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Angelika Kutsch
Eine Brücke für Joachim
Saga
I
Der Zug rumpelte über die Weichen. Es war September. Regen zerfloß an den schmutzigen Scheiben und verwischte das Bild, das, obwohl der Zug fuhr, stillzustehen schien. Wenn der Regen einmal nachließ, sah man flaches Land, endlose Wiesen, überzogen vom feinen Netzwerk der Gräben, hier und da Gruppen von schwarzweißen Kühen, die sich dicht zusammendrängten.
Agnes drückte den Kopf tiefer in den Mantel und schloß die Augen. Sie war auf dem Weg in den Urlaub, den ersten Urlaub ihres Lebens. Schulferien kannte sie, Osterferien und Herumsitzen bei grauem Vorfrühlingswetter, Sommerferien mit den Eltern in den Bergen und Weihnachtsferien ohne Schnee. Wie hatte sie sich auf den ersten Urlaub vom selbstverdienten Geld gefreut! Urlaub unter südlicher Sonne an einem weißen Sandstrand, noch im Traum hörte man die Meeresbrandung, und wenn man Glück hatte, fand man die Liebe seines Lebens – oder wenigstens eine Sommerliebe.
Lutz berührte sie an der Schulter. »Du bist sicher müde. Schlaf ein bißchen. Ich weck’ dich, wenn wir aussteigen müssen.«
Agnes riß wütend die Augen auf. Natürlich war sie müde – beinahe wäre sie eingeschlafen. Wer wurde nicht schläfrig im Bummelzug! Wie schön wäre es, jetzt allein im Zug zu sein, ohne Lutz jedenfalls, südwärts in einem schnellen, gut gefederten, lautlosen Zug.
Und da saß sie im Abteil eines Lokalzuges mitten unter lärmenden Schulkindern. Statt nach Süden fuhr der Zug nach Norden, und ihr Ziel war alles andere als großartig. Es war nicht einmal ein richtiger Urlaub, eine Verlegenheitslösung nur, weil die anderen im Augenblick nichts mehr mit ihr anzufangen wußten. In so einem Fall war es immer gut, einen fortzuschicken. Die anderen meinten offenbar, räumlicher Abstand schaffe auch Abstand zu Ereignissen. Man löste doch keine Probleme, indem man wegfuhr! Die Erinnerung ließ sich nicht einfach auf einer Reise abschütteln. Sie fuhr mit, erneuerte sich mit den Bildausschnitten, die das Zugfenster vorbeitrug. Manchmal lief die Landstraße neben den Schienen her, sie war blank vom Regen und leer, die Bäume am Straßenrand sahen aus, als ob sie bis zum Bauch im Wasser ständen. Immer wieder sprang ihr so ein Baum ins Auge, starr und unverrückbar, so wie er damals plötzlich scharf umrissen aus dem Regen vor ihnen aufgestanden war.
Agnes bewegte sich unruhig, wie um die Erinnerung zu verscheuchen.
»Kannst du doch nicht schlafen?« fragte Lutz teilnehmend. »Vielleicht hast du Hunger. Ich wette, du hast heute morgen vor Aufregung nicht gefrühstückt. Hier, iß eine Banane!«
Agnes wandte den Kopf ab. »Ich mag nicht«, brummte sie. Außerdem hatte sie heute morgen unter der Aufsicht der Mutter gefrühstückt, von Aufregung keine Spur. Aber sie war es leid, sich zu verteidigen, richtigzustellen. Für Lutz und alle anderen war sie noch krank, verletzt, zwar nicht mehr sichtbar an einem Körperteil, aber irgendwo tief drinnen. Man sah es nicht. Man mußte ihre wunden Punkte raten. Man versuchte, mit Rücksicht und Zartgefühl zu helfen.
Fehlte nur noch, daß Lutz ihr gleich ein Kissen in den Rücken steckte, weil sie blaß war und keine Banane essen wollte, ausgerechnet ihr Bruder Lutz, der ihr sonst alle Schokolade, Apfelsinen, saure Gurken, eben alles, was er mochte, ohne Hemmungen vor der Nase wegaß. Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu. Aber Lutz hatte sich schon wieder in seinen Kriminalroman vertieft. Warum fand er außer peinlich teilnahmsvollen Fragen kein Gesprächsthema? Gespräch? Ach was, reden, kichern wollte sie, ihn in die Seite boxen und wiedergeboxt werden, um zu beweisen, daß sie die alte Agnes war.
»Möchtest du die Banane wirklich nicht?« fragte er, ohne von seinem Buch aufzusehen. »Wir sind nämlich gleich da.« Blind tastete er neben sich, das Buch auf den Knien balancierend, schälte er die Banane und aß sie allein auf. Er mußte sich beeilen, schon tauchten die Vororte der Stadt auf.
Agnes sah aus dem Fenster. Vor ihnen tat sich die rußgeschwärzte Bahnhofshalle auf. Die Reise war immer noch nicht zu Ende. Der letzte, unangenehmste Teil stand noch bevor, die Busfahrt, die Landstraßen – die Bäume an der Straße. »Ich werde nie wieder in ein Auto steigen«, hatte sie oft gesagt.
Anfangs hatten die anderen rücksichtsvoll geschwiegen, später gelächelt, und als es kürzlich um den Reiseplan ging, hatten sie widersprochen.
»Natürlich kannst du, man ist heutzutage aufs Auto angewiesen.«
Sie waren in der Überzahl, Mutter, Vater und Lutz, und sie hatten entschieden, daß es durchaus zumutbar sei, einmal in der Woche von ihrem »Kurort« mit dem Bus zur Krankengymnastin in die nächste Stadt zu fahren.
Der Zug hielt mit einem Ruck. Lutz warf seinen Kriminalroman ins Gepäcknetz und holte Agnes’ Koffer herunter. Er half ihr beim Aussteigen. Er trieb sie nicht zur Eile an; er wußte, daß sie noch Schwierigkeiten hatte. Sicher war das wieder ein Ausdruck seines verborgenen Feingefühls, als er sagte: »Ich gehe schon vor und kaufe dir einen Stadtplan. Wir treffen uns vor der Bahnhofshalle.«
Die erste Übung in Selbständigkeit, dachte Agnes ironisch. Üben, üben, üben hatte der Arzt zu ihr gesagt – offenbar nicht nur zu ihr, sondern auch zu den anderen. Sie hatten in der letzten Zeit so oft versucht, sie zu neuer Selbständigkeit zu erziehen, daß Agnes auf dem besten Wege war, an ihre Unselbständigkeit zu glauben.
Anfangs hatten sie jeden ihrer Schritte bewacht, gleichsam mit ausgestreckten Händen. Es war so weit gewesen, daß sie beim kleinsten Handgriff nach der Mutter rief, lange Zeit traute sie sich nicht allein vor die Haustür, weil sie fürchtete hinzufallen, sich lächerlich zu machen. Genau genommen war es ein Glück, daß sie endlich von zu Hause wegkam, mochte ihr Urlaubsziel auch noch so spießig sein. Betont gelassen schlenderte sie durch die Bahnhofshalle, in der sich die abgestandene Luft vergangener Sonnentage mit dem Geruch nach regennassen Kleidern mischte. Von ferne sah sie Lutz mit zurückgelegtem Kopf vor dem Fahrplan der abfahrenden Züge stehen. Sie hatte sein Zartgefühl offenbar doch überschätzt. Den Stadtplan hatte er nur vorgeschützt, weil er sich genierte einzugestehen, daß er so schnell wie möglich zurück wollte.
Niemand beachtete sie, weder ihren neuen Hosenanzug, den sie eigens für die Reise bekommen hatte und auf den sie sehr stolz war, noch ihren etwas schleppenden Gang. Ein junger Mann ging vor ihr hinaus und fand nichts dabei, ihr die Tür vor der Nase zufallen zu lassen. Am Fußgängerüberweg hielt erst das dritte Auto.
