also ist das jetzt meine Schuld?«

»Ja«, sagte Mark und grinste. »Das werde ich zumindest behaupten, falls jemand es rausfindet.«

»Falls jemand es rausfindet? Mark, der ganze Club war voll mit unseren Leuten«, sagte Will und streckte Mark anklagend den Zeigefinger entgegen. Dann knabberte er grübelnd auf seiner Unterlippe herum. »Vielleicht solltest du es Newell sagen, bevor jemand anderes es ihm erzählt.«

Mark hob eine Augenbraue. »Wer hat jetzt hier einen an der Waffel? Nein, ich werde hierbleiben, bis Alecs Geruch verfliegt. Dann kann niemand irgendetwas beweisen.«

»Sag es doch zumindest Jason.«

Mark überlegte. Er hatte immer das Gefühl gehabt, dass Jason stets auf seiner Seite stand. Zumindest seinem Beta gegenüber sollte er ehrlich sein. »Ja, okay«, sagte er und Will nickte zufrieden. »Aber erst später. Zuerst muss ich schlafen, ich bin völlig erledigt.«

»Hm, warum bloß?«

Mark erhob sich und bewarf Will mit einem Sofakissen. »Halt die Klappe.« Er ging in Richtung Schlafzimmer, blieb aber vor der Tür stehen. »Bleibst du hier oder …?«

Will streckte sich wieder auf dem Sofa aus und wedelte halbherzig mit der Hand. »Ja. Ich habe keinen Bock, in meine Wohnung raufzugehen.«

»Du fauler Sack.«

»Ja, ja. Manche von uns haben die ganze Nacht gearbeitet.«

Guter Punkt. Mark beließ es dabei, schloss die Schlafzimmertür hinter sich und begann sich auszuziehen. Als er aus dem T-Shirt schlüpfte, warf er einen Blick in den Spiegel. Vorsichtig fuhr er mit dem Finger über seine Schulter. Die Haut war unverletzt und sah aus wie immer. Die Abdrücke, die Alecs Zähne hinterlassen hatten, waren längst verblasst. Und dennoch fühlte es sich so an, als würde die Stelle noch schmerzen. Wahrscheinlich bildete er sich das nur ein. Er drückte ein bisschen fester, wollte, dass es wehtat. Nichts. Er spürte nur den Druck seiner Finger.

Vergiss es einfach. Es ist vorbei.

Sein innerer Wolf fand diesen Gedanken gar nicht gut. Er mochte Alec. Doch das musste Mark ignorieren. Wenn es nur so einfach gewesen wäre.

Er schlüpfte aus seinen restlichen Klamotten, legte sich ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf.

KAPITEL VIER

Nachdem Alec Mark abgesetzt hatte, fuhr er direkt nach Hause. Er hatte nur noch ein paar Stunden bis zum Treffen mit Cam und den anderen Betas. Tatsächlich schaffte er es, noch zwei Stunden zu schlafen, bevor sein Wecker klingelte. Besser als nichts.

Eine zweite Dusche ließ Marks Geruch zwar schwächer werden, aber Alec wusste genau, dass es beim Meeting trotzdem jemandem auffallen würde. Besser, er erzählte gleich davon.

Um kurz nach halb neun stand er vor dem Konferenzraum. Schon bevor er die Tür öffnete, witterte er Cams Geruch von drinnen.

»Hast du mir etwas mitzuteilen?«, fragte Cam sofort, noch bevor Alec die Tür ganz geöffnet hatte.

»Das kann man so sagen.« Alec betrat den Raum und ging zu Cam, der am Fenster stand und hinausblickte. Seine schlanke Silhouette bildete einen effektvollen Kontrast zum Himmel und die Morgensonne ließ sein rabenschwarzes Haar glänzen.

Cam drehte sich um, schnupperte und hob eine Augenbraue. Seine Lippen zuckten. Amüsiert? Alec hoffte es. »Ich verstehe«, sagte er leise.

Alec setzte sich neben ihn auf einen Tisch, verschränkte die Hände und ließ sie auf seine Oberschenkel sinken. »Ich musste einfach mal raus, ein bisschen Druck abbauen.« Er musste Cam nicht erzählen, warum. Cam wusste genauso gut wie Alec, was für ein Tag stetig näher rückte.

»Und du konntest nicht mit irgendeinem anderen Druck abbauen?« Ja, er war eindeutig amüsiert.

