Читать книгу: «Psychoedukatives Training bei Abhängigkeitserkrankungen»

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Störungsspezifische Psychotherapie

Herausgegeben von

Anil Batra und Alexandra Philipsen

Weitergeführt von

Anil Batra und Fritz Hohagen

Begründet von

Anil Batra und Gerhard Buchkremer

Eine Übersicht aller lieferbaren und im Buchhandel angekündigten Bände der Reihe finden Sie unter:

https://shop.kohlhammer.de/stoerungsspezifische-psychotherapie

Franziska Schober Friederike Wernz Anil Batra

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2., überarbeitete Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038708-9

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038709-6

epub: ISBN 978-3-17-038710-2

Für Effi

Nachruf

Kurz vor Fertigstellung der ersten Auflage dieses Therapiemanuals verstarb viel zu früh und unerwartet unser Freund, Kollege und Mitautor Dr. Peter Peukert. Seine Erfahrung, Kompetenz, Kreativität und sein Ideenreichtum haben grundlegend zur Erstellung dieses Manuals beigetragen. Wir danken ihm dafür.

Franziska Schober

Friederike Wernz

Anil Batra

Geleitwort zur Buchreihe

Wer in die Vergangenheit blickt, stellt fest: Psychotherapie ist immer im Wandel.

Nach einer Phase der methodenspezifischen Diversifizierung spielen in der heutigen ambulanten und stationären Versorgung von Patientinnen und Patienten mit psychischen Erkrankungen störungsspezifische Behandlungsansätze eine zunehmende Rolle. In vielen Fällen sind diese verhaltenstherapeutisch geprägt und multimodal aufgebaut. Dabei werden nicht nur schulenübergreifend wirksame Behandlungskomponenten, sondern auch Erkenntnisse zu Basisvariablen der psychotherapeutischen Arbeit verwendet und integriert.

Die Reihe »Störungsspezifische Psychotherapie« hat die störungsspezifische Entwicklung bereits im Jahr 2004 aufgegriffen und bietet mittlerweile für über 20 Störungsbilder evidenzbasierte Manuale an. Klassische Themen wie die Therapie von Angst- oder Essstörungen, Suchterkrankungen oder Psychosen wurden um störungsspezifische Anleitungen für die Behandlung von Symptomen, Syndromen oder speziellen Fragestellungen (Tourettesyndrom, Adipositasbehandlung, Insomnie, stationäre Behandlungsbesonderheiten u. v. m.) ergänzt und durch einzelne Manuale zu Techniken und verwandten Methoden in der Psychotherapie (Achtsamkeitstraining, Hypnotherapie, Interpersonelle Therapie) erweitert.

Die Reihe »Störungsspezifische Psychotherapie« wurde 2004 begründet von Anil Batra und Gerhard Buchkremer, in der Folge weitergeführt von Anil Batra und Fritz Hohagen und mittlerweile herausgeben von Anil Batra und Alexandra Philippsen. Die Buchreihe wird fortlaufend erweitert und aktualisiert, wobei neue Techniken, alternative Vorgehensweisen und die aktuelle Studienlage berücksichtigt werden. Damit sollen die Bände psychotherapeutisch arbeitenden Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen in der praktischen Arbeit neben einer Einführung in die besondere Problematik verschiedener Erkrankungen auch konkrete Anleitungen, online abrufbare praxisnahe Tools sowie Techniken und Vorgehensweisen auch in therapeutisch herausfordernden Situationen zur Verfügung stellen.

Wir hoffen, Ihnen mit dieser Reihe hilfreiche Anregungen für die klinische Praxis geben zu können.

Anil Batra, Tübingen

Alexandra Philipsen, Bonn

Inhalt

1  Geleitwort zur Buchreihe

2  Arbeitsmaterial zum Download

3  Arbeitsblätter

4  Informationsblätter

5  Vorlagen

6  Vorwort zur zweiten Auflage

7  I Theoretische Grundlagen

8  1 Entwicklung des Manuals

9  Qualifizierte Entgiftung

10  Patientenkollektiv und Behandlungssetting

11  Substanzen und Veränderungen der Konsumgewohnheiten

12  2 Allgemeine psychotherapeutische Grundlagen und Methoden

13  Aufbau einer therapeutischen Beziehung

14  Ambivalenz

15  Motivational Interviewing (MI)

16  Kognitive Dissonanz

17  3 Gruppentherapie: Stand der Wissenschaft

18  4 Über das vorliegende Programm

19  Ziel des Programms

20  Gestaltung des Gruppentherapieprogramms

21  Anwendung des Manuals

22  Feste Bausteine der Therapiesitzungen

23  Haltung des Therapeuten

24  Therapievereinbarung und Behandlungsziele

25  Umgang mit Widerstand und anderen schwierigen Situationen innerhalb der Therapie

26  Abstinenz oder reduzierter Konsum?

27  Umgang mit Rückfällen

28  Literatur

29  II Psychoedukativer Teil

30  Module

31  5 Suchtverlauf und Suchtverlagerung

32  Ziel der Sitzung

33  Inhalt

34  Schwierige Situationen

35  Tipps

36  6 Körperliche Folgen des Suchtmittelkonsums

37  Ziel der Sitzung

38  Inhalt

39  Schwierige Situationen

40  Tipps

41  7 Psychosoziale Folgen des Suchtmittelkonsums

42  Ziel der Sitzung

43  Inhalt

44  Schwierige Situationen

45  Tipps

46  8 Entzug

47  Ziel der Sitzung

48  Inhalt

49  Schwierige Situationen

50  Tipps

51  9 Medikamente in der Suchtbehandlung

52  Ziel der Sitzung

53  Inhalt

54  Schwierige Situationen

55  Tipps

56  10 Therapie – wie und wo kann ich mir helfen lassen?

57  Ziel der Sitzung

58  Inhalt

59  Schwierige Situationen

60  Tipps

61  11 Alkohol in Lebensmitteln

62  Ziel der Sitzung

63  Inhalt

64  Schwierige Situationen

65  Tipps

66  12 Substanzfreie Zone

67  Ziel der Sitzung

68  Inhalt

69  Schwierige Situationen

70  Tipps

71  13 Tabakinformation

72  Ziel der Sitzung

73  Inhalt

74  Schwierige Situationen

75  Tipps

76  Literatur

77  III Psychotherapeutischer Teil

78  Module

79  14 Kriterien der Abhängigkeit

80  Ziel der Sitzung

81  Inhalt

82  Schwierige Situationen

83  Tipps

84  15 Suchtentwicklung – Sitzung 1

85  Ziel der Sitzung

86  Inhalt

87  Schwierige Situationen

88  Tipps

89  16 Suchtentwicklung – Sitzung 2

90  Ziel der Sitzung

91  Inhalt

92  Schwierige Situationen

93  Tipps

94  17 Aufbau einer Abstinenzmotivation – Sitzung 1

95  Ziel der Sitzung

96  Inhalt

97  Schwierige Situationen

98  Tipps

99  18 Aufbau einer Abstinenzmotivation – Sitzung 2

100  Ziele der Sitzung

101  Inhalt

102  Schwierige Situationen

103  Tipps

104  19 Entwicklung von Zielen

105  Ziel der Sitzung

106  Inhalt

107  Schwierige Situationen

108  Tipps

109  20 Problemlösen: Meine Baustellen – Sitzung 1

110  Ziel der Sitzung

111  Inhalt

112  Schwierige Situationen

113  Tipps

114  21 Problemlösen: Auf geht’s zum Gipfel! – Sitzung 2

115  Ziel der Sitzung

116  Inhalt

117  Schwierige Situationen

118  Tipps

119  22 Emotionsregulation

120  Ziele der Sitzung

121  Inhalt

122  Schwierige Situationen

123  Tipps

124  23 Stärken und Ressourcen

125  Ziel der Sitzung

126  Inhalt

127  Schwierige Situationen

128  Tipps

129  24 Umgang mit Risikosituationen – Sitzung 1

130  Ziel der Sitzung

131  Inhalt

132  Schwierige Situationen

133  Tipps

134  25 Umgang mit Risikosituationen – Sitzung 2

135  Ziel der Sitzung

136  Inhalt

137  Schwierige Situationen

138  Tipps

139  26 Tagesstruktur

140  Ziel der Sitzung

141  Inhalt

142  Schwierige Situationen

143  Tipps

144  27 Genuss und Achtsamkeit

145  Ziel der Sitzung

146  Inhalt

147  Schwierige Situationen

148  Tipps

149  28 Im Notfall

150  Ziel der Sitzung

151  Inhalt

152  Schwierige Situationen

153  Tipps

154  29 Angehörigengruppe

155  Ziel der Sitzung

156  Inhalt

157  Schwierige Situationen

158  Tipps

159  Literatur

160  Hinweis zum Downloadmaterial

161  Stichwortverzeichnis

162  Autorinnen und Autor

Arbeitsmaterial zum Download

Die folgenden Materialien sind enthalten:

Arbeitsblätter

Arbeitsblatt Nr. 1 Krankheitsverlauf

Arbeitsblatt Nr. 2 Körperliche Folgen

Arbeitsblatt Nr. 3 Psychosoziale Folgen

Arbeitsblatt Nr. 4 Therapiemöglichkeiten

Arbeitsblatt Nr. 5 Alkohol in Lebensmitteln

Arbeitsblatt Nr. 6 Substanzfreie Zone

Arbeitsblatt Nr. 7 Die Diagnose der Abhängigkeit

Arbeitsblatt Nr. 8 Entstehung von Sucht

Arbeitsblatt Nr. 9 Pro und Contra

Arbeitsblatt Nr. 10 Meine Gedanken zur Abstinenz

Arbeitsblatt Nr. 11 Ziele

Arbeitsblatt Nr. 12 Probleme lösen

Arbeitsblatt Nr. 13 Auf geht’s!

Arbeitsblatt Nr. 14 Fieberkurve

Arbeitsblatt Nr. 15 Daumen hoch!

Arbeitsblatt Nr. 16 Risikosituation bewältigen

Arbeitsblatt Nr. 17 Risiko

Arbeitsblatt Nr. 18 Bevor es eng wird

Arbeitsblatt Nr. 19 Tagesplan

Informationsblätter

Informationsblatt Nr. 1 Stadien des Krankheitsverlaufs

Informationsblatt Nr. 2 Körperliche Folgen bei Alkoholabhängigkeit

Informationsblatt Nr. 3 Körperliche Folgen bei Abhängigkeit von Beruhigungs- und Schlafmitteln

Informationsblatt Nr. 4 Körperliche Folgen bei Cannabisabhängigkeit

Informationsblatt Nr. 5 Körperliche Folgen bei Opiatabhängigkeit

Informationsblatt Nr. 6 Entzugszeichen bei Alkoholabhängigkeit

Informationsblatt Nr. 7 Entzugszeichen bei Abhängigkeit von Schlaf- und Beruhigungsmitteln

Informationsblatt Nr. 8 Entzugszeichen bei Abhängigkeit von Cannabis

Informationsblatt Nr. 9 Entzugszeichen bei Abhängigkeit von Opiaten

Informationsblatt Nr. 10 Therapiemöglichkeiten

Informationsblatt Nr. 11 Alkohol in Lebensmitteln

Informationsblatt Nr. 12 Tabakrauchbestandteile

Vorlagen

Vorlage Therapievereinbarung

Vorlage Fagerström-Test für Zigarettenabhängigkeit

Folien zu Belohnungssystem und Konditionierung

Vorwort zur zweiten Auflage

Die Suchttherapie nimmt einen großen Teil der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgung ein. Der Konsum legaler und illegaler Drogen und die missbräuchliche Einnahme von Medikamenten stellen sowohl Patienten als auch Therapeuten immer wieder vor Herausforderungen.

