Читать книгу: «Traumzeit – auf den Spuren des Jakobus»
Anna Malou
TRAUMZEIT
– auf den Spuren des Jakobus
Eine Frau pilgert auf den Jakobswegen
von Südportugal nach Nordspanien
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Zweite überarbeitete Auflage
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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www.engelsdorfer-verlag.de
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
WIDMUNG
Dieses Buch widme ich all denen, die Wünsche haben, die träumen können von einem anderen, besseren Leben, in dem nicht nur der schnöde Mammon regiert, sondern in dem ein Lebendigsein möglich ist, in dem Sinnsuche ein Ziel findet und in dem ein Zufriedensein von innen heraus möglich ist.

INHALT
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Reiseroute
Zeit
1.Vorwort
2.Reiseverlauf
Teil A: Algarve (Faro, Albufeira, Lagos), Setubal und Lissabon
1.Tag: Anreise Hamburg – Faro/Portugal, 19. August
2.Tag: Faro, 20. August
3.Tag: Faro – Praia de Faro (7 km) – Albufeira (ca. 60 km), 21. August
4.Tag: Albufeira, 22. August
5.Tag: Albufeira – Praia da Falesia (12 km), 23. August
6.Tag: Albufeira – Lagos (70 km), 24. August
7.Tag: Lagos, 25. August
8.Tag: Lagos – Sagres (45 km) – Cabo S. Vincente (6 km), 26. August
9.Tag: Lagos, 27. August
10.Tag: Lagos – Setubal (320 km), 28. August
11.Tag: Setubal – Lissabon (45 km), 29. August
12.Tag: Lissabon, 30. August
13.Tag: Lissabon – Sintra (30 km), 31. August
14.Tag: Lissabon – Porto (280 km, Zug), 1. September
Zwischenbilanz
Teil B: Caminho Portugues (Porto – Santiago de Compostela)
15.Tag: Porto, 2. September
16.Tag: Porto, 3. September
17.Tag: Porto – Vilhar do Pineiro (U-Bahn) – Vilarinho (10 km), 4. September
18.Tag: Vilarinho – Rates (10 km, Taxi), Rates-Barcelos (16 km), 5. September
19.Tag: Barcelos – Ponte de Lima (33 km), 6. September
20.Tag: Ponte de Lima, 7. September
21.Tag: Ponte de Lima – Zwischenbilanz, 8. September
22.Tag: Ponte de Lima – Sao Roques/Rubiaes (17 km), 9. September
23.Tag: Sao Roques – Valenca (15 km), 10. September
24.Tag: Valenca (Portugal) – Tui (Spanien, 4 km), 11. September
Betrachtungen zu Portugal
25.Tag: Tui – Mos (5,3 km) – O Porrino (16 km) – Redondela (9,4 km), 11. September
26.Tag: Redondela – Pontevedra (17,3 km), 12. September
27.Tag: Pontevedra – Portela (11,7 km) – Briallos (6,4 km), 13. September
28.Tag: Briallos – Caldas de Reis (4,8 km) – Padron (18,3 km), 14. September
29.Tag: Padron – Teo (10,4 km und mehr), 16. September
30.Tag: Teo – Santiago de Compostela (12,9 km), 17. September
31.Tag: Santiago de Compostela, 18. September
32.Tag: Santiago de Compostela, 19. September
33.Tag: Santiago de Compostela – Negreira (23 km), 20. September
34.Tag: Negreira – Maronas (23 km), 21. September
35.Tag: Maronas – Oliveiroa – Cee (33 km), 22. September
36.Tag: Cee – Fisterra (16 km), 23. September
37.Tag: Fisterra – Langosteira Strand (4 km) – Cap Fisterra (7km), 24. September
38.Tag: Fisterra, 25. September
39.Tag: Fisterra – Muxia (32 km), 26. September
40.Tag: Muxia, 27. September
41.Tag: Muxia – Lourido Strand (12 km)
42.Tag: Muxia – Santiago de Compostela (87 km, Bus), 29. September
43.Tag: Santiago de Compostela, 30. September
44.Tag: Santiago de Compostela, 1. Oktober
Betrachtungen zu Spanien
45.Tag: Santiago – Hamburg, 2. Oktober
3.Verbesserungsvorschläge für kommende Reisen:
4.Nachwort
5.Folgende Literatur diente mir als Hilfe bei der Vorbereitung und Durchführung meines Weges:
6.Biografie
7.Bibliografie
Fußnoten
Zeit
Ich wünsche mir
Zeit zum Leben
zum Lieben
zum einfach da sein
zum Träumen
zum Denken
zum Reden
zum in Ruhe gelassen
werden zum Sehen
zum Fühlen
zum einfach nur
glücklich sein.
1.VORWORT
„Pilgern macht süchtig“, ich weiß nicht, ob man dieses so allgemein behaupten kann. Jedoch habe ich für mich persönlich genau diesen Eindruck. Nachdem ich im letzten Jahr den Camino Francés von Pamplona nach Santiago de Compostela zurückgelegt habe1, treibt es mich weiter. Offensichtlich habe ich mich – ebenso wie viele Pilger vor mir – mit dem Pilgervirus infiziert. In diesem Jahr werde ich mir sechs Wochen Zeit nehmen, sechs unverplante, ungeregelte, ungebuchte Wochen Zeit für mich ohne Verpflichtung, ohne Muss, ohne Zwang, Zeit zum einfach Dasein, zum Genießen, zum Erfahren, zum wieder einmal neu sehen lernen.
Voller Spannung und Träume sind allein schon die Monate vorher, wenn sich die Route, die Ideen und Wünsche entwickeln. Im Internet surfen und Informationen über Portugal und Spanien herausfinden, Literatur beschaffen, Pilgerpass bestellen, all das erfordert Vorlauf, Wochen und Monate, in denen ich mich innerlich mit diesem, meinem Thema, auseinandersetze.
Beim Recherchieren nach meinem möglichen Reiseweg nehme ich als Planungshilfe die zeichnerischen Darstellungen aus meinem Pilgerpass, aus denen eindeutig hervorgeht, dass sich die Jakobswege traditionell durch ganz Europa erstrecken, was auch Sinn macht, da in früheren Zeiten die Pilger zu Hause losliefen, da es keine Transportmittel wie Eisenbahn oder Flugzeug gab. Demnach gibt es einen traditionell überlieferten Weg, der in Faro beginnt, und einen, der in Lagos beginnt. Ich jedoch möchte mir in diesem Zusammenhang meiner Reise auch die Algarve ansehen, sodass ich hier sicherlich improvisieren muss. Von Lagos aus führt dann eine festgelegte Route nach Norden.
Zu meinem Erstaunen stelle ich jedoch fest, dass es zu diesem, meinem Weg von Faro in Portugal nach Santiago de Compostela in Spanien kaum Literatur gibt, jedenfalls keine Literatur, nach der man entlang der alten Jakobswege von Faro aus wandern könnte. Es gibt Informationen zur Algarve und über Lissabon und auch eine Wegbeschreibung von Porto nach Santiago de Compostela, jedoch ist der Weg von Faro bis Porto offensichtlich „Niemandsland“, was mich eindeutig vor neue Anforderungen stellt. Hier gilt es, meinen persönlichen Weg – offensichtlich auch ohne Wegbeschreibung – selbständig zu finden. Eine Aufgabe, die hoffentlich für mich lösbar sein wird.
Monatelang lebe ich also mit diesen, meinen neuen Träumen, in der Gewissheit, dass ich am 19. 8. 08 starten werde, da ich meine Flüge bereits im Dezember 2007 gebucht habe.
Der Countdown läuft und die gedanklichen und praktischen Vorbereitungen gestalten sich entsprechend. Meine Reiseutensilien sind vom letzten Jahr noch intakt und vollständig, wurden von mir noch durch ein Regencape, durch einen Packsack für den Rucksack als Fluggepäck und durch diverse T-Shirts als Klima-T-Shirts ergänzt. Auch muss ich dieses Mal an Badesachen denken, denn die Algarve ohne Bademöglichkeit zu bereisen, wäre sicherlich ein Frevel.
So ergibt sich diese, meine persönliche Packliste:
Rucksack mit Packsack für das Flugzeug
2 Treckinghosen, zweifach kürzbar
2 T-Shirts
3 Trecking-Blusen
2 Sportshirts ohne Arm
4 Tops
1 Unterhemd, langärmelig, Mikrofaser
1 kurze Jeans
3 Paar Treckingstrümpfe
1 Rock, elastisch, nicht knautschend
1 Schlafanzug, Viertelarm, Dreiviertelhose
4 x Unterwäsche zum Wechseln
1 Halstuch
2 Bikinis
1 Pilgercappy
Trecking-Sandalen
Badelatschen
1 Fleecejacke
1 Regencape
Rucksackabdeckung
1 Fleecedecke
1 Handtuch, Mikrofaser
Einmalwaschlappen
Papiertaschentücher
Müllbeutel für schmutzige oder nasse Wäsche
Haargummi
Lippenpflegestift
Haarshampoo und Duschgel in einer Verpackung, auch zum Wäschewaschen
6 Wäscheklammern
1 Tube Sonnencreme
Taschenlampe
Stoffbeutel für den Einkauf
Ersatzbrille mit Etui
Sonnenbrille mit Etui
Nähzeug
Medikamente nach Bedarf
Mullbinde, elastische Binde, Desinfektionsspray, Wundsalbe
Pflaster, Blasenpflaster in verschiedenen Größen
Ohrstöpsel, falls es in der Herberge laut ist
Kugelschreiber, Notizheft
MP3-Player und Ersatzbatterien zum Aufladen
Kleines Batterieladegerät
Digitalkamera
Handy und Ladegerät
Kleine Umhängetasche für den Fotoapparat
Trecking-Handtasche (für sehr kleines Portemonnaie, Fotoapparat, Handy, Brille, Schlüssel, Sonnencreme, für die Zeit im Flugzeug und in der Freizeit)
Papiere: Ausweis, EC-Karte, Visa-Karte (zur Sicherheit evtl. beides), Bahncard, Karte der Fluggesellschaft, Flugtickets, Adressbuch
Bauchtasche, Geldgürtel (darin eine Kopie des Ausweises und die Flugdaten)
Pfefferspray, Leuchtkugeln für Notfälle
1 Taschenmesser
1 Becher aus Hartplastik
Mini: Salz und Pfeffer zum Anhängen
Müsliriegel/Fruchtschnitten
4 x 0,5-Liter-Flaschen Selters mit Schraubverschluss
Dazu kommt eine komplette Kleidungsgarnitur, die ich bei der Reise trage, mit langer Treckinghose und regendichter Jacke mit Kapuze.
2.REISEVERLAUF
TEIL A: ALGARVE (FARO, ALBUFEIRA, LAGOS), SETUBAL UND LISSABON
1.Tag: Anreise Hamburg – Faro/Portugal, 19. August
Glitzernde Sonnenstrahlen, die Sonne scheint als runder, glühender Ball über dem See, als ich im Zug sitze. Ich denke an meine Lieben daheim und daran, dass alles zwei Seiten hat. Auf der einen Seite die Wehmut, mit der mich mein Mann und mein Sohn bedenken. Sie lassen mich nur ungern ziehen, das fühle ich genau – und doch, ich will diese Zeit – Zeit für mich, auch wenn ich gegen mein schlechtes Gewissen ankämpfen muss. Meine drei erwachsenen Kinder erleben bei mir zur Zeit eine „verkehrte Welt“, denn gerade gestern habe ich bei meinem älteren Sohn festgestellt, dass sich die Zeiten schnell ändern: Vor kurzem noch hatten die Kinder Zeit zum Reisen und ich musste arbeiten, doch nun ist es auf einmal umgekehrt, die Welt hat sich verändert, und das schneller als erwartet.
Wenn ich mich nach dem „Warum?“ frage, so erscheint mir selbst meine Sichtweise widersprüchlich. Reicht es, dass ich in jungen Jahren nicht derartig reisen konnte? Vielmehr denke ich, dass ich frei sein will, Freiheit fühlen und leben will, endlich mal das tun, was ich möchte! Spannung erleben, Neues sehen und hören, mich selbst wieder fühlen nach so langer Zeit. Im Älterwerden wird mir immer klarer, dass unsere Zeit auf Erden begrenzt ist, dass es nun gilt, das Beste aus der noch verbleibenden Zeit herauszuholen, herauszuleben, herauszufühlen. Intensives Leben zu haben und nicht nur darauf zu warten, Alltägliches abzuarbeiten.
Ich sitze im Zug und versuche, nach vorne zu sehen in Erwartung auf all das, was in den folgenden sechs Wochen auf mich zukommen wird. Was werden sie mir bringen? Mit welchen Gefühlen werde ich im Oktober wieder nach Hause fahren? Ich weiß es nicht und vielleicht ist das auch gut so. Werde ich die Einsamkeit aushalten? Was wird mir mein Weg für neue Menschen schenken? Die Zuhausegebliebenen tun mir Leid, weil sie weiterhin die Pflicht haben und ich – endlich – die Kür leben darf. Trennung auf Zeit, in der jeder wieder „ich“ und nicht immer „wir“ ist, Gelegenheit sich neu zu finden und zu definieren.
Was macht das Leben mit uns, wenn wir uns nach vielen Jahren des Zusammenlebens einfach nicht mehr fühlen können, wenn wir zu einem Einheitsbrei von Gemeinsamkeiten verkocht sind? Eigentlich mag ich dich – noch immer – jedoch nicht immerzu, nicht pausenlos. Ab und zu möchte ich einfach ich sein und nur für mich planen, denken, fühlen, ohne zu teilen, ohne Rücksicht zu nehmen, ohne immer an andere zu denken! Ich möchte dabei keine Schuld empfinden, kein schlechtes Gewissen haben. Ich möchte glücklich sein dürfen, auch mit mir allein, zufrieden, dass ich mein eigenes Leben habe. Leben und sterben, gesund und krank ist jeder für sich allein, auch wenn man zu zweit ist. Auch in Gesellschaft hat jeder seine eigenen Schmerzen, auch in Gesellschaft tut manchmal das Herz weh. Also, packen wir es an, das eigene Leben, nehmen wir es in die Hand und uns selbst an die Hand, planen wir neu und individuell für uns – nein, für mich!
So erreiche ich Hamburg, Hauptbahnhof, und fahre mit dem Flughafenbus, der unmittelbar vor dem Bahnhof hält, weiter zum Flughafen. Ich bin pünktlich da, habe noch eine knappe Stunde Zeit, bis ich einchecken kann. So gehe ich einen Kaffee trinken und schlendere durch die Auslagen der Geschäfte, bis ich dann bei meiner Fluggesellschaft anstehe, um mein Gepäck abzugeben. Das geht zügig und schnell, so dass ich kurze Zeit später durch die Personen- und Handgepäckkontrolle gehen kann. Hier werde ich – wie gewohnt – auf Herz und Nieren durchgecheckt, muss meine Bauchtasche, mein Handy und alle persönlichen Dinge in den dafür vorgesehenen Korb zum Durchleuchten legen und gehe dann durch die Kontrolle hindurch. Danach sortiere ich alle persönlichen Gegenstände wieder an den richtigen Platz und setze mich in den Wartebereich, um zu lesen.
Es dauert gar nicht lange, bis ich Gesellschaft bekomme, ein Herr in meinem Alter setzt sich neben mich und betrachtet seine beiden Bordkarten. Erst in diesem Moment wird mir bewusst, dass ich nur eine Bordkarte bekommen habe, nämlich für Hamburg – Palma de Mallorca. Etwas panisch unterlegt, springe ich auf, will zurück zum Ticketschalter gehen und stelle fest, dass ich dafür ganz aus dem Flughafengelände herausgehen muss. So stehe ich erneut am Ticketschalter an, warte, bis ich dran bin und reklamiere, dass ich die Bordkarte für Palma – Faro nicht bekommen habe, warum auch immer. Nach mehrmaliger Erklärung und kritisch prüfenden Blicken auf den Computer bekomme ich die zweite, mir noch fehlende, Bordkarte ausgehändigt. Ich bin in diesem Moment unglaublich froh, dass ich das Fehlen der zweiten Bordkarte noch hier in Hamburg bemerkt habe, denn sonst hätte ich wahrscheinlich in Palma festgesteckt, ohne zu meinem Bestimmungsziel Faro planmäßig hinkommen zu können. So muss ich ein zweites Mal durch den Sicherheitscheck, um dann nach einer weiteren, kurzen Wartezeit, planmäßig in das Flugzeug einsteigen zu können.
Endlos warte ich auf den Start, auf das Ankommen, auf das Kommende. Ich lese, ich schreibe, ich sehe, ich höre, jedoch so richtig gut geht es mir nicht – noch nicht. Ich weiß, dass meine Lieben zu Hause sich Sorgen machen, Angst um mich haben, und doch muss ich dieses tun, es ist wichtig für mich. Ich, die ich Jahre lang nur noch aus Rücksichtnahme bestand, beginne wieder zu leben, selbständig und autark. Das ist ein sehr erhebendes Gefühl.
Ankunft in Palma – Zwischenstopp – warme und laue Luft empfängt mich. Ich muss anstehen und auf den Ausstieg warten, fahre mit dem Bus zum Flughafengebäude hin. Hier muss ich nun den richtigen Flugsteig suchen, um dort nach einiger Wartezeit, mit Ausweis und Bordkarte in der Hand, erneut einzuchecken.
Und wieder startet das Flugzeug, dieses Mal in Richtung Faro, wo es nach zweieinhalb Stunden landet.
Bei der Ankunft stelle ich fest, dass wir eine Stunde später als angegeben gelandet sind, jedoch handelt es sich dabei um die Zeitverschiebung, die Uhr ist in Portugal um eine Stunde später einzustellen als in Deutschland. Beim Aussteigen aus dem Flugzeug mache ich mir so meine Gedanken, befinde mich in aufgeregter Erwartung und überlege, ob es wohl möglich sein wird, in der noch bestehenden Hauptsaison ein billiges Privatquartier zu finden. Auch denke ich an meine Familie, die mich auf meinem Reiseweg gedanklich liebevoll begleitet. Bei mir jedoch sind Wehmut und Heimweh verflogen, ich bin voller Erwartung und richte meinen Blick jetzt ausschließlich nach vorn.
Das ist auch notwendig, denn angekommen in Faro, erwartet mich die erste Überraschung, denn mein Rucksack ist nicht da, kommt auch nicht auf dem Laufband angereist. Suchend warte ich, bis alle Umstehenden ihr Gepäck an sich genommen haben, und schließlich stehe ich allein da. Nun muss ich mich durchfragen, englisch geht, zum richtigen Schalter „Lost and Found“, mache meine Meldung, bekomme eine Bearbeitungsnummer und stehe immer noch ohne Rucksack und ohne Angabe, wann und wo ich diesen bekomme, da. Na, das ist ja ein merkwürdiger Start in meine Pilgerreise!
Bevor ich das Flughafengebäude verlasse, frage ich mich zur Touristeninformation durch, bekomme dort eine Karte von Faro und ein Verzeichnis von Pensionen. Nun bin ich gut vorbereitet und gehe leichten Schrittes ohne mein Gepäck aus dem Flughafengebäude heraus. Die Busstation kann ich erst nach dreimaligem Nachfragen finden, weil so viele wartende Menschen überall herumstehen. Nach fast zwanzig Minuten Wartezeit kommt der Bus, ich steige ein und versuche, schon im Bus sitzend, herauszubekommen, wo sich das Zentrum von Faro befindet und wo ich dann aussteigen muss. Hinter mir sitzt eine Französin, die mir genau zeigen kann, wie weit ich mit dem Bus mitfahren muss. Schließlich erreiche ich das Zentrum, steige aus und sehe mich um.
Am Busbahnhof ist Markt, viele Stände sind mit bunten Kleidern und sonstigem aufgebaut, doch ich habe so gar keinen Sinn dafür, da ich ohne Gepäck völlig überfordert in einer fremden Stadt herumirre. Ein wenig anders hatte ich mir den Beginn meiner Pilgerreise nun doch vorgestellt.
Nach der Zeitumstellung von einer Stunde ist es 16.30 Uhr, die Sonne ist immer noch schön warm, als ich mich weiter zum Zentrum von Faro durchfrage. Es ist viel Betrieb in den Straßen, viele Leute sitzen in den Straßencafés bei Eis und Kaffee und ich bewundere alte Häuser mit schmiedeeisern vergitterten Fenstern, viele bunt abgesetzt angestrichen.
Allmählich erreiche ich die ersten Pensionen und höre „completo“, also besetzt, ausgebucht, es gibt einfach so schnell kein Quartier für mich. Auch der Preis ist mir mit 25,00 Euro vielfach zu hoch. Im Reiseführer habe ich gelesen, dass es in Portugal billig sein soll, das passt für mich nicht zusammen und scheint nach meinem ersten Eindruck nicht für die Algarve zu gelten. Schließlich frage ich mich zu der Pension durch, die ich noch zu Hause in einem Internetforum gefunden habe, die in der Rua Capitao Mor liegt, den gleichen Namen der Straße trägt und zu der auch ein Restaurant gehört.
Dort bekomme ich ein Zimmer mit Bad auf dem Flur für 20,00 Euro, welches mir ein unfreundlicher Herr, der mit den Sprachbarrieren völlig überfordert ist, zeigt. Ich miete mich vorerst für zwei Nächte ein und beziehe mein Zimmer, um dort zu telefonieren. Anruf bei der Fluggesellschaft in Deutschland, beim Flughafen, ob es etwas Neues gibt. Dort melde ich meine aktuelle Adresse, falls mein Rucksack wieder auftaucht, was ich doch stark hoffe. Mir geht es nicht gut, ich leide unter „Gepäcknotstand“ und weiß nicht so recht, wie es weitergehen soll. Zum Glück ist es so früh, dass ich das Notwendigste, was ich für die Übernachtung benötige, noch einkaufen kann. Jedoch bin ich genervt, enttäuscht, dass aus einem lockeren, entspannten Start in meine Reise so nichts geworden ist. Nicht auszudenken, was werden soll, falls mein Gepäck dauerhaft verschwunden sein sollte. Muss ich dann meine geplante Reise ganz abbrechen? Ich bezweifle stark, dass es mir gelingen könnte, mein gesamtes Reisegepäck vor meiner Wanderung neu einzukaufen. So fühle ich mich nicht so recht wohl und mache mir doch erhebliche Gedanken, wie das Ganze wohl weitergehen könnte.
Trotz allem will ich nicht auf meinem Zimmer bleiben und gehe nach draußen in den lauen Abend. Ich schlendere durch die kleinen Gassen der Altstadt von Faro. Überall gibt es altes, ausgetretenes Kopfsteinpflaster, im Zentrum zum Teil sehr schön als Mosaik ausgelegt. In den engen Gassen stehen bei sehr gedämpfter Beleuchtung vielerorts Tische und Stühle draußen vor kleinen Restaurants, Kneipen, Pizzerien. Auch hier gibt es natürlich „McD …“ und ich finde es so schade, dass offensichtlich im europäischen Ausland der typische Landescharakter immer mehr verloren geht.
Schließlich bleibe ich in einem Lokal hängen, von dem aus ich einen traumhaften Blick auf das Hafengelände habe. Es riecht eindeutig nach salziger Meeresluft, der Hafenquai ist mit Palmen umsäumt, als rotviolett die Sonne so allmählich, mit Glitzerstrahlen untergehend, weiße Luxusjachten im Hafenbecken beleuchtet. Das ist ein so schöner, urlaubsnaher Anblick, der mich fast mein Rucksackproblem vergessen lässt. So genieße ich den Abend in lauer Luft in sicherer Gewissheit, sechs Wochen Zeit für mich zu haben, sechs Wochen zum Leben, zum Fühlen, zum Wahrnehmen, eine Auszeit für die Sinne.
Schließlich ziehe ich mich gegen 22.00 Uhr in mein Zimmer zurück, um dort in einen tiefen, traumlosen Schlaf zu fallen.
2.Tag: Faro, 20. August
Der nächste Morgen bringt mir zunächst nichts Neues. Als ich wiederum am Flughafen anrufe, weiß man noch nichts Neues, also warten, unsicher, wie es weitergehen soll.
So schlendere ich durch die Altstadt, hole mir Tipps für die weitere Reise in der Touristeninformation und besichtige die alten Gassen, die sich rund um die Stadtmauer befinden, die mit mindestens sechs Metern Höhe sehr imposant ist. Die Altstadt ist doch größer, als ich gedacht habe, und so gibt es Vieles zu entdecken. Winkelige Gassen, mit gemustertem, abgetretenem Kopfsteinpflaster umlegt, so dass der Mensch auf krummem und unebenem Untergrund die Häuser, die überwiegend gut erhalten sind, bewundern kann. Altertümliche Laternen runden dieses Bild ab.
Schließlich erreiche ich die Kathedrale, die mächtig den Vorplatz überragt. Hier kostet der Besuch drei Euro Eintritt, eröffnet jedoch die Möglichkeit, mit 78 Stufen auf den Glockenturm zu steigen. Von dort bietet sich eine phantastische Aussicht auf die Stadt Faro, auf das angrenzende Naturschutzgebiet und auf das Meer, das azurblau im Sonnenlicht glitzert. Ein Blick nur zum Träumen, in jeder Richtung schön. Das Innere der Kirche ist in meinen Augen nicht absolut sehenswert, da hier mehrere goldüberzogene Altäre mit Kacheldekoren im Wechsel stehen. Diese Kombination der Materialien ist für mich ungewohnt und auf jeden Fall befremdlich. Das Museum der Kathedrale zeigt sakrale Gegenstände und Kleidungsstücke, die durch ihre kunstvollen Applikationen auffallen.
Hier in dieser Kathedrale von Faro bekomme ich nun meinen ersten Pilgerstempel, der mir in zweifacher Variante liebevoll im Nebenraum der Kirche präsentiert wird. Diese Pilgerstempel dienen mir als Nachweis, dass ich meine vorgesehene Strecke auch zurückgelegt habe, wobei der Pilgerpass zudem die Möglichkeit bietet, später in Pilgerherbergen zu übernachten. Diesen Pilgerpass hatte ich mir bereits in Deutschland per Internet bestellt, so dass ich ihn bereits mit auf meine Reise nehmen konnte. Da dieser Stempel vom Pastor erst gesucht werden muss, bin ich mir sicher, dass dieser hier nicht allzu häufig an Pilger vergeben wird.
So allmählich gehe ich auf mein Zimmer zurück und telefoniere wieder nach meinem verlorenen Rucksack. Nun kommt für mich die größte Überraschung: Er ist da und inzwischen auf dem Weg zu meiner Pension! Offensichtlich war er in Palma verkehrt weitergeschickt worden, so dass er heute Morgen bereits von Ibiza zurückreisen musste. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn nun habe ich wieder die Hoffnung, dass meine Reise – wie geplant – vonstattengehen kann. Und wirklich, eine halbe Stunde später wird mein vermisster Rucksack angeliefert. Zuerst muss ich kontrollieren, ob es auch der Richtige ist. Er ist es, jedoch fehlen meine Walking-Stöcke komplett. Diese sind offensichtlich bei dem ganzen Durcheinander auf der Strecke geblieben. Außerdem vermisse ich noch ein paar weitere Kleinigkeiten, unter anderem meine Trinkflaschen und meine Tempotaschentücher, die offensichtlich den Mehrfachtransport nicht überlebt haben. Trotz allem bin ich froh, sehr sogar, und kann nun wieder in Ruhe planen.
So erstehe ich nach vielem Nachfragen und einer endlosen Suche in der Stadt in einem Laden für Gesundheitsartikel das einzige Paar Walking-Stöcke, das es dort gibt. Um den Preis zu berechnen, benötigt die Verkäuferin sage und schreibe zwanzig Minuten. Offensichtlich gehen die Uhren hier in Portugal anders als in Deutschland.
Den Abend verbringe ich wieder spazieren gehend in der Altstadt, die in einem unwirklichen Lichterglanz in gedämpfter Beleuchtung liegt. Schließlich finde ich ein gemütliches Lokal zum draußen Sitzen, in das ich einkehre. Dort genieße ich den guten, schweren, dunkelroten portugiesischen Rotwein, erfreue mich an der lauen Luft und an netter Gesellschaft. Denn am Nachbartisch sitzt eine Familie mit zwei kleinen Kindern, mit denen ich auf Englisch ins Gespräch komme. Es wird gelacht und geredet und im Nu ist es so spät, dass ich mit etwas Mühe, mich nicht zu verlaufen, in der Dunkelheit mein Zimmer wiederfinde.
3.Tag: Faro – Praia de Faro (7 km) – Albufeira (ca. 60 km), 21. August
Heute reise ich weiter. Um zum Strand von Faro, der ca. sieben Kilometer von der Stadt entfernt liegt, zu kommen, kann ich mit dem Bus oder mit dem Schiff fahren. Von meinem Zimmer aus laufe ich nur zehn Minuten bis zum Schiffsanleger, löse für 1,50 Euro eine Fahrkarte, sortiere meinen Riesenrucksack und mich zwischen die anderen Badegäste, die schon in ihrer Strandkluft auf dem Boot Platz genommen haben. Viele Familien mit kleinen Kindern, aber auch frisch verliebte, turtelnde junge Pärchen sitzen erwartungsvoll da, um später den Strand zu genießen.
Mit zehn Minuten Verspätung fährt das Schiff los, um sich langsam und behäbig einen Weg durch die Wasserstraßen des Naturschutzgebietes zu bahnen. Möwen schreien und die Luft duftet nach Salz. Ein kräftiger Wind weht vom Meer her, so dass der Sonnenschein herrlich warm, aber nicht zu heiß ist. Weiter tuckert das Boot zwischen den Kanälen entlang, bis es nach einer knappen halben Stunde in „Praia de Faro“, dem Strand von Faro, anlegt.
Alle steigen aus und im Nu bin ich umzingelt von Touristenmassen jeden Alters, von Unmengen von Autos, die parken oder sich in rasantem, unheimlichem Tempo durch die Touristenströme hindurchschieben. Ich sehe wieder brackiges Wasser und wenig Sand, als ich den Fußweg, der mindestens zur Hälfte mit Autos zugeparkt ist, entlanggehe. Sollte das hier alles an Strand sein? Schließlich fällt mir auf, dass viele Kinder in eine andere Richtung laufen, und wirklich, auf der anderen Straßenseite, hinter einem deichartigen Wall befindet sich das Meer, das von der Straße aus gar nicht zu sehen war. Glitzernde Schaumkronen in gleißender Sonne, ein Puderzuckersand in hellem Weiß, wie er schöner nicht sein kann – und ich stehe hier, mit meinem Rucksack beladen – und suche ein Quartier. Nach mehreren Nachfragen und vielen vergeblichen Versuchen weiß ich, dass es hier keine Privatquartiere gibt, dass Pensionen ausgebucht sind und dass das Hotelzimmer 50,00 Euro kosten soll. Ich bin sprachlos, denn das hätte ich so nicht erwartet. Ich halte mit mir selber Krisenrat und muss so völlig umdisponieren. Mit einer gewissen Enttäuschung entscheide ich mich, für 1,60 Euro wieder mit dem Bus zurück nach Faro zu fahren, da ich hier so nicht weiterkomme. Inzwischen ist es Mittag und die Sonne brennt vom Himmel, es sind mindestens 35 Grad Celsius im Schatten und in der Sonne entsprechend mehr. Ich bin deprimiert und enttäuscht, denn so hatte ich mir den Beginn meiner Pilgerreise eigentlich nicht vorgestellt.
Vom Busbahnhof aus habe ich jedoch Glück und kann sofort mit dem nächsten Bus weiter Richtung Albufeira fahren. Ich verstaue mein Gepäck unterhalb der Bussitze und sause los, um mir am Schalter eine Fahrkarte zu holen, in der Hoffnung, dass der Busfahrer so lange wartet, bis ich wieder da bin. Am Fahrkartenschalter spricht die Dame englisch, ich zahle für meine Fahrkarte 3,80 Euro und muss mehrmals nachfragen, weil ich nicht verstehe, was die Dame von mir will. Schließlich wird es mir klar, sie wollte wissen, wann ich fahren will, sofort, schnell, und ich renne los, um meinen Bus noch zu erwischen. Und wirklich, es klappt, ich sitze Schweiß überströmt im Bus und bin froh, diese Hürde genommen zu haben.
Der Bus durchquert Faro, hält noch diverse Male und fährt dann über die Autobahn ca. sechzig Kilometer nach Albufeira. Ich bin müde, nicke immer wieder ein, bis ich schließlich aufwache, als der Bus den Busbahnhof von Albufeira erreicht hat. Auf geht es, ich nehme mein Gepäck und wandere in glühender Hitze – es ist erst 15.00 Uhr – in Richtung Zentrum. Nach fast vierzig Minuten Fußmarsch durch Vororte und Villengebiete erreiche ich das Zentrum und denke, ich sei auf einem Jahrmarkt gelandet. Die Stadt ist und alle Lokale sind brechend voll von Touristen und demnach heißt es überall in den Pensionen „completo“, also ausgebucht. Ich bin völlig ratlos, verzweifelt, verschwitzt und erledigt.
Letzter Ausweg: Touristeninformation. Und wirklich, drei Straßen weiter finde ich diese, erhalte dort eine Liste mit möglichen Unterkünften und eine Empfehlung, wo ich es zuerst versuchen sollte. So erreiche ich die erste Pension, die mir empfohlen wurde, und soll 30,00 Euro zahlen. Nun gehe ich zwei Häuser weiter und soll schon 40,00 Euro zahlen, also zurück zur ersten Pension. Jedoch inzwischen ist mein „Fastzimmer“ weg, ein Herr steht an der Rezeption und hat gerade dieses letzte Zimmer gebucht. Nun reicht es mir, ich bin völlig erschöpft und brauche eine Lösung, schnell. So rufe ich in einer weiteren Pension an und dort ist ein Zimmer frei, kostet jedoch 35,00 Euro, allerdings mit Frühstück und ich bekomme es nur, wenn ich mindestens drei Tage bleibe. Mir ist inzwischen alles egal, ich nehme es und bin zehn Minuten später vor Ort.
Nun findet hier wieder ein umständliches Eincheckritual statt: Ausweis vorzeigen, kopieren lassen und dann natürlich Bargeld, sofort. Das Ganze wird von einer unfreundlichen, hochnäsigen Dame mittleren Alters gemanagt, die ziemlich herablassend meine Aufmachung mustert. Damit muss ich wohl leben, dass ich nach sechsstündiger Reise in brüllender Hitze keinen attraktiven, gepflegten Eindruck mehr hinterlasse.
Mein Zimmer liegt im zweiten Stock, ist sauber und schön und ich mache Pause, ganz viel und ganz lange. Danach zieht es mich an den Strand und in den Ort, ich laufe herum und mache Fotos von Felsenklippen am Meer, von zuckerweißen Häusern über dem Meer, vom „Jahrmarkttreiben“ im Ort. Schön, ich bin erst einmal wieder angekommen, habe Zeit, mich umzusehen und weiter zu planen.
In der Kirche, die hoch auf dem Berg liegt und nur durch viele Treppenstufen zu erreichen ist, erhalte ich meinen nächsten Pilgerstempel. Auch hier muss man den Stempel erst heraussuchen, also Pilger findet man hier offensichtlich nicht viele, was ich bei diesen Preisen auch gut verstehen kann. Als die Sonne untergeht, wird es am Meer kühler, jedoch ist es in den Häuserzeilen immer noch angenehm warm.
Gegen 20.00 Uhr sind die Restaurants wieder gefüllt, die Menschenmassen sind auf den Laufstraßen, um sich zu zeigen und um an den vielen Ständen und Geschäften herumzuschauen. Ich sitze im Lokal draußen beim Cocktail, sehe den vorbeiströmenden Massen zu, begutachte die Bäuche der Urlauber, die zum Teil wirklich sehenswert sind. Neben mir nimmt eine englisch sprechende Familie mit zwei Töchtern Platz, so dass ich auch jetzt wieder Zeit zum „Small Talk“ habe. Aber immerhin, ich übe weiter an meinem Englischwortschatz und habe einen entspannten, netten Abend.
Als ich schließlich in mein Zimmer gehe, bin ich richtig müde und möchte nur noch eines, schlafen.
4.Tag: Albufeira, 22. August
Ein neuer Tag, schon beim Wachwerden streichelt mich die Sonne. Es gibt Frühstück in meiner Pension, nicht so üppig, aber reichlich genug, so dass ich sehr zufrieden den Tag beginne. Danach geht es zum Strand und dort auf Entdeckungsreise: Ein endlos langer Sandstrand, mit Felsen in allen möglichen Formen und Größen verziert, dazwischen kleine Nischen und kleine Seen mit warmem Wasser. Das Meer an sich, durch das ich laufe, ist kalt, sehr kalt, sicher nicht wärmer als an unserer heimischen Ostsee. Jedoch ist das Wasser klar und sauber und es gibt Muscheln, auch große, die meinem Pilgersymbol entsprechen. Es sind also Muscheln, die in der Form der Jakobsmuschel zu sehen sind, recht groß und ebenmäßig weiß. Dieses ist also das natürliche Vorbild der stilisierten Jakobsmuschel, die als Kennzeichnung des Jakobsweges Verwendung findet. Dazu gibt es mehrere Geschichten, in denen Jakobus einen Ertrinkenden rettet und dieser dann, von mehreren Jakobsmuscheln bedeckt, aus dem Wasser herausgezogen wurde.
In meiner Pension habe ich mir für diese Strandtage einen Safe für 2,50 Euro pro Tag mieten können, so dass ich mich am Strand ganz entspannt bewegen kann. Um 10.00 Uhr füllt sich der Strand rasend schnell, die Leute liegen eng bei einander und für mich ist das fast zu viel Nähe. Ich bleibe jedoch, bis es gegen Mittag sehr heiß wird, und entscheide mich dann für eine längere Siesta, um am Nachmittag meine Sightseeing-Tour durch Albufeira und am Strand fortzusetzen.
Hinter einem Pilgerstempel für den heutigen Tag brauche ich nicht herzulaufen, da ich diesen an der Rezeption meiner Pension problemlos bekomme.
Als ich gegen 15.30 Uhr wieder auf die Straße trete, ist es noch immer glühend heiß. Ich wandere heraus bis ans Meer, ca. zehn Minuten bergab, und sitze auf der noch fast menschenleeren Promenade und esse dort eine Kleinigkeit. Die Menschenmassen sind noch am Strand, doch nur wenige baden, das Wasser ist wohl anderen auch zu kalt. Ich schlendere weiter am Strand, am Meer entlang, sitze draußen im Lokal, die Füße im Sand, und beobachte, wie die Sonne immer tiefer geht und das Meer und seine Umgebung in ein unwirkliches Licht taucht. Schließlich färbt sich der Himmel streifenrot mit rosa Wattewölkchen, die Lichter Albufeiras beginnen in der untergehenden Sonne zu leuchten. Das Meer rauscht im seichten Wind, es riecht nach Salz und Meer, meine Füße fühlen den kühlen Sand. Ich blicke auf das Meer, das sich anschickt, schlafen zu gehen, als gegen 21.00 Uhr die Sonne untergeht und der dunkelnde Himmel das Meer mit einem grauschwarzen Tuch zudeckt.
Nun wird es kühler, der Wind hat fast aufgehört und ich mache mich auf den Weg zurück zum Ort Albufeira. Mein Weg führt mich noch eine Viertelstunde am Strand entlang, bis ich die bunten, vollen und lauten Straßen Albufeiras erreiche. Das ist fast frustrierend, aus der wundersamen Abendstimmung in den Kulturschock der Ferienmetropole einzutauchen. Hunderte von Menschen laufen, in Abend- und Freizeitgarderobe gestylt, in den engen Gassen der Altstadt herum, sitzen auf der Piazza, füllen die Restaurants und stöbern in den noch offenen Ladenzeilen oder an den zu Hunderten aufgebauten Ständen herum. Da kann ich bei weitem nicht mithalten, denn meine Kleidung ist – meinem Rucksack entsprechend – sportlich praktisch, und kaufen kann und will ich nichts, da ich alles transportieren müsste. Zudem bin ich völlig erschlagen von der Fülle um mich herum, so dass ich entscheide, einen Internetzugang aufzusuchen, um eine Mail nach Hause zu schicken.
Diese Möglichkeit finde ich kostengünstig in einem Hotel in der Innenstadt, zahle für zehn Minuten einen Euro und freue mich, dass ich das geschafft habe. Danach stürze ich mich wieder in das Getümmel, um nach knappen fünf Minuten festzustellen, dass ich meinen Fotoapparat am PC im Hotel vergessen habe. Voller Panik rase ich zurück, um mich mehrmals zu verlaufen. Schließlich finde ich das Hotel doch wieder. Am PC sitzt eine junge Frau, die auch schon bemerkt hat, dass dort neben dem PC eine Digitalkamera liegt. Ich bin erleichtert und glücklich, als ich meine verloren geglaubte Kamera wieder in der Hand halte. Das wäre aber ein Pech gewesen, wenn ich all die Fotos, die ich schon gemacht habe, verloren hätte, und auch künftig nichts mehr hätte im Bild festhalten können!
Plötzlich laufe ich mitten auf der Straße einem Pilgerbekannten aus Faro in die Arme, der mich dort bei der Suche nach meinem vermissten Rucksack unterstützt hatte. Wir sitzen zusammen bei Rotwein und Selters und tauschen Neuigkeiten und weitere Pläne aus. Auch er ist von der Algarve enttäuscht, da es hier nicht möglich ist, mit dem Rucksack längere Strecken zu laufen. Es gibt keine Fußwege zwischen den Orten und Städten und kein Pilger möchte an Autobahnen oder Schnellstraßen entlanglaufen. Auch sind die Wege zu den weiter abliegenden Stränden kaum zu Fuß erreichbar, denn sie führen alle durch Stadtbereiche, so dass man mitten durch die Städte laufen müsste, immer im dicksten Straßenverkehr. So sind wir der gleichen Meinung, dass die Algarve nur per Bus zu bewältigen ist. Schade, wo ich mich doch eigentlich als Fußpilger angemeldet hatte! Wir verbringen den Abend mit der Aussicht, eventuell am Sonntag gemeinsam per Bus weiter zu reisen.
5.Tag: Albufeira – Praia da Falesia (12 km), 23. August
Heute habe ich andere Pläne. Nach einem guten und reichhaltigen, mit viel Obst kredenzten Frühstück in meiner Pension möchte ich heute zum „Praia de Falesia“, dem Felsenstrand, der sich etwa sechs Kilometer östlich von Albufeira befindet. Jedoch ist es nicht ganz einfach, dort hinzukommen, und so entschließe ich mich, mir ein Taxi zu leisten, das mich dort innerhalb von zwanzig Minuten und mit 13,40 Euro Fahrgeld hinfährt. Die Fahrt ist abenteuerlich, da sie immer durch neue Stadtteile führt und mein Taxifahrer sich zwar gut auskennt, aber sehr rasant fährt.
Schließlich erreiche ich den „Felsenstrand“, und was ich dort sehe, lässt mich nur staunen: Über eine Strecke von sechs Kilometern Länge erhebt sich eine Steilküste aus rot-weißen Steinwänden, die in so unterschiedlichen Formen zu sehen sind, dass ich aus dem Staunen nicht herauskomme. Die Hänge sind manchmal ein wenig mit Agaven, Grassoden oder Mittagsblumen, die leider zurzeit nicht mehr blühen, bewachsen, sind aber sonst kahl. Die Felsen geben ein Abbild von Tropfen, die mir aus Tropfsteinhöhlen bekannt sind, haben Furchen, die vom Meer glatt gespült wurden, bilden Zuckerhüte und Gesichter in allen möglichen Rotfarben bis hin zum Weiß- oder Rosaton.
Ich laufe fast drei Stunden staunend am Strand entlang, mache viele Fotos und kann kaum glauben, was ich dort sehe. So imposant, mächtig und vielfältig ausgestaltet hätte ich mir das alles nicht vorgestellt. Dazu gibt es einen traumhaft schönen, weißen Sandstrand, der weitaus weniger von Menschen bevölkert ist als in Albufeira, vielmehr ist dieser Strand streckenweise sogar fast menschenleer. Hier kann ich gut meinen Tag verbringen und Kraft sammeln, bevor ich morgen weiterreisen will.
Gegen Mittag wird es sehr warm, so richtig heiß, ich kühle mich im jetzt nicht mehr ganz so kalten Meer, das heute eine herrliche Brandung hat, ab und erfrische mich mit meiner mitgebrachten Melone am Strand. Immer wieder geht mein Blick zu den Steilhängen dieser farbenfrohen und riesigen Steilküste, die in jahrhundertelanger „Arbeit“ vom Meer und von der Witterung in diese Form gebracht wurde. Immer wieder sind Teile dieser Steilküste mit Netzen abgehängt, damit herabfallende Gesteinsbrocken die Badegäste nicht gefährden sollen. Auch ist in größeren Abständen immer wieder ein Warnschild vor herabfallenden Felsen aufgestellt worden.
Gegen 15.00 Uhr denke ich an die Rückfahrt und muss scheinbar endlos weit laufen, bis ich die Bushaltestelle nach Albufeira nach mehrmaligem Nachfragen finde. Um Geld zu sparen, will ich den Rückweg unbedingt mit dem Bus antreten. Jedoch muss ich auf dem Fahrplan lesen, dass der Bus Samstag, Sonntag und an Ferientagen erst in fast zwei Stunden fährt. Solange will ich einfach nicht mehr warten und so entscheide ich, zur Rezeption des Hotels, vor dem sich die Bushaltestelle befindet, zu gehen, mit der Bitte, dass dort für mich ein Taxi bestellt wird. Dieses ist dann auch fünf Minuten später da und bringt mich – nun für einen erheblich günstigeren Preis – ins Zentrum von Albufeira zurück. So hat sich meine Laufstrecke zur Bushaltestelle wenigstens bezahlt gemacht.
In Albufeira kenne ich mich inzwischen gut genug aus, dass ich problemlos mein Zimmer finde. Wie schnell man sich doch in einer neuen Umgebung einleben kann! Aus mir rieselt überall der feinkörnige Sand der Algarve, so dass ich als erstes duschen muss. Völlig verschwitzt und müde von der Hitze ist auch für mich eine Zeit zum Ausruhen notwendig. Ich merke sehr genau, dass ich in dieser Hitze nicht normal belastbar bin, was sich morgen mit Gepäck noch wieder verstärken wird. Heute jedoch hat sich dieser, wenn auch nicht ganz billige, Ausflug für mich jedenfalls sehr gelohnt, ich bin immer noch ganz voll von meinen neuen Eindrücken.
Den Abend verbringe ich noch einmal für kurze Zeit im Zentrum von Albufeira. Überall gibt es Musik und alle Touristen der Algarve scheinen unterwegs zu sein. Nachdem ich etwas gegessen habe, wird mir dieses wuselige Treiben schon wieder zu viel. Ich gehe auf mein Zimmer und genieße den restlichen Abend in Ruhe dort. Diese Rückzugsmomente sind für mich sehr wichtig, denn immer nur mit so vielen Menschen zusammen zu sein, bereitet mir Probleme. So bin ich auch nicht froh darüber, dass meine Pilgerreise hier an der Algarve noch nicht so recht beginnen kann, denn aufgrund der fehlenden Fußwege kann ich nicht von Ort zu Ort laufen.
Ich sehne mich wieder nach der Einsamkeit, die ich im letzten Jahr auf meiner Reise von Pamplona nach Santiago de Compostela so sehr genossen habe.2 Zeit für mich, für meine Gedanken, Dasein in der Natur, vieles davon opfere ich zur Zeit meiner Neugier, die Landschaft der Algarve kennenzulernen. Dafür zahle ich den Preis, dass ich von Touristenmassen förmlich erschlagen werde. Auch wenn der ursprüngliche Pilgerweg von Faro über Lagos nach Lissabon und dann weiter nördlich Richtung Santiago de Compostela verläuft, kann sich hier im südlichen Portugal kaum jemand mit dem Pilgergedanken anfreunden.
Vielmehr ist es mir heute nicht einmal gelungen, einen Pilgerstempel zu bekommen, denn, als ich vom „Felsenstrand“ zurückkam, hatte das Postamt bereits geschlossen und andere Möglichkeiten konnte ich trotz mehrmaligem Herumfragen nicht finden. Auf meine Nachfrage in verschiedenen Gaststätten usw. ist mir überall Unverständnis begegnet. Also, kein Stempel für den 23. August!
In früheren Zeiten, als es keine Autos gab, war es sicherlich möglich, auch diesen Weg an der Algarve zu belaufen, bevor der Mensch so viel Lebensqualität dem Auto opferte, das in den Orten sogar in den Fußgängerzonen und auch sonst in den Verbindungsstraßen stört und diese für Fußgänger nahezu unpassierbar macht. Das Pilgern ist demnach nur in Teilen der Länder möglich. Hier müsste die portugiesische Regierung sicherlich im Hinblick auf den Caminho Portugues zur aktiven Verbesserung des Weges ihren Beitrag leisten. Befremdlich war für mich auch, dass hier im Süden Portugals die Mehrzahl der Menschen nicht einmal mit der Frage nach dem Pilgerweg etwas anfangen konnte. Dieses erklärt auch meine Schwierigkeit, die ich hier nahezu täglich hatte, einen Pilgerstempel für meinen Pilgerpass zu erhalten.
6.Tag: Albufeira – Lagos (70 km), 24. August
Wieder werde ich vom schönsten Sonnenschein mit strahlend blauem Himmel geweckt. Was ist das nur für ein schönes Land, in dem im Sommer Tag für Tag die Sonne scheint, so ganz anders als bei uns in Deutschland. Nach meinem letzten Pensionsfrühstück mache ich mich wieder reisebereit. Ich habe fast eine Stunde – meist bergauf – zu laufen, um wieder den außerhalb liegenden Busbahnhof zu erreichen, bei dem ich vor drei Tagen angekommen bin. Dieses Mal laufe ich jedoch nach der Erklärung meiner Wirtin in der „Villa Branca“ nicht durch das Stadtzentrum, sondern darum herum an der Umgehungsstraße entlang, die zwar einen breiten Fußweg hat, aber durch den ständigen, starken Autoverkehr nicht angenehm zu belaufen ist. Es geht am Einkaufszentrum entlang, welches wiederum die Namen deutscher Einkaufsketten aufweist, und der Weg führt stetig bergan. Die Sonne scheint kräftig und ich bin etwas unter Zeitdruck, um den Bus nach Lagos um 10.30 Uhr noch zu erreichen. Glücklicherweise hatte ich mir den Fahrplan nach Lagos gleich bei meiner Ankunft besorgt. Jedoch gibt es hier wieder zu beachten, dass die Busse von Montag bis Freitag zu anderen Zeiten fahren als am Samstag und Sonntag und in den Ferien.
So komme ich Schweiß überströmt fast auf die letzte Minute an, die Zeit reicht gerade noch, mein Ticket für 4,80 Euro bis Lagos, für ca. siebzig Buskilometer, zu lösen. Da kommt auch schon der Bus, der Fahrer öffnet (wieder) die Gepäckklappe unterhalb der Sitze und ich verstaue meinen Riesenrucksack und die Walking-Stöcke. Nun bin ich fertig zum Einsteigen, der Bus ist nicht übermäßig voll, so dass ich bequem auf einem Zweisitzer allein Platz nehmen kann. Meine Busfahrt bis Lagos dauert ca. eineinhalb Stunden und die Fahrt geht zum Teil über die Autobahn, zum Teil in den größeren Orten auch durch die Hotelviertel, wo der Bus an den größeren Hotels anhält.
Besonders fällt mir hier Portimao auf, weil riesige Hochhäuser von neuer Bauart ins Auge springen. Es sieht aus, als hätte man die Skyline von Manhattan im Visier und nicht eine Stadt in Portugal in Meeresnähe. So hätte ich mir dieses nun gar nicht vorgestellt und ich verfluche innerlich diese Art von Tourismus, die die Landschaft derartig verschandelt, dass alles Ursprüngliche und Landestypische verloren gegangen ist. Das, was offensichtlich in Jahrhunderten vor uns entstanden ist, schafft der Mensch des 20. Jahrhunderts in einem halben Jahrhundert bis heute völlig zu ruinieren. Jedoch scheint es nicht viele Menschen zu geben, die so denken, und so boomt der Massentourismus mehr denn je.
Endlich erreicht der Bus den Busbahnhof von Lagos, der relativ nahe am Bootshafen liegt. Beim Vorbeifahren hatte ich bereits die riesigen Yachten, die dort zu sehen sind, bewundert. Und nun, als ich gerade meinen Rucksack aus dem Gepäckfach gehievt habe, spricht mich ein älterer Herr in gebrochenem Englisch an, ob ich ein Quartier (apartamentos) in zentraler Lage suche. Ich bejahe, und er beschreibt mir in glühenden Worten die Vorzüge dieses Apartments. Schließlich frage ich nach dem Preis und erfahre, dass das Apartment nicht einmal die Hälfte dessen kosten soll, was ich in Albufeira bezahlt habe. Nun bin ich doch sehr interessiert, packe meine Skrupel zur Seite und folge dem Herrn, der bereits bereitwillig meine Seltersflasche trägt und mir auf dem Weg zum Apartment freundlich Teile der Stadt und gute Einkaufsmöglichkeiten zeigt. So ganz kann ich jedoch ein merkwürdiges Gefühl in der Bauchgegend nicht ablegen, da ich einem wildfremden Mann in einer wildfremden Stadt in ein wildfremdes Haus in der Altstadt folge. Jedoch erwartet mich dort eine sehr freundliche, englisch sprechende, ältere Dame, die mir den Preis bestätigt, die das Apartment gerade erst geputzt hat und die mir freundlich und mit der Landkarte in der Hand alle meine Fragen zu den Sehenswürdigkeiten beantwortet. Es ist einfach unglaublich, denn ich kann dieses Apartment auch länger haben und von hier aus als Tagesausflug nach Sagres und Cabo de S. Vincente an der äußersten Süd-Westküste Portugals fahren. Ich bin überwältigt und weiß gar nicht, was ich zu dieser Fügung des Schicksals sagen soll. Offensichtlich bewohnt die ältere Dame das Haus allein im ersten Stock und hat das Apartment im zweiten Stock für ihre Familie eingerichtet. Jedoch laufen ihr die Kosten weg, so dass sie dieses Apartment, wenn ihre Familie nicht da ist, privat vermietet. Um jedoch für ihre Vermietung „ordentliche“ Mieter zu bekommen, geht ein Bekannter für sie zum Busbahnhof, sucht mögliche „Mieter“ aus und führt diese dann – so wie mich – zum Apartment. Also, gewusst wie, ich bin begeistert.
Zudem scheint Lagos auf den ersten Blick bei weitem nicht so von Touristen überfüllt und mit enger Massenabfertigung ausgestattet zu sein. So ziehe ich nun, völlig zufrieden, in mein neues Zuhause ein und bin voller Erwartung auf das Kommende, auf Lagos, einer alten, geschichtsträchtigen Stadt, und auf die umliegenden Strände, die zu den schönsten der Algarve zählen sollen.
Nach einer kurzen Ruhephase erkunde ich den alten Stadtkern, der mit verwinkelten Gassen und schön mit kleinen Steinen gepflasterten Straßen aufwarten kann. Unvermittelt stehe ich auch vor der alten Stadtmauer des Gouverneurschlosses, das von den Arabern im 12. Jahrhundert errichtet wurde. Im nahen Umfeld finde ich auch den großen Platz des ehemaligen Sklavenmarktes, auf dem 1444 erstmalig afrikanische Sklaven weiterverkauft wurden.
Die Häuser hier sind höchstens dreigeschossig, meist schön in Farbe und restauriert, aber auch immer mal wieder baufällig und sehr schäbig mit abbröckelnder Farbe. Überall sind kleine Souvenirläden und Geschäfte mit modischer Kleidung verstreut, so dass sich ein Streifzug durch den alten Stadtkern von Lagos auf jeden Fall lohnt.
Da ich mich hier weitestgehend selbst verpflegen kann und sehr billig für 17,50 Euro pro Nacht wohne, entscheide ich, vier Tage zu bleiben und von hier aus per Ausflug die nähere Umgebung zu erkunden. So ist Lagos einer der wenigen Orte an der Algarve, wo der Strand direkt in der Stadt liegt und zu Fuß oder mit einer zweiminütigen Fährfahrt zu erreichen ist.
Am Abend schlendere ich noch durch die Altstadt, die romantisch und idyllisch beleuchtet ist. Ich bin auf dem Wege, mir noch einen Stempel für meinen Pilgerpass zu besorgen, jedoch auch hier ist es nicht so einfach. Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, können nicht einmal mit dem Wort Pilger oder englisch pilgrim oder spanisch peregrino etwas anfangen.
Schließlich bringt mich ein netter, älterer Mann, mit dem ich mich auf Französisch unterhalten habe, zu einer Autoverleihfirma. Dort arbeitet eine junge deutsche Frau, die gerne bereit ist, mir einen Stempel mit Datum von ihrer Firma zu geben. Nun ziert also meinen Pilgerpass ein Stempel einer Autoverleihfirma. Auch diese junge, freundliche Frau konnte mit dem Pilgergedanken nichts anfangen und freut sich über eine Erklärung dazu. Auf meine Nachfrage erzählt sie gerne und bereitwillig, dass sie vor sieben Jahren hier an der Algarve Urlaub machte und sich so in diese Landschaft verliebt hat, dass sie sich entschieden hat, ihre Zelte in Deutschland abzubrechen und weiterhin in Portugal zu leben. Sie sei dann mit ihrem eigenen Auto mit ihren Sachen in den Süden in ein neues Leben gefahren. Es gibt schon interessante Begegnungen, die sich im Laufe des Unterwegsseins rein zufällig ergeben, und es kreuzen viele verschiedenartige Menschen meinen Weg.
Schließlich verabschiede ich mich und laufe weiter. Im Zentrum jedoch sind sehr viele Touristen, die alle – vom Strand zurück- hier in der Vielzahl der Restaurants ihr Abendessen einnehmen. Man kann sehr gut und für deutsche Verhältnisse auch preiswert Fisch essen, was ich an diesem Abend gerne ausprobiere. Mit Getränk kostet mich der ganze Spaß 13,00 Euro und das ist auch für meine Urlaubskasse mal erschwinglich.
Dieser erste Abend in Lagos endet für mich früh, denn ich bin müde nach dem langen, heißen Tag. Zum Glück finde ich mein Quartier fast mühelos wieder, so dass ich zufrieden ins Bett gehen kann.
7.Tag: Lagos, 25. August
Als ich wach werde, ist es fast 10.00 Uhr. Nun aber schnell, wenn ich diesen neuen Tag nicht ganz vertrödeln will. Nach einem selbst gemachten, reichhaltigen Frühstück in meiner Unterkunft gehe ich, mit meinen Strandsachen unter dem Arm, los, um die Strände von Lagos zu erkunden. Heute will ich mit dem Bus eine kurze Strecke bis Donna Anna fahren, um dort zum Camillo Strand bis Ponta da Piedade zu laufen. Dort soll es, wie meine Vermieterin mir erzählte, wundervolle Felsformationen mit idyllischen Sandbuchten, die sehr sehenswert sind, geben. So laufe ich nun los, quer durch die Innenstadt, um zum Bus-Terminal zu gelangen. Prompt verlaufe ich mich wieder einmal und stehe unvermittelt vor der Kirche „Paroquia de S. Sebastiao“. Die Tür steht offen und nun gehe ich hinein und – niemand ist da. Doch gehe ich durch das Kirchenschiff, das recht schlicht in Holz gehalten und bemalt ist, zum Altarraum. Dort höre ich Stimmen, nehme meinen Mut zusammen und gehe durch die rechte Tür neben dem Altarraum. Und so finde ich zwei Männer im Gespräch vor, denen ich mein Anliegen, ich möchte einen Pilgerstempel, vortrage. Die Konversation erfolgt hier wiederum auf Französisch und dann in gebrochenem Deutsch. Der eine der Männer, offensichtlich der Pastor, zivil gekleidet, ist auch bereit, mir zu helfen, und läuft los, um einen Stempel zu suchen. Doch auch diese Mal findet der Pastor den Stempel nicht sofort. Offensichtlich ist hier wirklich absolut niemand auf Pilger eingestellt. Jedoch ich bekomme nun einen schönen Stempel mit Datum, gute Segenswünsche für meinen Weg und gehe beschwingt und zufrieden weiter.
Nach einer halben Stunde etwa treffe ich am Busterminal ein und frage mich dort weiter durch. Die Dame am Schalter ist jedoch so unfreundlich und brummig, dass ich mich richtig behaupten muss, um meine Informationen zu bekommen. Für meine für heute geplante Tour ist es nun absolut zu spät, da der Bus, weil Ferien sind, erst wieder in eineinhalb Stunden fährt. Ich bin enttäuscht und ärgere mich, dass ich heute so spät gestartet bin. Jedoch erhalte ich einen Fahrplan für meine für morgen geplante Tour ans „Ende der Welt“, nach Cabo de S. Vincente.
Als ich nun auf der Promenade am Bootshafen entlanglaufe, um in die Stadt zurückzukommen, bemerke ich mehrere Stände, die Bootstouren anbieten. Ich entscheide mich für eine Motorbootsfahrt, die ca. eine Stunde dauern soll, zehn Euro kostet und mich zu den schönsten Stränden, von Felsen umrahmt, führen soll. Ein Herr und ich sitzen mit dem Fahrer allein im Boot und es kann sofort losgehen. Mit Vollgas rast das Boot durch die Wellen, schaukelt kräftig und mir wird schon ganz merkwürdig. Jedoch dauert es nicht lange und die ersten Felsformationen sind zu sehen. Unvermittelt ragen sie in riesiger Höhe aus dem blau-grün schillernden Wasser, bilden Höhlen, Grotten, sind wie Tiere geformt, die der Fahrer des Bootes mit Kamel, Affe usw. erklärt. Ich bin begeistert und völlig überwältigt von diesen Felsklippen, die in braun-roter Farbe derartige Formen durch das Meer erhalten haben. Die Fahrt führt mich durch diverse Grotten, die nur einen tunnelartigen Lichteinfall von oben haben. Dieses ist eine unglaubliche Natur und ich freue mich so, dass ich diese Strände, die ich heute besuchen wollte, per Zufall von der Meeresseite aus erleben kann. Was für eine merkwürdige Welt, wenn sich immer wieder etwas negativ Erscheinendes in etwas Positives verwandelt. Das Leben ist eben unberechenbar. Jedenfalls genieße ich diese Fahrt mit dem Motorboot, die mir wieder einmal zeigt, dass die Welt so schön ist, dass mir fast die Worte dafür fehlen.
Am Nachmittag lege ich nun eine Pause ein, ruhe einfach etwas aus. Am Abend bin ich verabredet und sitze mit meinem Bekannten aus Faro am Strand und genieße dort den Sonnenuntergang. Die Luft, die vordem noch warm war, kühlt relativ schnell ab und ein kalter Wind weht, so dass ich dringend meine Fleecejacke anziehen muss, um nicht zu frieren. In der Abenddämmerung sitzend, reden wir über den Pilgerweg, der hier an der Algarve so gar nicht so verläuft, wie wir es uns vorgestellt hatten. Zwar ist es hier landschaftlich wundervoll, doch es entspricht nicht dem, was ich mir vom Laufen her vorgestellt hatte. So klingt dieser Abend am Strand unter Sternen in ernsthaften Gesprächen aus.
8.Tag: Lagos – Sagres (45 km) – Cabo S. Vincente (6 km), 26. August
Frühmorgens um 9.15 Uhr beginnt der Tag mit der Busreise vom Busterminal nach Sagres. Die Busfahrt, die 3,40 Euro kostet, dauert eine knappe Stunde und um 10.20 Uhr hält der Bus in Sagres. Zum Cabo S. Vincente sind es dann noch einmal ca. sechs Kilometer.
Am Strand von Sagres sitzend, nehme ich zuerst mein mitgebrachtes Frühstück zu mir, bestelle mir dazu einen „Café com Leite“ und genieße die Aussicht auf das Strandpanorama in Form von beachtlich hohen Felswänden. Mein Bus, der mich innerhalb von zehn Minuten nach Cabo S. Vincente bringen soll, kommt erst in einer Stunde, so dass ich noch ausreichend Zeit habe. In S. Vincente werde ich mich dann dreieinhalb Stunden aufhalten können, um mir alles anzusehen.
Schließlich gehe ich zur Busstation und warte auf den Bus, doch dieser kommt vorerst nicht. Nach einer weiteren Viertelstunde Wartezeit kann ich endlich weiterfahren. So ist es eben in Portugal, die Busabfahrtzeiten entsprechen bei Weitem nicht immer den Ankündigungen.
Am Cabo San Vincente angekommen, steige ich aus dem Bus und stelle erstaunt fest, dass es kalt ist, so richtig, und ein heftiger Wind weht. Zum Glück habe ich meine Fleecejacke mit, so dass ich mich sofort wärmer anziehen kann. Der südwestlichste Punkt Europas und Portugals, das sogenannte „Ende der Welt“, hat es offensichtlich in sich. Viele andere Touristen und Schaulustige befinden sich schon dort, alle sommerlich gekleidet und somit alle frierend. Demnach gibt es nicht nur Buden mit den üblichen Esswaren, sondern auch zwei Stände mit handgestrickten Wollpullovern und Strickjacken, die hier zu einem nicht allzu teuren Preis auf ihre Käufer warten. Leider kann ich keinerlei weiteres Gepäck transportieren, so dass all die zum Teil sehr schönen Waren von mir unbeachtet bleiben müssen.
Sobald ich dem Tourismusstrom entflohen bin, breitet sich, nachdem ich eine sehr steinige Ebene durchquert habe, eine absolut fantastische Sicht aus: Riesige Felswände ragen mehrere hundert Meter hoch, zerfurcht, in verschiedenen Rottönen schattiert, mit Höhlen und Vorsprüngen versehen, aus dem smaragdgrün schillernden Meer heraus. Das Meer umspült mit schäumender Gischt die scharfkantigen Felsbrocken, die sich im Laufe der Jahrhunderte aus den Felswänden gelöst haben und nun wie von einem Riesen dahingeworfen wild durcheinander im Wasser liegen. Das also ist die vielgerühmte Costa de Vicentina. Ich kann mich gar nicht satt sehen an diesem Naturschauspiel und mache viele Fotos, stehe einfach da und schaue mir die wundervolle Landschaft an. Was für ein schönes Land, das so atemberaubende Naturschauspiele zu bieten hat!
Die Hochebene besteht aus großen Flächen von Steinen, die in unterschiedlichen Größen überall herumliegen. Dazwischen wachsen verschiedenartige Gräser, Mittagsblumen, Erikapflanzen und vielerlei dorniges, blühendes Gestrüpp. Koniferen, die flach kriechend den Boden bedecken, gibt es auch. Ich muss sehr vorsichtig gehen, um zwischen den Steinen und Pflanzen nicht zu straucheln, setze also behutsam Schritt für Schritt. Auf jeder Seite des Hochplateaus, das ich langsam umlaufe, entdecke ich neue, wundervolle Ausblicke. An die Felsenkanten, die nirgends abgesichert sind, traue ich mich nicht allzu nahe heran, da überall Schilder aufgestellt sind, die vor herabfallenden Steinen warnen.
Und so habe ich nach etwa zwei Stunden alles gesehen. Da der Bus jedoch erst wieder um 15.00 Uhr zurückfährt, also nach gut drei Stunden, hole ich meine Verpflegung heraus und mache in Ruhe eine Essenspause. Da es hier oben nichts außer Bratwurst und Knabbergebäck zu kaufen gibt, bin ich froh, dass ich mein Brötchen, etwas Wurst und Käse und Tomate selbst mithabe, so dass ich alles autark regeln kann. So sitze ich nun, den herrlichen Blick auf das Meer und die Klippen vor mir, und es geht mir so richtig gut. Ich versuche, den schönen Anblick in meinem Kopf zu speichern. Damit vergeht die Zeit sehr schnell und schließlich bin ich sehr froh, dass ich um 15.00 Uhr in den Bus einsteigen kann, denn es ist hier, am „Ende der Welt“, doch ganz schön frisch, trotz meiner Fleecejacke.
Wieder in Sagres angekommen, frage ich bei der Touristeninformation nach, in welcher Richtung der endlos langen Straße, die durch Sagres führt, sich die Kirche befindet. Eine freundliche Frau mittleren Alters versorgt mich mit einem Plan des Ortskerns und schickt mich in die richtige Richtung zur alten Kirche. Dort will ich mir meinen Pilgerstempel abholen. Ich laufe durch Ausläufer des kleinen Ortes auf einem unbefestigten Weg an einem Maisfeld entlang, dessen Pflanzen eine Größe von gut drei Metern haben. In diesem Dschungel fühle ich mich etwas einsam und fast erscheint mir der Weg unheimlich, obwohl es hell ist.
Auf einmal sehe ich schon von weitem die „Fortaleza de Sagres“, die alte Festung, die auf einem Felsplateau hoch über dem Meer thront, umgeben von einer weißen Mauer. Auch auf dem Weg dorthin und beim ca. drei Kilometer langen Rundgang um das riesige Areal ergeben sich immer wieder wundervolle Ausblicke auf das durch die Sonne schillernde Meer. Auch wenn nur noch ein paar Gebäude auf diesem riesigen Hochplateau erhalten sind, ist das Ausmaß dieser Anlage gigantisch.
Im Zentrum der Anlage entdecke ich den ehemaligen Brunnen und gar nicht weit davon entfernt den Platz, wo offensichtlich die Toten nach den Gefechten verbrannt wurden. Beim Rundgang fasziniert mich sehr der mit weißlichen, unterschiedlich großen Platten gepflasterte Rundweg. Es ist schon erstaunlich, dass diese Pflasterung über Jahrhunderte in einem derartig guten Zustand erhalten geblieben ist. Als ich jedoch an der kleinen Kirche vorbeikomme, muss ich feststellen, dass die Tür zwar geöffnet ist und einen Einblick in das Innere gestattet, dass jedoch ein Gitter davor gestellt wurde, weil zurzeit Renovierungsarbeiten durchgeführt werden. Also gibt es wieder keinen Pilgerstempel für mich und meinen Pilgerpass.
Beim Herausgehen aus der Anlage frage ich zwar noch einmal an der Kasse, an der ich beim Hereingehen 1,50 Euro Eintritt gezahlt habe, nach einem Stempel. Jedoch kann man mir dort nicht weiterhelfen.
So laufe ich zurück zur Bushaltestelle und frage noch einmal in der gegenüber liegenden Touristeninformation, bei der ich schließlich meinen heutigen Pilgerstempel erhalte.
Als ich nun an der Bushaltestelle auf meinen Bus zurück warte und auf der Bank Platz genommen habe, kommt eine sympathische Frau mittleren Alters auf mich zu und spricht mich auf Deutsch an: „Hallo, sind wir uns nicht vorhin schon am Cabo San Vincente begegnet?“ – „Ja, richtig, Sie sind mir dort auch schon aufgefallen. Reisen Sie auch allein?“ – „Ja, ich bin mit einer Reisegruppe in einem Hotel in der Nähe von Lagos. Aber ich fühle mich ziemlich einsam, denn in meinem Hotel sind nur Pärchen und Familien. Wahrscheinlich habe ich das falsche Hotel gewählt. Ich bin einfach kurz entschlossen noch einmal für eine Woche in den Süden geflogen.“ Als ich ihr daraufhin erzähle, dass ich vorhabe, sechs Wochen alleine herumzureisen, staunt sie, da sie bereits nach drei Tagen früher abreisen will, weil sie sich einsam fühlt. Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile miteinander und sie erzählt mir, dass sie aus Göttingen stammt. Schließlich kommt unser Bus, der uns beide nach Lagos bringen soll. Da meine neue Bekannte vier Kilometer vor Lagos aussteigen will, überlegt sie, ob sie bis Lagos fahren muss, um dann wieder mit einem anderen Bus zurückzufahren. Schließlich tut sie das, was sie bei den anderen Fahrgästen beobachtet hat: Sie drückt auf den Klingelknopf über ihrem Sitz, der ein Surren von sich gibt, und wirklich, der Fahrer fährt die nächste Haltemöglichkeit an und meine Bekannte kann aussteigen. Wir wünschen uns gegenseitig noch eine schöne Reisezeit und verabschieden uns voneinander.
Der Bus bringt mich schließlich zurück nach Lagos, wo ich den Abend in Ruhe ausklingen lasse. Nun brauche ich erst einmal Zeit, um all die neuen Eindrücke zu verarbeiten.
9.Tag: Lagos, 27. August
Auch heute kann ich noch einmal ganz entspannt auf meinem Balkon frühstücken. Da ich mir gestern Vollkornbrötchen besorgt habe, ist mein Frühstück fast wie zu Hause und ich genieße die vertraute, zurückgezogene Atmosphäre. Es ist einfach schön, ohne so viele verschiedene fremde Menschen den eigenen Weg gehen zu können. Ich genieße mein Vollkornfrühstück, zumal hier in Portugal, so wie ich es vom letzten Jahr in Spanien gewohnt bin, fast ausschließlich weißes Brot verkauft wird. So sitze ich entspannt auf „meinem“ Balkon, beobachte die Leute und fühle mich nur wohl. Schön! Auf den Straßen unter mir herrscht inzwischen reges Treiben, die Menschen gehen einkaufen, halten mit dem Nachbarn ein Schwätzchen und dazwischen manövriert sich immer wieder mal vorsichtig ein Auto hindurch. Die Gassen sind hier so schmal, so dass sie eigentlich überhaupt nicht für den Autoverkehr ausgelegt sind. In den Altstadtbereichen wird das Auto zwar geduldet, aber nicht hofiert. Für mich ist auffällig, dass um diese Zeit keine Kinder auf den Straßen zu sehen sind. Offensichtlich befinden diese sich am Vormittag in der Schule. So trubelt das Leben vor meinen Blicken und ich fühle mich beim Zuschauen wie vor dem Fernseher, nur dass dieses hier das reale Leben ist.
Nach meinem Frühstück muss ich das erste Mal hier in Portugal von der Bank Geld holen, was sich als gar nicht so einfach erweist, da ich zwar eine Bank finde, wo ich jedoch, als ich den innen liegenden Automaten benutzen will, die Meldung erhalte – keine geeignete Karte – so in etwa soll es wohl ins Deutsche übersetzt heißen. Etwas verunsichert gehe ich nun zum Schalter, warte endlos, bis ich an der Reihe bin und frage auf Englisch. Zuerst erklärt mir der Bankangestellte, dass ich zwanzig Kilometer weiterfahren müsste, bis er mich dann endlich versteht. Der EC-, Visa- usw. Automat befindet sich draußen an der Straße und nicht in der Bank. So gehe ich nach draußen und hier gelingt mir mein Ansinnen problemlos, jedoch liegt das Limit bei 200,00 Euro, so dass ich bei den Preisen an der Algave wohl nicht allzu lange mit meinem Geld auskommen kann.
Froh, dieses Problem nun gelöst zu haben, laufe ich mit meiner Barschaft und der EC-Karte, beides sicher in meiner Bauchtasche verstaut, in mein Quartier, welches mir doch, da es privat ist, so sicher erscheint, dass ich meine Wertsachen, zwar versteckt, aber doch im Apartment lasse. Das ist auch notwendig, da ich meine Wertsachen nicht mit an den Strand nehmen will und kann, da mir das zu gefährlich erscheint, wenn ich auch am Strand laufen oder baden möchte.
Nun mache ich mich für den Strand fertig. Den „Hausstrand“ von Lagos kann ich von meinem Quartier aus problemlos innerhalb von zehn Minuten erreichen, da dieser im Gegensatz zu vielen anderen Stränden der Algarve direkt in der Stadt liegt. Hier kann ich gut zu Fuß gehen, wenn ich zu dem Strand gehe, der als Sandstrand, von Felsen umrahmt, liegt. Der zweite Strandabschnitt befindet sich dann auf der anderen Seite eines flussähnlichen Meeresarmes, so dass ich hier eine Fähre benutzen müsste. Auf dem Weg zum Strand komme ich an der berühmten alten Kirche von Lagos, der „Igreja de Santo Antonio“, dem „Monumento National“ und einer der schönsten Kirchen Portugals vorbei, bei der ich mir meinen Pilgerstempel holen möchte und die ich mir noch gerne ansehe. Jedoch ist die Kirche verschlossen und wird nur zu bestimmten Besuchszeiten geöffnet.
So entscheide ich, eine halbe Stunde bei einem Café com Leite zu warten. Hier in der Fußgängerzone herrscht eine reges Treiben, ein Kommen und Gehen. Zwei, drei Pärchen sitzen nebeneinander und schweigen sich an. Ist ihnen bei diesem schönen Wetter die Urlaubslaune verregnet? Familien mit Kindern sitzen hier, mit den Kindern locker im Gespräch vertieft. Aber auch Einzelreisende haben Platz genommen und genießen die Pause zur Mittagszeit.
Als ich dann schließlich die Kirche besichtigen will, schließt das angrenzende Museum gerade. Man teilt mir mit, dass ich heute Nachmittag ab 14.00 Uhr kommen könne.
Also gehe ich doch zuerst zum Strand, der mich mit seinem Felsenpanorama begeistert. Zwischen einzelnen Strandabschnitten gibt es Durchgänge durch die Felsen, die Wasser umspült, zum nächsten Strandabschnitt den Zugang frei geben. Bereits vorgestern habe ich auf der Bootstour gehört, dass man bei Niedrigwasser fast durch alle Felsendurchgänge hindurchlaufen könne. Zurzeit jedoch ist das Wasser recht hoch, so dass ich nur bis zur nächsten Bucht komme.
So liege ich in der Sonne und genieße das südliche Ambiente, muss mehrfach ins Wasser gehen, weil mir am Strand einfach zu heiß ist und ich mich abkühlen will. Das Wasser ist in meiner kleinen Bucht zwar etwas wärmer, als ich es die letzten Male beim Baden erlebt habe, aber es ist immer noch ziemlich kalt. Deswegen tauche ich nur kurz unter, um mich zu erfrischen und genieße diese schöne Landschaft lieber von meinem Badetuch aus.
Ich sitze mit dem Rücken am Felsen und kann so wundervoll das Strandleben beobachten: Viele Kinder tollen im Wasser herum, offenbar macht es ihnen nichts aus, dass das Meer so kalt ist. Viele schwimmen bis zu einem großen Felsen, der eine flache Oberfläche hat, um dann von dort mit einem Kopfsprung ins Wasser zu springen. Ab und zu tuckert ein Ausflugsboot an meiner Bucht vorbei und manchmal saust auch ein Motorboot, das auf dem Weg zu den nahe liegenden Felshöhlen und Grotten ist, an der Bucht entlang. Am Strand liegen viele Menschen unter selbst mitgebrachten Sonnenschirmen oder im Schatten der Felsen. Insgesamt ist hier der Strand jedoch weit weniger voll als in Albufeira. Die Möwen fliegen schreiend um die Felsen herum, während das Meer rauscht und die Wellen auf jedes Boot reagieren.
Im Laufe des Nachmittags sinkt der Wasserstand deutlich, so dass ich zu Fuß zwei weitere Buchten erreichen kann. In den Durchgängen durch die Felsen steht nur noch wenig Wasser, so dass ich fast trockenen Fußes hindurchklettern kann. Es ist einfach ein idyllisches Leben hier am Strand.
Auf meinem Rückweg gehe ich noch einmal an der Kirche vorbei und dieses Mal habe ich Glück: Das Museum, durch das die Kirche betreten werden kann, ist geöffnet. Ich zahle zwei Euro Eintritt und kann die Kirche, die nicht allzu groß ist, besichtigen. Sie ist an den Wänden völlig aus Holz mit geschnitzten Figuren, Rankpflanzen und Verzierungen gestaltet, die allesamt vergoldet sind. In den Wandflächen befinden sich zudem große, düster gehaltene Ölgemälde. Von der Empore am Ende des Raumes her fällt durch ein fast rundes Fenster Licht in die Kirche ein. Die Decke ist vollständig in rötlichen Tönen mit etwas Blau bemalt und zwar so, dass eine Tiefenwirkung entsteht und die Kirche dadurch erheblich höher wirkt. Im unteren Bereich der Wände sehe ich in ca. 1,20 Meter Höhe die hier für Portugal so typischen Kacheln in Weiß-Blau-Tönen. Der Altarraum ist erleuchtet und befindet sich in einer erhöhten Nische und dominiert die gesamte Kirche. Diese Kirche ist ein portugiesisches Kulturdenkmal und stammt aus dem 18. Jahrhundert, wobei der Altar erhalten geblieben ist, während andere Teile der Kirche zerstört und wieder aufgebaut wurden. Neben der Kirche befindet sich noch ein kleines Museum, welches ich mir mit ansehen kann. Hier werden alte, kirchliche Gewänder, alte Münzen und Scheine verschiedener Währungen, Bilder, neue Fotografien und eine riesige Sammlung von Muscheln gezeigt. In dieser Sammlung befinden sich zwei derart riesige, weiße Muscheln, die ca. einen Meter breit und lang sind, dass ich Derartiges noch nicht gesehen habe. Ich staune und freue mich, was ich so nebenbei alles mitbekomme.
Beim Herausgehen frage ich nach, ob ich hier einen Pilgerstempel bekommen kann. Die Dame an der Kasse versteht mich nicht, holt aber sofort einen jungen Kollegen, der mir auf Englisch erzählt, dass Stempel auf Portugiesisch „Carimba“ heißt. Da dieser junge Mann nicht genau weiß, ob es hier in dieser Kirche Stempel gibt, läuft er sehr freundlich mit meinem Pilgerpass los, um nachzuschauen. Lächelnd kehrt er zurück und übergibt mir meinen nächsten Stempel im Pilgerpass, zu dem nun nur noch das Datum eingetragen werden muss. Anschließend verwickelt mich dieser freundliche junge Mann noch in ein Gespräch und möchte wissen, seit wann ich schon unterwegs bin, woher ich komme usw. Wir reden eine ganze Zeit lang mit einander auf Englisch und er erzählt mir unter anderem, dass hier schon manchmal Pilger vorbeikommen und nach einem Stempel fragen. Jedoch ist das so selten, dass er sich dieses Mal zuerst nicht mehr erinnern konnte, wo der Stempel liegt.
Fröhlich und beschwingt durch das nette Gespräch verlasse ich die Kirche und gehe in mein Quartier zurück. Inzwischen kenne ich mich gut aus und laufe im Zickzack durch sämtliche Gassen und bin auf kürzestem Weg in meinem Apartment. Es ist schon erstaunlich, wie schnell man sich an neue örtliche Gegebenheiten gewöhnen kann. Bei mir jedenfalls habe ich den Eindruck, dass meine Orientierungsfähigkeit sich von Tag zu Tag verbessert. Es ist eben alles eine Frage der Übung.
Am Abend muss ich erst einmal meinen Rucksack fertig packen, das Apartment aufräumen, kontrollieren, ob ich nichts liegen gelassen habe, und Geschirr spülen. Immer, wenn ich mehrere Tage – und dieses Mal waren es vier Tage in Lagos – an einem Ort – war, habe ich doch einen großen Teil meines Rucksackes ausgeräumt. Zumal ich am Strand einige Dinge benötigte, die ich sonst nicht gebrauche. Weiterhin gilt es, die Verpflegung zusammenzustellen: Für morgen gibt es wieder viermal 0,5 Liter-Flaschen Selters und zwei Brötchen mit Käse. Zum Frühstück morgen habe ich noch eine Banane. Diese Vorbereitungen für den nächsten Tag erledige ich immer am Abend vorher, damit ich morgens nicht unter Zeitdruck gerate. Ich möchte nämlich nicht, dass mein früher Aufbruch am nächsten Morgen stressig wird.
Da es so schön lau draußen ist, laufe ich am Abend doch noch einmal in die Stadt. Hunderte von Menschen spazieren mit der Familie oder mit Freunden die Straßen entlang, sitzen in den Restaurants oder Bars draußen und genießen ihre Ferien, die laue Luft, die freie Zeit. Es wird gelacht und geredet, viel Musik klingt durcheinander und alles in allem herrscht eine fröhliche, ausgelassene Stimmung vor. Die Geschäfte haben noch geöffnet und viele bummeln an den Ständen und in den Läden herum.
Ich setze mich draußen in einer Bar dazu, habe aber dieses Mal Pech, denn es ergibt sich kein weiteres Gespräch, alles scheitert an den Sprachbarrieren. So gehe ich gegen 22.00 Uhr allmählich in mein Quartier, da ich morgen wieder mit Handywecker um 6.30 Uhr aufstehen will. Der Trubel in der Stadt geht jedoch – wie jede Nacht – weiter, wird sogar noch lauter, bis er gegen 3.00 Uhr in der Frühe endlich verstummt. Ich werde durch die Geräuschkulisse immer mal wach, bin aber so müde, dass ich schnell wieder einschlafe.
10.Tag: Lagos – Setubal (320 km), 28. August
Um 7.30 Uhr geht es los. Ich gebe meine Apartmentschlüssel ab, wobei ich noch ein kurzes Gespräch mit meiner Vermieterin habe. Vor allem möchte sie wissen, ob ich denn alles, was sie mir erklärt hatte, gefunden habe. Sie freut sich, dass es an dem ist und ich bedanke mich herzlich, dass ich für diese vier Tage derart komfortabel und preisgünstig untergekommen bin.
Schließlich laufe ich, mit Rucksack und Walking-Stöcken bepackt, los, um den Bus-Terminal zu erreichen. Dieses Mal habe ich ausreichend Zeit einkalkuliert und kann in Ruhe dort ankommen und auch meine Fahrkarte nach Setubal lösen. 320 Kilometer kosten 18,30 Euro und so sitze ich eine knappe halbe Stunde später in dem Bus, der die Algarve verlässt. Die Reise geht über Aljezur und Zambujeira durch den Parque Naturel an der Serra do Cercal vorbei. Der Bus fährt Serpentinen und in einem erstaunlichen Tempo in einer Berg- und Talfahrt. Ich fühle mich fast wie in einem Karussell. Im Naturschutzgebiet durchfahren wir eine erheblich große Waldfläche, in der lauter teils ganz, teils halb abgebrannte Kiefern- und Eukalyptusbäume stehen. Die Erde ist voller schwarzer Sträucherreste und es riecht sehr unangenehm. Jedes Jahr im Sommer kämpft Portugal mit Waldbränden und dieses ist ein Zeugnis dafür, was so ein Waldbrand der Natur antut.
Der Bus durchquert Cercal und Sines und hält schließlich in Santiago do Cacem. Hier muss ich in einen anderen Bus umsteigen, der dort schon mit laufendem Motor wartet. Also, schnell, Tasche, Stöcke, Rucksack aus dem Gepäckfach heraus, hinein in das nächste Gepäckfach, wobei ich mich entschieden habe, die Walking-Stöcke mit in den Bus hineinzunehmen, damit sie bei den aufeinander geworfenen Gepäckstücken keinen Schaden nehmen.
Auch der zweite Bus ist ein neuer, sauberer Reisebus, der sogar Beckengurte zum Anschnallen aufweist. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind hier in Portugal deutlich besser als in Deutschland, zumal sie viel, etwa viermal, billiger sind. Schließlich erreiche ich mein Ziel Setubal um 13.00 Uhr nach viereinhalb Stunden Busfahrt.
Als ich aussteige, ist die Bewölkung von heute Morgen fast weggezogen und es ist wieder schön warm, aber noch nicht zu heiß. Vom Busbahnhof sattle ich mein Gepäck und frage mich durch, in welcher Richtung sich die „City“ von Setubal befindet. Nach ca. einer Viertelstunde stehe ich auf einem Platz mit einem Monument, alles schön gepflastert, rundherum Straßencafés und daneben die Kirche, eine der Kirchen von Setubal. Nun scheint die Sonne doch wieder, es ist richtig heiß, ich stehe wieder einmal in einer völlig fremden Stadt und habe keine Ahnung, wo ich hinmuss. Es gibt zwar ein Schild „Tourismo“, aber das Touristenbüro ist für mich nicht auffindbar und keiner der von mir angesprochenen Passanten versteht mich oder weiß, wo sich das Touristenbüro befindet. Also, muss ich das Problem mit der Unterkunft wieder einmal selbständig lösen. Auf dem zentralen Platz gibt es, wie mir Passanten zeigen, ein Haus „habitationes“, in dem im zweiten Stock Zimmer vermietet werden. Als ich jedoch klingele, mehrmals, öffnet niemand, so dass ich weitersuchen muss. Zwei Ecken weiter finde ich ein Vier-Sterne-Hotel. Auf meine Nachfrage erfahre ich, dass das Einzelzimmer 40,00 Euro kosten soll, viel zu viel für mein Budget für den Zeitraum von gut sechs Wochen. Jedoch schickt mich die Empfangsdame weiter und siehe da, nur wenige Häuser daneben gibt es eine Pension. Die Haustür steht offen, ich steige in den ersten Stock und frage nach einem Zimmer für eine, eventuell für zwei Nächte. So bekomme ich für 25,00 Euro mein Zimmer, mit Doppelbett für mich allein und mit WC und Dusche, ganz zentral gelegen, und sogar mit einem Minibalkon zur Straße hin.
Hier muss ich mich wieder mit dem Personalausweis anmelden und sofort bezahlen. Mir soll es recht sein, Hauptsache, ich habe ein Zimmer. Nun brauche ich eine Pause, lege mich kurz aufs Bett und entspanne. Nach der Schaukelei im Bus heute, merke ich meine Knochen doch etwas. Schließlich mache ich mich fertig, um das Ziel meines Haltes in Setubal aufzusuchen, das Castillo Fortaleza de S. Filipe. Ich laufe die Hauptstraße entlang und frage nach dem Castillo, jedoch keiner versteht mich. Offensichtlich können hier, jenseits der Massentourismusströme, bei weitem nicht so viele Leute Englisch sprechen wie an der Algarve. Schließlich habe ich die Nase voll und gehe kurz entschlossen in eine Wechselstube, in der Annahme, dort jemanden anzutreffen, der Englisch spricht.
Und wirklich, hier bekomme ich Hilfe: Ein junger Mann hinter dem Schalter fertigt mir einen Ausdruck mit einem Bild vom Castillo an und gibt mir eine genaue Wegbeschreibung, rät mir aber zu einem Taxi. Ich jedoch bin entschlossen zu laufen, zumal ich heute schon den halben Tag lang im Bus gesessen habe. Und wirklich, es klappt perfekt, nach dieser Wegbeschreibung finde ich das, was ich suche. Nach zehn Minuten Fußmarsch entdecke ich einen Schilderhinweis auf das Castillo und folge diesem. Nach einer weiteren Viertelstunde ist mir klar, warum ich hätte ein Taxi nehmen sollen, denn der Weg geht steil bergauf und das eine gute halbe Stunde lang. Die Sonne glüht und ich auch, ich schwitze aus allen Poren, bin aber überzeugt, dass ich diesen Weg zu Fuß bewältigen will. Da ich später vorhabe, den gesamten Caminho Portugues zu laufen, brauche ich die Fußmärsche zwischendurch auf jeden Fall, um im Training zu bleiben. So sehe ich bereits seit langem das Castillo, komme ihm aber nur schrittweise näher. Unten auf dem Weg gab es einen Hinweis darauf, dass sich im Schloss eine „Pousada“, eine stilvolle, gehobene Unterkunft, also ein landestypisches Hotel, befindet. Endlich bin ich oben angekommen, schweißnass von der Anstrengung und von der Hitze.
Als erstes erkenne ich eine riesige, bestimmt dreißig Meter hohe Mauer mit Zinnen und eine halbwegs gepflegte Gartenanlage, in der gearbeitet wird. Ich durchquere den Eingangsbereich, der durch Mauern von mindestens zehn Metern Dicke führt. Auf dem oberen Bereich des Castillos kann ich nur sehr vorsichtig herumlaufen, da dieser verwittert und ungepflegt, mit Geröll und ausgetretenen Steinstufentreppen beschaffen ist. Jedoch habe ich von hier oben eine fantastische Aussicht auf Setubal, auf das Meer, das in der Sonne glitzert. Auch kann ich den Hafen und die Industriebereiche an den großen Kränen, Silos und Schiffen erkennen. Von hier oben blicke ich rundherum in die Landschaft und entdecke auf der anderen Seite typisch portugiesische Windmühlen und habe einen weiten Blick auf das Naturschutzgebiet, was mir sehr gefällt.
Schließlich steige ich die Treppen vorsichtig wieder herab, um dann kurz in die Pousada einzutreten. Hier bin ich einfach neugierig und frage nach dem Preis für die Übernachtung. 185,00 Euro soll das Einzelzimmer pro Nacht kosten, ich würde es aber heute für 105,00 Euro bekommen. Wahrscheinlich sollte es einen Preisnachlass geben, weil es bereits Nachmittag ist. Gehobenes Ambiente hat eben seinen Preis. Ich stehe vor dem Empfangschef, der im schwarzen Anzug mit Hemd und Krawatte auftritt, und komme mir mit meiner Trecking-Shorts mit Karohemd ziemlich mickerig vor. Aber ich hatte vor dieser Tour für mich beschlossen, mich von den äußeren Werten zu verabschieden und meinen Blick verstärkt auf die inneren Werte zu lenken. Nun bleibe ich bei meinem Vorsatz und lehne hoch erhobenen Hauptes die Unterkunft für diese Nacht ab, wohl wissend, dass ich bereits ein sauberes und für mich passendes Quartier habe.
So trete ich nun den Rückweg an und laufe wieder fast eine Stunde zu meinem Zimmer zurück. An der Hauptstraße komme ich – wie auf dem Hinweg – an vielen Fischrestaurants vorbei, die alle ähnlich aufgebaut sind: Vor dem Restaurant gibt es einen Glaskasten, in dem die toten Fische, Krebse, Scampi etc. liegen, die man bestellen kann. Auf der anderen Seite des Gehweges, also gut drei Meter neben dem Restaurant, befinden sich große Grillgeräte mit Rauchabzug nach oben, auf denen die Fische in einer Art Gitterzange auf den Grill gelegt werden. Mit Hilfe dieser Zange lassen sich die Fische dann problemlos wenden. Wahrscheinlich stehen die Grillgeräte deswegen so weit vom Restaurant entfernt, damit die Gäste des Restaurants nicht vom Rauch gestört werden, der trotz des Abzugs nach oben auch seitlich austritt. Vermutlich hat diese Technik Tradition und lässt sich bei diesen schönen Sonnenzeiten ohne Regen problemlos durchführen. In Deutschland würden die Fische dagegen eher ertrinken als gar werden, wenn man es mit dieser Technik versuchen würde.
Nach einer kurzen Erfrischungspause mit viel Selters auf meinem Zimmer laufe ich nun erneut in den Ort, um einzukaufen. Ich brauche eine große Flasche Wasser und zwei Äpfel. Doch das ist gar nicht so einfach, wie es erscheint, denn in der gesamten Innenstadt gibt es unendlich viele Bekleidungs- und Schuhläden, sowie Restaurants, Cafés und Snack-Bars, jedoch keinen Supermarkt. Ich frage fast eine halbe Stunde lang andere Passanten danach, werde hin- und hergeschickt, kann aber keinen Supermarkt finden. Schließlich will ich schon völlig entnervt aufgeben, als ich eine ältere Dame mit einer Einkaufstüte sehe. Ich spreche sie an und zeige auf die Einkaufstüte. Offensichtlich spricht diese freundliche Frau kein Englisch, versteht aber, was ich möchte, und zeigt mir den Weg. Und wirklich, drei Minuten später stehe ich in einem recht großen Supermarkt und kann meine Besorgungen machen. Hier schon bemerke ich, dass sich das Preisniveau gegenüber der Algarve verändert hat, denn ich kann für deutlich weniger Geld einkaufen als dort.
Anschließend wandere ich zur Kirche des Ortes, die sich genau am Platz mit dem Denkmal befindet, um mir einen Pilgerstempel zu holen. Jedoch befindet sich in der Kirche niemand, der der Geistlichkeit angehört, an den ich mich hätte wenden können. Es ist schon bemerkenswert, dass auch an dieser Station offensichtlich niemand auf Pilger eingestellt ist. So finde ich in der Fußgängerzone in der Innenstadt ein Reisebüro, in dem mir eine sehr freundliche, junge Frau einen Stempel gibt und das Tagesdatum einträgt. Immerhin lässt sich an diesem Stempel der Ort Setubal erlesen.
Die Straßenzüge der Innenstadt bestehen aus einer verwinkelten Altstadt mit zum Teil sehr schmalen Gässchen, die alle wieder mit den kleinen, quadratischen Steinen gepflastert sind, die ich schon kenne. Manche Hausdurchgänge sind nur einen Meter breit, so dass sie immer im Schatten liegen, was hier unter der südlichen Sonne Portugals sicherlich erwünscht ist. Die Häuser sind zum Teil sehr schön renoviert und gestrichen, zum Teil aber auch völlig verfallen und verwahrlost, selbst in der Innenstadt. Besonders merkwürdig empfinde ich ein Haus, in dem sich unten ein Restaurant befindet, was aber im ersten Stock mit Brettern zugenagelt wurde und offensichtlich Löcher im Dach aufweist. An diesen Punkten ist deutlich zu spüren, dass in Portugal offensichtlich – genauso wie auch an manchen Orten in Deutschland – das Geld nicht für das Notwendigste ausreicht.
So beschließe ich den Tag in einem Café draußen sitzend und erlebe hier in Portugal das erste Mal Selbstbedienung. Am Tresen wartend, staune ich nicht schlecht, denn hier muss sich jeder, der etwas bestellen möchte, eine Nummer ziehen. Diese Nummer leuchtet dann auf einer Tafel auf und danach wird man bedient. Ich hole mir einen „Café com Leite“ für achtzig Cent und eine Makrone für vierzig Cent, sitze gemütlich draußen in der untergehenden Sonne und bin völlig zufrieden. Während ich so entspannt dort sitze, machen es sich ein paar Tauben an meinem Nachbartisch bequem, laben sich an den Resten des Essens der letzten Tischgäste und offensichtlich findet niemand der Gäste dieses hier in Portugal ungewöhnlich oder eventuell sogar Ekel erregend, so wie es mir vorkommt. Offensichtlich gehört dieses hier zur Tagesordnung, andere Länder andere Sitten. Gegen 20.00 Uhr schließt dieses Café, Tische und Stühle werden zusammengestellt und ich muss mir eine neue Bleibe suchen. Es ist so schöne, warme Luft draußen, dass ich noch nicht in mein Zimmer gehen möchte. Problemlos finde ich ein paar Straßen weiter ein Eiscafé, welches noch geöffnet hat. Hier setze ich mich draußen hin und niemand will mir etwas verkaufen, das heißt, ich kann hier sitzen, ohne etwas zu verzehren. Nun kann ich hier in Ruhe meine Postkarten zu Ende schreiben, bis es schließlich so dunkel wird, dass ich nichts mehr sehen kann und auf mein Zimmer gehe, das zum Glück nur fünf Minuten vom Eiscafé entfernt liegt.
Immer, wenn ich neu an einem Ort bin, achte ich sehr genau darauf, mich vor allem abends nicht zu weit von meinem Zimmer zu entfernen. Da ich stets allein den Heimweg antreten muss und immer alle meine Wertsachen bei mir habe, erscheint mir eine andere Vorgehensweise zu leichtsinnig.
Zum Abschluss des Tages mache ich noch meine persönliche Planung für den nächsten Tag fertig. In Setubal habe ich Station gemacht, um mir das Castillo de Fortaleza de S. Filipe anzusehen, was sich für mich jedoch als nicht so lohnenswert erwiesen hat, wie ich gehofft hatte. Weiterhin wollte ich am nächsten Tag zur Atlantikküste nach Sesimbra und zum Cabo Espichel weiterreisen. Beide Orte sind in meiner Reiselektüre als sehr lohnenswert beschrieben worden. Jedoch würde ich dann morgen wieder mindestens drei Stunden im Bus sitzen und dazu habe ich einfach keine Lust. So disponiere ich um und entscheide, morgen schon bis Lissabon weiterzureisen. Da morgen Freitag ist, werde ich früh losfahren, um sicher zu sein, auch über das Wochenende ein Quartier zu erhalten. Käme ich erst am Samstag an, wäre dieses, denke ich, deutlich schwieriger. So müssen also auch stets die Wochentage bei der Planung der Routen mit berücksichtigt werden.
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