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Anette Hinrichs

Das Sandmann-Projekt

Kriminalroman


Zum Buch

Anette Hinrichs wurde 1970 in Hamburg geboren. Nach Fachabitur und kaufmännischer Ausbildung am Hamburger Flughafen folgten berufliche Stationen bei einer Reederei, im Bereich Banken und Einzelhandel. Ihre Leidenschaft fürs Krimilesen wurde im Teenageralter durch Agatha Christie entfacht und weckte den Wunsch, eines Tages selbst zu schreiben. Heute lebt sie als freie Autorin mit ihrer Familie im Raum München.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt

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Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2020

(Originalausgabe erschienen 2015 im Leda-Verlag)

Umschlaggestaltung: Katrin Lahmer

unter Verwendung eines Fotos von: © julian/stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6514-7

Prolog

25. Januar 1979

Ein schrilles Geräusch riss Rena aus dem Schlaf.

Hinter dem Fenster war es noch dunkel. Schwaches Mondlicht drang durch die Gardinen und warf geisterhafte Schatten an die Schlafzimmerwand.

Sie tastete benommen mit der Hand zur anderen Bettseite. Als ihre Fingerspitzen das leere Kissen berührten, fiel ihr ein, dass Peter auf Dienstreise war.

Die Türklingel, dachte Rena und knipste das Nachtlicht an. Der Wecker zeigte zehn Minuten vor sechs. Noch über eine halbe Stunde Zeit, ehe sie aufstehen musste. Ihr Blick fiel auf den kleinen Körper, der wie ein zusammengerollter Igel am Fußende ihres Bettes lag. Die langen dunklen Locken verdeckten Romys Gesicht. Ihre Tochter hatte sich offenbar wieder einmal in der Nacht eingeschlichen.

Das Schrillen der Türklingel zerriss erneut die frühmorgendliche Stille.

»Mami?« Romy rieb sich schlaftrunken die Augen.

Rena strich ihrer Tochter kurz über die Locken. »Schlaf weiter.« Energisches Türklopfen drang vom Hausflur bis zum Schlafzimmer. Eine Stimme rief ihren Namen. Renas Füße berührten den kalten Bodenbelag. Sie fröstelte. Im Vorbeigehen griff sie nach ihrem Morgenmantel, den sie am Vorabend achtlos über einen Stuhl geworfen hatte, und zog ihn hastig über. Wer war an der Tür? Um diese Zeit? Vielleicht war im Haus ein Feuer ausgebrochen. Rena zog unwillkürlich Luft ein, um zu prüfen, ob Brandgeruch darin lag. Nichts.

Das Klopfen wurde lauter, ging in eindringliches Hämmern über. Renas Herz pochte ihr bis zum Hals, als sie die Abdeckung des Türspions beiseiteschob und in den hell erleuchteten Hausflur spähte. Sie zuckte zusammen.

»Mami?« Romy war ihr gefolgt und zupfte an ihrem Morgenmantel. Ihre Stimme klang ängstlich. Sie hielt Bruno, ihren einarmigen Schlenkerbären, an die Brust gedrückt.

Rena ging in die Hocke, um ihre Tochter fest in den Arm zu nehmen. »Du gehst jetzt in dein Zimmer und bleibst so lange dort, bis ich dich holen komme«, flüsterte sie dem kleinen Mädchen ins Ohr.

Sie wartete, bis ihre Tochter im Kinderzimmer verschwunden war. Dann öffnete sie die Haustür.

1

Dicke Regentropfen trommelten gegen das Fenster, als Kurt Wenninger um halb sieben die Küche betrat, um seinen Kaffee zuzubereiten. Schwarz und ohne Zucker.

Sein Kreislauf machte ihm zu schaffen. Vermutlich lag es an dem plötzlichen Temperatursturz. Menschen in seinem Alter steckten den nicht ohne weiteres weg. Wochenlang hatte drückende Hitze über der Stadt gelegen. Nun war der Himmel grau in grau. Die Pflanzen würden sich freuen, dachte er mit einem Blick auf seine vom Regen benetzte Thujenhecke.

Es war spät geworden am vergangenen Abend. Weit nach Mitternacht. Im Grunde war der Eklat schon seit langem vorprogrammiert gewesen. Alles hatte seinen Preis. Die Erfahrung hatte Kurt in seinen knapp acht Lebensjahrzehnten schon oft gemacht.

Mit der Kaffeetasse in der Hand ging er ins Wohnzimmer. Er setzte sich in seinen Ohrensessel vor dem Fenster. Der Garten lag halb verborgen im Regenschleier. Vielleicht würden sich mit dem Wetter auch die Gemüter abkühlen. Kurt fragte sich, ob er etwas anders machen würde, wenn er noch mal die Chance dazu bekäme.

Er trank einen Schluck Kaffee. Im Garten hatte sich etwas verändert. Sein Blick glitt die frisch gestutzte Hecke entlang, über perfekt kugelförmige Buchsbäume, und blieb schließlich am Rasen hängen. Sekundenlang verharrte er in seiner Position, dann stellte er die Kaffeetasse auf den Beistelltisch und erhob sich aus seinem Sessel.

Kurt öffnete die Terrassentür und trat in den Regen hinaus. Die unerwartete Kälte ließ ihn augenblicklich frösteln. Er starrte auf die Grünfläche. Es dauerte einen Moment, ehe er erkannte, dass etwas in seinen Rasen gemäht worden war. Er begriff es nicht. Trotzdem streifte ihn ein Hauch von Angst, als er in die morgendliche Stille lauschte. Jemand war hier gewesen. Er drehte sich um die eigene Achse und blickte die Hecke entlang. Hatte man ihn beobachtet?

Langsam wandte er sich um und ging zurück ins Haus, ohne auf die Spuren zu achten, die seine nassen Pantoffeln auf dem Parkett hinterließen. In der Diele nahm er die Treppe ins Obergeschoss, steuerte sein Schlafzimmer an und stieß dort das Fenster zum Garten auf.

Von hier oben ließ es sich erkennen. Jemand hatte eine vierstellige Zahl in seinen Rasen gemäht. Es dauerte einen Moment, ehe sein Gehirn die Verbindung hergestellt hatte. Dann wich er zurück, setzte sich schwer atmend auf sein Bett und schloss die Augen.

In seinem Kopf überschlugen sich Gedanken und Bilder, führten ihn weit zurück in die Vergangenheit, an einen anderen Ort, in eine andere Zeit.

Er öffnete die Augen. Noch immer regnete es Bindfäden. Sein Herz raste, als er mit zittrigen Händen das Schlafzimmerfenster schloss, den Blick auf die Ziffern in seinem Rasen gesenkt.

Dann schalt er sich selbst einen Narren. Jemand hatte sich einen Spaß erlaubt. Mehr nicht.

Kurt ging zurück ins Untergeschoss. Seine Tasse stand noch immer auf dem Beistelltisch im Wohnzimmer. Der Kaffee war kalt.

Hinter ihm wurde die Haustür aufgeschlossen. Kurt sah auf seine Armbanduhr. Pünktlich auf die Minute. Sein Puls normalisierte sich. Er lächelte. Die Fantasien eines alten Mannes.

Als er sich umdrehte, sah er direkt in die Augen seines Gegenübers. Urplötzlich kam die Angst zurück.

2

Das Kleid saß perfekt, das Make-up war dezent, sogar an ein Geschenk hatte sie gedacht. Dennoch nagte ein unbehagliches Gefühl an Malin. Thies wollte sie heute seiner Mutter vorstellen. In ihren Augen war es dafür viel zu früh. Sie waren erst seit zwei Monaten ein Paar. Was würde danach kommen? Erwartete er, dass sie ihn mit ihrer Mutter bekanntmachte? Bei der bloßen Vorstellung sträubten sich ihr die Nackenhaare.

Und hinterher? Eine gemeinsame Wohnung? Heirat? Kinder? Das ganze Programm?

Einen Moment spielte Malin mit dem Gedanken, alles abzusagen, dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf und schlüpfte in ihre hochhackigen Sandaletten. Sie warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel und strich sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Anschließend griff sie nach dem kleinen Päckchen mit den sündhaft teuren Pralinen und ging über die schmale Wendeltreppe ins Untergeschoss.

Malin hatte das hundertfünfzig Jahre alte Bleicherhaus im Stadtteil Winterhude vor einigen Jahren von ihrer Tante geerbt. Die achtzig Quadratmeter Wohnfläche verteilten sich auf vier Zimmer mit niedrigen Decken und einem winzigen Garten. Die Einrichtung war schlicht und schnörkellos. Alter Dielenboden, weiß getünchte Wände, viel helles Holz und Möbel aus Korbgeflecht. Spätestens im Winter war eine neue Heizanlage fällig, über deren Finanzierung sie sich seit Wochen den Kopf zerbrach. Ihr Gehalt als Kriminalkommissarin war nicht gerade üppig.

Handy und Türglocke klingelten gleichzeitig. Malin eilte in den Flur und öffnete.

Thies Conradi sah unverschämt gut aus. Er hatte das blaue Sportsakko ausgesucht, das die Farbe seiner Augen hatte, dazu trug er lässige Jeans. Seine Haut war von der Sonne tief gebräunt und brachte seine blonden, mit grauen Strähnen durchzogenen Haare zum Leuchten. Er lehnte sich an den Türrahmen und lächelte Malin verschmitzt an. »Was habe ich nur für eine attraktive Frau an meiner Seite.« Er bemerkte das Päckchen mit dem Etikett der exklusiven Confiserie in Malins Hand. »Mutters Lieblingspralinen? Sie wird dich lieben.«

»Das will ich doch schwer hoffen.« Malin erwiderte sein Lächeln. Es ist nur ein Essen, dachte sie. Kein Termin beim Standesamt. Also keine Panik.

Im Hintergrund klingelte noch immer ihr Handy. »Willst du da nicht langsam mal rangehen?«, fragte Thies amüsiert.

Sie zog das Handy aus ihrer Umhängetasche an der Garderobe. Das Display zeigte die Nummer von Kriminalhauptkommissar Hans Fricke, ihrem Vorgesetzten beim LKA 411, der Hamburger Mordkommission.

»Brodersen?«, brummte ihr Frickes Stimme ins Ohr. »Ich weiß, du hast frei – aber wir brauchen dich.«

Malin musste sich zusammenreißen, um keinen Seufzer der Erleichterung auszustoßen. »Eigentlich hatte ich schon etwas vor«, entgegnete sie halbherzig. Thies hob die Augenbrauen.

»Wir haben eine Leiche, Brodersen. Und ein Personalproblem.«

»Ich komme, Chef.« Malin beförderte Stift und Zettel aus ihrer Umhängetasche und notierte die Adresse, die Fricke ihr durchgab.

»Du musst ins Präsidium?«, fragte Thies, kaum, dass sie das Telefonat beendet hatte.

»An einen Tatort. Tut mir leid.«

Er löste sich vom Türrahmen und trat einen Schritt auf Malin zu. Thies überragte sie um mehr als eine Kopflänge. »Warum habe ich nur das Gefühl, dass dir das nicht ganz ungelegen kommt?«

»Wie kommst du darauf?« Malin legte den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen. »Ich mache nur meinen Job. Es hat rein gar nichts mit deiner Mutter zu tun.« Sie war eine schlechte Lügnerin.

Thies beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie. »Also gut. Aber wir holen das nach.« Er sah ihr fest in die Augen. »Ich will dich nur meiner Mutter vorstellen, Malin. Damit sie sieht, was für eine wunderbare Freundin ich habe. Ich hatte nicht vor, dich zum Traualtar zu schleppen und hinterher in Ketten zu legen.« Er zwinkert ihr zu und verschwand.

Malin blieb mit rotem Kopf zurück. Dann fiel ihr Blick auf den Zettel in ihrer Hand und sie streifte die hochhackigen Sandaletten ab. Es wurde Zeit, sich umzuziehen.

Eine halbe Stunde später bog Malin in ihrem alten grünen Mini in den verkehrsberuhigten Teil des Schleusenredders in Wohldorf-Ohlstedt. Die mit Kopfstein gepflasterte Straße grenzte direkt an den Wohldorfer Wald. Vor dem letzten Grundstück parkte ein Streifenwagen, auf dem geschotterten Gehweg daneben standen weitere Dienstfahrzeuge der Polizei. Malin stellte ihren Mini hinter dem silberfarbenen Transporter der Spurensicherung ab, nahm einen Satz Schutzkleidung aus dem Kofferraum und zeigte dem uniformierten Beamten neben dem Einsatzfahrzeug ihren Dienstausweis.

Eine etwa zwei Meter hohe, akkurat gestutzte Thujenhecke schützte die Bewohner des weitläufigen Grundstücks vor neugierigen Blicken. Der Kies knirschte unter Malins Füßen, als sie die lange Auffahrt entlang auf ein schlichtes Spitzgiebelhaus mit moosbesetzten Dachschindeln zuging. Auf der weiß verputzten Fassade prangten zahlreiche Verfärbungen. Sonne blitzte zwischen den dunklen Wolken hervor und die Buchsbäume vor dem Hauseingang warfen spitze Schlagschatten auf den Weg wie eine Armee gesichtsloser Zinnsoldaten.

Vor der Haustür mit dem eingelassenen Gitterfenster stand ein weiterer Uniformierter. Er grüßte Malin knapp, ohne sich von der Stelle zu bewegen. »Herr Glaser hat mich angewiesen, hier niemanden ohne Schutzkleidung reinzulassen.« Seine Augen streiften das Kleiderbündel in Ma­lins Hand.

Frank Glaser war der Leiter der Spurensicherung, ein mürrischer, wortkarger Typ mit verkniffenem Gesichtsausdruck, der sein Territorium eisern gegen sämtliche Fremd-DNA verteidigte. Ein Mann, den man besser nicht verärgerte. Malin schlüpfte in Spurensicherungs-Overall, Latexhandschuhe und blaue Überschuhe.

Ein schwerer, süßlicher Gestank schlug ihr entgegen, als sie die großzügig geschnittene Diele betrat. Sie stülpte sich den Mundschutz über.

Alter Fliesenboden, Landschaftsbilder auf vergilbter Raufasertapete, ein Konsoltisch aus Kirschholz und ein altmodischer Garderobenständer, an dem ein einzelner dunkelblauer Blazermantel hing. Vier Türen gingen vom Flur in weitere Räume ab, eine schön geschwungene Holztreppe mit ausgetretenen Stufen führte ins Obergeschoss. Am Fuß der Treppe kniete ein Kriminaltechniker.

»Manchmal wünsche ich mir einen anderen Job.« Ein großer, schlaksiger Mann erschien in einer der angrenzenden Türen und musterte Malin aus wasserblauen Augen. Ole Tiedemanns restliches Gesicht war inklusive der sandfarbenen Haare unter Mundschutz und Kapuze versteckt. »Ich hoffe, du hast nicht gerade gegessen.«

»Genau so habe ich mir einen freien Tag vorgestellt.« Malin lächelte ihren Teamkollegen schief an. Tiedemann war ein ruhiger und introvertierter Mann. Sie schätzte seine sachliche Arbeitsweise und seine Fähigkeit, während den Ermittlungen stets den Überblick und einen kühlen Kopf zu behalten. Eine Eigenschaft, über die Malin leider nicht verfügte. »Was haben wir?«

»Eine männliche Leiche. Schätzungsweise zwischen siebzig und achtzig. Fortgeschrittene Verwesung. Dr. Steinhofer sieht ihn sich gerade an. Wir gehen davon aus, dass es sich bei dem Toten um den Hauseigentümer Dr. Kurt Wenninger handelt.«

»Weiß man schon, was passiert ist?«

»Er wurde offenbar erschossen.« Tiedemann zupfte an seinem Mundschutz. »Der Postbote hat den Toten entdeckt. Ihm waren der überfüllte Briefkasten und der Geruch aufgefallen. Als niemand auf sein Klingeln geöffnet hat, ist er durch den Garten zur Terrasse gegangen, um ins Haus zu schauen.«

Dr. Steinhofer schob sich mit ihrem Arztkoffer in der Hand an Tiedemann vorbei in die Diele und lüpfte ihren Mundschutz. Die Rechtsmedizinerin war eine kühle Blondine in den Vierzigern, die selbst im Schutz-Overall eine elegante Erscheinung abgab. Sie nickte Malin kurz zu und wandte sich an Tiedemann. »Der Tote hat Schussverletzungen in Bauch, Brust, Schulter und Oberschenkel.«

»Was denken Sie, wie lange er tot ist?«, fragte Tiedemann.

Dr. Steinhofer runzelte die Stirn. »Das ist schwer zu sagen. Die Verwesung ist bereits fortgeschritten, die Oberhaut an den unverletzten Stellen beginnt sich abzulösen. Vorsichtig geschätzt acht bis vierzehn Tage. Genaueres ergibt hoffentlich die Obduktion oder das entomologische Gutachten. Melden Sie sich, wenn Sie fertig sind. Ich lasse den Toten dann abholen. Und richten Sie Fricke aus, dass er vor morgen Nachmittag nicht mit der Obduktion rechnen kann. Ich habe noch weitere Kunden.« Ein letzter kühler Blick und Dr. Steinhofer verließ das Haus.

»Also gut, dann wollen wir mal.« Tiedemann sah seine Kollegin an. »Am besten, du machst dir erst einmal selbst ein Bild.«

Malin folgte ihm ins Wohnzimmer. Die vertäfelte Holzdecke, das Monstrum von einem Eichenschrank, die durchgesessene Sofagarnitur und die ausgeblichenen Perserteppiche hatten ihre besten Zeiten seit Jahren hinter sich. Die Gardinen waren aufgezogen. Vereinzelte Sonnenstrahlen warfen Lichtreflexe auf den Ohrensessel aus dunkelrotem Samt, der zum Fenster in den Garten hin ausgerichtet war.

Ein Kriminaltechniker beugte sich gerade über den Sessel und Malin erkannte Frank Glaser, dessen kleine, runde Brille zwischen Kapuze und Mundschutz hervorlugte. Er murmelte vor sich hin und beförderte mit einer Pinzette Insekten in ein nummeriertes Gefäß. Erst jetzt bemerkte Malin einen Arm mit marmorierter Grünverfärbung auf der abgewetzten Lehne. Der Tote saß im Ohrensessel.

Sie trat ein paar Schritte näher. Insekten tummelten sich auf dem geschwollenen Leib und in den Körperöffnungen des Toten. Am rechten Oberschenkel, an der linken Schulter und im Rumpf konnte man deutlich Einschusswunden erkennen. Ihr Magen rebellierte und der Gestank drang jetzt auch durch ihren Mundschutz. Verdammt.

»Lass uns einen Moment rausgehen«, schlug Tiedemann vor.

Malin folgte ihm schweigend aus dem Haus, löste ihren Mundschutz und atmete tief durch.

»Wir sind hier bis auf weiteres erst mal zu zweit«, sagte Tiedemann, während sie auf dem Kiesweg das Haus umrundeten. »Sven ist beim Zahnarzt. Wurzelbehandlung. Und der Chef hat irgendeinen wichtigen Termin.«

»Und was ist mit Fred?«

Tiedemann warf ihr einen erstaunten Seitenblick zu. »Er hat dir nicht gesagt, dass er Urlaub hat? Gestern Abend ging sein Flieger in die Türkei.«

»Nein, das wusste ich nicht.« Malin verdrängte die widersprüchlichen Gefühle, die diese Nachricht bei ihr auslöste.

Der hintere Garten erinnerte an eine gut gepflegte Parklandschaft. Die sauber getrimmte Thujenhecke umrahmte symmetrisch angelegte Beete, Kolonien von runden und zylinderförmig geschnittenen Buchsbäumen und eine großzügig angelegte Rasenfläche.

Die beiden Kriminalbeamten blieben vor der Terrasse stehen und sahen durch das Verandafenster. Der Tote im Ohrensessel schien sie direkt anzustarren.

»Hast du die Einschusslöcher gesehen?«, fragte Tiedemann.

