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Engel und Teufel
Anna Katharine Green
Inhaltsverzeichnis
01. Ein Mord.
02. Im Dunkel der Nacht.
03. Die leere Schublade.
04. Die volle Schublade.
05. Eine Spur im Grase.
06. „Frühstück ist serviert, meine Herren!“.
07. „Heirate mich!“.
08. Ein Teufel.
09. Ein Engel.
10. Detektiv Knapp kommt an.
11. Der Mann mit dem Bart.
12. Wattles kommt.
13. Wattles geht.
14. Die letzte Versuchung.
15. Ein Besuch bei Zabels.
16. Lokales Talent bei der Arbeit.
17. Ballschuhe, eine Blume und was Sweetwater daraus folgerte.
18. Wichtige Fragen.
19. Armer Philemon!
20. Eine Überraschung für Mr. Sutherland.
21. Sweetwater überlegt.
22. Sweetwater handelt.
23. Ein verdächtiges Paar.
24. Im Schatten des Mastes.
25. In höchster Not.
26. Ein Paket.
27. Ein Stückchen Papier und drei Worte.
28 „Wer bist Du?“
29. Wieder daheim.
30. Was dem Glockenschlag zwölf folgte.
31. Ein stummer Zeuge.
32. Weshalb man Agatha Webb in Sutherlandtown nie vergessen wird.
33. Vater und Sohn.
34. „Nicht, wenn diese junge Damen sind“.
35. Sweetwater trägt endlich seine Schuld an Mr. Sutherland ab.
Impressum
01. Ein Mord.
Der Tanz war vorüber. Die Gäste des großen Hauses auf dem Hügel hatten sich schon entfernt; nur die Musiker waren noch da. Als diese durch die weite Türe ins Freie traten, dämmerte im Osten der neue Tag.
„Seht nur“, rief einer der Musiker, ein magerer, aufgeschossener junger Mann mit blassen Zügen und großen, ausdrucksvollen Augen, „dort wird es schon Tag. Das war eine vergnügte Nacht für Sutherlandtown.“
„Fast zu vergnügt“, murmelte ein anderer. Kaum hatte er beendet, als ein junger Mann schnell aus dem Hause lief und an den Musikern vorbei eilte.
Der Sprecher trat zur Seite.
„Wer war das?“, rief er.
Inzwischen war der junge Mann aus dem Tore gelaufen und in dem Wald, auf der anderen Seite der Straße, verschwunden.
„Mr. Frederick! Mr. Frederick Sutherland!“, riefen alle, wie aus einem Munde. „Der scheint es ja höllisch eilig zu haben!“
„Mir hat er fast die Zehen abgetreten.“
„Habt Ihr gehört, was er im Vorbeilaufen sagte?“
„Nein. Was war es?“
„Ich hab wohl was gehört, hab es aber nicht verstanden.“
„Ich glaube, er hat auch nicht zu Dir gesprochen - nebenbei bemerkt: zu mir auch nicht. Doch ich hab Ohren, ich kann fast hören, wenn Ihr mit den Augenlidern winkt.“
Er sagte: „Gott sei Dank, dass diese Schreckensnacht vorüber ist!“
„Denkt Euch, solch herrlicher Ball, ein so prächtiges Mahl und das nennt er „Schreckensnacht“ und dankt Gott, dass sie vorüber ist.“
„Ich glaubte immer, er wäre gerade einer von denen, denen es nie toll genug hergehen könnte.“
„Das dachte ich auch!“
„Ich auch!“
Die fünf Musiker steckten die Köpfe zusammen.
„Wahrscheinlich hat er mit seinem Schatz Streit gehabt“, bemerkte der eine.
„Das wundert mich nicht“, sagte ein anderer. „Ich glaube überhaupt nicht, dass die Beiden mal heiraten werden.“
„Wär auch eine Schande, wenn sie es täten“, rief der magere junge Mann, der zuerst gesprochen. Da der junge Mann, über den die Musiker sprachen, der Sohn des Hauses war, aus dem sie eben gekommen waren, dämpften sie ihre Stimmen.
Doch das Interesse war erregt und flüsternd sprachen sie weiter.
„Ich habe ihn bemerkt“, sagte .ein anderer, der bis jetzt still zugehört hatte, „als er mit Miss Page zum ersten Tanz antrat und auch, als er in der letzten Quadrille ihr gegenüber tanzte und ich kann Euch sagen: es war ein großer Unterschied in seinem Benehmen gegen Miss Page in seinem ersten und dem letzten Tanz.
Man hätte kaum glauben sollen, dass er derselbe Mann war. Junge Leute, wie Mr. Frederick, lassen sich nicht durch schöne Grübchen allein fangen; die wollen auch Bargeld haben.“
„Oder wenigstens ein Mädchen aus feiner Familie. Sie hat keines von beiden. Aber wie schön sie ist! Ich kenne manche reiche und vornehme junge Leute, die froh wären, sie zu nehmen, wie sie ist“
„Schön!“ rief der magere Musiker und rümpfte die Nase, „ich möchte wissen, wo sie schön ist? Im Gegenteil: ich finde, sie hat ein sehr alltägliches Gesicht.“
„Oho!“ riefen die anderen, protestierend und der Violinenspieler fügte hinzu:
„Weshalb reißen sich dann alle jungen Leute um sie?“
„Sie hat keinen einzigen regelmäßigen Zug im Gesicht!“
„Was hat das mit dem Eindruck zu tun, den ihre Person macht?“
„Ich kann sie nicht leiden!“
Ein Gelächter folgte diesen Worten.
„Das wird sie wohl ungeheuer grämen, Sweetwater. Der junge Mr. Sutherland kann sie umso besser leiden und daran ist ihr jedenfalls mehr gelegen. Und ich behaupte, er wird sie auch heiraten! Er kann gar nicht anders. Sie ist imstande, den Teufel zu verhexen, dass er sie heirate, wenn sie es sich in den Kopf setzte, ihn zum Mann zu haben.“
„Der würde jedenfalls besser zu ihr passen“, brummte Sweetwater. „Was indes Mr. Frederick betrifft -.“
„Ssssst! Es kommt jemand aus dem Haus, - das ist sie!“
Alle schauten nach der Haustüre, unter der eine graziöse, weiß gekleidete Figur erschienen war, die nach der Stelle schaute, wo die Musiker standen.
Hinter ihr brannten noch die Lichter in der Halle und scharf hob sich ihre reizende Gestalt von dem hellen Hintergrunde ab.
„Wer ist dort?“ fragte sie im flüsternden Tone.
Die Frage blieb unbeantwortet, denn im selben Augenblicke wurden eilige Schritte vernehmbar und laute, unverständliche Rufe drangen herauf zum Hügel.
Immer näher kamen die Schreier. Die Musiker gingen zurück, dem Hause zu, einer derselben sogar bis zur Türe, wo noch immer die weiße Gestalt stand.
„Mord! Mord!“ klang es nun deutlich in aller Ohren.
Kaum hatte die junge Dame dies gehört, als sie schnell die Türe schloss und sich zurückzog, zum großen Erstaunen des Musikers, der wusste, dass sie die neugierigste junge Dame im ganzen Städtchen war.
„Mord! Mord!“
Ein schrecklicher und in diesem gottesfürchtigen Städtchen nie zuvor gehörter Schrei. Immer mehr Menschen kamen den Hügel herauf.
„Mrs. Webb ist ermordet worden! Mit einem Messer! Erstochen! Wo ist Mr. Sutherland?“
Mrs. Webb! Als die Musiker den Namen dieser allseitig geliebten und verehrten Frau hörten, fuhren sie zusammen! Unmöglich!
Mrs. Webb! Unglaublich! Sie gingen zum Hause zurück und riefen nach Mr. Sutherland.
„Es kann nicht sein! Nicht Mrs. Webb! Wer wäre so verrucht oder herzlos, sie zu ermorden?!“
„Das weiß Gott allein“, rief eine Stimme von der Straße her. „Aber dass sie tot ist, haben wir gesehen.“
„Dann hat es ihr Mann getan“, rief einer. „Ich hab schon immer gesagt, dass er eines Tages seinen besten Freund umbringt. Ein Mensch, wie der, gehört ins Narrenhaus und nicht -.“
Das Übrige verlor sich in unverständlichem Gemurmel. Eine Hand hatte sich dem Sprecher auf den Mund gelegt, in demselben Augenblicke, als Mr. Sutherland auf der Veranda erschien.
Der dort stand, war ein schöner Mann, mit ausdrucksvollen Zügen, aus denen Freundlichkeit und Würde gleich mächtig sprachen. Kein Mann in weitem Umkreise - ich hätte fast gesagt: keine Frau - ward mehr geliebt und mehr geachtet, als er.
Nur auf einen Menschen vermochte er keinen Einfluss auszuüben - was jedermann weit und breit wusste - auf seinen einzigen Sohn Frederick.
Schmerz und Bestürzung lagen auf des Mannes Zügen.
„Was schreit Ihr da?“ fragte er. „Agatha Webb? Ist Agatha Webb etwas zugestoßen?“
„Sie ward ermordet!“ riefen mehrere Stimmen zugleich. „Wir kommen eben von ihrem Haus. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Man sagt, ihr Mann habe es getan.“
„Nein, nein!“ sagte Mr. Sutherland, mehr zu sich selbst als zu den Umstehenden. Philemon Webb mag sich vielleicht selbst umbringen, aber nicht Agatha.“
„Es war ihr Geld -.“
Er richtete sich auf und rief den Erregten zu:
„Wartet! Ich gehe mit Euch!“
„Wo ist Frederick?“ fragte er die Diener, die ihn umstanden.
Niemand wusste es.
„Bringt ihn hierher. Er soll mit mir in die Stadt gehen.“
„Er ist dort drüben im Wald“, rief eine Stimme von der Straße her.
„Im Wald?“ wiederholte der Vater, aufs höchste erstaunt.
„Jawohl. Wir haben ihn hingehen sehen. Sollen wir ihn rufen?“
„Nein, danke. Ich kann schon ohne ihn fertig werden.“
Dann ergriff er seinen Hut und wollte eben gehen, als sich eine Hand auf seinen Arm legte und eine wohlbekannte Stimme ihm zuflüsterte:
„Darf ich mitgehen? Ich werde Ihnen nicht beschwerlich fallen.“
Es war die junge Dame, die wir vorhin beobachtet hatten. Der alte Mann zog die Stirn in Falten und antwortete ernst:
„Eine Mordstätte ist kein Platz für junge Damen.“
Die so Angeredete blieb unbewegt.
„Ich denke, ich gehe doch“, sagte sie. „Ich kann mich ganz unbemerkt unter die Leute mischen.“
Er antwortete nicht mehr. Miss Page war zwar eine Angestellte in seinem Hause und wurde für ihre Leistungen bezahlt, doch seit langem versuchte niemand, ihr zu widersprechen.
Sie hatte seit ihrem ersten Erscheinen unter der Türe das weiße Ballkleid mit einem einfachen, dunkleren vertauscht und schloss sich so dem alten Herrn an, der wortlos der Menge folgte.
Nach und nach verließen auch die Dienstboten das Haus, als letzter Jerry, der die Lichter ausblies und, nachdem er die Fronttüre geschlossen hatte, sich den Neugierigen anschloss.
Den Nebeneingang aber hatte er offen stehen lassen und durch diesen trat, sobald die Tritte der Fortgehenden in der Ferne verhallt waren, ein bleicher junger Mann: es war Sweetwater, der Musiker, der die Schönheit Miss Pages in Frage gestellt hatte.
02. Im Dunkel der Nacht.
Sutherlandtown ist eine kleine Hafenstadt, die aus nur einer Hauptstraße und, davon abzweigend, vielen Nebenstraßen besteht. Die Hauptstraße zieht sich geradeswegs vom Hügel bis zur Werft.
Oben, an der Ecke der „Hillside Lane“ steht das Webb-Haus, dessen Vordereingang nach der Hauptstraße zu liegt. Das Haus war leicht zu finden; war es doch das einzige, in dem noch Licht brannte, ganz abgesehen von den Gruppen aufgeregter Menschen, die es umstanden. Als Mr. Sutherland ankam, grüßte ihn ein beifälliges Gemurmel. Die Menge trat zur Seite und gab den Eingang des Hauses frei.
Eben wollte er eintreten, als ihn jemand am Arme zupfte und sagte:
„Schauen Sie in die Höhe!“
Er tat so und sah den leblosen Körper einer Frau halb aus dem Fenster des zweiten Stockes hängen.
„Wer ist das?“ rief er. „Das ist nicht Agatha Webb!“
„Nein, das ist Batsy, die Köchin. Sie ist auch tot. Wir ließen sie so liegen, wie wir sie fanden, bis der Untersuchungsrichter hier ist.“
„Das ist schrecklich!“ murmelte Mr. Sutherland.
Wie er so sprach, fühlte er sich wieder am Arm berührt. Er schaute sich um und bemerkte die Gestalt einer jungen Dame.
Ehe er sie indes anreden konnte, war sie schon zwischen der Menge verschwunden. Es war Miss Page.
„Der Körper, der aus dem Fenster hängt, zog zuerst die Aufmerksamkeit auf das Haus“, sagte ein Mann, der am Haupteingang des Hauses stand und die Menge zurückhielt.
„Die Frauen der Matrosen, die heute früh ausfuhren, bemerkten, als sie von der Werft zurückkamen, die Tote und schlugen Alarm. Hätten die sie nicht bemerkt, wüssten wir vielleicht jetzt noch nicht, was passiert ist.“
„Aber Mrs. Webb?“
„Treten Sie ein und sehen Sie selbst.“
Hinter einem Holzzaune, umgeben von einem Gärtchen, lag das kleine Haus, in dem sich das schrecklichste Drama abgespielt, das Sutherlandtown je gesehen.
