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Anna Schreiber
Körper sucht Seele
Anna Schreiber
Körper sucht Seele
Eine Psychotherapeutin blickt zurückauf ihre Zeit als Prostituierte
Mit einem Geleitwort
von Eugen Drewermann
Inhaltsverzeichnis
Geleitwort von Eugen Drewermann
Vorwort
Wie alles begann
Zeitsprung
Innensicht
Es fängt arglos an
Überschreiten ihrer eigenen Grenzen
Das Gefühl „falsch“
Heutige Sicht
Das Erleben des Getrennt-Seins
Die Trennung ist eine Illusion
DER ERSTE FREIER
Zeitsprung
Außensicht
In roten Stiefeln in die Hände fremder Männer
„Geschäftstreffen“ zum Sex gegen Geld
Innensicht
Der männliche Blick auf „käufliche“ Frauen
Ausgleich durch Geld
Das erste Mal – eine unheilvolle Initiation
Geld für „verrichtete“ Sexualität
Heutige Sicht
Die unheilvolle Verbindung von Sex und Geld
Sexualität: Dienst am Leben versus Ort der Grausamkeit
DIE AGENTUR
Zeitsprung
Außensicht
Im idyllischen Dorf
Ein verklemmter Mann und der neue Ton
Eine gewisse Alltagsroutine
Innensicht
Prostitutionsname
Die Bordellbetreiberin
Bezahlt wird das Sich-auf-den-Mann-Einstellen
Der Mythos der Freiwilligkeit
Der Mann sagt, was er „will“ – die Prostituierte gibt, was er „braucht“ – zwei Beispiele
Die Erregung des Mannes am Widerstand der Frau
Fragen nach dem Privatleben
Dissoziation
Der Prostitutionsverdienst – zwischen Stolz und Scham
Loyalität der Frauen untereinander
Alkohol
Verachtung
Heutige Sicht
Die Sehnsucht des Mannes und Pornografie
Pornokonsum und seine Auswirkungen
ESCORTSERVICE UND HAUSBESUCHE
Zeitsprung
Außensicht
Escortservice
Hausbesuche
Fürst Metternich
Der Flugmodellkonstrukteur
Begleitung in Clubs
Paar ordert Paar
Innensicht
Warum ein Callgirl in der ehelichen Wohnung
Wie Prostitution die Ehe erhält
Warum Kontakt gefährlich ist
Die Frau als schmückende Beilage – der Hedonist
Ein geliebter Mensch darf keinen Sex gegen Geld machen
Heutige Sicht
Männer machen Prostituierte
Die Not der Männer, ein Tabu: Um Not zu lindern, müssen wir die Not derer verstehen, die sie verursachen
Die unerfüllte Sehnsucht des Mannes nach der Frau
Sehnsucht und Liebe
Intuition und intersubjektive Wahrnehmung
Paardynamik der Abweisung
Wenn der eigene Mann zu einer Prostituierten geht
Weibliche Selbstabwertung und Fehlannahmen
GEFAHR UND RETTUNGSVERSUCHE
Zeitsprung
Außensicht
Wohnwagen
Devot
Ich finde meinen Körper nicht mehr
Eine Lösung muss her: Telefonsex
Eine Lösung muss her: Strip, Bar und Séparée
Eine Lösung muss her: Anspruchsvoller Club
Das letzte Mal
Innensicht
Devote Szenerie
Harmlose Unterhaltung in harmlosen Etablissements?
Heutige Sicht
Prostitution: ein Beruf wie jeder andere?
Wenn äußere Verurteilung verinnerlicht wird
Innere Unvereinbarkeit – am Beispiel der On-off-Beziehung
DIE DOMINA
Zeitsprung
Außensicht
Outfit einer Domina
Ich lerne schnell
So kann es nicht weitergehen
Nie wieder Geld für Sex – es hört auf
Innensicht
Definitionen
Aktuelle Mediendarstellung
Wirkung der medialen Darstellungen
Der zahlende Mann bestimmt – auch hier
Was sucht ein Mann bei einer Domina?
Macht und Unterwerfung
Domina – auch ein Faszinosum für Frauen
Heutige Sicht
Begriffsklärungen
Nicht unsere Schwäche fürchten wir, sondern unsere Kraft
Unsere weibliche Göttinnennatur
In der Sexualität dem Mann als Göttin begegnen
DER WEG DES HEILENS
Zeitsprung
Die Heilung
Heilung geht den Weg über Verletzung
Nichtverurteilen heilt
Meine Heilungsräume und -wege
Heilungsraum: Klarheit
Heilungsraum: Liebesbegegnungen
Heilungsraum: Öffentlichkeit
DAS GUTE, DAS IST
Die Prostituierte als Lehrende
Die Prostituierte ist stolz
Die Prostituierte ist mutig
Die Prostituierte ist außergewöhnlich
Die Prostituierte weiß sich begehrt
Die Prostituierte verfügt über Wissen
Die Prostituierte kennt ihren Wert
Die Prostituierte zeigt sich
Die Prostituierte kennt Lösungen
Was mich die Prostitution gelehrt hat
Lust und Leid fließen ineinander
Dankbarkeit
Wie kostbar ist das Leben
Ich verneige mich tief vor dem Leid der Menschen
Die Tiefe männlicher Liebe
Ich achte die Weiblichkeit in ihrer Fülle
Wir sind lebenslang Lernende, Übende, Erforschende
Wir sind im Liebesdienst
Gewahr werden – manchmal bleibt nur das
Unser Körper als Eintrittspforte
Dank
Nachweis der Quellen
„Stark wie der Tod ist die Liebe,
die Leidenschaft ist hart wie die Unterwelt.
Ihre Gluten sind Feuergluten,
gewaltige Flammen.
Auch mächtige Wasser
können die Liebe nicht löschen,
auch Ströme schwemmen sie nicht weg.“
(Hoheslied 8,6–7)
Geleitwort von Eugen Drewermann
Wenn eine ehemalige Prostituierte beschreibt, was sie erlebt hat, erwartet man Erregendes, Aufregendes, Enthüllendes – die Fortsetzung erlittenen Leids durch Selbstveröffentlichung. Dies Buch ist anders. Es glaubt an die Liebe; und es findet sie selbst noch in den bizarrsten Formen des Begehrens, des Entbehrens, des Entehrens wieder.
Was sucht denn jemand wirklich, der „es“ sich für Geld besorgen lässt? Anerkennung sucht er, Gemochtsein sucht er, Bestätigtwerden sucht er – und verhindert es, indem er, was ihm als Person so wichtig ist, in eine käufliche Ware verwandelt. Er bestätigt das Gefühl des eigenen Unwerts, indem er seinen Wert abhängig macht von der Entwertung eines anderen.
Damit, ob er es weiß oder nicht, wird er selber ein Abhängiger. Er bekommt nie, was er sucht. Er wird ein Süchtiger. Er betrügt sich selbst. Er glaubt, seine Freiheit und Macht zu genießen, während er in Wahrheit ein Getriebener ist, ohnmächtig ausgeliefert dem Verlangen nach einer Erfüllung, die ihn immer mehr entleert. Was er als Liebe kauft, ist eine Hülle ohne Inhalt, ein kurzzeitiges Illusionstheater, das vielleicht ein wenig seine Sinne, niemals seine Seele zu befriedigen vermag. Und er bezahlt nicht nur mit Geld, er zahlt auch ein mit Schuld- und Schamgefühl und nicht zuletzt mit Einsamkeit und Selbstentfremdung. Die Rechnung, die da aufläuft, wird mit der Zeit schier unbezahlbar.
Was aber macht es mit der Frau, die für Geld „sowas“ mit sich machen lässt? Davon vor allem erzählt dieses Buch, aus persönlicher Erfahrung, in Beobachtungen, wenn „es“ geschieht, in Reflexionen über die Bedeutung des Geschehenen, in Rückblicken auf das, was damals war, und im Hinblick auf das, was es in der Gegenwart an Spuren hinterlassen hat.
In der Gegenwart ist die Autorin Psychotherapeutin, und um sich dahin zu entwickeln, musste sie die Zeit als Prostituierte einer ehrlichen Analyse unterziehen. Wie wird jemand eine „Käufliche“? – Nein, nicht in Selbstbestimmung und in freier Berufswahl. Sie hat keine Wahl. Sie hat einen Mann, den sie für ihren Retter hält und wirklich liebt und der sie doch nur schamlos ausnutzt, sie hat ein Kind, für das sie sorgen muss und dem sie niemals sagen kann, womit sie ihren Unterhalt verdient. Auch sie betrügt sich selbst. Auch sie ist eine innerlich wie äußerlich Getriebene. Wie hält sie durch, wenn sie sich hinhält?
Sie muss ihre Gefühle abspalten, sie muss darstellen und sein, was sie weder empfindet noch ist, sie muss ihre Seele aus dem Körper zurückziehen, bis er nur noch seelenlos bedienbar und bespielbar wird. In einer Berufsausübung ohne Berufung, in der ständig von Liebe die Rede ist, darf die Berufsausübende keinerlei Liebe mehr verspüren – es brächte sie um; denn es holte ihre Seele zurück, es brächte ihre Persönlichkeit wieder zum Vorschein. Das darf nicht sein, wenn es weitergehen soll. Nur: es geht nicht weiter.
Irgendwann wird der Ekel vor der Berührung, die keine ist, nur eine mit Geld kaschierte Gewalt, bis in die Symptombildungen des Körpers hinein unüberwindbar. Anna Schreiber hat dieses Gefühl immer höher getrieben und immer mehr an den Rand; um nicht mehr angefasst zu werden, floh sie als „Tänzerin“ auf die Bühne und als „Unterhalterin“ ins Séparée; schließlich wurde sie „Domina“, um Menschen zu beherrschen, die sie zur Sklavin der eigenen Selbstversklavung machten.
Es ist, als wenn die Wände der Seele durch den Druck ständiger Dissoziationen immer weiter auseinandergepresst würden und dazwischen ein Vakuum sich bildete, das keine Luft zum Atmen mehr enthält. Was rettet vor dem langsamen Ersticken?
Eigentlich nur dies: die Wahrheit und die Liebe. Doch wie kann man sie glauben in einer Welt der Lüge und Lieblosigkeit?
Was dieses Buch so faszinierend und in eigentlichem Wortsinne notwendig macht, ist das Verstehen, das es als Leitmotiv durchzieht. All das als unheilvoll Erlebte fügt sich zusammen, heilt und reift hindurch zu seiner Schönheit, Selbstachtung und Güte, weil es in allem und trotz allem niemals auch nur im Ansatz darum geht, in Klagen und Anklagen zu versinken. Es geht um Begreifen und Durcharbeiten, nicht um Urteilen und Verurteilen, um Wertungen und Abwertungen, um Anwürfe und Vorwürfe. Wohl: „Männer machen Prostituierte“, doch was machen Frauen mit Männern?
Statt zum „Kampf der Geschlechter“ aufzurufen, bestimmt dieses Buch die Einsicht, dass Männer und Frauen gerade infolge ihrer Unterschiedenheit einander brauchen, um sich zu ihrer Einheit zu ergänzen. Nicht von Schuld ist die Rede, sondern von Not, von Ausweglosigkeit, von Tragik und Verzweiflung. Es ist eine Ebene der Betrachtung, die das moralisierende Naserümpfen ebenso hinter sich lässt wie die gesellschaftliche Heuchelei mit ihrem Bestreben, die Urstromtäler der Liebe in ein gesetzlich geregeltes Kanalsystem für leistungsüberfrachtete Lastkähne zu verwandeln. Heilung ist nur möglich durch vorurteilsfreies Akzeptieren. Wer wüsste, wer benötigte das nicht so sehr wie jemand, der vollkommen draußen steht – außerhalb seiner selbst, außerhalb der Gesellschaft, außerhalb der Gemeinsamkeit, die er, wie jeder, braucht zum Leben?
Mit Absicht führt das Buch hin zu der Szene im Johannesevangelium, da die Schriftgelehrten eine Ehebrecherin zu Jesus bringen, die sie auf frischer Tat ertappt haben – ihre Schuld ist erwiesen, und nach Maßgabe des Gesetzes gehört sie dafür getötet durch Steinigung. So soll denn doch derart verfahren, meint Jesus, wer selber ohne Schuld erfunden wird. Wir alle leben nur, weil uns vergeben wird, doch selber können wir nur vergeben, wenn wir beginnen zu verstehen.
Dafür wirbt nicht dieses Buch, davon ist es überzeugt und davon überzeugt es jeden, der es liest. Man kann nur wünschen, dass es viele sind. Denn es umgeht die falschen politischen Fragestellungen: Soll man Prostitution als ein normales Gewerbe freigeben oder als Straftat kriminalisieren? Wer begreift, wovon er beim Wort Prostitution spricht, kann nur wünschen zu helfen, und Gesetze können nicht heilen, Verordnungen nicht das Herz eines Menschen ordnen; helfend und heilend ist einzig die Liebe.
Weil es eine Hymne ist auf die Liebe, gehört dieses Buch in die Hand so mancher Frau, die sich von ihrem Mann betrogen sieht, so manchen Mannes, der sich mit seiner Frau nicht mehr versteht, so manchen Mädchens, das inmitten seines Elternhauses sich verwaist und heimatlos vorkommt, so manches Jungen, der in den Pornodarstellungen auf seinem Handy Lust und Befriedigung zu finden hofft.
Es ist ein Buch, ergreifend subjektiv geschrieben, und doch gerade deshalb allgemeingültig in seiner objektiven Wahrheit. Es destilliert aus einem Meer von Leid das Heilmittel der Liebe, und das in einer feinen, scharfsinnigen, nie sentimentalen, doch emotional dichten Sprache. In den „Sachbüchern“ sonst läse man Auswertungen von Statistiken des Sexualverhaltens bei Menschen und Primaten, erführe etwas vom neuesten Stand der neurobiologischen Forschungen über die Ausschüttungen von Hormonen und die Wirkungsweise bestimmter Hirnareale – man lernte da manches; hier von alledem nichts. Hier lernt man der Sehnsucht zu folgen. Hier lernt man dem eigenen Herzen zu glauben. Hier lernt man zu lieben. Es ist kein Sachbuch. Denn Menschen, Gott sei Dank, sind nicht mehr länger Sachen.
Dr. Eugen Drewermann
Theologe und PsychotherapeutPaderborn, im Juni 2018
Vorwort
Es gibt immer ein Vorher.
Vor dem Anfang gibt es ein Vorher.
Jede Geschichte hat ein Davor.
Keine Frau kommt als Prostituierte auf die Welt.
In diesem Buch berichte ich über eine Zeit vor mehr als drei Jahrzehnten, in der ich als Prostituierte gearbeitet habe, und darüber, wie ich heute – im Alter von siebenundfünfzig Jahren – diese Zeit sehe. Ich beschreibe, wie ich sie im Inneren und im Äußeren erlebt habe. Ich versuche die Mechanismen und verdeckten Dynamiken der Prostitution verständlich zu machen, nicht nur theoretisch, sondern an einem konkreten – an meinem – Leben.
Jede Prostituierte hat eine Geschichte, wie sie zur Prostitution gekommen ist. Bei vielen Frauen gibt es eine direkte, unmittelbar der Prostitution vorausgehende Gewalt: Die Frau wird vergewaltigt und danach zur Prostitution gezwungen. Hier scheint es auf den ersten Blick klar, dass Männer Prostituierte „machen“, denn die Gewalt und der Zwang sind offensichtlich. Anders ist es bei Frauen, die sich vermeintlich freiwillig prostituieren. Hier ist kein Mann sichtbar, der sie zwingt, keiner hat ihnen die Ausweispapiere weggenommen. Sie könnten einfach weggehen, könnten jederzeit aufhören. Wie kommt eine solche Frau also dazu, sich zu prostituieren?
Prostitution ist Not und Schicksal.
Prostituierte werden „gemacht“ – durch Männer. Wenn wir die Not der Prostituierten lindern wollen, müssen wir uns auch mit der Not derer befassen, die diese Not verursachen: mit der Not der Männer.
Heute arbeite ich als Psychologische Psychotherapeutin in eigener Praxis, bin glücklich verheiratet, vielfache Großmutter, die beiden zauberhaften Töchter erwachsen. Seit Jahren erlebe ich bei meinen Klientinnen und Klienten so oft, wie weit verzweigt die Wirkungen und Auswirkungen von Prostitution reichen können. Dass es mir nach meiner Zeit in diesem Gewerbe vergönnt war, einen neuen Weg einzuschlagen, hätte ich mir in der Prostitutionszeit nicht mal wünschen können. Damals sah ich eine Zukunft, in der ich spätestens Mitte dreißig auf einem Bahnhofsklo krepiere.
Mein Weg nach der Prostitution führte mich, mit Umwegen und langer eigener Therapie, schließlich zum Psychologiestudium mit akademischem Abschluss. Viele Jahre habe ich als systemische Paartherapeutin gearbeitet, nach einem weiteren Studium wurde mir die ärztliche Approbation verliehen. Seit langem ist mein Lebensrhythmus geprägt von täglicher Zen-Praxis.
Wie alles begann
„Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf.“
Khalil Gibran
Ich wurde mir fremd. Ich wurde mir neu. Ich wurde mir unwirklich. Es war zu spät. Ich gab die Anzeige auf: „Langhaarige Studentin, 20, sucht solventen Herrn.“ Der letzte Schritt vor dem Rubikon. Dass ich mich auch noch zwei Jahre jünger gemacht hatte, spielte jetzt keine Rolle mehr. In den letzten Tagen war mir immer mulmiger geworden. Vor meiner eigenen Courage war ich erschreckt. Jetzt noch einen geordneten Rückzug zu wagen, bevor es zu spät sein könnte, rückte in immer unwirklichere Ferne.
Mein erster Kunde: ein Mann um die vierzig.
Mein letzter Kunde: ein Monteur im Hinterzimmer eines Striplokals.
Dazwischen: zwei lange Jahre als Hure, Hunderte „Kunden“ – Extremerlebnisse.
Das Elend von Verstrickung, irrigen Vorstellungen über Liebe und Körperlichkeit, das sich schon in der Kindheit seine ersten Linien bahnte, ist Vergangenheit.
Dieses Buch ist im Grunde ein unvollständiges Buch. Vieles, was ich niedergeschrieben hatte, habe ich schlussendlich wieder gelöscht – zum Schutz von und aus Achtung vor mir nahestehenden Menschen. So sind zum Beispiel die symbiotischen Verstrickungen einer destruktiven und gewalttätigen Beziehungsdynamik nur noch angedeutet.
Es ist meine Geschichte. Ich glaube aber, es ist mehr als nur meine Geschichte. Prostitution ereignet sich nicht einfach so: weder aus Geldgier noch aus Geilheit noch aus Perversion. In all den langen Jahren meiner Praxis als Therapeutin habe ich immer wieder von meinen Klienten gehört, wie verschlungen und verdeckt die Pfade sein können, die sie bis hin zum bezahlten Sex in das Elend der käuflichen „Liebe“ gezogen haben. Wie viele dieser Wege bin ich mit ihnen zusammen gegangen! Oft habe ich in Gedanken meinen eigenen Weg noch einmal durchschritten.
Dieser Weg beginnt Anfang der 1960er-Jahre in gutem katholischem Hause in einer deutschen Kleinstadt. Ein wohlerzogenes Kind. Klavier- und Geigenunterricht, Gymnasium, brav und schön. Das Motto zuhause: „Halte dich immer bedeckt. Zeige dich nicht.“ Möglichst unsichtbar sein. Ich hab’s versucht. Bloß nicht stören. Die Eltern, sie waren mit sich und ihrem beruflichen Fortkommen beschäftigt, sie haben mich übersehen. Ich habe sie nicht stören wollen. Auch nicht, als mich im Kinderzimmer ein Verwandter missbraucht – jahrelang. Meine Tränen, mein verzweifeltes Flehen nach den Eltern waren stumm. Die Tür blieb geschlossen. Keiner hat hingeschaut und hingehört, als Musiklehrer, Nachhilfelehrer und sogar der Religionslehrer dem Weg meines Verwandten folgten. Das Kind war folgsam, stumm – und verzweifelt.
Der Weg in die Prostitution beginnt nie mit einem Schritt über den Rubikon. Aber nach dem Schritt über den Rubikon wieder ein selbstbestimmtes Leben in Glück und Gesundheit zu erlangen, ist ein seltenes Geschenk. Sexuelle Gewalt oder auch emotionale Vernachlässigung werden sehr oft zunächst von der Familie nicht bemerkt, manchmal sogar geduldet, meistens negiert. Der Beginn – und das ist die bittere Erkenntnis meiner langen therapeutischen Praxis – liegt fast immer in der Kindheit. Die Sehnsucht nach Liebe, Zugehörigkeit, Zärtlichkeit, Nähe wird nicht erfüllt und öffnet damit die Einfallstore für sexuellen oder emotionalen Missbrauch, manchmal für Gewalt, oft für Abhängigkeit.
Ich bin vierzehn, im Tanzkurs, verliebe mich. Ein Junge, drei Jahre älter. Ich weiß nichts von seiner Kindheit. Ich weiß nichts von Kindheitstraumata und ihren Folgen. Ich weiß nichts davon, dass sich sexuelle und emotionelle Gewalt häufig fortsetzen. Mein Retter – glaube ich zumindest.
Mit sechzehn sitze ich bei meinem Retter auf dem Rücksitz seines Mopeds. An der Ampel dreht er sich zu mir um und sagt: „Übrigens, ich habe mit deiner Freundin geschlafen.“ Was macht ein braves Kind? Was hat es von den Eltern gelernt? „Zeige dich nicht. Halte dich bedeckt.“ Das sind die Mechanismen. Das sind die Weichen, die immer weiter zum Rubikon führen. Ich heirate meinen Retter mit gerade zwanzig Jahren. Das Abitur in der Tasche, keine Ausbildung, kein Einkommen, aber das Glück eines Kindes. Bei der Heirat bin ich im fünften Monat. Die Ehe bringt meinem Mann deutliche Vorteile: Damals mussten junge Männer noch zum Militärdienst, waren sie verheiratet, wurden sie manchmal nicht einberufen. Mit jedem Schwangerschaftsmonat entfernt er sich weiter von mir und meiner Hoffnung, wie Partnerschaft, Liebe und Wertschätzung zwischen Mann und Frau aussehen könnten.
Die Botschaft aus der Kindheit wirkt übermächtig: Du musst mit deinem Mann zusammenbleiben, bis dass der Tod euch scheidet. Egal, was geschieht, egal, was er tut, er ist dein Mann, der Vater deines Kindes.
Solche zementierten, einengenden Glaubenssätze verunmöglichen jungen Menschen oft situationsadäquate Handlungsweisen. Sie lassen sie immer tiefer in ihr Elend treiben. Belastende Kindheits- und Jugenderfahrungen, die wichtige Entwicklungsschritte verhinderten, sind der weitere Treibsand.
Ich muss alleine für unser Kind sorgen. Von der Caritas ein Jahr lang alimentiert. Meine Eltern, mein Mann, sie lassen mich im Stich. Und trotzdem halte ich zu ihm. Fühle mich ihm zugehörig und verbunden. Ich versuche es parallel zu Uniseminaren und Vorlesungen mit dem Verkauf von geklauten Äpfeln, suche irgendwelche Quellen, um das Nötigste für mein Kind und mich zu beschaffen. Irgendwann lande ich mit Kind im Tragetuch auf der Polizeiwache: im Supermarkt ein Pfund Käse gestohlen. Ich habe Glück. Es gibt keine Anzeige. Aber eine junge Polizistin. Sie fragt mich: „Was soll denn dein Kind mal von dir lernen? Dass man klaut?“ Da weiß ich, so geht es nicht weiter. Mein Vater versagt mir seine finanzielle Unterstützung: „Ich zahle doch nicht für das Kind, während dein Mann durch fremde Betten turnt!“
Freie Ehe, Gruppensex, mein Retter war fasziniert von dem, was er als Revolte gegen verkrustete Konventionen verstand. „Zeige dich nicht. Halte dich bedeckt. Gehorche deinem Mann.“ Sex als Konsum. Immer mehr. Immer neue Reize. „Gehorche deinem Mann.“ Sexualität und Geld. Ich brauche Geld. Den Job nachts als Bedienung kann ich nicht durchhalten. Eine Idee, eine Zeitungsanzeige. Der letzte Schritt vor dem Rubikon.
Zeitsprung
Im Haus meiner Eltern hingen im Treppenhaus viele Fotos, schon in meiner Kindheit. Meines Vaters Leidenschaft war das Fotografieren. Vielleicht, weil er ganz dabei sein konnte und zugleich verschwunden, nicht sichtbar. Im Keller hatte er ein Schwarz-Weiß-Labor eingerichtet. Damals wurde noch analog auf Film fotografiert. Wenn die rote Lampe an der Kellertür leuchtete, war das Eintreten streng verboten. Er entwickelte. Alle hielten sich daran. Er war ganz dabei und zugleich verschwunden. Zutritt verboten.
Mein Vater starb vor einigen Jahren. Eine dicke Staubschicht legte sich auf die großen schwarzen Geräte, und als meine Mutter aus dem Haus auszog, blieben einige der Schwarz-Weiß-Fotos hängen. Ich ging noch einmal durch das Haus. Nah und gleichzeitig fremd, weit weg.
Die Schwarz-Weiß-Fotos im Treppenhaus. Sie waren mir auf eigentümliche Weise so vertraut, dass ich sie wie mit dem Treppenhaus verwachsen und nicht mehr als Aufnahmen aus einer anderen Zeit wahrnahm. Plötzlich, wie ich das Mädchen mit ihren ernsten Augen, mit ihrer Weichheit hinter den ernsten Augen ansah, sah ich auch wieder auf die Fotos. Ich sah auf dem Foto eine junge Frau, die auf ihr Kind sieht. Ihr Kopf ist leicht schräg, die langen Haare fallen ihr ins Gesicht, sie hält ihr Kind auf dem Arm, lächelt ihr Kind an, ein kleines Baby, sie stützt den kleinen Rücken mit ihrer Hand, es kann noch nicht alleine sitzen, hält sich schon aufrecht und sieht ins Gesicht der Mutter. Ich erkenne mich. Ich bin die junge Frau. Die Mutter. Wie weich ihre Gesichtszüge sind. Wie kindlich ihr Gesicht. Wie liebevoll sie auf ihr Kind blickt. Ich erkenne mich und falle im selben Moment aus der Zeit – in die Zeit vor der Prostitution.
Ich falle in meine Erinnerung. Ich falle in meine Weichheit. Wie jung ich war. Voller Zuversicht und Zartheit. Unberührt in eigentümlicher Weise. Die Mutter und ihr Kind. Das Motiv der Madonna mit ihrem Kind. Geschützt und zugleich schützend. Geborgen und zugleich bergend. Es ist ein so langer Weg von mir heute bis zurück, bis hin zu dieser weichen, unberührten Zuversicht. Und doch ist der Weg da. Ist das Früher und das Heute in mir verbunden. Wie dankbar ich bin.
Die Augen der jungen Frau sind eine Spur zu ernst, finde ich. Vielleicht ist das aber auch nur meine Fantasie, weil ich um das Kommende weiß. Wie auch immer. Tief berührt hänge ich das Bild ab und trage es nach Hause. Vorsichtig. Wie wenn ihm nichts geschehen dürfte. Wie wenn die junge Mutter mit ihrem Kind mit behutsamen Händen und mit noch behutsamerem Herzen getragen werden müsste.
Der Abzug löst sich etwas ab von der Sperrholzplatte, auf die mein Vater ihn geleimt hat. Vorsichtig entstaube ich die junge Mutter mit ihrem Kind. Vorsichtig befestige ich den Abzug wieder auf seinem Untergrund. Ich mache das Bild langsam mit meiner jetzigen Wohnung vertraut. Ich lasse beide sich langsam kennenlernen. Ich lasse das Bild einen guten Platz suchen. Das dauert. Im Laufe der letzten Monate hat es schon mehrere Plätze gefunden. Es wandert durch meine Wohnung, bewohnt viele verschiedene Plätze, entfaltet verschiedene Wirkungen in meiner Wohnung – so, wie die Verbindung zu meiner Weichheit durch mich hindurchwandert – bis heute. Ich hätte es früher nicht für möglich gehalten, doch ich entdecke immer wieder aufs Neue und immer wieder staunend, wie empfindlich ich doch bin, wie weich, wie unberührt in gewisser Weise, wie kindlich.
Ich bin meinem Vater dankbar für diese Aufnahme von mir mit meiner ersten Tochter. Ich verstehe bis heute nicht, wie er so ganz dabei hat sein können und zugleich so unsichtbar, so nichtsehend. Wie konnte er nicht sehen, was mit seiner Tochter geschah in den kommenden Jahren? Ich kann ihn nicht mehr fragen. Wäre er noch am Leben, ich glaube nicht, dass er mir antworten könnte. Mein Vater hat auch in den folgenden Jahren einige Fotos von mir gemacht. Es gibt wenige, doch es gibt Aufnahmen aus meiner Prostitutionszeit. Die junge Frau bei Familienfeiern, an Weihnachten bei den Eltern. Wenn mir diese Fotos in die Hände geraten, bin ich jedes Mal aufs Neue erschreckt. Wieso hat das denn keiner gesehen? Es ist doch so offensichtlich! Schau doch bitte mal jemand in die Augen dieser jungen Frau! Tief traurig, tief dunkel, tief verletzt und weit entfernt. Schau doch bitte mal jemand auf die Art, wie sie sich kleidet unter dem Tannenbaum! Als wenn sie durch ihre Kleidung hätte sehen lassen wollen, was sie nicht auszusprechen in der Lage war. Sieht denn da keiner hin? Sind denn hier alle nicht anwesend? Ist denn hier überhaupt noch jemand daheim?
Doch kein Bild hat eine annähernd gleich starke Wirkung auf mich wie die Aufnahme der jungen Mutter, die sich über ihr Kind beugt, es liebevoll hält und anblickt. Sehe ich dieses Bild, dann schaue ich gleichsam auf mich selbst, weich und liebevoll, auf die junge Frau, die junge Mutter, auf ihre Zuversicht und ihr Gottvertrauen, auf die Liebe zu ihrem Kind. Ich bin tief dankbar für diese Liebe, die mich getragen hat, die meine Tochter getragen hat, die alles durchwirkt, die bleibt. Die Liebe, die ist.
Innensicht
Es fängt arglos an
Wie lässt sich rückblickend erklären, was von außen so unverständlich ist? Wie konnte die junge Frau – eine junge Frau wie jede andere, und doch nicht wie jede andere – das tun? Wieso hat sie niemand aufgehalten?
Eine junge Frau ist in einer Bedrängnis. Das ist das Gemeinsame vieler Lebensgeschichten von Frauen, die irgendwann einmal als Prostituierte gearbeitet haben. Die Situation ist meist sowohl emotional als auch finanziell bedrängend. Ohne finanzielle Not kommt äußerst selten eine Frau zur Prostitution. Ohne innere emotionale Not auch nicht. Bei mir kam beides zusammen. Ich hatte kein Geld. Ich fühlte mich emotional abhängig von meinem Mann. Er sagte, wo es langgeht, ohne Rücksicht auf Verluste, auf meine Verluste. Ein Leben ohne ihn konnte ich mir nicht vorstellen, nicht denken, nicht fühlen. Die Gründe für diese Abhängigkeit liegen in meiner Biografie. Das verstand ich erst später. In der damaligen Situation hielt ich diese Abhängigkeit für Liebe. So war für mich die folgerichtige Konsequenz, dass ich alles, was mir irgendwie möglich war, tun wollte, um in dieser Beziehung zu bleiben. Was für mich einen Wert hatte, was Treue zu mir war, war mir nicht nur völlig unwichtig, sondern auch unbekannt. Es galt, die Werte meines Mannes zu beachten. Es galt, in innerer Treue zu ihm zu stehen. Natürlich forderte er das auch ein. Natürlich gefiel es ihm auch, doch diese Einstellung brachte ich auch mit. Die mir heute selbstverständliche Klarheit, sich zuvörderst selbst treu zu sein, die eigenen Werte hochzuachten, die hatte ich damals nicht.
Dazu kam meine Sprachlosigkeit, mein Schweigen. Ich war gewohnt, das, was in mir war, für mich und bei mir zu behalten. Alles Innere, so ich es denn zu erfassen vermochte, machte ich „mit mir alleine aus“. Bei aller inneren Not in meiner Kindheit und als heranwachsendes Mädchen war ich bei allen Entwurzelungen und sexualisierter Gewalt in meiner Einsamkeit und Verwirrung allein geblieben. Es war mir so von Kindheit an vertraut, dass erstens das, was in mir ist, völlig abgetrennt und losgelöst von anderen Menschen ist, zweitens niemand es sieht oder versteht und ich drittens Unverständnis und gar Ablehnung erfahre, wenn ich mein Inneres mitteile. Ich war es gewohnt, eine Fassade zu zeigen. Gewünschtes war mir Befehl. Wie die Außenwelt, die wesentlichen Bezugspersonen, mich haben wollten, so verhielt ich mich. Mich über die Maßen anzustrengen und zu verbiegen, um zu gefallen, um dabeibleiben zu dürfen, um zugehörig zu sein, das war mein Normalzustand.
Überschreiten ihrer eigenen Grenzen
Die junge Frau überschreitet ihre eigenen Grenzen. Es fühlt sich für sie stimmig an, ihrem obersten Ziel verpflichtet: die Beziehung zu ihrem Mann um jeden Preis zu erhalten. Doch sie erkennt ihre Zielsetzung nicht als das, was sie ist: eine hochverstrickte, symbiotische Abhängigkeit. Die junge Frau übersieht, sie „überfühlt“ ihren emotionalen Schmerz, ihre innere Not, ihre innere Ausweglosigkeit. Sie verkauft sich ihr eigenes Verhalten als selbstgewählt, selbstbestimmt. Nach außen antwortet sie auf die Frage, wie sie denn damit leben könne, dass ihr Mann andere Frauen habe, mit denen er Tisch und Bett teile, und wie sie selbst mit diesen Frauen gemeinsam in einem Haus leben könne: „Ganz einfach, ist doch nichts dabei.“ Mit dieser Antwort auf eine Frage, die Verstehen sucht, bewirkt sie eine Vergrößerung des Nichtverstehens. Ihr Verhalten ist unverständlich. Ihre Antwort auch. Eine Antwort, die ihr Verhalten verständlicher machen könnte, müsste lauten: „Ich kann nicht anders. Ich weiß es nicht anders.“ Diese Antwort wäre einer Kapitulation gleichgekommen – davon abgesehen, dass die junge Frau diese Antwort nicht in ihrem Bewusstsein hatte, denn sie war dem bewussten Verstehen entzogen, ins Nichtbewusste verdrängt worden.
Mir wurde mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Bewunderung begegnet. Das gefiel mir. Was mir nicht gefiel, war das, was mein Mann tat, seine anderen Frauen. Es tat mir weh. Ich fühlte mich minderwertig. Ich kam mir als Frau ungenügend vor. Das durfte ich ihm nicht zeigen, denn dann hätte er sich von mir abgewandt. Das durfte ich andere Menschen nicht wissen lassen, denn damit hätte ich meine Abhängigkeit und Ohnmacht eingestanden. Das durfte ich selbst nicht fühlen, denn ich hätte dem Ausmaß meines inneren Ausgeliefertseins nicht standhalten können. So war ich mit meinem Schmerz allein. Meine Angst, Zugehörigkeit und Zuwendung zu verspielen, wenn ich meine Gefühle zeigte oder darüber spräche, war zu groß.
So überschritt ich meine eigenen Grenzen, die Grenzen, die mich hätten schützen sollen. Ich überschritt sie Mal um Mal. Ich war das Überschreiten gewohnt. Von Mal zu Mal nahm ich es weniger wahr. Ich nahm mich immer weniger wahr. Ich verlor meine eigene Wahrheit. Nach innen unerkannt. Nach außen unerkannt. Nach innen als selbstbestimmte Autonomie verkauft, nach außen als selbstbestimmte Autonomie verkauft. Ich verkaufte mich mir. Ich verkaufte mich anderen. Ich verkaufte mich.
Meine Ehe musste ich um jeden Preis aufrechterhalten. Das entsprach meiner familiären und religiösen Sozialisation. Ehebruch ist Sünde. Das galt in meiner Familientradition als in Stein gemeißelt. Ehebruch, so verdreht es klingen mag, bedeutete für mich „tun, was mein Mann nicht will“. So fühlte es sich an in meinem Gewissen. Der Ehemann definiert, was Ehebruch ist und was nicht. Mit dem erklärten Einverständnis meines Tuns durch meinen Ehemann fühlte sich meine „außereheliche“ Sexualität nicht wie Ehebruch an. Ehebruch hätte für mich bedeutet, Intimität mit einem anderen Mann zu leben, heimlich oder gegen den Willen meines Ehemannes. Mit seinem Einverständnis jedoch war mein Tun „ehelich“, damit nicht „sündig“. Aus heutiger Sicht wirkt es für mich völlig abwegig. Doch damals war mein inneres Erleben genau so und in dieser Weise stimmig.
Solch eine unheilvolle Verirrung, dem Willen des Gegenübers statt dem eigenen Gewissen zu folgen, habe ich in den Jahren danach bei den Therapien mit meinen Klienten bei vielen Paaren erlebt. Hat zum Beispiel ein Mann eine Außenbeziehung, unter der seine Frau leidet, so kommt manch einer auf die vordergründig absurde Idee, seiner Frau einen Liebhaber vorzuschlagen. Das eigene schlechte Gewissen soll damit entlastet werden. Angenommen, seine Frau lässt sich darauf ein – denn sie möchte sowohl ihren Mann nicht verlieren als auch ihren eigenen Schmerz beenden –, findet einen Liebhaber und beginnt ein Verhältnis. Der Ehemann ist zunächst erleichtert. Sein „schlechtes Gewissen“, weil er seine Frau betrügt, ist kleiner, denn seine Frau tut ja nun dasselbe. Der Frau geht es zunächst auch besser. Sie erfährt von dem anderen Mann Bestätigung, fühlt sich gewollt, attraktiv und ist darüber hinaus emotional abgelenkt. So weit, so gut. Für die Frau mag sich diese Situation ungewohnt anfühlen, doch empfindet sie sich nicht als Ehebrecherin. Das, was sie tut, geschieht mit dem Einverständnis ihres Mannes. Die Lage kippt genau in dem Moment, in dem die Frau, was nicht selten geschieht, innigere Gefühle zu dem anderen Mann entwickelt, sich diese Beziehung intensiviert. Der Ehemann merkt das früher oder später. Das nun will er nicht. Plötzlich wird aus dem herbeigerufenen, ungefährlichen Liebhaber ein Mann, der ihm in seiner Vormachtstellung gefährlich werden könnte. Genau das ist der Moment, in dem die Frau ein „schlechtes Gewissen“ fühlt. In genau diesem Moment regt sich in ihr ein Gefühl der „Schuld“. Die Frage „Tue ich etwas Verbotenes?“ taucht auf. „Darf ich das, was ich tue?“ Die Legitimation ihres Handelns kommt mit einem Mal auf den inneren Gewissensprüfstand. – Der Mechanismus, der hier greift, ist aus der Systemtheorie heraus gut verständlich: Die Mitglieder eines Systems haben, solange sie die ausgesprochenen oder nicht ausgesprochenen Regeln ihres eigenen Systems einhalten, ein „gutes Gewissen“. Sie verhalten sich regelkonform. Also konform den Regeln ihres eigenen Systems. Dabei ist nicht relevant, ob diese Regeln auch den Regeln anderer Systeme (hier: anderer Paare oder Familien) oder des umfassenderen Systems (hier: Kultur oder Gesellschaft) entsprechen. Das „schlechte Gewissen“ entsteht, wenn ein Mitglied eines Systems (hier: die Frau) sich an den nach außen begrenzenden Rand des Systems begibt oder gar den begrenzenden Rand des Systems überschreitet. Das „schlechte Gewissen“ ist ein Grenzgefühl, das anzeigt, dass ein Mitglied an den Randbereich heran gerät oder über den Rand des Systems hinaus; den Rand, der das eigene System von den anderen unterscheidet.
Die Schritte, die ich damals unternahm, die Handlungen, die ich initiierte, fühlten sich – so merkwürdig das anmutet – richtig und stimmig an. Ich handelte – was unsere Beziehungsgestaltung anbelangte – gemäß den Regeln „unseres“ Systems. Unser System war das meines Mannes. Meine eigene Prüfinstanz, mein eigenes Gewissen, hatte ich bereits verlassen, bevor es sich richtig entwickeln konnte, viele Jahre zuvor.
Das Gefühl „falsch“
Die tiefgreifende Aufspaltung, die meine gesamte Prostitutionszeit durchziehen sollte, stellte sich ein, als ich Geld für Sex bekam. Damit war der Rubikon überschritten. Ein Teil in mir wollte das nicht. Es war ein Gefühl von „falsch“. Diese Wahrnehmung kann ich deutlich unterscheiden von vielem anderen, was ich nicht wollte, weil es mir zum Beispiel weh tat, ich mich ausgeschlossen oder übergangen fühlte. Das Gefühl von „falsch“ ist anders. Nicht das bewusste Wollen stellt sich hier entgegen, auch nicht ein schlechtes Gewissen, es reicht tiefer. Es ist eine ganz tiefe, innere Wahrnehmung, die in die Richtung geht: Das jetzt stimmt ganz wesentlich überhaupt nicht! Die Wahrnehmung ist zugleich tief und sehr fein, wie ein feiner Ton, der leise und hoch zu vernehmen ist. Andere Klänge übertönen ihn leicht. Er verliert sich im Lauten und Vielstimmigen. Um diesen leisen Ton wahrzunehmen, bedarf es der Ruhe und der Stille. Es bedarf der Konzentration und der Suche. Woher kommt er? Was ist das für ein Ton? Ganz stille jetzt. Stehenbleiben. Lauschen. Aus welcher Richtung kommt er? Dieser Richtung leise und behutsam nachgehen. Den eigenen Ohren trauen. Leise auftreten. Behutsam atmen. Dem Ton folgen, beobachtend, in welche Richtung gewandt er langsam lauter und klarer wird. Den Klang finden. Manchmal, in der Stille der Nacht, oder wenn ich in der Natur war, an dem kleinen Fluss, an dem ich oft spazieren ging mit meiner Tochter, in der Geborgenheit des Waldes, vernahm ich diesen feinen Ton wieder. Er machte mich sehr traurig. Er machte mich auch ratlos.
Um im Bild zu bleiben: Mit dem Ton war auch ein Geruch verbunden. Es war ein unangenehmer Geruch, etwas Stinkendes, fauliger Schmutz, es war ein Geruch, der mir einen latenten Ekel verursachte. Dieser Geruch erschreckte mich anfangs. Mit der Zeit gewöhnte ich mich an den Geruch. Er war einfach da. Ich bekam ihn nicht los. Er war nicht über die Nase riechbar, so wie der Ton nicht über die Ohren hörbar war. Ich war mir nicht sicher, ob andere Menschen den Ton hören und den Geruch riechen konnten. Mein Kopf sagte nein, mein Gefühl sagte ja. Es fühlte sich so an, als ob sich der unangenehme Geruch durch mich und um mich herum verbreitete. Auch intensivste Waschungen veränderten ihn nicht. Vielleicht sind Prostituierte deshalb stark parfümiert? So begann ich, mit anderen starken Gerüchen meine Nase zu täuschen, mit lauten Tönen meine Ohren abzulenken. Der Geruch blieb, der Ton blieb. Viele Jahre blieben sie. Lange noch, lange nachdem ich nicht mehr in der Prostitution arbeitete, waren der Geruch des Ekels, der Ton des „Falsch“ noch bei und in mir. Ich fühlte mich dadurch kenntlich gemacht, erkennbar, welcher Sorte Frau ich angehörte. – Irgendwann hatte sich der Geruch verflüchtigt, der Ton war verklungen.
Rückblickend kann ich die Situationen sehr exakt identifizieren, in denen das Gefühl von „falsch“ auftauchte. Doch wollte ich dieses „Falsch“-Gefühl nicht haben. Es passte nicht in mein Bild von mir selbst, nicht in meine eigenen Gedanken über mich. Es passte nicht in meine Idee von mir. Mein Kopf hatte sich ausgedacht, wie ich mich gerne hätte. Diesem Plan entsprechend verkaufte ich mir mich selbst und der Welt im Außen. Ich bemühte mich, mir meine Idee von mir zu glauben. Doch das „Falsch“-Gefühl passte einfach nicht. So begann ich, das Nichtpassende zu eliminieren. Ich schnitt die Wahrnehmungen, die nicht kompatibel waren mit meinen Gedanken über mich, aus und verstaute sie, sorgfältig vor meinem Zugriff geschützt, in Bereichen meiner Psyche, zu denen ich damals keinen Zugang hatte. So störten die diskrepanten Wahrnehmungen meine Idee von mir nicht mehr. Meine Idee von mir passte nun besser. Ich hatte mich „passend“ gemacht. Die Idee von mir lautete ungefähr so: „Ich bin eine selbstbewusste und mutige Frau, die tut, was sie will, und sich in keiner Weise von kleinkariert-spießigen Konventionen einschränken lässt. Das, was sich keine traut, traue ich mich. Ich will meinen Mann behalten, denn wir gehören zusammen. Dafür tue ich alles.“ Ich gab mich nach außen unabhängig, selbst entscheidend, unberührbar. Dieses Selbstbild korrelierte mit meinem bewussten Denken. Ich sagte das nicht nur so, ich dachte es auch. – Anfühlen tat es sich jedoch nur sehr selten so und auch nur sehr schwach. Meistens fühlte ich anders. Doch das sagte ich nicht, noch nicht einmal mir selbst. Mein Denken über mich hatte ich schon passend gemacht. Mein Fühlen indes widersetzte sich noch beständig und widerständig der Stromlinienform. Bald vermochte ich auch mein Fühlen nicht mehr auszuhalten. Die Diskrepanz zwischen Innen und Außen wurde zu groß. Das innere Gefühl wurde zu stark, als dass ich es auch weiterhin hätte nicht beachten können. Es drängte sich unaufhaltsam stärker in meine Wahrnehmung. Ich fühlte mich beschmutzt, ausgestoßen, fremd, einsam, gezeichnet. Da ich mich außerstande sah, mich im Außen anders zu verhalten, musste eine Lösung im Innen her: Ich begann – in meinem vertrauten Muster – das unaushaltbare Fühlen nicht mehr zu fühlen. Ich wusste und verstand nicht, was ich tat, doch ich tat. Was unaushaltbar war, wurde „weggepackt“. Und so wurde es scheinbar und zunächst leichter. Dissoziation ist der psychologische Fachbegriff dafür. Das, was nicht mehr zusammengehalten werden kann, fällt auseinander: Gefühle und Körperwahrnehmungen zum Beispiel, Gedanken und Selbstbild, sind im Wohlfühlzustand in einem zusammengehörigen Miteinander, werden als zu uns selbst gehörig erlebt, können erinnert und benannt werden. Wenn das nicht mehr gelingt, fallen die einzelnen Teile auseinander, manche tauchen ins Unbewusste ab, werden „weggepackt“, manche tauchen als Körpersymptome wieder auf, als Schmerzen, als Krankheiten. Die Dissoziationsfähigkeit meiner Psyche, die ich mitbrachte aus meiner Kindheit, die mir damals schon mein psychisches Überleben gesichert hatte, begleitete und „beschützte“ mich nun wieder. Das Nicht-Aushaltbare wurde von mir immer weniger gefühlt. Es war ein langsamer Prozess, der sich auf immer mehr Bereiche ausdehnte. Mit dem ersten Geld, das mir für Sex bezahlt wurde, begann der Dissoziationsprozess sich in einem neuen Feld auszubreiten. Es war mir möglich, in meinem Bewusstsein das zu denken, was ich denken wollte. Es wurde mir möglich, mich selbst glauben zu machen, das, was ich tue, wolle ich. Die Dissoziation schützte mein Bewusstsein vor der Wahrnehmung des sich ausbreitenden Ekels, vor der Wahrnehmung der inneren Ausweglosigkeit, der emotionalen Abhängigkeit, der Enge, Hilflosigkeit und Einsamkeit. Die Dissoziation bewahrte mich davor, bewusst wahrzunehmen, dass ich meinen Körper verkaufte, um meinen Mann zu behalten, um die Zugehörigkeit nicht zu verlieren. Sie bewahrte mich davor, mit klarem Denken und Fühlen die Bedeutung und Tragweite zu ermessen, wie die Zusammenhänge zwischen meiner Prostitution, meinem Mann und seinen Freizeitaktivitäten waren.
Dissoziation ist eine Bewahrung, denn sie bewahrt vor Wahrnehmungen, die nicht aushaltbar sind. Dissoziation ist jedoch auch eine massive Einschränkung: Meine Sehnsucht zum Beispiel, nach liebevollem Kontakt zwischen meinem Mann und mir, spürte ich nun auch nicht mehr. Meine Sehnsucht danach, mich selbst als kostbar und wertvoll zu erleben. Meine Sehnsucht, als kostbare und wertvolle Frau geliebt zu werden, diese zutiefst menschliche Sehnsucht. Damals konnte ich weder erfassen, dass etwas Kostbares in mir im Begriff war, beschädigt zu werden, noch war ich imstande, dieses Kostbare zu schützen. Denn in meinem Bewusstsein war die autonome Selbstbestimmtheit. Die Beschädigung, Verletzung, Verwundung spürte ich nicht. Nicht mehr.
Heutige Sicht
Das Erleben des Getrennt-Seins
Was geht der inneren Kontaktlosigkeit voraus? Das Erleben einer abgetrennten inneren Welt. Das Erleben des Getrennt-Seins. Ein unbekanntes, dunkles Innen, einsam. Ein Außen, das unseren Wert in der Welt und für die Welt meint definieren zu dürfen. Die Aufmerksamkeit ist vom Außen absorbiert, denn darüber wird unsere Identität, unser Wert, unsere Daseinsberechtigung in der Welt festgesetzt. Hochsensibel entwickeln wir Antennen als Kind, was unser Außen von uns will. Dem fügen wir uns. Dahin trachten wir uns selbst zu formen, zu entwickeln, zu werden. Wo es nicht gelingt, weil es nicht „geht“ – und das ist der überwiegende Seins-Zustand – tun wir zumindest, „als ob“. Wir tun so, „als ob“ wir so wären, wie wir meinen, sein zu sollen, zu müssen. Mit dem Innen müssen wir irgendwie und so gut wie möglich leben, mit allen Qualen der unzureichenden Selbstorganisation. Denn es darf keiner wissen, was in unserem Innen ist. Möglichst wir selbst auch nicht. Das Innen gilt es zu verbergen, als sei es das Fehlerhafte, das Nicht-Gewollte, das Nicht-Passende. Diese beiden Welten erleben wir als voneinander getrennt. In den meisten menschlichen Kontakten verhalten wir uns infolgedessen so, als gäbe es nur unser Außen, als gäbe es nur das Außen des anderen Menschen. Ein Außen kontaktiert ein anderes Außen. Das Erleben des Getrennt-Seins wird dadurch bei jedem Kontakt validiert und verstärkt. Mit der Außenorientierung bilden wir ein sich selbst verstärkendes System der illusionären Trennung.
Dieses sich selbst verstärkende Trennungserleben verwirklicht sich in vielen menschlichen Kontakten. Besonders tiefgreifend wirkt es sich im Umgang mit unseren körperlichen Erfahrungen aus, in unseren sexuellen Begegnungen. Wir sind mit unseren Körpern in ihrer Nacktheit ungeschützt. Auch auf seelischer Ebene sind wir in unseren sexuellen Begegnungen – relativ betrachtet zu Alltagsbegegnungen – ungeschützt. Auch auf seelischer Ebene sind wir hier nackt. Erleben wir uns bei unseren sexuellen Begegnungen getrennt, schmerzt das besonders, eben weil wir „nackt“ sind, verletzbar. Wir frieren ohne Nähe. Die Sehnsucht nach Nähe in der Begegnung weist uns hin auf unser Bedürfnis nach tiefem Kontakt, nach verbundenem Kontakt im Innen und im Außen. Körper und Herz, Leib und Seele. Wir sehnen uns in der Liebe nach dem Erleben der Verbundenheit, nicht nach Trennung. Wenn nun auch und gerade in der sexuellen Begegnung Trennung erfahren wird, schwindet die letzte Hoffnung. Dann wird das Befürchtete wohl doch stimmen? Dann gibt es wohl doch nur Getrennt-Sein? Verbundenheit, die illusionäre Hoffnung von Träumern, Fantasten und Romantikern?
Schon als kleines Kind lebte ich sehr sicher in meinen inneren Welten. Ich war in gutem Kontakt mit meinen inneren Räumen. Ich verstand sie nicht. Ich „wusste“ nicht, was ich dort erlebte. Ich „erlebte“ einfach. Manchmal erlitt ich einfach nur. „Da“ waren sie schon immer, diese vielen inneren Räume, so weit meine Erinnerung reicht und weiter noch, früher noch, ungedacht, unerinnert. Ich erlebte die Welt klar abgegrenzt in Innen und Außen. Es gab meine innere Welt, in der ich mit mir und allem, was dort war, alleine lebte – und es gab die äußere Welt, in der die anderen Menschen lebten, zu denen ich irgendwie gehörte – doch eigentlich nicht wirklich. Irgendwie gehörte ich nicht zu diesen Menschen. Es schien mir schon als kleines Kind in gewisser Hinsicht wie ein Irrtum, dass ich war, wo ich war und wie ich war. Manche Geschehnisse im Außen hatten eine Entsprechung in meinem Innen. Es gab für mich eine Außen-Erfahrung und eine zugehörige Innen-Erfahrung. Aus meinem Innen konnte ich in das Innen anderer Menschen hineinschauen, ich konnte zum Beispiel ihren Schmerz „sehen“, auch wenn sie lachten oder schwiegen oder „böse“ waren. Das ging ganz einfach, durch die Außenhaut hindurch, direkt bis ins Herz hinein. Eine sehr frühe Kindheitserinnerung. Es war normal für mich. Irgendwann begann in mir zögerlich eine Frage zu entstehen: Wenn ich die innere Not der anderen sehe, warum sieht dann offenbar keiner meine? Nicht oft tauchte diese Frage auf. Meine simple Antwort – eher ein Rückschluss: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin anders.
Die Trennung ist eine Illusion
Das Erkennen, dass alle Welten, außen wie innen, eine einzige Welt sind, ist ein unsägliches Glück. Ein Glück so groß, dass es nicht zu sagen ist. Trennung ist eine Illusion. Es sind einfach verschiedene Ebenen, Dimensionen, Qualitäten, Erscheinungsformen, Arten des Seins. Es ist ein Sein. Die Trennung existiert nur durch unser sich als getrennt erlebendes Bewusstsein. Sie existiert nicht an sich. Sie ist ein Trugbild. Je fester wir ihr anhängen, umso fester gestaltet sie sich in uns und zwischen uns. So fest, dass wir schon fast wieder alle verbunden sind durch das gemeinsame Erleben der illusionären Trennung. Verbunden sind wir durch unsere Innenwelten, verbunden sind wir ebenso durch unsere Außenwelten, verbunden sind wir durch unser Ringen und Suchen nach Verbindung. Wir alle tun alles so gut, wie wir können. Könnten wir es besser, wir täten es. Jeder Mensch. Das, was an Verbindungs-Erleben nicht möglich ist, ist im Moment nicht möglich. Wäre es jetzt möglich, wäre es schon.
Wir erleben unterschiedlich. Auch das ist unser Gemeinsames. Wir erleben in einer uns eigenen und unverwechselbaren Qualität. Das ist unser Verbindendes. Wir sind in je einzigartiger Weise Menschen mit unserem je ganz eigenen Weg und Werden. Das teilen wir mit allen anderen Wesen und Wegen. Wir sind eine Botschaft. Jeder Mensch ist seine eigene Botschaft. Das ist das Eine, in dem wir sind, durch das wir sind, das wir sind. Wir sind. – Unser ganz eigenes und einzigartiges „Ich bin“ ist und wird erst durch das „Du bist“ zugleich eigen und gemeinsam. Ohne ein „Ich bin“ gibt es kein „Du bist“. Ohne ein „Du“ bin ich kein „Ich“. Weil das „Ich“ und das „Du“ eines sind. Im Erleben der Gleichzeitigkeit, der Nicht-Zeitigkeit, der Ewigkeit des „Ich“ im und erst durch das „Du“ löst sich jede Trennung auf. Leicht. Sanft. Wie der weichende Atem sanft. Wie das Ausatmen im Sterben. Vielleicht löst sich erst mit unserem letzten weichenden Atemzug die Trennung vollständig auf. Vielleicht sind wir schon vom ersten Atemzug an verbunden mit der gänzlichen Auflösung dieses nur vorübergehenden Trennungserlebens. Behutsam, mit jedem Atemzug. Vielleicht ist das Gegenwärtigsein des Todes deshalb so bedeutsam für ein lebendiges Leben. Weil wir erst durch das Hineinnehmen des Todes, als Realität des letzten weichenden Atemzuges, als Vollzug der letzten sich auflösenden Erfahrung des Getrenntseins, die Verbindung in ihrer Fülle hier im Leben erleben können. Mit jedem Atemzug, der durch uns kommt. Mit jedem Atemzug, der durch uns geht.
DER ERSTE FREIER
„Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? – Denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr.“
(1 Kor 3, 16)
Zeitsprung
Es fällt mir auch jetzt noch, im sechsten Lebensjahrzehnt, nicht leicht, mich bei einem Arzt auszuziehen. Ich bin in letzter Zeit, dem zunehmenden Alter geschuldet, häufig bei verschiedenen Ärztinnen und Ärzten. Ich suche sie aus nach der Kompetenz, die ich ihnen zuspreche, oder weil sie mir aus erlauchtem Munde empfohlen werden, nicht nach Geschlecht. Wenn es dann ein Mann ist, fällt mir das Ausziehen schwer. Ich muss es bewusst tun und muss mich daran erinnern, warum ich mich dazu entscheide. Obwohl ich schon so alt geworden bin, obwohl ich deutlich spüren kann, dass der Arzt meinen Körper als den Körper einer Patientin ansieht und untersucht, nicht als jenen einer Frau. Diese Scham erlebe ich wie einen Schutz um mich herum. Meine Scham hilft mir, mich zu schützen. Es mag irrational sein. Es mag unverständlich sein. Wieso kann ich denn da nicht einfach „drüber“ stehen? Weil ich mich schäme! Und weil ich froh bin, dass ich mich schämen kann. Wieder schämen kann. Denn meine Scham war in früheren Zeiten wie zerstört. Es hat lange gedauert, bis sie wieder gewachsen ist, bis sie ihren Weg zurück zu mir gefunden hat. Und nun passe ich gut auf sie auf.
Ich mag keine FKK-Strände, und in die Sauna gehe ich entweder am Damentag oder ich lege mein Handtuch erst in der dunklen Sauna ab. Ich wähle aus, wen ich meinen Körper sehen lasse. Es ist mir eine intime und private Angelegenheit. Ich bin scheu. Nackt kann ich gut sein bei dem Mann, den ich liebe, bei meinen Kindern, bei meinen besten Freundinnen, bei einer Ärztin. Alles andere ist für mich schwierig, und im Grunde mag ich es nicht.
Neulich sitze ich mit einem guten Freund im Café zum mittäglichen Brunch. Wir haben viel Zeit, genießen das Beisammensein und das köstliche Mahl. Wir reden über Gott und die Welt im Wortsinne, und plötzlich kommen wir auf eine spinnerte Idee: Wofür würden wir uns jetzt hier im vollbesetzten Café vor aller Augen ausziehen und nackt auf den Tisch setzen? Geld als Anreiz ausgeschlossen, zu langweilig. Was müsste geschehen, dass wir das jetzt und hier täten? Welche Umstände würden uns zu diesem abstrusen Verhalten bringen? Was haben wir für einen Spaß, so frei vor uns hin zu spinnen! Und welch witzige Ideen da antanzen! Der Hauptwitz besteht darin, dass fast alle Ideen, die uns einfallen, eben keinen hinreichenden Anreiz bieten. Das Gespräch wird ernst. Was am Ende bleibt, ist: Wenn wir mit dieser Aktion eines Menschen Leben retten müssten und könnten, dann zögen wir uns hier und jetzt auf dem Tisch vor aller Augen nackt aus. Oder: Wenn wir damit verhindern könnten, dass ein von uns geliebter Mensch weggehen muss, weit weg, ohne von uns weg zu wollen. Oder wenn wir einen geliebten Menschen befreien könnten damit. Alles andere ist zu schwach. Alles andere wäre schwächer als die starke Scham, sich in der Öffentlichkeit den Augen aller nackt auszusetzen.
Wie uns zum Nachtisch Death-by-Chocolate serviert wird – ein Schokoladenkuchen, der nur so und keinesfalls anders heißen kann –, fühle ich mich fast ein wenig heroisch. Um eines Menschen Leben zu retten oder um mich für einen geliebten Menschen einzusetzen, sonst nicht! Wie kostbar, diese Scham zu haben, dass ich es für nichts weniger täte. Und wie kostbar, diese Freiheit zu haben, dass ich es für dieses Eine, ohne mit einer Wimper zu zucken, täte! Sofort und gleich jetzt.
Außensicht
In roten Stiefeln in die Hände fremder Männer
Ich ging in die Stadt. Meine Idee war, dass rote Stiefel angemessen seien. Ich kaufte mir rote Stiefel, halbhoch, Investition mit Absatz. Irgendwie sahen sie schon „nuttig“ aus. Ich trug dazu ein eng anliegendes rotes Kleid. Ich war zufrieden mit mir, setzte mich in ein Café, um meine neuen Stiefel einzuweihen. Ich saß und sinnierte, was diese Stiefel mit mir machen. Mir fiel ein Mann auf, Mitte vierzig, der etwas zu oft an mir vorbeiging, mich ansah, als suchte er etwas an mir. Als hätte er eine Frage. Ich lächelte ein wenig, als wüsste ich, was ich nicht tat in diesem Moment. „Ich bin ab jetzt unterwegs in Sachen Sex gegen Geld“, dachte ich mir. Ich hatte die Anzeige ja schon aufgegeben. Da konnte ich doch gefahrlos mit meinem roten Schuhwerk fremde Männer anlächeln. Mein wissendes Lächeln war für ihn offensichtlich eine Antwort auf die mir unbekannte Frage. Er setzte sich an meinen Tisch. Ich hielt den Blickkontakt. Alles, was gerade geschah, war mir unbekannt. Was weiß er, was ich nicht weiß? Welche Selbstverständlichkeit geschieht gerade? Mein Raum- und Zeiterleben setzte wieder ein, als ich hörte, wie er mich ansprach. Was es kostet bei mir? Einfach so fragte er. Ohne Einleitung, ohne Überleitung. Darauf war ich nicht gefasst. Er fragte interessiert. Seine Frage hatte nichts Unsicheres, auch nichts Beleidigendes. Er rechnete offensichtlich nicht damit, dass ich entrüstet oder empört reagierte. Er erwartete ganz einfach eine Antwort. Was geschah hier, und wieso ging alles plötzlich so schnell? Etwas in mir navigierte wie auf Autopilot. Etwas außerhalb von mir sehe ich mir staunend zu. Ich sehe eine junge, aufreizend gekleidete Frau mit roten Stiefeln an einem Tisch in einem Café sitzen. Umgeben von anderen Tischen, Torten, Menschen. Sie blickt einen Mann, der an ihrem Tisch sitzt, direkt an. Er ist mindestens zwanzig Jahre älter als sie, trägt einen Anzug, Krawatte. Sie blickt souverän, ruhig, sicher. Sie nimmt ihre Tasse in die Hand, führt sie zum Mund, trinkt, über den Tassenrand hinweg hebt sie ihre Augen: „Das kommt darauf an, was du haben möchtest.“ Warum duze ich diesen fremden Mann plötzlich? Er antwortet so selbstverständlich, als kennten wir uns und hätten dieses Gespräch schon viele Male geführt. Hat er wahrscheinlich auch, nur nicht mit mir. Und da er nicht mich meint, da ich in diesem Szenario austauschbar bin, ist ihm die Konversationsfolge vertraut. Wir könnten mit seinem Auto auf einen Parkplatz fahren, und ich könnte ihn „verwöhnen“, meint er süffisant. Was das kostet? Fünfzig Mark, sagt die Frau mit den roten Stiefeln – so ins Blaue hinein. Er ist sofort einverstanden. Sie zahlt ihren Kaffee, beide stehen auf, gehen hinaus und die Straße entlang, bar jeder Angst steigt sie in seinen Wagen. Sie fahren auf einen ihm offensichtlich bekannten, abgelegenen Parkplatz, er gibt ihr fünfzig Mark, sie „verrichtet“ die Dinge, er fährt sie zurück in die Stadt. – Es gab nun diese souveräne Frau mit den roten Stiefeln. Sie wusste, was zu tun, was zu sprechen, wie sich zu bewegen. Und mich gab es auch noch. Nur verstand ich nichts. Ich fühlte auch nicht. Ich befand mich in einem unwirklichen Nebel. In diesem Nebel gab es mich und gab es diese Frau mit den roten Stiefeln, und wir gehörten irgendwie und nebelartig zusammen.
Ich fahre nach Hause, betrunken vom Nebel. Die fünfzig Mark wie eine Trophäe vor mir herschwenkend gehe ich auf unsere Eingangstür zu, stolz mit meinen roten Stiefeln. Ein Strahlen. Ich erzähle ihm alles, von Anfang bis Ende. Frage mich, warum ich dem Drängen nachgebe – Anerkennung, Lob. Gerne gebe ich die fünfzig Mark her. Merkwürdigerweise fühlt es sich an, als wäre es richtig, dass ich das Geld, das ich verdient habe, aushändige. Die Frau mit den roten Stiefeln ist sehr zufrieden mit sich. Ich bin in diesem Moment nicht dabei. Ein Verrat. Ein Verrat an der Liebe.
In den nächsten Tagen treffen die ersten Briefe auf meine Anzeige ein. Ich finde sie in meinem Postfach, das ich eigens dafür bei der Dorfpost eingerichtet habe. Nette und freundliche Briefe, ausführlich, zum Teil persönlich, zum Teil kurz und pragmatisch. Obszöne Briefe, oft mit beigelegtem Foto eines männlichen Gemächts und ausufernden Beschreibungen der eigenen Potenz, einer Hengstschau ähnlich. Aus den Briefen wird sofort deutlich, ob das Hauptaugenmerk des solventen Herren auf Sex „ohne viel drum herum“ liegt oder eher auf einem Treffen „mit viel drum herum“. Auf welche Briefe ich antworte, sortiere ich nach den Kriterien Schreibstil und Anstand. Dies scheinen mir valide Kriterien zu sein. Das Zeitalter der Mobiltelefone war damals noch nicht angebrochen. So wurde meist eine Telefonnummer angegeben zusammen mit einer Zeitspanne, innerhalb derer ich anrufen könne. Manche Männer baten um Kontakt über eine Postfachadresse. Das waren die, die „viel drum herum“ wollten.
„Geschäftstreffen“ zum Sex gegen Geld
Mein erstes Treffen mit einem Mann, zu dem der Kontakt über die Zeitungsanzeige hergestellt wurde, findet in seinem Büro statt. Er hat mir einen höflichen und klaren Brief geschrieben, mit Namen, seinem Alter und seiner Büroadresse. Er sei an einem Treffen mit mir sehr interessiert, er wisse mein „Entgegenkommen“ wohl zu honorieren, Terminvorschlag. Ich ziehe meine roten Stiefel an. Zum Abschied daheim bekomme ich aufmunternde Worte und sehe in leuchtende Augen. Das Büro des Mannes ist im Tiefparterre gelegen, ein großer, nüchtern eingerichteter Raum, Grau die vorherrschende Farbe, kühl, dunkel in meiner Erinnerung. So aufgeregt wie ich bin, so ruhig ist er. Es ist ein Geschäftstreffen, für das er, im Gegensatz zu mir, eine Agenda hat. Er unterbreitet mir seinen Plan, den ich zunächst nicht verstehe. Da ich zu diesem Zeitpunkt in den Gepflogenheiten dieses Gewerbes unbedarft bin, braucht mein Gehirn erstaunlich lange, bis es versteht, welchen Deal er mir unterbreitet. In meiner Vorstellung geht es jetzt darum, dass wir Sex haben und er mir dafür Geld gibt. Sein Plan ist jedoch etwas komplexer: Es soll schon um Sex gegen Geld gehen, doch darüber hinaus auch um eine Weitervermittlung. Er will Sex mit mir, und er will mich vermitteln. Es gebe eine Frau in örtlicher Nähe, die nette Damen wie mich vermittle an nette Herren wie ihn. Da er dieser Dame sehr zugetan sei – sie sei nämlich eine besonders nette Dame –, vermittle er ihr gerne neue nette Damen – wie mich jetzt –, wenn ich zustimme. Darüber freue sich die nette Dame und stelle ihm als Gegenleistung hin und wieder eine nette Dame – kostenfrei – zur Verfügung. Für mich sei es sehr praktisch, diese nette Dame kennenzulernen, denn diese könne im Gegenzug mir den Kontakt zu netten Herrn – wie ihm – vermitteln. Wie sollte ich als nette Anfänger-Dame – woher weiß er das? – denn sonst so leicht an nette Herren – wie ihn – herankommen? Damit er (als netter Herr) mir (als netter Dame) den Kontakt zu der besonders netten Dame herstellen könnte, müsste ich (als nette Dame) mit ihm (als nettem Herrn) jetzt und hier Sex haben. Ich bekäme dafür jedoch kein Geld. Was er mir statt des Geldes gäbe, sei der Kontakt zur netten Dame, und zwar sofort danach. Diese habe sofort nachher schon einen anderen netten Herrn für mich, von dem ich Geld für Sex bekäme, wovon ich der netten Dame sicher gerne ein Drittel für die Vermittlung abträte. – So weit der Plan. Mein Gehirn arbeitet. Mein Gehirn rechnet. Meinem Gehirn scheint das ein guter Deal. Ich stimme zu.
Der Sex ist kurz und wie abgezirkelt, jede Bewegung bemessen. Er weiß genau, was er wie will. Ich bin verwundert, wie selbstverständlich er mit meinem Körper umgeht. Er kennt mich doch gar nicht. Was er kennt, was sein selbstverständliches Gebaren und seinen ungehemmten Umgang mit meinem Körper erklärt, ist, dass er im Gegensatz zu mir mit dem Setting vertraut ist. Er ist es gewohnt, mit einer Prostituierten Sex zu haben. Da er nicht mich meint, hat er auch keine Hemmungen. Er meint die Prostituierte. Mit der, in Stellvertretung für alle, ist er vertraut. Es wird eine emotionslose Abwicklung, als arbeite er einen Stapel Akten ab, Schreibtischarbeit – im Wortsinne. Ich spiele eine Rolle in einem Zweiakter ohne Drehbuch. „Gut warst du“, sagt er danach. Eine Mischung aus Verwirrung, Staunen, Stolz in mir. Was ist denn daran „gut“ gewesen? Was meint er mit „gut“? Ist es „gut“, wenn ich gut „spiele“? Ist es mein So-Tun-als-ob, was gut ist? Ist gut, wenn ich gar nicht dabei bin? Je weniger ich, desto besser? Irgendwie ist er auch nicht dabei gewesen. Er nicht dabei. Ich nicht dabei. Wir waren zusammen nicht bei dem, was wir taten. Das scheint er „gut“ gefunden zu haben.
Wir fahren zu der besonders netten Dame. Ein kleines Örtchen an der Weinstraße. Dorfidylle. Metzger, Bäcker, Kindergarten. Ein neu gebautes Mehrfamilienhaus am Dorfeingang, Durchgangsstraße. Klingelschilder ohne Namen. Ein neutrales, eher dunkles Treppenhaus, in den unteren Etagen je vier Einzimmerwohnungen pro Etage, wie ich später weiß. Wir gehen das Treppenhaus hinauf, bis ganz nach oben, mir ist es sehr unangenehm, vor ihm zu gehen. Er will, dass ich vor ihm gehe. Angst spüre ich nicht, es ist Unbehagen. Es ist mir unbehaglich, so gar nicht dabei zu sein. Im Dachgeschoss öffnet sich eine Tür zu einer großen Maisonette-Wohnung mit Dachterrasse, die ich durch die Tür hindurch sehe. Porzellanleoparden links und rechts. Sie sitzen so unbeweglich und stoisch, als wachten sie über die Einhaltung der Abwesenheit der Anwesenden. So kalt und glatt ihr Leib, so kalt und glatt soll sich hier das Leben vollziehen. Vollzug? Ja. Leben? Irgendwie schon. Lebendig? Eher nicht. Kalt? Ja. Glatt? Ich weiß es nicht.
Die Wohnung ist eingerichtet wie eine aufgeplüschte Puderdose mit Luxusquasten. Die nette Dame spricht sachlich mit mir, sie taxiert mich mit wenigen zielsicheren Blicken, versiert im Geschäft schätzt sie mich ein, dann erst bittet sie mich in die Puderdose, bedankt sich bei dem mich begleitenden Herrn, indem sie ihm eine Zimmernummer und einen Namen nennt. Ohne ein Wort der Verabschiedung hastet er förmlich ein Stockwerk tiefer. Er kann hasten, er ist ja nicht dabei. Eine Türklingel höre ich noch. In der Puderdose findet ein Vorstellungsgespräch auf dem Plüschsofa im Plüschkissen vor dem Plüschteppich statt, ein pudriges. Ich werde eingewiesen in die Puder-Modalitäten des Hauses: Die Dame stellt eine der Wohnungen für jeweils eine Stunde zur Verfügung, Reinigung inklusive. Sie stellt den Kontakt zu den netten Herren her. Sie bekommt pro Stunde von mir hundert Mark. Ich bekomme für die normalen Regelleistungen dreihundert Mark von dem jeweiligen netten Herrn. Alles extra kostet extra. Für die Vermittlung eines Abends, einer Nacht oder sonstiger Veranstaltungen gibt es Sondertarife. Wenn die Herren einen Hausbesuch erbeten, bekommt sie für die Vermittlung ebenfalls hundert Mark. Ich möge ihr mein Zeitfenster nennen. Sie ruft mich an, sobald sie einen Kontakt für mich vereinbart hat. Falls sie in Erfahrung bringen sollte, dass ich mit durch sie vermittelten netten Herren Kontakt habe, ohne ihr ihren Anteil zu entrichten, wäre ich raus aus dem Geschäft. Sie habe Kontakte. Sie erführe alles. Ich bin eingeschüchtert. Die Frau mit den roten Stiefeln nimmt das Angebot an. In die Wohnung unten links käme in zehn Minuten der erste nette Herr. Nebelartige Unwirklichkeit. Die Wohnung riecht statt ein- äußerst ausladend. Rieche nur ich das? Ekelhafter Gestank.
Innensicht
Der männliche Blick auf „käufliche“ Frauen
Im Café, ich mit meinen roten Schuhen, der Blick des Mannes auf mir. Sein verbindend-verbündeter wissender Blick sagt: „Ich weiß, wer du bist. Ich sehe, was für eine Frau du bist. Du bist käuflich.“ – „Ehrbare“ Frau versus „entehrte“ Frau. Als gäbe es diese Dualität.
Ein männlicher Blick, der die Frau in ihrer Ehre sieht, achtet mit dem gebührenden Respekt auf den Abstand, den die Frau braucht und den die Situation und die Umstände gebieten. Sieht ein Mann eine Frau als nicht im Stande ihrer „Ehre“ an, kann er sich den Respekt vor ihr sparen, braucht er folglich nicht auf die Wahrung des angemessenen Abstands zu achten. So einfach! Distanzlos kann er der Frau begegnen, zu schnell, zu nah, zu direkt. Auf diese Weise kann schnell „zur Sache“ gekommen werden, ohne „viel drum herum“. Und nur so kann Geld gegeben werden für etwas, was in jedem anderen Zusammenhang geschenkt wird.
Dieser männliche Blick ist komplex. Er besitzt drei Ebenen: Die eine Ebene bezieht sich auf die Weiblichkeit: „Du bist attraktiv für mich, begehrenswert.“ Diese Ebene kann stolz machen, sie anerkennt die Weiblichkeit der Frau. Eine zweite Ebene bezieht sich auf das Brauchen: „Du hast etwas, was ich brauche.“ Diese Ebene kann in der Frau ihr Bedürfnis des Gebrauchtwerdens ansprechen. Diese beiden Ebenen sind und bleiben dem Bewusstsein meist zugänglich. Sie wirken stärkend auf die Prostituierte. Es kann sich gut anfühlen, begehrt und gebraucht zu werden. Da jede Prostituierte ein „Davor“ hat, ist ihr begehrt und gebraucht und damit gewollt zu sein häufig besonders wichtig. Balsam auf vorhandene Verwundungen? Nur vermeintlich! Denn nicht sie ist gemeint – ihr Körper! Die dritte und verdeckte Ebene bezieht sich auf die Ehre der Prostituierten beziehungsweise auf deren vermeintliche Abwesenheit: „Du bist eine entehrte Frau, ich kann dir Geld geben, um Sex zu bekommen. Du bist käuflich.“ Auf dieser Ebene und in dieser Weise angesehen zu werden, schwächt und verletzt eine Frau – wenn es denn wahrgenommen würde. Deshalb wird die Wahrnehmung dieser dritten Ebene, anders als die der ersten beiden Ebenen, meist dem Bewusstsein entzogen und ins Unbewusste „verstaut“, so schnell als möglich!
Ausgleich durch Geld
Ausgleich ist in menschlichen Beziehungen zentral, Beziehung wird hergestellt durch fortlaufende Ausgleichsprozesse. Dem Wesen von Paarbeziehungen liegt zugrunde, dass der und die Eine etwas hat, was die und der Andere braucht. In einer gelingenden Paarbeziehung geben und nehmen beide gerne. Dies ist ein Ausgleich im Guten, welcher wechselseitig geschieht, aus Liebe, in gegenseitiger Zugehörigkeit, Bindung und Verbindlichkeit. Zum Ausgleich, zum Geben und Nehmen, zählt in der Paarbeziehung zentral die Sexualität – neben vielem anderen auch. Darüber hinaus ist sie auch und zuvörderst Geschenk. In der Prostitution hingegen fehlen diese immateriellen Werte: keine Zugehörigkeit, keine Bindung, keine innere Verbindung. Dem tiefen Ausgleichsbedürfnis folgend, geschieht hier etwas anderes: In der Prostitution erfolgt der zwischenmenschliche Ausgleich für Sexualität durch Materielles, durch Geld. Es ist jedoch ein destruktiver Ausgleich. Denn Geld für etwas zu bekommen, was im sonst gängigen gesellschaftlichen Kontext ohne den Austausch von Geld erfolgt, beschämt und entehrt. Materielles, also Geld, soll die Abwesenheit von Immateriellem, also zum Beispiel Liebe und Bindung, ausgleichen. Gefährlich!
Nur den sogenannten „Entehrten“, den nicht „ehrbaren“ Frauen, kann Geld gegeben werden für etwas, was eigentlich nur geschenkt werden kann. Nur hier scheint es angebracht, ohne Skrupel.
Man stelle sich ein verliebtes Paar vor. Die erste lang ersehnte gemeinsame Liebesnacht. Beide sind im Taumel ihrer Gefühle, ihrer Körper, ihres Glückes. Wie wäre es: Der Mann würde danach seinen Geldbeutel nehmen, ein paar Scheine auf das Kopfkissen der Frau legen. Die Frau wäre zunächst sicher fassungslos, sicher auch empört und tief getroffen. Denn es würde sie beschämen, es würde ihre Ehre verletzen. Die Beziehung wäre vorbei.
Ein weiteres alltägliches Beispiel: Wer auf der Straße freundlich von einem suchenden Menschen nach dem Weg zum Bahnhof gefragt wird, gibt – unserer gesellschaftlichen Konvention folgend – gerne Auskunft. Der fragende Mensch bedankt sich höflich als Ausgleich, ich antworte „Gerne“, freue mich, dass ich habe helfen können. Gäbe mir der Mensch, nachdem er von mir eine Auskunft erhalten hat, ein Geldstück in die Hand, würde ich mich beschämt fühlen, ich nähme es nicht an.
Welche Wirkung Geld im Ausgleich zwischen Menschen hat, ob es als angemessen wahrgenommen wird oder beschämt, hängt in großen Teilen zum einen von der An- oder Abwesenheit von Bindung und Zugehörigkeit, zum anderen von der jeweiligen Konvention ab.
Die Tragweite des Ausgleichs lässt sich auch noch an folgendem Beispiel ermessen: Man lädt Freunde zum Essen ein, kocht für sie, bedient sie beim Essen und achtet darauf, dass sie alles haben, was sie brauchen. Wir alle fühlen uns wohl. Als Gastgeber bekommen wir kein Geld dafür, dass wir unseren Freunden die Teller aufdecken, ihnen die Schüsseln reichen und am Ende das Geschirr abräumen. Eine groteske Vorstellung, wenn die Freunde dann dafür ihr Portemonnaie zücken und Geld auf den Tisch legen würden. Denn zwischen uns besteht eine Bindung, eine Form der Verbindlichkeit und Zugehörigkeit. Wir sind nicht austauschbar. Im Restaurant hingegen bin ich mit der Bedienung nicht befreundet. Wir haben weder Bindung noch Zugehörigkeit, wir haben Achtung voreinander und teilen die gesellschaftliche Konvention, am Ende Trinkgeld zu geben. Hier beschämt das Geld nicht.
Das erste Mal – eine unheilvolle Initiation
Jede Prostituierte, mit der ich im Laufe meines Lebens gesprochen habe, kann sich sehr genau an ihr „erstes Mal“ erinnern. Das erste Mal wirkt wie ein unheilvoller Initiationsritus. Es gibt ein klares Davor, ein klares Danach. Die Qualität von Unwirklichkeit, von unwirklichem Nebel, die sich bei meinem ersten Mal einstellte, war ein starkes Dissoziationssymptom. Auch das Gefühl, wie ferngesteuert, wie auf „Autopilot“ geschaltet zu sein, ist ein Dissoziationssymptom. Ein Teil meines Erlebens musste sich ausschalten. Ein Teil von mir ging weg, war nicht mit dabei, wurde abgespalten. Das war zunächst eine Erleichterung. Vom Fühlen weggehen, vom Schauen weggehen, vom Ekel weggehen. Hingehen zu dem Teil, mit dem die Ich-Identifikation stattfindet: Ich bin selbstbestimmt. Ich bin mutig. Ich bin begehrenswert. Ich bin gewollt.
Schon beim ersten Mal merkte ich, wie schnell der Mann, nachdem alles zur Zufriedenheit „verrichtet“ war, weg wollte. Ich wollte das auch. Es war ein beidseitiges, schnelles „Rückabwickeln“. Mit dem Auto zurückfahren, aussteigen, fertig. So aufgeladen und sich steigernd die erste Phase war, so nüchtern und schnell die letzte. Diese Abfolge blieb. Wie eine unausgesprochene, doch allen Beteiligten bekannte Regieanweisung erlebte ich diese Abfolge in allen Prostitutionskontexten. Schnell raus und schnell ins „Normale“ zurück – dies habe ich bei den Freiern, bei mir selbst wie auch bei anderen Prostituierten erlebt. Dieses fast schon ritualisierte Verhalten ist mit dem Teil des Selbst verbunden, der weiß, dass das, was eben getan wurde, in gewisser Weise nicht stimmt, nicht guttut. Es nimmt etwas Schaden in einem selbst, in der Frau, im Mann. Die Psyche nimmt wahr, dass ein Teil Schaden nimmt. Also schnell raus, schnell zurück. Als ob es durch ein schnelles Rausgehen ein Ungeschehenmachen gäbe. Als wenn es ein Zurück gäbe. „Nunca atrás!“ Niemals zurück!
„Neue“ Frauen sind begehrt bei den Männern. „Frischfleisch“: eine abwertende Benennung, doch sie trifft den Kern. Das Unverbrauchte, das Unerfahrene und Unwissende ist attraktiv. Jungfräulich trifft es nicht in der Sache, doch in der Qualität. Die erfahrenen Frauen haben die Qualität der Wissenden, die bekannten Frauen haben die Qualität des Bekannten, doch sie alle werden übertrumpft durch die in der Prostitution neuen Frauen mit ihrer „jungfräulichen“ Qualität. Ein Privileg, der erste Mann einer Jungfrau zu sein? Es sind vermutlich archaische Muster, die hier greifen und den „Marktwert“ erhöhen: Die Jungfrau, unberührt, rein, vertraulich, sanft. Drachen und Engel sind ihre Begleiter.
Geld für „verrichtete“ Sexualität
Die Sexualität wird „verrichtet“. Nach „Verrichtung“ der Dinge. „Verrichtungs-Container“ werden in Städten aufgestellt, zur Verrichtung der Dienstleistung. Sein Geschäft verrichten. Merkwürdiges Wort in einem merkwürdigen Zusammenhang. Des Merkens würdig. Des Aufmerkens würdig. Nach der „Verrichtung“ bleibt eine des Merkens würdige Anmutung des Schnell-hinter-sich-Bringens zurück. Etwas Unangenehmes bleibt. Insofern ist das Wort Verrichtung, so abwertend und unpassend es im Kontext der Sexualität erscheint, doch in gewisser Weise zutreffend. Unangenehm, es muss eben getan werden, schnell hinter sich gebracht werden, damit es „rum“ ist. Wie traurig das doch wirkt. Wie traurig im Zusammenhang mit gelebter Sexualität zwischen Menschen. Die Sprache bringt es an den Tag.
Ein Mann sagt zu der Prostituierten, nachdem er entsprechend seinem ihr gezahlten Geld seine Verrichtung getätigt hat: „Gut warst du.“ Was passiert da? Was meint er? Was war gut? Wieso gut? Und was passiert mit der Frau? Zunächst meint die Aussage: „Ich bin fertig.“ Der Mann meint: „Ich bin befriedigt.“ Auch ein „Danke für das, was ich bekommen habe“ schwingt mit. „Gut“ bedeutet in diesem Zusammenhang: „Das, was ich wollte, wofür ich bezahlt habe, habe ich bekommen.“ Der vermeintlich simple Zusammenhang hat tiefgreifende und sehr verzweigte Facetten. Deshalb komme ich auch in anderem Zusammenhang später darauf wieder zurück. Hier hat die Frau es folglich verstanden, den Mann mit seinen Vorstellungen umfänglich zu sehen. Nicht nur das, was er sagt zu wollen, auch das, was er nicht sagt und doch will. Nicht nur seine ausgesprochenen Wünsche und Bedürfnisse sind von der Prostituierten zu erfassen, zu verstehen, zu erahnen, sondern auch seine nicht ausgesprochenen. Seine bewussten, „gewollten“ Szenarien, auch seine nicht bewussten, nicht seinem bewussten Wollen zugänglichen Szenarien. Wenn eine Prostituierte sich an dies alles anzupassen versteht, dies alles zu inszenieren weiß, das, was sie tut, darauf einstellt, dann ist sie „gut“. Dann sagt der Mann: Du warst gut. Das Konglomerat aus zugänglichem Wollen, sexueller Fantasie, physischen Begierden, darunterliegenden Bedürfnissen, nicht zugänglichen Impulsen und Gegenimpulsen, im Kontext der Sexualität auflebenden Geboten und Verboten ist riesig. Dies alles aufzunehmen, sich an das ausgesprochen Gewollte wie an das nicht ausgesprochen darüber hinaus auch Gewollte anzupassen, die Impulse wie die Gegenimpulse zu erfassen, aus allem ein konkretes Verhalten folgen zu lassen, das ist die Aufgabe der Prostituierten. Auch dafür, vielleicht sogar gerade dafür, wird sie bezahlt. Eine Dienstleistung im Wortsinne, bei der der Auftraggeber nur einen Teil seines Auftragswunsches expliziert. Der nicht ausgesprochene Wunsch muss ebenso, vielleicht sogar stärker noch als der ausgesprochene, Berücksichtigung finden, damit der Mann „gut“ sagen kann. Dieser Vorgang vollzieht sich meiner Erfahrung nach eher intuitiv als bewusst gesteuert. Es scheint eine unbewusste Absprache und Einschwingung zwischen dem Freier und der Prostituierten zu geben, was gewollt wird, was geschieht. In diesem Sinne könnte man eher von „Werkvertrag“ als von „Dienstvertrag“ bei der Prostitution sprechen. Die Frau wird vordergründig für ihren „Dienst“ entlohnt – im Grunde wird sie jedoch entlohnt für die Vollbringung eines konkreten „Werkes“, dessen Vollendung sich ausschließlich und einseitig aus der Befriedigung der bewussten und unbewussten, der expliziten und impliziten Wünsche des Mannes definiert. Diesem „Werkvertrag“ stimmt die Prostituierte zu. Sie stimmt dieser einseitigen Befriedigung des Mannes in aller Komplexität zu. Will die Frau nicht, stimmt sie nicht zu, sagt der Mann nach der Verrichtung nicht „gut“ oder es kommt zu Gewalt. Er holt sich, was er will, ohne Einstimmung und Zustimmung der Frau. Dann geschieht die Verrichtung einseitig. „Gut“ war es dann nicht.
Die Prostituierte hat eben nicht – wie sie sich selbst anpreisen muss oder angepriesen wird – besondere Vorlieben, die sie „gerne“ auslebt. Sie passt sich mit dem, was sie als eigene Vorliebe ausgibt, an. Entweder an den Markt, also: Was wird gerade gewünscht und gebraucht? Wovon gibt es zu wenig? Womit habe ich ein relatives Alleinstellungsmerkmal? Oder sie schließt an ihre Erfahrung an: Was kann ich besonders gut? Was fällt mir leicht? Eine eigene Vorliebe ist es nicht. Denn dann würde sie diese Vorliebe auch in ihrer eigenen Sexualität leben, fernab des pekuniären Kontextes. Das tut sie nicht. Eine Frau, die angibt, sie stehe auf Lacklederstiefel beim Sex, auf rote Unterwäsche oder Windeln, trägt diese Kleidung nicht bei dem Mann, den sie liebt.
Auch in der Qualität, wie sie dem Mann begegnet, muss die Prostituierte sich auf den Mann einstellen: eher weich, zurückhaltend, anschmiegsam, nachgiebig, willenlos oder eher führend, fordernd, Grenzen setzend, bestimmend. Wann eher in der einen Qualität? Wann eher in der anderen Qualität? Sie muss im Moment erfassen, wann welcher Wechsel ansteht, welche Zeichen was bedeuten mögen, welcher Gesichtsausdruck, welche Körperhaltung, welches Atmen, welcher Blick. Aus dem Repertoire, das ihr zur Verfügung steht, wählt sie das ihr passend und adäquat Erscheinende aus, beobachtet die erzielte Wirkung, adaptiert weiter und weiter, so lange, bis das „Werk“ verrichtet, vollbracht ist. Während ihrer gesamten „Leistungserbringung“, von der ersten Kontaktaufnahme bis zur Verabschiedung, stellt die Prostituierte sich im Gesamten ein auf das, was der Mann, der zahlt, sagt zu wollen und will, ohne zu sagen. Kein anspruchsloses Unterfangen. Auf dieses „Gesamtkunstwerk“, auf dieses Werk in der Gesamtheit der Kunstfertigkeit, auf die Fertigkeit in dieser Kunst, bezieht sich der Mann, wenn er „gut“ sagt. Dafür zahlt er. Dafür erhält die Prostituierte das Geld.
Heutige Sicht
Die unheilvolle Verbindung von Sex und Geld
Die Verbindung von Sexualität und Geld ist eine unheilige. Es ist eine nicht heile Verbindung. Ihre Existenz rechtfertigt nicht ihre Gutheißung. Wir müssen eine neue Perspektive wagen, einen anderen Blick einnehmen, eine Vision entwickeln. Wir müssen über das Ziel hinaus zielen, um es zu treffen.
In Kurzfassung lautet das aktuelle Credo: Jeder, wie er will. Jede, wie sie will. Wenn also sie im Tausch gegen Geld will und er im Tausch gegen Geld will, sollen sie doch. Ist doch ihre Sache. Wenn es ihnen Spaß macht und alle erwachsen sind … bitteschön. – Ja. So kann man denken. Soll die Alkoholikerin sich doch zu Tode saufen. Soll sich der Lebensmüde doch vom Dach stürzen. Bitteschön. – Möglich ist diese Sicht. Sie greift jedoch zu kurz. Sie erfasst die Tiefe nicht. Alkoholismus und Depression zum Beispiel sind keine Ausdrucksformen von Vitalität. Sie sind Ausdrucksformen von Leid. Prostitution ist keine Ausdrucksform von Lust. Auch sie ist eine Ausdrucksform von Leid.
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