»Hab ich.« Malin musterte ihn von der Seite. Wie es schien, machte ihm der unappetitliche Anblick nichts aus.

Tiedemann bemerkte ihren Blick. »Habe ich eines der Viecher mit rausgebracht? Oder warum starrst du mich so an?« Er fegte mit seiner behandschuhten Hand ein imaginäres Insekt aus seinem Gesicht.

Malin ließ seine Frage unbeantwortet. »Weiß man schon etwas Näheres über den Hauseigentümer?«

»Bisher nicht. Aber du könntest mit Stefan Biedermann, dem Postboten, sprechen. Er wartet bei den Nachbarn zwei Häuser weiter. Postboten sind oftmals gute Informationsquellen.« Seine Stirn krauste sich, während er die Leiche betrachtete. »Ein Profi war das nicht. Der Bauchschuss allein hätte ausgereicht, um den Mann in kürzester Zeit verbluten zu lassen. Offenbar hatte da noch jemand eine Rechnung offen.«

3

Das gelbe Postfahrrad stand zwei Einfahrten weiter vor einem klassischen Rotklinkerbau. Im dazugehörigen Garten war alles vorhanden, was Kinderherzen höher schlagen ließ: Sandkasten, Kletterbaum samt Baumhaus, Fußballtore und ein Riesentrampolin. Eine zierliche, rothaarige Frau Mitte dreißig öffnete die Tür. Sie trug ein ebenso rothaariges Kleinkind auf dem Arm.

Malin, die sich ihrer Schutzkleidung mittlerweile entledigt hatte, zeigte ihren Dienstausweis und stellte sich vor.

Die Frau reichte ihr die Hand. »Ich bin Nadine Schröder. Sie wollen bestimmt mit dem armen Herrn Biedermann sprechen. Er sitzt in der Küche.« Sie trat beiseite, um die Kriminalbeamtin hereinzulassen.

Anders als im vorigen Haus war dieser Eingangsbereich hell und freundlich gestaltet. Wände, Treppen und Türen waren weiß, der Fliesenboden hatte ein Schachbrettmuster und bunt gerahmte Kinderzeichnungen setzten Farbakzente. Aus dem oberen Stockwerk tönten die dumpfen Bässe eines Popsongs gemischt mit Kinderstimmen.

Malin schob sich eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich würde vorab gern kurz mit Ihnen sprechen.«

Nadine Schröder flüsterte dem Kind auf ihrem Arm etwas ins Ohr und setzte es dann auf den Boden. Es flitzte umgehend in einen der Nebenräume. »Ich möchte nicht, dass die Kleine etwas mitbekommt. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Danke, nein. Sie wissen, dass im Nachbarhaus ein Toter gefunden wurde?«

Nadine Schröder nickte.

»Wie gut kennen Sie Ihren Nachbarn Dr. Wenninger?«

»Nicht besonders gut. Wir grüßen uns, wenn wir uns sehen, manchmal wechseln wir auch ein paar Worte.« Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn. »Ist er der Tote?«

»Wir gehen davon aus«, erwiderte Malin. »Wann haben Sie Dr. Wenninger das letzte Mal gesehen?«

»Das ist bestimmt zwei Wochen her.« Nadine Schröder legte nachdenklich den Kopf schief. »Ich glaube, das war Dienstag vor zwei Wochen, der fünfte August. Wir hatten Hochzeitstag. Mein Mann und ich sind erst ziemlich spät nach Hause gekommen. So gegen ein Uhr morgens … und ich weiß noch, dass ich mich über das Taxi gewundert habe, das vor Dr. Wenningers Auffahrt stand.«

Malin zog ihr Notizbuch aus der Umhängetasche. »Wissen Sie, ob Dr. Wenninger Angehörige hat?«

»Er hat irgendwann mal eine Schwester erwähnt.« Nadine Schröder krauste die Nase. »Sie sollten mit den Tiefenbrunners im Nebenhaus sprechen. Frau Tiefenbrunner interessiert sich immer sehr für die Vorgänge in ihrer Nachbarschaft.« Sie lächelte gequält.

»Danke, Frau Schröder.« Malin reichte ihr eine Visitenkarte. »Für den Fall, dass Ihnen noch etwas einfällt. Wenn Sie mir jetzt vielleicht den Weg in die Küche zeigen könnten?«

Der Postbote saß am Tisch und presste seine Hände um ein Wasserglas. Er war groß und sehnig, hatte ein längliches Gesicht mit engstehenden Augen und dunkelblonde Haare, die im Nacken zu einem Zopf gebunden waren. Seine blau-gelbe Dienstkleidung wirkte in dem ganz in Weiß gehaltenen Raum wie ein Fremdkörper. Malin schätzte den Mann auf Anfang zwanzig.

»Herr Biedermann?« Sie setzte sich auf den gegenüberstehenden Stuhl. »Ich bin Malin Brodersen vom LKA.«

Stefan Biedermann drehte das Wasserglas in seinen Händen, ohne den Blick zu heben. »Ich wollte auch mal zur Polizei. Jetzt bin ich Postbote und finde trotzdem Leichen.« Seine Finger hielten in der Bewegung inne. »Ist das Dr. Wenninger, da drüben im Sessel?«

»Wir vermuten es. Kannten Sie ihn?«

Der Postbote drehte weiter am Wasserglas. Winzige Schweißperlen standen auf seiner Stirn. »Wir haben uns öfter unterhalten. Meistens über Gartenarbeit. Ich habe so einen kleinen Schrebergarten. In Langenhorn.« Er schaute Malin das erste Mal direkt an und sie bemerkte den bekümmerten Ausdruck in seinen Augen. Im nächsten Moment fixierte er wieder das Glas. »Dr. Wenninger hat mir Tipps gegeben. Für den Rasen. Leider ist meiner nie so schön geworden wie seiner. Englischer Rasen. Aber der nützt ihm nun ja auch nichts mehr.«

»Erzählen Sie mir, wie Sie den Toten gefunden haben.«

»Der Briefkasten wurde nicht geleert. Ich hätte mir gleich denken können, dass Dr. Wenninger nicht in den Urlaub gefahren ist. Das hat er noch nie gemacht. Zumindest nicht in den drei Jahren, in denen der Schleusenredder auf meiner Route liegt.« Er trank einen Schluck Wasser. »Spätestens, als er seinen Rasen nicht wie gewohnt gemäht hat, hätte ich es raffen müssen. Hab ich aber nicht. Wissen Sie, englischer Rasen sollte alle paar Tage gemäht werden. Die optimale Länge ist drei bis vier Zentimeter.«

»Kommen wir auf heute Mittag zurück.«

»Ach so, ja. ’tschuldigung.« Stefan Biedermann rümpfte die Nase. »Der Geruch ist mir aufgefallen. Erst dachte ich mir nicht viel dabei, aber heute Morgen stank es dann so penetrant, dass ich nachgesehen habe.« Der Postbote wurde aschfahl. »Das werde ich wohl mein Lebtag nicht vergessen.«

Malin nickte verständnisvoll. »Ist Ihnen in den letzten Wochen irgendetwas aufgefallen? Hat sich jemand auf dem Grundstück aufgehalten oder hat Dr. Wenninger ungewöhnlichen Besuch bekommen? Haben Sie etwas beobachtet?«

Stefan Biedermann wich ihrem Blick aus und schüttelte den Kopf.

Malin unterdrückte ein Seufzen. »Können Sie mir sonst noch etwas über Dr. Wenninger erzählen?«

Der junge Mann nahm einen weiteren Schluck Wasser. Er hatte einen konzentrierten Gesichtsausdruck und es schien, als müsse er seine Antwort gründlich abwägen. »Er war früher mal so ein Nervenarzt.«

Malin zückte ihr Notizbuch. »Sie meinen Psychiater oder Neurologe?«

»Genau. Er hat mir mal davon erzählt.« Stefan Biedermann grinste schief.

Etwas daran löste bei Malin Unbehagen aus. »Was hat er Ihnen erzählt?«

Der Postbote ruderte augenblicklich zurück. »Nicht viel. Nur dass er mal eine Praxis in Volksdorf hatte. Aber das ist schon ewig her.«

»Wir würden gerne mit den Angehörigen von Dr. Wenninger sprechen. Frau Schröder erwähnte eine Schwester. Wissen Sie vielleicht den Namen?«

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Sie heißt Ilse. Ilse Wenninger.« Stefan Biedermann errötete leicht. »Ich habe ihren Namen mal auf einem Brief gesehen.«

»Woher wissen Sie, dass es sich dabei um die Schwester handelt?«

Er griff nach dem Wasserglas und trank einige Schlucke, bevor er antwortete. »Mein Fehler. Als Sie mich eben nach Dr. Wenningers Schwester fragten, bin ich automatisch davon ausgegangen, dass es diese Ilse ist. Dabei könnte sie natürlich genauso gut eine Nichte, Tante oder sonstige Verwandte sein.«

»Können Sie sich zufällig an die Absenderadresse erinnern?«

»Es war eine 224er Postleitzahl. Demnach müsste Frau Wenninger irgendwo in Hummelsbüttel, Langenhorn oder Niendorf wohnen. Mehr weiß ich nicht.«

Malin sah ihn erstaunt an. »Alle Achtung, dass Sie sich sogar einen Teil der Postleitzahl gemerkt haben.«

Das Gesicht des Postboten verschloss sich, doch zumindest erwiderte er diesmal ihren Blick. Ein eigentümlicher Ausdruck lag in seinen Augen. »Dr. Wenninger bekam selten Post.« Er schob abrupt das Glas beiseite und erhob sich. »Kann ich jetzt gehen? Ich muss noch die restlichen Briefe verteilen.«

Malin reichte ihm ihre Visitenkarte. »Danke, Herr Biedermann. Möglicherweise kommen wir noch mal auf Sie zu.«

Der Postbote ließ die Karte ungelesen in die Hosentasche gleiten, nuschelte einen kurzen Abschiedsgruß und verließ die Küche. Aus der oberen Etage ertönte Kindergeschrei.

Malin sah nachdenklich zu der Tür, durch die Stefan Biedermann verschwunden war. Der Mann war mehrfach ihrem Blick ausgewichen. Zufall? Oder hatte er etwas zu verbergen?

4

»Wo, verdammt, warst du!?« Wolfgang Herzog rieb sich die graumelierten Schläfen.

Verena schwieg, stand vor ihm und strafte ihn mit hochmütigem Blick. Sie war eine schöne Frau. Hochgewachsen und schlank, mit brünett getöntem Haar, das ihr schimmernd um die Schultern floss. Ihr Gesicht war oval, mit hohen, ausgeprägten Wangenknochen und klaren blauen Augen. Das flaschengrüne, enganliegende Seidenkleid umschmeichelte ihre perfekt geformte Figur. Niemand würde jemals ihr wahres Alter erraten.

»Jetzt sag doch endlich was.« Mit allem kam er zurecht. Mit ihren Vorwürfen. Ihrer Wut. Doch ihr Schweigen zermürbte ihn. »Verena.« Er streckte die Hand nach ihr aus und bemerkte, wie sich ihre rot lackierten Fingernägel in die Lehne des vor ihr stehenden Stuhls krallten.

Er verstand sie kaum, als sie endlich sprach. So leise war ihre Stimme. »Du widerst mich an.« Sie drehte sich um und verließ das Zimmer.

Schwer atmend setzte sich Wolfgang auf den Stuhl hinter seinen Schreibtisch. Er war todmüde und sein Kopf schmerzte. Die halbe Nacht hatte er wach gelegen und auf Verena gewartet. Immer wieder hatte er auf die Leuchtziffern seines Weckers gestarrt. Hatte gebetet, dass sie endlich nach Hause kam. Doch erst in den frühen Morgenstunden war eine Autotür vor dem Mehrfamilienaltbau am Hofweg zugeschlagen worden. Minuten später hatte sie endlich die Wohnung betreten. Erst da hatte er für wenige Stunden in den Schlaf gefunden.

Er wusste, er würde Verena verlieren. Und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.

Der Leichenwagen der Rechtsmedizin rollte langsam an Malin vorbei, als sie über den knirschenden Kies ging. Die Sonne hatte die Wolken verdrängt und warf lange, dunkle Schatten über die Thujenhecke.

Malin hatte in den letzten anderthalb Stunden weitere Anwohner des Schleusenredders befragt, jedoch nichts Neues in Erfahrung bringen können. Die wenigsten der Leute, die sie zu Hause antraf, hatten Kurt Wenninger gekannt. Eine Frau berichtete, sie hätte den Doktor einmal auf einen Kaffee eingeladen, doch er hätte abgelehnt. Ebenso war es einem Nachbarn ergangen, der Hilfe bei der Gartenarbeit angeboten hatte. Es schien, als hätte Kurt Wenninger den Kontakt zu anderen Anwohnern absichtlich gemieden. Ob das auch für seine direkten Nachbarn, das Ehepaar Tiefenbrunner, galt, konnte Malin nicht feststellen. Dort hatte ihr niemand geöffnet, und die Rolläden waren heruntergelassen.

Tiedemann stand mit Kriminalhauptkommissar Fricke vor Wenningers Hauseingang. Beim Anblick ihres Vorgesetzten musste Malin unwillkürlich lächeln. Sein Bauch hatte in den letzten Wochen wieder an Umfang zugelegt und zeichnete sich deutlich unter seinem Schutzanzug ab. Ein gutes Zeichen, dachte Malin. Nach der Trennung von seiner Frau vor einigen Monaten hatte Fricke rapide an Gewicht verloren. Jetzt befand er sich zumindest äußerlich wieder im Normalzustand. Gerade lüpfte er die Kapuze seines Overalls und zerzaustes, aschblondes Haar kam zum Vorschein. Malin hätte darauf gewettet, dass er unter dem Schutzanzug eine seiner obligatorischen Cordhosen und ein kariertes Hemd trug.

»Moin«, sagte Fricke. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen und die hellen Augen waren leicht unterlaufen. »Tut mir leid, dass ich dich eher zurückholen musste, Brodersen. Du kannst die restlichen Überstunden bei nächster Gelegenheit abbummeln.«

»Schon gut«, wehrte Malin ab. »Es waren ohnehin nur noch zwei Tage. Hat sich hier in der Zwischenzeit etwas Interessantes getan?«

Tiedemann schüttelte den Kopf. »Aber die Spusi ist auch noch nicht ganz fertig.«

»Zunächst sollten wir sehen, dass wir das Opfer identifizieren«, brummte Fricke. Er wandte sich an Malin. »Haben die Befragungen der Nachbarn etwas ergeben?«

»Von denen, die ich angetroffen habe, hat niemand etwas Ungewöhnliches bemerkt. Bei den Nachbarn zwei Häuser weiter habe ich erfahren, dass es eine Schwester geben soll.« Sie berichtete von ihrem Gespräch mit dem Postboten. »Ein merkwürdiger Zeitgenosse. Der konnte mir kaum in die Augen sehen.«

»Vielleicht stand er noch ein wenig unter Schock. Die Leiche ist nicht gerade der schönste Anblick.« Fricke wies mit dem Kopf zum Nachbarhaus hinter der Hecke. »Was ist mit den Leuten nebenan? Da müsste doch jemand die Schüsse gehört haben.«

»Die Rollläden sind alle heruntergelassen. Vermutlich sind die Bewohner im Urlaub.«

»Dann versuche herauszufinden, wann sie wiederkommen oder wie wir sie kontaktieren können.«

Malin nickte und sah zum angrenzenden Wald. »Vielleicht war es ein Einbrecher, der dachte, es gäbe bei Dr. Wenninger etwas zu holen.«

»Wenn man sich den Zustand des Hauses so anschaut, glaube ich das eher weniger.« Fricke musterte die fleckige Fassade.

»Drinnen ist auch alles stark abgewohnt.« Tiedemann streifte die Latexhandschuhe ab. »Das Einzige, was hier noch einigermaßen in Schuss ist, ist der Garten.«

»Hans!« Frank Glaser kam aus dem Haus und hielt eine braune Spurensicherungstüte in die Höhe. »Wir haben was!«

Fricke hob fragend die Brauen.

Der Kriminaltechniker verzog sein grimmiges Gesicht zu einem Lächeln. »Eine Patronenhülse unter dem Sessel. Die hat der Täter offenbar übersehen.«

»Dann wissen wir, um welches Projektil es sich handelt?«

»Der Stempel am Patronenboden ist kaum zu entziffern. Aber vielleicht können wir bei der KTU noch etwas herausholen. – Ich mache mich dann mal weiter an die Arbeit.« Glaser verschwand wieder im Haus.

Fricke wandte sich an Tiedemann. »Habt ihr ein Adressbuch oder irgendetwas in der Art gefunden?«

Tiedemann nickte. »Die Telefonnummer vom Zahnarzt steht drin, ich hab ihn schon angerufen. Er hat versprochen, gleich nachzusehen, ob er Röntgenaufnahmen von Wenninger hat.«

»Gut. Und die Adresse der Schwester?«

»Fehlanzeige. Auch keine Kontaktdaten von anderen Angehörigen, sofern sie denn Wenninger heißen.«

»Vielleicht gibt es keine weiteren Verwandten.« Fricke sah auf seine Armbanduhr. »Also gut. Die Identifizierung der Leiche steht an erster Stelle. Ole, du kümmerst dich um die Zahnarztunterlagen und fährst gegebenenfalls direkt damit für einen Abgleich in die Rechtsmedizin. Und du, Brodersen, treibst in der Zwischenzeit die Adresse der Schwester auf. Sobald wir sicher sind, dass der Tote im Haus Kurt Wenninger ist, stattet ihr der Dame einen Besuch ab. Alles klar?« Ohne eine Antwort abzuwarten, zog Fricke die Kapuze seines Schutzanzuges wieder über den Kopf und drehte ihnen den Rücken zu.

Am späten Nachmittag wurde das Mordopfer anhand seiner Zahnschema-Karte als der achtundsiebzigjährige Kurt Wenninger identifiziert.

Malin fuhr mit Ole Tiedemann zu Ilse Wenninger, deren Adresse sie im Melderegister gefunden hatte. Im Wagrierweg in Niendorf stellte sie ihren Mini in einer der Parkbuchten ab und wartete, bis der Kollege seine langen Beine umständlich aus dem Auto befreit hatte, ehe sie ebenfalls ausstieg. Sie rechnete es ihm hoch an, dass er sich jeglichen Kommentar bezüglich der Größe ihres fahrbaren Untersatzes verkniff.

An einem hohen, grauen Mehrfamilienhaus mit der Nummer neun ging Malin die zahlreichen Türschilder durch, bis sie auf den Namen Ilse Wenninger stieß. Sie drückte den Klingelknopf. Sekunden später ertönte der Summer. Im Treppenhaus empfing sie Essensgeruch. Malin, die seit dem Joghurt am Morgen nichts mehr gegessen hatte, bekam Hunger. Hinter einer der Türen im Erdgeschoss brüllte ein Baby.

Sie nahmen den Fahrstuhl in den sechsten Stock. Eine ältere Frau mit kurzen, grauen Haaren und randloser Brille öffnete ihnen. Sie war ein wenig mollig und hatte ein offenes, sympathisches Gesicht.

»Frau Wenninger?« Tiedemann zückte seinen Dienstausweis.

Die Frau schüttelte den Kopf. »Nein, ich bin Natascha Raschke. Ich helfe Frau Wenninger ab und zu im Haushalt, wenn sie gerade einen ihrer Rheumaschübe hat. Sie sind von der Polizei?«

Tiedemann nickte. »Wir würden gerne mit Frau Wenninger sprechen. Ist sie da?«

»Ja, Entschuldigung.« Die Haushaltshilfe ließ sie eintreten. »Frau Wenninger ist im Wohnzimmer. Es ist gleich geradeaus.«

Ilse Wenninger war eine winzige, dünne Person mit weißen Löckchen und einer Haut wie altem Pergament, zerknittert und von unzähligen Falten durchzogen. Die betagte Gestalt thronte in einem bunt geblümten Kleid in einem Lehnstuhl mit einem Kissen im Kreuz. Misstrauisch beäugte sie die Neuankömmlinge. Malin schätzte sie auf Mitte siebzig.