In diesem Holzzaune befand sich ein Tor, durch das nunmehr Mr. Sutherland schritt, begleitet von Miss Page, die sich ihm unbemerkt angeschlossen hatte.
Ein Gartenweg, auf beiden Seiten von Flieder umsäumt, führte zu der, jetzt offen stehenden Türe des kleinen Hauses, aus der ihm Amos Fenton, der Polizist des Städtchens, entgegen trat.
„Ah, Mr. Sutherland“, sagte er, „ein trauriger Fall, ein sehr trauriger Fall. Doch - wer ist die junge Dame bei Ihnen?“
„Das ist Miss Page“, entgegnete Mr. Sutherland, sich umschauend und die Stirn in Falten ziehend, „die Nichte meiner Haushälterin. Sie wollte absolut mitkommen. Neugierde natürlich. Gegen meinen Willen.“
„Miss Page muss unten bleiben. Wir gestatten Niemanden Zutritt - außer Ihnen natürlich“, setzte er respektvoll hinzu, eingedenk der Tatsache, dass in Sutherlandtown nichts ohne Mr. Sutherland unternommen wurde.
Miss Page, die schön erschien wie die Morgensonne und frisch wie das junge Gras im Gärtchen, warf dem alten Polizisten bittende Blicke zu, die diesen veranlassten, sein stachliges Kinn zu streichen; doch seinen Befehl änderte er nicht.
Als sie bemerkte, dass er sich nicht erweichen ließ, trat sie, liebenswürdig lächelnd, zur Seite, hinter Büsche, die sie den übrigen Neugierigen verbarg.
Mr. Sutherland trat ins Haus. Er kam in einen schmalen Gang, aus dessen linker Seite eine offene Tür zu sehen war, während hinten eine Treppe nach oben führte.
Unter der erwähnten offenen Türe stand ein Mann, der den Angekommenen höflich grüßte. Mr. Sutherland ging still an ihm vorüber und trat in das nächste Zimmer, woselbst an einem, mit Speisen bedeckten Tische, Philemon Webb saß, der Herr des Hauses.
Erstaunt, seinen alten Freund in diesem Zimmer und in solch auffallender Stellung zu finden, wollte er diesen eben ansprechen, als Mr. Fenton dazwischen trat.
„Einen Augenblick, bitte! Betrachten Sie den armen Philemon erst näher, ehe Sie ihn stören. Als wir vor etwa einer halben Stunde ins Haus traten, fanden wir ihn ganz in derselben Stellung und, aus begreiflichen Gründen, ließen wir ihn unbelästigt. Beobachten Sie ihn genau, Mr. Sutherland; er wird es nicht merken“
„Was fehlt ihm? Weshalb lehnt er sich so gegen den Tisch? Ist er auch verwundet?“
„Nein. Sehen Sie seine Augen an.“
Mr. Sutherland beugte sich nieder, bog die langen, weißen Locken zurück und rief erregt:
„Die Augen sind geschlossen! Er ist doch nicht tot?“
„Nein, er schläft.“
„Ja. Er schlief, als wir herein kamen und schläft noch. Die Nachbarn wollten ihn aufwecken, doch gab ich das nicht zu. Sein Gehirn würde den plötzlichen Schreck nicht aushalten“
„Nein, nein! Armer Philemon! Dass er schlafen kann, während sie -. Doch was sollen diese Flaschen hier bedeuten und der gedeckte Tisch, in einem Zimmer, in dem sie sonst nie zu essen pflegten?“
„Das wissen wir nicht. Wie Sie sehen, wurden die Speisen hier nicht berührt. Er trank ein Glas Portwein, das war alles. In den anderen Gläsern war kein Wein“
„Stühle für drei und nur einer besetzt“, murmelte Mr. Sutherland.
„Sonderbar! Sollte er Gäste erwartet haben?“
"Es scheint so. Ich wusste nicht, dass seine Frau dies erlaubt hat. Sie war immer zu gut gegen ihn und ich fürchte, sie hat diese Güte mit ihrem Leben bezahlt.“
„Unsinn! Er hat sie nicht getötet! Hätte er sie nicht geradezu abgöttisch verehrt - was er tatsächlich tat - so hätte er doch, selbst in seinen dunkelsten Augen blicken, nie Hand an sie gelegt!“
„Ich traue keinem Geisteskranken“, entgegnete der andere.
„Sie haben noch nicht alles gesehen, was merkwürdig ist in diesem Zimmer.“
Mrs. Sutherland blickte schnell umher. Außer dem Tisch und was darauf stand, konnte er nichts Auffallendes bemerken. Er schaute daher wieder auf Philemon Webb.
„Ich sehe nichts - außer dem armen Schläfer hier.“
„Betrachten Sie seinen Ärmel.“
Schnell beugte sich Mr. Sutherland nieder. Der Arm des alten Mannes lag auf dem Tische; am Ärmel der blauen Jacke konnte man deutliche Flecken sehen, die zwar von Rotwein herstammen konnten, die aber in Wirklichkeit - Blut waren.
Als. Mr. Sutherland diese Gewissheit erlangt, erblasste er und schaute fragend auf den Mann neben ihm, der ihn aufmerksam betrachtete.
„Schlimm!“ sagte er. „Noch andere Blutspuren hier unten?“
„Nein, dies sind die einzigen.“
„O, Philemon!“ entfuhr es Mr. Sutherland schmerzlich.
Dann betrachtete er wieder seinen alten Freund und setzte langsam hinzu:
„Er befand sich offenbar in dem Zimmer, in dem seine Frau getötet ward, doch glaube ich nicht, dass er weiß, was dort geschah, sonst würde er hier nicht so ruhig schlafen. Lassen Sie uns nach oben gehen!“
Fenton nickte seinem Untergebenen zu, aufzupassen und wandte sich sodann zur Treppe, wohin ihm Mr. Sutherland folgte. Sie gingen direkt durch den oberen Gang nach dem großen Vorderzimmer, das der Schauplatz des Dramas war.
Ein einfacher Teppich bedeckte den Fußboden, alte, anspruchslose Möbel standen an den Wänden. Auf einem altmodischen Sofa lag die tote Herrin des Hauses.
Obwohl sie einen gewaltsamen Tod gefunden, ging von ihrer Gestalt und ihren Zügen - beide von seltenem Ebenmaß - eine solche Ruhe aus, dass Mr. Sutherland, der an ihre vornehme Erscheinung und ihre majestätische Würde gewohnt war, erstaunt ausrief:
„Ermordet?! Sie?! Sie irren, mein Herr! Sehen Sie ihr Gesicht an!“
Doch da fiel sein Blick auf das Blut, das an ihrem Kleide klebte und er fragte schauernd:
„Wo ward sie getroffen? Wo ist die Waffe?“
„Sie ward offenbar getroffen, während sie an diesem Tische stand oder saß“, entgegnete Fenton und deutete auf zwei oder drei Tropfen Blut, die auf der polierten Tischplatte zu sehen waren.
„Die Waffe konnten wir nicht finden, doch zeigt die Wunde, dass es ein dreischneidiger Dolch gewesen sein muss.“
„Ein dreischneidiger Dolch?“
„Jawohl.“
„Ich wusste nicht, dass ein solcher sich in der Stadt befand. Philemon kann unmöglich einen solchen Dolch gehabt haben.“
„Scheinbar nicht; doch man kann nie sicher sein. Solch alte Häuser, wie dieses, enthalten oft die merkwürdigsten Artikel.“
„Ich glaube kaum, dass je ein solcher Dolch in diesem Hause war“, erklärte Mr. Sutherland. „Wo fanden Sie Mrs. Webb, als Sie ins Haus kamen?“
„An derselben Stelle, wo Sie sie jetzt sehen. Es ward nichts im Zimmer berührt oder von der Stelle bewegt.“
„Sie fanden sie hier, auf diesem Sofa, in derselben Lage, wie ich sie jetzt sehe?“
„Gewiss.“
„Das ist kaum glaublich! Sehen Sie, wie sie daliegt, die Hände gefaltet, die Augen geschlossen, gerade als ob sie zur Beerdigung getragen werden sollte - nur liebende Hände können dies getan haben! Was hat dies zu bedeuten?“
„Das deutet auf Philemon, klar und deutlich.“
Mr. Sutherland erschauerte, doch er sagte nichts. Er war starr, diesen Beweisen des Werkes eines Geistesschwachen gegenüber. Philemon Webb schien stets so harmlos, vollkommen harmlos, obwohl sein Geist sich seit zehn Jahren immer mehr umnachtete.
„Aber“, fuhr Mr. Sutherland plötzlich auf, „es ist noch ein anderes Opfer im Hause! Ich sah die alte Batsy aus dem Fenster hängen, tot!“
„Ja, sie ist im nächsten Zimmer. Es ist aber keine Wunde an Batsy zu finden.“
„Wie ward sie dann getötet?“
„Das müssen uns die Doktoren sagen.“
Mr. Sutherland ging mit Fenton in das kleine, anstoßende Zimmer und sah auf den ersten Blick die leblose Gestalt der alten Batsy aus dem Fenster hängen, wie er sie schon von der Straße aus bemerkt hatte.
Dass sie tot war, unterlag keinem Zweifel. Doch, wie Fenton gesagt hatte, es war keine Wunde an ihr zu finden, keine Blutspur, nichts, das auf die Art und Weise ihres Todes hätte hinweisen können.
„Das ist schrecklich!“ jammerte Mr. Sutherland, „das schrecklichste, was ich je gesehen habe! Helfen Sie mir, den Leichnam hereinzubringen. Sie lag lange genug zur Schau der Neugierigen aus dem Fenster.“
Es befand sich ein Bett in diesem Zimmer - in der Tat war es Mrs. Webbs Schlafzimmer - und auf dieses legten sie die Tote. Als ihr Gesicht zu sehen war, schauten sich die beiden Männer erstaunt an: der Ausdruck von Schreck und Angst, den sie hier sahen, stand in auffallendem Gegensatz zu der Ruhe und Majestät, die auf den Zügen der toten Herrin lagen!
03. Die leere Schublade.
Als die beiden Männer in das erste Zimmer zurücktraten, waren sie nicht wenig erstaunt, Miss Page zu sehen, die unter der Türe stand. Sie starrte die Tote an und schien die beiden Männer nicht zu bemerken.
„Wie kommen Sie hierher? Wer hat Sie, entgegen meinem ausdrücklichen Befehl, eintreten lassen?“ fragte Fenton, ärgerlich und erregt.
Sie ließ ihre Kapuze vom Kopfe fallen und sah den Frager lächelnd an, mit demselben gewinnenden Lächeln, mit dem sie versucht hatte, ihn vor dem Hause ihren Wünschen gefügig zu machen.
Damals hatte er widerstanden, doch dem abermaligen Versuch konnte er nicht standhalten.
„Ich bestand darauf, eingelassen zu werden“, sagte sie. „Machen Sie den Männern draußen keinen Vorwurf; sie wollten einer Dame gegenüber keine Gewalt anwenden“.
Ihre Stimme war nicht wohlklingend und sie wusste das; sie schlug daher den Ton an, der ihre Worte zu Herzen trug und sie siegte auch über den alten, wetterharten Amos Fenton.
„Na, na“, murmelte er, „das ist schlimme Neugierde, die Sie hierher führte. Legen Sie die besser ab; ehrenwerte Personen missverstehen dergleichen sehr leicht.“
„Danke“, entgegnete sie mit schelmischem Lächeln, das Falten auf Mr. Sutherlands Stirn brachte. Er schaute von ihr nach der Toten und sagte in vorwurfsvollem Tone:
„Ich verstehe Sie nicht, Miss Page. Wenn dieser Anblick Ihrer Koketterie keinen Zwang auferlegen kann, dann weiß ich nicht, was überhaupt diese in Schranken zu halten vermag! Was Ihre Neugierde betrifft, so ist selbige ebenso unpassend als unweiblich. Verlassen Sie dies Haus sofort, Miss Page! Und sollten Sie in den paar Stunden, die noch bis zum Frühstück dahingehen, Zeit finden, Ihre Koffer zu packen, würden Sie mich noch besonders verpflichten.“
„Schicken Sie mich nicht fort, ich bitte Sie!“ Es war dies ein Schrei aus innerstem Herzen, den sie jedenfalls gleich bedauerte, denn sie versuchte sofort diesen unvorsichtigen Selbstverrat durch Beugen ihres schönen Kopfes und durch Zurücktreten zu verwischen.
Weder Mr. Sutherland noch Amos Fenton schien das eine oder das andere bemerkt zu haben; hatten sie doch ihre Aufmerksamkeit wichtigeren Sachen zugewandt.
„Ihrer Kleidung nach zu urteilen“, sagte Mr. Sutherland, der die Tote wieder eingehend betrachtete, „scheint meine unglückliche Freundin vor dem Schlafengehen ermordet worden zu sein. Wenn Philemon –.“
„Entschuldigen Sie, meine Herren“, rief da der junge Mann, der in der Halle zurückgelassen worden war, „die junge Dame horcht, was Sie sagen. Sie steht noch oben auf der Treppe.“
„So ist es! So ist es!“ rief Fenton, dessen Galanterie bei der Zurechtweisung vonseiten seines Kameraden verschwunden war.
„Ich will ihr aber zeigen -.“
Als er zur Türe gekommen, war die junge Dame verschwunden und nur ein feines Parfüm erinnerte daran, dass sie kurz zuvor hier gestanden hatte.
„Eine merkwürdige Person“, murmelte der Polizist beim Zurückgehen.