Alec zuckte mit den Schultern und grinste. »Du kennst mich doch. Ich gehe niemals den leichten Weg.«

Cam lachte. »Gott bewahre.« Dann wurde er wieder ernst und sah Alec in die Augen. »Ich vertraue deinem Urteil. Du glaubst also, dass Mark Appleton nichts mit Newells Plänen zu tun hat?«

»Ja.«

»Newell wird denken, dass wir an Informationen gelangen wollten.«

»Ich weiß.« Deshalb hatte Alec ja darauf bestanden, keine Rudelangelegenheiten zu besprechen. »Wir haben über nichts Wichtiges geredet.«

»Das habe ich mir schon gedacht.« Cam wandte sich wieder zum Fenster. »Wirst du ihn wiedersehen?«

Alec schüttelte den Kopf. »Nein. Denkst du, wir könnten deshalb Probleme mit dem Rat der Alphas bekommen?« Soweit Alec wusste, sollte das eigentlich nicht der Fall sein, aber er wollte sichergehen. Auch, wenn es jetzt zu spät war.

Cam blickte rasch zur Tür. Eine Sekunde später hörte Alec, dass sich Schritte näherten. »Der Rat interessiert sich nur für die Vorwürfe, die ich gegen Newell vorzubringen habe. Und für die Leute, die in die Sache involviert sind. Es wird sie nicht interessieren, mit wem du schläfst. Das hat ja keinen Einfluss auf die Geschehnisse der Vergangenheit.«

Die Tür schwang auf und Cams drei anderen Betas betraten den Raum. Dann folgten Nathan Kohl und Tim Walters; er war der Rudelarzt und Alecs bester Freund.

Alec sah sofort zu Cam. Er hatte gedacht, dass nur Betas an dem Meeting teilnahmen.

»Ich dachte, es sei gut, wenn Tim und Nathan auch hier sind. Immerhin sind sie in die Sache involviert.«

Alec lächelte Tim zum Gruß an und schickte ein kurzes Nicken in Nathans Richtung. »Warum sind Sebastian und Jared nicht auch hier?«

»Jared muss arbeiten«, sagte Cam, als Nathan nicht antwortete.

Tim hüstelte. Seine Wangen waren ein wenig rot geworden. »Seb muss sich noch daran gewöhnen, dass er jetzt ein Wandler ist.«

Aaah.

Alec grinste. »Dann legen wir besser mal los. Ich bin mir sicher, du willst so schnell wie möglich zu ihm zurück.«

Tim funkelte Alec an und nahm an dem ovalen Tisch in der Mitte des Raumes Platz. Nathan, der ungewöhnlich still war, setzte sich neben ihn. Alec musste nicht fragen, was mit ihm los war. Egal wie scheiße er sich fühlte, weil das Datum näher rückte, Nathan ging es sicher noch viel schlechter. Seine Eltern waren unter denjenigen gewesen, die in jener Nacht gestorben waren. Heute würde Alec sich bemühen, ihn mit Nachsicht zu behandeln. Auch wenn das bei Nathan nicht immer so einfach war.

Wenig überraschend nahm Gareth neben Nathan Platz und strich ihm rasch über den Rücken, als er sich setzte. Nathans verkrampfte Schultern schienen sich etwas zu entspannen.

»Habt ihr unser Gespräch gehört?«, fragte Cam an Daryl und Mike gewandt, als sie sich ebenfalls setzten.

»Genug davon.« Daryl warf Alec einen raschen Blick zu. »Und ich habe vor einer Minute das Überwachungsvideo gesehen.« Er schüttelte den Kopf und schnaubte. »Hast du wirklich niemand anderes gefunden, mit dem du hättest ins Bett gehen können?«

Alec zuckte mit den Schultern. »Ich fand ihn eben interessant.«

»Könnte es eventuell damit zu tun haben, dass du ihm das Leben gerettet hast?«

Tim zuckte zusammen. Natürlich erwartete niemand eine Entschuldigung dafür, dass er Mark attackiert hatte. Seinen Gefährten zu beschützen, war ein Instinkt. Aber Alec wusste, dass er nicht gerne daran erinnert wurde.

Cam räusperte sich und bedeutete Alec, sich zu den anderen zu setzen. Dann ging er zum Kopfende des Tisches. »Ich habe gestern mit jemandem vom Rat der Alphas gesprochen«, begann er. Alec setzte sich alarmiert auf. »Es sieht so aus, als habe Alpha Newell seine Drohung wahr gemacht. Er hat unser Rudel und somit mich beschuldigt. Seine Anklage lautet, dass wir bewusst einen illegalen Biss geplant haben. Des Weiteren wirft er uns Vertuschung vor, weil wir vorsätzlich den gebissenen Menschen entführt und schließlich die Papiere gefälscht haben.«

»Fuck.« Alec konnte nicht anders, er sah zu Nathan. Alle anderen am Tisch taten es ihm gleich.