Als sie mitten auf der Fahrbahn war, hörte sie Lutz hinter sich rufen. Sie setzte ihren Weg fort und drehte sich erst auf der anderen Straßenseite um. Glaubte er, sie könne nicht einmal allein über die Straße gehen?
Drüben stand er und fuchtelte mit dem Stadtplan, den er offenbar doch noch besorgt hatte. Die ganze Probe war umsonst gewesen. Er winkte sie zurück. Links, links zeigte sein Arm, dort hielt der Bus.
»Ich hab’ dir doch gesagt: vor der Halle«, maulte er. »Darf man dich denn keine Minute aus den Augen lassen?«
Er half ihr beim Einsteigen, und ehe er die Fahrscheine löste, sorgte er dafür, daß sie einen Sitzplatz bekam. Das war die Art, mit der man sie zur Selbständigkeit erziehen wollte! Agnes ließ es über sich ergehen. Noch drei, höchstens vier Stunden, dann fuhr Lutz zurück. Dann fing ihr Urlaub an, die große Freiheit. Dann konnte sie sich auf die Probe stellen, vier Wochen lang, vielleicht sogar fünf. Das hing davon ab, wie es ihr gefiel, und ob es dem Vater gelang, sich im Oktober von seiner Arbeit freizumachen. Dann würden er und die Mutter herkommen, um Agnes abzuholen, und vielleicht würden sie ein paar Tage bleiben. Herbsttage an der See – darunter stellten sie sich etwas sehr Schönes vor.
Der Bus fuhr an, sachte, beruhigend brummend wie ein gutmütiges Tier. Die anderen hatten recht. Busfahren war nicht mit Autofahren zu vergleichen, die vielen Menschen um sie herum, der breite Gang und die unbehinderte Aussicht aus großen Fenstern gaben Agnes ein Gefühl der Sicherheit. Schmutz und Regen verwischten das Bild. Ein spitzer Kirchturm zerrann. Einmal tauchten Schiffsschornsteine über flachen Dächern auf, Kräne schwenkten unsichtbare Lasten über unsichtbaren Arbeitsplätzen.
Die Stadt lag bald hinter ihnen. Das Land war flach und wenig bebaut, so daß man sich fragen konnte, warum die Straße in komplizierten Windungen angelegt war, denen der schwere Bus nur mühsam folgen konnte. Die Pappeln am Straßenrand waren mager und windgebeugt. Agnes versuchte, sie zu übersehen. Sie sah nach vorn und war nun wirklich gespannt auf das Dorf, dessen Namen sie bis vor kurzem noch nie gehört hatte. Ein paar Wochen Ruhe, hatte der Arzt empfohlen, möglichst in einer fremden Umgebung.
Daraufhin hatte die ganze Familie viele Abende über den Atlas gebeugt verbracht; sie waren mit den Fingern an den Bahnlinien entlanggefahren, hatten in hellbraunen Mittelgebirgen verhalten, und Lutz hatte Prospekte aus dem Reisebüro geholt. In ihnen nahmen die grünen und hellbraunen Flecken aus dem Atlas Gestalt an: Pension »Haus Sonnenblick« und »Waldesruh«, leuchtend weiße Fensterfronten, grünüberschattete Waldwege und vor dem Panoramablick eine Ruhebank mit einem älteren Paar von hinten.
Agnes wollte keine Pension mit Waldblick, sie wollte ein Hotel direkt am Strand. Sie wollte alles nachholen, was ihr in diesem Sommer entgangen war. Aber ihr Protest half nichts. Sie sei noch nicht gesund genug, um allein die weite Fahrt in den Süden zu unternehmen – und überhaupt hatten die Eltern etwas gegen ihren »Südentick«, wie sie es nannten.
Sie hatten sich natürlich nicht gestritten. Zum Streiten war Agnes noch zu krank. Man redete ihr gut zu, und wenn Frau Wilkens nicht gewesen wäre, hieß ihr Ziel jetzt vielleicht Malente oder Braunlage.
»Schicken Sie das Mädchen an die See«, hatte sie Agnes’ Eltern geraten. Sie fuhr jeden Sommer »an die See«. Das war stark übertrieben, denn ihr Urlaubsort lag weit entfernt vom offenen Meer an der Wesermündung. Das sah man mit bloßem Auge auf der Landkarte. Die Vorteile, die sie aufzählte, leuchteten ein: Die Luft war gut, die Zeit war günstig, die Preise noch günstiger. Die arme, alleinstehende Frau Brodersen würde sich über die Extra-Einnahme außerhalb der Saison freuen, und Agnes wäre in guter Obhut. Zwei nette Mädchen waren sozusagen im Preis inbegriffen.
Das alles besprachen sie über Agnes’ Kopf hinweg, und an einem stillen Abend schrieb der Vater einen Brief. Agnes konnte sich ausmalen, was alles darin stand: Meine Tochter hat Schweres hinter sich, seien Sie rücksichtsvoll, haben Sie Nachsicht mit ihren Launen –
Lutz, der in Bremen studierte, wurde zum Reisebegleiter ernannt. Heute morgen hatte er sie am Bremer Bahnhof erwartet, um sie bei Frau Brodersen abzuliefern. Nun saß er neben ihr, hatte schlechte Laune wegen des verlorenen freien Tages und wagte nicht, seine schlechte Laune zu zeigen. Er sah nicht aus dem Fenster. Offenbar machte er sich überhaupt nichts aus der rauhen Landschaft des Nordens, die er ihr vor gar nicht langer Zeit selber schmackhaft zu machen versucht hatte. Er konnte nicht einmal auf Frau Brodersens Tochter neugierig sein, weil sie Lenchen oder Leni hieß – das war nach Frau Wilkens’ Aussagen nicht einwandfrei zu klären. Frau Wilkens war begeistert von ihr, für Lutz Grund genug, mißtrauisch zu sein.
Agnes hatte auch kein besonderes Interesse an einer Bekanntschaft mit diesem Mädchen. Ihr genügte es zu wissen, daß man sie nicht wieder in eine Klinik oder in ein Sanatorium stecken wollte. Sie haßte alle Häuser, die sie ans Krankenhaus erinnerten, vierkantige Klötze mit langen, blanken Fensterreihen, und dahinter blanke Korridore, über die Schwestern mit gleichsam ebenso blanken Gesichtern huschten. Agnes waren sie im Gegensatz zu ihrer eigenen Unbeweglichkeit wie hüpfende, tanzende, glückliche Gelenkpuppen erschienen, immer eilig, immer freundlich, immer hilfsbereit, aber manchmal riefen ihre lächelnden Gesichter die Vorstellung von geschlossenen Türen hervor. Am schlimmsten waren die Korridore. Sie taten nichts, um ihr die ersten Gehversuche zu erleichtern, keine Ermunterung, keine Freundlichkeit ging von ihnen aus, ein Geländer in Griffhöhe entlang der Wände, das war alles. Nun sieh zu. In den Nischen wartende Besucher, neugierig, aber sie schauten weg, und wenn man vorbei war, spürte man ihre Blicke im Nacken, in den Kniekehlen.
Jene Monate im Krankenhaus waren wie ein unvorstellbar langer Korridor gewesen, an dessen Ende der Tag der Entlassung lockte. Für Agnes war er gleichbedeutend mit der Rückkehr ins alte Leben, Büro, Kollegen – wie hatte sie sich darauf gefreut! So sehr sie das Büro früher gehaßt hatte, manchmal, vom Krankenbett aus waren ihr die Tage dort wie ewige Feiertage erschienen.