Er kehrte indes sofort wieder um, da er in der unteren Halle Stimmen hörte.
„Der alte Mann ist wach!“ rief eine Stimme hinauf.
Sofort stiegen Fenton und Mr. Sutherland die Treppe hinab. Miss Page stand unter der Türe des Zimmers, in dem Philemon Webb saß. Als die beiden Männer näher kamen, machte sie eine halb ironische, halb abbittende Verbeugung und verließ das Haus.
Wie von einem Bann erlöst, atmeten die beiden Männer auf und besonders Mr. Sutherland war durch das Fortgehen der jungen Dame sichtbar erleichtert.
„Ich wünschte, der Doktor wäre hier“, sagte Fenton.
"Ich sandte unsere n besten Reiter nach ihm, doch er ist irgendwo da draußen am Portchester Weg und es kann eine Stunde dauern, ehe er kommt.“
„Philemon!“ rief Mr. Sutherland, indem er die Hand seinem alten Freund auf die Schulter legte, "Philemon! Wo sind Deine Gäste? Du hast bis zum Morgen auf sie gewartet!“
Philemon schaute erstaunt auf die beiden Gedecke neben ihm und sagte, indem er mit dem Kopfe schüttelte:
„James und John werden stolz - oder sie haben es vergessen, sie haben es vergessen.“
James und John. Er meinte wohl die Zabels. Es gibt aber so viele Leute in der Stadt, die diese Vornamen trugen.
Wieder frug Mr. Sutherland:
„Philemon, wo ist Deine Frau? Ich sehe, es ist hier nicht für sie gedeckt.“
„Agatha ist nicht wohl, Agatha ist ärgerlich. Sie kümmert sich nicht um einen alten, kranken Mann, wie ich.“
„Agatha ist tot und Du weißt es!“ schrie der Polizist unüberlegter Weise.
„Wer hat sie ermordet? Sag, wer hat sie ermordet?“
Der plötzliche Schreck nahm dem Kranken den letzten Rest von klarer Besinnung. Mit dem gurgelnden Lachen, das Geistesschwachen eigen ist, erwiderte er:
„Die Mieze-Katze, es war die Mieze-Katze. Wer ist ermordet? Ich bin nicht ermordet. Lasst uns nach Jericho gehen.“
Mr. Sutherland nahm ihn unter dem Arm und geleitete ihn nach oben. Vielleicht würde der Anblick seiner toten Gattin ihn zur Besinnung bringen. Doch er schaute sie an, mit demselben starren Blick des Nichterkennens, mit dem er alles andere betrachtete.
„Ich kann dies Kaliko-Kleid nicht leiden“, sagte er nach einer Weile. „Sie kann erfordern, sich in Seide zu kleiden, doch sie will nicht. Agatha, wirst Du zu meinem Begräbnis dein Seidenkleid anziehen?“
Erschüttert, zog Mr. Sutherland den alten Mann hinweg und übergab ihn der Obhut eines Polizisten. Fentons Neugierde war erregt worden.
Er nahm Mr. Sutherland bei Seite und flüsterte:
„Was wollte der alte Mann damit sagen: sie kann erfordern, sich in Seide zu kleiden? Sind die Leute etwa nicht so arm, als sie scheinen?“
Ehe Mr. Sutherland antwortete, schloss er die Türe.
„Sie sind reich“, erklärte er sodann dem erstaunten Frager, „das heißt, sie waren reich; vielleicht wurden sie beraubt. Wenn dem so ist, dann war es sicher nicht Philemon, der sie tötete. Wie ich hörte, bewahrte Agatha ihr Geld in einem altmodischen Wandschrank auf - wie etwa dieser hier“, setzte er hinzu, auf eine Doppeltüre in der Wand über dem Kaminfeuer zeigend.
Fenton, der einen Schlüssel im Schloss bemerkte, ging sofort hin und öffnete die Türen. Erst sah er nichts, als einige Reihen Bücher.
Als er diese jedoch herabgenommen, bemerkte er dahinter zwei Schubladen.
„Sind sie verschlossen?“ fragte Mr. Sutherland.
„Eine ist verschlossen, die andere nicht.“
„Öffnen Sie die unverschlossene.“
Fenton tat so. „Sie ist leer“, sagte er.
Mr. Sutherland warf wiederum einen Blick nach der Toten. Die ebenmäßigen Züge, die seelische Ruhe, die auf ihnen lag, berührten ihn sonderbar.
„Ich weiß nicht, ward sie das Opfer ihres geistesschwachen Gatten oder eines ruchlosen Räubers. Sehen Sie doch, ob Sie den Schlüssel zu der anderen Schublade finden können.“
„Ich will es versuchen.“
„Vielleicht fangen Sie mit Suchen am besten bei der Toten an; der Schlüssel sollte sich in ihrer Tasche finden, wenn kein Dieb ihn weggenommen hat.“
„Er ist nicht in der Tasche.“
„Vielleicht hängt er an einer Schnur an ihrem Halse?“
„Nein. Da hängt wohl ein Medaillon, aber kein Schlüssel. Ein prachtvolles Medaillon, Mr. Sutherland, mit einer goldenen Haarlocke eines Kindes darin -.“
Wir können das später betrachten; jetzt wollen wir erst den Schlüssel suchen.“
„Herr des Himmels!“
„Was ist es?“
„Sie hat den Schlüssel in der Hand - in der Hand, auf der sie liegt!“
„Ah! Das ist wichtig, Fenton!“
„Sehr wichtig!“
„Bleiben Sie hier, Fenton. Lassen Sie keinen Menschen diesen Schlüssel wegnehmen, bis der Untersuchungsrichter hier war und dies selbst gesehen hat!“
„Ich werde hier bleiben!“
„Inzwischen will ich diese Bücher wieder an ihren Platz stellen.“
Er war kaum damit fertig, als eine andere Person im Hause erschien: Pastor Crane.
04. Die volle Schublade.
Der Neuangekommene hatte wichtiges zu erzählen. Zu früher Morgenstunde, vom Krankenbette eines seiner Pfarrkinder kommend, war er an diesem Hause vorübergegangen.
Als er eben die Türe passierte, lief ein Mann in höchster Erregung aus dem Hause; in der Hand hielt er etwas glänzendes und obgleich er ihn - den Pastor - fast umgerannt hatte, blieb er doch nicht stehen, um sich zu entschuldigen, sondern eilte mit unsicheren Schritten dahin.
Daraus schloss der Pastor, dass der Fremde alt war. Außerdem sah er auch die Spitzen eines weißen langen Vollbartes über die Schultern flattern; das Gesicht konnte er nicht sehen.
Philemons Gesicht ist glatt rasiert. Um genauere Zeitangabe gefragt, sagte der Pastor, dass es ungefähr um Mitternacht gewesen sein muss, denn halb ein Uhr befand er sich wieder in seinem Hause.
„Haben Sie im Vorübergehen nach den Fenstern gesehen?“ fragte Fenton.
„Ich erinnere mich, dass beide beleuchtet waren.“
„Waren die Jalousien herabgelassen?“
„Ich glaube nicht, sonst wäre mir das aufgefallen.“
„Wie waren die Jalousien, als Sie heute Morgen ins Haus kamen?“ fragte Mr. Sutherland den Polizisten.
„Genauso, wie Sie sie jetzt sehen; es ward nichts im Hause berührt. Beide Jalousien waren herabgelassen, die eine über ein offenes Fenster.“
„Diese Begegnung mit dem Unbekannten ist von größter Wichtigkeit, Herr Pastor.“
„Ich wünsche, ich hätte sein Gesicht gesehen“
„Was mag wohl der glitzernde Gegenstand gewesen sein, den Sie in seiner Hand sahen?“
„Ich möchte keine Meinung darüber äußern; ich sah den Mann nur eine flüchtige Sekunde.“
„Kann es ein Messer oder ein altmodischer Dolch gewesen sein?“
„Arme, arme Agatha! Das gerade sie, die das Geld so verachtete, das Opfer eines habgierigen Mörders werden musste! Ein glückloses Leben und ein glückloses Ende - Fenton, ich werde mein Leben lang um Agatha Webb trauern.“
„Und doch scheint es, als ob sie endlich Ruhe gefunden habe“, sagte der Pastor. „Ich sah sie im Leben nie so seelisch zufrieden.“
Dann, Mr. Sutherland bei Seite ziehend, fragte er:
„Was sagten Sie eben von Geld? Hat sie wirklich, entgegen allem Anschein, über ein größeres Vermögen verfügt? Ich frage deshalb, weil sie, trotz ihrer einfachen Kleidung und ihrer einfachen Lebensweise, stets mehr für die Kirche gab, als irgendeiner ihrer Nachbarn. Außerdem bekam ich von Zeit zu Zeit anonym größere Beträge zugesandt, stets für arme, kranke Kinder bestimmt, die -.“
„Ja, ja, die kamen von ihr, ohne Zweifel von ihr. Sie waren nicht arm, obwohl ich nie wusste, wie reich sie war, bis in letzter Zeit. Sie zogen offenbar vor, einfach zu leben und da sie keine Kinder am Leben haben.“
„Man sagte mir, sie begruben sechs Kinder.“
„So sagen die Leute von Portchester. Jedenfalls hatten sie kein Verlangen nach weltlichen Genüssen und gaben sich auch nie solchen hin.“
„Philemon hat wohl seit Jahren nach nichts mehr verlangt?“
„O, er lebt gerne gut und hatte auch immer, was sein Herz verlangte. Agatha schlug ihm nie etwas ab.“
„Weshalb denken Sie, dass Geld die Ursache ihres gewaltsamen Todes gewesen ist?“
„Sie hatte eine größere Summe im Hause und es gibt viele hier herum, die das wussten.“
„Ist das Geld nicht mehr im Hause?'
„Das werden wir später erfahren.“
In diesem Augenblicke kam der Untersuchungsrichter Dr. Talbot an. Er war ein Mann von wenig Worten und noch weniger Fühlen. Umso mehr überraschten seine ersten Worte:
„Wer ist die junge Dame, die da draußen steht, die einzige Frauensperson unter den Neugierigen?“
Mr. Sutherland ging schnell an das Fenster, bog die Jalousie zur Seite und erwiderte dann:
„Das ist Miss Page, die Nichte meiner Haushälterin. Sie folgte mir hierher und wir konnten sie kaum aus dem Zimmer hier bringen, wohin sie mir, entgegen meinem ausdrücklichen Wunsche, gefolgt war. Ich begreife nicht, was sie an dem Mord interessieren kann.“
„Sehen Sie nur, wie sie dasteht!“ rief Fenton. „Sie scheint noch verrückter als Philemon zu sein.“
Ihr Benehmen gab vielleicht Veranlassung zu dieser Bemerkung. Inmitten des kleinen Gartens, von der erregten Menge durch den hohen Bretterzaun getrennt, stand sie, hoch aufgerichtet, unbeweglich, gespannt horchend. Ihre Kapuze hatte sie wieder über den Kopf gezogen und so glich sie eher einer grauen Statue, als einem lebenden, atmenden Wesen. Ihr Blick, den Beobachtern zugerichtet, machte diese erschauern.
„Ein merkwürdiges Mädchen“, sagte der Pastor.
„Und eine, die ich weder in Schutz nehme, noch begreife“, fügte Mr. Sutherland hinzu. „Ich zeigte ihr soeben meinen Unmut über ihr Eindringen, indem ich sie aus meinen Diensten entließ.“
Der Untersuchungsrichter warf ihm einen schnellen Blick zu, öffnete den Mund zum Sprechen, schien seine Absicht jedoch sofort zu ändern und wandte sich der Toten zu.
„Wir haben eine traurige Pflicht vor uns“, sagte er.
Die Untersuchung, die er nunmehr vornahm, brachte zwei Tatsachen zu Tage. Erstens: dass alle Türen des Hauses unverschlossen gewesen sind und zweitens, dass der Polizist mit den Ersten ins Haus getreten ist und so versichern konnte, dass, außer Batsys Entfernung vom Fenster nach dem Bette, nichts im Hause berührt worden war.
Als er dann die Tote besichtigte, fand er den Schlüssel in ihrer Hand.
„Wozu gehört dieser Schlüssel?“ fragte er.
Man zeigte ihm die Schubladen im Wandschrank.
„Die eine ist leer“, sagte Mr. Sutherland. „Wenn die andere ebenfalls leer ist, dann liegt ein Raubmord vor. Der Schlüssel, den sie in der Hand hält, sollte beide Schubladen öffnen.“
„Dann wollen wir sofort nachsehen. Es ist von höchster Wichtigkeit, zu wissen, ob nur ein Mord vorliegt oder ein Raubmord.“
Darauf nahm er den Schlüssel aus der Toten Hand und gab ihn Fenton, der sofort die Schublade aufschloss und sie, mit ihrem ganzen Inhalt, auf den Tisch stellte.
„Hier drin ist kein Geld“, sagte er.
„Aber Papiere, die so gut sind, als Geld“, bemerkte der Richter. „Sehen Sie hier: Hypothekenbriefe und viele gute Staatspapiere. Es scheint, sie war reicher, als jemand von uns wusste.“
Mr. Sutherland schaute mit enttäuschter Miene in die nun leere Schublade.
„Wie ich fürchtete“, sagte er. „Man hat sie ihres Bargeldes beraubt. Es befand sich dies zweifellos in der anderen Schublade.“
„Wie kann sie dann den Schlüssel in der Hand halten?“
„Das ist eines der Geheimnisse dieses Falles. Dieser Mord ist nicht so einfach; es dünkt mir vielmehr, als ob wir viele Überraschungen zu gewärtigen hätten.“
„So zum Beispiel: Batsys Tod.“
„O ja, Batsy! Ich vergaß ganz, dass sie auch tot aufgefunden ward.“
„Und ohne jede Wunde, Herr Richter.“
„Sie war herzkrank, der Schreck hat sie wohl getötet.“
„Ihr Gesichtsausdruck scheint diese Annahme zu bestätigen.“
„Lassen Sie mal sehen. So scheint es in der Tat! Es muss jedoch eine Sektion vorgenommen werden, dies zu bestätigen.“
„Ehe wir weiter gehen, möchte ich erklären, wieso ich weiß, dass Agatha Bargeld im Hause hatte“, sagte Mr. Sutherland, als sie ins andere Zimmer zurückgingen.
„Vorgestern, als ich mit meiner Familie zu Tische saß, kam Judy, die alte Klatschbase, in das Zimmer. Wäre Mrs. Sutherland am Leben, hätte sie es nicht gewagt, zur Essenszeit einzudringen; doch so, da Niemand die Honneurs des Hauses vertritt, kam sie einfach ins Zimmer gelaufen und kramte ihre Neuigkeiten aus.
Sie kam eben von Mrs. Webb. Mrs. Webb habe Geld, viel Geld im Hause; sie habe es gesehen; sie sei, wie gewöhnlich, ohne anzuklopfen ins Haus gegangen; da sie Agatha oben hörte, ging sie hinauf; die Türe stand offen und sie schaute hinein; Agatha ging eben durchs Zimmer, Papiergeld in der Hand, viel Geld; sie legte die Scheine in eine Schublade hinter den Büchern im Wandschrank und sagte: „Eintausend Dollars! Das ist zu viel Geld, im Hause zu behalten“; sie - Judy - sei derselben Meinung; sie habe Angst bekommen und sei geräuschlos davon gerannt, den Nachbarn zu erzählen, was sie gehört und gesehen habe.
Glücklicherweise war ich der Erste, den sie an jenem Morgen traf, doch bin ich überzeugt, dass sie, trotz meiner ausdrücklichen Verwarnung, ihre Neuigkeit noch bei mindestens einem halben Dutzend anderer ausgekramt hat.“
„War die junge Dame dort unten zugegen, als Judy dies erzählte?“ fragte der Untersuchungsrichter.
Mr. Sutherland sann nach.
„Vielleicht - ich erinnere mich nicht mehr genau. Frederick saß mit mir am Tische, während meine Haushälterin den Kaffee eingoss. Ich glaube kaum, dass Miss Page zugegen war; sie steht nicht so früh auf - sie ist in letzter Zeit ziemlich „vornehm“ geworden.“
„Sollte es möglich sein, dass er so blind ist und nicht sieht, dass sein Sohn Frederick dieses Mädchen heiraten will?“ flüsterte Pastor Crane dem Polizisten ins Ohr.
Dieser zog als Antwort die Schultern in die Höhe. Mr. Sutherland war ein Mann, freundlich gegen Jedermann, aber desto unergründlicher.
05. Eine Spur im Grase.
Als der Untersuchungsrichter, gefolgt von Mr. Sutherland, aus der Türe trat, bot sich den beiden ein merkwürdiger Anblick dar. Miss Page stand noch immer unbeweglich auf derselben Stelle und schaute die Kommenden unverwandt an.
Als sie in ihrer Nähe waren, zog sie die rechte Hand aus dem Umhange hervor, deutete auf das Gras zu ihren Füßen und sagte ruhig:
„Sehen Sie dies?“
Die beiden Männer beeilten ihre Schritte, beugten sich nieder und betrachteten angelegentlich die bezeichnete Stelle.
„Was sehen Sie da?“ fragte Mr. Sutherland, der ohne Gläser in der Nähe nicht mehr gut sehen konnte.
„Blut“, entgegnete der Richter, einen Grashalm abpflückend und ihn genau betrachtend.
„Blut!“ wiederholte Miss Page, mit einem so bezeichnenden Blick, dass Mr. Sutherland sie verwirrt anschaute, eine Empfindung, die er sich nicht erklären konnte.
„Wie konnten Sie diese kaum sichtbaren Flecken bemerken?“ fragte der Richter.
„Kaum sichtbar? Es ist das einzige, was ich in dem ganzen Garten sehe!“
Und mit einer Verbeugung, die nicht ohne Spott war, ging sie dem Tore zu.
„Ein unbegreifliches Mädchen“, sagte der Untersuchungsrichter.
„Aber sie hat recht, was diese Flecken anbetrifft. Abel“, rief er den Mann an, der an der Türe stand, „bringen Sie eine leere Kiste oder ein Fass und decken Sie diese Stelle hier zu. Ich will nicht, dass Jemand das Gras hier zertritt.“
Abel ging, den Auftrag auszuführen und kam eben an das Tor, als Miss Page dies zu öffnen im Begriffe war.
„Wollen Sie mir, bitte, helfen“, sagte sie. „Ich kann nicht durch diese Menschenmenge kommen.“
„Nicht?“ rief eine Stimme von außen. „Gehen Sie heraus, während ich hineingehe und Sie finden einen Weg offen.“
Da sie die Stimme des Sprechers nicht erkannte, zögerte sie; doch da das Tor sich eben bewegte, presste sie gegen dasselbe und stand im nächsten Augenblicke dem Eintretenden gegenüber.
„Ah, Sie sind es“, murmelte der, sie durchdringend anschauend.
„Ich kenne Sie nicht!“ entgegnete sie naserümpfend und schlüpfte aus dem Tore, ehe er Zeit zum Erwidern fand. Er schnalzte mit den Fingern der rechten Hand und winkte lächelnd Abel zu, der erstaunt diesem Zwiegespräch zugehört hatte.
„Schmiegsam, wie ’ne Weide, he?“ sagte der Angekommene.
„Nun, ich habe schon oft Pfeifen aus Weiden geschnitten und - wie kommst Du zu dem?“, brach er plötzlich ab und deutete auf eine seltene Blume, die halb welk aus Abels Knopfloch hing.
„Das? Oh, ich hab sie im Haus gefunden; sie lag auf dem Boden, fast unter Batsys Röcken. Merkwürdige Blume, was? Wunder, woher sie sie hatte.“
Der Andere ward sofort äußerst erregt. Seine grünen Augen leuchteten sonderbar.
„War das, ehe die junge Hexe, die Du eben hinausgelassen hast, ins Haus kam?“ fragte er.
„Oh ja, ehe überhaupt Jemand auf den Hügel kam. Was soll die junge Dame mit einer Blume zu tun haben, die Batsy fallen ließ?“
„Sie? Nichts. Nur möchte ich Dir raten - und Du weißt, ich habe Dir noch immer gut geraten - nimm das Ding aus Deinem Knopfloch. Stecke die Blume in ein Kuvert und bewahre sie gut auf und wenn sie Dir nicht eines Tages abverlangt wird, um eine wichtige Rolle zu spielen, dann darfst Du mich einen Esel heißen und vergessen, dass wir Spielkameraden gewesen sind.“
Abel lächelte, nahm aber die Blume aus dem Knopfloch und schickte sich an, das Gras zu bedecken, wie Dr. Talbot ihm aufgetragen hatte.
Der Andere stellte sich ans Tor, dem der Untersuchungsrichter und Mr. Sutherland sich eben näherten und machte Miene, sie anzureden.
Es war der Musiker Sweetwater, den wir Mr. Sutherlands Haus betreten sahen, als der letzte der Diener es verlassen hatte.
„Dr. Talbot“, redete er den Untersuchungsrichter an, der nun vor ihm stand.
„Sie haben oft versprochen, mir zu erlauben, meine Fähigkeit als Detektiv zu beweisen, sobald sich einmal Gelegenheit hierzu böte. Denken Sie nicht, dass die Zeit hierzu nunmehr gekommen ist?“
„Ah, Sweetwater! Ich glaube, der Fall ist zu verwickelt für den ersten Versuch eines unerfahrenen Mannes. Ich muss jedenfalls einen Experten von Boston kommen lassen. Ein anderes Mal, Sweetwater, wenn die Komplikationen nicht so ernster Natur sind.“
Der junge Mann erblasste und wandte sich zum Gehen.
„Darf ich wenigstens hier herum bleiben?“ fragte er, mit bittender Gebärde.
„Gewiss. Fenton findet schon Arbeit - und für sechs andere“, setzte er hinzu. „Gehen Sie ins Haus und sagen Sie ihm, ich hätte Sie geschickt.“
„Besten Dank“, rief Sweetwater und sein betrübtes Gesicht klärte sich auf. „Jetzt werde ich zuerst ausfindig machen, wie die Blume ins Haus gekommen ist“, murmelte er.
06. „Frühstück ist serviert, meine Herren!“.
Mr. Sutherland kehrte nach Hause zurück. Als er die weite Vorhalle betrat, stand er vor seinem Sohne Frederick. „Vater“, stammelte der junge Mann „kann ich einige Worte mit Dir sprechen?“
Mr. Sutherland, überrascht über seines Sohnes Erregtheit, nickte zustimmend und folgte dem Vorangehenden in ein kleines Zimmer, das noch den Blumenschmuck der gestrigen Festlichkeit trug.
„Ich will Abbitte leisten“, begann Frederick, „oder vielmehr, ich will Deine Verzeihung erbitten. Seit Jahren handelte ich Deinen Wünschen entgegen, verursachte der Mutter Herzeleid und Dir solchen Gram, dass Du oft wünschtest, ich wäre nie geboren.“
Er hatte das Wort „Mutter“ merkwürdig betont und sprach in der Tat aus innerstem Herzen.
Mr. Sutherland hörte ihm erstaunt zu. Sprach dies der Junge, an dem er längst verzweifelt war?
„Ich“, fuhr Frederick fort „ich will mich ändern. Ich will versuchen, Dir so viel Ehre zu machen, als ich Dir Schande gebracht. Es mag im Anfang vielleicht nicht Alles so leicht gehen, doch ich will meine ganze Kraft daran setzen und wenn Du mir Deine Hand reichen willst -.“
Im Augenblick hatte der alte Mann seine Arme um den jungen geschlungen.
„Frederick“, rief er unter Tränen, „mein Frederick!“
„Beschäme mich nicht zu sehr“, murmelte dieser, totenblass und wunderbar gefasst.
„Es gibt keine Entschuldigung für meine Vergangenheit und ich bange um meine Zukunft - dass mir die Kraft vielleicht fehlt, meine guten Vorsätze auszuführen. Doch das Bewusstsein, dass Du diese Vorsätze kennst und Deine ungeteilte Liebe sollen genügen, mich stark zu erhalten und ich müsste in der Tat die elendeste Kreatur sein, würde ich Dich zum zweiten Male enttäuschen.“
Er hielt inne, entwand sich seines Vaters Armen und, aus dem Fenster gegen Himmel schauend, fuhr er fort:
„Ich schwöre, dass ich mich künftig so betragen werde, als sei sie noch am Leben und würde über mich wachen!“
Mr. Sutherland schaute ihn erstaunt an. Er hatte Frederick schon in jeder Stimmung gesehen, aber noch nie so ernst, so gefasst und so entschlossen.
„Ja“, fuhr der junge Mann fort, unverwandt die Augen in die Ferne gerichtet, „ich schwöre, dass ich künftig nichts tun werde, das ihr Andenken entehren könnte! Mein Denken und mein Handeln sollen so sein, als ob ihre Augen mich noch sehen, als ob sie noch Schmerz empfinden könne über mein Fehlen und Freude über meine Erfolge.“
Ein Bild Mrs. Sutherlands, gemalt, als Frederick kaum zehn Jahre alt war, hing nicht weit von dem Sprechenden. Er schaute nicht dahin, aber Mr. Sutherland schaute hin, mit einem Blicke, als ob er sonnige Strahlen aus den Augen scheinen zu sehen erwartete.
„Sie hat Dich sehr lieb gehabt“, sagte er dann langsam und ernst. „Wir beide hatten Dich lieber, als Du je geahnt, Frederick.“
„Ich glaube es“, entgegnete dieser, den Augen des Vaters begegnend.
„Und um Dir zu zeigen, dass ich künftig Deinen Worten folgen will, habe ich beschlossen, Dir zu Liebe meinem innigsten Herzenswunsch zu entsagen. Vater -.“, er zögerte, doch nur einen Augenblick; dann fuhr er mit fester Stimme fort, „ich glaube bemerkt zu haben, dass es Dir nicht angenehm wäre, Miss Page als Tochter zu sehen -.“
„Ob ich wünsche, dass die Nichte meiner Haushälterin den Platz in diesem Hause einnehme werde, den einst Marietta Sutherland inne hatte? Frederick, ich hatte zu hohe Meinung von Dir, um zu glauben, dass Du dich soweit vergessen würdest, selbst als ich sah, dass Du dich von ihren Reizen beeinflussen ließest.“
„Du hattest mich zu hoch eingeschätzt, Vater. Es war in der Tat meine Absicht, sie zu heiraten! Ich habe es indes aufgegeben, für mich allein zu leben und sie könnte mir nie helfen, für Andere zu leben! Vater, Amabel Page darf nicht in diesem Hause bleiben, soll Friede zwischen Dir und mir sein!“
„Ich gab ihr bereits zu verstehen, dass ihre Anwesenheit in diesem Hause nicht länger mehr wünschenswert ist“, entgegnete der alte Mann.
„Sie fährt zehn Uhr fünfundvierzig. Ihr Betragen heute Morgen in Mrs. Webbs Hause - die, wie Du vielleicht noch nicht weißt, in der letzten Nacht schmählich ermordet wurde - war derart, dass es zu unliebsamen Bemerkungen Anlass gab und ihr Verbleiben in einer guten Familie unmöglich machte.“
Frederick erblasste. Etwas in den Worten seines Vaters hatte ihn tief erschüttert. Mr. Sutherland glaubte, dass es der Tod der edlen Frau wäre, doch schon aus den ersten Worten seines Sohnes merkte er, dass dessen Gedanken bei Amabel waren, die er unmöglich mit einem Verbrechen in Verbindung bringen konnte.
„Sie war in Mrs. Webbs Hause? Wie ist das möglich? Wer würde eine junge Dame dahin mitnehmen?“
„Sie ging allein, Niemand nahm sie mit. Kein Mensch - ich selbst vermochte sie nicht zurückzuhalten, nachdem sie gehört, dass ein Mord begangen worden war. Sie drang sogar ins Haus! Als sie aus dem Totenzimmer gewiesen wurde, ging sie in den Garten und blieb dort solange stehen, bis sie Gelegenheit hatte, uns eine Blutspur zu zeigen, die uns sonst sicher entgangen wäre.“
„Unmöglich!“ Frederick blickte seinen Vater an, als ob Erstaunen oder Schreck ihn starr gemacht hätte.
„Amabel hätte das getan? Entweder Du scherzest oder ich träume - was Gott geben möge -!“
Der Vater, der solch tiefes Gefühl in seinem Sohne nie vermutet hätte, schaute ihn erstaunt an. Doch sofort ging dies Erstaunen in Schreck über, als es ihn wanken und gegen die Wand fallen sah.
„Du bist krank, Frederick, Du bist wirklich krank. Lass mich Mrs. Harcourt rufen. Aber nein, die kann ich nicht rufen, sie ist ja die Tante des Mädchens.“
Frederick richtete sich gewaltsam auf.
„Rufe Niemanden, bitte“, sagte er.
„Es wird mich noch manchen Schmerz kosten, sie aus meinem Herzen zu reißen - doch ich werde zuletzt siegen - ich will siegen! Was ihr Interesse an Mrs. Webbs Tod betrifft“, wie leise er sprach und wie seine Stimme zitterte, „so mögen die Beiden besser befreundet gewesen sein, als wir wissen; eine andere Erklärung für ihr Betragen kann ich nicht finden. Bewunderung für Mrs. Webb und der Schrecken -.“
„Frühstück ist serviert, meine Herren!“ rief eine durchdringende Stimme hinter ihnen.
Amabel Page stand lächelnd unter der Türe.
07. „Heirate mich!“.
„Ich möchte einen Augenblick mit Dir sprechen!“
Amabel hielt Frederick am Arm fest, als er eben im Begriffe war, seinem Vater zu folgen, der das Zimmer bereits verlassen hatte.
„Ich fahre heute nach Springfield“, fuhr sie fort, ihn ins Zimmer ziehend und die Türe langsam schließend.
„Es wohnt dort eine Tante von mir, im Arlington House. Wann werde ich das Vergnügen haben, Dich dort begrüßen zu können?“
„Nie!“ Es lag ebenso viel Bedauern als Festigkeit in seiner Stimme.
„So schwer es mir ankommt, Amabel, muss ich Dir doch sagen, dass wir, nach Deinem Weggange von hier, uns Fremde sein müssen. Freundschaft zwischen uns wäre Heuchelei und eine engere Verbindung ist nunmehr eine Unmöglichkeit“
Es kostete ihn große Überwindung, ihr das zu sagen und er erwartete - ich muss sagen, hoffte aus tiefstem Herzen - sie erbleichen zu sehen, vielleicht gar zusammenbrechen.
Doch sie schaute ihm einen Augenblick fest in die Augen, schob dann ihre kleine zarte Hand in seinen Arm, bis sie seine Hand erreichte, drückte diese liebend fest und zog ihn tiefer ins Zimmer.
Er war machtlos. Sie hatte nie so schön, so faszinierend ausgesehen. Statt niedergedrückt zu sein, vernichtet, lächelte sie ihm zu, mit einem Lächeln, das gefährlicher war, als Tränen, denn es zeigte Bewunderung und tiefe, leidenschaftliche Liebe.
„Ich küsse Deine Hand, wie die Spanier sagen.“
Dabei beugte sie sich nieder, gerade tief genug, um ihn zwei neckische Grübchen und einen weißen Nacken sehen zu lassen.
Er wusste nicht, was er aus ihrem Benehmen machen sollte.
Er glaubte, all ihre Launen zu kennen und stand nun überrascht vor diesem Rätsel von Weiblichkeit.
„Ich würdige die Ehre“, entgegnete er, „ohne zu wissen, durch was ich sie verdient habe.“
Sie schaute ihn immer noch mit demselben Ausdruck von Bewunderung an.
„Ich dachte nicht, dass ich Dir so gut sein könnte“, sagte sie. „Wenn Du Dich nicht vorsiehst, werde ich Dich eines Tages wirklich lieb haben!“
„Ah!“ rief er und seine Züge zogen sich schmerzhaft zusammen, „demnach ist Deine Liebe nur eine Möglichkeit. Sehr gut, Amabel, lasse sie so bleiben; das wird Dir manchen Schmerz ersparen. Ich, der ich nicht so klug war, wie Du -.“
„Frederick!“ Sie war ihm so nahe gekommen, dass er nicht die Kraft hatte, den Satz zu beenden.
Sie wandte ihm ihr glühendes Gesicht zu, ihre großen, sprechenden Augen und sagte langsam, Wort für Wort:
„Frederick - hast Du mich wirklich so lieb?“
Er war ärgerlich - vielleicht weil er seine Vorsätze wanken fühlte.
„Du weißt es!“ schrie er und trat zurück.
Dann, mit plötzlich ausbrechender Leidenschaft, fast bittend, fuhr er fort:
„Führe mich nicht in Versuchung, Amabel! Ich habe genug zu leiden, auch ohne das ich meinem erst gefassten Grundsatz untreu werde!“
„Ah!“ rief sie, ihn mit allen Künsten der Koketterie an sich lockend, „Deine Gefühle haben sich bereits in einen Grundsatz verwandelt? Ich bin so vieler Liebe gar nicht wert, Frederick.“
Er verstand sie weniger denn je. Er fühlte nur, dass, gegenüber so viel Reizen, er nicht Stand zu halten vermochte und wandte sich ab.
Sie sah diese Bewegung, wusste, dass sie gesiegt hatte und stieß ein kurzes Lachen aus, ein Lachen, faszinierend, wie ein stürzender Bach, wie fallende Perlen.
„Du kommst nach Springfield“, sagte sie dann, bei Seite gehend, um ihn zur Türe gehen zu lassen, „und recht bald!“
„Amabel“, zischte er, mit heiserer Stimme, „sag mir das Eine: Liebst Du mich?“
Seine Hände öffneten und schlossen sich nervös.
„Du hast es mir oft gesagt, doch stets im Spaß, im Spott. Nun sagtest Du, Du könntest mich eines Tages lieben - und diesmal schien es Dir ernst gewesen zu sein! Wo liegt die Wahrheit? Sag mir es ohne Ausflüchte, ohne Koketterie, denn es ist mir -.“
Er verstummte. Ein unverständliches Gurgeln - ein konvulsivisches Zucken all seiner Gesichtsmuskeln - er stand dem Fenster gegenüber, durch das er vor wenigen Minuten geschaut hatte, als er einen heiligen, feierlichen Eid geschworen hatte!
„Nein, nein!“ fuhr er auf, „sage nichts! Wenn Du auch schwörst, Du liebst mich nicht - ich glaube es nicht! Und sagtest Du, Du liebst mich, dann wäre es umso schlimmer, denn ich sage Dir wieder, es muss aus zwischen uns sein, alles aus! Ein heiliges Versprechen, das ich meinem -.“
„Nun? Warum vollendest Du nicht? Wird es Dir so schwer, mit mir zu sprechen, dass Du keine Worte findest?“
„Ich habe meinem Vater versprochen. Dich nie zu heiraten. Er hat Gründe dies zu wünschen und da ich ihm Alles danke -.“
Er stockte.
Sie schaute ihn durchdringend an, immer noch das spöttische Lächeln auf den Lippen.
„Sprich die Wahrheit“, flüsterte sie. „Ich weiß ja, wie weit Du Deines Vaters Wünsche berücksichtigst! Du glaubst, nachdem, was in letzter Nacht geschah, dürftest Du mich nicht heiraten. Frederick, ich liebe Dich dieser rücksichtsvollen Schonung halber. Doch dies soll Dein Gewissen nicht drücken. Ich vergebe Dir viel mehr, als Du ahnst und wenn Du mich wirklich lieb hast -.“
„Halt ein! Dass wir uns auch recht verstehen!“
Er war totenbleich geworden und schaute sie voll Angst an.
„Was soll diese Anspielung auf letzte Nacht? Ich erinnere mich nicht, dass in unserem Gespräch -.“
„Ich meinte nicht unser Gespräch.“
„Oder bei den Tänzen -.“
„Frederick, ein Tanz ist ein unschuldiges Vergnügen.“
„Unschuldig!?“, wiederholte er und ward noch bleicher, als er die Bedeutung ihrer Worte verstand, „unschuldig?“
„Ich schlich Dir nach, als Du in die Stadt gingst“, flüsterte sie, näher kommend und ihm ins Ohr zischend; „doch was ich dort sah, soll mich nicht daran hindern, Dir zu folgen, wenn Du sagst: komm mit mir, Amabel, von nun an soll unser Leben eins sein!“
„Mein Gott!“
Das war Alles, was er sagen konnte. Doch diese beiden Worte brachten eine weite Kluft zwischen ihm und ihr.
Während auf ihren Lippen noch immer ein Lächeln lag - nicht mehr jenes faszinierende, packende, nein ein tückisches, teuflisches - zeigte sich auf seinen Zügen, nachdem die erste Bestürzung erst vorüber war, ein Ernst, ein Entschluss, wie er ihn nie im Leben besessen hatte.
„Ich weiß nicht, was Du gesehen hast“, sagte er und schob sie langsam aber fest zurück, „doch was es auch gewesen sein mag: es wird nichts ändern in dem Verhältnis zwischen Dir und mir!“
Ihre Stimme, die vorhin flüsternd gewesen, war jetzt kaum vernehmbar.
„Ich blieb nicht an der Türe stehen, durch die Du eintratst - ich folgte Dir ins Haus! Es dauerte lange, ehe Du wieder heraus kamst - doch vorher ward die Jalousie eines gewissen Fensters bei Seite geschoben und -.“
„Sssst!“ zischte er leidenschaftlich und presste seine Hand auf ihren Mund, „kein Wort mehr davon oder ich vergesse, dass Du ein Weib bist und dass ich Dich je geliebt habe!“
In ihren Augen blitzte es auf, wie Siegesflammen. Er sah dies, ließ seine Hand fallen und schaute sie an - zum ersten Male mit sehenden Augen, nicht mit liebenden -.
„Ich war die einzige Person, die sich in der Nähe befand“, fuhr sie fort. „Du hast also von niemanden etwas zu fürchten -.“
„Fürchten?“
Das Echo warf das Wort zurück - sie brauchte es nicht zu wiederholen.
Sie sah ihn an - sie merkte, wie er erschauerte - wie er all seiner Kraft bedurfte, sich aufrecht zu halten - sie sah seinen Blick, den kalten, eisigen - sie wusste, dass seine Liebe tot war - da wechselte sie die Farbe - das Lächeln verschwand von ihren Lippen - ihre Pulse flogen und in wilder Leidenschaft schrie sie auf:
„Heirate mich oder ich zeige Dich an, als den Mörder von Agatha Webb!“
08. Ein Teufel.
Nachdem Frederick Sutherland sich von seiner ersten Überraschung erhol hattet, fragte er bitter:
„Was erwartest Du von einer Verbindung mit mir, der Du den letzten Rest von weiblicher Würde opfern willst?“
Diese Frage hatte sie am wenigsten erwartet. Wild fuhr sie auf:
„Was ich erwarte? Frage die Hyäne, weshalb sie frei sein will! Was ich erwarte? Wie kannst Du ein armes Mädchen, wie ich es war und bin, fragen? Ich bin geboren in einer kleinen, engen Stube, mit dem Ehrgeiz und der Leidenschaft einer Königin! Ich will die Tochter des reichen Mr. Sutherland werden, die - ob willig oder unwillig - Zutritt zu den ersten Familien in Boston hat! Ich will hinauf auf die höchste Stufe der gesellschaftlichen Macht - ich kann! — ich will!“
„Und dafür -?“
„Und dafür“ unterbrach sie ihn, „will ich das Blut übersehen, das an Deinen Händen klebt. Ich bin überzeugt, Du wirst die gestrige Tat nicht wiederholen und ich bin bereit, Dein Geheimnis durch das ganze Leben mit Dir zu tragen. Wenn Du mich gut behandelst, werde ich Dir die Last leicht machen.“
Da stieg ihm das Blut in den Kopf - er richtete sich auf - warf den Kopf zurück - wie schön er war, wenn erst das bessere Selbst in ihm erwachte!
„Weib!“ schrie er, „Sie haben recht: Du bist ein Teufel!“
Sie lächelte, als ob sie das Gesagte als Kompliment betrachtete.
„Ein Teufel, der sich auf Männer versteht", antwortete sie, sarkastisch lächelnd, mit sprühenden Augen.
„Du wirst nicht gar lange zum Überlegen brauchen - vielleicht eine Woche -.“
„Nicht eine Sekunde! Ein Entschluss wird mir umso leichter, als ich Dich nun gesehen, wie Du wirklich bist! Du wirst nie eine Last als meine Gattin mit mir tragen!“
„Schade“, flüsterte sie, „ich hätte Dir so gerne unnötige Aufregungen erspart -. Eine Woche ist ja nicht lange -. Ich halte Dich fest, Frederick! Heute über eine Woche, pünktlich um zwölf Uhr -.“
Zum Äußersten getrieben, in höchster Wut ergriff er ihren Arm und schüttelte sie wild. Ein Schrecken erfasste ihn, den er nicht bemeistern konnte, so sehr er sich auch zu bezwingen suchte.
„Ist das Dein Ernst?“ schrie er. „Mein bitterer Ernst! Weißt Du, wo ich eben herkomme? Von den Büschen, bei denen wir oft gesessen haben. Ein hohler Baum, den wir beide nur zu gut kennen, birgt ein Paket, das über eintausend Dollars enthält - Frederick, ich halte Dein Leben in meinen Händen!“
Kraftlos fiel seine Hand hernieder. Er gab es auf, dem Eindruck widerstehen zu wollen, den ihre Worte auf ihn machten. Er sank in einen Stuhl, presste die Hände vors Gesicht und senkte langsam den Kopf.
Ein triumphierendes Lächeln flog über ihre Züge.
„Wenn Du nach Springfield kommen willst, ehe die Woche vorüber ist“, sagte sie, „umso besser. Je eher ich Dich habe, desto lieber; nur länger als eine Woche darf es nicht dauern, keine Stunde länger! Und nun, wenn Du mich gütigst entschuldigen willst, werde ich gehen und meine Koffer packen.“
Er schauerte; ihre Stimme zerfleischte ihm Ohr und Herz, doch er bewegte sich nicht.
„Du brauchst während dieser Woche keine Angst zu haben“, fuhr sie fort; „nicht mit glühenden Zangen können sie mir die Wahrheit entreißen, solange ich noch einen Schimmer von Hoffnung sehe, dass Du tun wirst, was ich verlange.“
Er saß immer noch unbewegt.
„Frederick!“
War sie es, die so viel Liebe in das eine Wort legte?
Wohnen Teufel und Engel in einer Brust?
„Frederick, ich will Dir nur noch ein Wort sagen, ein letztes Wort: bis zu dieser Stunde ließ ich Deine Aufmerksamkeiten willig über mich ergehen - sagen wir, ich nahm sie an, denn ich fand Dich stets lieb und nett und gestattete Dir gerne die Herrschaft über mein Herz. Doch jetzt ist es Liebe, was ich fühle, wahnsinnige Liebe und Liebe ist bei mir kein Spiel, nein, eine heiße, tiefe Leidenschaft - hörst Du eine Leidenschaft, die dem Manne, der sie geweckt, das Leben zum Himmel oder zur Hölle machen kann!“
Und mit einem Blicke, in dem sich Liebe und Hass stritten, beugte sie sich nieder und drückte einen brennenden Kuss auf seine kalte Stirn.
Dann ging sie - so glaubte er. Doch als er nach einigen Minuten seelischer Qualen sich erhob und das Zimmer verließ, fand er, dass sie in der Halle von zwei oder drei Männern angehalten worden war, die soeben ins Haus getreten waren.
„Sind Sie Miss Page?“ fragten sie.
„Ja, ich bin Miss Page - Amabel Page. Wenn sie mich sprechen wollen, machen Sie es, bitte kurz. Ich habe nicht viel Zeit, da ich in einer Stunde die Stadt verlasse.“
„Eben deshalb sind wir hier“, erklärte ein schlanker, bleicher junger Mann.
„Dr. Talbot lässt Ihnen sagen, dass Sie sich für die Untersuchung über die Todesursache von Agatha Webb als Zeugin bereit zu halten haben und vor Beendigung der Verhandlungen die Stadt nicht verlassen dürfen.“
„Ich als Zeugin?“ rief sie mit wohlgespieltem Erstaunen, indem sie ihre großen braunen Augen weit öffnete, „Was - habe ich dabei zu tun?“
„Sie machten die Herren auf eine Spur im Grase aufmerksam und - den Wünschen des Untersuchungsrichters muss eben Folge geleistet werden, Miss Page. Wenn Sie dennoch versuchen sollten, die Stadt zu verlassen, setzen Sie sich der Gefahr aus, verhaftet zu werden.“
„Da bleibe ich lieber hier“, sagte sie lächelnd, und Frederick anschauend, setzte sie hinzu: „denn ich möchte nicht gern arretiert werden, Mr. Sutherland“, sprach sie den alten Mann an, der eben unter der Türe des Speisesaals erschien, „ich bin leider gezwungen, Ihre Gastfreundschaft noch einige Tage länger in Anspruch nehmen zu müssen. Diese Herrn hier sagten mir soeben, dass das unschuldige Interesse, das ich heute früh gezeigt habe - indem ich sie auf eine Blutspur in Mrs. Webbs Garten aufmerksam machte, die Neugierde von Jemanden erregt habe und der Untersuchungsrichter mich als Zeugin wünscht.“
„Des Richters Wünsche sind in solchem Falle Befehl“, entgegnete Mr. Sutherland, näher tretend.
Zu seinem Sohne sprach er nicht. Der Blick aber, den er ihm zuwarf, wurde von den Anwesenden nicht so schnell vergessen.
09. Ein Engel.
An diesem Tage sprach man in Sutherlandtown über nichts anderes, als über Agatha Webb.
Ihr Leben war kein sonniges gewesen. Sie und Philemon kamen vor etwa zwanzig Jahren von Portchester, um dem traurigen Andenken zu entfliehen, das sie mit jenem Platze verband.
In dem Kirchhofe zu Portchester standen sechs kleine Hügel, darunter der Beiden Kinder lagen. Trotz dieser erdrückenden Verluste - wie deutlich sie in den armen Eltern Zügen zu sehen waren - beteiligten sie sich eifrig am öffentlichen Leben des kleinen Städtchens und zählten zu den hervorragendsten Bürgern, bis Philemons Gesundheit zusammenbrach und Agatha sich ihm allein widmete.
Nur Gutes ward über Agatha Webb gesprochen, vom Portchester Green bis zu der Werft in Sutherlandtown.
Bei Pastor Brainerd hörte man Agathas Bescheidenheit und Einfachheit loben - seltene Tugenden unter den Frauen eines Seehafens.
„Für eine Frau von solcher Schönheit“ sagte der Pastor, „und ich glaube, ich darf ruhig behaupten, dass keine Frau edlere Züge hatte, zeigte sie eine merkwürdige Einfachheit in ihrer Kleidung. Kaliko zu Hause und Kaliko in der Kirche; und doch sah sie in diesen einfachen, dunkelen Kleidern vornehmer aus, als Mrs. Webster in Seide oder Mr. Parsons in ihrem Tausend-Dollars-Seehund-Pelz.“
„Ich meine“, warf die älteste Tochter ein, „sie hätte sich wohl etwas feiner kleiden können, statt mit ihrer Armut zu brüsten. Wenn einer wirklich zu arm ist, sich bessere Kleider zu kaufen - gut; man sagt sie besäßen mehr Geld, als jemand in der Stadt. Wer das viele Geld wohl erben wird?“
„Philemon natürlich. Er hat es auch jedenfalls verdienen helfen.“
„Ist es wahr, dass er seit ihrem Tode ganz den Verstand verloren hat?“ fragte ein Nachbar, der zu Besuch da war.
„So sagt man. Ich glaube, die Witwe Jones hat ihn zu sich genommen.“
„Glaubst Du“, fragte eine andere Tochter, „dass er Schuld an ihrem Tode hat? Einige sagen, er hätte sie ermordet, während andere erklären, es sei ein Fremder gewesen, ein alter Mann mit einem langen Bart.“
„Darüber wollen wir nicht sprechen“, unterbrach sie der Vater.
„Die Zeit wird es lehren, wer uns die gutherzigste und edelste Frau in diesem Teil des Landes raubte.“
„Wird die Zeit auch lehren, wer Batsy tötete?“ fragte die Jüngste.
„Mir tut sie herzlich leid. Sie war immer so freundlich, wenn sie mich sah.“
„Batsy war eine gute Seele“, sagte die Mutter. „Ich erinnere mich noch wie heute: als sie damals mit dem Wrack des schwedischen Schiffes eingebracht wurde, stritt Agatha und ich, wer sie haben sollte. Ich hatte nicht die Geduld, sie die englischen Namen aller Töpfe und Pfannen zu lehren und so überließ ich sie Agatha und bin froh, dass ich es tat; ich konnte ihr Geschwätz nie verstehen.“
„Ich verstand sie ausgezeichnet“, warf die Jüngste ein. „Sie gebrauchte schwedische Ausdrücke nur dann, wenn sie erregt war und ich regte sie nie auf.“
„Ob sie wohl auch den Boden unter Deinen Füßen angebetet hätte, wie sie es bei Agatha tat?“ fragte der Pastor seine Frau mit schelmischem Augenblinzeln.
„Dafür bin ich auch nicht die gutherzigste und edelste Frau in diesem Teile des Landes“, entgegnete diese und klapperte mit den Stricknadeln.
In Mr. Spragues Haus, auf der anderen Seite des Weges, erzählte der Amtmann Fischer alte Geschichten aus Portchesters frühen Tagen.
„Ich kannte Agatha, als sie noch ein junges Mädchen war“, sagte er. „Sie war die gebildetste und liebenswürdigste aller jungen Damen zwischen der Küste und Springfield. Damals kleidete sie sich nicht in Kaliko. Sie trug die besten Kleider, die ihr Vater kaufen konnte und der alte Jakob hatte Geld genug, sie herauszuputzen, wie keine andere der Stadt. Wie wir jungen Leute sie verehrten und wie weit wir gingen, um ein Lächeln von ihr zu erhaschen! Zwei von uns, John und James Zabel, sind ihrethalben noch heute ledig. Ich war nicht so mutig; ich heiratete und -.“
Etwas, das man ebenso gut als Lachen, wie als Seufzen aufnehmen konnte, vollendete den Satz.
„Wieso trug Philemon den Preis davon? Durch seine Schönheit?“
„Vielleicht - vielleicht war es Glück. Sein Mut War es nicht, das kann ich getrost behaupten. James Zabel hatte Mut und er hatte auch die besten Chancen; dann aber kam etwas vor - ich weiß heute noch nicht, was es war, doch soll es sehr ernster Natur gewesen sein - und das Verhältnis wurde abgebrochen. Später heiratete sie Philemon. Du siehst, ich kam gar nicht in Frage, trotzdem ich drei Jahre lang an nichts dachte, als an Agatha. Ich bewunderte ihren Geist; der war noch gewinnender, als ihre Schönheit und die war gewiss einnehmend. Sie regierte uns mit eiserner Faust und doch beteten wir sie alle an. Ich war überrascht, sie in den letzten Jahren so bescheiden zu sehen. Ich hätte nie geglaubt, dass sie sich mit einem Backsteinhaus begnügen könnte und mit einem Manne, der halb verrückt ist. Und doch hat kein Mensch sie je klagen hören. Die Art, wie sie ihr Unglück trug, machte sie noch verehrungswerter als damals die Schönheit, die alle jungen Leute von Portchester zu ihren Füßen brachte.“
„Vielleicht war es der Verlust ihrer Kinder, der sie solch einfachem Leben zuführte. Eine Mutter kann nicht sechs Kindern nacheinander die Augen schließen, ohne des Lebens Ernst in sich aufzunehmen.“
„Gewiss, sie und Philemon hatten viel Unglück. Aber, wie gesagt, sie war das schönste Mädchen weit und breit. So schöne sieht man heute gar nicht mehr.“
In einem kleinen Häuschen am Hügel nährte eine Mutter ihr Kind, während sie von Agatha Webb sprach.
„Ich werde im Leben die Nacht nicht vergessen, in der mein erstes Kind krank ward“, erzählte sie.
„Ich war eben erst vom Bett aufgestanden und hatte damals auch keine näheren Nachbarn, als jetzt; ich war ganz allein am Hügel - Alec war auf See. Ich war damals noch zu jung, um etwas von Kinderkrankheiten zu verstehen, doch empfand ich, dass ich Hilfe haben müsste, ehe es Morgen ward, sonst würde mein Kind sterben. Ich konnte kaum durch das Zimmer gehen, doch ich schlang mein Kopftuch um, nahm mein Kindchen in die Arme und öffnete die Türe. Klatschender Regen schlug mir ins Gesicht. Draußen fegte ein Sturm - und ich hatte es nicht bemerkt; die Sorgen um mein Kind nahmen mich ganz gefangen. Ich konnte unmöglich durch den Regen gehen. Ich war so schwach, ich sank in die Knie und war völlig durchnässt, ehe ich mich aufraffen und ins Zimmer zurück wanken konnte. Das Kind fing an zu jammern - mir ward es dunkel vor den Augen - da hörte ich eine starke, wohlklingende Stimme draußen rufen: „Kann ich im Hause hier bleiben, bis sich der Sturm gelegt hat? Ich kann in der Dunkelheit meinen Weg nicht finden.“ Ich blickte auf und sah unter der Tür eine Frau stehen, die mich mit Engelsaugen anschaute. Ich kannte sie damals noch nicht, doch war ihr Gesicht ein solches, das Trost selbst dem bedrängtesten Herzen bringen musste. Ich hielt ihr mein Kind entgegen und schrie: „Mein Kind stirbt! Ich wollte zum Doktor laufen, doch meine Knie tragen mich nicht. Helfen Sie mir! Sie sind selbst Mutter und ich -.“
Ich musste ohnmächtig geworden sein. Als ich erwachte, lag ich am warmen Ofen und als ich die Augen aufschlug, sah ich ihr engelgleiches Gesicht über mich gebeugt. Sie war so bleich, wie das Linnen, das ich um meines Kindes Hals gebunden und ihr Busen hob und senkte sich schnell – war es aus Schreck oder Mitleid, dachte ich.