»Frau Wenninger? Malin Brodersen. LKA Hamburg.« Sie reichte ihr die Hand und war erstaunt über den kräftigen Händedruck.

Ole Tiedemann tat es seiner Kollegin nach und stellte sich ebenfalls vor.

Ilse Wenninger zeigte auf ein durchgesessenes Sofa. »Setzen Sie sich. Und dann sagen Sie mir, was Sie von mir wollen.«

»Es geht um Kurt Wenninger«, verkündete Tiedemann.

Ihre Züge verhärteten sich. »Um meinen Bruder? Was ist mit ihm? Ist er tot?«

»Leider ja.« Tiedemann war nicht anzumerken, ob ihn die direkte Art der Frau irritierte. »Er wurde heute Vormittag tot in seinem Haus aufgefunden.«

»Glauben Sie nicht, dass mich das jetzt schockiert.« Ilse Wenninger faltete ihre mit Altersflecken übersäten Hände und legte sie in den Schoß. »Ich konnte meinen Bruder noch nie besonders gut leiden.«

»Frau Wenninger«, sagte Malin, »Ihr Bruder ist keines natürlichen Todes gestorben.«

»Sie meinen, er wurde ermordet?« Ilse Wenninger schnaubte. »Auch das wundert mich nicht. Er war intrigant und raffgierig.«

»Können Sie das vielleicht ein wenig ausführen?« Malin war verblüfft.

Ilse Wenninger reckte angriffslustig ihr Kinn. »Das sind Familiengeschichten. Und die gehen die Polizei überhaupt nichts an.«

Tiedemann ergriff das Wort, ehe Malin reagieren konnte. »Wann haben Sie Ihren Bruder zuletzt gesehen?«

»Bei der Beerdigung unserer Mutter. Vor dreiundzwanzig Jahren.«

»Aber Sie hatten schriftlichen Kontakt?«, hakte er nach.

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Wir haben die Aussage des Postboten, dass er einen Brief von Ihnen an Ihren Bruder zugestellt hat.«

Ilse Wenninger schüttelte rigoros den Kopf. »Der Mann muss sich irren.«

Malin warf Tiedemann verwundert einen Blick zu, doch ihr Kollege ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Ihr Verhältnis zu Ihrem Bruder war also nicht besonders gut?«

Wieder schnaubte die Alte. »Das ist noch maßlos untertrieben.«

»Gibt es noch weitere Familienmitglieder?«

Ihr Blick wurde wachsam. »Nur noch meine Tochter Ruth und ihre zwei Kinder.«

»War Ihr Bruder verheiratet?«

Ilse Wenninger schüttelte den Kopf. »Genauso wenig wie ich. Eine unserer kümmerlichen Gemeinsamkeiten. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Sie jetzt bitten, zu gehen und meine Zeit nicht länger zu vergeuden. In meinem Alter hat man schließlich nicht mehr allzu viel davon.« Die alte Frau erhob sich aus ihrem Sessel und verließ erstaunlich flink den Raum.

Malin und Tiedemann tauschten einen kurzen Blick und folgten ihr in den Flur. Keine Minute später standen die beiden Kriminalbeamten im Treppenhaus.

Tiedemann kratzte sich hinterm Ohr. »Ich sag’s ja immer. Im Alter werden sie alle schrullig.«

25. Januar 1979

Sie hatten ihr die Augen verbunden und ihre Hände gefesselt. Jemand packte sie grob am Oberarm und stieß sie über eine Stufe in eine Art Metallverschlag. Ein Riegel wurde vorgeschoben. Rena konnte sich kaum rühren, so eng war es. Dann wurde ein Motor angelassen.

Ich bin in einem Auto, schoss es ihr in den Sinn. Das Gefährt setzte sich in Bewegung.

Die Angst schnürte Rena die Kehle zu. Was hatte man mit ihr vor? Was war mit Romy? Bei dem Gedanken an ihre kleine Tochter schluchzte sie auf. »Wo bringen Sie mich hin?!«

Niemand antwortete. Das Fahrzeug nahm eine scharfe Kurve und Renas Kopf prallte mit voller Wucht gegen die Metallwand. Tränen schossen ihr aus den Augen. Sie rückte ihre Glieder zurecht, um eine bequemere Position zu finden. Das Bild ihrer kleinen Tochter im Nachthemd, den Schlenkerbären an die Brust gepresst, schob sich zurück in ihr Gedächtnis. Was hatten sie mit Romy gemacht?

Erneut prallte ihr Kopf gegen Metall. Die Fahrt zog sich schier endlos. Die Fesseln schmerzten an ihren Handgelenken. Es war stickig in dem Gefährt und Rena hatte Schwierigkeiten zu atmen. Sie durfte nicht in Panik geraten.

Das Tempo hatte sich mittlerweile erhöht. Rena schärfte ihre Sinne. Sie fuhren über eine Straße mit nur wenigen Unebenheiten. Die Autobahn? Jemand in der Fahrerkabine hustete.

»Wo bringen Sie mich hin?!« Wieder keine Antwort. Peter, schoss es ihr durch den Kopf. Peter würde bald nach Hause kommen und sich um alles kümmern. Er würde sofort merken, dass etwas nicht in Ordnung war. Einen Moment lang war sie erleichtert.

Und wenn Peter aufgehalten wurde? Es wäre nicht das erste Mal, dass sich seine Dienstreise unerwartet verlängerte.

Das Tempo wurde gedrosselt und das Gefährt bog in eine scharfe Kurve. Ihre Knie stießen gegen Metall, doch zumindest gelang es Rena, dieses Mal den Kopf rechtzeitig zurückzureißen. Der Wagen rumpelte wie über Kopfsteinpflaster und hielt schließlich an. Ein Tor wurde geöffnet. Die Fahrt ging im Schritttempo holprig weiter. Kurze Zeit später ein weiteres Tor. Bald darauf kam das Gefährt endgültig zum Stehen.

Rena hörte, wie Autotüren geöffnet wurden. Ein paar gedämpfte Stimmen waren zu vernehmen. Dann wurde die Tür zu ihrem Metallspind aufgesperrt. Jemand zog sie unsanft am Arm und Rena stolperte aus dem Wagen. Es war ein komisches Gefühl, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Dann wurde ihr mit einem Ruck die Augenbinde vom Kopf gerissen.

5

Es dämmerte bereits, als Malin die verzinkte Stahlbrücke betrat, die vom Uferweg am Eilbekkanal zu einem modernen, holzverkleideten Hausboot mit Glaskuppeldach führte. Thies Conradi hatte seine Unterkunft mit dem Komfort eines Einfamilienhauses von einem befreundeten Architekten zur Verfügung gestellt bekommen, solange dieser im Ausland weilte.

Thies saß mit einem Buch in der einen und einem Glas Weißwein in der anderen Hand auf einem der Teakstühle auf der großen Holzterrasse.

Wie friedlich es hier ist, dachte Malin mit einem Blick auf das ruhig liegende Gewässer, in dem sich die letzten Sonnenstrahlen des Tages spiegelten. Die vergangenen zwei Wochen hatte sie fast komplett bei Thies auf dem Hausboot verbracht. Malin hatte den Professor für Strafrecht während einer Ermittlung an der Corvinius Law School zweieinhalb Monate zuvor kennengelernt, während sie dort den Mord an einer Studentin untersuchte. Damals hatte sie sich noch mitten in dem Gefühlschaos befunden, das ihr Teampartner Frederick Bartels ausgelöst hatte, in den sie lange Zeit verliebt gewesen war. Fred war verheiratet, einer der Gründe, warum aus ihnen kein Paar wurde. Und dann war Thies auf der Bildfläche erschienen.

»Malin!« Thies ließ sein unwiderstehliches Lächeln aufblitzen. Er legte sein Buch beiseite und umfasste ihre Taille, als sie neben ihn trat. »Möchtest du auch ein Glas Wein?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich würde lieber erst etwas essen.«

»Erst?« Er zwinkerte schelmisch.

»Vor dem Wein, meinte ich.« Sie löste sich lächelnd aus seiner Umarmung und trat durch die geöffnete Schiebetür ins Innere. Lasierte Eichendielen, eine weiße Sitzlandschaft und ein offener Essbereich samt Designer-Küche bildeten den Wohnbereich des Oberdecks.

Gleich zu Beginn ihrer Beziehung hatte Thies sie aufgefordert, sich auf dem Hausboot wie zu Hause zu fühlen. Dennoch kam es Malin immer noch vor, als täte sie etwas Verbotenes, wenn sie sich am Kühlschrank bediente.

Sie entdeckte eine Schüssel Salat, ein Schälchen mit gegrillten Scampi und eins mit selbstgemachtem Dressing. Malin nahm alles heraus, zog Besteck aus einer der Schubladen und mischte die Zutaten zusammen. Sie schenkte sich ein Glas Mineralwasser ein und ging mit ihrem Essen zurück auf die Terrasse.

»Im Brotkorb sind noch zwei Franzbrötchen«, sagte Thies, als sie sich zu ihm an den Tisch setzte. »Meine Mutter hat sich so über deine Pralinen gefreut, dass sie gleich im Anschluss an unser Mittagessen zum Bäcker gelaufen ist, um sie für dich zu besorgen.« Er schmunzelte.

»Oh, Gott. Du hast ihr das mit den Franzbrötchen verraten?« Das süße, mit viel Butter und Zimtzucker hergestellte Hefegebäck gehörte seit Kindheitstagen zu ihren Leibspeisen. Sie fand es peinlich, dass dies eines der ersten Dinge war, die seine Mutter über sie erfuhr. »Das war sehr nett von ihr.« Sie schob sich mit der Gabel einen der gegrillten Scampi in den Mund. Ein Hauch von Knoblauch, Zitronengras und kaltgepresstem Olivenöl breitete sich auf ihrem Gaumen aus.

»Sie ist nett«, erklärte Thies. Sein Blick wurde ernst. »Habt ihr einen neuen Fall?«

»Einen Leichenfund in Wohldorf-Ohlstedt«, erwiderte Malin knapp. Sie hatten die Absprache getroffen, Berufliches und Privates weitestgehend zu trennen, da ihre unterschiedlichen Auffassungen zu einigen Themen bereits für Zündstoff in ihrer noch frischen Beziehung gesorgt hatten. Neben seiner Arbeit an der Corvinius Law School arbeitete Thies für eine Streetworker-Station und beriet ehrenamtlich Jugendliche, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.

»Also ist dein Freizeitausgleich beendet?«

Malin nickte. Sie dachte an den Toten im Ohrensessel. Sofort verging ihr der Appetit. Von einer Sekunde auf die andere fühlte sie sich erschöpft und ausgelaugt und sehnte sich nach ihren eigenen vier Wänden. Sie schob die noch halbvolle Salatschüssel beiseite. »Ich glaube, ich geh lieber schlafen. Bist du mir böse, wenn ich nach Hause fahre? Ich muss morgen früh raus.«

Thies schüttelte ernst den Kopf. »Ich finde es nur sehr schade.«

Wortlos räumte Malin den Tisch ab. Sie wusste, dass sie ihn mit ihrer spröden Art manches Mal vor den Kopf stieß. Dennoch konnte sie nicht aus ihrer Haut.

Als sie das Hausboot wenige Minuten später verließ, hatten sich dicke Wolken am Abendhimmel gebildet.

Es nieselte leicht, als Malin am nächsten Morgen um kurz vor acht die Stufen zum Eingang des Polizeipräsidiums hinaufging. Der moderne Rundbau mit den zehn angefügten Blocks an der Hindenburgstraße im Stadtteil Alsterdorf erinnerte in seiner Form an einen Polizeistern. Das sechsgeschossige Gebäude beherbergte neben den LKA-Abteilungen diverse Verwaltungsstellen der Polizei, die Funkzentrale und den Führungsstab. Da Hamburg den Status eines Stadtstaates hatte, lag hier die Ermittlungsführung für Verbrechensbekämpfung im Verantwortungsbereich des Landeskriminalamtes.

Die Räume des LKA 41, des Fachkommissariats für Tötungsdelikte, befanden sich im dritten Stock und unterschieden sich kaum von anderen Großraumbüros. Hellgraue Möbel, wuchtige Schreibtische, die sich in Zweierblocks gegenüberstanden, und bis zur Decke reichende Aktenregale. Alles wirkte klar strukturiert und nüchtern.

Die Tür zum Büro der Mordkommission stand offen. Ole Tiedemann befestigte gerade Tatortfotos an einem Whiteboard, Sven Andresen saß an seinem Schreibtisch und blätterte in Unterlagen. Die rechte Wange des rothaarigen Ermittlers war geschwollen und bläulich verfärbt. Er trug eine seiner schwarzen Lederhosen und ein schwarzes Seidenhemd. Sein Handgelenk zierten neben einer protzigen Golduhr zahlreiche Lederarmbänder. Im Gegensatz zu dem schlaksigen Tiedemann, der im akkurat gebügelten Hemd und der Bundfaltenhose eher wie ein Steuerberater wirkte, erinnerte der muskulöse Andresen in seinem Auftreten an eine Kiezgröße.

»Guten Morgen.« Malin setzte sich an ihren Schreibtisch. Der gegenüberliegende Platz ihres Kollegen Bartels war verwaist.

»Moin, Malin«, erwiderte Tiedemann.

»Mahlzeit, Brodersen.« Andresen sah sie missmutig an. »Hattest du nicht noch ein paar Tage frei?«

»Gestrichen.«

»Ausgleichende Gerechtigkeit«, murrte Andresen und rieb sich seine geschwollene Wange. »Schließlich durfte ich hier trotz Wurzelbehandlung antanzen.«

Malin musste sich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen. »Gibt es etwas Neues, Ole?«

Tiedemann drehte sich zu ihr um. »Die Spusi hat einiges an Spuren in Wenningers Haus gefunden. Sie werden gerade ausgewertet.«

»Weiß man schon Genaueres über die Tatwaffe?«

»Bislang nicht, die Waffentechniker sitzen noch an der Hülse. Ist wohl etwas kniffelig, da die Prägung in schlechtem Zustand ist. Aber vielleicht helfen die Projektile weiter, sobald wir sie aus der Rechtsmedizin bekommen.«

»Vielleicht haben wir Glück und es gibt Fingerabdrücke«, überlegte Malin laut.

Andresen erhob sich von seinem Stuhl und platzierte sich auf Tiedemanns Schreibtischkante. Das Leder seiner Hose spannte bedenklich an seinen kräftigen Beinen. »Auf den Projektilen?« Er rieb an seinem Schnauzer. »Schon klar, Brodersen.«

»Ich meine natürlich auf der Hülse«, stellte Malin richtig. »Wenn der Täter unvorsichtig genug war, zu übersehen, dass eine Hülse fehlt, könnte es genauso gut sein, dass er keine Handschuhe getragen hat.«

»Oder die Täterin, Brodersen. Im Allgemeinen verlieren Frauen eher die Nerven und begehen Fehler.« Er warf ihr einen provozierenden Blick zu.

Malin atmete einmal tief durch. »Das ist völlig aus der Luft gegriffen, und das weißt du. Laut Statistik sind im letzten Jahr rund neunzig Prozent aller Morde von Männern verübt worden.« Ihre Stimme wurde lauter. »Bei Totschlag liegt der Prozentsatz sogar noch höher.«

»Siehst du, genau das habe ich gemeint.« Der rothaarige Ermittler grinste süffisant. »Ihr Frauen seid einfach viel zu schnell aus der Ruhe zu bringen.«

Fricke erschien in der Tür. »Wie ich sehe, ist hier alles beim Alten. Anscheinend habt ihr problemlos an dem Punkt angeknüpft, den ihr vor Brodersens freien Tagen erreicht hattet.« Er wandte sich an seinen Stellvertreter. »Seit wann befinden die beiden sich im selben Raum?«

Tiedemann lächelte schmallippig. »Keine fünf Minuten.«

Fricke setzte eine strenge Miene auf. »Wir sind erst am Anfang dieser Ermittlung, zumal wir, solange Fred im Urlaub ist, mit einem Mann weniger auskommen müssen. Also schont meine Nerven und reißt euch zusammen!« Er ging zum Whiteboard mit den Tatortfotos. »Legen wir los. Was wissen wir bisher über diesen Kurt Wenninger?«

Tiedemann rutschte hinter seinen Schreibtisch und zog ein paar Unterlagen zu sich heran. »Leider sind die Informationen bisher eher dürftig. Laut Melderegister wurde er 1936 in Hamburg geboren. Die Familie war bis Anfang der vierziger Jahre unter einer Adresse in Eimsbüttel gemeldet. Der nächste Eintrag stammt dann«, er sah auf einen Computerausdruck, »aus dem Jahr 1949. Interessanterweise umfasst er nur Margarethe und Ilse Wenninger.«

»Ach, und Kurt Wenninger und sein Vater?«

»Unbekannt verzogen«, erwiderte Tiedemann. »Danach gibt es eine zeitliche Lücke. Aber nach dem Krieg war das nichts Ungwöhnliches, das Melderegister musste erst wieder vollkommen neu aufgebaut werden. 1990 taucht der Name Kurt Wenninger im Hamburger Melderegister wieder auf. Und zwar unter der Adresse am Schleusenredder, die wir bereits kennen. Wo Wenninger sich zwischenzeitlich aufgehalten hat, bleibt noch offen.«

Fricke runzelte die Stirn. »Aber er muss doch bei der Anmeldung seine bisherige Wohnadresse angeben haben.«

»Hat er aber nicht«, erwiderte Tiedemann. »Oder die Meldebehörde hat es nicht erfasst.«

»Was hat die Befragung der Schwester ergeben?«

Tiedemann fasste das Gespräch mit Ilse Wenninger knapp zusammen.

»Die Sache mit dem Brief ist merkwürdig«, kommentierte Fricke.

»Die ganze Situation war merkwürdig. In meinen Augen hatte die Frau einfach nur keine Lust, über den Brief zu sprechen, genauso wenig wie über ihren Bruder. Irgendetwas ist zwischen den beiden extrem schiefgelaufen.«

Fricke nickte. »Wir behalten die Angelegenheit fürs Erste im Hinterkopf und sehen zu, dass wir mehr Informationen über das Mordopfer bekommen.«

»Vielleicht sollten wir Wenningers ehemalige Praxis aufsuchen«, schlug Malin vor. »Laut Stefan Biedermann, das ist der Postbote, war Wenninger Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, in Volksdorf.«

»Ein Seelenklempner?« Andresen rümpfte die Nase. »Vielleicht hat ihn irgendein durchgeknallter Patient umgebracht.«

»Wenniger war schon achtundsiebzig«, gab Malin zu bedenken. »Er wird schon länger nicht mehr praktiziert haben. Ich kann überprüfen, ob es die Praxis noch gibt, und gegebenenfalls sofort hinfahren.«

»Gut, mach das«, sagte Fricke. »Vielleicht arbeitet dort noch jemand, der Kontakt mit Wenninger hatte.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Ich habe gleich einen Termin mit dem Pressesprecher, danach fahre ich in die Rechtsmedizin. Sven, du begleitest mich, dann kannst du dir ein besseres Bild machen.«

»Soll ich mir in der Zwischenzeit einen Überblick über Wenningers Finanzen verschaffen?«, fragte Tiedemann.

Fricke nickte. »Und gib mir bitte Bescheid, wenn die Spusi mit dem Tatort fertig ist. Wir sollten sehen, was wir in dem Haus noch an Unterlagen finden. Noch Fragen? Keine? Gut, dann an die Arbeit.« Er hob die Hand zum Gruß und verließ den Raum.