Nathan ignorierte jeden außer Cam. Er zog den Kopf ein und rieb sich die Augen. »Es tut mir so leid. Ich wollte weder euch noch unser Rudel in diese Situation bringen …«

Er sah müde aus und war für Alecs Geschmack viel zu still. Das hier war nicht der Nathan, den Alec mühelos verabscheuen konnte. Wieder stieg die Erinnerung an dieses eine Rudeltreffen in ihm auf. Die Geschehnisse hatten sich für immer in seinem Kopf gebrannt. Damals in den ersten Monaten hatte er sich fast daran geklammert; immer wenn das Gefühl der erdrückenden Schuld zu allgegenwärtig geworden war. Doch der Nathan, der jetzt am Tisch saß, wirkte einfach nur traurig und gebrochen. Wie ein Mann, für den sich bald ein schreckliches Datum jähren würde: der Todestag seiner Eltern. Fast wirkte er immer noch wie der achtzehnjährige Junge, der er damals gewesen war: außer sich vor Wut, Angst und Trauer.

Die Schuld begann in Alecs Brust zu brennen und er wandte den Blick ab, als Cam auf Nathan zuging und ihm eine Hand auf den Nacken legte. Er beugte sich zu ihm hinunter, und obwohl er flüsterte, konnte jedes seiner Worte verstehen.

»Es ist egal, wie es angefangen hat, Nathan. Jared hat aus freiem Willen beschlossen, dich nicht anzuzeigen. Ich war derjenige, der beschlossen hat, ihn ins Rudel aufzunehmen und die Papiere zu organisieren. Das war mein Entschluss, nicht deiner. Als dein Alpha übernehme ich die volle Verantwortung, egal was passieren wird.« Er legte die Nase gegen Nathans Hals und atmete seinen Geruch tief ein. Nathan entspannte sich sichtlich und sackte zusammen. »Danke für deine Entschuldigung«, fügte Cam hinzu. »Aber die ist nicht nötig. Wir haben dir schon längst verziehen und du musst dir deshalb keine Sorgen mehr machen.«

Nathan stieß ein erleichtertes, zittriges Seufzen aus. »Danke.«

Cam erhob sich und kehrte zu seinem Platz zurück. »Ich habe nur eine Anweisung für euch: Wenn ihr vom Rat befragt werdet, sagt die Wahrheit. Egal wie diese lautet.«

Nathan hob rasch den Kopf. »Aber …«

»Nathan, eine Falschaussage vor dem Rat kann mit dem Tod bestraft werden. Nichts kann das wert sein, niemals.«

Gareth legte Nathan eine Hand auf den Arm. Schließlich nickte Nathan. »Und was passiert jetzt?«

Cam setzte sich auf und sah nacheinander all seine Betas an. »Der Rat hat ein Treffen einberufen. Wir müssen alle teilnehmen. Dort werden wir Näheres erfahren, zum Beispiel, wie es weitergeht.«

»Wann?« Alec wurde normalerweise nicht schnell nervös, aber wenn er sich vorstellte, wie Cam vor dem Rat der Alphas stand … Ein kaltes Kribbeln lief ihm den Nacken hinunter.

»Morgen Nachmittag. Fünfzehn Uhr.«

»So bald schon?«

Cam lächelte schief. »Der Rat der Alphas will um jeden Preis einen neuen Rudelkrieg verhindern. Sie müssen schnell handeln, damit die Situation nicht eskaliert.«

Daryl sah zur Tür. »Und damit keine Beweise verschwinden.«

Cam nickte. »Auch das, ja.«

Ihr Beweis wurde einen Stock unter ihnen in einer Wohnung gefangen gehalten, die von Alecs Einheit bewacht wurde.

»Apropos: Wie geht es unserem … ähm … Gast?« Cam sah zu Alec, doch es war Tim, der antwortete.

»Er kann froh sein, dass er noch lebt«, knurrte Tim. Niemand im Raum war überrascht, wie rau seine Stimme klang. Wenn Alec an Tims Stelle gewesen wäre … Es wäre ihm schwergefallen, nicht nach unten zu marschieren und sich zu rächen. Der abtrünnige Wandler und sein Rudel hatten versucht, Seb zu töten, Tims Gefährten. Sie hatten ihn schwer genug verletzt, sodass er sich dazu entschieden hatte, gebissen zu werden. Im Endeffekt war also alles glimpflich ausgegangen, aber Tims Beschützerinstinkt hatte ihn sicher immer noch fest im Griff. Nicht einmal der sanftmütige Arzt war immun dagegen. Immerhin war sein Gefährte in Lebensgefahr gewesen.

»Es geht ihm den Umständen entsprechend«, erklärte Alec. »Er hat Angst vor dem, was ihn erwartet. Das sollte er auch.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Cam trommelte auf dem Tisch herum. »Na ja, das ist eigentlich nicht mehr unsere Angelegenheit. Er wird genauso wie wir morgen erfahren, wie es weitergeht.«

»Wo ist die Jacke, die du Appleton weggenommen hast?«, fragte Daryl. »Nehmen wir die morgen mit?«

Cam deutete auf die Schrankwand hinter ihm. »Da drin. Und, nein, wir nehmen morgen gar nichts mit. Wenn der Rat beschließt, der Sache weiter nachzugehen, werden sie ihre Leute herschicken.« Er wandte sich an Alec. »Eigentlich sollten wir die Jacke an einem noch sichereren Ort aufbewahren.«

»Ich kümmere mich darum, sobald wir hier fertig sind.«

»Danke.« Cam lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Die Anhörung morgen findet im Hauptquartier des Rats statt. In der Nähe von Ashcombe.« Erneut sah er nacheinander all seine Betas an. »Bringt jeweils zwei Leute aus eurer Einheit mit, aus Sicherheitsgründen. Newell mag jetzt zwar auf dem Radar des Rats sein, aber ich vertraue ihm nicht.«

Alle nahmen es als Signal, dass das Meeting beendet war. Sie erhoben sich und verließen stumm den Raum, bis nur noch Cam und Alec übrig waren.