Aufgrund der eingeschränkten Behandlungsdauer, die uns zur Verfügung steht, wächst die Bedeutung von kurzen und praktikablen Programmen, welche es den Patienten möglich machen, Fertigkeiten und Verhaltensweisen kennen zu lernen und einzuüben, die ihnen zu einem abstinenten Leben verhelfen können.

Während in früheren Jahren eine Trennung in Abhängige legaler und illegaler Substanzen die Regel war, wird mittlerweile häufig die strikte Trennung zugunsten einer gemeinsamen Behandlung aller substanzabhängigen Personen aufgegeben. Dies beinhaltet sowohl Schwierigkeiten als auch therapeutische Chancen.

An der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie wurden schon Mitte der 1970er Jahre erste suchtspezifische psychotherapeutische Programme etabliert und seither kontinuierlich weiterentwickelt.

Das hier beschriebene Programm für ärztliche und psychologische Psychotherapeuten wird in der Tagesklinik für Patienten mit Abhängigkeitserkrankung seit Juli 2008 angeboten und regelmäßig aktualisiert. Es lässt sich ebenso im ambulanten wie im stationären Bereich einsetzen. Vorteil ist der modulare Aufbau, der eine Auswahl oder eine Umstellung von Themen und Inhalten möglich macht. Dem Anwender stehen 12 psychotherapeutische und 9 psychoedukative Module zur Auswahl, die jeweils durch Arbeits- oder Informationsblätter ergänzt werden. Diese umfassen bekannte grundlegende Bausteine der Suchttherapie sowie psychotherapeutische Elemente, die auch in der Therapie anderer psychischer Erkrankungen ihren festen Platz haben. Alle Sitzungen sind so dargestellt und formuliert, dass sie auf jede Substanzklasse angewendet werden können (mit Ausnahme der Gruppensitzung »Alkohol in Lebensmitteln«), wobei jeweils auf Alkohol, Benzodiazepine, Cannabis und Opioide eingegangen wird. Die Beschreibungen der Sitzungen beziehen Formulierungsvorschläge und die Diskussion möglicher schwieriger Situationen mit ein. Auf den Arbeitsmaterialien wird der Begriff Opiate verwendet, da dieser alltagssprachlich von Betroffenen – im Vergleich zum Terminus Opioide – häufiger gebraucht wird.

Alle personenbezogenen Formulierungen in diesem Manual sind in der männlichen Form verfasst, gleichberechtigt gemeint ist stets auch die weibliche Form.

Unser Manual basiert auf jahrelanger Vorarbeit aller Kollegen der Suchtabteilung und hat sich gut bewährt. Wir danken den therapeutischen und pflegerischen Teams der stationären Suchttherapie unseres Hauses und der Tagesklinik für Suchtpatienten, die allesamt sehr viel dazu beigetragen haben, dass dieses Handbuch publiziert werden konnte. Bei der Überarbeitung der ersten Auflage wurden die neuen Erkenntnisse und Entwicklungen im Bereich der Suchterkrankungen und der Suchttherapie berücksichtigt. Wir konnten damit sicherstellen, dass das Manual auch in den nächsten Jahren einen wichtigen Beitrag zur Suchtkrankenhilfe leisten kann.

Tübingen, im September 2021

Franziska Schober

Friederike Wernz

Anil Batra

I Theoretische Grundlagen

1 Entwicklung des Manuals

Die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Tübingen bietet breit gefächerte Hilfsmöglichkeiten für Patienten1 mit einer Suchterkrankung an. Dabei werden sowohl Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung als auch mit einem Missbrauch von Suchtmitteln angesprochen. Schaltstelle des Suchtbereichs ist die Suchtambulanz, welche die Patienten in die Sucht-Tagesklinik, auf die Entgiftungsstation oder auf die Psychotherapiestation vermittelt. Dort wird eine Kurzzeitbehandlung für Patienten mit einer Suchtmittelabhängigkeit und einer komorbiden psychischen Störung angeboten. Nach den stationären Behandlungen stehen ambulante Unterstützungsangebote als weitere Bestandteile der Suchtkrankenhilfe zur Verfügung. Dieses Manual entstammt dem in der Tübinger Universitätsklinik angewendeten psychoedukativen und psychotherapeutischen Gruppentherapieprogramm für substanzbezogene Störungen aus den Bereichen Alkohol, Medikamente, Cannabis und andere illegale Drogen.

Qualifizierte Entgiftung

Die Qualifizierte Entgiftung bezeichnet einen Prozess, der – außer der somatischen Behandlung des Entzugssyndroms – auf die Schaffung und Förderung einer Abstinenzmotivation ausgerichtet ist. Ziel ist neben einer Stabilisierung eines abstinenten Verhaltens die Vermittlung in eine ambulante, teilstationäre oder stationäre Entwöhnungsbehandlung. Für die Durchführung einer Qualifizierten Entgiftung gibt es eine klare Empfehlung in der leitliniengerechten Behandlung (S3 Leitlinie Screening, Diagnostik und Behandlung alkoholbezogener Störungen; AWMF 2015).

Die zur Verfügung stehenden psychotherapeutischen Mittel im Rahmen der Qualifizierten Entgiftung sind angesichts der begrenzten Zeit, die dem Patienten seitens der Kostenträger in psychiatrischen Einrichtungen gewährt wird, auf Techniken der motivierenden Gesprächsführung und Psychoedukation beschränkt.

Bei der Psychoedukation steht die Wissensvermittlung über Entstehungsbedingungen und aufrechterhaltende Faktoren der Suchterkrankungen im Vordergrund. Die Patienten erhalten Informationen über ihre Erkrankung, die sie brauchen, um in Zukunft verantwortungsvoll mit ihr umzugehen. Die funktionale Bedeutung des Konsums und der dysfunktionalen Lebensstile werden in den Mittelpunkt gestellt. Oft muss der unspezifische Wunsch nach einem »neuen Leben« konkretisiert werden: Was möchte der Patient durch seine Abstinenz erreichen? Welche Dinge zeichnen die Abstinenz für ihn aus? Nicht zuletzt sollen die Betroffenen Werkzeuge an die Hand bekommen, die sie für den Erhalt ihrer Abstinenz einsetzen können. Diese Werkzeuge umfassen allgemeine Kompetenzen zur kognitiven Arbeit sowie spezielle Fertigkeiten zum Umgang mit dem Suchtmittel. Strategien zur Verhinderung weiterer Rückfälle und die Bewältigung bisheriger Rückfallereignisse haben ihren festen Platz in der Qualifizierten Entgiftung.

Dass eine Qualifizierte Entgiftung gegenüber einer reinen körperlichen Entgiftung zu bevorzugen ist, unterstrichen auch Loeber et al. (2009). In ihrer vergleichenden Untersuchung einer qualifizierten dreiwöchigen suchtspezifischen psychotherapeutischen Gruppentherapie und einer herkömmlichen körperlichen Entgiftung berichteten die Patienten nach Durchlaufen der Qualifizierten Entgiftung von einer höheren Abstinenzzuversicht. Sie waren zum Katamnesezeitpunkt häufiger abstinent und besuchten regelmäßiger Selbsthilfegruppen.

Die Qualifizierte Entzugsbehandlung dient lt. Definition der S3-Leitlinien der AWMF (www.awmf.org; 2020) der Förderung der Änderungsbereitschaft, der Änderungskompetenz und der Stabilisierung der Abstinenz. Die Wirksamkeit der Qualifizierten Entzugsbehandlung in Bezug auf Abstinenzrate, Abstinenzzeit, Verhinderung von Rückfällen und Vermittlung in Langzeittherapie im Vergleich zu einer rein körperlichen Entgiftung wird in o. g. Behandlungsleitlinie ausführlich diskutiert (S. 48/49). Es wird dabei festgehalten, Patienten wiesen nach einer Qualifizierten Entgiftung eine höhere Abstinenzrate, eine höhere Rate von Vermittlung in eine weiterführende Therapie, einen besseren Therapieerfolg einer nachfolgenden Rehabilitationsbehandlung und eine reduzierte Wiederaufnahmerate auf. Die Qualifizierte Entzugsbehandlung sei für die Kostenträger kosteneffizient und wirke sich bei längerer Behandlungsdauer positiv auf den Behandlungserfolg aus.

Patientenkollektiv und Behandlungssetting

Die Zusammensetzung stationärer und tagesklinischer Patientengruppen kann sehr heterogen sein. Sowohl Alkohol- als auch Drogenabhängigkeit sind eine Indikation für die Aufnahme einer Behandlung. Tagesklinische Behandlungskonzepte nehmen auch in der suchtspezifischen Therapie zu. Laut Lotz-Rambaldi und Kollegen (2002) ist eine tagesklinische Rehabilitationsbehandlung für alkoholkranke Menschen im Vergleich zum vollstationären Angebot bezüglich wesentlicher Outcome-Variablen wie Reduktion psychischer Belastung, Abstinenzquoten und Wiedereingliederung ins Erwerbsleben durchaus vergleichbar. Die Heterogenität der Gruppe hat dabei große Vorteile.

Beispiele:

• Erleichterung der Perspektivenübernahme bei Patienten, die noch sehr bagatellisierend sind

• Patienten, die auf eine lange Suchtkarriere zurückblicken, können diejenigen, die sich erstmalig in Behandlung befinden, aus der Sicht des Betroffenen gut und glaubwürdig auf typische Denkfehler, Rationalisierungen und Bagatellisierungstendenzen hinweisen

• Verschiedene Substanzen können verschiedene Aspekte einer Abhängigkeitserkrankung hervorheben. So finden wir im Bereich Alkohol eine Vielzahl körperlicher Schäden als Beispiel für negative Folgen des Konsums. Berichte von opioidabhängigen Patienten verdeutlichen das Konstrukt des Suchtdrucks usw.

Das vorliegende Behandlungsprogramm kann in allen Stadien einer Suchterkrankung vermittelt werden.

Patienten, die sich zwar Sorgen um ihren eskalierten Alkoholkonsum machen, sich aber noch nicht von einem Suchtmittel abhängig ansehen, junge Menschen, die mittlerweile auf ihren Cannabiskonsum nicht mehr verzichten können, aber von der Umgebung zu einer Behandlung aufgefordert werden und Patienten, die wiederholt zur Entgiftung von Alkohol oder Drogen und einer weiteren Behandlung vorstellig werden, können profitieren. Auch substituierte Personen, die einen Beikonsum von Alkohol, Benzodiazepinen oder illegalen Substanzen entwickelt haben und therapeutische Hilfe brauchen, um auf diesen wieder verzichten zu können, können das Gruppenangebot sinnvoll nutzen.