Vor ihrem Unfall war sie kaufmännischer Lehrling im Papiergroßhandel der Gebr. Gerstmann gewesen. Der lange Krankenhausaufenthalt hatte sie um ein Jahr in ihrer Ausbildung zurückgeworfen. Und nun ein neuer Aufschub, noch mehr Stillstand. Anstatt sie in die vertraute Umgebung zu entlassen, schickte man sie zu Fremden, die von ihr nichts wußten, und von denen sie nichts wissen wollte. Bis zu dem Unfall jedenfalls war sie beliebt gewesen. Wohin sie kam, wurde sie gehätschelt und liebevoll gehänselt. Man nannte sie »die Freche«, weil sie Frech mit Nachnamen hieß. Sie war klein und mußte sich auf ihre Weise behaupten. Wie sie das tat, gefiel den anderen.
Nach dem Firmenweihnachtsfest war sie mit Geschenken beladen hinausgegangen, glücklich. Sie hatte einige Gläser Wermut mit den anderen getrunken, ihr war warm, sie war beschwingt. Es hatte ein wenig geregnet, und als der Lagerverwalter Döpke neben ihr bremste und sie zum Mitfahren einlud, weil sie den gleichen Weg hatten, hatte sie nicht nein gesagt. Sie kannten sich schon lange. Sie hatte ihn gern, er war so ruhig und immer heiter. Mitten in der Inventurarbeit konnte man mit den dümmsten Fragen zu ihm kommen, er blieb immer gelassen. Wenn er keine Überstunden machte, nahm er sie im Auto mit. Weihnachten arbeitete natürlich niemand eine Minute länger als unbedingt nötig.
»Hast du gesehen, wie dem Chef die Tränen vor Rührung über seine eigene Rede in den Augen standen?« hatte er Agnes unterwegs gefragt. Sie hatten gelacht und gesungen. Vor ihnen lagen fünf freie Tage.
Es dämmerte schon. Eigentlich kannte Herr Döpke die Straße wie seine Westentasche. »Mir passiert nie etwas«, hatte er immer gesagt, und im Sommer desselben Jahres war er ausgezeichnet worden für zwanzig Jahre unfallfreies Fahren.
Und dann war ihm doch etwas passiert. Wer war schuld? Herr Döpke konnte nichts mehr dazu aussagen. War es der Regen gewesen, der Wermut? Hatten sie zu sehr gelacht? Hatte Agnes ihn abgelenkt? Plötzlich war dieser Baum dagewesen. Die Schrecksekunde war unendlich lang gewesen. Agnes erinnerte sich genau. Die Zeit schien stillzustehen, während die Dinge mit rasender Schnelligkeit auf sie zukamen, der Baum, die Zaunpfähle. Graben oder Baum konnte sie denken, was ist schlimmer? So ist das also. So fühlt sich das an, merk dir das, das Schleifen der Räder, das Röhren des Motors, als hätte Herr Döpke im letzten Augenblick versucht, Gas zu geben. Aber sie erinnerte sich nicht mehr daran, was er gesagt hatte, ruhig wie immer, sie erinnerte sich nur an den Ton seiner Stimme, bedauernd, leise. Wie um Entschuldigung bittend. Dann das Knirschen und Splittern, und dann war es endlich, endlich still und dunkel gewesen.
»Ein Glück, daß sie nicht lange bewußtlos gewesen ist«, hatte der Arzt gesagt, und jeder, der sie besuchen kam, wollte sie damit trösten. Es hätte noch viel schlimmer kommen können. Dein Gehirn hat keinen Schaden abbekommen. Stell dir vor – man versuchte sie zum Lachen zu bringen. Aber es hatte lange gedauert, ehe ihr wieder nach Lachen zumute war.
Die anderen hatten sie häufig im Krankenhaus besucht. Anfangs verbreiteten sie stille Teilnahme und später laute Fröhlichkeit. Sie brachten allerlei unnützen Krimskrams, Stofftiere, Puppen, Mobiles – sie gaben sich wirklich Mühe. Ihr Gips war über und über mit Namen, Blümchen und Männchen bekritzelt.
Aber je länger sie im Krankenhaus blieb, um so spärlicher wurden die Besuche, und seitdem sie zu Hause war, ließ sich niemand mehr blicken. Einmal hatten sie angerufen – ein Gemeinschaftstelefongespräch, zu dem jeder ein ermunterndes Sätzchen beitrug. Aber im Grunde schien niemand mehr mit ihr zu rechnen.
Und nun hatte sie es doch geschafft. Sie hatte wieder gehen gelernt. Eigentlich ging es ihr gut, wenn nur die Angst nicht gewesen wäre, Angst vor »draußen«, Angst vor den anderen. »Sie muß zu sich selbst finden«, hatte der Arzt gesagt.
Deswegen schickte man sie also in dieses Dorf. Es lag vor ihnen im Schatten des Deiches, der sich wie eine Mauer in weitem Bogen um den Ort zog.
Hupend scheuchte der Bus Hühner von der Straße. Er hatte Mühe, sich in die kopfsteingepflasterte Gasse einzufädeln, die so schmal war, daß er fast die Steinmauer des Kirchhofes streifte.
Bevor er ausstieg, fragte Lutz den Fahrer, wann der nächste Bus zurück in die Stadt führe. Er hat es eilig, von hier fortzukommen, dachte Agnes, das kann ich verstehen. Sie sah sich um. Die Häuser, die im Halbkreis um die Kirche standen, waren schon sehr alt. Eins schien das andere zu stützen. Die alten Giebel mit ausgefransten Strohdächern neigten sich vornüber wie neugierige Gesichter. Agnes schlug den Jackenkragen hoch. Sie warf einen Blick zum Himmel. Es hatte aufgehört zu regnen, aber der Wind war kalt und drang durch alle Kleider bis auf die Haut. Agnes dachte an die Bikinis in ihrem Koffer. Vermutlich war sie doch zu optimistisch gewesen.
»Siebzehn Uhr zehn –«, murmelte Lutz vor sich hin, »siebzehn Uhr zehn –« Sie gingen die Dorfstraße entlang, verfolgt vom Gebell der Hofhunde, die mit ihren Ketten rasselten. An der Öffnung des düsteren Halbrunds stand ein Pfahl, der unter der Last der Schilder schier zusammenzubrechen drohte. »Zum Strandbad«, hieß es, »Camping«, »Haus Wattenblick«, »Jugendhof«. Daneben stand ein kleiner Kiosk, der mit Zeitschriften ebenso überladen war wie der Pfahl mit Schildern.
»Warte«, sagte Lutz, »ich werde nach dem Weg fragen!« Er grub in seinen Hosentaschen nach Kleingeld für einen neuen Krimi.
Agnes wartete in einiger Entfernung bei den Koffern und fror im Wind.
»Ein unfreundlicher Patron«, sagte Lutz, als er zurückkam, »man merkt, daß die Saison vorbei ist. Die haben’s nicht mehr nötig. Hoffentlich schickt er uns wenigstens nicht in die Irre!«
Die Straße sah nicht aus wie ein Irrweg. Schnurgerade führte sie auf den ebenso schnurgeraden Deich zu. Hier schaute Himmel zwischen den Häusern herein, die noch nicht so alt waren. Sie brauchten keine Stütze und standen jedes für sich in weitläufigen Gärten. Ihre Ziegeldächer leuchteten frisch gewaschen nach dem Regen, der Wind wühlte in alten Baumkronen und warf die ersten Blätter auf Rasen und Beete.
Lutz blieb stehen. Vergeblich suchte er nach Hausnummern. Die Schildchen an den Gartenpforten waren von Efeu überwuchert oder vom Regen verwaschen. Er zählte die Häuser und wies auf einen Bungalow, der auf einem künstlichen Hügel lag. »Nummer zwölf muß nach Adam Riese die Villa da oben sein.«
Das schöne neue Haus söhnte sie ein wenig aus mit dem Urlaub im »Kuhdorf«. Vielleicht wurde es doch noch ganz nett.