Kurt Wenningers ehemalige Praxis für Neurologie und Psychiatrie in Volkdorf erwies sich als Sackgasse. Zwar hatte Malin mit seinem Nachfolger sprechen können, doch der hatte nur im Rahmen der Übernahme sporadisch Kontakt zu ihm gehabt. Die Abwicklung selbst war von Beratern vorgenommen worden. Obwohl der Patientenstamm im Jahr 2000 Bestandteil des Übernahmevertrages gewesen war, waren seitdem viele Patientenakten dem Schredder zum Opfer gefallen, da die gesetzliche Aufbewahrungspflicht überschritten war. Für die Einsicht in die restlichen noch von Wenninger angelegten Akten verlangte der Praxisinhaber einen richterlichen Beschluss.

Auch die Gespräche mit zwei von drei Sprechstundengehilfinnen verliefen im Sand. Keine von ihnen hatte mit Wenninger zusammengearbeitet, ebenso wenig wie die dritte im Bunde, die zur Zeit mit Magen-Darm-Grippe das Bett hütete.

Mittlerweile war es Mittag. Malin saß an der Fensterfront des Asia-Imbisses Seoul an der Alsterdorfer Straße und wartete auf ihre Bestellung, S4, Hühnchen mit Cashewnüssen. Das Seoul lag nur wenige Gehminuten vom Präsidium entfernt und galt unter den LKA-Beamten schon seit langem als Geheimtipp. Die Einrichtung des kleinen Lokals war schlicht. Weiße Kacheln, ein roter Tresen, auf dem ein dicker Buddha thronte, und halbhohe Spitzengardinen. In der offenen Küche hinter der Bedientheke wirbelte der Koch Schulter an Schulter mit der Inhaberin Frau Hu, die alle Hände damit zu tun hatte, Bestellungen entgegenzunehmen.

»S4!« Frau Hu reichte Malin das dampfende Hühnchengericht und die obligatorische Dose Cola light über die Theke. Malin ging zurück an ihren Fensterplatz und widmete sich ihrem Essen. Ihre Gedanken wanderten zu Thies. Die Enttäuschung über ihren abrupten Aufbruch am vergangenen Abend hatte ihrem Freund im Gesicht gestanden.

Ich darf das nicht vermasseln, dachte Malin. Nicht schon wieder. Sie trank einen Schluck Cola. Vielleicht war sie auch einfach nur beziehungsunfähig. Seit Thies davon angefangen hatte, sie unbedingt seiner Mutter vorstellen zu wollen, war die Leichtigkeit ihrer Beziehung verflogen. Oder lag es daran, dass sie in einem neuen Fall ermittelte?

Malin war erst knapp zwölf Monate bei der Mordkommission, hatte sich seitdem aber schon zweimal in äußerst brenzligen Situationen befunden. Das hatte Spuren hinterlassen. Immer wieder gab es Momente, in denen sie sich fragte, ob es beim nächsten Mal genauso glimpflich für sie ausgehen würde. Seit einigen Wochen quälte sie fast jede Nacht ein Albtraum, in dem ihr jemand minutenlang eine geladene Waffe an den Hinterkopf hielt und schließlich abdrückte.

Ihr Handy klingelte. Es war Fricke. »Konntest du in der Praxis etwas in Erfahrung bringen?«

»Leider nein.« Malin berichtete von dem Gespräch mit Wenningers Nachfolger.

»Gibt es noch Personalunterlagen oder die Adressen ehemaliger Mitarbeiter?«

»Ebenfalls Fehlanzeige. Wenningers letzte Arzthelferin ist 2003 in Rente gegangen. Mehr als den Namen konnte man mir nicht sagen. Es gibt noch einen Restbestand an Patientenakten, aber dafür brauchen wir einen Beschluss.«

»Gut, ich kümmere mich darum«, brummte Fricke. »Wo steckst du jetzt?«

»Beim Koreaner, eine Kleinigkeit essen, danach wollte ich zurück ins Büro.«

Fricke räusperte sich. »Pass auf, Brodersen, ich bin auf dem Weg in die Rechtsmedizin. Es wäre gut, wenn du dich in Wenningers Haus noch mal etwas genauer umsiehst. Vielleicht findest du ein paar aussagekräftige Unterlagen.«

»Alles klar, Chef. Ist die Spurensicherung fertig?«

»Die Kollegen packen gerade ein. Am besten rufst du Glaser an und fragst, wie lange noch jemand vor Ort ist. Wenn ich es schaffe, komme ich später nach. Ansonsten treffen wir uns gegen Abend zur Besprechung im Präsidium. Bis dann, Brodersen.« Er legte auf.

Draußen regnete es noch immer Bindfäden. Ein Taxi fuhr vorbei. Es erinnerte Malin an etwas, das eine von Wenningers Nachbarinnen gesagt hatte. Die mit den vielen Kindern. Malin zog ihr Notizbuch heraus. Nadine Schröder hatte beobachtet, wie Kurt Wenninger vor zwei Wochen spät in der Nacht mit dem Taxi nach Hause gekommen war. Vielleicht wäre es interessant zu erfahren, woher.

Malin machte sich eine kurze Notiz und widmete sich dann ihrem Hühnchengericht.

Eine eigenartige Stille lag über dem Anwesen am Schleusenredder, als Malin vierzig Minuten später ihren Mini vor dem Spitzgiebelhaus abstellte. Endlich hatte es aufgehört zu regnen. Die Thujenhecke und die Pflanzen in den angrenzenden Beeten glitzerten vor Feuchtigkeit. Die Luft roch nach Moos, Tannen und Erde.

Vor dem Eingang blieb sie stehen. Kein Laut war zu hören. Als wüssten selbst die Vögel, dass der Tod an diesem Ort Einzug gehalten hatte. Malin öffnete die Haustür mit dem Schlüssel, den ihr ein Kollege von der Spurensicherung im Präsidium ausgehändigt hatte.

Der Leichengeruch hing noch immer in jedem Winkel des Hauses, hatte sich tief in Wände, Böden und Textilien gefressen. Sie zog ein Döschen mit Mentholsalbe aus ihrer Umhängetasche und strich sich etwas davon unter die Nase. Anschließend streifte sie Latexhandschuhe über.

Im Türrahmen zum Wohnzimmer blieb Malin einen Moment stehen. Die dunkle Holzdecke, der Eichenschrank, die durchgesessene Sofagarnitur und die verblichenen Perserteppiche auf dem Dielenboden, alles sah aus wie beim ersten Mal, als sie diesen Raum betreten hatte. Zumindest fast. Die Kaffeetasse auf dem Beistelltisch fehlte, genauso wie die Leiche.

Malin löste sich aus dem Türrahmen und fuhr mit ihrer behandschuhten Hand die Bücherrücken in einem der Regalfächer des Eichenschranks entlang. Goethe, Brecht, Mann, Molière, Heine, zahlreiche Klassiker. In weiteren Fächern standen etwa zwei Dutzend in Leder gebundene Bände einer Brockhaus-Enzyklopädie und etliche Fachbücher über Neurologie und Psychiatrie nebst weiteren medizinischen Nachschlagewerken.

Malin öffnete eine der Schranktüren und entdeckte ein halbes Dutzend Aktenordner. Den mit dem Vermerk Praxis zog sie als Erstes heraus. Es waren Steuerunterlagen. In einem weiteren fand sie Rechnungen, ausgestellt auf die Praxis, feinsäuberlich mit Überweisungsbetrag und Datum versehen. Sie stellte den Ordner zurück und griff nach einem anderen mit der Bezeichnung Hausunterlagen. Beim Durchblättern stellte sie fest, dass die Papiere bis in die dreißiger Jahre zurückreichten. Neben Grundstücksplänen, Versicherungspolicen und zahlreichen Abgabebescheiden fand sie in dem Ordner auch Grundbuchauszüge. Daraus ging hervor, dass im Jahr 1991 ein Eigentümerwechsel von Margarethe Wenninger, geboren im Jahr 1905, zu Kurt Wenninger stattgefunden hatte.

Und der Vater? Malin betrachtete das Datum auf dem Auszug, der Margarethe Wenninger als Eigentümerin auswies. Februar 1949. Unschlüssig, ob die Eigentumsverhältnisse des Hauses in ihrem Fall von Belang waren, notierte sich Malin die Daten und stellte den Ordner zurück.

Hinter den anderen Schranktüren verbargen sich Porzellan, Vasen und Gläser. Malin öffnete eine der beiden Schubladen. Nippes, vom Häkeldeckchen über Servietten mit Weihnachtsmotiven bis zu kitschigen Porzellanfiguren. Sie drehte eine davon um. Meißen.

In der letzten Schublade fand sie neben einem Pfeifenkästchen einen schmalen Aktenordner mit Kontounterlagen. Sie legte ihn beiseite, um ihn später mit ins Präsidium zu nehmen. Anschließend tastete sie die Ritzen und die Kissen der Sofagarnitur ab, drehte Bilder an den Wänden um, sah hinter dem Fernseher nach und kontrollierte die Unterseiten des Couchtisches, in der Hoffnung, auf irgendetwas zu stoßen, das weiteren Aufschluss auf den Bewohner gab. Nichts.

Sie ging zur Fensterfront und sah in den Garten. Sonnenstrahlen hatten sich durch die Wolkendecke gekämpft und ließen den regennassen Rasen glitzern. Wieder fiel ihr auf, wie akkurat die Hecke und die Buchsbäume getrimmt und die Beete angelegt waren. Malin dachte an ihren eigenen, handtuchgroßen Garten, in dem Blumen und Sträucher wild durcheinander wucherten und der Rasen eher einer Wiese glich.

Der weinrote Samt des Ohrensessels, in dem am Vortag der Tote gesessen hatte, hatte großflächige dunkle Verfärbungen. Sie wandte sich ab und ging ins angrenzende Zimmer. Die Einbauküche wirkte alt und abgewohnt, doch in den Schränken herrschte penible Ordnung. Ofen und Herd waren sauber, ebenso wie der aufgeräumte Kühlschrank.

Malin beschloss, ins Obergeschoss zu gehen. Durch das eingelassene Gitterfenster der Eingangstür tauchten vereinzelte Sonnenstrahlen einen Teil des Flurs in milchiges Licht. Am Garderobenständer hing noch immer der dunkelblaue Blazermantel.

Beklommen ging sie die ausgetretenen, knarzenden Stufen der Holztreppe hinauf. Sie stellte sich vor, wie Kurt Wenninger die Treppe das letzte Mal benutzt hatte. Ob er zu dem Zeitpunkt bereits geahnt hatte, dass ihm jemand nach dem Leben trachtete? Unwillkürlich musste sie an ihren Großvater denken, der nur zwei Jahre jünger als der Tote war. Sie nahm sich vor, ihn in den nächsten Tagen zu besuchen.

Die Schlafzimmereinrichtung war trist und die Tapeten vergilbt. Unter der Dachschräge stand ein schmales Mahagoni-Bett, daneben ein passender Nachtschrank mit einer kleinen Messinglampe darauf. An der einzigen geraden Seite befand sich ein Kleiderschrank mit Spiegeleinsatz. Auf der Bettseite zum Fenster hin zeichnete sich ein Abdruck auf der Decke ab, so als hätte dort vor kurzem noch jemand gesessen.

In der Schublade des Nachtschranks lagen ein Gedichtband von Hermann Hesse, eine Ausgabe des Spiegels, eine Lesebrille und ein Stapel Stofftaschentücher mit Monogramm.

Sie öffnete den Schrank. Der muffige Geruch getragener Kleidung mischte sich mit dem drückenden Leichengeruch. Malin wurde übel und sie öffnete das Schlafzimmerfenster. Dankbar sog sie die frische Luft in ihre Lungen und betrachtete die benachbarten Gärten und die Bäume im angrenzenden Wald, deren Blätter sich bereits verfärbten. Ihr Blick fiel auf die Rasenfläche. Etwas irritierte sie.

»Brodersen!«

Malin zuckte zusammen. Sie hatte nicht gehört, wie im Untergeschoss die Haustür geöffnet wurde.

»Ach, hier steckst du.« Fricke erschien in der Schlafzimmertür und deutete ein Lächeln an. »Und, hast du schon etwas Interessantes aufgestöbert?« Er strich sich über seine vom Wind zerzausten Haare und kam ins Zimmer.

Malin schüttelte den Kopf. »Ich versteh das nicht. Im ganzen Haus habe ich nichts Persönliches gefunden. Die einzige Ausbeute ist ein Aktenordner mit Kontoauszügen.«

»Zumindest gibt uns das schon mal Einblick in die Vermögensverhältnisse«, erwiderte Fricke trocken. »Wäre nicht der Erste, der wegen Geld umgebracht wird.«

Sie drehte sich wieder zum Fenster um und starrte hinunter in den Garten. »Chef, komm mal.«

Fricke trat neben Malin und folgte ihrem Blick. »Ja, und?«

»Irgendwie ist der Rasen an manchen Stellen merkwürdig gewachsen.«

»Bist du jetzt unter die Botaniker gegangen?«, brummte Fricke. »Rasen wächst nicht überall gleichmäßig, das hat er von Natur aus an sich.«

»Trotzdem, schau mal genau hin.« Malin wies auf eine Stelle hinter der Terrasse. »Es sieht fast so aus, als hätte dort jemand etwas ins Gras gemäht. Sind das Zahlen?«

Fricke kniff die Augen zusammen. »Hm … Du könntest recht haben.«

»Das war mit Sicherheit nicht Wenninger.« Malin zog ihr Handy aus der Hosentasche und machte ein paar Fotos. Sie erinnerte sich an die Worte von Stefan Biedermann: ›Englischer Rasen sollte alle paar Tage gemäht werden. Die optimale Länge ist drei bis vier Zentimeter.‹

Malin betrachtete das Foto auf dem Display. »Wenninger saß in seinem Sessel, als er ermordet wurde. Und vermutlich hat er gesehen, dass etwas in den Rasen gemäht wurde.« Sie steckte das Handy zurück in ihre Hosentasche. »Jemand wollte, dass es das Letzte ist, was er in seinem Leben sieht.« Sie schloss das Fenster und wandte sich dann wieder zu Fricke um. »Fragt sich nur, warum.«

6

Ilse Wenninger füllte zwei Finger breit Eierlikör in ein Schnapsglas und hielt es eine Armlänge entfernt in die Höhe. »Auf dich, Kurt!« Sie leerte das Glas in einem Zug.

Dann hielt sie inne. Würde es zurückkommen? Das Gefühl für ihren großen Bruder? Wut und Hass hatten sie zu einer verbitterten alten Frau gemacht. Kurt, der Fremdling, der Mensch, der ihr so vertraut und gleichzeitig so fremd war … Würde sich jetzt, wo sein Herz aufgehört hatte zu schlagen, das tief in ihr vergrabene Gefühl für diesen Mann wieder einstellen? Konnte sie ihm jetzt verzeihen? Doch ließ sich Unrecht mit Unrecht vergelten?

Sie dachte an ihre Kindheit zurück. Kurti hatte ihr das Radfahren und das Schwimmen beigebracht. Er war ihr Beschützer und ihr Held gewesen, ihr großer Bruder.

Dann war sie eingestürzt, ihre Welt. Von einem Tag auf den anderen hatte alles in Trümmern gelegen und sie hatte Kurti verloren.

Ilse griff nach der Flasche und schenkte sich ein weiteres Glas ein.

»Ilse?« Natascha Raschke steckte den Kopf durch die Tür. »Ich habe die Einkäufe ausgepackt. Brauchst du sonst noch was?« Ihr Blick fiel auf die Likörflasche. »Wollen wir noch ein Kaffee trinken und reden?«

Ilse schüttelte den Kopf. Einen Moment wirkte Natascha verunsichert, dann verschwand sie aus der Tür.

Ilse leerte ihr Glas. Jetzt war es vorbei. Kurt hatte bekommen, was er verdient hatte. Nur leider wollte sich bei ihr kein Wohlgefühl einstellen. Sie hatte geglaubt, mit seinem Tod auch ihren inneren Frieden zu finden.

Sie hatte sich getäuscht.

Es war bereits Abend, als das Ermittlungsteam im Konferenzzimmer der Mordkommission zusammentraf. Wie im gesamten Präsidium herrschte auch hier eine nüchterne Arbeitsatmosphäre. Ein Konferenztisch aus hellem Holz dominierte umsäumt von Metallschwingern mit grünen Sitzflächen den Raum. Jemand hatte ein Whiteboard mit Tatortfotos aufgestellt.

Malin setzte sich mit einem Kaffeebecher auf den freien Stuhl neben Ole Tiedemann.

Fricke stand mit ernster Miene an der Stirnseite des Tisches. »Der vorläufige Obduktionsbericht ist gerade gekommen. Am Körper des Toten wurden insgesamt vier Einschüsse festgestellt. In der linken Schulter, im rechten Oberschenkel, im Brustkorb und im Bauchraum, letztere führten zu schweren inneren Verletzungen.« Er sah in seine Unterlagen. »Neben Gewebe und Organen wurden auch einige große Gefäße in Mitleidenschaft gezogen … Kurz zusammengefasst: Kurt Wenninger ist verblutet. Man kann nur hoffen, dass der Mann schnell bewusstlos geworden ist.«

Er räusperte sich. »Laut Dr. Steinhofer hat der Täter nicht weiter als anderthalb Meter vom Opfer entfernt gestanden. Zumindest belegen das die Schmauchhöfe und die Pulvereinsprengungen an den Einschussstellen.« Er sah Frank Glaser an, der sich gerade einen Kaugummistreifen in den Mund schob. »Ich habe die Projektile aus der Rechtsmedizin mitgebracht und an deine Kollegen von 36 gegeben, mal sehen, was sie herausfinden.«

»Gibt es schon was Neues bezüglich des Todeszeitpunktes?«, fragte Andresen.

»Nein. Wir müssen den abschließenden Bericht der Rechtsmedizin und das entomologische Gutachten abwarten, aber das kann ein paar Wochen dauern. Bis dahin müssen wir mit dem arbeiten, was wir haben. Kurt Wenninger wurde Dienstag Nacht vor zwei Wochen zuletzt gesehen.« Fricke schaute Malin an. »Hat sich daran etwas geändert?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es war das letzte Mal. Ich hänge mich später ans Telefon, um herauszufinden, welches Taxi-Unternehmen ihn gefahren hat.«

»Gut.« Fricke sah in die Runde. »Der fehlende Todeszeitpunkt erschwert uns die Arbeit bei der Alibi-Überprüfung, deshalb würde ich vorschlagen, dass wir uns vorerst auf das Mordmotiv konzentrieren.« Er wandte sich an seinen Stellvertreter. »Wissen wir schon etwas über die Vermögensverhältnisse?«

»Ich habe eine Bafin-Abfrage gemacht«, erwiderte Tiedemann. »Demnach gibt es neben dem Girokonto und einem Sparbuch noch ein Festgeldkonto bei einer anderen Bank. Außerdem hatte der Tote an seinem Schlüsselbund einen Schlüssel zu einem Bankschließfach. Sobald wir den Beschluss haben, statte ich der Bank einen Besuch ab.«

»Ich hab’s schon angeleiert«, informiert ihn Fricke. »Außerdem haben wir aus dem Haus des Opfers einen Ordner mit Kontoauszügen mitgebracht. Es wäre gut, wenn du dir die ansiehst. – Frank, was hast du für uns?« Er wandte sich dem hageren Kriminaltechniker zu.

»Die Spurenlage ist ziemlich mau.« Glaser rückte seine Brille zurecht. »Keine Fremdspuren an der Leiche. Überhaupt haben wir im Erdgeschoss des Hauses nicht die geringste DNA gefunden. Deshalb gehen wir davon aus, dass der Täter nach dem Mord gründlich saubergemacht hat. Das Einzige, was er uns netterweise übrig gelassen hat, waren ein paar Fingerabdrücke. Sie stammen vom Opfer, zumindest bis auf einen Abdruck an der Kaffeedose. Ich hab ihn bereits durch die Datenbank laufen lassen.« Er lächelte grimmig. »Keine Übereinstimmung.«

Fricke zerfurchte nachdenklich seine Stirn. »Was ist mit dem Rest des Hauses?«

»Nichts Auffälliges, allerdings sind die Spuren auch noch nicht alle ausgewertet.«

»Dann haben wir also bisher die Hülse und einen Fingerabdruck an einer Kaffeedose. Das ist nicht gerade üppig.« Fricke sah in die Runde. »Unsere Kollegin Brodersen hat im hinteren Garten des Opfers eine interessante Entdeckung gemacht. Wie es aussieht, wurde dort etwas in den Rasen gemäht. Wir vermuten, dass es sich dabei um Zahlen handelt.«

Malin erhob sich und befestigte einen stark vergrößerten Abzug ihres Handyfotos am Whiteboard.