„Ich wünschte, Sie hätten eine Andere, die Ihnen helfen könnte“, sagte sie.
„Kinder sterben in meinen Armen und welken an meiner Brust. Ich darf Ihr Kind nicht anrühren, so gerne ich auch möchte! Doch zeigen Sie mir sein Gesicht; vielleicht kann ich Ihnen sagen, was Sie tun sollen.“
Ich zeigte ihr des Kindes Gesicht. Sie beugte sich über das Kleine, zitternd, bleich, so zitternd und so bleich, wie ich selbst.
„Das Kind ist sehr krank“, sagte sie; „doch wenn Sie tun wollen, was ich Ihnen sage, können Sie es vielleicht retten.“
Dann gab sie mir Anweisungen, was ich tun sollte und half mir, soviel sie konnte. Doch sie legte keinen Finger an das Kind, obwohl - ich konnte es deutlich merken - sie ihr Herzblut darum gegeben hätte, es gesunden zu sehen. Und es ward gesund!
Nach etwa einer Stunde schlief es ruhig und friedlich und die schreckliche Sorge war von meinem Herzen genommen - und von dem ihren. Als der Sturm aufhörte und sie gehen konnte, küsste sie mich; doch der Blick, mit dem sie mich anschaute, sprach inniger, als Küsse -.
Der liebe Gott hat sicher das Gute vergessen, dass sie an mir getan hat, als er sie so schrecklich morden ließ.“
Bei Pastor Crane sprach man von dem Ausdruck seelischer Ruhe, der auf der Toten Zügen lag.
„Ich kannte sie seit dreißig Jahren“, erklärte der Pastor, „und sah nie zuvor solch vollkommenen Frieden auf ihren Zügen. Es ist dies erstaunlich, wenn man die näheren Umstände in Betracht zieht, Glauben Sie, dass sie des Lebens Kampf so überdrüssig gewesen sein kann, dass sie den Tod als Erlösung betrachtete, selbst einen gewaltsamen Tod?“
Ein junger Rechtsanwalt, der gerade von New York angekommen war, antwortete:
„Ich sah die Frau nie, von der Sie reden und weiß auch über die näheren Umstände ihres Todes nur das, was ich von Ihnen hörte. Doch aus den sich so auffallend widersprechenden Tatsachen, ihr Ausdruck und der gewaltsame Tod, schließe ich, dass etwas mehr hinter dem Verbrechen steckt, als bis jetzt gefunden wurde.“
„Mehr? Es liegt ein ganz einfacher Raubmord vor. Natürlich weiß man noch nicht, wer der Mörder ist, doch man kennt unzweifelhaft das Motiv und das war ihr Geld. Das ist vollkommen klar!“
„Wollen Sie eine Wette eingehen, dass dies nicht alles ist?“
„Sie vergessen den Rock, den ich trage“, entgegnete der Pastor.
„Das ist wahr“, sagte der andere lächelnd. „Ich wollte auch nur damit andeuten, wie stark meine Überzeugung ist, dass es sich hier um mehr handelt, als um ein einfaches Verbrechen.“
In Portchester saßen zwei Frauen zusammen.
„Agatha war bei mir zum Tee“, erzählte die eine, „als ihre Schwester Sairey gerannt kam, mit der Nachricht, ihr Kind sei krank. Das war Agathas erstes Kind, weißt Du.“
„Gewiss, war ich doch dabei, als das Kind geboren ward“, entgegnete die andere. „Ich sah nie solche Freude, als da ihr der Doktor sagte, das Kind lebe. Ich weiß eigentlich nicht, weshalb sie erwartete, dass das Kind tot wäre, doch sie dachte so und ihre Freude war umso größer, als sie es leben sah.“
„Nun, lange hat sie nicht Freude dran gehabt. Der arme Junge starb bald. Doch ich wollte ja von dem Abend erzählen, als sie zuerst hörte, der Junge sei krank. Philemon hatte gerade einen guten Witz erzählt und wir alle lachten. Da trat Sairey herein.
Ich sehe Agatha noch. „Mein Baby!“ schrie sie und sprang auf, noch ehe ihre Schwester ein Wort gesprochen hatte, „mein Baby ist krank!“
Und obwohl die Schwester ihr sagte, der Junge krächze nur etwas, sei aber nicht krank, warf sie Philemon einen Blick zu, unter dem dieser ebenso erblasste, als Agatha beim Eintreten ihrer Schwester. Eine Woche darauf starb das Kindchen und nie kehrte der alte Frohsinn, das alte Glück wieder bei ihnen ein. Ein zweites Kind kam - und starb; ein drittes, viertes und so oft, bis sechs kleine, unschuldige Kinder nebeneinander begraben lagen.“
„Ich weiß es; und es war traurig genug, wo sie doch Beide Kinder so herzlich gern haben. Ja, des Herrn Wege sind dunkel. Jetzt ist auch sie dahin gegangen, und Philemon-?“
„Wird ihr auch bald folgen“, vollendete die andere. „Der kann nicht ohne Agatha leben.“
Der alte Totengräber von Sutherlandtown, der eben die sechs kleinen Gräber im Kirchhof zu Portchester gesehen hatte, wohin er gesandt worden war, um eine Stelle für die arme Mutter auszusuchen, sprach mit seiner Frau über das Gesehene.
„Ich habe fast mein ganzes Leben in Kirchhöfen verbracht“, sagte er; als ich aber die sechs kleinen Hügel sah und die Grabschriften darüber las, traten mir doch die Tränen in die Augen. Denke Dir nur, auf dem ersten kleinen Stein standen diese Worte:
Stephen
Sohn von Philemon und Agatha Webb,
starb im Alter von sechs Wochen.
Gott sei mir Sünder gnädig!
Was soll das nun bedeuten? Hast Du im Leben so eine Grabschrift gesehen?“
„Nein“, entgegnete die alte Frau. „Vielleicht war sie eine von den Calvinisten, die glauben, Kinder, die nicht getauft sind, kommen nicht in den Himmel.“
„Ihre Kinder waren aber getauft, einige sogar, ehe sie selbst noch außer Bett war, sagte man mir.“
„Gott sei mir Sünder gnädig.“ Ist das eine Grabschrift für ein kleines, unschuldiges Wesen? Merkwürdig, höchst merkwürdig.“
„Was stand über dem Grab des Kindes, das der Blitz in ihren Armen erschlug?“
Und er war nicht für diese Welt
und Gott nahm ihn zu sich.
Farmer Waite hatte nur Weniges zu sagen: „Sie kam zu mir, als Sissy die Blattern hatte. Sie war die einzige Person, die sich zu mir ins Haus getraute. Mehr als das: als Sissy gesund geworden ist und ich den Doktor zahlen wollte, sagte der mir, die Rechnung wäre schon beglichen. Damals wusste ich nicht, wer so viel Liebe für seine Nebenmenschen hatte und so viel Geld besaß; heute weiß ich es.“
Viele edle Taten der letzten zwanzig Jahre, deren Urheber man bis heute nicht gekannt hatte, kamen an diesem Tage ans Licht.
Unter anderem die Erziehung eines gewissen jungen Mannes, der heute Pastor ist.
Auch Herzensangelegenheiten spielten eine Rolle. Ein junges Mädchen, das äußerst feinfühlend war und ihre Eltern mehr fürchtete, als liebte, war mit einem jungen Manne verlobt worden, den sie nicht leiden mochte.
Obwohl Jedermann ihr Elend sah, wagte es doch Niemand, für sie ein Wort zu den Eltern zu sprechen. Da hörte Agatha die Geschichte. Sie riet dem Mädchen - obwohl es kaum vierzehn Tage vor der Hochzeit war - den jungen Mann aufzugeben und als diese ihr erklärte, es fehle ihr hierzu der Mut, sprach Agatha selbst mit dem jungen Mann.
Die Hochzeit fand nicht statt, der junge Mann verließ die Stadt - des Mädchens Dankbarkeit aber kannte keine Grenzen.
Man erzählte sich zahllose Geschichten von ihrem Mut, mit dem sie für die Schwachen eintrat und für alle, auf deren Seite das Recht war. Die Frauen sprachen von ihrem Takt, ihrem Mitgefühl und der liebenden Sorgfalt, mit der sie Verirrte auf den rechten Weg zurückwies.
Mr. Halliday und Mr. Sutherland sprachen über Agatha Webbs geistige Fähigkeiten. Sie besaß einen solch ausgeprägten Charakter und ein solch einfaches Wesen, dass Wenige den edlen Geist berücksichtigten, der all ihrem Tun zu Grunde lag.
Die beiden Herren indes wussten diesen Geist voll zu würdigen und es war im Verlauf ihres Gespräches, dass eine Stimme Frederick, der still zugehört hatte, anredete:
„Du scheinst die einzige Person in der ganzen Stadt zu sein, die nichts über Agatha Webb zu sagen weiß. Hast Du nie mit ihr gesprochen? Es wäre doch kaum denkbar, dass Du Aug in Aug ihr gegenüber gestanden hast und nichts von ihrem Einfluss zu sagen wüsstest.“
Es war Agnes Halliday, welche so gesprochen hatte. Sie war mit ihrem Vater herübergekommen, um mit Mr. Sutherland zu plaudern. Sie war eine von Fredericks Spielkameradinnen gewesen, doch eine, der er sich nie angeschlossen hatte und die ihn nicht leiden konnte.
Er wusste dies ebenso gut, als jeder andere in der Stadt und wandte er sich ihr daher nur zögernd zu, als er antwortete:
„Ich erinnere mich nur einer einzigen Begegnung -.“
Er stockte; sein Blick wanderte aus dem Fenster in den Garten, wo Amabel stand und Blumen pflückte. Sie hatte jedenfalls Miss Hallidays Bemerkung gehört und warf Frederick einen bezeichnenden Blick zu.
„Ich erinnere mich nur einer einzigen Begegnung mit Mrs. Webb“, wiederholte dieser, indem er sich gewaltsam fasste, „von der ich erzählen kann. Vor vielen Jahren als ich noch ein Junge war, spielte ich mit anderen Knaben auf der Wiese. Wir hatten Streit über einen Ball bekommen, ich war ärgerlich und fluchte gottsträflich. Plötzlich sah ich Mrs. Webb vor mir stehen. Sie trug ein einfaches Kleid, wie gewöhnlich und einen Korb am Arm. Doch ihr Gesicht strahlte solche Hoheit aus, dass ich nicht wusste, sollte ich meinen Kopf in den Falten ihres Kleides bergen oder meiner ersten Eingebung folgen und davon laufen.
Sie bemerkte meine Scham und, mich am Kinn fassend, hob sie meinen Kopf zu sich empor und sagte:
„Kleiner Junge, ich habe schon sechs Kinder begraben, alle jünger als Du, und lebe nun mit meinem Manne ganz mutterseelenallein. Wie oft, wie oft habe ich gewünscht, dass nur eins der lieben Kleinen am Leben wäre. Doch hätte mich der liebe Gott vor die Wahl gestellt, sie jung und unschuldig sterben zu sehen oder aufgewachsen, sie so fluchen zu hören, wie Du es eben getan hast, ich hätte Gott gebeten, sie von mir zu nehmen - wie er es getan hat. Du hast eine - Mutter! Breche ihr nicht das Herz, indem Du den Namen Gottes missbrauchst, den sie verehrt -.“
Dann küsste sie mich auf die Stirn und - so merkwürdig es auch scheinen mag - so viel Torheiten, soviel Unrecht ich auch seither begangen habe, von jenem Tage an bis zu dieser Stunde kam kein Fluch mehr über meine Lippen - und ich danke dem Schöpfer dafür.“
Es lag so viel Wahrheit, soviel tiefes, ehrliches Empfinden in seiner Stimme, dass ihn alle erstaunt ansahen; hatte doch niemand solches Fühlen in ihm erwartet.
Selbst Miss Halliday vergaß ihre üblichen Spöttereien und so herrschte tiefe, ernste Stille - die plötzlich durch ein schrilles, spöttisches Lachen unterbrochen ward -. Es kam von Amabel, die draußen im Garten sich einen Strauß frischer Blumen gepflückt hatte.
10. Detektiv Knapp kommt an.
In einem kleinen Zimmer des Gerichtshofes saßen inzwischen drei Männer zusammen: Dr. Talbot, Mr. Fenton und ein Rechtsanwalt namens Harvey.
Es war der letztere, der sprach und von Mrs. Webb erzählte. Harvey war bekannt als ein überaus tüchtiger Anwalt, von tadellosem Ruf.
Wenn er sprach, sprach er gut, doch zog er es meist vor, zuzuhören. Er wusste Geheimnisse zu bewahren, wie kein anderer. Er war dreimal verheiratet gewesen; böse Zungen behaupteten, dass er so das Schweigen gelernt habe. Um seinen Tisch saßen noch heute dreizehn Kinder.