Ein schmaler Trampelpfad wand sich an einem grünen Lattenzaun entlang, über den mannshohe Sonnenblumen ihre regenschweren Köpfe hängenließen. Das Haus lag auf einer gepflasterten Plattform. Der Eingang war auf der Nordseite, und hier in seinem eigenen Schatten verlor das Haus an Glanz. Neben allerlei Eimern und Schaufeln, Harken und Besen, standen Gummistiefel verschiedener Größen, mehr oder minder verschmutzt, und über eine borstige Matte hatte jemand ein handgemaltes Pappschild gehängt: »Bitte Schuhe abtreten«.
Nachdem Lutz geklingelt hatte, stieß Agnes ihn in die Seite. »Untersteh dich, ihnen Ratschläge zu geben, wie sie mich behandeln sollen!« Erst nachdem Lutz noch einmal geklingelt hatte, öffnete sich die Tür, einen Spalt nur. In Schlüssellochhöhe schob sich ein blonder Kopf hervor, zuerst ein riesiger, gebauschter Haarknoten mit einer Schleife, dann ein gewaltiger Pony und darunter ein kleines Gesicht mit dunklen Augen.
Wie auf Verabredung begannen Lutz und Agnes im Takt auf der Matte zu treten. »Guten Tag –«
»Meine Mutti kommt gleich«, unterbrach das Mädchen, ohne zur Seite zu rücken.
Agnes und Lutz traten unverdrossen auf der Stelle, und Agnes glaubte, vor Lachen platzen zu müssen. Das war ja ein schöner Empfang.
Mit einem Ruck, der das kleine Mädchen zur Seite stieß, wurde die Tür weit geöffnet. Den frei werdenden Raum füllte eine rundliche Frau aus. Sie streckte ihnen die kurzen Arme entgegen. »Die Geschwister Frech – willkommen!« sagte sie und noch einiges mehr, was man so zur Begrüßung sagt.
Sie schob das kleine Mädchen sanft aus dem Weg. »Eigentlich wollte Lenchen dir das Zimmer zeigen, sie freut sich so auf deinen Besuch. Aber ausgerechnet heute nachmittag hat sie Gymnastik. Übrigens, das ist Uschi, meine Jüngste.«
»Ulla«, verbesserte das Mädchen. Schritt für Schritt gab es den Zugang zur Treppe frei, die ins oberste Stockwerk führte.
Die Zimmer waren alle schräg, und eins war wie das andere eingerichtet, Waschbecken, Kleiderschrank, billigste Ausführung aus dem Kaufhausangebot, ein dreibeiniges Tischchen, Doppelbettstellen und Fenster, die nur halbrunde Ausgucklöcher waren.
»Du möchtest sicher ein Zimmer mit Blick aufs Meer«, sagte Frau Brodersen. Agnes fühlte sich an ein Fenster geschoben.
Pflichtschuldig betrachtete sie die Aussicht. Lange suchte sie das »Meer«. Erst ein vorbeifahrendes Schiff zeigte es ihr; es war genauso grau wie der Himmel, und das jenseitige Ufer, das es laut Landkarte noch in sichtbarer Nähe geben mußte, verschwamm im Dunst. Wenn sie sich vorbeugte, konnte sie den Pfad sehen, den sie eben heraufgekommen waren. Am Fuß des Hügels lag ein Haus, das sie vor lauter Sonnenblumen übersehen hatte. Wie frisch gestutzte Stirnfransen stülpte sich das Strohdach über die kalkweißen Wände.
»Taprogges Haus ist das meistfotografierte im Dorf«, erklärte Frau Brodersen, stolz über so prominente Nachbarschaft.
»Schön«, sagte Lutz, »sehr schön.« Und das Schiff draußen stieß wie zur Bestätigung ein nachdrückliches Tuten aus.
Agnes sah auf die Uhr. »Du mußt jetzt gehen«, sagte sie.
Lutz klopfte ihr auf die Schulter. »Mach’s beste draus«, flüsterte er ihr zu und ging schnell hinaus.
Frau Brodersen folgte ihm. »Wir sind immer für Agnes da«, versprach sie.
Die Tür blieb einen Spalt offen, und Agnes hörte, wie Lutz sagte: »Sie ist nur übermüdet von der Zugfahrt – eigentlich furchtbar brav –« Alles konnte sie nicht verstehen, aber es genügte, um sie wütend zu machen. Na wartet, dachte sie, ihr werdet noch Augen machen!
»Keine Sorge, ich hab’ Erfahrung mit diesem Alter.« Frau Brodersen redete ungeniert laut. »Ich bin froh, daß mein Lenchen Gesellschaft bekommt. Sie liegt mir schon lange in den Ohren, ich solle mal jüngere Pensionsgäste nehmen. Aber das junge Volk will ja nicht aufs Land. Und ich hatte auch so meine Bedenken. Man fühlt sich ja schließlich verantwortlich.«
Agnes starrte zornig aus dem Fenster. Das Schiff hatte den Bildausschnitt verlassen. Gähnende Leere, eine Mischung von grau und grün. Dann erschien Lutz, das einzige menschliche Wesen in der trostlosen Landschaft. Am Zaun drehte er sich noch einmal um. Er winkte.
Agnes rührte keine Hand. Sie drehte sich um und stand Frau Brodersen gegenüber. Sie glaubte wohl, so etwas wie Abschiedschmerz in Agnes’ Miene zu entdecken, und sagte herzlich: »Wir werden es uns so richtig schön machen! An uns soll es nicht liegen!«
Agnes schwieg abweisend.
»Ich muß jetzt nach dem Essen sehen«, sagte Frau Brodersen, »Donnerstag ist mein freier Nachmittag. Da gibt es immer etwas besonders Gutes. Komm herunter, wenn du ausgepackt hast. Bis dahin wird auch Lenchen da sein!«
Endlich allein! Im Handumdrehen hingen die Kleider im Schrank. Auf der Glaskonsole über dem Waschbecken standen ihr Zahnbecher und ihr Deodorant, unter dem Bett lugten ihre Pantöffelchen hervor, und immer noch war es nicht ihr Zimmer. Auf dem Tisch lag ihr eigentlicher Besitz, den sie immer mit sich herumtrug, ein kunterbuntes Durcheinander von geliebtem, unnützen Krimskrams. Am Fußende des Bettes lag Lutz’ Kameraausrüstung.
Eigentlich nett von ihm, ihr den teuren Apparat für den Urlaub zu geben. Oder hatte er ihn ihr nur gegeben, weil sie noch so krank war? In einem unbeobachteten Augenblick hatte er einige Taschenbücher auf den Nachtschrank gelegt. Verächtlich stopfte sie die Bücher in eine Schublade. Seit Monaten hatte sie gelesen, tagaus, tagein, jetzt hatte sie Urlaub. Jetzt wollte sie all das erleben, was sie bisher nur gelesen hatte. Energisch drehte sie den Wasserhahn auf. So sehr sie auch an dem Hahn mit dem roten Knopf drehte, das Wasser blieb kalt. Sie wollte nicht nur den Reiseschmutz abwaschen, sie wollte Abstand schaffen zwischen sich und Lutz, Zuhause, dem Krankenhaus ...
Als sie mit dem Waschen fertig war, merkte sie, wie müde sie war. Nur einen Augenblick hinlegen, dachte sie, Kräfte sammeln, noch heute abend gehe ich aus, vielleicht mit dieser Leni oder wie immer sie heißen mag. Vom Bett aus konnte sie den Himmel sehen, graue Leere mit dunkleren Tupfern, und plötzlich war sie eingeschlafen. Als jemand an die Tür klopfte, um sie zum Essen zu holen, mochte sie die Augen gar nicht mehr öffnen. »Morgen«, murmelte sie und zog sich die Bettdecke über die Ohren.
II
Es war so still, daß Agnes davon erwachte. Ihre Träume waren laut und bunt gewesen, voller Bewegung, sie war gelaufen, gesprungen, sie hatte getanzt – das träumte sie oft. Jetzt die Stille, sie glättete die Wirbel, ließ die Farben verblassen.
Agnes kam langsam zu sich, spürte das steife, fremde Laken. Es war so glatt, als habe sie sich die ganze Nacht überhaupt nicht gerührt. Wie viele Tage und Nächte hatte sie so gelegen, auf dem Rücken, die Beine ausgestreckt, bis zu den Hüften in Gips, und jedesmal, wenn sie erwachte, kehrte die Unsicherheit in ihr Bewußtsein zurück: Werde ich je wieder gehen können? Vorsichtig zog sie ein Bein an. Es ließ sich bewegen. Immer, wenn sie aufwachte, fürchtete sie, daß sie nur geträumt hätte, wieder gehen zu können.
Im ersten Augenblick wußte sie nicht, wo sie war. Ihr Blick ging automatisch zum Kopfende, dahin, wo sie früher im Krankenhaus den alten Autorückspiegel angebracht hatte, ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Er hatte einen Ausschnitt der Straße gespiegelt, Autodächer, Leute mit kurzen Beinen und großen Köpfen. Ihr Zimmer hatte im ersten Stock gelegen. Später hatte sie nur noch Beine gesehen, die dichtbelaubten Bäume hatten die Körper verdeckt, Beine, die es eilig hatten, besonders, wenn sie das Krankenhaus verließen.
Jetzt blickte sie gegen durchsichtige Blätter, die in rosigem Dämmern schwammen. Träumte sie doch? Mit einem Ruck setzte sie sich gerade auf und schlug sich den Kopf an der Dachschräge an. Richtig, sie war am »Meer«. Die Vorhänge waren durchglüht von einem geheimnisvollen Licht. Irgend jemand mußte sie zugezogen haben, während sie schon schlief. Neben ihr auf dem Nachttisch stand ein Glas mit gelbem Saft.
Entschlossen stieg Agnes aus dem Bett und zog die Vorhänge zurück. Das gleißende Sonnenlicht auf dem Wasser blendete sie. Sonne – Wasser! Vielleicht war doch noch nicht alles verloren. Wenn Engel reisen ... würde Frau Wilkens jetzt sagen.
Agnes wusch sich tapfer mit dem kalten Wasser und konnte gar nicht schnell genug in die langen Hosen kommen. Hinaus in die Sonne! Aber die Stille im Haus machte sie stutzig. Vielleicht war es noch zu früh? Vorsichtig, um keinen Lärm zu machen, öffnete sie die Tür. Vor ihren Füßen lag etwas Helles. Agnes hob den Zettel auf. »Guten Morgen!« stand darauf, ein weiterer Zettel mit einem dicken blauen Pfeil wies die Treppe hinab, und unten lag mitten im Flur der Hinweis »Kaffee«. Der Pfeil zeigte in die Küche, wo eine Ecke des Tisches für sie gedeckt war. »Schade«, stand auf dem Zettel, der an der Thermoskanne lehnte, »daß du so eine Schlafmütze bist.« Und darunter: »Lena.« Agnes schichtete die Papiere neben ihrem Frühstücksteller, der Grundstock ihrer Urlaubserinnerungen. Nun tat es ihr doch leid, daß sie das Mädchen Lena gestern abend verpaßt hatte.
Der Kaffee aus der Thermoskanne schmeckte schal, und auch das Ei, das unter einer Miniaturpudelmütze steckte, war nicht mehr warm. Agnes beeilte sich mit ihrem Frühstück.
Sie ging noch einmal in ihr Zimmer, um die Badetasche zu packen, Bikini, Handtuch, einen Kamm. Einen Augenblick stand sie vorm Spiegel und zupfte ungeduldig an ihrem Haar. Es ärgerte sie, daß es in den letzten Wochen nicht schneller gewachsen war. Lange Haare waren für sie ein Inbegriff von Romantik und Gesundheit. Monatelang hatte sie einen Stoppelkopf gehabt, von der Mutter regelmäßig nachgeschnitten. Kurzes Haar war ja so praktisch im Krankenbett. Seitdem hielt Agnes kurzes Haar für ein Zeichen von Krankheit. Je länger ihr Haar wurde, desto wohler fühlte sie sich. Jetzt konnte sie es schon über den Ohren mit einem Gummiband zu abstehenden Rattenschwänzen zusammenbinden. Zu Hause hätte sie sich damit nicht auf die Straße getraut, aber im Urlaub ist alles erlaubt. Die Sonnenbrille nicht vergessen! Sie hatte riesige Gläser, die die halbe Stirn bedeckten und ihr ein interessantes Aussehen gaben – fand Agnes.
Die Straße war leer. Auf einem Torpfosten saß eine Katze mit eingeschlagenem Schwanz und blinzelte in die Sonne. Als Agnes sie streicheln wollte, sprang sie in den Garten jenseits des Zaunes.
Agnes hielt auf den Deich zu. Eine hölzerne Treppe führte auf seine Kuppe, aber etwas weiter rechts gab es einen schmalen Durchbruch, den auch Autos passieren konnten. Agnes wählte den bequemeren Weg, und dann lag das »Meer« vor ihr. Kein Rauschen, kein Heulen. Die Straße führte hinab zu einem kleinen Hafenbecken, dessen Kaimauern schief und baufällig aussahen. Das Wasser war weit zurückgetreten. Der bloßgelegte Schlick glänzte in der Sonne. Nur in der Fahrrinne stand noch ein wenig Wasser. Was mochten hier für Schiffe anlegen?
Gleich neben dem »Hafen« war ein Campingplatz. Eingepfercht in einem Drahtzaun standen die Wohnwagenanhänger wie geduldige Schafe.
»Strandbad« verkündete ein abblätterndes Schild an einem Drehkreuz, dahinter ein Häuschen mit verschlossenen Läden. Die Anschläge waren zerrissen und kaum noch zu lesen. »Badeordnung«, »Bitte beachten«, »Badeschuhe verloren!« »Strandkörbe zu vermieten!« Von Strandkörben keine Spur. Ungehindert passierte Agnes die Kasse (Erwachsene zweifünfzig, Kinder eine Mark). Der Spielplatz war leer, die Schaukeln schwangen hin und her, und das Karussell quietschte leise, wenn der Wind ihm einen Schubs gab.
Agnes prüfte den Sand und überlegte, ob sie die Schuhe ausziehen sollte. Zu einem Spaziergang an der See gehörte Barfußgehen. Aber der Sand sah nicht einladend aus, grau, hart, hier und da stach Reit aus der vom Wasser glattgeleckten Oberfläche, und auch sonst lag allerhand herum, das Füßen empfindlich weh tun konnte. Das große Aufräumen nach der Saison hatte offenbar noch nicht stattgefunden.
Der Sandstrand war nur kurz. Dahinter dehnte sich endlos der grüne Deich, in sanftem Bogen umschloß er die Flußmündung, so daß sie aussah wie eine Bucht. Weit draußen glitten Schiffe vorbei, die so klein aussahen, daß Agnes meinte, sie in der hohlen Hand halten zu können. Der Boden am Uferrand war schwarz wie im Hafen, geädert von vielen kleinen Prielen. Agnes hatte einmal gehört, daß Wattlaufen sehr gesund sei. Wenn sie schon nicht baden konnte, wollte sie wenigstens wattlaufen! Sie zog Schuhe und Strümpfe aus und krempelte die Hosenbeine hoch. Schon beim ersten Schritt sank sie bis tief über die Knöchel in den kalten, feuchten Schlick, der ihren Fuß nur widerwillig und mit leisem Schmatzen wieder freigab. Bei jedem Schritt sank sie tiefer. Schon reichte die schwarze Schicht bis unters Knie. Agnes gab auf. Sie kehrte ans Ufer zurück.
Der Wind trocknete den Schlick rasch zu einer harten, grauen Kruste. Agnes hätte sich am liebsten ins Gras gelegt und geheult vor Wut über den verdorbenen Urlaub. Was blieb denn noch? Wasser gab es keines, kalt war es und Wattlaufen geriet zum Schlammbad. Was hatte sie nur erwartet? Es war doch ganz klar, daß Frau Wilkens von all dem nichts wußte. Sie besaß sicher keinen Badeanzug. Ihr Urlaub beschränkte sich vermutlich auf ausgedehnte Deichspaziergänge und abendliches Fernsehen bei Brodersens.
Agnes klaubte ihre Sachen zusammen und humpelte durch den Sand. In der Nähe des Spielplatzes fand sie einige Wasserhähne, man war also eingerichtet auf schmutzige Füße. Wenigstens das.
Was nun? Der Tag war noch lang. Sie bummelte durchs Dorf. Bei der Kirche begegnete sie den ersten Menschen, alte Männer in ausgebeulten Hosen, die das Kopfsteinpflaster mit Strohbesen bearbeiteten. Von irgendwoher kam Kindergeschrei. Die Schule mußte ganz in der Nähe sein. Es war gerade Pause. Agnes ging dem Geschrei nach und spähte durch die Gitterstäbe. Kein Kind war älter als zwölf, dreizehn Jahre.
Während sie noch den tobenden Haufen betrachtete, gewahrte sie Brodersens Jüngste, die sich, ein riesiges Butterbrot in der Hand, dem Zaun näherte. Stumm kauend sah sie Agnes an.
»Guten Morgen«, sagte Agnes betont fröhlich. »Schmeckt’s?« Die Kleine verzog nur den Mund.
»Wo ist denn deine Mutter?«
»Arbeiten.«
»Und wann kommt sie wieder?«
»Spät!« Ulla machte auf dem Absatz kehrt und ließ Agnes stehen. Wohin bin ich geraten, dachte sie, die Kinder sind so komisch wie die Katzen. Niemand will etwas von mir wissen.
Ehe sie sich’s versah, hatte sie die Dorfgrenze erreicht. Die Schilder am Straßenrand wiesen in die Kreisstadt. Eine reizvolle Idee, die Koffer zu packen und heimzufahren. Zu Hause konnte sie sich wenigstens noch im Windschatten der weinumrankten Gartenmauer sonnen. Plötzlich hupte es neben ihr, und gleichzeitig quietschten Reifen. Agnes erschrak und machte einen großen Schritt zur Seite. Der Straßenrand gab unerwartet nach. Sie verlor das Gleichgewicht. Sie schwankte, fiel vornüber und konnte sich im letzten Augenblick im Gras an der jenseitigen Böschung abstützen. Ihre Haltung war sicher nicht sehr elegant. Die Hände gruben sich in den feuchten Boden. Das Auto war in einiger Entfernung zum Stehen gekommen. Jetzt fuhr es rückwärts und hielt neben ihr. Ein Seitenfenster wurde heruntergekurbelt, und ein rotgesichtiger junger Mann mit strähnigem Haar beugte sich heraus. »Entweder willst du einen Autostop oder du willst nicht!«
Agnes rieb sich den Knöchel. »Ich will nicht«, sagte sie unfreundlich. »Kann man nicht einmal ungestört spazierengehen?«
Der junge Mann schnaubte durch die Nase. »Die Landstraße ist doch kein Trampfelpfad!« Er gab Gas und fuhr davon.
Agnes hatte immer noch Herzklopfen. Sie war böse auf sich selbst, weil sie immer noch Angst vor Autos hatte. Vor Schreck in einen Straßengraben zu springen! Sie schielte zum Dorf, ob jemand den beschämenden Vorfall gesehen hatte. Der Schulhof war jetzt leer. Der kleine Zeitschriftenkiosk mit dem dunklen Guckloch zwischen den bunten Zeitschriften sah aus wie ein höhnischer Beobachter.
Entschlossen ging sie auf den Kiosk zu. Niemand sollte denken, daß sie sich genierte. Sie rückte die verrutschte Sonnenbrille zurecht und betrachtete die Titelbilder. Zwischen all dem nackten Fleisch auf dem Papier, angeklebten Wimpern und gelackten Lippen entdeckte sie ein lebendiges Gesicht. Hinter den dunklen Gläsern fühlte sie sich wie unter einer Tarnkappe und musterte den Zeitungsverkäufer neugierig. Es war ein hübscher junger Mann mit dunklen Locken und hellen Augen. Nur die zusammengewachsenen Augenbrauen gaben ihm ein etwas düstres Aussehen. Er mußte ihren Blick doch bemerkt haben, denn er lächelte plötzlich und sagte: »Werfen Sie sich immer in den Straßengraben, wenn ein Auto kommt?«
Agnes versuchte, auf den Ton einzugehen. »Man weiß ja nie, ob der Fahrer nicht gerade schläft.«
»Sie brauchen keine Angst zu haben! Sogar auf dem Lande haben alle Fahrer einen Führerschein!«
Der ironische Ton gefiel ihr nicht. Ausgerechnet der einzige junge Mann des Dorfes schien ein Fiesling zu sein. Wie er sie ansah! Spöttisch, hochmütig, als sei nicht er ein Dorfbewohner sondern sie. Zur Strafe dürfte sie jetzt eigentlich nichts bei ihm kaufen. Sie suchte nach etwas Ausgefallenem, etwas, das er bestimmt nicht zu bieten hatte. Aber die Zeiten waren vorbei, daß ein Großstädter sich etwas auf seine Zeitung einbilden konnte, die es in keinem Dorf zu kaufen gab.
Der junge Mann beobachtete sie amüsiert. Um ihr die Wahl zu erleichtern, blätterte er ihr eine Reihe Heftchen vor, Comics, Krimis und Liebesromane. »Heute neu gekommen«, versicherte er, als habe er frischen Fisch zu verkaufen.
Agnes wurde wütend. Für was hielt er sie eigentlich? »Geben Sie mir eine Lokalzeitung«, sagte sie und legte alle Verachtung in das Wort »Lokalzeitung«.
»Die können Sie sich ersparen! Hier ist wirklich nichts los!«
»Eine Lokalzeitung«, wiederholte Agnes kühl. Sie wich seinem Blick aus. Wenigstens seine Hände waren hübsch, lang und schmal, fast ein bißchen zu zart. Aber die Hände söhnten sie nicht mit seiner spitzen Zunge aus. Außerdem strich er die Geldstücke ein, als seien sie schmutzig. Beleidigt ging Agnes davon.
»Auf Wiedersehen«, sagte er leise.
Agnes war ganz erschöpft, als sie bei Brodersens ankam. Sie setzte sich an den Küchentisch und trank den letzten Rest Kaffee, der jetzt bitter und scheußlich schmeckte. Nach einer Weile kam Ulla nach Hause. Sie riß die Küchentür auf, schleuderte ihre Schultasche in die Ecke neben dem Kühlschrank und starrte Agnes wortlos an.
Unter ihrem Blick fühlte Agnes sich wie ein Eindringling. Unsicher stand sie auf. »Hast du viele Schularbeiten zu machen?«
»Ja.«
»Ich könnte dir helfen!«
»Die mach’ ich jeden Tag allein!«
»Und – was tust du sonst so?« fragte Agnes weiter.
Ulla kniff die Augen zusammen und schwieg.
»Du«, sagte Agnes, »ich glaube, du magst Pensionsgäste nicht, oder?«
»Sie fragen so viel!« Die Antwort kam heftig. »Gehst du gern zur Schule? Wie alt bist du denn? Was willst du denn mal werden?« ahmte sie mit schriller Stimme die lästigen Fragen nach.