Alec ging zum Schrank und öffnete ihn. Die Plastikfolie, in die die Jacke eingewickelt war, stand leicht offen. Marks nun vertrauter Geruch schlug ihm so überraschend entgegen, dass er erstarrte. Die Erinnerungen an den Morgen brachen über ihn hinein. Sofort erwachte sein Wolf. Es dauerte einen Moment, bis er ihn wieder unter Kontrolle hatte.

Cam trat neben ihn. Er hatte Alecs Reaktion eindeutig bemerkt. »Und du willst ihn sicher nicht wiedersehen?«

»Nein.« Wenn er nach nur einer Nacht mit Mark so reagierte, hatte er einen weiteren guten Grund dafür. »Mein Leben ist schon kompliziert genug.«

»Meinst du im Moment oder prinzipiell?«

Alec sah ihn von der Seite an. »Es war nur eine Nacht. Sie hat nicht mehr oder weniger bedeutet als andere One-Night-Stands.«

Cam brummte. »Bist du dir sicher?«

Alec wandte sich zu ihm um und versuchte, die Jacke zu ignorieren. »Willst du etwa, dass ich mich mit jemandem aus dem Primrose-Rudel einlasse? Und das, während der Rat Nachforschungen über unsere Rudel anstellt?«

»Gut, es ist nicht ideal, aber …«

»Nichts aber. Ich werde ihn nicht wiedersehen, es gibt nichts zu bereden.«

Cam seufzte und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Alec, ich sorge mich um alle Mitglieder meines Rudels. Auch um dich. Manchmal ganz besonders um dich.«

Alec musterte eingehend seine Schuhe und versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie unangenehm ihm dieses Gespräch war. »Es geht mir gut. Du musst dir keine Sorgen machen.«

»Du bist ein wundervoller Beta. Durch und durch loyal. Ich würde dir mein Leben anvertrauen und auch das jedes anderen Rudelmitglieds. Aber es geht dir nicht gut. Du bestrafst dich immer noch für etwas, das nicht deine Schuld war.«

»Ich bestrafe mich nicht.«

»Bist du dir sicher?«, fragte Cam sanft. »Ich kann mich noch daran erinnern, wie du früher warst, Alec. Damals hattest du nicht diese kühle, undurchdringliche Fassade, die jetzt jeder für dein wahres Ich hält. Du hast nicht jeden auf Abstand gehalten. Der Alec von früher hätte jede Chance wahrgenommen, einen Gefährten zu finden. Der Gedanke, dass vielleicht eine Möglichkeit besteht, hätte dich zum Lächeln gebracht.«

»Menschen ändern sich. Das kann passieren.«

Ich habe mich verändert.

»Ich weiß das. Glaub mir, ich weiß es.« Ein Schatten fiel über sein Gesicht. Sofort verfluchte Alec seine Worte. Wie hatte er nur so unsensibel sein können? Cam wusste das genauso gut wie er, besser sogar. Er hatte seine Frau verloren. »Aber es ist zehn Jahre her, Alec. Vielleicht ist es an der Zeit, die Vergangenheit loszulassen. Ich sage ja nicht, dass es ausgerechnet Mark sein muss, aber … Du könntest ja mal versuchen, jemanden an dich heranzulassen.«

Alec musterte die Jacke, dann Cam. Er konnte seinen Alpha nicht anlügen. »Ich weiß nicht.«

»Denk doch zumindest darüber nach, endlich reinen Tisch mit Nathan zu machen. Kostet es euch beide nicht viel zu viel Energie, einander ständig aus dem Weg zu gehen?« Das leise Lachen hatte er wohl nicht unterdrücken können.

Alec schüttelte den Kopf. »Jetzt mach aber mal halblang.« Er griff in den Schrank und nahm die Jacke an sich, hielt sie aber ein Stück von seinem Körper weg. Der Geruch des feindlichen Wandlers haftete noch immer daran. Alec konzentrierte sich lieber darauf, statt auf Marks Duft. »Ich verpacke die hier lieber noch besser und bringe sie an einen sicheren Ort.«

»Danke. Und denk darüber nach, was ich gesagt habe, Alec. Bitte.«

Alec nickte. »Mache ich.« Er verließ den Raum und schlug den Weg zu seiner Wohnung ein, wobei er peinlich genau darauf achtete, die Jacke nicht zu berühren.