Günstig sind niedrigschwellige Behandlungsangebote, in die Betroffene schnell aufgenommen werden und wo sie Kriseninterventionen zur Rückfallabwehr oder Rückfallunterbrechung durchlaufen können. Eine tagesklinische Behandlung kann nicht stattfinden, wenn starke körperliche Entzugszeichen zu erwarten oder in der Vorgeschichte ein Entzugsdelir oder ein Krampfanfall aufgetreten sind.

Eine Herausforderung, aber ebenso auch eine Chance, für die Patienten in einer ambulanten oder teilstationären Therapie ist der Umgang mit den Tages- und Nachtstunden, in denen keine Behandlung stattfindet. Sie müssen eigenverantwortlich mit ihrem Abstinenzbemühen umgehen. Das hilfreiche Element an dieser Herausforderung ist, dass die Betroffenen in der Therapie erlernte Strategien zur Rückfallprophylaxe sowie zur Rückfallbewältigung und ihre Notfallpläne erproben können. Die »Käseglocke«, die Patienten in stationären Behandlungen oft bemängeln, gilt hier nur bedingt. Eindrücklich ist das Beispiel eines unserer substituierten Patienten, der zunächst stationär unter Clomethiazol von seinem Alkoholbeigebrauch entgiftet hatte. Erst als er im Rahmen unserer tagesklinischen Behandlung in seine Wohnung ging, wurde ihm wieder bewusst, dass er diese notfallmäßig verlassen hatte, um den Schutz der Klinik aufzusuchen. Er fand viele leere und halbleere Bier- und Weinflaschen vor, die Suchtdruck auslösten. Ihm gelang die Entsorgung der Überreste seiner Konsumzeit mit Hilfe der tagesklinischen Unterstützung, ohne direkt wieder zu trinken.

Neben der Vermittlung der Strategien und Inhalte während der Gruppensitzungen müssen die Patienten auch in ihrem Alltag begleitet werden. Einige neigen dazu, sich sehr schnell besonders schwierigen Situationen auszusetzen. Bspw. wird der konsumierende Freundeskreis weiterhin aufgesucht, das Suchtmittel behält seine Präsenz und das »Standhaftbleiben« dient zur Steigerung des Selbstwerts. Therapeuten sollten immer auf das große Risiko hinweisen, das mit solchen »Feuerproben« verbunden ist. Patienten unterschätzen häufig die Zeitdauer, die sie benötigen, um in der Therapie Schutzmechanismen zu erwerben, mit denen sie solche Extremsituationen gut überstehen.

Die Heterogenität der Patientengruppe wird gelegentlich von Mitarbeitenden oder von Patienten, kritisch gesehen. Sowohl von Betroffenen als auch von Therapeutenseite werden die Unterschiede zwischen Abhängigen von Alkohol und illegalen Drogen betont. In den letzten Jahren bauen sich diese Vorurteile auf Seiten der Therapeuten zunehmend ab, nicht zuletzt aufgrund der Erfahrung, dass die gemeinsame Behandlung Sinn macht und das Behandlungsprogramm gut an die Bedürfnisse beider Gruppen angepasst werden kann. Patienten tauschen sich vielmehr für beide Seiten gewinnbringend aus. Schnell erkennt sich ein junger Mann, der wegen Amphetaminkonsums in Behandlung ist, vielleicht in Schilderungen eines älteren alkoholkranken Patienten wieder, der von seinen Strategien berichtet, den Alkoholkonsum vor seiner Partnerin zu verbergen.

Substanzen und Veränderungen der Konsumgewohnheiten

Die Autoren haben sich im psychoedukativen Teil für die Aufnahme ausgewählter einzelner Substanzen bzw. Substanzklassen entschieden. Im Zentrum stehen die Substanzen, wegen derer häufig Behandlungen in Anspruch genommen werden (Alkohol, Cannabis, Medikamente mit Abhängigkeitspotential, Opioide). Die meisten Materialien des psychoedukativen Teils des Manuals sowie sämtliche Materialien aus dem psychotherapeutischen Teil können ebenso für Konsumenten anderer Substanzen oder auch für Patienten mit Mischkonsum verwendet werden.

Die Drogenszene und die Konsumgewohnheiten der Patienten mit Substanzabhängigkeit verändern sich stetig und in den letzten Jahren teilweise rasant (Europäischer Drogenbericht 2017). Um sich über die aktuellen Trends und Entwicklungen auf dem Drogenmarkt zu informieren, empfehlen sich Online-Angebote, da diese am schnellsten die Veränderungen abbilden können (bspw. www.drogenbeauftragte.de; www.emcdda.europa.eu; www.dhs.de).

Die hier im Manual repräsentierten Substanzklassen gehören sicher zu den »klassischen«. In den letzten Jahren hat eine Vielzahl chemischer Substanzen den Drogenmarkt erreicht. Konsum und Beschaffung im Graubereich zwischen Legalität und Illegalität sowie Substanzbeschaffung via Internet sind häufiger denn je. Dabei stehen die sogenannten neuen psychoaktiven Substanzen (NPS) im Fokus. Diese werden häufig fehlbezeichnet, bspw. als Räuchermischung oder Dünger, um den eigentlichen Zweck des Konsums zu verschleiern. Eine eigene Übersichtskategorie wurde 2016 eingeführt. Durch eine geringe Veränderung der Molekülstruktur klassischer Suchtmittel oder bereits unter Betäubungsmittelgesetz (BtmG) gestellter Substanzen werden gesetzliche Verkehrsgebote umgangen. Dem entgegenzutreten trat 2016 das NPS-Gesetz in Kraft, das in Ergänzung zum einzelstofflichen Ansatz des BtmG auch eine Stoffgruppenregelung umfasst (www.drogenbeauftragte.de).

Viele NPS lassen sich den synthetischen Cannabinoiden, den Cathinonen oder Phenethylaminen zuordnen. Auf dem Markt kursiert ebenfalls eine Vielzahl synthetischer Opioide und Benzodiazepine.

Der Konsum dieser neuartigen synthetischen Substanzen ist äußerst gefährlich, denn

• den Konsumenten fehlt oft die Erfahrung im Umgang mit den verschiedenen chemischen Substanzen

• Untersuchungen ergaben, dass der Wirkstoffgehalt in den Verpackungseinheiten stark schwankt: »Man weiß nie, wie viel man bekommt«

• Untersuchungen zeigten, dass die Verpackungseinheiten häufig viele unterschiedliche psychoaktiv wirksame Substanzen enthalten (Angerer und Auwärter 2015): »Man weiß nie, was man bekommt«

• Dosen, die Überdosierungen hervorrufen, sind schnell erreicht (Fletcher et al. 2015)

• Folgen von Mischintoxikationen bei Konsum zusätzlicher Substanzen sind nicht abschätzbar

• Mischintoxikationen und Überdosierungen sind zumeist schwerwiegend und können letal sein (z. B. Stanciu 2016)

• in der Applikationsform wird teilweise auch auf i.v. Konsum zurückgegriffen, was ernstzunehmende körperliche Folgen haben kann

• Intoxikationen gehen gelegentlich mit schwerwiegenden psychischen und physischen Symptomen einher, bspw. agitierten Delirien oder Cathinonpsychosen (Hohmann et al. 2014)

• die psychische Abhängigkeit ist teilweise ausgeprägt

• körperliche und psychische Entzugssyndrome sind vielgestaltig und manchmal schwer zu behandeln (z. B. Hervas 2017; Tracy 2017)

1 Zugunsten einer lesefreundlichen Darstellung wird in diesem Buch bei personenbezogenen Bezeichnungen in der Regel die männliche Form verwendet. Diese schließt, wo nicht anders angegeben, alle Geschlechtsformen ein (weiblich, männlich, divers).

2 Allgemeine psychotherapeutische Grundlagen und Methoden
Aufbau einer therapeutischen Beziehung

Gemeinsame therapeutische Arbeit erfordert zunächst eine gute Beziehung zwischen Therapeuten und Patienten. Insbesondere in der Suchttherapie kann es passieren, dass sehr therapieerfahrene Patienten am Gruppenprogramm teilnehmen. Sie bringen Erwartungen an den Therapeuten sowie Erfahrungen mit, die Vergleiche ermöglichen. Gruppenmitglieder, die sich erstmalig in Behandlung begeben, sind eventuell sehr vorsichtig: Was erwartet mich? Wie wird mir der Therapeut gegenübertreten? Kann ich meine Schwächen zeigen?

Die folgenden Merkmale einer Therapeut-Patienten-Beziehung sind bezüglich ihrer positiven Wirkung untersucht bzw. belegt (Zimmer 2008):

• Empathie und Verständnis: Förderlich ist das Vermitteln von Verständnis für die Belange des Patienten, ohne störungsbezogene Verhaltensweisen zu verstärken.

• Therapeutische Allianz: Hier steht das gemeinsame Arbeitsbündnis im Vordergrund. Am günstigsten ist eine freiwillige Therapieteilnahme. Liegt Vertrauen vor, können gemeinsame Anliegen und Ziele verfolgt werden.

Hinweise für einen positiven Einfluss auf die therapeutische Beziehung gibt es auch für:

• Wertschätzung: Im besten Fall verbessert die Wertschätzung des Therapeuten die Selbstakzeptanz des Patienten.

• Kongruenz und Echtheit: Der Therapeut kann mit offenen Äußerungen bezüglich der eigenen Person als Modell fungieren und den Patienten dazu anregen, sich mehr zu öffnen.

• Rückmeldung: Es gibt verschiedene Formen konstruktiver Rückmeldung, die in der Therapie eingesetzt werden:

– Validierung: Durch die Rückmeldung des Therapeuten, dass das Denken und Fühlen des Patienten nachvollziehbar und verständlich ist, können Erfahrungen mit Invalidierung korrigiert werden.

– Anerkennung von Bemühungen: Das Streben nach Veränderungen und das Aufzeigen von kompetentem Verhalten werden vom Therapeuten kontinuierlich verstärkt. Die positive Rückmeldung findet nicht erst mit Erreichung des letzten Teilzieles statt.

– Subtile Verstärkungsprozesse: Der Aufbau einer therapeutischen Beziehung findet auch auf der nicht-bewussten Ebene statt. Durch Aufmerksamkeit und Beachtung werden bestimmte Äußerungen oder Verhaltensweisen des Patienten verstärkt.

– Angstreduktion: Eine Psychotherapie bietet einen Rahmen, in dem auch über Themen gesprochen werden kann, die in anderen Kontexten aufgrund von Angst oder Scham unausgesprochen bleiben.

– Neues Konzept und neue Sprache: Die Therapie verhilft den Patienten zu einem besseren Verständnis ihrer Probleme. Unklarheiten werden beseitigt, die Probleme werden durch die Entwicklung eines Konzeptes greifbarer. Es lassen sich leichter neue Perspektiven erarbeiten.