„Vor etwa fünfzehn Jahren“, erzählte Harvey, „kam Philemon zu mir und übergab mir eine Summe Geldes, die er für seine Frau angelegt wissen wollte. Er hatte das Geld bei einer kleinen Spekulation verdient und wollte es für seine Frau anlegen, ohne dass diese oder die Nachbarn etwas davon erführen. Ich fertigte die nötigen Papiere aus, die er voll Freude unterzeichnete und legte das Geld nach reiflicher Überlegung in einem Unternehmen in Boston an, das mir gut erschien. Es war dies der beste Zug, den ich je im Leben machte. Nach einem Jahre hatte sich das Kapital verdoppelt und nach fünf Jahren war es - mit den Zinsen - so angelaufen, dass wir - Philemon und ich - beschlossen, ihr zu sagen, wie reich sie sei und ihre Dispositionen zu erwarten, was mit dem Geld geschehen sollte. Ich hoffte, sie würde nun ihre Lebensweise ändern, die mir nicht im Einklang schien mit ihrem Einkommen und ihren geistigen Fähigkeiten; es ward mir indes bald klar, dass ich Agatha falsch beurteilte. Als sie hörte, wie reich sie war, schaute sie uns erst erschrocken an; dann warf sie sich in Philemons Arme und weinte bitterlich, während der arme Mensch so verwirrt dastand, als habe er ihr Nachricht von einem großen Verlust statt von seinem großen Gewinn gebracht. Sie dachte wohl an ihre toten Kinder und was sie nun für dieselben tun könnte, wären dieselben am Leben. Doch sie sprach nicht davon. Nachdem die erste Erregung vorüber, sagte sie zu Philemon: „Du wolltest mich glücklich machen, Philemon, und Du sollst Dich nicht getäuscht haben. Wir wollen das Geld benutzen, den Armen der Stadt zu helfen.“ Er sah auf ihr einfaches kardinalfarbenes Kalikokleid und sagte bescheiden: „Denkst Du nicht, wir sollten uns nun etwas besser kleiden und dass Du vielleicht ein seidenes Band an Deinem schönen Hals tragen könntest?“ Sie antwortete nicht, sondern schaute ihn nur an, mit einem Blicke, aus dem ihre ganze Seele sprach. „Agatha hat Recht“, sagte daraufhin Philemon zu mir, „wir brauchen keinen Luxus. Ich kann wirklich nicht begreifen, wie ich so was sagen konnte.“ Das war vor zehn Jahren und ihr Vermögen wuchs immer mehr an. Ich wusste damals nicht - und weiß es heute noch nicht - weshalb sie ihr Glück so geheim gehalten wissen wollte. Doch da es ihr ausdrücklicher Wunsch war, habe ich denselben natürlich respektiert. Das Geld, das offenbar die indirekte Ursache ihres Todes gewesen ist, waren die Zinsen, die ich ihr vorgestern überbracht hatte. Es waren eintausend Dollars in nagelneuen Scheinen, teils fünf, teils zehn, auch einige Zwanzig-Dollars-Scheine waren dabei und ich darf wohl behaupten, dass kein anderes neues Geld in solchem Betrage in der Stadt war.“
„Zeigen Sie allen Geschäftsleuten der Stadt an, genau aufzupassen, wer mit neuem Gelde bezahlt“, sagte Dr. Talbot zu Fenton.
„Neue zehn oder zwanzig Dollars-Noten zirkulieren hier nicht jeden Tag. Was nun ihr Testament betrifft, hast Du das auch aufgesetzt, Harvey?“
„Nein, ich wusste nicht einmal, dass sie ein solches gemacht hatte. Ich machte sie oft auf eine solche Notwendigkeit aufmerksam, doch hat sie es immer zu verschieben gewusst. Nun, scheint es, hat sie doch ein Testament gemacht und zwar in Boston. Sie dachte vermutlich, sie könnte ihrem alten Freunde nicht zu viele Geheimnisse anvertrauen.“
„Dann weißt Du nicht, wem sie ihr Geld hinterlassen hat?“
„So wenig als Du.“
Der Eintritt eines jungen Mannes, einen Zwicker auf der Nase, unterbrach das Gespräch. Sofort standen alle erwartungsvoll auf.
„Nun?“ fragte Dr. Talbot.
„Nichts Neues“, erwiderte der Angekommene. Die ältere Frau starb an Blutverlust, infolge einer Wunde, die ihr mittels eines kleinen, dreischneidigen Dolches beigebracht worden war, während die jüngere an Apoplexie starb, veranlasst durch einen plötzlichen großen Schrecken.“
„Gut. Ich freue mich, dass meine Annahme sich als richtig erwiesen hat. Blutverlust? Was? Demnach war der Tod kein plötzlicher?“
„Nein.“
„Sonderbar!“ sagten die beiden anderen.
„Sie lebte und rief doch nicht um Hilfe!“
„Wahrscheinlich hat niemand sie gehört“, warf der Arzt ein, der aus einer anderen Stadt war.
„Oder wenn jemand sie hörte, so war dies nur Philemon“, bemerkte der Polizist.
„Jedenfalls veranlasste ihn etwas, nach oben zu gehen.“
„Ich bin noch nicht so fest überzeugt, dass Philemon nicht der Mörder ist“, sagte der Untersuchungsrichter, „trotzdem das Geld nirgendwo im Hause gefunden ward. Wie anders lässt sich sonst seine Ruhe erklären, mit der er die Nachsicht ihres Todes anhörte? Hätte ein Fremder sie getötet, Agatha Webb hätte sich sicher gewehrt. Man merkt im Zimmer aber nichts von einem Kampfe.“
„Sie hätte sich jedenfalls auch gegen Philemon gewehrt, hätte sie die Kraft und die Möglichkeit besessen. Mir scheint, sie ward im Schlaf überfallen.“
„Ah. Und nicht am Tische stehend? Wie kamen dann die Blutstropfen dahin?“
„Vielleicht von den Fingern des Mörders.“
„Philemons Hände waren nicht blutig.“
„Nein, er wischte sie an seinem Ärmel ab.“
„Wenn er es war, der den Dolch gegen sie zückte, wo ist der Dolch? Er müsste doch irgendwo im Hause gefunden werden.“
„Vielleicht hat er ihn im Garten vergraben. Geisteskranke kommen oft auf merkwürdig verschlagene Gedanken.“
„Wenn Sie den Dolch innerhalb des Zaunes finden können, will ich Ihnen Recht geben. Einstweilen glaube ich nicht an Ihre Theorie. Meine Ansicht vielmehr ist -.“
„Würden Sie die Güte haben, mit Ihrer Ansicht zurückzuhalten, bis ich die meinige formuliert habe“, unterbrach den Sprecher eine Stimme von außen.
Alle wandten sich um. Unter der Türe stand ein Mann mit glattgestrichenen schwarzen Haaren und ausdruckslosen Zügen. Hinter ihm kam Abel, Schirm und Reisetasche in der Hand.
„Der Detektiv von Boston“, rief Abel.
Dr. Talbot begrüßte ihn.
„Knapp ist mein Name“, begann der Detektiv. „Ich habe bereits mein Abendessen eingenommen und bin bereit, meine Arbeit sofort zu beginnen. Ich habe die Zeitungen gelesen und bin über alles orientiert, was bis jetzt offiziell bekannt ist. Ich möchte nur noch die Tatsachen wissen, die seither festgestellt wurden - Tatsachen, verstehen Sie, keine Theorien. Ich lasse mich nie durch anderer Leute Theorien beeinflussen.“
Dr. Talbot, dem die Art und Weise dieses Mannes, seine Wichtigtuerei und Selbstüberhebung nicht zusagte, wies ihn an Mr. Fenton, der ihm alles mitteilte, was er und seine Leute bisher festgestellt hatten. Als er geendet, nahm Mr. Knapp seinen Hut und wandte sich der Türe zu.
„Ich werde zuerst nach dem Hause gehen und sehen, was ich selbst feststellen kann. Darf ich bitten, allein gehen zu dürfen?“ setzte er hinzu, als er Fenton sich erheben sah.
„Abel kann ja sehen, dass mir der Zutritt gestattet wird.“
„Zeigen Sie mir Ihre Ausweis-Papiere“, sagte der Untersuchungsrichter.
Dies geschah.
„Die scheinen in Ordnung zu sein und ich nehme an, Sie sind ein Mann, der sein Geschäft versteht. Sie können allein gehen, wenn Sie es vorziehen, bringen Sie aber Ihre Folgerungen, die Sie aus Ihrer Untersuchung ziehen, hierher, damit wir sie eventuell - korrigieren können.“
„Gewiss werde ich zurückkommen“, entgegnete Knapp ruhig.
Dann ging er, einen nichts weniger als guten Eindruck hinterlassend.
„Ich begreife Carson nicht“, rief der Anwalt, „dass er uns einen solchen Menschen herschickt! Konnte er nicht merken, dass der Fall eines Mannes von ungewöhnlicher Tüchtigkeit und Urteilskraft bedarf?“
„Oh, der Mann ist vielleicht sehr tüchtig; er hat nur solch unangenehmes Wesen. Ich kann derartige Fischnaturen nicht leiden.“
„Wer ist das?“ unterbrach er sich plötzlich, als er ein Klopfen an der Türe hörte.
„Ah, Loton! Was will der hier?“
Der Ankömmling fuhr bei Dr. Talbots Stimme merklich zusammen. Er war schwächlich, nervös und auf das Äußerste erregt.
„Ich bitte tausendmal um Entschuldigung“, begann er, „dass ich mir die Freiheit nehme, hierher zu kommen. Ich unterbreche eine Gesellschaft nicht gerne, doch ich habe Ihnen etwas zu sagen, das vielleicht wichtig für Sie ist, obwohl es nicht sehr bedeutend ist -.“
„Betrifft es den Mord?“ fragte der Untersuchungsrichter, wobei er seine Stimme dämpfte; er kannte Loton und wusste, dass er ihn freundlich behandeln müsse, sollte er nicht gänzlich verschüchtert werden.
„Den Mord? Bewahre mich der Himmel! Ich würde nie wagen, etwas über den Mord zu sagen! Es betrifft das Geld, welches - das heißt, es betrifft Geld im Allgemeinen. Es ist - es ist etwas merkwürdig und - die Sache ging mir schon den ganzen Tag im Kopf herum - soll ich es Ihnen erzählen, meine Herren? Es passierte gestern Abend, das heißt, spät in der Nacht, so spät, dass ich schon lange im Bette lag und bereits vier Stunden schnarchte, wie meine Frau sagt -.“
„Was für Geld? Neues Geld? Nagelneue Banknoten?“ fragte Fenton erregt.
Loton, der an der Straße, die nach dem Hügel führt, ein kleines Spezereigeschäft hat, trippelte nervös von einem Fuß auf den anderen und fuhr dann fort:
„Es war neues Geld - ich dachte gleich so, als ich es im Dunkeln anfasste - nagelneues Geld, meine Herren und zwar eine -. Doch das merkwürdigste kommt noch, ich hatte fest geschlafen und träumte von meiner Sally, als sie selber mich aufweckte und sagte, es klopfte Jemand an der Türe. „Geh hinaus“, flüsterte Sally und sieh, was der Mann will.“ Ich war zwar ärgerlich über diese Störung - ich träumte so schön von Sally - aber Pflicht ist Pflicht und so ging ich hinab - es war stockfinster. „Draußen klopfte es immer noch. „Was ist los?“ schrie ich. „Wer ist draußen und was wollen Sie?“ „Machen Sie auf!“ rief eine schwache zitternde Stimme, „ich will etwas zu Essen kaufen! Um Gottes Willen, machen Sie auf!“ „Die Stimme klang so kläglich - und ich öffnete die Türe. „Sie müssen recht hungrig sein“, begann ich, doch er ließ mich nicht ausreden. „Brot!“ keuchte er atemlos, wie ein Mann, der weit und schnell gelaufen ist, „geben Sie mir was zu essen, einerlei, was es ist! Schnell, nur schnell! Hier ist Geld!“ Dabei schob er mir eine Note in die Hand, die so steif war, dass sie knitterte. „Schnell, um Gottes Willen, schnell! Das Geld zahlt für alles! Ich komme am Morgen und hole mir, was ich herauszubekommen habe.“ „Wer sind Sie?“ rief ich. „Sind Sie der blinde Willy? Oder -?“ „Brot - Brot!“ war seine einzige Antwort. „Ich konnte dies Wimmern nach Brot nicht länger mit anhören, griff im Dunkeln nach einem Laib und gab ihm denselben. „Da!“ rief ich. „Jetzt sagen Sie mir, wer Sie sind, ober wie Sie heißen?“ „Er murmelte etwas Unverständliches - es mag wohl ein Dank gewesen sein - ging aus der Türe und lief schnell dem Hügel zu.“
„Und das Geld? Wie ist es mit dem Geld?“ fragte der Untersuchungsrichter.
„Kam er am Morgen für sein Geld?“
„Nein. Ich legte das Geld in der Nacht in den Zahltisch; ich dachte, es wäre eine Dollar-Note. Als ich aber heute Morgen nachschaute, war es ein Zwanziger, ja, meine Herren, ein nagelneuer Zwanziger!“
Der Untersuchungsrichter und der Polizist sahen sich erstaunt an.
„Wo ist das Geld? Haben Sie es mitgebracht?“ fragte der erstere.
„Ich habe es hier. Ich will niemanden Unrecht tun - doch als ich hörte, dass Mrs. Webb - Gott hab sie selig - letzte Nacht um Geldes Willen ermordet worden war, brannte mir die Note wie Feuer in der Tasche. Hier ist sie. Ich wollte, ich hätte die Türe nicht geöffnet und den alten Mann stehen lassen, bis es Morgen war.“
Es war wirklich eine nagelneue Note, die Dr. Talbot entgegen nahm.
„Weshalb nennen Sie den Kunden alt?“ fragte Fenton. „Ich dachte, es war so dunkel, dass Sie ihn nicht sehen konnten?“
„Nein, ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Trotzdem bin ich sicher, dass er alt war - es kann gar nicht anders möglich sein.“
Бесплатный фрагмент закончился.