Tim lehnte an der Wand neben seiner Wohnungstür. Er sah auf und lächelte. »Hey. Ich dachte schon, du kommst nie.«

Alec hielt die Jacke hoch. »Ich muss mich noch um das hier kümmern.«

»Ist das alles?« Er deutete auf Alecs Gesicht. »Du siehst irgendwie ein bisschen fertig aus.«

»Tue ich das?« Alec zog mit einer Hand die Schlüssel aus der Tasche, sperrte die Tür auf und betrat seine Wohnung. Tim folgte ihm.

»Ja. Aber keine Sorge, ich will dich nicht ausfragen. Deshalb bin ich nicht hier.«

Alec ging in sein Schlafzimmer und blieb vor dem Kleiderschrank stehen.

Tim wartete im Türrahmen. »Was wirst du damit machen?«

»Ich weiß nicht genau. Kannst du mal schauen? Vielleicht fällt dir etwas ein.«

Tim kam auf ihn zu, öffnete den Schrank und besah sich den Inhalt. Schließlich deutete er auf einen Kleidersack. »Was ist da drin?«

»Einer meiner Anzüge, den habe ich letzte Woche aus der Reinigung geholt.«

»Hattest du ihn seither an?«

»Nein.«

Tim grinste. »Dann ist das wahrscheinlich das geruchloseste Objekt, das du besitzt.«

»Stimmt.«

Sie tauschten den Anzug gegen Marks Jacke aus und hängten beides zurück in den Schrank. Alecs Wohnung war sicherer als der Konferenzraum und sie hatten keinen Safe, der groß genug war, also musste das hier genügen.

Alec führte Tim zurück ins Wohnzimmer und ließ sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. »Also, warum bist du hier? Ich schätze, nicht beruflich?«

Tim setzte sich aufs Sofa. »Nein. Außer, du verbirgst eine lebensbedrohliche Verletzung vor mir?«

»Nein.«

»Ich wollte nur sehen, wie es dir geht. Vorhin habe ich ein bisschen von dem Gespräch zwischen Cam und dir mitbekommen. Ich habe mir Sorgen gemacht.«

Alec seufzte und schloss die Augen. »Fuck, nicht du auch noch. Es geht mir gut, wirklich.«

»Ich weiß, dass das Datum wieder näher rückt. Aber normalerweise bist du nicht so leichtsinnig … Also zumindest nicht, wenn der Tag noch nicht da ist. Ich will dir nicht zu nahetreten, aber … Mark Appleton? Was zur Hölle hast du dir dabei gedacht?«

Bis auf Cam und die anderen Betas war Tim der Einzige, der so mit ihm reden durfte, ohne gegen die nächstbeste Wand geklatscht zu werden. Trotzdem, sein Tonfall gefiel Alec nicht. »Wenn du uns belauscht hast, dann hast du ja auch gehört, was Cam gesagt hat: Es ist nicht so tragisch.«

»Ich weiß, aber …«

»Lass es, Tim. Bitte.«

Das Schweigen währte so lange, dass es schon fast unerträglich wurde. Endlich sagte Tim: »Okay. Es tut mir leid, ich wollte dich nicht wütend machen. Ich mache mir nur Sorgen.«

Alec rieb sich über die Augen. Er war so müde. »Ich weiß. Und danke, aber das musst du nicht. Gestern war einfach ein beschissener Tag, der viele alte Wunden wieder aufgerissen hat. Ich musste etwas Druck loswerden. Jetzt geht es wieder.«

Ein leichtes Lächeln zerrte an Tims Mundwinkeln. »Ich würde es so gerne mitkriegen, wenn Newell es herausfindet. Er wird so was von stinksauer sein.«

Ein ungutes Gefühl breitete sich in Alecs Magengegend aus. »Oh, ganz sicher.« Alpha Stephen Newell hatte willentlich das Leben eines seiner Rudelmitglieder aufs Spiel gesetzt. Und das nur, um Cam in Schwierigkeiten zu bringen.

»Und es reicht schon, wenn er hört, dass ihr gestern im Club miteinander gesehen wurdet. Stell dir mal vor, er kriegt raus, dass ihr Sex hattet.«

Alec sagte nichts.

Tim verengte die Augen. »Bitte sag mir, dass er nicht am ganzen Körper nach dir gerochen hat. Du hast doch darauf geachtet, dass Mark nicht zu stark nach eurer wilden Nacht riecht?«

Alec zuckte mit den Schultern.

»Verdammt noch mal, Alec!«

»Ich habe ihm gesagt, er solle vorsichtig sein.«

Tim starrte ihn ungläubig an. »Oh, na ja, dann ist ja gut. Solange du ihm gesagt hast, dass er vorsichtig sein solle.«

Alec seufzte und erwiderte Tims Blick. »Was hätte ich denn deiner Meinung nach tun sollen? Er ist alt genug, um seine eigenen Entscheidungen zu treffen.«

»Das ist totaler Blödsinn und das weißt du auch. Wie alt ist er? Dreiundzwanzig, vierundzwanzig?«

Alec nickte.