In verschiedenen Studien konnte der positive Einfluss von Empathie und therapeutischer Allianz auf die zu behandelnden Symptome nachgewiesen werden. Dieser Effekt zeigt sich in der Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen im Allgemeinen sowie spezifischer auch in suchttherapeutischen Behandlungen (Urbanowski et al. 2012, Miller und Moyers 2015). In einer großen Metaanalyse konnte die Belastbarkeit dieser Ergebnisse in der allgemeinen Erwachsenen-Psychotherapie bestätigt werden (Flückiger et al. 2018).

Priebe et al (2019) untersuchten den Einfluss des Kommunikationsstils des Therapeuten. Die verbale Kommunikation wie bspw. Klarheit der Sprache, Empathie, »zwischen den Zeilen Lesen« hatten höheren Einfluss auf Prozessvariablen wie Zufriedenheit mit der Behandlung und therapeutische Beziehung als auf klinische Ergebnis-Maße (Symptomausprägung und Rückfälle).

In einem Review mit zehn eingeschlossenen Studien konnte von Kadur et al. (2020) gezeigt werden, dass folgende Punkte in der therapeutischen Beziehung positiven Einfluss auf die zu behandelnden Symptome hatten: stützende und explorative Äußerungen des Therapeuten sowie das Thematisieren von verschiedenen Gesichtspunkten der therapeutischen Beziehung.

Ambivalenz

Ambivalenz tritt in der Suchttherapie häufig auf. Die Entscheidung für ein suchtmittelfreies Leben verlangt den Betroffenen viel Kraft ab. Dies lässt die Fortsetzung des Konsums vielleicht wieder attraktiv erscheinen. Aus einer Ambivalenz kann eine Veränderungsmotivation entstehen, sofern sie vom Therapeuten nicht als Widerstand oder mangelnde Krankheitseinsicht eingestuft wird (Demmel 2008).

Motivational Interviewing (MI)

Der motivationale Ansatz der Gesprächsführung von Miller und Rollnick (1991, 2013) ist in der Suchttherapie unverzichtbar und soll die hier beschriebene Gruppentherapie durchweg begleiten. Grundlegendes Modell für den Ansatz ist das stages of change Modell von Prochaska und DiClemente (1986). Dieses weist die verschiedenen motivationalen Stadien im Veränderungsprozess aus. Eine der wichtigsten therapeutischen Annahmen in dieser evidenzbasierten, klientenzentrierten und direktiven Methode zur Verbesserung der intrinsischen Motivation für Veränderung ist, dass Patienten keineswegs unmotiviert, häufig aber ambivalent sind. Die Erarbeitung einer guten und tragfähigen therapeutischen Beziehung ist Voraussetzung für die gemeinsame Arbeit am Veränderungsprozess (Moyers 2014). Die Gesprächsführungstechnik soll bei Patienten Äußerungen mit veränderungsmotivierten Anteilen fördern, anstatt bestimmte Verhaltensweisen vorzugeben. In der ersten Phase des Motivational Interviewings (MI) ergibt sich als Ziel die Förderung der Änderungsmotivation. Im zweiten Schritt wird an der Festigung der Ziele, des Weges dorthin und eines planvollen Herangehens gearbeitet. Dabei stehen bei der Arbeit mit MI die vier folgenden Prinzipien im Vordergrund (in Anlehnung an Körkel und Veltrup 2003):

• Versetze dich in den Klienten, um seinen Standpunkt verstehen zu können: Dies umfasst das respektvolle Zuhören und den Versuch, die Sicht des Patienten zu verstehen und zu akzeptieren. Dies heißt nicht, dass man seinen Einstellungen damit zustimmt.

• Entwickle Diskrepanzen: Die Abhängigkeit von einem Suchtmittel steht häufig in Kontrast zu den eigenen Zielen und Werten. Ein Aufzeigen dieser Diskrepanz kann einer angestrebten Veränderung mehr Bedeutung geben.

• Gehe mit dem Widerstand, anstatt dich gegen ihn zu stellen: Machtkämpfe innerhalb des Therapiegesprächs sollen vermieden werden. Ein Ringen um Recht und Unrecht bringt keine Veränderung mit sich. Im besten Fall versucht der Therapeut, den Widerstand des Patienten aufzunehmen und daraufhin seine Gesprächsführung zu ändern: Widerstand wird in diesem Kontext nicht als Angriff gesehen! Der Therapeut versucht immer, die Reaktionen des Patienten nachzuvollziehen.

• Stärke die Zuversicht des Patienten zur Veränderung: Durch die entsprechende Gestaltung des Gesprächs kann der Therapeut die Zuversicht des Patienten zur Veränderung stärken. Hilfreich ist das Aufzeigen von früheren Erfolgen und das Herausfiltern von Äußerungen des Patienten, die Zuversicht ausdrücken.

Für die Umsetzung dieser Prinzipien sind sieben Methoden von Bedeutung (in Anlehnung an Körkel und Veltrup 2003):

• Offene Fragen stellen: Offen gestellte Fragen lassen sich nicht mit »Ja.« oder »Nein.« beantworten, sondern verlangen dem Patienten eine Mitteilung seiner Meinung ab (»Warum haben Sie Ihrer Meinung nach die Trinkmenge gesteigert?«). Dadurch setzt er sich aktiv mit dieser Frage auseinander.

• Aktives Zuhören: Der Therapeut soll sein Interesse und seine Aufmerksamkeit zum Ausdruck bringen. Dies gelingt gut mit einer mimisch und gestisch teilnehmenden Haltung und mit intermittierenden Zusammenfassungen des vom Patienten Mitgeteilten.

• Würdigung: Der Therapeut äußert seine Wertschätzung für das, was der Patient sagt oder tut. Damit wird auch eine positive therapeutische Beziehung gefördert (»Die restlichen Vorräte zu entsorgen, war sicherlich eine große Herausforderung für Sie.«).

• Methoden zu Förderung von »change talk«: Folgende Strategien helfen dem Patienten, Diskrepanzen in der eigenen Haltung zu spüren und Äußerungen zu tätigen, welche die Möglichkeit einer Veränderung mit einbeziehen.


StrategieBeispiel

• Methoden des Umgangs mit Widerstand: Die folgenden Strategien helfen, mit Verhaltensweisen der Patienten umzugehen, die Einwände und Vorbehalte ausdrücken.



StrategieBeispiel

• Methoden zur Förderung von »confidence talk«: Durch diese Strategien soll die Zuversicht des Patienten, etwas verändern zu können, gestärkt werden.


StrategieBeispiel

• Zusammenfassungen: Sie dienen dazu, die Auseinandersetzung mit Argumenten pro und contra Veränderung aufrecht zu halten, in dem die wichtigsten besprochenen Punkte am Ende eines Abschnitts oder einer Sitzung zusammengefasst werden.

In der zweiten Phase des MI rücken dann, nach Aufbau einer Änderungsmotivation, die Zielvereinbarung und der Aufbau eines Änderungsplans in den Vordergrund. Im letzten Schritt sollte mit dem Patienten eine Verbindlichkeit für den Veränderungsplan hergestellt werden.

Die Effektivität des MI in Bezug auf eine Reduktion von Alkoholkonsum wurde in einem Cochrane Review (Smedslund et al. 2011) belegt. In Wirksamkeitsstudien mit und ohne Vergleichsintervention ergaben sich positive Effekte. In einer Metaanalyse mit 48 eingeschlossenen, randomisiert kontrollierten Studien zur Wirksamkeit der motivierenden Gesprächsführung in verschiedenen Verhaltensbereichen (Lundahl et al. 2013) ergab sich eine statistisch signifikante, moderat ausgeprägte Überlegenheit von MI gegenüber Vergleichsinterventionen.

Positive Korrelationen ergaben sich in einer Meta-Analyse für die durch die Patienten wahrgenommene Empathie und Echtheit des Therapeuten (Nienhuis et al. 2018).

Kognitive Dissonanz

Ein wichtiger Fokus motivationsfördernder Interventionen ist die kognitive Dissonanz. Das Konstrukt wurde von Festinger in seiner »Kognitiven Dissonanztheorie« (1957) beschrieben.

Sind die Kognitionen einer Person übereinstimmend, also konsonant, werden Verhalten und Erleben der Person stabilisiert. Ist sie mit widersprüchlichen, dissonanten Kognitionen beschäftigt, kann dies innere Anspannung und damit eine Veränderung im Verhalten auslösen, da das Individuum die Anspannung reduzieren möchte (Haisch und Haisch 2007). Das Ausmaß der Dissonanz zwischen zwei Kognitionen bestimmt die Motivation zur Veränderung. Im Fall der Suchtpatienten stehen sogenannte erlaubniserteilende Gedanken in Konflikt mit dem Abstinenzwunsch. Ein Patient kann bspw. überzeugt sein, dass der Konsum von Alkohol die beste Möglichkeit darstellt zu entspannen (erlaubniserteilender Gedanke: »Mit einem Glas Wein würde ich schnell zur Ruhe kommen.«). Eine dazu dissonante Kognition, die eine Verhaltensänderung mit sich bringen könnte, wäre, in Zukunft ohne Suchtmittel auskommen zu wollen, gepaart mit dem Wissen, dass bei länger bestehendem Alkoholkonsum verstärkte Nervosität auftritt und damit die Entspannung erschwert wird. Im besten Fall ermöglicht die Dissonanz zwischen den Kognitionen eine Verhaltensänderung dahingehend, alternative Entspannungstechniken auszuprobieren. Abhängige Patienten können aber auch andere Strategien an den Tag legen, um die Dissonanz zu überwinden. Diese sind durch die Sucht etabliert:

• Überbewertung der positiven Aspekte des Konsums

• mangelnde Wahrnehmung der negativen Aspekte des Konsums

• negative Sicht der Abstinenz

• unrealistische Selbstkontrollüberzeugung.

Bringt der Therapeut immer mehr Argumente an, um den Patienten zu einer Abstinenz zu »überreden« und »Druck« aufzubauen, wird der Betroffene zunehmend in die Reaktanz gehen. Dies bezeichnet man dann als Konfrontations-Leugnungs-Falle (Körkel und Veltrup 2003).

Eine zu ausgeprägte, als sehr unangenehm erlebte Dissonanz kann Veränderung verhindern. Dies wäre bei einem zu konfrontativen Ansatz in der Psychotherapie der Fall, in dem der Betroffene mit dissonanten Annahmen überschüttet wird und dem Gefühl der zunehmenden Anspannung und des Ausgeliefertseins nur die »bewährten« Techniken des Suchtmittelkonsums zur Überwindung negativer Affekte entgegensetzen kann.

3 Gruppentherapie: Stand der Wissenschaft

Früher sah man die Interaktion zwischen Gruppenteilnehmern als hauptsächlichen Wirkfaktor der Gruppentherapie (Weiss et al. 2004). Später wurde der Begriff der Gruppentherapie verwendet, um psychoedukative und kognitiv-behaviorale Settings zu beschreiben. Stinchfield et al. (1994) definierten Gruppentherapie als regelmäßige Zusammenkunft von einem Therapeuten mit zwei oder mehr Patienten, zwischen denen ansonsten keinerlei Verbindung besteht. Ziel des Treffens ist die Reduktion des Suchtmittelkonsums oder die vollständige Abstinenz. Einbezogen werden dabei auch die Verhaltensweisen der Patienten, die mit dem Suchmittelkonsum in Zusammenhang stehen. Weiss et al. (2004) beschreiben in ihrem Review von 24 prospektiven kontrollierten Studien oder prä- und post-Vergleichen innerhalb eines Behandlungsarms drei wichtige Resultate: Ergänzt eine spezifizierte Gruppenpsychotherapie das »treatment as usual«, so verbessert sich die Effektivität der Behandlung. Es ergaben sich keine signifikanten Unterschiede zwischen Gruppen- vs. Einzeltherapie. Obgleich unterschiedliche Arten von Gruppentherapie identifiziert wurden, konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den einzelnen Therapieformen gefunden werden.

In einem systematischen Review und einer Metaanalyse von 33 randomisiert-kontrollierten Studien wiesen Lo Coco und Kollegen (2019) ähnliche Ergebnisse nach: es zeigten sich gering signifikante Effekte zugunsten von Gruppenpsychotherapie hinsichtlich des Faktors Abstinenz (im Vergleich zu keiner Behandlung, Einzeltherapie und anderen Behandlungsarten). Keine Verbesserung zeigte sich in Bezug auf die Häufigkeit des Substanzkonsums und hinsichtlich der Symptome der Suchterkrankung. Effekte auf die allgemeine Befindlichkeit zugunsten der Gruppentherapie im Vergleich zu keiner Behandlung waren moderat.

Der Einfluss vom Zusammenhalt innerhalb der Gruppe einer Gruppenpsychotherapie auf das Behandlungsergebnis wurde 2018 in einer Metaanalyse untersucht (Burlingame et al. 2018). Die Korrelation zwischen den beiden Variablen erwies sich als signifikant mit moderater Effektstärke. Der Gruppenzusammenhalt wurde von folgenden Moderatorvariablen beeinflusst: Art der Zielvariablen, Intervention zur Erhöhung des Zusammenhalts, theoretische Orientierung, Art der Gruppe, Schwerpunkt der Gruppeninteraktion sowie Anzahl der Gruppensitzungen.

Weitere Reviews (Carroll und Onken 2005; Denis et al. 2006) belegen, dass kognitiv-behaviorale Therapieansätze in ihrer anhaltenden Effektivität bei Alkoholabhängigkeit und in der ambulanten Behandlung von Cannabisabhängigen bestätigt sind. Die Wirkung der kognitiv-behavioralen Therapie bei Sucht scheint durch die Beeinflussung der Selbstwirksamkeitserwartung und des Selbstbewusstseins sowie durch das Erlernen von substanzbezogenen und allgemeinen Coping-Strategien und der Reduktion der positiven Erwartungen an den Substanzkonsum zustande zu kommen (Moos 2007).

Amato et al. (2008) zeigen in einem Cochrane-Review, dass die Kombinationen einer pharmakologischen Behandlung mit einer psychosozialen Behandlungskomponente bei opioidabhängigen Patienten in der Entgiftung die Wahrscheinlichkeit für eine reguläre Beendigung der Entgiftung erhöht, den weiteren Gebrauch von Opioiden reduziert und die Compliance und langfristigen Erfolge positiv beeinflussen.

Einzelbelege für die Wirksamkeit einer kognitiv-behavioralen Therapie liegen vielfach vor: In einer Untersuchung an 73 Opiatabhängigen zeigten Scherbaum et al. (2005), dass eine kognitiv-behaviorale Gruppenpsychotherapie zusätzlich zur Methadonsubstitution sechs Monate nach der Behandlung zu einem signifikant geringeren Beigebrauch von illegalen Drogen neben der Substitution führt. Die Gruppenintervention stellt also eine wichtige und sinnvolle Ergänzung zur medikamentösen Behandlung dar.

Yen et al. (2004) prüften die Wirksamkeit einer kurzen kognitiv-behavioralen Intervention an Methamphetamin- und Heroinabhängigen bezüglich des Selbstvertrauens für die Bewältigung drogenbezogener inter- und intrapersoneller Situationen in einem kontrollierten Design. Heroinkonsumenten zeigten in dieser Studie signifikant mehr Selbstvertrauen im Umgang mit drogenbezogenen interpersonellen Situationen, wenn sie das kognitiv-behaviorale Programm durchlaufen hatten. Die Konsumenten von Methamphetamin verbesserten sich in ihrem Selbstvertrauen in inter- und intrapersonellen drogenbezogenen Situationen signifikant im Vergleich zur Kontrollgruppe.

Auch im Vergleich zweier dreistündiger Gruppensitzungen »Focus on alcohol concerns division program«, in denen Themen wie Alkohol- und Suchtmittelgebrauch und deren Folgen besprochen und durch eine schriftliche Information und Videomaterial ergänzt wurden, mit einer dreistündigen »Alkohol Information Group«, die soziale, verhaltensbezogene und biologische Effekte von Alkohol- und Suchtmittelkonsum zum Inhalt hatte sowie mit einer »Group motivational enhancement therapy« (GMET) auf der Basis der motivierenden Gesprächsführung und individualisierten Rückmeldungen, zeigte letztere Behandlungsoption die beste Wirkung auf die Reduktion problematischen Trinkens (LaChance et al. 2009).

Sobell et al. (2009) belegten schließlich in einer kontrollierten Untersuchung, dass eine kognitiv-behaviorale, motivationale Intervention im Gruppensetting bei gleicher Wirksamkeit deutlich zeitökonomischer zu vermitteln ist als in der Einzeltherapie. Dies bestätigte die Ergebnisse einer Untersuchung von Marques und Formigoni (2001): suchtspezifische Einzel- und Gruppentherapie unterschieden sich in ihrer Wirksamkeit kaum, das Setting Gruppentherapie war allerdings im Kosten-Nutzen-Verhältnis deutlich überlegen, was für die Autoren für den Einsatz von Gruppenpsychotherapie in der Suchtkrankenbehandlung spricht.

In einer Studie von Joyce et al (2007) zeigte sich die durch den Patienten bewertete therapeutische Beziehung als Prädiktor für das Outcome. Die Varianz der Ergebnisse wurde ebenfalls durch zwei Faktoren erklärt: die Möglichkeit der Perspektivübernahme für andere Gruppenteilnehmer sowie die durch die Patienten bewertete Passung zur Gruppe.

4 Über das vorliegende Programm
Ziel des Programms

Bei der Erstellung des vorliegenden Therapieprogramms wurden zwei Aspekte in den Vordergrund gestellt:

• Es sollte in der Behandlung aller Formen der stoffgebundenen Suchtmittelprobleme anwendbar sein. Damit gewährleistet es seinen Einsatz für Konsumenten unterschiedlicher Substanzen oder in heterogenen Gruppen.

• Die einzelnen Module bauen nicht aufeinander auf und müssen damit nicht nacheinander abgehandelt werden. Je nach Konstellation der Gruppe und Situation können die einzelnen Module in der Reihenfolge ausgetauscht werden. Einzelne Sitzungen können auch ausgelassen werden, wenn sie thematisch nicht relevant sind (bspw. die Gruppensitzung zu »Alkohol in Lebensmitteln«, wenn kein Gruppenteilnehmer einen problematischen Alkoholkonsum aufweist).

Dieses Therapieprogramm beinhaltet alle wichtigen suchttherapeutischen Themen und ist aufgrund seiner Struktur breit einsetzbar.

Gestaltung des Gruppentherapieprogramms

Das Programm ist im teilstationären, stationären und ambulanten Rahmen durchführbar. Die Gruppengröße sollte acht Teilnehmer nicht überschreiten. Je nach Gruppengröße und Heterogenität der Gruppe kann die Dauer der Sitzungen zwischen 60 und 90 Minuten liegen. Lassen es die personellen Ressourcen zu, ist eine Idealbesetzung mit zwei Therapeuten anzustreben, das Programm ist aber durchaus auch allein durchführbar. Da Arbeitsblätter zum Einsatz kommen, sollten die Teilnehmer am Tisch sitzen können. Um den Austausch unter den Teilnehmenden zu erleichtern, ist eine Anordnung der Tische in U-Form zu bevorzugen. Der Therapeut benötigt für seine Arbeit ein Flipchart. Da in den einzelnen Sitzungen Arbeitsblätter und Materialien ausgeteilt werden, hat sich die Ausgabe von Mappen bewährt, in die jeder Gruppenteilnehmer seine Unterlagen einsortieren kann.

Anwendung des Manuals

Das Manual besteht aus drei Teilen: Neben diesem ersten Teil, in dem das Manual und die psychotherapeutischen Grundlagen vorgestellt werden, gibt es einen psychoedukativen Teil und einen psychotherapeutischen Teil. Diese können nacheinander oder auch parallel mit den Patienten bearbeitet werden. Sie bestehen aus Modulen, die ein oder zwei Gruppensitzungen umfassen. Die Module können in der Reihenfolge umgestellt werden. Besteht ein Modul aus zwei Sitzungen, sollten diese allerdings nicht getrennt werden. Für das Modul »Problemlösen« stehen zwei alternative Vorschläge für die Durchführung der Sitzungen zur Verfügung, da die Bearbeitung des Themas sehr von der Gruppenkonstellation (kognitive Leistungsfähigkeit etc.) abhängt. Der psychotherapeutische Teil enthält zudem die Beschreibung für eine Sitzung mit den Angehörigen der Gruppenteilnehmer.

Arbeitsblätter, Informationsblätter und Folien

Für die einzelnen Gruppensitzungen steht Arbeitsmaterial zu Verfügung. Unterschieden wird zwischen Arbeitsblättern, die von den Patienten entweder innerhalb der Gruppensitzung oder als Hausaufgabe ausgefüllt werden, und Informationsblättern, die Teile der Inhalte des psychoedukativen Abschnittes wiedergeben. Auf die entsprechenden Unterlagen wird im Text verwiesen und sie sind am Ende des Abschnittes, der die jeweilige Gruppensitzung behandelt, abgedruckt. Alle Materialien stehen außerdem auf der Verlagshomepage zum Download zur Verfügung. Für die Erklärung der neurobiologischen Faktoren, die für Suchterkrankungen eine Rolle spielen, stehen Vorlagen zur Verfügung, die ausgegeben oder auch als Präsentation eingebracht werden können.

Feste Bausteine der Therapiesitzungen

Starten alle Teilnehmer gleichzeitig, ist es sinnvoll, zunächst eine Stunde vorzuschalten, in der sich alle Beteiligten kennen lernen und vorstellen. Es kann dann auch gemeinsam die Therapievereinbarung ( Kap. 4, darin »Therapievereinbarung und »Behandlungsziele«) durchgesprochen werden. Andernfalls sollten jeweils neu hinzugekommene Patienten gebeten werden, sich kurz vorzustellen.

Jede Sitzung startet mit der Begrüßung durch den Therapeuten. Es kann nachgefragt werden, ob es etwas Wichtiges anzusprechen gibt, das im Vorfeld einen Platz braucht (bspw. Rückfall oder Störungen). Da jede Sitzung ein eigenes Thema umfasst, sollte für diesen ersten Teil nicht zu viel Zeit aufgewendet werden.

Im Anschluss folgt die Besprechung der Hausaufgabe – sofern es eine zu erledigen gab. Nicht alle Gruppenstunden erfordern Hausaufgaben. Da die Module flexibel eingesetzt werden können, ist in jeder Beschreibung der Sitzungen Zeit für die Besprechung der Hausaufgabe vorgesehen.

Haltung des Therapeuten

Der Beginn der Behandlung durch die Gruppenteilnehmer zeigt, dass sie an ihrer aktuellen Situation etwas verändern wollen! Bereits eine regelmäßige Teilnahme beweist eine Veränderungsbereitschaft. Auch wenn es den Patienten manchmal schwerfällt, sich auf die Themen einzulassen, oder sie in das Bagatellisieren ihrer Problematik zurückfallen, sollte der Therapeut davon ausgehen, dass der Patient sich in der gemeinsamen Arbeit bemüht.

Veränderung kann am besten auf der Verhaltensebene stattfinden. Einzig das Besprechen einer Risikosituation macht den Betroffenen beim nächsten Eintreten dieser nicht sicherer in der Umsetzung einer Alternative. Vielmehr sollte neues Verhalten ausprobiert werden. Kleine Rollenspielsequenzen und nachgespielte Dialoge sind gute Übungsmöglichkeiten. Gleichzeitig können die übrigen Gruppenmitglieder anhand eines Modells prüfen: Würde ich das auch so machen? Gibt es eine Alternative, die besser zu mir passt? Das Ablehnen von Suchtmitteln in der Zukunft erfordert soziale Kompetenz und Umgangsformen, die höflich, aber bestimmt sind. Darin müssen die Teilnehmer erst Sicherheit gewinnen. Der Therapeut sollte also regelmäßig in den Gruppensitzungen auf Übungen und Rollenspiele achten und sich selbst auch als Modell zur Verfügung stellen.

Eine Therapie erfordert einen sicheren Rahmen und eine feste Struktur. Die Stunden müssen im vorher festgelegten Rhythmus stattfinden. Kurzfristiges Absagen oder Verschieben durch den Therapeuten wird die Motivation der Gruppenteilnehmer auf eine harte Probe stellen. Fest besprochen werden sollte auch die hohe Verbindlichkeit zur Pünktlichkeit.

Störungen gehen vor! In einer Therapiegruppe kommt es immer wieder zu Störungen. Diese sollten zunächst beseitigt werden. Solche Störungen können psychische Krisen einzelner Teilnehmer sein oder bspw. das Aufkommen einer Stimmung, die einen vertrauensvollen Austausch untereinander unmöglich macht. Diesen Umständen sollte Raum gegeben, die Konflikte wenn möglich geklärt werden. Auch klingelnde Handys und oder der Genuss von Lebensmitteln in der Gruppe sind Störungen.

Der Therapeut hat einen Einfluss auf den Umgang der Gruppenteilnehmer untereinander. Niemand sollte aufgrund einer bestimmten Eigenschaft ausgeschlossen werden. Gerade im Fall einer sehr heterogenen Gruppe gilt es, auf die Gemeinsamkeiten zu achten und die Gruppe in ihrem gemeinsamen Ziel, der Abstinenz, zu bestärken. Die gemeinsame therapeutische Arbeit mit alkohol- und drogenabhängigen Patienten kann herausfordernd sein, wenn die einen versuchen, sich von den anderen abzugrenzen. Der Weg aus dieser Situation heraus ist klar: Die Sucht nach einer bestimmten Substanz schafft Leidensdruck sowie soziale und gesundheitliche Folgen – unabhängig davon, welcher Art die Substanz ist. Persönliche Abwertungen sind in einem Gruppensetting nicht zu tolerieren.

Das Programm ist abstinenzorientiert. Die Autoren sehen in kontrolliertem Suchtmittelkonsum eine zu große Gefahr des Rückfalls. Patienten dagegen haben oft den Wunsch, die Kontrolle wieder zu erlangen und nicht komplett und für immer verzichten zu müssen. Aus ihren Erfahrungen wissen wir aber auch, dass dieses Vorhaben meist nur zeitweise erfolgreich umzusetzen ist und sich die Patienten bald wieder Schritt für Schritt an die früheren Konsumgewohnheiten annähern. Es bleibt die Entscheidung der Gruppenteilnehmer, ob sie nach dem Therapieprogramm ein kontrolliertes Konsumieren ausprobieren wollen ( Kap. »Abstinenz oder kontrollierter Konsum«).

Therapievereinbarung und Behandlungsziele

Das vorliegende Programm kann in unterschiedlichen Settings durchgeführt werden. Daraus können sich Besonderheiten in der Therapievereinbarung ergeben. Das hier enthaltene Beispiel ist eine Orientierung ( Vorlage Therapievereinbarung).

Wichtige Bestandteile der Therapievereinbarung sind:

• Festlegung der Rahmenbedingungen (Anzahl und Dauer der Sitzungen, Art der Veranstaltung)

• Umgang mit Fehlterminen und Absagen: Es sollte eine klare Vereinbarung geben, bis wann und wo die Absage eines Termins erfolgen kann. Fehlzeiten müssen eine Ausnahme bleiben, da der Patient sonst nicht in den therapeutischen Prozess einsteigen kann.

• Umgang mit Hausaufgaben: Hausaufgaben gehören zum Programm und sind notwendig, um die in der Gruppe besprochenen Inhalte vertiefen zu können. Eine Teilnahme an der Therapie setzt auch die regelmäßige Erledigung der Hausaufgaben voraus.

• Gruppenregeln: Durch die allgemeinen Gruppenregeln werden die Rahmenbedingungen geschaffen, in denen eine produktive therapeutische Arbeit stattfinden kann. Sie sollten mit der gesamten Gruppe besprochen werden. Ein Plakat mit den Regeln kann im Gruppenraum aufgehängt werden ( Vorlage Therapievereinbarung).

• Persönliche Offenheit: Um seine Suchtmittelabstinenz und die eigene Psyche zu stabilisieren, sollte jeder Gruppenteilnehmer mit der dafür notwendigen Offenheit teilnehmen. Dazu gehört zum Schutz des Einzelnen auch die Mitteilung von krisenhaften Zuspitzungen.

• Schweigepflichtserklärung: Alle Gruppenteilnehmer erfahren persönliche Dinge von den anderen Betroffen. Jeder sollte sich zur Verschwiegenheit Dritter gegenüber verpflichten.

• Störungen gehen vor: Ist ein Gruppenmitglied verärgert, fühlt sich missverstanden oder ist mit einem Thema beschäftigt, das keine Ressourcen für die aktive Therapieteilnahme bietet, dann sollte dies von dem Betreffenden angesprochen werden.

• Respektvoller Umgang mit der Abstinenzmotivation anderer: Im Rahmen der Suchtbehandlung kann es zu Phasen verstärkter Ambivalenz und vielleicht auch zu einer Aufgabe der Abstinenz als Therapieziel kommen. In einem solchen Fall sollten andere Gruppenteilnehmer nicht in ihrer Therapieteilnahme gefährdet werden. Suchtdruckauslösende Gespräche, Aufforderungen zum gemeinsamen Konsum oder das Mitbringen von Suchtmitteln sind Verhaltensweisen, die einen Ausschluss aus der Gruppe zur Folge haben können.

• Gewaltausübung oder -androhung sind tabu!

• Was gegen die Teilnahme an der Therapie spricht: Sollte sich ein Gruppenteilnehmer entgegen der Therapievereinbarung verhalten, kann er aus dem Therapieprozess ausgeschlossen werden. Eine Teilnahme kann nur in nüchternem Zustand stattfinden!

Weitere Bestandteile des Therapievertrags sind die individuellen Behandlungsziele des Patienten, die möglichst konkret und operationalisierbar aufgeführt werden sollten.

Hilfreich für eine erfolgreiche Therapie ist die Einbeziehung eines Angehörigen. Dieser sollte kontaktiert werden dürfen, wenn der betreffende Teilnehmer den Sitzungen unentschuldigt fernbleibt. Wenn das Setting dies erlaubt, können eine Gruppensitzung für die Angehörigen angeboten oder einzelne Angehörigengespräche geführt werden.

Umgang mit Widerstand und anderen schwierigen Situationen innerhalb der Therapie

Schwierige Situationen treten immer wieder auf und können auch mit Widerstand der Gruppenteilnehmer einhergehen. Ergänzend zu den Strategien des Motivational Interviewing werden hier Möglichkeiten zum Umgang damit beschrieben.

Vernachlässigen der Hausaufgaben

Die in den Gruppensitzungen besprochenen Inhalte werden durch die Hausaufgaben vertieft. Eine Verweigerung der Hausaufgaben kann für eine fehlende Motivation sprechen, einen noch größeren persönlichen Bezug der suchtspezifischen Themen herzustellen. Der Therapeut sollte sicherstellen, dass keine Hindernisse für die Bearbeitung bestehen, d. h. der Gruppenteilnehmer muss die Aufgabe auch verstanden haben und die kognitiven und sprachlichen Möglichkeiten besitzen, diese zu bearbeiten. Er kann den Patienten darin unterstützen, sich eine Struktur zu schaffen, die dabei hilft, an die Hausaufgabe zu denken. Sollten diese Schritte nicht den erwünschten Erfolg bringen, kann er den Patienten mit dem durch ihn erlebten Widerstand konfrontieren.

Therapeut: Herr M., mich interessiert, was Sie in der Bearbeitung der Hausaufgabe für sich herausfinden konnten.

Patient: Leider habe ich

völlig vergessen, die Aufgaben zu bearbeiten.

Therapeut: Wir hatten ja beim letzten Mal festgestellt, dass Sie am besten Donnerstagabend Zeit für die Aufgaben finden. Was hat Sie davon abgehalten?

Patient: Ich weiß auch nicht, ich war zu Hause und hätte es eigentlich gut machen können. Aber irgendwie konnte ich mich nicht aufraffen.

Therapeut: Sie hätten also gute Bedingungen gehabt, die Aufgaben zu erledigen. Es hört sich so an, als hätte Ihnen die Motivation gefehlt. Die Hausaufgaben sind ein wichtiger Teil der Gruppenbehandlung. Zu Beginn hatten wir innerhalb der Gruppe vereinbart, dass die Erledigung der Hausaufgaben dazugehört. Was könnten Sie unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen?

Entwertung der Therapiethemen

In der Suchttherapie haben wir es gelegentlich auch mit Therapieteilnehmern zu tun, die die Behandlung hauptsächlich fremdmotiviert aufnehmen. Besteht wenig eigene Motivation zur Veränderung, kann es vorkommen, dass die Therapiethemen abgewertet werden. Eine andere Ursache für Entwertung kann ein zu starker persönlicher Bezug sein: Wenn die Themen einen sehr betreffen und das mit emotionalem Erleben zusammenhängt, wird teilweise aus einem Bedürfnis nach Schutz abgewehrt. Entwertung kann über entsprechende abwertende Aussagen direkt stattfinden, aber auch indirekt durch Belustigung, Verweigerung der Mitarbeit oder störendes Verhalten. In diesem Fall sollte klar auf die Therapievereinbarung hingewiesen werden. Jeder Teilnehmer kann die Gruppe bei fehlender Motivation auch verlassen. Mitglied der Gruppe zu sein setzt ein gewisses Maß an Compliance voraus, da sonst auch das Fortkommen der anderen Gruppenteilnehmer gefährdet ist. Entwertung fällt unter die Rubrik »Störungen« und sollte direkt angesprochen werden.

Patient: Ehrlich gesagt, mit Ihren Informationen zu körperlichen Folgeerkrankungen kann ich überhaupt nichts anfangen. Das ist genauso wie mit Warnhinweisen auf den Zigarettenschachteln: Das Ganze löst doch nur Lust aus, weiter unvorsichtig zu sein. Ich will und werde mich mit diesem Thema nicht beschäftigen und auch nicht aufschreiben, was ich davon kenne. Ihre Horrorgeschichten können Sie den anderen erzählen.

Therapeut: Verstehe, Sie wollen sich mit den Themen nicht belasten. Und Sie haben recht! Abschreckung ist kein wirklich bewährtes, abstinenzförderndes Mittel. Deshalb arbeiten wir auch nicht mit Horrorgeschichten oder -bildern, sondern vermitteln Ihnen die notwendigen Informationen, die Sie brauchen, um abwägen zu können, ob Sie weiter trinken wollen oder nicht. Wenn Sie ein Medikament einnehmen, dann informieren Sie sich sicher auch über Risiken und Nebenwirkungen.

Entwertung anderer Gruppenmitglieder

Ein weiteres Phänomen des Widerstands ist die Abwertung der anderen Gruppenteilnehmer. Sätze wie »So weit bin ich noch lange nicht.« oder »Ich weiß nicht genau, was ich hier soll. Anders als Herr X. oder Frau Y. habe ich nicht täglich getrunken und ich habe auch keinen Suchtdruck, wenn ich mal nichts trinke.« stellen hauptsächlich eine Aufrechterhaltung des eigenen Selbstwertes dar. Ungefähr wie »Ich habe vielleicht ab und zu ein Glas zu viel getrunken, aber deshalb bin doch kein Säufer, der sich nicht unter Kontrolle hat.« Häufig steckt die Angst dahinter, genau in solch eine Situation geraten zu können. Für die anderen Gruppenteilnehmer ist es in einem Klima dieser Art schwer, sich zu öffnen. Niemand möchte gern für entsprechende Vergleiche herangezogen werden.

Patient: Ehrlich gesagt bin ich im Moment gar nicht sicher, ob das hier alles das Richtige für mich ist. Wenn ich so höre, was die anderen in der Gruppe getrunken haben, dann ist das doch mit meiner Situation nicht zu vergleichen. Und all diese Gespräche über Suchtdruck und Risikosituationen – für mich steht die Entscheidung fest, ich werde nichts mehr trinken. Und wenn jemand diesen Willen nicht aufbringen kann, dann kann ich auch nichts machen. Die anderen scheinen diese Art der Hilfe hier zu brauchen, ich hab nicht viel davon.

Therapeut: Okay, das heißt, Sie sehen einen großen Unterschied zwischen sich und den anderen Teilnehmern. Was ist denn der Grund, warum Sie an der Therapie teilnehmen?

Patient: Mein Arzt hatte mir das hier geraten, weil er sich um meine Leberwerte gesorgt hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, dass ich hier mit lauter massiv Abhängigen zusammen behandelt werde. Ich bin froh, dass ich noch nicht so weit bin und möchte deshalb von den ganzen Dingen möglichst wenig mitbekommen.

Therapeut: Die Entscheidung, ob Sie die Gruppe verlassen möchten, liegt bei Ihnen, Sie sind freiwillig hier. Vielleicht macht es aber Sinn, nochmals darüber nachzudenken, warum es gut sein könnte, weiterzumachen und erst am Ende zu bewerten, was Ihnen das Ganze gebracht hat.

Entwertung des Therapeuten

Suchttherapie heißt: Anleitung zur Selbsthilfe. Der Therapeut versucht, durch bewährte Strategien und Techniken, die wissenschaftlich geprüft sind, den Patienten in der Umsetzung seiner Ziele zu unterstützen. In einigen Einrichtungen, insbesondere in der Drogentherapie, arbeiten Personen, die selbst schon eine Sucht-erkrankung erfolgreich überstanden haben. Diese Hilfe ist eher vergleichbar mit dem Ansatz, den auch Selbsthilfegruppen vertreten, welche eine wichtige Ergänzung zur suchtspezifischen Therapie darstellen. Aber: Suchttherapeut zu sein setzt nicht voraus, dass man selbst schon einmal von einer Substanz abhängig war. Eine Möglichkeit der Gruppenteilnehmer, das eigene Scheitern im Umsetzen der Strategien zu entschuldigen, wäre die Entwertung der Kompetenz des Therapeuten.

Therapeut: Frau L., haben Sie seit der letzten Therapiesitzung angenehme Tätigkeiten ausprobiert? Mit was konnten Sie gute Erfahrungen machen?

Patientin: Nein, ich habe nichts ausprobiert. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir irgendeine Tätigkeit ähnlich Spaß machen kann wie das Kiffen. Es ist ja schön und gut, dass Sie von alternativen Verhaltensweisen sprechen, aber so einfach ist es nicht. Ich denke mal, dass Sie nicht regelmäßig kiffen. Dann können Sie meiner Ansicht nach wenig darüber sagen, was einem tatsächlich helfen kann, damit aufzuhören. Sie sprechen doch nur in der Theorie über all das. Wie schwierig es tatsächlich ist, können Sie doch gar nicht beurteilen.

Therapeut: Ich möchte es überhaupt nicht in Frage stellen, dass es schwierig ist, auf sein Suchtmittel zu verzichten und damit viele Dinge im Leben zu verändern. Insbesondere dann, wenn man in der Jugend schon mit dem Konsum begonnen hat. Meine Aufgabe ist es, Ihnen Fertigkeiten zu vermitteln, die es in Zukunft für Sie leichter machen. Diese Fertigkeiten wurden von vielen Betroffenen als hilfreich erlebt. Ich stehe hier nicht als Betroffener, sondern als eine Art Trainer. Austausch mit anderen Betroffenen ist ebenfalls wichtig. Aus diesem Grund befürworte ich den Besuch einer Selbsthilfegruppe sehr.

Mitarbeit verweigern

Eine der offensivsten Formen des Widerstands ist die Verweigerung der aktiven Mitarbeit. In dem hier beschriebenen Programm wird den Gruppenteilnehmern einiges an Mitarbeit abverlangt: Ausfüllen von Arbeitsblättern und mündliche Beteiligung sind gefragt und ermöglichen es, die entsprechenden Themen zu erschließen. Arbeitet ein Patient nicht mit, sollte darauf eingegangen werden. Fehlende Mitarbeit ist in der Gruppe problematisch, da sie das Arbeitsklima für die restliche Gruppe weniger produktiv macht.

Therapeut: Frau M., was waren für Sie denn die Vorteile des Konsums von Benzodiazepinen?

Patientin: Ich möchte dazu gerade nichts sagen.

Therapeut: Was macht es für Sie schwer, bei diesem Thema mitzuarbeiten?

Patientin: Aktuell möchte ich einfach nichts von mir erzählen. Ich höre den anderen zu und störe auch nicht.

Therapeut: Profitieren Sie denn davon, wenn Sie den anderen Teilnehmern zuhören?

Patientin: Ja.

Therapeut: Prima, dass Sie die Gruppe und damit die Berichte und Äußerungen der anderen Patienten so gut für sich nutzen können. Das ist ein großer Vorzug der Gruppentherapie. Aber das funktioniert nur, wenn jeder diese Möglichkeit bekommt und auch jeder etwas zur Gruppe beiträgt. Es wäre wichtig für diese Therapie, dass Sie Ihre Zurückhaltung aufgeben und aktiv mitarbeiten. Dann kann ein ausgewogenes Klima entstehen, in dem alle gemeinsam die wichtigen Themen erarbeiten.

Unpünktlichkeit

Unpünktlichkeit ist eine Art des Widerstandes, die den gesamten Ablauf der Gruppe stört und das Arbeiten für alle Beteiligten schwer macht. Tritt das unpünktliche Erscheinen erstmalig auf, sollte mit der Person erarbeitet werden, was sie beim nächsten Mal anders machen kann, um tatsächlich pünktlich zur Gruppensitzung zu kommen. Wiederholtes Zuspätkommen ist ein grober Verstoß gegen die Gruppenregeln und hätte als letzte Konsequenz den Ausschluss von der Therapie zur Folge. Zu spätes Erscheinen kann besonders dann ein Problem sein, wenn das hier beschriebene Programm als ambulante Gruppe angeboten wird.

Patient: Entschuldigung, ich habe es nicht pünktlich geschafft.

Therapeut: Was hat Sie aufgehalten?

Patient: Als ich an der Bushaltestelle angekommen bin, habe ich den Bus gerade wegfahren sehen.

Therapeut: Sind Sie zu spät von zu Hause los gegangen?

Patient: Ja, da haben Sie wohl recht.

Therapeut: Wie können Sie es schaffen, beim nächsten Mal pünktlich aus dem Haus zu gehen?

Patient: Ich gehe einfach etwas früher los.

Therapeut: Gute Idee: Was kann Ihnen helfen, dieses Vorhaben nicht aus den Augen zu verlieren?

Patient: Ich könnte mir die Uhrzeit in mein Handy einprogrammieren, dann denke ich auf alle Fälle dran.

Therapeut: Guter Vorschlag! Dann probieren Sie es damit. Ein pünktlicher Beginn mit allen Teilnehmern ist Grundlage für die gemeinsame Therapie!

»Das lasse ich auf mich zukommen«

In der verhaltenstherapeutisch orientierten Arbeit sind die Identifikation von Problemverhalten und der Aufbau von Alternativverhalten zwei wichtige Bausteine. Die Hauptaufgabe ist die Vorausplanung von risikoreichen Situationen. Manche Gruppenteilnehmer versuchen, dieses Planen zu vermeiden, indem sie betonen, dass sich jede Situation von einer anderen unterscheidet und sie deshalb alles auf sich zukommen lassen möchten.

Therapeut: Gut, wir haben also die Abende, in denen Sie auf Geschäftsreise sind und den Abend im Hotel verbringen, als Risikosituation für einen möglichen Rückfall identifiziert. Was können Sie in Zukunft anders machen, wenn Sie in einer solchen Situation sind?