Andresen kniff die Augen zusammen. »Also, ich kann da nichts erkennen. Das ist doch nur wieder eins von Brodersens Hirngespinsten.«

»Das dachte ich anfangs auch, als Hans mich angerufen hat.« Frank Glaser warf Malin einen entschuldigenden Blick zu. »Aber ich habe mir die Sache angesehen und bin zu dem gleichen Ergebnis wie unsere Kollegin gelangt.« Er hielt ein schwarzes Notizbuch in die Höhe. »Das habe ich im Geräteschuppen entdeckt. Kurt Wenninger hat penibel darüber Buch geführt, wann er seinen Rasen gemäht, gedüngt und vertikutiert hat. Gemäht hat er zuletzt am ersten August, also vor drei Wochen, und laut Buch auf eine Schnitthöhe von vier Zentimeter. Mittlerweile ist der Rasen auf sieben bis zehn Zentimeter nachgewachsen, aber an diesen Stellen …«, er stand auf und tippte mit seinem Kugelschreiber auf verschiedene Punkte des Handyfotos, »ist das Gras nicht nur wesentlich kürzer, sondern die Länge liegt teilweise unter den vier Zentimetern, an die sich Wenninger bei jedem Rasenschnitt pingelig gehalten hat.« Sein Gesichtsausdruck wurde grimmig. »Leider ist durch den unterschiedlichen Wuchs nicht zu erkennen, was dort eingemäht wurde, aber da werde ich mir noch was einfallen lassen.« Glaser setzte sich wieder an seinen Platz.

Andresen rieb sich sein unrasiertes Kinn. »Und was bringt uns das jetzt?«

»Wir müssen herausfinden, was dort eingemäht wurde«, erwiderte Malin trocken. »Und von wem.«

Niemand sagte etwas.

Fricke klatschte in die Hände. »Also gut, verteilen wir die Aufgaben. Ole, du und Sven, ihr nehmt euch den Ordner mit den Kontoauszügen vor, bis wir den Beschluss für die Bank haben. Und bitte fordert beim Telefonanbieter die Verbindungsprotokolle an. Findet außerdem heraus, ob es neben Wenningers Schwester noch weitere Verwandtschaft gibt.«

»Ilse Wenninger hat eine Tochter und zwei Enkelkinder«, erwiderte Tiedemann.

»Dann seht zu, was ihr über die in Erfahrung bringen könnt.« Fricke sah Malin an. »Brodersen, du klärst das mit dem Taxi. Ich möchte wissen, wo Wenninger an dem Abend vor zwei Wochen gewesen ist. Wie es aussieht, wurde er danach nicht mehr gesehen. – Sonst noch Fragen?«

»Eine noch«, sagte Malin. »Solange Fred im Urlaub ist, arbeite ich da alleine?«

Fricke musterte sein jüngstes Teammitglied aus zusammengekniffenen Augen. »Bei der momentanen Personallage ist eine Urlaubsvertretung für Bartels nicht drin. Im Zweifelsfall wende dich an Ole.« Er tauschte einen kurzen Blick mit Tiedemann. Dieser nickte.

Fricke klatschte ein weiteres Mal in die Hände. »Also dann, ab an die Arbeit.«

28. Januar 1979

Das einzige Fenster im Raum war mit Glasbausteinen zugemauert. Eine schmale Pritsche diente als Schlafgelegenheit, gegenüber stand ein kleiner Tisch mit einem Hocker. Waschbecken und Toilette befanden sich in der Nähe der Tür. Von der Decke aus tauchte eine grelle Neonröhre den Raum in kaltes Licht.

Rena saß auf dem Hocker und hatte die Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Sie starrte zu den Glassteinen. Zumindest waren sie lichtdurchlässig, und an der Dunkelheit dahinter meinte Rena zu erkennen, dass es Nacht war.

Sie hatte völlig das Zeitgefühl verloren. Wie spät war es? Mitternacht? Drei Uhr morgens oder war es gerade mal sieben Uhr am Abend? Wie lange war sie schon an diesem Ort? Stunden, Tage, Wochen? Anfangs hatte sie noch gezählt, erst die Minuten, dann die Stunden, hatte versucht, die Tageszeiten am matten Schimmer hinter den Glassteinen einzuschätzen. Und an den Mahlzeiten, die ihr durch eine in die Tür eingelassene Klappe gereicht wurden. Schweigend. Brot mit ein wenig Belag oder eine dünne Suppe.

Das Licht ging aus. Rena legte sich auf die Holzpritsche, schlüpfte unter die kratzige Decke und meinte jeden einzelnen Knochen zu spüren.

Sie registrierte den Lichteinfall durch den kleinen runden Spion in der Tür. Jemand beobachtete sie. Sie legte die Hände auf die Decke. Es wurde stockdunkel.

Obwohl Rena todmüde war, konnte sie nicht einschlafen. Unaufhörlich drehten sich die Fragen in ihrem Kopf. Warum bin ich hier? Wer steckt dahinter? Wo ist mein Kind?

Sie schluchzte auf. Wie lange muss ich es hier noch aushalten? Ihr Körper begann unkontrolliert zu zittern. Vor Kälte, vor Hunger und vor Angst. Peter, dachte sie, Peter wird mich hier herausholen. Mit dem tröstlichen Gedanken fielen ihr vor Erschöpfung die Augen zu.

Sekunden später ging das Licht der Neonröhre wieder an.

7

Der köstliche Duft von frischgebackenem Brot und Kaffee zog durch die gemütliche Küche des Lotsenhauses in Övelgönne. Erich Brodersen nahm die heiße Milch vom Herd und schäumte sie mit dem Stabmixer auf. Der ehemalige Fährkapitän wirkte trotz seiner sechsundsiebzig Jahre kräftig und energiegeladen. Sein gebräuntes, wettergegerbtes Gesicht war von vielen Falten durchzogen, und sein Blick aus blauen Augen wirkte klar und intelligent.

»Wir haben lange nicht mehr zusammen gefrühstückt.« Erich warf seiner Enkelin einen liebevollen Blick zu und platzierte das Kännchen mit Milchschaum, einen Teller mit frischem Aufschnitt und ein Glas selbstgemachter Erdbeermarmelade neben die Butterdose auf dem Tisch. Er schnitt das noch warme Brot in dicke Scheiben, legte es in einen Korb und schenkte Kaffee ein.

Malin lächelte. »Ich hatte viel um die Ohren in letzter Zeit.«

»Und das hängt nicht zufällig mit einem ganz speziellen Herrn zusammen? Groß, blond, gutaussehend?« Erich setzte sich an den Tisch und zwinkerte schelmisch.

»Woher …?«

Er schmunzelte. »Ich habe euch letzte Woche zusammen bei Emilia gesehen.«

Emilias Bistro war Malins Stamm-Italiener. Ein kleines Lokal mit Stehtischen, köstlichen, stets frisch zubereiteten Speisen und der quirligen Emilia als Wirtin.

»Ich habe dich gar nicht bemerkt. Warum bist du nicht zu uns an den Tisch gekommen?« Malin griff nach einer Scheibe Brot.

»Ein Rendezvous zu dritt?« Erich lachte und rührte etwas Milchschaum in seinen Kaffee. »Ich habe dich lange nicht mehr so gesehen, Malin. Du hast glücklich gewirkt.«

Malin bestrich die Brotscheibe bedächtig mit Butter und verteilte zwei Teelöffel der Marmelade darauf. »Er heißt Thies.« Dann erzählte sie ihrem Großvater von dem Juraprofessor.

»Hast du ihn schon deiner Mutter vorgestellt?«, fragte Erich, als sie fertig war.

Malin verschluckte sich an ihrem Kaffee. »Ich bin doch nicht verrückt!«

»Ach was!«, entgegnete Erich fröhlich. »Deiner Beschreibung nach entspricht dein neuer Freund der Idealbesetzung, die deiner Mutter als Schwiegersohn vorschwebt.«

»Eben«, konterte Malin. »Die anhaltende Harmonie zwischen Mutter und mir ist schon unheimlich genug.«

Constanze Heidenberg war die Hauptgesellschafterin der Heidenberg Bank, ein hanseatisches Privatunternehmen, das sich seit über 150 Jahren im Familienbesitz befand. Lange Zeit hatte Constanze die Entscheidung ihrer Tochter für die Polizei und gegen die Gesellschafterfunktion in der Bank, in deren Erwartung sie aufgezogen worden war, als persönlichen Affront empfunden. Während einer Mordermittlung zwei Monate zuvor waren sich Mutter und Tochter unvorhergesehen näher gekommen. Eine Situation, die für beide Frauen neu und ungewohnt war.

»Mein Gott, war das lecker. Du solltest öfter Brot backen.« Malin schob ihren leeren Teller von sich.

Erich lächelte erfreut. »Ich dachte, wir könnten später zusammen in die Stadt fahren und ein wenig in den Buchhandlungen nach neuen Krimis stöbern. Was hältst du davon?«

»Viel. Nur leider muss ich gleich ins Präsidium«, erwiderte Malin bedauernd. Die Aussicht auf weitere Stunden am Telefon, um herauszufinden, welches Taxiunternehmen Kurt Wenninger chauffiert hatte, war nicht verlockend.

»Ich dachte, du hast frei?«

»Nicht mehr. Wir haben einen neuen Fall.« Malin umriss ihrem Großvater die Ereignisse der beiden letzten Tage und beschränkte sich auf die Dinge, die auch an die Presse gegangen waren. »Leider tappen wir bisher im Dunklen.«

Ein Schatten fiel auf Erichs Gesicht. »Es muss furchtbar sein, so einsam zu sterben. Unvorstellbar, dass einen wochenlang niemand vermisst.«

Malin griff nach seiner Hand und drückte sie kurz. »Lass uns nächsten Samstag gemeinsam in die Stadt fahren.«

Erich runzelte die Stirn. »Da kann ich nicht. Ich habe eine Einladung nach Berlin bekommen.«

»Wieder von dem Freund, bei dem du schon vor ein paar Monaten warst?«

Er nickte.

»Dann finden wir einen anderen Termin.« Malin warf einen Blick auf ihre Uhr. »Also gut, ich muss leider los. Vielen Dank für das tolle Frühstück.« Sie drückte ihrem Großvater einen raschen Kuss auf die Wange.

»Hältst du mich auf dem Laufenden wegen eures Falls? Die Sache interessiert mich.«

Malin seufzte. Seit ihrem Einstieg bei der Mordkommission fühlte sich ihr Großvater als eine Art Ehrenkommissar. Und daran war sie nicht ganz unschuldig, schließlich hatte sie ihn bei ihrem ersten Fall um Hilfe gebeten. Seitdem schien sich die Sache zu verselbstständigen.

»Und bestell Hauptkommissar Fricke einen schönen Gruß von mir. Er soll unbesorgt sein. Ich habe nicht vor, mich in seinen Fall einzumischen.« Erich zwinkerte ihr zu. »Zumindest vorerst nicht.«

Malin folgte ihrem Großvater in den Flur und nahm ihre Wachsjacke von der Garderobe. Daneben hing Erichs dunkelblauer Blazermantel. Sie erinnerte sich, dass sie in Wenningers Haus ein ganz ähnliches Modell gesehen hatte. Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf.

Wolfgang Herzog band bedächtig seine blau-rot gestreifte Krawatte um den gestärkten Hemdkragen und griff nach den Manschettenknöpfen aus Sterlingsilber mit dem dezent eingravierten Hamburg-Wappen. Die Knöpfe waren ein Geschenk von Verena zu seinem siebzigsten Geburtstag gewesen. Seine Frau war gebürtige Hamburgerin und stammte aus einer der alteingesessenen Unternehmerfamilien.

Wolfgang Herzog musterte sich im Spiegel. Die tiefen Falten, den verkniffenen Mund und die dicken Tränensäcke unter seinen Augen. Schon seit Wochen litt er unter Schlafmangel und wälzte sich Nacht für Nacht im Bett herum. Er hatte mehrfach mit der Möglichkeit gespielt, Schlaftabletten zu nehmen, doch der Gedanke daran, was chemische Substanzen in Kombination mit dem alten, teuren Whiskey, den er so liebte, in seinem Körper auslösen konnten, hielt ihn davon ab.

Aus dem Nachbarzimmer drang klassische Violinenmusik. Erst verhalten, dann nahmen die Töne an Lautstärke und Tempo zu. Mendelssohns Violinkonzert. Verena liebte diese Musik.

Wolfgang seufzte, strich mit der Hand durch sein noch immer dichtes, graues Haar und griff nach dem dunkelblauen Zweireiher. Er war spät dran. In einer halben Stunde erwartete ihn der erste Mandant.

Vor mehr als zwanzig Jahren hatte Wolfgang Herzog die Kanzlei Herzog Rechtsanwälte mit dem Schwerpunkt Strafrecht gegründet. Mittlerweile beschäftigte seine Kanzlei am Hofweg fünf weitere Anwälte. Trotzdem hielt Wolfgang das Zepter noch immer alleine in der Hand und hatte auch nicht vor, es in absehbarer Zeit abzugeben.

Im Nebenzimmer klingelte ein Handy, und die Musik wurde leiser gedreht. Das Klackern von hohen Absätzen auf dem Parkett war zu hören, und Sekunden später wurde die Tür geöffnet.

»Deins.« Verena hielt ihm sein Handy entgegen und wie immer in letzter Zeit hatte ihre Stimme einen vorwurfsvollen Klang.

Wolfgang setzte zu einer liebevollen Bemerkung an, doch die Tür fiel schon wieder hinter Verena ins Schloss, und die Musik wurde lauter gestellt. Verdammt, sie gab ihm auch nicht die geringste Chance, sich ihr zu erklären!

Wolfgang blickte auf das Display des klingelnden Handys. Unbekannte Nummer. Er räusperte sich kurz, ehe er sich mit ruhiger Stimme meldete. »Wolfgang Herzog.«

»Grabowsky.«

Wolfgang holte tief Luft. »Du sollst mich doch nicht anrufen!«

»Hast du heute schon in die Zeitung geschaut?«

»Nein.«

Es blieb einen Moment still am Telefon, ehe Grabowsky erneut sprach: »Wenninger ist tot.«

»Was sagst du da?« Unvermittelt begann Wolfgang zu schwitzen.

»Ich sagte, Wenninger ist tot. Es stand heute früh im Abendblatt. Ein gewisser Kurt W. aus Wohldorf-Ohlstedt wurde in seinem Haus tot aufgefunden. Ich kenne den Redakteur. Er hat mir bestätigt, dass es sich um Wenninger handelt.« Grabowsky hob die Stimme. »Die Polizei geht von einem Tötungsdelikt aus.«

»Verdammt.« Wolfgang lockerte mit einer Hand seinen Krawattenknoten.

»Wir sollten uns treffen.«

»Ich muss erst darüber nachdenken.« Er legte auf. Sekundenlang verharrte er und starrte auf das Handy in seiner Hand. Dann verließ er das Schlafzimmer, durchquerte das Nebenzimmer und ging in sein Arbeitszimmer, ohne die Stille in der Wohnung zu bemerken. Er setzte sich in seinen Ledersessel hinter dem massiven Schreibtisch, lehnte sich an die Rücklehne und schloss die müden Augenlider. Dann rief er sich das letzte Zusammentreffen mit Kurt Wenninger ins Gedächtnis.

Kurz vor zehn saß Malin mit dem Telefonhörer am Ohr an ihrem Schreibtisch und lauschte dem Song Dancing Queen.

Zuvor hatte sie sich in der Kriminaltechnik nach Gegenstandsspuren in Wenningers Blazermantel erkundigt. Neben einer Brieftasche mit üblichem Inhalt hatten die Kollegen in einer der Seitentaschen eine Taxiquittung sichergestellt. Datum und Uhrzeit auf dem Beleg passten zur Aussage der Nachbarin. Start- und Zielort hingegen fehlten.

Malin trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Schreibtisch. In der Warteschleife von Alster-Taxi war noch immer Dancing Queen zu hören. Zum siebten Mal in Folge.

»So, ich hab mit dem Fahrer gesprochen«, meldete sich der Disponent, nachdem das Lied zwei weitere Male vom Band gelaufen war. »Sie haben Glück, der Kollege konnte sich an den Fahrgast erinnern. Der alte Herr soll ziemlich betrunken gewesen sein.«

Malin zückte ihren Stift. »Zu welcher Adresse wurde das Taxi bestellt?«

»Nirgendwohin. Der Fahrgast ist am Langenhorner Markt eingestiegen.«

Malin machte sich eine entsprechende Notiz. »Ich würde gerne mit dem Fahrer persönlich sprechen.«

»Dann geben Sie mir Ihre Nummer.« Der Disponent wirkte genervt. Im Hintergrund klingelte pausenlos das Telefon. »Ich sorge dafür, dass der Kollege Sie in seiner nächsten Pause anruft.«

»Gut.« Malin nannte ihm ihre Handynummer. »Und bitte sagen Sie ihm, dass es dringend ist.« Doch ihr Gesprächspartner hatte bereits aufgelegt.

Langenhorner Markt, grübelte Malin. Wo konnte Wenninger gewesen sein, mitten in der Nacht und betrunken?

Die Tür ging auf und Andresen stapfte, dicht gefolgt von Tiedemann, ins Büro. Ein ungleiches Paar, dachte Malin nicht das erste Mal beim Anblick der beiden Ermittler. Andresen war wieder von oben bis unten in dunkles Leder gehüllt, an den Füßen trug er ausgelatschte Cowboystiefel. Im Gegensatz zu seinem rothaarigen Kollegen wirkte Ole Tiedemann in seiner grauen Bundfaltenhose, dem gebügelten Oberhemd und seinem akkurat gescheitelten Haar wie aus dem Ei gepellt. Unter dem Arm trug er eine schwarze Ledermappe. Seine blassen Wangen waren leicht gerötet, und er lächelte zufrieden.

»Es sieht aus, als hättet ihr Neuigkeiten.«

»Wir kommen gerade von der Haspa-Filiale in Volksdorf.« Tiedemann öffnete die Ledermappe und reichte ihr ein Dokument in einer Klarsichthülle. »Wenninger hatte dort ein Bankschließfach.«

Die Überschrift des Papiers stach Malin sofort ins Auge: Mein letzter Wille. Schweigend las sie das Testament, das auf einen Tag im Februar 1991 datiert war. Kurt Wennninger hatte seinen gesamten Besitz einem einzigen Menschen vermacht. Sie hob den Kopf. »Wer zum Teufel ist Michael Baumann?«

Die Durchsage informierte die Passagiere, dass der ICE den Zielbahnhof Hamburg Hauptbahnhof in wenigen Minuten erreichen würde. Michael Baumann wuchtete seine Sporttasche aus dem Gepäckfach.

Höchstens eine Woche würde er in Hamburg bleiben. Das hatte er Ina versprochen. Ohnehin hatte es ihn Überwindung gekostet, sie und die Kleine zurückzulassen. Seit der Geburt seiner Tochter vor knapp zwei Jahren war er nicht einen Tag von seiner Familie getrennt gewesen. Trotzdem musste sie sein, diese Reise, von der er noch nicht wusste, wohin sie ihn führen würde.

Jemand rammte ihm einen Koffer in die Waden und drängelte sich ohne Entschuldigung vorbei. In seiner Hosentasche kündigte ein Fiepen den Eingang einer SMS auf seinem Handy an. Er zog es heraus. Ina wünschte ihm viel Glück.