Tim fluchte leise. »Fuck. Du hättest dafür sorgen sollen, dass er erst nach Hause geht, wenn dein Geruch verflogen ist.«

»Und wie genau hätte ich das machen sollen?«

»Keine Ahnung. Aber du kannst ihn doch nicht einfach so zurück in die Höhle des Löwen schicken, nachdem du deinen Spaß mit ihm hattest.« Tim seufzte, als Alec nicht antwortete. Aber was hätte er schon sagen sollen? Sie wussten beide, dass Tim recht hatte. »Denkst du, Newell wird Mark bestrafen? Ich meine, Cam schien wegen der Sache nicht sonderlich besorgt.«

Alec lachte hohl. »Newell ist nicht Cam.«

»Nein, das ist er nicht. Denkst du, er wird glauben, dass es nur Sex war? Kein ausgeklügelter Plan deinerseits?« Als Alec eine Augenbraue hob, schluckte Tim. »Nicht wirklich, oder?«

Das war noch ein Grund dafür, Mark nicht wiederzusehen. »Hoffen wir einfach, dass er schlau genug ist, seinem Alpha aus dem Weg zu gehen, bis mein Geruch verflogen ist.«

Tim starrte ihn an. Er wirkte immer noch wütend. »Ja«, sagte er düster. »Lass uns das hoffen.«

KAPITEL FÜNF

»Hey, Mark?«

Mark schreckte aus dem Schlaf auf. Als er die Augen öffnete, erblickte er Will, der in sein Schlafzimmer spähte. Er gähnte, setzte sich auf und ächzte. »Ich bin total kaputt. Wie spät ist es?«

»Zehn nach zwölf«, sagte Will, betrat das Schlafzimmer und schloss die Tür hinter sich. »Jason ist hier.«

»Shit.« Mark hob eine Schulter und versuchte, an sich zu schnuppern. »Rieche ich noch nach Alec?«

Will kam kopfschüttelnd näher. »Was ich nicht alles für dich tue.« Er blieb neben dem Bett stehen, beugte sich über Mark und beschnupperte ihn. Sofort verzog er das Gesicht. »Ja. Du riechst immer noch nach der wilden Nacht, die du gestern hattest.«

Mark lächelte, als die Erinnerung in ihm hochstieg. Doch dann sah er zur Tür. »Ist er im Wohnzimmer?«

»Ja. Er hat mich gebeten, dich aufzuwecken. Anscheinend muss er etwas Wichtiges mit dir besprechen.«

»Verdammte Scheiße.« Rasch griff Mark nach seiner Jeans, die auf dem Boden lag. »Na ja, ich habe sowieso überlegt, ob ich es ihm erzählen soll. Sieht so aus, als habe ich nicht wirklich eine andere Wahl.« Er schlüpfte in die Jeans und erwiderte Wills Blick. »Was denkst du, wie wird er es aufnehmen?«

»Ich weiß nicht. Aber ich halte es für die richtige Entscheidung.«

Im Grunde genommen gab Mark ihm recht. Er wollte keine Geheimnisse vor seinem Beta haben. Aber trotzdem freute er sich nicht unbedingt darauf, es ihm zu erzählen. »Komm, lass uns gehen, ich will das hinter mich bringen.«

Jason sah auf, als sie ins Wohnzimmer kamen. Will ließ Mark den Vortritt und Mark erkannte ganz genau den Moment, in dem Jason sein Geruch auffiel. Jasons Nasenflügel weiteten sich und er zog die Augenbrauen so weit nach oben, dass es schon fast witzig aussah. »Gibt es vielleicht etwas, das du mir sagen solltest?«

Mark ließ sich mit einem Seufzen auf einen Stuhl fallen. »Ja.« Will setzte sich neben Jason und schenkte Mark ein aufmunterndes Lächeln. Je schneller er es aussprach, desto schneller wäre es vorbei. So, als würde man ein Pflaster abreißen … »Ich hatte Sex mit Alec Knight.«

»Aha.« Jason wirkte kein bisschen überrascht.

Verdammt, rieche ich wirklich noch so stark nach ihm?

»Und, hast du vor, ihn wiederzusehen?«

»Nein. Ich denke, das war nur eine einmalige Sache.«

Jason hielt inne und musterte Mark neugierig. »Aber du wünschst dir, es wäre anders?«

»Nein, ich …«

Was? Will ich ihn etwa wiedersehen?