Patient: Das ist schwer zu sagen – schließlich bin ich in unterschiedlichen Städten unterwegs und teilweise begleitet mich auch ein Kollege. Ich denke, ich werde es auf mich zukommen lassen und dann spontan entscheiden, was mir helfen könnte.

Therapeut: Spontane Entscheidungen sind natürlich eine Möglichkeit. Das würde bedeuten, dass Sie in diesem Moment einen guten Einfall brauchen.

Patient: Ja, sonst fühle ich mich von vornherein so festgelegt.

Therapeut: Verstehe. Allerdings ist es eine Herausforderung, unter Suchtdruck einen klaren Gedanken zu fassen. Wie wäre es damit, drei verschiedene Reaktionsmöglichkeiten festzulegen und dann eine davon auszuwählen?

Wenig Einsatz von alternativen Verhaltensweisen

Ein Suchtmittel aufzugeben hat zur Folge, dass sich zunächst eine Lücke auftut: Bestimmte Gewohnheiten fallen weg, frühere Bekannte und Freunde sind vielleicht zu meiden, ebenso die Konsumorte. Wichtig für die Therapie ist, dass die Gruppenteilnehmer alternative Verhaltensweisen ausprobieren und aktiv in der Erarbeitung von Alternativverhalten sind. Dies kann problematisch sein. Wenn ein Patient selbst keine Vorschläge zu möglichen Verhaltensänderungen hat und die Vorschläge von anderen und dem Therapeuten durchgehend entwertet, dann stellt dies ebenfalls eine Form von Widerstand dar. Veränderung ist mit Anstrengung verbunden. Wer diese scheut, kann auf Dauer nicht viel für sich erreichen.

Therapeut: Herr K., konnten Sie am gestrigen Abend etwas aktiver sein?

Patient: Ich habe den Abend gestern auf der Couch vor dem Fernseher verbracht.

Therapeut: Hatten Sie sich nicht etwas anderes vorgenommen?

Patient: Ich hatte kurz darüber nachgedacht, joggen zu gehen.

Therapeut: War es schwer, dieses Vorhaben umzusetzen?

Patient: Ich glaube nicht, dass mir das etwas gebracht hätte. Ich hatte gestern gar keine Lust, joggen zu gehen. Warum sollte ich mich dazu zwingen?

Therapeut: Erinnern Sie sich noch daran, was wir beim letzten Mal besprochen haben?

Patient: Sie meinten, ich solle wieder mehr angenehme Tätigkeiten in meinen Alltag einbauen. Aber ich habe gerade einfach nicht das Bedürfnis zu joggen.

Therapeut: Couch und Fernseher sind gerade das Richtige?

Patient: Ja.

Therapeut: Sie haben bis vor kurzem noch Amphetamine konsumiert und sich damit Hochgefühle verschafft. Ich könnte mir vorstellen, dass Couch und Fernseher Sie auf die Dauer nicht ausfüllen. Je früher Sie anfangen, wieder andere Aktivitäten aufzunehmen, desto leichter wird es für Sie werden. Gibt es denn etwas anderes als Joggen, das Sie unternehmen könnten?

Bewusstes Aufsuchen von Hochrisikosituationen

Insbesondere Gruppenteilnehmer, die bereits mehrfach in Behandlung waren, kennen ihre Risikosituationen. Sie können häufig ganz genau beschreiben, was ihnen ihr Suchtmittel unmittelbar sehr nahebringt. Im hier beschriebenen Programm ist die Haltung des Therapeuten folgende:

Es geht nicht darum, sich komplett zurückzuziehen und keine schwierigen Situationen mehr aufzusuchen. Aber man sollte doch eine gewisse Vorsicht walten lassen: Ununterbrochenes Spiel mit dem Feuer bringt einen in sehr viel stärkere Versuchungssituationen. Auch in diesem Fall geht es um ein gutes Mittelmaß. Eine vorsichtige Konfrontation mit suchtbezogenen Stimuli kann das Vertrauen in die eigenen Fertigkeiten, die Abstinenz halten zu können, erhöhen. Sucht ein Gruppenteilnehmer wiederholt und bewusst Hochrisikosituationen auf, ist dies allerdings vergleichbar mit der Provokation eines Rückfalls.

Patient: Am Wochenende war ich auch auf dem Fußballplatz, um das Spiel unserer Mannschaft anzuschauen.

Therapeut: Haben Sie früher dort Alkohol getrunken?

Patient: Klar, immer.

Therapeut: Hatte sich nicht beim letzten Abstinenzversuch dort auch Ihr Rückfall ereignet?

Patient: Ja, das war so.

Therapeut: Wie häufig sind Sie dort?

Patient: Oh, heute werde ich wieder hingehen und beim Training zuschauen.

Therapeut: Ist das nicht schwierig, so häufig an einem Ort zu sein, wo Sie sonst immer getrunken haben?

Patient: Ach, das muss ich aushalten. Ich kann mich doch nicht zu Hause einschließen.

Therapeut: Wir haben ja die Mechanismen der Konditionierung schon besprochen. Wenn Sie dort sind, werden Sie automatisch an Ihre Konsumzeit erinnert. Dies geschieht relativ automatisch, da Ihr Gehirn diese Erinnerungen abruft. Das birgt die Gefahr, dass der Alkohol Ihnen wieder sehr nah kommt und Sie erneut rückfällig werden. Gibt es für den Moment andere Freizeitgestaltungen, die weniger gefährlich wären?

Mehrfaches Missachten der Gruppenregeln

Gruppenregeln umfassen die grundlegenden Dinge ( Therapievereinbarung), auf die geachtet werden sollte, damit ein produktives Arbeitsklima entsteht. Die Missachtung dieser stört das therapeutische Setting.

Therapeut: Frau B., wir hatten uns zu Beginn unserer Arbeit darauf festgelegt, dass die Handys während der Sitzungen aus sind. Ihres klingelt jetzt erneut. Beim letzten Treffen hatte ich Sie gebeten, es abzuschalten. Durch Ihr Handy wird die Gruppe gestört.

Patientin: Ich habe vergessen, es stumm zu stellen.

Therapeut: Denken Sie daran: Wir haben vereinbart, dass die Geräte aus sind, damit Sie sich ganz auf die Therapie konzentrieren können. Die Gruppensitzungen verlangen viel Aufmerksamkeit und Konzentration und die können wir nur dann aufbringen, wenn Störungen ausbleiben. Zudem ist es nicht respektvoll, wenn das Handy klingelt und ein anderes Gruppenmitglied gerade von seinen Schwierigkeiten im Umgang mit Suchtdruck berichtet. Wenn Sie das Handy nicht ausschalten, könnte die Gruppe dies als Zeichen mangelnden Interesses werten.

Abstinenz oder reduzierter Konsum?

Kontrovers diskutiert wird seit vielen Jahren das Abstinenzgebot in der Suchttherapie. Neben einer völligen Abstinenz als Behandlungsziel oder -voraussetzung kann auch ein verminderter Konsum zum Zwecke einer »harm reduction« eine Zielvereinbarung darstellen. Nur 10–16 % der Suchterkrankten werden durch das Suchthilfesystem erreicht. Remissionen bei nicht behandelten Patienten sind bestätigt. Die Hürde zur Inanspruchnahme einer abstinenzorientierten Behandlung ist vergleichsweise hoch. Frühinterventionen im hausärztlichen Bereich können deutlich mehr Personen erreichen.

Mit dem Ansatz der »harm reduction« kann nach Ansicht der Autoren bei leichteren Konsumstörungen ohne Abhängigkeitsentwicklung eine Trinkmengenreduzierung ein langfristig sinnvolles Ziel sein. Schwere Erkrankungsbilder werden mit dem Ziel der vollständigen Abstinenz in Zusammenhang gestellt. Auch nach den Leitlinien bleibt Abstinenz das vorrangige Therapieziel. Ansätze mit reduziertem Konsum sind möglich, aber nicht umfassend. Es gibt klare medizinische und soziale Kontraindikationen für Konsumreduktion, bspw. Schwangerschaft, Einnahme von wechselwirkenden Medikamenten oder Delinquenz unter Suchtmitteleinfluss. Auch bei vorausgehenden mehrfachen gescheiterten Versuchen einer Trinkmengen-Reduktion oder multiplen Entzugsbehandlungen wäre das Therapieziel der Abstinenz zu bevorzugen. Für beide Behandlungsziele sollte es eine entsprechende therapeutische Begleitung mit regelmäßigen Kontrollen des Therapieerfolges geben (Bischof et al. 2019).

Umgang mit Rückfällen

Rückfälle gehören zu einer Suchterkrankung dazu. Auch während der Behandlung kann es zu Rückfällen kommen. Der Umgang damit hängt von dem Rahmen ab, in dem das Programm angeboten wird. Ein Rückfall muss nicht gleich das Ende der Therapie zur Folge haben. Häufen sich die Rückfälle, muss allerdings darüber gesprochen werden, dass das aktuelle Hilfsangebot nicht ausreichend ist.

Das Programm bietet gute Möglichkeiten, konkrete Rückfallsituationen zu bearbeiten. Wichtig ist eine Vereinbarung darüber, dass Rückfälle bspw. zu Beginn der Gruppenstunde angesprochen werden, so dass das Geschehene auch in die therapeutische Arbeit einbezogen werden kann. Der Betroffene sollte in der Therapie an dem geschehenen Rückfall arbeiten können. Erlaubt es das Setting, können auch unterstützende Einzelgespräche angeboten werden. Die Verheimlichung von Konsumereignissen stellt eine Bedrohung der ernsthaften therapeutischen Arbeit dar.

Patient: Bevor wir anfangen, möchte ich noch sagen, dass ich gestern rückfällig geworden bin.

Therapeut: Gut, dass Sie sich an unsere Abmachung halten und das Thema direkt ansprechen! Schildern Sie doch bitte mal, wie es zu dem Vorfall kam.

Patient: Ich habe Besuch von einem Freund bekommen. Er war schon lange nicht mehr bei mir und wusste nichts von meiner Therapie und meinem Plan, auf Cannabis zu verzichten. Er hat ziemlich schnell »Gras« aus seiner Tasche geholt und gesagt, dass es von sehr guter Qualität sei. Ich wusste, dass er davon ausgeht, dass ich mitrauche, weil ich es immer so gemacht habe. Das habe ich ausgenutzt und bin direkt zurück in das alte Verhalten gefallen.

Therapeut: Ich denke, wir können uns die Situation alle gut vor Augen führen. Sind Sie in der Lage, den Rückfall mit der aktuellen Hilfe zu unterbrechen, oder brauchen Sie mehr Hilfe?

Patient: Nein, ich denke, ich schaffe es so. Eigentlich war es auch gar nicht gut, ich hatte schnell ein schlechtes Gewissen.

Therapeut: Okay. Wichtig wäre es, sich zu überlegen, wie Sie durch Offenheit Ihrem Freund gegenüber mehr Verbindlichkeit in Ihrem Abstinenzvorhaben erlangen können. Haben Sie dazu eine Idee?

Vorlage Therapievereinbarung



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