»So was habe ich doch noch gar nicht gefragt!«
»Aber du guckst so, als ob du das fragen wolltest.«
Die Abfuhr war deutlich. Agnes nahm ihre Zeitung und ging lächelnd hinaus. Ihr Lächeln war nicht echt. Ulla mußte ihre Unsicherheit spüren, ihre Herablassung, wenn sie mit ihr redete. Wie sehr mußte das kleine Mädchen die Fremden hassen, die sich in ihrem Haus breitmachten, in der Küche saßen, wenn man nach Hause kam, einem beim Schularbeitenmachen zusahen und auch noch dumme Fragen stellten.
Agnes drehte an dem Heizungsknopf in ihrem Zimmer. Die Heizung blieb kalt, und aus dem Wasserhahn kam auch nur kaltes Wasser. Wenn sie warm werden wollte, blieb ihr nichts anderes übrig, als unter die Bettdecke zu kriechen. Sie legte ein Paket Käsegebäck, das noch von der Reise übriggeblieben war, neben sich in Griffnähe und schlug die Zeitung auf. Der Junge hatte recht gehabt, hier war nichts los, wenn man von einer Versteigerung und einem Scheunenbrand absah. In der großen Kurve vor dem Ortseingang war ein Auto in den Straßengraben gefahren, und ein Paar feierte seine Diamantene Hochzeit.
Agnes schleuderte die Zeitung von sich. Wie langweilig alles war! In ihrer Enttäuschung wollte sie den Eltern schreiben. Die sollten ruhig wissen, was sie ihr da ausgesucht hatten! Sie legte sich den Briefblock auf die Knie und ließ den Kugelschreiber auf- und zuschnappen. Es war gar nicht so einfach, der Wut Ausdruck zu geben. Auf dem Papier sah alles anders aus. Konnte sie den Eltern das überhaupt antun? Schließlich hatten sie ihr die Reise geschenkt und das großzügige Taschengeld dazu. Aus dem Alter, in dem man Briefe schreibt wie: »Mir geht es gut, wie geht es Euch? Es grüßt Euch Eure ...«, war sie heraus. Wütend warf Agnes den Briefblock aus dem Bett.
Nach einer Weile erwachte das Haus zum Leben. Türen wurden aufgeschlossen, fröhliche Stimmen mischten sich mit lauter Musik, und es dauerte gar nicht lang, da drang Essensgeruch zu ihr herauf, und sie merkte, wie hungrig sie war. Aber als es endlich an die Tür klopfte, überlegte sie trotzig, ob sie hinuntergehen sollte. Warum luden sie überhaupt Pensionsgäste ein, wenn sie ihnen zur Last wurden?
Der Hunger trieb sie dann doch aus dem Bett und hinunter. Durch die angelehnte Küchentür sah sie als erstes Lena, die auf der Eckbank saß und gelangweilt in einer Zeitschrift blätterte. Ulla fuhrwerkte mit ihrem Besteck auf dem leeren Teller herum. Frau Brodersen stand noch am Herd und wendete Koteletts in der Pfanne.
Lena legte die Zeitschrift beiseite und entdeckte Agnes. »Warum stehst du draußen herum? Komm ’rein. Ich dachte schon, ich würde dich während deines ganzen Urlaubs nicht zu Gesicht kriegen!« Sie war ein ausgesprochen hübsches Mädchen, so, wie man sich immer wünscht auszusehen, wenn man dreizehn ist. Viel älter schien Lena noch nicht zu sein. Darüber täuschten auch ihre hüftlangen Haare nicht hinweg. Wenn sie ihr ins Gesicht fielen, verdeckten sie die runden Babywangen.
»Ich heiße Marlene«, sagte sie, »aber alle nennen mich Lena.«
»Das möchte sie bloß«, brummte Ulla.
»Sei still, sonst sag’ ich Uschi zu dir! Denk an unsere Abmachung! Komm, Agnes, setz dich zu mir. Wie hast du den Tag verbracht?«
Agnes schob sich in die Bank, und Ulla rückte nur widerwillig zur Seite. »Im Bett«, sagte sie anklagend, »mir blieb nichts anderes übrig. Da oben war es eiskalt.«
Frau Brodersen legte ihnen die Koteletts vor. »Ach ja«, seufzte sie, »daran haben wir nicht gedacht. Wir hatten ja noch nie Pensionsgäste im Herbst. Bei uns wird immer erst abends die Heizung angestellt.«
»Agnes ist nicht unser Pensionsgast«, protestierte Lena. »Sie soll sich wie zu Hause fühlen. Du hast es selbst gesagt!«
»Natürlich, natürlich. Aber jetzt wollen wir essen!« Frau Brodersen redete sehr förmlich. Die Mütterlichkeit von gestern war ihr an einem langen Arbeitstag abhanden gekommen. Sie stöhnte, daß es ein schlimmer Tag gewesen sei, und ob man nicht wenigstens während des Essens das Radio abstellen könne. Es gab nur Salat in einer Fertigsauce, die künstlich schmeckte, dazu Weißbrot anstelle von Kartoffeln. Weil es schneller geht. Frau Brodersen entschuldigte sich, und Agnes mußte ihr versichern, daß es trotzdem gut schmecke. Agnes gegenüber war sie sehr zuvorkommend, als sei sie eine Erwachsene, die Verständnis für ihre Probleme hatte, die Probleme einer alleinstehenden Frau mit zwei Kindern und einem anstrengenden Job. Sie war Kassiererin in einem Supermarkt, das hatte sie sich in ihrer Jugend weiß Gott nicht träumen lassen. Aber was soll man machen? Nichts gelernt, außer einen Mann und später die Kinder zu bemuttern, geschieden, plötzlich ist alles anders, ein Haus ist da, aber das Geld reicht nicht hin und nicht her, schließlich soll aus den Kindern mal was Ordentliches werden. Da nimmt man jeden Job, der sich bietet.
Agnes hörte schweigend zu und hatte den Eindruck, daß Frau Brodersen trotzdem nicht gar so unzufrieden war. Es war immerhin eine verantwortungsvolle Sache, so eine Kasse, und dann zu Hause die beiden Mädchen. Das waren Aufgaben! Was war sie denn? Sie lebte in den Tag hinein, ohne sich Gedanken darüber zu machen, was nach dem Urlaub kam. Irgendwann mußte sie sich entscheiden. Zu Hause hatten sie das Thema ängstlich gemieden. So, wie sie nie wieder ein Auto besteigen wollte, konnte sie sich nicht vorstellen, jemals wieder ins Büro zurückzukehren zu denselben Leuten, die auch Herrn Döpke gekannt hatten.
»Können wir nicht von was anderem reden?« maulte Lena. »Immer dieselbe Leier! Das Geschäft, das Haus, die Kinder ...«
»Du könntest mir das Dorf zeigen«, schlug Agnes vor. »Ich hab’ heute morgen wenig davon gesehen.«
»Müßt ihr gleich am ersten Tag weglaufen? Ich dachte, wir machen uns einen schönen Abend«, sagte Frau Brodersen weinerlich.
»Solche Abende kenne ich«, flüsterte Lena und klapperte kräftig mit dem Besteck, damit es nicht bis zur Mutter drang.
»Was macht man abends? Gibt es denn kein Nachtleben für Kurgäste?« fragte Agnes ironisch. Jetzt hatte sie sogar Lena gegen sich.
»Willst du uns auf den Arm nehmen? Wir leben auf einem Dorf, am Ende der Welt, sage ich immer! Wenn du dich amüsieren willst, mußt du in die Stadt fahren.«
»Aber nur sonnabends!« sagte Frau Brodersen streng. »Und um zehn seid ihr zu Hause! Ich trage die Verantwortung!«
»Heute ist doch erst Freitag! Du brauchst dich erst morgen aufzuregen«, brummte Lena.