Alec erschien vor seinem inneren Auge. Die dunklen Augen, die breiten, muskulösen Schultern … Die Antwort lautete eindeutig ja. Will schnaubte und Mark warf ihm einen wütenden Blick zu, bevor er sich wieder an Jason wandte. »Wenn die Situation eine andere wäre, ja, dann würde ich ihn gerne wiedersehen. Aber er ist Beta in einem Rudel, das Newell hasst. Ich schätze, es wäre keine gute Idee.«

»Hmmm«, äußerte Jason. »Aber es war eine gute Idee, mit ihm ins Bett zu gehen?« Er sah nicht wütend aus, eigentlich eher amüsiert.

»Na ja, ich war möglicherweise ein bisschen betrunken. Und wütend.« Er sagte nichts mehr. Will wusste ja noch gar nicht, was gestern Morgen geschehen war …

Jason warf Will einen kurzen Seitenblick zu, dann widmete er sich wieder Mark. »Das ist nachvollziehbar. Ich hätte mich unter diesen Umständen wahrscheinlich ähnlich gefühlt.«

»Wirst du es Newell sagen?«, fragte Mark, knabberte nervös auf seiner Unterlippe herum und wartete auf Jasons Antwort.

»Nein. Und ich denke, du solltest das auch nicht tun.« Jason schickte Will einen weiteren dieser nicht sonderlich subtilen Blicke. Diesmal fiel es ihm auf. »Soll ich etwa rausgehen?«, fragte er und schaffte es, nicht die Augen zu verdrehen.

Jason hob den Arm und legte Will die Hand auf den Nacken. »Nein, das wird nicht nötig sein. Entschuldige, dass ich dir nicht mehr über die ganze Sache erzählen kann. Es ist zu deiner eigenen Sicherheit, du musst mir da einfach vertrauen.«

»Okay.« Will ließ sich wieder in die Sofakissen sinken.

Jason ließ ihn los und verschränkte die Hände in seinem Schoß. »Alpha Newell steht in letzter Zeit sehr unter Druck. Er ist … In letzter Zeit ist er nicht ganz er selbst.« Jason seufzte und Mark hatte den Eindruck, dass Newell nicht der Einzige war, der unter Druck stand. »Deshalb solltet ihr die Sache mit den Jacken für euch behalten. Sagt niemandem, von wem ihr sie bekommen habt oder warum.«

Will zog die Stirn in Falten. »Aber ich habe es schon meiner Schwester erzählt.«

»Scheiße.« Jason vergrub den Kopf in den Händen. »Okay, erzähl es einfach sonst niemandem, solange die ganze Sache noch nicht vorbei ist.«

Will sah von Jason zu Mark, dann wieder zu Jason. »Welche Sache?«

»Ich kann es dir noch nicht sagen, aber du wirst es bald herausfinden.« Er stand auf und glättete die Falten seiner Jeans, dann sah er Mark an. Es gibt morgen ein Treffen außerhalb unseres Reviers. Ich komme um neun Uhr fünfzehn und hole dich ab. Versuch bis dahin, deine Wohnung nicht zu verlassen, und dusch noch ein paarmal. Wenn wir Glück haben, ist der Geruch morgen verflogen.« Bevor er zur Tür ging, musterte er sie beide eingehend. »Seid einfach vorsichtig in den nächsten Tagen, ja?«

Sie nickten beide.

Mark begleitete ihn zur Tür. »Wir sehen uns dann morgen.«

Jason kam näher und legte die Nase an Marks Hals. Die Geste beruhigte ihn sofort. Schließlich lachte Jason leise. »Fuck, Mark, du hast wirklich ein verdammt schlechtes Timing. Versuch morgen, Newell nicht zu nahe zu kommen.«

»Ich gebe mein Bestes.« Das würde sicher nicht allzu schwer werden. Mark hatte keinerlei Intention, sich Newell mehr als nötig zu nähern.

»Ich erzähle dir alles Weitere, wenn ich dich morgen abhole.« Jason tätschelte noch einmal Marks Nacken, dann öffnete er die Tür und ging.

Als Mark ins Wohnzimmer zurückkehrte, sah Will ihn ungläubig an. »Was zur Hölle war das denn?«

»Du weißt, ich kann nicht …«

»Ich weiß. Und bisher war das ja auch okay für mich. Aber ernsthaft, Mark? Ein Treffen außerhalb des Reviers? Seit wann bist du so wichtig?« Er stand auf und begann im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. »Ich dachte, du warst gestern nur der Fahrer. Und was hat das alles mit den verdammten Jacken zu tun? Warum dürfen wir niemandem davon erzählen? Habe ich Jen jetzt in etwas mit hineingezogen?«

Mark starrte ihn an. Welche Frage sollte er zuerst beantworten und wie viel durfte er erzählen? »Ach, scheiß drauf«, murmelte er. Es würde sowieso bald alles herauskommen. Es war ja nicht so, als könnten sie die Tatsache verbergen, dass der verdammte Rat der Alphas die Sache untersuchte. Will war sein bester Freund, Mark würde ihm sein Leben anvertrauen. Aber … »Ich will es dir ja erzählen, wirklich. Aber Jason meinte, es sei sicherer für dich, wenn ich es nicht tue. Ich versuche, nicht zu sehr über die Hintergründe nachzudenken … Aber es ist wahrscheinlich wirklich besser, wenn du so wenig wie möglich weißt.«