Michael reihte sich in die Schlange der Wartenden ein. Der ICE passierte die Elbrücken. Dicht an dicht stapelten sich die Container wie Bauklötze auf den Kaianlagen. Michael spürte einen Kloß im Hals. Würde er in Hamburg endlich die Antworten auf die Fragen finden, die ihn so quälten? Er durfte jetzt auf keinen Fall kneifen. Nicht, bevor er Gewissheit hatte.

Der ICE verringerte sein Tempo. Eine riesige Kuppel aus Stahl und Glas kam in Sicht. Wenige Augenblicke später fuhr der Zug in den Bahnhof ein und kam zum Stehen.

Michael wartete geduldig, bis die Reisenden vor ihm ausgestiegen waren, dann trat er auf den Bahnsteig.

»Wer ist Michael Baumann?«, wiederholte Fricke Malins Frage eine halbe Stunde später. Er starrte mit gekrauster Stirn auf das handschriftliche Testament in seiner Hand. »Die Verfügung stammt von 1991. Dem Geburtsdatum nach war Michael Baumann zu dem Zeitpunkt zwölf Jahre alt.« Er hob den Blick und sah zu seinem Stellvertreter. »Ein Kind.«

Tiedemann nickte. »Möglicherweise Wenningers Kind.«

»Wenninger war nie verheiratet«, warf Malin ein.

Andresen grinste anzüglich. »Manche Männer verstreuen ihre Samen in jede Windrichtung.«

Fricke blätterte im Anhang des Testaments. »Als Vermögenswerte wurden das Haus im Schleusenredder und ein Festgeldkonto angegeben.«

»Und damit reden wir über eine halbe Million Euro.« Tiedemann nahm Fricke die Dokumente aus der Hand und ging damit zu seinem Schreibtisch. »Laut Testament wurde Michael Baumann in Berlin geboren.« Er tippte einige Befehle in seine Computertastatur. »Ich habe mit einem Berliner Kollegen gesprochen und der hat mir den EWO-Eintrag für Michael Baumann geschickt.«

»Wenningers Schwester, deren Tochter und die Enkelkinder gehen bis auf den Pflichtanteil also leer aus«, stellte Fricke fest. »Ob die das wissen?«

»Ich rufe die Auskunft an.« Tiedemann griff zum Telefonhörer. »Können Sie mich bitte mit einer Nummer in Berlin verbinden?« Er nannte die beim Einwohnermeldeamt eingetragene Adresse und lauschte einen Moment, ehe er die Sprechmuschel des Telefons mit der Hand umschloss. »Ein Michael Baumann ist unter der Adresse nicht verzeichnet. Dafür Horst und Hertha Baumann.«

»Möglicherweise die Eltern.« Malin tauschte einen Blick mit Fricke.

»Sie verbinden mich.« Tiedemann stellte die Telefonanlage auf Lautsprecherfunktion und alle lauschten gebannt dem Freizeichen.

»Hertha Baumann«, meldete sich eine Frauenstimme.

»Mein Name ist Ole Tiedemann, ich bin Kriminalkommissar beim LKA Hamburg. Kann ich bei Ihnen einen Michael Baumann erreichen?«

Stille.

»Frau Baumann? Kann ich bitte mit Michael Baumann sprechen?«

Der Hörer wurde aufgelegt.

Tiedemann warf Fricke einen irritierten Blick zu und wählte ein weiteres Mal. Niemand hob ab.

»Bleib da dran, Ole.« Fricke sah Andresen an. »Wie weit seit ihr mit der Sichtung von Wenningers Unterlagen?«

Andresen zwirbelte an seinem Schnauzer. »Wir sind so gut wie durch. Alles nur Versicherungskram oder Unterlagen, die sein Haus oder die Praxis betreffen. Nichts Persönliches. Keine Kinderfotos, keine Briefe, keine Zeugnisse, nicht ein einziges Dokument von vor 1990. Als hätte es Kurt Wenninger da noch nicht gegeben.«

»Das ist doch nicht normal.« Frickes Kiefermuskeln malmten.

»Wenninger wollte offenbar nicht, dass jemand etwas findet«, erwiderte Malin. »Der Mann hatte etwas zu verbergen.«

Fricke musterte seine Mitarbeiter grimmig. »Dann fangt an zu graben, und zwar so tief ihr könnt.«

Nach dem sie zwei Stunden lang ergebnislos sämtliche Suchmaschinen im Internet mit Kurt Wenningers Namen gefüttert hatte, beschloss Malin, Stefan Biedermann aufzusuchen. Das merkwürdige Verhalten des Postboten während der ersten Befragung war ihr im Gedächtnis geblieben. Sie rief bei seiner Dienststelle an und erfuhr, dass er bereits Feierabend gemacht hatte und vermutlich in seinem Schrebergarten anzutreffen war.

Das Navi in ihrem Mini führte Malin zu einer weitläufigen Kleingartenkolonie in Langenhorn. Alte Bäume, halbhohe grüne Hecken und prächtige Blütenbüsche säumten die Wege. Auf den Grundstücken standen Häuser in Miniaturformat.

Vor einem dunkelrot gestrichenen Holzhaus hockte ein Mann mit Pferdeschwanz auf einer überschaubaren Rasenfläche und beförderte mit einem Unkrautstecher Löwenzahn aus dem Gras.

Malin öffnete das Gartentor. »Hallo, Herr Biedermann.«

Der Postbote sah kurz auf. »Hallo.« Ungerührt zupfte er das Unkraut von seinem Hilfsgerät umd warf es in den neben ihm stehenden Eimer.

»Ich würde mit Ihnen gerne noch mal über Kurt Wenninger sprechen.« Malin trat näher.

Stefan Biedermann sah zum Himmel, an dem sich dunkle Wolken auftürmten. »Eigentlich wollte ich den Rasen fertig machen. Ich muss noch mähen und hinterher düngen, und zwar bevor der Regen kommt.« Er widmete sich dem nächsten Löwenzahn.

Malin nahm den Faden auf. »Jemand hat etwas in Herrn Wenningers Rasen gemäht.« Sie beobachtete, wie Stefan Biedermann mitten in der Bewegung innehielt. »Zahlen oder Buchstaben, es ist schwer zu erkennen.«

Biedermann erhob sich aus der Hocke. »In Wenningers Rasen? In sein Heiligtum?« Er streifte Malin mit einem eigentümlichen Blick.

»Wissen Sie etwas darüber?«

»Der Doktor hätte das niemals zugelassen«, murmelte Stefan Biedermann, während er den Unkrautstecher von einem verbliebenen Rest Löwenzahn befreite.

»Herr Biedermann? Wissen Sie etwas darüber?«

»Nein.« Er hob den Blick und sah ihr direkt in die Augen.

»Bei unserem letzten Gespräch haben Sie erwähnt, dass Herr Wenninger mit Ihnen über seine Arbeit als Psychiater gesprochen hat. Was genau hat er erzählt?«

Stefan Biedermann runzelte die Stirn. »Streng genommen hat er es nicht von sich aus erzählt. Ich habe ihn gefragt, wofür der Doktortitel auf seinem Briefkasten steht.« Er ließ sein Gartenwerkzeug in den Eimer gleiten und steckte die Hände in die Taschen seiner grünen Arbeitshose. »Dabei hatte ich mit irgendetwas in Richtung Botanik oder Biologie gerechnet. Dass er so ein Nervenarzt war, hat mich aus den Latschen gehauen.«

»Warum?«

»Das passte einfach nicht zu ihm. Sagt man nicht von Psychiatern, dass die selbst alle eine Schraube locker haben?« Er schüttelte den Kopf. »Na ja, vielleicht habe ich auch einfach nur eine falsche Vorstellung von dem Beruf. Ich habe ihn mal gefragt, was man so macht als Psychiater. Da hat er gesagt, er helfe den Menschen dabei, ihre verlorenen Seelen wiederzufinden.«

Ihre verlorenen Seelen? Malin machte sich im Geiste eine Notiz. »Hat er Ihnen sonst noch etwas von seiner Arbeit erzählt?«

»Nie wieder. Als hätte er das eine Mal schon zu viel verraten. Aber das war seine Art. Der Doktor konnte stundenlang über seinen Garten philosophieren, aber sobald es um Persönliches ging …« Seine Stirn krauste sich. »Vielleicht fragen Sie mal bei diesem Club nach, zu dem er immer gegangen ist.«

»Was für ein Club?«, fragte Malin überrascht.

»Irgend so ein Pfeifenclub. Der Doktor war dort ein- bis zweimal die Woche.« Der Postbote sah sie erstaunt an. »Wussten Sie das denn nicht?«

Malin unterdrückte die Antwort, die ihr auf der Zunge lag. »Wissen Sie möglicherweise auch, wo die Mitglieder dieses Clubs sich treffen?«

»In irgendeiner Gaststätte.« Biedermann schwieg einen Moment, und es schien, als wäge er verschiedene Möglichkeiten ab. »Irgendwo in Langenhorn. Genaueres weiß ich nicht.«

Wenninger war am Langhorner Markt eingestiegen, erinnerte sich Malin. »Möglicherweise hilft uns das schon mal weiter. Vielen Dank, Herr Biedermann.« Sie musterte ihn und konnte nicht verhindern, dass die unterdrückten Worte nun doch den Weg über ihre Lippen fanden: »Ehrlich gesagt würde es mich brennend interessieren, woher Sie davon wissen. Haben Sie mir nicht gerade vor wenigen Augenblicken erzählt, dass Herr Wenninger nicht gerne über Persönliches sprach?«

Wieder erschien dieser eigentümliche Blick in Biedermanns Augen. »Er hat es irgendwann mal erwähnt.«

»Aha. Hat Herr Wenninger vielleicht noch etwas anderes erwähnt, das uns helfen könnte, seinen Mörder zu finden?« Sie fixierte den Postbeamten noch eingehender. »Irgendwann?«

»Nein, hat er nicht.« Biedermann griff nach dem Eimer und nahm demonstrativ den Unkrautstecher heraus.

»Gut, dann lasse ich Sie jetzt mit Ihrem Rasen allein. Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Malin drehte sich um und ging durch das Gartentor. Dabei spürte sie den Blick des Postboten im Rücken.

»Frau Brodersen!«, rief Stefan Biedermann ihr hinterher. »Lassen Sie Doktor Wenningers Rasen mähen!«

Malin sah irritiert über ihre Schulter, doch von dem Mann war nichts mehr zu sehen.

Als Malin zurück ins Präsidium kam, waren die Schreibtische ihrer Kollegen verwaist. Sie schenkte sich einen Becher Kaffee ein und setzte sich an ihren Platz. Nachdenklich starrte sie aus dem Fenster in den bewölkten Himmel. Was machte man in einem Pfeifenclub? Rauchen und philosophieren?

Malin nippte an ihrem Kaffee. Er schmeckte ungewöhnlich bitter. Sie schob den Becher beiseite, öffnete die unterste Schublade ihres Schreibtisches und zog eine Papiertüte mit einem Franzbrötchen vom Vortag heraus. Genüsslich biss sie in das süße Hefegebäck. Sofort breitete sich der vertraute Butter-Zimt-Geschmack auf ihrem Gaumen aus.

Derart gestärkt, gab sie in die Internet-Suchmaschine die Begriffe Pfeifenclub und Hamburg ein. Zwölftausend Treffer. Anscheinend waren solche Clubs hier nichts Ungewöhnliches. Sie las sich einige der Vereinsbeschreibungen durch. In vielen häuften sich Dinge wie Förderung der Geselligkeit und Erhaltung von Traditionen, auch von Aktionen wie Zigarillowettrauchen und Kegelturnieren war die Rede. Bei weiteren Clubs wurden Wanderungen und Ausflüge erwähnt, sowie Spendenaktionen und das jährliche Grünkohlessen.

Malin gab als zusätzlichen Begriff Langenhorn in die Maske ein. Nur noch einhunderteinundzwanzig Treffer. Sie ging die einzelnen Seiten durch, nur um festzustellen, dass nicht einer davon in unmittelbarem Zusammenhang mit einem Langenhorner Pfeifenclub stand.

Die Tür wurde aufgerissen und Tiedemann erschien. »Du bist zurück? Vorhin war ein Taxifahrer hier und wollte was von dir.«

»Der sollte mich doch anrufen«, entfuhr es Malin.

»Davon hat er nichts gesagt.« Tiedemann setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Dafür konnte er sich umso besser an Kurt Wenninger erinnern. Er sagt, der Alte sei sternhagelvoll gewesen und hätte während der ganzen Fahrt gezetert. Es hörte sich wohl so an, als hätte Wenninger sich an dem Abend heftig mit jemandem gestritten.«

»Sind Namen gefallen?«

»Wenninger hat etwas von einem Admiral gefaselt.« Tiedemann lehnte sich in seinem Schreibtischstuhl zurück. »Möglicherweise meinte er jemanden vom Militär, aber um da einen Zusammenhang herzustellen, fehlen uns zahlreiche Infos. Ich habe sicherheitshalber eine Abfrage bei EWO gemacht, für den Fall, dass es sich um einen Nachnamen handelt. Nichts.« Er rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. »Ich komme übrigens gerade vom Chef. Wir sind mit der Suche nach Michael Baumann kein Stück vorangekommen, deshalb hat Fricke die Berliner Kollegen um Unterstützung gebeten.«

»Apropos Suche, wo steckt eigentlich Sven?«

»Beim Zahnarzt.« Tiedemann musterte Malin. »Und? Hast du bei Biedermann etwas erreicht?«

Sie erzählte von dem Gespräch mit dem Postboten. Tiedemann hob die Brauen. »Ein Pfeifenclub? Das sollten wir überprüfen.«

»Bin schon dabei«, entgegnete Malin. »Allerdings gibt es Dutzende in Hamburg. Die meisten Gruppen treffen sich in irgendwelchen Gaststätten oder Vereinsheimen. Biedermann hat in diesem Zusammenhang Langenhorn erwähnt, doch möglicherweise wollte er sich damit auch nur wichtig machen.« Sie knüllte die leere Brötchentüte auf ihrem Tisch zu einer kleinen Kugel zusammen und feuerte sie in den Papierkorb. »Ich habe das Gefühl, wir treten auf der Stelle.«

Tiedemann schlug sich an die Stirn und gab etwas in seine Computertastatur ein. Dann erhellte sich sein Gesicht. »Dass ich da nicht gleich draufgekommen bin! Das Admiral ist eine Gaststätte. Ich kenne sie sogar. Wir haben dort vor einigen Jahren in einem Fall recherchiert. Und jetzt rate mal, in welchem Stadtteil sie sich befindet.«

»Wenn du so fragst, nehme ich an, in Langenhorn?«

Tiedemann grinste. »Und zwar in unmittelbarer Nähe zum Langenhorner Markt.« Er griff nach seiner Jacke. »Kommst du?«

8

Die Gaststätte Admiral befand sich in einem zitronengelb gestrichenen Haus direkt an der vielbefahrenen Tangstedter Landstraße. Von weitem wirkte das Gebäude mit seinen weißen Sprossenfenstern und dem roten Ziegeldach einladend, doch als sie darauf zugingen, bemerkte Malin die fleckige Fassade und das abgeblätterte Holz an den Fensterrahmen. In einem Schaukasten neben dem Eingang hing eine Speisekarte mit verblasster Schrift.

Die Eingangstür führte die Kriminalbeamten direkt in den Gastraum. Tische und Stühle aus dunklem Holz, eine breite Theke mit Barhockern und eine alte Eistruhe bildeten die Einrichtung. Auf jedem Tisch stand eine kleine Vase mit einer roten Nelke, an den Wänden hingen alte Bierplakate.

Ein hagerer Mann mit Kinnbart hantierte hinter dem Tresen mit der Zapfanlage und sah den Neuankömmlingen missmutig entgegen. »Wir haben noch geschlossen. Steht auch auf dem Schild an der Tür. Kommen Sie in einer halben Stunde wieder, dann gibt’s auch Bier.«

»Wir möchten kein Bier, sondern eine Auskunft.« Tiedemann zückte seinen Dienstausweis. »Aber vielleicht verraten Sie uns erst mal Ihren Namen.«

»Gregor Lenz. Das ist mein Schuppen hier.« Der Wirt wischte sich die Hände an einem Handtuch ab. »Also, was kann ich für Sie tun? Ärger kann ich in meiner Gaststätte nicht gebrauchen.«

»Ist Ihnen der Name Kurt Wenninger bekannt?«

Lenz schüttelte den Kopf. »Sagt mir nichts.«

Tiedemann zog ein Foto des Mordopfers aus seiner Jackentasche und schob es dem Wirt über die Theke.

Gregor Lenz betrachtete es. »Das Gesicht kommt mir allerdings bekannt vor. Was ist mit dem Mann?«

Malin ergriff das Wort. »Herr Wenninger ist vor einigen Tagen in seinem Haus tot aufgefunden worden. Ermordet.«

»Das ist schlimm.« Der Blick des Wirts wurde argwöhnisch. »Und was hab ich damit zu tun?«

»Wir gehen davon aus, dass sich Herr Wenninger am Dienstagabend, den fünften August, in Ihrer Gaststätte aufgehalten hat«, antwortete Tiedemann. »Können Sie das bestätigen?«

Nachdenklich krempelte Lenz die Ärmel seines schwarzen Hemdes hoch. »Wäre schon möglich. Ich glaube, dieser Wenninger ist einer unserer Schmauchfreunde. Wir vermieten zweimal wöchentlich einen unserer Nebenräume an einen Pfeifenclub. Völlig legal, versteht sich.«

Malin und Tiedemann wechselten einen Blick.

Gregor Lenz schien die Doppeldeutigkeit seiner Worte ebenfalls aufzugehen, denn er schob eilig eine Erklärung hinterher. »Damit meinte ich natürlich, was das Rauchen in Gaststätten anbelangt!«

Tiedemann winkte ab. »Entspannen Sie sich. Wir sind von der Mordkommission, nicht vom Ordnungsamt. Also noch mal zurück zu besagtem Dienstag vor zwei Wochen. Ein Zeuge hat ausgesagt, Herr Wenninger sei an dem Abend auffallend betrunken gewesen.«

»Hier bei uns?« Der Wirt runzelte die Stirn. »Es gab da vor kurzem tatsächlich einen Vorfall. Was genau im Clubraum vorgegangen ist, kann ich Ihnen nicht sagen, nur, dass es dort sehr laut wurde. Möglicherweise war es sogar an dem Tag, von dem Sie sprechen. Ich frag mal meinen Koch.« Er öffnete die satinierte Schiebetür einer Durchreiche. »Friedhelm? Kommste mal?« Keine Antwort. »Ich seh mal nach, wo er steckt. Bin gleich wieder da.« Der Wirt verschwand durch die angrenzende Tür.

Malin lehnte sich an den Tresen. »Endlich tut sich was.«

»Abwarten«, entgegnete Tiedemann trocken. »Selbst wenn Wenninger an dem Abend hier war, muss das noch lange nichts bedeuten.«

»Du bist immer so verdammt sachlich«, entfuhr es Malin.

»Jetzt stell dir mal vor, ich wäre genauso betriebsam wie du«, konterte ihr Kollege.

Betriebsam? Sie verkniff sich eine Antwort und betrachtete Ole Tiedemann aus den Augenwinkeln. Heute wirkte er besonders blass, unter seinen Augen konnte man sogar das Schimmern der Adern erkennen. Ihr Kollege sah immer ein wenig kränklich aus und einmal mehr fiel Malin auf, dass sie im Grunde nichts von ihm wusste.

»Sag mal, Ole, wohnst du eigentlich mit jemandem zusammen?«, platzte es aus ihr heraus.

»Wie kommst du jetzt darauf?« Er schaute sie überrascht an.

»Na ja, solange Fred im Urlaub ist, sind wir ja mehr oder weniger Teampartner. Sollte man da nicht etwas besser übereinander Bescheid wissen?«

»Ich bin allein.« Tiedemanns Miene war ausdruckslos. Nach einigen Sekunden fügte er leise hinzu: »Es ist lange her, dass mich überhaupt jemand danach gefragt hat.«

Malin fühlte sich unwohl in ihrer Haut. Sie wünschte, sie hätte einen besseren Zeitpunkt für ihre Frage gewählt.

Gregor Lenz hatte einen bulligen jungen Mann mit Kochschürze im Schlepptau, als er zurück in den Gastraum kam. »Das ist Friedhelm, mein Koch. Und das«, er wies auf die beiden Kriminalbeamten, »sind die Herrschaften von der Polizei. Bei unseren Schmauchfreunden ist es doch vor einiger Zeit etwas lauter zugegangen. Weißt du noch, ob der hier dabei war?« Der Wirt wies auf Wenningers Foto, das noch immer auf der Theke lag.

Der Koch nickte sofort. »War er. Ich bin ihm im Flur über den Weg gelaufen. Der war ziemlich besoffen.«

»Weißt du auch noch, an welchem Tag?«

Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. »Dienstag, der fünfte August. Das war der Tag, an dem ich eigentlich frei hatte«, sagte er spitz.

»Haben Sie mitbekommen, worum es ging?«, mischte sich Malin ein, bevor Lenz auf den unüberhörbaren Vorwurf seines Kochs reagieren konnte.

Friedhelm schüttelte den Kopf. »Nein, nur dass der Alte total aufgebracht war. Ich glaube, er wollte gerade gehen.«

»Wissen Sie noch, wie spät es da war?«

»Muss kurz vor zwölf gewesen sein, ich war gerade mit dem Saubermachen fertig und wollte Feierabend machen. Mehr weiß ich aber auch nicht. Kann ich wieder in die Küche? Meine Sauce brennt sonst an.«

»Gehen Sie nur.« Tiedemann wandte sich wieder dem Wirt zu. »Haben Sie vielleicht ein paar Namen für uns?«

Lenz schüttelte den Kopf. »Ich führe hier keine Anwesenheitsliste, ich habe nur den Raum vermietet.«

»Und wer bezahlt die Miete?« Tiedemann steckte Wenningers Foto wieder ein und zückte sein Notizbuch.

Der Wirt dachte angestrengt nach. »Wie heißt der noch gleich … König, Kaiser, irgendwie so.«

»Irgendwie so?« Tiedemanns Miene wurde streng. »Für die Miete muss es doch Belege geben.«

»Da müsste ich erst nachsehen.« Gregor Lenz wurde rot. »Zu Hause.«

»In Ihrem eigenen Interesse wäre es besser, wenn Sie diese Belege finden würden.«

Lenz nickte. »Heute Abend findet übrigens auch ein Treffen der Schmauchfreunde statt. Um acht.«

»Wir kommen wieder.« Tiedemann warf dem Wirt einen finsteren Blick zu und drehte sich um.

Malin folgte ihm zum Dienstwagen. »Es gibt keine Belege.«

Ihr Kollege deutete ein Nicken an. Er schien etwas sagen zu wollen, doch er zögerte einen Moment. »Wegen deiner Frage vorhin, Malin … Mach dir keine Gedanken um mich. Ich halte Berufliches und Privates getrennt. Das ist besser so.« Bevor sie etwas erwidern konnte, stieg er in den Dienstwagen und startete den Motor.

Zwei Stunden später stand Malin vor Frickes klobigem Holzschreibtisch, einem Relikt seiner früheren Dienststelle, und sah ihren Vorgesetzten ungläubig an. »Das ist nicht dein Ernst, Chef!«

»Das ist mein völliger Ernst.« Fricke zog ein Salamisandwich aus einer Papiertüte und biss genüsslich hinein. »So gut solltest du mich mittlerweile kennen«, fügte er zwischen zwei Bissen hinzu.

»Aber, Chef.« Malin setzte sich unaufgefordert auf den durchgesessenen Besucherstuhl. »Vielleicht …«

Fricke unterbrach sie mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Nichts da. Ole und Sven übernehmen diesen Pfeifenclub. Du brauchst gar nicht erst zu versuchen, mich um den Finger zu wickeln. Dein Undercover-Einsatz an der Corvinius Law School war das letzte Mal, dass dir das gelungen ist. Und wir wissen beide, wie das geendet hat.« Er nahm einen weiteren Bissen von seinem Sandwich und warf ihr einen scharfen Blick zu. »Ich erwarte, dass du dich an meine Anweisungen hältst.«

Malin hätte ihn gern darauf hingewiesen, dass sie mit ihrem verdeckten Einsatz damals den Ermittlungen entscheidend auf die Sprünge geholfen hatte, doch sie bemerkte gerade noch, wie sich Frickes Hals rosa verfärbte. Wenn die Farbe erst einmal bis ins Gesicht wanderte und ins Dunkelrote wechselte, wäre mit ihrem Chef nicht mehr gut Kirschen essen. Es lohnte sich nicht, ihn an diesem Punkt weiter zu reizen. Auch sie hatte dazugelernt.

»Außerdem habe ich für dich eine ganz andere Aufgabe.« Fricke griff nach der Serviette und wischte sich die verbliebenen Brotkrümel vom Mund. »Du hast doch in der Vergangenheit schon öfter dein Händchen für ältere Damen unter Beweis gestellt.«

»Hab ich?«, fragte Malin irritiert.

»Du wirst dich gleich morgen früh um Wenningers Schwester kümmern. Fühl ihr auf den Zahn. Ich will wissen, was es da für Feindseligkeiten zwischen ihr und ihrem Bruder gegeben hat. Frag sie auch nach diesem Michael Baumann. Konfrontiere sie mit dem Testament.«

Malin nickte. »Soll ich jemanden mitnehmen?«

Der Anflug eines Lächelns streifte Frickes Lippen. »Ich denke, das bekommst du genauso gut alleine hin.« Dann wurde sein Blick ernst. »Günther Peters von 412 geht Ende des Jahres in Ruhestand.«

Malin sah ihren Vorgesetzten fragend an. Was hatte sie mit dem Kollegen aus einem der anderen Ermittlungsteams zu tun?

Fricke räusperte sich. »Dein Teampartner hat mir vor seinem Urlaub mitgeteilt, dass er sich für Günthers Stelle beworben hat.« Er musterte Malin aus zusammengekniffenen Augen. »Weißt du etwas über Fredericks Gründe, Brodersen?«

Malin erstarrte. Er hatte es also tatsächlich getan. Sie dachte an den heftigen Streit mit Frederick Bartels während der Ermittlung vor zweieinhalb Monaten. Am Ende ihrer Auseinandersetzung hatte ihr Partner verkündet, das Team nach Abschluss des Falls zu verlassen. Das war vor acht Wochen gewesen.

»Brodersen?«

Malin schluckte. »Ich …« Sie biss sich auf die Lippe.

»Er hat dir nichts davon gesagt, oder?« Fricke strich sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Eine schöne Bescherung. Du solltest mit ihm reden, Brodersen. Ich hatte immer das Gefühl, ihr hättet einen besonderen Draht zueinander. Vielleicht lässt er sich von dir umstimmen.« Er sah auf seine Armbanduhr. »Am besten machst du jetzt Feierabend. Sortier deine Gedanken, triff dich mit deinem Freund. Du hast doch einen neuen Freund, oder?«

»Der Flurfunk funktioniert offenbar.« Malin erhob sich von ihrem Stuhl.

»Bis morgen, Brodersen«, brummte Fricke. Seine Augen blickten besorgt.

01. Februar 1979

Kein Baum, kein Strauch, kein Himmel. Andauernd nur tris­­te Wände und das stetige Summen der Neonröhre, deren grelles Licht sie langsam genauso in den Wahnsinn trieb wie das ewige Warten, dass endlich etwas geschah.

Sekunden wurden zu Minuten, Minuten zu Stunden, Stunden zu Tagen. Zumindest vermutete Rena, dass mehrere Tage vergangen waren, seit man sie im Morgengrauen in ihrer Wohnung aus dem Schlaf gerissen hatte. Wissen konnte sie es nicht.

Die Stille und die Einsamkeit waren das Schlimmste. Manchmal hörte sie Schritte vor der Tür oder das schmatzende Geräusch von Gummirädern, bevor ihr das Essen durch die Klappe gereicht wurde.

Rena erhob sich von ihrem Hocker und begann, den schmalen Raum abzulaufen. Sieben Schritte bis zur Tür, sieben Schritte zurück. Ihre Gedanken wanderten zu dem Augenblick, als man ihr die Augenbinde vom Kopf gerissen hatte. Scheinwerferlicht hatte sich wie Tausend kleine Nadelstiche in ihre Netzhaut gebrannt und sie hatte sich ohne Protest durch einen langen Flur zu einem hell erleuchteten Raum führen lassen.

Krampfhaft versuchte Rena die Erinnerung, was darin geschehen war, aus ihrem Gedächtnis zu drängen. Umdrehen. Ausziehen. Bücken. Jede Körperöffnung war genauestens untersucht worden.

Rena beschleunigte ihren Schritt. Sieben Schritte hin, sieben Schritte zurück. Was passierte hier? Warum half ihr keiner? Wo blieb Peter? Ihr wurde schwindelig und sie sank zurück auf den Hocker unter den Glasbausteinen. Stille umfing sie.

Ihr Puls raste. Ich drehe durch, dachte Rena. Sie atmete mehrfach tief durch und spürte, wie sich ihr Puls langsam wieder normalisierte. Ich muss mich zusammenreißen. Für Romy. Für meinen Mann.

Sie hatte Peter im Jugendclub kennengelernt. Damals war sie gerade sechzehn geworden. Noch am gleichen Abend hatte er sie geküsst und ihr gesagt, dass er sie eines Tages heiraten würde. Rena war regelrecht dahingeschmolzen und hatte sich wie in einem dieser Kitschromane gefühlt, die sie so gerne in der Badewanne las. Sie war felsenfest davon überzeugt gewesen, dass sie und Peter füreinander bestimmt waren. Das war sie bis heute.

Rena hörte Schritte im Flur. Vor ihrer Tür hielten sie an. Sie wartete darauf, dass sie sich wieder entfernten, doch stattdessen wurde ein Schlüssel zweimal im Schloss gedreht. Dann wurde die Tür geöffnet.

9

Michael Baumann glitt aus einem unruhigen Schlaf. Er hatte einen Albtraum gehabt, an den er sich nur noch schemenhaft erinnern konnte. Da war diese Frau gewesen …

Er öffnete die Augen. Sein Blick erfasste die bunt gemusterte Tapete und erst jetzt fiel ihm wieder ein, dass er in einem Hamburger Hotelzimmer war. Und warum.

Er schob die Bettdecke beiseite und stand auf. Im hellblau gefliesten Badezimmer starrte ihm sein Spiegelbild entgegen. Etliche rote Stressflecken überzogen sein Gesicht. Verdammt.

Schon als er gestern aus dem Zug gestiegen war, hatte er geahnt, dass ihm ein schwieriger Weg bevorstand. Deshalb hatte er sich zunächst ein Hotel gesucht. Um zur Ruhe zu kommen. Doch statt zu schlafen, hatte er sich die halbe Nacht in dem fremden Bett hin- und hergewälzt. Und nun das! Es geschah immer in den unpassendsten Momenten.

Michael schloss die Augen und konzentrierte sich auf seinen Atem. Tief einatmen. Ausatmen. Einatmen und ausatmen. Manchmal half es. Dieses Mal nicht. Die Flecken blieben.

Plötzlich sehnte er sich nach Ina und seiner kleinen Tochter. Wäre er bei ihnen zu Hause geblieben, würde es ihm jetzt vermutlich besser gehen. Dann schalt er sich selbst einen Narren. Die Unruhe würde ihn einholen, wie sie es immer tat. Sie begleitete ihn bereits sein ganzes Leben. Nein, er musste da jetzt durch, musste sich endlich Gewissheit verschaffen.

Er wandte seinem Spiegelbild den Rücken zu und zwängte sich in die kleine Duschkabine hinter der Badezimmertür. Dann duschte er lang und ausgiebig, putzte sich anschließend die Zähne und rasierte sich sorgfältig. Als er damit fertig war, bemerkte er zufrieden, dass die Flecken fast aus seinem Gesicht verschwunden waren. Sein Magen knurrte. Er hatte sein Zimmer ohne das überteuerte Frühstück gebucht und überlegte nun, ob er sich in der Nähe ein Café suchen sollte.

Michael schlüpfte in seine Kleidung und kontrollierte seine Brieftasche, ob er genügend Bargeld hatte. Dabei stach ihm der gelbe Notizzettel mit der Adresse ins Auge. Er kannte sie mittlerweile auswendig. Sein Puls beschleunigte sich. Ohne in den Spiegel zu schauen wusste er, dass sich die Flecken in seinem Gesicht wieder ausbreiteten.

»Ich kenne keinen Michael Baumann.« Ilse Wenninger verschränkte ihre Arme demonstrativ vor der Brust. In ihren alterstrüben Augen blitzte es. »Wer soll das denn sein?«

Malin unterdrückte ein Seufzen. Seit einer geschlagenen Viertelstunde versuchte sie, brauchbare Informationen aus dieser widerspenstigen Person herauszuholen. Ohne Erfolg. Ilse Wenninger war ein harter Brocken. »Das ist der Mann, der von ihrem Bruder als Alleinerbe ins Testament eingesetzt wurde.«

»Als …« Ilse Wenninger blieb das Wort buchstäblich im Hals stecken. Sie wirkte sichtlich geschockt.

»Was ist zwischen Ihnen und Ihrem Bruder vorgefallen?«, schob Malin nach.

Ilse Wenningers Züge wirkten wie versteinert.

»Frau Wenninger?«

»Das geht niemanden etwas an.« Ihre Stimme war kalt und schneidend.

»Frau Wenninger, wir müssen den Mord an Ihrem Bruder aufklären«, entgegnete Malin scharf. »Uns geht alles etwas an, das mit ihm in Zusammenhang steht. Wenn Sie meine Fragen nicht beantworten, bleibt mir nichts anderes übrig, als Sie mit ins Polizeipräsidium zu nehmen. Möchten Sie das?«

Ilse Wenningers Lippen waren zu einer dünnen Linie zusammengekniffen, als sie schließlich den Kopf schüttelte.

»Was hatte Ihr Bruder für eine Verbindung nach Berlin?«

Malins Frage schien die Frau zu irritieren. Sie öffnete ihre Haltung. »Na, Kurt hat doch in Berlin gelebt. In Ost-Berlin. Er ist erst nach der Wende zurück nach Hamburg gekommen.«

»Ach«, sagte Malin überrascht und zückte ihr Notizbuch. »Erzählen Sie mehr darüber. Was hat Ihren Bruder nach Berlin verschlagen? Noch dazu in den Osten der Stadt?«

Die alte Frau musterte sie abschätzig. »Sie sind noch zu jung, um das zu verstehen.« Ehe Malin protestieren konnte, sprach Ilse Wenninger weiter: »Ich war noch ein Kind, damals, während des Krieges.« Sie senkte den Blick auf ihre gefalteten Hände. »Unser Vater war Berliner. Und ein elender Kommunist! Doch das erfuhr ich erst, als ich bereits erwachsen war. Meine Mutter lernte meinen Vater Anfang der dreißiger Jahre hier in Hamburg kennen, als er zu Besuch bei Bekannten war. Es war wohl Liebe auf den ersten Blick. Meine Großeltern waren damals angesehene Leute in Hamburg. Als meine Mutter mit Kurt schwanger wurde, war es beschlossene Sache, dass ihr Enkelkind im Kreis der Familie aufwachsen würde. Zwei Jahre später bin ich dann auf die Welt gekommen.« Ilse Wenninger hob den Blick. »Mein Vater hat sich in Hamburg nie richtig wohlgefühlt. Immer wieder sprach er davon, zurück nach Berlin zu gehen. Zwischen meinen Eltern ist es deswegen ständig zum Streit gekommen.« Ein milder Ausdruck schlich sich in ihr Gesicht. »Kurti und ich haben uns gemeinsam unter der Bettdecke verkrochen, wenn sie sich stritten. Wir hatten schon damals Angst, dass unsere Eltern sich trennen würden. Dann kam der Krieg. Mein Vater wurde eingezogen, Kurti und ich wurden mit der Kinderlandverschickung aufs Land gebracht. Unsere Familie wurde regelrecht auseinandergerissen.«

Sie biss sich auf die Unterlippe. »Als wir zurückkamen, lag alles in Trümmern. Die Straße, in der unser Haus gestanden hatte, gab es nicht mehr. Meine Großeltern waren tot und mein Vater war zu einem völlig anderen Menschen geworden. Er verlangte von meiner Mutter, mit ihm nach Berlin zu gehen, doch sie weigerte sich. Nach dem Verlust ihrer Eltern wollte sie nicht auch noch ihre Heimat verlieren. Wir sind dann in das Haus am Schleusenredder gezogen. Es gehörte meinen Großeltern.« Eine Träne löste sich aus Ilse Wenningers linkem Auge und rann ihre faltige Wange hinunter. »Eines Tages war mein Vater verschwunden. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, auf dem er meiner Mutter mitteilte, dass er zurück nach Berlin geht. Kurti hat er mitgenommen.« Sie wischte sich mit einer resoluten Geste die Träne von der Wange. »Jetzt wissen Sie, wie mein Bruder damals nach Berlin gekommen ist.« Ihre Gesichtszüge verhärteten sich wieder.

»Und danach?«, fragte Malin, die den Schilderungen der alten Frau gespannt gelauscht hatte. »Hatten Sie mit Ihrem Bruder Kontakt?«

Ilse Wenninger schnaubte. »Sie wissen wohl nicht besonders viel über die DDR. Für die waren wir der Klassenfeind. In den ersten Jahren gab es noch einen Briefwechsel zwischen meinem Bruder und mir, doch der wurde mit der Zeit immer weniger, bis ich irgendwann gar nichts mehr hörte.« Ihre Stimme wurde hart. »Mehr möchte ich nicht dazu sagen. Und wenn Sie mich deswegen mit aufs Präsidium schleppen wollen, dann tun Sie das meinetwegen. Dort werden Sie von mir auch nicht mehr erfahren.«

Malin zweifelte keinen Moment an den Worten der alten Frau, die nun stocksteif in ihrem Sessel thronte. »Dann beantworten Sie mir bitte noch eine letzte Frage. Wann haben Sie Ihren Bruder zuletzt gesehen?«

»Sie haben mir die Frage schon einmal gestellt, an der Antwort hat sich seitdem nichts geändert.« Ilse Wenniger sah ihr direkt in die Augen. »Bei der Beerdigung meiner Mutter. Vor dreiundzwanzig Jahren.«

Auf dem Weg von Niendorf zum Polizeipräsidium legte Malin einen Zwischenstopp im Cafe Elbgold ein, ihrem Stammcafé für Samstagvormittage. An der Theke orderte sie das obligatorische Franzbrötchen, dazu einen Milchkaffee, und ergatterte anschließend einen der begehrten Fensterplätze mit Blick auf den Mühlenkamp. Gedankenversunken beobachtete sie die Passanten, während sie genüsslich ihr Frühstück verzehrte.

Es war Malins erste Mahlzeit nach einer viel zu kurzen Nacht. Thies hatte für sie am vergangenen Abend ein Drei-Gänge-Menü auf seinem Hausboot gezaubert. Die romantische Stimmung hatte dafür gesorgt, dass Malin weder an Frederick noch an den Einsatz ihrer Kollegen einen Gedanken verschwendet hatte. Jetzt hätte sie allerdings nur allzu gerne gewusst, wie es für Tiedemann und Andresen im Admiral gelaufen war und was es mit dem Pfeifenclub auf sich hatte.

Malin stippte ihr Franzbrötchen in den Milchkaffee. Ilse Wenninger war ihr ein Rätsel. Die Geschichte der Frau hatte sie berührt und sie fragte sich, was zwischen den Geschwistern Wenninger in den vergangenen Jahren schiefgelaufen war. Was hatte Ilse Wenninger zu dieser verbitterten alten Frau gemacht? Und warum hasste sie ihren Bruder so sehr?

Ihre Reaktion auf das Testament gab Malin ebenfalls zu denken. Offenbar hatte Ilse Wenninger mit etwas anderem gerechnet.

Während Malin den letzten Zipfel ihres Franzbrötchens verschlang, dachte sie über die neugewonnene Erkenntnis nach. Kurt Wenninger hatte einen Großteil seines Lebens in Ost-Berlin verbracht. Spielte das für ihren Fall eine Rolle? Ihr fiel ein, dass dieser ominöse Erbe, Michael Baumann, ebenfalls aus Berlin stammte.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. In einer knappen halben Stunde würde die Besprechung im Präsidium beginnen. Sie leerte ihre Kaffeetasse und ging zum Tresen, um sich ein weiteres Franzbrötchen zum Mitnehmen einpacken zu lassen.

Die Luft im Konferenzzimmer war stickig, als Malin mit zehn Minuten Verspätung eintraf. Ihre Teamkollegen waren bereits anwesend, ebenso wie Frank Glaser von der Kriminaltechnik und Fricke, der neben dem Whiteboard stand.

»Guten Morgen zusammen!« Malin öffnete zunächst eines der Fenster, ehe sie sich einen Kaffee einschenkte.

»Mahlzeit, Brodersen.« Andresen warf einen provozierenden Blick auf seine goldfarbene Armbanduhr. »Ausgeschlafen? Wir sind schon seit einer Stunde im Dienst. Trotz Wochenendes.«

Malin ignorierte den Spruch und rutschte auf den Platz neben Tiedemann.

»Gut, wo wir jetzt endlich vollständig sind, können wir anfangen«, brummte Fricke mit einem Blick auf sein jüngstes Teammitglied.

»Sorry für die Verspätung, Chef.« Malin zog ihr Notizbuch aus der Umhängetasche. »Ich komme gerade von Ilse Wenninger.«

»Ach. Lass hören.«

Sie fasste ihr Gespräch mit der Schwester des Opfers zusammen.

Fricke sah sie interessiert an. »Wie ist deine Einschätzung, Brodersen? Hältst du es für möglich, dass Ilse Wenninger mit dem Mord an ihrem Bruders etwas zu tun hat?«

»Es könnte durchaus sein«, entgegnete Malin. »Zumindest scheint sie mit irgendetwas hinter dem Berg zu halten. Vielleicht erfahren wir von ihrer Tochter mehr.«

»Wir werden noch heute mit ihr sprechen.« Fricke wandte sich an seinen Stellvertreter. »Wie ist euer Besuch bei diesem Pfeifenclub gestern Abend gelaufen?«

»Relativ unaufgeregt.« Tiedemann zog sein Notizbuch zu sich heran. »Wir waren gegen einundzwanzig Uhr im Admiral. Siebzehn Mitglieder des Pfeifenclubs waren anwesend, übrigens allesamt Männer zwischen fünfzig und achtzig. Sie nennen sich Schmauchfreunde.«

»Schmauchfreunde?« Fricke schmunzelte. »Wie haben sie auf den Mord an Wenninger reagiert?«

»Die meisten wirkten betroffen, einige waren regelrecht schockiert.«

»Hat sich jemand dazu geäußert, was an besagtem Dienstag vor zwei Wochen vorgefallen ist?«

Tiedemann kratzte sich hinter dem Ohr. »Angeblich hat es nie einen Vorfall gegeben. Wenninger soll an dem Abend bereits angetrunken in der Gaststätte aufgetaucht sein. Mit jedem Pils sei er dann streitlustiger geworden.«

»Ist das schon häufiger vorgekommen?«

»Es war wohl das erste Mal«, entgegnete Tiedemann. »Wenninger soll das Clubtreffen vorzeitig verlassen haben. Kurz vor Mitternacht. Das deckt sich mit der Aussage des Kochs. Die restliche Gruppe ist noch bis halb eins geblieben.«

»Habt ihr irgendetwas Interessantes über Wenninger erfahren? Etwas Persönliches?«

Tiedemann schüttelte den Kopf. »Ich denke, wir sollten mit den Mitgliedern einzeln sprechen. Vor einer Gruppe redet es sich nicht so leicht. Wir haben die Personalien der Anwesenden aufgenommen. Allerdings gibt es noch weitere Mitglieder.«

Andresen schnalzte. »Also, wenn ihr mich fragt – das war ein ganz merkwürdiger Haufen.«

»Merkwürdig inwiefern?«, hakte Fricke nach.

»Möglicherweise habe ich eine falsche Vorstellung von einem Pfeifenclub, aber ich hatte immer ein Bild von einer Gruppe gemütlich rauchender Rentner vor mir.« Andresen zwirbelte an seinem roten Schnauzer. »Unter den Pfeifenheinis waren einige äußerst schmierige Typen. Kann nicht schaden, bei denen ein wenig auf den Busch zu klopfen.«

Fricke nickte. »Haben die auch eine Art Gruppenleiter?«

Tiedemann sah in sein Notizbuch. »Ein gewisser Wolfgang Herzog. Allerdings war er bei dem gestrigen Treffen nicht dabei.«

»Also gut. Dann würde ich sagen, ihr klappert schon mal die Mitglieder ab, von denen ihr die Personendaten bereits habt. Ich sehe zu, dass ich ein bis zwei weitere Leute kriege, die uns unterstützen, sobald wir die komplette Mitgliederliste haben. Hast du die Adresse von diesem Herzog, Ole? Um den Herrn möchte ich mich persönlich kümmern.«

»Ich habe seinen Namen bereits durch den Computer gejagt.« Tiedemann reichte seinem Vorgesetzten ein Blatt Papier mit Notizen.

Fricke runzelte die Stirn. »Der Mann ist Anwalt? Hatten wir davon nicht schon im Fall Althoff mehr als genug?« Er warf einen Blick auf seine Uhr. »Brodersen, du begleitest mich zu Herzog. In zwei Stunden geht es los. Hat sonst noch jemand was? Frank, gibt es was Neues aus der Kriminaltechnik?«

Glaser nickte. »Sämtliche DNA-Spuren, die wir in Wenningers Haus sichergestellt haben, stammen vom Opfer.« Er nahm seine Brille ab und polierte die Gläser mit einem Zipfel seines Hemds. »Aus der Waffenabteilung gibt es ebenfalls Neuigkeiten. Die Kollegen haben sich die Projektile vorgenommen. Demnach haben wir es mit Neun-Millimeter-Patronen zu tun.«

Fricke seufzte. »Eines der gängigsten Kaliber. Das macht die Sache nicht unbedingt leichter.«

»Vielleicht doch.« Glaser setzte seine Brille wieder auf. »Die Untersuchungen und Tests sind noch nicht abgeschlossen, aber fest steht, dass es sich nicht um eine der standardisierten Patronen handelt, die Anfang der Achtziger auf den Markt gekommen sind.«

»Wann wissen wir mehr?«, hakte Fricke nach.

»Nicht vor Montag.«

»Seid ihr schon mit der Rasensache weiter?«

»Wir sind dran«, erwiderte Glaser kurz.

Malin fiel ein, was ihr der Postbote am Vortag hinterhergerufen hatte. »Stefan Biedermann hat da so eine Bemerkung gemacht. Er meinte, wir sollen den Rasen mähen.«

Andresen gluckste. »Der hat ja wohl einen Schuss.«

Malin wollte gerade zustimmen, als sie eine Wandlung im Gesicht des Kriminaltechnikers bemerkte. Frank Glasers Miene erhellte sich. Er murmelte einen Abschiedsgruß, erhob sich und verschwand ohne ein erklärendes Wort aus dem Besprechungszimmer.

»Was war das jetzt?« Malin starrte erstaunt auf die Tür, die sich hinter ihm geschlossen hatte.

Wolfgang Herzog wohnte in einem der aufwendig restaurierten Jugendstilhäuser am Hofweg in unmittelbarer Nähe zum Uhlenhorster Kanal. Am Eingang des Mehrfamilienaltbaus wies ein goldfarbenes Schild auf seine Anwaltskanzlei im Erdgeschoss hin.

»Praktisch.« Malin drückte die Klingel zu Herzogs Privatwohnung im fünften Stock. »Wohnen und arbeiten im gleichen Haus.«

»Wer’s sich leisten kann«, brummte Fricke und folgte seiner Mitarbeiterin in ein repräsentatives Treppenhaus mit Stuckverzierungen und marmorierten Wänden zu einem Jugendstilaufzug. Skeptisch beäugte er die schmiedeeisernen Gitter. »Der sieht so alt aus wie das Gebäude. Vielleicht sollten wir lieber die Treppe nehmen.«

Malin stieg in den Lift. »Mensch, Chef, du bist jetzt wie lange bei der Polizei? Seit dreißig Jahren?«

»Zweiunddreißig«, knurrte Fricke.

»Und da lässt du dich von einem alten Fahrstuhl aus der Ruhe bringen?«

Das saß. Mit grimmigem Blick trat Fricke neben Malin und drückte den Knopf in den fünften Stock.

Herzogs Wohnung erstreckte sich über die gesamte Fläche der obersten Etage. Eine gertenschlanke, hochgewachsene Frau öffnete ihnen die Tür. Sie war eine dieser alterslosen Schönheiten, die als Ende vierzig durchgingen, in Wirklichkeit aber bereits über sechzig waren.

Fricke zückte seinen Dienstausweis. »Fricke, LKA.« Er wies auf Malin. »Meine Kollegin Brodersen.«

»Verena Herzog. Was kann ich für Sie tun?« Ihre Stimme klang kraftvoll und selbstbewusst. Malin spürte sofort, dass sie es mit einer Frau zu tun hatten, die es gewohnt war, herumzukommandieren.

»Wir möchten mit Wolfgang Herzog sprechen«, erwiderte Fricke. »Ist er da?«

Für einen Moment erschien ein spöttischer Ausdruck in Verena Herzogs Augen. Dann trat sie beiseite, um die beiden Kriminalbeamten eintreten zu lassen. »Mein Mann ist in seinem Arbeitszimmer.«

Die lichtdurchflutete Wohnung besaß alle Elemente eines klassischen Jugendstil-Altbaus: hohe Decken mit prächtigem Stuck, alte, aufgearbeitete Kassettentüren und glänzendes Fischgrätparkett.

»Hier entlang.« Verena Herzog führte sie durch ein großzügig geschnittenes Wohnzimmer, mit hellen Möbeln und einem offenen Kamin, zu einer geöffneten Flügeltür. »Wolfgang, du hast Besuch. Polizei.«

Malin bemerkte überrascht die Kälte, die sich in Verena Herzogs Stimme geschlichen hatte.

Der Anwalt war um die siebzig, hatte silbergraues Haar und trug eine klassisch elegante Kombination aus weißem Hemd und dunkelblauer Anzughose. Er wirkte äußerst gepflegt, doch im Gegensatz zu seiner Frau war ihm das Alter deutlich anzusehen. Der Ansatz eines Doppelkinns, Tränensäcke und tiefe Falten hatten sich in sein Gesicht gegraben. Beim Anblick der beiden Kriminalbeamten erhob er sich hinter seinem Schreibtisch. »Polizei?«

Fricke nickte und stellte sich und Malin kurz vor.

Wolfgang Herzog wies auf eine kleine Sitzgruppe neben der Flügeltür und wartete, bis die Beamten Platz genommen hatten, ehe er sich dazusetzte. Eine steile Falte erschien auf seiner Stirn. »Ich nehme an, Sie kommen wegen Kurt Wenninger.«

»Ach«, sagte Fricke überrascht. »Man hat Sie bereits informiert? Seit wann wissen Sie Bescheid?«

»Ein Bekannter aus dem Pfeifenclub hat mich angerufen.« Herzog schlug die Beine übereinander. »Eine schreckliche Sache. Weiß man schon, wer es war?«

»Ich kann Ihnen leider keine Auskunft zu einer laufenden Ermittlung geben«, entgegnete Fricke. »Aber als Anwalt wissen Sie das vermutlich. Seit wann kannten Sie Herrn Wenninger?«

Herzog dachte nach. »Das kann ich Ihnen gar nicht so genau sagen, bestimmt schon über zwanzig Jahre. Wir frönen der gleichen Leidenschaft.« Er wies auf eine hölzerne Pfeifenkassette auf seinem Schreibtisch.

Fricke nahm den Faden auf. »Seit wann gibt es die Schmauchfreunde?«

»Der Club wurde in den Achtzigern gegründet. Von Ernst Westphal, doch der ist bereits seit etlichen Jahren tot. Wenninger war schon Mitglied, bevor ich dazugestoßen bin.«

Malin ließ ihren Blick durch das exklusiv ausgestattete Arbeitszimmer des Anwalts schweifen, bevor sie aussprach, was ihr seit Betreten der Wohnung auf der Zunge lag. »Sagen Sie, Herr Herzog, wie kommt es, dass sich die Schmauchfreunde ausgerechnet in einer Gaststätte wie dem Admiral treffen?«

Wolfgang Herzog lachte amüsiert auf. »Das haben Sie aber höflich formuliert, Frau Brodersen. Im Grunde interessiert es Sie doch eher, warum ein offenbar wohlhabender Mann wie ich es nötig hat, sich in einer solchen Kaschemme aufzuhalten?«

Malin spürte, wie sie errötete. »Genau das würde ich gerne von Ihnen wissen.«

Herzog lehnte sich zurück. »Ich lege keinen Wert auf eine exklusive Umgebung oder irgendwelche Statussymbole. Ich bin kein Snob, Frau Brodersen, auch wenn Ihnen das vermutlich schwerfällt zu glauben. Was Sie hier sehen …« Er machte eine weit ausholende Handbewegung durch den Raum. »Das alles gehört meiner Frau. Nicht nur diese Wohnung und die Kanzleiräume, sondern das gesamte Haus, auch der Stuhl, auf dem Sie gerade sitzen.« Er hielt einen Moment inne, bevor er weitersprach. »Bei den Schmauchfreunden spielen Herkunft und gesellschaftliches Ansehen keinerlei Rolle, und genau das gefällt mir. Wir reden, diskutieren, spielen Karten, trinken unser Bier oder unseren Wein und hin und wieder rauchen wir gemeinsam eine Pfeife.« Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Und was das Admiral als Treffpunkt betrifft, so hat das rein praktische Gründe. Einige unsere Mitglieder wohnen im Hamburger Umland, und Langenhorn hat eine gute Anbindung zur Autobahn. So einfach ist das.«

Fricke beugte sich vor. »Und bei einem dieser Treffen, die Sie uns hier gerade als gemütliches Pfeifenkränzchen verkaufen, kracht es dann so gewaltig, dass eines Ihrer Mitglieder sturzbetrunken nach Hause fährt und anschließend dort ermordet wird.«

Herzog wurde stocksteif. »Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen, Herr Fricke.«

»Bei einem Ihrer Treffen, um genau zu sein am Dienstag, dem fünften August, ist es zu einem Streit gekommen. Dabei soll es mehr als laut zugegangen sein. Dafür gibt es Zeugen.« Frickes Stimme war eine Spur schärfer geworden. »Also?«

»Das muss ein Missverständnis sein.« Herzog hob abwehrend beide Hände. »Ich war an dem Abend selbst dabei. Möglicherweise haben wir etwas lauter diskutiert und Kurt hat ein Glas zu viel getrunken. Aber mehr war da nicht. Wenn Kurt zu einem späteren Zeitpunkt aufgebracht war, muss es dafür andere Gründe geben.«

»Und worüber haben Sie diskutiert?«, hakte Fricke nach.

»Das kann ich Ihnen gar nicht mehr so genau sagen. Vermutlich ging es um Politik. Kurt konnte sich furchtbar über die Regierung und deren Änderungspläne in Bezug auf die Rentenbeiträge aufregen.«

»Wer könnte Ihrer Meinung nach einen Grund gehabt haben, Kurt Wenninger zu ermorden?«

»Das kann ich Ihnen nicht sagen.« Herzog entfernte von seinem linken Hosenbein einen imaginären Fussel. »Das Ganze ist für mich absolut unbegreiflich.«

Fricke lehnte sich mit ausdrucksloser Miene wieder zurück. Malin ergriff das Wort. »Was können Sie uns sonst noch über Herrn Wenninger erzählen?«

»Er war ein anständiger Kerl.« Herzog legte bedächtig seine Fingerspitzen aneinander. »Mit einer besonderen Vorliebe fürs Botanische.«

»Waren Sie mal bei ihm zu Hause?«

»Nein. Die Schmauchfreunde treffen sich ausschließlich an den Clubabenden. Darüber hinaus gibt es keinen privaten Kontakt. Deshalb kann ich Ihnen leider auch gar nicht allzu viel über Kurt erzählen. Bis auf die politischen Diskussionen, die ihn manches Mal in Rage brachten, war er eher der verhaltene Typ.«

Fricke räusperte sich. »Wussten Sie, dass Kurt Wenninger lange Zeit in Ost-Berlin gelebt hat?«

»Nein, das wusste ich nicht.« Herzog lächelte. »Aber wie gesagt, Herkunft spielt bei uns keine große Rolle.«

»Wie finden eigentlich neue Mitglieder zu Ihnen?«, fragte Malin. »Ich habe im Internet keine Homepage oder einen anderen Hinweis auf die Schmauchfreunde gefunden.«

»Wir sind eine geschlossene Gruppe.«

»Und die Miete für den Clubraum?«, hakte Malin nach. »Wer bezahlt die?«

»Jedes Mitglied zahlt einen Jahresbeitrag, von diesem Geld wird die Raummiete beglichen.«

Malin dachte an die Aussage des Wirts. »Und die bezahlen Sie in bar, ohne Belege?«

Wolfgang Herzog wirkte irritiert. »Ich weiß nicht, was Sie mit Ihrer Frage bezwecken, doch wenn das ein Versuch werden soll, mir irgendwelche steuerlichen Mauscheleien zu unterstellen, muss ich Sie leider enttäuschen. Die Schmauchfreunde sind kein eingetragener Verein. Wir sind weder auf einen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieb gerichtet, noch streben wir sonstige steuerbegünstigte Zwecke an. Somit ist eine geordnete Aufzeichnung nicht nötig. Der Pfeifenclub dient unserem reinen Privatvergnügen.« Er ging zu seinem Schreibtisch und öffnete eine Schublade, aus der er einen Ordner in DIN-A5-Format herauszog, den er Malin reichte. »Herr Lenz hat auf Barzahlung bestanden. Und natürlich habe ich eine Quittung verlangt. Nicht nur als Anwalt bin ich lieber auf der sicheren Seite, sondern ich möchte gegenüber den anderen Mitglieder auch Rechenschaft ablegen können, für den Fall, dass es notwendig sein sollte.«

Malin öffnete den Ordner und stellte beim Durchblättern fest, dass die Belege über mehrere Jahre zurückreichten. Sie gab ihn an ihren Chef weiter.

Fricke warf einen Blick hinein und legte ihn auf den Tisch. »Wir brauchen eine Liste mit den Namen und Adressen sämtlicher Mitglieder der Schmauchfreunde.«

»Dafür benötigen Sie einen Beschluss.« Wolfgang Herzog verschränkte die Arme vor der Brust.

»Kann ich aus Ihrer Reaktion schließen, dass Sie etwas zu verbergen haben?« Frickes Blick ruhte auf dem Anwalt.

Herzogs Gesichtszüge verhärteten sich. »Ich stelle Ihnen die Liste zusammen und lasse Sie Ihnen zukommen.«

»Vielen Dank.«

Verena Herzog erschien in der Tür. »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht einen Kaffee oder ein Wasser?«

Ihr Mann erhob sich aus seinem Sessel. »Die Herrschaften wollten gerade gehen.«

Malin und Fricke tauschten einen Blick und standen auf.

»Ich bringe Sie zur Tür.« Verena Herzog drehte sich um. Im letzten Augenblick sah Malin das selbstgefällige Lächeln, das die Lippen der Anwaltsgattin umspielte.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
392 стр. 5 иллюстраций
ISBN:
9783839265147
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