»Jetzt werd nur nicht frech! Sonst kommst du morgen gar nicht weg! Merk dir das!« Frau Brodersens Stimme verstieg sich schnell zu riskanten Höhen. »Du vergißt immer, daß du hier nicht eine deiner Freundinnen vor dir hast!« Gespräche dieser Art hatte es bei Agnes zu Hause schon lange nicht mehr gegeben, obwohl sie ihr nicht vollkommen neu waren. Lag das auch an ihrer Krankheit?
»Also machen wir uns einen schönen Abend zu Hause«, sagte Lena einlenkend. »Aber den Plattenspieler drehen wir so laut, wie wir wollen!«
Frau Brodersen seufzte, aber sie erhob keinen Einspruch. Später brachte sie ihnen sogar ein Tablett mit Saft und Gebäck und sorgte dafür, daß Ulla draußen blieb.
Der Plattenspieler röhrte. Lena saß auf dem Bett, das gleichzeitig als Couch diente, und ruckte rhythmisch mit dem Oberkörper. Wie jung sie noch ist, dachte Agnes beim Zusehen. Frau Wilkens scheint nicht zu wissen, wieviel drei Jahre Altersunterschied ausmachen, als sie mir vorschwärmte, wie gut wir zusammenpassen werden. Was soll ich mit ihr anfangen? Und sie mit mir?
Was sollte sie mit Lena reden? Agnes mußte nicht nur Selbständigkeit lernen, wie der Arzt meinte. Sie mußte auch lernen, mit anderen zu reden, auf sie einzugehen. Im Krankenhaus hatte sie in einem Dreibettzimmer gelegen mit lauter schwierigen Fällen, die nicht von heute auf morgen entlassen wurden. Als sie einander noch nicht so gut kannten, hatten sie sich dieses und jenes von ihrem Leben »draußen« und »vorher« erzählt. Aber bald war alles gesagt. Was vorher gewesen war, wurde schnell unwichtig. In der weißen, sterilen Atmosphäre des Krankenhauses, die nicht nur Infektionen von ihnen fernhielt, lösten sich die Probleme nicht auf, aber sie wurden verdrängt und überlagert vom täglichen Einerlei.
»Kannst du das Ding nicht leiser drehen?« bat sie Lena schließlich. Lärm, laute Musik waren ihr auch zuwider seit der Krankenhausstille.
»Magst du keine Musik?« Lena war enttäuscht.
»Wir wollen uns lieber was erzählen!«
Das wirkte. Lena drehte die Musik leiser. Sie beugte sich vor. »Ich wollte dich sowieso was fragen. Aber ich dachte, gleich am ersten Tag ...!«
»Frag ruhig!« Agnes lächelte mütterlich.
»Meine Mutter tat so geheimnisvoll, als hättest du wunders was hinter dir. Wir sollten bloß nett zu dir sein, hat sie uns eingeschärft, Rücksicht nehmen. Manchmal behandelt sie mich wirklich wie ein Baby, anstatt mir gleich alles zu sagen! Hast du eine unglückliche Liebesgeschichte hinter dir oder was?«
»Ich muß dich enttäuschen«, sagte Agnes ironisch, »es war nur ein Autounfall, wenn sie das meinte.«
»Ach das!« Lena sah wirklich enttäuscht aus. »Autounfälle ereignen sich alle Tage.«
»Unglückliche Liebesgeschichten auch!«
Lena zuckte mit den Schultern. »Das hat sie uns übrigens erzählt mit dem Unfall. Sag mal, hast du schon einen Freund?«
»Ich war lange im Krankenhaus. Und du?«
»Wie soll ich einen finden? Mutter läßt mich ja nicht aus den Augen! Sonnabends um zehn zu Hause! Der Bus braucht eine halbe Stunde. Da hat man ja kaum Zeit, jemanden kennenzulernen, und wenn man einen findet, hält es nie lange. Wenn die erst hören, daß ich hier draußen wohne, springen sie ab. Eine vom Land will keiner haben. Bei denen mit Auto habe ich sowieso keine Chance. Ich lerne bloß immer welche mit Fahrrad kennen.«
Agnes unterdrückte ein Lachen. »So in zwei, drei Jahren wird’s schon klappen!«
Lena wurde wütend. »Jetzt redest du wie meine Mutter! Sag mal, bist du denn nicht auf meiner Seite?«
Agnes versuchte sie zu beruhigen und wußte doch nicht, auf welcher Seite sie eigentlich stand. Nicht Fisch, nicht Fleisch, hatte Frau Wilkens einmal gesagt und sie gemeint, als sie in einem schwierigen Alter war. Aber das war doch jetzt vorbei? Ihre früheren Klassenkameradinnen hatten den Sprung geschafft, sie standen auf der anderen Seite, flotte Mädchen mit wallenden Haarfluten, die abends von ihren Freunden mit Auto vom Büro abgeholt wurden. Von ihnen würde sich niemand mehr mit diesem Küken da abgeben. An allem war der Unfall schuld. Er hatte sie zurückgeworfen. Aber sie wollte Lena ihre Überlegenheit nicht spüren lassen. Lena war schließlich die einzige, mit der sie etwas unternehmen konnte in diesem Kaff.
»Such dir doch einen Schwarm hier im Dorf«, schlug sie ihr vor, »dann wäre das Problem mit dem Fahrrad gelöst. Hier kann man alle Wege zu Fuß machen und braucht auf keine Busse zu warten.«
»Im Sommer habe ich immer einen Schwarm. Da kommen viele tolle Typen, sage ich dir, Segler, weißt du, braungebrannt und mit weißen Hosen. Aber im Winter ist es langweilig. Die von den Kuttern kenne ich. Das sind blöde Kerle. Kaum sind sie an Land, schon sind sie betrunken. Und die anderen, die sind einfach nicht spannend. Die kennt man eben zu gut.«
»Was ist mit dem Jungen, der die Zeitungen verkauft?«
»Achim?«
»Was weiß ich, wie er heißt. Er sieht doch ganz nett aus, oder?«
»Na ja.«
»Was hast du gegen ihn? Er hat schöne Augen!«
»Wenn’s nur darauf ankäme«, brummte Lena.
»Worauf kommt es denn an? Ich schaue immer zuerst auf die Augen.«
»Er muß einem schon im ganzen gefallen, so von oben bis unten! Für so einen schwärmt man eben nicht.«
Das leuchtete Agnes ein. Sie hatte auch nie für Jungen geschwärmt, die sie von klein auf kannte, das waren Rotznasen, freche Bengel, bestenfalls gute Spielkameraden. Aber wenn eine neue Familie einzog in der Straße, das war ein Ereignis, und wenn sie einen Sohn hatten, wurde er leicht zum Traumprinzen, bis er eines Tages mit der anderen Meute im Abenddämmern auf der Straße tobte, einen anrempelte und genauso dumme Redensarten nachrief wie die anderen.
»He«, sagte Lena, »du hörst mir ja gar nicht zu!« Sie tippte Agnes auf die Schulter.
»Was hast du gesagt?«
»Morgen ist was los bei uns! Wir sparen uns die Fahrt in die Stadt und gehen zum Herbstfest der Camper!«
»Zu was für einem Fest?«
»Na, die Leute, die ihre Wohnwagen am Strand haben, feiern Abschied.«
»Abschied wovon?«
»Himmel, du kannst Fragen stellen! Vom Sommer, voneinander, oder was weiß ich! Ist uns doch egal, Hauptsache, es wird ein Spaß!« Lena beugte sich vor und drehte die Musik wieder lauter.
Agnes nickte zögernd. Hauptsache, es wird ein Spaß.
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