Will blieb direkt vor ihm stehen. »Jetzt machst du mir Angst.«

Mark seufzte und fuhr sich durchs Haar. »Die Gerüchte stimmen. Alpha Harley hat Newell beim Rat der Alphas angezeigt. Es hat etwas mit dem Angriff auf Seb zu tun. Mehr kann ich dir wirklich nicht sagen, also frag bitte nicht.«

»Verdammte Scheiße.« Will begann wieder damit, im Wohnzimmer herumzutigern. Ab und zu blieb er stehen, um Mark ungläubig anzustarren. »Aber was wirft er ihm vor? Nein, nein, du musst nicht antworten, ich denke nur laut.« Schließlich blieb er stehen und warf sich aufs Sofa. »Und was hat das mit diesen verdammten Jacken zu tun?«

Mark hätte ihm so gerne alles erzählt. Aber Jasons Warnung ging ihm erneut durch den Kopf und er blieb stumm. Er wusste nicht genau, warum Jason das gesagt hatte, außer, Alpha Harley sprach die Wahrheit. Aber Jason sagte Dinge nicht einfach so. Also würde Mark genau das tun, was Jason ihm befohlen hatte. Wenn sich herausstellte, dass Harley recht hatte und Newell tatsächlich getan hatte, was er ihm vorwarf … Fuck, was würde dann aus dem Rudel werden?

Eins nach dem anderen.

Zuerst musste er sich darum kümmern, dass er bis zum Meeting morgen nicht mehr nach Alec roch. Und nach Sex.

»Ist es schon besser?« Mark stand im Badezimmer, ein Handtuch war um seine Taille gewickelt. Will schnupperte zögerlich an ihm.

»Ja. Ich meine, wenn ich ganz nahe komme, kann ich ihn immer noch riechen … Aber es sollte schon okay sein, wenn niemand bewusst an dir schnuppert.«

»Gut.« Das musste reichen.

Will folgte ihm ins Schlafzimmer und schloss die Tür. »Hey, denkst du, Alec hat irgendjemandem davon erzählt? Er kann sich ja sicher nicht so wie du den ganzen Tag in seiner Wohnung verstecken.«

»Keine Ahnung.« Darüber hatte Mark noch gar nicht nachgedacht. Er war zu beschäftigt mit den Problemen seines eigenen Rudels gewesen. Steckte Alec in Schwierigkeiten? Hoffentlich nicht. Aber andererseits schätzte er Alpha Harley nicht so ein, dass er jemanden für einen One-Night-Stand bestrafte. Während sein eigener Alpha … Er wollte es lieber nicht herausfinden.

»Beeil dich lieber, in einer Viertelstunde ist Jason hier.«

Mark griff nach seiner Uhr und sah darauf, als er sie über sein Handgelenk streifte. »Shit«, murmelte er. Was zur Hölle sollte er für so einen Termin anziehen? Er hatte keine Ahnung. Jason hätte es sicher erwähnt, wenn er sich etwas Schickes anziehen sollte. Also zog Mark eine dunkelblaue Jeans und ein langärmeliges, graues Shirt aus dem Schrank. Schick, aber nicht übertrieben.

Will folgte ihm, als Mark ins Vorzimmer ging. Er zog sich gerade die Schuhe an, als Jason an der Tür klopfte. Mark richtete sich auf und zog Will in eine feste Umarmung. »Danke, dass du mir gestern Gesellschaft geleistet hast. Ich hätte mich sonst zu Tode gelangweilt.«

»Kein Problem.«

»Bitte sperr die Tür hinter dir zu, wenn du gehst. Und pass heute gut auf dich auf.« Mark spürte, wie Will sich anspannte, und drückte ihn noch fester.

»Du auch.«

Bevor Jason erneut anklopfen konnte, öffnete Mark die Tür und trat nach draußen.

Jason begrüßte ihn, kam einen Schritt näher und schnupperte an ihm. »Besser«, sagte er nur.

Sie gingen schweigend zum Treppenhaus. Mark war sich nicht sicher, ob er schon Fragen stellen durfte oder nicht. Als sie an der Treppe angekommen waren, hielt er es nicht mehr aus. »Alsooo …«

Jason blieb stehen, legte den Kopf schief und lauschte für einen Moment. Dann setzte er sich auf die oberste Treppenstufe. Mark tat es ihm gleich. »Okay, ich erzähle dir schnell, wie es ablaufen wird. Dann müssen wir los, die anderen warten.«

Бесплатный фрагмент закончился.

632,34 ₽

Жанры и теги

Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
02 октября 2025
Объем:
300 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783960894575
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги